2.1.5. Mein Leben als einzige Wirklichkeit

Wir schaffen die Seienden ab, aber natürlich nicht die Wirklichkeit, denn die Annahme, dies wirklich zu tun, muß offensichtlich widersprüchlich sein. Somit ist für unseren Ansatz eine andere Wirklichkeit nötig; worin könnte sie bestehen? Stehen wir damit vor einer ähnlichen Frage wie Descartes, als er die Philosophie neu begründen wollte?

Er suchte nach absolut sicherem Wissen, um auf diesem Fundament mit logischer Stringenz und damit unwiderlegbar sein geistiges Gebäude errichten zu können. Mit einem solchen Vorhaben können wir uns jedoch partout nicht identifizieren, weil die Richtigkeit unserer logischen Schlußfolgerungen

vom jeweiligen Wirklichkeitsbild abhängt und

folglich subjektiv ist.

Möglicherweise überzeugt mich also mein Gedankengang total, und ich glaube damit, den Stein der Weisen gefunden zu haben, während Sie sich ob meiner Einfalt die Haare raufen. Es gibt keine Logik, die unsere Wirklichkeitsbilder sprachunabhängig transzendiert; jedes „das ist zwingend“ muß fortgesetzt werden mit „. . . in diesem Wirklichkeitsbild“.

 

Dann hat Descartes uns aber doch einen Schritt weitergebracht:

Die Wirklichkeit, nach der wir suchen und die postmodern an die Stelle der traditionellen Seienden treten soll, kann keine nur gewußte sein

 

AD: „Hiermit dürfte sich das Thema erledigt haben, denn selbst wenn Ihre ominöse Ersatz-Wirklichkeit an sich existiert, wir aber nichts von ihr wissen können, ist sie für uns inexistent.“

Das ging zu schnell; ich hatte nicht geschrieben, die gesuchte Wirklichkeit „kann keine gewußte“, sondern lediglich „kann keine nur gewußte sein“.

Damit wird eine Lösung möglich; unsere Ersatz-Wirklichkeit besteht im eigenen Leben; für Sie also im Ihrigen und für mich im meinigen.

 

Das eigene Leben ist für uns unbestreitbar, weil wir es selbst leben.

Wir brauchen es also nicht nur nicht zu wissen, sondern können es auch gar nicht, weil alles Gewußte diskretisiert sein, das heißt, in Stückchen bestehen muß. Wir wissen Menschen, Autos oder Zahlen, aber keinen Liter Wasser des Ozeans, solange er nicht in eine stabile Form gebracht und damit diskretisiert wurde.

Unser Leben setzt sich aber nicht aus einzelnen Bröckchen zusammen; es bildet ein Kontinuum und kann somit prinzipiell nicht gewußt werden.

 

AD: „Aber ich weiß doch mein Leben; Geburtstag, Beruf, Wohnort, meine Partnerin usw.“ 

Ja; aber alles, was Sie in diesem Zusammenhang aufzählen könnten, gehört vielleicht zu Ihrer Biographie, gewiß aber nicht zu Ihrem Leben. Das sind letztlich zwei völlig verschiedene Dinge:

Mein Leben ist wirklich und prinzipiell unwißbar.

Meine Biographie ist unwirkich, kann aber theoretisch von jedermann gewußt werden.  

   

AD: „Ich gehe davon, daß wir diesen Unterschied zwischen Leben und Biographie noch in einen größeren Zusammenhang einordnen werden und somit jetzt noch nicht alles verstehen müssen. Aber ein Gegenargument scheint mir doch an dieser Stelle schon zwingend zu sein:

Die Tradition benötigt eine Wirklichket, die sich praktisch unendlich in Raum sowie Zeit erstreckt. Und das wollen Sie – verlustlos oder ohne alle Einbußen – bei jedem Subjekt auf dessen eigenes Leben reduzieren?“

 

Ich kann Ihre Bedenken sehr gut verstehen. Sie wären auch völlig begründet, würden wir unsere bisherigen Überlegungen dieses Kapitels nicht ernstnehmen.

Sie haben Recht; der traditionelle physikalische Kosmos erstreckt sich innerhalb einer unvorstellbar großen Raum-Zeit.

Zum einen sollte jedoch deutlich werden, daß dies nicht für seine Materie, sondern lediglich für unsere Sehungen gilt.

Und zum anderen wollte ich Ihnen plausibel machen, daß es sich beim Kosmos – allen traditionellen Selbstverständlichkeiten zum Trotz – nur um Wiss(ung)en handelt.

 

Damit sollten Ihre Bedenken entschärft sein:

Mein Leben

erfolgt nicht innerhalb eines völlig überdimensionierten Kosmos, sondern

dieser Kosmos beinhaltet lediglich meinen – von mir verschiedenen – Körper,

– besteht – wie letzterer – ausschließlich in Wissungen, und

– diese bilden einen integralen Teil meines Lebens,

– an dem ich mich orientiere.

Ich lebe nicht unter dem Sternenhimmel, könnte aber an ihm meine Zukunft ablesen. (Keine Angst; diese Möglichkeit gehört zu den Wissungen, die ich nicht glaube.) 

 

AD: „Diese Antwort war besser, als ich gehofft hatte; danke!

Aber ich habe trotzdem noch Bauchschmerzen, wenn Sie die gesamte Wirklichkeit auf das eigene subjektive Leben beschränken, weil es doch in dasjenige vieler anderer Subjekte hineinspielt und umgekehrt.“

Die von Ihnen angedeutete Wechselwirkung zwischen den einzelnen Leben von uns Subjekten besteht natürlich, widerspricht aber der von mir vertretenen reinen Subjektivität jedes Lebens in keiner Weise. Ich kann das am besten anhand eines Gesprächs zwischen uns beiden erklären:  

Ich möchte Ihnen etwas mitteilen; worin es besteht, können Sie nicht wissen, denn dieser Inhalt

– gehört nur meiner eigenen Psyche an und

– bewirkt ein ganz bestimmtes Sagen von mir.

 

Die Tradition geht bis zu dieser Stelle mit, um dann fortzufahren:

Wenn ich etwas sage, Sie darauf antworten usw. entsteht ein Gespräch, das sich aus dem abwechselnd Gesagten zusammensetzt.

Dem widersprechen wir, denn auf diese Weise wechselt die Tradition zur Schau des Nous. Nur von außen gesehen gibt es diese und jene Gesagten, die sich zu einem Gespräch formen, das ein objektiv existierendes Seiendes bildet

 

AD: „Wenn ich kurz unterbrechen darf:

– Ihr Übergang der Wirklichkeit von der objektiven Welt zum subjektiven Leben entspricht also

der Weigerung, dem Nous irgendetwas zu glauben oder

dem Verzicht auf den göttlichen Blick von nirgendwo und -wann?“

Ihre Unterbrechung war besser, als ich gehofft hatte; danke!

 

Dieser traditionelle Perspektivenwechsel ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er selbstverständlich zu sein scheint. Die Postmoderne bleibt viel sachlicher und verzichtet auf das traditionelle „Sein-Wollen wie Gott“:

Mein Sagen führt bei Ihnen zu Verstehungen – und ich habe keine Ahnung, welche es sind.  Unser Verzicht bedeutet also, daß wir drei verschiedene Entitäten benötigen:

 

1. Meine Intention

Sie besteht in dem, was ich Ihnen sagen wollte, befindet sich nur in meiner Psyche und zählt zu meinen Wissungen.

 

2. Ihre Verstehung

Sie bildet das glatte Gegenstück dazu; besteht in dem, was Sie verstanden haben, befindet sich nur in Ihrer Psyche und zählt zu Ihren Wissungen. 

 

3. Mein Sagen

Das ist die einzige Verbindung zwischen meiner Intention und Ihrer Verstehung; von ihr dürfte deutlich sein:

1. Diese Verbindung muß existieren, denn sonst gäbe es keine Gespräche.

2. Außerhalb der „Innen“ existieren nur Seiende, für uns also gar nichts.

3. Mein Sagen kann folglich nur dem (mengentheoretischen) Durchschnitt unserer beiden „Innen“ angehören.

4. Wir hatten diese jeweils aus der Psyche und dem „Innen des Lebens“ zusammengesetzt.

5. Mein Sagen zählt weder zu meinen noch zu Ihren Wissungen und folglich auch weder zu meiner noch zu Ihrer Psyche. 

6. Demzufolge muß es – um meine Intention mit Ihrer Verstehung verbinden zu können – dem (mengentheoretischen) Durchschnitt unserer beiden „Innen des Lebens“ angehören. 

7. Zu meinem Leben zählt nur mein „Innen“.

8. Daß dieses etwas enthält, was auch zu Ihrem Leben gehört, widerspricht nicht der Annahme, (nur) das eigene Leben bilde meine gesamte Wirklichkeit.