Wir canceln die Seienden, aber natürlich nicht die Wirklichkeit, denn deren Abschaffen müßte ja selbst ein Teil der Wirklichkeit sein und wäre somit widersprüchlich.
Folglich ist für unseren Ansatz eine andere Wirklichkeit nötig. Welche könnte das sein? Stehen wir damit vor einer ähnlichen Frage wie Descartes, als er die Philosophie neu begründen wollte?
Er suchte nach absolut sicherem Wissen, um auf diesem Fundament mit logischer Stringenz und damit unwiderleglich sein geistiges Gebäude errichten zu können. Mit einem solchen Vorhaben können wir uns jedoch partout nicht identifizieren, weil die Richtigkeit unserer logischen Schlußfolgerungen postmodern
– vom jeweiligen Wirklichkeits-Bild abhängt und
– folglich stets subjektiv ist.
Möglicherweise überzeugt mich also mein Gedankengang total, und ich glaube damit, den Stein der Weisen gefunden zu haben, während Sie sich ob meiner Einfalt die Haare raufen. Es gibt keine Logik, die unsere Wirklichkeits-Bilder sprachunabhängig transzendiert; jedes „das ist zwingend“ muß fortgesetzt werden mit „. . . in diesem Wirklichkeits-Bild“.
Das ist der Preis, den wir für unseren Verzicht auf Seiende zahlen (müssen); anders formuliert:
Die Tradition verfügt angeblich über ein unhinterfragbar festes Fundament, indem sie Seiende erfunden hat,die
– vollkommen unabhängig von uns existieren,
– folglich auch nicht mit uns wechselwirken können, aber
– nichtsdestotrotz gewußt werden.
AD: „Das überzeugt mich nicht.
Den Kosmos gab es schon vor mir, denn ich wurde offensichtilch in ihn hineingeboren. Der Mond hat nicht auf mich gewartet; das wäre Ihr ‚vollkommen unabhängig von uns existieren‘. Aber dann lag ich in meinem Wagen, und der Mond schien mir ins Gesicht, so daß wir sehr wohl miteinander wechselwirken konnten.“
Dieser Gedanke wirkt wohl sehr überzeugend, enthält aber dennoch einen Fehler.
Sowohl Mond als auch Mondschein befanden sich vor der Geburt natürlich außerhalb Ihrer Psyche. Nun sagen Sie, für den Mond gelte das weiterhin, aber seine Strahlen kämen in der Psyche an. Das heißt, zwischen dem Mond und Ihnen müßte sein Licht die Grenze Ihrer Psyche passieren.
Wo liegt sie? Was haben diese knapp 400 000 km mit ihr zu tun?
Mit dem Mond muß sich auch der Mondschein – selbst nach Ihrer Geburt – außerhalb der Psyche befinden. Sie kommen als Seiendes zum Kosmos hinzu, sind aber allen anderen Seienden gegenüber so isoliert wie der Mond.
Seiende können nur
– bestimmte Seiende oder
– mit sich selbst identisch sein,
weil sie völlig isoliert oder „allein“ sind.
Die Wirklichkeit, nach der wir suchen und die postmodern an die Stelle der traditionellen Seienden treten soll, kann also kein Wissen sein; auch kein „todsicheres“. Was bleibt uns dann?
Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit; jeder von uns muß für sich selbst antworten:
Mein eigenes Leben.
Das eigene Leben ist für uns unbestreitbare Wirklichkeit, weil wir es selbst leben; vollkommen unabhängig davon, wie wir dies tun.
– Weder ist es Wissen,
– noch kann es Wissen von ihm geben, weil für uns gar keine Referenten existieren; insbesondere also auch keine vom eigenen Leben.
AD: „Aber ich weiß doch von meinem Leben; Geburtstag, Beruf, Wohnort, Partner usw.“
Alles, was Sie in diesem Zusammenhang aufzählen könnten, gehört zu Ihrer Biographie, gewiß aber nicht zu Ihrem Leben. Das sind letztlich zwei völlig verschiedene Dinge:
Mein Leben ist wirklich und prinzipiell unwißbar; es existiert nur in der ersten Person Singular.
Meine Biographie ist unwirklich, besteht allein in Wissungen und kann von jedermann gewußt werden.
AD: „Mit solchen Dualismen habe ich stets Schwierigkeiten.
Die Wirklichkeit meines Lebens kann doch nicht durch einen Cut vom unwirklichen Wissen getrennt sein; insbesondere müssen auch diese beiden Seiten wie soeben der Mond und ich miteinander wechselwirken, um nicht ‚zwei getrennte Welten‘ zu bilden.“
Das ist richtig. Die notwendige Wechselwirkung ergibt sich bei unserem Non-Dualismus daraus, daß es zur Wirklichkeit meines Lebens gehört, selbst über das unwirkliche Wissen zu bestimmen:
Ich entscheide ganz allein, was ich glaube und was nicht oder was ich als richtig bzw. falsch erachte, annehme resp. ablehne.
AD: „Entscheiden kann ich immer nur aktual oder jetzt. Mein Leben geht jedoch sehr weit über das Jetzt hinaus; ich habe früher schon gelebt und tue dies hoffentlich auch später noch (ein Stückchen).
Worin besteht dieser Überschuß meines Lebens im Nicht-Jetzt?“
Vor meiner Antwort muß ich Ihnen ein wenig widersprechen:
Es gibt weder ein früheres noch ein späteres Leben, sondern nur das jetzige.
Das „frühere Leben“ etwa ist vorbei; ich könnte also höchstens noch von ihm wissen, Referenten gibt es jedoch nicht.
AD: „Aber ich erinnere mich doch und weiß zum Beispiel von meinem letzten Geburtstag!“
Nein; Sie wissen nicht von Ihrem letzten Geburtstag – als einem Seienden –, sondern Ihren letzten Geburtstag – als einem Aktanten.
Damit klingt meine Antwort vielleicht schon nicht mehr ganz unvernünftig:
Wir leben allein im Jetzt.
Nicht nur absurd, sondern sogar unmöglich, weil widersprüchlich wird das natürlich, wenn dieses Jetzt der traditionellen vergehenden Zeit angehören soll; das tut es natürlich keineswegs.
Wir leben nicht in ihr, sondern in einer ganz anders strukturierten Zeit, die im vierten Teil zentral werden wird; auch dann erst läßt sich das Jetzt verstehen.
AD: „Ich gehe davon, daß wir diesen Unterschied zwischen Leben und Biographie noch in einen größeren Zusammenhang einordnen werden und somit jetzt noch nicht alles verstehen müssen. Aber ein Gegenargument scheint mir doch an dieser Stelle schon zwingend zu sein:
Die Tradition benötigt eine objektive Realität, die sich praktisch unendlich in Raum und Zeit erstreckt. Das wollen Sie – verlustlos oder ohne alle Einbußen – bei jeder Subjektivität auf deren eigenes Leben reduzieren?“
Der Kosmos als solcher ändert sich beim Übergang von der Tradition zur Postmoderne natürlich nicht; er bleibt so gewaltig wie bisher, denn wir haben nicht vor, die Physik zu korrigieren. Aber trotzdem wird alles anders, weil sich die Funktion des Kosmos ändert:
– Aus der objektiven Realität als dem Worin von mir als Subjekt i. e. S. wird
– das physikalische Wissen von mir als einer Subjektivität.
AD: „Ich verstehe; die Physik interessiert uns gar nicht. Sie besteht in puren Wissungen; die bleiben unangetastet, und wir canceln nur ihre traditionellen Referenten.“
Die von der Physik vorausgesagte Sonnenfinsternis beispielsweise tritt pünktlich ein. Das ist ein Geschehen, das sich 100%-ig innerhalb unserer Wahrnehmungen sowie Wissungen abspielt und diese nicht im geringsten transzendiert. Weder kennt noch braucht die Physik Referenten.
AD: „Das kann ich nachvollziehen, führt aber auf das nächste Problem:
Die Tradition glaubt, wir seien (abgesehen von dem in diesem Zusammenhang belanglosen ‚Innen‘) unser Körper und lebten folglich in der (objektiven) Welt. All das wird postmodern zum Wissen, das ich als Subjektivität besitze.
Damit stellt sich jedoch ganz grund-legend die Frage, wo bzw. worin ich lebe.“
Sie ist falsch gestellt und damit sinnleer.
Es muß nicht alles einen Ort haben; die entsprechende Annahme bildet ein Überbleibsel des traditionellen Denkens, demzufolge der Raum das Gefäß für „alles“ darstellt; selbst Gott mußte oben oder im Himmel und der Teufel unten bzw. in der Hölle sein.
Ich rede mich damit nicht heraus; wir können auch nicht sinnvoll fragen, welche Farbe die Liebe hat, wie schwer die Sonne oder wie groß Gott ist; es gibt nicht nur falsche Antworten, sondern sogar falsche Fragen.
Bei Ihrer Frage können wir sogar recht genau sagen, weshalb sie falsch gestellt ist:
Der Raum entsteht erst durch das Sehen, und dieses kommt allein uns Subjektivitäten zu, so daß wir selbst
– weder im Raum ausgedehnt sein
– noch uns darin befinden und
folglich auch nicht irgendwo leben können.
Traditionell denkende Christen würden Ihre Frage möglicherweise nicht nur als sinnvoll, sondern sogar als einen wunderbaren Anknüpfungspunkt betrachten:
„Wir leben in Gott“.
Ich glaube das auch und widerspreche nicht, möchte aber unbedingt hinzufügen, daß damit die Frage, wo wir leben, gar nicht tangiert geschweige denn beantwortet würde.
Wir können niemals auf eine fachliche Frage mit einem Glaubensbekenntnis antworten.
Daß ich irgendwo nicht weiter weiß, zeigt die Grenzen meines Wirklichkeitsbilds. Aber was hat sie mit Gott zu tun? Dann hätte der Einfältigste den sichersten „Beweis“ für die Existenz Gottes, weil er ihn laufend als Lückenbüßer für die ihm fehlenden vernünftigen Antworten benötigt.
Auch das gilt freilich für jedes Seindes und nicht nur für einen solchen Gott. Das heißt, unser Streichen der Seienden ist kein philosphisches Glaubensbekenntnis, sondern dessen Zurücknahme und damit eine Ent-täuschung der traditionell Denkenden.
AD: „Das ist alles nachvollziehbar, aber ich habe trotzdem noch Bauchschmerzen, wenn Sie die gesamte Wirklichkeit auf das eigene subjektive Leben beschränken, weil es doch in dasjenige vieler anderer Subjektivitäten hineinspielt und umgekehrt.“
Diese Wechselwirkung zwischen den einzelnen Leben besteht natürlich, widerspricht aber der von mir vertretenen reinen Subjektivität jedes Lebens in keiner Weise. Ich kann das am besten anhand eines Gesprächs zwischen uns beiden erklären:
Ich möchte Ihnen etwas mitteilen; worin es besteht, können Sie nicht wissen, denn dieser Inhalt
– gehört nur meiner eigenen Psyche an und
– bewirkt ein ganz bestimmtes Sagen von mir.
Die Tradition geht bis zu dieser Stelle mit, um dann fortzufahren:
Wenn ich etwas sage, Sie darauf antworten usf., entsteht ein Gespräch, das sich aus dem abwechselnd Gesagten zusammensetzt.
Dem widersprechen wir, denn an dieser Stelle wechselt die Tradition – wahrscheinlich ohne es zu merken – zur Schau des Nous. Nur für ihn gibt es dieses und jenes Gesagte, die sich zu einem Gespräch formen, das ein objektiv existierendes Seiendes bildet.
AD: „Wenn ich kurz unterbrechen darf:
Der von Ihnen intendierte Wechsel der Wirklichkeit von der objektiven Welt zum subjektiven Leben entspricht also ganz einfach dem Verzicht auf den Nous sowie jeglichen Ersatz für ihn?“
Ja; aber dieser traditionelle Perspektivenwechsel ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er selbstverständlich zu sein scheint und deswegen zumeist unbemerkt bleibt.
Die Postmoderne erweist sich dagegen als viel sachlicher und verzichtet auf das traditionelle „Sein-Wollen wie Gott“:
Mein Sagen führt bei Ihnen zu Verstehungen – und ich habe keine Ahnung, welche es sind. Unser Verzicht auf den Nous bzw. das Gespräch als Seiendes bedeutet also, daß wir drei verschiedene Entitäten benötigen:
1. Meine Intention
Sie besteht in dem, was ich Ihnen sagen wollte, befindet sich nur in meiner Psyche und zählt zu meinen Wissungen. Es gibt nichts Gesagtes.
2. Ihre Verstehung
Sie bildet das glatte Gegenstück dazu; besteht in dem, was Sie verstanden haben, befindet sich nur in Ihrer Psyche und zählt zu Ihren Wissungen. Es gibt nichts Gehörtes.
3. Mein Sagen
Das ist die einzige Verbindung zwischen meiner Intention und Ihrer Verstehung; von ihr dürfte deutlich sein:
1. Diese Verbindung muß existieren, denn sonst wäre Ihre Verstehung ausgeschlossen.
2. Außerhalb der „Innen“ existieren traditionell nur Seiende, für uns also gar nichts.
3. Mein uns verbindendes Sagen kann folglich nur dem (mengentheoretischen) Durchschnitt unserer beiden „Innen“ angehören.
4. Wir hatten diese jeweils aus der Psyche und dem „Innen des Lebens“ zusammengesetzt.
5. Mein Sagen ist weder eine Wahrnehmung noch eine Wissung und gehört folglich Ihrem und meinem „Innen des Lebens“ an.
6. Deren Durchschnitt ändert jedoch nichts daran, daß ich keinerlei Zugang zu Ihrem Leben habe und widerspricht nicht der Annahme, das eigene Leben bilde meine gesamte Wirklichkeit.
| Ihr „Innen“ | mein „Innen“ | ||||
|
Ihre Psyche |
Durchschnitt |
meine Psyche |
|||
| der beiden „Innen | |||||
| (des Lebens)“ | |||||
| „Innen Ihres Lebens“ | „Innen meines Lebens“ | ||||
Abbildung 2.5.
Zusammengefaßt:
Wir snd miteinander verbunden in unseren „Innen des Lebens“, kennen aber beide nur jeweils den Teil davon, der dem eigenen „Innen“ bzw. Leben angehört.
AD: „Jetzt verstehe ich auch, weshalb unsere Wissungen tatsächlich keine Referenten benötigen:
Wir können uns zwar nicht (mehr) an einer Welt als dem uns vorgegebenen Lebens-Raum orientieren, haben aber trotzdem Verantwortung, Aufgaben oder Ziele. Das sind sogar traditionell Wissungen ohne Referenten; letztere sollen ja erst noch hervorgebracht werden.
Die Kehrseite dieser Medaille besteht freilich darin, daß wir nicht nur für unsere Absichten, sondern für all unsere Wissungen selbst verantwortlich sind; keine von ihnen ergibt sich aus ‚ihrem Referenten‘.“
Und das wird sogar verständlich, wenn wir davon ausgehen können, daß sämtliche Wissungen aus reflexiven oder präreflexiven Absichten hervorgehen und unsere „normalen“ Wissungen somit vergangenen, aber sedimentierten oder aufgehobenen Absichten entsprechen.