Natürlich wurde unseren Vorfahren das traditionelle Denken seit zweieinhalb tausend Jahren von Kindesbeinen an indoktriniert. Aber ich glaube nicht, daß seine Überzeugungskraft, die ja schon an „Selbstverständlichkeit“ oder „Evidenz“ grenzt, allein damit erklärt werden kann. Dieses Denken ist zugleich verführerisch einfach und anschaulich, um nicht zu sagen „kindlich“:
„Wir haben das Ganze doch längst verstanden und müssen nicht mehr darüber nachdenken; es kann alles beim Alten bleiben.“
Solange es das tut, werden wir lediglich an sekundären Symptomen herumbasteln, aber unsere wirklichen Probleme nicht einmal sehen, geschweige denn lösen können.
Wir waren bis zur Korrektur in der Moderne gelangt. Entscheident ist hierbei, daß der Glaube an die Seienden zwar weiherhin fröhliche Urständ feiert, seine transzendente Ermöglichung durch die antik-mittelalterlichen Ideen aber weggebrochen ist.
Sie werden in der Moderne von den Begriffen abgelöst.
Zum einen ist das jedoch kein adäquater Ersatz, weil letztere lediglich Denkwerkzeuge darstellen, die wir selbst konstruieren, so daß die Begriffe die Existenz der Seienden natürlich nicht erklären können, worin freilich die Hauptaufgabe der Ideen bestand.
Zum anderen stellt unsere Freiheit in der Begriffswahl eine große Gefahr dar:
Differente Begriffe führen zu einem anderen Wirklichkeitsbild; dieses bildet jedoch den Rahmen, innerhalb dessen allein wir wahrnehmen und denken können sowie entscheiden müssen. Die Begriffe bzw. das ihnen entsprechende Wirklichkeitsbild
– sind also nicht nur überaus wichtig, sondern grundlegend oder fundamental für unser Leben,
– können es aber als dessen einzige Orientierungsmöglichkeit auch in eine völlig falsche Richtung leiten.
AD: „Hier zeigt sich überdeutlich, der Vorteil des Glaubens. Die Christen beispielsweise besitzen durch die Offenbarungen ihres Gottes nicht nur noch eine zweite, sondern sogar eine absolut sichere Grundlage zur Orientierung.“
Viele traditionell Gläubige würden Ihnen wohl beipflichten, aber die von Ihnen unausgesprochen vorausgesetzte Unterscheidung von immanenter und transzendenter Orientierung halte ich für ausgeschlossen.
Sofern Gott überhaupt
– existiert und
– zu uns spricht,
muß er dies zwngsläufig im Menschenwort tun; wir verstehen vielleicht „englisch“, aber kein „göttlich“.
Ohne eine abgetrennte Sprache gibt es jedoch auch keine zweite Orientierungsmöglichkeit.
In Antike und Mittelalter wurde häufig zwischen Immanenz und Traszendenz oder Welt bzw. Überwelt unterschieden. Ich benutze diese Worte ebenfalls, um Ihnen etwas zu erklären, glaube aber nicht (mehr), damit zwei getrennte Wirklichkeiten zu bezeichnen.
Deswegen habe ich das traditionelle Weltbild durch das postmoderne Wirklichkeitsbild ersetzt.
Ersteres
– ist ein Bild von der objektiven Immanenz,
– damit ebenso objektiv wie diese und
– wird gegebenenfalls durch ein Bild von der objektiven Transzendenz ergänzt.
Das Wirklichkeitsbild
– stellt dagegen – seiner Bezeichnung zum Trotz – kein Bild von der Wirklichkeit dar,
– ist subjektiv und
– vollständig.
Letzteres bedeutet jedoch keineswegs,
– daß nichts fehlt, sondern
– daß nichts fehlen kann, weil es sich nicht um das Bild eines davon unabhängigen Wovons handelt.
AD: „Wir orientieren uns also an einem Wissen, dessen Referent gar nicht existiert?“
Ihre Frage ist zu mißverständlich um sie mit „ja“ oder „nein“ beantworten zu können.
Wir werden im nächsten Abschnitt sehen, daß zwischen existenten und inexistenten Referenten gar kein Unterschied besteht, weil niemand weiß, was „Existieren“ bedeuten soll.