Wir können rein formal mit, von und über Gott sprechen; paradigmatisch stehen dafür natürlich das Gebet, die Verkündigung bzw. die Theologie. Aber bei letzterer gehen die Meinungen bereits deutlich auseinander:
Läßt sich tatsächlich über Gott sprechen? Ist Theologie für uns überhaupt möglich?
Ich persönlich bin mir diesbezüglich sehr sicher:
Wir können natürlich ohne jegliche Theologie beten – aber nicht verkündigen, denn das wäre ein Zeugnis ohne Inhalt. Emotionalität oder Frömmigkeit genügen nicht, und Begeisterung muß keineswegs vom Heiligen Geist kommen.
Innerhalb der Tradition sind beide Antworten möglich.
Prinzipiell „ja“, weil sie stets davon ausgeht, von der objektiven Wirklichkeit zu sprechen; aber offen bleibt natürlich, ob das auch bei Gott so selbstverständlich ist. Das kann uns jedoch zum Glück ziemlich gleichgültig sein.
Für die Postmoderne stellt sich diese Frage dagegen gar nicht, da ihr Ausgangspunkt niemals in der objektiven Wirklichkeit, sondern stets in unserem subjektiven Weltbild besteht. Über den Gott, der gegebenenfalls darin vorkommt, können wir natürlich sprechen, denn er ist ja lediglich unsere Konstruktion oder Erfindung.
Das spricht nicht gegen Gott, sondern nimmt nur erst, daß keine einzige Wissung einen Referenten besitzt und gilt somit ebenso für die Materie, meinen Körper oder unsere Erde.
Mein Weltbld stellt das Ergebnis meines bisherigens Lebens dar; sämtliche Wahrnehmungen und Vorstellungen, die mir bisher begegnet sind, alle Erfahrungen, Erlebungen oder Eskapaden, die ich jemals hatte, haben – nicht nur mich zu dem gemacht, der ich jetzt bin, sondern auch – zu meinem gegenwärtigen Weltbild beigetragen.
Es ermöglicht auf der einen Seite alles, was ich wissen, denken, sagen oder mir vorstellen kann. Mein Weltbild besitzt aber notwendigerweise einen Horizont, und der bewirkt auf der anderen Seite, daß ich mein Weltbild
– prinzipiell nicht „von außen“ oder in einem größeren Zusammenhang sehen und damit
– auch nicht ableiten, begründen oder rechtfertigen kann.
Ich habe dieses Weltbild. Punkt. Vielleicht ist es durch überraschende Begegnungen morgen schon ein anderes; aber heute geht nicht mehr.
Kann ich über mein „Weltbild“ sprechen, ist es nicht das Weltbild.
Traditionell Denkende kennen eventuell einen ähnlichen Satz:
Kann ich über „GOTT“ sprechen, ist es nicht GOTT.
Eine gute Freundin sagte gestern zu mir:
„Es gibt keinen Zufall; ich glaube, daß Gott allgegenwärtig ist und verstehe damit zum Beispiel jeden Menschen, der mir begegnet, als einen Anspruch an mich, dem ich zu antworten habe. Gott schickt – ihn zu mir oder wohl besser – mich zu ihm.“
Auf meine Bitte hin, mir das ein bißchen zu begründen oder wenigstens zu erklären wiederholte sie nur lapidar „Das ist mein Weltbild“.
Ich war begriffsstutzig und hätte schneller begreifen müssen, daß sie in meiner Sprache sagen wollte „Das ist der Horizont meines Weltbilds“.
Wenn ich wie unsere Freundin überzeugt bin, daß Gott allgegenwärtig ist,
– betrifft uns das zwar alle, aber da
– nur von meiner Überzeugung die Rede ist, kann mir niemand begründet widersprechen.
Während die Postmoderne also davon ausgeht, im Rahmen oder auf der Grundlage des eigenen Weltbilds zu denken, glaubt die Tradition, unmittelbar an die objektive Wirklichkeit selbst anknüpfen zu können – und damit wird (fast) alles anders.
Nun heißt es in diesem Fall nicht mehr
– „Ich bin überzeugt, daß Gott allgegenwärtig ist“, sondern
– „zur objektiven Wirklichkeit gehört die Allgegenwart Gottes“.
Würde das stimmen, gäbe es keinen Ort oder Zeitpunkt ohne ihn.
Was es bedeutet, daß Gott anwesend ist, läßt sich aber nur erkennen, wenn wir seine Präsenz mit seiner Absenz vergleichen und einen Unterschied feststellen können. Gibt es letzteren jedoch nicht, fallen Präsenz und Absenz Gottes zusammen, so daß wie ebenso von seiner Absenz wie von seiner Präsenz sprechen könnten.
Ist Gott jedoch allgegenwärtig, wird wegen der stets fehlenden Absenz sogar der Vergleich umöglich, und wir stehen vor der Frage, worin sich die Allgegenwart Gottes eigentlich von seiner Inexistenz unterscheiden soll.
Mir scheint diese Stelle sehr wichtig zu sein; betrachten wir deshalb als Beispiel noch das objektiv-wirkliche oder traditionelle Verständnis der Dreifaltigkeit.
Wer es teilt, behauptet, daß Gott weder zwei- noch vierfaltig sei. Das sind also drei verschiedene Denk-Möglichkeiten, von denen nur die „mittlere“ stimmen soll.
Wem dies wichtig ist, der müßte also erklären können, was bei einem zwei- bzw. vierfaltigen Gott an unserem Leben erfahrbar anders wäre. Wenn er das nonchalant übergeht oder keine vernünftige Antwort auf diese Frage findet, sagt die Aussage, Gott sei dreifaltig, nichts, denn bei einem zwei- oder vierfaltigen Gott wäre alles ebenso.
Es hat in diesem Zusammenhang auch keinen Sinn, von Vater, Sohn und Geist zu sprechen, denn damit werden keine Antworten gegeben, sondern weitere Fragen aufgeworfen.
Das entspricht Gregory Batesons „Unterschied, der keinen Unterschied macht“. Können wir nicht angeben, zu welchem abweichenden Ergebnissen ein zwei- oder vierfaltiger Gott führen würde, macht der Glaube an den dreifaltigen keinen Unterschied, und wir plappern nur, ohne etwas zu sagen.
Wer fest an einen vierfaltigen Gott glaubt, aber ohne es begründen zu können, widerspricht – aber nur um zu widersprechen.
Wer fest an einen dreifaltigen Gott glaubt, aber ohne es begründen zu können, paßt sich an – aber nur um sich anzupassen.