Wenn niemand weiß, was Sein, Existenz oder Daß bedeuten, wird es sinnlos, unseren Wissungen Referenten zuzuordnen oder sie als ein Wissen von . . . zu verstehen, denn diese Referenten müßten ja notwendigerweie
– entweder existieren
– oder nicht-existieren;
tertium non datur.
Ist aber beides unverständlich oder nichtssagend, so daß Referenten – insbesondere Seiende – weder sinnvoll sein noch nicht-sein können, dann werden sämtliche Referenten sinnleer.
Damit können wir die beiden Grundprobleme der Tradition,
– worin die Bedeutung oder der Inhalt ihrer Wirklichkeit, das heißt, „der Sinn von Sein“ (Martin Heidegger) besteht und
– welche (Arten von) Seienden die Wirklichkeit umfaßt,
endgültig ad acta legen.
Dietrich Bonhoeffers Bonmot, daß „es keinen Gott gibt, den es gibt“, verliert damit jeglichen Inhalt und kann
– sowohl als selbstverständlich
– wie auch als nichtssagend, weil unverständlich
eingeordnet werden. Was soll „es gibt“ bedeuten?
Das hat nichts mit Gott zu tun bzw. damit, daß er als Referent fungiert:
Eine Materie, die es gibt, gibt es natürlich ebenfalls nicht.
Wo stehen wir jetzt?
Unsere Wissungen lassen sich wohl kaum bestreiten.
Auf der einen Seite verfügen sie über keinerlei Referenten, weil ungewußte „Referenten“ keine Referenten sind.
Auf der anderen Seite ist jedoch nahezu ununterbrochen die Rede von dem, was wir alles wissen.
Läßt sich dieser vordergründige Widerspruch als ein nur scheinbarer aufzeigen und somit überwinden?
Ja; wir
– wissen nicht nur, sondern
– wissen auch, was wir wissen.
Das bedeutet, daß unsere Wissungen zugleich die
– Gewußten bzw.
– Referenten sein müssen.
Damit löst sich unser Widerspruch auf; seine erste Prämisse war falsch und wir korrigieren:
Auf der einen Seite verfügen die Wissungen über keinerlei Referenten, die nicht selbst in Wissungen und damit in Gewußtem bestehen, weil Ungewußtes und damit ungewußte „Referenten“ keine Referenten sind.
Die Wissungen bilden somit ein in sich (ab)geschlossenes System, das heißt, es enthält
– Wissungen von Wissungen, was dann konsistenterweise natürlich zu
– Wissungen von Wissungen von Wissungen . . . führt, aber
– keinerlei Wissungen von Nicht-Wissungen.
Wir können dieses Wissen allein mit jenem erklären, es aber nicht anders erreichen.
Keine einzige Wissung führt aus dem Wissens-System heraus, und natürlich existiert auch kein Weg hinein.
Die biblische Erzählung, daß Adam den Tieren Namen gegeben habe, darf also nicht wörtlich genommen werden, denn dann ist sie falsch:
Verleihe ich X – zum Beispiel dem Lauser von nebenan – einen Namen, so kann ich mir letzteren merken oder vorsichtshalber notieren. Aber bei dem X ist dies nur möglich, wenn das X bereits eine Wissung, ein Gewußtes oder einen Referenten darstellt; „der Lauser von nebenan“ im Beispiel. Andernfalls stehe ich morgen mit meinem Notizblock da und weiß nicht mehr, wem ich diesen Namen gegeben hatte.
(Diese Überlegung lehnt sich an Wittgensteins Argumentation gegen die Möglichkeit von Privatsprachen an.)
Adam konnte also nur denjenigen Tieren Namen geben, die er bereits wußte; er hätte beispielweise alle Löwen „Leu“ nennen können. Dagegen wäre es ihm nicht möglich gewesen, ausgewählten Tieren den „Namen“ Löwe zu verleihen, weil Löwe kein Name, sondern eine Wissung ist.
Wissungen haben, anders formuliert, nichts mit Namen zu tun, sondern wir können höchstens bereits bestehenden Wissungen zusätzlich noch einen Namen geben; beispielsweise also zum Löwen „Leu“ sagen.
Tun wir das nicht, dann tragen Wissungen keine Namen, sondern Bezeichnungen.
AD: „Der prinzipielle Unterschied zwischen beiden wird daran besonders deutlich, daß A immer mit „A“ bezeichnet wird; die Sonne mit „Sonne“ oder das Wasser mit „Wasser“. Namen sind dagegen willkürlich; wir können die Sonne zum Beispiel als „Frau Luna“ benennen.
Wir wissen von der Materie bzw. dem Menschen, von der Evolution oder Geschichte sowie von Gott, Tod und Teufel.
Aber Materie ist nicht das Material, aus dem der Kosmos besteht, die Evoluton nicht dessen Entstehung, und die Geschichte umfaßt nicht das Leben unserer Vorfahren; vielmehr sind das alles nur Wissungen – ohne irgendein „. . . von Nicht-Wissungen“.
Wir sprechen also niemals über Dinge, Seiende, Tatsachen, Fakten oder dergleichen, sondern von unserer gegenwärtigen Sichtweise, von den eigenen Vorstellungen, Überzeugungen, Gewißheiten oder dergleichen.
Ich weiß nicht wer Spartakus war, sondern für mich ist Spartakus . . .; ich weiß nicht, was Jesus wirklich sagte, sondern meines Erachtens sagte er . . .; ich weiß nicht, ob Buddha tatsächlich lebte, glaube es aber.
Letztlich kann immer nur vom eigenen Wirklichkeitsbild die Rede sein; bestimmte meiner Wissungen glaube ich und andere nicht. Daran orientiere ich mich; niemand besitzt eine andere Richtschnur, um sein Leben auszurichten.
Es gibt nur Rundwege innerhalb des Wissens-Systems, aber keine Grenzüberschreitungen.
Während, anders formuliert,
– traditionell Wissen und Gewußtes auseinanderanderfallen,
– stimmen die beiden postmodern überein:
Wissungen
– bleiben also weiterhin Wissungen vom Gewußten,
– letztere stellen aber trotzdem wiederum Wissungen dar, die sich auf anderes Gewußtes beziehen.
Im postmodernen Wissen von der Materie
– fungiert diese folglich – mit der Tradition – als Gewußtes,
– ist dadurch aber – entgegen der Tradition – auch nur Wissen.
Materie
– ist also Wissen, mit dem man ganze Bibliotheken füllen kann;
– sie existiert jedoch nicht als Referent oder Wovon im traditionellen Sinne.
Ich habe in diesem Abschnitt en passant die Wissungen eingeführt.
Erschrecken Sie nicht wegen dieses unüblichen Wortes; es steht für das ganz normale Wissen. Wir brauchen es jedoch zusätzlich, um eine möglichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu können. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers „Schwarzwald-Deutsch“, erfolgt aber relativ zwingend und unabhängig von ihm.
Wortpaare wie „Wahrnehmungen – Wahrgenommene“ oder „Vorstellungen – Vorgestellte“ usw. besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik möchte ich unter anderem um das Paar „Wissungen – Gewußte“ erweitern.
Der zweite wichtige Grund ist ein grammatischer: Wissung gestattet nicht nur die Pluralbildung „Wissungen“, sondern verweist auch – anders als das Wissen – eindeutig auf seine nicht-verbale Bedeutung:
Wir wissen Wiss(ung)en; traditionell betrifft das Wissungen vom Gewußten, aber postmodern bilden unsere Wissungen selbst das Gewußte – einfach weil sie gewußt werden.