Gliederung

0.IntentionExkurs für die Motivation: Naiver Realismus0.1.Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel0.1.1.Es gibt kein Abbilden0.1.2.Sinn durch neue Wëge0.1.3."Unphilosophisch einfache" Hilfestellung0.2.Die objektive Realität als Hinterwelt0.2.1.Wissenschaft und Hinterwelt0.2.2.Wahrheit und Überzeugung0.3.Markus Gabriel als Naiver Realist1.Einführung1.1."Methode"1.2.Igel und Fuchs1.3.Religiöser Hintergrund1.4.Philosophischer Hintergrund2.Philosophische Grund-Legung2.1.Nichtiges – Unwirkliches oder Inexistentes2.2.Wichtiges – Wirkliches oder Existentes2.2.1.Traditioneller Ansatz: Wirklichkeit der Welt2.2.2.Postmoderner Ansatz: Wirklichkeit des Lebens

0. Intention

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.

Ich wollte damit keineswegs sagen, der Glaube an den Kausalnexus sei ein Aberglaube unter mehreren, sondern es ging mir darum, daß jeder Aberglaube eben nichts anderes ist als der Glaube an den Kausalnexus.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Sollten die Gesetze des (bisherigen) Denkens niederbrechen, dann wird es die tiefste Wandlung im intellektuellen Leben des Menschen geben, verglichen mit welcher die Kopernikanische und die Einstein’sche Revolution nur Scheinschlachten sind.“

Oliver Leslie Reiser

 

„Das Gegenteil von Liebe ist nich Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Die Welt ist ein erstaunlicher Ort, und der Gedanke, daß wir über die wichtigsten Werkzeuge verfügen, die nötig sind, um sie zu verstehen, ist heute nicht glaubwürdiger als zu Aristoteles‘ Zeiten.“

Thomas Nagel

 

„Es ist eine furchteinflößende, eine ehrfürchtige Wahrheit, daß die Anerkennung der Andersheit der anderen, unserer unausweichlichen Trennung, die Bedingung menschlichen Glücks darstellt. Gleichgültigkeit ist die Verleugnung dieser Bedingung.“

Stanley Cavell

 

„Keiner kann sagen, was er meint, obwohl jeder nur das sagt, was er meint.“

Bruno Liebrucks

 

„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!

Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.

Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“

Erich Mühsam

 

„Der Perspektivismus bildet keine Relativität des Wahren, sondern ganz im Gegenteil die Wahrheit des Relativen.“

Gilles Deleuze und Felix Guattari

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Ein anderes Subjekt muß ein anderes Subjekt sein – sonst bin ich es selbst.“

Johannes Soukup

 

„Der Weg entsteht im Gehen.“

Antonio Machado

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Entgegensetzung der fest gewordenen Subjektivität und Objektivität ist aufzuheben und das Gewordensein der intellektuellen und reellen Welt als ein Werden, ihr Sein als Produkt, als ein Produzieren zu begreifen. . . Alle Unterscheidungen werden dabei ver-rückt; diese Tätigkeit ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, das Fixe zu verflüssigen. . . Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Dasein.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

 

„Laßt Ideen sterben statt Menschen.“

Karl Popper

 

„Jeder tue das Seine, der Leser aber das Meiste.“

Sören Kierkegaard

 

„Physikalische Objekte sind gelegen kommende Vermittler – nicht durch Definition aufgrund von Erfahrung, sondern einfach als nicht reduzierbare Setzungen, epistemologisch den Göttern Homers vergleichbar. . . . Der Mythos der physikalischen Objekte ist den meisten anderen Mythen darin überlegen, daß er sich als wirksamer erweist, dem Fluß der Erfahrungen eine handliche Struktur aufzuprägen.“ 

Willard Van Orman Quine

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig . . . von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„Die Sprache ‚vermittelt‘, wenn man so sagen will, zunächst nur in dem Sinne zwischen dem Menschen und seiner Welt, daß sie diese seine Welt überhaupt erst als eine solche für ihn entstehen läßt. In diesem Sinne ist die ‚Welt‘ immer schon sprachlich vermittelte Welt.“

Theodor Bodammer

 

„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren.

Es heißt so leben, wie es unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“

Emmanuel Célestin Suhard

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Ohne Mythus aber geht jede Kulur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Man muß die Erklärung geben, die akzeptiert wird. Darauf kommt es beim Erklären an.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“ . . . und . . . „Denken ist Danken“.

Martin Heidegger

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.

Upton Sinclair

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen.

Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht, was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.“

Johannes Soukup

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

„Du und ich, wir sind nicht zwei.“

Emmanuel Levinas

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heils- oder Geheimlehre noch um das wahre Weltbild, sondern „nur“ um die Einstellung, die meines Erachtens erforderlich ist, wenn wir in dem – erst an seinem Anfang stehenden – Pluralismus der Postmoderne friedlich oder menschlich zusammenleben sowie einander verstehen wollen.

Dafür ist es notwendig, andere und bisweilen völlig fremde Lebenswege, Weltbilder oder Religionen nicht nur mehr oder weniger desinteressiert zu akzeptieren – was fälschlicherweise häufig „Toleranz“ genannt wird, aber lediglich unsere Gleichgültigkeit widerspiegelt –, sondern sie im Herzen als die ehrliche Überzeugung anderer Menschen zu respektieren; selbst oder gerade, wenn es wehtut.

 

Der Gedanke, ihre Ansichten könnten gleichwertig neben den meinigen stehen, ist jedoch ernstlich nur möglich, wenn wir zum einen jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren eigenen Überzeugungen ablösen:

„Ich kann das aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nur auf diese Weise sehen – aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso. Helft mir bitte, neue Erfahrungen sammeln oder bisherige Denkfehler korrigieren zu können. Ich bin dankbar, wenn Ihr mir aufzeigt, daß und weshalb ich möglicherweise falsch liege.“

 

Die Begründung für eventuelle Fehler ist mir allerdings sehr wichtig; sämtliche Behauptungen oder Verweise – „jeder kennt doch . . .“, „Herr Müller sagt . . .“ oder „Gott hat geoffenbart . . .“ – sind sinnlos; was für ein Unsinn wurde nicht schon ganz fest geglaubt und wird dies leider heute noch.

Damit spreche ich mich gegen Naivität, aber nicht im geringsten gegen die Möglichkeit von Offenbarungen aus – das wäre naiv. Allerdings müßten wir begreifen, worin letztere bestehen könnten, und damit insbesondere über ein Kriterium verfügen, die wirklichen von bloß behaupteten Pseudo-Offenbarungen unterscheiden zu können.

 

Zum anderen bin ich überzeugt, daß Goethe sich getäuscht hat:

„Das Leben ist der Güter höchstes“, relativiert damit selbst die Wahrheit und macht sie zu einem bloßen Mittel; anschaulich entspricht sie – wie später deutlich werden soll – der Sphäre, in der wir leben, unserem Lebensraum also. 

Deswegen der Buchtitel: „Wahrheit als Weg zum Leben“ und nicht „Leben als Weg zur Wahrheit„; wir lebenin, durch, aus und von der Wahrheit.

Daß mit dem Leben dann nur seine Fülle gemeint sein kann – und nicht das, wovon wir, die Biologen und Mediziner zumeist sprechen –, versteht sich von selbst. Die Wahrheit ermöglicht uns die Fülle des Lebens – und kein letztlich belangloses Wissen von einer angeblichen objektiven Realität.

 

Niemand kann das besitzen, worin er lebt; aber das Bemühen um Wahrheit steigert die mögliche Qualität unseres Lebens.

Menschen ohne Überzeugungen sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner. Dazu zählen freilich auch diejenigen, die ihre „Überzeugungen“ blind vor sich hertragen und – vielleicht – für wahr halten, statt für sie zu argumentieren, denn sie haben gar keine wirklichen Überzeugungen, sondern reden nur – zumeist anderen nach dem Mund.

„Gott bewahre mich vor Menschen, die nur ein Buch gelesen haben“; das schrieb bereits Thomas von Aquin, von dem viele „Rechtgläubige“ es wohl nicht erwartet hätten.

 

Weit entfernt von einem der Postmoderne – häufig zu unrecht – unterstellten Relativismus fragen wir also entschieden nach der Wahrheit, die ich – als unseren subjektiven Lebensraum natürlich – für fundamental halte. Aber wo können wir sie suchen?

Meines Erachtens nicht in den Paradigmen, Weltanschauungen, Wissenschaften oder Religionen; sie alle sind bloßes Menschenwerk, und das ist niemals wahr. Es muß damit freilich auch nicht falsch sein, sondern kann sich jenseits von wahr sowie unwahr befinden und beide Begriffe gar nicht tangieren; tertium datur.

Trügerische Hoffnungen, Ängste oder gar Geisterglaube können in manchen Situationen ebenso nützlich und hilfreich sein wie die exakten Wissenschaften; mit der Wahrheitsfrage hat das alles nichts zu tun. Daß 3 x 2 = 6 gilt, ist nicht wahr, sondern häufig anwendbar; es bedeutet beispielsweise, daß wir sechs Betten benötigen, wenn drei Paare bei uns nächtigen wollen (Carl Friedrich von Weizsäcker).

 

Aber ganz abgesehen davon kann die Wahrheit als Lebensraum natürlich nicht in irgendwelchen Theorien bestehen; sie entsprechen lediglich einem ohnmächtigen Suchen oder hilflosen Tasten.

Wenn die Paradigmen, Weltanschauungen, Wissenschaften und Religionen das vergessen, sich selbst zu wichtig nehmen oder gar als wahr betrachten, werden sie zum Götzendienst; Simone Weil betonte, daß dies auch für den Monotheismus gilt.

 

Um an – den Fragen nach – der lebendigen Wahrheit arbeiten zu können, bedarf es sowohl der „Anstrengung des Begriffs“ (Hegel) als auch des Mutes, selbst zu denken.

Wir dürfen letzteres weder Wissenschaftlern noch Religionsgemeinschaften, Experten oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein. Unsere Verantwortung läßt sich nicht delegieren, und zu ihr gehört nicht nur, was wir tun, sondern ganz wesentlich auch die Entscheidung darüber, was wir wissen, glauben, annehmen oder für wahr halten.

Dumme Gedanken haben ebenso negative Konseqenzen wie dumme Worte und Taten; sie unterscheiden sich nur dadurch von ihnen, daß Gedanken nicht bestraft werden können.

Ohne eigene Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

In sehr einfachen Worten kann ich die Denkrichtung unserer folgenden Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen andeuten:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Wohl viele von uns dürften sich fast beleidigt fühlen, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen, und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“.

Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem wir uns 100%-ig anschließen werden.

 

Mir ist bewußt, daß diese „Kopernikanische Wende“ (Kant) natürlich „keineswegs eine Empfehlung für mein Buch darstellt, sondern eher das Gegenteil. Denn Neues will weder der Fachmann noch der Laie. Jener ist froh, wenn er so weitermachen kann, wie er es gelernt hat, . . . und dieser will auch nicht eine neue und revolutionäre Philosophie vorgesetzt bekommen, sondern – wenn überhaupt, dann schon – die ‚richtige‘, die ‚Philosophie der Gegenwart‘.“ (Franz Rosenzweig bezog dieses Zitat auf sein „Neues Denken“ im „Stern der Erlösung“.) 

Aber die richtige Philosophie kann es nicht geben, und ob etwas en vogue ist, spielt für mich keine Rolle.

 

Ich habe mich bemüht, eine möglichst stringente Gedankenführung zu entwickeln, und relativ viel Zeit dafür investiert; es dürfte daher am besten sein, Sie halten sich an die vorgeschlagene Anordnung.

Das gilt allerdings nicht für den sogleich folgenden Motivations-Exkurs, weil er im wesentlichen destruktiv ist und mir deshalb auch nicht sonderlich am Herzen liegt.

Aufgenommen habe ich diesen Teil aber dennoch, denn er dürfte für manche Leser der wichtigste sein, für all diejenigen nämlich, die die Schwierigkeit, mit der ich mich nun schon fast 50 Jahre herumschlage, noch gar nicht gesehen haben. Sie möchte ich in diesem Exkurs mit der Nase darauf stupsen,

Gelingt es mir dabei, sowohl mein Problem als auch die Unsinnigkeit seiner hausbackenen üblichen „Lösung“ zu verdeutlichen, könnte das vielleicht motivieren, sich überhaupt auf den viel interessanteren konstruktiven Gedankengang ab Teil 1 einzulassen.  

Exkurs für die Motivation: Naiver Realismus

„Naiver Realismus“ heißt in der nachkantischen Philosophie das Denkmodell, das nahezu alle „normalen“ Menschen im Abendland besitzen.

Sein Grundgedanke besteht darin, daß der physikalische Kosmos eine objektive Realität bildet, die uns allen eindeutig vorgegeben ist. Dazu zählen nicht nur Sonne, Mond und Sterne, sondern sämtliche Körper im weitesten Sinne – menschliche, tierische, pflanzliche sowie anorganische einschließlich der künstlichen; die „Welt der Physik“ letztlich.

Diese objektive Realität ist im wesentlichen hinzunehmen; wir versuchen sie zu erkennen und haben dadurch vielleicht auch die Möglichkeit, Änderungen an ihr vorzunehmen. Aber ganz abgesehen davon ist ein hinreichend adäquates Wissen von der objektiven Realität für uns (über-)lebensnotwendig.   

 

Warum schreibe ich oben „Denkmodell“ und nicht „Weltbild“?

Weil es mir dabei um den grund-legenden Glauben an irgendeine objektive Realität geht. Bei uns besteht sie – zufällig – im physikalischen Kosmos, und dieser gehört zum Weltbild. Wir könnten aber auch überzeugt sein, die objektive Realität wäre ein Elefant auf der Schildkröte, der die Erde trägt, oder letztere sei eine Scheibe. Innerhalb des Denkmodells der objektiven Realität sind also die unterschiedlichsten Weltbilder möglich.

Um mein Anliegen möglichst sauber zu vertreten, werde ich also zumeist von der objektiven Realität und nicht speziell vom physikalischen Kosmos sprechen.

 

Der Naive Realismus – mit einem physikalistischen Weltbild – bestimmt den Mainstream der Moderne.

Innerhalb der Philosophie wurde er bereits von Kant und dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling, Hegel – kritisch infragegestellt, sowie später insbesondere von Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead immer stärker ad absurdum geführt. Seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken bei den Philosophen weitestgehend als obsolet, und ich kenne gegenwärtig keinen Großen unter ihnen, der (an) irgendeine objektive Realität glaubt.

Außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften, der Theologie sowie im Glaubensleben und Alltagsdenken – ist das freilich ganz anders; dort wird die (physikalische) objektive Realität kaum hinterfragt und als angebliche Selbstverständlichkeit betrachtet.

 

Damit läßt sich unser Grundbegriff der Tradition oder des traditionellen Denkens relativ leicht und sauber einführen. Wir meinem damit den naiv-realistischen Glauben an eine – ganz beliebige – objektive Realität mit all seinen Konsequenzen.

Zur Tradition gehören demzufolge sowohl Antike und Mittelalter als auch nahezu die gesamte Moderne – außerhalb der Philosophie.

Als Gegenbegriff oder Pendant zur Tradition wählen wir deshalb die Postmoderne, so daß sich die Neuzeit als Übergang von der Moderne zur Postmoderne verstehen läßt. An ihn möchte ich Sie mit diesem Buch heranführen.

 

Die objektive Realität merkt nicht, wenn wir sie wahrnehmen, so daß (bei Vernachlässigung aller quantentheoretischen Zusammenhänge) nur eine einseitige Wirkung existiert, die sich am besten, weil ganz anschaulich, als Abbildung verstehen läßt:

Wir erkennen die objektive Realität, indem wir sie in unserer Psyche abbilden.

Damit ergibt sich auch gleich ein passender Name für die Bestandteile oder Komponenten der objektiven Realität:  

Sie können zu Abbildern werden oder sind es potentiell und fungieren somit als Urbilder.

Was ich oben beispielhaft aufgezählt habe – Sonne, Mond . . . – sind folglich alles Urbilder. Dieses Wort kommt im Alltag nicht vor, ist aber völlig unproblematisch und hat noch nicht viel mit Philosophie zu tun; es klingt nur übertrieben anspruchsvoll.

Dort befindet sich das Urbild Sonne; sie ist abbildbar, und durch das Hinschauen erhalten wir ein Abbild davon in unserer Psyche. Wir können auch uns selbst und andere Menschen sehen; die Urbilder zerfallen somit in Subjekte und Objekte.

 

Wer so – naiv-realistisch – denkt, braucht natürlich keine Philosophie und kann nur staunen, weshalb sich ein paar Menschen mit deren „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist:

Was wollen diese Philosophen eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt. Letztere gehören den ‚harten Fakten‘ des Alltags sowie der Wissenschaft und Technik an. Wozu noch Geisteswissenschaften?“

Kürzlich sagte ein Naiver Realist zu mir: „Die Philosophen bauen Brücken, wo kein Wasser ist.“ Ich war relativ gut drauf und konnte kontern „. . . nein; wo die anderen keins sehen.“

 

Der alles entscheidende Gedanke – auf den unsere Überlegungen unter anderem hinauslaufen werden –, besteht darin, daß das eigene Weltbild möglicherweise gar kein Bild von der objektiven Realität darstellt, sondern lediglich ein – aus der Vergangenheit stammendes – Vorurteil, das den Blick auf die Wirklichkeit verstellt, indem es uns vorgaukelt, eine objektive Realität wiederzugeben.

Solange Ihnen diese Möglichkeit als absurd erscheint, ahnen Sie wahrscheinlich gar nicht, wovon ich überhaupt spreche, denn Sie müssen ja denken:

„Unsere Vorfahren haben beispielsweise Götter, eine Himmelsglocke und Hexen gesehen, die natürlich alle nicht existieren. Die mittelalterlichen Menschen waren eben noch ungebildet; zumeist ohne eigene Schuld; das soll nicht als Vorwurf verstanden werden. Aber heute verhält es sich doch ganz anders; was wir sehen, ist die Wirklichkeit!

 

Gäbe es uns nicht, wäre der physikalische Kosmos exakt der gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit dieses Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede Ameise ist für ihren Haufen millionenfach wichtiger als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

 

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, an Minderwertigkeitskomplexen oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, hängt das gewiß auch mit ihren persönlichen Lebensumständen zusammen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, muß der Gedanke, unser Weltbild könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht als völlig abwegig erscheinen.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“.

„Masse von geistig Behinderten“ klingt nicht sehr ermutigend; aber wenn wir uns umschauen – bis in die Universitäten hinein –, wo heute noch ernstlich gedacht und – die Karriereleiter sowie Mühe ignorierend – das Erbe der Aufklärung hochgehalten wird, muß man Henry nicht unbedingt widersprechen.

 

Auch Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich und konsequent.

Ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im Naiven Physik-Realismus befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden unserem Weltbild zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Robert Spaemann und Reinhard Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ subjektiv sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies nicht auch für den Kosmos gelten? Wozu der Aufwand mit den unermeßlichen Dimensionen – wenn es dem christlichen Glauben zufolge doch  allein um uns als der Krone der Schöpfung geht?

Schon Blaise Pascal konstatierte: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“.

 

„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, bevor ich Ihnen ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig: – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen.

Könnte es nicht sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns überhaupt geben kann?“

Sie haben uns noch gefehlt . . .; aber trotzdem herzlich willkommen!

 

Natürlich darf man das nicht ausschließen; diese Denk-Möglichkeit allein genügt jedoch ebensowenig wie der Glaube daran. Wer hiermit argumentieren möchte, müßte zumindest nachzuweisen versuchen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit tatsächlich so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – physikalisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos erst gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

Anton Friedrich Koch unternimmt gegenwärtig einen neuen Anlauf in dieser Richtung; sein Ergebnis ist wohl noch offen, aber leider auch nicht ganz leicht nachvollziehbar.

0.1. Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel

Kommen wir auf das Abbilden im Naiven Realismus zurück.

Ein Kind sieht zum ersten Mal in seinem Leben den Mond. Der merkt natürlich nichts von seinem Bestaunt-Werden, so daß wir es mit einem völlig einseitigen Verhältnis zu tun haben. Das scheint sich zwar am besten durch Abbilden beschreiben zu lassen – geht aber nicht.

 

AD: „Ich verstehe gar nicht, wie Sie darin ein Problem sehen können. Das Abbilden ist doch auch vollkommen unabhängig vom Naiven Realismus die normalste Sache der Welt; denken wir nur an das Photographieren, Malen und Beschreiben, an Landkarten, technische Zeichnungen oder Veranschaulichungen.“

Ich korrigiere Sie ein klein wenig; das Abbilden ist – nicht auch, sondern – nur unabhängig vom Naiven Realismus die normalste Sache der Welt.

 

In diesem Fall gehören sowohl das „Ur-“ als auch das „Abbild“ unserer Psyche an; beim Photographieren können wir beispielsweise das aufgenommene Gesicht unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen; beide sind uns gegeben, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt. Das Original und sein Photo; dem Künstler steht ein Mensch gegenüber, und er malt dessen Porträt.

Deswegen meine Anführungsstriche; mit Ur- bzw. Abbild in unserem philosophischen Sinne haben diese Beispiele auch nicht das Geringste zu tun. Das Photo oder Porträt stellt kein Abbild dar, und das Original bzw. der Mensch ist kein Urbild.

 

Innerhalb der Philosophie – bei unserem Problem also – liegt in der Psyche dagegen stets nur eine Seite vor; nennen wir sie provisorisch „Bild“. Die Kleine nimmt nur einen Mond wahr – das Bild eben.

Niemand sieht dabei doppelt; vielmehr wird im Außerhalb der Psyche ein Urbild erfunden oder gedacht, um mit seiner Hilfe die Entstehung des Bildes in der Psyche erklären zu können. Diese Konstruktion verwandelt das neutrale Bild in ein Abbild des behaupteten Urbilds.

Ich gebe natürlich das Bild zu – es ist sichtbar und läßt sich somit kaum ernstlich leugnen –, bestreite aber ganz vehement, daß

– es sich hierbei um ein Abbild handelt,

– hinter dem ein Urbild steht, das das Bild erst zu einem Abbild macht.

 

AD: „Wir sehen nicht doppelt; das Urbild Mond ist natürlich ‚unsichtbar‘, weil es sich außerhalb der Psyche befindet; aber unsere Vernunft verlangt seine Existenz: Wir könnten dort keinen Mond sehen, wenn er sich nicht dort befände.“

Ihr letzter Satz ist vielleicht sogar tautologisch; jedenfalls 100%-ig zutreffend:

Wir könnten die Mond-Wahrnehmung dort nicht haben, wenn sie sich nicht dort befände.

Das haben Sie freilich nicht sagen wollen; vielmehr:

Wir könnten die Mond-Wahrnehmung dort nicht haben, wenn sich der Ur-Mond nicht dort befände.

Aber dann bleibt mir Ihre Aussage unverständlich. Sie erfinden einen unsichtbaren Ur-Mond im Außerhalb der Psyche, um Ihre Mond-Wahrnehmung in deren Innerhalb „erklären“ zu können. Ich bezweifle jedoch sehr stark, daß es sich hierbei um eine Erklärung handelt:

1. Gegeben ist eine Mond-Sehung.

2. Deren Zustandekommen möchten Sie verstehen.

3. Dazu erfinden Sie einen unsichtbaren Ur-Mond.

4. Der einzige Hiinweis auf ihn, besteht in unserer Mond-Sehung.

5. Sie interpretieren letztere als Abbildung des erfundenen Ur-Monds.

 

Kann ein logischer Zirkel perfekter sein?

Sie erklären unsere Mond-Sehung mittels des Ur-Monds, von dem Sie nur durch die Mond-Sehung wissen:

Von den Urbildern wissen wir allein durch ihre Abbilder.

Die Urbilder machen uns ihre Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch seinen Donner.

Donar macht uns seinen Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meiner tiefsten Überzeugung zufolge pure Erfindungen.

 

(Das braun Geschriebene können Sie hier und im weiteren stets überlesen, ohne den Roten Faden zu verlieren.)

Es handelt sich bei unseren zwei Beispielen um einen (relativ weit verbreiteten) logischen Fehlschluß, den wir rein formal folgendermaßen schreiben können:

 

Prämisse 1: p → q „Wenn es regnet, wird die Straße naß.“  
Pränisse 2: q „Die Straße ist naß.“  
falsche Konklusion: → p „Also hat es geregnet.“  

Die Schlußfolgerung ist offensichtlich falsch, weil zum Beispiel auch Schnee geschmolzen, ein Wasserrohr geplatzt oder der Sprengwagen hier gewesen sein kann.

 

Sowohl Donar als auch die Urbilder stellen Versuche dar, etwas verständlich zu machen; sie mögen vielleicht ihre Zeit und ihr Recht gehabt haben; das kann ich nicht einschätzen. Aber wenn wir ihre Schwachstellen wissen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten

 

AD: „Ich bin noch nicht ganz einverstanden.

Die Naiven Realisten behaupten ihr Weltbild als ein Bild von der objektiven Realität, und Sie bestreiten das; damit steht es ‚1 : 1‘.“

Nein; das steht es nicht.

Für die Nicht-Übereinstimmung zwischen einer angeblichen objektivem Realität und „ihrem“ Bild gibt es praktisch unzählige Möglichkeiten; ich sage also nahezu eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich gar nicht der Erwähnung bedürfte.

Die Naiven Realisten halten dagegen etwas ganz Spezielles oder Singuläres für richtig, so daß nur sie  in der Beweispflicht stehen.

Daß gerade Kühe heilig sein sollen, müßte auch begründet und braucht nicht widerlegt zu werden.

 

Die Stelle scheint mir wichtig genug zu sein, um sie noch ein wenig auszubauen.

Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven essen zu können; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, sagen die Mythen, verdanken wir der Göttin Athene, die uns Menschen gelehrt hat, die Oliven entsprechend aufzubereiten.

Wer diese dem traditionellen Denken entsprechende Erklärung für wahr hält „so ist es wirklich“, dem kommt sehr wohl eine Begründungspflicht zu.

Mit dem bloßen Ablehnen dieses Mythos vertreten wir jedoch keine ebenso konkrete gegenteilige Meinung, sondern distanzieren uns lediglich von ihm. Weder bedarf das einer Rechtfertigung, noch bedeutet es, sich um eine andere Erklärung bemühen zu müssen.

 

Was geht mich denn die Meinung von Herrn Müller an? Warum denn gerade sie? Frau Meyer sagt doch auch etwas? Das gilt für ausnahmslos alle bloßen Meinungen, vollkommen unabhängig davon, wer sie äußert. 

Autorität kommt gegebenenfalls dem Inhalt zu – und sollte dies freilich auch –, aber niemals seinem Sprecher oder Schreiber.

 

AD: „Dann stellen die Urbilder also nur Projektionen der – angeblichen Ab- – Bilder dar?“

Genau; Ludwig Feuerbach hatte mit seiner Religionskritik völlig Recht. Viele Gläubige haben eine Vorstellung von Gott und sind überzeugt, daß es diesen Gott objektiv-real, das heißt, auch außerhalb ihrer Psyche gibt und sie ihn dort – mit Hilfe einer Offenbarung oder wie auch immer – adäquat erkannt hätten.

Aber das ist natürlich Unsinn, meinte Feuerbach; diese Gläubigen haben ihre Gottes-Vorstellung – nicht von außen nach innen abgebildet, sondern – von innen nach außen projiziert

Feuerbach hat das zwar völlig richtig durchschaut, jedoch übersehen, daß seine Erkenntnis absolut nichts speziell mit Gott zu tun hat, sondern für sämtliche Urbilder gilt, das heißt, für die gesamte objektive Realität; Urknall, Materie, Energie, Evolution, Sonne, Mond . . .

 

Die angeblichen Urbilder müssen Projektionen darstellen, weil sie sich außerhalb unserer Psyche befinden sollen. Dort sind sie nicht zugänglich und können somit auch unmöglich abgebildet werden.

Wir korrigieren daher die traditionell-hausbackene Annahme:

Die „Abbilder“ sind keine Abbilder, sondern Bilder, (an) die wir subjektiv ganz fest glauben; wir können kaum anders, als sie uns auch außerhalb der Psyche  vorzustellen; „sie müssen sich wirklich dort befinden“.

Und die „Urbilder“ sind keine Urbilder, sondern die Projektionen dieser Überzeugungen.

Denn alles kann aus der Psyche herausprojiziert, aber nichts von Außerhalb hereingeholt werden.

0.1.1. Es gibt kein Abbilden

Wo stehen wir?

Für uns gibt es keine objektive Realität mit ihren Urbildern; der traditionelle Glaube daran läßt sich recht leicht als ein solcher an die eigenen Projektionen durchschauen. Wir benötigen letztere nicht, weil uns absolut nichts über das Außerhalb unserer Psyche bekannt ist oder auch nur sein könnte.

Die Tradition geht hingegen davon aus, unsere Wahrnehmungen mittels der entsprechenden Urbilder vernünftig erklären zu können. Wir bezweifeln das, lassen uns aber – um die eigene Position zu festigen – einmal darauf ein und sehen dann zwei verschiedene Möglichkeiten:

Die Wahrnehmungen sind selbst die Urbilder oder bereits deren Abbilder

 

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß wir weder ein Abbilden noch Abbilder benötigen; beide sind völlig überflüssig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal gemeinsam mit den Urbildern. Das paßt genau; eine „Bildersorte“ fehlt immer, denn wir sehen nie doppelt.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Logik um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

Daß wir (die provisorischen) Bilder sehen, scheint unbestreitbar zu sein; warum belassen wir es nicht dabei?

Die Tradition erfindet Urbilder, steht damit vor dem Problem, wie wir diese sehen können und löst es durch Abbilden:

Indem

– erfundene Urbilder

– angeblich abgebildet werden,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – den Bildern.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß kein Abbilden existiert.

Nun erkennen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen und es ganz einfach dabei bewenden lassen.

Die Abbildtheorie stellt einen philosophischen Nonsens dar, der an Unlogik kaum zu überbieten ist:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß wir ihn sehen.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß wir sie fühlen.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß wir sie zählen oder berechnen.

Es gibt keine Materie, ohne daß wir sie messen.

Es gibt keinen Geist, ohne daß wir ihn erleben.

 

AD: „Daß es das Abbilden gar nicht geben soll, will ich nicht glauben.

Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen. Das ist erneut das Mißverständnis, das uns bereits beim Photographieren oder Porträtieren oben begegnet ist; dieses „Abbilden“ ist nicht unser philosophisches Abbilden.

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut „abgebildet“ wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre „Abbildung“ nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine „Abbildung“ auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur sinnvoll und verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von oben – zu Sonnen-Sehungen abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den Raum vom Straßenrand in die Augenhöhle „abbilden“ lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

AD: „Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu ihm sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Seh-Voraussetzungs-Theorie – sehen wir nichts; das ist die Bedeutung von „notwendigen“.

Wir sehen nicht, weil unsere Augen gegebenenfalls geschlossen sind; aber wir können im allgemeinen sehen – jedoch nicht weil sie offen sind; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 

AD: „Aber es gibt doch sogar Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es schräg ins Wasser taucht, als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern entspricht wieder dem obigen Gesicht, das photographiert wird. Wir sehen ihn doch auch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in unserer Psyche befinden.

Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also zwischen „Abbild“ und „Urbild“ – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat; das ist ein bloßer „Abbildungs“-Fehler.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb der Psyche – und deswegen erreichen wir sie nicht.

0.1.2. Sinn durch neue Wëge

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und unser subjektives Leben ebenso leer ist wie die objektive Realität; das weiß niemand.

Solange man traditionell denkt, muß es sich meines Erachtens sogar so verhalten. Das stellt natürlich keine Widerlegung des Naiven Realismus dar; aber wenn ein Denken zu Konsequenzen führen, die wir innerlich ablehnen – und ich tue das aus Überzeugung –, sollten wir seine Grundlagen infrage stellen.

 

Um die Unmöglichkeit von Sinn, wie sie mir erscheint, zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben. Alle Urbilder sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „. . . weiß ich doch . . . „. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte objektive Realität, insbesondere also auch ihre weitere Entwicklung, wäre den „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) – dank des Determinismus – bekannt, und sie befänden sich im Zustand der Vollendung. Jeder wüßte schon zuvor, was alle später tun oder sagen werden, und sie handeln dann natürlich auch entsprechend – mögliche Rechenfehler einmal ausgeschlossen.

Anschaulich gesprochen würden die Menschen dann so entlang des Zeitstrahls leben, wie der Zug den Gleisen bei fehlenden Weichen folgt.

Ihr Leben wäre sinnlos, weil es – wie bei einem Roboter – durch seine „Gleise“ fremdbestimmt festliegt.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren einzuläuten.  

 

Den festen Schienenstrang der Tradition ersetzen wir durch eine Straße, die sich laufend verzweigt. Auch wir müssen weitergehen  – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, wissen aber niemals, wohin die gewählte Straße – in der Zukunft – führen wird; es gibt keinerlei sichere Hinweisschilder.

Nein; das war falsch; ich muß mich korrigieren.

Ein solcher Straßen-Baum entspräche ja ebenfalls einer objektiven Realität; bei diesem Bild würden wir lediglich den Determinismus aufgeben. Wir bewegen uns weder auf weichenlosen Gleisen noch in einem offenen Straßensystem.

Dadurch endet das Sagen nicht wie traditionell, weil wir über unser subjektives Leben mit seinen Wegen sprechen und nicht von objektiven Vorgaben. Jeder, den wir als unseresgleichen anerkennen, kann seine persönlichen Erfahrungen mitteilen, die uns prinzipiell unzugänglich sind, weil wir höchstens unser eigenes Leben kennen und keinen Zugang zu dem seinigen besitzen.

 

AD: „Welche dritte Möglichkeit für Wege soll denn überhaupt noch bestehen?“

Natürlich keine in der objektiven Realität an, weil es die für uns gar nicht gibt.

Alle Wege sind möglich, denn sie entstehen erst durch unser Gehen.

Wir gehen keine Wege, sondern wir gehen; alles dreht sich um uns und nichts um Urbilder; das Ziel oder Telos besteht nicht in der Erkenntnis einer angeblichen objektiven Realität, sondern in der Fülle des Lebens.

 

Wenn ich es recht verstehe, spricht das östliche Denken mit seinem Dào ebenfalls von solchen sich selbst ihre Wege bahnenden oder generierenden Wegen.

Martin Heidegger prägte dafür den Begriff der Bewëgung; auf den Wegen bewegen wir uns, aber die Wëge bewëgen sich selbst.

Wege werden wiederholt, Wëge erstmaligen sich oder „entstehen erst dadurch, daß man sie geht“ (Franz Kafka).   

 

An etwas Ähnliches dachte wohl auch Einstein, als er schrieb:

„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener.“

Letzterer bewegt sich höchst umsichtig, könnten wir ergänzen, in der uns vorgegebenen Wirklichkeit, die der intuitive Geist dem rationalen Verstand jedoch erst eröffnet, das heißt, für ihn bewëgt haben muß, damit dieser sich nun in dieser Wirklichkeit bewegen kann.

Aber der rationale Verstand ahnt häufig nichts von dem intuitiven Geist, der ihm notwendigerweise immer schon vorangegangen ist, oder hält sich sogar selbst für diesen – und macht damit selbstherrlich dessen Gabe zur eigenen objektiven Realität.

 

Auch unser vorangestelltes Zitat von Pablo Picasso findet hier seinen legitimen Platz:

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

0.1.3. "Unphilosophisch einfache" Hilfestellung

Meine Kritik am traditionellen Denken in diesem Exkurs, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig, verführt aber zu dem falschen Gedanken, daß sich dort an sich, das heißt, völlig unabhängig von unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare, weil objektiv-reale Sonne befindet.

 

Wer so und damit traditionell denkt, benötigt also zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder an sich seiende Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht; ohne Sonne keine Sonne.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild).

Einerseits scheint das einleuchtend zu sein.

Andererseits sehen wir aber nie doppelt, so daß uns immer nur die Wahrnehmung Sonne gebeben ist. Niemand hat jemals die Sonne gesehen; wir schauen „zu ihr hin“, kommen aber „immer schon zu spät“ für sie, denn es zeigt sich uns „bereits“ die Sonnen-Wahrnehmung.

Somit haben wir insbesondere keinerlei Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein (adäquates) Abbild der Sonne ausweisen könnte. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das problematische Abbilden überspielt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn die Ur-Sonne nicht dort wäre, und das Abbilden ist der Weg, der von ihr zur Wahrnehmungs-Sonne führt. Jene wurde zwar niemals gesehen, sondern lediglich – als einfachste Erklärung der Sonne – erfunden, aber alle traditionell Denkenden glauben, von ihr zu sprechen.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

AD: „Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Traditionalisten behaupten die Sonne als Wahrnehmung (von) einer ominösen Sonne, obwohl diese nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um letztere zu erklären, aber selbst niemals gesehen wurde. Diese Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das sich durch nichts rechtfertigen läßt.

 

Ich kenne Menschen, die Stein und Bein schwören, den Teufel erfahren zu haben. Traditionell benötigen sie dann einen Teufel, um erklären zu können, wie das möglich war. Mir ist die Feststellung wichtig, daß der Glaube an die Sonne keinen Deut vernünftiger ist als der an den Teufel.

Damit bestreite ich Teufels-Erfahrungen ebensowenig wie Sonnen-Wahrnehmungen, in beiden Fällen aber ihre traditionelle Interpretation.

Teufels- sind ebenso möglich wie Sonnen-Erfahrungen, aber die Sonne ist ebenso absurd wie der Teufel.

 

AD: „Ich würde aus persönlichen Gründen den Teufel gerne aus dem Spiel lassen . . .

Aber Sie werden doch nicht ernstlich bestreiten wollen, daß uns die – Sie würden formulieren: ‚Erfindung‘ der – Ur-Sonne gestattet, die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens wunderbar zu erklären. Bei Ihnen muß die Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Nein; das ist sie nicht; natürlich müssen wir erst noch verstehen, wie die Wahrnehmung Sonne bei uns überhaupt möglich wird. Aber dafür haben die traditionell Denkenden zu erklären, wo ihre Sonne herkommt; erst dann können sie daraus die Wahrnehmungs-Sonne ableiten. Vor einem Herkunfts-Problem stehen wir also beide.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere, weil es etwas prinzipiell Unerreichbares voraussetzt. Daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erleben, resultiert nicht aus einer angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

AD: „Ich verstehe Sie leider immer noch nicht.

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäumen einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden werden wir es erreicht haben. Während des Weges liegt höchstens die Sicht auf den Turm vor, das heißt, ein Abbild von ihm. Angekommen am Ziel haben wir den wirklichen Turm selbst, können in ihm als dem Urbild hinaufsteigen, unsere Namen einritzen und herunterfallen; bei seinem Abbild geht das alles nicht.“

 

Ihr Beispiel bietet – ganz wie die Photos oder Porträts oben – kein Modell für das traditionelle Denken in Ur- und Abbildern, und deswegen waren diese beiden Begriffe wiederum unangemessen, so daß Sie auch die Unterstreichungen hätten weglassen müssen.

Canceln Sie den Turm in Ihren Übelegungen einfach einmal, wie wir es mit den Urbildern tun; dann wäre etwa folgende Beschreibung möglich:

Beim Start und während des Wanderns sind allein Turm-Sehungen möglich. Unsere Ankunft besteht darin, daß nun Turm-Betastungen, -Besteigungen, -Ritzungen, -Verfehlungen und andere Turm-Erfahrungen, die zuvor nur erwartet oder antizipiert wurden, möglich werden.  

 

Der Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Turm wahr“ wird im allgemeinen so verstanden, daß dort an sich ein Turm steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Turm das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Turm.

Die Formulierung „Ich nehme einen Turm wahr“ läßt sich somit fast nur traditionell – als Verdopplung zu zwei TÜRMEN – und damit meines Erachtes falsch verstehen.

AD: „Jetzt begreife ich erst, was Sie soeben mit Ihrer Bemerkung, daß wir die 2 500 Jahre Gewöhnung mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen, gemeint haben.“

 

Wir könnten weiterfragen, wo sich Ihr wahrgenommener Turm befinden soll.

AD: „Auf dem Berg natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern im Sinne der Tradition falsch, weil wir unseren TURM-Disput nun als BERG-Disput fortsetzen müßten:

Es gibt natürlich auch zwei BERGE; den wahrgenommenen Berg und die Wahrnehmung Berg. Der Turm steht auf dem Berg, und beides sind Abbilder; der Turm kann sich dagegen nur auf dem Berg befinden, und beides sind Urbilder.

Sie sollten ahnen, wo das hinführt: Turm auf dem Berg, Berg in der Landschaft, Landschaft aus der Insel, . . . – nämlich zum Aufbau einer ganzen Hinterwelt.

 

Nehmen wir noch die Verstehungen als Beispiel, weil sie vielleicht einfacher sind; sie benötigen kein Verstandenes.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen, originell sind oder weshalb auch immer –, so denken Sie vielleicht, mich (richtig) verstanden zu haben. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.  

0.2. Die objektive Realität als Hinterwelt

AD: „Wenn die Urbilder nur erfundene Projektionen darstellen, müßte die objektive Realität doch einer bloßen Hinterwelt entsprechen?“ 

Ja; und das vollkommen unabhängig davon, worin diese Urbilder angeblich bestehen. Wer an ihrer Stelle die Materie sucht, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der dort den Teufel glaubt; jede objektive Realität ist eine Hinterwelt.

Hierzu gehören also insbesondere die Überzeugungen der wissenschaftsgläubigen Fundamentalisten ebenso wie diejenigen der religiösen.

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer), denn er wäre objektiv-real und damit hinterwäldlerisch.

 

AD: „Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entität fest überzeugt sein, denn ich würde auf diese Weise hinterwäldlerisch und mich damit von jedem vernünftigen Diskurs verabschieden?“

Nein; das wäre ja furchtbar, würde ich dergleichen – Absurditäten – behaupteten!

 

Wir könnten uns beispielsweise todsicher sein, daß es sowohl Materie als auch eine Evolution gibt, Gott mit seinem Hofstaat von Engeln und der Teufel nebst Unterteufeln existieren oder die Erdscheibe von einem Elefanten auf der Schildkröte getragen wird. Es existiert vielleicht gar nichts Widerspruchsfreies, das wir nicht für selbstverständlich halten dürften.

Die Begründung für unseren möglicherweise ganz tiefen Glauben müßte dabei jedoch sinngemäß stets etwa folgendermaßen lauten:

„Aufgrund meines bisherigen Lebens ergibt sich für mich zwingend, daß es sich so verhalten muß; ich kann gar nicht anders denken, will ich nicht unvernünftig sein, mir selbst widersprechen, mich absichtlich dumm stellen oder selbst belügen.

Ich bin keineswegs hinterwäldlerisch, weiß, daß sich nichts aus dem Außerhalb der Psyche abbilden läßt, spreche nur von meinen Überzeugungen und beanspruche somit auch keine Wahrheit. Ich will wahrhaftig sein – und sage deswegen ganz ehrlich, wie ich es sehe; mehr geht nicht und vermag niemand; ganz im Sinne von Martin Luthers ‚hier stehe ich und kann nicht anders‘.

Das Hinterwäldlertum hat also nichts mit der Sicherheit der eigenen Überzeugungen zu tun, sondern resultiert allein daraus, daß sie gegebenenfalls als Abbildungen der objektiven Realität und damit als wahr behauptet werden.

 

Es geht nicht um die traditionelle objektive Wahrheit, sondern um unsere subjektive Wahrhaftigkeit.

Dann sind wir absolut nicht hinterwäldlerisch, wie „hinterwäldlerisch“ auch immer unsere Überzeugungen sein mögen. Wir beschreiben doch lediglich, was in unserer Psyche vor sich geht und wessen wir uns damit ganz sicher sein können. Ein Außerhalb davon mit eventuellen Urbildern kommt gar nicht vor und damit auch keine Hinterwelt.

Ein solches Denken ist alles andere als traditionell; das wird es erst, wenn die gleichen Überzeugungen als Abbildungen behauptet werden. Dann sagen wir nicht mehr „so sehe ich es“, sondern daraus wird ein „so ist es“. Diese Anmaßung der traditionellen Wahrheit entspricht dem Hinterwäldlerischen.

 

Die nachstehende Abbildung sollte sich von selbst verstehen und das Gemeinte deutlich zum Ausdruck bringen.

Besonders hinweisen möchte ich Sie lediglich darauf, daß die Tradition bei den Irrtümern ebenfalls davon ausgehen muß, daß wir projizieren; aber natürlich nur bei ihnen:

 

Moritz ist Naiver Realist; ein ihm – vielleicht als Wahrnehmung – gegebenes Bild X versteht er als Abbild. Einige ebenfalls traditionell Denkende widersprechen ihm jedoch und erklären, daß kein entsprechendes Urbild dahintersteht, X somit auch kein Abbild sein kann und Moritz sich also täuscht.

Er wundert sich, wieso wildfremde Menschen sich das Recht herausnehmen, über seine – nur ihm allein zugängliche – Psyche zu befinden. 

Glaubt Moritz trotz dieser „Richtigstellung“ weiterhin, sein X sei ein Abbild, so kann er das zugehörige „Urbild“ dem „Wahrheitsministerium“ zufolge nur aus seiner Psyche herausprojiziert haben.

 

 

Außerhalb der Psyche   Psyche    
    Bilder
   
existiert nicht existiert        
  ungewußt
gewußt
       
Projektionen
    Irrtümer
falsch
 
  Urbilder
  (noch) ungegebene Abbilder
——- Tradition
    Urbilder (bereits) gegebene Abbilder wahr  
———- ———- ———-   Überzeugungen ——- wir

Abbildung 0.2.

0.2.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Wahrnehmungen und Vorstellungen auftreten (können) und noch niemandem Urbilder begegnet sind, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften an eine objektive Realität und projizieren somit selbst ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß das Ziel unserer Forschung die neutrale Abbildung der objektiven Realität sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen Denken mit seinem Glauben an die Hinterwelt einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme.

Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder berechnend; verantwortungslos ist beides.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser Fortschritt immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neue stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres Lebens immer stärker zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben können.

 

AD: „Ohne objektive Realität gibt es aber auch keine Objektivität der Wissenschaften?“

Vorsicht; dieser Begriff ist zweideutig!

Erkenntnistheoretisch haben Sie natürlich Recht; die traditionelle „objektive Wahrheit“ läßt sich nicht halten ohne – den Glauben an – eine Hinterwelt.

 

Die berechtigte Forderung nach der wissenschaftlichen Objektivität ist jedoch eine ganz andere, nämlich rein ethische

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; schade! Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

 

AD: „Aber wenn es keine objektive Realität gibt und unsere Überzeugungen somit weder wahr noch unwahr sind, kann es doch auch im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nicht um die Wahrheit gehen.

Warum – und worum – streiten wir dann häufig so erbittert?“ 

 

Mit Ihrer verständlichen Frage stoßen wir zum dritten Mal auf den Unterschied zwischen unserem philosophischen Abbilden und dem alltäglichen „Abbilden“.

Ersteres entfällt für uns vollständig, aber letzteres begleitet uns praktisch ununterbrochen:

„Habe ich heute morgen die Kerze ausgepustet?“ „Was wollte mein Chef gestern von mir?“ „Wer hatte hier eigentlich Vorfahrt?“ . . .

Daß mein Tisch vier Beine besitzt, ist eine Beschreibung von ihm und somit ein „Abbild“ vom „Urbild“. Beide befinden sich in der Psyche, und nichts ist einfacher, als diese Aussage zu kontrollieren.

Die Zeugen geben ihr „Abbild“ vom „Urbild“ Verkehrsunfall wieder, der sich auf der Kreuzung und nicht in der Hinterwelt ereignete.

 

Die übliche Konfusion entsteht dadurch, daß die Tradition bei diesen zwei völlig verschiedenen Problemstellungen, die absolut nichts miteinander zu tun haben, die gleichen Prädikate „wahr“ bzw. „unwahr“ oder „falsch“ benutzt.

Abbilder gibt es für uns gar nicht, aber der Tradition zufolge können – oder sollten – sie sogar wahr sein.

Wir kennen nur „Abbilder“; ob sie wahr sind, zeigt vielleicht ein Vergleich mit den zugehörigen „Urbildern“, der aber weder möglich noch unstrittig sein muß – womit wir nochmals auf Ihre Frage zurückkommen. 

0.2.2. Wahrheit und Überzeugung

Bei Verzicht auf die Hinterwelt können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger erfolgreich in ihrer jeweiligen subjektiven Welt orientieren, von deren Richtigkeit sie überzeugt sind.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es eine objektive Realität gäbe?

 

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der Welten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und sämtliche „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Kriege, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die „Aufklärung“ – zu der hier ein kitzekleiner Baustein beigesteuert werden soll –, können uns aber partout kein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück wünschen, wenn wir die subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Die subjektive Welt, an der wir uns orientieren, kann weder wahr noch unwahr sein, und bei zahlreichen Menschen werden wir uns wundern, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich umgekehrt auch ihnen mit uns.

Die eigene Welt ist das Resultat unserer Vergangenheit; hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unsere Welt gewiß recht anders.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen zu Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich persönlich gerne unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich bin überzeugt, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit einmal als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns dann für diese kleinkarierte „Wahrheit“ schämen werden.

Das sagte beispielsweise Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht: „Das soll ich sein?“

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

 

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – lobhudelnde – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig und grauselig langweilig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotzdem umwerfen wird, zumindest hoffe ich das ganz stark.

Es würde mich fuchtbar enttäuschen, wäre Gott nicht viel mehr und total anderes eingefallen als mir.

 

Daß wußte schon Lessing vor bald 300 Jahren, und weil er mir direkt aus der Seele spricht, zitiere ich ihn ausnahmsweise einmal recht ausführlich:

„Wenn mir in der einen Hand die Wahrheit, in der anderen das Streben nach ihr geboten würde und ich wählen müßte, ich würde das letztere wählen, und des Apostels Aufforderung lautet: Prüfet alles! Ohne Prüfung kann man nicht erfahren, ob der Geist, der in uns spricht, und die Geister, die zu uns reden, aus Gott sind oder nicht. Nur durch redliche von reiner Liebe zur Wahrheit ausgehende Prüfung wird sie allmählich unser Eigentum.

Darum fühlen wir uns zu dem hingezogen, der uns zur Prüfung seiner angeblichen Wahrheit auffordert, und wenden uns von dem ab, der uns seine Wahrheit aufdrängen will. Ein solcher erweckt mit Recht in uns das Vorurteil, daß er selbst nicht an die Wahrheit seiner Lehren glaube.

Denn die Wahrheit kann durch Prüfung nur gewinnen; die Wahrheit besteht in der Prüfung, die Lüge und der Wahn aber verschwinden durch sie. Wer daher die Prüfung vorgeblicher Wahrheiten scheut und verhindern will, ist kein Freund der Wahrheit, sondern ihr Feind.

Kein Mensch auf Erden hat daher Ansprüche auf sogenannte Untrüglichkeit. Wer als unbedingte Autorität gelten will, wird daher verworfen.“

 

Lessing dachte zu seiner Zeit natürlich insbesondere an religiöse „Autoritäten“. Mir ist jedoch sehr wichtig, daß durch die „Aufklärung“ der christliche Absolutismus in einen exakt-wissenschaftlichen umgeschlagen ist und deshalb noch heute von Aufklärung nur sehr bedingt die Rede sein kann.

Sie besteht meines Erachtens darin, daß jegliche Form von objektiver Realität – christliche, wissenschaftliche, esoterische usw. – als Hinterwelt durchschaut wird.

0.3. Markus Gabriel als Naiver Realist

Dieser Abschnitt enthält einen Artikel, den ich spontan-verärgert für die „Neue Züricher Zeitung“ geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinschätzung der Aktant-Netzwerk-Theorie durch Markus Gabriel entgegenzutreten. Sollte ich mich darin beleidigend ausdrücken, bitte ich um Entschuldigung – obwohl Markus Gabriel es Bruno Latour gegenüber auch getan hat; ich weiß, daß dies keine Rechtfertigung darstellt.

Ich drucke die Rezension hier ab; zum einen in der Hoffnung, daß sie Ihrem Verständnis dienen könnte, und zum anderen um den Exkurs passenderweise mit einem gegenwärtig vielzitierten Naiven Realisten abzurunden.

 

Gabriel schrieb in der NZZ vom 26. 3. 2020 unter anderem:

„. . . Doch auch progressive Intellektuelle, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen schreiben, haben sich in den letzten Jahren einem heillosen Relativismus verschrieben. Zu ihren prominentesten Vertretern zählt der französische Soziologe Bruno Latour. Er hat sich sogar zu der absurden These verstiegen, Ramses II. könne nicht an der Tuberkulose verstorben sein, weil der Erreger erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden sei. Das ist metaphysische Absurdität, wie der analoge Fall der Corona-Krise zeigt:

Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte. . .“

 

An dieser Argumentation stimmt absolut nichts; Latour hat völlig Recht, und die „metaphysische Absurdität“ liegt allein bei Gabriel, weil er scheinbar keinerlei Verständnis für eine ihm fremde Sichtweise aufbringt!

Sein „Neuer Realismus“ ist so neu nicht; er kam um 1912 in den USA auf, wurde aber danach – mit Recht – schnell wieder vergessen, weil der Glaube an eine objektive Realität mindestens seit Kant philosophisch unhaltbar geworden ist und unter ernstzunehmenden Fachleuten bereits im 20 Jahrhundert kaum noch ein Rolle spielte.

Wir haben Überzeugungen, denn wir glauben, was zu glauben wir für richtig halten; mehr kann niemand leisten – aber weniger, nämlich Denkfehler begehen und leere Behauptungen aufstellen.

Um zu verdeutlichen, daß dies bei Gabriel der Fall ist, wähle ich ein möglichst einfaches Modell. Wir benötigen dazu nur zwei Personen, Patient sowie Arzt, und erinnern an einen mittelalterlichen Priester.

 

Ersterer fühlt sich miserabel.

„Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte.“

Ich kann Latour nur beipflichten; was im Weltbild oder Dnken gar nicht vorkommt, kann sich natürlich auch nicht verbreiten.

Latour behauptet doch keineswegs, daß es dem Patienten dann gut gegangen wäre – was Gabriel unausgesprochen vorauszusetzen scheint –; natürlich nicht. Aber niemand kann haben, was keiner kennt. Der Patient würde sich miserabel fühlen; wir wüßten nicht warum, und es begänne möglicherweise ein fieberhaftes Suchen.

Dieses Sich-miserabel-Fühlen hängt nicht vom Weltbild ab, aber sämtliche Erklärungen tun dies. In jedem Weltbild werden andere gegeben, und „Erklärungen“, die wir nicht verstehen oder akzeptieren, sind für uns keine Erklärungen; inexistente natürlich „noch weniger“.

 

Der Arzt hat eine Idee: Covid-19.

Dieser Virus bildet ein Objekt in unserem Weltbild, das nur mittels der anderen Objekte erklärt werden kann und mit ihnen in einem integralen Zusammenhang – eben unserem Weltbild – steht. Es ist hinreichend rund, stimmig und widerspruchsfrei; deswegen hält der Arzt es für richtig, die Corona-Theorie zu glauben.     

 

Ich bin einerseits – mit Gabriel – 100%-ig einverstanden und würde mich als Arzt heute ganz bestimmt ebenso verhalten.

Andererseits hat – entgegen Gabriel – Latour Recht, daß wir eine Erklärung natürlich nur nutzen können, wenn sie in unserem Weltbild vorhanden ist, das heißt, wenn wir sie kennen.  

Zwischen diesen beiden Aussagen besteht auch nicht der geringste Widerspruch. Den konstruiert lediglich Gabriel durch seine naive „metaphysische Absurdität“, daß es Tuberkulose-Erreger und Covid-Viren an sich oder objektiv gibt.

 

Nochmals der Deutlichkeit halber:

Ich kann nicht einschätzen, inwieweit unsere Ärzte, Betreuer, Virologen und Politiker richtig handeln, finde aber, daß sie sich sehr viel Mühe geben und versuchen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden; ich habe sehr viel Achtung vor ihrem Engagement und insbesondere keinerlei Verbesserungsvorschläge. Es wäre einfach lächerlich, wollte ich mir letzteres anmaßen.

Mir geht es nur sehr gegen den Strich, daß Gabriel die Corona-Krise als Werbung für seinen metaphysischen Aberglauben an eine Hinterwelt mißbraucht, ihn als Wissenschaft darstellt und kritische Denker wie Latour eines „heillosen Relativismus“ bezichtigt, nur weil sie seine Naivität nicht teilen.

 

Im Mittelalter hätte ein Priester angesichts unseres sich miserabel fühlenden Patienten vielleicht von dämonischer Besessenheit gesprochen. Die meisten von uns sind sich heute mit Recht völlig sicher, daß diese Diagnose natürlich nichts mit objektiver Realität zu tun hat; und in unser Weltbild passen bei den meisten auch weder Dämonen noch Besessene.

In unser Weltbild; das war noch im Mittelalter eben ein ganz anderes. Damals erwies sich die Erklärung des Priesters wahrscheinlich als hinreichend rund, stimmig und widerspruchsfrei – wie heute die medizinische Corona-Interpretation.

Aus der dämonischen Besessenheit von damals wurden in der Zwischenzeit zumeist psychische Erkrankungen; was es wirklich ist – die Frage nach dem Urbild –, stellt ein Scheinproblem dar. Im Mittelalter befriedigen jene Antworten und in der Moderne diese; ewige Wahrheiten sind uns Menschen nicht zugänglich.  

 

Als Priester hätte ich damals sicherlich auch versucht, den Patienten durch eine Austreibung des Dämons zu heilen. Die meisten Zeitgenossen werden geglaubt haben, daß Patienten wirklich – im Sinne von objektiv-real – besessen seien und Dämonen in ihnen ihr Unwesen treiben würden, obwohl das „nur“ ihrem Weltbild entsprach.

Das ist für uns kaum nachvollziehbar. Aber Gabriel müßte sich schon fragen lassen, ob er nicht auch im Mittelalter, das Denken, das damals – berechtigterweise – en vogue war, als Abbildung „seiner neuen Realität“ verstanden hätte.

Wenn nicht, warum tut er es dann heute?

 

Das  Argument, es gäbe doch offensichtlich einen Fortschritt vom Mittelalter zu uns, denn wir können die Viren unter dem Mikroskop sehen, sticht nicht, denn im Mittelalter hat man die dämonische Besessenheit bei geschultem Blick ebenfalls gesehen. Das gelingt uns heute nicht mehr – so wie im MIttelalter auch keiner Corona sah.

Und da hätten auch die tollsten Mikroskope nicht helfen können. Es gehört zum „Mythos des Gegebenen“ (Wilfrid Sellars), daß objektive Covid-Viren existieren würden, die von uns nur noch einen – und vielleicht sogar den „richtigen“ – Namen bekomen müßten; wie in der Schöpfungsgeschichte. Aber Namen sind völlig inhaltsleer; was ein Covid-Virus ist, läßt sich weder zeigen noch benennen, sondern folgt einzig und allein aus dem jeweiligen Weltbild – sofern es ihn enthält.

Wer Corona oder Tuberkolose für objekiv-real hält, soll uns bitte erklären, warum er dies bei der Besessenheit nicht tut.

1. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen jedoch zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nicht der Wahrheit entsprechen müssen, so daß wir allen Grund haben, bescheiden und offen zu sein sowie den Anderen, so wie er ist, zu akzeptieren.

 

Das bedeutet keineswegs, daß sämtliche Kritik entfällt; sehr wohl aber, daß wir verinnerlichen:

Meine Kritik ist nur meine Kritik; subjektiv und fehlbar; ebenso unsicher wie mein gesamtes Weltbild und meine angebliche Autonomie.

Warum denke ich so, wie ich denke?

Weshalb bin ich sogar überzeugt, so denken zu müssen?

Welche Scheuklappen versperren mir den Blick auf noch ganz andere Möglichkeiten?

Soll ich tatsächlich weiser sein als Karl Jaspers‘ „maßgebliche Menschen“ Sokrates, Buddha, Nagarjuna, Jesus oder Konfuzius, die total anders gedacht haben?

Woher resultiert überhaupt die Annahme, daß ich denken würde? Könnte es nicht sein, daß „es“ in mir oder durch mich – hindurch – denkt?

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel von der Tradition – bestehend aus Antike, Mittelalter und Moderne – zur Postmoderne bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg zur Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute hier zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den allermeisten von uns geht es zum Glück viel besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens.

Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung bzw. meinem Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle; es ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.

 

Das bezieht sich nicht nur auf ein „Jenseits“, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- und unterscheidend Christliche.

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“:

„Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das jedoch – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, seinen Inhalt oder Sinn.

Auf der einen Seite faßte Viktor E. Frankl – der „dritte Wiener Psychotherapeut“ – seine Lebenserfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt“. Aus seinem Munde hat eine solche Überzeugung Gewicht, denn Frankl überlebte Dachau sowie Auschwitz, wo sein Bruder, seine Frau und Eltern ermordet wurden.

Auf der anderen Seite können wir das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche und gelangweilte Millionäre sind nichts Besonderes.  

 

Ich bleibe also – mit der Tradition dabei –, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – zumeist entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

In unserem Buch geht es um beide, weil sich das Warum gar nicht vom Wie trennen läßt. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde (mit)bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen, entweder jeden Schritt als folgerichtig zu erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachzuvollziehen oder ihn – mit guten Gründen – abzulehnen. Ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter.

Um Ihnen das Lesen zu erleichtern, versuche ich, alle Gedankengänge so vollständig wie möglich darzustellen. Bei einem Geflecht von Überlegungen ergeben sich daraus zwangsläufig Überschneidungen, das heißt, redundante Wiederholungen. Die nehme ich bewußt inkauf, um Ihnen wenigstens das laufende Grübeln oder Blättern im Text zu ersparen. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken bzw. Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

„Herr Müller sagt aber . . .“

Na und? Frau Meier redet auch.

Winston Churchill meinte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl, und Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß (fast) nur eigene Anstrengungen zur Erfüllung führen oder glücklich machen können.

1.1. "Methode"

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“. In diesem Bemühen sah Georg Picht den Sinn des Philosophierens.

 

Ich glaube nicht an die eine objektive (Welt-)Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist.

Es gibt jedoch unsere subjektive Vernunft, die auf den eigenen Lebenserfahrungen basiert. Ein objektiverer oder „höherer“ Maßstab ist uns nicht zugänglich, denn wir sind Menschen, die stets an ihr singuläres Hier und Jetzt gebunden bleiben.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Ich wiederhole mich bewußt:

Über einen höheren Maßstab als unsere subjektive Vernunft verfügen wir tatsächlich nicht, so daß es mir auch nicht um eine aus uns selbst kommende Autonomie gehen kann. Wir stehen – nur optisch, aber – nicht wirklich auf eigenen Beinen; mit der gleichen Überzeugung wie oben setze ich Kants Zitat also fort:

Ignorare aude; habe ebenfalls den Mut, Deine Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Grenzen usw. anzuerkennen. Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht – und bist damit abhängig; Selbstbestimmung ist etwas anderes als Autonomie:

 

Wir bestimmen uns selbst in Freiheit zu dem, der wir dann sein werden; nur so ist ein – mit sich selbst – identisches Selbst möglich. Kein Gott kann das schaffen; das können wir nur selbst – aber nicht autonom, aus eigener Kraft oder uns selbst heraus, sondern allein, weil uns die Möglichkeit dazu geschenkt wird.

Wir können nur mit dem identisch sein, wozu wir uns selbst bestimmt haben; ein von Gott „geschaffenes Selbst“ wäre als fremd- und nicht selbstbestimmtes kein Selbst – sondern ein hinterwäldlerisches Urbild.

 

Beide Aussagen zusammengenommen bedeuten, daß uns als Subjekte eine Freiheit auszeichnet, die wir einem oder einer Anderen verdanken.

Viele „Atheisten“ lehnen dieses Andere mit Recht ab, weil sie eine Vorstellung davon haben, zu der ich ebenfalls nur „nein“ sagen könnte.

Manche „Rechtgläubige“ kennen das Andere angeblich sehr gut und können uns viel darüber erzählen; völlig unabhängig von den entsprechenden Inhalten glaube ich das ebenfalls nicht.

Wir bemühen uns dagegen um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der in dem Bemühen besteht, das Andere als Geheimnis deutlich werden oder aufleuchten zu lassen.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, daß wir „zur Freiheit verdammt“ seien; aber richtig bleibt hieran, daß auch das „Nicht-Entscheiden-Wollen“ – im Sinne davon, andere für uns denken, glauben oder wissen zu lassen – ein freies Entscheiden darstellt.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit stets als willkürlich oder beliebig.

Das bedeutet freilich nicht, daß ein derartiges Gedöns belanglos sei oder keine Konsequenzen hätte. Wäre dem so, könnten wir es generös auf sich beruhen lassen; aber alle politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, daß zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann

 

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Transzendenz“, „Dreifaltigkeit“, „Subjekt“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Geheimlehren als auch von Rätseln.

Erstere bilden Märchen für Erwachsene; versuchen wir ihnen auf die Spur zu kommen, verflüchtigen sie sich zumeist sehr schnell.

Geheimnisse sind dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender – eben geheimnisvoller –, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie – sowohl die Wissenschaften als auch die Rätsel – sind nur (von uns) konstruiert.

Geheimnisse gehören jedoch zur Wirklichkeit und sind keine bloßen Konstruktionen. Das Leben stellt für mich persönlich ein Geheimnis dar, und wir dürfen die – lediglich rätsellösende – Biologie nicht als Wissenschaft vom Leben betrachten.

Die Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offener sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

 

Nun haben wir lediglich gesagt, worin die Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, nicht bestehen; und worin bestehen sie?

Diese Frage sollte unser Exkurs bereits beantwortet haben; sein Ergebnis können wir folgendermaßen zusammenfassen:

1. Es gibt keine objektive Realität.

2. Sowohl im Alltag als auch im Glaubensleben, in den exakten Wissenschaften und der Theologie wird sie jedoch ständig vorausgesetzt.

3. Was wir „objektive Realität“ nennen, ist somit lediglich eine erfundene Hinterwelt.

4. Dieses Inexistente bzw. Hinterwäldlerische ist natürlich prinzipiell unkontrollierbar, so daß an seiner Stelle ausnahmslos alles willkürlich behauptet werden kann, was in sich widerspruchsfrei ist.

5. An einem derartigen x-beliebigen Blablabla wollen wir uns und darf sich ein Denken, das als solches ernstgenommen werden möchte, nicht beteiligen.

1.2. Igel und Fuchs

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert.

Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit 50 Jahren umtreibt. Provoziert wurde sie nicht zuletzt durch meine berufliche Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie, und das Buch stellt den Status quo meiner bisherigen Entfaltung dieser Idee dar, die hoffentlich noch keine letzte Formulierung erreicht hat.

 Ich wechsle mitunter zur ersten Person Singular, ohne im weiteren nochmals darauf hinzuweisen. Darin kommt keine Egomanie zum Ausdruck, sondern mein Bemühen, mich möglichst verständlich auszudrücken.

 

1. Vom Außerhalb meiner Psyche kann ich absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen Blablabla, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

Natürlich kann es unvorstellbar große Konsequenzen für unser Leben zur Folge haben, ob wir im Außerhalb des Bewußtseins entweder A oder non-A glauben. Aber nichtsdestotrotz läßt sich die entsprechende Annahme absolut nicht begründen. Wir leben dann eben anders; können auch einen Grund dafür nennen – wissen aber keinen.

 

AD: „Aber woher sollen wir dann überhaupt von A wissen?“

Wir besitzen alle irgendein subjektives Weltbild; Sie und ich zum Beispiel. Zwischen diesen Weltbildern bestehen sowohl viele Übereinstimmungen als auch möglicherweise große Differenzen. Das versteht sich von selbst, wie unsere Erfahrung lehrt, und ist auch völlig unproblematisch.

Der entscheidende Punkt besteht meines Erachtens darin, daß unsere Weltbilder nichts mit einer angeblichen objektiven Realität zu tun haben – können sie ja auch nicht, wenn es keine gibt, wie wir glauben –, sondern das Resultat unseres bisherigen Lebens darstellen. Wir haben gehört und gelesen, gesehen und nachgedacht oder wurden enttäuscht und überrascht; als Ergebnis all dieser Erfahrungen denken wir gegenwärtig so, wie wir gegenwärtig denken.

 

AD: „Und dafür existiert keinerlei Rechtfertigung?“

Aber sicher; sie besteht in meinem Leben; hätten Sie es gelebt, besäßen Sie auch mein Weltbild.

Was es nicht gibt, ist ein Beweis für seine Richtigkeit in traditionellen Sinne; eine „Rechtfertigung aus dem gegenwärtigen Stand heraus“ gewissermaßen. Hier stoßen wir vielleicht erstmals auf den Kerngedanken all unserer Überlegungen, daß die Tradition die Zeit nicht kennt oder zumindest nicht ernstnimmt; ihre „Zeit“ ist eine „zeitlose ZEIT“ (A. M. Klaus Müller). 

 

Zurück zu Ihrer Ausgangsfrage:

Wir wissen von A, sofern es zu unserem Weltbild gehört; in der Schule oder wo auch immer wurde uns vielleicht davon erzählt.

Traditionell stellt man sich nicht zuletzt Gott zumeist so vor; aber ein solcher „Gott“ ist – wie das gesamte Weltbild – nur eine menschliche Konstruktion und kann somit kein wirklicher Gott sein.

 

2. Ich habe also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich mein Leben auf das Außerhalb meiner Psyche auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in meine Psyche gelangt; erst wenn es sich bereits darin befindet, ist mir das Resultat zugänglich.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihrer Psyche,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechende Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem Blablabla entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige Blablaba von jedem falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, politische, esoterische oder sonstige Blablablas handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren „Wahrheit“ durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte – was möglicherweise zu einer Korrektur des Lebens führt –, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“.

 

AD: „Sie würden diesbezüglich also vorschlagen, nichts zu glauben, wofür keine Anzeichen innerhalb der eigenen Psyche sprechen?“ 

Ich würde Ihnen nur allzugerne zustimmen; aber leider ist die Wirklichkeit viel komplizierter, als Sie – Ihrer Frage entsprechend – zu vermuten scheinen:

Völlig unabhängig davon, ob sich das, was wir glauben nur innerhalb unserer Psyche befindet oder angeblich auch außerhalb von ihr lokalisiert sein soll, bestimmt es unsere Erlebungen mit.

Es gibt keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten – wie sich die moderne Wisenschaft das am Beginn ihrer Entwicklung erträumt hatte –, sondern all unsere Erlebungen sind abhängig vom eigenen Weltbild. Es werden sich also stets hinreichend viele Hinweise auch auf unsere abstrusesten Überzeugungen finden lassen, so daß wir immer sagen können:

„Siehst du; ich habe es doch schon immer gewußt!

Das ist endlich der unbezweifelbare Beweis dafür, daß meine ‚Verschwörungstheorie‘ doch keine Verschwörungstheorie, sondern eine hellsichtige Diagnose der Wirklichkeit war.“

 

Nochmals ganz deutlich:

Ich bestreite damit keineswegs, daß ein Außerhalb meiner Psyche existiert – das wäre wohl auch mehr als absurd –, sondern sage lediglich, daß es mir gegenwärtig absolut unzugänglich ist.

Vielleicht – oder besser: hoffentlich – gelingt mir in Zukunft ein kleiner Zugang zu diesem gegenwärtigen Außerhalb.

Durch die ihr fehlende Zeit kann die Tradition Derartiges gar nicht denken; eine eventuelle Transzendenz muß dann der Immanenz als das ganz Andere statisch-dualistisch gegenüberstehen. Die Zeit des Übergangs reduziert sich notgesrungen auf den „Jüngsten Tag“, an dem „Gott alles neu machen wird“.

1.3. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches; wir haben nur die Alternative zwischen einem stets ergebnisoffenen Selbst-Denken – sprich: Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon sagen kann, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, weiß nicht, was Denken bedeutet und ist Ideologe.

Mich interessiert absolut nicht, wer irgendwas, sondern höchstens, was irgendwer sagt. Würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial als die Einsteinsche.

Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner eigenen Wahrheit näher zu kommen. Die steht natürlich in keinem Buch; auch beim Schreiben versuche ich stets, mir dessen bewußt zu sein.

 

Hochkomplexe bzw. abstrakte Entitäten („Dinge“) – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erfahren; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, war es gelogen. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verkündigung, gesellschaftlichem Engagement und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist nicht rein, sondern gar nichts.

Auf der einen Seite darf keine einzelne Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also beispielsweise nicht mit dem Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten gleichgesetzt werden – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs-, Weihnachts- oder Emmausgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden. Das bedeutet insbesondere, daß er sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

Stellen aus „Heiligen“ Schriften sind dabei nicht besser gestellt als solche aus profanen, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht für den Glauben, aber – theologisch ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein passabler Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen, hermeneutischen und sprachlichen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda), in denen zum Beispiel steht: „Wenn Du den Buddha siehst, töte ihn.“

 

Theologisch sind die Aussagen des Lehramts für mich ebenfalls nur Meinungen, die man in einer Demokratie natürlich haben darf. Einen Mehrwert würden auch sie – wie sämtliche Meinungen – erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft oder Fruchtbarkeit, saubere Begründung, Zeitgemäßheit und ähnliches erhalten. Daß sich dies beim Lehramt anders verhalten soll, scheint mir nicht gerade aus dem Evangelium hervorzugehen; denken wir nur an den Streit zwischen Petrus und Paulus.

Wenn Johannes Paul II und einzelne seiner Nachfolger beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertraten bzw. vertreten, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereiten sie zwar ihrer kirchlichen Institution – wegen deren Selbstverständnisses – größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn der haben sämtliche bloßen Meinungen gleichgültig zu sein.

Sie müßten so begründet werden, daß ich es verstehe und guten Gewissens zustimmen kann. Eine „Begründung“, die mir nicht einleuchtet, ist für mich keine Begründung, denn im Verstanden-Werden und Nachvollziehen-Können besteht der Sinn aller Erklärungen oder Rechtfertigungen – nicht in einem bloßen Behaupten der Wahrheit. 

 

Die Ergebnisse, zu denen die Theologen gelangen, sollten ihnen helfen, ihren Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene Inhalte anzunehmen und zu leben resp. abzulehnen und zu ignorieren. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute theologisch relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, ge(g)eifert und „gefühlt“.

Nur wer selbst denkt, kann irren; das ist also eine Auszeichnung. Das Irren macht den Denkenden auch niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man nicht durch Denken, sondern allein durch das Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen.

 

Mit den nachfolgenden drei Zitaten von Hans-Joachim Höhn kann ich mich voll identifizieren:

„Wer Theologie studiert, muß lernen, daß Frömmigkeit nicht vor Leichtgläubigkeit schützt. Wer nur etwas bezeugt, ohne davon auch überzeugen zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Den Glauben zu festigen, vermag keine Theologie, der die Frömmigkeit ihres Anstrichs wichtiger ist als ihre wissenschaftliche Redlichkeit.“

„Wie man durch das Medizinstudium nicht gesünder wird, sondern am Ende weiß, was Gesundheit und Krankheit sind – wie man durch ein Jurastudium nicht  gerechter wird, sondern am Ende Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß, so wird man durch ein Theologiestudium nicht gottesfürchtiger, sondern lernt zu unterscheiden, wer oder was es in Wahrheit verdient, nicht ‚Gott‘ genannt zu werden, und auf wen man sich stattdessen im Leben und Sterben verlassen solte.“

„Die Theologie ist nicht dazu da, ihre Adressaten gläubiger zu machen. Sie hat vielmehr jenes Wissen über und vom christlichen Glauben zu vermitteln, das zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll macht. Sie hat zu zeigen, daß man nicht an Gott glauben kann, ohne dabei auf neue Weise ins Nachdenken zu kommen, und daß man beim Nachdenken über erste und letzte Fragen mit guten Gründen auf den Gedanken kommen kann, dabei an Gott zu denken.“ 

1.4. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach (wie Mathematik oder Ökonomie beispielsweise) ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. Bemerkungen der Form „wie man weiß . . .“, „es ist allgemein bekannt, daß . . .“ oder „. . . im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). (Sorry; die beiden heißen wirklich so . . .)

Ich versuche, das zu beherzigen, und schreibe das Buch für Nachdenkliche oder Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

Es hilft wohl niemanden, wenn ich aufzähle, welche Denker mir besonders viel gegeben haben, wenn Sie mit ihnen nichts anfangen können. Wesentlich aussagekräftiger dürften dagegen einige bekannte Namen sein, mit denen Sie vielleicht charakteristische Intentionen verbinden können.

Aufseiten der Subjekte und ihres Lebens verdanke ich Michel Henry, François Jullien, Emmanuel Levinas, Guido Rappe und Paul Ricœur sehr viele Gedanken, für deren Formulierung mir allein häufig sowohl die Einsicht als auch der Mut gefehlt hätten.

Bezüglich der Objekte greife ich aus dem gleichen Grund insbesondere auf Gotthard Günther, Jacques Lacan, Charles Sander Peirce und George Spencer-Brown zurück.

Im Zusammenspiel beider Seiten scheint es mir möglich, die traditionelle Subjekt-Objekt-Spaltung – zumindest – ein wenig abzufedern. Bei den entsprechenden Überlegungen haben mir Kurt Appel, Stanley Cavell, Martin Heidegger, Josef Mitterer, Georg Picht, Josef Simon und (der späte) Ludwig Wittgenstein vielleicht am meisten geholfen.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme. Auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen. Sie sollen diese freilich nicht einfach wiederholen, sich jedoch als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals auf dergleichen gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch, theologisch oder psychologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, jüdischen oder atheistischen Ansätzen teilweise sehr nahesteht. Bei letzteren habe ich freilich einen „anderen, das heißt, durchdachten Atheismus“ (Gregor Maria Hoff) vor mir, wie wir ihn möglicherweise von Albert Camus, Martin Heidegger, Bruno Latour, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk oder Martin Walser kennen.

Aber das wird natürlich erst deutlich, indem wir selbst denken, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

2. Philosophische Grund-Legung

Es gibt nach meiner festen Überzeugung keine Urbilder.

Diese Einsicht haben wir bisher stets damit begründet, daß die Urbilder dem Außerhalb unserer Psyche und somit einer inexistenten Hinterwelt angehören.

Denken wir konzentriert über diese Argumentation nach, befriedigt sie uns bald nicht mehr:

Es gibt keine Urbilder, weil sie sich in einer Sphäre befinden sollen, die gar nicht existiert.

Das heißt doch:

Befänden sie sich an einem anderen Ort, könnten die Urbilder natürlich wirklich sein; „ihre“ Inexistenz ist also gar nicht ihre Inexistenz, sondern diejenige ihrer traditionellen Sphäre.

 

Holen wir die Urbilder also aus ihr heraus! Dann sind es freilich keine Urbilder mehr; an ihre Stelle treten per definitionem die Objekte, und wir müssen nur noch sagen, warum sie nicht existieren.

Der scheint mit jedoch unproblematisch:

Objekte können wir nicht erfahren, erreichen oder kontaktieren – und damit gibt es sie gar nicht.

 

Ich halte diesen Satz für fundamental, und wir dürfen ihn auch kein bißchen abschwächen; etwa in dem üblichen Sinne:

„Natürlich können wir X nicht erfahren, erreichen oder kontaktieren – vielleicht wegen seiner Transzendenz –; aber daraus folgt doch keineswegs, daß es X gar nicht gibt.“

Doch!

Läßt sich „X“ nicht erfahren, erreichen oder kontaktieren, können wir gar nichts von X wissen, kann es in unserer Psyche überhaupt nicht vorkommen. Wieso denn X und nicht Y? Wieso Gott und kein Götze, Demiurg oder Teufel? 

 

AD: „Ich habe eine Idee, wie wir gemeinsam weiterkommen.

X ist ein Urbild; so sauber isoliert oder transzendent, wie Sie es darstellen wollten, und Entsprechendes gilt natürlich auch für uns als Urbilder. Deswegen können wir partout nichts von X wissen.

Soweit sind wir uns einig; aber jetzt brechen Sie den Gedankengang einfach ab, und das verstehe ich nicht. Warum soll es keine Wechselwirkung geben, die uns mit X verbindet? Das ist die normalste Sache der Welt – und löst Ihr Problem.“

Nein; das tut es nicht.

Die Wechselwirkung ist doch ebenfalls ein Urbild; sie verbindet uns also nicht mit X, sondern kommt als drittes Urbild hinzu. „Wechselwirkungen“ bringen keine Wechselwirkungen, sondern erhöhen die Zahl der separierten Urbilder.

 

Wir haben im weiteren also nicht nur keine Sonne – in der Hinterwelt –, sondern auch keine Sonne – in unserer Psyche.

AD: „Jetzt übertreiben Sie aber! Oben sollte deutlich werden, daß die zwei SONNEN der Tradition unsinnig sind; das war für mich ganz gut nachvollziehbar, aber die eine Sonnen-Wahrnehmung müssen Sie uns schon lassen; dort ist sie.“

Das tue ich auch; neu, jedoch einfach nur konsequent ist lediglich der weiterführende Gedanke, daß diese unbestreitbare Sonnen-Wahrnehmung weder eine Sonne ist noch eine solche benötigt; das ist eine sonnenlose Sonnen-Wahrnehmung.

Das ist kein Widersinn, sondern eine integrale Einheit; wir haben sie als einpolige und nicht – im Sinne von Ich-sehe (1) . . . die Sonne (2) – als zweipolige zu verstehen. Für die Sonnen-Wahrnehmung könnten wir also integrativ Ich-sehe-die-Sonne schreiben, wobei es weder eines Ichs noch der Sonne bedarf, sondern beide in der ebenso sonnen- wie ichlosen Sonnen-Wahrnehmung aufgehen

 

Das irritiert Sie gewiß, weil es total ungewohnt ist; aber der darin zum Ausdruck kommende Gedanke scheint mir sehr zwingend zu sein, nachdem wir ihn einmal greifen – be-greifen – konnten:

Natürlich existierten unsere Sonnen-Wahrnehmungen; aber sie kommen doch gar nicht vor, wenn von der Sonne allein die Rede ist.

Die Sonne an sich, die objektive, nackte oder pure Sonne ist von allen anderen Entitäten ab-gelöst – ab-solut – und damit transzendent. Das bedeutet, daß von ihr Wirkungen weder ausgehen noch aufgenommen werden; eine solche Sonne ist nicht nur prinzipiell unwahrnehmbar, sondern inexistent.

AD: „Gehört der Sonnenschein zu ihr oder nicht?“

Diese Frage ist hinterwäldlerisch, denn sie bezieht sich auf die Eigenschaften einer Sonne, die gar nicht existiert.

 

Da ist eine Schwarze-Loch-Wahrnehmung harmlos dagegen; dort verschwindet immerhin noch etwas. Was soll die Aussage, „es geht nichts hin zu X und kommt nichts her von ihm – aber X gibt es trotzdem“ bedeuten? Nichts! Dieses X ist nicht unbekannt, sondern inexistent.

Was unterscheidet eine solche Sonne von dem entsprechenden Mond? Wir können keine einzige Differenz angeben, da uns beide unbekannt sind; was soll dann die Behauptung, die beiden würden sich unterscheiden?

Nun wird vielleicht allmählich verständlich, wieso ich sagen konnte, daß es keine – solche – Sonnen gibt.

 

Natürlich gibt es die Sonnen-Wahrnehmungen als Meine-Wechselwirkung-mit-der-Sonne; aber sie setzt sich weder aus drei Komponenten zusammen – Ich, Sonne sowie Wechselwirkung – noch aus zweien – Ich und Sonne –, sondern ist einpolig oder eingliedrig.   

AD: „Das muß ich erst einmal verkraften!

Sie haben uns im Exkurs nur die halbe Wahrheit aufgetischt:

Wir benötigten dort keine Urbilder, um die Bilder zu erklären, und deswegen sind letztere auch keine Abbilder. Wie Sie das (angeblich) anders hinbekommen, stand noch nicht zur Diskussion; aber daß die Bilder existieren, haben wir geglaubt – und so war es wohl auch von Ihnen angedacht.

Das stellt sich jetzt freilich als Irrtum heraus; nun nehmen Sie uns auch noch die Bilder X weg und ersetzen Sie durch die Einheit Ich-Wahrnehme-X, denn auch pure Bilder – solche ohne jegliches Umfeld also – sind Urbilder.   

Aus zwei SONNEN wurde eine Sonne, die nun auch noch erlischt.“

 

Ich halte diese Einsicht, wie schon gesagt, für zwingend – aber nicht für sonderlich neu. Die Systemtheorie beispielsweise geht seit Jahrzehnten davon aus, daß es kein System ohne Umfeld oder -welt gibt.

Und warum soll das erst bei einem hinreichend großen Komplexitätsgrad gelten?

Für uns stellt jede auch noch so einfache Entität ein System dar; nehmen wir ihm also sein Umfeld, wird es zum Urbild und ist weg.

2.1. Nichtiges – Unwirkliches oder Inexistentes

Unser letzter Satz klang vielleicht banal, hat es aber in sich:

Nehmen wir einem System sein Umfeld, wird es zum Urbild und ist weg.

Die Umkehrung scheint zu lauten:

Geben wir einem System ein Umfeld, so ist es kein Urbild mehr und existiert.

Aber das ist nicht zwingend, denn so wie Systeme beliebig klein, können Urbilder beliebig groß sein, so daß die Umkehrung auch die folgende Form annehmen könnte:

Geben wir einem System ein Umfeld, so wird das System zwar größer, bleibt aber ein Urbild und ist weg.

Was stimmt nun?

 

Eine Teilantwort ist bereits möglich:

Es muß offensichtlich zwei grundverschiedene Arten von Umfeldern geben.

Zum einen haben wir die Umfelder(S), die selbst Systeme sind und damit das Ausgangssystem nur vergrößern, aber nicht aus seinem Nicht-Sein herausführen.

Zum anderen muß es Umfelder(E) geben, deren Berücksichtigung bzw. Hinzufügung dem Ausgangssystem Existenz oder Wirklichkeit verleihen.  

Mit dieser Unterscheidung läßt sich zumindest der Widerspruch von soeben beseitigen:

Geben wir einem System ein Umfeld(E), so ist es kein Urbild mehr und existiert.

Geben wir einem System ein Umfeld(S), so wird das System zwar größer, bleibt aber ein Urbild und ist weg.

 

Wir wissen nicht, was ein Umfeld(E) ist; bei uns ist bisher immer nur vom Negativen die Rede; von dem, was es nicht gibt oder unwirklich ist.

AD: „Komisch; warum haben wir es nahezu ununterbrochen mit Urbildern zu tun, obwohl sie inexistent sind?“

Natürlich auch wegen unserer Sprachstruktur, die uns Sub- und Objekte nahezu aufzwingt; aber es gibt meines Erachtens noch einen zweiten, ebenfalls sehr wichtigen Grund.

 

Vorstellungen oder Erfahrungen sind stets Vorstellungen bzw. Erfahrungen von etwas; dieses Wovon bildet den jeweiligen Inhalt und wird auch „Referent“ genannt.

Wir können unmöglich erfahren was es gar nicht gibt, weil Erfahrungen als solche, das heißt, vollkommen unabhängig von ihrem Inhalt oder Referenten wirklich sind. „Ich habe einen Yeti gesehen, aber Yetis existieren nicht“ ist ausgeschlossen.

Dagegen sind die Vorstellungen als solche, das heißt, vollkommen unabhängig von ihrem Inhalt oder Referenten unwirklich, so daß wir uns nahezu alles vorstellen können. Manches Widersprüchliche mag ausscheiden, aber ob der Vorstellungs-Inhalt existiert oder nicht, spielt keinerlei Rolle.

Das wäre gegenwärtig meine Antwort auf Ihre Frage:

Es ist entsetzlich – und verführerisch – einfach, sich Urbilder und damit Nichtiges vorzustellen.

 

Die Gesamtheit unserer Vorstellungen bildet unser Weltbild.

Entgegen der Tradition und dem Wortlaut ist das kein Bild (von) der Welt, denn möglicherweise existiert gar nichts davon; alle Referenten könnten in Urbildern bestehen. 

Mit der Tradition ist uns das Weltbild niemals auch nur annähernd gegeben, sondern wird in den Vorstellungen stückchenweise präsent(iert). Anschaulich könnten wir an einen Scheinwerferkegel denken, der über das im Dunklen liegende Weltbild gleitet und dabei jeweils verschiedene der zugehörigen Vorstellungen anstrahlt.  

Zu letzteren können wir absolut nichts sagen; jeder ist seines Weltbilds Schmied, das heißt, er kann sich vorstellen und in seinem Weltbild integrieren, was immer er möchte. Die Geschichte der verschiedenen Kulturen zeigt, daß davon in der Tat auch reger Gebrauch gemacht wurde und noch wird.

 

Aber Sie sollten Ihren Blick jetzt nicht primär auf die – letztlich uninteressanten – Geheimlehren, Verschwörungstheorien oder exotischen Religionen und Weltanschauungen richten, denn es gibt viel wichtigere, weil einflußreichere Nichtigkeiten. 

Auch sämtliche Wissenschaften können den Bezug zur – uns noch unbekannten – Wirklichkeit verlieren und allein von Urbildern handeln. Dann entstehen vielleicht gewaltige Gedankengebäude, Theorien oder Paradigmen voller Genialität und mathematischer Eleganz mit umwerfenden Konsequenzen – für das Nichts.  

Aber auch für die Hochreligionen lauert hier eine unglaubliche Gefahr und Versuchung. Es werden immer neue Geschichten erfunden, die die bereits vorhandenen ergänzen und stabilisieren oder rechtfertigen sollen. So kann auch hier ein Gedankengebäude entstehen, das sich nur selbst bestätigt und keinerlei Wirklichkeitsbezug mehr besitzt, der das Ganze über dem Nichts hält oder trägt.

Damit wird verständlich, daß die „Rechtgläubigen“ stets betonen, man dürfe sich der wahren Religion nicht eklektisch bedienen und das Gewünschte herauspicken, sondern müsse sie als Ganzes übernehmen. „Nur wer alles glaubt, glaubt überhaupt“; natürlich, nur das Ganze ist rund genug, um unabgreifbar zu sein.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; es dürfte doch bereits deutlich geworden sein, daß ich ebensowenig gegen Relgionen wie gegen Wissenschaften bin.

Vielmehr soll nur deutlich werden, daß bei ausnahmslos all unseren geistigen Produktionen die Gefahr einer sich von selbst entwickelnden Eigendynamik besteht, die faszinieren und dadurch zur bedingungslosen Mitarbeit animieren kann, aber zu Ergebnissen führt, die absolut nichts mehr mit der Wirklichkeit unseres Lebens zu tun haben. 

2.2. Wichtiges – Wirkliches oder Existentes

Wenden wir uns also endlich dem Positiven zu, so stellen sich zwei Fragen, die bisher – weil wir mit dem traditionellen Denken begonnen haben – noch gar keine Rolle spielten:

1. Was bedeuten Existieren oder Wirklich-Sein überhaupt?

2. Welche Entitäten sind es, denen wir Existenz bzw. Wirklichkeit zusprechen?

 

Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, muß auch das „Was stimmt nun?“ aus dem letzten Kapitel offenbleiben. Wir wissen doch absolut nicht, wann eine Entität kein Urbild und damit auch nicht weg ist, sondern existiert oder Wirklichkeit besitzt. Worin besteht bzw. was ist das Umfeld(E), das wir ihm hinzufügen müssen, um dieses Urbild ins Sein zu bringen?

 

Eine Theorie oder Religion, ein Paradigma oder ganzes Weltbild existiert möglicherweise nur als Vorstellung, deren Referent in einem gewaltigen Urbild besteht, in einem System ohne Umfeld(E). Dann haben wir eventuell eine geniale geistige Leistung vor uns, die alle mit offenem Mund bewundern, – aber es ist trotzdem ein Luftschloß, solange ihm die Anbindung an die Wirklichkeit fehlt.

2.2.1. Traditioneller Ansatz: Wirklichkeit der Welt

Für die Tradition besteht die Wirklichkeit in der Wirklichkeit der Welt.

Schauen wir uns zunächst an, weshalb ich „Welt“ schreibe und nicht „objektive Realität“, wie Sie vielleicht erwartet hätten.

 

Um die Urbilder sauber einführen zu können, sind wir zunächst von der objektiven Realität ausgegangen, die nur aus ihnen besteht. Aber die traditionell Denkendenden werden kaum bei ihr stehenbleiben und ernsthaft glauben, die objektive Realität sei die gesamte Wirklichkeit. Auch für sie gibt es natürlich zahllose Entitäten, die wir mit Sicherheit nicht abbilden, das heißt, hinter denen gewiß keine Urbilder stehen.

Die Geschichten von Jorge Luis Borges oder Jenseitsvorstellungen der Azteken, Freuden oder Leiden, Künste oder Sprachen usw. lassen sich schwerlich als Abbilder interpretieren.

Das wichtigste Beispiel für dieses Mehr-als-objektive-Realität besteht meines Erachtens in den „subjektiven Tatsachen“, von denen Hermann Schmitz beansprucht, sie  entdeckt zu haben:

 

Daß Johannes Soukup heute traurig war, mögen traditionell Denkende mit viel Phantasie und Aufwand möglicherweise als adäquates Abbild eines objektiven Urbilds verstehen; wir können das gerne ungeklärt auf sich beruhen lassen.

Aber daß ich heute traurig war, stellt eine subjektive Tatsache dar, bei der dies mit Sicherheit unmöglich ist , weil ich das Subjekt Johannes Soukup bin und nicht das Objekt bzw. der Mensch mit dem Namen „Johannes Soukup“.  

 

Die traditionell Denkenden müssen also über die objektive Realität hinausgehen und diese – unter anderen um die subjektiven Tatschen – zu ihrer Welt ergänzen. Letztere steht für „alles“ und enthält somit zwar als allen gemeinsame Partialwelt die objektive Realität, aber auch einen subjektiven Überschuß.

Selbst traditionell gehört folglich zu jedem Subjekt seine eigene subjektive Welt.

 

Zurück zum Roten Faden:

Für traditionell Denkende besteht die Wirklichkeit in der Wirklichkeit ihrer subjektiven Welt.

Den meisten von ihnen ist diese keiner Frage wert; sie sehen hier gar kein Problem oder lösen es relativ gedankenlos, indem die Wirklichkeit „selbstverständlich“ als Vorhandenheit verstanden wird. Es gibt eben Sonne, Mond und . . .

 

Kant konnte die Frage nach der Wirklichkeit der Welt ebenfalls nicht beantworten, uns jedoch erklären, warum nicht:

Es gibt keine Antwort, weil „Wirklichkeit kein Prädikat ist“; nicht die Eigenschaft einer Entität, sondern das Unwißbare, das diese Entität überhaupt erst sein läßt.

 

Versuchen wir, Kants Begründung ein wenig zu verstehen.

Krokodile und Drachen haben einen Schwanz; das gehört natürlich zu ihren Eigenschaften.

Krokodile gibt es, Drachen nicht; auch dies versteht die Tradition – für uns wahrscheinlich völlig überraschend – als Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen.

Beide besitzen somit traditionell (unter anderem diese) zwei Eigenschaften; Krokodile – Schwanz und Vorhandenheit – sowie Drachen – Schwanz und Nicht-Vorhandenheit.

Spätestens hier wird überdeutlich, daß  Vorhandenheit keine Eigenschaft sein kann, denn sie hat mit den Tieren nichts zu ttun.

 

Was verbindet die Tatsache, daß Löwen vorhanden sind, mit den Löwen?

Nichts, denn ansonsten könnten wir gar nicht feststellen, daß gerade Löwen existieren; es wäre absurd, sie an ihrer Vorhandenheit als Löwen erkennen zu wollen.

Kants Beispiel in diesem Zusammenhang besteht in der Frage, ob 100 Taler, die ich nicht besitze, etwas anderes sind als 100 Taler, die ich habe?

Wenn wir von den Talern reden – und nicht von mir –, besteht tatsächlich kein Unterschied.

 

Hiermit entfällt auch eine – zwar sehr naive, aber dennoch (oder gerade deswegen?) – weit verbreitete Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Wirklichkeit eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser „vollkommene“ Gott, der nicht existiert; letzterer kann somit auch nicht vollkommen sein. Definieren wir Gott jedoch „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“ (Anselm), muß die Existenz also zu ihm gehören, so daß es Gott mit Sicherheit gibt.

 

AD: „Das wirkt sehr spitzfindig und wie an den Haaren herbeigezogen; ich kann mir kaum vorstellen, daß ein solcher Gottesbeweis heute noch jemanden anspricht. Aber abgesehen davon bin ich mir doch recht sicher, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellt.

Träume ich von Wasser oder stelle es mir vor, dann ist das Wasser unwirklich; sonst könnten Menschen in der Wüste nicht verdursten; Vorstellen geht ja wohl immer. Wirkliches Wasser ist dagegen solches, das man tatsächlich trinken kann.“

 

Nein; das ist falsch; es gibt kein wirkliches und unwirkliches Wasser, sondern nur Wasser.

Beim Trinken handelt es sich nicht um wirkliches Wasser, sondern wirklich um Wasser.

Im Traum handelt es sich nicht um unwirkliches Wasser, sondern nicht wirklich um Wasser.

AD: „Jetzt werden Sie auch noch so spitzfindig wie Ihr Anselm; ‚es gibt wirklich Wasser, aber kein wirkliches Wasser‘; ich sehe dazwischen, ehrlich gesagt, keinen Unterschied!“

Das ändert sich wahrscheinlich sehr schnell, wenn wir das Wasser durch Arsen ersetzen:

Ich verstehe nicht, was wirkliches bzw. unwirkliches Arsen sein soll; Arsen ist Arsen. Aber ich sehe einen großen Unterschied dazwischen, ob Ihnen jemand wirklich Arsen in das Bier gekippt oder ob er es nicht wirklich getan hat.

 

Fassen wir wieder für uns alle zusammen:

Die Tradition versteht die Wirklichkeit als eine solche der Welt, ohne jedoch sagen zu können, worin sie besteht; Kant rechtfertigt diesen Fehl, die meisten bemerken ihn nicht einmal.

 

AD: „Ich schneide mich jetzt zwar ins eigene Fleisch, aber . . .

. . . müßten wir nicht erweitern, die traditionelle Wirklichkeit sei eine der Welt und Gottes?“

Sehr tapfer; das ist Ihnen bestimmt nicht leicht gefallen!

Es gab sehr viele Philosophen, Theologen oder einfach weise Menschen, für deren Denken Ihre Unterscheidung zwingend erforderlich wäre. Aber ich versuche, Leser zu erreichen, die sich bisher kaum mit derartigen Fragen beschäftigt haben und deswegen so denken, wie nahezu alle Traditionalisten.

Das sieht im allgemeinen folgendermaßen aus:

Gläubige legen möglicherweise großen Wert auf die Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz oder Diesseits und Jenseits. Das sind aber zumeist nur (leere) Worte, denn die zugehörigen Denkformen stimmen nahezu 100%-ig überein; insbesondere erstreckt sich die objektive Realität über beide Bereiche, das heißt, überall gibt es Urbilder, und der Schöpfer ist ebenso vorhanden wie seine Schöpfung.

 

Wenn es sich aber so verhält – und das tut es weitestgehend –, können wir unseren Welt-Begriff integral verstehen und darin beide Seiten zusammenfassen; Welt ist Dieseits plus Jenseits.

Natürlich muß das unsinnig sein, aber es ist nicht mein Fehler, sondern ich gebe nur grob wieder, wie die Tradition im allgemeinen vorgeht.

 

Daß eine solche an Holzschnitte oder Kettensägekunst erinnernde Darstellungsweise sinnvoll sein kann, versucht Heinzpeter Hempelmann ganz in meinem Sinne, aber in einem anderen Zusammenhang zu erklären:

„Ich rechne damit, daß dieser Text auf ebenso energischen, teilweise empörten Widerspruch stoßen wird wie auf dankbare Zustimmung. Möglicher Hauptangriffspunkt ist die notwendige flächige, weit ausgreifende und nicht um tausend Differenzierungen bemühte Darstellung, die auch als gewalttätig, unfair und ungerecht empfunden werden kann.

Der moderne Diskurs ist gekennzeichnet durch das Bemühen um Differenzierungen. So notwendig diese an ihrem Ort sind, so sehr kann der Diskurs eine im Endeffekt lähmende Wirkung entfalten. Schlicht formuliert: Man sieht  vor lauter Bäumen, Ästen und Zweigen den Wald nicht mehr.

Es fehlt das Gesamtbild, das letztlich handlungsleitend und zielgebend sein muß.

Das Resultat ist ein Wucht-, aber kein Wut-Text; apodiktisch im Ton, ohne Ausreden und Schminke, sicherlich korrektur- und ergänzungsbedüftig, mindestens aber ein Versuch, verschiedene Gründe zu benennen, warum . . .“

. . . wir uns vom traditionellen Denken verabschieden sollten.

2.2.2. Postmoderner Ansatz: Wirklichkeit des Lebens

Es geht nicht um die Welt, schon gar nicht um eine angebliche objektive Realität, sondern einzig und allein um uns oder die Fülle des Lebens.

Worin die Wirklichkeit des Lebens besteht, wissen wir natürlich (noch) nicht; das ist aber auch keineswegs nötig, wie nun deutlich werden soll.

 

Auf der einen Seite stehen unsere rein geistigen Leistungen; Theorien, Paradigmen, Weltbilder, Religionen, Gedankenmodelle usw. Wir stellen sie uns stückchenweise vor; die Referenten dieser Vorstellungen können, müssen aber nicht in Urbildern oder Systemen ohne Umfeld(E) bestehen. 

Tun sie das ausschließlich, erweisen sich selbst unsere größten intellektuellen Leistungen als null und nichtig. Sie sind unwirklich, handeln von nichts und besitzen insbesondere keinerlei Bezug zu uns und unserem Leben.

„Großartig – aber leider sinnlos und inhaltsleer.“

 

Auf der anderen Seite stehen wir Subjekte mit unserem Leben.

Hiervon verstehen wir noch gar nichts, aber vorerst genügt ja auch das Bindeglied zwischen beiden Seiten:

Wie können wir die für sich allein unwirklichen Vorstellungen mit unserem Leben verquicken?

Worin besteht das Bindeglied, das heißt, das Umfeld(E), das wir einem Urbild – als Referenten – hinzufügen müssen, damit es wirklich wird?   

 

Sowohl Vorstellungen als auch Erfahrungen, hatten wir oben ausgeführt, besitzen Referenten. Ich weiß nicht, ob das ganz richtig formuliert war; wenn „ja“, ergänzen wir einfach:

Sie haben ihre Referenten jedoch jeweils auf unterschiedliche Weise:

Vorstellungen von einem Referenten sind der Referent; sie fallen mit „ihrem“ Inhalt oder Wovon zusammen. Da Vorstellungen unwirklich sind, muß dies also auch für jeden Referenten gelten.

Das ist bei den Erfahrungen anders; sie setzen sich „additiv“ aus unserem verbalen Erfahren und dem Referenten zusammen. 

 

Damit stellen die Erfahrungen das Bindeglied zwischen den beiden – ohne sie völlig voneinander getrennten – Seiten des Geistes bzw. Lebens dar.

Tritt ein Urbild innerhalb einer Vorstellung auf, fällt es mit dieser zusammen, und der Geist bleibt in sich verschlossen.

Wird es dagegen zum Referenten einer Erfahrung, wirkt das gleiche Urbild als verbales Erfahren in unser Leben hinein

Das Umfeld(E), das wir einem Urbild hinzufügen müssen, um es zu verwirklichen, besteht also im verbalen Erfahren.

 

Die Erfahrungen sind immer Erfahrungen von Urbildern.

(1) Ohne den Geist gibt es also keine Erfahrungen.

(2) Aber ohne das Leben auch nicht, weil es die Voraussetzung unseres Erfahrens darstellt.

Diese Bedingung läßt sich jedoch sehr leicht falsch im Sinne von zu simpel verstehen:

Daß wir ohne zu leben auch keine einzige Theorie wissen können, versteht sich von selbst; aber (2) meint mehr: 

Wir leben und können dadurch Theorien wissen, aber ein Erfahren gibt es trotzdem nicht, weil diese Theorien nichts mit unserem Leben zu tun haben.