Der Grundfehler des traditionellen Denkens zeigt sich bei unserem obigen Beispiel daran, daß die materiell-wirkliche Haus-Erfahrung zum geistig-unwirklichen Abbild in der Psyche wird. Eine solche Vertauschung ist postmodern zwar nicht mehr möglich, weil wir diesen Außen-Innen-Dualismus durch den Übergang zum Bewußtsein aufgehoben haben, aber was ergibt sich daraus konstruktiv?
Die Tradition argumentiert, daß wir die Haus-Erfahrung nicht haben könnten, wenn es das Haus nicht gäbe, und spaltet letzteres deswegen von der Haus-Erfahrung ab, was verallgemeinert zur Welt der Seienden führt.
Postmodern gilt dagegen, daß unsere Haus-Erfahrung unmöglich wäre, würden wir nicht leben; ich halte das für zwingend(er). Demzufolge dürften wir das Stabile nicht auf der objektiven Seite der Haus-Erfahrung abspalten, sondern müßten dies auf ihrer subjektiven Seite tun.
Aber worin besteht dieses Stabile?
Wir sind immer in irgendeiner Situation; ohne sie, im Nichts oder „Vakuum“ gibt es keine Subjektivität. Zum Beispiel gehe ich die Wiesenstraße entlang; die Situation erweist sich natürlich immer als eine andere; sie ist stets einmalig und damit zwangsläufig sogar erstmalig. Ich habe zwar jedes Mal unsere Haus-Wahrnehmung, aber wegen der Erstmaligkeit der Situation kann sie sich immer nur näherungsweise wiederholen.
Die Tradition sagt: Klar; wir gehen ja hin, weil dort unser identisches Haus steht.
Postmodern nutzen wir dagegen unser Verfügen-Können, um die näherungsweise identischen Haus-Wahrnehmungen zu bewirken.
Nehmen Sie diesen letzten Absatz nicht zu wörtlich; unser Beispiel muß nicht nur verallgemeinert, sondern vor allem korrigiert werden; es ist höchstens didaktisch hilfreich. Mein Fehler soeben bestand darin, daß ich die Subjekt-Objekt-Spaltung vorausgesetzt habe.
Die Subjektivität besteht in der Einheit von Verstricktem und Antwortendem, so daß es uns erst durch das Verstrickt- und Angesprochen-Werden geben kann. Wir müssen diese beiden Aspekte folglich ohne uns und damit auch ohne Subjekt-Objekt-Spaltung erklären, denn was gar nicht existiert, läßt sich auch nicht abspalten.
Die Wirklichkeit zei(ti)gt sich in der jeweiligen, aber stets erstmaligen Situation, in der sich Wahrnehmungen sowie Vorstellungen näherungsweise wiederholen.
Theoretisch könnten wir nun folgendermaßen fortfahren:
Die Verstehungen ändern sich kontinuierlich in der vergehenden Zeit und bringen dadurch wieder eine erstmalige Situation mit Wissungen hervor, die sich kontinuierlich ändern und somit erneut . . .
Dieser Ansatz bildet die Grundlage allen Kausaldenkens; er bewährt sich fast immer, und ist schier unentbehrlich im Alltag, sowie in der Technik oder Einzelwissenschaft. Wenn wir voraussetzen, daß B von A bewirkt wird, muß das Geschehen jedoch bereits in bestimmte Entitäten zerlegt sein, die
– mit sich selbst identisch sind,
– sich voneinander unterscheiden und
– gewußt, das heißt,
– mit dem Blick von nirgendwo oder von außen geschaut werden.
Über einen solchen Blick verfügen wir nicht.
AD: „Also dürften wir die Kausalität gar nicht benutzen?“
Doch; aber wir müßten sie als ein bloßes Modell betrachten, das es uns gestattet, zahllose Probleme oder Rätsel zu lösen. Wir versuchen es also im Alltag, in der Technik und Einzelwissenschaft auf diesem Wege – freilich ohne jede Rechtfertigung –, und wenn unsere Ziele so erreicht werden, ist es prima; mehr geht in diesem Zusammenhang ja gar nicht.
Wir dürfen die Kausalität jedoch nicht als Wirklichkeit betrachten, denn sie ist ein reines Denkwerkzeug, das nur zwischen Wissungen vermittelt.
Als solches ist es unersetzlich, und die Tradition weiß auch sehr genau, worin die hierfür erforderlichen Entitäten A, B, C . . . bestehen; natürlich in den Seienden.
Für uns stellt sich dagegen die Frage, wie diese Entitäten entstehen.
Exakt an dieser Stelle waren wir bereits einmal zu Beginn unserer gemeinsamen Überlegungen, und der Einfachheit halber wiederhole ich das Dortige einfach:
„Wir besitzen dem traditionell-modernen Denken zufolge einen direkten oder unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit; die Seienden liegen praktisch wie auf einem Präsentierteller vor uns ausgebreitet, so daß wir sie mittels der Sprache bezeichnen können.
‚Löwe‘ beispielsweise meint angeblich den Löwen, der in Afrika durch die Savanne streift.
Zu sagen, ihn, Afrika und die Savanne gäbe es in der Postmoderne nicht mehr, wäre offensichtlich Unsinn; wir entleeren die Welt nicht, sondern wollen sie nur verstehen.
Damit stellen sich uns zwei brennende Fragen:
1. Was bedeutet es, daß die Wirklichkeit – nicht in Seienden besteht, sondern – sich zeitigt?
2. Was bezeichnen wir eigentlich mit den Worten ‚Löwe‘, ‚Afrika‘ oder ‚Savanne‘, wenn es keine Seienden (mehr) gibt?
Einerseits haben wir letztere als bloße Konstruktionen durchschaut; andererseits bestreiten wir natürlich nicht, daß der Löwe in Afrika wirklich durch die Savanne streift.“
Unsere Antwort besteht, wie schon oft angedeutet, natürlich darin, daß die Wirklichkeit sich zei(ti)gt. Was damit gemeint ist, sollte durch die Gegenüberstellung mit dem kausalen Denken wieder ein wenig deutlicher werden:
| Tradition | Postmoderne | |
| Kausalität | Sich-Zeitigen | |
| Außenperspektive | Mitspieler | |
| Distanz | Vollzug | |
| Blick von nirgendwo | in Geschichten verstrickt | |
| Wissen | Wirklichkeit | |
| Operieren mit Wissungen | Entstehen der Wissungen |
Abbildung 1.9.4.
Kommen wir auf unser momentanes Zwischenziel zurück; es besteht in einer Antwort auf die Frage, wie sich Stabilität ohne Kontinuität – der Seienden – denken lassen könnte, und unser Vorschlag lautet:
1. Die postmoderne Stabilität wird – im Gegensatz zu der traditionellen – nicht (mehr) durch identische Seiende erzwungen, sondern stellt eine Option dar, die gewählt werden kann.
2. Die hierfür bereitstehenden Möglichkeiten entsprechen dem Verfügbaren an unserer Situation.
3. Während die Tradition also aus den „Wahrnehmungen der Seienden“ die Seienden als kontinuierlich-stabil ausgliedert, betrachten wir das Verfügbare der Situation als diskontinuierlich-stabil.
AD: „Dieser Wandel ist gewaltig, denn er schlägt ja fast in sein Gegenteil um:
Das Stabile oder dasjenige, was die Stabilität ermöglicht, wechselt damit
– von den identischen Seienden der objektiven Welt
– zu den Verfügbarkeiten (in) der subjektiven Situation.
Daß wir mit ihnen die Stabilität der eigenen Welt selbst erzeugen können, ist
– einerseits sehr überraschend oder beeindruckend,
– andererseits aber auch höchst gefährlich:
Wenn jeder selbst seine eigene Welt stabilisieren kann, dürfte ein friedliches Zusammenleben sehr schwierig werden . . .“
Ja; das Ganze ist in der Tat auch für mich erstaunlich. Nur bei Ihrem letzten Punkt würde ich Sie gerne etwas beschwichtigen wollen; er ist nicht ganz so hoffnungslos, weil die Stabilisierungen
– zwar subjektiv sein müssen, aber
– nicht rein subjektiv erfolgen können,
so daß auch postmodern die erforderliche (teilweise) Intersubjektivität immer schon vorhanden ist.
Wir müssen bei den Wahrnehmungen zwischen den rein subjektiven und den (teilweise) intersubjektiven unterscheiden; andernfalls läßt sich unser gegenwärtiges Problem gar nicht verstehen.
Ich kann beispielweise eine Gestalt sehen oder eine Stimme hören – und damit ganz allein dastehen; keiner bestätigt meine Wahrnehmungen. Das ist nicht an den Haaren herbeigezogen; viele Privatoffenbarungen, Erscheinungen oder Gotteserfahrungen werden in dieser Form beschrieben.
Ludwig Wittgenstein folgend sprechen wir hierbei von Privat-Wahrnehmungen. Wir schließen uns ihm auch dahingehend an, daß kein Grund zu bestehen scheint, weshalb sie unmöglich sein sollten. Wieso kann ich nicht etwas, sehen, hören, fühlen oder ahnen, was sonst niemandem möglich ist?
Das Problem, das die Privat-Wahrnehmungen uns bereiten, ist meines Erachtens ein ganz anderes:
Werden sie „wiederholt“ – einerlei ob als Wahrnehmung, in der Erinnerung oder beim Davon-Berichten –, kann diese „Wiederholung“ wegen der vergangenen Zeit nicht an das Original gehalten und mit ihm verglichen werden. Nachweisbare Wiederholungen sind somit ausgeschlossen, und es gibt nur geglaubte Wiederholungen.
(Unsere Begründung ist als Wittgensteins Privatsprachen-Argument bekannt.)
AD: „Dagen ist kein subjektives Kraut gewachsen; wenn überhaupt läßt sich diese Schwierigkeit nur intersubjektiv lösen.“
Richtig; je mehr Zeugen bei einem Unfall, vor Gericht, im Untergrund oder wo auch immer einander ergänzende Wiederholungen vorbringen, um so größer wird unser Glaube daran, daß das Original diesen tatsächlich sehr ähnlich gewesen sein dürfte.
Damit können wir endlich zusammenfassen:
Postmodern wird die Stabilität unserer subjektiven Welt dadurch ermöglicht, daß in der jeweiligen Situation Wahrnehmungen
– verfügbar sind, die
– intersubjektiv bestätigt werden können.
Derartige Wahrnehmungen nennt Wittgenstein „Sprachspiele“; Praktiken wäre ebenfalls ein gängiger Begriff.
Sein Paradebeispiel für Sprachspiele sind die „Bauarbeiter“:
Der Meister sagt „Ziegel“ oder nennt einen anderen Gegenstand, und daraufhin holt sein Geselle einen Ziegel bzw. das anderweitig Gewünschte.
Der alles entscheidende Punkt für das Verständnis der Sprachspiele ist dabei das Folgende:
Es spielt keinerlei Rolle, was sich Meister und Geselle unter einem Ziegel rein subjektiv vorstellen, wofür sie ihn halten, was er ihnen bedeutet und ähnliches. Wichtig ist ausschließlich das „zweisam“-intersubjektive Tun, daß der Geselle einen Ziegel bringt, wenn der Meister „Ziegel“ sagt.
Es geht bei den Sprachspielen also tatsächlich nur um Wahrnehmungen:
Der Meister hat die Arbeitsstelle, den Gesellen und seine Bausteine vor Augen.
Der Geselle ebenfalls und zusätzlich noch im Ohr, was aus dem Mund des Meisters kommt. Ob er ihn subjektiv richtig versteht, ist völlig belanglos; er handelt intersubjektiv richtig und allein das läßt sich wahrnehmen. Daß er Ziegelsteine gegebenenfalls für Goldbarren hält, tut dem Spachspiel keinen Abbruch; die beiden arbeiten trotzdem phantastisch zusammen.
Der Meister denkt vielleicht daran, daß er bald in Rente geht und sich dann endlich nicht mehr über „diesen Heini“ ärgern muß, während der Geselle die schweren Goldbarren verflucht.
Aus dem Mund des Meisters kommt das Wort „Ziegel“, und daraufhin trägt der Geselle immer wieder ein ganz bestimmtes Ding „außen“ herbei. Solange dieses Miteinander funktioniert, liegt ein stabiles Sprachspiel vor; sollen doch alle Beteiligten rein subjektiv oder „innen“ denken, wünschen, bedauern, hoffen usw., was sie wollen.
Das „Innen“ bzw. rein Subjektive verliert in den Sprachspielen jeglichen Sinn oder Einfluß und kann verlustlos gestrichen, bei Wittgenstein „herausgekürzt“ werden.
AD: „Die Tradition steht hierbei vor der Schwierigkeit, daß der Geselle
– in seinem Innen verstehen muß, was er tun soll, damit er
– es wirklich wollen und danach
– in seine äußere Handlung umsetzen kann.
Ich fürchte, daß dieses Problem unlösbar ist.“
Davon bin ich sogar überzeugt; zum Glück haben wir es nicht, weil lediglich ein Scheinproblem vorliegt, das die Postmoderne durch ihr Überwinden des Außen-Innen-Dualismus beseitigt.
Wittgenstein drückt diese Einsicht folgendermaßen aus:
„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in dem jeweiligen Sprachspiel.“
Ausführlicher und hoffentlich verständlicher meint Wittgenstein damit meines Erachtens:
Die Bedeutung eines Wortes befindet sich nicht innen, sondern dort, wo auch das Wort in Erscheinung tritt und seine Wirkung entfalten kann. Das sind die Wahrnehmungen die nicht einem angeblichen Außen, sondern – wie die Vorstellungen – dem Bewußtsein angehören.
Die Wirkung des Wortes ist sein Gebrauch in dem jeweiligen Sprachspiel. Und alle Subjektivitäten, die in hinreichender Näherung mitspielen, bilden die zugehörige Sprachspiel-Gemeinschaft. Wer ihr angehört, wird an den Wahrnehmungen deutlich.
Nun brauchen wir uns wohl nicht mehr auf Wittgensteins Paradebeispiel zu beschränken.
Sprachspiele sind stabil(isiert)e Praktiken oder Verhaltensweisen, mittels derer wir unser Zusammenleben organisieren. Alle verfügbaren, das heißt,
– in wechselnden Situationen
– näherungseise wiederholbaren
Wahrnehmungen kommen dafür infrage. Grüßen, Laufen, Schlafen, Spielen, Rechnen, Beten, Versprechen, Lieben; selbst das Stolpern, Weinen oder Niesen kann etwa ein Schauspieler bis zur Perfektion beherrschen.
Daß es sich tatsächlich um Sprachspiele handelt, zeigt mir einerseits freilich erst ihre Bestätigung. Ich gehe beispielsweise Spazieren und grüße alle Entgegenkommenden freundlich. Erwidern fünf von ihnen nacheinander meinen Gruß nicht, komme ich ins Grübeln und muß mich zwicken.
Andererseits können wir
– einen völlig fremden Menschen – vorausgesetzt, er kennt die jeweiligen Sprachspiele, –
– bei (nahezu) jeder Gelegenheit fragen,
ob er mitspielt oder lieber schlafen möchte, warum er unseren Gruß nicht erwidert usw.