1.10.2. Das Ende des traditionellen Außen-Innen-Dualismus

Der Versuch, die für unser Zusammenleben erforderliche Stabilität mittels einer objektiven Welt zu erklären, ist meines Erachtens gescheitert. Der Grund sollte im letzten Abschnitt deutlich geworden sein:

Die rein geistigen Lückenbüßer, welche die ausstehenden Wahrnehmungen überbrücken, werden zu Seienden, so daß

– unser Ausgangpunkt – die wirkliche Wahrnehmung – zum unwirklichen Abbild und

– eine bloße Erfindung – der unwirkliche Lückenbüßer – zum wirklichen Urbild wird.  

 

Wir müssen die traditionelle Hoffnung aufgeben, die unbestreitbare Stabilität der eigenen subjektiven Welt durch eine objektive erklären zu wollen. Damit andert sich unser gesamtes Denken!

Es dreht sich nicht mehr alles um das klassische Erkennen. Seit der Moderne galt: Forschen, Forschen und nochmals Forschen! Dann wissen wir immer mehr – je nach Optimismus vielleicht einmal (nahezu) alles – und verfügen hierdurch über die Möglichkeit, sämtliche Probleme zu lösen.

 

Stattdessen tritt mein persönliches Leben in den Vordergrund; welche subjektive Welt ermöglicht mir Erfüllung, Heil oder Zufriedenheit?

Irgendwann werden die Menschen vielleicht nicht mehr verstehen, was es angeblich bedeutet, daß „auf dem Mond wirklich Krater existieren“ oder „der Pluto tatsächlich fünf Monde besitzt“.

„Was hat das mit mir zu tun?“

 

Subjektive Weltbilder lassen sich – im Gegensatz zu allen objektiven – natürlich nur kritisieren, sofern sie widersprüchlich sind. (Das stimmt nur für ontologische Fragestellungen; ethische Einwände mögen häufig noch viel wichtiger sein, gehören aber nicht zu unserem Thema.)  

Fremde subjektive Erfahrungen sind mir jedoch prinzipiell nicht zugänglich. Ich würde also niemals verächtlich mit dem Kopf schütteln oder die Augen verdrehen, wenn Sie mir erzählten, dem Teufel begegnet zu sein. Ich rechne für mich persönlich nicht ernstlich mit einem solchen Erlebnis; aber es enthält keinen Widerspruch.

AD: „Daß es gar keinen Teufel gibt, ist postmodern ebenfalls kein Gegenargument (mehr), denn

– auch die Erde beispielswiese existiert ebensowenig bzw. ebensosehr wie der Teufel und

– zudem wissen wir gar nicht, was ‚existieren‘ überhaupt bedeuten soll.“ 

 

Betrachten wir noch die Psyche als drittes Beispiel:

Traditionell ist sie zwingend erforderlich, weil darin die Seienden erkannt oder abgebildet werden, aber wir müssen die Psyche nicht mit ihnen streichen.   

Ich persönlich tue es; zu meinem subjektiven Weltbild gehört absolut kein Innen. 

AD: „Das geht doch nicht! Alle Menschen und viele Tiere besitzen ein Innen. Wo sollten sich denn sonst beispielsweise unsere Schmerzen, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste befinden?“

Wir benötigen nicht nur keine Psyche, sondern sie ist ohnehin mehr als problematisch:

– Ein räumliches Innen müßte im Körper zu finden sein – tut es aber nicht –, und

– ein unräumliches läßt sich nicht lokalisieren – so daß es überall behauptet werden kann. 

 

Sagen wir doch ganz einfach:

Natürlich gibt es das rein Subjektive; das ist doch unbestreitbar. Aber bedarf es dafür einer besonderen Sphäre? Es bildet einen aymptotischen Grenzfall, wird kontinuierlich immer intersubjektiver und reicht möglicherweise bis zu dem anderen Extrem einer vollständigen Intersubjektivität.

Das Fußballspiel gestern haben wir gemeinsam genossen, aber die Kopfschmerzen heute habe nur ich – ganz ohne Innen und trotzdem völlig verständlich.

 

Kein Kontinuum läßt sich jedoch adäquat in einen Dualismus umwandeln. Was wird an seiner Grenze plötzlich anders?

Außerdem vermag ich nicht zu sehen, welchen Denk-Vorteil oder sonstigen Nutzen der Dualismus mir bescheren würde; er bringt nur unnötige Probleme. 

 

AD: „Sie haben Recht; das ist (nahezu) zwingend.

Aber eine Formulierung hat mich aufhorchen lassen; Sie sagten:

‚. . . zu meinem subjektiven Weltbild gehört absolut kein Innen.‘

Kann sich denn das Innen im Weltbild befinden? Ich dachte immer, es sei umgekehrt?“

Schön daß Sie das gemerkt haben; es ist wichtig, diese diffizile Stelle gut zu verstehen.

 

Traditionell gedacht hätten Sie natürlich Recht:

Zu uns Subjekten als Körpern im Kosmos gehört jeweils ein Innen, und alles Nicht-Materielle, das es für uns gibt, muß sich darin befinden; insbesondere also auch das eigene Weltbild. 

Aber was ich gesagt habe, bleibt trotzdem richtig, denn daß wir Subjekte im Kosmos mit einem Innen sind, entspricht doch bereits lediglich dem Weltbild ud nicht der Wirklichkeit:

– Nur dem traditionellen Weltbild zufolge

– besitzen wir ein Innen,

– in dem sich unter anderem auch das traditionelle Weltbild befindet.

– Diesem Innen steht als Außen die objektive Wirklichkeit der Seienden gegenüber. 

 

Postmodern sind wir jedoch Subjektivitäten, die

– ohne ein Sich-angesprochen-Fühlen gar nicht existieren würden und

– durch ihr Antworten sich zu einem Selbst bestimmen.

An dieser Stelle gilt es jedoch, überaus vorsichtig zu sein, um nicht den traditionellen Fehler zu wiederholen, der unwiderruflich eine Subjekt-Objekt-Spaltung installiert:

Ich bin „mein“ Mich-angesprochen-Fühlen, aber das

– stellt eine untrennbare Einheit dar und

– läßt sich nicht in zwei bzw. drei Komponenten – Ansprechendes – Ansprechen (- Angesprochener) – zerlegen.

Entsprechendes gilt auf der „Gegenseite“, die ebenfalls keine Bestandteile – Worauf des Antwortens – Antworten (- Selbst) – enthält.

Und sogar Gegenseite (ohne Anführungstriche) wäre falsch gewesen, weil auch „die beiden Seiten“ eine Einheit bilden, so daß wir positiv formulieren können:

 

Ich bestimme

– mich selbst

– durch das Wie, mit dem ich auf „mein“ Mich-als-angesprochen-Erleben antworte,

– zu einem Selbst. 

Das ist meine subjektive Interpretation von Søren Kierkegaards Verständnis des Selbst; ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob sie ihm gefallen würde . . .

 

Diese gesamte Einheit des

– Mich-als-angesprochen-Erlebens und

– Antwortens sowie

– des dafür erforderlichen Hintergrunds

bildet per definitionem mein Bewußtsein.

Es entspricht also dem oben als Alternative zum Außen-Innen-Dualismus eingeführten Kontinuum von „rein subjektiv“ bis zu „vollkommen intersubjektiv“. Dazu zählen insbesondere alle meine Wahrnehmungen, Vorstellungen, Schmerzen, Wissungen, Gefühle, Hoffnungen usw. Natürlich auch sämtliche mir bekannten Weltbilder mit oder ohne Innen und unabhängig davon, ob ich sie selbst vertrete.

 

Nun sollte meine Antwort auf Ihren Einwand verständlich sein:

Ausnahmslos alles, was es für mich gibt, befindet sich per definitionem in meinem subjektiven Bewußtsein. Dann kann kein Außen existieren, und der Satz „das Ganze ist das Innen“ wird unverständlich.

Dem Bewußtsein gehören dann zwangsläufig auch alle mir bekannten Weltbilder an. Sie und nur sie können ein Innen bzw. eine Psyche besitzen, wie dies bei den Weltbildern der Tradition tatsächlich der Fall ist.   

Glaube ich selbst ein solches Weltbild, dann bringt dieses mit seinem Innen unter anderem auch den Platz für sich selbst hervor.

 

Weshalb die Traditionalisten so denken, ist nachvollziehbar: 

Unser Bewußtsein umfaßt stets Komponenten, bei denen wir überzeugt sind, sie müßten auch unabhängig von unserem Bewußtsein existieren. Die beiden Modelle unterscheiden sich im Kern darin, wie sie mit diesen „absoluten“ Bestandteilen umgehen.

Der traditionell Denkende sagt: „Was unabhängig von meiner Psyche ist, muß sich außerhalb von ihr – und allen anderen Psychen – befinden und somit objektiv sein.“

Die postmoderne Bedingung ist schwächer: „Was unabhängig von meinem Bewußtsein ist, muß auch mehr oder weniger vielen anderen Bewußtseinen angehören und somit intersubjektiv sein.“  

 

Die Traditionalisten 

– projizieren das von ihnen als psychenunabhängig Geglaubte

– aus ihrer Psyche heraus ins Nichts,

– wollen dieses Procedere aber nicht wahrhaben, sondern

– behaupten, eine objektive Welt abzubilden, 

– schwindeln, täuschen sich selbst oder sehen das Problem gar nicht und

– verschieben damit die Prioritäten vom subjektiven Weltbild im Innen auf eine angebliche objektive Welt im Außen.

 

AD: „. . . wobei diese beiden Seiten aber erst durch das Weltbild zustandekommen. . .“ 

Das verstehe ich. Sie sprechen aber so, als würde das postmoderne Denken der Wirklichkeit und das traditionelle lediglich einem Modell entsprechen. Woher nehmen Sie das Recht, mit zweierlei Maß zu messen?“

Sie haben Recht; diesen Fauxpas mußte ich der Einfachheit halber zunächst inkauf nehmen. Natürlich stimmt das mit dem Modell; aber auch unser Ansatz ist nichts anderes und auch nicht richtig.

Es bestehen lediglich relative Unterschiede; das postmoderne Modell ist allgemeiner und das traditionlle eingeschränkter. Ein simples Beispiel wären zwei Schulanfänger, von denen der eine schon bis 100 und der andere erst bis 10 rechnen kann.

Folglich können wir das traditionelle Denken aus der postmodernen Perspektive kritisieren, obwohl auch sie nicht richtig ist.

 

AD: „Wir beginnen ausnahmslos mit unserem Bewußtsein; einfach weil das „alles“ ist und somit an die Stelle des Universums oder der Schöpfung tritt. Das Bewußtsein befindet sich nicht in der objektiven Welt, sondern diese – sofern sie mit der Tradition geglaubt wird – in jenem.

Den Postmodernen genügt das als allgemeiner Ausgangspunkt, weil damit alles zwischen rein subjektiv und vollständig intersubjektiv denkbar ist und eine Objektivität als „solipsistisch“ nicht auftreten kann.

Die Traditionalisten möchten letztere haben und unterteilen das Bewußtsein mittels ihres Weltbilds dazu in ein objektives Außen und ein subjektives Innen, das als Psyche den Körpern im Außen zugeordnet wird.“   

 

Man kann natürlich auch kombinieren:

Sie lehnen zum Beispiel mit uns die Seienden ab, möchten aber ein Innen für Ihre Gefühle und Freiheitsentscheidungen beibehalten.

Eine abbildende Psyche halte ich tatsächlich für falsch; aber abgesehen davon bleibt es fraglos Ihnen überlassen, ob Sie das rein Subjektive als Ihr Innen verstehen.

Jeder von uns entwickelt seine Begriffe (teilweise) selbst, und je mehr Arbeit wir in einen Begriff investieren, um so fruchtbarer kann er als subjektives Denkwerkzeug für uns werden.

Das entspricht dem traditionellen Verum-ipsum-factum-Prinzip (Das Wahre und das Gemachte sind eins) von Giambattista Vico, das bei Kant oder Carl Friedrich von Weizsäcker die Form „Wir können … nur das wirklich verstehen …, was wir selbst gemacht haben“ annimmt. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen:

Wir können nur das wirklich denken, was wir uns selbst erdacht haben.  

 

AD: „Kann ich mir auch Dinge erdenken, die nicht meinem Bewußtsein angehören?“

Meine obige Chrakterisierung des Bewußtseins als „alles“ scheint ein klares „nein“ zu verlangen. Wir müssen in diesem Zusammenhang jedoch – ähnlich wie die Tradition – zwischen Existenz und Inhalt unterscheiden. Ein Beispiel hatte sich auch bereits ergeben; erinnern Sie sich an unsere Gedanken zur Wirklichkeit. 

Wir haben auch nicht die geringste Ahnung von der Wirklichkeit; sie stellt inhaltlich eine black box dar. Aber dennoch ist sie unbestreitbar, weil ohne Wirklichkeit nichts oder das Nichts wäre. Sie entspricht einer Leerstelle, hatte ich oben gesagt, und die Bezeichnung „Wirklichkeit“ fungiert als Platzhalter für die Leerstelle.

 

Genau in diesem Sinne können Sie sich im Rahmen Ihres Weltbilds beliebig viele Dinge erdenken, die nicht dem Bewußtsein angehören.

Bei mir persönlich wären das Unbewußte sowie andere Subjektivitäten deutliche Beispiele. Aber dann müssen wir natürlich auch konsequent sein:

Ich weiß partout nichts vom Unbwußten oder anderen Subjekten; andernfalls befänden sie sich nicht außerhalb meines Bewußtseins. Ich weiß, daß sie existieren, aber nichts von Ihnen. 

  

AD: „Wieso sind Sie sich so sicher, daß es das Unbewußte und fremde Subjektivitäten gibt?“

Ich weiß gar nichts im traditionellen Sinne, sondern bemühe mich lediglich um eine möglichst konsistente subjektive Welt. Diesem Ziel entsprechend kann mein Weltbild „verlangen“, daß es

– ein Unbewußtes sowie

– andere Subjektivitäten mit ihren jeweiligen Bewußtseinen geben muß.

Bei Ihrem Weltbild steht die Frage nach einem Unbewußten vielleicht ebensowenig wie bei einem Solipsisten die nach anderen Subjektivitäten.

 

Unser letztes Ergebnis wird noch viel spannender, wenn wir seine bisherige Denkrichtung umkehren. 

Bei jedem Wort, das uns begegnet, bestehen mindestens drei Möglichkeiten, die selbstredend fließend ineinander übergehen:

1. Es sagt uns nichts, und je nach Interesse, Stimmung oder Geschäftigkeit fragen wir gegebenenfalls zurück, was damit gemeint sei.

2. Wir verstehen das Wort, weil es einen der Begriffe unseres Begriffshorizonts bezeichnet, und dieser Begriff ist aktual gemeint.

3. Wir verstehen das Wort, weil es

– sowohl einen der Begriffe unseres Begriffshorizonts bezeichnet

– als auch eine angeblich wirkliche Entität außerhalb unseres Bewußtseins benennt,

und diese ist aktual gemeint.  

 

Ein Paradebeispiel für den letzten Fall stellt natürlich Gott dar:

Würde „Gott“ keinen Begriff unseres Begriffshorizonts bezeichnen, würden wir nichts verstehen und könnten somit auch nicht wissen, daß der – gegebenenfalls – wirkliche Gott außerhalb unseres Bewußtseins gemeint ist.

Oben, in der alten Denkrichtung hatten wir jedoch gesehen, daß eine Entität außerhalb unseres Bewußtseins

– eine völlig unbekannte black box sein muß,

– von der innerhalb des Bewußtseins nur der Name als Platzhalter existiert.

 

Unser dritter Punkt soeben war also falsch:

Kein Wort, das eine wirkliche Entität außerhalb unseres Bewußtseins benennt, kann zugleich einen Begriff bezeichnen, weil dann die „black box“

– nicht mehr eine black, sondern eine mit diesem Begriff gefüllte box wäre und

– sich somit nicht außerhalb, sondern innerhalb des Bewußtseins befinden müßte.

AD: „Damit ist also insbesondere die sehr weit verbreitete Überzeugung unrichtig, wir könnten irgendetwas von Gott oder der Wirklichkeit wissen?„

 

Ja; das wäre eine wichtige Konsequenz. Ich glaube sogar, daß es noch „schlimmer kommt“, weil sich Gott und die Wirklichkeit, da uns nichts von ihnen bekannt ist, gar nicht voneinander unterscheiden lassen:

Gott ist die Wirklichkeit.

Eine zweite Folgerung halte ich jedoch für ebenso spannend:

Der Teufel könnte nur dann als die – gewußte – Ursache des Bösen fungieren, wenn er sich nicht außerhalb des Bewußtseins befände, denn falls er daußen wäre, wüßten wir nichts von ihm bzw. dieser Leerstelle.