Ich versuche, Sie im gesamten zweiten Teil kontinuierlich vom traditionellen zum postmodernen Denken zu führen; in diesem Kapitel liegt der Schwerpunkt nun bereits bei letzterem.
Um Ihnen den Übergang zu erleichtern, fasse ich seine entscheidenden Voraussetzungen nochmals zusammen.
Wir haben das philosophische Denken in Antike, Mittelalter sowie Moderne dadurch als traditionelles charakterisiert, daß jeweils eine objektive Wirklichkeit als vorgegeben angenommen wird. Sie setzt sich aus der immanenten Welt und gegebenenfalls einer transzendenten Überwelt zusammen.
Hinterwäldlerisch sind beide, das heißt, ist diese gesamte objektive Wirklichkeit, weil sie
– sich außerhalb unseres „Innen“ und damit in einer uns unzugänglichen Sphäre befindet, aber dennoch
– – im eklatanten Widerspruch dazu – angeblich gewußt wird bzw. zumindest werden kann.
AD: „Ich sehe hier keinen ‚eklatanten Widerspruch‘:
Mein ‚Innen‘ kann sich nicht im Körper befinden; das habe ich verstanden; es gehört ihm jedoch trotzdem irgenwie an. Das Haus jenseits der Straße
– befindet sich außerhalb meines ‚Innen‘,
– ist mir aber trotzdem zugänglich; ich sehe es, kann beispielsweise hingehen, klingeln oder es vermessen.
Sie konstruieren ein Scheinproblem und kämpfen dann heroisch gegen Strohpuppen und Windmühlen.“
Ich hatte Sie bereits ein paar Schritte weiter vermutet . . .
Ihre Argumentation ist im Rahmen des traditionellen Denkens hieb- und stichfest. Sie teilen jedoch mit ihm fünf Prämissen, von denen meines Erachtens nur die vierte richtig ist.
1. Ich bin mein Körper.
2. Das „Innen“ muß natürlich an mich und damit an ihn gebunden sein.
3. Alles (im Prinzip) Sichtbare – und damit folglich auch das Innen meines Körpers – befindet sich außerhalb des eo ipso unsichtbaren „Innen“.
4. Was wir sehen, ist uns zugänglich – sonst würden wir es ja nicht sehen.
5. Also ist uns das Außerhalb des „Innen“ zugänglich.
Wenn Sie so denken, gibt es keinerlei Probleme, und ich kämpfe tatsächlich nur „heroisch gegen Strohpuppen oder Windmühlen“.
Aber so (falsch) kann man (postmodern) nicht mehr denken:
ad 1.:
Ich kann nicht mein Körper sein, denn
– er ist nur eine Wissung, und
– ich bin der Wissende;
– Wissungen wissen nichts.
ad 2.:
Das „Innen“
– muß in der Tat an mich gebunden sein muß, aber
– nicht (mehr) an meinen Körper, wenn ich den nur habe.
Er ist lediglich eine Wissung im „Innen“, speziell in der Psyche – wie jede andere auch.
Daß dem Körper eine Sonderrolle zukommt bzw. ich ihn anders habe als zum Beispiel mein Auto, bleibt damit unbestritten, vorerst aber auch noch unverstanden.
ad 3.:
Alles (im Prinzip) Sichtbare – und damit folglich auch das Innen meines Körpers –
– befindet sich – wie jede Sehung – einerseits im Raum,
– stellt aber andererseits zugleich eine Wissung dar.
Auch wenn es verrückt klingt:
Sehungen sind Wissungen; die Baum-Sehung dort ist zugleich eine Baum-Wissung dort und umgehkehrt; ich sehe und weiß im Raum; sonst gäbe es kein GPS.
„Der Baum“
– ist somit – als Sehung – ausgedehnt und befindet sich im Raum , zugleich aber
– gehört er – als Wissung – dem „Innen“ bzw. genauer der Psyche an.
Das „Innen“ mit seiner Psyche ist unausgedehnt und kann sich folglich nicht im Raum befinden, hatten wir oben gesagt.
Aber meine Argumentation an dieser Stelle war nur ein – nicht unbedingt falscher, aber noch aus bloßer Verlegenheit resultierender – Notbehelf; die richtige Begründung ist erst jetzt möglich und viel grundsätzlicher:
In welchem Raum könnte sich das „Innen“ denn überhaupt befinden? Woher kommt er? Was soll das sein – „der Raum“?
– Er bildet lediglich die Sphäre der Sehungen,
– existiert nur als deren Zwischen-Raum,
– somit nicht ohne die Sehungen und
– gehört damit ausschließlich der Psyche an.
Sie befindet sich, mit anderen Worten, keineswegs nicht im Raum,
– weil sie unausgedehnt ist, sondern
– weil es außerhalb der Psyche keinen Raum gibt.
ad 5.: Den vierten Punkt hatten wir bereits als korrekt anerkannt, aber wegen des Fehlers beim dritten ist die daraus abgeleitete Konsequenz trotzdem unrichtig:
Uns ist allein das „Innen“ zugänglich, zu dem insbesondere die Sehungen gehören, denn sie sind
– Wissungen und
– keine Seienden.
AD: „Dann gehe ich also innerhalb meiner Psyche zu dem Haus jenseits der Straße?“
Natürlich nicht; das wäre gewiß ein Widerspruch:
– Sie gehen gar nicht, sondern wissen lediglich in Ihrer Psyche, daß
– Ihr Körper zu dem Haus jenseits der Straße geht.
Er nimmt die Psyche bei seinen Ortsveränderungen also nicht mit, denn sie ist nicht an den Körper, sondern dieser ist an die Psyche gebunden. Seine Ortsveränderungen können doch nur dort erfolgen, wo sich der Raum befindet, und das ist innerhalb der Psyche.
Kommen wir bitte nach diesem „Rückfall“ auf unsere Wiederholung zurück.
Die Welt der Tradition ist ebenso hinterwäldlerisch wie eine eventuell zugehörige Überwelt. In beiden Fällen glaubt man, über etwas nachdenken und sprechen zu können, was dem eigenen Verständnis zufolge prinzipiell unzugänglich sein müßte: Das Außerhalb des „Innen“.
Allein ihre Denkfehler gestatten es der Tradition, sich dieser Einsicht zu entziehen:
1. Ich bin „mein“ Körper.
2. Er befindet sich gemeinsam mit allen anderen physikalischen Körpern im Raum.
3. Mein „Innen“
– ist zwar an mich – als Körper im Raum – gebunden,
– besitzt aber keinerlei Bezug zu letzterem.
4. Die physikalischen Körper im Raum entsprechen den Urbildern.
5. In – dem „Innen“ bzw. genauer: – der Psyche befinden sich die zugehörigen Abbilder.
6. Also ist uns – ganz im Sinne Ihrer fünften Prämisse – „das Außerhalb des ‚Innen‘ zugänglich“.
AD: „Darf ich bitte zwei Punkte ergänzen, die auch anderen Lesern helfen könnten:
Zum einen geht die Tradition davon aus, über den Blick von nirgendwo und -wann zu verfügen, denn nur er besteht in den ‚physikalischen Körpern im Raum‘. Ihrer eigenen Theorie zufolge dürfte die Tradition davon ja nur indirekt auf dem Umweg über die Abbilder wissen. DIe angebliche Verbindung zum Nous gestattet es jedoch, die Abbilder mit den Urbildern zu vergleichen und damit die Adäquatheit der ersteren zu erkennen.
Zum anderen antworten Traditionell-Gläubige auf die Frage, was ihre Überwelt von der ’normalen‘ Welt unterscheide, häufig, daß jene unsichtbar und diese sichtbar sei. Auch das könnte freilich allein der Nous erkennen.
Für uns dagegen gibt es nur Wissungen,
– (an) die wir teilweise glauben, und
– so entsteht unser Wirklichkeitsbild,
– aber eine Welt ebensowenig wie eine Überwelt.“
Traditionell
– sind beide möglich und
– beide Hinterwelten, die
– sich höchstens graduell voneinander unterscheiden, weil
– sie beide angeblch aus Seienden bestehen.
Deren Wirklichkeit bestreiten wir;
– nicht etwa, weil uns die fixe Idee beherrscht, die Seienden canceln zu wollen, vielmehr
– weil ihre Existenz nie gut begründet werden konnte, sondern
– nur als sehr fadenscheinige Erklärung der Wahrnehmungen diente,
– somit immer schon nur ein philosophisches Glaubensbekenntnis darstellte und
– längst hätte aufgegeben werden müssen.
Sämtliche Wissungen sind rein subjektiv. Daß die Ihrigen und die meinigen in diesem Moment zufällig übereinstimmen könnten, bestreite ich damit nicht, ist aber ohne Belang, weil wir es prinzipiell nicht feststellen können; jedem Subjekt ist nur seine eigene Psyche zugänglich.
Das „Innen des Lebens“ ist dagegen nicht rein subjektiv. Bei ihm gibt es (eine partielle bzw. relative) Intersubjektivität zwischen denjenigen Subjekten, die – durch Arbeit, Sport und Spiel, Denken oder Meditieren – in irgendeiner Form eine Gemeinschaft bilden. Deren „Innen des Lebens“ bsitzen eine gemeinsame Schnittmenge.
Vielleicht sollten wir besser umgekehrt formulieren:
In dem Maße, wie sich eine solche Schnittmenge herausbildet, entsteht Gemeinschaft; man kann auch „zusammenstehen“ ohne zusammenzustehen.
AD: „Jetzt bringen Sie mich wieder durcheinander.
Bisher war ich mir sicher, daß die – Wissungen der – exakten Wissenschaften den Inbegriff der Intersubjektivität darstellen.“
Um nicht durcheinanderzukommen einigen wir uns darauf, zwei Formen von Intersubjektivität zu unterscheiden.
Die Ihrige betrifft die Begrifflichkeit,
– die wir uns im Verlaufe des bisherigen Lebens angeeignet haben,
– mit dem „Innen“ nichts zu tun hat und
– auch während des Schlafes oder Urlaubs nicht verschwindet.
Mathematiker treffen sich irgendwo zufällig, fragen nach Spinoren, und die Kollegen antworten professionell. Mathematik zu studieren, heißt, diese Fachtermini zu erlernen und möglichst für eine längere Dauer parat zu haben; irgendwann werden sie, wie alle Begriffe, vergessen.
Meine Intersubjektivität bezieht sich dagegen ausschließlich auf das stets aktuale „Innen des Lebens“. Hierzu gehört keinerlei substantivisches Wissen, aber unser gesamtes Tun, zu dem beispielsweise das Schwimmen, Denken oder Sprechen und verbale Wissen gehören; das Nutzen unserer Fähigkeiten also.
Schneidet sich oder überlappt Ihr Tun mit dem meinigen, so entsteht eine gemeinschaftsbildende Intersubjektivität.
Die nachstehende Abbildung soll darstellen, was aus unseren wichtigsten Kategorien wird, wenn wir vom traditonellen zum postmodernen Denkmodell übergehen. Einige Erklärungen stehen noch aus und werden auf den nächsten Seiten nachgereicht.
| traditionelles Denken | postmodernes Denken | |||
| Wirklichkeit | ———– | → | Wirklichkeit | |
| Außen | = | |||
| Welt (und Überwelt) | → | mein eigenes Leben | ||
| Seiende | ||||
| Gewußtes oder Wißbares | – Hintergrund der Wissungen | |||
| ∋ | „Innen“ | → | – Bewußtsein | |
| mein eigenes Leben | ||||
| – „Innen des Lebens“ | → | Leibhaftigkeit des Lebens | ||
| Bewußtes | ||||
| – Psyche | → | |||
| Wiss(ung)en |
Wiss(ung)en |
|||
| Außen des Lebens | → | Gewußtes | ||
| Geschehen des Körpers | ||||
| — Wahrnehmungen | — Wahrnehmungen | |||
| — Vorstellungen | — Vorstellungen | |||
| — Denkungen | — Denkungen | |||
| — Verstehungen |
— Verstehungen |
|||
| — . . . . . . . |
— . . . . . . . | |||
Abbildung 2.2.