1.3. Der Begriffshorizont als Struktur

Postmoderne Wissungen

– sind veränderlich oder unveränderlich,

– gehören der Diachronie an und

– bilden in ihrer Gesamtheit oder Summe die subjektive Welt, die sich aus dem Weltbild sowie den Wahrnehmungen zusammensetzt.

 

Einen analogen Satz können wir auch für die Begriffe formulieren:

Postmoderne Begriffe

– sind konstant,

– gehören der Synchronie an und

– bilden in ihrer Einheit den Begriffshorizont.

 

Wissungen stellen natürlich keine Seienden dar, weil sie an Wissende gebunden und damit nicht ursprünglich sind. Aber wie die Seienden sind auch die Wissungen getrennt voneinander. Sie können zwar logisch zusammenhängen, so daß beispielsweise aus der Wissung A die Wissung B folgt, aber auch das gilt nur für die Wissenden und nicht an sich. Es handelt sich also nur um eine ideale und keine reale Relation. 

Das ist bei den Begriffen total anders; sie bilden in ihrer Gesamtheit keine Summe, sondern eine spezielle Einheit, die zumeist „Struktur“ genannt wird. Unsr nächstes Ziel besteht darin, zu verstehen, was das bedeutet.

 

(1) Seiende sind getrennt voneinander. 

 (2) Physikalische Objekte

– wechselwirken zwar,

– besitzen aber auch ein eigenes Sein und

bestehen damit – anschaulich gesprochen – in der „Summe“: Seiendes plus reale Relation.

Nun lassen wir in Gedanken

– den Eigenanteil oder die Seinskomponente immer geringer und

– dafür die realen Relationen bzw. Wechselwirkungen immer stärker werden.

(3) Im asymptotischen Grenzfall, wenn nur diese noch bestehen und nichts mehr an Seiende erinnert, sprechen wir bei ihnen von den Momenten einer Struktur.    

  

„In Gedanken“ habe ich geschrieben, weil unsere Vorstellungskraft bei diesem Procedere wohl stets versagt. Um Ihnen das Ganze trotzdem ein wenig zu veranschaulichen, betrachten wir das Spiel „Schnick, Schnack, Schnuck“ als ein sehr einfaches Beispiel.  

– Das Spiel selbst ist eine Struktur,

– seine Momente sind Schere, Papier sowie Stein, und

– die Spielregeln entsprechen den realen Relationen:

  Schere schlägt Papier, Papier schlägt Stein, Stein schlägt Schere.

 

Momente gibt es nur in dem asymptotischen Grenzfall, der nur noch Relationen kennt.

Das bedeutet in unserem Beispiel, daß es weder eine Schere noch Papier oder den Stein gibt, denn das wären Rest-Seiende oder seiende Reste. 

Vielmehr ist die Schere nichts anderes als

– das Gewinnen gegen das Papier,

– das Verlieren gegen den Stein und

– das Unentschieden gegen die Schere.

 

Entsprechendes könnten wir selbstverständlich für Papier und Stein sagen, so daß die Momente von den Relationen zwischen ihnen vollständig bestimmen.

Dadurch werden jene nicht identisch miteinander; die Schere ist nicht das Papier, sondern schlägt es.

Die deutlich gespürte, aber schwer faßbare Eigenschaft der Momente, die uns hier noch fehlt, nannte Heinrich Rombach „Idemität“, und wir können sie vielleicht so umschreiben: 

Die Momente einer Struktur sind idemisch, 

– weil sie in letzterer ihren gemeinsamen Ursprung haben und

– sich allein durch ihn gegenseitig bestimmen, aber

– dadurch nicht identisch werden.

 

AD: „Sie haben jetzt die Momente und ihre Relationen erklärt, aber nichts weiter zum Spiel selbst gesagt?“

Das Spiel gibt es nicht, denn jede Struktur ist nur in ihren Momenten.

 

Die Schere ist das Spiel auf die Weise der Schere – oder idemisch mit ihm –, und

die ist Schere nichts anderes

– als das Gewinnen gegen das Papier,

– das Verlieren gegen den Stein und

– das Unentschieden gegen die Schere.

 

Das Papier ist das Spiel auf die Weise des Papiers – oder idemisch mit ihm –, und

. . . . . .

 

Schnick, Schnack, Schnuck ist eine spezielle Struktur.

Strukturen sind (ontologische oder) philosophische Einheiten, die

– keinerlei Seiende enthalten und

– nur in Relationen bestehen.

Bei einer Struktur sind

– sämtliche Momente sowohl untereinander als auch mit der Struktur idemisch, und

– diese existiert nur in ihren Momenten. 

 

Eine andere Struktur besteht im Begriffshorizont als der Einheit unserer gegenwärtig verfügbaren Begriffe.

Der Begriffshorizont besteht also keineswegs aus Begriffen (und auch aus nichts anderem), sondern diese bilden die Momente der Struktur Begriffshorizont. Die Struktur selbst existiert gar nicht, sondern ist nur in ihren Momenten bzw. Begriffen.

Wir stehen also beispielsweise nicht vor der Frage, wo sich der Begriffshorizont befindet. Es gibt ihn nur durch unser Denken, Sprechen oder Verstehen in Form der Begriffe.  

 

Wenn wir beispielsweise (den Begriff) Tisch denken, tritt nicht irgendwo zusätzlich der vollständige Begriffshorizont auf. Aber im Tisch-Begriff ist er – wie in jedem anderen Begriff auch – auf dessen jeweilige Art präsent.

Der (Begriff) Tisch ist die Einheit meines Begriffshorizonts in seiner Tisch-Version. 

Der Begriff Tisch ist also nicht ein kleines Stück Begriffshorizont, während Stuhl als Begriff ein anderes Stück wäre. Vielmehr ist in jedem Begriff der gesamte Begriffshorizont gegenwärtig, allerdings mit einem anderen Zentrum, Gewicht und Gefüge.

 

Diese Formulierung führt uns leicht zu einer Analogie:

Ein Gebäude kann man in Drauf-, Vorder- oder Hinteransicht und noch in vielen anderen Darstellungen zeichnen. Es entspricht bei unserer Veranschaulichung dem Begriffshorizont, und die verschiedenen Perspektiven korrelieren den Begriffen.

Das Strukturdenken bedeutet bei dieser Veranschaulichung:

Das Gebäude ist weg, aber sämtlichee Ansichten verbleiben unangetastet; als stände das Gebäude noch. Das tut es nicht, sondern

– es existiert allein in seinen Ansichten; bei jeder von ihnen auf eine andere Weise.

– Eine Struktur ist nur in ihren Momenten;

  — immer die gesamte Struktur und

  — in jedem Moment anders.

 

Der Begriff Tisch ist eine spezielle Artikulation des gesamten Begriffshorizonts; seine Bestimmtheit ergibt sich aus der Stellung des Begriffs Tisch in der Einheit des Begriffshorizonts.

Der Begriff Stuhl bildet eine andere idemische Artikulation des gleichen Begriffshorizonts.

Dennoch stimmt der Begriff Tisch ebensowenig mit dem Begiff Stuhl überein wie die Vorderansicht eines Hauses mit seiner Hinteransicht.

 

Aus all dem ergibt sich meines Erachtens recht zwingend, daß wir nicht nur die Begriffe, sondern auch sämtliche Kombinationen von ihnen – Schlußfolgerungen, Theorien, Modelle oder Paradigmen – als Momente verstehen müssen, in denen die Struktur unseres Begriffshorizonts Gestalt gewinnt. 

Die traditionelle Annahme, nur Begriffe würden zum Begriffshorizont gehören, während die Theorien die Welt von außen beschreiben, erweist sich postmodern als unhaltbar. Eine Theorie ist  nichts anderes als der logische Zusammenhang vieler Begriffe.