2.1.1. Existenz, Sein oder Daß sind unverständlich

AD: „Wahrscheinlich haben Sie Recht; aber wieso die Idee des Planeten für die wirklichen Planeten notwendig sein soll, habe ich ohnehin nie verstanden . . . Wenn die Essenz, das Wesen oder Was der Seienden in der Moderne zu unseren Begriffen wird, kann ich damit also ganz gut leben.

Die Existenz, das Sein bzw. Daß benötigen wir postmodern dagegen gar nicht (mehr), denn sie gehören lediglich zu den Seienden, die wir streichen. Daß sie sogar den Nicht-Seienden fehlen, ist logisch zwingend.

Aber mir ist völlig unklar, worin das besteht, was wir postmodern gar nicht (mehr) benötigen; verstanden hätte ich es schon ganz gerne, bevor wir es canceln.“

Da stehen Sie nicht allein; niemand versteht, was Existenz, Sein oder Daß bedeuten sollen.

 

Im Alltag fällt das natürlich nicht auf; jeder sieht ein, daß wir zum Bäcker gehen müssen, wenn kein Brot mehr im Schrank – vorhanden – ist. Aber die Wirklichkeit der Welt oder die Existenz Gottes sind von einem ganz anderen Kaliber, und da läßt uns der Alltagsverstand im Stich, denn auch einen existierenden Gott würde sich wohl keiner von uns als im Himmel – vorhanden – seiend vorstellen. 

Das ist verrückt: Menschen streiten wegen der Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes – und niemand versteht auch nur das, was er selbst sagt

Seit zweieinhalb tausend Jahren bemühen sich die abendländischen Denker vergeblich darum zu klären, was wir mit „Wirklichkeit“ meinen. Andere Namen – wie „Sein“, „Existenz“, „Bestehen“, „Bestehen aus . . .“ oder „. . . in . . .“, „Gegeben-“ bzw. „Vorhandenheit“ usw. – liefern keine Antworten, sondern bezeichnen das Fragliche lediglich different.

 

Viele sehen in Leibniz‘ Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ das Grundproblem des traditionellen Denkens.

Ich glaube jedoch, wir müßten diesbezüglich mindestens eine Ebene tiefer ansetzen: 

Was soll es überhaupt bedeuten, daß „etwas ist und nicht vielmehr nichts“?

Nur wer diese Frage beantwortet hat, kann sich sinnvoll der Leibnizschen zuwenden.

Ersteres steht aber noch aus, so daß die Tradition ihre eigene Grundvoraussetzung, daß „die Seienden sind“ (Parmenides), nicht versteht. Sie streitet – seinsvergessen – darüber, welche Seienden sind, ohne überhaupt zu wissen, was Seiende charakterisiert oder zu Seienden macht.

Daß niemand weiß, was Sein, Existenz oder Daß bedeuten, ist für das traditionelle Denken natürlich eine Katastrophe; zum Glück müssen wir das Problem nicht lösen.

 

Diese Stelle erfreut sich verständlicherweise keiner sonderlichen Beliebtheit; ich wiederhole deshalb nochmals so kurz und präzise wie möglich:

Zu den Seienden zählt per definitionem alles, was ist

Sind Gedanken, Zahlen, Leerstellen, Träume, Hoffnungen oder die Nordhalbkugel der Erde Seiende?

Derartige Fragen sind für die Tradition natürlich brennnend wichtig – lassen sich aber erst beantworten, nachdem die Definiton der Seienden und damit die Frage nach dem „Sinn von Sein“ (Heidegger) beantwortet wurde. Solange das nicht der Fall ist, lautet die Definition von soeben:

Zu den Seienden zählt per definitionem alles, was ???.

 

Wir hatten gesagt, daß in Antike und Mittelalter nicht nur die Essenz des Seienden A, sondern auch seine Existenz anders ist als beim Seienden B. Kann man so denken, daß zu jenem die Existenz(A) ebenso gehört wie die Essenz(A), läßt sich vielleicht auch nachvollziehen, daß die Wirklichkeit(A) eines Seienden A damals zu seinen Eigenschaften zählte.

Krokodile beispielsweise haben 1000 Attribute; eines von ihnen besteht in ihrer Existenz(K) und dadurch sind(K) Krokodile (wirklich).

Drachen besitzen ebenfalls 1000 Eigenschaften, aber das (Vorhanden-)Sein(D) befindet sich nicht darunter; deswegen existieren(D) keine Drachen.

Ein solches Denken ist uns heute wohl kaum noch möglich. Wir kennen weder existierendes noch nicht-existierendes Geld; das wollte Kant mit seinem Beispiel der „100 Taler“ zeigen. Geld ist Geld – unabhängig davon, ob wir es besitzen oder vermissen; das ist unser Problem, und nicht das des Geldes.

 

Damit entfällt auch eine – vielleicht etwas simple, aber wohl gerade dadurch – weit verbreitete Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Existenz eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser gleiche „fast vollkommene“ Gott, der lediglich nicht existiert.

Anselm definierte Gott „als das vollkommenste aller Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann„.

Angenommen wir denken uns ein großartiges und absolut perfektes Wesen, das (nahezu) keinen Makel besitzt – bis auf einen einzigen: Es existiert leider nicht.

Dann ist es jedoch nicht das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann, denn das gleiche Wesen wäre auch als existent denkbar.

Gott – als das vollkommenste Wesen, über das hinaus tatsächlich nichts Vollkommeneres gedacht werden kann – muß also notwendigerweise existieren, denn ansonsten wäre er nicht das vollkommenste Wesen.

 

Natürlich ist das für mich – und hoffentlich auch für Sie – kein Gottesbeweis:

AD: „Wieso nicht?“

Weil wir nicht an Seiende glauben, Anselm aber Gott als – höchstes oder „seiendstes“ –  Seiendes voraussetzte.

Das traditionelle Denken „von Jonien bis Jena“ (Franz Rosenzweig), das heißt, von Parmenides bis Hegel sah bzw. sieht das natürlich anders und geht davon aus, daß die Wirklichkeit – die Existenz, das Sein oder Daß – mit dem Denken zusammenfällt.

Parmenides formulierte „denn dasselbe ist Denken und Sein“, während Hegel  diese Identität in den Worten „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ zum Ausdruck brachte.

Höchstens wer derartiges glaubt, kann mit Anselm von der Logik auf die Wirklichkeit schließen.

 

Wir tun es nicht; das Logische gehört lediglich zu den Wissungen oder Begriffen und ist somit eine bloße Konstruktion. Nicht unbedingt eine subjektive von mir persönlich; mit Sicherheit aber wurden die Wissungen oder Begriffe im Verlaufe der Menschheitsgeschichte generiert und uns als intersubjektives Kulturerbe überliefert. Hans-Georg Gadamer spricht in diesem Zusammenhang von der „Wirkungsgeschichte“.    

Dazu kommt außerdem noch, daß mir Anselms Definition ohnehin mißfällt:

Gott stellt nicht „das vollkommenste aller Wesen dar, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“, sondern bestenfalls ein „Wesen“, das vollkommener ist als alles, was gedacht werden kann.

Vielleicht gibt es Gott – das muß prinzipiell offenbleiben –, Seiende aber gewiß nicht, weil sie – im Gegensatz zu Gott – widersprüchlich sind.

Wer also (an) Gott glauben möchte, darf ihn nicht als ein Seiendes denken. Bei Dietrich Bonhoeffer lautet diese Einsicht:

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“