Gliederung

0.IntentionExkurs für die Motivation: Naiver Realismus0.1.Welt und Kosmos0.1.1.Wissungen – jenseits von wahr und falsch0.1.2.Das moderne Weltbild als Mythos0.2.Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel0.2.1.Es gibt kein Abbilden0.2.2.Sinn durch neue Wëge0.2.3."Unphilosophisch einfache" Hilfestellung0.2.4.Radikaler Konstruktivismus0.3.Die objektive Realität als Hinterwelt0.3.1.Wissenschaft und Hinterwelt0.3.2.Wahrheit und Überzeugung0.4.Die Frage nach der Wirklichkeit0.5.Markus Gabriel als Naiver Realist1.Einführung1.1."Methode"1.2.Igel und Fuchs1.3.Religiöser Hintergrund1.4.Philosophischer Hintergrund1.5.Zur Situation der römisch-katholischen Kirche1.6.Postmoderne1.6.1.Vom Urbild zum Geviert2.Philosophische Grund-Legung2.1.Erlebungen2.2.Drei Formen von Subjektivität2.2.1.Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis2.3.Einheit von Subjekt und (Er-)Leben2.3.1.Je-der Selbe oder ich als der Einzige2.4.Getrennt – Unterschieden – Ununterschieden2.4.1.Das Gewußte oder Getrennte2.4.1.1."Wissen from now on" vom "Wissen so far"2.4.1.2.Das Früher als Hinterwelt2.4.1.3.Das Weltbild als Lagerraum2.4.1.4.Entscheiden ohne Trennung2.4.2.Das Bewußte oder (Un-)Unterschiedene2.5.Das Subjekt erlebt Erlebungen2.5.1.Inhalte auf den Begriff bringen2.5.2.Von der objektiven Realität zum subjektiven Leben2.5.3.Leben und Handeln oder Be- und Gewußtes2.5.4.Wissungen als Einheit von Begriff und Bezeichnung2.5.5.Philosophie der Geschichten2.6.Welt und Weltbild2.6.1.Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben2.6.2.Unbe- und Ungewußtes2.6.3.Intendieren – Denken und Handeln2.7.Subjekte und Individuen2.7.1.Ethik der Anerkennung2.7.2.Subjekte als Absender meiner Subjektivierungen2.7.3.Innen und Außen2.7.5.Der Gott der Philosophen2.10.Leben und Zeit2.11.Tradition ohne Abbilden2.12.Zusammenfassung

0. Intention

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.

Ich wollte damit keineswegs sagen, der Glaube an den Kausalnexus sei ein Aberglaube unter mehreren, sondern es ging mir darum, daß jeder Aberglaube eben nichts anderes ist als der Glaube an den Kausalnexus.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Sollten die Gesetze des (bisherigen) Denkens niederbrechen, dann wird es die tiefste Wandlung im intellektuellen Leben des Menschen geben, verglichen mit welcher die Kopernikanische und die Einstein’sche Revolution nur Scheinschlachten sind.“

Oliver Leslie Reiser

 

„Das Gegenteil von Liebe ist nich Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Die Welt ist ein erstaunlicher Ort, und der Gedanke, daß wir über die wichtigsten Werkzeuge verfügen, die nötig sind, um sie zu verstehen, ist heute nicht glaubwürdiger als zu Aristoteles‘ Zeiten.“

Thomas Nagel

 

„Es ist eine furchteinflößende, eine ehrfürchtige Wahrheit, daß die Anerkennung der Andersheit der anderen, unserer unausweichlichen Trennung, die Bedingung menschlichen Glücks darstellt. Gleichgültigkeit ist die Verleugnung dieser Bedingung.“

Stanley Cavell

 

„Keiner kann sagen, was er meint, obwohl jeder nur das sagt, was er meint.“

Bruno Liebrucks

 

„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!

Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.

Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“

Erich Mühsam

 

„Der Perspektivismus bildet keine Relativität des Wahren, sondern ganz im Gegenteil die Wahrheit des Relativen.“

Gilles Deleuze und Felix Guattari

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Ein anderes Subjekt muß ein anderes Subjekt sein – sonst bin ich es selbst.“

Johannes Soukup

 

„Die Geschichte ist nämlich nicht, wie es die herrschende Ideologie gern sieht, die Hingabe des Menschen an die lineare, kontinuierliche Zeit, sondern die Befreiung des Menschen von ihr.“

Giorgio Agamben

 

„Der Weg entsteht im Gehen.“

Antonio Machado

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Entgegensetzung der fest gewordenen Subjektivität und Objektivität ist aufzuheben und das Gewordensein der intellektuellen und reellen Welt als ein Werden, ihr Sein als Produkt, als ein Produzieren zu begreifen. . . Alle Unterscheidungen werden dabei ver-rückt; diese Tätigkeit ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, das Fixe zu verflüssigen. . . Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Dasein.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

 

„Laßt Ideen sterben statt Menschen.“

Karl Popper

 

„Glaube, der nicht Erkenntnis ist, aus Erkenntnis kommt und auf Erkenntnis beruht, ist ohne Kontakt zur Wirklichkeit. Glaube ohne Kontakt zur Wirklichkeit ändert an der Wirklichkeit des Glaubenden nichts. Er ist ohne soteriologische Kraft.“

Johannes Fischer

 

„Jeder tue das Seine, der Leser aber das Meiste.“

Sören Kierkegaard

 

„Welchen Sinn hätte unser ganzes Sein, wenn nicht den, daß in uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem zum Bewußtsein gekommen wäre?.. An diesem Sich-bewußt-werden des Willens zur Wahrheit geht von nun an – daran ist kein Zweifel – die Moral zugrunde: jenes große Schauspiel in hundert Akten, das den nächsten zwei Jahrhunderten Europas aufgespart bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch hoffnungsreichste aller Schauspiele.“

Friedrich Nietzsche

 

„Physikalische Objekte sind gelegen kommende Vermittler – nicht durch Definition aufgrund von Erfahrung, sondern einfach als nicht reduzierbare Setzungen, epistemologisch den Göttern Homers vergleichbar. . . . Der Mythos der physikalischen Objekte ist den meisten anderen Mythen darin überlegen, daß er sich als wirksamer erweist, dem Fluß der Erfahrungen eine handliche Struktur aufzuprägen.“ 

Willard Van Orman Quine

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig . . . von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„Die Sprache ‚vermittelt‘, wenn man so sagen will, zunächst nur in dem Sinne zwischen dem Menschen und seiner Welt, daß sie diese seine Welt überhaupt erst als eine solche für ihn entstehen läßt. In diesem Sinne ist die ‚Welt‘ immer schon sprachlich vermittelte Welt.“

Theodor Bodammer

 

„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren.

Es heißt so leben, wie es unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“

Emmanuel Célestin Suhard

 

„Wie könnte man annehmen, daß die göttliche Person durch die eine Menschennatur so in Anspruch genommen wäre, daß sie keine andere mehr in sich hineinlassen könnte? Das ist unmöglich, denn das Ungeschaffene kann vom Geschaffenen nicht umgriffen werden.“

Thomas von Aquin

 

„Der Auferstehungsglaube ist nicht die ‚Lösung‘ des Todesproblems.“

Dietrich Bonhoeffer

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Ohne Mythus aber geht jede Kulur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. . . Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld.“

Friedrich Dürrenmatt

 

„Die großartigste Lehre in beiden Religionen, der jüdischen wie der christlichen, ist – ich berufe mich hier auf ein Wort Schopenhauers – die Lehre von der Erbsünde. Sie hat die bisherige Geschichte bestimmt und bestimmt heute für den Denkenden die Welt. Möglich ist sie nur unter der Voraussetzung, daß Gott den Menschen mit einem freien Willen geschaffen hat.“

Max Horkheimer

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Man muß die Erklärung geben, die akzeptiert wird. Darauf kommt es beim Erklären an.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Die Götter anderer Menschen zu verachten, bedeutet, diese Menschen selbst zu verachten, denn sie und ihre Götter gehören zusammen.“

Sarvepalli Radhakrishnan

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“ . . . und . . . „Denken ist Danken“.

Martin Heidegger

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.

Upton Sinclair

 

„Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.

Was  ist das Besondere? Millionen Fälle,“

Johann Wolfgang von Goethe

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen.

Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

 

„Wir ertrinken in Informationen, aber uns dürstet nach Wissen.“

Paul Nurse

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht, was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.“

Johannes Soukup

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

„Du und ich, wir sind nicht zwei.“

Emmanuel Levinas

 

„Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind, – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat.

Es ist also kein Lehrbuch.

Sein Zweck wäre erreicht, wenn es einem, der es mit Verständnis liest, Vergnügen bereitete.“

Ludwig Wittgenstein.

 

 

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heils- oder Geheimlehre noch um das wahre Weltbild, sondern „nur“ um die Einstellung, die meines Erachtens erforderlich ist, wenn wir in dem – erst an seinem Anfang stehenden – Pluralismus der Postmoderne friedlich oder menschlich zusammenleben sowie einander verstehen wollen.

Dafür ist es notwendig, andere und bisweilen völlig fremde Lebenswege, Weltbilder oder Religionen nicht nur mehr oder weniger desinteressiert zu akzeptieren – was fälschlicherweise häufig „Toleranz“ genannt wird, aber lediglich unsere Gleichgültigkeit widerspiegelt –, sondern sie im Herzen als die ehrliche Überzeugung anderer Menschen zu respektieren; selbst oder gerade, wenn es wehtut.

 

Der Gedanke, ihre Ansichten könnten gleichwertig neben den meinigen stehen, ist jedoch ernstlich nur möglich, wenn wir zum einen jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren eigenen Überzeugungen ablösen:

„Ich kann das aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nur auf diese Weise sehen – aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso. Helft mir bitte, neue Erfahrungen sammeln oder bisherige Denkfehler korrigieren zu können. Ich bin dankbar, wenn Ihr mir aufzeigt, daß und weshalb ich möglicherweise falsch liege.“

 

Die Begründung für eventuelle Fehler ist mir allerdings sehr wichtig; sämtliche Behauptungen oder Verweise – „jeder kennt doch . . .“, „Herr Müller sagt . . .“ oder „Gott hat geoffenbart . . .“ – sind sinnlos; was für ein Unsinn wurde nicht schon ganz fest geglaubt und wird dies leider heute noch.

Damit spreche ich mich gegen Naivität, aber nicht im geringsten gegen die Möglichkeit von Offenbarungen aus – das wäre naiv. Allerdings müßten wir begreifen, worin letztere bestehen könnten, und damit insbesondere über ein Kriterium verfügen, die wirklichen von bloß behaupteten Pseudo-Offenbarungen unterscheiden zu können.

 

Zum anderen bin ich überzeugt, daß Goethe sich getäuscht hat:

„Das Leben ist der Güter höchstes“, relativiert damit selbst die Wahrheit und macht sie zu einem bloßen Mittel; anschaulich entspricht sie – wie später deutlich werden soll – der Sphäre, in der wir leben, unserem Lebensraum also. 

Deswegen der Buchtitel: „Wahrheit als Weg zum Leben“ und nicht „Leben als Weg zur Wahrheit„; wir lebenin, durch, aus und von der Wahrheit.

Daß mit dem Leben dann nur seine Fülle gemeint sein kann – und nicht das, wovon wir, die Biologen und Mediziner zumeist sprechen –, versteht sich von selbst. Die Wahrheit ermöglicht uns die Fülle des Lebens – und kein letztlich belangloses Wissen von einer angeblichen objektiven Realität.

 

Niemand kann das besitzen, worin er lebt; aber das Bemühen um Wahrheit steigert die mögliche Qualität unseres Lebens.

Menschen ohne Überzeugungen sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner. Dazu zählen freilich auch diejenigen, die ihre „Überzeugungen“ blind vor sich hertragen und – vielleicht – für wahr halten, statt für sie zu argumentieren, denn sie haben gar keine wirklichen Überzeugungen, sondern reden nur – zumeist anderen nach dem Mund.

„Gott bewahre mich vor Menschen, die nur ein Buch gelesen haben“; das schrieb bereits Thomas von Aquin, von dem viele „Rechtgläubige“ es wohl nicht erwartet hätten.

 

Weit entfernt von einem der Postmoderne – häufig zu unrecht – unterstellten Relativismus fragen wir also entschieden nach der Wahrheit, die ich – als unseren subjektiven Lebensraum natürlich – für fundamental halte. Aber wo können wir sie suchen?

Meines Erachtens nicht in den Paradigmen, Weltanschauungen, Wissenschaften oder Religionen; sie alle sind bloßes Menschenwerk, und das ist niemals wahr. Es muß damit freilich auch nicht falsch sein, sondern kann sich jenseits von wahr sowie unwahr befinden und beide Begriffe gar nicht tangieren; tertium datur.

Trügerische Hoffnungen, Ängste oder gar Geisterglaube können in manchen Situationen ebenso nützlich und hilfreich sein wie die exakten Wissenschaften; mit der Wahrheitsfrage hat das alles nichts zu tun. Daß 3 x 2 = 6 gilt, ist nicht wahr, sondern häufig anwendbar; es bedeutet beispielsweise, daß wir sechs Betten benötigen, wenn drei Paare bei uns nächtigen wollen (Carl Friedrich von Weizsäcker).

 

Aber ganz abgesehen davon kann die Wahrheit als Lebensraum natürlich nicht in irgendwelchen Theorien bestehen; sie entsprechen lediglich einem ohnmächtigen Suchen oder hilflosen Tasten.

Wenn die Paradigmen, Weltanschauungen, Wissenschaften und Religionen das vergessen, sich selbst zu wichtig nehmen oder gar als wahr betrachten, werden sie zum Götzendienst; Simone Weil betonte, daß dies auch für den Monotheismus gilt.

 

Um an – den Fragen nach – der lebendigen Wahrheit arbeiten zu können, bedarf es sowohl der „Anstrengung des Begriffs“ (Hegel) als auch des Mutes, selbst zu denken.

Wir dürfen letzteres weder Wissenschaftlern noch Religionsgemeinschaften, Experten oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein. Unsere Verantwortung läßt sich nicht delegieren, und zu ihr gehört nicht nur, was wir tun, sondern ganz wesentlich auch die Entscheidung darüber, was wir wissen, glauben, annehmen oder für wahr halten.

Dumme Gedanken haben ebenso negative Konseqenzen wie dumme Worte und Taten; sie unterscheiden sich nur dadurch von ihnen, daß Gedanken nicht bestraft werden können.

Ohne eigene Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

In sehr einfachen Worten kann ich die Denkrichtung unserer folgenden Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen andeuten:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Wohl viele von uns dürften sich fast beleidigt fühlen, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen, und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“.

Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem wir uns 100%-ig anschließen werden.

 

Mir ist bewußt, daß diese „Kopernikanische Wende“ (Kant) natürlich „keineswegs eine Empfehlung für mein Buch darstellt, sondern eher das Gegenteil. Denn Neues will weder der Fachmann noch der Laie. Jener ist froh, wenn er so weitermachen kann, wie er es gelernt hat, . . . und dieser will auch nicht eine neue und revolutionäre Philosophie vorgesetzt bekommen, sondern – wenn überhaupt, dann schon – die ‚richtige‘, die ‚Philosophie der Gegenwart‘.“ (Franz Rosenzweig bezog dieses Zitat auf sein „Neues Denken“ im „Stern der Erlösung“.) 

Die richtige Philosophie kann es jedoch nicht geben, und ob etwas en vogue ist, spielt für mich keine Rolle.

 

Aber was soll dann überhaupt herauskommen?

Kein anderes Weltbild und schon gar nicht das „richtige“; es liegt mir total fern, Sie belehren zu wollen. Mein Ziel weist eher in die Gegenrichtung, die François Julien als „De-Koinzidenz“ bezeichnet und worin er die „Ressource des Christentums“ sieht, die „auch ohne Glaubensbekenntnis zugänglich“ ist.

Ich versuche, Ihnen die damit verbundene Intention bereits an dieser Stelle ein wenig anzudeuten.

 

Ohne Theorien wären wir Menschen (zumindest heute) gar nicht mehr überlebensfähig; wir benötigen sie als Denkwerkzeuge auf einer ganz pragmatisch-simplen Ebene; „so fährt man Auto“, „so schreibt man Mails“, „so begrüßt man sich“ . . .

Theorien können im Alltag unvorstellbar nützlich sein, uns aber auch sehr leicht dazu verführen, sie als wahr zu betrachten; ersteres sollen sie, letzteres nicht.

Eine nützliche Theorie können wir jederzeit durch eine geeignetere oder hilfreichere ersetzen – eine wahre nicht, denn das wäre ja der Übergang zu Unwahrheit, Falschheit oder Unrichtigkeit, zu Lüge, Aberglauben und Betrug.

Ich will Ihnen in diesem Buch zeigen, daß es keinerlei Selbstverständlichkeiten oder Gewißheiten an sich gibt, sondern ausnahmslos alles „Evidente“ – sogar die eigene Existenz – das Ergebnis von Theorien ist, die wir  als wahr erachten. „Irrtümlich als wahr erachten“ hätte ich schreiben sollen, denn es gibt keine wahren – sondern eben nur nützliche – Theorien.

Daß eine Evolution in der Zeit, eine objektive Realität mit ihren Gegenständen, ein materieller Kosmos mit seinen ewigen Naturgesetzen oder wir Subjekte existieren  – sind alles nur Theorien. Die meisten unserer Zeitgenossen halten das Angedeutete schlicht für die Wirklichkeit, die sich nahezu von selbst versteht; aber Menschen anderer Kulturen und Zeiten könnten darüber nur den Kopf schütteln.       

 

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen – im weitesten Sinne – überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Aliens, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik, ewige Wahrheiten, Zufall usw.

Vieles davon widerspricht sich natürlich gegenseitig; aber ganz abgesehen davon:

Könnten Menschen mit so vielen völlig differenten Glaubensbekenntnissen längere Zeit leben, wenn es die ojektive Realität gäbe?

 

Und das meint De-Koinzidenz:

„Behaltet die Theorien, solange sie nützen, helfen oder gar befreiend wirken, aber laßt Euch nicht von ihnen einengen, weil Ihr glaubt, wegen ihrer angeblichen Wahrheit dabei stehenbleiben zu müssen. Habt den Mut, – mitten im Leben – neu anzufangen, indem Ihr Altes überwindet und zu fruchtbareren Theorien wechselt, die Euch mehr von der Fülle des Lebens ermöglichen. Seid offen und neugierig – wie die Kinder!

Einen anderen Anfang als einen solchen inmitten des Lebens – insbesondere ‚den tatsächlichen‘ am ‚Beginn der Zeit‘, als vielleicht ‚Gott die Welt erschaffen hat‘ oder ‚der Urknall erfolgte‘  – kann es doch gar nicht geben, wenn auch die Zeit nur einer Theorie entspricht.“ 

 

Daß ohne Theorie überhaupt keine sagbare Wirklichkeit existieren soll, muß auf Sie nicht nur unverständlich, sondern sogar (nahezu) irrsinnig wirken; andernfalls hätte ich mir das Buch ja auch ersparen können.

Ich habe mich bemüht, ihm eine möglichst stringente Gedankenführung zugrundezulegen, die noch kurz angedeutet werden soll.

 

Es folgt ein Motivations-Exkurs, der sowohl destruktiv als auch uralt ist und mir deshalb nicht mehr sonderlich am Herzen liegt.

Aufgenommen habe ich ihn aber dennoch, denn dieser Teil dürfte für manche Leser sogar der wichtigste sein; für all diejenigen nämlich, die die Schwierigkeit, mit der ich mich nun schon fast 50 Jahre herumschlage, noch gar nicht gesehen haben. Sie möchte ich in diesem Exkurs mit der Nase darauf stupsen.

Gelingt es mir, sowohl mein Problem als auch die Unsinnigkeit seiner hausbackenen üblichen „Lösung“ zu verdeutlichen, könnte Sie das vielleicht motivieren, weiter zu lesen. 

 

Der erste Teil entspricht den üblichen Einführungen und enthält ein paar Gedanken zu Methode, Zielrichtung und Umfeld des Buches

Seinen Kern bildet der zweite Teil, in dem ich versuche, meinen konstruktiven Grundgedanken – möglichst lückenlos, aber auch ohne Umwege und Nebensächlichkeiten – zu entwickeln.

Er entspricht einem Skelett; das Fleisch liefert der dritte Teil, der so gegliedert ist, daß der Punkt 3.m.n. stets zu 2.m.n. gehört. Ich wollte damit erreichen, daß Sie – trotz eines sauberen Roten Fadens – stets die Möglichkeit haben, sich das Gelesene durch Beispiele, Verallgemeinerungen, Zusammenhänge, Gegenpositionen usw. zu verdeutlichen.    

Exkurs für die Motivation: Naiver Realismus

„Naiver Realismus“ heißt in der nachkantischen Philosophie das Denkmodell, das nahezu alle „normalen“ Menschen im Abendland besitzen.

Sein Grundgedanke besteht darin, daß der physikalische Kosmos eine objektive Realität bildet, die uns allen eindeutig vorgegeben ist. Dazu zählen nicht nur Sonne, Mond und Sterne, sondern sämtliche Körper im weitesten Sinne – menschliche, tierische, pflanzliche sowie anorganische einschließlich der künstlichen; die „Welt der Physik“ letztlich.

Diese objektive Realität ist im wesentlichen hinzunehmen; wir versuchen sie zu erkennen und haben dadurch vielleicht auch die Möglichkeit, Änderungen an ihr vorzunehmen. Aber ganz abgesehen davon ist ein hinreichend adäquates Wissen von der objektiven Realität für uns (über-)lebensnotwendig.   

 

Warum schreibe ich oben „Denkmodell“ und nicht „Weltbild“?

Weil es mir dabei um den grund-legenden Glauben an irgendeine objektive Realität geht. Bei uns besteht sie – zufällig – im physikalischen Kosmos, und dieser gehört zum Weltbild. Wir könnten aber auch überzeugt sein, die objektive Realität wäre ein Elefant auf der Schildkröte, der die Erde trägt, oder letztere sei eine Scheibe. Innerhalb des Denkmodells der objektiven Realität sind also die unterschiedlichsten Weltbilder möglich.

Um mein Anliegen möglichst sauber zu vertreten, werde ich also zumeist von der objektiven Realität und nicht speziell vom physikalischen Kosmos sprechen.

 

Der Naive Realismus – mit einem physikalistischen Weltbild – bestimmt den Mainstream der Moderne.

Innerhalb der Philosophie wurde er bereits von Kant und dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling, Hegel – kritisch infragegestellt, sowie später insbesondere von Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead immer stärker ad absurdum geführt. Seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken bei den Philosophen weitestgehend als obsolet, und ich kenne gegenwärtig keinen Großen unter ihnen, der (an) irgendeine objektive Realität glaubt.

Außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften, der Theologie sowie im Glaubensleben und Alltagsdenken – ist das freilich ganz anders; dort wird die (physikalische) objektive Realität kaum hinterfragt und als angebliche Selbstverständlichkeit betrachtet.

 

Damit läßt sich unser Grundbegriff der Tradition oder des traditionellen Denkens relativ leicht und sauber einführen. Wir meinem damit den naiv-realistischen Glauben an eine – ganz beliebige – objektive Realität mit all seinen Konsequenzen.

Zur Tradition gehören demzufolge sowohl Antike und Mittelalter als auch nahezu die gesamte Moderne – außerhalb der Philosophie.

Als Gegenbegriff oder Pendant zur Tradition wählen wir deshalb die Postmoderne, so daß sich die Neuzeit als Übergang von der Moderne zur Postmoderne verstehen läßt. An ihn möchte ich Sie mit diesem Buch heranführen.

 

Die objektive Realität merkt nicht, wenn wir sie wahrnehmen, so daß (bei Vernachlässigung aller quantentheoretischen Zusammenhänge) nur eine einseitige Wirkung existiert, die sich am besten, weil ganz anschaulich, als Abbildung verstehen läßt:

Wir erkennen die objektive Realität, indem wir sie in unserer Psyche abbilden.

Damit ergibt sich auch gleich ein passender Name für die Bestandteile oder Komponenten der objektiven Realität:  

Sie können zu Abbildern werden oder sind es potentiell und fungieren somit als Urbilder.

Was ich oben beispielhaft aufgezählt habe – Sonne, Mond . . . – sind folglich alles Urbilder. Dieses Wort kommt im Alltag nicht vor, ist aber völlig unproblematisch und hat noch nicht viel mit Philosophie zu tun; es klingt nur übertrieben anspruchsvoll.

Dort befindet sich das Urbild Sonne; sie ist abbildbar, und durch das Hinschauen erhalten wir ein Abbild davon in unserer Psyche. Wir können auch uns selbst und andere Menschen sehen; die Urbilder zerfallen somit in Subjekte und Objekte.

 

Wer so – naiv-realistisch – denkt, braucht natürlich keine Philosophie und kann nur staunen, weshalb sich ein paar Menschen mit deren „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist:

Was wollen diese Philosophen eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt. Letztere gehören den ‚harten Fakten‘ des Alltags sowie der Wissenschaft und Technik an. Wozu noch Geisteswissenschaften?“

Kürzlich sagte ein Naiver Realist zu mir: „Die Philosophen bauen Brücken, wo kein Wasser ist.“ Ich war relativ gut drauf und konnte kontern „. . . nein; wo die anderen keins sehen.“

 

Der alles entscheidende Gedanke – auf den unsere Überlegungen unter anderem hinauslaufen werden –, besteht darin, daß das eigene Weltbild möglicherweise gar kein Bild von der objektiven Realität darstellt, sondern lediglich ein – aus der Vergangenheit stammendes – Vorurteil, das den Blick auf die Wirklichkeit verstellt, indem es uns vorgaukelt, eine objektive Realität wiederzugeben.

Solange Ihnen diese Möglichkeit als absurd erscheint, ahnen Sie wahrscheinlich gar nicht, wovon ich überhaupt spreche, denn Sie müssen ja denken:

„Unsere Vorfahren haben beispielsweise Götter, eine Himmelsglocke und Hexen gesehen, die natürlich alle nicht existieren. Die mittelalterlichen Menschen waren eben noch ungebildet; zumeist ohne eigene Schuld; das soll nicht als Vorwurf verstanden werden. Aber heute verhält es sich doch ganz anders; was wir sehen, ist die Wirklichkeit!

 

Gäbe es uns nicht, wäre der physikalische Kosmos exakt der gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit dieses Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede Ameise ist für ihren Haufen millionenfach wichtiger als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

 

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, an Minderwertigkeitskomplexen oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, hängt das gewiß auch mit ihren persönlichen Lebensumständen zusammen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, muß der Gedanke, unser Weltbild könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht als völlig abwegig erscheinen.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“.

„Masse von geistig Behinderten“ klingt nicht sehr ermutigend; aber wenn wir uns umschauen – bis in die Universitäten hinein –, wo heute noch ernstlich gedacht und – die Karriereleiter sowie Mühe ignorierend – das Erbe der Aufklärung hochgehalten wird, muß man Henry nicht unbedingt widersprechen.

 

Auch Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich und konsequent.

Ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im Naiven Physik-Realismus befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden unserem Weltbild zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Robert Spaemann und Reinhard Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ subjektiv sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies nicht auch für den Kosmos gelten? Wozu der Aufwand mit den unermeßlichen Dimensionen – wenn es dem christlichen Glauben zufolge doch  allein um uns als der Krone der Schöpfung geht?

Schon Blaise Pascal konstatierte:

„Ich sehe diese entsetzlichen Weiten des Weltalls, die mich einschließen, und ich finde mich an einen Winke dieses gewaltigen Raums gefesselt, ohne daß ich weiß, warum ich an diesen Ort und nicht vielmehr an einen anderen gestellt bin und warum diese kurze Frist, die mir zu leben gegeben ist, mir gerade zu diesem Zeitpunkt und nicht vielmehr zu einem anderen der ganzen Ewigkeit, die mir vorausgegangen ist, und der ganzen Ewigkeit, die auf mich folgt, bestimmt ist . . . 

Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume und Zeiten erschreckt mich“.

 

Veranschaulichen wir uns die gewaltige Differenz zwischen dem traditionellen und dem von uns angezielten postmodernen Denken noch an einer zwar sehr einfachen, aber deutlichen Konsequenz:

Wenn ein Subjekt stirbt, gibt es traditionell einen Körper weniger in der objektiven Realität, was darin freilich auch nicht die geringste Rolle spielt. Selbst wenn wir Menschen ausstürben, hätte dies für die objektive Realität praktisch keine Konsequenzen, würde von ihr gar nicht bemerkt und noch weniger betrauert.

Ohne objektive Realität – bei unserem Ansatz also – können darin auch keine Körper verschwinden; sie entziehen sich aber trotzdem; wo?

Natürlich dort, wo sie sich zuvor befunden haben, nämlich allein in den Psychen der zurückbleibenden Subjekte, die den Verstorbenen besonders nahestehen. Damit läßt sich möglicherweise auch eine positive Antwort auf die Frage nach dem Wozu, Warum oder Sinn unseres Lebens finden; in einer objektiv-realen Welt halte ich das für nahezu ausgeschlossen.

 

„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, bevor ich Ihnen ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig: – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen.

Könnte es nicht sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns überhaupt geben kann?“

Sie haben uns noch gefehlt . . .; aber trotzdem herzlich willkommen!

 

Natürlich darf man das nicht ausschließen; diese Denk-Möglichkeit allein genügt jedoch ebensowenig wie der Glaube daran. Wer hiermit argumentieren möchte, müßte zumindest nachzuweisen versuchen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit tatsächlich so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – physikalisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos erst gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

Anton Friedrich Koch unternimmt gegenwärtig einen neuen Anlauf in dieser Richtung; sein Ergebnis ist wohl noch offen, aber leider auch nicht ganz leicht nachvollziehbar.

0.1. Welt und Kosmos

Wenn wir das Wort „Welt“ hören, denken wohl die meisten von uns spontan an den physikalischen Kosmos. Daran zeigt sich, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte an das Denken der exakten Wissenschaften angepaßt haben. Vielleicht wundern Sie sich sogar über das Thema dieses Abschnitts: „Worin soll denn der Unterschied zwischen Welt und Kosmos bestehen?“

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos als einem Universum leben, sondern in einem Multiversum – in Kosmen gewissermaßen. Das geschieht teilweise auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau, etwa im Zusammenhang mit Hugh Everetts Quantentheorie der vielen Welten.

Ich meine jedoch etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil.

 

Der physikalische Kosmos stellt nur einen winzigen Teil der Welt dar.

Überlegen Sie sich bitte einmal in Ruhe, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren Weltbild auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen Kosmos existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich mittels der Physik vollständig beschreiben läßt. Das ist bereits bei Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen Zweck besitzen, dieser aber keine physikalische Kategorie darstellt, das heißt, der Physiker als Physiker nicht verstehen kann, was ein Zweck sein soll.

Es verbleiben somit nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

AD: „Wieso sollen Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im Kosmos enthalten sein?“

Mein „nicht“ war falsch; pardon; sie befinden sich auch, aber nicht nur im Kosmos.

Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die (auch) die Physiker zuständig sind, und hierdurch gehören diese Gegenstände dem raum-zeitlichen Kosmos an.

Das wollte ich keineswegs bestreiten; aber damit handelt es sich noch nicht um Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweils noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den Kosmos – denn die Physik kennt keine Zwecke – und reichen in andere Dimensionen der Welt hinein.

Sicherheitsnadeln und Büroklammern, korrigiere ich mich also, gehören auch dem Kosmos an, gehen aber über ihn hinaus; er ist – anschaulich gesprochen – zu eng für sie.

 

Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihr Weltbild auf seine physikalischen Komponenten reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er ebenfalls keine physikalische Kategorie darstellt. Auch Physiker finden keinen Sinn im Kosmos; hoffentlich bei ihrer Arbeit, aber die erfolgt nicht im Kosmos.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es – wir tun es ja weitestgehend.

 

Nun sollte die obige Überschrift verständlich werden:

Unsere Welt besitzt nicht nur die vier Dimensionen der Raum-Zeit, sondern potentiell unendlich viele und ist unabsehbar reichhaltig oder vielfältig. Der Kosmos mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er raum-zeitlich praktisch grenzenlos ist, bleibt der Kosmos gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination der Welt nahezu vernachlässigbar.

Unbestreitbar bedeutet unser Rendezvous auch eine Ortsveränderung, aber daß es nur das ist, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.

Die Welt enthält den Kosmos, geht aber in potentiell unendlich vielen Dimensionen darüber hinaus.  Allein das traditionelle Denken im modernen Abendland glaubt, mit der Physik sowohl den Nabel als auch die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß deren Weltformel angeblich als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft wird; es könnte aber – wenn überhaupt – bestenfalls eine Kosmosformel sein.

 

AD: „Aber diese nicht-physikalischen Partial-Welten, die Sie angedeutet haben, spielen doch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir das Weltbild (in) der Moderne und damit unser Denken so einseitig entwickelt haben. Überlegen Sie sich bitte einmal, was wir alles über unseren Kosmos erzählen könnten, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – unter anderem das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-Welten beispielsweise des Schönen, Friedlichen, Religiösen und der Gabe oder Stille entwickelt sind.

Bei dem Wort „Krieg“ beispielsweise assoziieren die meisten Menschen heute physikalisch-elektronische Waffen(-Systeme) und deren Abwehr. Aber müßte uns nicht als erstes das Leid der Betroffenen – Menschen, Tiere und vielleicht sogar Pflanzen – in den Sinn kommen?

0.1.1. Wissungen – jenseits von wahr und falsch

AD: „Wird nicht ohne objektive Realität – das heißt, ohne Wirklichkeit und Wahrheit – nahezu alles möglich?“

Dieser skeptische Einwand trifft mich nicht.

Sie setzen mit der Tradition unausgesprochen voraus, daß die Wahrheit unserer Wissungen durch den Vergleich mit der objektive Realität festgestellt wird. Nun nehmen wir letztere weg – und damit scheinbar nicht nur alle Kontrollmöglichkeiten, sondern die Wahrheit selbst.

Das führt zu dem angeblichen „Relativismus“ der Postmoderne , der von den „Rechtgläubigen“ aller Couleur lautstark angeprangert wird, in Wirklichkeit aber Ihr Unverständnis offenbart.

 

Ihre Voraussetzung stimmt nicht; noch nie hat jemand seine Wissungen an einer objektiven Realität ausgerichtet  – weil deren Existenz immer nur behauptet wurde. Wo finden wir sie denn angeblich, um damit vergleichen zu können? 

Es lassen sich lediglich Erlebungen – Erfahrungen, Vorstellungen oder Wissungen – einander gegenüberstellen.

Zu Beginn der Moderne wurde beispielsweise die Wissung Erdkugel mit der Wissung Erdscheibe verglichen. Unsere Vorfahren haben nicht erkannt, daß die „Erde“ eine Kugel ist – Was soll das eigentlich sein: die „Erde“? –, sondern diese Wissung der Scheiben-Wissung vorgezogen, weil sie für unsere Belange die geeignetere darstellt.

In der Moderne; es wird künftig kaum bei der Kugel-Wissung bleiben. Kennen Sie viele (nicht-mathematische) Wissungen aus der Antike und dem Mittelalter, die wir heute noch für sinnvoll oder nützlich halten?  

 

AD: „Aber wir sehen doch von der Raumstation aus, daß die Erde – pardon: die ‚Erde‘ – tatsächlich eine Kugel ist!“

Nein; das läßt sich prinzipiell nicht feststellen; von wo aus auch immer.

Zum Beispiel könnten Sie völlig problemlos – ohne irgendwelche logischen, mathematischen, physikalischen oder sonstigen Schwierigkeiten – davon ausgehen, daß die Erde eine Hohlkugel ist. Außen befindet sich dann der Untergrund mit unseren Bodenschätzen sowie der Lava, und den Hohlraum füllt die Atmosphäre mit dem Sternenhimmel darüber.

 

Es läßt sich relativ leicht zeigen, daß ausnahmslos alle Experimente bei beiden Erd-Modellen – der Voll- bzw. Hohlkugel – zu exakt den gleichen Ergebnissen führen und folglich prinzipiell nicht zwischen ihnen entschieden werden kann. Sämtliche Resultate des einen Modells stimmen exakt mit den entsprechenden Messungen im anderen überein

Der Übergang zwischen ihnen erfolgt mathematisch durch eine Spiegelung an der Kugel. Das ist eine konforme Abbildung, die das Kugelinnere so in ihr Äußeres transformiert und umgekehrt, daß Winkel identisch bleiben, Geraden in Geraden übergehen usw.

Eben weil sich dies so verhält, ist auch eine eindeutige Entscheidung für dieses und gegen jenes Modell ausgeschlossen. Aus denkökonomischen und weiteren rein pragmatischen Gründen sollten wir unbedingt bei der Dreckkugel-Variante verbleiben – solange sie unseren Fragestellungen gerecht wird.    

(Für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema empfehle ich Ihnen Roman Sexl, einen leider sehr früh vestorbenen Theoretischen Physiker aus Österreich.)

 

Vor 100 Jahren behaupteten unseriöse „Hohlwelttheoretiker“ daß die Erde wirklich das Weltall enthielte. Das ist natürlich Unsinn; sie betrachteten ihre Darstellungsweise – die als solche tatsächlich möglich ist – irrtümlich als Wissen von der objektiven Realität.

Aber wenn wir im Brustton der Überzeugung als „Vollkugeltheoretiker“ auftreten, begehen wir natürlich exakt den gleichen Fehler – nur auf der „Gegenseite“.

Das sind lediglich Beschreibungsweisen – analog zu denen unseres Sonensystems durch Ptolemäus bzw. Galilei –, die alle ihre Vor- und Nachteile, aber nichts mit Wahrheit zu tun haben. 

 

Bildete die Erde tatsächlich einen Teil des physikalischen Kosmos als der objektiven Realität, so würden Voll- oder Hohlkugel eine ausschließende Alternative bilden – keine vollständige wegen einer ebenfalls möglichen Scheibenform beispielsweise –, so daß die jeweiligen Parteiungen sich sinnvoll streiten könnten, weil höchstens eine von ihnen im Recht wäre. 

Ohne objektive Realität bleiben jedoch nur Weltbilder oder Beschreibungsweisen.

 

Ohne objektive Realität gibt es folglich auch keinen gegenwärtigen Irrtum.

Wir akzeptieren unsere Wissungen, solange sie tragen. Eventuelle Fehler werden erst rückblickend deutlich, nachdem uns andere Erlebungen – neue Wahrnehmungen, Vorstellungen oder Wissungen – eines Besseren belehrt haben.

Wenn beispielsweise ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich nicht, denn es fehlt jeglicher Maßstab, um dies feststellen zu können; er sieht Wasser; Punkt! Wüßte er, daß es sich um eine Fata Morgana handelt, würde er kein Wasser sehen, sondern vielleicht im Sonnenlicht glitzernde Steine.

Aus seinem Weltbild folgt, daß man Wasser trinken und damit sein Leben retten kann; also versucht er das wie selbstverständlich.

Mißlingt es ihm, besteht darin eine neue Erfahrung, die ihn belehrt und anhand derer er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß.

 

Es ist sogar noch schlimmer:

Ob die rückblickend erkannten „Fehler“ tatsächlich Fehler waren, zeigt sich erst noch später; vielleicht kehren wir auch reumütig zu unseren „ersten“ Annahmen zurück – ob es nun Fehler waren oder nicht.

Die entscheidende Frage lautet also keineswegs: „Wie erkennen wir Fehler?“ 

Sondern vielmehr: „Was bedeutet ‚Fehler‘ überhaupt?“

 

AD: „Das erinnert mich an Ihre obigen Bemerkungen zu den Gleisen und Straßen, die es ohne objektive Realität gar nicht geben kann.

Wir nutzen also keine bereits existierenden Wege, sondern sie entstehen erst durch unser Gehen. Dann ist klar, daß sich erst ganz am Ende – im Ziel oder vielleicht auch Nicht-Ziel – zeigen kann, worin unsere Fehler bestanden.“  

0.1.2. Das moderne Weltbild als Mythos

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer objektiv-wirklichen Realität zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen. Das sind Vorstellungen in der Psyche, die nur irrtümlich als Abbilder geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern partout nicht die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitestgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls seine Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ eingeordnet werden.

Diese heute weit verbreitete Einstellung halte ich jedoch selbst für einen Mythos; es ist derjenige vom Fortschritt als der großen modernen „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die natürlich – wie könnte es auch anders sein – direkt zu uns als der Krone der Schöpfung Evolution führt und deshalb nur allzugerne geglaubt wird.

 

Die kosmische Evolutionstheorie ist der „Weltentstehungsmythos des Atomzeitalters“ (Georg Picht).

Letzteres begann mit dem little bang von Hiroshima und Nagasaki, ist aber auch sonst ein Zeitalter der Explosionen; Bevölkerungszahlen, Wissungen, Informationen, Verfügbarkeiten, Fördermengen, Ansprüche, Geschwindigkeiten, Erwartungen, Produktionsraten usw. schnellen plötzlich in die Höhe. Damit einher gehen Zerstörungen beispielsweise von Lebensgrundlagen, Traditionen, Religionen, Werten, Sprachen, Minderheiten, Tieren oder Pflanzen.

Kann es uns überraschen, daß die Menschen einer solchen Zeit glauben, sich einem großen Knall verdanken zu müssen?

Die Urknalltheorie ist natürlich eine physikalische, aber sie wird nicht von einer angeblichen objektiven Realität her verständlich – Physiker sind keine Hinterwäldler –, sondern aus unserer Psyche heraus.

 

Ich bin – gegen den Zeitgeist – fest überzeugt, daß wir keine Ausnahmekultur sind und über subjektive Welten sowie Weltbilder verfügen wie alle anderen Kulturen auch. Sämtliche Varianten haben ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie nahezu gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befinden sich wahre Welten bzw. Weltbilder darunter

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ die Hinführung zu einem solch avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten davon könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

 

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Das ist fast eine Tautologie; alle gehen so vor, die traditionell Denkenden akzeptieren es nur nicht und berichten – gutgläubig – von ihrer Hinterwelt.

Das traditionelle Weltbild verstellt den Blick auf die Wirklichkeit des Lebens, indem es uns eine objektive Realität vorgaukelt. Nichtsdestotrotz glauben wir dieses Weltbild nur allzugerne – und belügen uns damit selbst.

Fünf nachvollziehbare Gründe für diesen Selbstbetrug schauen wir uns kurz an.

 

1. Zunächst möchten wir sehr gerne wissen, „wie es wirklich ist“; postmodern – das heißt nicht-traditionell – läßt sich diese Sehnsucht jedoch nicht erfüllen.

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt sogar eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen oder sportlichen Großveranstaltungen mitunter ungeschminkt erleben. Und der Naive Realismus ist gewiß auch keine intellektuelle Meisterleistung . . .

 

3. Wir suchen nach wärmender Gemeinschaft und möchten gerne in ihrem Strom mitschwimmen.

Die Mehrheit denkt aber nicht, und zahlreiche Umfragen zeigen, daß sie das auch gar nicht möchte; zu denken vermag nur der Einzelne – wenn er denn will..

 

4. Viele Wissungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit müsse etwas mit Wahrheit zu tun haben, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen hatten wir soeben ausgeführt, daß alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser Weltbild gebunden ist; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht bereits explizit zum Weltbild gehört oder sich aus ihm ergibt, ist uns zugänglich.

Sämtliche Schlüsse oder Begründungen tragen also den Vermerk: „im Rahmen meines Weltbilds“, denn sie setzen dieses als unhinterfragbares Nonplusultra voraus. Unser Weltbild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist. A muß und B kann nicht sein – in meinem Weltbild; dieses und keine angebliche objektive Realität, liefert die Begründung dafür.

 

5. Unsere Technik bildet die Anwendung der exakten Wissenschaften, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die objektive Realität adäquat wiedergeben.

Dem würde ich entgegenhalten, daß andere Kulturen mit ihren – dann natürlich – „falschen“ Weltbildern teilweise sehr lange bestanden; das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ modernes Weltbild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

AD: „Das mag theoretisch stimmen, praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

Vielleicht wollte es auch keiner!

 

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man wollen kann, hängt doch vom Weltbild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht, und wir wollen ihn gar nicht.

Wenn die Ägypter beispielsweise unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, mußte ihnen der Gedanke, hinfliegen zu wollen, einfach als absurd erschienen sein. Kennen Sie einen Gläubigen, der ernstlich in die Transzendenz fliegen möchte? Wo müßte er dann eigentlich starten und in welche Richtung?

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

 

Damit verlängern wir im weiteren die Liste der allgemein bekannten Kränkungen des Menschen duch die moderne Wissenschaft über Galilei, Darwin und Freud hinaus. Die „Aufgeklärten“ unter uns, die stolz auf ihren Verstand sind, müssen enttäuscht sein:

1. Die angebliche objektive Welt ist nur eine projizierte Hinterwelt.

2. Alle Vorstellungen sind auf das eigene Weltbild begrenzt, so daß sie – bei aller Stringenz – entsetzlich beschränkt und – vielleicht nicht falsch, aber – sinnlos sein könnten.

3. Die Helle des Verstandes erreicht nicht die Wirklichkeit, sondern nur das unwirkliche Weltbild.

4. Es gibt keine Objektivität, sondern die Welt und unser Bild von ihr sind rein subjektiv.

 

Wenn Sie jetzt „beleidigt“ sein sollten, verstecke ich mich hinter dem flüssig geschriebenen Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann, der immerhin 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt wurde.

Als weiteren unverdächtigen Gewährsmann verweise ich Sie auf Pirmin Stekeler-Weithofer. Sein großartiges Buch „Kritik der reinen Theorie“ kommt meiner Intention sehr nahe, ist aber leider (nur) für Philosophen geschrieben und nicht leicht zu lesen; unser Leben entspricht darin dem Empraktischen.

Des weiteren würde ich Ihnen „Eine Theorie praktischer Vernunft“ von Julian Nida-Rümelin empfehlen; sie stimmt weitgehend mit unseren Gedanken überein und ist recht gut lesbar. Nida-Rümelin legt großen Wert darauf, Realist zu sein; dem kann ich mich 100%-ig anschließen, wenn sich dieser Realismus nicht an einer angeblich objektiven Welt, sondern in der Zukunft zeigt.  

0.2. Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel

Kommen wir auf das Abbilden im Naiven Realismus zurück.

Ein Kind sieht zum ersten Mal in seinem Leben den Mond. Der merkt natürlich nichts von seinem Bestaunt-Werden, so daß wir es mit einem völlig einseitigen Verhältnis zu tun haben. Das scheint sich zwar am besten durch Abbilden beschreiben zu lassen – geht aber nicht.

 

AD: „Ich verstehe gar nicht, wie Sie darin ein Problem sehen können. Das Abbilden ist doch auch vollkommen unabhängig vom Naiven Realismus die normalste Sache der Welt; denken wir nur an das Photographieren, Malen und Beschreiben, an Landkarten, technische Zeichnungen oder Veranschaulichungen.“

Ich korrigiere Sie ein klein wenig; das Abbilden ist – nicht auch, sondern – nur unabhängig vom Naiven Realismus die normalste Sache der Welt.

 

In diesem Fall gehören sowohl das „Ur-“ als auch das „Abbild“ unserer Psyche an; beim Photographieren können wir beispielsweise das aufgenommene Gesicht unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen; beide sind uns gegeben, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt. Das Original und sein Photo; dem Künstler steht ein Mensch gegenüber, und er malt dessen Porträt.

Deswegen meine Anführungsstriche; mit Ur- bzw. Abbild in unserem philosophischen Sinne haben diese Beispiele auch nicht das Geringste zu tun. Das Photo oder Porträt stellt kein Abbild dar, und das Original bzw. der Mensch ist kein Urbild.

 

Innerhalb der Philosophie – bei unserem Problem also – liegt in der Psyche dagegen stets nur eine Seite vor; nennen wir sie provisorisch „Bild“. Die Kleine nimmt nur einen Mond wahr – das Bild eben.

Niemand sieht dabei doppelt; vielmehr wird im Außerhalb der Psyche ein Urbild erfunden oder gedacht, um mit seiner Hilfe die Entstehung des Bildes in der Psyche erklären zu können. Diese Konstruktion verwandelt das neutrale Bild in ein Abbild des behaupteten Urbilds.

Ich gebe natürlich das Bild zu – es ist sichtbar und läßt sich somit kaum ernstlich leugnen –, bestreite aber ganz vehement, daß

– es sich hierbei um ein Abbild handelt,

– hinter dem ein Urbild steht, das das Bild erst zu einem Abbild macht.

 

AD: „Wir sehen nicht doppelt; das Urbild Mond ist natürlich ‚unsichtbar‘, weil es sich außerhalb der Psyche befindet; aber unsere Vernunft verlangt seine Existenz: Wir könnten dort keinen Mond sehen, wenn er sich nicht dort befände.“

Ihr letzter Satz ist vielleicht sogar tautologisch; jedenfalls 100%-ig zutreffend:

Wir könnten die Mond-Wahrnehmung dort nicht haben, wenn sie sich nicht dort befände.

Das haben Sie freilich nicht sagen wollen; vielmehr:

Wir könnten die Mond-Wahrnehmung dort nicht haben, wenn sich der Ur-Mond nicht dort befände.

Aber dann bleibt mir Ihre Aussage unverständlich. Sie erfinden einen unsichtbaren Ur-Mond im Außerhalb der Psyche, um Ihre Mond-Wahrnehmung in deren Innerhalb „erklären“ zu können. Ich bezweifle jedoch sehr stark, daß es sich hierbei um eine Erklärung handelt:

1. Gegeben ist eine Mond-Sehung.

2. Deren Zustandekommen möchten Sie verstehen.

3. Dazu erfinden Sie einen unsichtbaren Ur-Mond.

4. Der einzige Hiinweis auf ihn, besteht in unserer Mond-Sehung.

5. Sie interpretieren letztere als Abbildung des erfundenen Ur-Monds.

 

Kann ein logischer Zirkel perfekter sein?

Sie erklären unsere Mond-Sehung mittels des Ur-Monds, von dem Sie nur durch die Mond-Sehung wissen:

Von den Urbildern wissen wir allein durch ihre Abbilder.

Die Urbilder machen uns ihre Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch seinen Donner.

Donar macht uns seinen Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meiner tiefsten Überzeugung zufolge pure Erfindungen.

 

(Das braun Geschriebene können Sie hier und im weiteren stets überlesen, ohne den Roten Faden zu verlieren.)

Es handelt sich bei unseren zwei Beispielen um einen (relativ weit verbreiteten) logischen Fehlschluß, den wir rein formal folgendermaßen schreiben können:

 

Prämisse 1: p → q „Wenn es regnet, wird die Straße naß.“  
Pränisse 2: q „Die Straße ist naß.“  
falsche Konklusion: → p „Also hat es geregnet.“  

Die Schlußfolgerung ist offensichtlich falsch, weil zum Beispiel auch Schnee geschmolzen, ein Wasserrohr geplatzt oder der Sprengwagen hier gewesen sein kann.

 

Sowohl Donar als auch die Urbilder stellen Versuche dar, etwas verständlich zu machen; sie mögen vielleicht ihre Zeit und ihr Recht gehabt haben; das kann ich nicht einschätzen. Aber wenn wir ihre Schwachstellen wissen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten

 

AD: „Ich bin noch nicht ganz einverstanden.

Die Naiven Realisten behaupten ihr Weltbild als ein Bild von der objektiven Realität, und Sie bestreiten das; damit steht es ‚1 : 1‘.“

Nein; das steht es nicht.

Für die Nicht-Übereinstimmung zwischen einer angeblichen objektivem Realität und „ihrem“ Bild gibt es praktisch unzählige Möglichkeiten; ich sage also nahezu eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich gar nicht der Erwähnung bedürfte.

Die Naiven Realisten halten dagegen etwas ganz Spezielles oder Singuläres für richtig, so daß nur sie  in der Beweispflicht stehen.

Daß gerade Kühe heilig sein sollen, müßte auch begründet und braucht nicht widerlegt zu werden.

 

Die Stelle scheint mir wichtig genug zu sein, um sie noch ein wenig auszubauen.

Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven essen zu können; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, sagen die Mythen, verdanken wir der Göttin Athene, die uns Menschen gelehrt hat, die Oliven entsprechend aufzubereiten.

Wer diese dem traditionellen Denken entsprechende Erklärung für wahr hält „so ist es wirklich“, dem kommt sehr wohl eine Begründungspflicht zu.

Mit dem bloßen Ablehnen dieses Mythos vertreten wir jedoch keine ebenso konkrete gegenteilige Meinung, sondern distanzieren uns lediglich von ihm. Weder bedarf das einer Rechtfertigung, noch bedeutet es, sich um eine andere Erklärung bemühen zu müssen.

 

Was geht mich denn die Meinung von Herrn Müller an? Warum denn gerade sie? Frau Meyer sagt doch auch etwas? Das gilt für ausnahmslos alle bloßen Meinungen, vollkommen unabhängig davon, wer sie äußert. 

Autorität kommt gegebenenfalls dem Inhalt zu – und sollte dies freilich auch –, aber niemals seinem Sprecher oder Schreiber.

 

AD: „Dann stellen die Urbilder also nur Projektionen der – angeblichen Ab- – Bilder dar?“

Genau; Ludwig Feuerbach hatte mit seiner Religionskritik völlig Recht. Viele Gläubige haben eine Vorstellung von Gott und sind überzeugt, daß es diesen Gott objektiv-real, das heißt, auch außerhalb ihrer Psyche gibt und sie ihn dort – mit Hilfe einer Offenbarung oder wie auch immer – adäquat erkannt hätten.

Aber das ist natürlich Unsinn, meinte Feuerbach; diese Gläubigen haben ihre Gottes-Vorstellung – nicht von außen nach innen abgebildet, sondern – von innen nach außen projiziert

Feuerbach hat das zwar völlig richtig durchschaut, jedoch übersehen, daß seine Erkenntnis absolut nichts speziell mit Gott zu tun hat, sondern für sämtliche Urbilder gilt, das heißt, für die gesamte objektive Realität; Urknall, Materie, Energie, Evolution, Sonne, Mond . . .

 

Die angeblichen Urbilder müssen Projektionen darstellen, weil sie sich außerhalb unserer Psyche befinden sollen. Dort sind sie nicht zugänglich und können somit auch unmöglich abgebildet werden.

Wir korrigieren daher die traditionell-hausbackene Annahme:

Die „Abbilder“ sind keine Abbilder, sondern Bilder, (an) die wir subjektiv ganz fest glauben; wir können kaum anders, als sie uns auch außerhalb der Psyche  vorzustellen; „sie müssen sich wirklich dort befinden“.

Und die „Urbilder“ sind keine Urbilder, sondern die Projektionen dieser Überzeugungen.

Denn alles kann aus der Psyche herausprojiziert, aber nichts von Außerhalb hereingeholt werden.

0.2.1. Es gibt kein Abbilden

Wo stehen wir?

Für uns gibt es keine objektive Realität mit ihren Urbildern; der traditionelle Glaube daran läßt sich recht leicht als ein solcher an die eigenen Projektionen durchschauen. Wir benötigen letztere nicht, weil uns absolut nichts über das Außerhalb unserer Psyche bekannt ist oder auch nur sein könnte.

Die Tradition geht hingegen davon aus, unsere Wahrnehmungen mittels der entsprechenden Urbilder vernünftig erklären zu können. Wir bezweifeln das, lassen uns aber – um die eigene Position zu festigen – einmal darauf ein und sehen dann zwei verschiedene Möglichkeiten:

Die Wahrnehmungen sind selbst die Urbilder oder bereits deren Abbilder

 

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß wir weder ein Abbilden noch Abbilder benötigen; beide sind völlig überflüssig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal gemeinsam mit den Urbildern. Das paßt genau; eine „Bildersorte“ fehlt immer, denn wir sehen nie doppelt.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Logik um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

Daß wir (die provisorischen) Bilder sehen, scheint unbestreitbar zu sein; warum belassen wir es nicht dabei?

Die Tradition erfindet Urbilder, steht damit vor dem Problem, wie wir diese sehen können und löst es durch Abbilden:

Indem

– erfundene Urbilder

– angeblich abgebildet werden,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – den Bildern.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß kein Abbilden existiert.

Nun erkennen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen und es ganz einfach dabei bewenden lassen.

Die Abbildtheorie stellt einen philosophischen Nonsens dar, der an Unlogik kaum zu überbieten ist:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß wir ihn sehen.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß wir sie fühlen.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß wir sie zählen oder berechnen.

Es gibt keine Materie, ohne daß wir sie messen.

Es gibt keinen Geist, ohne daß wir ihn erleben.

 

AD: „Daß es das Abbilden gar nicht geben soll, will ich nicht glauben.

Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen. Das ist erneut das Mißverständnis, das uns bereits beim Photographieren oder Porträtieren oben begegnet ist; dieses „Abbilden“ ist nicht unser philosophisches Abbilden.

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut „abgebildet“ wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre „Abbildung“ nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine „Abbildung“ auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur sinnvoll und verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von oben – zu Sonnen-Sehungen abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den Raum vom Straßenrand in die Augenhöhle „abbilden“ lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

AD: „Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu ihm sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Seh-Voraussetzungs-Theorie – sehen wir nichts; das ist die Bedeutung von „notwendigen“.

Wir sehen nicht, weil unsere Augen gegebenenfalls geschlossen sind; aber wir können im allgemeinen sehen – jedoch nicht weil sie offen sind; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 

AD: „Aber es gibt doch sogar Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es schräg ins Wasser taucht, als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern entspricht wieder dem obigen Gesicht, das photographiert wird. Wir sehen ihn doch auch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in unserer Psyche befinden.

Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also zwischen „Abbild“ und „Urbild“ – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat; das ist ein bloßer „Abbildungs“-Fehler.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb der Psyche – und deswegen erreichen wir sie nicht.

0.2.2. Sinn durch neue Wëge

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und unser subjektives Leben ebenso leer ist wie die objektive Realität; das weiß niemand.

Solange man traditionell denkt, muß es sich meines Erachtens sogar so verhalten. Das stellt natürlich keine Widerlegung des Naiven Realismus dar; aber wenn ein Denken zu Konsequenzen führen, die wir innerlich ablehnen – und ich tue das aus Überzeugung –, sollten wir seine Grundlagen infrage stellen.

 

Um die Unmöglichkeit von Sinn, wie sie mir erscheint, zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben. Alle Urbilder sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „. . . weiß ich doch . . . „. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte objektive Realität, insbesondere also auch ihre weitere Entwicklung, wäre den „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) – dank des Determinismus – bekannt, und sie befänden sich im Zustand der Vollendung. Jeder wüßte schon zuvor, was alle später tun oder sagen werden, und sie handeln dann natürlich auch entsprechend – mögliche Rechenfehler einmal ausgeschlossen.

Anschaulich gesprochen würden die Menschen dann so entlang des Zeitstrahls leben, wie der Zug den Gleisen bei fehlenden Weichen folgt.

Ihr Leben wäre sinnlos, weil es – wie bei einem Roboter – durch seine „Gleise“ fremdbestimmt festliegt.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren einzuläuten.  

 

Den festen Schienenstrang der Tradition ersetzen wir durch eine Straße, die sich laufend verzweigt. Auch wir müssen weitergehen  – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, wissen aber niemals, wohin die gewählte Straße – in der Zukunft – führen wird; es gibt keinerlei sichere Hinweisschilder.

Nein; das war falsch; ich muß mich korrigieren.

Ein solcher Straßen-Baum entspräche ja ebenfalls einer objektiven Realität; bei diesem Bild würden wir lediglich den Determinismus aufgeben. Wir bewegen uns weder auf weichenlosen Gleisen noch in einem offenen Straßensystem.

Dadurch endet das Sagen nicht wie traditionell, weil wir über unser subjektives Leben mit seinen Wegen sprechen und nicht von objektiven Vorgaben. Jeder, den wir als unseresgleichen anerkennen, kann seine persönlichen Erfahrungen mitteilen, die uns prinzipiell unzugänglich sind, weil wir höchstens unser eigenes Leben kennen und keinen Zugang zu dem seinigen besitzen.

 

AD: „Welche dritte Möglichkeit für Wege soll denn überhaupt noch bestehen?“

Natürlich keine in der objektiven Realität an, weil es die für uns gar nicht gibt.

Alle Wege sind möglich, denn sie entstehen erst durch unser Gehen.

Wir gehen keine Wege, sondern wir gehen; alles dreht sich um uns und nichts um Urbilder; das Ziel oder Telos besteht nicht in der Erkenntnis einer angeblichen objektiven Realität, sondern in der Fülle des Lebens.

 

Wenn ich es recht verstehe, spricht das östliche Denken mit seinem Dào ebenfalls von solchen sich selbst ihre Wege bahnenden oder generierenden Wegen.

Martin Heidegger prägte dafür den Begriff der Bewëgung; auf den Wegen bewegen wir uns, aber die Wëge bewëgen sich selbst.

Wege werden wiederholt, Wëge erstmaligen sich oder „entstehen erst dadurch, daß man sie geht“ (Franz Kafka).   

 

An etwas Ähnliches dachte wohl auch Einstein, als er schrieb:

„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“

Er bewegt sich höchst umsichtig, könnten wir ergänzen, in der uns vorgegebenen Wirklichkeit, die der intuitive Geist dem rationalen Verstand jedoch erst eröffnet, das heißt, für ihn bewëgt haben muß, damit der Diener sich nun in dieser Wirklichkeit bewegen kann.

Aber der rationale Verstand ahnt häufig nichts von dem intuitiven Geist, der ihm notwendigerweise immer schon vorangegangen ist, oder hält sich sogar selbst für diesen – und macht damit selbstherrlich dessen Gabe zur eigenen objektiven Realität.

 

Auch unser vorangestelltes Zitat von Pablo Picasso findet hier seinen legitimen Platz:

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

 

Klaus Hemmerle faßt den grundlegenden Unterschied sehr schön zusammen:

Unsere Frage heißt also nicht mehr wie im Mittelalter: Wie ist alles?, sondern: Wie geht alles, wie spielt es sich ab und spielt alles zusammen? Die Frage nach dem Geschehen und in der Konsequenz nach der Geschichte hat die Führung übernommen. Der mittelalterliche Mensch stand in einer gefügten Ordnung, und vor ihm stand das Seiende, das er betrachten konnte, um in dieser Betrachtung sich über es hinaustragen zu lassen ins Ganze und über das Ganze in dessen gewährenden Grund und Sinn. Wir finden uns, ohne Stand, in der Bewegung, im Vorgang, und nur in dieser Bewegung und in diesem Vorgang erschwingen wir den Zusammenhang, das Ganze. Nicht das Seiende trägt uns zum Sein, sondern im Fortgang, im Geschehen legt Sein sich uns aus, spricht Sein sich uns zu.“

Den letzten Halbsatz würde ich leicht abändern:

. . . sondern in der Zeit legt Gott sich uns aus, spricht Gott sich uns zu; das meine ich mit Explizieren.

0.2.3. "Unphilosophisch einfache" Hilfestellung

Meine Kritik am traditionellen Denken in diesem Exkurs, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig, verführt aber zu dem falschen Gedanken, daß sich dort an sich, das heißt, völlig unabhängig von unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare, weil objektiv-reale Sonne befindet.

 

Wer so und damit traditionell denkt, benötigt also zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder an sich seiende Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht; ohne Sonne keine Sonne.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild).

Einerseits scheint das einleuchtend zu sein.

Andererseits sehen wir aber nie doppelt, so daß uns immer nur die Wahrnehmung Sonne gebeben ist. Niemand hat jemals die Sonne gesehen; wir schauen „zu ihr hin“, kommen aber „immer schon zu spät“ für sie, denn es zeigt sich uns „bereits“ die Sonnen-Wahrnehmung.

Somit haben wir insbesondere keinerlei Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein (adäquates) Abbild der Sonne ausweisen könnte. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das problematische Abbilden überspielt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn die Ur-Sonne nicht dort wäre, und das Abbilden ist der Weg, der von ihr zur Wahrnehmungs-Sonne führt. Jene wurde zwar niemals gesehen, sondern lediglich – als einfachste Erklärung der Sonne – erfunden, aber alle traditionell Denkenden glauben, von ihr zu sprechen.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

AD: „Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Traditionalisten behaupten die Sonne als Wahrnehmung (von) einer ominösen Sonne, obwohl diese nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um letztere zu erklären, aber selbst niemals gesehen wurde. Diese Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das sich durch nichts rechtfertigen läßt.

 

Ich kenne Menschen, die Stein und Bein schwören, den Teufel erfahren zu haben. Traditionell benötigen sie dann einen Teufel, um erklären zu können, wie das möglich war. Mir ist die Feststellung wichtig, daß der Glaube an die Sonne keinen Deut vernünftiger ist als der an den Teufel.

Damit bestreite ich Teufels-Erfahrungen ebensowenig wie Sonnen-Wahrnehmungen, in beiden Fällen aber ihre traditionelle Interpretation.

Teufels- sind ebenso möglich wie Sonnen-Erfahrungen, aber die Sonne ist ebenso absurd wie der Teufel.

 

AD: „Ich würde aus persönlichen Gründen den Teufel gerne aus dem Spiel lassen . . .

Aber Sie werden doch nicht ernstlich bestreiten wollen, daß uns die – Sie würden formulieren: ‚Erfindung‘ der – Ur-Sonne gestattet, die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens wunderbar zu erklären. Bei Ihnen muß die Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Nein; das ist sie nicht; natürlich müssen wir erst noch verstehen, wie die Wahrnehmung Sonne bei uns überhaupt möglich wird. Aber dafür haben die traditionell Denkenden zu erklären, wo ihre Sonne herkommt; erst dann können sie daraus die Wahrnehmungs-Sonne ableiten. Vor einem Herkunfts-Problem stehen wir also beide.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere, weil es etwas prinzipiell Unerreichbares voraussetzt. Daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erleben, resultiert nicht aus einer angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

AD: „Ich verstehe Sie leider immer noch nicht.

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäumen einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden werden wir es erreicht haben. Während des Weges liegt höchstens die Sicht auf den Turm vor, das heißt, ein Abbild von ihm. Angekommen am Ziel haben wir den wirklichen Turm selbst, können in ihm als dem Urbild hinaufsteigen, unsere Namen einritzen und herunterfallen; bei seinem Abbild geht das alles nicht.“

 

Ihr Beispiel bietet – ganz wie die Photos oder Porträts oben – kein Modell für das traditionelle Denken in Ur- und Abbildern, und deswegen waren diese beiden Begriffe wiederum unangemessen, so daß Sie auch die Unterstreichungen hätten weglassen müssen.

Canceln Sie den Turm in Ihren Übelegungen einfach einmal, wie wir es mit den Urbildern tun; dann wäre etwa folgende Beschreibung möglich:

Beim Start und während des Wanderns sind allein Turm-Sehungen möglich. Unsere Ankunft besteht darin, daß nun Turm-Betastungen, -Besteigungen, -Ritzungen, -Verfehlungen und andere Turm-Erfahrungen, die zuvor nur erwartet oder antizipiert wurden, möglich werden.  

 

Der Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Turm wahr“ wird im allgemeinen so verstanden, daß dort an sich ein Turm steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Turm das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Turm.

Die Formulierung „Ich nehme einen Turm wahr“ läßt sich somit fast nur traditionell – als Verdopplung zu zwei TÜRMEN – und damit meines Erachtes falsch verstehen.

AD: „Jetzt begreife ich erst, was Sie soeben mit Ihrer Bemerkung, daß wir die 2 500 Jahre Gewöhnung mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen, gemeint haben.“

 

Wir könnten weiterfragen, wo sich Ihr wahrgenommener Turm befinden soll.

AD: „Auf dem Berg natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern im Sinne der Tradition falsch, weil wir unseren TURM-Disput nun als BERG-Disput fortsetzen müßten:

Es gibt natürlich auch zwei BERGE; den wahrgenommenen Berg und die Wahrnehmung Berg. Der Turm steht auf dem Berg, und beides sind Abbilder; der Turm kann sich dagegen nur auf dem Berg befinden, und beides sind Urbilder.

Sie sollten ahnen, wo das hinführt: Turm auf dem Berg, Berg in der Landschaft, Landschaft aus der Insel, . . . – nämlich zum Aufbau einer ganzen Hinterwelt.

 

Nehmen wir noch die Verstehungen als Beispiel, weil sie vielleicht einfacher sind; sie benötigen kein Verstandenes.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen, originell sind oder weshalb auch immer –, so denken Sie vielleicht, mich (richtig) verstanden zu haben. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.  

0.2.4. Radikaler Konstruktivismus

Unser Ansatz stimmt mit dem Radikalen Konstruktivismus darin überein, daß in beiden Fällen keine objektive Realität existiert; damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Es sind vor allem zwei Probleme, die der Radikale Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann und wegen derer ich ihn ablehne.

 

Der erste Punkt betrifft die Stellung oder Rolle des Gehirns.

Wenn alles nur eine Konstruktion darstellen würde, hätten wir keinen Konstrukteur, denn dieser kann nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich. 

Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er – entsprechend der neurophilosophischen „Erkenntnis“ Ich ist gleich Gehirn – letzteres zum Konstrukteur erklärt.

Abgesehen von der fundamentalen Frage, woher seine Vertreter das wissen wollen, wenn alles andere eine bloße Konstruktion ist und auch das Gehirn kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Konstrukteur“ trägt, entstehen natürlich zahllose weitere Probleme.

Eines davon resultiert ganz simpel daraus, daß es sehr viele Gehirne gibt. Als Konstrukteur benötige ich natürlich nur mein eigenes; sind die fremden Gehirne ebenfalls wirklich oder nur von mir konstruiert? 

Schwierig gestaltet sich offensichtlich auch die Grenzziehung. Wo endet der Konstrukteur, und beginnt die Konstruktion? Wie gehen die beiden ineinander über? Wohin gehören insbesondere das Zentralnervensystem, die Sinnesorgane und die Gliedmaßen?

 

Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das Gehirn ganz traditionell als Urbild denkt und auch denken muß, um einen Konstrukteur – für alles Restliche als Konstruiertes – zu gewinnen. Bei seiner Sichtweise reduziert sich die objektive Realität somit auf das–  eigene? – Gehirn.

Unser Ansatz ist radikaler; darin spielt das Gehirn keine Sonderrolle, sondern ist lediglich eine der praktisch unendlichen vielen (geglaubten) Wissungen unserer Welt.

Ein Konstrukteur ist nicht erforderlich, weil wir nicht konstruieren, sondern lediglich „ja“ oder „nein“ sagen zu den uns angebotenen Wissungen.

 

Die zweite Schwierigkeit, die ich und seine Vertreter selbst mit dem Radikalen Konstruktivismus haben, besteht darin, daß der Übergang von der angeblichen objektiven Realität zu bloßen Konstruktionen den gewaltigen Unterschied zwischen Erfahrungen und Vorstellungen nicht einfach ignorieren kann. Vor der Erfahrung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir – mit Recht –, während die entsprechende Vorstellung bestenfalls ein wohliges Gruseln hervorruft.

Im Radikalen Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergebens nach einer befriedigenden Aufarbeitung dieses Problems gesucht:

Was unterscheidet eine konstruierte Krokodil-Vorstellung von einer ebenfalls nur konstruierten Krokodil-Erfahrung?

0.3. Die objektive Realität als Hinterwelt

AD: „Wenn die Urbilder nur erfundene Projektionen darstellen, müßte die objektive Realität doch einer bloßen Hinterwelt entsprechen?“ 

Ja; und das vollkommen unabhängig davon, worin diese Urbilder angeblich bestehen. Wer an ihrer Stelle die Materie sucht, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der dort den Teufel glaubt; jede objektive Realität ist eine Hinterwelt.

Hierzu gehören also insbesondere die Überzeugungen der wissenschaftsgläubigen Fundamentalisten ebenso wie diejenigen der religiösen.

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer), denn er wäre objektiv-real und damit hinterwäldlerisch.

 

AD: „Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entität fest überzeugt sein, denn ich würde auf diese Weise hinterwäldlerisch und mich damit von jedem vernünftigen Diskurs verabschieden?“

Nein; das wäre ja furchtbar, würde ich dergleichen – Absurditäten – behaupteten!

 

Wir könnten uns beispielsweise todsicher sein, daß es sowohl Materie als auch eine Evolution gibt, Gott mit seinem Hofstaat von Engeln und der Teufel nebst Unterteufeln existieren oder die Erdscheibe von einem Elefanten auf der Schildkröte getragen wird. Es existiert vielleicht gar nichts Widerspruchsfreies, das wir nicht für selbstverständlich halten dürften.

Die Begründung für unseren möglicherweise ganz tiefen Glauben müßte dabei jedoch sinngemäß stets etwa folgendermaßen lauten:

„Aufgrund meines bisherigen Lebens ergibt sich für mich zwingend, daß es sich so verhalten muß; ich kann gar nicht anders denken, will ich nicht unvernünftig sein, mir selbst widersprechen, mich absichtlich dumm stellen oder selbst belügen.

Ich bin keineswegs hinterwäldlerisch, weiß, daß sich nichts aus dem Außerhalb der Psyche abbilden läßt, spreche nur von meinen Überzeugungen und beanspruche somit auch keine Wahrheit. Ich will wahrhaftig sein – und sage deswegen ganz ehrlich, wie ich es sehe; mehr geht nicht und vermag niemand; ganz im Sinne von Martin Luthers ‚hier stehe ich und kann nicht anders‘.

Das Hinterwäldlertum hat also nichts mit der Sicherheit der eigenen Überzeugungen zu tun, sondern resultiert allein daraus, daß sie gegebenenfalls als Abbildungen der objektiven Realität und damit als wahr behauptet werden.

 

Es geht nicht um die traditionelle objektive Wahrheit, sondern um unsere subjektive Wahrhaftigkeit.

Dann sind wir absolut nicht hinterwäldlerisch, wie „hinterwäldlerisch“ auch immer unsere Überzeugungen sein mögen. Wir beschreiben doch lediglich, was in unserer Psyche vor sich geht und wessen wir uns damit ganz sicher sein können. Ein Außerhalb davon mit eventuellen Urbildern kommt gar nicht vor und damit auch keine Hinterwelt.

Ein solches Denken ist alles andere als traditionell; das wird es erst, wenn die gleichen Überzeugungen als Abbildungen behauptet werden. Dann sagen wir nicht mehr „so sehe ich es“, sondern daraus wird ein „so ist es“. Diese Anmaßung der traditionellen Wahrheit entspricht dem Hinterwäldlerischen.

 

Die nachstehende Abbildung sollte sich von selbst verstehen und das Gemeinte deutlich zum Ausdruck bringen.

Besonders hinweisen möchte ich Sie lediglich darauf, daß die Tradition bei den Irrtümern ebenfalls davon ausgehen muß, daß wir projizieren; aber natürlich nur bei ihnen:

 

Moritz ist Naiver Realist; ein ihm – vielleicht als Wahrnehmung – gegebenes Bild X versteht er als Abbild. Einige ebenfalls traditionell Denkende widersprechen ihm jedoch und erklären, daß kein entsprechendes Urbild dahintersteht, X somit auch kein Abbild sein kann und Moritz sich also täuscht.

Er wundert sich, wieso wildfremde Menschen sich das Recht herausnehmen, über seine – nur ihm allein zugängliche – Psyche zu befinden. 

Glaubt Moritz trotz dieser „Richtigstellung“ weiterhin, sein X sei ein Abbild, so kann er das zugehörige „Urbild“ dem „Wahrheitsministerium“ zufolge nur aus seiner Psyche herausprojiziert haben.

 

 

Außerhalb der Psyche   Psyche    
    Bilder
   
existiert nicht existiert        
  ungewußt
gewußt
       
Projektionen
    Irrtümer
falsch
 
  Urbilder
  (noch) ungegebene Abbilder
——- Tradition
    Urbilder (bereits) gegebene Abbilder wahr  
———- ———- ———-   Überzeugungen ——- wir

Abbildung 0.2.

 

AD: „Vielleicht versteht sie sich von selbst . . .; aber da bleibt trotzdem noch ein anderes Problem offen, nämlich wo wir ohne die objektive Realität leben sollen.“

Ich kann dazu nichts Befriedigendes sagen; aber das spricht nicht gegen unseren Ansatz, sondern ist selbstverständlich, weil alle Wo-ist-Fragen irgendwo ohne Antwort abgebrochen werden müssen.

 

„Wo befinden sich unsere Erfahrungen oder Vorstellungen?“

„In der Psyche.“

„Und wo ist sie lokalisiert?“

„Im Körper.“

„Nein; das geht nicht.“

Jedes Innen eines räumlichen Außen muß selbst räumlich sein; freilich kleiner als sein Außen – um darin sein zu können –, aber räumlich.

Der Kern kann in der Kirsche und der Käfer (bei Wittgenstein) in der Schachtel sein – aber niemals eine unräumliche Psyche im räumlichen Körper. Das ist einfach nur Unsinn und entspricht einer eckigen Kugel.

0.3.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Wahrnehmungen und Vorstellungen auftreten (können) und noch niemandem Urbilder begegnet sind, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften an eine objektive Realität und projizieren somit selbst ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß das Ziel unserer Forschung die neutrale Abbildung der objektiven Realität sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen Denken mit seinem Glauben an die Hinterwelt einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme.

Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder berechnend; verantwortungslos ist beides.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser Fortschritt immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neue stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres Lebens immer stärker zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben können.

 

AD: „Ohne objektive Realität gibt es aber auch keine Objektivität der Wissenschaften?“

Vorsicht; dieser Begriff ist zweideutig!

Erkenntnistheoretisch haben Sie natürlich Recht; die traditionelle „objektive Wahrheit“ läßt sich nicht halten ohne – den Glauben an – eine Hinterwelt.

 

Die berechtigte Forderung nach der wissenschaftlichen Objektivität ist jedoch eine ganz andere, nämlich rein ethische

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; schade! Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

 

AD: „Aber wenn es keine objektive Realität gibt und unsere Überzeugungen somit weder wahr noch unwahr sind, kann es doch auch im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nicht um die Wahrheit gehen.

Warum – und worum – streiten wir dann häufig so erbittert?“ 

 

Mit Ihrer verständlichen Frage stoßen wir zum dritten Mal auf den Unterschied zwischen unserem philosophischen Abbilden und dem alltäglichen „Abbilden“.

Ersteres entfällt für uns vollständig, aber letzteres begleitet uns praktisch ununterbrochen:

„Habe ich heute morgen die Kerze ausgepustet?“ „Was wollte mein Chef gestern von mir?“ „Wer hatte hier eigentlich Vorfahrt?“ . . .

Daß mein Tisch vier Beine besitzt, ist eine Beschreibung von ihm und somit ein „Abbild“ vom „Urbild“. Beide befinden sich in der Psyche, und nichts ist einfacher, als diese Aussage zu kontrollieren.

Die Zeugen geben ihr „Abbild“ vom „Urbild“ Verkehrsunfall wieder, der sich auf der Kreuzung und nicht in der Hinterwelt ereignete.

 

Die übliche Konfusion entsteht dadurch, daß die Tradition bei diesen zwei völlig verschiedenen Problemstellungen, die absolut nichts miteinander zu tun haben, die gleichen Prädikate „wahr“ bzw. „unwahr“ oder „falsch“ benutzt.

Abbilder gibt es für uns gar nicht, aber der Tradition zufolge können – oder sollten – sie sogar wahr sein.

Wir kennen nur „Abbilder“; ob sie wahr sind, zeigt vielleicht ein Vergleich mit den zugehörigen „Urbildern“, der aber weder möglich noch unstrittig sein muß – womit wir nochmals auf Ihre Frage zurückkommen. 

0.3.2. Wahrheit und Überzeugung

Bei Verzicht auf die Hinterwelt können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger erfolgreich in ihrer jeweiligen subjektiven Welt orientieren, von deren Richtigkeit sie überzeugt sind.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es eine objektive Realität gäbe?

 

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der Welten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und sämtliche „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Kriege, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die „Aufklärung“ – zu der hier ein kitzekleiner Baustein beigesteuert werden soll –, können uns aber partout kein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück wünschen, wenn wir die subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Die subjektive Welt, an der wir uns orientieren, kann weder wahr noch unwahr sein, und bei zahlreichen Menschen werden wir uns wundern, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich umgekehrt auch ihnen mit uns.

Die eigene Welt ist das Resultat unserer Vergangenheit; hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unsere Welt gewiß recht anders.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen zu Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich persönlich gerne unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich bin überzeugt, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit einmal als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns dann für diese kleinkarierte „Wahrheit“ schämen werden.

Das sagte beispielsweise Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht: „Das soll ich sein?“

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

 

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – lobhudelnde – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig und grauselig langweilig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotzdem umwerfen wird, zumindest hoffe ich das ganz stark.

Es würde mich fuchtbar enttäuschen, wäre Gott nicht viel mehr und total anderes eingefallen als mir.

 

Daß wußte schon Lessing vor bald 300 Jahren, und weil er mir direkt aus der Seele spricht, zitiere ich ihn ausnahmsweise einmal recht ausführlich:

„Wenn mir in der einen Hand die Wahrheit, in der anderen das Streben nach ihr geboten würde und ich wählen müßte, ich würde das letztere wählen, und des Apostels Aufforderung lautet: Prüfet alles! Ohne Prüfung kann man nicht erfahren, ob der Geist, der in uns spricht, und die Geister, die zu uns reden, aus Gott sind oder nicht. Nur durch redliche von reiner Liebe zur Wahrheit ausgehende Prüfung wird sie allmählich unser Eigentum.

Darum fühlen wir uns zu dem hingezogen, der uns zur Prüfung seiner angeblichen Wahrheit auffordert, und wenden uns von dem ab, der uns seine Wahrheit aufdrängen will. Ein solcher erweckt mit Recht in uns das Vorurteil, daß er selbst nicht an die Wahrheit seiner Lehren glaube.

Denn die Wahrheit kann durch Prüfung nur gewinnen; die Wahrheit besteht in der Prüfung, die Lüge und der Wahn aber verschwinden durch sie. Wer daher die Prüfung vorgeblicher Wahrheiten scheut und verhindern will, ist kein Freund der Wahrheit, sondern ihr Feind.

Kein Mensch auf Erden hat daher Ansprüche auf sogenannte Untrüglichkeit. Wer als unbedingte Autorität gelten will, wird daher verworfen.“

 

Lessing dachte zu seiner Zeit natürlich insbesondere an religiöse „Autoritäten“. Mir ist jedoch sehr wichtig, daß durch die „Aufklärung“ der christliche Absolutismus in einen exakt-wissenschaftlichen umgeschlagen ist und deshalb noch heute von Aufklärung nur sehr bedingt die Rede sein kann.

Sie besteht meines Erachtens darin, daß jegliche Form von objektiver Realität – christliche, wissenschaftliche, esoterische usw. – als Hinterwelt durchschaut wird.

0.4. Die Frage nach der Wirklichkeit

Die Frage nach der Wirklichkeit ist mindestens zweideutig.

Zunächst müßte es darum gehen, was Wirklichkeit überhaupt bedeuten soll oder worin sie bestehen könnte; das ist alles andere als selbstverständlich; insbesondere für Gläubige:

Wenn Gott oder Christus die Wahrheit ist, muß ihr traditionelles Verständnis als Übereinstimmung unserer Aussagen mit der objektiven Realität falsch sein. Gott ist weder als Satz noch als dessen Richtigkeit denkbar.

Nachdem das geklärt ist, läßt sich untersuchen, welche Entitäten – übersetzen Sie einfach: „Arten von Dingen“ – im Sinne dieser Antwort wirklich sind.

 

Die traditionell Denkenden beantworten die zweite Frage mit den Urbildern, zäumen damit jedoch nicht das Pferd vom Schwanz auf, sondern ignorieren die erste Frage weitestgehend. Sie sehen hierin kein ernstliches Problem und gehen davon aus, daß die Wirklichkeit „selbstverständlich“ in der Vorhandenheit besteht.

Es gibt eben Sonne, Mond und . . .; „das wisen wir doch alle“.

Stoßen wir nochmals nach, was Vorhandenheit genauer meinen könnte, kommen neben Beteuerungen und Verstärkungen der Form wie „wirklich vorhanden“ bzw. „unbedingt notwendig“ vielleicht noch Begriffe wie Sein, Existenz, Es-gibt oder ähnliche, die alle synonym sein sollenund es tatsächlich auch sind, weil sie ebenfalls absolut nichts erklären

 

Kant vermochte die Frage worin die Wirklichkeit besteht zwar ebenfalls nicht zu beantworten, konnte uns aber immerhin erklären, weshalb nicht:

Es gibt keine Antwort, weil die „Wirklichkeit kein Prädikat“ oder keine Eigenschaft ist.

 

(Das braun Hervorgehobene können Sie im gesamten Buch überschlagen, ohne den Roten Faden zu verlieren.)

Versuchen wir, Kants Begründung ein wenig zu verstehen.

Krokodile und Drachen haben einen Schwanz; das gehört natürlich zu ihren Eigenschaften.

Krokodile gibt es, Drachen nicht; auch dies versteht die Tradition – für uns wahrscheinlich völlig überraschend – als Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen.

Beide besitzen somit traditionell (unter anderem diese) zwei Eigenschaften; Krokodile – Schwanz und Vorhandenheit – sowie Drachen – Schwanz und Nicht-Vorhandenheit.

Spätestens hier wird überdeutlich, daß  Vorhandenheit keine Eigenschaft sein kann, denn sie hat mit den Tieren nichts zu ttun.

 

Was verbindet die Tatsache, daß Löwen vorhanden sind, mit den Löwen?

Nichts, denn ansonsten könnten wir gar nicht feststellen, daß gerade Löwen existieren; es wäre absurd, sie an ihrer Vorhandenheit als Löwen erkennen zu wollen.

Kants Beispiel in diesem Zusammenhang besteht in der Frage, ob 100 Taler, die ich nicht besitze, etwas anderes sind als 100 Taler, die ich habe?

Wenn wir von den Talern reden – und nicht von mir –, besteht tatsächlich kein Unterschied.

 

Hiermit entfällt auch eine – zwar sehr naive, aber dennoch (oder gerade deswegen) – weit verbreitete Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Wirklichkeit eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser „vollkommene“ Gott, der nicht existiert; letzterer kann somit auch nicht vollkommen sein. Definieren wir Gott jedoch „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“ (Anselm), muß die Existenz also zu ihm gehören, so daß es Gott mit Sicherheit gibt.

 

AD: „Das wirkt sehr spitzfindig und wie an den Haaren herbeigezogen; ich kann mir kaum vorstellen, daß ein solcher Gottesbeweis heute noch jemanden anspricht. Aber abgesehen davon bin ich mir doch recht sicher und erlaube mir, Ihnen zu widersprechen, daß die Wirklichkeit doch eine Eigenschaft darstellen muß.

Träume ich von Wasser oder stelle es mir vor, dann ist das Wasser unwirklich; sonst könnten Menschen in der Wüste nicht verdursten; Vorstellen geht ja wohl immer. Wirkliches Wasser ist dagegen solches, das man tatsächlich trinken kann.“

 

Nein; das stimmt nicht; es gibt kein wirkliches und unwirkliches Wasser, sondern nur Wasser – von diesem falschen „es gibt“ der Einfachheit halber bitte einmal abgesehen.

Beim Trinken handelt es sich nicht um wirkliches Wasser, sondern wirklich um Wasser.

Im Traum handelt es sich nicht um unwirkliches Wasser, sondern nicht wirklich um Wasser.

AD: „Jetzt werden Sie auch noch so spitzfindig wie Ihr Anselm; ‚es gibt wirklich Wasser, aber kein wirkliches Wasser‘; ich sehe dazwischen, ehrlich gesagt, keinen Unterschied!“

Das ändert sich wahrscheinlich sehr schnell, wenn wir das Wasser durch Arsen ersetzen:

Ich verstehe nicht, was wirkliches bzw. unwirkliches Arsen sein soll; Arsen ist Arsen. Aber ich sehe einen großen Unterschied dazwischen, ob Ihnen jemand wirklich Arsen in das Bier gekippt oder ob er es nicht wirklich getan hat.

 

Fassen wir – wieder für uns alle – zusammen:

Die Tradition sieht in den Urbildern die Wirklichkeit, ohne jedoch sagen zu können, worin letztere bestehen soll. Kant rechtfertigt diesen Fehl, den die meisten gar nicht bemerken – freilich ohne dadurch etwas zu vermissen.

 

AD: „Ich schneide mich jetzt zwar ins eigene Fleisch, aber . . .

. . . müßten wir nicht eingestehen, daß zur traditionellen Wirklichkeit nicht nur die objektive Realität mit ihren Urbildern, sondern auch Gott gehört?“

Sehr tapfer; das ist Ihnen bestimmt nicht leicht gefallen! Ich muß etwas ausholen und kann Ihnen nicht einfach mit „ja“ oder „nein“ antworten.

 

Um die Urbilder sauber einführen zu können, sind wir zunächst von der objektiven Realität ausgegangen, die nur aus ihnen besteht. Aber kaum ein traditionell Denkendender wird bei ihr stehenbleiben und ernsthaft glauben, die objektive Realität sei die gesamte Wirklichkeit. Auch für ihn gibt es doch zahllose Entitäten, die wir mit Sicherheit nicht abbilden, das heißt, hinter denen gewiß keine Urbilder stehen.

Die Geschichten von Jorge Luis Borges oder Jenseitsvorstellungen der Azteken, Freuden oder Leiden, Künste oder Sprachen usw. lassen sich schwerlich als Abbilder interpretieren.

Das wichtigste Beispiel für dieses Mehr-als-objektive-Realität besteht meines Erachtens in den „subjektiven Tatsachen“, von denen Hermann Schmitz beansprucht, sie  entdeckt zu haben:

 

Daß Johannes Soukup heute traurig ist, mögen traditionell Denkende mit viel Phantasie und Aufwand möglicherweise als adäquates Abbild eines objektiven Urbilds verstehen. Wir können das gerne ungeklärt auf sich beruhen lassen, weil es für unsere weiteren Übelegungen belanglos bleibt.

Aber daß ich heute traurig bin, stellt eine subjektive Tatsache dar, bei der eine solche Rückführung auf die objektive Realität mit Sicherheit unmöglich ist , weil ich das Subjekt Johannes Soukup bin und nicht das Objekt bzw. der Mensch mit dem Namen „Johannes Soukup“.  

 

Die traditionell Denkenden müssen also über die objektive Realität hinausgehen und diese – unter anderen um die subjektiven Tatschen – zu ihrer jeweiligen subjektiven Welt ergänzen. Letztere steht für „alles“ und enthält somit

(1) als gemeinsame Partialwelt die objektive Realität und

(2) einen jeweiligen subjektiven Überschuß.

 

Für Menschen, die (an) Gott glauben, bestehen somit grob gesprochen zwei Möglichkeiten.

Zum einen können sie – sowohl als traditionell wie auch als postmodern DenkendeGott in ihren subjektiven Überschuß (2) aufnehmen; etwa unter den subjektiven Tatsachen. Der entscheidende Nachteil eines solchen Glaubens für die Institution Kirche besteht freilich darin, ihn nicht kontrollieren und damit auch nicht als Machtmittel einsetzen zu können.

Daß unsere Überlegungen auf diese Glaubensform hinauslaufen (müssen), bedürfte wohl kaum noch der Erwähnung. 

Zum anderen kann auch Gott und alles, was mit ihm zusammenhängt, traditionell-urbildlich verstanden werden. In diesem Fall (1) bläht sich die objektive Realität enorm auf, weil zum hinterwäldlerischen Kosmos ein ebensolches Jenseits hinzutritt.

 

„Rechtgläubige“ legen zumeist großen Wert auf die Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz oder Diesseits und Jenseits. Das sind aber zumeist nur (leere) Worte, denn die zugehörigen Denkformen stimmen nahezu 100%-ig überein; der Schöpfer ist ebenso vorhanden wie seine Schöpfung.

Er ist freilich der Seiendste, Mächtigste, Größte usw.; auf Gott treffen bestenfalls unsere positiven Superlative zu, die aber doch nur ein quantitative Steigerung bedeuten.

Um dies anzudeuten, hat Heidegger den Begiff der Onto-Theo-Logie von Kant übernommen; er soll darauf hinweisen, daß sich das traditionelle Denken Gottes höchstens unwesentlich von demjenigen des Seins unterscheidet.    

 

Nun kann ich Ihnen kurz und bündig antworten:

Sowohl traditionell wie auch postmodern gibt es nur subjektive Welten; dieses „nur“ müssen wir im Sinne von „allein“ als ausschließend und dürfen es nicht wie „bloß“ als Minderung verstehen.

Meines Erachtens existiert keine objektive Realität, weder eine „physikalische“ noch eine theologische und damit auch kein Dies- oder Jenseits.

Letzteres benötigt nur, wer in traditioneller Form (an) Gott glaubt. Diesseits sowie Jenseits entstehen also gemeinsam und bilden auch gemeinsam die objektive Realität. In dem jeweiligen subjektiven Überschuß wird diese Unterscheidung sinnlos, weil es nur um meine – Sie müßten natürlich ebenso in der ersten Person Singular sprechen – Erlebungen geht.

0.5. Markus Gabriel als Naiver Realist

Dieser Abschnitt enthält einen Artikel, den ich spontan-verärgert für die „Neue Züricher Zeitung“ geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinschätzung der Aktant-Netzwerk-Theorie durch Markus Gabriel entgegenzutreten. Sollte ich mich darin beleidigend ausdrücken, bitte ich um Entschuldigung – obwohl Markus Gabriel es Bruno Latour gegenüber auch getan hat; ich weiß, daß dies keine Rechtfertigung darstellt.

Ich drucke die Rezension hier ab; zum einen in der Hoffnung, daß sie Ihrem Verständnis dienen könnte, und zum anderen um den Exkurs passenderweise mit einem gegenwärtig vielzitierten Naiven Realisten abzurunden.

 

Gabriel schrieb in der NZZ vom 26. 3. 2020 unter anderem:

„. . . Doch auch progressive Intellektuelle, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen schreiben, haben sich in den letzten Jahren einem heillosen Relativismus verschrieben. Zu ihren prominentesten Vertretern zählt der französische Soziologe Bruno Latour. Er hat sich sogar zu der absurden These verstiegen, Ramses II. könne nicht an der Tuberkulose verstorben sein, weil der Erreger erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden sei. Das ist metaphysische Absurdität, wie der analoge Fall der Corona-Krise zeigt:

Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte. . .“

 

An dieser Argumentation stimmt absolut nichts; Latour hat völlig Recht, und die „metaphysische Absurdität“ liegt allein bei Gabriel, weil er scheinbar keinerlei Verständnis für eine ihm fremde Sichtweise aufbringt!

Sein „Neuer Realismus“ ist so neu nicht; er kam um 1912 in den USA auf, wurde aber danach – mit Recht – schnell wieder vergessen, weil der Glaube an eine objektive Realität mindestens seit Kant philosophisch unhaltbar geworden ist und unter ernstzunehmenden Fachleuten bereits im 20 Jahrhundert kaum noch ein Rolle spielte.

Wir haben Überzeugungen, denn wir glauben, was zu glauben wir für richtig halten; mehr kann niemand leisten – aber weniger, nämlich Denkfehler begehen und leere Behauptungen aufstellen.

Um zu verdeutlichen, daß dies bei Gabriel der Fall ist, wähle ich ein möglichst einfaches Modell. Wir benötigen dazu nur zwei Personen, Patient sowie Arzt, und erinnern an einen mittelalterlichen Priester.

 

Ersterer fühlt sich miserabel.

„Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte.“

Ich kann Latour nur beipflichten; was im Weltbild oder Dnken gar nicht vorkommt, kann sich natürlich auch nicht verbreiten.

Latour behauptet doch keineswegs, daß es dem Patienten dann gut gegangen wäre – was Gabriel unausgesprochen vorauszusetzen scheint –; natürlich nicht. Aber niemand kann haben, was keiner kennt. Der Patient würde sich miserabel fühlen; wir wüßten nicht warum, und es begänne möglicherweise ein fieberhaftes Suchen.

Dieses Sich-miserabel-Fühlen hängt nicht vom Weltbild ab, aber sämtliche Erklärungen tun dies. In jedem Weltbild werden andere gegeben, und „Erklärungen“, die wir nicht verstehen oder akzeptieren, sind für uns keine Erklärungen; inexistente natürlich „noch weniger“.

 

Der Arzt hat eine Idee: Covid-19.

Dieser Virus bildet ein Objekt in unserem Weltbild, das nur mittels der anderen Objekte erklärt werden kann und mit ihnen in einem integralen Zusammenhang – eben unserem Weltbild – steht. Es ist hinreichend rund, stimmig und widerspruchsfrei; deswegen hält der Arzt es für richtig, die Corona-Theorie zu glauben.     

 

Ich bin einerseits – mit Gabriel – 100%-ig einverstanden und würde mich als Arzt heute ganz bestimmt ebenso verhalten.

Andererseits hat – entgegen Gabriel – Latour Recht, daß wir eine Erklärung natürlich nur nutzen können, wenn sie in unserem Weltbild vorhanden ist, das heißt, wenn wir sie kennen.  

Zwischen diesen beiden Aussagen besteht auch nicht der geringste Widerspruch. Den konstruiert lediglich Gabriel durch seine naive „metaphysische Absurdität“, daß es Tuberkulose-Erreger und Covid-Viren an sich oder objektiv gibt.

 

Nochmals der Deutlichkeit halber:

Ich kann nicht einschätzen, inwieweit unsere Ärzte, Betreuer, Virologen und Politiker richtig handeln, finde aber, daß sie sich sehr viel Mühe geben und versuchen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden; ich habe sehr viel Achtung vor ihrem Engagement und insbesondere keinerlei Verbesserungsvorschläge. Es wäre einfach lächerlich, wollte ich mir letzteres anmaßen.

Mir geht es nur sehr gegen den Strich, daß Gabriel die Corona-Krise als Werbung für seinen metaphysischen Aberglauben an eine Hinterwelt mißbraucht, ihn als Wissenschaft darstellt und kritische Denker wie Latour eines „heillosen Relativismus“ bezichtigt, nur weil sie seine Naivität nicht teilen.

 

Im Mittelalter hätte ein Priester angesichts unseres sich miserabel fühlenden Patienten vielleicht von dämonischer Besessenheit gesprochen. Die meisten von uns sind sich heute mit Recht völlig sicher, daß diese Diagnose natürlich nichts mit objektiver Realität zu tun hat; und in unser Weltbild passen bei den meisten auch weder Dämonen noch Besessene.

In unser Weltbild; das war noch im Mittelalter eben ein ganz anderes. Damals erwies sich die Erklärung des Priesters wahrscheinlich als hinreichend rund, stimmig und widerspruchsfrei – wie heute die medizinische Corona-Interpretation.

Aus der dämonischen Besessenheit von damals wurden in der Zwischenzeit zumeist psychische Erkrankungen; was es wirklich ist – die Frage nach dem Urbild –, stellt ein Scheinproblem dar. Im Mittelalter befriedigen jene Antworten und in der Moderne diese; ewige Wahrheiten sind uns Menschen nicht zugänglich.  

 

Als Priester hätte ich damals sicherlich auch versucht, den Patienten durch eine Austreibung des Dämons zu heilen. Die meisten Zeitgenossen werden geglaubt haben, daß Patienten wirklich – im Sinne von objektiv-real – besessen seien und Dämonen in ihnen ihr Unwesen treiben würden, obwohl das „nur“ ihrem Weltbild entsprach.

Das ist für uns kaum nachvollziehbar. Aber Gabriel müßte sich schon fragen lassen, ob er nicht auch im Mittelalter, das Denken, das damals – berechtigterweise – en vogue war, als Abbildung „seiner neuen Realität“ verstanden hätte.

Wenn nicht, warum tut er es dann heute?

 

Das  Argument, es gäbe doch offensichtlich einen Fortschritt vom Mittelalter zu uns, denn wir können die Viren unter dem Mikroskop sehen, sticht nicht, denn im Mittelalter hat man die dämonische Besessenheit bei geschultem Blick ebenfalls gesehen. Das gelingt uns heute nicht mehr – so wie im MIttelalter auch keiner Corona sah.

Und da hätten auch die tollsten Mikroskope nicht helfen können. Es gehört zum „Mythos des Gegebenen“ (Wilfrid Sellars), daß objektive Covid-Viren existieren würden, die von uns nur noch einen – und vielleicht sogar den „richtigen“ – Namen bekomen müßten; wie in der Schöpfungsgeschichte. Aber Namen sind völlig inhaltsleer; was ein Covid-Virus ist, läßt sich weder zeigen noch benennen, sondern folgt einzig und allein aus dem jeweiligen Weltbild – sofern es ihn enthält.

Wer Corona oder Tuberkolose für objekiv-real hält, soll uns bitte erklären, warum er dies bei der Besessenheit nicht tut.

1. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen jedoch zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nicht der Wahrheit entsprechen müssen, so daß wir allen Grund haben, bescheiden und offen zu sein sowie den Anderen, so wie er ist, zu akzeptieren.

 

Das bedeutet keineswegs, daß sämtliche Kritik entfällt; sehr wohl aber, daß wir verinnerlichen:

Meine Kritik ist nur meine Kritik; subjektiv und fehlbar; ebenso unsicher wie mein gesamtes Weltbild und meine angebliche Autonomie.

Warum denke ich so, wie ich denke?

Weshalb bin ich sogar überzeugt, so denken zu müssen?

Welche Scheuklappen versperren mir den Blick auf noch ganz andere Möglichkeiten?

Soll ich tatsächlich weiser sein als Karl Jaspers‘ „maßgebliche Menschen“ Sokrates, Buddha, Nagarjuna, Jesus oder Konfuzius, die total anders gedacht haben?

Woher resultiert überhaupt die Annahme, daß ich denken würde? Könnte es nicht sein, daß „es“ in mir oder durch mich – hindurch – denkt?

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel von der Tradition – bestehend aus Antike, Mittelalter und Moderne – zur Postmoderne bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg zur Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute hier zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den allermeisten von uns geht es zum Glück viel besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens.

Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung bzw. meinem Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle; es ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.

 

Das bezieht sich nicht nur auf ein „Jenseits“, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- und unterscheidend Christliche.

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“:

„Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das jedoch – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, seinen Inhalt oder Sinn.

Auf der einen Seite faßte Viktor E. Frankl – der „dritte Wiener Psychotherapeut“ – seine Lebenserfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt“. Aus seinem Munde hat eine solche Überzeugung Gewicht, denn Frankl überlebte Dachau sowie Auschwitz, wo sein Bruder, seine Frau und Eltern ermordet wurden.

Auf der anderen Seite können wir das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche und gelangweilte Millionäre sind nichts Besonderes.  

 

Ich bleibe also – mit der Tradition dabei –, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – zumeist entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

In unserem Buch geht es um beide, weil sich das Warum gar nicht vom Wie trennen läßt. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde (mit)bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen, entweder jeden Schritt als folgerichtig zu erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachzuvollziehen oder ihn – mit guten Gründen – abzulehnen. Ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter.

 

Um Ihnen das Lesen zu erleichtern, versuche ich, alle Gedankengänge so vollständig wie möglich darzustellen. Bei einem Geflecht von Überlegungen ergeben sich daraus zwangsläufig Überschneidungen, das heißt, redundante Wiederholungen. Die nehme ich bewußt inkauf, um Ihnen wenigstens das laufende Grübeln oder Blättern im Text zu ersparen.

Hinter mit liegt ein Denkweg, für den ich Jahrzehnte benötigt habe. Wenn Sie ein Stückchen brauchen, um meine Überlegungen nachvollziehen zu können, ist das also nicht sonderlich schlimm und immer noch „erfolgreich“.

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken bzw. Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

„Herr Müller sagt aber . . .“

Na und? Frau Meier meint auch etwas.

Winston Churchill schrieb: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl, und Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß (fast) nur eigene Anstrengungen zur Erfüllung führen oder glücklich machen können.

1.1. "Methode"

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“. In diesem Bemühen sah Georg Picht den Sinn des Philosophierens.

 

Ich glaube nicht an die eine objektive (Welt-)Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist.

Es gibt jedoch unsere subjektive Vernunft, die auf den eigenen Lebenserfahrungen basiert. Ein objektiverer oder „höherer“ Maßstab ist uns nicht zugänglich, denn wir sind Menschen, die stets an ihr singuläres Hier und Jetzt gebunden bleiben.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Bei weltanschaulich-religiösen Fragen, die nicht durch Erfahrungen beantwortet werden können, lege ich den größten Wert auf das eigene Denken. Der Verzicht auf letzteres entspricht dem Freifahrtschein alles – und natürlich auch das glatte Gegenteil davon – behaupten zu können, weil dann jede Möglichkeit einer Überprüfung entfällt.

Wegen dieses Fehlens der Falsifizierbarkeit wurden beispielsweise viele Schulen der Tiefenpsychologie von ihren Gegnern nicht als seriös oder gar wissenschaftlich anerkannt. Das gilt natürlich auch für jede Theologie, die sich letztlich auf Äußerungen des Lehramts beruft.   

Denken bedeutet, im Diskurs oder Streitgespräch auf die Willkür der eigenen Meinung zu verzichten, damit „der zwangslose Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas) beide Seiten weiterbringt. Dieser Verzicht auf Beliebigkeit ist zugleich ein Gewinn an Freiheit, denn letztere besteht – nicht im Umfang der Wahlmöglichkeiten, sondern – darin, aus Gründen zu handeln; zu ihnen können blinder Glaube oder Kadavergehorsam niemals gehören.  

Friedrich Nietzsche konnte deswegen sagen: „Ich habe nie ein Wahl gehabt.“ 

 

Ich wiederhole mich bewußt:

Über einen höheren Maßstab als unsere subjektive Vernunft verfügen wir tatsächlich nicht, so daß es mir auch nicht um eine aus uns selbst kommende Autonomie gehen kann. Wir stehen – nur optisch, aber – nicht wirklich auf eigenen Beinen; mit der gleichen Überzeugung wie oben setze ich Kants Zitat also fort:

Ignorare aude; habe ebenfalls den Mut, Deine Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Grenzen usw. anzuerkennen. Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht – und bist damit abhängig; Selbstbestimmung ist etwas anderes als Autonomie:

 

Wir bestimmen uns selbst in Freiheit zu dem, der wir dann sein werden; nur so ist ein – mit sich selbst – identisches Selbst möglich. Kein Gott kann das schaffen; das können wir nur selbst – aber nicht autonom, aus eigener Kraft oder uns selbst heraus, sondern allein, weil uns die Möglichkeit dazu geschenkt wird.

Wir können nur mit dem identisch sein, wozu wir uns selbst bestimmt haben; ein von Gott „geschaffenes Selbst“ wäre als fremd- und nicht selbstbestimmtes kein Selbst – sondern ein hinterwäldlerisches Urbild.

 

Beide Aussagen zusammengenommen bedeuten, daß uns als Subjekte eine Freiheit auszeichnet, die wir einem oder einer Anderen verdanken.

Viele „Atheisten“ lehnen dieses Andere mit Recht ab, weil sie eine Vorstellung davon haben, zu der ich ebenfalls nur „nein“ sagen könnte.

Manche „Rechtgläubige“ kennen das Andere angeblich sehr gut und können uns viel darüber erzählen; völlig unabhängig von den entsprechenden Inhalten glaube ich das ebenfalls nicht.

Wir bemühen uns dagegen um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der in dem Bemühen besteht, das Andere als Geheimnis deutlich werden oder aufleuchten zu lassen.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, daß wir „zur Freiheit verdammt“ seien; aber richtig bleibt hieran, daß auch das „Nicht-Entscheiden-Wollen“ – im Sinne davon, andere für uns denken, glauben oder wissen zu lassen – ein freies Entscheiden darstellt.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit stets als willkürlich oder beliebig.

Das bedeutet freilich nicht, daß ein derartiges Gedöns belanglos sei oder keine Konsequenzen hätte. Wäre dem so, könnten wir es generös auf sich beruhen lassen; aber alle politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, daß zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann

 

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Transzendenz“, „Dreifaltigkeit“, „Subjekt“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Geheimlehren als auch von Rätseln.

Erstere bilden Märchen für Erwachsene; versuchen wir ihnen auf die Spur zu kommen, verflüchtigen sie sich zumeist sehr schnell.

Geheimnisse sind dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender – eben geheimnisvoller –, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie – sowohl die Wissenschaften als auch die Rätsel – sind nur (von uns) konstruiert.

Geheimnisse gehören jedoch zur Wirklichkeit und sind keine bloßen Konstruktionen. Das Leben stellt für mich persönlich ein Geheimnis dar, und wir dürfen die – lediglich rätsellösende – Biologie nicht als Wissenschaft vom Leben betrachten.

Die Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offener sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

 

Nun haben wir lediglich gesagt, worin die Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, nicht bestehen; und worin bestehen sie?

Diese Frage sollte unser Exkurs bereits beantwortet haben; sein Ergebnis können wir folgendermaßen zusammenfassen:

1. Es gibt keine objektive Realität.

2. Sowohl im Alltag als auch im Glaubensleben, in den exakten Wissenschaften und der Theologie wird sie jedoch ständig vorausgesetzt.

3. Was wir „objektive Realität“ nennen, ist somit lediglich eine erfundene Hinterwelt.

4. Dieses Inexistente bzw. Hinterwäldlerische ist natürlich prinzipiell unkontrollierbar, so daß an seiner Stelle ausnahmslos alles willkürlich behauptet werden kann, was in sich widerspruchsfrei ist.

5. An einem derartigen x-beliebigen Blablabla wollen wir uns und darf sich ein Denken, das als solches ernstgenommen werden möchte, nicht beteiligen.

1.2. Igel und Fuchs

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert.

Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit 50 Jahren umtreibt. Provoziert wurde sie nicht zuletzt durch meine berufliche Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie, und das Buch stellt den Status quo meiner bisherigen Entfaltung dieser Idee dar, die hoffentlich noch keine letzte Formulierung erreicht hat.

 Ich wechsle mitunter zur ersten Person Singular, ohne im weiteren nochmals darauf hinzuweisen. Darin kommt keine Egomanie zum Ausdruck, sondern mein Bemühen, mich möglichst verständlich auszudrücken.

 

1. Vom Außerhalb meiner Psyche kann ich absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen Blablabla, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

Natürlich kann es unvorstellbar große Konsequenzen für unser Leben zur Folge haben, ob wir im Außerhalb des Bewußtseins entweder A oder non-A glauben. Aber nichtsdestotrotz läßt sich die entsprechende Annahme absolut nicht begründen. Wir leben dann eben anders; können auch einen Grund dafür nennen – wissen aber keinen.

 

AD: „Aber woher sollen wir dann überhaupt von A wissen?“

Wir besitzen alle irgendein subjektives Weltbild; Sie und ich zum Beispiel. Zwischen diesen Weltbildern bestehen sowohl viele Übereinstimmungen als auch möglicherweise große Differenzen. Das versteht sich von selbst, wie unsere Erfahrung lehrt, und ist auch völlig unproblematisch.

Der entscheidende Punkt besteht meines Erachtens darin, daß unsere Weltbilder nichts mit einer angeblichen objektiven Realität zu tun haben – können sie ja auch nicht, wenn es keine gibt, wie wir glauben –, sondern das Resultat unseres bisherigen Lebens darstellen. Wir haben gehört und gelesen, gesehen und nachgedacht oder wurden enttäuscht und überrascht; als Ergebnis all dieser Erfahrungen denken wir gegenwärtig so, wie wir gegenwärtig denken.

 

AD: „Und dafür existiert keinerlei Rechtfertigung?“

Aber sicher; sie besteht in meinem Leben; hätten Sie es gelebt, besäßen Sie auch mein Weltbild.

Was es nicht gibt, ist ein Beweis für seine Richtigkeit im traditionellen Sinne; eine „zeitlose Rechtfertigung aus dem gegenwärtigen Stand heraus“ gewissermaßen, in der man glaubt, das Weltbild mit der Wirklichkeit vergleichen zu können.

 

Zurück zu Ihrer Ausgangsfrage:

Wir wissen von A, sofern es zu unserem Weltbild gehört; in der Schule oder wo auch immer wurde uns vielleicht davon erzählt.

Traditionell stellt man sich nicht zuletzt Gott zumeist so vor; aber ein solcher „Gott“ ist – wie das gesamte Weltbild – nur eine menschliche Konstruktion und kann somit kein wirklicher Gott sein.

 

2. Ich habe also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich mein Leben auf das Außerhalb meiner Psyche auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in meine Psyche gelangt; erst wenn es sich bereits darin befindet, ist mir das Resultat zugänglich.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihrer Psyche,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechende Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem Blablabla entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige Blablaba von jedem falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, politische, esoterische oder sonstige Blablablas handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren „Wahrheit“ durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte – was möglicherweise zu einer Korrektur des Lebens führt –, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“.

 

AD: „Sie würden diesbezüglich also vorschlagen, nichts zu glauben, wofür keine Anzeichen innerhalb der eigenen Psyche sprechen?“ 

Ich würde Ihnen nur allzugerne zustimmen; aber leider ist die Wirklichkeit viel komplizierter, als Sie – Ihrer Frage entsprechend – zu vermuten scheinen:

Völlig unabhängig davon, ob sich das, was wir glauben nur innerhalb unserer Psyche befindet oder angeblich auch außerhalb von ihr lokalisiert sein soll, bestimmt es unsere Erlebungen mit.

Es gibt keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten – wie sich die moderne Wisenschaft das am Beginn ihrer Entwicklung erträumt hatte –, sondern all unsere Erlebungen sind abhängig vom eigenen Weltbild. Es werden sich also stets hinreichend viele Hinweise auch auf unsere abstrusesten Überzeugungen finden lassen, so daß wir immer sagen können:

„Siehst du; ich habe es doch schon immer gewußt!

Das ist endlich der unbezweifelbare Beweis dafür, daß meine ‚Verschwörungstheorie‘ doch keine Verschwörungstheorie, sondern eine hellsichtige Diagnose der Wirklichkeit war.“

 

Nochmals ganz deutlich:

Ich bestreite damit keineswegs, daß ein Außerhalb meiner Psyche existiert – das wäre wohl auch mehr als absurd –, sondern sage lediglich, daß es mir gegenwärtig absolut unzugänglich ist.

Vielleicht – oder besser: hoffentlich – gelingt mir in Zukunft ein kleiner Zugang zu diesem gegenwärtigen Außerhalb.

Durch die ihr fehlende Zeit kann die Tradition Derartiges gar nicht denken; eine eventuelle Transzendenz muß dann der Immanenz als das ganz Andere statisch-dualistisch gegenüberstehen. Die Zeit des Übergangs reduziert sich notgesrungen auf den „Jüngsten Tag“, an dem „Gott alles neu machen wird“.

1.3. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches; wir haben nur die Alternative zwischen einem stets ergebnisoffenen Selbst-Denken – sprich: Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon sagen kann, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, weiß nicht, was Denken bedeutet und ist Ideologe.

Mich interessiert absolut nicht, wer irgendwas sagt, sondern lediglich, was irgendwer vernünftig begründet. Würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial als die Einsteinsche.

Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner eigenen Wahrheit näher zu kommen. Die steht natürlich in keinem Buch; auch beim Schreiben versuche ich stets, mir dessen bewußt zu sein.

 

Hochkomplexe bzw. abstrakte Entitäten („Dinge“) – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erfahren; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, war es gelogen. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verkündigung, gesellschaftlichem Engagement und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist nicht rein, sondern gar nichts.

Auf der einen Seite darf keine einzelne Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also beispielsweise nicht mit dem Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten gleichgesetzt werden – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs-, Weihnachts- oder Emmausgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden. Das bedeutet insbesondere, daß er sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

Stellen aus „Heiligen“ Schriften sind dabei nicht besser gestellt als solche aus profanen, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht für den Glauben, aber – theologisch ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein passabler Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen, hermeneutischen und sprachlichen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda), in denen zum Beispiel steht: „Wenn Du den Buddha siehst, töte ihn.“

 

Theologisch sind die Aussagen des Lehramts für mich ebenfalls nur Meinungen, die man in einer Demokratie natürlich haben darf. Einen Mehrwert würden auch sie – wie sämtliche Meinungen – erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft oder Fruchtbarkeit, saubere Begründung, Zeitgemäßheit und ähnliches erhalten. Daß sich dies beim Lehramt anders verhalten soll, scheint mir nicht gerade aus dem Evangelium hervorzugehen; denken wir nur an den Streit zwischen Petrus und Paulus.

Wenn Johannes Paul II und einzelne seiner Nachfolger beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertraten bzw. vertreten, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereiten sie zwar ihrer kirchlichen Institution – wegen deren Selbstverständnisses – größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn der haben sämtliche bloßen Meinungen gleichgültig zu sein.

Sie müßten so begründet werden, daß ich es verstehe und guten Gewissens zustimmen kann. Eine „Begründung“, die mir nicht einleuchtet, ist für mich keine Begründung, denn im Verstanden-Werden und Nachvollziehen-Können besteht der Sinn aller Erklärungen oder Rechtfertigungen – nicht in einem bloßen Behaupten der Wahrheit. 

 

Die Ergebnisse, zu denen die Theologen gelangen, sollten ihnen helfen, ihren Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene Inhalte anzunehmen und zu leben resp. abzulehnen und zu ignorieren. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute theologisch relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, ge(g)eifert und „gefühlt“.

Nur wer selbst denkt, kann irren; das ist also eine Auszeichnung. Das Irren macht den Denkenden auch niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man nicht durch Denken, sondern allein durch das Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen.

 

Mit den nachfolgenden drei Zitaten von Hans-Joachim Höhn kann ich mich voll identifizieren:

„Wer Theologie studiert, muß lernen, daß Frömmigkeit nicht vor Leichtgläubigkeit schützt. Wer nur etwas bezeugt, ohne davon auch überzeugen zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Den Glauben zu festigen, vermag keine Theologie, der die Frömmigkeit ihres Anstrichs wichtiger ist als ihre wissenschaftliche Redlichkeit.“

„Wie man durch das Medizinstudium nicht gesünder wird, sondern am Ende weiß, was Gesundheit und Krankheit sind – wie man durch ein Jurastudium nicht  gerechter wird, sondern am Ende Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß, so wird man durch ein Theologiestudium nicht gottesfürchtiger, sondern lernt zu unterscheiden, wer oder was es in Wahrheit verdient, nicht ‚Gott‘ genannt zu werden, und auf wen man sich stattdessen im Leben und Sterben verlassen solte.“

„Die Theologie ist nicht dazu da, ihre Adressaten gläubiger zu machen. Sie hat vielmehr jenes Wissen über und vom christlichen Glauben zu vermitteln, das zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll macht. Sie hat zu zeigen, daß man nicht an Gott glauben kann, ohne dabei auf neue Weise ins Nachdenken zu kommen, und daß man beim Nachdenken über erste und letzte Fragen mit guten Gründen auf den Gedanken kommen kann, dabei an Gott zu denken.“ 

 

Aber mit guten Gründen kommen wir darauf meines Erachtens nur bei einem – nicht unbedingt superintelligenten, sehr wohl aber – blitzsauberen Denken.

Versuchen wir, das damit Gemeinte am Beispiel der Dreifaltigkeit Gottes zu verstehen.

Ich bestreite sie in keiner Weise, sondern ergänze nur, was an dieser Stelle zumeist vergessen wird; nämlich, daß ein solcher Glaube unter anderem die Behauptung impliziert, Gott sei weder zwei- noch vierfaltig.

Das sind drei verschiedene Möglichkeiten, von denen nur die „mittlere“ wahr sein soll. Wer das glaubt, müßte uns also erklären können, was bei einem zwei- bzw. vierfaltigen Gott an unseren Erfahrungen anders wäre. Übergehen wir das nonchalant oder finden keine vernünftigen Antworten auf diese  Fragen, dann ist die Aussage, Gott sei dreifaltig, gegenstandslos.

Was würde sich beim Glauben an einen x-faltigen Gott ändern? Kein Ahnung? Nichts?

Gregory Bateson sprach diesbezüglich von „einem ‚Unterschied‘, der keinen Unterschied macht, und damit auch keinen Unterschied darstellt“. Können wir nicht angeben, zu welchen abweichenden Erfahrungen ein zwei- oder vierfaltiger Gott führen würde, macht der Glaube an den dreifaltigen keinen Unterschied. 

 

AD: „Das weiß ich doch sogar!

Es geht hierbei um Vater, Sohn und Heiligen Geist. Bei einem zweifaltigen Gott wäre das eine Person zu viel, und für einen vierfaltigen würde eine fehlen; manche hätten ja Maria ganz gerne in dieser Rolle.“

Das ist keine gute Antwort, sondern ein weiteres Beispiel für die Geschichten, von denen ich oben gesprochen habe; sie stabilisieren und tragen sich wechselseitig. Da lassen sich problemlos beliebig viele widerspruchsfreie Erweiterungen des Gedankengebäudes erzählen. Aber sein Umfang macht es nicht nützlicher und damit auch nicht wahrer, sondern was wir benötigen, sind aus diesem Konstrukt ableit- und kontrollierbare Erfahrungen

Worin soll die Wahrheit einer Religion bestehen, wenn sie uns nicht hilft zu leben?  

 

Die philosophisch denkenden Theologen, denen ich in diesem Sinne am meisten verdanke, sind vielleicht Giorgio Agamben, Kurt Appel, Dietrich Bonhoeffer, Klaus Hemmerle, Markus Knapp, Thomas Schärtl, Klaus von Stosch und Jürgen Werbick sowie die Vertreter der „Dramatischen Theologie“ in Innsbruck, insbesondere Willibald Sandler.

1.4. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach (wie Mathematik oder Ökonomie beispielsweise) ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. Bemerkungen der Form „wie man weiß . . .“, „es ist allgemein bekannt, daß . . .“ oder „. . . im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). (Sorry; die beiden heißen wirklich so . . .)

Ich versuche, das zu beherzigen, und schreibe das Buch für Nachdenkliche oder Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

Es hilft wohl niemanden, wenn ich aufzähle, welche Denker mir besonders viel gegeben haben, wenn Sie mit ihnen nichts anfangen können. Wesentlich aussagekräftiger dürften dagegen einige bekannte Namen sein, mit denen Sie vielleicht charakteristische Intentionen verbinden können.

Aufseiten der Subjekte und ihres Lebens verdanke ich Michel Henry, François Jullien, Emmanuel Levinas, Guido Rappe, Paul Ricœur und Hermann Schmitz sehr viele Gedanken, für deren Formulierung mir häufig sowohl die Einsicht als auch der Mut gefehlt hätten.

Bezüglich der Objekte greife ich aus dem gleichen Grund insbesondere auf Gotthard Günther, Jacques Lacan, Charles Sander Peirce und George Spencer-Brown zurück.

Im Zusammenspiel beider Seiten scheint es mir möglich, die traditionelle Subjekt-Objekt-Spaltung – zumindest – ein wenig abzufedern. Bei den entsprechenden Überlegungen haben mir Stanley Cavell, Martin Heidegger, Edmund Husserl, David Loy, Josef Mitterer, Georg Picht, Heinrich Rombach, Josef Simon und (der späte) Ludwig Wittgenstein vielleicht am meisten geholfen.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme. Auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen. Sie sollen diese freilich nicht einfach wiederholen, sich jedoch als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals auf dergleichen gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch, theologisch oder psychologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, jüdischen oder atheistischen Ansätzen teilweise sehr nahesteht. Bei letzteren habe ich freilich einen „anderen, das heißt, durchdachten Atheismus“ (Gregor Maria Hoff) vor mir, wie wir ihn möglicherweise von Albert Camus, Martin Heidegger, Bruno Latour, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk oder Martin Walser kennen.

Aber das wird natürlich erst deutlich, indem wir selbst denken, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

1.5. Zur Situation der römisch-katholischen Kirche

Nicht der Glaube befindet sich meines Erachtens in einer tiefen Krise oder mehr als bedenklichen Situation, sehr wohl aber die römisch-katholische Kirche in ihrer tradierten Form. Kann sie letztere nicht möglichst schnell überwinden, drohen ihr – mit Recht und ohne, daß ich dies bedauern würde – der Verlust jeglicher gesellschaftlichen Relevanz sowie ein sektiererisches Dasein. Ein „Heiliger Rest“ an „Rechtgläubigen“ wird natürlich – wie bei jeder anderen Institution auch – stets übrigbleiben und sich großartig, treu und tapfer finden. 

 

Das Grundproblem sehe ich in dem Anspruch, mit dem depositum fidei (Glaubensschatz) durch die Offenbarung Gottes in Christus eine absolute Wahrheit anvertraut bekommen zu haben, die es gilt, bis zu seiner Wiederkunft identisch zu bewahren und unfehlbar auszulegen. Auf dieser Annahme gründet nicht nur das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche als societas perfecta, sondern sie bildet auch die Grundlage ihrer Dogmatik sowie des Priesterbildes und degradiert alle Christen zu Nachlassverwaltern.

Wäre das mit der absoluten Wahrheit tatsächlich so, würden die Traditionalisten oder Konservativen natürlich alles richtig sehen und ich könnte mich für meine vorlauten Äußerungen im ersten Absatz soeben nur entschuldigen.

Das tue und brauche ich aber nicht, denn daß eine Aussage wahr – oder gar absolut wahr – sein soll, müßten ihre Vertreter zumindest seit der Moderne irgendwie aufweisen.

 

In der Vergangenheit ging das möglicherweise recht einfach durch ein bißchen Geistesakrobatik. Noch in den 80-er Jahren sagte ein renommierter Theologie-Professor zu mir: „Keiner glaubt, daß Uhren ohne Uhrmacher entstehen könnten; aber bei dieser tollen Schöpfung bezweifeln heutzutage viele Menschen die Notwendigkeit  eines Schöpfers.“

Natürlich war das ein bißchen naiv; aber das eigentliche Problem liegt tiefer:

Um sinnvoll miteinander argumentieren zu können, benötigen wir eine gemeinsame geistige Basis; andernfalls nimmt das Rückfragen kein Ende. Ein solcher Ausgangspunkt war in der Vormoderne stets gegeben, denn es existierte die eine Wirklichkeit für alle.

Die Moderne bildet dagegen „die Zeit der Weltbilder“ (Heidegger); es gibt sie keineswegs schon „immer“, wie wir vielleicht dachten.   

 

Damit ist die für ein fruchtbares Gespräch notwendige Basis nun nicht mehr selbstverständlich; die theoretische Wahrheit wird weltbildabhängig und damit der christliche „Glaube zu einer Option“ (Hans Joas) neben vielen anderen. 

Warum sollten die Menschen der Moderne gerade in die römisch-katholische Kirche kommen? Was spricht noch für sie – insbesondere bei der gegenwärtigen Außendarstellung?

Die Kirche muß ungekehrt zu den Menschen gehen und – nicht werben, aber – überzeugen, daß ausgerechnet sie den besten Weg zur Fülle des Lebens haben soll.

 

Die traditionelle Argumentaion läuft diesbezüglich stets darauf hinaus, daß Gott selbst die absolute  Wahrheit ist und damit auch seine Botschaft prinzipiell durch nichts infrage gestellt und von niemandem guten Gewissens angezweifelt werden kann; all das wäre schlimmste Hybris (Gotteslästerung).

Aber daß das, was die Kirche vertritt, tatsächlich der Botschaft Gottes entspricht, muß man natürlich glauben – oder tut es eben auch nicht (mehr).

Die Kirche „beweist“ die „Wahrheit“ ihrer Lehre damit, daß Christus Gott sei und der Kirche das offenbart habe, das heißt, mit ihrer eigenen Lehre von Christus. Zum einen enthält diese Unlogik natürlich einen Zirkelschluß, und zum anderen läßt sie sich völlig analog und problemlos auf alle anderen Religionen übertragen. (Paul Weß setzt sich sowohl verständlich als auch umfangreich mit dieser Problematik auseinander.) 

   

Wenn eine theoretische Hinführung zu Gott seit der Moderne kaum noch möglich ist, die Kirche heutzutage aber überzeugen muß – wie soll sie das denn machen?

Zwei Punkte scheinen mir hierbei – wahrscheinlich neben vielen anderen – besonders wichtig zu sein:

 

1. Die Kirche ist keine Institution – weder eine Hierarchie der Priester noch ein Lehramt –, sondern der Leib Christi, der dem Zweiten Vatikanum zufolge aus dem „Priestertum aller Getauften“ (Luther) hervorgeht. 

Das bedeutet freilich, daß es auf mich persönlich ankommt; ich müßte versuchen, Christus – so ähnlich wie möglich – oder transparent für Gott zu werden, damit die Menschen auch durch mich hindurch die Liebe Gottes schauen können.

In dem Maße, wie mir das gelingt, könnten die Menschen heute durch mich Gott erfahren – wie dies vor 2000 Jahren bei Jesus möglich war.

 

2. Wir haben entsetzlich viele Theorien im Kopf, die uns den Weg zu einer Gotteserfahrung versperren, das heißt, die die Idee, das soeben Gesagte könne vielleicht sogar stimmen, gar nicht erst aufkommen lassen.

Das betrifft natürlich zum einen unsere Weltbilder.

Vielleicht sind sogar welche darunter, die sich mit meinem Verständnis von Glauben absolut nicht vereinbaren lassen; aber daß sehr viele der modern Weltbilder das Glauben zumindest massiv erschweren, dürfte unbestreitbar sein. Was soll ein überzeugter Materialist mit der Idee Gottes anfangen? Er braucht doch nicht einmal die Liebe oder das Leben, die sich seines Erachtens letztlich auf Hormone bzw. Autopoiese zurückführen lassen. 

 

Aber zum anderen finde ich es noch viel schlimmer, daß der Glaube kirchenintern als das Für-wahr-Halten von zum Teil geradezu absurden Geschichten und Behauptungen dargestellt wird:

Gott hat eine Welt geschaffen, Jesus war Gott und Maria Jungfrau, die Auferstehung von beiden geschah körperlich, Unfehlbahrkeit des Papstes, es gibt einen Teufel, Dreifaltigkeit; die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

 

„Ich mußte dem Wissen Grenzen setzen, um für den Glauben Platz zu schaffen“ schrieb Kant in seiner Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft.

Das ist mehr als mißverständlich, läßt sich jedoch leicht geraderücken:

Wir müssen dem Scheinwissenauf beiden Seiten – Grenzen setzen, um für den Glauben Platz zu schaffen.

 

Dieses Ziel veranlaßte mich, das vorliegende Buch zu schreiben.

Letztlich will ich Ihnen zeigen, daß es überhaupt keine wahren Gedanken, Theorien, Paradigmen oder Weltbilder geben kann. Darin besteht meines Erachtens das wichtigste Ergebnis der Postmoderne; die Zeit der Weltbilder war nur kurz.

Das bedeutet aber keine Abschaffung der Wahrheit, sondern stellt uns vor die Aufgabe, sie nicht mehr als eine solche von der objektiven Welt und einem ebensolchen Gott, sondern als eine Wahrheit meines subjektiven Lebens zu denken.

 

Damit erübrigt sich auch das peinliche Gerede von einer angeblichen „Diktatur des Relativismus“ (Joseph Ratzinger), dessen penetrantes Nachplappern durch die „Rechtgläubigen“ Fremdschämen bewirkt:

Dieser Unbegriff setzt voraus,

– daß die Wahrheit die Form von Aussagen besitzt – was griechisch, aber ncht christlich ist –,

– und könnte höchstens von demjenigen erhoben werden, der sich nachweislich im Besitz der nicht-relativistischen Wahrheit befindet.

 

Ein zweites Schlagwort, das im engen Zusammenhang damit steht, ist die Anpassung.

Wer nur alte Worte wiederholt, denen kein Sitz im Leben mehr zukommt, paßt sich zwar nicht an, wird aber immer verschrobener und befindet sich auf dem Weg in eine Parallelgesellschaft; er geht nicht als Licht auf den Berg, sondern als Sonderling in den Keller.

Um gehört und verstanden werden zu können, dürfen wir kein Kirchenlatein, sondern müssen die Sprache unserer Zeit sprechen. Das hat absolut noch nichts  mit Anpassung zu tun, sondern ist erst die notwendige Voraussetzung dafür – freilich auch für Widerspruch.  

 

Daß meine an Holzschnitte oder eher noch Kettensägekunst erinnernde Darstellungsweise sinnvoll sein kann, versucht Heinzpeter Hempelmann ganz in meinem Sinne, aber in einem anderen Zusammenhang zu verdeutlichen:

„Ich rechne damit, daß dieser Text auf ebenso energischen, teilweise empörten Widerspruch stoßen wird wie auf dankbare Zustimmung. Möglicher Hauptangriffspunkt ist die notwendige flächige, weit ausgreifende und nicht um tausend Differenzierungen bemühte Darstellung, die auch als gewalttätig, unfair und ungerecht empfunden werden kann.

Der moderne Diskurs ist gekennzeichnet durch das Bemühen um Differenzierungen. So notwendig diese an ihrem Ort sind, so sehr kann der Diskurs eine im Endeffekt lähmende Wirkung entfalten. Schlicht formuliert: Man sieht  vor lauter Bäumen, Ästen und Zweigen den Wald nicht mehr.

Es fehlt das Gesamtbild, das letztlich handlungsleitend und zielgebend sein muß.

Mein Resultat ist ein Wucht-, aber kein Wut-Text; apodiktisch im Ton, ohne Ausreden und Schminke, sicherlich korrektur- und ergänzungsbedüftig, mindestens aber ein Versuch, verschiedene Gründe zu benennen, warum . . .“

. . . wir uns vom traditionellen Denken verabschieden sollten.

 

Speziell für die katholische Kirche konstatiert Thomas von Mitschke-Collande in seinem Buch „Schafft sich die katholische Kirche ab?“ eine Glaubens-, Vertrauens- und Führungskrise, eine Autoritäts-, Struktur- sowie Vermittlungskrise.

Wenn Mitschke-Collande damit Recht hat, würde das freilich erklären, weshalb wir trotz der „Probleme der Wohlstandsgesellschaft“ alles andere als einen Boom der Kirche erleben

1.6. Postmoderne

Ich stelle unsere Überlegungen ganz bewußt als postmoderne den traditionell ausgerichteten gegenüber. Versuchen wir in diesem Kapitel, beide Geisteshaltungen ein wenig zu charakterisieren.

Bei der Tradition gilt es zumindest zwei Punkte deutlich auseinanderzuhalten.

 

In weiteren Sinne fassen wir darin drei Phasen der abendländischen Geistesgeschichte zusammen, nämlich die Antike, das Mittelalter und die Moderne, wobei letztere zusammen mit der Postmoderne die Neuzeit bildet.

Die so verstandene Tradition vereint der feste Glaube an irgendeine – wie auch immer gestaltete – objektive Realität, die unabhängig von uns ist und der wir uns folglich unterzuordnen oder anzupassen haben

In der griechischen Antike war das der (nicht-physikalische) harmonische Kosmos, so daß die Philosophie im wesentlichen eine Kosmologie darstellte. Sie hatte mit der heutigen natürlich nahezu gar nichts gemein, so daß auch Schönheit oder Ästhetik, die Zahlenmystik der Pythagoräer und Platonische Ideen problemlos darin untergebracht werden konnten.

Das christliche Ära zwischen Antike und Mittelalter ging von Gott aus, der uns gemeinsam mit seiner Schöpfung vorgegeben ist; wir haben Gottes Willen zu folgen, aus dem dann später das Naturrecht hervorging. Die Philosophie wird im Kern zu Theologie und das teilweise so enggeführt, daß Heidegger sinnvoll von einer Onto-Theologie sprechen konnte.    

In der Moderne wird die Schöpfung zur Natur oder Materie, die Philosophie zur Anthropologie und die – sich nun erst daraus abspaltende – Wissenschaft weitgehend zum Materialismus, das heißt, zu der Annahme, die uns vorgegebene objektive Realität bestände letztlich aus Materie, so daß wir irgendwann ausnahmslos alles allein mittels der Physik und ihren Folgedisziplinen – wie Chemie, Biologie, Medizin oder Psychologie – verstehen werden.

Ein solches Denken bildet natürlich die ideale Basis für alle Totalitarismen jeglicher Couleur, weil die unsinnigsten Behauptungen möglich sind und von den systemtragenden „Experten“ gerechtfertigt werden können.

 

Die Tradition im engeren Sinnen besteht allein in der Moderne; nun wurde die objektive Realität so vielgestaltig, daß es notwendigerweise zu einer „Funktionalisierung der Gesellschaft“ (Niklas Luhmann) kam, das heißt, zu deren immer stärkeren Zerfall in getrennte Teilbereiche, die sich kaum noch etwas zu sagen haben; Sport, Wirtschaft, Vereinswesen, Bildung, Familie, Erziehung, Verwaltung, Juristerei, Freizeit, Religion, Wissenschaft usw.

An letzterer können wir uns diese Entwicklung besonders leicht verdeutlichen: Der zu untersuchende Bereich des uns angeblich Vorgegebenen wird für den Fachmann immer kleiner, und die sogenannte „Interdisziplinarität“ besteht zumeist nur darin, daß völlig disparate Artikel, deren Autoren sich kaum noch über ihre Forschungsrichtungen austauschen können, zwischen den gleichen Buchdeckeln zusammengebunden werden.

Noch im Mittelalter verhielt sich das ganz anders, weil das Leben sowohl des Einzelnen als auch der Gesellschaft weitestgehend durch den Glauben geprägt war. Das wird besonders am Jahres-Rhythmus deutlich, der im Sinne des christlichen Kalenders von Feier-, Gedenk-, Todes- und Namenstagen bestimmt wurde.

Natürlich gab es auch damals verschiedene Sphären oder Bereiche, aber sie waren alle durch den gemeinsamen und selbstverständlichen Glauben zusammengehalten; er bildete – nicht nur das vereinende Band, sondern – den integralen Hintergrund, vor dem die moderne Funktionalisierung der Gesellschaft schwerlich denkbar gewesen wäre. 

 

Diesem Flickenteppich der Gesellschaft versucht die Postmoderne entgegenzuarbeiten; nicht zuletzt, indem sie betont, daß wir – nicht über etwas und damit fast jeder über etwas anderes, sondern – miteinander sprechen. Dabei treffen Wissungen auf Wissungen oder Überzeugungen auf Überzeugungen – ganz ohne alle Urbilder.

Existierten letztere und bezögen sich unsere Wissungen darauf, würden diese immer umfangreicher werden, so daß gegen die weitere Aufspaltung der Einzelwissenschaften tatsächlich kein Kraut gewachsen wäre; für 1000 Forschungsbereiche sind dann zwangsläufig bald 1000 Wissenschaftler notwendig.

Ohne die Urbilder sprechen wir jedoch nicht quasi-solipsistisch von etwas, sondern miteinander über unsere Wissungen. Folglich beziehen sich diejenigen meines Kollegen nicht auf andere Seinsbereiche, so daß ich sie – mit bestem Gewissen – ablehnen könnte, sondern es sind Wissungen, die – sofern sie gut sind – vielleicht ebenso zu meinem Weltbild oder gar meiner Welt gehören sollten.

 

Die Postmoderne bemüht sich um eine Einheit in Vielheit; allein sie ist auch mit unserer Freiheit vereinbar.

Einheit in Vielheit:

Wir sprechen miteinander, und der andere schildert mir seine Erlebungen. Mehr kann er diesbezüglich gar nicht tun für mich; was er mir übermittelt, wäre ohne ihn unerreichbar, weil ich mein und nicht sein Leben lebe. Jeder kann vom anderen lernen, sofern er ihn in seiner Fremdheit anerkennt.

Einheit in Vielheit:

Aus der modernen Disparatheit der vorgegebenen Urbilder wird postmodern die Einzigkeit der Subjekte, ihrer Psychen und Leben. Wem Freiheit überaus wichtig ist, der kann schwerlich anders denken, so daß wir unseren Ansatz auch als den Versuch zu einer Philosophie der Freiheit verstehen können.

 

„Die Wahrheit wird Euch frei machen“ aus dem achten Kapitel des Johannesevangeliums steht an der Fassade der Freiburger Universität. Ich bin überzeugt, daß dieser Satz ebenso richtig ist wie seine Umkehrung: „Ohne Freiheit gibt es auch keine Wahrheit.“

Der aus beiden Sätzen bestehende Zirkel bildet vielleicht die Triebkraft unseres geistigen Lebens, und deshalb halte ich es für grundlegend wichtig, den Glauben heute zu (be)denken und nicht bei dem Johannes-Zitat allein stehenzubleiben.

 

Jean-François Lyotard, einem der philosophischen „Väter“ der Postmoderne, zufolge bestehe diese im „Ende der großen Metaerzählungen“, die von (praktisch) der gesamten Gesellschaft getragen werden. Derartige Geschichten sind wohl nur möglich, wenn bzw. insoweit sie aus dem angeblich Vorgegebenen abgeleitet werden können.

Im MIttelalter war das die christliche Geschichte von Schöpfung, Erlösung und Vollendung.

In der Moderne glauben die meisten von uns zum Beispiel an die Märchen von der Evolution, der Materie als dem Woraus-von-allem oder dem heilsamen und letztlich allen Menschen zugutekommenden Wirken der „unsichtbaren Hand“ Adam Smiths: Werden die Reichen – hoffentlich – noch reicher, wird es bald auch den Armen gutgehen.

 

Natürlich soll und wird es weiterhin Geschichten geben, und ich bin fest überzeugt, daß ohne sie gar keine sinnvolle Gestaltung des eigenen Lebens möglich ist. Wir benötigen ein Gesamtbild von ihm, und das ist nur narrativ möglich. Aber jeder von uns hat seine eigene Freiheits-Geschichte, und deswegen will die Postmoderne zwar die Funktionalisierung der Gesellschaft abbauen, aber ohne wieder einen integralen Hintergrund zu errichten.

Der Sinn der kleinen persönlichen Freiheits-Geschichten tritt damit an die Stelle der angeblichen Wahrheit der großen Metaerzählungen.

 

Die Postmoderne begann in den 60-er Jahren mit der Architektur, hatte in der Kunst jedoch schon seit langem Vorläufer. Im- und Expressionismus der Malerei gehörten bereits dem ausgehenden 19. Jahrhundert an; die postmoderne Literatur begann mit dem 20., und bei den Improvisationen der Musik – sprichwörtlich beim Jazz – wissen wir alle recht gut, daß sie nicht mehr darauf zielen, irgendetwas – Vorgegebenes – wiederzugeben oder darzustellen.

Philosophisch, das heißt, in dem uns interessierenden Zusammenhang bedeutet das Fehlen aller Vorgaben, daß keine objektive Realität existiert – weder kosmisch noch christlich oder physikalisch.

 

Natürlich können wir postmodern ebenso wie traditionell völlig problemlos und ohne irgendwelche Differenzen von Platonischen Ideen, Gott oder Materie sprechen. Wir schildern einfach unsere diesbezüglichen Wissungen – und belassen es dabei, ohne den Anspruch zu erheben, über „wirklich“ Vorhandenes zu sprechen.  

Solange wir fruchtbar diskutieren oder argumentieren, während unseres Fachgesprächs also, spielt dieser – scheinbar grundlegende – Anspruch überhaupt keine Rolle; es benötigt ihn nur, wer Recht haben will.

 

Was besagt er dann eigentlich? Bedeutet er überhaupt etwas, wenn sich dieser Glaube im Gespräch gar nicht auswirkt?

Ja; doch:

Die Traditionalisten können – jederzeit und ganz willkürlich an einer x-beliebigen Stelle unserer Diskussion – ihre Wissungen als richtig oder wahr behaupten und sich damit das Recht herausnehmen, ihren uneinsichtig-verbohrten Gespächspartner als hoffnungslosen Fall allein zurückzulassen.

Sie vermögen das freilich nicht zu rechtfertigen – und weder sie noch wir zu verstehen.  

1.6.1. Vom Urbild zum Geviert

AD: „Bei Ihnen kommt die Postmoderne ja ausgesprochen gut weg . . . Ich erinnere mich jedoch, etwa bei Bruno Latour oder Michael Hampe wesentlich kritischere Einschätzungen gelesen zu haben.

Außerdem sehe ich auch ein schwerwiegendes Problem bei Ihrem Ansatz, das wohl eng mit dem Denken der Postmoderne – wie immer man es nun beurteilen mag – verbunden ist:

Ich spreche Ihnen das Bemühen nicht ab, sauber denken zu wollen; Sie aber kritisieren die exakte Wissenschaft – der es doch ebenfalls genau darum geht – und erdreisten sich sogar vom ‚Märchen der Evolution und der Materie als dem Woraus-von-allem‘ zu schreiben.

Was unterscheidet

Ihr sauberes Denken vom exakt-wissenschaftlichen, und wie läßt sich dann noch zwischen

– dem exakt-wissenschaftlichen Denken ‚und anderen Verschwörungstheorien‘ oder dem Faktischen und Postfaktischen differenzieren?“ 

 

Sie erwähnen ausgerechnet zwei Autoren, die ich hoch schätze und bei denen ich selbst über ihr allzu pauschales Urteil erstaunt bin; es paßt meines Erachtens nicht zu ihrem sonstigen sehr seriösen Denken.

Latour zufolge geht es nicht darum, „von den Fakten loszukommen, sondern näher an sie heranzukommen“. Er möchte dazu von den immer diskretisierter werdenden Daten oder Informationen der Moderne zu – integralen oder ganzheitlichen – „Dingen von Belang“ übergehen. „Für uns muß das rote Glühen des Sonnenuntergangs so sehr Teil der Natur sein wie die Moleküle oder eketrischen Wellen.“

Ich verstehe ihn damit ganz im Sinne des Zitats von Paul Nurse in der Intention „Wir ertrinken in Informationen, aber uns dürstet nach Wissen“, wenn wir mit letzterem Zusammenhänge, Perspektiven oder Visionen meinen.

 

Wir können uns diesen Wechsel der Perspektive sehe schön in der Sprache und an Beispielen Heideggers verdeutlichen.

In der Moderne ist der Hammer ein Ding, und alle Dinge sind vorhanden, das heißt, sie stehen in und an sich „auf eigenen Beinen“ vollkommen unabhängig und getrennt von allen anderen Dingen oder Urbildern. Dann ist nur noch die Frage offen, woraus der Hammer besteht – Holz und Eisen; was könnte es sonst noch von ihm zu wissen geben – so ganz „einsam“?

Heidegger ersetzt zunächst das Vorhandene durch ein Zuhandenes; der Hammer dient dazu, Nägel in die Wand zu schlagen – er ist zu etwas „vorhanden“.

Noch weitergehend wird ihm aus dem Ding das Thing im Sinne einer Versammlung aller möglichen Bezüge, in denen auch das Zuhandene noch nicht steht; Heidegger nennt sie „Bewandnisganzheit“. Zum Hammer gehören nun auch Herstellung, Geschichte, Benutzer, anderes Werkzeug oder Werkstatt usw.

Schließlich wird die Bewandnisganzheit zum „Geviert“, weil in jedem Thing „Götter und Sterbliche, Himmel und Erde“ vereint sind      

Hier müßten wir richtigerweise mit unserem Denken ansetzen, und die Gegenbewegung hin zum Ding oder Urbild – das Diskretisieren – heißt ganz neutral „Analysieren“ und wird zumeist als Mikroskopieren dargestellt, ist aber in Wirklichkeit ein unumkehrbares Zerhacken und Zerstören.

 

Damit kann ich Ihre beiden Fragen endlich beantworten:

Die Wissenschaft unterscheidet sich von sämtlichen Verschwörungstheorien und Geheimlehren durch ihr sauberes, das heißt verständlich nachvollziehbares Denken, Begründen oder Argumentieren

Ich werfe den exakten Wissenschaften absolut nicht vor, daß sie gegen dieses Gebot verstoßen, sehr  wohl aber, daß sie die Wirklichkeit – des Gevierts – entzaubern und absolut nicht über „Dinge von Belang“ sprechen. Sie stützen sich zu einseitig auf das Diskretisieren und entfernen sich dadurch imme mehr von der Lebenswelt.

Unser Ziel kann weder ein „reduktionistischer Positivismus“ noch ein „naiver Konstruktivismus“ oder eine andere Verschwörungstheorie bilden, sondern muß in einer möglichst exakten Darstellung der Wirklichkeit unseres Lebens bestehen. 

 

AD: „Sie meinen mit dem Diskretisieren das, was die Physiker tun, wenn sie Farben als Wellenlängen oder Töne als Luftschwingungen ausgeben?“

Zunächst einmal „ja“, aber wir müssen es wohl noch ein bißchen tiefgründiger sehen, als dies meist verstanden wird.

 

Traditionell denkende Philosophen oder Theologen schütteln häufig verständnislos den Kopf, wenn die Physiker behaupten, Farben wären Wellenlängen, Töne Luftschwingungen und Wärme sei lediglich die Intensität der Mikrobewegung. Sie werfen diesen Ästhetik-Banausen vor, die Wirklichkeit zu entzaubern, zu primitivieren oder zu verarmseligen.

Soweit können wir uns den Geisteswissenschaftlern natürlich nur anschließen, aber sie meinen fast immer noch etwas anderes:

Farben oder Töne gelten ihnen als Urbilder, und die werden von den Physikern zerstört, ignoriert, falsch abgebildet oder was auch immer. Der darin zum Ausdruck kommende Glaube an eine reiche objektive Realität ist jedoch lediglich ein „schönerer“ Naiver Realismus als der physikalische.  

 

Urbilder in unserem Sinne sind die Wellenlängen oder Luftschwingungen ebenso wie die diskreten oder (ab)getrennten Farben bzw. Töne, und es geht nicht darum, ob sie ästhetisch wertvoll sind.

Vielmehr kommen wir der ganzheitlichen Wirklichkeit näher. wenn wir unsere Erfahrungen vom Vorhandenem über das Zuhandene und Thing zum Geviert integraler werden lassen.

2. Philosophische Grund-Legung

Es gibt nach meiner festen Überzeugung keine Urbilder.

Diese Einsicht haben wir bisher stets damit begründet, daß die Urbilder dem Außerhalb unserer Psyche und somit einer inexistenten Hinterwelt angehören.

Aber diese Argumentation kann nicht befriedigen, denn damit sagen wir letztlich:

Es gibt keine Urbilder, weil sie sich in einer Sphäre befinden sollen, die gar nicht existiert. Befänden sie sich an einem anderen Ort, könnten die Urbilder natürlich wirklich sein; „ihre“ Inexistenz ist also gar nicht ihre Inexistenz, sondern diejenige ihres traditionellen Aufenthaltsraumes.

Die Urbilder sind prinzipiell unerreichbar; sie selbst – und nicht die Sphäre, in die wir sie stecken um „ihre“ Unerreichbarkeit leicht begründen zu können; wir müssen uns diesbezüglich also etwas Überzeugenderes einfallen lassen.

 

Daß X ein Urbild ist, bedeutet traditionell, daß

– es vorhanden ist und

– weder mit anderen Urbildern

– noch mit Entitäten, die ihm fremd sind, in Beziehung steht.

 

Es handelt sich bei den Urbildern also lediglich um eine additive Summe, deren Summanden völlig getrennt und unabhängig voneinander sind. Würde ein Urbild hinzugefügt oder weggenommen, hätte das keinerlei Einfluß auf alle anderen; die Gesamtsumme würde lediglich um 1 größer bzw. kleiner.

Urbilder sind sich selbst genug, stehen auf eigenen Beinen und kennen keinerlei Kontakt zu irgendeinem Umfeld. Getrennt zu sein, bedeutet, von allem anderen isoliert oder losgelöst – ab-solut – und damit transzendent zu sein; jedes Urbild ist sein eigenes abgeschlossenes System.

Damit können wir die Hinterwelt als Begründung streichen:

Völlig unabhängig von ihr sind Urbilder prinzipiell unerreichbar, weil sie getrennt und damit ab-solut oder transzendent sind.

Daraus ergeben sich zwei Fundamentalsätze, auf die wir unsere weiteren Überlegungen aufbauen:

 

1. Alles, was völlig getrennt und damit ab-solut oder transzendent ist, kann grundsätzlich nicht erreicht werden.

 

2. Alles, was grundsätzlich nicht erreicht werden kann, gibt es nicht oder ist inexistent.

 

Bei der ersten Aussage dürfte sich eine Begründung nahezu erübrigen.

Was ist eine „Sonne“, von der Wirkungen weder ausgehen noch aufgenommen werden können? Es kommt nichts von ihr her und geht nichts hin; „was meint Ihr mit ‚Sonne‘?“.

Ob Sonne oder Schwarzes Loch, ist natürlich gleichgültig; beide kann es als Urbilder nicht geben.

Ein Schwarzes Loch als Wahrnehmung ist dagegen möglich; von ihr geht zwar auch nichts aus, aber dort verschwindet immerhin etwas. Wir verstehen jedoch absolut noch nicht, worin eine solche Erfahrung bestehen soll; sie kann ja unmöglich die Wahrnehmung von einem Schwarzen Loch sein – weil es das nicht gibt

 

AD: „Könnte es sein, daß Sie zu kurz denken?

X ist ein Urbild zum Beispiel die Sonne; so sauber isoliert oder transzendent, wie Sie es darstellen wollten. Entsprechendes gilt natürlich auch für uns selbst, und deswegen können wir partout nichts von X wissen.

Soweit sind wir uns einig; aber jetzt sind Sie irgendwie in Ihre Idee verbohrt und brechen den Gedankengang einfach ab; ich verstehe nicht weshalb:

 

Warum soll es keine Wechselwirkung Z geben, die irgendein Y – uns zum Beispiel – mit X verbindet? Das ist doch die normalste Sache der Welt; die Urbilder X bzw. Y allein wären natürlich isoliert, aber die Wechselwirkung Z verbindet sie zu X-Z-Y.“

Nein; das tut sie nicht! Wie soll sie denn an etwas Isoliert-Transzendentes ankoppeln?

Die „Wechselwirkung“ heißt nur so, ist aber in Wirklichkeit keine Wechselwirkung, sondern ebenfalls ein Urbild; sie koppelt nicht X und Y zusammen, sondern kommt als drittes Urbild Z additiv hinzu. Wechselwirkungen verbinden nicht(s), sondern erhöhen die Zahl der getrennten Urbilder.

Deswegen können wir keine Ur-Sonne sehen,

 

Der zweite Grundsatz besagt, daß prinzipiell Unbekanntes nicht existiert.

Ich halte ihn für ebenso evident wie den ersten, kann mir aber auch Widerspruch nach folgendem Muster vorstellen:

„Natürlich können wir X nicht erfahren, erreichen oder kontaktieren; aber daraus folgt doch keineswegs, daß es X gar nicht gibt.“

Doch!

Ohne Zugang zu „X“ existiert auch kein X.

Wieso denn gerade X – und nicht Y? Warum Gott und kein Götze, Demiurg oder Teufel?

Was unterscheidet  einen völlig transzendenten „Zeus“ von einem ebensolchen „JHWH“, „Gott-Vater“ oder „Allah“?

Der richtige Name?

Wer „ja“ sagen möchte, müßte uns erklären, woher er ihn – ohne Kontakt-Möglichkeit – weiß.

 

Ich sage damit keineswegs, daß zwischen Zeus, JHWH, Gott-Vater und Allah keine Unterschiede bestehen, lege jedoch größten Wert auf die Einsicht, daß diese sich nur in dem Maße herausbilden können, wie die vier ihre absolute Transzendenz verlassen und in die Immanenz (unserer Erlebungen) eintreten.

Unterschiede in der Transzendenz sind widersprüchlich und damit ausgeschlossen:

„Ich weiß weder von A noch von B – weil sie transzendent sind; natürlich kann ich dann auch keine Differenz angeben, weiß aber trotzdem, daß sie sich unterscheiden.“

Nein!

 

AD: „Von Urbildern können wir nichts wissen, also insbesondere auch nicht, daß sie sich voneinander unterscheiden. Ein solches Urbild – ‚die Transzendenz an sich‘ mit A = B = . . . – wäre also möglich?“

Wiederum „nein“, denn die Übereinstimmung der Urbilder läßt sich doch ebenfalls nicht erkennen. 

So einfach geht das nicht; vom absolut Unzugänglichen können wir auch nicht wissen, daß es sich um eines handelt. Was uns gar nicht vorliegt, können wir auch nicht zählen. Selbst wer nur bis 1 kommt, hat bereits gezählt; die Urbilder sind „nicht zahlfähig“ (Hermann Schmitz). 

 

AD: „Ein bißchen erinnert mich Ihr Vorgehen an Don Quichottes Kampf gegen Windmühlen:

Urbilder ist ein Begriff, den haben Sie als angeblich besonders wichtig eingeführt, aber mir ist noch niemand begegnet, der von Urbildern spricht.“

Doch – ununterbrochen!

Wer

– von irgendeiner Entität – Sonne, Moritz, Materie, Gott . . . – ausgeht und

– meint, sie sei wirklich oder vorhanden,

spricht von Urbildern in unserem Sinne, und die gibt es nicht – all seinen Beteuerungen zum Trotz.

 

Wir ersetzen sie – vereinfacht formuliert – durch unsere Erlebungen.

Auch sie können natürlich nicht im traditonellen Sinne vorhanden sein, einfach weil niemand versteht, was das bedeuten soll.

Aber Erlebungen müssen erlebt, das heißt, uns gegenwärtig oder aktual gegeben sein. Dafür sagen wir auch, sie seien existent; das Pendant des Inexistenten bilden natürlich die Urbilder.

 

Zwei traditionelle Un-Begriffe gilt es also zu ersetzen; sowohl die Urbilder als auch ihr Vorhandensein.

Das gelingt uns nicht durch einen paarweisen Austausch, sondern wir substituieren beide gemeinsam durch die Struktur „Subjekt erlebt Erlebungen“; deswegen hatte ich oben „vereinfacht formuliert“ eingefügt.

Eine Sonnen-Wahrnehmung beispielsweise ist zwar unbestreitbar, kann aber – ohne Urbilder – keine Wahrnehmung (von) der Sonne sein.

 

Mit anderen Worten:

Traditionell gelten die Urbilder als vorhanden.

Für uns ist nichts vorhanden; Urbilder gibt es nicht und Vorhandenheit verstehen wir nicht.

 

Einiges von unserer Struktur wissen wir bereits (1.); anderes greift vor (2. – 5.):

1. Unsere gesamte Struktur „Subjekt erlebt Erlebungen“ ist stets aktual bzw. gegenwärtig – oder gar nicht.

2. Das Erleben und die Erlebungen können sich überschneiden; deswegen scheidet eine paarweise Übertragung aus.

3. Dieser (mengentheoretische) Durchschnitt besteht per definitionem im Inhalt

4. Wir versuchen, ihn im weiteren als Facette des Lebens zu verstehen.     

5. Das Subjekt gehört dagegen nur dem Erleben an.

 

 

„Subjekt erlebt Erlebungen“    
aktual oder gegenwärtig
   
gegeben oder existent
   
         
  Erlebungen    
         
Erleben      
wirklich
unwirklich    
     
Subjekt
     
         
  Inhalt Referent    
  Facette des Lebens
Wissungen oder Begriffe
   
         
  – Erfahrungen    
  „ja“ und vorliegend
„ja“ Erkennungen  
  – Vorstellungen“    
  „ja“, aber nicht vorliegend
„ja“    
  – Wissungen    
  „nein“ „ja“    
         
      
  Abbild
Urbild
   traditionell  
  wirklich bzw. unwirklich
inexistent
   

Abbildung 2.

 

Wir erleben „das Gleiche“ wie die traditionell Denkenden.

Um es zu verstehen benötigen sie Ur- und Abbilder als Grundlage ihrer Interpretation.

Wenn wir jedoch „das Gleiche“ erleben und lediglich anders auffassen (möchten), müssen auch bei uns „Ur-“ und „Abbilder“ auftreten; natürlich nicht als solche:

Der Inhalt unserer Struktur entspricht den Ab- und die Referenten ersetzen die Urbilder

 

Ich halte die Einsicht, daß keine Urbilder existieren, wie schon gesagt, für zwingend – aber nicht für sonderlich neu. Die Systemtheorie beispielsweise geht seit Jahrzehnten davon aus, daß es kein System ohne Umwelt gibt.

Systeme gelten zumeist als komplex, aber das ist letztlich sekundär. Für uns stellt jedes noch so einfache Urbild ein – inexistentes – System dar.

Da auch die Umwelt nur ein Urbild sein kann, und das System-Urbild somit von ihr lediglich vergrößert wird, hilft uns der systemische Grundgedanke nicht weiter, denn er führt zu immer komplizierteren, aber nach wie vor inexistenten System-Urbildern.

Als Alternative dazu legen wir unseren Überlegungen die obige Struktur zugrunde.

2.1. Erlebungen

AD: „Ich verstehe die Differenz zwischen Vorstellungen und Wissungen nicht; was unterscheidet einen nicht vorliegenden Inhalt von gar keinem?“ 

Und ich wäre enttäuscht gewesen, wenn Sie das nicht gefragt hätten, weiß aber keine einfache Antwort. Um trotzdem möglichst verständlich zu sein, greife ich auf ein Beispiel von David Hilbert zurück, einem britischen Mathematiker, der diesbezüglich eine brillante Idee hatte.

 

Selbst im Halbschlaf wissen wir noch spontan, daß zwei Punkte eine Gerade oder drei Punkte bzw. eine Gerade plus einen Punkt außerhalb von ihr eine Ebene bestimmen usw. Wir haben das weder auswendig gelernt noch rein logisch überlegt, sondern entnehmen es unmittelbar unseren Vorstellungen von Punkt, Gerade und Ebene.

Ein solches „selbstverständliches“ Denken hat aber nichts mit Geometrie zu tun; darin dürfen nur Wissungen vorkommen.

 

Dieses für die Mathematik notwendige Ausblenden sämtlicher Vorstellungen gelingt uns jedoch kaum, solange wir bei den Worten „Punkt“, „Gerade“ und „Ebene“ verbleiben. Da die Bezeichnungen und deren Assoziationen aber belanglos sind und es allein um die logischen Zusammenhänge geht, ersetzte Hilbert die „richtigen“ Worte durch „Schornsteinfeger“, „Liebe“ bzw. „Bierseidel“.

Auch sie lassen natürlich Vorstellungen assoziieren – aber kaum hilfreiche

Wer aus den geometrischen Axiomen ableiten kann, daß zwei Schornsteinfeger eine Liebe oder drei Schornsteinfeger bzw. eine Liebe plus einen Schornsteinfeger außerhalb von ihr einen Bierseidel bestimmen usw., betreibt Mathematik und denkt rein logisch oder bewegt sich allein in der Sphäre der Wissungen.

 

Das Beispiel sollte uns helfen, Ihre Frage zu beantworten:

1. Vorstellungen besitzen ein Wovon oder einen Referenten.

„. . .  sondern entnehmen es vielmehr unseren Vorstellungen von . . .“

2. Dieser Referent besteht in Wissungen.

„. . .  unseren Vorstellungen von Punkt, Gerade und Ebene.“

3. Wenn Vorstellungen sich zwar auf einen Referenten beziehen, aber über ihn hinausgehen, müssen sie eine zweite Komponente besitzen; das ist per definitionem ihr Inhalt.

Vorstellungen bestehen in der Einheit von Referent und Inhalt.

4. Im Falle von Punkt, Gerade und Ebene kann dieser Inhalt nicht vorliegen, weil es sich bei ihnen lediglich um geometrische Abstraktionen handelt. Aber es gibt den Inhalt oder er ist existent, denn Vorstellungen sind umfangreicher als Wissungen – andernfalls hätten wir im Halbschlaf bei geometrischen Fragen keine Chance.

 

Der Einfachheit halber haben wir uns zunächst auf die Vorstellungen beschränkt, können aber leicht verallgmeinern:

1. Sämtliche Erlebungen besitzen ein Wovon oder einen Referenten, und diese bestehen immer in Wissungen.

2. Die Wissungen fallen mit „ihrem“ Referenten zusammen, bei den Erkennungen kommt noch der Inhalt hinzu, der einer Facette des Lebens entspricht.

3. Liegt er vor, sprechen wir von Erfahrungen, andernfalls von Vorstellungen.

 

AD: „Dann müßten Wissungen das Gleiche wie Begriffe sein?“

Nicht ganz; wir kommen später darauf zurück.

Daß geringfügige Unterschiede bestehen, sehen Sie bereits daran, wie mitunter der eine Begriff (!) dem Verständnis besser dient als der andere. Wir können beispielsweise keine Wissung vom Inhalt haben, diesen aber auf den Begriff bringen.

 

Aber bei vielen Fragen können wir die beiden zusammenfassen; beispielsweise sind Wissungen sowie Begriffe lediglich Denkwerkzeuge, und als solche haben sie mt unserem Leben nichts zu tun.

Das bedeutet einerseits, daß sie weder vorliegen noch nicht vorliegen können.

Andererseits sind die Wissungen oder Begriffe natürlich wie alle Erlebungen existent, das heißt, uns gegenwärtig oder aktual (in der Psyche) gegeben.

Für Urbilder gilt beides nicht; sie sind abgetrennt vom Leben und nicht gegeben; für die Tradition sind sie vorhanden und für uns gar nichts.

 

Natürlich ließen sich Dutzende von – Arten der – Erlebungen unterscheiden.

Wir haben jetzt lediglich diejenigen zusammengestellt, denen in unseren Überlegungen – das nächste Beispiel für eine Art von Erlebungen – eine fundamentale Rolle zukommt und die ich deswegen auch nur in dem definierten Sinne benutze. Mit allen anderen gehen wir lockerer, das heißt, entsprechend dem alltäglichen Sprachgebrauch um.

Wir dürfen auch nicht denken, die Erlebungen seien – wodurch auch immer – fest in Erfahrungen, Vorstellungen sowie Wissungen unterteilt. Vielmehr spalten die Erlebungen situativ auf, so daß die gleichen Entitäten in verschiedenen Gegenwarten unterschiedlichen Erlebungs-Arten angehören können.

Beispiele sind damit schwerlich sinnvoll; Ihr Garten etwa kann sowohl Erfahrung als auch Vorstellung und ebenso Wissung sein.

2.2. Drei Formen von Subjektivität

Sämtliche Subjekte besitzen jeweils ihre eigene Psyche, die allen anderen Subjekten absolut unzugänglich ist.

Die Tradition nimmt das nicht ernst und geht davon aus, daß wir auch über gemeinsame Erlebungen verfügen.

Diese Annahme müssen wir fallenlassen, weil sie prinzipiell unkontrollierbar und damit völlig willkürlich ist. Das könnte doch nur jemand feststellen, dem zugleich mehrere Psychen zugänglich sind. Auch jegliches Einfühlen in eine andere Psyche ist widersprüchlich; wie sollen wir das machen, ohne einen Zugang zu besitzen?   

Mit anderen Worten besteht für mich keinerlei Unterschied zwischen dem Außerhalb aller und dem Innerhalb der mir fremden Psychen; beide Sphären würden – wenn ich denn daran glaubte – gemeinsam meine subjektive Hinterwelt bilden; natürlich besitzt jedes Subjekt theoretisch eine andere.

 

Unsere Kapitelüberschrift meint – nicht die Subjekte im Sinne von Subjektivitäten, sondern – die sich postmodern ergebenden drei verschiedenen Bedeutungen von „subjektiv“:

Rein subjektiv, relativ und absolut intersubjektiv.

 

Unsere Erlebungen sind mit Sicherheit rein subjektiv; das bedeutet zweierlei:

Zum einen daß sich unsere Erlebungen nicht kontrolliert kommunizieren lassen. Natürlich können wir versuchen, sie anderen Subjekten mitzuteilen, wissen aber niemals, was bei ihnen ankommt; keiner hat etwas Verstandenes, denn es gibt nur Verstehungen.

Zum anderen gehört zur reinen Subjektivität, daß wir nicht einmal für uns selbst imstande sind, unsere Erlebungen durch die Zeit hindurch konstant zu halten. Woran wollen wir morgen erkennen, ob unsere Erlebungen mit bestimmten von heute übereinstimmen?

AD: „Hier sehe ich überhaupt kein Problem; wir schreiben sie auf und vergleichen dann.“

 

Nein; das geht nicht.

Sie notieren sich jetzt, die heutigen Erlebungen Eimer und Remie mit „Eimer“ bzw. „Remie“ bezeichnet zu haben. Dann stehen morgen auf Ihrem Zettel die beiden Worte „Eimer“ sowie „Remie“, aber was sie damit heute gemeint hattenIhre wirklichen Eimer- bzw. Remie-Erlebungen selbstmüßten Sie als Erinnerungen in Ihrer Psyche behalten. Sie stehen nicht auf dem Zettel, können es auch unmöglich und sind dadurch völlig unkontrollierbar.  

Bei dem Eimer merken wir das nicht, weil er bereits in die Sprache integriert und damit relativ intersubjektiv ist; bei dem rein subjektiven Remie aber sehr wohl:

„Was war das eigentlich für eine Erlebung, die ich gestern mit ‚Remie‘ bezeichnet hatte?

Durch Ihren Zettel wissen Sie ganz genau, daß sie irgendeine Erlebung „Remie“ genannt hatten; aber welche das war, können Sie nicht festhalten.

 

Das Remie-Beispiel können und sollten wir verallgemeinern:

Die Bezeichnungen haben zwar Bestand und sind kontrollierbar – aber letztlich völlig uninteressant; es geht allein um unsere Verstehungen.

Somit könnte es möglicherweise zwar eine ewige Schrift geben und, wer möchte, mag sie auch „heilig“ nennen; aber sie ist als Schrift belanglos, weil „der Buchstabe tötet“.

„Der Geist, der lebendig macht“, besteht im Bewirken fruchtbarer Interpretierungen oder Deutungen der Schrift, die natürlich – wie alle Erlebungen – nur rein subjektiv sein können, so daß bei ihnen alles Behaupten von ewigen Wahrheiten einem hinterwäldlerischen Blablabla entspricht.

 

Die angeblichen Heiligen Schriften dürfen uns also nicht zur Buchstabentreue verführen, die sich nicht traut, „auch nur ein Jota hiervon“ zu korrigieren. Wer so „denkt“, denkt nicht und verfehlt massiv die Wahrheit, die er zu haben glaubt. Weder kann man sie haben, noch steht sie in Büchern; wir können nur in der Wahrheit leben, und das tun wir dann, wenn sie in oder durch uns Fleisch bzw. Leben wird..

Und selbst beim ernstlichen Studium völlig „unheiliger Schriften“ – etwa so, wie es Albert Schweitzer mit dem Werk Nietzsches getan hat –, kann das Wort Fleisch oder Leben werden

 

Das rein Subjektive läßt sich also sprachlich nicht festhalten, sondern zerrinnt uns – nicht zwischen den Fingern, aber – in der Zeit. „Es gibt keine Privatsprache“ heißt es dazu treffend bei Wittgenstein.

Das bedeutet im Umkehrschluß, daß die Sprache relativ intersubjektiv sein muß.

Sie wird von einem mehr oder weniger großen Kreis von Subjekten getragen. Dehnt er sich auf ausnahmslos alle Subjekte zu einer totalen Intersubjektivität aus, so bedeutet dies letztlich nur einen quantitativen Unterschied, und wir bleiben deshalb auch dann bei unserer Chrakterisierung als relativ intersubjektiv.

Zudem ist eine solche Intersubjektivität der Sprache auch nicht an sich positiv; sondern kann unmenschlich oder zerstörerisch und damit gegen das Leben gerichtet sein.  

 

Um etwas vollkommen anderes handelt es sich jedoch, wenn nicht wir die relative Intersubjektivität bis zum Anschlag steigern, sondern eine absolute Intersubjektivität für uns besteht.

Natürlich ist sie – als mir wie auch allen anderen vorgegebene – ebenfalls subjektiv; objektiv wären allein die Urbilder, weil sie nicht für uns, sondern an sich existieren.

 

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjekten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als all unsere Differenzen.

Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden. Mit „medial“ meine ich, daß diese Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität oder andere – letztich – Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene ausnahmslos allen Subjekten gemeinsame Wirklichkeit wäre absolut intersubjektiv. Das heißt, während die relative Intersubjekttivität – auch als totale – den Psychen angehört, gehen sie alle gemeinsam aus der absolut intersubjektiven Wirklichkeit hervor.

 

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjekte verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der objektiven Realität. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an die objektive Realität aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, sinnvoll nach einer solchen alle Subjekte tragenden und vereinenden, das heißt, absolut intersubjektiven Wirklichkeit zu suchen.

 

Die objektive Realität kann diese Aufgabe nicht erfüllen, weil sie nicht für uns ist, und wir ihr gleichgültig sind. Daß sie uns hervorgebracht haben soll, ist kein Beweis des Gegenteils, sondern – anerkanntermaßen – Zufall.

Die objektive Realität schert sich nicht um uns; wir müssen sie – ganz ohne ihre Hilfe – möglichst adäquat abbilden, um darin überleben zu können, so daß das Ergebnis in Kampf und Konkurrenz besteht.

Ließe sich vernünftigerweise anders als sozial-darwinistisch oder „kapitalistisch“ denken, wenn wir das Zufallsprodukt einer objektiven Realität wären, die uns absolut gleichgültig gegenübersteht? Für die zwischen Mondmagma und uns Menschen kein prinzipieller Unterschied existiert?

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein staunendes Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahren Sprachen.

 

Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ernstnehmen und verallgemeinern:

Wahre Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse existieren ebensowenig, denn auch sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu dem von mir erhofften total intersubjektiven Ursprung aller Psychen –, um sämtliche nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder, Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht. Diese Medien möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder repräsentieren und bemühen sich eventuell auch ernsthaft um sie – sind aber selbst nicht die Wahrheit.

 

Die Wahrheit – um die wir ringen – ist absolut und nicht relativ.

Alle „Wahrheiten“, die man haben kann und von den verschiedensten Seiten in Geschichte sowie Gegenwart als Wahrheiten behauptet wurden oder werden, müssen relativ, weil medial bedingt sein. Jeder, der „unerschütterlich“ bzw. stur dergleichen glaubt – oder vielleicht auch nur entsprechend redet –, ist ein kleiner Relativist, der felsenfest davon überzeugt ist, die absolute Wahrheit zu besitzen und Andersdenkende des Relatismus bezichtigt.

Speziell Christen brauchen hierüber nicht zu erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: Ihrem Glauben zuolge „ist das Wort Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.

2.2.1. Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis

Unsere „Wissungen“ bilden das relativ Intersubjektive, aber nicht als Wissungen, sondern inform der Sprache. Das heißt, ob Ihre und meine Wissungen übereinstimmen, läßt sich natürlich nicht feststellen, aber wir sprechen eine – mehr oder weniger – gemeinsame Sprache. Das ist die einzige Übereinstimmung, die sich feststelllen läßt

 

Völlig unabhängig davon, ob die Bezeichnungen nun in Büchern stehen oder nicht, gehören ihre Bedeutungen allein unserer jeweiligen Psyche an. Wir sprechen miteinander und korrigieren sie dabei wechselseitig, so daß sich die Bedeutungen, die für die einzelnen Subjekte bestehen, aneinander abschleifen und „Mittelwerte“ entstehen, die in der Zeit mehr oder weniger schnell und unmerklich anders werden.

Das führt weder zur „richtigen Sprache“ noch zur „wahren Bedeutung“, sondern lediglich zu einer intersubjektiven Einigung; mehr haben, aber brauchen wir auch nicht. Wer dieses „Sprachspiel“ nicht  mitspielt, kommt nicht der Wahrheit näher, sondern wird unverständlich.

Georg Picht meinte unter anderem exakt dies, wenn er die Sprache als das „kollektive Gedächtnis der Menschheit“ bezeichnete; ich würde gerne übersetzen das „intersubjektive Gedächtnis der Subjekte„.

 

So weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist der Gedanke nicht:

Bis Sie diesen Satz gelesen hatten, war Ihnen die Vorstellung Sirius nicht aktual gegeben.

Das ist jetzt der Fall; ich konnte sie ganz leicht mittels des Wortes „Sirius“ hervorkitzeln. Das geht aber nur, wenn oder weil sie sich zuvor bereits an einem anderen, Ihnen jedoch zugänglichen oder verfügbaren Ort befand.

Wenn aber das absichtliche Auslösen von Vorstellungen stets mit Hilfe der sie bezeichnenden Worte erfolgen kann, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dieser Ort müsse die Sprache sein

 

AD: „Bisher war mir sonnenklar, daß das Gedächtnis mit irgendwelchen Speicherprozessen im Gehirn zusammenhängt. Nun streichen Sie diese für mich anschaulich-verständliche Vorstellung und ersetzen sie durch die abstrakt-unverständliche Sprache. Hätten Sie vielleicht ein Beispiel, an dem ich mir das ein wenig plausibilisieren kann?“

Natürlich; das Fundament der empirischen Wissenschaften besteht zweifellos in ihren nachprüfbaren Voraussagen; beispielsweise daß es am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa zu einer totalen Sonnenfinsternis kommen wird.

Das ist freilich traditionell formuliert, als wären Sonnenfinsternisse Urbilder, die es einfach so gibt, auch ohne gesehen zu werden.

Wir müßten also etwas vorsichtiger übersetzen, daß am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa eine Wahrnehmung namens „totale Sonnenfinsternis“ möglich sein soll.

 

Diese Voraussage vertrauen wir der Sprache an, und jeder, der einen Zugang zu letzterer besitzt, kann die Antizipation am 22. 2. 2222 überprüfen. Die Zeit bis dahin wird also von der Sprache überbrückt; die Physiker, die die Voraussage getroffen haben, sind dann schon lange tot.

AD: „Wobei sich Ihr letzter Halbsatz als völlig belanglos erweist, wenn das Speicherorgan ohnehin in der Sprache und nicht im Gehirn besteht.“

Natürlich; aber es kann nicht das Speicherorgan sein, weil das Gehirn an unser Weltbild gebunden ist; innerhalb des letzteren vermittelt das Gehirn unseren Zugang zur Sprache und ist damit unbedingt erforderlich – freilich im Rahmen dieses Weltbilds.

Es mag viele Weltbilder ohne Gehirn geben, aber keines ohne Sprache, und deswegen kann nur sie das intersubjektive Gedächtnis sein, das auch die Weltbilder – mit oder ohne Gehirn – erst ermöglicht.

 

AD: „Damit wird auch Wittgensteins Satz ‚die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt‘ verständlich . . .

Einverstanden; die Wissungen sind in der Sprache , und die Sprache ist . . .“

. . . in der Zeit.

Diese Antwort wirkt wohl leicht verstörend und kann nur schrittweise einsichtig werden. Sie besitzt zwei Seiten, von denen die eine darin besteht, daß es die Sprache scheinbar gar nicht gibt.

 

Sie ist nur „ihr“ Gebrauch, das heißt, sie existiert lediglich in dem oder durch das zeitliche Sprechen und Verstehen.

Würden wir alle die Sprache nicht mehr nutzen, wäre sie einfach weg. Indem wir unseren Kindern das Sprechen und Verstehen lehren, teilen wir ihnen nur sekundär Bezeichnungen mit; das Vokabeln-Lernen stellt in diesem Zusammenhang ein unglückliches Modell dar.

Primär erhalten wir die Sprache, indem wir sie nutzen und weitergeben, das heißt, unseren Kindern einen Zugang zu ihr bzw. zum intersubjektiven Gedächtnis in Form ihres ersten kleinen Weltbilds vermitteln.

Letzteres ist natürlich – trotz der Intersubjektivität der Sprache – „nur“ subjektiv, weil jedes Subjekt seinen eigenen Zugang zu ihr besitzt.

 

Wilhelm von Humboldt formuliert das von mir Gemeinte folgendermaßen:

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, daß man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht . . .

Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia) . . .

Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als Sprache ansehen.“

 

Es gibt aber noch eine zweite Seite:

Wäre die Sprache tatsächlich nur das „Sprechen und Verstehen“, könnten wir weder sprechen noch verstehen, denn es gäbe nur Geräusche – und auch das wüßte natürlich niemand.

Viel weiter traue ich mich nicht und würde vielleicht zusammenfassen:

Die Sprache existiert nur in dem oder durch das Sprechen und Verstehen, so daß wir darin die Intersubjektivität erfahren.

Ermöglicht wird die Sprache jedoch durch eine „verborgene“ Intersubjektivität, die sehr eng mit der Zeit zusammenhängen, wenn nicht gar mit ihr identisch sein muß.

2.3. Einheit von Subjekt und (Er-)Leben

Traditionell werden die Subjekte im wesentlichen mit ihren Körpern identifiziert.

Lassen wir das „im wesentlichen“ weg, ist der Satz falsch, weil bei einer Gleichsetzung von Subjekt und Körper dem „ihren“ keine Bedeutung mehr zukommt. Wenn ein Subjekt der Körper ist, kann es unmöglich sein Körper sein; sein Subjekt wäre ja synonym.

Wird der Körper – wie üblich – mit einer Psyche versehen, mag sich das „ihren“ auf sie beziehen. 

Aber das ist letztlich alles gleichgültig, denn wir müssen uns vollständig von einem solchen Ansatz lösen, weil Körper Urbilder und folglich inexistent sind.

Schon seit Jahrzehnten stellt der „Tod des Subjekts“ ein geflügeltes Wort im philosophischen Denken dar. Wir schließen uns dem also – hinsichtlich seiner traditionellen Variante – 100%-ig an; derartige Subjekte sind nicht (vorhanden).

 

Um unsere postmodernen Subjekte bereits ein wenig zu verstehen, setzen wir die obigen Überlegungen zur Subjektivität fort.

Wir hatten uns gestern „Remie“ als Bezeichnung für eine Erlebung notiert, und möglicherweise befindet sich das Bezeichnete heute noch in unserer Psyche. Gegebenenfalls sprechen wir dann von Erinnerungen; aber was ist das eigentlich?

Die Erinnerungen sind rein formal Erlebungen mit einem unwirklichen Inhalt und gehören damit zu den Vorstellungen.

 

Traditionell wirkt die Frage, was Erinnerungen seien, naiv:

„Ich hatte früher eine Erlebung und weiß das jetzt noch.“

Aber diese Antwort ist ebenso naiv, denn das können wir gar nicht wissen; es müßte also heißen:

Ich habe jetzt eine Vorstellung, von der ich glaube, sie entspräche einer früheren Erlebung. Da diese jedoch bereits inexistent oder nicht mehr gegeben ist, muß es bei diesem unkontrollierbaren Glauben bleiben.

 

Das heißt:

Vielleicht verfügen wir tatsächlich über Erinnerungen an das Früher in der traditionellen Sichtweise; aber wer soll das feststellen? 

Wir bescheiden uns deshalb folgendermaßen:

Unsere jetzigen Erinnerungen – im weitesten Sinne, also nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich oder menschheitlich – konstituieren das Früher, so daß es ohne Erinnerungen gar nicht bestehen würde.

 

Ich bleibe beim Früher, weil das für unsere Schlußfolgerungen genügt; aber der Vollständigkeit halber sei angefügt, daß sich alles nahezu wörtlich auf das Später übertragen läßt; beispielsweise:

Unsere jetzigen Erwartungen – im weitesten Sinne, also nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich oder menschheitlich – konstituieren das Später, so daß es ohne Erwartungen gar nicht bestehen würde.

 

Wenn die Erinnerungen das Früher erzeugen und nicht – traditionell – erinnern, kann die Psyche unmöglich aus ihm hervorgehen. Sie läßt sich folglich nur auf der Basis des Jetzt verstehen; ohne die Psyche gäbe es ja gar kein Früher.

Liegt der Ursprung der Psyche jedoch im Jetzt, muß dies auch für das Subjekt gelten, da es dem jetzigen Erleben angehört.

 

Daß ich als Subjekt nur Zugang zu meiner eigenen Psyche haben und diese nur die jetzige sein kann, versteht sich nahezu von selbst und wußten wir schon lange; aber das Zwischenergebnis von soeben geht weit darüber hinaus:

Wenn das Subjekt aus dem Jetzt hevorgeht, besitzt es keine Stabilität oder Identität in der Zeit; ich bin also nicht immer ich, sondern werde stets ein anderer. Zu jedem Jetzt gehören sowohl ein anderes Subjekt als auch eine andere Psyche.

 

Andere Psychen sind natürlich weiterhin diejenigen fremder Subjekte.

Aber wenn wir uns diese vorstellen, dürfen wir nicht nur an die vielen räumlich verteilten Menschen, sondern müssen auch an unsere „eigene“ „zeitliche Verteilung“ denken. Ich bin morgen ebenso ein anderes Subjekt, wie es meine Frau heute schon ist.

Dann war es natürlich auch immer falsch, von der Psyche eines Subjekts zu sprechen.

Als nächstes wollen wir verstehen, weshalb die Psyche primär sein muß, und wir somit sinnvoll von einem Subjekt der Psyche ausgehen können.

 

Die Fülle des Lebens – noch ohne alle Subjekte – bildet die absolut intersubjektive Wirklichkeit, von der wir oben gesprochen hatten und die wir auch „Gott“ oder „Ursprung“ nennen können; Gott lebt nicht, sondern ist das Leben.

Wenn Gott  nicht  lebt, kann er auch weder Wissungen noch ein Selbstbewußtsein besitzen. Ich nehme ihm damit nichts weg, sondern sage nur Selbstverständlichkeiten und weigere mich, fromm klingende, aber leere Worte zu wiederholen. 

 

Aus diesem absolut intersubjektiven Ursprung generieren oder individu(alis)ieren sich die subjektiven Einheiten { Subjekt + (Er-)Leben }.

Die „Schöpfung“ besteht also nicht darin, daß Gott Subjekte schafft – indem er beispielsweise einer befruchteten menschlichen Eizelle eine Seele hinzufügt –, sondern darin, daß derartige Einheiten aus ihm hervorgehen – und folglich Gott in jeder subjektiven Einheit Mensch wird – bzw. werden möchte.

Innerhalb der „Schöpfung“ gibt es also kein Subjekt ohne (Er-)Leben und umgekehrt; das ist die Bedeutung ihrer Einheit.

Wenn das stimmt, kann natürlich auch kein Subjekt sterben, sondern lediglich die vollständige subjektive Einheit { Subjekt + (Er-)Leben } im Nichts verschwinden.

 

Somit sind wir ausnahmslos alle Individuationen oder „Kinder“ Gottes; denn anders kann es Subjekte gar nicht geben; daraus ergeben sich zwei wichtige Konsequenzen:

Zum einen sollte jedes Subjekt – wie Jesus – ein Bild bzw. eine Darstellung von Gott sein, so daß er sich in oder durch uns offenbaren kann. Mich unterscheidet von Jesus also „nur“, daß ich im Gegensatz zu ihm – Gott als – die Fülle des Lebens mehr verstelle denn zum Ausdruck bringe.

Zum anderen kommt Gott ebenfalls in oder durch uns zu seinem Bewußtsein; da ist er gewiß des öfteren entsetzt: „Das soll ich sein?

 

 

Leben ohne Subjekt   „Subjekt erlebt Erlebungen“
Subjekt
absolut intersubjektiv   subjektiv    
Fülle des Lebens
     
  Generieren { Subjekt + (Er-)Leben }    
  Individu(alis)ieren      
    Subjekt des (Er-)Lebens   Sich-Fühlen
Gott oder Ursprung ————→ ↑↓   wie es ist, „ich“ zu sein oder
    (Er-)Leben des Subjekts
  „mein“ Leben zu leben,

Abbildung 2.3.

2.3.1. Je-der Selbe oder ich als der Einzige

Um das Gemeinte noch etwas besser zu verstehen, betrachten wir einen vielzitierten Artikel von Thomas Nagel aus den 70-er Jahren: „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“.

Natürlich weiß das auch Nagel nicht, denn dazu müßte er Fledermaus sein.

Aber selbst das ist falsch, denn wir wissen auch nicht, wie es ist, Mensch zu sein; bestenfalls wie es ist, ich zu sein.

Dieses Zwischenergebnis stimmt jedoch immer noch nicht:

Wir

– wissen auch nicht, wie es ist, ich zu sein, sondern

– sind, wie es ist, ich zu sein.

Ich bin wie es ist, ich zu sein, oder wie es ist, „mein“ subjektives Leben zu leben.

 

Ich erlebe also nicht mich selbst, sondern bin das Sich-selbst-Erleben meines Lebens.

Dann ist dieses „meines“ jedoch erklärungsbedürftig:

1. Ich erlebe nicht mich selbst, sondern bin das Sich-selbst-Erleben eines Lebens.

2. Letzteres entspringt aus Gott als der Fülle des Lebens.

3. Durch sein Sich-selbst-Erleben konstituiert mich dieses Leben zu einem Subjekt.

4. Nachdem Indem ich durch das neutrale Leben entstehe, wird es zu dem meinigen.

 

Hierin kommt die Einheit von Subjekt und (Er-)Leben meines Erachtens recht deutlich zum Ausdruck, und zugleichen nähern wir uns damit sehr stark Henry an, der vielleicht etwas vereinfacht folgendermaßen argumentiert:

Es gibt keine (Er-)Leben ohne Fühlen, und kein Fühlen ohne ein Sich-Fühlen.

– Ich fühle nicht mich, sondern bin mein Sich-Fühlen.

Dieses „mein“ ist falsch, weil das Ich erst als Sich-Fühlen konstituiert wird; dann kann es nicht bereits das meinige sein.

– Ich fühle nicht mich, sondern bin ein Sich-Fühlen.

Dieses „ein“ ist falsch, weil ich nicht aus mehreren Sich-Fühlen eines herausgreife, sondern dieses eine bin.

Ich fühle nicht mich, sondern bin das einzige Sich-Fühlen.

 

Jedes Subjekt kann und müßte also von sich sagen, es sei das einzige und alles ihm Zugängliche bestehe im eigenen Leben, gehöre ihm an oder konstituiere es.

Wenn das Ich im Sich-Fühlen besteht, kann es für uns insbesondere kein Du geben, denn das besteht ja in einem fremden Sich-Fühlen; empfände „ich“ das, wäre es kein fremdes Sich-Fühlen, sondern ich.

 

Das hat zum einen nicht das geringste mit Solipsismus zu tun, weil für uns – entgegen der Tradition – kein einziges Subjekt vorhanden ist; auch ich nicht. 

Und ist es außerdem nicht nahezu selbstverständlich, daß alles, was ich erlebe und tue, was mir begegnet oder widerfährt, zu meinem Leben gehört? Warum lassen wir uns einreden, in meiner Begegnung mit der Sonne gänge es nicht um mich und mein Leben, sondern um das Urbild Sonne in der Welt?  

 

Zum anderen lebt zwar jedes Subjekt sein eigenes Leben und besitzt keinerlei Zugang zu einem fremden; aber daraus folgt nicht, daß sämtliche Wechselwirkungen fehlen würden. Natürlich beeinflussen wir einander, aber in welcher Form das geschieht, bleibt uns – wie die gesamte Psyche anderer Subjekte – völlig verborgen.

Wir wirken, mit anderen Worten, auf die Lebensumstände der – und ich glaube fest: aller – fremden Subjekte, aber nicht auf letztere selbst. Alles andere wäre absurd, weil sich die Subjekte nur von ihrer Freiheit her verstehen lassen; wir können nicht sie, sondern lediglich ihren Spielraum beeinflussen.  

 

AD: „Ich glaube, jetzt haben Sie sich überhoben; gemeint waren sicherlich alle Nachfahren, aber nicht alle Subjekte.“

Nein; ich bleibe bei meiner Überzeugung. Im Sinne der Tradition wäre Ihr Einwand natürlich zwingend, aber bei uns halte ich ihn für falsch:

Vor- und Nachfahren sind Wisungen und gehören damit der Zeit an.

Für Subjekte gilt keines von beiden, so daß ihre Unterscheidung hinfällig wird.

 

Nochmals ausführlicher:

Alle (anderen) Subjekte wirken auf meine Lebensverhältnisse ein, und umgekehrt – weil ich nichts Besonderes bin, sondern gleichwertig neben ihnen stehe – beeinflusse ich natürlich auch sämtliche Leben.

Ein solches Denken wird erst widersprüchlich, wenn wir es innerhalb der Zeit verorten, das heißt, kausal verstehen wollen

 

Jedes Leben ist einzig und damit unsagbar; in diesem Fall gehen wir einmal d’accord mit der Tradition; „individuum est ineffabile“.

Diese Einzigkeit gilt es deutlich von der Einmaligkeit abzuheben.

Der Eiffelturm ist einmalig; das bedeutet, daß es den Begriff Eiffelturm gibt und unter diesen Begriff momentan – zufällig – nur ein Exemplar fällt, aber natürlich auch ein zweites gebaut werden könnte .

Daß wir als Subjekte einzig sind, meint dagegen, daß wir unter keinen Begriff fallen oder auf keinen Begriff gebracht werden können. Alle diesbezüglichen Versuche – „Ich ist Mensch“ oder „Kosmopolit“ und „Ich ist Resultat der Evolution“ bzw. „des Zufalls“ – sind zum Scheitern verurteilt. Der frömmste Gläubige müßte natürlich auch zugeben, daß er unmöglich ein Geschöpf sein kann, weil er sich als Einziger auch nicht auf diesen Begriff bringen läßt.

Er ist kein Geschöpf, sondern ein Einziger.

 

Emmanuel Levinas drückte das in dem sehr schönen Zitat aus: „Du und ich – wir sind nicht zwei.“

Wovon sollten wir denn zwei sein? Dazu müßte man uns – um zahlfähig zu werden – ja erst auf einen Begriff bringen; „Du bist ein X, ich bin ein X, und damit sind wir zwei X-e“ – aber genau das ist unmöglich.

Du bist Du, und ich bin ich; mehr läßt sich nicht sagen, denn jeder von uns ist ein Einziger.

Das bedeutet – konsequent weitergedacht –, daß dieser letzte Halbsatz bereits falsch ist; Du und ich können auch weder Einzige noch Subjekte sein, denn das alles sind ebenfalls Begriffe – andernfalls würden sie uns nichts sagen.

Immer wenn von Einzigen oder Subjekten die Rede ist, widerspreche ich mir also selbst; ich weiß das, kann es aber trotzdem nicht vermeiden.

 

Heinrich Rombach hat versucht, diesen Widerspruch ein wenig zu entschärfen und spricht von je-dem Selben.

Dieser Begriff steht einerseits für jeder, andererseits aber immer nur für ihn als Einzigen.

2.4. Getrennt – Unterschieden – Ununterschieden

An dieser Stelle können wir endlich den Titel des Buches „Metaphysischer Explikationismus“ sinnvoll erklären.

Mit Explizieren meine ich ein Entwickeln, Darstellen oder Entfalten in dem Sinne, daß prinzipiell Unwißbares – natürlich nicht gewußt, aber – in Wissungen umgewandelt wird.

 

Um etwas zu wissen, genügt es nicht, es von anderem unterscheiden zu können. Jeder Säugling unterscheidet Mama von einer fremden Frau, wie an seinem Brüllen deutlich wird, weiß aber keine von beiden.

Natürlich gibt es kein Wissen ohne Unterscheiden; letzteres ist notwendig, reicht aber nicht hin, so daß wir von einem zweistufigen Explizieren ausgehenen müssen.

 

Das prinzipiell oder absolut Unwißbare besteht im Ununterschiedenen.

In einer ersten Stufe geht es in das Unterschiedene über.

Und die Wissungen schließlich sind nicht nur unterschieden, sondern getrennt. Das bedeutet, daß sich nicht nur A von B unterscheidet wie bei Rottönen, Wohlgefühlen oder unserem Säugling, sondern daß A negierbar sein muß und dadurch das unterschiedene B zu einem getrennten non-A wird.

Durch die Negation ist eine definierte Menge A, B, C . . . von Elementen möglich, von denen das non-A alle außer A umfaßt. Innerhalb der Farben gehört das Grün zum Nicht-Rot und in der Menge der Körper die Kugel zu den Nicht-Würfeln; „die Welt ist voller Nicht-Elefanten“ (Joseph Maria Bochenski).

Damit sollte die obige Kapitel-Überschrift verständlich sein; zurück zum Buch-Titel. 

 

„Explikationismus“ allein würde nicht genügen, weil wesentliche Teile von Hegels recht anderer Philosophie unter der Überschrift „Erkenntnistheoretischer Explikationismus“ kursieren.

Da Ontologie die Lehre von den traditionellen Urbildern ist, kommt „ontologisch“ als ergänzendes Prädikat nicht infrage, und so ergab sich recht geradlinig die gewählte Bezeichnung. Metaphysik ist keine Physik (aus) der Hinterwelt, sondern der Versuch, unsere unbestreitbaren Grenzen beim eigenen Denken, so weit wir es vermögen, auszudehnen. 

„Philosophie der Orientierung“ hätte ebenfalls sehr gut gepaßt, aber diesen Namen nutzt bereits Werner Stegmaier für seinen eigenen, dem unsrigen teilweise recht nahestehenden Entwurf.

2.4.1. Das Gewußte oder Getrennte

Daß Urbilder getrennt sind, ist uns inzwischen wohl deutlich geworden; aber genau dadurch existieren sie natürlich auch nicht.

Kann es auch Entitäten geben, die

von allem anderen getrennt sind – wie die Urbilder – und trotzdem

existieren, indem oder weil sie uns aktual bzw. gegenwärtig vorliegen, so daß

– wir sie wissen können?

 

Die Frage beantwortet sich nahezu von selbst: Die Wissungen.

Wir gehen von den traditionellen inexistenten Urbildern zu den existenten, weil uns aktual bzw. gegenwärtig gegebenen Wissungen über.

Wissungen können sich auf etwas beziehen oder Wissungen von etwas sein; dieses Wovon nennen wir im weiteren zumeist „Referent“.

Die Trennung der Wissungen von allem anderen, bedeutet, daß ihre Referenten wiederum nur in Wissungen bestehen können.

 

Ihre Kugelgestalt beispielsweise ist eine Wissung von der Erde.

Da letztere den Referent dieser Wissung bildet, muß die Erde ebenfalls eine Wissung sein.

Diese „blaue“ Erde ist unsere entscheidende Korrektur gegenüber der Tradition; letzterer zufolge wäre die Erde ein Urbild, so daß wir schreiben müßten: 

Ihre Kugelgestalt beispielsweise ist eine Wissung von der Erde.

Aber das halte ich für Unsinn; in der Grundschule sagte unser Lehrer vielleicht, Äpfel ließen sich nicht mit Birnen vergleichen, was nun konkret bedeutet:

Wir können die beiden Wissungen Erdkugel und Erdscheibe miteinander, aber nicht mit dem Urbild Erde vergleichen.

 

Wissungen von Wissungen sind nicht eigenwillig, sondern die normalste Sache der Welt.

Das ergibt sich unmittelbar daraus, daß  Wissungen eine integrale Einheit bilden, in der jede Wissung mit jeder anderen (zumindest ein klein wenig) in Verbindung steht. Korrigieren wir die Wissung Mensch, werden auch die Wissungen Baum und Gott andere. 

Daß es sich tatsächlich so verhält, erkennen wir insbesondere an zwei Stellen überdeutlich:

 

Zum einen erklären wir unverstandene Wissungen durch andere und setzen das solange fort, bis sich durch bekannte Wissungen Verstehungen einstellen. Ein Wechsel zu Urbildern – etwa durch hilfreiches Zeigen – ist ausgeschlossen, weil sie gar nicht vorhanden sind.

 

Zum anderen läßt sich jede Wissung infrage stellen; aber immer nur einzeln, denn wir benötigen die anderen – gegenwärtig nicht hinterfragten Wissungen – für unsere Antwort.

„Gewißheiten“ (Wittgenstein) wie „Ich habe einen Kopf“ können zwar nicht ernstlich in Zweifel gezogen werden, sind aber auch keine Wissungen.

Wittgenstein verlangt von letzteren, sie müßten prinzipiell falsch sein können.

Solange damit nicht das traditionelle Abweichen von den Urbildern gemeint ist, sondern die notwendige Möglichkeit einer zukünftigen, rückblickenden oder nachträglichen Korrektur, kann ich mich dem voll anschließen.

 

Da sich Wissungen nur auf (andere) Wissungen beziehen können, werden sie synonym mit dem Gewußten.

Traditionell wäre eine solche Identifizierung absurd, weil letzteres in den Urbildern besteht.

 

Urbilder sind inexistent.

Das wußten wir schon lange und ergänzen nun:

Weil Urbilder inexistent sind, muß die Tradition sie als ewig-identisch betrachten.

Die Begründung ist nicht schwer:

Was soll etwas – bereits – Inexistentes tun, um „ganz“ zu verschwinden? Und welche Seinsform besitzt es vor seiner Inexistenz? Da bleibt letztlich nur, daß die Urbilder weder entstehen noch vergehen und somit ewig-identisch sind.

Aber die Umkehrung gilt natürlich ebenfalls:

Alles Ewig-Identische ist inexistent; es gibt nichts dergleichen. Wer sagt, Gott sei ewig und identisch der Gleiche, bringt zum Ausdruck, daß er nicht vorkommt.  

 

Unsere Wissungen bilden das glatte Gegenteil davon:

Sie stellen keine inexistenten ewig-identischen Urbilder dar, sondern existieren aktual oder gegenwärtig dadurch, daß bzw. indem wir sie haben resp. wissen.

Die Wissungen bilden nicht nur eine integrale Einheit, sondern zugleich auch eine in sich (ab)geschlossene; es gibt weder ein Hinein noch ein Heraus – weil sie von allem anderen getrennt sind.

 

Wir hatten oben gesehen, daß es keine Erlebungen ohne Referenten gibt, wußten aber noch nicht, worin diese eigentlich bestehen oder was sie überhaupt sein sollen.

Drei Grundarten wollten wir unterscheiden; Erfahrungen, Vorstellungen und Wissungen.

Nun hat sich gezeigt, daß als Referenten bei letzteren nur Wissungen infrage kommen.

Gehen wir davon aus, daß die drei Arten kontinuierlich ineinander übergehen, drängt sich diese Verallgemeinerung auf:

Sämtliche Referenten unserer Erlebungen bestehen in Wissungen.

 

AD: „Dieser Gedankengang mit Ihrer Kontinuität erscheint mir aber nicht sonderlich zwingend . . .

Warum soll es zum Beispiel keine Vorstellungen von Wahrnehmungen geben?“

Auf der einen Seite können Sie sich natürlich vorstellen, was Ihr Herz begehrt, und deswegen scheine ich im Unrecht zu sein. 

Aber auf der anderen Seite muß der Referent einer Vorstellung sagbar sein, und das sind die Wahrnehmungen nicht; auch bei ihnen besteht das Sagbare allein im Referenten.

Sie können sich also tatsächlich „alles“ vorstellen, auch „Vorstellungen“ von Wahrnehmungen; nur sind das keine Vorstellungen, denn sie sind unsagbar – weil ohne Referent.

2.4.1.1. "Wissen from now on" vom "Wissen so far"

Unser Weltbild enthält vieles, was gar nicht existiert; nein; Unsinn: vieles, woran wir nicht glauben; Einhörner, Nymphen und Zwerge beispielsweise.

AD: „Aber umgekehrt gibt es natürlich auch vieles, was wir noch nicht wissen und was somit nicht einmal zu unserem Weltbild gehören kann.“

Könnten Sie mir bitte einmal ein Beispiel nennen?

AD: „Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, ob es dunkle Energie gibt und worin genau sie besteht.“

 

Das sind in der Tat offene Fragen – jedoch innerhalb unseres Weltbilds.

So wie Sie nur sagen können, daß es Einhörner, Nymphen und Zwerge „nicht gibt“, weil sie Ihnen aus Ihrem Weltbild bekannt sind, können Sie auch nur nach der dunklen Energie fragen, weil sie ebenfalls – wenn auch noch als Problem – dazugehört.

 

Die Tradition unterscheidet das Bereits-von-der-objektiven-Realität-Gewußte von dem Noch-nicht-von-der-objektiven-Realität-Gewußten.

Aber eine entsprechende Einteilung ist auch uns möglich; wir müssen dazu lediglich die objektive Realität streichen und erhalten dann Bereits-Gewußtes bzw. Nocht-nicht-Gewußtes; beides sind Wissungen oder (deren) Referenten.

 

Josef Mitterer verfolgt einen Gedankengang, der dem unsrigen teilweis recht ähnlich ist. Hierzu ersetzt in seinem „Jenseits der Philosophie“ unser Bereits-Gewußtes durch das Wissen so far und das Nocht-nicht-Gewußte durch ein Wissen from now on.

Im Sprachspiel Mitterers gibt es also Wissen from now on vom Wissen so far oder neues von altem Wissen bzw. geerstmaligtes von wiederholtem.

Mit der Zeit verschiebt sich die Grenze; das Wissen from now on wird immer wieder zum Wissen so far, so daß das gegenwärtige Wissen from now on in der Zukunft als Wissen so far fungieren kann.

 

Mitterer macht damit sehr anschaulich, daß die Einheit der Wissungen in sich geschlossen ist und wir weder in sie eintreten noch sie verlassen können; „es gibt weder ein Hinein noch ein Heraus“ schrieb ich oben.

AD, da hatte ich Ihren Einspruch erwartet:

Wie soll diese Einheit denn entstanden sein oder wieder verschwinden – ohne Hinein und Heraus?

 

Das wird bei Mitterers Sprachspiel deutlich:

Es entsteht Wissen from now on, das zu Wissen so far wird.

Jenes wird geerstmaligt oder entsteht, ohne daß wir ein Woraus oder Woher festmachen könnten; insbsondere existiert nichts zum Abbilden. Plötzlich ist das Wissen from now on gegeben oder existent; es ist nicht übergegangen, sondern tritt erst als fertiges in Erscheinung.

Das Wissen so far dagegen wird zunächst wiederholt und dann vergessen; auch hier gibt es kein Wohin; Vergessen bedeutet für das Wissen, im Nichts zu verschwinden.

2.4.1.2. Das Früher als Hinterwelt

Setzen wir die Urbilder zur objektiven Realität zusammen, bleiben sie trotzdem vollkommen getrennt voneinander.

Heidegger formulierte dies einmal so:

„Der Tisch berührt die Hauswand nicht, an die er gelehnt wird“, weil er keine Verbindung mit ihr eingeht oder sie ihm „gleichgültig“ ist, würde ich erklärend ergänzen.

Deswegen sind, wie sich oben bereits zeigte, die „Wechselwirkungen“ auch keine Wechselwirkungen, sondern weitere Urbilder; Bausteinen vergleichbar.

 

Wir haben bisher immer nur Substantive gewählt, um die Urbilder zu bezeichnen; „Sonne“, „Mond“ und „Sterne“ . . .

Wenn Moritz läuft, ein Baum umfällt, die Sonne scheint oder eine Glocke läutet, ereignet sich etwas in der objektiven Realität.

Dann gehören das Umfallen, Scheinen bzw. Läuten aber auch dorthin, so daß wir korrigieren müssen:

Wenn Moritz läuft, ein Baum umfällt, die Sonne scheint oder eine Glocke läutet, ereignet sich etwas in der objektiven Realität.

Es besteht also nicht nur kein Grund, sondern es wäre für einen traditionell Denkenden geradezu absurd, nicht auch mit den Verben Urbilder zu verbinden. Daß der Sonnenschein objektiv-real ist, das Scheinen der Sonne aber nicht, läßt sich kaum nachvollziehen.

 

Folglich besteht die objektive Realität aus „substantivischen“ und „verbalen“ Urbildern, die jedoch alle ewig-identisch sein müssen, wie wir oben gesehen hatten. Letzteres bedeutet freilich, daß in der objektiven Realität – trotz ihrer „verbalen“ Urbilder – absolut nichts geschieht; sie ist reine Statik.

Hiermit bestreite ich keineswegs, daß Veränderungen erfolgen; natürlich tun sie das; Moritz läuft, ein Baum fällt um, die Sonne scheint oder eine Glocke läutet.

Darin besteht kein Widerspruch, denn diese Veränderungen erfolgen in der Zeit, aber sie selbst ist ewig-identisch oder „zeitlos“ (A. M. Klaus Müller).

 

Dieser Gedankengang dürfte wohl ebenso schwierig wie wichtig sein; ich versuche, ihn ein wenig zu verdeutlichen:

Der Tradition zufolge leben wir als Urbilder im Jetzt des Zeitstrahls.

Was früher war, ist zwar nicht mehr, aber es bleibt ewig-identisch wahr, daß es sich wirklich so ereignet hatte. Natürlich erfolgt jetzt kein Urknall, aber bis in alle Ewigkeit wird es immer wahr sein und bleiben, daß er 13,7 Milliarden Jahre vor unserem Leben auftrat. In der Zwischenzeit hat sich nahezu alles verändert – und auch das ist eine ewig-identische Wahrheit.

Das Früher ist nicht mehr; aber nichts, was früher war, vergeht.

 

Mit dem Jetzt und Später hat die Tradition größere Probleme, die uns zum Glück (vorerst) nicht interessieren müssen.

Daß sich dies beim Früher ganz anders verhält, liegt daran, daß zwischen ihm und der Hinterwelt erkenntnistheoetisch kein prinzipieller Unterschied besteht:

1. Die Tradition behauptet beide als wirklich; vielleicht im Sinne von tatsächlich vorhanden oder geschehen.

2. Sowohl das Früher als auch die Hinterwelt sind prinzipiell unerreichbar.

3. Dadurch lassen sie sich nur aus ihren Konsequenzen in unseren Erlebungen erschließen.

4. Was dabei herauskommt, hängt natürlich vom jeweiligen Weltbild ab.

 

AD: „Was unterscheidet das Früher dann eigentlich noch von der Hinterwelt?“

In das Früher gehören Ereignisse, die abgeschlosen sind; der Urknall, die Erdentstehung oder das Leben der Saurier beispielsweise. 

Die traditionelle Hinterwelt beherbergt dagegen Dinge wie Materie, Gott oder Naturgesetze.

Das Früher bleibt – als das Früher – ewig-identisch wahr; das ist es jetzt und wird es auch später noch sein.

Auch die traditionelle Hinterwelt bleibt ewig identisch wahr; aber sie war nicht früher, sondern ist „immer“. Sie ist auch noch ewig; so daß sich die traditionelle Hinterwelt als „ewig-identisch in der zweiten Potenz“ erweist.

Der Urknall war nur früher und ist ewig-identisch wahr.

Gott ist ewig oder „immer“ und ist ewig-identisch wahr.

2.4.1.3. Das Weltbild als Lagerraum

Deshalb bildet der Lagerraum ein sehr gutes Bild für die objektive Realität mit ihren Urbildern.

Er ist vierdimensional und umfaßt drei räumliche Koordinaten x, y sowie z und eine zeitliche Komponente t. Die Zeit wird durch einen Pfeil veranschaulicht, die räumlichen Koordinaten aber ebenfalls; er zeigt lediglich die Richtung an, in der die Parameterwerte zunehmen.

Früher und später unterscheiden sich nicht prinzipiell von oben oder unten, rechts bzw. links und hinten resp. vorn.

„Dort – früher, hinten, oben, links – befindet sich der Urknall; rechts davor ist die Erde entstanden; dort drüben war der Bauernkrieg; hier in der Mitte – am Ursprung – leben wir jetzt, und später, dort links unten wird das letzte Dieselauto verschrottet.“ 

 

Warum gebe ich mir so viel Mühe, Ihnen etwas zu erklären, was Sie ohnehin nicht glauben (sollen)?

Weil die traditionellen Urbilder zu unseren Wissungen werden und damit die objektive Realität in das eigene Weltbild übergeht

Letzteres ist auf der einen Seite überaus wichtig, weil wir  alle Freiheitsentscheidungen nur auf seiner Grundlage treffen können.

Auf der anderen Seite kann unser Weltbild natürlich trotzdem völlig absurd sein und absolut nichts mit unserem Leben zu tun haben.

 

Daß wir keinesfalls darin leben, müßte ich wohl nicht mehr erwähnen; es zeigt sich zum Beispiel daran, daß wir uns im Lagerraum der Wissungen mit Überlichtgeschwindigkeit von jeder Stelle an jede andere „bewegen“ können, 

Aber das geht eben nur, weil sich hier gar nichts bewegt; wir lassen lediglich die – möglicherweise veränderlichen – Wissungen vor unserem geistigen – ewig-identischen – Auge Revue passieren.

 

Aus dem Urbild X wird die Wissung X; bei jenem lautet die entscheidende Frage, ob X vorhanden ist bzw. war; bei dieser, ob wir (an) X glauben.

„Gibt es einen Teufel“, ist hinterwäldlerisch; „glaube ich (an) den Teufel“, stellt eine vernünftige Frage dar, bei der keiner, der den Begriff des Teufels kennt, umhin kommt, sie für sich – so oder so – zu beantworten.

Der Teufel mag ein eingängiges Beispiel bilden, aber es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen ihm und allen anderen sowohl „substantivischen“ als auch „verbalen“ Wissungen. Wir leben und entscheiden mit ihnen oder lehnen sie ab – aus welchen Gründen auch immer.

2.4.1.4. Entscheiden ohne Trennung

Die „verbalen“ Wissungen entsprechen zwar Tätigkeiten, aber als Wissungen werden sie nicht getan, sondern gewußt. Wann tut wer wirklich etwas?

Darauf haben wir bereits geantwortet:

Das kann nur ich – als je-der Selbe – mit meinem Leiben.

 

Geschehen kann nur im Leben etwas, und das ist stets das eigene; wir besitzen keinen Zugang zu einem fremden Leben.

Zu dem unsrigen gehört nicht nur das Entscheiden, sondern das Leben ist kontinuierliches Entscheiden, weil auch das Nicht-Entscheiden-Wollen ein Entscheiden ist. Betrachten wir unser Leben anhand des Entscheidens, so ist das also kein Beispiel neben anderen, sondern der Kernpunkt seiner Irreversibilität.

 

Wir veranschaulichen uns das Entscheiden häufig anhand einer Trennung.

Dafür sind vier Elemente erforderlich:

1. Das Ganze oder Umgreifende, innerhalb dessen wir zu unterscheiden haben.

2. Unser innerhalb dieses Umfassenden liegendes Ziel A; das also, wofür wir uns entscheiden.

3. Die dieses Ziel begrenzende geschlossene Linie (oder Fläche).

4. Die andere Seite der Grenze; alles außer A, rein logisch also non-A.

Der erste Punkt scheint vielleicht nicht ganz zwingend; er ist jedoch erforderlich, weil es ohne ihn kein „alles außer A“ gibt und damit die andere Seite der Grenze oder das non-A fehlt.

 

Das dürfte einleuchten – hat aber absolut nichts mit dem Entscheiden bzw. unserem Leben zu tun.

Wir haben über die Wissung Entscheiden gesprochen – aber nicht entschieden, das heißt, wiederum den Lagerraum nicht verlassen.

Ich verdanke diese Überlegungen George Spencer-Brown, der sehr tief über den Begriff der Wirklichkeit und die dafür notwendige irreversible Zeit nachgedacht hat. Sein Hauptwerk, die „Gesetze der Form“, ist leider nahezu unverdaulich. Daraus resultiert wohl auch, daß die Wertschätzung, die Spencer-Brown von seinen Lesern erfährt, zwischen genial und . . . extrem schwankt; für mich ist er ein grandioser (mathematischer) Denker.

 

Um von der zeitlosen Wissung Entscheiden zum wirklichen zeitlich-irreversiblen Entscheiden zu gelangen, müssen wir die obigen vier Punkte überarbeiten.

 

1. Das Ganze oder Umgreifende entfällt.

Wir leben weder in der objektiven Realität noch innerhalb unseres Weltbilds, sondern in eine absolut offene Zukunft hinein.

 

2. Unser Ziel besteht nicht immer in Wissungen.

Häufig spüren wir nur und können uns kaum selbst darüber klarwerden, wohin die Reise gehen soll.

 

3. Ohne Umgreifendes existiert kein „alles außer A“ und so entfällt die Negation.

Selbst wenn unser Ziel also in Wissungen besteht, gibt es keine Grenze.

 

4. Damit fehlt natürlich in jedem Fall die andere Seite.

Wir können niemals wissen, wogegen wir uns entschieden haben, weil das zwar in unserem Weltbild, aber nicht im Leben vorkommt.

 

Wir treffen eine Entscheidung und erleben ausschließlich, was sich daraus ergibt.

Zum einen muß dies keineswegs unser ursprünglich intendiertes Ziel sein.

Wir wollten beispielsweise bei Francesco Himbeereis essen, bekommen aber durch unsere Entscheidung – vielleicht kein Eis, sondern – Streit mit der Bedienung, ein Geschenk als tausendster Gast oder eine Dachschindel auf den Kopf.

Zum anderen erleben wir zwar die Folgen unserer Entscheidung, haben aber natürlich keine Ahnung, was bei allen anderen möglichen Entscheidungen geschehen wäre. Die Zeit ist irreversibel und damit die Frage „Was wäre wenn?“ zumeist unbeantwortbar.

2.4.2. Das Bewußte oder (Un-)Unterschiedene

AD: „Ich hatte keine Schwierigkeiten damit, daß die Wissungen von allem anderen getrennt sind.

Aber sie sind das ja auch untereinander; das schien mir bisher Ihrer Annahme zu widersprechen, die Wissungen würden eine integrale Einheit bilden. Jetzt sehe ich, daß hier keinerlei Probleme vorliegen:

Die Negation wird durch diejenige Einheit der Wissungen ermöglicht, in der sie dann selbst für die Trennungen sorgt.

Ein Tisch ist kein Stuhl – in der Einheit der Möbel; sie entspricht dem ‚alles‘, das für die Negation des Stuhls erforderlich ist.“

 

Ja; das (nur) Unterschiedene enthält dagegen keine definierten Elemente und kann somit weder eine Menge bilden noch negiert werden.

Wir können bei einer Beerdigung traurig sein, uns aber trotzdem zugleich über ehrliche Anteilnahme freuen; die Freude ist keine Nicht-Trauer, aber unterscheiden lassen sich die beiden zumeist problemlos. Der Masochismus zeigt sogar deutlich, daß Wollust und Schmerz natürlich unterschieden, aber dennoch nicht getrennt werden können.

 

Nein; Kommando zurück; das ging schief!

Es ist unsinnig und war soeben falsch, spezielle Entitäten wie Stühle und Tische oder Wollust und Schmerz den beiden Sphären Getrennt-Gewußt-Unwirkliches bzw. Unterschieden-Bewußt-Wirkliches zuordnen zu wollen.

Nicht nur Tische sowie Stühle, sondern auch Wollust und Schmerz muß es als Wissungen geben, weil wir andernfalls mit diesen Worten gar nichts sagen bzw. denken würden; sie entsprächen einem bloßen Blablabla wie bei unserem Remie oben. 

Diese Wissungen treten nur als Referenten unserer Erlebungen auf, aber aller Erlebungen.

 

Die meisten Entitäten können außerdem zum Inhalt unserer Erkennungen werden; natürlich Wollust und Schmerz, aber auch Tische bzw. Stühle und bei vielen Menschen Bilder, Formen oder sogar Zahlen. Als Erlebungs-Inhalte sind diese Entitäten aber nicht getrennt-gewußt-unwirklich, sondern unterschieden-bewußt-wirklich.      

Da es keine Inhalte ohne die entsprechenden Referenten geben kann, müssen alle Entitäten Wissungen, aber nicht alle Facetten des Lebens sein können.

 

Das Leiben schließlich ist ununterschieden und damit ebenfalls bewußt.

Wir können es mit den Inhalten zum Bewußten zusammenfassen und dem Gewußten – den Wissungen also – gegenüberstellen. Das ist jedoch keine bloß pragmatische Sprachregelung, sondern da steckt mehr dahinter:

Das Leiben ist zwar stets ununterschieden, aber wir können Inhalte von ihm unterscheiden. Es ist also unterscheidbar und ermöglicht dadurch unterschiedene Inhalte, die stets das Leiben, aus dem sie hervorgegangen sind, – als ihre ununterschiedene Ausgangsbasis – hinter sich lassen.

Das ist natürlich die erste Stufe des Explizierens, die wir zu Beginn dieses Kapitels angedeutet hatten

 

Muß das Leiben ununterschieden sein, scheint es wieder nur eines geben zu können; aber das stimmt natürlich nicht, denn das Bewußte ist ebensowenig zahlfähig wie das Transzendente; nur Gewußtes läßt sich zählen.

Auf der einen Seite wäre es also falsch, von einem Leiben sprechen zu wollen; aber auf der anderen Seite lassen sich auch nicht mehrere – Arten von – Leiben unterscheiden; Erfahren, Vorstellen und Wissen beispielsweise.

Rein grammatisch müssen wir sagen, daß Wahrnehmungen wahrgenommen und Beachtungen beachtet werden; aber die Grammatik nimmt uns das Denken nicht ab:

Wenn das Leiben ununterschieden ist, spielt es keine Rolle, welches Verb wir an seiner statt benutzen; sie bedeuten alle das Gleiche. Denkungen zum Beispiel werden normalerweise gedacht; aber es sind exakt die gleichen, wenn sie geleibt, erlebt, oder vielleicht sogar erfahren werden.

 

Insbesondere können wir also auch nicht zwischen Erleben und Leiben unterscheiden.

AD: „Und warum haben Sie dann diesen etwas eigenwilligen Begriff des Leibens überhaupt eingeführt?“

Wir hätten unter diesem Blickwinkel nicht einmal das Erleben gebraucht, denn auch das läßt sich nicht vom Leben unterscheiden.

Meine diesbezügliche Intention ist eine andere:

Das Leben ist sowohl mit als auch ohne Erlebungen möglich; allein deswegen sprechen wir das eine Mal von Erleben und das andere Mal von Leiben.

Die beiden selbst fallen also zusammen; aber „nach“ dem Erleben kommen die Erlebungen, während „nach“ dem Leiben nichts mehr kommt.

 

Das Leiben ist zwar ein ungewohnter und vielleicht auch schwieriger, aber grundlegender Begriff, so daß wir ihn möglichst gut verstehen müssen.

Eine Definition ist sogar sehr einfach – wir müssen sie nur ernstnehmen:

Ausnahmslos alles, was ich „tue“, gehört zum ist Leiben.

Mein Laufen, Schlafen, Denken, Sterben, Gesunden, Träumen, Trinken, Sprechen, Erleben . . . sind Leiben.

Diese Verben fungieren nur als Referenten, um Facetten des Lebens zum Ausdruck zu bringen.

2.5. Das Subjekt erlebt Erlebungen

Es gibt auch ein Leben ohne alle Erlebungen; der Eintritt in das Leben kann gar nicht anders erfolgen, denn sämtliche Erlebungen sind an Referenten gebunden, die eingangs noch gar nicht gegeben sein können. Wo sollten sie herkommen?

Fehlen die Erlebungen, wäre es irreführend, vom Erleben zu sprechen; ein solches Leben nennen wir „Leiben“. Das ist natürlich ein Kunstwort, aber ein sehr treffendes, weil drei seiner vermutlichen Assoziationen unsere Überlegungen unterstützen:

1. Es zeigt die Nähe zum verbalen Leben.

2. Des weiteren steckt Leib darin; den gibt es zwar nicht – weshalb sollte gerade der Leib kein Urbild sein? –, aber:

3. Der verbale Charakter ist bei Leiben unüberhörbar. 

 

Treten im Laufe des Lebens Referenten zum Leiben hinzu, werden Erlebungen möglich; mehr als sie Erfahrungen, Vorstellungen sowie Wissungen läßt sich gar nicht erleben.

Wir versuchen im weiteren zu erklären, daß das Erleben (unter anderem) mit dem Leiben synonym sein muß, und unterscheiden dazu die drei Differenzierungsgrade getrennt, unterschieden sowie ununterschieden.

 

AD: „Darf ich Sie bitte einmal unterbrechen:

Natürlich gibt es Ihr „Erleben der Erlebungen“, aber es entspricht nur einem – wenn auch sehr häufigen – Spezialfall, und wir dürfen diese Form nicht als allgemeingültig oder gar fundamental all unseren Situationen zugrundelegen. 

Ein Subjekt kann zum Beispiel Erleben erleben, aber mit Ihrer Struktur läßt sich das meines Erachtens nicht darstellen.“

 

Das ist tatsächlich ausgeschlossen, das haben Sie Recht, aber diesen Fall gibt es auch gar nicht.

Wir erleben Erlebungen, jedoch niemals ein Erleben; das gesamte Erleben ist bereits in dem „erleben“ enthalten.

 

In die Sprache des systemischen Denkens übersetzt lautet das etwa folgendermaßen:

Ich beobachte und bin damit per definitionem ein Beobachter erster Ordnung; Entsprechendes können bzw. müssen Sie natürlich von sich ebenfalls sagen. Wir beobachten beide – natürlich jeder für sich –, wie der Ball ins Tor fliegt, die Fersehkamera ein Fußballspiel aufnimmt oder Moritz es mit seinen Augen verfolgt.

Zwischen diesen drei Beispielen besteht kein grundlegender Unterschied; der Ball sieht natürlich nichts, aber die Fernsehkamera und Moritz sehen ebensowenig. Sehen – im Sinne von Erleben – kann nur ich allein, wie wir im letzten Kapitel bereits verdeutlichen wollten.

 

Das systemische Denken widerspricht massiv; natürlich sieht auch ihm zufolge weder der Ball noch die Fernsehkamera – aber Moritz.

In diesem Ansatz ist letzterer also ebenfalls ein Bobachter erster Ordnung, und wenn ich bebachte, wie Moritz beobachtet, ist das angeblich eine Beobachtung bzw. bin ich ein Beobachter zweiter Ordnung.

 

Ich bin überzeugt, daß das falsch ist und wir somit alles grün Hervorgehobene streichen können.

Es gibt kein Beobachten des Beobachtens, kein Beobachten zweiter Ordnung oder Potenz; weder bei irgendeinem Moritz noch bei mir selbst.

Ornithologen beobachten Vögel; aber kein Ornithologe kann sein eigenes Vogel-Beobachten beobachten. Versuchen Sie es einmal; ich glaube, dann geben Sie mir Recht. Wir sehen nur, wie Moritz seine Augen auf die Vögel richtet; sehen kann er (sie) nicht

 

AD: „Das ist doch absurd!

Sie sitzen neben Moritz im Fußballstadion und hören, wie er im richtigen Moment ‚Tor‘ schreit – aber gesehen hat er nichts . . .“

Es scheint tatsächlich absurd zu sein, aber ich versuche trotzdem, meinen Kopf noch aus Ihrer Schlinge zu ziehen.

2.5.1. Inhalte auf den Begriff bringen

Traditionell sind durch die vorgegebenen Urbilder prinzipiell unentscheidbare Fragen möglich; Paradebeispiele bilden offensichtlich das Vorhandensein Gottes und der Inhalt fremder Psychen.

Bei uns gibt es dergleichen nicht; prinzipiell unentscheidbare Fragen müssen selbst konstruierte Scheinprobleme sein, die daraus resultieren, daß wir die falschen Denkwerkzeuge gewählt haben oder mit ihnen irrtümlich umgegangen sind. Wir bilden doch nichts ab, sondern bestimmen selbst die Begriffe, mit denen wir denken.

Und einen solchen Denkfehler muß ich Ihnen bei Ihrem Einand soeben vorwerfen:

Nicht meine Behauptung, Moritz könne nicht(s) sehen, sondern die Selbstverständlichkeit, er müsse das Fußballspiel doch ebenso sehen wie ich, ist das Absurde – denn:

Ich sehe doch auch keines!

Für „Ich sehe ein Fußballspiel“ müßte dieses traditionell ein Urbild sein.

Für uns ist dergleichen nicht vorhanden; also kann auch ich kein Fußballspiel sehen.

Moritz sieht es also ebensowenig wie ich.

 

Ich sehe also kein Fußballspiel, sondern bringe einen – beschreib-, aber nicht sagbaren – Inhalt auf den Begriff Fußballspiel.

Die Idee zu einer solchen Darstellung verdanke ich Charles Sander Peirce; sein in unserem Zusammenhang entscheidender Grundgedanke besteht darin, daß Zeichen nur drei- und nicht wie gewohnt zweiseitig – mit Bezeichnung und Bezeichnetem – gedacht werden können. An ihre Stelle treten bei Peirce Interpretamen, Interpretant und Interpretament.

Um zu verstehen, worin hierbei der Unterschied besteht, betrachten wir als Beispiel die Sonne.

Nein; das war schon wieder falsch; die gibt es doch gar nicht.

Ich meine den Inhalt, den wir modernen Mitteleuropäer auf den Begriff Sonne bringen, den ich Ihnen aber – wie jeden anderen Inhalt auch beschreiben, jedoch – nicht sagen kann.

Ich beschreibe:

„Wir gehen am 13. August mittags bei wolkenlosem Himmel in Berlin spazieren, und werden von einem konturlosen, gelblich-weißen und grellen Kreis nahezu senkrecht über uns geblendet.“

 

Wir bringen diesen Inhalt heute auf den Begriff Sonne und denken dabei an Kernfusion, Planeten, Sternensysteme, Wasserstoff oder Helium usw.

 

Möglicherweise den gleichen Inhalt haben die alten Ägypter auf den Begriff Re, Ihres Hauptgottes, gebracht.

Ein Ägypter, der damals die Sonne gesehen hat, hätte nicht als krank gegolten, sondern ist völlig ausgeschlossen, weil dafür unser ganzes Weltbild erforderlich ist. Umgekehrt natürlich ebenfalls; das heißt, wer die Ägypter für naiv hält, beurteilt sie auf der Grundlage seines Weltbilds und hat wahrscheinlich nur geringe Kenntnisse von dem damaligen. Dennoch zu glauben, urteilen zu können – das ist das Naive.

Schicken wir also eine Rakete hin, um nachzuschauen, „wer Recht hat“. Nach einem hinreichend langem Flug würde die Rakete unserer Interpretation zufolge zerschmelzen und verglühen. Aber etwas Ähnliches hätten die alten Ägypter wohl auch prophezeit, denn man schießt nicht ungestraft Raketen auf seinen Gott.

Das hätten sie aus Ehrfurcht niemals getan; ebenso wie es für uns absurd wäre, die Sonne anzubeten.

 

Damit sollte die entscheidende Veränderung, die sich mit dem Übergang von der Moderne zur Postmoderne ereignet, wohl bereits erkennbar sein:

Wir werden toleranter!

Aus „Ich sehe die Sonne und damit ist es die Sonne; basta!“ wird „Ich verstehe einen unsagbaren Inhalt als Sonne – und kann ihn ehrlicherweise auch nur so verstehen –, weiß aber sehr wohl, daß andere diesen Inhalt anders interpretieren“.

2.5.2. Von der objektiven Realität zum subjektiven Leben

Aus dem Erleben von X wird das Auf-den-Begriff-X-Bringen eines unsagbaren Inhalts; ich glaube anhand des konkreten Sonne-Re-Beispiels läßt sich das verstehen.

Das war jedoch nur ein erster Schritt; wir müssen noch einen zweiten anschließen und setzen dazu unser Beispiel fort.

Ich kann den „gleichen“ Inhalt auch auf die Begriffe Lebensfreude, Harmonie, Resonanz, Dankbarkeit, Glück, Freiheit oder ähnliches bringen und damit im Rahmen meines Lebens verstehen.

 

Jetzt haben wir wieder einen wichtigen Punkt für das Gesamtverständnis erreicht:

(1) Unsere übliche Sonnen-Interpretation ordnet den Inhalt unserer Erlebung dem physikalischen Kosmos zu.

(2) Die Ägypter stellten einen Zusammenhang mit ihren Göttern her.

(3) Und ich wollte schließlich andeuten, daß der „gleiche“ Inhalt natürlich auch in unser Leben passen würde.

 

Mein Anliegen ist der Übergang von (1) zu (3).

Die Wirklichkeit besteht nicht in – den Urbildern – der objektiven Realität, sondern einzig und allein in meinem Leben bzw. im Leben je-des Selben.

Aus der Vorhandenheit der Welt wird die Existenz meines Lebens.

Dazu bedarf es keiner Umwandlung einer angeblichen Materie, sondern lediglich einer Uminterpretation der Inhalte unserer Erkennungen.

Sie – diese Inhalte – bilden den harten Kern der Wirklichkeit und keine Substanzen, Stoffe oder dergleichen, weder Granitblöcke noch Elementarteilchen, weder Schicksal noch Zufall. Auch alles weitere, was sich hier noch aufzählen ließe, sind nur geistige Wissungen, die als Referenten der Interpretation unserer Erlebungen dienen.

 

AD: „Das hätte ich nicht gedacht; das Zugrundeliegende soll unsagbar sein . . .“

Ja; dieses Ergebnis liegt quer zu unserer modenen Überzeugung, der harte Kern der Wirklichkeit müsse materiell im traditionellen Sinne sein. Aber darin zeigt sich nur, wie massiv wir uns in den letzten 400 Jahren an das physikalistische Denken angepaßt und es verinnerlicht haben.

Beispielsweise halten es die meisten unserer Zeitgenossen für selbstverständlich, daß die Psyche gleich – einem Produkt von – dem Gehirn ist und sich jene natürlich auf dieses reduzieren lassen müsse; ein Mensch soll der Körper sein, und das Leben in den Aktivitäten des letzteren bestehen.

 

Natürlich gibt es auch bei uns Materie, aber sie ist nicht der Stoff, aus dem die physikalischen Urbilder gemacht sind, sondern Materie

– ist lediglich ein Begriff oder eine  Wissung,

– kann als Referent unserer Erkennungen fungieren und

– ist in beiden Fällen aktual gegeben.

 

AD: „Also kann es keine Materie-Erhaltung geben?“

Nein; ganz im Gegenteil; nur Wissungen sind zahlfähig; der Materie- bzw. Energie-Erhaltungssatz ist allein möglich, weil wir uns damit im rein Geistigen bewegen.

Das Materiell-Stoffliche der Tradition gehört nur zu (1), das heißt, zum Verständnis der Wirklichkeit als Kosmos. Für uns (3) wird daraus das Erleben, und in beiden Fällen bildet das rein Geistige der Wissungen oder Begriffe das Pendant.

Traditionell treffen sich die beiden Seiten in den Urbildern, die sowohl vorhanden als auch – im Sinne der Wissungen oder Begriffe – etwas Bestimmtes sind.

In dieser Funktion treten bei uns die Inhalte an die Stelle der Urbilder, weil sich in ihnen das Erleben mit den Erlebungen schneidet.

 

 

  Leiben Inhalt Geist(iges) Materie  
      Wissungen Stoff / Substanz
 
      Begriff
Vorhandenheit
 
           
traditionell     Urbilder
 
           
postmodern „Subjekt erlebt Erlebungen“    
    Erlebungen    
  Erleben      
  (3)
Pendant (1)  
       
  ich oder je-der Selbe
     

Abbildung 2.4.2.

 

Es gibt also an sich oder objektiv weder ein Dies- noch ein Jenseits, keine Immanenz und keine Transzendenz. Das scheint mir zwingend zu sein, denn unsagbare Inhalte können nicht von sich aus zwei verschiedenen Töpfen angehören.

Natürlich lassen sie sich ihnen durch unser Interpretieren oder Auf-den-Begriff-Bringen zuordnen; aber das ist etwas völlig anderes. So sind wir im Abendland zweieinhalb tausend Jahre vorgegeangen – freilich in der festen Überzeugung, die Wirklichkeit wiederzugeben.

Die Frage, ob Gott existiert, ist, mit anderen Worten, falsch gestellt.

Vielmehr ergibt sich aus meinem Weltbild, wer oder was – welche Wissung bzw. Vorstellung – Gott ihm zufolge ist resp. wäre, und darauf basiert meine Entscheidung, ob ich (an) einen solchen Gott glauben kann / will oder nicht.

 

Die allermeisten Atheisten haben wahrscheinlich Gottes-Vorstellungen, die ich mit Sicherheit auch ablehnen würde. Die Aufgabe der Christen wäre es dann, ihre – hoffentlich besseren – Wissungen zu propagieren.

Viele „Rechtgläubige“ werden sich über das hier Geschriebene entsetzen:

„Wir sollen den wahren Gott verkünden und nicht unsere – zudem noch verbotenen – Bilder, Wissungen oder Vorstellungen von ihm!“

Einverstanden; es gibt doch gar keine Erlebungen von Gott – oder irgendeinem anderen X.

Es geht vielmehr „nur“ darum, ob ich das eigene Leben mittels der Wissung Gott – die ich eben habe – interpretieren, verstehen oder auf den Begriff bringen möchte. 

 

Dem müßten wir durch einen geeigneten Begriff für die Einheit aller unserer Wissungen Rechnung tragen, der möglichst neutral ist und nicht das Dies- oder Jenseits assoziieren läßt.

Aufgrund der abendländischen Geistesgechichte ist das jedoch schwierig, und wir sind nahezu gezwungen, dafür den Begriff des Weltbilds zu wählen. Assoziativ steht er natürlich der Immanenz näher; deshalb betone ich ganz ausdrücklich:

Mit dem subjektiven Weltbild verbinden wir im weiteren die Ein- oder Gesamtheit aller unserer Wissungen.

Das bedeutet keinen Monismus, sondern ist völlig offen; wer möchte, kann sehr gerne zwischen Diesseits und Jenseits oder wie auch immer unterscheiden. Unsere Vereinbarung besagt lediglich, daß alles zusammen – und nicht nur die Immanenz – dem Weltbild entspricht.

Das eine enthält beispielsweise den Teufel, und das andere nicht.

2.5.3. Leben und Handeln oder Be- und Gewußtes

Unsere Struktur „Ich sehe ein Fußballspiel“ bedeutet nicht, daß ich ein Fußballspiel sehe – das ja gar nicht vorhanden ist –, sondern daß ich einen unsagbaren Inhalt in diesem Sinne interpretiere oder so auf den Begriff bringe.

„Moritz sieht ein Fußballspiel“ entfällt völlig, wie wir oben gesehen haben, weil nur ich das Subjekt der Struktur sein kann.

Weder sitzt Moritz neben mir noch sehe ich ihn sitzen – weil dazu auch er ein Urbild sein müßte; lediglich die Struktur „Ich sehe, daß Moritz neben mir sitzt  und ein Fußballspiel zu sehen scheint“ läßt sich schwerlich bestreiten.

Sie besagt aber wiederum nur, daß ich einen gegebenen Inhalt mittels der Wissung „daß Moritz neben mir sitzt und ein Fußballspiel zu sehen scheint“ als Referenten interpretiere.

Moritz hält auch kein Bier in der Hand, sondern „Ich sehe . . .

 

Dieses Spielchen könnten wir jetzt beliebig lange fortsetzen, wobei jeder Schritt auf das Gleiche hinauslaufen würde:

1. Ich bin – bzw. je-der Selbe ist – das einzige Subjekt.

2. Kein X kommt vor oder ist vorhanden; welches Urbild auch immer dieses X sein sollte.

3. Jede Erkennung bedeutet „nur“ eine eigene Interpretation des gegebenen, aber unsagbaren Inhalts.

4. Letzterer liegt in den Erfahrungen vor und fehlt in den Vorstellungen.

 

Erkennungen entstehen also dadurch, daß wir Inhalte Im Rahmen oder mit den Möglichkeiten unseres subjektiven Weltbilds interpretieren bzw. die Facetten des Lebens ihm entsprechend auf den Begriff bringen; Physikalisten, Ägypter, Postmoderne . . .

AD: „Diese Aufzählung ist aber nicht ganz fair, denn sie gaugelt uns eine Reihe gleichwertiger Möglichkeiten vor, während Sie doch gerade Wert darauf legen, daß tatsächlich die Facetten des Lebens interpretiert werden und somit Ihr Ansatz – im Gegensatz zu dem physikalistischen und ägyptischen – wahr ist.“

 

Jein; das ist nicht ganz richtig, weil Sie zwei verschiedene Dinge durcheinanderwerfen.

Ja; die einzige Wirklichkeit besteht meines Erachtens im eigenen Leben, so daß tatsächlich gar nichts anderes zum Interpretieren vorliegt als dessen Facetten.

Nein, weil es keine wahren Interpretationen gibt, sondern höchstens lebensdienliche, friedliche, harmonische oder dergleichen. Und da muß eine postmoderne Interpretation keineswegs „besser“ abschneiden als beispielsweise die ägyptische.

 

Wir leben und verfügen über ein subjektives Weltbild, mit dessen Hilfe wir unser Leben interpretieren – in Form welcher Wissungen auch immer.

Hierbei ergeben sich sehr leicht Verständnisprobleme, weil wir immer nur das bereits Interpretierte denken und von ihm sprechen können.

Ein sehr deutliches Beispiel bietet das Handeln:

Ich kann nicht handeln – laufen, schlafen, lesen, sprechen oder was auch immer –; das tut mein Körper in der subjektiven Welt.

Ich kann jedoch nicht nur, sondern „muß“ sogar leiben, leben, erleben usw.

Was unterscheidet diese beiden Tätigkeitsarten voneinander? 

 

Leiben, Leben oder Erleben entsprechen dem traditionellen Vorhandensein; nicht die Urbilder sind wirklich, sondern sondern diese „Tätigkeiten“.

Aber im Gegensatz zum Handeln – Laufen, Schlafen, Lesen oder Sprechen – sind das eben keine Tätigkeiten, viemehr unsere Daseinsweisen oder Formen des Seins; wir sind nur als oder im Leiben, Leben oder Erleben 

Wir handeln folglich nicht, sondern bringen unsere Daseinsweise gegebenenfalls – im Rahmen der Erlebungen – als Handeln unseres Körpers in der Welt auf den Begriff.

 

AD: „Jetzt haben Sie wieder ein Problem:

Wir können einerseits unmöglich in der Welt leben, weil es die ohne unser Leben gar nicht gäbe.

Andererseits sagen Sie, daß wir mittels unseres Körpers in der Welt handeln.

Wie wollen Sie das zusammenbekommen?“

 

Am Lebensbeginn existieren noch keinerlei Wissungen, das heißt, es fehlt alles Trennende oder Abgetrennte; das Leiben muß als – unsere Daseinsform – folglich nicht nur wirklich, sondern auch fluid sein oder einem Kontinuum entsprechen.

Später wird dieses Leben auf den Begriff gebracht; wir wissen dann nicht von ihm, sondern durch das Leben von den Wissungen. Sie bilden das Gewußte oder die einzig möglichen Referenten sämtlicher Erlebungen, wie oben deutlich werden sollte.  

 

Ich kann Ihnen zur Erleichterung das Modell anbieten, wie ich mir den Zusammenhang zwischen Leben und Wissungen vorstelle:

Ersteres entspricht einem grenzenlosen – aber dennoch keineswegs unendlichen – Kontinuum. Als Vorhandenes wäre es ein Urbild und damit gar nicht. Es muß also unserer Psyche angehören, das heißt, existent oder gegenwärtig gegeben sein.

 Als unsere Daseinsform muß das Leben sogar „immer“ im Sinne von ununterbrochen existent bzw. gegenwärtig gegeben sein; das ist es, was wir oben als wirklich eingeführt haben.

Da das Leiben, Leben oder Erleben jedoch nicht gewußt ist, betrachten wir es im weiteren als bewußt, so daß sich unsere Psyche aus dem Ge- sowie Bewußtem zusammensetzt. (Das ist einer der Gründe, weshalb ich auf den Begriff des Bewußtseins verzichte; er ist ebenso einseitig wie es ein Gewußtsein wäre.)

 

Innerhalb dieses bewußt-wirklichen Kontinuums errichten wir im Laufe unseres Leben eine diskrete Welt, die von jenem getragen oder ermöglicht wird, aber keinerlei Wissungen von ihm enthält oder auch nur erhalten könnte, weil alles Gewußte diskret sein muß; die Wissungen sind in sich (ab)geschlossen.

Dem Bewußt-Wirklichen auf der einen Seite unserer Psyche steht also das Gewußt-Unwirkliche auf der anderen gegenüber. 

 

Letzteres entspricht einzelnen festen Punkten in einer grenzenlosen Flüssigkeit.

Als Modell fällt Ihnen vielleicht ein, daß die Wissungen ein Skelett darstellen, das durch das Fleisch des Lebens aufgefüllt wird.

Das gefällt mir aber aus zwei Gründen nicht:

Zum einen ist in diesem Bild das Skelett primär und wird durch das Leben nur aufgefüllt, während sich die Prioritäten bei uns gerade umgekehrt verteilen.

Und zum anderen wäre das Skelett zu kompakt; es ist etwas Ganzes, während die Wissungen tatsächlich eher getrennten Punkten entsprechen; im Wasser schwebenden Körnern.

 

 

Psyche
   
Bewußtes Gewußtes    
wirklich unwirklich    
kontinuierlich diskret    
         
  Erlebungen    
Erleben      
Geist    
ich oder je-der Selbe
     
Leiben Inhalt Referent    
  Facetten des Lebens Wissungen oder Begriffe    

Abbildung 2.5.3.

 

AD: „Dann ließen sich die Wissungen oder Begriffe sinnvoll als Geist bzw. Geistiges zusammenfassen und dem Leiben gegenüberstellen.“

Ja; die beiden sind natürlich durch die Trivialität verbunden, daß es ohne Leiben – das heißt dann freilich „Erleben“ oder „Wissen“ – auch keine Wissungen geben kann. Aber abgesehen davon haben die beiden nichts miteinander zu tun; sie schneiden sich nicht.

Trotzdem vertreten wir keinen Leiben-Geist-Dualismus, weil die Inhalte diese zwei Seiten verbinden; wie ihnen das gelingt, wissen wir freilich noch nicht.

 

Wir leben also „immer“ oder ununterbrochen; natürlich nicht in der Welt, sondern nahezu unabhängig von ihr. Die Frage, worin wir leben, ist ein Scheinproblem und entspricht der tradtionellen Frage, worin sich die objektive Realität befindet; alle Worins müssen letztlich im Offenen enden.

Wenn wir handeln und darüber nachdenken oder sprechen, – leben wir natürlich kontinuierlich weiter, ignorieren das aber und – fixieren uns nur auf die festen Punkte des Gewußten im Meer des Bewußten

Leben und Handeln stecken also, anschaulich gesprochen, untrennbar ineinander; ersteres geschieht „immer“ und letzteres bald auf diese und bald auf jene Weise.

 

 

2.5.4. Wissungen als Einheit von Begriff und Bezeichnung

AD: „Darf ich bitte einmal mit meinen eigenen Worten zusammenfassen?

Sämtliche Tätigkeiten erfolgen als solche in der Welt; nur bei meinen eigenen steht noch das unsichtbare Leiben dahinter; ich ‚leib-handle‘ gewissermaßen doppelt.

Beobachte ich mich oder Moritz bei unseren Tätigkeiten, müssen wir vier Fälle unterscheiden:

 

1.a) Ich laufe.

Das ist das Leiben, ganz so, wie wir es eingeführt hatten – ohne alle Erlebungen; dann wäre „ich döse“ vielleicht treffender.

 

1.b) Ich beobachte oder nehme wahr, daß ich laufe.

Aus dem Laufen von 1.a) ist nun das Beobachten oder Wahrnehmen geworden; aber damit hat sich nichts geändert, denn auch das ist Leiben.

Wir sprechen an dieser Stelle lediglich vom Erleben, weil es zu Erlebungen führt. 

Die Wissung ‚daß ich laufe‘ stellt den dafür erforderlichen Referenten dar und ist natürlich keine Abbildung von 1.a). Letzteres verbietet sich von selbst, weil sich Referenten nur auf Wissungen beziehen können, während 1.a) das Leiben bildet und jetzt in 1.b) zum Inhalt der Wahrnehmung wird.

 

2.a) Moritz läuft.

Das gibt es für mich gar nicht, weil es nur das Leiben von Moritz selbst sein kann.

 

2.b) Ich beobachte oder nehme wahr, daß Moritz läuft.

Aus dem Laufen von 1.a) ist nun das Beobachten oder Wahrnehmen geworden; aber damit hat sich nichts geändert, denn auch das ist Leiben.

Wir sprechen an dieser Stelle lediglich vom Erleben, weil es zu Erlebungen führt. 

Die Wissung ‚daß Moritz läuft‘ stellt den dafür erforderlichen Referenten dar und ist natürlich keine Abbildung von 2.a),weil gar nichts Abbildbares vorliegt.

 

Damit wird auch nochmals verständlich, wieso es keine Beobachtungen zweiter Ordnung geben kann:

Alles Beobachten ist ein Leiben und damit eo ipso das meinige, während jede Beobachtung in der Einheit von Inhalt und Referent besteht.

Beide können jedoch keine Beobachtungen sein; der Inhalt ist unbestimmt und der Referent eine Wissung.

Der Inhalt entspricht dem Beobachteten und beim Referenten habe ich einen Verbesserungsvorschlag für Sie:

Jede Wissung X umfaßt zwei Bestandteile, nämlich 

den Begriff X und

– die Bezeichnung ‚X‘ für diesen Begriff X.

 

Die Bezeichnung ‚X‘, die der Referent als Wissung X enthält, zur Verfügung stellt oder mitbringt, wird auf den Inhalt angewandt.

Natürlich nicht als Bezeichnung; das geht nicht, denn eine solche gibt es nur als Komponente der Wissungen. Außerhalb von ihnen werden die sagenden, das heißt, bedeutenden oder aussagekräftigen Bezeichnungen zu nichtssagenden Namen.

Davon können wir uns leicht überzeugen: 〉CR10jt〈 ist ein Name; selbst wenn wir wissen, wer oder was damit benannt wird, fügt der Name diesem Wissen absolut nichts hinzu.

 

Bei einer Sonnen-Wahrnehmung beispielsweise benennen wir ihren Inhalt also mit 〉Sonne〈.

Er ist unsagbar, und Namen sagen nichts – 〉Sonne〈 ebensowenig wie 〉CR10jt〈; das paßt wunderbar zusammen.

Dieser Inhalt sowie sein Namen spielen jedoch keine Rolle mehr und werden durch die Wissung Sonne ersetzt, wenn wir über sie  nachdenken oder sprechen.“  

 

Danke für Ihren Verbesserungsvorschlag; er bringt uns tatsächlich ein ganzes Stückchen weiter und hilft insbesondere den Grundfehler der Tradition deutlicher zu erkennen.

Sie verfügt angeblich über eine Wissung von der Sonne.

Wissungen bestehen, wie Sie richtigerweise vorschlagen, in der Einheit eines Begriffs mit seiner Bezeichnung oder sind bezeichnete Begriffe.

Das Wort „Sonne“ bezeichnet also keine Sonne – die es ja ohnehin nicht gibt –, sondern den Begriff Sonne.

Damit sind wir wieder bei unserer in sich (ab)geschlossenen Einheit der Wissungen; sie kreist in sich und ist unwirklich, weil darin nur bezeichnete Begriffe vorkommen und keinerlei Bezug zu irgendeiner Wirklichkeit besteht

 

Die Tradition hilft sich, indem sie die Begriffe durch Urbilder ersetzt und damit  zu bezeichneten Urbildern gelangt.

Als wäre es selbstverständlich spricht die Tradition auf einmal von der Sonne oder Sonne.

Wäre das ein Inhalt, könnte er nur benannt werden, und sein Name 〉Sonne〈 würde nichts (be)sagen.

Bezeichnet werden können jedoch nur Begriffe – aber keine Sonnen bzw. Sonnen –, und das geschieht innerhalb der Wissungen.

 

Wir wollen keine Hinterwelt erfinden und gehen deshalb von der Selbstverständlichkeit aus, daß es ohne Leben auch keine Wissungen geben kann.

Es geht aber nicht darum, die physikalischen oder (ägyptisch-)religiösen Urbilder gegen solche des Lebens auszutauschen. Das wäre nicht nur ebenso hinterwäldlerisch, sondern sogar doppelt falsch; zum einen gibt es keinerlei Urbilder, und zum anderen ist unser Leben zeitlich und nicht ewig-identisch.

Als kontinuierlich-bewußtes enthält es zudem nichts oder besteht es aus nichts, sondern wir können nur unsagbare Facetten daran vom ununterschieden bleibenden Leiben unterscheiden.

 

Diese Facetten des Lebens können zum Inhalt von Erkennungen werden.

Sie lassen sich nicht bezeichnen, aber natürlich beschreiben und auch benennen, weil Namen nichts sagen, so daß sie den unsagbaren Facetten keine „Gewalt antun“ (können).

Ein Name ist keine Bezeichnung; zwischen 〉X〈 und „X“ liegen Welten.

 

In dem Den-Inhalt-auf-den-Begriff-Bringen werden diese überspielt; wir ersetzen den Namen 〉X〈 durch die Bezeichnung „X“ und koppeln damit den benannten Inhalt an den Begriff bzw. die Wissung X.

Während die Tradition also Begriffe X gegen erfundene Urbilder X austauscht,

ersetzen wir nur Namen 〉X〈 durch Bezeichnungen „X“.

 

Ist dieses „nur“ begründet?

Ich weiß es nicht, sehe aber gegenwärtig keine Alternative zu unserem Austausch; er bildet letztlich den Grundgedanken des metaphysischen Explikationismus:

Wir explizieren in zwei Stufen; zunächst vom ununterschiedenen Leiben zum unterschiedenen Inhalt und dann von diesem zu den getrennten Wissungen.

 

 

„ich erlebe Erlebungen“
existent – aktual oder gegenwärtig gegeben
             
Gewußtes Bewußtes Gewußtes
unwirklich
wirklich unwirklich
diskret
kontinuierlich
diskret
negierbar nicht negierbar
negierbar
  benennbar  
bezeichenbar
beschreibbar
———–
beschreibbar bezeichenbar
getrennt unterschieden    ununterschieden  unterschieden getrennt
  ←——————            ——————→      
       
  je-der Selbe oder ich als Subjekt
     
         
Erfahrungen leiben, leben Vorstellungen Wissungen
    oder erleben     { Begriff + Bezeichnung }
Referent Inhalt   Inhalt Referent Inhalt Referent
Wissung vorliegend   nicht vorliegend
Wissung ———– Wissung

Abbildung 2.5.4.

 

Der Unterschied zwischen den beiden Modellen besteht somit lediglich darin, daß wir keine Urbilder erfinden, sondern Wissungen.

Damit ändert sich im Kern nur, daß jeglicher traditioneller Wahrheitsanspruch entfällt; völlig gleichgültig, worauf auch immer er sich beziehen mag.

 

Das ist aber auch das Einzige, was wir mit so viel Anstrengung – von mir und wohl auch von Ihnen – erreicht haben.

Aber vielleicht würde das für ein friedliches Miteinander auch bereits genügen:

Alle verzichten auf den Anspruch, ihre eigene Überzeugung sei wahr, – schon ist die Hinterwelt weg, und wir können vernünftig miteinander sprechen.

„Aufgrund meines bisherigen Lebens kann ich es nur so sehen; kannst Du mir weiterhelfen? Ich wäre Dir dankbar, wenn Du mir Erfahrungen ermöglichen oder Argumente liefern könntest, die meinen – offensichtlich zu – engen Horizont erweitern.“

 

Die Abbildung ist verbesserungswürdig; darin kommt nicht zum Ausdruck, daß natürlich auch die Wissungen – als Erlebungen – an das Leben, Leiben oder Erleben gebunden sind. 

2.5.5. Philosophie der Geschichten

Wir stellen uns einen Inhalt vor und ordnen ihm eine Wissung zu; beispielsweise Marsmensch.  

Der Inhalt läßt sich nicht festhalten; denken wir nochmals an unseren Remie von oben.

Sagbar ist nur das Wort „Remie“, das der Wissung Marsmensch entspricht. Diese ist Begriff plus Bezeichnung, währed das Wort „Remie“ nur „Bezeichnung“ und damit lediglich ein Name ist.

Einem anderen vorgestellten Inhalt ordnen wir die Wissung Ode an die Freude zu.

 

Stets liegt ein Inhalt vor, der sich entzieht, nicht greifen läßt und damit unsagbar bleibt; er ist wirklich – und eben dadurch „nur“ unterschieden, bewußt sowie kontinuierlich; formlos-fluid.

Ihm steht mit der Wissung nicht nur ein konkreter Begriff gegenüber,sondern auch deren Bezeichnung; „Remie“, „Marsmensch“ bzw. „Ode an die Freude“, so daß wir drei Entitäten unterscheiden müssen:

Auf der einen Seite stehen die unsagbaren Inhalte und

auf der anderen die Begriffe mit ihren Bezeichnungen.

 

Wir lassen es dabei bewenden, denn es ist überhaupt nicht einzusehen, daß oder weshalb zwischen diesen beiden Seiten ein Zusammenhang bestehen sollte. Zu Erkennungen gehören sowohl Inhalt als auch Referent. Punkt.

Was kann unser vorgestellter Inhalt mit Marsmenschen zu tun haben, die „es gar nicht gibt“?

Wieso glaube ich, der gegenwärtige Inhalt meiner Vorstellung habe etwas mit Gott, mir, dem Leben oder Anfang gemein? Das können doch lediglich Annahmen oder leere Behauptungen sein.

 

Die Tradition bestreitet das und verbindet die beiden Seiten dadurch, daß sie den im Referenten enthaltenen Begriff durch ein Urbild ersetzt und die ebenfalls zum Referenten gehörende Bezeichnung als Namen für dieses nutzen kann.

 

Die Erfindung von Urbildern ist keine Lösung, aber bei dem Dualismus von Inhalt und Referent bzw. Facette des Lebens und Wissung können wir auch nicht stehenbleiben.

Die exakten Wissenschaften sprechen mit Recht nur von Wissungen, denn genau das macht sie „exakt“; deswegen kann ihnen insbesondere die Theologie niemals angehören.

Für die Facetten des Lebens – und damit die Wirklichkeit – sind unter anderem Literatur, Kunst, Religion sowie die Geisteswissenschaften zuständig. Ihnen kommt die überaus wichtige Aufgabe zu, die Inhalte unserer Erkennungen zu beschreiben und eine Brücke zwischen ihnen und den Wissungen herzustellen, denn letztere können sich durch eine ungebremste Eigendynamik total verselbständigen und damit jeglichen Bezug zum Leben verlieren.

 

Szientismus bzw. Wissenschaftsgläubigkeit bedeuten, daß ihre Vertreter

– für die exakten Wissenschaften – obwohl ihre Wissungen unwirklich sind – einen Wahrheitsanspruch erheben

– und genau diesen den soeben genannten anderen Funktionsbereichen absprechen.

Letztere sollten möglichst wahr sein, indem sie das Leben sehr gut beschreiben. Die exakten Wissenschaften können nicht wahr  sein; aber das ist keine Kritik, sondern ergibt sich zwingend aus ihrem Gegenstand.

 

AD: „Ich wollte Sie schon lange fragen, und jetzt paßt es vielleicht recht gut:

Wissungen können sich auf andere Wissungen beziehen, diese nochmals usw. Irgendwann müssen wir diese Rekursion jedoch beenden; dann haben wir notwendigerweise Wissungen ohne Referenten. Kann es das überhaupt geben?“

Natürlich; wer weiß, daß der Klapperstorch die Babys bringt und der Osterhase die Eier, weiß mehr als derjenige, der diese beiden Rollen verwechselt. Zum Beispiel wissen wir doch auch beide, warum der Wolf bei Rotkäppchen so große Zähne hatte und dann in den Teich gefallen ist – alles ganz ohne Referenten. 

Wissungen müssen kein Wovon besitzen, aber stets anschlußfähig sein, das heißt, sich durch weitere Wissungen fortsetzen lassen.

Wir könnten uns zum Beispiel überlegen, warum sich Rotkäppchen und der Wolf im Wald getroffen haben; ich glaube, daß weiß noch niemand. Dann hätten wir durch diese Geschichten-Erweiterung einen Zufall aus der Welt geschafft.

 

Lösen wir uns vom Märchen; Wissungen sind Wissungen; es gibt kindliche, kulturelle, ästhetische, historische, religiöse, wissenschaftliche usw.; viele von ihnen sind sinnvoll, und alle erfüllen andere Aufgaben. Sämtliche Wissungen sind anschlußfähig und können fortgesetzt oder – ganz deutlich –  weitergesponnen werden; die wissenschaftlichen ebenso wie die übrigen.

Hierin besteht der Grundgedanke von Wilhelm Schapps „Philosophie der Geschichten“; letztere treten bei ihm an die Stelle unserer Wissungen.

Märchen werden durch Märchen, Mythen durch Mythen, Historien durch Historien, Sachverhalte durch Sachverhalte usw. ergänzt; Geschichten bzw. Wissungen bilden den Oberbegriff für alle diese Möglichkeiten bei Schapp resp. bei uns.

 

AD: „Und durch ein Andocken an die exakt-wissenschaftlichen Geschichten ließe sich auch der dringend notwendige Zusammenhang zwischen ihnen und unserem Leben herstellen. Aber das geschieht heute nicht ausreichend; es wird im wesentlichen exakt-wissenschaftlich weitergesponnen.“

 

AD: „Ihre Fragestellungen und Antworten sind zwar mehr als ungewohnt, weil sie die Selbstverständlichkeiten des Alltags sprengen, aber dennoch nicht lebensfremd; kritisch schon, jedoch nicht konstruiert. Ist das überhaupt Philosophie, was wir hier betreiben?“

In ihrem traditionellen Sinne sicherlich nicht. Ich habe diesbezüglich viel von (dem späten) Ludwig Wittgenstein und Stanley Cavell gelernt. Für diese beiden ist die Philosophie keine Wissenschaft, die irgendwelche Probleme oder Rätsel löst – wie insbesondere die Naturwissenschaften. Sie braucht das auch nicht, weil es keine philosophischen Probleme gibt.

Der Glaube an letztere resultiert aus den Verwirrungen, die unsere Sprache erzeugt. Durch penibles Hinschauen, Nachdenken und Richtigstellen werden keine Probleme gelöst, sondern hoffentlich zum Verschwinden gebracht so konnte Wittgenstein schreiben:

„Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat.“

 

Ein Paradebeispiel hierfür hatten wir ja soeben:

Die indogermanischen Sprachen mit ihrer Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur zwingen uns, „Ich sehe den Tisch“ zu denken. Also muß es einerseits ein isoliertes Ich und einen ebensolchen Tisch geben. Andererseits kann nichts Isoliertes existieren, und schon stecken wir mitten in den – nicht philosophischen, sondern – sprachlichen Problemen

Die Philosophie entspricht einer Therapie; sie kann uns helfen zu leben, aber nicht – wie die Tradition irrtümlicherweise häufig meint –, die letzten, größten oder allgemeinsten Fragen zu beantworten und endlich zu klären, worin Sein sowie Sinn, das Eine, Wahre, Gute und Schöne  – oder Gott – nun wirklich bestehen.

„Der Philosoph behandelt eine Frage wie eine Krankheit“ (Wittgenstein).

Vielmehr hat die Philosophie meines Erachtens – mit Wittgenstein und Cavell – zum einen die Aufgabe, derartige Fragen als Scheinprobleme zu entlarven, und zum anderen sollte sie zeigen, daß die Suche nach den entsprechenden Antworten das wirkliche Leben eher behindert.

2.6. Welt und Weltbild

Wir waren schon des öfteren auf Welt und Weltbild zu sprechen gekommen, haben diese beiden Begriffe aber noch nicht systematisch analysiert; das soll jetzt geschehen.

Zum Weltbild hatten wir bereits gesagt, daß es in einer integralen Einheit unserer gesamten Wissungen besteht, in sich (ab)geschlossen, natürlich subjektiv und – aber nicht deswegen – unwirklich ist. Das Weltbild umfaßt, anders formuliert, all unsere Theorien, Pradigmen, Gedankenmodelle, Biographien usw. oder, in der Sprache Schapps, sämtliche uns bekannten Geschichten.

Damit ist das Weltbild so umfangreich, daß es uns niemals auch nur annähernd en bloc gegeben sein kann. Wir können die einzelnen Wissungen oder Vorstellungen als vom Scheinwerferlicht angestrahlte Ausschnitte des im Dunklen liegenden Weltbilds veranschaulichen.

 

Es stellt den Freiraum dar, in dem wir uns beim Denken bewegen (können); jede Chance, das eigene Weltbild zu verlassen, ist ausgeschlossen.

Aus einem traditionellen „. . . ist unmöglich“ wird damit ein „. . . ist in meinem Weltbild undenkbar“; „es ist bewiesen, daß . . .“ geht über in „es ist in meinem Weltbild zwingend, daß . . .“ und „das bedeutet . . .“ wandelt sich zu „in meinem Weltbild heißt das . . .“

Wittgensteins „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ würde ich – wohl ganz in seinem Sinne – umformulieren zu:

Die Grenzen meines Weltbilds sind die Grenzen meines Geistes oder des mir Denkmöglichen.

 

Wir unterteilen die subjektiven Wissungen in diejenigen, die wir akzeptieren oder glauben, weil sie uns als nützlich erscheinen, und die anderen, die wir als wenig hilfreich ablehnen bzw. nicht glauben. Daß diese beiden Seiten kontinuierlich ineinander übergehen, versteht sich von selbst.

Bei jeder Wissung entscheide ich also letztlich über Sein oder Nicht-Sein – für mich; Feldhasen „ja“, Osterhasen „nein“. Aber das dürfen wir nicht traditionell verstehen – dann gäbe es auch keine Feldhasen –, sondern es sind immer nur die Wissungen gemeint.

 

Solange wir leben werden uns Wissungen angeboten – berichtet, gelehrt oder erzählt –, und bei jeder von ihnen bestimmen wir selbst darüber, ob wir sie glauben sollten.

Letzteres trifft freilich kaum auf Kinder zu; ihnen werden nicht nur die Wissungen – als existent bzw. nicht-existent – vorgegeben, sondern auch ihre Erfahrungsmöglichkeiten, und sie sind darauf angewiesen, ihren Erziehern zu vertrauen. Aber nach und nach entscheiden sie selbst; nicht nur was sie glauben bzw. nicht-glauben, sondern auch wer ihre Freunde sind, welche Bücher sie lesen, wohin sie gehen oder was sie lernen möchten – und damit indirekt auch über die Wissungen, die ihnen angeboten werden können.

 

Ich glaube das Nas-, aber nicht das Einhorn; letzteres gilt natürlich auch für die bereits kritisierten traditionellen Wissungen wie objektive Realität, ewige Wahrheiten oder Naturgesetze, Urbilder, Abbilden oder Abbilder.

Als Kinder standen wir bei Rotkäppchen, dem Klapperstorch und Gespenstern vor dem entsprechenden Problem und haben entschieden, daß es diese für uns nicht gibt:

Solche kindlichen Fragen stehen natürlich nicht mehr an; aber wie verhält es sich etwa bei den täglichen Nachrichten; was glauben wir, und was sind „Märchen für Erwachsene“, „Fake News“ oder „alternative Fakten“?

Existieren Higgs-Teilchen, Alternativlosigkeit, eine menschliche Zukunft, Gerechtigkeit, ungedopte Radprofis, ein friedlicher Islam, wahre Aussagen der Pharma- oder Automobilindustrie, gewaltfreie Religionen, das Bernsteinzimmer, nicht-korrupte Bereiche der FIFA, eine herrschaftsfreie Kirche, die nordkoreanische Wasserstoffbombe, ein Ursprung, das Coronavirus oder die menschliche Vernunft?

„Rückfälle“ sind selbstverständlich niemals ausgeschlossen; unsere Entscheidungen können – nach beiden Richtungen – korrigiert werden. In der Jugend hatten wir Gott oder ein Leben nach dem Tod vielleicht brüsk abgelehnt und an Säkularisierung sowie Fortschritt geglaubt – aber ganz so sicher sind wir uns dessen heute möglicherweise auch nicht mehr.

 

Wir orientieren uns natürlich sowohl an den angenommenen als auch an den abgelehnten Wissungen, das heißt, am vollständigen Weltbild. Glauben wir nicht, daß es eine Erderwärmung gibt, leben wir gegenwärtig ohne eine solche und wahrscheinlich anders als überzeugte Klimaschützer.

Für unser Weltbild sind wir selbst verantwortlich; es könnte ganz anders sein.

Nur traditionell gibt es Ausreden, denn die so Denkenden können sich hinter den in ihrem Weltbild angeblich adäquat erkannten Urbildern verstecken und mit ihnen entschuldigen.

 

Die Welt besteht in den geglaubten oder akzeptierten Wissungen des Weltbilds, und das sind die diskret-gewußten Punkte innerhalb des kontinuierlich-bewußten Lebens. Dort befinden sich auch die Wissungen Feldhase sowie Nashorn, aber nicht Osterhase und Einhorn.  

Das Weltbild fungiert somit auch bei uns als ein Bild von der Welt; freilich sind beide subjektiv.

Gott hat nicht die Welt geschaffen, weil es gar keine objektive Welt gibt.

Unsere subjektive Welt wird ebenfalls von niemandem geschaffen, sondern von uns geglaubt.

 

Bezüglich des Verhältnisses zwischen Welt und Weltbild ergibt sich daraus:

1. Welt und Weltbild umfassen exakt die gleiche Art von Entitäten, nämlich nur Wissungen.

2. Keine von ihnen vermag unserer Welt anzugehören, wenn sie nicht auch im Weltbild vorkommt, denn andernfalls könnten wir sie ja gar nicht für wirklich halten oder glauben.

3. Das Weltbild geht also um die abgelehnten oder nicht  geglaubten Wissungen über die Welt hinaus.

4. Daß die Welt „nur“ rein geistig ist, bedeutet keinen Widerspruch; im Gegensatz zum Weltbild werden bei ihr einige Komponente materiell gedacht oder vorgestellt.

5. Unser Denkweg führt vom Weltbild zur Welt: wir bilden nicht ab, sondern glauben – oder eben auch nicht – halten das Geglaubte teilweise für materiell oder subtanziell.

 

Selbst traditionell Denkende kommen, wie wir oben gesehen hatten, trotz Ihrer objektiven Realität nicht daran vorbei, einsehen zu müssen, daß zu jedem Subjekt seine eigene Welt gehört; für uns ist das selbstverständlich.

Psychisch „Kranke“ leben offensichtlich in oder mit ihrer subjektiven Welt; und wir fügen dem lediglich hinzu, daß es sich bei uns allen ebenso verhält – vollkommen unabhängig von psychischer „Krank-“ oder „Gesundheit“.

AD: „Nein; das läßt sich keinesfalls so einfach gleichsetzen! Wir sehen doch bei psychisch ‚Kranken‘, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit der objektiven Realität steht.“

Tut mir leid, aber das sehen wir keinesfalls, sondern höchstens, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit unserer eigenen Welt steht; hierbei trifft die eine subjektive Welt auf die andere.

 

Zweifellos gibt es einen relativ engen Zusammenhang zwischen unserer Welt und der eigenen psychischen „Gesundheit“; andernfalls wären Seelsorge, Psychotherapie oder Beichte weder möglich noch nötig.

Wer mit seiner Welt sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrer Welt leiden. Sie können ihre befreiendere Welt mit den Unglücklichen teilen, sie ihnen mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Welten sollen die Fülle des Lebens ermöglichen; Ängste verringern, Hoffnungen wecken, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber weder weist die „Gesundheit“ auf die richtige noch die „Krankheit“ auf eine falsche Welt hin, denn keiner versteht, was das überhaupt sein soll oder auch nur könnte

 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in einem „Gesundheits“-Katalog, sondern allein darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten als „krank“ zu betrachten und gegebenenfalls deren subjektive Welten als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, erklären wir die eigene Welt zur Wirklichkeit und verdrängen unser willkürlich-egoistisches Vorgehen, indem wir dieses Ergebnis selbst glauben.

Aber vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise werden gerade die Falschen weggesperrt; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

 

AD: „Einverstanden; das gebe ich zu.

Aber daß die Welt einen Teil des Weltbilds darstellt und damit ebenso rein geistig sein muß wie letzteres, ist gewiß falsch, denn damit leugnen Sie die ganze Härte der Realität, die uns treffen kann.“

Ihre Härte der Realität leugne ich in der Tat, denn bei uns geht es um die Härte des Lebens.

Die bestreite ich nicht und schlage mit dem Begriff des Leib-Handelns vorerst einen (faulen) Kompromiß vor, auf den wir uns vorübergehend verständigen sollten:

Unser Leben ist zugleich ein Leiben im bewußt-wirklichen Kontinuum und ein Handeln in der gewußt-unwirklichen Welt der diskreten Punkte unserer akzeptierten Wissungen.

 

Erinnern Sie sich bitte noch einmal:

Wir wollten bei Francesco Himbeereis essen, bekommen aber . . . – vielleicht kein Eis, sondern – Streit mit der Bedienung, ein Geschenk als tausendster Gast oder eine Dachschindel auf den Kopf.

Das Dunkelblaue steht für unsere in der Welt geplante Handlung; zu welchen Facetten des Lebens sie führt,

– wissen wir nicht nur vorher noch nicht, sondern

– können wir auch im Nachhinein nicht sagen,

weil sie prinzipiell unsagbar sind. Aber hier ist der Ort für die mögliche Härte des Lebens.

Diese bringen wir dann rückblickend eventuell irgendwie auf den Begriff.

2.6.1. Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben

In unserem bisherigen Leben ist uns vieles erzählt, gelehrt und vielleicht auch indoktriniert worden; wir haben zahllose Filme gesehen, Gespräche geführt, Bücher gelesen oder Tagungen besucht usw. Auf diesen und anderen Wegen ist uns eine Unmenge an Wissungen angeboten worden. Sehr viele haben wir angenommen, und zahlreiche davon sind uns auch wichtig. Andere haben wir abgelehnt, weil sie entweder belanglos zu sein schienen oder wir – nach unserem damaligen Dafürhalten – überzeugt waren, sie könnten uns nicht helfen.

 

Wer (an) eine stoffliche Materie glaubt, besitzt wahrscheinlich ein Weltbild, in dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Das ist völlig legitim; freilich ebenso bei seinem eventuellen Gegenüber, der (an) Engel glaubt und wahrscheinlich ebenfalls ein Welt(bild) besitzt, in dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Gewiß könnten beide in einem guten Gespräch sehr viel voneinander lernen. Es ist vielleicht sogar tragisch, daß es dazu im allgemeinen nicht kommt, weil wir einen solchen Gedanken-Austausch zumeist als sinnlos erachten und diejenigen Gesprächspartner bevorzugen, die uns Recht geben; freilich ohne davon viel zu profitieren.

 

In dem Maße, in dem wir uns mit Geschichte, New-Age, Parapsychologie oder Science-Fiction, fremden Kulturen, Religionen und Weltbildern beschäftigt haben, ahnen wir, daß uns möglicherweise erschreckend viele Wissungen „vorenthalten“, das heißt, niemals angeboten wurden. Wahrscheinlich kennen wir nur einen verschwindend geringen Bruchteil der insgesamt in der Menschheitsgeschichte kursierenden Wissungen und würden vielleicht viele von ihnen liebend gerne annehmen – wenn sie uns denn bekannt wären.

Natürlich kann ich Ihnen kein eigenes Beispiel für eine Denkmöglichkeit nennen, die mir selbst niemals angeboten wurde. Aber mein Ansatz im vorliegenden Buch stellt für Sie möglichweise eine Wissung dar, die Ihnen bisher noch nicht begegnet ist.

 

Es besteht also mit Sicherheit ein Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben – ein Jenseits unseres Weltbilds –, über dessen Größe wir, wenn es uns denn bekannt sein könnte, vielleicht erschrecken würden.

Möglicherweise sind unsere bekannten Wissungen – gemessen an diesen nicht-angebotenen oder jenseitigen – entsetzlich; naiv, unmenschlich oder böse. Das würde freilich bedeuten, daß wir in unserem Leben versuchen (müssen), mit ungeeigneten Mitteln die falschen Probleme zu lösen – weil wir von den geeigneten Mitteln für die richtigen Probleme nichts ahnen.

Wir können auch nicht sinnvoll fragen, ob wir für die vor uns stehenden Probleme das richtige Weltbild besitzen, denn unsere Schwierigkeiten sind diejenigen unseres Weltbilds, so daß mit ihm zugleich die Probleme und Lösungsmöglichkeiten andere würden.

 

Ob wir eine Vorstellung abgelehnt haben oder ob sie uns nie angeboten wurde und wir sie somit gar nicht kennen, macht einen Riesenunterschied, denn nur jene gehört zu unserem Weltbild und gestaltet es folglich mit.

Denken Sie zum Verdeutlichen vielleicht an Beispiele wie Freiheit, Gleichheit oder Demokratie. Ich bin überzeugt, daß diese Vorstellungen in der Geschichte weitestgehend fehlten. Der Gedanke, daß die Menschen sich demütig untergeordnet hätten, obwohl sie sich Freiheit, Gleichheit und Demokratie vorstellen konnten und somit geahnt haben, daß dergleichen möglich sei – aber eben nicht für sie –, scheint mir nahezu als absurd.

Deswegen führen Diktaturen – „Die Farm der Tiere“, „1984“ oder „LTI“ – „Neusprech“ ein:

Es ist höchst uneffektiv, alles Systemkritische zu verbieten; die Endlösung besteht vielmehr darin, es undenkbar zu machen – indem die erforderlichen Wissens-Möglichkeiten sprachlich gecancelt werden.

 

Ein Problem besteht also darin, daß uns möglicherweise ganz viele Wissungen oder Geschichten – und möglicherweise sogar alle wesentlichen – fehlen. Theologisch findet sich hier meines Erachtens ein ausgezeichneter Ansatzpunkt für eine höchst vernünftige „Erbsünden“-Lehre, die ganz ohne historisch zu verstehende Adam-und-Eva-Geschichten auskommt.  

Aber hier – gewissermaßen auf der Gegenseite – stehen wir noch vor einer zweiten ähnlich großen Problemtik, nämlich der Existenz absurder Denkmöglichkeiten, die aber auch gar nichts mit unserem Leben zu tun haben.

 

Hierbei denke ich nicht primär an die – letztlich uninteressant-lächerlichen – Geheimlehren oder Verschwörungstheorien, denn es gibt viel entscheidendere, weil einflußreichere Nichtigkeiten. 

Schauen wir nur, wie weit sich die exakten Wissenschaften teilweise von unserem Leben entfernt haben. Dann entstehen vielleicht gewaltige Gedankengebäude, Theorien oder Paradigmen voller Genialität und mathematischer Eleganz mit umwerfenden Konsequenzen – für Nichts.  

Aber auch für die Hochreligionen lauert hier eine unglaubliche Gefahr und Versuchung. Es werden immer neue Geschichten erfunden, die die bereits vorhandenen ergänzen und stabilisieren oder rechtfertigen sollen. So kann auch hier ein Gedankengebäude entstehen, das sich nur selbst bestätigt und keinerlei Wirklichkeitsbezug mehr besitzt, der das Ganze über dem Nichts hält oder trägt.

Damit wird verständlich, daß die „Rechtgläubigen“ stets betonen, man dürfe sich der wahren Religion nicht eklektisch bedienen und das Gewünschte herauspicken, sondern müsse sie als Ganzes übernehmen. „Nur wer alles glaubt, glaubt überhaupt“.

Natürlich, nur das Ganze ist – nicht zuletzt durch seine vielen Zirkelschlüsse – rund genug, um unangreifbar zu sein.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; es dürfte doch bereits deutlich geworden sein, daß ich ebensowenig gegen die Religionen wie gegen die exakten Wissenschaften bin.

Vielmehr sollte nur deutlich werden, daß bei ausnahmslos all unseren geistigen Produktionen die Gefahr einer sich verselbständigenden Eigendynamik besteht, die faszinieren und dadurch zur bedingungslosen Mitarbeit animieren kann, aber – gerade dadurch – zu Ergebnissen führt, die absolut nichts mehr mit der Wirklichkeit unseres Lebens zu tun haben. 

Ein Zuviel kann ebenso schädlich sein wie ein Zuwenig.

2.6.2. Unbe- und Ungewußtes

Widerspreche ich mit dieser Überschreift nicht allem, was ich Ihnen bisher dargelegt habe? Zu existieren bedeutet, gegenwärtig der eigenen Psyche anzugehören, das heißt, be- oder gewußt zu sein, womit alles Unbe- sowie Ungewußte inexistent sein müßte.

Das wäre in der Tat zwingend, würde die Zeit dem physikalischen Strahl mit einem Parameter t entsprechen. Dann gäbe es einen sauber definierten Jetzt-Punkt, und auf ihn müßte sich die Aktualität des Gegeben-Seins beziehen; entwder „ja“ oder „nein“.

Diese physikalische Zeit hat jedoch mit der wirklichen nichts zu tun, sondern ist eine verräumlichte, das heißt, dem Raum angepaßte Zeit. Für die heutige Physik ist eine solche Darstellung unbedingt erforderlich, denn (nahezu) alle ihre Grundgleichungen sind Differentialgleichungen nach der Variable t; eine Physik ohne sie wäre nicht als solche wiederzuerkennen.

Aber das ist kein gutes Argument; die Zeit richtet sich nicht nach den Bedürfnissen der Physiker und insbesondere ist das Jetzt kein Zeitpunkt.  

 

Heinrich Rombach beispielsweise betrachtet es als eine Gegenwart, die im Ineinander von „immer kleineren“ Gegenwarten besteht:

„Mein ‚Jetzt‘ kann in jedem Augenblick ein mehrfaches, und höchst unterschiedliches, sein. Mein ‚Jetzt‘ ist beispielsweise ein Butterbrot, im selben Augenblick jedoch die ‚geschichtliche Stunde‘ meines Vaterlands; eine Kriegserklärung wird ausgestrahlt; meine Gegenwart sind die nächsten Tage der Mobilmachung, oder schlicht und einfach ‚der Krieg‘; diese Gegenwart kann sechs Jahre dauern, sie löscht die anderen in gewisser Weise aus (der Bissen bleibt mir im Halse stecken).“

Dieses Ineinander von Gegenwarten in Gegenwarten in . . . führt im asymptotischen Grenzfall letztlich zum Zeitpunkt der Physiker. Er ist also kein Unsinn; aber der entsteht, wenn wir dieses Zustandekommen des Zeitpunkts ignorieren und glauben, die Zeit als eine Folge solcher Jetztpunkte zu einem eindimensionalem Kontinuum zusammenbasteln zu können.

Nochmals Rombach:

„Die Zeit als ‚Ablauf‘ konstituiert sich durch ihre Mehrdimensionalität, bzw. dadurch, daß das Wechseln von Gegenwarten im Hinblick auf umfassendere Gegenwarten als ein ‚Nacheinander‘ erlebt werden kann. Das Nacheinander der Zeit gründet also im Ineinander der Gegenwarten.“

 

Bei einem solchen Zeitverständnis entfällt die harte Alternative „etweder gegeben oder nicht gegeben“, so daß wir weder das Bewußte ohne Unbewußtes noch das Gewußte ohne Ungewußtes sauber denken können.

Zu diesem Ergebnis hätten wir freilich auch viel einfacher gelangen können:

Haben wir gestern etwas Dummes angestellt, dessen wir uns schämen, ist die Annahme, es könnte auch wirken, ohne daran zu denken, wohl schwerlich von der Hand zu weisen. Wer glaubt, daß morgen die Welt untergeht, er der Kaiser von China ist oder uns alle eine große Verschwörung erwartet, wird stets von seinem Glauben beeinflußt werden, auch ohne ihn aktual vor Augen zu haben.

Unsere tiefsten Überzeugungen müssen – glücklicherweise – nicht aktual(isiert) sein, um unser Leben mitzubestimmen. Wer prinzipiell nicht stiehlt oder lügt, tut es – ohne darüber zu reflektieren – auch bei „sehr günstigen Gelegenheiten“ nicht.

 

Ganz in diesem Sinne schrieb Arthur Schopenhauer:

„Ich kann tun, was ich will, aber ich kann nicht wollen, was ich will.“

Der Nachsatz besagt, daß wir nicht erfolgreich beabsichtigen können, etwas Bestimmtes zu wollen; es gibt kein gelingendes Wollen des Wollens, kein Wollen in der zweiten Potenz. Natürlich könnten sich Kinder wünschen, Spinat gerne zu essen, aber ein solcher Wunsch hilft im allgemeinen nicht.

Unser Wille überfällt uns vielmehr wie ein Trieb; wir wollen einfach – und wissen weder woher noch warum. Um einzusehen, daß dies richtig ist, müssen wir nicht erst an Suchtkranke denken, sondern können sicherlich bei uns selbst beginnen.

Was wir wollen, wissen wir, weil es in Vorstellungen besteht; aber deren Woher bleibt stets völlig im Dunkel – des Unbe- und -gewußten.

 

Von einem solchen Unbewußten – sicherlich ein wenig eingeschränkter – spricht meines Erachtens auch Sigmund Freud; um den Zusammenhang sehen zu können, fehlt vielleicht noch eine kleine Bemerkung:

Die eigene Adresse fällt uns jederzeit spontan ein; beim Geburtsdatum des Schwiegerneffen wird es schon kritischer, und so existieren mit Sicherheit auch Vorstellungen, bei denen es uns partout nicht gelingen will, sie zu aktualisieren.

Zumeist ist das auch nicht nötig; wir müssen nicht mehr wissen, wer uns zum fünften Geburtstag alles gratuliert hat. Aber wenn derartige potentielle Vorstellungen uns durch ihr unbewußtes Wirken krank machen, wäre es möglicherweise wichtig, sie aktualisieren zu können, um ihre „Verdrängung“ zu überwinden. 

2.6.3. Intendieren – Denken und Handeln

Mein eigenes Handeln ist immer zugleich ein Leiben; das muß jedes Subjekt von sich selbst sagen, wie wir oben herausgearbeitet und mit dem Kunstwort „Leib-Handeln“ angedeutet haben.

Dabei meint Handeln natürlich nicht das Pendant zum Denken, denn den letzten Satz können wir wortwörtlich auf das Denken übertragen.

Der Gegensatz zwischen Handeln und Denken entspringt dem traditionellen Körper-Geist -Dualismus, den wir durch unseren Leiben-Geist-„Dualismus“ ersetzen.

 

Traditionell handeln wir körperlich in der Welt und denken geistig im Weltbild.

Für uns ist die Welt jedoch ebenso rein geistig wie das Weltbild und in ihm enthalten, so daß unser Leiben-Geist-„Dualismus“ die folgende Form annimmt:

Auf der einen Seite steht das Leiben als geistloses Leben oder kontinuierlich-bewußte Wirklichkeit.

Und auf der anderen Seite haben wir das rein geistige Weltbild mit seiner Welt oder die lebensfremden Wissungen als diskret-gewußte Unwirklichkeit.

 

Unser Denken und Handeln gehören dieser zweiten Seite an, und um durch die traditionellen Geist- bzw. Körper-Assoziationen nicht irregeleitet zu werden, fassen wir beide Tätigkeiten im Intendieren zusammen.   

Dieser Begriff ist Ihnen wahrscheinlich nicht geläufig, aber unschwer zu erlernen:

Das Intendieren kann im Sinne der Tradition verstanden werden; wir fassen darin alles zusammen, was ihr zufolge am Denken und Handeln rein geistig ist. Das beinhaltet Gewußtes oder Beabsichtigtes; beispielsweise Gründe, Ziele, Umstände, Motive sowie Anfangs- oder Randbedingungen.

Sehen Sie den Wurm im Apfel und beißen trotzdem hinein, haben Sie das Verspeisen dieses Tierchens intendiert. Widerfährt es Ihnen dagegen im Dunklen, haben Sie den Wurm zwar ebenfalls gegessen, es aber nicht intendiert.

 

AD: „Wenn ich Sie bisher richtig verstanden habe, müßte Ihr letzter Satz falsch sein:

‚Widerfährt es Ihnen dagegen im Dunklen, haben Sie . . . es nicht intendiert‘ halte ich für richtig; aber ‚haben Sie den Wurm zwar ebenfalls gegessen‚ kann nicht stimmen, denn dafür müßte es diesen Wurm – als Urbild – geben.

Wer unwissentlich einen Wurm ‚ißt‘, ißt keinen Wurm.“

 

Danke; das war gut; ich hatte mich zu sehr auf das Intendieren eingeschossen und dabei unser eigentliches Ziel aus den Augen verloren.

Obwohl diese Stelle hierfür besonders wichtig ist:

Für uns, postmodern, fassen wir nicht im Intendieren alles zusammen, was am Denken sowie Handeln rein geistig ist, sondern diese beiden Tätigkkeiten sind  rein geistig und bilden damit genau das Intendieren.

Nochmals, weil es sich als fundamental erweisen wird:

Das Intendieren ist rein geistig und setzt sich aus dem Handeln in der Welt sowie dem Denken im Weltbild zusammen.

 

Alles, was ich „tue“ ist also ein Leib-Intendieren, das zugleich auf zwei Ebenen spielt; ich leibe in der Wirklichkeit des Lebens und intendiere in der Unwirklichkeit von Welt bzw. Weltbild.

Letzteres begrenzt, was wir uns vorstellen, und die Welt umreißt, wie wir handeln können. Unendliche Geraden lassen sich nur denken; endliche Stücke davon sowohl denken als auch herstellen.

 

Gäbe es eine objektive Realität, wären unserem Handeln eindeutige Grenzen gesetzt; „bis hierher und nicht weiter – sonst knallt es“.

Mit der objektiven Realität können die Grenzen unseres Handelns aber doch nicht einfach entfallen, aber wodurch werden sie nun bestimmt?

Durch unser Weltbild!

Das muß Ihnen nahezu unglaublich vorkommen; wieso kann ein rein geistiges Bild darüber bestimmen, welche Handlungen möglich sind und welche nicht?

Weil das Handeln als (eine Art von) Intendieren ebenfalls rein geistig ist.   

 

AD: „In meinem Weltbild gibt es kein Schwimmen; demzufolge kann ich auch niemals schwimmen?“

Natürlich nicht; wie wollen Sie denn etwas machen, was Sie gar nicht kennen?

AD: „Ich schwimme dann trotzdem, weiß nur nicht, daß es Schwimmen ist.“

Damit fallen Sie in das traditionelle Denken zurück und benutzen das Schwimmen als Urbild.

Wollen wir das nicht, schwimmt nur, wer das Schwimmen intendiert, und intendieren läßt es sich nicht, ohne im Weltbild enthalten zu sein.

 

Ich verstehe Carl Friedrich von Weizsäcker und Gotthard Günther ganz in diesem Sinne, wenn sie sinngemäß sagten:

Können wir eine Schwierigkeit nicht bewältigen, liegt das lediglich daran, daß wir unfähig sind, sie als Aufgabenstellung hinreichend genau zu formulieren. Eine exakte Beschreibung des Problems wäre zugleich die Anleitung zu seiner Lösung.  

Unser Weltbild begrenzt nicht nur, was wir denken, sondern alles, was wir intendieren und damit auch tun können.

 

Das kann  natürlich alles nur richtig sein, weil es mit dem Leiben noch das Pendant zu dieser rein geistigen Seite des Leib-Intendierens gibt.

Auf ihr geschieht das Nicht-Intendierte von dem wir keine Ahnung haben (können); wir greifen zwangsläufig kontinuierlich – immer und ohne es vermeiden zu können – durch unser Leiben sowohl in unser eigenes Leben als auch in das aller anderen Subjekte ein.

 

Fassen wir kurz zusammen:

Weder Denken noch Handeln sind absichtslos möglich, und zudem erfolgt auch ihre Durchführung rein geistig; deswegen konnten wir sie sinnvoll im Intendieren zusammenfassen.

Das versehentliche Ertreten eines Käfers beim Spaziergang ist nicht nur kein Handeln, sondern gibt es auch gar nicht. Wir können „es“ nur nachträglich beim Rückweg feststellen; dann ist dieses Feststellen ein Intendieren, und das „wirkliche Ertreten“ ist kein wirkliches Ertreten, sondern eine Facette des Lebens, die den Inhalt unserer Erinnerung als einer speziellen Vorstellung bildet.

 

Wir müssen also unser unwirklich-intendiertes Wirken von seinem wirklich-unintendierten Auswirken unterscheiden.

Letzteres bildet die Grundlage, ist allgegenwärtig und allumfassend.

Das diskrete Intendieren kommt gegebenenfalls noch hinzu und erfolgt dann innerhalb des kontinuierlichen Leibens.

 

Dieser Übergang vom traditionellen Körper-Geist – zum Leiben-Geist-„Dualismus“ wird häufig als „subjektivistische Wende“ (Guido Rappe) betrachtet. Sie gehört der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts an und läßt sich in ihrer umstürzenden Wirkung mit Kants „kopernikanischer Wende“ vergleichen. Wichtige Autoren neben Rappe sind in diesem Zusammenhang Wolfgang Böhme, François Jullien, Maurice Merleau-Ponty, Paul Ricœur und Hermann Schmitz.

Aber auch hier ist es leider wiederum so, daß sich dieser revolutionäre Ansatz weitestgehend auf den Binnenbereich der Philosophie beschränkt.

Bei den (anderen) Wisenschaften erleben wir dagegen seit Jahrzehnten einen materialistischen „Neurophilosophie“-Boom, der so tut, als habe er (bald) eine wissenschaftliche Antwort auf die traditionellen Fragen zum Körper-Psyche-Problem und könne daher – ganz traditionell und ohne jede Wendeden abendländischen Dualismus zugunsten eines materialistischen Monismus überwinden.

 

Daran stimmt freilich nahezu gar nichts; viele „Neurophilosophen“ kennen die Geistesgeschichte kaum, argumentieren treuherzig-naiv und legen zumeist nur Glaubenbekenntnisse ab, so daß ihre „schlechte Wissenschaft zu einer schlechten Religion“ (Guido Rappe) wird.

Die Aktivität bestimmter Gehirnareale beim Sehen beispielsweise lehrt uns – absolut nichts über das Sehen, hatten wir oben schon einmal festgestellt, sondern lediglich –, daß es möglicherweise nicht funktioniert, wenn die entsprechenden Regionen ausfallen.

2.7. Subjekte und Individuen

Wir haben bisher immer nur von Subjekten und ihrer Psyche gesprochen, weil sich nicht alles auf einmal darstellen läßt und mir die Verständlichkeit zunächst wichtiger war. Im weiteren unterscheide ich sauber und drücke mich möglichst exakt aus.

Die traditionell gedachten „Subjekte“ sind Individuen und bestehen in der Einheit von Körper sowie Geist, wobei letzterer an die Stelle unserer bisherigen Psyche tritt. Das aus einer solchen Einheit resultierende Körper-Geist-Problem wurde nicht gelöst – was wohl auch unmöglich ist –, sondern verschwindet mit der subjektivistischen Wende; es ist ein sprachliches und kein philosophisches Problem.

 

Gänge es hier lediglich um Bezeichnungen, würde ich mir meine Korrektur ersparen. Der Unterschied zwischen Subjekten mit Psyche und Individuen mit Geist ist jedoch fundamental; er charakterisiert den Übergang von der Tradition zur Postmoderne vielleicht am deutlichsten:

Im wesentlichen – das heißt, eventuell abgesehen von ihrem Geist – werden die Individuen traditionell als Urbilder verstanden.

Wir leugnen zwar sämtliche Urbilder, aber damit nicht die Individuen, denn für uns stellen sie keine Urbilder dar, sondern gehören den Erlebungen an.

 

Wir beide – Sie und ich – sind Subjekte, die jeweils eine eigene Psyche besitzen und allein durch die – Intersubjektivität der – Sprache verbunden sind.

Das einzige Band, zwischen uns, ist tatsächlich ein geistiges.

Subjekte sind ebenso unwiß- wie unsichtbar; versuchen wir, sie uns vorzustellen, ergibt das keine Vorstellung von einem Subjekt – wie sollte die auch möglich sein? –, sondern irgendeine Vorstellung mit x-beliebigen Inhalt und dem Referent Subjekt, der aber nur eine Wissung sein kann, – was jedoch der Einzigkeit je-des Selben widerspricht.

Uns verbindet allein die Sprache, weil sämtliche Erlebungen ausgeschlossen sind.

 

Die Individuen Moritz, Pünktchen und Anton sind dagegen nur als Erlebungen in meiner Psyche; Sie könnten – gegebenenfalls – selbstverständlich exakt das Gleiche von sich sagen. 

Die Sprache verbindet uns auch nicht mit den Individuen, sondern ermöglicht sie erst.

Traditionell stellen sie Urbilder dar und haben somit Erlebungen.

Bei uns sind sie Erlebungen, und wir Subjekte haben sie.

Wir tauschen die traditionelle Basis der Urbilder – einschließlich der Individuen – also gegen uns Subjekte aus.

 

Als Urbilder sind die Individuen einfach vorhanden, was niemand verstehen oder erklären kann. Natürlich ist es stets möglich, Urbilder aus früheren herzuleiten – etwa in Form einer Evolution(stheorie) –; aber damit wird das Problem doch nicht gelöst, sondern lediglich auf dem Zeitstrahl verschoben; nun sind eben andere unverstanden vorhanden.

Wir gehen dagegen von Gott oder dem Ursprung als einem absolut intersubjektiven Leben für uns aus, dem (noch) kein Subjekt oder Lebend(ig)er angehört. Aus dieser grund-legenden Wirklichkeit gehen die Einheiten { Subjekt + Leben } hervor, in denen Gott einerseits sein Selbstbewußtsein finden und andererseits sich selbst mitteilen oder offenbaren kann.

Diesem Hervorgehen entspricht unser zweistufiges Explizieren, in dem zunächst ein Inhalt vom Leiben unterschieden und ersterer dann als Referent (ab)getrennt wird.

 

Kommen wir schließlich noch auf den Übergang vom Geist zur Psyche zu sprechen, bei dem eine völlig Umordnung stattfindet.

Jedes Individuum besitzt einen Geist, der das geistig-seelische Leben des Individuums und seine Abbilder der objektiven Realität enthält.

Bei uns werden diese Individuen zu unseren subjektiven Erlebungen.

Das ist fast ganz richtig und gilt auch für meinen eigenen Körper – aber natürlich nicht für meinen Geist. Was soll ein mir unzugänglicher Geist sein?

Mein traditioneller Geist – und er allein – wird zu meiner Psyche und damit zur einzigen Psyche überhaupt; es gibt – trotz der relativ intersubjektiven Sprache – nur „ein“ Subjekt.

 

Der objektiven Realität gehören Abermilliarden von (menschlichen) Individuen an, und alle besitzen ihren Geist; im Verhältnis zum Ganzen bedeutet er also praktisch gar nichts.

Meine Psyche dagegen – bitte sprechen Sie diese Worte selbst aus – ist alles, weil nichts einfach so vorhanden ist, sondern die Existenz im gegenwärtigen Gegeben-Sein besteht.

Sie umfaßt

mich als Subjekt,

das Leiben, das dem traditionellen geistig-seelischen Leben entspricht, sowie

meine Erlebungen, zu denen – je nach Weltbild – auch der Geist von Individuen gehören mag.

 

An dieser Stelle wird nochmals sehr schön deutlich, daß wir nicht über Weltbilder sprechen und ich Ihnen nicht die einen aus- und dafür andere einreden möchte.

Unser Thema ist vielmehr, was sämtliche Weltbilder ermöglicht und wie sie zustandekommen – welche auch immer.

 

Wenn Individuen lediglich Erlebungen sind, können sie keine haben; deswegen sehen Moritz, Pünktchen und Anton beispielsweise nicht(s).

Ich sehe, daß Pünktchen Anton zu sehen scheint.

Ich sehe und interpretiere folglich eine unsagbare Facette meines Lebensden Inhalt meiner Wahrnehmung – dahingehend, daß Pünktchen Anton zu sehen scheint

 

Stellen Sie sich vor, wir betreten unser Wohnzimmer und sehen eine dicke schwarze Spinne an der Wand. Eine mögliche Reaktion könnte diese Form haben:

Ich sehe und interpretiere eine unsagbare Facette meines Lebensden Inhalt meiner Wahrnehmung – dahingehend, daß diese Spinne lebt und leben möchte, und ich sie also vorsichtig in den Garten tragen sollte.

Natürlich wäre auch anderes möglich:

Ich sehe und interpretiere eine unsagbare Facette meines Lebensden gleichen Inhalt meiner Wahrnehmung – dahingehend, daß ich dieses Ungeziefer hasse und totschlagen sollte.

 

Es gibt keine Erkennungen – Erfahrungen oder Vorstellungen – ohne das Interpretieren. Vielleicht bildet letzteres nicht die einzige Form, in der wir unsere Freiheit realisieren können, aber sie gehört gewiß zu den diesbezüglichen Möglichkeiten.

Ein solcher Gedankengang gestattet es uns, eine Brücke von unserem Ansatz zum traditionellen zu schlagen.

2.7.1. Ethik der Anerkennung

Wir Subjekte entscheiden in Freiheit selbst und ganz allein darüber, wie unsere Inhalte interpretiert oder auf den Begriff – des Referenten – gebracht werden.

Dies ist zumindest ein Ort der Ethik und insbesondere einer „Philosophie der Anerkennung“ (Axel Honneth), wie sie heute sehr häufig vertreten wird und bei der ich insbesondere Emmanuel Levinas sowie Avishai Margalit folgen kann.

Hierbei geht es weder um einen wiederentdeckten Hegel noch um Macht, sondern allein darum, wie ich zur Ohnmacht der Inhalte meiner Erkennungen stehe.

 

Traditionell stellt sich eine entsprechende Frage gar nicht, weil immer schon entschieden ist, welche Urbilder Individuen sind – zumeist natürlich nur (bestimmte) Menschen.

Damit entfällt meines Erachtens zum einen genau der entscheidende Interpretations-Punkt sowohl für das moralische Verhalten als auch für die ethischen Überlegungen. Dies führt dazu, daß letztere im Kern auf ein Befolgen von Ver- und Einhalten von Geboten hinauslaufen, deren Begründung immer schwieriger wird.

Zum anderen kann, wenn die urbildlichen Individuen immer schon feststehen, fast nur herauskommen, daß wir sie als unseresgleichen behandeln sollen. Aber was hat das mit Ethik zu tun?

Fairness, die Goldene Regel oder das „Wie du mir, so ich dir“ werden häufig als ethische Prinzipien dargestellt. Ich halte das für völlig falsch; so gehen Geschäftsleute oder womöglich sogar Gangster miteinander um und bewegen sich damit ausschließlich im Rahmen der Ökonomie. Es ist nicht moralisch, sondern clever, dem anderen das, was wir von ihm nicht möchten, auch selbst nicht anzutun; vielleicht treffen wir uns ja noch einmal.

 

Die Ethik beginnt erst mit der Einseitigkeit unserer Beziehungen, die insbesondere Emmanuel Levinas in den Vordergrund stellte:  „Ich bin der Hüter meines Bruders“ oder „Geisel für den Anderen“.

Was er – der Bruder oder Andere – tut, kann mir gewaltige Schwierigkeiten bereiten und insbesondere die Möglichkeiten meiner Freiheit massiv einschränken; aber meine Freiheit oder Moral selbst tangiert das nicht im geringsten.

 

Das läßt sich noch etwas deutlicher ausführen:

Wir dürfen uns nicht vorstellen, unsere Gegenwart ließe sich in zwei Teile zerlegen, nämlich eine (relativ) stabile Situation, die der Sphäre unserer Freiheit entspricht und innerhalb derer wir dann frei entscheiden können.

Eine solche Grenze zwischen „fest vorgegeben“ und „veränderbar“ gibt es nicht. Vielmehr haben wir „nur“ die Erkennungen mit ihren Inhalten, und zu unseren Freiheitsentscheidungen gehört auch, wo und wie wir selbst darin eine Grenze ziehen – „bis hierher und nicht weiter“. 

 

Der Bruder oder Andere beeinflußt meine Erlebungen, aber nicht meine Freiheit.

Es geht mich nicht nur nichts an, was er tut, sondern existiert für mich auch gar nicht, denn postmodern gibt es nur ein einziges Subjekt, nämlich mich selbst, und damit mein eigenes Interpretieren oder Anerkennen.

Es bedeutet „lediglich“, anders mit den Inhalten umzugehen und sie vielleicht sogar anderen Referenten zuzuordnen; vom Köter zum Hund, vom Unkraut zur Blume, vom Asylsuchenden zum Mitmenschen oder vom Feind zum Freund.

AD: „Damit schließt sich für mich der Kreis, den Sie mit Julliens De-Koinzidenz in Ihrer Intention begonnen hatten:

Meine moralischen oder Freiheitsentscheidungen entsprechen einem Korrigieren der Wissungen oder Referenten und werden dadurch zu einem Neuanfang inmitten des Lebens.“

 

Ja; in einer christlich-frommen Sprache wäre das meines Erachtens der senfkornhafte Beginn des Reich Gottes im Hier und Jetzt; deswegen Julliens „Ressource des Chrstentums“.

Mit dem darin zum Ausdruck kommenden Minimalismus habe ich keine Schwierigkeiten; es wäre toll, bekämen wir das mit dem Senfkorn tatsächlich hin.

 

Die traditionelle „gute Tat“ besteht – weder im Realisieren von Werten (die übrigens nur eine ökonomische Kategorie darstellen) noch im Erfüllen irgendwelcher Gebote, Normen oder Pflichten (wie im Alten Testament), sondern – im Anerkennen der Inhalte.

Unserem moralischen Verhalten ist jedoch sehr häufig kein geschichtlicher oder „diesseitiger“ Erfolg beschieden. Deshalb muß Gott mitspielen – sonst stimmen unsere Überlegungen hinten und vorn nicht: 

Alles Gute, was wir tun, muß aufgehoben seinvollkommen unabhängig von seinen immanenten (Aus-)Wirkungen. „Nichts, was vergangen ist, vergeht“ (Georg Picht).

 

AD: „Es widerspricht mir naturgemäß, mich diesbezüglich so positiv zu äußern; wenn Sie die Allmacht und Barmherzigkeit Gottes jedoch so verstehen, könnte ich mich sogar mit diesen Begriffen anfreunden . . .“

Natürlich; ihre traditionelle Interpretation halte ich einfach für absurd; Gott kann nicht alles, insbesondere nicht jedes Leid vermeiden; seine Allmacht und Barmherzigkeit so darstellen zu wollen, wäre nicht nur weltfremd und widersprüchlich, sondern vor allem unmenschlich.     

Ich bin jedoch überzeugt, daß Gott hinter jedem positiven Neuanfang steht, ihn mitträgt und nicht „vergißt“. Wir sind zwar keine Ebenbilder Gottes, sondern nur „nach seinem Bild geschaffen„; aber letzteres würde dann immerhin bedeuten, daß wir senfkornhafte Mitschöpfer sein können.

 

AD: „Sie glauben also nicht, daß durch die Allmacht und Barmherzigkeit Gottes – im Sinne der (ohnehin kirchlich verurteilten) Allerlösungslehre – jedes Subjekt ‚in den Himmel kommt‘?“

Aber natürlich nicht; ich kann doch unmöglich etwas glauben, ohne es zu verstehen.

Was ich verstehe – meine Wissungen – sind jedoch immer nur Referenten und niemals Subjekte. Eine Allerlösungslehre muß folglich für mich ausscheiden; ich verstehe doch gar nicht, was die Kirche hier angeblich verurtelt hat.

2.7.2. Subjekte als Absender meiner Subjektivierungen

Die Philosophie der Anerkennung hat unserem Verständnis zufolge nichts damit zu tun, daß irgendwer oder -etwas als Subjekt anerkannt wird. Vielmehr geht es bei ihr allein darum, wie wir die Inhalte unserer Erkennungen interpretieren.

Ein Anerkennen als Subjekt scheidet schon deswegen aus, weil wir gar nicht wissen, was ein Subjekt sein soll. Aber in dieser Frage können wir noch einen wichtigen Schritt weiter gelangen.

 

Wir verstehen, weshalb sich Moritz auf die Schule freut und daß die 3 eine Primzahl ist.

Natürlich gibt es keinerlei Verstehungen ohne Sprache, aber wir können das auch enger fassen:

Wir hören oder lesen, und das führt unmittelbar zu Verstehungen i. e. S.

All unsere gegenwärtigen Verstehungen i. w. S. sind in der Vergangenheit einmal durch ein solch unmittelbares Verstehen der Sprache zustandegekommen; auch weshalb sich  Moritz auf die Schule freut und daß die 3 eine Primzahl ist. 

Den Verstehungen i.e.S. kommt damit eine  fundamentale Bedeutung zu, und wir ersetzen sie der Kürze halber im weiteren durch Subjektivierungen.

 

Das Hören ist ebenso zweideutig wie das Verstehen.

Wir hören eine Glocke oder Autolärm, können aber auch eine Stimme hören. Letzteres wäre in unserem Sprachspiel das Hören i.e.S., das dann natürlich mit dem Subjektivieren zusammenfällt.

Das geflügelte Wort „Der Glaube kommt vom Hören“ müßten wir übersetzen in „Der Glaube kommt vom Subjektivieren“.

 

Nach diesem begrifflichen Vorspann können wir auf unser obiges Versprechen zurückkommen:

  Subjekte sind die Absender meiner Subjektivierungen, und entsprechend kann natürlich auch ich absenden, was bei anderen Subjekten als ihre Subjektivierung ankommt.

Traditionell glaubt man, die Verstehungen seien Verstehungen von Gesagtem oder Geschriebenem.

Für uns werden daraus Subjektivierungen von (den anderen) Subjekten.  

 

AD: „Das paßt gut zu dem, was Sie oben bezüglich der Sprache ausgeführt hatten; wenn ich zitieren darf:

‚Die Sprache existiert nur in dem oder durch das Sprechen und Verstehen, so daß wir darin die Intersubjektivität erfahren.

Ermöglicht wird die Sprache jedoch durch eine ‚verborgene‘ Intersubjektivität, die sehr eng mit der Zeit zusammenhängen muß.‘

Diese ‚verborgene‘ Intersubjektivität – die Sie dort wohl noch nicht erklären konnten – besteht also im Absenden durch sämtliche Subjekte. Befinden sich diese – nicht wie die Körper im Raum, sondern – in der Zeit, wird vielleicht auch der angedeutete Zusammenhang mit ihr bereits ein wenig einsichtig.“

 

Ja; und ich glaube, viel konkreter geht es auch nicht.

Ich kann in meiner Psyche absenden; aber das tut natürlich jedes andere Subjekt ebenfalls, so daß das Subjektivieren niemals einen Absender besitzt, sondern letztlich stets von sämtlichen Subjekten herrührt.

Uns sind auschließlich unsere Subjektivierungen und weder die eigenen Absendungen noch die zeitlichen Verbindungen zwischen den Subjekten zugänglich.   

2.7.3. Innen und Außen

Wir waren bereits einmal darauf zu sprechen gekommen, daß sich die traditionelle Einteilung in Innen und Außen als unhaltbar erweist. Es geht nicht an, letzteres mit dem Raum (der objektiven Realität)  zu identifizieren und ihm das Innen des Geistes gegenüberstellen zu wollen, weil sich jedes Innen in einem Außen befinden und damit ebenfalls räumlich sein müßte.

 

Innen und Außen kann es nur innerhalb meiner subjektiven Welt geben; nicht einmal im Weltbild, denn was ich als inexistent ablehne, kann sich natürlich weder innen noch außen befinden.

AD: „Sind die Psychen der (anderen) Indivduen innen?“

Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt, weil sie von einer Einteilung sämtlicher Entitäten in innere und äußere ausgeht; in diesem Sinne wäre beispielsweise die Annahme, Wissungen sowie Vorstellungen könnten nur innen sein, nahezu zwingend, weil sie gar keine bzw. nur nicht vorliegende Inhalte besitzen.

 

Traditionell sagt man, meine Schmerzen seien innen, weil niemand außer mir sie hat, und die Sterne außen, weil jeder, der die notwendigen Voraussetzungen mitbringt, sie sehen kann.

Ich möchte diese Gedanken im wesentlichen übernehmen, aber von ihren typischen Beispielen befreien. Es mag sehr hilfreich sein, letztere aufzuzählen, das führt jedoch nicht unbedingt zum Verständnis dessen, wofür es Beispiele sind. 

Innen bedeutet reine Subjektivität.

Wrklich geteilte Schmerzen sind also nicht innen – obwohl es sich um Schmerzen handelt –, sondern bereits ein klein wenig (relativ) intersubjektiv.

 

Es versteht sich von selbst, daß wir bei einem solchen Ansatz nur einen kontinuierlichen Übergang von rein subjektiv über – weniger oder mehr – relativ intersubjektiv bis zu (theoretisch) total intersubjektiv denken können.

Und wo wir uns auf dieser Skale befinden, erfahre ich an oder in meinen Subjektivierungen:

Passen sie zu meinen Erlebungen, sind letztere relativ intersubjektiv.

Kommt jedoch nur Gegenwind, keiner versteht mich und ich bin ganz allein, sind meine Erlebungen rein subjektiv.

 

AD: „Wobei natürlich eine solche Intersubjektivität nicht an sich schon positiv oder erstrebenswert ist; wir könnten selbst in den miesesten Erlebungen harmonieren.“  

Genau da wollte ich hin!

Auf der einen Seite geht es absolut nicht um (relative) Intersubjektivität oder „Äußerlichkeit“, sondern allein um die ethische Frage der Anerkennung, das heißt, um die Interpretation der Inhalte unserer Erkennungen.

Auf der anderen Seite steht aber „hinter“ meinen Subjektivierungen stets die „Intersubjektivität“ sämtlicher Subjekte, weil sie alle absenden und nur das Resultat oder die Gesamtheit dieser Absendungen als Basis meiner Subjektivierungen dient.

 

Was das bedeutet, können wir uns leicht an der für viele Christen wichtigen Frage verdeutlichen, worin die wirklichen Worte Jesu bestehen. Ich weiß sehr wenig von Hermeneutik, Sprache und Geschichte, bin mir aber trotzdem relativ sicher, daß die Klärung dieser Frage bereits nach 2000 Jahren ein hoffnungsloses Unterfangen darstellt.

Und ein sinnloses dazu! 

Der Geist, der lebendig macht, – Christen nennen ihn den „Heiligen Geist“ – kann nur aus der Sprache kommen, denn sie bildet die einzige Ermöglichung unserer Wissungen.

Kommt er aber aus der Sprache, dann von allen Subjekten, so daß der Heilige Geist die positive, fruchtbare, heilende oder Heil bringende Intersubjektivität darstellt. 

Jesus von Nazareth ist lediglich eine Vorstellung – konkret eine Erinnerung i.w.S. –, und Vorstellungen können nicht absenden.

2.7.5. Der Gott der Philosophen

Stellen wir uns – allen eigenen Überzeugungen zum Trotz – einmal vor, das traditionelle Denken der Moderne sei wahr. Dann gäbe es eine praktisch unendlich große objektive Realität mit einem winzig kleinen Fleckchen darin, das unsere Umgebung bildet; kleiner als ein Senfkorn im Verhälnis zur ganzen Erde.

Wie können wir dann von dem großen Ganzen wissen?

Meines Erachtens ist die Antwort absolut zwingend:

Aus eigener Kraft überhaupt nicht, so daß unsere Ausgangsannahme, das traditionelle Denken der Moderne sei wahr, in sich widersprüchlich wird

 

Die traditionell Denkenden in Antike und Mittelalter hatten das verstanden und deswegen einen Gott eingeführt, dem sie ihr Wissen der Urbilder verdanken. Durch diesen Gott und unseren Kontakt zu ihm ist die objektive Realität keine Hinterwelt.

In der griechischen Antike kam dem Gott Nous diese Aufgabe zu; daraus wurde zwar nicht der christliche Gott, aber da letzterer allwissend sein sollte, übernahm er einige „günstige“ Eigenschaften des Nous. Blaise Pascal spricht vom „Gott der Philosophen“, um den Unterschied zwischen dem biblischen Gott und dem Nous hervorzuheben.

Insbesondere überblickt er nicht nur, sondern überdeckt er die gesamte objektive Realität, so daß Gott augenblicklich alles zugleich schaut und berührt. Sowohl räumlich als auch zeitlich reicht er von einem Ende des Alls zum anderen, so daß er allgegenwärtig und ewig ist.

Unsere Gottesebenbildlichkeit wurde häufig als menschliche Teilhabe an dieser Allgegenwart verstanden, so daß der traditionelle Ansatz – durch Gottes Hilfe – widerspruchsfrei wird.  

 

In der Moderne verblaßte einerseits der Glaube an Gott; andererseits waren sich zumindest ihre großen Denker dessen bewußt, daß ohne ihn menschliches Wissen von der objektiven Realität unmöglich ist.

Was tun?

Die „Lösung“ bestand darin, „Gott der Philosophen“ in „Vernunft“ umzutaufen.

Nun brauchen wir keinen Gott mehr, sondern der Mensch an sich tritt an seine Stelle.

Nicht Sie oder ich; kein individueller Mensch, vielmehr der  Mensch als Mensch überhaupt – und das ist die Vernunft; bei Kant und vielen seiner Nachfolger, nicht zuletzt Edmund Husserl, heißt sie „transzendentales Subjekt“.

AD: „Das verstehe ich nicht . . .“

Können Sie auch nicht, denn es ist ein purer Etikettenschwindel:

Wo „Vernunft“ drauf steht, ist der Gott der Philosophen drin; wer die objektive Realität weiß, benötigt ihn, darf das aber heutzutage nicht mehr zugeben.

 

Thomas Nagel nennt die Vernunft den „Blick von nirgendwo“ – „. . . und nirgendwann“ sollten wir der Deutlichkeit halber ergänzen.

Ohne ihn – den Gott der Philosophen – wäre nicht nur die gesamte moderne Wissenschaft unmöglich, sondern jeder, der etwas von der objektiven Realität zu sagen glaubt, nimmt ihn für sich in Anspruch; ob er das nun weiß und will oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

Mit dem Gott der Philosophen wollen seine Gläubigen begründen, daß ihre Projektionen Abbildungen sind – aber er ist selbst nur eine Projektion.

 

Das moderne Denken ist angewandte griechische Götterlehre“ (Georg Picht).

Die für uns notwendige Aufklärung über die „Aufklärung“ bestände darin, dies zu verstehen, das heißt, nicht länger den absurd-mittelalterlichen Absolutheitsanspruch des religiösen Glaubens durch den absurd-modernen der exakten Wissenschaften zu ersetzen – um damit dem alten Gott im neuen Mäntelchen weiterhin dienen zu können.

Beide Totalitarismen verweigern das eigene Denken und sind damit gleich unaufgeklärt; auch „die Wissenschaft denkt nicht“ (Heidegger).

 

Ignorieren Sie bitte diesen Abschnitt nicht einfach als „frommes Gewäsch“ und „heute gegenstandslos“ oder ähnlich.

Daß es so primitiv nicht mehr geht, müssen Sie mir nicht sagen; ich brauche das doch alles nicht.

Aber wer von einer objektiven Realität ausgeht, benötigt es:

Allein der Gott der Philosophen rettet vor den Konsequenzen unseres Exkurses, so daß sich jeder zwischen ihm und einem Verzicht auf Urbilder entscheiden muß.

 

Jacques Derrida betrachtet die traditionelle Philosophie als eine Ontologie der Präsenz. Wie er darauf kommt, können wir uns leicht an einer Filmrolle aus alten Kinojahren verdeutlichen:

Der Film entspricht der Zeit, läuft durch den Projektor, und wir erleben davon immer nur das Jetzt, das vom Bild auf der Leinwand veranschaulicht wird.

Dem Gott der Philosophen ist dagegen die objektive Realität in ihrer gesamten raum-zeitlichen Erstreckung – der vollständige Film –  präsent; er kennt auch das Früher und Später.

 

Dieses traditionelle Denken enthält Michel Foucault zufolge einen „Willen zum Wissen“ – der ganzen Rolle –, der scheinheilig als „Willen zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber Nietzsches „Willen zur Macht“ darstellt.

Das wird spätestens in der Moderne überdeutlich, weil sich nun endgültig herausstellt, daß viele Wissungen Handlungsanleitungen sind. Wer letztere beherrscht, kann unendlich viel machen – und das bedeutet es, Macht zu besitzen

Wer hier noch von Wahrheit spricht, ist entweder naiv oder bösartig.

 

Die Position der so Denkenden ist sogar noch viel besser als diejenige Gottes:

Wir wissen mit ihm – schauen ihm gewissermaßen über die Schulter –, sind jedoch nicht verantwortlich; gemacht hat er es – oder wer auch immer; jedenfalls wir nicht.

Im traditionellen Denken kommt also ganz massiv ein – verantwortungsloses – Sein-Wollen-wie-Gott zum Ausdruck. Das hat aber meines Erachtens kaum etwas mit Hochmut oder „Sünde“ zu tun, sondern vielmehr mit Denkfehlern und einer unglaublichen erkenntnistheoretischen Naivität.

 

Viele glauben, mit oder in der Moderne hätten wir das traditionelle Denken überwunden, weil kaum noch von Urbildern, Gott dem Sein oder Seienden die Rede ist. Wir haben jedoch nur die Worte ausgewechselt, ohne das Denken wesentlich zu korrigieren.

Deswegen scheint mir Heideggers Diagnose, daß sich das traditionelle Denken erst in der Moderne vollendet, schwerlich von der Hand zu weisen zu sein.

Dieses Denken sowie der mit ihm verbundene Wahrheitsanspruch seiner Vertreter – und eben gerade nicht die Abkehr von Tradition und Glauben – führte zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Die beiden Weltkriege wurden in erster Linie von den traditionell-philosophisch gebildetsten christlichen Völkern geführt.   

2.10. Leben und Zeit

Diese Überschrift soll an „Sein und Zeit“, das Hauptwerk von Heidegger denken lassen.

Ihm geht es um „die Frage nach dem Sinn von Sein“, die von der Tradition nie konsequent gestellt, geschweige denn beantwortet wurde. Sie hat „das Sein vergessen“ und sich auf „das Sein der Seienden“ – unserer Urbilder – beschränkt. Die sind angeblich vorhanden, wie wir schon des öfteren gesehen hatten, so daß im allgemeinen Substanz bzw. Materie und im speziellen Holz, Eisen oder andere Stoffe zu Grundbegriffen werden (mußten). 

Das konnte wohl auch gar nicht anders sein, weil die Tradition nicht nur Heidegger zufolge das Sein, sondern meines Erachtens auch die Zeit vergessen hat.

 

Es lohnt sich, diesen Gedanken ein wenig weiter zu verfolgen.

Urbilder – Sterne beispielsweise – sind identisch, das heißt, wo auch immer wir uns im Raum befinden und zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt sind Sterne das Gleiche. Identität bedeutet somit die Unabhängigkeit von Raum und Zeit; ohne sie könnten wir gar nicht sinnvoll sagen, daß damals dort ein Stern zum Beispiel entstanden sei. Ohne eine so verstandene Identität der Urbilder wäre diese Aussage unverständlich; wir wisen nur, was ein Stern ist, wenn er überall und immer das Gleiche ist.

Aus der Identität der Urbilder wird bei uns eine solche der Begriffe; nun gilt nicht mehr Ur-Stern gleich Ur-Stern, sondern der Begriff Stern ist stets der gleiche.

Wenn aber die Urbilder oder Begriffe identisch sein müssen, um ihre Funktion erfüllen zu können, sind die „Urbilder“ bzw. „Begriffe“ Zeit, Veränderung, Bewegung, Geschehen, Prozeß oder ähnlich in sich widersprüchlich und damit ausgeschlossen. Was ist beispielsweise eine Veränderung, bei der in (dem Raum und) der Zeit alles identisch bleiben muß?

 

Damit können wir zusammenfassen:

Die traditionelle Fragestellung entspricht dem „Was ist . . . wirklich?“; was ist ein Stern oder der Mensch? Worin besteht jeweils ihr Wesen? Das (allein) schien der Tradition wesen-tlich zu sein.

Unabhängig davon, ob sich derartige Fragen auf Urbilder oder Begriffe beziehen, können ihre Antworten nur sinnvoll sein, wenn sie identisch sind; „Antworten“, die von Raum und Zeit abhängen, sind keine Antworten, weil sie uns nichts sagen.

Traditionell kommt man also nicht um die Identität der Urbilder bzw. Begriffe herum. Da eine „identische Zeit“ – einerlei ob nun als Urbild oder Begriff – jedoch eine „zeitlose Zeit“ (A. M. Klaus Müller) und damit absurd wäre, läßt sich die – Wirklichkeit der – Zeit nicht denken.

Ohne sie gibt es aber auch keine Dynamik oder Genese, kein Entstehen und Vergehen – vielmehr lediglich eine identische Schöpfung bzw. Evolution –, so daß nur die statische Alternative von (Vorhanden-)Sein oder Nicht-(Vorhanden-)Sein verbleibt und wir hoffnungslos bei Hamlet enden. 

2.11. Tradition ohne Abbilden

In unserem Exkurs wollte ich Ihnen verdeutlichen, daß es kein Abbilden gibt.

Aber das war nicht sehr originell, und Sie sollten keinesfalls den Eindruck gewinnen, wir hätten damit etwas Großartiges entdeckt. Wir haben gar nichts entdeckt, denn das ist alles längst bekannt, und keiner der (guten) traditionell denkenden Philosophie hat jemals ernstlich geglaubt abzubilden.

Der Exkurs richtete sich nur an Sie; was ich dort geschrieben habe, war die Übersetzung der traditionellen philosophischen Problematik in den heutigen Hausgebrauch. Schauen wir uns also an, wie sich jenseits von ihm, das heißt, ohne offensichtliche Fehler von Ur- und Abbild sprechen läßt.

Ich glaube natürlich auch diese intelligentere Darstellung nicht; andernfalls wäre im Exkurs ja nur deutlich geworden, wie wir nicht zu einem an sich aber richtigen Ergebnis gelangen können. Dafür wäre mir unser Aufwand zu hoch gewesen; wir bleiben also dabei:

Es gibt weder „richtige“ noch „falsche“ Urbilder

 

Auf der einen Seite befindet sich die objektive Realität und auf der anderen sind unsere Wissungen davon. Wir hatten deren Verhältnis bisher so dargestellt, als wäre jene ursprünglich und diese Seite – als Wissungen von der objektiven Realität – sowohl inhaltlich als auch zeitlich nachrangig; deswegen der Gedanke des Abbildens.

Verstehen wir die zwei Seiten jedoch als gleichwertig, so könnten sie beide einem Primären nachgeordnet sein, aus dem sie getrennt hervorgehen. Damit würde sich jegliches Abbilden erübrigen, denn durch ihren gemeinsamen Ursprung passen objektive Realität und Wissungen nicht nur 100%-ig zueinander, sondern sie müssen sogar eine gemeinsame Form besitzen:

Das Wissen gibt die objektive Realität adäquat wieder, und diese ist so, weil sie dem Wissen entsprechen muß. Das eine bildet jeweils eine isomorphe Darstellung des anderen; ihr Verhältnis ist ein wechselseitig-symmetrisches.

 

Die objektive Realität ist sowohl räumlich als auch zeitlich, aber das Wissen keines von beiden; außerdem erweist sich jene als sinnlich und dieses als geistig.

Offensichtlich besitzen die beiden also verschiedene Inhalte – bei gleicher Form.

Im vorgegebenen Primären entfallen die Inhalte nicht, sondern werden miteinander identisch; bei Nikolaus von Kues bedeutet dies die „coincidentia oppositorum“. Diese Identität wird von der gesamten (reflektierenden) Tradition zumindest seit Parmenides vorausgesetzt und zumeist als eine solche zwischen Sein und Denken dargestellt.

Aber die Worte sind letztlich sekundär; wir könnten auch von Gewußtem (bzw. Wißbaren) und (verbalem) Wissen sprechen oder von Objekt und Erkennen.

 

AD: „Das ist mir etwas zu abstrakt; können wir diese Identität von Sein und Denken ein wenig veranschaulichen?“

Das gestaltet sich schwierig, weil sie uns Menschen nicht zugänglich ist, das heißt, einer transzendenten Sphäre angehört. Wir erfahren lediglich ihre sekundären „Zerfallsprodukte“ und kommen für die primäre Identität „immer schon“ oder „ursprünglich zu spät“ (Jacques Derrida).

Aber vielleicht hilft Ihnen der folgende Gedankengang ein bißchen:

 

In der traditionellen Moderne werden die – eo ipso „falschen“ – Urbilder als vorhanden hingenommen; es gibt halt Sonne, Mond . . . Im Exkurs wollte ich verdeutlichen, daß „Vorhandenheit“ ein völlig nichtssagendes oder leeres Wort ist; letztlich nur eine Buchstabenkombination.

Aber das fällt nur wenigen Menschen auf; die meisten glauben fest, mit dem Satz „Die objektive Realität ist vorhanden“ hätten sie etwas gesagt – obwohl sie nur Geräusche von sich geben. Kant formuliert diese Erkenntnis in den Worten „Die Wirklichkeit“ – unsere Vorhandenheit – „ist kein Prädikat“ oder keine Eigenschaft.

 

Diesbezüglich hatten die Denker in Antike und Mittelalter ein viel höheres Problembewußtsein; die moderne Vorhandenheit gab es bei ihnen (praktisch) nicht. Ihnen zufolge kann vielmehr nur existieren, was gedacht wird; als Denkender kommt freilich nur irgendein Gott infrage.

In diesem Sinne können wir die Identität von Denken und Sein vielleicht als

– das Schaffen des christlichen Schöpfergottes oder

– das teilnahmslose Schauen des „Gottes der Philosophen“ (Blaise Pascal)

verstehen. 

Letzterer bzw. der Nous lebt weder hier oder dort noch jetzt bzw. dann, sondern ist allgegenwärtig. Dadurch muß er weder denken noch wissen, sondern nur schauen, und in diesem Schauen des Nous besteht die Identität von Denken und Sein.

 

 

Primäres
 
Identität von Inhalt und Form
 
. . . von Denken und Sein  
. . . von Wissen und objektiver Realität
 
. . . von Erkennen und Objekten
 
  =
   
coincidentia oppositorum
 
– Gott – als Schöpfer
 
– (Schauen des) Nous – als „Gott der Philosophen“
 
– . . . . . . . . . . . . .
 
     
Sekundäres
 
objektive Realität Wissungen  
wirklich
  unwirklich
 
       
– Form
=
– Form
 
– Inhalt
– Inhalt
 

Abbildung 2.11.

 

AD: „Wenn ich Sie recht verstanden habe, steht also jeder traditionell Denkende vor der folgenden Alternative:

Entweder er findet einen Fehler in Ihrer Widerlegung des Abbildens, so daß  dieses doch möglich ist und er sich beruhigt auf seine adäquaten Abbilder berufen sowie von objektiver Wahrheit sprechen kann.

Oder der traditionell Denkende tut letzteres, weil er einen transzendenten Gott für sich in Anspruch nimmt,

– der in irgendeinem engen Verhältnis zur Identität des Denkens mit dem Sein steht und

– zu dem er einen hinreichend guten Kontakt pflegt, um sich „informieren“ zu können.

Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen wurde wohl häufig in diesem Sinne interpretiert – aber das ist nicht unbedingt mein Spezialgebiet . . .“    

 

Ja: jeder, der von einer objektiven Realität spricht und für seine Aussagen Wahrheit beansprucht, muß entweder abbilden oder an einen Gott glauben, der die von Ihnen angegebenen Bedingungen erfüllt. Ob der jeweilige Traditionalist das weiß bzw. auch nur wahrhaben will oder nicht, spielt dabei nicht die geringste Rolle.

Hier zeigt sich wieder, daß die meisten Menschen heute glauben, mit „Vorhandenheit“ etwas gesagt zu haben.

 

Eine Bemerkung sollten wir vielleicht hinzufügen:

Es bedarf wohl kaum noch des Hinweises, daß ich die Identität von Denken und Sein bzw. die ihr entsprechenden Götter natürlich ebensowenig glaube wie die Möglichkeit eines Abbildens, so daß – für mich – die objektive Realität absurd wird. Jenseits des traditionellen Denkens stehe ich also glücklicherweise nicht vor Ihrer Alternative

Beide „Zugangswege“ zur Hinterwelt gehören dieser selbst an und bilden somit, anschaulich gesprochen, eine Hinterwelt zweiter Ordnung.  

 

Robert Spaemann glaubt sie, identifiziert das Primäre mit Gott und leitet daraus seine Überlegungen in „Der letzte Gottesbeweis“ ab:

  „Was Nietzsche prinzipiell infrage stellte, war die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft und damit der Gedanke von soetwas wie Wahrheit überhaupt. Dieser Gedanke hat für ihn nämlich eine theologische Voraussetzung, die Voraussetzung, daß Gott ist. Nur wenn Gott ist, gibt es etwas anderes als subjektive Weltbilder, so etwas wie ‚Dinge an sich‘, von denen ja noch Kant gesprochen hatte. Es sind die Dinge, wie Gott sie sieht. Wenn es den Blick Gottes nicht gibt, gibt es keine Wahrheit jenseits unserer subjektiven Perspektiven.“

Weil in Gott Denken und Sein zusammenfallen, kann er durch sein Wort Denken die Schöpfung hervorbringen.

 

Spaemann geht also davon aus, daß die Existenz der objektiven Realität evident sei, und kann unter dieser Voraussetzung die Wirklichkeit Gottes beweisen.

Indem wir jene Existenz bestreiten, bricht auch dieser Beweis in sich zusammen. Zum Glück, denn ein „bewiesener Gott“ kann kein Gott sein; läßt er sich von uns beweisen, muß er notwendigerweise unserem Weltbild angehören und damit von uns abhängig sein.  

Positiv formuliert spricht Spaemann von der subjektiven Realität in seinem Weltbild und beweist mit deren Hilfe die Existenz Gottes. Das mag hieb- und stichfest sein, bleibt aber natürlich an sein Weltbild gebunden – wie sämtliche Überlegungen jeglicher Art. 

Was Spaemann hier tut, ist also völlig in Ordnung, und niemand kann etwas anderes.

Aber indem er seine subjektive Realität als objektive ausgibt, wechselt er in die Hinterwelt und sagt nichts – Verständliches – mehr.    

2.12. Zusammenfassung

In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte zusammenfassend wiederholt, damit die Studierenden sich das neue Wissen gut einprägen können.

Bei uns geht es jedoch nicht um ein Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Überarbeiten von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe; nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Denkniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen.

Wo befinden wir uns? Weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erwartet uns nun?