1.10.3. Was sich zeigt und was gewußt wird

Gott ist die Wirklichkeit, aber nicht alles Wirkliche ist Gott. Er zeigt sich uns in bestimmten Formen, und diese bilden im weiteren die Gestalten.

Wir unterscheiden, mit anderen Worten, die Wirklichkeit, also Gott, von den Gestalten, in denen sie sich uns zeigt.

Gestalten gehören der Wirklichkeit an, und Begriffe gehen aus dem Begriffshorizont hervor.

 

Letzteres bedeutet etwa Folgendes:

– Das Wort „Sonne“ bezeichnet den Begriff Sonne,

– dieser markiert einen Referenten und

– erzeugt dadurch die Wissung Sonne.

Das ist nur ein Beispiel, welches wir problemlos verallgemeinern können:  

– Das Wort „A“ bezeichnet den Begriff A,

– dieser markiert einen Referenten und

– erzeugt dadurch die Wissung A.

Entscheidend ist jedoch, daß wir dreimal das gleiche Symbol A benötigen, um die komplizierte Begriffsstruktur adäquat wiederzugeben; auf der Ebene der Begriffe allein – ohne Worte und Wissungen  also – läßt sie sich nicht verstehen.  

 

Das ist bei den Gestalten völllig anders; ihnen lassen sich willkürliche Namen zuordnen, die aber natürlich absolut nichts besagen; dafür entfällt freilich der gesamte Ballast von soeben.

Sowohl die Wirklichkeit oder Gott als auch die Gestalten können folglich benannt werden. 

 

Damit gelangen wir zu einer sehr schönen Systematik, die schon bei Ludwig Wittgenstein angelegt war. Er unterschied (in seinem „Tractatus logico-philosophicus“) das, was sich zeigt, von dem, was wir wissen. Hieraus ergeben sich vier Kombinationsmöglichkeiten, und unsere bisherigen Grundbegriffe drängen sich förmlich auf, ihnen in der nachfolgenden Weise zugeordnet zu werden.

Es wäre unproblematisch, wenn Sie die vorletzte Spalte noch nicht verstehen; sie ist zunächst nur rein informatorisch gemeint. 

 

 

zeigt sich wird gewußt Entitäten Funktion Sagbarkeit
         
x x Wissungen zeitliche Vollzüge der Subjektivität bezeichenbar
——— x Begriffe Möglichkeiten des Unterscheidens bezeichenbar
x ——— Gestalten Einheiten des Sich-Zeigens benennbar
——— ——— Wirklichkeit oder Gott das zeitliche Sich-Unterscheiden benennbar

Abbildung 1.10.3.

 

Namen vergeben sogar Babys schon; Sigmund Freud beschreibt beispielsweise ein Spiel des anderthalbjährigen Enkelsohns, in dem dieser die Namen „da“ und „fort“ im Rahmen seines Spiels sinnvoll nutzt.  

Vielleicht sagt ein Baby unter anderem auch „Mama“. 

Das ist dann lediglich sein Name für eine sich wahrscheinlich häufig wiederholende Gestalt und nicht die Bezeichnung des Begriffs Mama, denn einen solchen gibt es für das Baby – ohne Begriffshorizont – noch gar nicht. Seine 〉Mama〈 ist also keine Mama.

AD: „Sondern?“

Nur eine Gestalt, die sich zeigt. Da sie jedoch nicht gewußt werden kann, läßt sich Ihre Frage prinzipiell nicht beantworten.

 

Wieder mein Lieblingsbeispiel:

  Am wolkenlosen Mittagshimmel zeigt sich im Sommer eine unwißbare Gestalt. Wir brauchen nicht rätseln, was das ist: Nichts Bestimmtes – wie immer bei den Gestalten.

Tradtionalisten sind dagegen überzeugt, es handle sich um ein bestimmtes Seiendes, nämlich die Sonne.

Die alten Ägypter hätten – bei der gleichen Denkungsart – ebenfalls eindeutig ein bestimmtes Seiendes erkannt; freilich ein anderes, nämlich den Gott Re.

Postmoderne Europäer und Ägypter sagen, daß sich niemals etwas bereits Bestimmtes zeigt, sondern immer nur unbestimmte Gestalten. Ganz einfach weil „sich zeigen“ und „wissen“ disjunkt sind. 

 

AD: „Dem widersprechen Sie selbst mit Ihren Wissungen, weil diese sich auch zeigen.“ 

Nein; erinnern Sie sich bitte an unsere Ausführungen zum Begriffshorizont soeben:

Der gewußte Begriff A markiert einen Referenten – aber keinen „Referenten A“ – und dieser Referent zeigt sich in der Wissung A.

Der Referent wird also nicht gewußt, sondern ist eine Gestalt. Und die Wissung A hält ihre beiden disjunkten Komponenten – den gewußten Begriff A und die sich zeigende Gestalt ? – zusammen.       

AD: „Ich verstehe; in der Wissung Mond weiß ich also nicht nur den althergebrachten Mond; sie ist keine pure Wiederholung, sondern der Referent entpricht einem Erstmaligen. Allein dies öffnet den Zirkel des Wissens für unser Leben.“

Und daß die Wissung so bezeichnet wird wie der Begriff, obwohl sie über ihn hinausgeht, ist auch einsichtig, weil wir die zugehörigen Gestalt gar nicht bezeichnen können.  

 

Wenn unser Baby größer wird,

– sagt es weiterhin „Mama“, aber

– die Gestalt 〉Mama〈, die der Leibhaftigkeit des Lebens angehört,

– wird unbemerkt zum Begriff, den es nur im Begriffshorizont gibt.

Das Kind wechselt

– von der Benennung zur Bezeichnung „Mama“ und

– von der Leibhaftigkeit zur Reflexion des Lebens. 

 

Damit interpretieren wir ein bekanntes Zitat von Hans-Georg Gadamer:

„Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“

Für uns wird daraus:

„Leben, das verstanden werden kann, ist Wissung.“

 

AD: „Mir geht gerade durch den Kopf, daß wir gemeinsam mit den alten Ägyptern in Richtung des Streitobjekts fliegen und ihnen damit beweisen könnten, daß es unsere Sonne ist und nicht ihr Re.“

Nein; das gänge nicht.

Was auf dieser Reise geschehen wird, können wir höchstens im Rahmen unseres Weltbilds prognostizieren;  ihm zufolge würde es immer heller und heißer:

„Sonne stimmt also; wir haben gewonnen!“

Die Ägypter jubeln aber auch und erklären sich zu den Siegern unseres Wettstreits:

„Wir hatten euch doch schon vorhergesagt, daß Re sich von uns weder beschießen noch besuchen läßt. Ihr Abendländer habt keine Ahnung von den Göttern!“ 

 

AD: „Ich verstehe; der Glaube an Re ist innerhalb unseres Weltbilds natürlich absurd; deswegen kann er für uns nicht infrage kommen. Entsprechendes gilt freilich ebenso für die Sonne im Rahmen des altägyptischen Weltbilds.“

Postmodern gibt es Weltbilder,

– die keine Welt repräsentieren, sondern

– dem Leben dienen sollen; sie sind folglich

– nicht richtig oder falsch, sondern

– lebensdienlich bzw. lebensfeindlich.

Sowie wir das im Hinterkopf haben, verschwinden einige Verständnishürden ganz von selbst.   

 

AD: „Wenn die Begriffe erst durch den subjektiven Begriffshorizont entstehen, dürfen wir auch unsere selbstverständlichsten Wissungen – Wahrnehmungen oder Vorstellungen – nicht in das Bewußtsein der Babys projizieren und annehmen

– sie hätten das alles natürlich schon,

– wüßten nur noch nicht wie es heißt.“ 

Daß diese weit verbreitete Annahme völlig falsch sein muß, können wir uns leicht verdeutlichen und plausibilisieren:

 

Angenommen die abendländisch-modernen Babys hätten bereits Wahrnehmungen oder Vorstellungen. Warum sollen es  gerade die unsrigen sein und nicht zum Beispiel diejenigen der Irokesen, Tataren oder Samen?

Verfügen wir über die Wahrnehmungen bzw. Vorstellungen anderer Kulturen, und warten nur darauf zu erfahren, wie die rechtmäßigen Besitzer diese nennen? Wir haben nichts dergleichen, und das legt meines Erachtens den Gedanken nahe, daß unsere Babys ebenfalls keine Wahrnehmungen und Vorstellungen besitzen, sondern diese erst nach und nach mit dem zugehörigen Begriffshorizont erlangen; ohne Sprache keine Wissungen. 

 

Daß das traditionelle Denken einen großen Irrtum darstellt, dürfte den meisten Menschen kaum ein Achselzucken wert sein. Philosophie interessiert im allgemeinen höchstens dann, wenn sie zu praktischen Konsequenzen führt. Diese sind in unserem gegenwärtigen Zusammenhang freilich geradezu umwerfend.

Nicht nur für Babys, sondern auch für Adam und Eva vor dem „Sündenfall“ gibt es noch keine Sprache und damit auch keine Begriffe.

Demzufoge kann im „Paradies“ weder ein Paradies noch ein Gott existieren und auch keine Schlangen oder Apfelbäume, denn das sind alles Wissungen, die es ohne Begriffe nicht gibt.

Dort finden sich die Gestalten Adam und Eva mit ihren nichtssagenden Namen. Adam ist also kein Mann, und Eva keine Frau; Menschen sind beide nicht, denn sämtliche Begriffe müssen erst noch entstehen.

 

Die beiden mußten also vom Baum der Erkenntnis essen, um überhaupt im Paradies leben zu können. Das war keine Sünde, sondern die Geburt des Wissens oder der (verstehbaren) Wirklichkeit und damit eine notwendige Voraussetzung der Freiheit.

„Ohne ‚Sündenfall‘ keine Freiheit“; diesen Gedanken finden wir beispielsweise bei Jakob Böhme, Friedrich Schelling oder Nikolai Berdjajew. 

 

Das postmoderne Denken wird noch entscheidender:

Was man nicht weiß, kann man auch nicht tun; Adam und Eva konnten also weder essen, genießen oder glücklich sein noch sündigen. 

Sie brinden doch auch nicht.

AD: „Was ist das ‚brinden‘?“

Eben.