1.2. Welt und Weltbild

AD: „Ich kann Ihren Ausführungen nicht widersprechen, habe aber ganz simple Fragen, die Sie überhaupt nicht zu berühren scheinen. Was zum Beispiel bedeuten die Worte ‚Löwe‘, ‚Savanne‘ oder ‚Afrika‘, wenn es keine Seienden gibt.

Es können doch keine subjektiven Vorstellungen meines Weltbilds sein, denn dann brauchte ich beim Anblick eines Löwen nicht auszureißen; Vorstellungen fressen nichts.“

 

Sie haben jetzt eine Schlußfolgerung gezogen, die nur im traditionellen, aber nicht im postmodernen Modell gerechtfertigt ist:

Wir streichen zwar die objektive Welt mit ihren Seienden, aber damit keineswegs unsere Wahrnehmungen. 

Nur traditionell sind diese an jene gebunden. Ihr Löwe ist also postmodern kein Seiendes, aber nichtsdestotrotz sind Löwen-Wahrnehmungen möglich. Es gibt sie zum Beispiel innerhalb der Savannen-Wahrnehmung unter der Sonnen-Wahrnehmung bei einer furchtbaren Hitze-Wahrnehmung . . .

Postmodern unterscheidet sich Ihre wirkliche Situation als Tourist folglich in keiner Weise von der traditionellen, so daß Sie weiterhin die gleichen starken Gründe haben auszureißen. Bitte tun Sie’s! 

 

AD: „Weshalb? Wahrnehmungen beißen ebensowenig wie Vorstellungen.“

Sind Sie sich dessen mal nicht zu sicher; die traditionellen Wahrnehmungen beißen gewiß nicht, denn sie stellen ja bloße Abbildungen dar, die – genau wie die Vorstellungen – rein geistig sind und sich mit letzteren gemeinsam in unserer Psyche befinden.

Ohne das Abbilden entfällt diese in der Postmoderne, so daß Ihre Beruhigung von soeben hinfällig wird.

 

Mit anderen Worten:

Die Tradition sagt: Dort ist ein wirklicher Löwe, und von ihm geht Gefahr aus.

Die Postmoderne korrigiert nicht die Löwen-Wahrnehmung, sondern lediglich ihre traditionelle Erklärung. Gefährlich ist in beiden Fällen die Löwen-Wahrnehmung; dafür bedarf es keines Löwen, denn die Gefahr kann nicht erst durch ihre Erklärung zustande kommen. 

AD: „Stimmt; dann ist mir aber unklar, wo die Wahrnehmungen eigentlich sein sollen.“

 

Ich denke, das ist nur so einfach, daß Sie es vielleicht gar nicht glauben wollen: 

Löwe, Savanne, Sonne und Hitze sind

– – mit der Tradition – Wahrnehmungen, aber

– – anders als bei ihr – befinden sich diese

  — nicht mehr als Kopien in der Psyche, sondern

  — als Originale in Afrika, auf der Erde und demzufolge in der Welt.

AD: „Aber die gibts doch gar nicht mehr!“

Wir nehmen in der Postmoderne nur die Seienden oder die objektive Welt weg. Damit verschwindet jedoch – überraschenderweise – nicht alles, sondern es bleibt unsere jeweilige subjektive Welt der Wissungen zurück. 

 

Ausführlicher:

Sowohl traditionell als auch postmodern verfügen wir alle über Wissungen. Zu den meinigen gehört beispielsweise, daß unsere Sonne acht Planeten besitzt, welche jene auf Ellipsenbahnen umkreisen.

Zu Beginn unserer Überlegungen hatten wir gesehen, daß Wissungen stets der Referenten bedürfen, denn wer von nichts „weiß“, weiß gar nicht. Traditionell bestehen sie (zumindest auch) in den Seienden. Postmodern nehmen wir diese weg, müssen bei den Konsequenzen, die sich daraus ergeben, jedoch zwischen den beiden Modellen unterscheiden:

 

Traditionell werden in unserem Beispiel nicht nur die Himmelskörper gestrichen, sondern auch wir Subjekte und damit natürlich sämtliche Wissungen. Das wäre die Konsequenz, die wir spontan vielleicht ganz allgemein erwartet hätten; postmodern ergibt sie sich jedoch nicht:

Sonne und Planeten werden gecancelt, aber wir sind keine Subjekte, sondern Subjektivitäten, die weiterhin über Wissen verfügen.

AD: “ . . ., das es aber ohne Referenten gar nicht mehr geben kann.“

Ohne Referenten nicht, sehr wohl aber ohne Seiende.

Nehmen wir letztere weg, führt dies aus postmoderner Sicht zu zwei fundamentalen Konsequenzen:

1. Es entfällt der Glaube an eine Hinterwelt, die zwar prinzipiell unerreichbar ist, von der die Tradition aber dennoch zu wissen meint.   

2. Damit gibt es auch kein Argument mehr für die „objektive“ – besser: vollkommen intersubjektive – Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Wissungen.

Jeder besizt seine eigenen, denn Wissungen können lediglich subjektiv und damit höchstens mehr oder weniger intersubjektiv sein.  

AD: „Das finde ich stark; letztlich sagen Sie also etwas ganz Einfaches:

 

1. Jede Subjektivität verfügt über ihre eigenen Wissungen.

Sie sind nicht durch Erkennen oder Repräsentieren entstanden, sondern ergeben sich aus dem bisherigen Leben; Elternhaus, Schule, Freunde, Bücher, Ausbildung, Lieder . . .

Dafür ist keine objektive Welt erforderlich, sehr wohl aber die Sprache (im weitesten Sinne). Wir haben unglaublich viel gehört oder gelesen; das meiste davon wieder vergessen bzw. ignoriert und einiges behalten

 

2. Die Gesamtheit unserer Wissungen bildet die gegenwärtige subjektive Welt.

Deswegen konnten Sie oben sagen:

‚Löwe, Savanne, Sonne und Hitze sind

– – mit der Tradition – Wahrnehmungen und damit Wssungen, aber

– – anders als bei ihr – befinden sich diese

  — nicht mehr als Kopien in der Psyche, sondern

  — als Originale in Afrika, auf der Erde und demzufolge in der subjektiven Welt.‘

 

Der Dürstende in der Wüste schleppt sich beispielsweise über den großen Sandhügel;

– nicht weil sich dort eine seiende Oase befindet – woher sollte er von ihr wissen? –, sondern

– weil er durch sein Tagebuch über eine Oasen-Vorstellung-hinter-dem-Hügel verfügt, die später

– hoffentlich durch eine Oasen-Wahrnehmung-hinter-dem-Hügel bestätigt werden wird.

Wissungen sind richtig bzw. falsch, allein weil sie verifiziert bzw. falsifiziert werden können. 

Wir kommen nicht aus den Wissungen unserer subjektiven Welt heraus.“

 

Sie bestehen aus Wahrnehmungen und Vorstellungen. Fassen wir letztere im Weltbild zusammen, so ergibt sich die „Formel“:   Welt   =   Weltbild + Wahrnehmungen

AD: „Damit verallgemeinern Sie die Religionskritik von Ludwig Feuerbach auf die gesamte Welt?“

Ja; sehr richtig.

 

Feuerbach hatte natürlich Recht damit, daß ein seiender Gott nur eine Projektion unserer Vorstellungen sein kann.

Mir ist aber vollkommen unbegreiflich, wieso er diesen Fehler der Tradition beim Kosmos nicht auch gesehen haben soll. Es handelt sich doch haarscharf um den gleichen Irrtum, der aber auch gar nichts mit Gott oder Nicht-Gott zu tun hat; das ist kein theologischer Fauxpas, sondern ein philosophischer:

Die Tradition kehrt

– ihren tatsächlichen Denkweg, der vom subjektiven Wissen zur angeblich objektiven Welt als dessen Projektion führt, in

– einen falschen um, der angeblich von der objektiven Welt zum objektiven Wissen als deren Abbild verläuft. 

 

AD: „Die Postmoderne ist ehrlicher und projiziert nicht(s), muß aber als Preis dafür

– auf die Behauptung verzichten, über richtiges bzw. vollkommen intersubjektives Wissen zu verfügen und somit

– zugeben, daß wir uns lediglich an subjektivem und entsprechend unsicherem Wissen orientieren können.