Potentielle Wahrnehmungen sind keine Wahrnehmungen, sondern höchstens ihre Ermöglichung. Sie bleiben irgenwo versteckt und warten möglicherweise darauf, verwirklicht oder eben wahrgenommen zu werden. Aber wo warten sie, das heißt, wie können wir sie entdecken und „einschalten“?
Ludwig Wittgenstein veranschaulichte das Problem anhand der Kippbilder. Wir haben beispielsweise den Hasen vor uns und können – in diesem Fall meistens relativ leicht – zur Ente wechseln und umgekehrt.
Das funktioniert praktisch auf Knopfdruck. Als wesentlich schwieriger, aber nicht prinzipiell anders müssen wir uns den Wechsel beispielsweise vom naiven Realismus zum Radikalen Konstruktivismus vorstellen:
Wir
– haben – wie bei den Kippbildern – in beiden Fällen exakt die gleichen Wahrnehmungen,
– bei nahezu gegensätzliche Theorien.
Und weil die Wahrnehmungen trotz der unterschiedlichen Theorien übereinstimmen,
läßt sich innerhalb der letzteren auch keine richtige Theorie herausfinden.
AD: „Ich habe des öfteren schon – auch in anspruchsvollen Büchern – gelesen, die Menschen hätten früher andere Wahrnehmungen besessen. Wenn ich Sie recht verstehe, stimmt das aber gar nicht; die Menschen haben ihre – gleichen – Wahrnehmungen lediglich anders interpretiert, das heißt, mit anderen Seienden versehen.“
Davon bin ich überzeugt
Mein schönstes Beispiel, um dies zu verdeutlichen, bildet die Hohlwelttheorie.
Unter diesem Titel wird sehr viel Unsinn verbreitet; nicht zuletzt im Internet. Für eine sachliche Information würde ich Ihnen Roman Sexl empfehlen, der bis zu seinem frühen Tod als Professor für Theoretische Physik an der Universität seiner Heimatstadt Wien arbeitete.
Der Kerngedanke der Hohlwelttheorie besteht in der Spiegelung oder Inversion an der Kugel. Dabei wird jedem Punkt in ihrem Inneren eineindeutig ein solcher im Äußeren zugeordnet; auf folgende Weise:
1. Man zeichnet einen Strahl vom Mittelpunkt der Kugel bis ins Unendliche.
2. Die beiden Punkte eines Paares liegen jeweils auf dem gleichen Strahl.
3. Ihre Abstände vom Mittelpunkt seien r(i) bzw. r(a) und der Kugelradius betrage R.
4. Es gilt die Beziehung r(i) x r(a) = R².
Nähert sich der äußere Punkt der Kugel, tut dies auch der innere; entfernt ersterer sich ins Unendliche, erreicht der innere Punkt das Zentrum der Kugel.
Diese Abbildung zählt zu den konformen Transformationen und besitzt bemerkenswert einfache Eigenschaften. So bleiben etwa sämtliche Winkel erhalten, und eine Gerade im Außenraum wird im Inneren zum Kreis; die Tangente beispielsweise zu einem Kreis mit dem Radius ½R durch den Kugelmittelpunkt.
Am meisten überrascht Sie wahrscheinlich, daß dieser Abbildung zufolge jede noch so kleine endliche Kugel ebenso viele Punkte enthalten muß, wie ihr unendliches Außen. Wenn beide Bereiche sich punktweise aufeinander abbilden lasen, dabei kein innerer Punkt mehrfach benutzt und kein äußerer ausgelassen wird . . .
Identifizieren wir die mathematische Kugel mit der Erde, so geht deren Oberfläche in sich selbst über; bei r(i) = R muß dies auch für r(a) gelten.
Wir stehen auf der konvexen, von uns weggebogenen Seite dieser Oberfläche; unter uns liegt der Dreck und über uns befinden sich die Vögel, Wolken, Flugzeuge oder Sterne.
Spiegeln wir nun die Erd-Kugel, so muß an dem letzten Satz praktisch nur ein Wort geändert werden:
Wir stehen auf der konkaven, auf uns zugebogenen Seite dieser Oberfläche; unter uns liegt der Dreck und über uns befinden sich die Vögel, Wolken, Flugzeuge oder Sterne.
Empirisch ändert sich absolut nichts. Es gibt kein Experiment, mit dessen Hilfe entschieden werden könnte, auf welcher Seite der Erdoberfläche wir uns befinden.
Demzufolge habe ich soeben auch einen Fehler begangen in der Hoffnung, Sie würden mich durch ihn erst einmal besser verstehen:
Es war natürlich falsch zu schreiben „Wir stehen auf der konvexen . . . Seite dieser Oberfläche“. Das entzieht sich keineswegs nur unserem Wissen, sondern stimmt auch nicht.
„Überzeugte“ Hohlwelttheoretiker gehen von der gegenteiligen Annahme aus, wir würden innerhalb der Erd-Kugel leben; aber „das eine“ ist so falsch wie „das andere“ – denn es gibt nur eines.
Wo keine Entscheidung möglich ist, macht der „Unterschied“ keinen Unterschied, und so existiert auch keiner.
Die Hohlwelt ist das Paradebeispiel für ein Kippbild; uns fehlt lediglich der Schalter, so daß wir immer nur die Dreckkugel-Version erleben.
In der gekippten Hohlwelt-Version hätten wir exakt die gleichen Wahrnehmungen, wären aber überzeugt, uns innen zu befinden; lediglich die Theorien, unsere Denkungen oder Vorstellungen also, wären anders.
(Versuchen Sie bitte die Analogie zur Wahrnehmungstheorie in 1.1.3. zu erkennen; sie ist natürlich der springende Punkt unserer drei Beispiele.)
Wir sagen so schnell dahin, die Menschen glaubten früher, auf einer Scheibe zu leben. Auch das geht wieder zu weit; weil sich das Auf-der-Scheibe nicht vom Unter-der Scheibe unterscheiden läßt; die zugehörige Transformation ist zu simpel, um sie zu beschreiben.
AD: „Aber es fällt doch alles nach unten!“
Jein; es fällt alles, und darin besteht die übereinstimmende Wahrnehmung – vor und nach der Spiegelung.
Aber das Unten gehört – als Erde – bereits zur Theorie, die keinen Einfluß auf die Wahrnehmungen besitzt.
Es gibt nur
– ein Kugel- bzw. Scheibenmodell mit jeweils
– einer Wirklichkeit, aber zwei
– gegensätzlichen Theorien, Wissungen, Vorstellungen oder Denkungen, die
— nur scheinbar alles auf den Kopf stellen,
— tatsächlich jedoch keinerlei Einfluß auf die (Wirklichkeit der) Wahrnehmungen besitzen.