Die meisten unserer Zeitgenossen gehen davon aus. daß Galilei den Streit mit der Kirche über die Bewegung von Erde und Sonne für sich entschieden hätte. Das stimmt so nicht; im Nachhinein können wir vielmehr erkennen, daß dem Ganzen ein kolossales Mißverständnis zugrunde lag.
Es bestand darin, daß beide Seiten glaubten, von Seienden(b) zu sprechen; konkret von einem absoluten Raum, in dem sich Sonne(b) und Erde(b) zu einem bestimmten Zeitpunkt(b) jeweils an einem definierten Ort(b) befinden.
Wer so denkt, muß ja annehmen, daß sich theoretisch
– beide Himmelskörper(b) bewegen könnten,
– dies gegebenenfalls auf bestimmten Bahnen(b) tun und
– die dadurch entstehenden Entitäten ebenfalls als Seiende(b) aufzufassen wären, die
– alle vom Nous geschaut werden.
Dann läßt sich sehr wohl sinnvoll darüber streiten, um welche Bahnkurven(b) es sich hierbei handelt; eine solche Auseinandersetzung ist sogar notwendig, denn schließlich geht es um die Richtigkeit der Bibel(b) bzw. Naturwissenschaft(b).
Aber das ist letztlich „Windhauch“, Schall und Rauch; weshalb, sollte oben bereits deutlich geworden sein.
Um die Problematik unserer Wahrnehmungen – und nicht derjenigen des Nous – am Galliei-Prozeß aufzuzeigen, gehen wir von der heutigen Physik, insbesondere der Speziellen Relativitätstheorie aus. Sie hält mit nahezu der gesamten Moderne weiterhin an den Seienden(u) fest.
Insbesondere Ernst Cassirer hat den Übergang von den Seienden(b) zu ihnen als Wechsel vom Substanz- zum Funktionsdenken und damit als eine erkenntnistheoretische Wende beschrieben.
Der Raum verliert dabei seinen Status als Behälter und wird zum bloßen Zwischenraum, der die Seienden lediglich voneinander trennt und zueinander in Beziehung setzt.
Ohne einen solchen festen Hintergrund kann es jedoch keine absoluten Orte mehr geben, so daß auch die beiden Bahnkurven(b) von Sonne und Erde entfallen.
An deren Stelle tritt die Relativbewegung(u) zwischen Sonne und Erde, die wir selbst wahrnehmen können und für die kein Nous mehr erforderlich ist.
Die moderne Physik emanzipierte sich von der mittelalterlichen Philosophie also nicht zuletzt dadurch, daß sie Schritt für Schritt auf die (eingebildete) Hilfe des Nous verzichtete. Die abermillionenfache praktische Bestätigung der Physik können wir als zusätzliches Argument für unsere Kritik an den Seienden betrachten.
In einem absoluten Raum(b) wäre es zum Beispiel möglich, daß die Sonne(b) im Punkt (x,y,z) ruht und die Erde(b) auf einer ganz bestimmten Ellipse(b) um die Sonne(b) kreist, die sich in einem der beiden Brennpunkte(b) befindet. Ein solches statisches oder stabiles Bild können wir eindeutig darstellen, wiederholen, angeben, aufbewahren und bezeichnen.
All das ist bei der Relativbewegung(u) zwischen Sonne und Erde ausgeschlossen.
Das wird überdeutlich, wenn wir versuchen, das ihr entsprechende Bild zu zeichnen. Was soll denn hierbei dargestellt werden, wenn wir von dieser Relativbewegung(u) – wie von allen Seienden(u) – prinzipiell nichts wissen können?
AD: „Einverstanden;
– wir wissen einerseits nicht, was die Relativbewegung(u) zwischen Sonne und Erde ist, aber
– andererseits muß sie etwas Bestimmtes sein, denn sie läßt sich zum Beispiel von der Relativbewegung(u) zwischen Erde und Mond unterscheiden.
Die beiden Relativbewegungen(u) entsprechen also nicht den Autos auf dem Nürburgring, müssen aber dennoch so konkret sein, daß sie nicht gegeneinander ausgetauscht werden können.“
Unsere Astronomen beobachten Abertausende von Himmelskörpern auf ihren Bahnen. Was sind das für Objekte? Seiende(b), Seiende(u) oder etwas Drittes?
Seiende(b) gibt es ohne den Nous gar nicht.
Seiende(u) scheiden aus, weil wir nicht(s) von ihnen wissen; dann können es insbesondere keine Himmelskörper auf bestimmten Bahnkurven sein.
Die Astronomen beobachten also
– spezielle Nicht-Seiende
– auf bestimmten nicht-seienden Bahnen.
Im Anschluß an Bruno Latour nennen wir diese speziellen Nicht-Seienden „Aktanten“.
Die meisten Astronomen beobachten auf der Erde; einige haben alles auch schon vom Mond aus gesehen; freilich die gleichen Aktanten, aber natürlich auf anderen Bahnen; und über Sateliten oder Weltraumsonden ergeben sich nochmals differente Bahnkurven für diese Aktanten.
Damit haben wir unsere Lösung:
Die Relativbewegung zwischen Sonne und Erde
– ist eine unbestimmte Bahnkurve(u).
– Sie besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „Relativbewegung zwischen Sonne und Erde“ infrage kommen.
– Diese entsprechen den Blicken von irgendwo (von der Erde, dem Mond, den Satelliten oder Weltraumsonden),
– und sind für alle Orte möglich.
AD: „Galilei bevorzugte die Sonne als Bezugspunkt, und die Kirche fand eine unbewegliche Erde besser. Newton hätte sich höchstwahrscheinlich für den gemeinsamen Schwerpunkt von Sonne und Erde entschieden, weil der unbeschleunigt ist – sofern wir weiterhin alle anderen Himmelskörper vernachlässigen.
Dadurch entstehen Bahnkurven, die zwar sehr unterschiedlich sind, sich jedoch als Realisierungen aus dem gleichen potentiellen Ensemble Bahnkurve(u) nicht widersprechen können.“
Der scheinbar unlösbare Widerspruch vor 400 Jahren entstand nur dadurch, daß man diese Wahrnehmungs-Bahnkurven der Aktanten irrtümlich als Bahnkurven(b) von Seienden(b) aufgefaßt hat.
Mit dem besten Gewissen der Welt können Sie also heute noch die Erde als ruhenden Aktanten betrachten. Dann fällt die gesamte Relativbewegung dem Sonnen-Aktanten zu, und es gibt durchaus Fragestellungen, bei denen diese Perspektive hilfreich ist; zum Beispiel wenn Sie Ihren Kindern den Sonnenauf- oder -untergang erklären wollen.
Auch in diesem Zusammenhang wird die Galileische Sichtweise – natürlich nicht falsch, aber – unnötig kompliziert:
„Hier drüben befindet sich die Erdkugel; die dreht sich um eine körpereigene Achse, und dadurch geht die Sonne, ‚auf der wir hier stehen‘, dort auf oder unter.“
Das verstehen wahrscheinlich nur sehr schlaue Kinder.
Zur Verallgemeinerung unseres Beispiels orientieren wir uns an ihm:
Die Relativbewegung zwischen Sonne und Erde
– ist eine unbestimmte Bahnkurve(u).
– Sie besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „Relativbewegung zwischen Sonne und Erde“ infrage kommen.
Damit ergibt sich:
X(u)
– ist ein unbestimmtes Seiendes(u).
– Es besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „X“ bzw. X-Wahrnehmung infrage kommen.
Schauen wir uns als zweites Beispiel nochmals den Grund an, weshalb die Tradition die Seienden(u) überhaupt eingeführt hat; ich wiederhole kurz:
Daß ich eine Tower-Wahrnehmung habe, erklärt die Tradition damit, daß
– ich vor dem ungewußten Tower(u) stehe,
– dadurch eine Wahrnehmung von ihm haben kann,
– aber zu ihr möglicherweise selbst eine unbekannten Komponente beisteuere, die
– zusammen mit dem Tower(u) als Resultat zu meiner Tower-Wahrnehmung führt.
Der Tower(u)
– ist ein unbestimmtes Seiendes(u).
– Es besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „Tower“ bzw. Tower-Wahrnehmung infrage kommen.
Versuchen wir die denkbaren Fälle möglichst systematisch darustellen:
Gibt es den Tower(u) überhaupt?
1. „nein“
Das wäre die Position des Radikalen Konstruktivismus; unsere Tower-Wahrnehmung bildet eine reine Konstruktion.
2. „ja“
Ist der Tower(u) etwas Bestimmtes?
2.1. „nein“
Das entspricht Kants Überzeugung; wir benötigen den „Tower(u)“, aber es ist kein Tower(u), sondern das undefinierte „Ding an sich“.
2.2. „ja“
Glaubt man, den Tower(u) zu wissen?
2.2.1. „nein“
Von dieser Antwort war ich beim Erklären natürlich immer schon ausgegangen; das ist der transzendentale Konstruktivismus.
2.2.2. „ja“
Damit kommen wir zum naiven Realismus, der
– den Tower(u) mit seiner Wahrnehmung identifiziert oder
– den eigenen zu ihr Beitrag willkürlich wegerklärt.
Daß dies lediglich vier Eckpunkte sind, zwischen denen alle möglichen Übergänge bestehen, müßte ich wahrscheinlich nicht eigens erwähnen.
AD: „Und niemand weiß, wie es wirklich ist . . .“
Doch; ich bin überzeugt, daß unsere Position richtig ist, weil die Seienden(u) ohne willkürliche Zusatzannahmen tatsächlich nicht bestimmt werden können.
Wir ziehen daraus die Konsequenz, das traditionelle Denkmodell vollständig zu überwinden und hinter uns zu lassen.
Alle anderen Annahmen versuchen dagegen – mehr oder weniger deutlich –, an ihm festzuhalten.