Zu den Subjektivitäten hatten wir bisher ausgeführt, daß schon die Annahme, sie würden leben, möglicherweise zu weit führt. Es ist keineswegs selbstverständlich, daß sich die postmoderne Einheit { Subjektivität + Leben } in diesem Sinne zerlegen läßt. Zum Beispiel könnte sich die Subjektivität auch analog zum Wind verhalten, der nicht weht, sondern das Wehen ist.
Nun sind wir jedoch bereits ein wenig weitergekommen; aus der Wirklichkeit der Seienden wird postmodern diejenige des Sich-Zeitigens.
AD: „Haben Sie gesagt . . .; aber das sind bisher nur Worte, mit denen ich nichts anfangen kann.“
Daß die Wirklichkeit im Sich-Zeitigen besteht, soll ausdrücken:
– Sie ist zeitlich und nicht zeitlos,
– vollzieht sich und ist nicht (vorhanden),
– geschieht und gibt es nicht,
– ereignet sich und liegt nicht vor oder
– ist ein Vollzug und kein Ding.
An der zweiten, jeweils abgelehnten Position stehen
– postmodern die Wissungen und
– traditionell die Seinden, die als deren Referenten erfunden wurden.
Daraus erklärt sich die eigenartig anmutende Sprechweise, daß bei uns – nicht Objekte, sondern – Wissungen „vorhanden“ bzw. „Dinge“ sind.
Diese Gegenüberstellungen gehören in die Ereignisphilosophie, die im 20. Jahrhundert entstand und wesentlich auf Martin Heidegger zrückgeht. Das letzte Paar ist für uns vielleicht das geeignetste; die Wirklichkeit vollzieht sich oder besitzt die Form des Vollzugs.
AD: „Wenn die Wirklickeit in meinem Leben bestehen soll, bereitet mir dieser Gedanke ernstliche Schwierigkeiten. Ich verfüge zum Beispiel über Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffe; was haben die mit Vollzügen zu tun?“
Wir werden noch sehen, daß sich die Wissungen sehr gut
– nicht nur als Oberbegriff für Ihre Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffe, sondern
– auch als Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens verstehen lassen.
Ich greife damit ein wenig vor, um Ihnen kurz und treffend antworten zu können.
Traditionell sind wir eigenständige Subjekte, die alle mit Recht sagen „ich weiß die Wissungen“.
Das Ich scheint als Seiendes unproblematisch zu sein, und sein verbales Wissen bewirkt die Wissungen.
Postmodern gibt es kein solch autonomes Ich, so daß wegen des fehlenden Trägers auch das verbale Wissen gestrichen werden muß. Wer oder was könnte an die Stelle der Einheit { Subjektivität + verbales Wissen } treten?
AD: „Der Vollzug?“
Ja! Postmodern wird diese Einheit zum Sich-Vollziehen.
Das ist jedoch anonym; würden wir es bei dieser Ersetzung belassen, blieben nur noch der Vollzug und die Wissungen als dessen Resultat, so daß die Subjektivität verlorengänge. Aber da führen unsere bisherigen Überlegungen ebenfalls weiter:
Aus den Wissungen kann sich durch das Ansprechen-Lassen eine Subjektivität ergeben.
| Bewirken | Resultat | Konsequenz | ||||||
| zeitlos, in Synchronie (und Raum) | traditionell | |||||||
| Subjekt | weiß | → | Wissungen | |||||
| zeitlich und eventuell räumlich | postmodern | |||||||
| wirklich | ||||||||
| anonymer Vollzug | → | Wissungen | → | Subjektivität | – Selbstbestimmung → | Selbst | ||
| ∋ | ||||||||
| Komponente | ||||||||
| in Synchronie (und Raum) | ||||||||
| unwirklich | ||||||||
Abbildung 1.9.3.
Subjektivitäten wissen nichts und können auch nichts wissen, (1) weil es sie beim Bewirken der Wissungen – unserem angeblich verbalen Wissen – noch gar nicht gibt. Das übernimmt die Wirklichkeit im Sinne des anonymen Vollzugs, Sich-Vollziehens oder -Zeitigens.
AD: „Damit kommen wir wie versprochen auf meinen Einwand zurück, daß ich doch beispielsweise während des Essens auch davon weiß.“
Das scheint mir umöglich zu sein, und meine erste Begründung habe ich Ihnen gerade genannt. Aber es gibt noch eine zweite, die für das prinzipielle Verständnis der Postmoderne vielleicht noch wichtiger ist:
Von Wissungen können wir nur sinnvoll sprechen, wenn sie hinreichend stabil oder langlebig sind. Der traditionelle Glaube an „ewige Wahrheiten“ ist gewiß illusionär, aber ebensowenig sind „Wissungen“, die kaum andauern, Wissungen.
Deswegen gehört zu letzteren stets ein identischer(B) Begriff, der diese für das Wissen notwendige Stabilität verleiht. Damit werden jedoch sämtliche Wissungen abhängig vom subjektiven Weltbild.
Damit sollte einsichtig werden, weshalb wir nicht einmal das wissen können, was wir selbst tun:
(2) Weil es – wenn überhaupt – bestenfalls innerhalb des eigenen Weltbilds richtig sein kann:
„Ihm zufolge
– ‚bin ich mein Körper‘ und
– ‚esse jetzt'“ könnte ein möglicher Gedankengang lauten.
AD: „Wenn Sie damit Recht hätten, wäre doch jegliches Wissen ohne Sinn oder Inhalt?“
Nein; wir müssen uns nur von der traditionellen „Selbstverständlichkeit“ verabschieden, beim Wissen gänge es um Erkennen. Das tut es definitiv nicht, denn eine „Erkenntnis“, die vom subjektiven, möglicherweise absurden Weltbild abhängt, kann keine Erkennntis sein.
Dennoch ist unser Wissen lebensnotwendig und unersetzlich, denn es gibt gar nichts anderes, woran wir uns im Leben orientieren können. Wir nutzen das Wissen, beziehen uns darauf oder argumentieren damit. Das geht alles; im Gegenteil:
Das Denken funktioniert doch nur, wenn wir
– mittels unseres Weltbilds
– an Wissungen anknüpfen, die auch bereits aus ihm hervorgegangen sind.
Nur die Brücke vom Wissen zur Wirklichkeit läßt sich nicht (mehr) schlagen, und deswegen ist das Wissen kein Erkennen.
Richtig sein kann es dennoch, aber nur (noch) in einem pragmatischen Sinne; zum Beispiel:
Der Blinde bei von Glasersfeld bahnt sich erfolgreich einen Weg durch den Wald.
Der Trainer bereitet seine Mannschaft so vor, daß sie gewinnt.
Wir träumen die Lottozahlen, die dann tatsächlich gezogen werden.
AD: „Wir orientieren uns also an etwas, was niemals als richtig erkannt wurde?“
Hierauf kann ich zum einen weder „ja“ noch „nein“ antworten, denn mir ist völlig unklar, was Sie ohne die objektive Welt unter dem Erkennen eines Weltbilds als richtig verstehen.
Zum anderen ist es auch offensichtlich unnötig. Die Seefahrer der frühen Hochkulturen beispielsweise orientierten sich an einer flachen Erde und fanden mit diesem „falschen“ Weltbild zu einer hoch entwickelten Nautik.
Die durch den Vollzug entstandenen Wissungen können „uns“ nahegehen oder betreffen, so daß „wir“ uns möglicherweise angesprochen fühlen. Dadurch entstehen wir jedoch erst; nicht als Nominativ-Subjekte, sondern als Dativ- oder Akkusativ-Subjektivitäten: Mir geht nahe . . ., mich betrifft . . .
Da auch das Nicht-Antworten-Wollen ein Antworten ist, müssen wir auf unsere Entstehung antworten und bestimmen uns dadurch zu einem Selbst.
An dieser Stelle spielt es keine Rolle, daß alles, was mich ansprechen könnte, bereits durch mein Weltbild geformt sein muß. Die Frage „Was ist Wirklichkeit und wo beginnt das Weltbild?“ stellt sich hier gar nicht. Ich antworte ja unmittelbar auf das Mich-Ansprechen und suche nichts Wirklicheres dahinter.
Dieser Gedanke läßt sich durch einen neuen Begriff noch ein wenig verdeutlichen:
Wir befinden uns immer in einer bestimmten Situation; im „Vakuum“ oder „Nichts“ gibt es uns nicht. Ich spreche von uns Subjektivitäten, und nicht von den Körpern. Die verhalten sich alle irgendwie, und auch mein eigener Körper tut etwas; er schreibt zum Beispiel.
Die Tradition würde dazu sagen „Ich schreibe“.
Postmodern
– kann dieses „Ich schreibe“ jedoch kein Wissen von meiner Tätigkeit als Subjektivität sein, weil ein solches gar nicht existiert, sondern
– gehört auch das „Wissen vom Tun des eigenen Körpers“ zu meiner Situation,
— die mich gegebenenfalls anspricht und
— zu der ich mich dann verhalte.
Deswegen sage ich im weiteren statt „wir befinden uns in“ besser „wir stehen vor einer bestimmten Situation“.
AD: „Allmählich verstehe ich auch besser, daß Sie den Außen-Innen-Dualismus tatsächlich nicht mehr benötigen:
Alles was Sie jetzt beschrieben haben, vom Sich-Zeitigen der Wirklichkeit bis zu unserer Selbstbestimmung im Antworten ist zeitlich. Aber das meint wirklich zeitlich und weder in der Syn- noch in der Diachronie.“
Wenn ich bitte ergänzen darf:
Möglicherweise auch räumlich, jedoch nicht im Raum; ich erkläre diese „Absurdität“, nachdem Sie Ihren Gedanken abgeschlossen haben.
Sollte Ihnen das gelingen, ist alles Wirkliche – vom Sich-Zeitigen bis zu meinem Leben – zeitlich und eventuell auch räumlich.
Dazu zählen insbesondere unsere Wissungen, die jedoch Begriffe als eine zeitlose Komponente enthalten müssen, um Wissungen sein zu können; diese befindet sich in der Synchronie sowie eventuell auch im Raum und ist – als Einziges – unwirklich.
Von der zeitlich-räumlichen Wirklichkeit weiß die Tradition (nahezu) nichts; sie kennt (fast) nur Wissungen. Da diese auch traditionell unwirklich sind, das Bestreiten jeglicher Wirklichkeit aber sinnleer ist, mußten die Seienden als das Wovon der oder zumindest vieler Wissungen erfunden werden.
– Diejenigen Seienden, die sich im Raum befinden, bilden das Außen, und
– alles andere – die Wirklichkeit sowie die unwirkliche Komponente des Wissens – entspricht dem Innen.
Ohne Seiende entfällt das Außen, so daß auch das „Innen“ kein Innen mehr ist.“
Nun kann ich meine Schuld begleichen:
Vermag etwas räumlich zu sein, ohne sich im Raum zu befinden?
Natürlich; das Zeitliche ist doch auch nicht in der Zeit!
Der Unterschied zwische beiden besteht allein darin, daß wir auch postmodern (noch) mit dem Raum operieren, die Zeit aber bereits abgeschafft haben.
Traditionell ist sie vieldeutig; wir haben uns lediglich auf die Synchronie und Diachronie beschränkt.
Erstere ist eine saubere mathematische Abstraktion, an der es zwar nichts auszusetzen gibt, die jedoch nichts mit der Wirklichkeit oder dem Leben zu tun haben kann.
Die Diachronie entspricht der traditionellen Mauschelei, die Synchronie durch „dauernde Punkte“ in die wirkliche Zeit umzuformen. Das geht aber nicht, denn eine „wirkliche Zeit“ ist widersprüchlich, weil sie zugleich wirklich und Wissung sein müßte. Wissungen sind jedoch nicht (durchgehend) wirklich, weil sie notwendigerweise eine unwirkliche Komponente besitzen.
Schmerzen sind vielleicht das beste Beispiel, um Räumlichkeit ohne Raum zu erklären. Sie können ziehen, drücken, stechen, ausstrahlen oder ähnliches – sind aber nicht dreidimensional und gehören somit auch nicht dem Raum an.
Ein schwerer Kopf kennt gar keine Grenzen, sondern verliert sich irgendwie diffus wabbelnd in der Umgebung. Lehnen wir uns erschöpft an den Schrank, stößt vielleicht der körperliche Kopf, aber niemals der räumliche an.
Sitzt ein Beinamputierter an der Wand, kann das fehlende Bein die Mauer des Raumes durchdringen, so daß der Ärmste seine räumlichen Phantomschmerzen eventuell sogar außerhalb des Hauses spürt.
Nichts Räumliches ist im Raum, und nichts Zeitliches in der Syn- oder Diachronie; nichts im Raum ist räumlich, und nichts in der Syn- bzw. Diachronie zeitlich.
Ganz einfach weil die zeitliche und vielleicht räumliche Wirklickeit sowie die zeit- und gegebenenfalls räumlichkeitslose Komponente des Wissens disjunkt sind.