1.9.1. Tradition – objektive Stabilität durch Seiende

Was hat es mit Ihnen zu tun, daß ich meine Wohnung finde, Freunde wiedererkenne oder ein Buch suche?       

AD: „Mit mir gar nichts; warum fragen Sie das?“

Wenn meine subjektiven Intentionen von Ihnen unabhängig sind, verstehe ich nicht, weshalb wir deretwegen eine objektive Wirklichkeit benötigen sollen.

AD: „Entschuldigung; aber das war mir auch klar!

Wir brauchen die objektive Wirklichkeit ganz einfach, weil

unser Leben ohne eine hinreichende Stabilität gar nicht denkbar wäre und

– nur eine uns allen vorgegebe Wirklichkeit stabil sein kann.“

 

Vorsicht! Daß wir ohne  genügend Stabilität gar nicht leben könnten, versteht sich von selbst; aber ich kann nicht sehen, wie Sie als Konsequenz daraus die Existenz einer objektiven Wirklichkeit herleiten wollen. Das ist gewiß auch eine Denkmöglichkeit; die Tradition nutzt sie, aber vielleicht wären noch ganz andere Varianten möglich.

Ich schlage vor, daß wir uns zunächst einmal gemeinsam überlegen, was Stabilität überhaupt bedeuten könnte.

 

AD: „Das ist nicht schwierig:

Wir befinden uns immer in einer ganz bestimmten Situation und niemals im ‚Vakuum‘ oder Nichts. Sie bildet unser Hier und Jetzt, ändert sich aber kontinuierlich und kann somit nicht stabil sein.

Aber für Teile der Situation wäre es näherungsweise möglich.

Beispielsweise ist jeder Morgen anders, aber fast immer frühstücke ich in Ruhe, trinke dabei Kaffee und spreche mit meiner Frau oder lese die Nachrichten.

Daß diese Situation mit ihren näherugsweise stabilen Teilen dann fast einen ganz Tag lang fehlt, ist kein Gegenargument, denn wir suchen nach Stabilität und nicht nach Kontinuität. Jene ist – entgegen der Tradition – auch ohne diese möglich.“

 

Das war sehr konstruktiv; schauen wir uns zuerst das traditionelle Procedere genauer an.

Immer wenn ich die Wiesenstraße entlanggehe, ist die Situation zwar etwas anders, aber trotzdem erkenne ich stabil unser Haus; selbst wenn es geschneit hat.

Um das noch etwas besser zu verstehen, unterscheiden wir

– meine Haus-Wahrnehmungen, wenn ich die Wiesenstraße entlangkomme, und

– die Haus-Überbrückungen in den Zeiten zwischen meinen Haus-Wahrnehmungen. 

Erstere bilden einen integralen Teil meines Lebens, sind wirklich, näherungsweise stabil und real oder materiell.

Das verhält sich bei den Haus-Überbrückungen ganz anders; sie stellen

– lediglich Vorstellungen dar,

– die man glauben, aber partout nicht überprüfen kann und

– somit in den verschiedensten Formen möglich wären:

Das Haus könnte traurig sein, wenn es verlassen zurückbleibt; vor Gram schrumpfen oder wegen „unnötig“ auch ganz verschwinden.

 

AD: „Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber jetzt wird das Ganze ein bißchen kindisch . . .“

Nein; das würde es erst dann, wenn ich tatsächlich irgendeine dieser skurrilen Denkmöglichkeiten ernstlich in Erwägung ziehen wollte . . .

. . . wie dies die Tradition tut.

Und allein um sie geht es mir; ich möchte an den kindischen Beispielen verdeutlichen, daß der traditionelle Glaube an Seiende auch nur eine dieser skurrilen Denkmöglichkeiten darstellt. Er besagt ganz einfach, daß das Haus nicht traurig ist und weder schrumpft noch verschwindet, sondern unverändert immer dort steht, wo es eben steht.

Ich sehe keinen Unterschied zwischen Schrumpfen und Nicht-Schrumpfen, der einen Unterschied macht, weil beides nur Vorstellungen zur Haus-Überbrückung sind, die keinerlei Wirklichkeitsbezug besitzen und damit prinzipiell nicht überprüft werden können.

Die meisten Menschen sehen das freilich anders, und deswegen hat sich die traditionelle Denkmöglichkeit durchgesetzt, das Haus würde in der Zeit zwischen den Haus-Wahrnehmungen unverändert bleiben.  

 

AD: „So habe ich das noch nie gesehen!

Aber dann liegen traditionell, sobald Sie die Wiesenstraße entlangkommen, zwei Häuser vor:

Die Haus-Überbrückung bestand die ganz Zeit schon, als Sie nicht hier waren, und nun kommt noch Ihre Haus-Wahrnehmung hinzu. Die Annahme, daß erstere dadurch verschwinden würde, wäre schon sehr gestellt und unglaubwürdig.“

Das ist richtig.

Die Tradition wählt ja die meines Erachtens einzige halbwegs vernünftige Denkmöglichkeit, daß am Haus in der Zwischenzeit nichts geschieht. Dann wäre die Vorstellung, es würde sich durch mein Kommen im Nichts auflösen, in der Tat absurd.   

 

Damit erreichen wir en passant ein sehr anschauliches Verständnis der Seienden; auf unser Beispiel bezogen:

Das Haus-Seiende

– ist die unveränderliche Haus-Überbrückung, die jedoch

– kontinuierlich fortgesetzt wird,

– auch wenn die Haus-Wahrnehmung hinzukommt, und

– somit immer besteht.

 

AD: „Und wer das Ganze glaubt, kann letztlich kaum anders, als das rein geistige Seiende,

– das ursprünglich als Lückenbüßer für die fehlende Wahrnehmung eingeführt wurde,

– zum Urbild zu erklären,

– von dem die Wahrnehmung dann das Abbild sein muß,

– womit die frei gewählte Vorstellung, wie die Haus-Wahrnehmungen überbrückt werden sollen, zur Wirklichkeit wird.“

 

 

Postmoderne      Tradition
           
Haus-Wahrnehmung = Wirklichkeit Abbild  
vorgegebene Wahrnehmung          
           
Haus-Überbrückung = Seiendes = Urbild  
frei gewählte Vorstellung                 Wirklichkeit

Abbildung 1.9.1.-1

 

Die Postmoderne

– glaubt es nicht nur nicht, sondern

– nimmt ernst, daß das gesamte Modell unstimmig sein muß, weil die Haus-Überbrückung

– zum einen nur erfunden, konstruiert, vorgestellt oder gedacht wird und

– etwas rein Geistiges zum anderen unmöglich als Urbild

– einer materiellen Haus-Wahrnehmung dienen kann.  

 

 

Haus-Seiendes oder Urbild  
rein geistig oder unwirklich  
     
Haus-Wahrnehmung Haus-Überbrückung Haus-Wahrnehmung  
wirklich oder materiell rein geistig oder unwirklich wirklich oder materiell  
Abbild?   Abbild?  
  sinnvoll, aber willkürlich    
als unveränderlich gewählt  

Abbildung 1.9.1.-2

 

AD: „Am Anfang stehen die materiellen, uns vorgegebenen Haus-Wahrnehmungen, und sie bilden unseren einzigen wirklichen Ausgangspunkt.

Die Tradition will die unbestreitbar vorhandene und für unser Leben notwendige Stabilität erklären, indem sie diese Haus-Wahrnehmungen durch Haus-Überbrückungen verbindet. Letztere sind jedoch nur ausgedacht, damit rein geistig und unwirklich; sie stellen lediglich Wissungen dar, hinter denen nichts steht oder die keine Referenten besitzen.

Auch wenn diese Haus-Überbrückungen zeitlich verlängert werden – was zu Verdopplungen führt –, bleiben sie bloße Wissungen, so daß es aburd ist, sie als Urbilder auszugeben.“  

 

Es geht also überhaupt nicht darum, welche Eigenschaften die Haus-Überbrückungen besitzen – unveränderlich ist nicht besser als traurig –, denn das sind alles nur Hinterwelten:

Die Tradition weiß angeblich etwas, was prinzipiell niemand wissen kann und somit lediglich erfunden wurde.

Die Postmoderne findet nur zu einem vernünftigen Denken, indem sie die hinterwäldlerischen Seienden cancelt und die unbestreitbar notwendige Stabilität irgendwie anders einleuchtend erklärt.