In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte des Inhalts zusammenfassend wiederholt, damit die Studenten sich das neue Wissen möglichst fest einprägen.
Bei uns geht es jedoch nicht um das Lernen von Sachverhalten, sondern um das Korrigieren von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe; nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Reflexionsniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen:
Wo befinden wir uns, und weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen?
Was erweist sich aus dieser neuen Perspektive als falsch an dem alten Weg?
Welche überraschenden Möglichkeiten eröffnet der neue?
AD: „Ja; das würde mich auch interessieren . . .
Ich habe ernsthaft versucht, Ihnen zu folgen; das war jedoch ein ziemliches Auf und Ab; gegenwärtig erscheint mir Ihre Idee, die objektive Wirklichkeit canceln zu wollen, wieder einmal als absurd:
Wir würden nach der Arbeit die Wohnung nicht finden, könnten keine Freunde wiedererkennen oder wären unfähig, ein bestimmtes Buch im Regal zu suchen.
All das funktioniert doch nur, weil
– die objektive Wirklichkeit der Seienden nicht nur existiert, sondern
– auch hinreichend stabil ist, so daß
– wir sie in der Psyche repräsentieren können,
– um uns an diesen Vorstellungen zu orientieren.
‚Die Wohnung befindet sich dort hinten, das ist Moritz, und mein Buch hatte ich gestern hier abgelegt, so daß es noch da sein müßte.'“
Ich gehe gleich auf Ihren Einwand ein; aber es ist wohl hilfreich, wenn wir zuvor noch andeuten, worin nicht nur das Ziel dieser Zusammenfassung, sondern die Perspektive all unserer Überlegungen besteht.
Wir können das Bewußtsein sinnvoll in drei Teile aufgliedern, die in etwa den Registern von Jacqes Lacan entsprechen.
| Bewußtsein | |||||
| Zeitigen – ein gerichteter Vollzug | |||||
| – „Sündenfall“ → | – „Erlösung“ (?) → | ||||
| – Diskretisieren → | – Integrieren (?) → | ||||
| – Sagbar-Machen → | – Wahrer-Machen (?) → | ||||
| – Zeitigen zum Wissen → | – Zeit. z. wahreren Wissen (?) → | ||||
| Gegenwart | Vergangenheit | Zukunft | |||
| Reales | Symbolisches | Imaginäres | |||
| Ganzheit | Vielheit | ||||
| Erstmaliges | Wiederholtes | Einheit des Zeitigens für das | |||
| sich daraus ergebende Selbst | |||||
| Wissungen | |||||
| – Sedimentierungen | Subjektivität | ||||
| — Wahrnehmungen | |||||
| — Vorstellungen | Freiheit | ||||
| zeitigt sich in jedem Bewußtsein | ↓ | ||||
| – Geschichten | – Verstrickter | ||||
| Träger des Aktes der Freiheit | |||||
| „mir oder mich“ | |||||
| —————– | denk-, wiß- und sagbar | —————– | |||
| – Sich-als-angesprochen-Erfahren | |||||
| Akt der Freiheit | |||||
| Antworten oder Handeln | |||||
| – Selbst | |||||
| Resultat des Aktes der Freiheit | |||||
| Selbst-Ich . . . Selbst-Wir | |||||
Abbildung 1.9.
„Das“ und nicht „mein Bewußtsein“ zu schreiben, war Absicht, denn ich gehe als Subjektivität erst aus dem Bewußtsein hervor, so daß ich die Subjektivität des Bewußtseins bin.
Die Frage „welchen Bewußtseins?“ stellt sich nicht. Keineswegs weil in unseren Überlegungen nur eines vorkommt, vielmehr weil Bewußtsein nicht zu den Wissungen gehört, aber nur diese gezählt werden können. Der Singular von Bewußtsein meint also nicht die Anzahl 1, sondern daß es sich hierbei um eine Singularetantum handelt wie bei Lärm, Sprache oder Mathematik beispielsweise. Was es nicht mehrmals geben kann, ist auch nicht einmal möglich.
Die meisten Ereignisphilosophien korrigieren die Tradition dahingehend, daß die Wirklichkeit nicht vorhanden sei, sondern sich ereignen würde. Wir gehen noch darüber hinaus und bestreiten jegliche (Form von) Wirklichkeit, die etwas tut; vielmehr ist der Vollzug, das Tun, Sich-Ereignen oder -Zeitigen selbst die Wirklichkeit.
Das widerpricht uns sponten, weil die traditionelle Philosohie eine solche der Substantive darstellt.
„Was tanzt ihr?“ „Einen Tanz.“
„Was weht draußen?“ „Der Wind.“
„Was dreht sich dort?“ „Ein Strudel.“
Postmodern versuchen wir es anders:
Das Tanzen ist der Tanz; das Wehen ist der Wind; das Strudeln ist der Strudel, das Fließen der Fluß und das Spielen das Spiel.
Es ist keine Wirklichkeit vorhanden, die unseren Bewußtseinen zugrunde liegt, sondern sie sind alle dem gleichen Erstmaligen ausgesetzt; auch das ist eine Singularetantum.
Das Zeitigen ist ein gerichteter, dauernder Vollzug; er führt zum Erstmaligen und über dessen notwendige Diskretisierung hinaus zu den Subjektivitäten, deren (verbales) Antworten oder Handeln wiederum dem Zeitigen angehört.
Die Postmoderne geht also völlig anders vor als die Tradition. Diese setzt voneinander getrennte Subjekte voraus und sucht nach Gemeinsamkeiten oder Möglichkeiten des Zusammenspiels.