1.6. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse und auch jeder andere Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches: Wir haben nur die Alternative zwischen einem ergebnisoffenen Denken – dem Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon weiß, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, versteht nicht, was es bedeutet zu denken, und ist Ideologe.

 

Mich interessiert demzufolge auch absolut nicht, wer irgendwas sagt, sondern lediglich, welche grundlegenden Antworten irgendwer vernünftig begründet. Würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial als die Einsteinsche.

Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher Couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner eigenen Wahrheit näher zu kommen. Das ist diejenige meines Lebens, und die kann natürlich in keinem Buch stehen; dort gibt es bestenfalls richtige oder hilfreiche Sätze.

Auch bei meinem eigenen Schreiben versuche ich stets, mir dessen bewußt zu sein. Weder will ich Ihnen etwas mitteilen, noch sollen Sie mir glauben; vielmehr möchte ich Sie anregen zum eigenen Fragen, Sich-Orientieren und Weiterdenken.

 

Hochkomplexe bzw. abstrakte Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erfahren; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, war es gelogen. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in geeigneten Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verkündigung, gesellschaftlichem Engagement und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist auch nicht rein, sondern rein gar nichts.

Auf der einen Seite darf also keine einzelne Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also beispielsweise auch nicht mit dem Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten gleichgesetzt werden – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs-, Weihnachts- oder Emmausgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich auch niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch – aus freien Stücken – in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden – andernfalls ist es keine Theo-Logie. Das bedeutet insbesondere, daß der Theologe sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

„Heilige“ Schriften sind dabei nicht bessergestellt als profane, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht für den Glauben, gewiß aber – theologisch ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein passabler Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen, hermeneutischen und sprachlichen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda), in denen zum Beispiel bezogen auf das Meditieren steht: „Wenn Du den Buddha siehst, töte ihn.“

 

Theologisch sind die Aussagen des Lehramts für mich ebenfalls nur beliebige Meinungen; einen Mehrwert würden auch sie erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft oder Fruchtbarkeit, saubere Begründung, Kreativität, Zeitgemäßheit und ähnliches erhalten.

Wenn Johannes Paul II beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertrat, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereitete er vielleicht einigen gutgläubigen Christen größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn der sollten meines Erachtens sämtliche bloßen, das heißt, schlecht oder gar nicht begründeten Meinungen gleichgültig sein.

Um sie ernstnehmen zu können, müssen Stellungnahmen so erklärt werden, daß ich ihre Rechtfertigung verstehen und dieser guten Gewissens zustimmen kann. Eine „Begründung“, die mir nicht einleuchtet, ist keine Begründung, denn im Verstanden-Werden und Nachvollziehen-Können besteht der Sinn aller Erklärungen oder Rechtfertigungen – nicht im bloßen Beteuern ihrer angeblichen Richtigkeit oder gar Wahrheit.

Bleibt es bei einem solchen Beteuern, interessiert mich die Meinung nicht.

Kinder können sich rechtfertigen mit „Mama hat aber gesagt“; wir dürfen das nicht; ganz gleich, für wen „Mama“ steht. 

 

Wie anders wollen wir den Glauben von jeglichem Aberglauben unterscheiden? Oder das Wirken Gottes von aller Zauberei?

AD: „Müssen wir das tun? Gott ist nach christlichem Verständnis in seiner Schöpfung – als Heiliger Geist – gegenwärtig; und ich dachte immer, es sei seine Aufgabe, für den wahren Glauben zu sorgen.“

Ich widerspreche dem auch nicht; aber es gibt das Gotteswort ausschließlich im  Menschenwort, denn sonst würden wir absolut nichts davon verstehen.

Der Glaube läßt sich nicht mittels des Verstandes oder seiner Logik und nicht einmal aus der Vernunft herleiten, sondern verdankt sich nach christlichem Verständnis der Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. In dem Maße, wie sie durch das Wirken des Heiligen Geistes – im Menschenwort – bei uns ankommt, sprechen wir vom – eo ipso subjektiven – Glauben.

Er folgt zwar nicht aus dem Verstand oder der Vernunft, widerspricht ihnen aber auch nicht. Jeden „Glauben“, der letzteres tut, weist der Heilige Geist dadurch als Aberglauben aus.

 

Die Ergebnisse, zu denen die Theologen gelangen, sollten ihnen helfen, ihren Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene – und damit insbesondere auf ihre Widerspruchsfreiheit geprüfte – Inhalte anzunehmen und zu leben resp. abzulehnen und zu ignorieren. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute theologisch relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, geeifert und vor allem gefühlt. Der weltweite Aufschwung der Evangelikalen, Frei- oder Pfingstkirchen bestätigt letzteres meines Erachtens.

Damit sage ich nichts gegen deren Gläubige, sondern lediglich wertfrei, daß ihre Ausdrucksform des Glaubens nicht die theologische ist – aber natürlich auch nicht sein muß.

 

AD: „Von meinem Bauchgefühl her mißfällt mir, daß das Verstehen so eindeutig vor dem Glauben kommen soll. Tertullians ‚Ich glaube, weil es absurd ist‘ erscheint auch mir als eine sehr schwache Argumentation. Aber Anselms ‚Credo ut intelligam‘ (Ich glaube, um zu verstehen) läßt sich meines Erachtens nicht so einfach von der Hand weisen.“

Da stimme ich Ihnen vollkommen zu; aber um meine diesbezügliche Überzeugung zu verstehen, müssen wir leider ein wenig vorgreifen:  

 

Der Glaube hat meines Erachtens so gut wie gar nichts mit dem Wissen zu tun; er ist kein Für-richtig-Halten, sondern eine Form des Lebens, die uns zu dessen Wahrheit führen soll bzw. will.

Nehmen Sie als Beispiel das Altarsakrament. Die Kirchen streiten zum Teil recht erbittert, ob hierbei eine Transsubstantiation erfolgt oder nicht. Das

– ist zum einen nur innerhalb des traditionellen Denkens möglich, weil Substanzen den Inbegriff der Seienden bilden, und

– setzt voraus, daß es im Glauben um das richtige Wissen geht.

Würde letzteres stimmen, hätte Anselm eindeutig  Unrecht. Kein Glaube der ganzen Welt führt zum richtigen Wissen; dafür muß man sich anstrengen, selbst denken und mutig sein. 

 

Beim Altarsakrament geht es meines Erachtens einzig und allein darum, ob mit mir etwas geschieht. Tut es das, ist dies allein durch den Glauben möglich und wirkt wiederum bestätigend auf ihn zurück.

Hierzu gehört Anselms „Credo ut intelligam“, mit dem kein Wissen im traditionellen Sinne gemeint ist.

AD: „Das entspricht eher dem Vertrauensvorschuß, den wir für ein gelingendes Leben häufig leisten müssen. Liebe und Freundschaft, Bildung und Erziehung, Wirtschaftskontakte oder sogar Urlaubsreisen gelingen kaum ohne ihn. Um die Zuverlässigkeit von Versprechungen oder Zusagen überprüfen zu können, lassen wir uns auf sie ein; ob das berechtigt war, zeigt sich immer erst im Nachhinein.“

Und der Glaube

– entspricht vielleicht dem Vertrauen,

– daß der Vertrauensvorschuß, den wir für ein wahres Leben zu leisten bereit sind,

– nicht ins Leere geht, gerechtfertigt oder unser Engagement wert ist.

Wir glauben nicht was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.  

 

Wer nicht selbst denkt, kann keine Überzeugung besitzen, sondern höchstens eine „Autorität“, der er blind und kindisch folgt. „Mama hat aber gesagt . . .“

Wer denkt, irrt vielleicht, aber das macht ihn niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man allein durch das Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen, aber nicht durch das Streben nach der Wahrheit.

AD: „Das bezweifle ich; wozu brauchten wir überhaupt Religionen, wenn sich jeder selbst überlegen kann, was er glauben will?“   

 

Es erscheint mir einfach als selbstverständlich, nur allein entscheiden zu können, was ich glaube, und mir diesbezüglich von niemandem Vorschriften machen zu lassen; das gilt um so mehr, je existenzieller die betreffenden Fragen sind.

Zum einen bin ich für mein gesamtes Leben und damit auch für meinen Glauben selbst verantwortlich; es gibt keine Ausreden.

Zum andere kann doch nur eine tiefe Überzeugung, die wirklich Herzenssache ist, als religiöser Glaube ernstgenommen werden. Die muß aber aus mir selbst kommen; Glauben läßt sich ebensowenig anordnen wie Lieben, Glücklich-, Spontan-, Frei- oder Dankbar-Sein.

 

AD: „Traditionell denkende Christen würden Ihnen gewiß widersprechen und als Argument vielleicht das Zitat ‚Der Glaube kommt vom Hören‘ aus dem Römerbrief bemühen.“

Ich stimme Paulus 100%-ig zu und ergänze lediglich, daß es in unserem Leben sehr viel Verschiedenes zu hören gibt und wir deshalb bereits denken müssen, um vernünftig auszuwählen, worauf wir hören wollen, das heißt, was wir gegebenenfalls glauben könnten.

Das mag bei vielen Menschen die Bibel sein, wird es aber nicht notwendigerweise. Jeder von uns muß selbst seinen Weg finden, und dazu gehört meines Erachtens ganz wesentlich, daß wir auch entscheiden müssen, was wir lesen, das heißt, wovon wir uns die stärksten Impulse für die Gestaltung unseres Lebens versprechen.

Ich bin mir zum Beispiel sehr sicher, daß einige zeitgenössische Theologen, die sich ein Leben lang mit der Heiligen Schrift auseinandergesetzt haben, mir ein viel tieferes Verständnis vermitteln können, als mir dies beim eigenen Lesen der Bibel möglich wäre. Allein schon aus Zeitgründen, muß ich mich also für – meines Erachtens – gute Theologen entscheiden. 

 

Es wäre die eminent wichtige Aufgabe eines postmodernen Lehramts, durch sauberes Argumentieren – statt leeren Machtgehabes – auf eventuelle Denkfehler hinzuweisen, damit wir sie alle vermeiden können. Ein so verstandenes Lehramt würde nicht nur keinen unnötigen Stein des Anstoßes und damit kein Handicap der katholischen Kirche (mehr) darstellen, sondern eine höchst willkommene, weil wirkliche Lebenshilfe für alle Menschen; und als eine solche verstehe ich den Glauben ganz allgemein:

Er ist meines Erachtens weder eine Theorie noch ein Ge- oder Verbotssystem und damit auch keine Ethik, sondern Ermöglichung, Unterstützung, Hilfe und Ansporn, um die Fülle eines wahren freiheitlichen Lebens zu erreichen.

 

Die Postmoderne entbindet das Lehramt von der „Aufgabe“, eine traditionell verstandene (Glaubens-)Wahrheit durch die Geschichte hindurch bewahren zu müssen. Natürlich nicht, weil das Lehramt der Postmoderne folgen müßte – dann wäre sie das neue „Lehramt“ –, sondern weil die Postmoderne zeigt, daß es diese Aufgabe gar nicht geben kann.

Zum einen existiert ohne objektive Wirklichkeit keine traditionelle Wahrheit, und

zum anderen wird sie auch nicht benötigt, um Denkfehler zu erkennen; dafür genügen (möglichst) vorurteilsfreie Gespräche unter Interessierten  

 

AD: „Ich staune, wie Sie als Katholik das traditionelle Lehramt abkanzeln. Woraus resultiert Ihre diesbezügliche Sicherheit?“

Drei Punkte dürften in meiner Antwort besonders wichtig sein:

 

1. Ich glaube, daß Gott in seiner „Schöpfung“ anwesend ist; diese Präsenz wird „Heiliger Geist“ genannt.

Zum einen weht er dem Johannes-Evangelium zufolge, „wo er will“, und zum anderen bin ich überzeugt, daß Gott trotz seiner Menschwerdung, Selbstmitteilung oder Offenbarung ein Geheimnis bleibt. Dann ist es ebenso absurd wie widersprüchlich, den Heiligen Geist an das Lehramt binden zu wollen. Das läßt sich meines Erachtens weder vor der Vernunft noch aus dem Glauben rechtfertigen.

 

Ich habe, anders formuliert, keinerlei Schwierigkeiten damit, die Kirche als den Leib Christi zu verstehen. Da wir jedoch, wie noch deutlich werden wird, nicht einmal unseren eigenen Leib wissen können – sondern nur den Körper –, scheint mir der Anspruch, beim Leib Christi einteilen zu wollen, daß beispielsweise Kardinal M. ihm angehöre, der Religionskritiker N. aber nicht, eine unglaubliche Hybris zu sein.

Die Kirche läßt sich nur als Leib Christi verstehen, wenn sie wie Christus selbst unsichtbar ist. Nicht er, sondern sein Körper namens „Jesus“ wanderte vor 2000 Jahren durch Galiläa.

(Das ist natürlich ein besonders markantes Beispiel für die Unsinnigkeit von Fragen, die sich uns zwangsläufig aufdrängen, solange wir die Subjekte gut traditionell, aber trotzdem fälschlicherweise mit ihrem Körper identifizieren.) 

 

2. Ich halte es für unmöglich, Sinn, Bedeutungen, Inhalte, Werte, Ge- oder Verbote konstant durch eine Geschichte hindurchtragen oder bewahren zu wollen, in der sich alles andere ändert.

Meine Begründung ist denkbar einfach:

Unsere – eo ipso subjektiven – Vorstellungen bilden eine integrale Einheit, in der sämtliche Vorstellungen mit allen anderen im Wirklichkeitsbild verbunden sind. Darin kann es prinzipiell keinen Teilbereich etwa eines „Glaubens-Wissens“ geben, der konstant bleibt, während sich alles sonstige Wissen im Verlaufe der Geschichte ändert.

 

Der traditionelle Versuch, die gewünschte Konstanz durch das Wiederholen der alten Worte zu garantieren, dürfte angesichts der Situation unserer Kirchen bereits als gescheitert gelten. Daß beispielsweise Jesus sich in seinen Gleichnissen häufig auf die Landwirtschaft bezog, ergibt sich allein daraus, daß er von ihr etwas verstand, und hat keine „tiefere“ Bedeutung.

Christus war

– (auch) ein wahrer Mensch und als solcher kann er – wie auch jeder von uns –

– nur ein Kind seiner Zeit gewesen sein.

Wer das bestreitet, leugnet die Menschwerdung.

 

3. Wir hätten uns den zweiten Punkt sogar sparen können, denn

– weder ist der Glaube eine Lehre,

– noch geht es darum, das, was sich vor 2000 Jahren in Galiläa ereignete – insbesondere die Worte, die Jesus vielleicht gesprochen hat, – möglichst genau wiederzugeben. Auch das tollste Wissen über den historischen Jesus führt nicht zum Glauben, wie die Leben-Jesu-Forschung zeigt, und hat höchstens am Rande mit ihm zu tun.

Glauben bedeutet meines Erachtens vielmehr, „das eigene Leben im Licht der Möglichkeiten zu betrachten, die uns die Selbstoffenbarung Gottes zur Verfügung stellt; hierdurch wird das gleiche Leben ein ganz anderes“ (Hans-Joachim Höhn).

 

Damit meine ich ausführlicher Folgendes:

Das Leben eines „Atheisten“ besteht in der Einheit { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken . . . }

Konvertiert er zum Glauben, kommt letzterer nicht noch zu dieser Einheit hinzu

– { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken, Glauben . . . } –, 

sondern der Glaube entspricht einem Vorzeichen, das die gesamte Klammer betrifft,

– † { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken . . . } –;

„das gleiche Leben wird ein ganz anderes“.

 

Mit den nachfolgenden drei Zitaten von Höhn kann ich mich voll identifizieren:

„Wer Theologie studiert, muß lernen, daß Frömmigkeit nicht vor Leichtgläubigkeit schützt. Wer nur etwas bezeugt, ohne davon auch überzeugen zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Den Glauben zu festigen, vermag keine Theologie, der die Frömmigkeit ihres Anstrichs wichtiger ist als ihre wissenschaftliche Redlichkeit.“

„Wie man durch das Medizinstudium nicht gesünder wird, sondern am Ende weiß, was Gesundheit und Krankheit sind – wie man durch ein Jurastudium nicht gerechter wird, sondern am Ende Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß, so wird man durch ein Theologiestudium nicht gottesfürchtiger, sondern lernt zu unterscheiden, wer oder was es in Wahrheit nicht verdient, ‚Gott‘ genannt zu werden, und auf wen man sich stattdessen im Leben und Sterben verlassen sollte.“

„Die Theologie ist nicht dazu da, ihre Adressaten gläubiger zu machen. Sie hat vielmehr jenes Wissen über und vom christlichen Glauben zu vermitteln, das zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll macht. Sie hat zu zeigen, daß man nicht an Gott glauben kann, ohne dabei auf neue Weise ins Nachdenken zu kommen, und daß man beim Nachdenken über erste und letzte Fragen mit guten Gründen auf den Gedanken kommen kann, dabei an Gott zu denken.“ 

 

Die philosophisch denkenden Theologen, denen ich am meisten zu verdanken habe, sind vielleicht Kurt Appel, Eugen Biser, Dietrich Bonhoeffer, John D. Caputo, Ingolf U. Dalferth, Eugen Drewermann, Georg Essen, Klaus Hemmerle, Hans-Joachim Höhn, Gregor Maria Hoff, Eberhard Jüngel, Gordon D. Kaufman, Peter Knauer Jörg Lauster, Jean-Luc Marion, Meister Eckhart, Dietmar Mieth, Dewi Z. Phillips, Willibald Sandler, Hartmut von Sass, Thomas Schärtl, Raymund Schwager, Magnus Striet und Jürgen Werbick.

Würden Sie mir die Pistole auf die Brust setzen „Nur einer!“, wäre dies wohl Hartmut von Sass.

 

Auf die Frage, ob Menschen, denen mein Verständnis des Glaubens, zu komplex ist, auf „die liebe alte Art weiterglauben“ dürften, antworte ich mit Stefan Schütze:

„Sehr gerne; ich habe doch nicht die Absicht, jemandem seinen Glauben wegzunehmen“, mit dem er glücklich und in Frieden leben kann. „Das wäre furchtbar überheblich und absolutistisch. Nur erwarte ich von diesen Gläubigen, daß sie ebenfalls andere Einstellungen akzeptieren und auch ihre Glaubensweise nicht fanatisch, unhinterfragbar oder gar gewalttätig vertreten.“     

 

Ich schreibe dieses Buch nicht für die fraglos Glücklichen, um ihnen völlig unnötige Probleme einzureden, sondern für diejenigen, die Schwierigkeiten mit ihrem Glauben bzw. subjektiven Wirklichkeitsbild haben und nach intellektuell redlichen Antworten suchen.

Vielleicht ist es hoffnungslos naiv von mir anzunehmen, das gegenwärtige Verdunsten des christlichen Glaubens in Mitteleuropa hätte etwas mit der Form unserer Verkündigung zu tun. Noch gehe ich aber davon aus und suche folglich nach einer Sprache, die Außenstehende bei ihren Lebensproblemen voller Spannung und Neugierde fragen lassen könnte:

„Welche konstruktiven Ideen würden wohl gläubigen Christen in meiner Situation einfallen? Sie müßten theoretisch mehr sehen können als ich, denn, der Glaube besteht nach Höhn angeblich darin, ‚das eigene Leben im Licht der Möglichkeiten zu betrachten, die die Selbstoffenbarung Gottes uns zur Verfügung stellt‘.

Über diese Möglichkeiten verfüge ich leider nicht; lohnt es, sich darum zu bemühen?“

 

Der Gott des Lebens muß Freiheit wollen, weil nur mit ihr ein erfülltes Leben möglich ist. Dann existieren jedoch notwendigerweise so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt, und wir sollten einander helfen, daß möglichst jeder von uns den seinen findet.

AD: „Besteht hier nicht ein Widerspruch? Können Sie sich zum Christentum bekennen und gleichzeitig zugestehen, es gäbe so viele Wege zu Gott wie Menschen?“

Ich bin überzeugt, daß sich diese beiden Seiten ergänzen:

Der Glaube ist eine Hilfe, um die Wahrheit des eigenen Lebens zu finden und muß damit ebenso subjektiv sein wie mein Leben. Aber dieser Glaube, haben wir am Anfang des Kapitels gesagt, wird nur wirklich, indem er sich ausdrückt oder verleiblicht. Dafür bilden die Religionen mit ihren Konfessionen Angebote oder „Optionen“ (Hans Joas)

Wer sie nutzt, lebt seinen subjektiven Glauben mit Hilfe des von ihm gewählten intersubjektiven Rahmens. 

 

Ich veranschauliche mir dieses Zusammenspiel, Miroslav Volf folgend, an der musikalischen Improvisation; etwa beim Jazz:

Jeder Musiker spielt zwar frei seine persönliche Musik, aber letztlich macht keiner hemmungslos, was er will, sondern die Einzelinstrumente fügen sich wie von selbst zu einer Harmonie.

 

Und schließlich bildet der christliche Rahmen kein Gefängnis; ich muß nicht Christ bleiben, sondern soll meinem Gewissen folgen – auch wenn es mir beispielsweise rät, mich (in verschiedenen Hinsichten) zum Atheismus oder Buddhismus zu bekennen.

Religionen und ihre Konfessionen sind nur sekundär; mir geht es nicht um das Christ- oder gar Katholisch-Sein, sondern um die Wahrheit meines Lebens.