AD: „Ihre Zusammenfassung läuft auf eine große Reduktion hinaus, die auch unter der Überschrift ‚Was gibt es eigentlich noch?‘ stehen könnte. Und da bleibt nicht viel . . .“
Da haben Sie Recht. Aber ich glaube, daß so ein gründliches Aufräumen auch unbedingt notwendig ist.
Die Erfahrungswissenschaften nutzen ihre Praktiken, experimentieren vielleicht, sammeln Beispiele, erheben Umfragen und Ähnliches; sie haben alle etwas „Handfestes“ zum Zeigen und Beschreiben.
Das ist in der Philosophie ganz anders. Hier gibt es nichts dergleichen, sondern uns stehen nur Begriffe zur Verfügung, mit deren Hilfe wir Begriffe untersuchen. Das ist das Schöne am Denken. Jeder kann es ganz allein tun, benötigt weder Hilfsmittel noch Annahmen und bekommt in logischen Widersprüchen die Rückmeldung „falsch“.
Die Logik hat jedoch absolut nichts mit dem Sinn unserer Aussagen zu tun, sondern beinhaltet von ihnen nur die Werte „richtig“ bzw. „falsch“.
Unter der Implikation A → B versteht man zum Beispiel den rein logischen und vom Inhalt völlig unabhängigen Zusammenhang „wenn A richtig ist, muß auch B richtig sein“ oder kürzer „aus A folgt B“. Somit gibt es in diesem (recht häufig vorkommenden) Fall nur die Warnung „Vorsicht Widerspruch!“, falls A richtig und B trotzdem falsch ist.
Positiv formuliert bedeutet das aber doch:
Die Alternative A → B ist immer richtig, wenn wir
– für A etwas Falsches – „Der Mond besteht aus Käse“ zum Beispiel – oder
– für B etwas Richtiges – „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ – einsetzen.
Darin zeigt sich die „negative Seite“ des reinen Denkens oder der puren Begrifflichkeit:
Wir können praktisch unendlich viel (logisch) Richtiges formulieren, das
– aber auch nicht das Geringste mit der Wirklichkeit zu tun hat und
– möglicherweise sogar himmelschreienden Blödsinn darstellt.
Warum habe ich diesen logischen Exkurs eingeschoben?
Er sollte Ihnen verdeutlichen, daß wir sauber definierte und möglichst gründlich durchschaute Begriffe benötigen, wenn unser Denken zu einem halbwegs sinnvollen Ergebniss führen soll. Natürlich können auch die exaktesten Begriffe letzteres nicht garantieren, aber ohne sie kann jedes Philosophieren nur schiefgehen.
Was bleibt also nach dem Aufräumen des traditionellen Denkens?
1. Die Wirklichkeit
Sie ist kein Wissen und kann somit
– weder gewußt
– noch bestritten und
– weder vorhanden sein
– noch gezählt werden.
Die Wirklichkeit ist ein Singularetantum, das sich nicht – wie in der Philosophie des Ereignisses – zei(ti)gt, sondern im Sich-Zei(ti)gen besteht.
2. Wissungen
Wir unterscheiden Geschichten und Sedimentierungen, wobei letztere aus Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht. Ohne Sedimentierungen gäbe es keine Geschichten, und sämtliche Wissungen sind (im allgemeinen) entweder richtig oder falsch; was von beiden ist uns jedoch keineswegs immer bekannt.
3. Zeitigen
Wir verstehen darunter einen gerichteten Vollzug.
(1) Die Wirklichkeit besteht im Sich-Zei(ti)gen zur Einheit des Erstmaligen, die wir als solche natürlich weder wissen noch denken oder sagen können; „individuum est ineffabile“.
(2) Sie muß diskretisiert werden, um als Vielheit wiß-, denk- und sagbar zu sein; erst dadurch wird Freiheit möglich.
(3) Das notwendigerweise Diskretisierte kann zur Einheit einer Subjektivität als Wir-Selbst integriert werden.
4. Wiederholungen
Die Sedimentierungen sind Wiederholungen aus der Vergangenheit.
5. Subjektivitäten
Sie bestehen in der Einheit Träger und Resultat der Freiheit.
Ersterer ist der in Geschichten Verstrickte, und die ihn verstrickenden Geschichten ergeben sich aus den Sedimentierungen.
Fühlt sich der Verstrickte angesprochen, muß er antworten, und im Wie seines Antwortens besteht der Akt der Freiheit; das Selbst bildet ihr Resultat.
6. Bewußtsein
Das Bewußtsein setzt sich aus der unpersönlichen Einheit, der Vielfalt und deren subjektiver Integration zusammen.
7. Handeln
Damit meinen wir das Antworten der Subjektivität, das prinzipiell nicht gewußt werden kann, weil es der Wirklichkeit angehört. Diese geht natürlich über das Handeln sämtlicher Subjektivitäten hinaus, denn andernfalls hätten wir ein Perpetuum mobile,
8. Applikation
Für die Zugänglichkeit oder Verfügbarkeit des Zeitigens bzw. Erstmaligens muß diese Einheit als solche zerstört und in Teile zerlegt werden.
Das ist möglich, weil
– Wissungen zum einen Unterscheidungen darstellen und
– zum anderen immer schon Wissungen bestehen (sofern wir uns das Henne-Ei-Problem ersparen).
Bei jeder Beschäftigung mit dem Zei(ti)gen werden also notwendigerweise Wissungen, die sich bereits bewährt und dadurch stabilisiert oder sedimentiert haben, appliziert.
9. Explikation
Das Pendant zur Applikation besteht in der Explikation:
Beim Zei(ti)gen können erstmalige Begriffe aus der Wirklichkeit hervorgehen oder expliziert werden.
10. Weltbild
So entsteht ein veranderliches Netz von Unterschieden bzw. Wissungen, dessen Knoten den Begriffen entsprechen.
Die Welt ist die Projektion dieses Weltbilds ins Nichts.
11. Leben
Es gibt kein Leben einer Subjektivität, also insbesondere auch nicht mein Leben. Das resultiert daraus, daß das Leben primär ist – es besteht darin, in Geschichten verstrickt zu sein – und die (Entstehung der) Selbste erst ermöglicht.
Wir könnten also eher umgekehrt von den Subjektivitäten des Lebens sprechen, die von der reinen Ich-Subjektivität bis zur größtmöglichen interindividuellen Wir-Subjektivität reichen.
12. Körper
Alle Subjektivitäten sind unsichtbar und besitzen Körper-Wissungen, die von einer einzigen bis zu beliebig vielen reichen können.