1.2. Welt und Weltbild

AD: „Vor längerer Zeit schon hatte ich gefragt, was wir mit den Worten ‚Löwe‘, ‚Savanne‘ oder ‚Afrika‘ bezeichnen, wenn es keine Seienden mehr geben soll.

Es können doch keine subjektiven Vorstellungen meines Weltbilds sein, denn dann brauchte ich beim Anblick eines Löwen nicht auszureißen; Vorstellungen fressen nichts.“

 

Sie haben jetzt eine falsche Schlußfolgerung gezogen:

Wir streichen zwar die objektive Welt, aber damit keineswegs unsere Wahrnehmungen. Nur traditionell sind diese an jene gebunden; postmodern haben die beiden nichts miteinander zu tun. Ihr Löwe beispielsweise ist also kein Seiendes in der objektiven Welt, aber nichtsdestotrotz sind Löwen-Wahrnehmungen möglich; etwas ausführlich:  

Es gibt Löwen-Wahrnehmungen in der Savannen-Wahrnehmung unter der Sonnen-Wahrnehmung bei einer furchtbaren Hitze-Wahrnehmung . . .

Auch traditionell konnten Sie – ohne Seiende – gar nichts anderes haben, und es bestehen auch postmodern weiterhin gute Gründe auszureißen. 

 

AD: „Weshalb? Wahrnehmungen beißen ebensowenig wie Vorstellungen.“

Sind Sie sich dessen mal nicht zu sicher; die traditionellen Wahrnehmungen beißen gewiß nicht, denn sie stellen ja bloße Abbildungen dar, die – genau wie die Vorstellungen – rein geistig sind und sich mit letzteren gemeinsam in unserer Psyche befinden.

Ohne das Abbilden entfällt diese in der Postmoderne, und was dabei aus den Wahrnehmungen wird, wissen wir noch gar nicht.

AD: „Stimmt; dann ist mir aber unklar, wo die Wahrnehmungen und Vorstellungen eigentlich sein sollen.“

 

Ihre Frage ist falsch gestellt, weil sie auf einen Ort zielt. Es ist nicht nur alles andere als selbstverständlich, daß sich die Wahrnehmungen und Vorstellungen irgendwo befinden, sondern sogar unmöglich

Natürlich können wir zum Beispiel das Urmeter in Paris problemlos wahrnehmen oder uns vorstellen; aber weder seine Wahrnehmung noch die entsprechende Vorstellung ist einen Meter lang; vielmehr sind beide unräumlich. 

Eine ganz ähnliche Überlegung hatten wir oben schon hinsichtlich der Psyche angestellt und waren dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß auch sie

– keine Dimensionen besitzt und somit

–  einem mathematischen Punkt entspricht.

Dessen Existenz kann an jedem Ort behauptet, aber an keinem nachgewiesen werden.

Viele Menschen gehen davon aus, daß sich die Wahrnehmungen und Vorstellungen in unserem Gehirn befinden würden. Beweisen Sie einmal, daß das nicht stimmt; aber die linke Kniescheibe wäre natürlich ebenso möglich. 

 

AD: „Einverstanden: 

Es gibt für mich Löwen, Savannen und Afrika sowohl als Wahrnehmungen wie auch als Vorstellungen. Ich verstehe beide Wissensarten noch nicht; aber um Wissungen muß es sich handeln, denn ohne Seiende kommen ja gar keine anderen Referenten infrage.

Die Gesamtheit meiner Wissungen bildet das in sich abgeschlossene subjektive Weltbild. Es ergibt sich als (ein) Resultat aus meinem bisherigen Leben; Elternhaus, Schule, Freunde, Bücher, Ausbildung, Lieder . . . Dafür ist keine Welt erforderlich, sehr wohl aber die Sprache (im weitesten Sinne). Wir haben unglaublich viel gehört oder gelesen; das meiste davon wieder vergessen bzw. ignoriert und einiges behalten – unser Weltbild eben. Teile davon glauben wir (Feldhasen, Nashörner oder Erdmenschen) und anderes nicht (Osterhasen, Einhörner bzw. Marsmenschen).

Mit Sicherheit sind nicht alle Weltbilder möglich, denn einige werden beim weiteren Procedere auf Widersprüche führen. Aber die Anzahl der denkbaren Weltbilder dürfte gewaltig sein, wenn wir nur anschauen, was von den uns bekannten Kulturen alles so geglaubt wurde bzw. wird. 

 

Woher sonst sollten meine Wissungen kommen, wenn es keine objektive Welt gibt?

Ich bin jedoch fest überzeugt, in einer Welt zu leben.

Aber auch das Problem läßt sich vernünftig lösen:

Die Tradition glaubt, das Weltbild sei ein sekundäres Bild von der primären Welt, weil wir letztere abbilden würden.

Auch postmodern ist das Weltbild ein Bild von der Welt; nur der Zusammenhang zwischen beiden kehrt sich um, weil mein Weltbild primär ist: Die subjektive Welt ergibt sich als dessen Projektion in das Nichts.“

  

Ich bin ganz einverstanden; es sollte nur sehr deutlich werden, daß wir mit unserem Ansatz keine bloße Alternative zum traditionellen Denken anbieten, sondern letzteres unmöglich ist:

Wenn es tatsächlich Seiende gäbe, könnten sie zwar – in oder an sich selbstdie verrücktesten Eigenschaften besitzen, dürften aber nicht mit anderen Seienden verbunden sein. Besteht zwischen zwei „Seienden“ irgendeine reale Beziehung, so sind es keine zwei Seienden, sondern die drei Bestandteile eines zusammengsetzten Seienden: „Seiendes(1)“ plus Relation plus „Seiendes(2)“; Erde plus Anziehungskraft plus Mond beispielsweise.

Alles Abbilden, Wahrnehmen oder Erkennen setzt aber irgendein Wechselwirken voraus, so daß wir niemals von wirklichen Seienden wissen könnten. Jedes „Seiende“ ist entweder von jedem anderen perfekt isoliert und damit ein „Solipsist“ – oder kein Seiendes.

(Das Wort kommt von „solus“ / „allein“, und man bezeichnet damit eine Subjektivität, die von sich glaubt, die einzige Subjektivität überhaupt und deswegen ganz allein zu sein. Das klingt gewiß irrsinnig, aber sauber widerlegt werden kann der Solipsismus meines Wissens nicht.

Warum soll ich beispielsweise nicht ein Buch schreiben, obwohl ich überzeugt bin, daß es keine Leser gibt? Ich schreibe halt gern.)

Wenn wir den Gedanken von soeben weiterspinnen und – etwa im Sinne der heutigen Physik – jede Realität mit jeder anderen wechselwirkt, kann es folglich überhaupt keine Seienden geben. Die einzige Ausnahme wäre die gesamte objektive Realität.  

 

AD: „Das führt uns zu einer sauberen Verallgemeinerung der Religionskritik von Ludwig Feuerbach. Er hatte natürlich Recht damit, daß der seiende Gott nur eine Projektion darstellt.

Wir korrigieren ihn lediglich dahingehend, daß hierin kein spezieller Fehler der Gläubigen besteht, sondern dabei der Grundwiderspruch des gesamten traditionellen Denkens – in Theologie, Naturwissenschaft, Alltag usw. – zum Ausdruck kommt:

Die Traditon kehrt

– ihren tatsächlichen Denkweg, der vom Weltbild zur Welt als dessen Projektion führt, in

– einen falschen um, der angeblich von der Welt zum Weltbild als deren Abbild übergeht. 

 

Damit wird auch vollkommen verständlich, wie Ihr postmodernes Denken ganz ohne eine Welt auskommen kann:

Exakt so wie das traditionelle – nur ehrlicher.

Weder belügen Sie sich selbst, noch versuchen Sie andere zu täuschen.

Tradition und Postmoderne haben das Weltbild gemeinsam.

Jene fügt ihm willkürlich eine Welt hinzu, um die Wahrnehmungen verständlich zu machen. Das funktioniert zwar auf den ersten Blick, kann mit dem zweiten jedoch durchschaut werden:

Es funktioniert ja auch, wenn der Donner mit Donar erklärt wird; befriedigt uns aber nicht (mehr).

Wie oft wurde Gott in der Theologie als Lückenbüßer benutzt, um offene Fragen zu beantworten.

Die Postmoderne zeigt uns, daß wir Gott dafür nicht brauchen; diese Funktion übernimmt traditionell schon die Welt.“