2.8. „Axiomatischer“ Ausgangspunkt

Anstelle einer Zusammenfassung dieses zweiten Teils versuche ich Prämissen anzugeben, von denen Sie beim eigenen Überlegen jederzeit ausgehen können, um unseren Ansatz selbständig weiterzudenken.

Das sind keine Axiome; diese kennen wir praktisch nur von der Mathematik her. Dort handelt es sich um willkürliche (widerspruchsfreie) Setzungen, aus denen die verschiedenen Mathematiken hervorgehen.

Von Beliebigkeit oder Willkür kann bei uns und darf in der Philsophie keine Rede sein. Ich habe versucht, Prämissen zu finden,

– die möglichst wenige Glaubenbekenntnisse enthalten und 

– deren Konsequenzen den Erfahrungen meines Lebens gerecht werden.

Bessere Kriterien kann ich mir nicht vorstellen.

 

AD: „Damit gelangen wir wieder an einen Punkt, bei dem ich schon des öfteren nachfragen wollte.

Das Wort „Glaubensbekenntnisse“ kommt bei Ihnen relativ häufig vor; für mich bildet es einen Begriff aus der Sprache der Religion, aber das scheint bei Ihnen keine Rolle zu spielen; Sie glauben auch, daß es keine Seienden gibt.“   

 

Alle – sowohl immanenten als auch transzendenten – Seienden gehören der Hinterwelt an.

Das spricht

– nicht dagegen, zwischen Immanenz sowie Transzendenz zu unterscheiden,

– sehr wohl aber gegen sämtliche Seienden.

Sie alle – und nicht nur die transzendenten Seienden – bilden eine Sphäre,

– die es nur für das traditionelle Denken gibt und

– die man entweder blind glaubt oder eben nicht.

Bei uns geht die Immanenz kontinuierlich in die Transzendenz über, so daß beide sowohl gewußt wie auch geglaubt werden können; es hängt im wesentlichen von uns ab, welchen Begriff wir im Einzelfall jeweils bevorzugen. Ich

– glaube beispielsweise, daß Wissungen keine Referenten besitzen, und

– weiß, daß es ohne Transzendenz auch keine Immanenz geben kann, weil aus nichts auch nichts wird.

 

AD: „Sie wenden sich gegen den Glauben an Hinterwelten, halten aber den Unterschied zwischen Immanenz und Transzendenz bei. Worin besteht er dann?“

Alle Wissungen sind nicht nur ausnahmslos immanent oder diesseitig, sondern in ihrer Gesamtheit – als Wirklichkeits-Bild – konstituieren sie sogar das Diesseits. „Transzendentes Wissen“ oder die „Transzendenz als Wissen“ sind Un-Begriffe, so daß die Transzendenz nur als integraler Teil unseres eigenen Lebens auftreten kann.

Und hierbei unterscheidet sie sich von der Immanenz durch die ihr fehlende Falsifizierbarkeit; die Transzendenz läßt sich nicht widerlegen. Sollte es im Falle A gelingen, war A nicht transzendent, sondern widersprüchlich.

Die Verifizierbarkeit habe ich zunächst übergangen, weil sie sowohl bei der Immanenz als auch bei der Transzendenz entfällt. Beweisen läßt sich natürlich nichts, denn jeder „Beweis“ ist an die Kontingenz unseres Wirklichkeits-Bilds gebunden, weil wir nur innerhalb von ihm denken können.  

 

AD: „Aber das gilt doch ebenso für die Widerlegung.“

Weitestgehend haben Sie Recht.

Wenn Moritz beispielsweise vor der Alternative steht, daß der Kosmos

– entweder unendlich groß sein

– oder Grenzen besitzen muß,

ergibt sich diese Schlußfolgerung aus seinem Weltbild, das keine gekrümmten Räume kennt. (Denken Sie zur Veranschaulichung an die „Kugeloberfläche“ als einen zweidimensionalen gekrümmten Raum, die dann natürlich keine Kugeloberfläche darstellt:

Dieser Raum ist endlich, obwohl er keine Grenzen besitzt.)

 

Moritz‘ Überlegung kann – je nach Absicht –

– sowohl als Beweis der Behauptung „Was keine Grenzen hat, muß unendlich sein“

– wie auch als Widerlegung der Annahme „Was endlich ist, muß Grenzen haben“ verstanden werden. 

 

Im Rahmen seines Weltbilds; so symmetrisch verhält es sich jedoch nicht immer, und deswegen haben Sie nur weitestgehend Recht:

Logische Widersprüche sind Widerlegungen, die nicht vom konkreten Weltbild abhängen und somit immer ad absurdum führen. A kann beispielsweise nicht zum gleichen Zeitpunkt die Eigenschaften x und non-x besitzen. Manche Logiker sagen deshalb, ihre Wissenschaft „gelte in allen möglichen Welten“.   

 

Wir glauben in der Immanenz viele Sachverhalte, die notwendigerweise unbewiesen sind, und lehnen eine Unmenge von Angeboten ab, obwohl sie nicht widerlegt wurden; allein schon aus Zeitgründen kommen wir gar nicht anders zurecht. Aber das ist lediglich ein praktisches Problem; wir müssen entscheiden, was uns an der Immanenz wichtig ist.

Bei der Transzendenz stellt sich diese Frage gar nicht; sie – die Transzendenz – kann uns nur en bloc, als Ganzes oder Einheit begegnen; ein bißchen Transzendenz geht nicht.

AD: „Warum nicht?“

 

Die Tradition geht davon aus, daß

– die Transzendenz beliebig viele Seiende A, B, C, . . . enthält und

– wir ihnen auch Namen verleihen könnten; „Gott“, „Engel sowie „Teufel“ beispielsweise. 

Dagegen erhebt die Postmoderne Einspruch:

Zum einen muß notwendigerweise bereits von der Transzendenz wissen, wer dort (mehrere) Seiende lokalisiert.

Zum anderen fügen die Namen diesem Wissen nur dann nichts hinzu, wenn sie völlig nichtssagend sind – „Seindes Nummer 8“ beispielsweise –, was sich bei „Gott“, „Engel“ und „Teufel“ gewiß nicht behaupten läßt. 

Die Tradition weiß also von der Transzendenz und muß sich deshalb die Frage gefallen lassen, was diese überhaupt noch von der Immanenz unterscheidet.

 

Postmodern gibt es

– nicht nur kein Wissen von der Transzendenz – oder wovon auch immer –, sondern auch

– nicht die Transzendenz als Wissen oder Wissen namens „Transzendenz“.

Innerhalb des Nicht-Wissens

gibt es jedoch keine Negation, so daß

– wir A nicht von B unterscheiden können, denn

– der Unterschied würde voraussetzen, daß A = non-B und B = non-A ist.

Nicht jedes Wissen macht einen Unterschied, aber

es gibt keinen Unterschied ohne Wissen;

Unterschiede sind eo ipso gewußte Unterschiede.   

 

AD: „Aber das würde doch bedeuten, daß der Dalai Lama oder der Papst und ich die gleichen Transzendenz-Erfahrungen hätten?“

Entschuldigung; da habe ich mich mißverständlich ausgedrückt.

Ob und gegebenenfalls wie tief wir die Transzendenz erfahren, hängt von uns selbst bzw. unserem bisherigen Leben ab. Eine Skalierung, die bei 0 beginnen könnte, müßte wohl nach oben offen sein, und da bin ich mir sehr sicher, daß Papst und Dalai Lama weit über mir stehen.

Mein Anliegen soeben bestand jedoch darin, daß – vollkommen unabhängig von diesem Niveau – die Erfahrung der Transzendenz immer nur eine Einheit darstellen kann oder integral bzw. ganzheitlich sein muß.    

 

Nun endlich zu unseren „Axiomen“.

 

1. Es git keine Seienden.

 

2. Damit entfallen sämtliche Referenten unserer Wissungen.

 

3. Ohne alles Wissen von . . . besteht die einzige Wirklichkeit, die es für mich gibt, in meinem Leben, denn für jede Entität gilt:

– Entweder sie gehört zu meinem Leben,

– oder ich weiß von ihr.

 

4. Mein Leben erstreckt sich nicht in der „vergehenden Zeit“ der Tradition, sondern gehört dem Jetzt der noch unbekannten postmodernen Zeit an.

 

5. Es gibt das Leben nur als Vollzug oder Ereignis; es ist nicht, sondern geschieht.

 

6. Die „vergehende Zeit“ vergeht nicht, sondern bildet die Synchronie, mit deren Hilfe wir unsere Aktanten sortieren. 

 

7. Ihr Pendant bildet der Raum, der als Zwischenraum fungiert, um die Sehungen voneinander zu trennen. 

 

8. Wir Subjektivitäten leben somit alle in unserem jeweiligen Jetzt, aber nicht im Raum. Dort vertritt uns lediglich der eigene Körper.

 

9. Da er erst durch das Sehen entsteht – wie dies möglich ist, bleibt noch offen –, bündeln sich in unserem Körper die für das Sehen notwendigen Voraussetzungen.

 

10. Sämtliche Wissungen sind immanent.

 

11. Innerhalb unseres Lebens unterscheidet sich die Transzendenz von der Immanenz durch ihren prinzipiellen Entzug oder ihre Unverfügbarkeit; wir können sie weder beweisen noch widerlegen.