1.5. Kopernikanische Wende

Die Denkrichtung unserer Überlegungen können wir in einfachen Worten anhand von vier für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen andeuten:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Max Black: „Existierte die Rückseite des Mondes, bevor wir sie gesehen haben?“

Wohl viele von uns dürften sich bei solch naiven Fragen fast beleidigt fühlen und sie natürlich alle mit einem glatten „ja“ beantworten.

Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem wir uns 100%-ig anschließen.

 

Mir ist bewußt, daß diese „Kopernikanische Wende“ (Kant) natürlich „keineswegs eine Empfehlung für mein Buch darstellt, sondern eher das Gegenteil. Denn Neues will weder der Fachmann noch der Laie. Jener ist froh, wenn er so weitermachen kann, wie er es gelernt hat, . . . und dieser will auch nicht eine neue und revolutionäre Philosophie vorgesetzt bekommen, sondern – wenn überhaupt Philosophie, dann schon – die richtige oder die Philosophie der Gegenwart.“ (Franz Rosenzweig)

 

Aber da muß ich Sie enttäuschen:

Die richtige Philosophie kann es nicht geben, weil philosophische Fragen keine endgültigen Antworten kennen – genau das macht sie zu philosophischen Fragen. Was einmal definitiv geklärt sein wird, war schon zuvor keine philosophische Frage. Wir versuchen natürlich, auch letztere zu beantworten, müssen uns dabei jedoch dessen bewußt, in einen unabschließbaren Denkprozeß einzutreten.

„Die Meinung, die sich am Ziel glaubt, blockiert das Verstehen“ (Josef Simon).

Und ob mein Denken gegenwärtig en vogue ist – der zweite Wunsch von soeben –, interessiert mich nicht. Ich möchte möglichst jeglichen Zeitgeist hinter mir lassen; freilich denjenigen, der zur Zeit des Sokrates, Jesus, Thomas oder Newton herrschte, ebenso wie den heutigen.

 

AD: „Ich fürchte, das geht in der Postmoderne gar nicht.“

Da haben Sie natürlich Recht. Vom Zeitgeist distanzieren könnten wir uns nur, wenn es – im glatten Gegensatz zum ihm – zeitlose oder „ewig“ richtige Antworten gäbe. Aber mit dem Verzicht auf Seiende und Ideen gehen unsere kurzzeitigen Richtigkeiten kontinuierlich in diejenigen über, die ein ganzes Leben tragen, so daß wir alle den Zeitgeist höchstens mehr oder weniger deutlich überwinden können.   

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein Bewußtseinswandel hin zu den negativen Antworten auf die obigen Fragen bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten vier Jahrhunderten ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer ständig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir glauben, in den exakten Wissenschaften den Königsweg – vielleicht nicht nur zur Richtigkeit, sondern sogar – zur Wahrheit gefunden zu haben.

Die exakten Wissenschaften – für mich persönlich insbesondere die Theoretische Physik und Mathematik – sind großartig und eine unglaubliche Kulturleistung sowie ein Segen für uns alle. Aber zum einen haben sie nichts mit der Wahrheit zu tun, und zum anderen gibt es sehr viele weitere, ebenso bewundernswerte kulturelle Errungenschaften.

 

Die heute weit verbreitete Annahme, deren Krönung bestände in den exakten Wissenschaften, teile ich nicht. Das bezieht sich insbesondere auf den Reduktionismus, der davon ausgeht, daß sich nahezu alles – Leben, Bewußtsein, Kunst, Sprache, Religion usw. – auf die Physik als fundamentale Naturwissenschaft zurückführen lasse.

Bevor Sie mein Buch jetzt endgültig als „unwissenschaftlich“ beiseite legen, sollten Sie vielleicht einmal in „Geist und Kosmos“ von Thomas Nagel schauen. Obwohl dieses Buch den Untertitel trägt „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“, dürfte es kaum Fachleute geben, die Nagel vorwerfen, er sei unwissenschaftlich.

Und selbst wenn sie es täten: Was spricht eigentlich gegen „unwissenschaftlich“?

 

AD: „Das sehe ich nicht ein; wenn die exakte Wissenschaft richtig ist, muß die Nicht-Wissenschaft als deren Negation falsch sein.“

Nein; zum einen verstehen wir noch gar nicht, worin die angebliche Richtigkeit der exakten Wissenschaft genau bestehen könnte, und zum anderen ist Ihre Argumentation zu simpel gestrickt. Wir werden ausführlich darauf zurückkommen, so daß ich Sie bitte vorerst mit einem Beispiel, das auf Ernst von Glasersfeld zurückgeht, abspeisen darf:

Um den vor ihm liegenden Wald zu durchqueren, tastet sich ein Blinder Schritt für Schritt mühsam vorwärts. Auf der Gegenseite angekommen hat er einen Weg gefunden, um sein Ziel zu erreichen. So, wie der Blinde gelaufen ist, geht es also – auch. Es paßte; aber nicht wie der Schlüssel zum Schloß, sondern wie einer von 1000 Dietrichen. Dieser Weg war möglich – 999 andere wären es freilich auch gewesen.

Die Tradition glaubt an den einen „wahren“ Schlüssel, während die Postmoderne bei den 1000 funktionierenden Wegen, Dietrichen oder Wahrheitspraktiken verbleibt und ihr zufolge jeder von uns vor der Aufgabe steht, daraus die richtigen für die Wahrheit seines Lebens zu finden.

 

Ihr Fehlschluß besteht also in Folgendem:

Natürlich gilt „Wenn A richtig ist, muß Nicht-A als seine Negation falsch sein“; aber das ist an dieser Stelle irrelevant:

Bei uns ist A – der Weg des Blinden – keineswegs richtig, sondern lediglich geeignet oder möglich, um B – die andere Seite des Waldes – zu erreichen.

Ein von A unabhängiges B hat jedoch gar nichts mit dem Negieren von A zu tun.

 

Verstehen Sie mein Relativieren der exakten Wissenschaften bitte nicht falsch; das ist keine Ungerechtigkeit; ich bin dankbar und froh, heute hier in Mitteleuropa leben zu dürfen, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den meisten von uns geht es zum Glück besser als vielen mittelalterlichen Fürsten. Das betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens; selbst die relative Anzahl der Menschen, die gewaltsam umkommen, nimmt angeblich stetig ab (Thomas Piketty, „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“). 

Das entspricht dem Wie unseres Lebens.

Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ bzw. “ jedoch nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle oder Tiefe; das Leben ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.

Es geht nur – im Sinne von „allein“ oder „ausschließlich“ – um unser Leben, weil das unüberbietbar ist. 

 

Wir sollten Theodor Adornos Bonmot „Es gibt kein wahres Leben im falschen“ durch den Hinweis ergänzen, daß aber auch das wahre Leben zwngsläufig nur im falschen beginnen kann.

Unser Leben ist weder Prüfungs- noch Bewährungsort und auch kein Jammertal, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- sowie unterscheidend Christliche. Jesus wurde bekanntlich unter anderem auch vorgeworfen, er sei ein „Säufer und Fresser“.

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“:

„Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen“ (wollen).

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das bereits befürchtete „aber nur“ also doch noch – erst die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch sein Wozu oder Ziel, seinen Sinn.

Viktor E. Frankl – der „dritte Wiener Psychotherapeut“ – faßte seine Lebenserfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Wozu zum Leben besitzt, nahezu jedes Wie erträgt“. Aus Frankls Mund hat eine solche Überzeugung für mich Gewicht, denn er überlebte Dachau sowie Auschwitz, wo sein Bruder, seine Frau und Eltern ermordet wurden.

 

Selbstverständlich können wir das Wozu unseres Lebens – seine mögliche Fülle also oder fromm ausgedrückt das Reich Gottes – völlig ignorieren und mit ungezügeltem Prassen, seichter Unterhaltung bzw. langweiligem Zeitvertreib oder Nicht-Denken in seinem Wie aufgehen.

Aber dieses Wie ist doch nichts anderes als der Status quo unseres Lebens – möglicherweise auf dem Weg zu seiner Erfüllung oder Fülle, seinem Wozu oder Telos. Es ist also weder sekundär noch vermeidbar, sondern – als Beginn des wahren Lebens im falschen – notwendig. Ohne das Wie müßte das Wozu fertig vom Himmel fallen.

Damit schließt sich der Kreis zu meinem „Trott“ im vorigen Kapitel. Er kann fromm, aber niemals gottgefällig sein – weil jeder Trott gegen mich selbst gerichtet ist

 

Ich bleibe also – mit der Tradition – dabei, zwischen dem Wie und Wozu des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – entgegen der Tradition –, die beiden voneinander zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen:

Das Wie des Lebens ist – als der Status quo des letzteren – die notwendige Voraussetzung seines eigenen Wozu oder der Fülle des Lebens; ohne Wie kein Wozu; ohne Status quo kein Telos; ohne Menschen-Welt kein Gottes-Reich.

In unserem Buch geht es um beides; deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß. Wer das Leben will oder wem es gar – Schiller zum Trotz – als „der Güter höchstes“ gilt, kann in unseren letzten Gedanken einen Vorschlag sehen, wie sich der nicht nur unselige, sondern sogar widersprüchliche traditionelle Dualismus von Diesseits und Jenseits möglicherweise überwinden ließe. 

 

AD: „‚Unselig‘ ist klar, aber wieso ‚widersprüchlich‘?“

Wir können nur in dem Maße von einem Jenseits sprechen, wie es unserem Weltbild angehört, und müßten demzufolge in letzterem eine Grenze ziehen, die das Diesseits vom Jenseits trennt. Bezüglich des letzteren bestehen dabei zwei Möglichkeiten: 

1. Jeder (kritisch) Denkende erkennt an, daß wir vom Jenseits prinzipiell nichts wissen können. Dann erhebt sich freilich die Frage, was uns die Annahme eines unerkennbaren Jenseits bringen soll; ich fürchte, absolut nichts.

2. Wer dagegen glaubt, etwas vom Jenseits zu wissen, widerspricht sich selbst und macht das Jenseits zu einer Hinterwelt.  

Wir verstehen unter letzterer also eine Sphäre,

– von der Wissen beanprucht wird, 

– obwohl das prinzipiell nicht bestehen kann, weil sie uns unzugänglich ist.

 

AD: „Damit wird das ‚gewußte Jenseits‘ zur einzigen Hinterwelt.“

Nein; es sind beliebig viele möglich.

Aus – den Überlegungen in – unserem Weltbild kann sich traditionell zwingend ergeben, daß als dessen Konsequenz beliebig viele unwißbare Entitäten A, B, C, . . . erforderlich sind. Paradebeispiele bilden das Unbewußte oder die Psychen sämtlicher anderen Subjekte.

Wer Wissen von derartigen Entitäten beansprucht, macht sie dadurch zu Hinterwelten.

AD: „Nehmen wir etwa die Psychoanalyse; sie kennt doch Wege zum Unbewußten.“

So wird häufig gesprochen; aber das Resultat dieser Wege ist dann eben kein Unbewußtes

AD: „Einverstanden; und was ich als Inhalt Ihrer Psyche glaube, befindet sich notwendigerweise in meiner eigenen – sonst könnte ich nicht glauben, es sei in Ihrer Psyche.“

 

Zusammengefaßt:

Ich glaube fest, daß die Wirklichkeit über alles Verfüg-, Wahrnehm- oder Vorstellbare hinausgeht. Sie müssen meine Überzeugung nicht teilen, dürfen ihre Denkmöglichkeit aber auch nicht bestreiten, solange das Philosophieren offen sein oder nichts grundlos blockieren soll. Diesen Überschuß der Wirklichkeit haben wir „Transzendenz“ genannt.

Traditionell besteht die Wirklichkeit ausschließlich in Seienden; mit ihnen wird die Immanenz zum Dies- und die Transzendenz zum Jenseits.

Letzteres kann prinzipiell nicht erreicht und somit auch nicht gewußt werden. Wer im Widerspruch dazu dennoch von ihm zu wissen meint, macht das Jenseits zu einer Hinterwelt. 

 

AD: „Ja; ich habe aber noch eine weitere Frage:

Sie sagten oben, daß das Reich Gottes ‚ohne sein Wie oder den Status quo einfach vom Himmel fallen müßte‘. Na und? Dann fällt es eben.“

Sie haben Recht; die Fülle des Lebens könnte theoretisch bereits von Anfang an bestehen, so daß wir direkt in sie hineingeboren und der unglückliche Status quo, das unbefriedigende Wie oder das falsche Leben im falschen entfallen würden. 

Warum leben wir Menschen nicht von Anfang an in der Vollendung, dem Paradies oder Reich Gottes?

 

Auf der einen Seite liegt hier offensichtlich ein entscheidendes Problem vor: Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, daß die Moderne wesentlich durch den – im Nachhinein als recht naiv erkennbaren – Glauben mitbestimmt wurde, die Fülle des Lebens für alle zukünftigen Menschen innergeschichtlich zu verwirklichen; entweder als Kapitalismus oder als Kommunismus.

Auf der anderen Seite kommen aber selbst von Christen, denen diese Frage doch auf den Nägeln brennen müßte, diesbezüglich kaum konstruktive Antworten. Die allermeisten von ihnen sehen sogar in ihrer diesbezüglichen Unwissenheit nicht nur keinen Mangel, sondern geradezu einen Gradmesser demütig-ergebener Rechtgläubigkeit:

„Gottes Gedanken sind nicht meine Gedanken.“

„Wer bin ich, daß ich solche Fragen stellen – oder gar beantworten – könnte?“

 

Mit einer solchen „Logik“ kann ich absolut nichts anfangen; sie ist mir furchtbar zuwider.

Da das Denken im Suchen nach dem Richtigen besteht, über das Gott immer schon verfügt, kann er nicht denken und somit auch keinerlei Gedanken besitzen. Denn andernfalls müßte er doch nach etwas suchen, was er selbst ist oder zumindest hat. Wären Gottes Gedanken meine Gedanken, hätte ich also ebenfalls keine, bei mir wäre das aber dumm.

Mir geht es nicht um fromme Floskeln, sondern um begründbare Aussagen; Christen sollten offen Rechenschaft über ihren Glauben ablegen können und keine Angst vor kritischen Rückfragen haben müssen.

 

Abgesehen von solchen Nebenkriegsschauplätzen schlage ich deshalb vor, diese Problematik ohnehin ganz anders anzugehen:

Bei wichtigen alltäglichen oder wissenschaftlichen Fragen kommt kaum jemand auf den Gedanken, sich mit der Antwort „prinzipiell unlösbar“ abzufinden und sie vielleicht sogar noch durch ein „genau so sollte es doch auch sein“ zu adeln. Läßt sich beispielsweise die Periheldrehung des Merkur mit Newton nicht erklären, finden wir das keineswegs großartig und rechtfertigen es auch nicht damit, daß Gottes (Schöpfungs-)“Gedanken“ nicht unsere Gedanken sind.

Wir bleiben dann keinesfalls bei solch frommen Geschwafel stehen, sondern suchen nach vernünftigen Antworten; in unserem Beispiel gelang Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie bekanntlich der Durchbruch.

Weshalb sollten wir in Philosophie oder Theologie anders vorgehen als in der Physik – und in jedem kritischen Weiterdenken empört einen Häresieverdacht vermuten oder eine Gotteslästerung wittern?

 

Unsere Frage lautet immer noch: Warum leben wir Menschen nicht von Anfang an in der Vollendung, dem Paradies oder Reich Gottes?

Im Rahmen des traditionellen Denkens gibt es meines Erachtens keine vernünftige Antwort, denn alle diesbezüglichen Versuche könnten nur hinterwäldlerisch ausfallen. Postmodern wäre dagegen eine Überlegung etwa in die folgende Richtung denkbar:

Für uns gibt es nicht Wirklichkeit sowie Sprache, denn das wären zwei (große) Seiende. An deren Stelle tritt eine Wirklichkeit, die sich zei(ti)gt, und sie tut dies nur oder ausschließlich sprachlich.

Das ist meine Interpretation eines Zitats von Hans-Georg Gadamer:

„Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“

Wirklichkeit, die verstanden werden kann, zei(ti)gt sich sprachlich.

 

Von einer Wirklichkeit, die sich nicht (sprachlich) zei(ti)gt, können wir nicht sinnvoll sprechen.

Die Subjektivität der Wirklichkeit bedeutet, daß sich Ihre Wirklichkeit von der meinigen unterscheidet. Aber Unterschiede gehören nicht der Wirklichkeit an, sondern dem Wissen, und das bedeutet, daß bereits die subjektive Wirklichkeit keine reine Wirklichkeit sein kann, sondern eine gewußte oder sprachabhängige sein muß.

Mit anderen Worten:

Eine subjektive Wirklichkeit ist nicht Wirklichkeit plus Subjektivität, sondern durch Wissen oder Sprache differenzierte Wirklichkeit.

 

Wir stellen uns zum Beispiel vor, was in einem Baby vor sich gehen mag; ohne Sprache ist das unmöglich. 

Die Tradition sagt: Etwa so, wie wir uns das vorstellen, muß es sich auch bei dem Baby verhalten. Natürlich fehlen ihm die Worte, um zu beschreiben, was es fühlt, erlebt oder tut. Aber das ist letztlich belanglos; das Baby fühlt, erlebt bzw. tut wortlos ungefähr das, was wir uns vorstellen.

Die Postmoderne widerspricht:

Wir legen unsere Vorstellungen in das Baby hinein. Sie sind jedoch – wie jede Wirklichkeit, die sich zei(ti)gt – an die Sprache gebunden. Da das Baby über diese nicht verfügt,  läßt sich nicht sinnvoll über seine Wirklichkeit sprechen; tun wir es trotzdem, werden unsere Vorstellungen hinterwäldlerisch.    

 

Adam und Eva besaßen ebenfalls noch keine Sprache, so daß sie auch nicht im Paradies leben konnten.

Postmodern ist das zwingend; niemand kann in einer Wirklichkeit leben, die sich ihm nicht einmal zei(ti)gt. Deshalb hat es auch keinen Sinn, wenn die christliche Verkündigung darin besteht, den Menschen zu sagen, daß sie wirklich in Gott leben und geborgen sind.

Sagen läßt sich „alles“.

Aber zum einen kann bzw. darf man nicht alles, was einem gesagt wird, akzeptieren, und über ein Kriterium für die entsprechende Wahl verfügen wir nicht. Wir bejahen nicht das, was richtig ist, sondern das, was zu bejahen wir für richtig halten.

Zum anderen hätte dieses Akzeptieren – völlig unabhängig vom (Inhalt des) Gesagten – aber auch gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun; er ist kein Für-richtig-Halten.  

 

Die Transzendenz muß sich uns bzw. Adam und Eva zei(ti)gen.

Die beiden aßen also vom Baum der Erkenntnis, um im Paradies leben zu können. Das war keine Sünde, sondern die Geburt der (verstehbaren) Wirklichkeit und damit eine notwendige Voraussetzung der Freiheit.

„Ohne ‚Sündenfall‘ keine Freiheit“; diesen Gedanken finden wir beispielsweise bei Jakob Böhme, Friedrich Schelling oder Nikolai Berdjajew. 

 

Mir schwebt eine dogmenfreie Theologie vor, die die „Dogmen“ nicht ignoriert oder gar leugnet, sondern in der sie keine – als willkürlich erscheinenden – Dogmen mehr sind, über welche (nicht allein) die Nicht-Christen nur verwundert den Kopf schütteln. Vielmehr müßten die „Dogmen“ als verständliche und möglichst sogar selbstverständliche Resultate aus einem eo ipso begründeten und damit nachvollziehbaren Denken hervorgehen.

Wir werden auf einige Fälle zu sprechen kommen, an denen zumindest deutlich wird,

– wie ich das genau meine und

– daß dieses Ziel nicht illusorisch sein muß.

Ein Beispiel hatten wir soeben, und ein weiteres kurz zuvor:

Daß der Glaube Berge versetzen kann, ist einfach Nonsens, solange wir an einer objektiven Realität festhalten. Sie muß gecancelt werden, wenn wir die Macht des Glaubens als wirklich erachten möchten.

Die Tradition kennt nur Änderungen an ihren identischen Seienden, aber keine Anderungen, bei denen sich wirklich etwas tut, indem alles anders wird. Die Postmoderne kann – durch ihren Verzicht auf Seiende – auch Anderungen erklären und holt sie damit aus der Schmuddelecke des Hinterwäldlerisch-Jenseitigen oder der bloßen Zauberei hervor.

 

AD: „Ist es nicht widersprüchlich, daß Seiende zugleich identisch und veränderlich sein sollen?“

Nein; wir müssen zwei Ebenen deutlich auseinanderhalten:

Seiende sind zum einen identisch; ein Mensch ist und bleibt für alle Zeiten ein Mensch.

Daß er sich dabei verändert – wächst, reifer oder unreifer wird – widerspricht dem nicht. 

 

AD: „Die von Ihnen angestrebte dogmenfreie Theologie scheint mir unmöglich zu sein:

Nach christlichem Verständnis kann die Offenbarung der Vernunft zwar nicht widersprechen, jedoch auch nicht mit ihrer Hilfe abgeleitet werden; sonst wäre die Offenbarung ja gar nicht nötig. Wenn Sie keine offenbarten Dogmen anerkennen, ist aber genau das erforderlich; die Nicht-mehr-Dogmen müßten sich vernünftig ergeben.“

 

Nein; darin steckt meines Erachtens ein Denkfehler. Er resultiert daraus, daß Dogmen und Offenbarung – wie zumeist – in einen Topf geworfen werden:

Der Träger der Offenbarung ist allein Gott, denn sie besteht darin, daß er sich selbst durch seine Menschwerdung als Geheimnis offenbart.

Hinter den Dogmen stehen dagegen allein Menschen, die versuchen (müßten), diese Offenbarung so verständlich wie möglich darzustellen. Die Dogmen sind reines Menschenwerk und können somit bestenfalls vernünftig sein.

Natürlich sollten sie es auch, denn je klarer die „Dogmen“ formuliert sind,

– desto besser verstehen wir, daß Gott ein absolutes Geheimnis ist, und

– um so näher kommen wir zugleich meiner dogmenfreien Theologie.

 

Wir dürften die Geheimnishaftigkeit Gottes

– weder bloß behaupten noch

– durch verschwurbelte Dogmen „beweisen“, deren Aufgabe darin besteht, nicht verstanden werden zu können.

Unverständliche Dogmen bestätigen nicht die Geheimnishaftigkeit Gottes, sondern die Grenzen der Theologie.  

Viele Christen beschränken sich leider hierauf und wundern sich vielleicht auch noch, daß das – mit Recht – immer weniger Menschen interessiert.

Dagegen konnte Peter Knauer meines Erachtens mit Recht sagen:

„Woran ein guter Theologe nach Gott am meisten glaubt, das ist die Vernunft.“

 

Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob beispielsweise die Trinität ein Dogma ist oder nicht.

Aber für sehr interessant, spannend und auch wichtig halte ich die Fragen,

was mit Trinität gemeint sein könnte und

ob mir dieses Verständnis als richtig im Sinne von lebensdienlich erscheint.

Wahr kann die Trinität als bloßes Wissen natürlich nicht sein.