In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte des Inhalts zusammenfassend wiederholt, damit die Studenten sich das neue Wissen fest einprägen können.
Bei uns geht es jedoch nicht um das Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Überarbeiten von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe; nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Reflexionsniveau den bereits zurückgelegten – aber jetzt erst sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen:
Wo befinden wir uns, und weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erweist sich aus dieser neuen Perspektive als falsch an dem alten Weg? Welche überraschenden Möglichkeiten eröffnet der neue?
AD: „Ja; das würde mich auch interessieren . . .
Ich habe ernsthaft versucht, Ihnen zu folgen; das war jedoch ein ziemliches Auf und Ab; gegenwärtig erscheint mir Ihre Idee, die objektive Wirklichkeit canceln zu wollen, wieder einmal als absurd. Sie würden nach der Arbeit die Wohnung nicht finden, könnten keine Freunde wiedererkennen oder wären unfähig, ein bestimmtes Buch im Regal zu suchen.
All das funktioniert doch nur, weil
– die objektive Wirklichkeit der Seienden nicht nur existiert, sondern
– auch hinreichend stabil ist und
– wir ihre gegenwärtig wichtigen Teile in der eigenen Psyche repräsentieren können,
– um uns an diesen Vorstellungen zu orientieren.
‚Die Wohnung befindet sich dort hinten, das ist Moritz, und mein Buch hatte ich gestern hier abgelegt, so daß es noch da liegen müßte.'“
Was hat es mit Ihnen zu tun, daß ich meine Wohnung finde, Freunde wiedererkenne oder ein Buch suche?
AD: „Mit mir gar nichts; warum fragen Sie das?“
Wenn meine subjektiven Intentionen von Ihnen unabhängig sind, verstehe ich nicht, weshalb wir ihret- – also meiner Intentionen – wegen eine objektive Wirklichkeit benötigen sollen.
AD: „Entschuldigung; das war mir auch klar!
Wir brauchen die objektive Wirklichkeit ganz einfach, weil
– es ohne Stabilität nicht geht und
– eine subjektive Wirklichkeit zwar theoretisch genügen würde, aber
– widersprüchlich ist.
Wohl niemand kann sich vorstellen oder gar denken, daß in Paris für mich wirklich der Eiffelturm steht, für Sie aber nicht.“
Doch; jeder, der sich auch nur ein wenig Mühe gibt.
Der Widerspruch, den Sie bei einer stabilen Wirklichkeit sehen, entsteht
– nicht durch diese selbst, sondern
– erst durch die traditionelle Interpretation dieser Wirklichkeit:
Sie gehen von einem an sich oder objektiv in Paris seienden Eiffelturm aus.
Der muß natürlich für uns beide (sowie alle anderen Menschen) dort stehen.
Genau diesen Eiffelturm bestreiten wir jedoch postmodern.
Subjektive Wirklichkeit bedeutet:
Ich bin mir 100%-ig sicher, daß der Eiffelturm in Paris steht; daran orientiere ich mich und dementsprechend fallen meine diesbezüglichen Entscheidungen aus; beispielsweise wenn ich ihn sehen möchte.
Wörtlich nahezu das Gleiche könnte Moritz sagen; er ist felsenfest überzeugt, daß sich der Eiffelturm in London befindet.
Sie geben mir Recht und widersprechen Moritz; damit bin ich einverstanden.
Aber Ihre Begründung ist falsch, wenn Sie dies in der Annahme tun, daß in Paris tatsächlich der objektiv-wirkliche Eiffelturm stände.
Den braucht niemand!
Und es hat ihn auch noch keiner erfahren oder erlebt; weder gesehen noch angegriffen.
AD: „Woher wissen Sie das so genau?“
Weil es absolut unmöglich ist:
Seiende existieren objektiv, an sich oder unabhängig von uns.
Ihre Eiffelturm-Sehung dagegen ist subjektiv, für Sie und abhängig von Ihnen.
Seiende sind keine Wahrnehmungen, und Wahrnehmungen keine Seienden, so daß uns letztere prinzipiell nicht begegnen können.
AD: „Es scheint lediglich so, als ständen sie unmittelbar vor uns, weil wir die Wahrnehmungen nur mittels der Seienden(u) erklären können; das hatten Sie oben schon einmal ausgeführt. “
Es genügt doch vollkommen zu sagen, daß wir beide uns bezüglich des Standorts vom Eiffelturm einig sind oder die gleiche Überzeugung teilen.
Weshalb erklären wir immer wieder den subjektiven Glauben der Mehrheit in unserem Umkreis zur objektiven Wirklichkeit? Darauf zu verzichten, wäre keine Diktatur des Relativismus, sondern ganz im Gegenteil das Ende aller geistigen Diktaturen.
Wenn ich behaupte, meine subjektive Überzeugung entspräche einer objektiven Wirklichkeit,
– wird sie nicht fester oder tiefer, sondern
– ich plappere nur leere Worte – ohne jeglichen Mehrwert.
Mit der „nur“ subjektiven Wirklichkeit
– korrigiere ich also nicht den Grad der Sicherheit, sondern
– beschränke mich lediglch auf das, worüber ich begründet sprechen kann, und
– das ist die Wirklichkeit-für-mich, aber
– keine erfundene Wirklichkeit-an-sich.
Nochmals anders:
Für uns beide steht der Eiffelturm in Paris.
Dann kommen bei Ihnen noch zwei Ergänzungen hinzu, denn Sie setzen voraus:
„Was für mich richtig ist, gilt
– (1) nicht nur für alle Menschen (und Tiere), sondern
– (2) sogar objektiv oder an sich, das heißt, unabhängig von uns Lebewesen.“
Diese zweite Erweiterung verstehe ich nicht, und bei der ersten komme ich Ihnen gleich auf halbem Wege entgegen. Aber die andere Hälfte ist mir ebenso wichtig:
Ich kann und will anderen nicht vorschreiben, wovon sie überzeugt zu sein haben.
Moritz hatte uns oben widersprochen, weil er ganz genau wußte, daß der Eiffelturm in London steht.
Er fährt hin, findet den Eiffelturm nicht und läßt sich eines Besseren belehren:
„Ihr hattet Recht; er steht doch in Paris.“
„London“ wahr falsch; „Paris“ ist richtig.
Weshalb sollte Moritz wegen seines vergangenen Irrtums von der subjektiven Wirklichkeit auf eine objektive umswitchen?
Er hat sich innerhalb seiner subjektien Wirklichkeit getäuscht; das passiert uns nahezu ununterbrochen. Wie oft ändern wir unsere mehr oder weniger gewissen Ansichten? Nach der wievielten Korrektur haben wir endlich die objektive Wirklichkeit erreicht?
Leichtgläubige switchen schnell um, Skeptiker tun sich diesbezüglich etwas schwerer, und Postmoderne tun es nie.
Jeder, der das möchte, kann sich also im postmodernen Modell vorstellen und sogar sauber denken, daß
– für uns beide der Eiffelturm in Paris steht und
– für Moritz nicht.
Der eine sieht in Trump einen egomanen Karrieristen und der andere eine großartige Fügung Gottes, um Amerika wieder christlich zu führen. Der Verzicht auf den objektiven Trump beseitigt den Widerspruch, der für das tradtionelle Denken unaufhebbar sein dürfte.
Sie kennen nur Ihr „Innen“, und ich allein das meinige. Damit ist jeglicher Widerspruch von vornherein ausgeschlossen.
AD: „Ihe Konsequenz lautet wahrscheinlich:
Die Frage, ob der Eiffelturm nun wirklich in Paris steht oder nicht, wird damit hinfällig bzw. zu einem Scheinproblem, das nur durch das traditionelle Denken entsteht, weil es (an) eine objektive Wirklichkeit glaubt.
Ich würde aber gerne dagegenhalten:
Alle, die Paris besucht haben, fahren mit der Gewißheit nach Hause, daß der Eiffelturm dort steht. Die Erklärung, weshalb das bei Paris so ist, aber nicht bei London, Berlin oder Rom, sind Sie uns noch schuldig geblieben.“
Das stimmt und ergibt sich einfach daraus, daß ich glaubte – und auch jetzt noch für richtig halte –, Sie beim traditionellen Modell abholen zu sollen. Das kennt nur zwei Seiten; der objektiven Wirklichkeit stehen die subjektiven Wissungen gegenüber.
Mehr ist freilich auch nicht nötig, weil die vorausgesetzte Objektivität en passant die Intersubjektivität aller richtigen Wissungen garantiert. Würden wir jene ersatzlos streichen, fehlte folglich auch jegliche Intersubjektivität, was unseren täglichen Erfahrungen freilich total zuwiderliefe.
Aber wir verstehen jetzt, weshalb die Intersubjektivität für die Tradition kein besonderes Thema darstellt.
Die Postmoderne kann also vom traditionellen Subjekt-Objekt-Dualismus konsistenterweise nur zu einen Subjektivitäts-Intersubjektivitäts-Denken übergehen. Wir benötigen folglich noch eine Ebene, die bisher gar nicht existierte, aber auch nicht nötig war.
Spätestens Ludwig Wittgenstein führte sie mit seinen Sprachspielen ein. Letztere
– betreffen unser Verstehen bzw. Verständnis,
– sind mehr oder weniger und damit partiell intersubjektiv,
– erweisen sich für eine gewisse Dauer als näherungsweise stabil resp. verläßlich,
– stellen damit eine bestimmte Ordnung dar und
– bestehen aus Aktanten.
Einer von ihnen ist der Eiffelturm, und er gehört – anstelle der objektiven Realität – den verschiedensten Sprachspielen des Reisens, der Geschichte, Statik oder Baukunst usw. an. Der Eiffelturm bildet einen Knotenpunkt im Netz dieser Sprachspiele.
Wer nicht glaubt, daß der Eiffeltum in Paris steht,
– leugnet also keine objektive Realität, sondern
– verläßt unsere Sprachspiel-Gemeinschaft.
Genauer formuliert: Mit ihm können Sie vielleicht noch wunderbar über Fußball und sogar Paris Saint-Germain sprechen, aber kaum noch über die Geschichte oder das Wahrzeichen der Stadt.
AD: „Dann muß man natürlich auch vorsichtig sein mit Äußerungen der Art:
‚Der glaubt, die Erde sei eine Scheibe, . . .‘
Das tut der Spötter ja nur aufgrund seiner Überzeugung:
‚. . . während wir doch alle wissen, daß sie in Wirklichkeit eine Kugel ist.'“
Die Erde
– ist ebensowenig eine Kugel wie eine Scheibe, weil es keine objektive Erde gibt.
– Subjektiv sind beide Wirklichkeitsbilder widerspruchsfrei möglich; sonst hätten sie nicht jahrhundertelang bestehen können.
Ich würde Ihnen jedoch aus rein pragmatischen Gründen empfehlen, gegenwärtig das Kugel-Modell beizubehalten;
– zum einen weil der Scheibenrand wegen seiner Singularitäten mathematisch – wenn überhaupt – wahrscheinlich nur sehr schwierig zu behandeln sein dürfte,
– zum anderen weil Sie dann weiterhin unserer Sprachspiel-Gemeinschaft angehören könnten und
– keine Angst beispielsweise vor Reisen mit der AIDA oder Tiefenbohrungen haben müßten.