Gliederung

Intention0.Einführung0.1."Methode"0.2.Von der objektiven "Welt" zu subjektiven Welten0.3.Die Wirklichkeit ist keine Eigenschaft0.3.1.Wirklichkeit der Erfahrungen0.3.2.Welt und Weltbild0.3.3.Glauben und Wissen0.3.4.Erfahren setzt Anerkennen voraus0.4.Wahrheit im Hier und Jetzt – subjektiv und situational0.4.1.Es ist nicht wahr, daß "1 + 1 = 2"0.4.2.Wechsel des Standorts0.4.3.Unbedingtheit – ohne Gleichmacherei0.4.4.Gewissen0.5.Biologischer Zugang0.6.Religiöser Hintergrund0.7.Philosophischer Hintergrund0.8.Geistesgeschichte0.8.1.Antike und Mittelalter0.8.2.Moderne0.8.3.Postmoderne0.9.Exaktheit ohne Sicherheit0.10.Änderungen und Anderungen0.10.1.Mittelalterlicher Glaube und moderne Säkularisierung0.10.2.Atheistische Mystik0.11.Zwei mögliche Mißverständnisse0.11.1.Radikaler Konstruktivismus0.11.2.Neuer RealismusSymbolische Formen – Eröffnung1.Der traditionelle Ansatz1.1.Urbilder1.1.1.Alltägliche und einzelwissenschaftliche Urbilder1.1.2.Urbilder – wissen, was man nicht weiß1.2."Welt" und "Welt"-Bild1.3.Subjekte als Individuen1.4.Abbildtheorie1.5.Widerspruch des traditionellen Ansatzes1.5.1.Zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen1.5.2.Metaphysik oder Ontologie der Präsenz1.5.3.Die Frage nach dem Sinn1.6.Es gibt kein Abbilden1.6.1.Urbilder durch Zirkelschluß1.6.2."Unphilosophische" Hilfestellung1.6.3.Physikalische "Abbild"- sind lediglich Kopier-Theorien1.6.4.Erlebungen ohne Erlebtes1.6.5.Wissen ohne Gewußtes1.7.Sprachverhexung des Denkens1.8.Hinterwelt1.8.1.Wissenschaft und Hinterwelt1.8.2.Wahrheit und Überzeugung1.9.Materie – was ist das?1.9.1.Materie als das Meßbare1.9.2.Seelisches, Sinnliches und Geistiges1.9.3.Welt und Kosmos1.9.4.Primäre und sekundäre Eigenschaften2.Gesamtzusammenhang2.1.Von der Wirklichkeit (T) zu den Wirklichkeiten (U) und (G)2.1.1.Leben als Wirklichkeit(L)2.1.2.Erfahrungen und Welt(bild)2.2.Das Woher der Wirklichkeit2.2.1.Zwei bis drei Arten von Wirklichkeit2.2.2.Glauben oder Nicht-Glauben2.2.3.Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben2.2.4.Nicht der richtige Glaube hilft, sondern der helfende Glaube ist richtig2.2.5.Erfahrungen als einziges Wovon der Nach-Denkungen2.2.6.Unendlichkeit2.2.7.Der "eine" Ursprung2.2.8.Drei Arten von verbalem Wissen2.2.9.Ursprung – nicht Urgrund2.2.10.Explikation des impliziten Ursprungs2.2.11.Ursprung – Urknall – Urbild2.2.12.Identität der Naturgesetze2.3.Subjektivitäten2.3.1.Subjektivität und Freiheit2.3.2.Das Leben als différance2.3.3.Das Woher des Fühlens2.3.4.Solipsismus2.3.5.Allumfassende Wechselwirkung der Subjektivitäten2.3.6.Ursprung als Oikos2.3.7.Psychisch "Kranke" als Modell2.3.8.Subjektiver Glaube und intersubjektive Konvention2.3.9.Erlösung von der "Erbsünde"2.3.10.Intersubjektivität2.4.Erlebungen2.4.1.Nach-Denkungen – Einheit von Signifikat und Anschauung2.4.2.Leibhaftigeit des Lebens und bloße Reflexion darüber2.4.3.Erfahrungen – Einheit von Signifikat und Facette2.4.4.Nach-Denkungen – Begriffe und Nicht-Begriffe2.4.5.Nach-Denkung und Horizont als Relativbegriffe2.4.6.Beschreiben und Bezeichnen2.4.7.Akt der Freiheit2.4.8.Andere Subjektivitäten oder Anders-Subjektivität-Sein2.4.9.Eigener Körper2.5.Immanenz2.5.1.Bewußtsein und Phänomene2.5.2.Nach-Denkungen als Werkzeuge2.5.3.Zeichen2.5.4.Auch das traditionelle Denken muß gedacht werden2.5.5.Ungewußtes – signifikantes Bewirken2.5.6.Unbewußtes – Welt(bild) als Wirken2.5.7.Kränkungen2.5.8.Vom Welt(bild) zum Unbewußten2.5.9.Sprache als intersubjektives Gedächtnis2.5.10.Zeitlichkeit der Immanenz2.5.10.1.Der Borromäische Knoten2.5.10.2.Das Leben als Struktur2.5.11.Subjektivitäten mit vielen eigenen Körpern2.5.12.Zeitliche Genese der Erfahrungen statt zeitloser Urbilder2.5.13.Diskretisieren und Integrieren2.5.14.Das Außerhalb der Immanenz2.6.Leben2.6.1.Zwei LEBEN2.6.2.Leibhaftigkeit des Lebens als dichte Beschreibung2.6.3.Leibhaftgkeit des Lebens und Theorien des "Lebens"2.6.4.Der Körper als notwendige Voraussetzung allen Erlebens2.6.5.Wirklichkeit als Widerfahrnis2.6.6.Selbstbeschränkung Gottes2.7.Postmoderne Triade: Ursprung – Leben – Erlebungen2.7.1.Namen2.7.2.Vielheit der Urbilder – Einheit der Erlebungen2.7.3.Weltbild als Werkzeug des Erfahrens2.7.4.Interpretationen und das "Außerhalb des Textes"2.7.5.Wirklichkeit-an-sich, -für-sich oder -für-uns2.7.6.Was nicht sein darf, kann auch nicht sein2.7.7.Christus und Jesus2.7.8.Trinität2.7.9.Kirche2.8.Stabilität des Weltbilds2.8.1.Näherungsweise Konstanz der Signifikate2.8.2.Exakte Identität der Signifikate2.8.3.Zusammenspiel von Konstanz und Identität3.Bewußtsein3.1.Ontologische Differenz3.1.1.Nihilismus3.1.2.Sein als Leben3.2.Spagat des Denkens3.3.Je-der Selbe und sein Körper3.3.3.Der menschliche Körper als Leichnam3.3.4."Leib-Seele-Problem"3.3.5.Chronologische Umordnung3.4.Freiheit3.4.1.Freiheit ist weder beweis- noch widerlegbar3.4.2.Freiheit im Hier und Jetzt3.4.3.Freiheit der Subjektivität – nicht ihres Körpers3.5.Aktant-Netzwerk-Theorie3.5.1.Das Kollektiv neu versammeln3.5.2.Genese des Sozialen3.6.Begehren4.Die beiden ZEITEN4.1.Hinführung4.1.1.Beispiel für das Ineinander der ZEITEN4.1.2.Zwei einfache Erklärungen4.2.Zeitlosigkeit der "Zeit"4.2.1.Reversibilität4.2.2.Determination4.2.3.Unvergänglichkeit4.2.4.Überprüfbare Antizipationen4.3.Zeitlichkeit der Zeit4.3.1.Differenz der beiden ZEITEN4.3.2.Modi und Tempi4.3.3.Von der Vergangenheit zum Früher4.3.4.Aufhebung4.3.5.Leben ohne Erlebungen4.3.6.Zeitigen4.3.7.Genese des Regallagers4.3.8.In Geschichten verstrickt4.5.Genese4.5.1.Petitio Principii4.5.2.Genese aus dem Nichts4.5.3.Genese ohne Geltung4.6.Sterben im Leben4.7.Matrixdarstellung der ZeitSymbolische Formen – Ausklang0.1.Symbolisches und Sprachspiele0.1.1.Relationen von Relationen0.1.2.Vom traditionellen Dualismus zum Leben0.1.3.Zirkel von Symbolischem und Imaginärem0.1.4.Sprachspiele

Intention

„Laß mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Klaus Hemmerle

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Es gehört zur Taktik eines auf Einschüchterung gebauten und auf Konsensfassaden abzielenden Systems, jedem für sich zu suggerieren, daß er der Einzige sein, der den Hausfrieden störe.“

Michael Seewald

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Wenn jemand behauptet, er sei Gott mit absoluter Sicherheit begegnet, und nicht berührt ist von einem Schatten der Unsicherheit, dann läuft etwas schief. . . Die großen Führer des Gottesvolkes wie Mose haben immer Platz für den Zweifel gelassen. Man muß Platz für den Herrn lassen, nicht für unsere Sicherheiten.“

Papst Franziskus

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode , wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

 

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heilslehre noch um das richtige Weltbild, sondern um die Probleme, vor denen wir angesichts von Fundamentalismus, Ignoranz und Gewaltbereitschaft weltweit stehen. Ich will lediglich aufzeigen, wie wir trotz unserer festesten Überzeugungen intellektuell redlich mit anderen sprechen können, die uns fremde Positionen vertreten. 

Das ist sicherlich nur möglich, wenn wir jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren Überzeugungen ablösen:

Ich kann es aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nicht anders sehen“; aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso – und mehr gibt es dazu nicht zu sagen. 

 

Die hierfür notwendige, nicht nur wohlmeinend-freundliche, sondern aus dem Herzen kommende innere Toleranz setzt voraus, daß wir den  Mut aufbringen, selbst zu denken, und dies weder den Wissenschaften noch Religionsgemeinschaften, „Experten“ oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein.

Ohne unsere eigenen Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

In sehr einfachen Worten kann ich das Ziel unserer Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen darstellen:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Wohl viele von uns fühlen sich fast beleidigt, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“. Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß sehr vieles für das ebenso eindeutige „nein“ dieser Denker spricht, dem ich mich 100%-ig anschließe.

 

Philosophisch Vorgebildete finden den Knackpunkt, der unseren Ansatz vom traditionellen unterscheidet, in der Eröffnung sowie dem Abschnitt 2.5.4. „Auch das traditionelle Denken muß gedacht werden“.

0. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen höchstens zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nichts mit Wahrheit zu tun haben müssen.

 

Es basiert auf der Annahme, daß gegenwärtig ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel – bei hinreichend vielen Menschen – wichtiger wäre als alle pragmatischen „Fortschritte“, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands verstärkt gesetzt haben und in denen noch immer viele von uns die Lösung der stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache. Dieser moderne Glaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg (zu) der Wahrheit sehen.

Bruno Latour beispielweise spricht vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde bestimmen – weder Sonneneruptionen noch tektonische Verschiebungen oder Vulkanausbrüche allein. Man muß kein Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet sein, um seine Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der gesamten Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts; das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit fast 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Vielmehr müßten Sie entweder jeden Schritt als folgerichtig erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachvollziehen oder – mit guten Gründen – ablehnen; ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter. 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die von innen kommt, das heißt, sich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken oder Zweideutigkeiten im Auge hat. Daß man auch anderes sagen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht. 

Winston Churchill sagte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl; Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß es ohne eigene Anstrengung auch keine Erfüllung geben kann.

0.1. "Methode"

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten Deiner Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“ (Georg Picht).

 

Ich glaube zwar nicht (an) die eine Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „die bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist, aber es gibt unsere subjektive Vernunft, die auf den Erfahrungen unseres Lebens basiert, und über einen höheren Maßstab verfügen wir nicht.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch in Silicon Valley.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – etwa durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken; es gibt nach der Aufklärung – über die Aufklärung – keine Ausrede mehr. Wir sind „verdammt zur Freiheit“ (Jean-Paul Sartre), denn auch denken, glauben oder wissen zu lassen, ist gegebenenfalls unsere freie Entscheidung.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen; aber Vorstellungen von einem Bereich, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit als ebenso willkürlich oder beliebig wie fruchtlos.

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

 

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns um ihre Aufhellung bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Dreifaltigkeit“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, kann für sich persönlich zweifellos Recht haben, dies aber nicht auf andere übertragen; ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Rätseln als auch von Geheimlehren. Letztere bilden unnötige Märchen für Erwachsene und werden nur erzählt, aber nicht erfahren – und vielleicht trotzdem naiv geglaubt. Geheimnisse werden dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender oder eben geheimnisvoller, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse; dafür sind die exakten Wissenschaften  zu primitiv.

Die Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offenbarer sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu bewahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

0.2. Von der objektiven "Welt" zu subjektiven Welten

Ich schreibe dieses Online-Buch, weil dahinter eine Hoffnung steht, die mir heute von kaum zu überschätzender Bedeutung zu sein scheint:

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik usw. Wäre das überhaupt alles möglich, wenn die eine wirkliche „Welt“ mit ihrer Wahrheit existieren würde? Müßten sich dann nicht sehr viele dieser schwerlich miteinander zu vereinbarenden Überzeugungen von selbst ad absurdum führen – einfach weil sie mit der wirklichen „Welt“ kollidieren?

Mit anderen Worten: Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer solchen wirklichen „Welt“ zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen, die unmöglich adäquate Bilder von der – natürlich: unsrigen – „Welt“ sein können.

Dahinter steckt selbstredend der Fortschrittsmythos als die große moderne „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die – wie könnte es auch anders sein – natürlich geradewegs zu uns als der absoluten Krone der Schöpfung – pardon: Evolution – führt und die wir deshalb nur allzugerne glauben.

 

Ich bin dagegen fest überzeugt, daß auch unsere angeblich objektive „Welt“ nur eine subjektive Welt darstellt – neben all den anderen Welten der Geschichte und Kulturen. Jede von ihnen hat ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie alle gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befindet sich die eine wahre „Welt“ darunter.

Mit unserem Verzicht auf die eine „Welt“ stehen wir in der Nachfolge beispielsweise von George Berkeley, Arthur Schopenhauer, Ernst Mach oder Johannes Volkelt, folgen aber nicht ihnen, sondern der „Philosophie der symbolischen Formen“ von Ernst Cassirer.

 

Zu unseren Anführungsstrichen:

Wir benötigen viele Worte, die zwei mitunter sehr unterschiedliche Begriffe bezeichnen; einen traditionellen und den von uns zu entwickelnden Begriff. Bei ersterem  benutzen wir dann jeweils Anführungsstriche wie soeben bei der „Welt“ im Gegensatz zur Welt; Großbuchstaben – WELT – fassen beide Begriffe zusammen.

 

„Das scheint ja ziemlich mystisch zu werden bei Ihnen; wenn es keine objektiv-realeWelt‘ geben soll, wüßte ich gerne, wo wir – angeblich – leben.“

Es wird überhaupt nicht mystisch, sondern stringenter als der Glaube an viele der „wissenschaftlichen Selbstverständlichkeiten“:

Ihr Einwand wirkt auf den ersten Blick wie ein Totschlag-Argument – aber nur, weil Sie unausgesprochen ein Voraussetzung nutzen, die alles andere als selbstverständlich ist.

 

Unser Körper bewegt sich in der WELT; dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob wir sie als die eine traditionelle „Welt“ denken oder als unsere subjektive Welt.

Wir – Sie und ich beispielsweise sind per definitionem Subjektivitäten; was das ist, wird erst nach und nach im Verlaufe unserer Überlegungen deutlich werden; an dieser Stelle genügt es zu wissen, daß meines Erachtens bzw. in dem von mir vorgeschlagenen Ansatz zu jeder Subjektivität ihre Welt gehört.  

Wo wir leben, ist noch völlig offen; lediglich die subjektive Welt scheidet aus, denn es wäre ein Widerspruch, der stark an den Baron Münchhausen erinnert, soll die Subjektivität in einer Welt leben, die es ohne sie gar nicht gäbe.

 

Damit können wir Ihre versteckte Voraussetzung formulieren:

Sie besteht darin, daß die Subjektivitäten – von in diesem Zusammenhang irrelevanten Seelen, Psychen oder ähnlichem einmal abgesehen – jeweils mit ihrem Körper identisch sind.

Wäre das so, hätten Sie zum einen tatsächlich Recht. Wir haben gerade gesehen daß es widersprüchlich wäre, würden wir – Körper – annehmen, in einer subjektiven Welt zu leben, die es erst und nur durch uns gibt. Dann brauchten wir die objektive „Welt“ als Lebens-Raum oder Oikos der Körper.

Zum anderen wäre dann auch meine obige Formulierung falsch, „daß die Subjektivitäten jeweils mit ihrem Körper identisch sind“, denn worauf sollte sich dieses „ihrem“ beziehen, wenn die Subjektivitäten selbst die Körper sind? Sie haben dann keine Besitzer, die von ihrem Körper sprechen könnten. Roboter müssen auch „ich“ zu sich sagen; „mein Roboter“ wäre für sie völlig daneben.

 

Wir teilen diese Voraussetzung nicht, gehen davon aus, daß Subjektivitäten jeweils einen Körper haben und somit auch sinnvoll von dem ihrigen sprechen können.

Diese Körper gehören zur WELT und bewegen sich in ihr. Aber wenn wir nicht unser Körper sind, resultiert daraus absolut nichts hinsichtlich des Lebens-Raums oder Oikos der Subjektivitäten.

 

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjektivitäten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als alle Differenzen, so daß sich letztere als lediglich medial bedingt – das heißt als kultur-, zeit-, sprach-, religions-, umwelt-, gender- oder mentalitätsbedingt erweisen und folglich überwunden werden können.

Diese allen Subjektivitäten gemeinsame Wirklichkeit – wenn es sie denn gibt – wäre also insbesondere nicht unsere exakt-wissenschaftliche „Welt“ oder der physikalische Kosmos, sondern müßte sich notwendigerweise von ausnahmslos allen Welten unterscheiden.

 

Damit können wir bereits einen wichtigen Grundgedanken unseres Ansatzes formulieren:

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjektivitäten verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, aber – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der „Welt“. Aber nur wenn wir den Glauben an letztere aufgeben, besteht die Möglichkeit, eine alle Subjektivitäten tragende Wirklichkeit zu erkennen.

0.3. Die Wirklichkeit ist keine Eigenschaft

Unsere Überschrift soll an Kant erinnern. Er war nicht der erste Denker, der diese mit der Wirklichkeit verbundene Problematik deutlich gesehen hat; aber Kant war auch bereit, die folgenreichen Konsequenzen daraus zu akzeptieren, daß die Wirklichkeit keine Eigenschaft bildet.

 

Krokodile und Drachen haben einen Schwanz; er gehört zu ihren Eigenschaften.

Krokodile gibt es, Drachen nicht; auch das versteht die vorkantische Tradition weitestgehend als Eigenschaft der Krokodile bzw. Drachen.

Beide besitzen somit zwei Eigenschaften; Krokodile – Schwanz und Wirklichkeit sowie Drachen – Schwanz und Nicht-Wirklichkeit.

Hiergegen wendet sich Kant; Wirklichkeit und Nicht-Wirklichkeit können keine Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen sein, denn sie haben mit ihnen überhaupt nichts zu tun.

 

Was verbindet die Tatsache, daß es Löwen gibt, mit den Löwen?

Nichts, denn wir müssen ihre Eigenschaften im Vorhinein kennen, um auf deren Grundlage entscheiden zu können, ob Löwen existieren.

 

Sind 100 Taler, die ich nicht besitze, etwas anderes als 100 Taler, die ich habe?

Wenn wir wirklich von den Talern reden – und nicht von mir – besteht kein Unterschied.

 

Damit entfällt auch die sehr weit verbreitete naive Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Wirklichkeit noch eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser „vollkommene“ Gott, der nicht existiert; letzterer kann somit auch nicht vollkommen sein. Definieren wir Gott „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“, muß seine Existenz also zu ihm gehören, so daß dieser Gott wirklich ist.

 

Das Wort „Wirklichkeit“ läßt sich durch sehr viele andere Worte – mehr oder weniger gleichwertig – ersetzen; „Existenz“, „Vorhandensein“, „Es-gibt“ oder „Sein“ beispielsweise. Aber damit erklären wir die Wirklichkeit nicht, denn das ist unmöglich – und darum ging es Kant –, sondern wiederholen sie lediglich. Die Wirklichkeit läßt sich nicht verstehen, weil sie keine Eigenschaft darstellt; es existiert kein Begriff (der) Wirklichkeit.

 

„Lassen Sie Ihren Kant doch einfach weg; dann verstehen wir sehr wohl, was Wirklichkeit bedeutet:

Träume ich von Wasser oder stelle es mir vor, dann ist das Wasser unwirklich; sonst könnten Menschen in der Wüste nicht verdursten; Vorstellen geht ja wohl immer.

Wirkliches Wasser ist dagegen solches, das man tatsächlich trinken kann.“

 

Nein; das ist falsch; es gibt weder wirkliches noch unwirkliches Wasser. Genau das ist ja der traditionelle Irrtum, der die Wirklichkeit zu einer Eigenschaft – in diesem Fall eben des Wassers – macht; die richtige Alternative lautet anders:

Entweder: Das Wasser ist wirklich; es existiert, ist präsent oder vorhanden.

Oder: Das – gleiche – Wasser ist unwirklich;  es existiert nicht, ist absent oder nicht vorhanden.

Wasser ist immer Wasser, das man trinken kann; und deshalb sind der Traum oder die Vorstellung (vom) Wasser ein Traum bzw. eine Vorstellung – aber kein Wasser. Ein Bild vom Auto ist auch kein Auto, sondern nur ein Bild.

 

„Ich gebe nach – ein wenig:

Ihre Alternative ist richtig; die Wirklichkeit ist kein Begriff und damit insbesondere auch keine Eigenschaft. Wenn aber das Wort „Wirklichkeit“ tatsächlich so nichtssagend wäre, müßte dies doch auch „Unwirklichkeit“ gelten, so daß Ihre Alternative „entweder wirklich oder unwirklich“ ebenfalls unverständlich sein sollte.

Ich habe also verstanden, was man gar nicht verstehen können dürfte.“

 

Das war gut von Ihnen!

Wir verstehen tatsächlich nicht, was Wirklichkeit, Existenz, Sein, Vorhandenheit usw. bedeuten sollen. Weil das keine Begriffe sind, kommen sie in unserem Weltbild nicht vor, und wir stehen folglich vor der Wirklichkeit, wie „die Kuh vorm Tor“.

Aber wenn das Tor plötzlich weg ist, fällt es uns auf; wir erkennen zwar weder die Wirklichkeit noch die Unwirklichkeit, sehr wohl aber den Unterschied zwischen beiden.

Die Vorhandenheit von Wasser bleibt ein Rätsel; „warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?“ (Leibniz). Ist das Wasser nicht vorhanden, dann verstehen wir das natürlich ebenfalls nicht; die gegenteilige Annahme wäre widersprüchlich. Aber die Differenz zwischen diesen beiden Zuständen, nämlich daß wir nichts zum Trinken, Waschen und Kochen haben, spielt innerhalb unserer Welt und ist dadurch sehr wohl verständlich.

0.3.1. Wirklichkeit der Erfahrungen

Im vorigen Abschnitt haben wir gefragt, was Wirklichkeit bedeutet – und keine Antwort gefunden. Nun ändern wir unsere Stoßrichtung; vielleicht auf den ersten Blick nur unmerklich, aber im Endeffekt ganz wesentlich:

Uns interessiert jetzt nicht mehr, was die Wirklichkeit ist, sondern ob eine bestimmte Entität X – Osterhasen, Yetis, Ufos, Elfen oder Trolle beispielsweise – wirklich sind. Gibt es oder existiert X?

Wenn „ja“, kommt X Wirklichkeit zu.  

 

„Jetzt bin ich gespannt, wie das hier weitergeht. Wir entscheiden, ob einem x-beliebigen X Wirklichkeit zukommt, ohne zu wissen, worin diese besteht.

Sie haben das Wort.“

 

Wir können nur über das nachdenken oder sprechen, was uns momentan gegeben ist. Stattdessen könnte ich auch sagen, daß uns das, worüber wir nachdenken bzw. sprechen durch eben dieses Tun natürlich aktual gegeben sein muß.

Alles in diesem Sinne Gegebene sind per definitionem unsere Erlebungen.

Ich hatte mich also soeben nicht ganz sauber ausgedrückt; wir fragen nicht nach der Wirklichkeit von Osterhasen, Yetis, Ufos, Elfen oder Trollen an sich, sondern immer nur nach derjenigen unserer entsprechenden Erlebungen. Die traditionelle Frage, ob Higgs-Teilchen wirklich sind, wird also zu der abgeänderten, ob unsere Higgs-Teichen-Erlebungen wirklich sind.

Das ist ungewohnt, aber zwingend: Dasjenige, dessen Wirklichkeit uns interessiert, müssen Erlebungen sein. Andernfalls wüßten wir doch gar nicht, wovon die Rede ist; und die Rede kann nur von Erlebungen sein.

 

Wir teilen sie in Erfahrungen sowie Nach-Denkungen ein, wobei sich das zugehörige Unterscheidungskriterium förmlich aufdrängt:

Erfahrungen sind diejenigen Erlebungen, die wir bei bestem Wissen und Gewissen nicht zu bestreiten vermögen; Erfahrungen sind zwingend und bringen ihren Wirklichkeits-Nachweis praktisch gleich mit. Wir können also, womit Sie offensichtlich nicht gerechnet hatten, von den Erfahrungen sagen, daß sie wirklich sind, – ohne zu verstehen, was wir dabei sagen

 

„Mit einer solchen Lösung hatte ich in der Tat nicht gerechnet . . .; damit ist auch klar, wie es weitergeht:

Liegt die Wirklichkeit der Erlebungen nicht von vornherein fest, so sprechen wir von Nach-Denkungen; auch sie können natürlich wirklich sein, müssen es aber nicht.“

Nicht ganz; teilweise muß ich Sie korrigieren.

 

Das Meser eines Gangsters am Halse zu spüren, kann eine Erfahrung und damit wirklich sein.

Das ist gegenwärtig zum Glück nicht der Fall; es handelt sich also aktual lediglich um eine Nach-Denkung von mir; eine andere besteht in der Fee, die mir drei Wünsche erfüllen möchte. Möglich sind – offensichtlich – beide Nach-Denkungen, aber jene scheint mir wirklichkeitsnah und diese wirklichkeitsfern zu sein.

Anders formuliert: Bei der Messer-Nach-Denkung schließe ich nicht aus, daß sie für mich irgendwann zu einer Erfahrung werden könnte, während ich dies bei der Feen-Nach-Denkung leider für absurd halten muß.

Damit ergibt sich eine Dreiteilung unserer Erlebungen:

 

 

Erlebungen                                           
(wirkliche) Erfahrungen Nach-Denkungen  
unbestreitbar wirklich nicht unbestreitbar wirklich  
= wirklich = unwirklich  
  mögliche Erfahrungen unmögliche Erfahrungen  
  wirklichkeitsnah wirklichkeitsfern  
mein Laptop Feldhasen und Zeppeline Osterhasen und Ufos  als Erlebungen!

 

Abbildung 0.3.1.

 

Hieran wird nochmals sehr schön deutlich, daß wir nicht wie die Tradition von Objekten handeln – von Sonne, Mond und Sterne beispielsweise. Wie sollten wir dann – ganz im Sinne Ihrer Spitze oben – die Frage nach der Wirklichkeit beantworten können, ohne zu wissen, was das ist?

Unsere Erfahrungen lösen dieses Problem, weil in ihnen das Gegebene mit der Wirklichkeit zusammenfällt

Wie wir die Nach-Denkungen einordnen, liegt freilich bei uns und stellt somit eine subjektive Entscheidung dar. Ich persönlich bin überzeugt, daß Feldhasen und Zeppeline mögliche, Osterhasen sowie Ufos dagegen unmögliche Erfahrungen bilden.

 

„Sie bestreiten also, daß die Objekte unserer Nach-Denkungen tatsächlich entweder existieren(T) oder nicht-existieren(T), und gehen stattdessen davon aus, daß wir lediglich eine dieser beiden Möglichkeiten glauben.

Den Menschen in der Mongolei war vor 1000 Jahren vielleicht völlig klar, daß Drachen existieren, aber keine Krokodile. Dann haben sie es nicht falsch gesehen, sondern anders als wir?“

Natürlich; existierende(T) Objekte gibt es nur im traditionellen Denken.

Als die Menschen im MIttelalter überzeugt waren, die Erde sei eine Scheibe, haben sie erfolgreich die dazu passenden Navigationstechniken entwickelt, um weite Schiffsreisen bewältigen zu können. Sie haben es nicht falsch, sondern anders gesehen und sich entsprechend ihrer Welt verhalten – genau wie wir es tun.

 

Damit wird auch unmittelbar verständlich, daß Überzeugungen nichts mit Wahrheit zu tun haben, wie oben bereits angedeutet. Wir können ganz locker und ehrlich sagen: „So sehe ich das“, weil wir es wirklich so sehen und sehen wollen, denn wir haben uns selbst entschieden, dieses zu glauben und jenes nicht.

Das verbissen-unerleuchtete Behaupten, die Wahrheit zu besitzen, weil „es sich wirklich so verhält“ und „die eigene Welt nicht subjektiv-gewählt ist, sondern mit der objektiv-realen ‚Welt‘ zusammenfällt“, bleibt uns erspart. Unser Weltbild ist keine Abbildung einer objektiven „Welt“, sondern die subjektive Welt stellt lediglich eine Projektion dar.

 

Erfahre ich das Messer des Gangsters am eigenen Hals, so ist das unmittelbar wirklich; genau das zeichnet ja die Erfahrungen vor den Nach-Denkungen aus. Mein drastisches Beispiel sollte das nur sehr deutlich zum Ausdruck bringen.

Ich glaube, daß es soetwas gibt und folglich auch mir passieren kann; deswegen ist diese Nach-Denkung zwar eine mögliche Erfahrung – aber dennoch meilenweit von der wirklichen entfernt.

Es war also zwar richtig, wenn wir oben geschrieben haben, die Erfahrungen brächten ihren Wirklichkeits-Nachweis selbst mit, ist aber letztlich irreführend:

Die Erfahrungen sind die einzigen wirklichen Erlebungen.

Das können wir sagen, ohne mit Kant zu wissen, was Wirklichkeit bedeutet.

0.3.2. Welt und Weltbild

Nun kann ich auch angeben, was mir an Ihrer obigen Formulierung nicht gefallen hat; Sie hatten ausgeführt:

„. . . Liegt die Wirklichkeit der Erlebungen nicht von vornherein fest, so sprechen wir von Nach-Denkungen; auch sie können natürlich wirklich sein, müssen es aber nicht.“

Das ändern wir nun entscheidend ab:

Liegt die Wirklichkeit der Erlebungen nicht von vornherein fest, so sprechen wir von Nach-Denkungen – und diese sind immer unwirklich.

 

„Also besteht doch kein Unterschied zwischen Feld- und Osterhasen?“

Ich verstehe Ihre Frage nicht richtig, weil Sie – wie die Tradition – von Objekten sprechen; die wirklichen(T) bilden ihr zufolge die „Welt“ und die unwirklichen(T) stellen lediglich Phantasieprodukte dar. Dann sind die Erfahrungen notwendigerweise solche von der „Welt“, während sich die Nach-Denkungen sowohl auf sie als auch auf die Phantasieprodukte beziehen – und somit ebenfalls wirklich sein – können.

 

Für uns gibt es dagegen keine traditionelle Wirklichkeit(T) und damit auch weder Objekte noch deren „Welt“.

Die subjektive Welt besteht vielmehr in der Gesamtheit unserer wirklichen sowie möglichen Erfahrungen. Damit sind erstere also keine von der Welt – sie bilden letztere nicht nur ab –, sondern stellen selbst einen integralen Teil der Welt dar, nämlich den aktual verwirklichten

Und als aktual verwirklichte Möglichkeiten sind die Erfahrungen das einzige Wirkliche – im Welt-Meer des unseres Erachtens Möglichen. Die Welt ist somit nicht wirklich, sondern wird dies erst in unseren oder durch unsere Erfahrungen.

 

„Das würde bedeuten, daß es keine Erfahrungen der oder auch von der Welt gibt, sondern ausschließlich die Welt als Erfahrung.“

Sehr richtig; rein sprachlich stehe ich das wohl nicht durch, aber auch wenn ich etwas Gegenteiliges formuliere – wegen der Stilistik oder meiner Vergeßlichkeit –, ist es stets so gemeint.

Bei den Nach-Denkungen gilt diese Einschränkung natürlich nicht; sie können sehr wohl solche von der Welt sein; beispielsweise wenn wir jetzt über den Eiffelturm sprechen.

 

Analog zur Welt definieren wir das Weltbild als die Gesamtheit aller Nach-Denkungen, sowohl der möglichen als auch der unmöglichen Erfahrungen.

Damit wird das Weltbild – in Übereinstimmung mit der Tradition – zum unwirklichen Wissen von der Welt.

Entgegen der Tradition – ich wiederhole mich absichtlich – ist aber auch die Welt nur innerhalb unserer Erfahrungen wirklich. Was das bedeuten könnte, läßt sich schon ein wenig erahnen:

Erlebungen sind notwendigerweise an unser Leben gebunden, so daß ohne letzteres insbesondere keine Erfahrungen existieren. Können wir die unerklärliche Wirklichkeit mit dem Leben identifizieren, ist es selbstverständlich, daß die Welt – nur – in den Erfahrungen unseres Lebens wirklich wird.

 

„Aber die Nach-Denkungen gehören ebenso zu unserem Leben; weshalb soll dessen Wirklichkeit dann nicht auch in ihnen durchschlagen?“

Das entspricht unserem Unterscheidungskriterium; die Wirklichkeit des Lebens kann, muß sich aber nicht in den Erlebungen durchsetzen; tut sie es, sprechen wir von Erfahrungen; andernfalls von Nach-Denkungen.

(Daß sich das Leben nicht in allen Erlebungen zeigen muß, können wir uns an extremen Nach-Denkungen wie der quantenmechanischen Viele-Welten-Theorie verdeutlichen. Hier ist es sogar ausgeschlossen, weil sich uns das Leben nicht zugleich in mehreren Welten zeigen kann.) 

 

Im vorigen Abschnitt hatten wir eingesehen, daß mit der Wirklichkeit zwar auch die  Nicht-Wirklichkeit unverstanden bleiben muß, wir aber dennoch die Differenz beider in unserer Welt erfahren.

Ersetzen wir im Sinne unserer Intention die Wirklichkeit durch das Leben, so ergibt sich:

Wir verstehen weder das Leben noch das Nicht-Leben, erfahren aber die Differenz beider in unserer Welt

0.3.3. Glauben und Wissen

Hinter den Nach-Denkungen stehen niemals Objekte; bei den Phantasieprodukten hat das natürlich die Tradition ebenfalls so gesehen. Da bei Ihnen die Welt jedoch nichts anderes darstellt, als die – objektlose – Gesamtheit der möglichen Erfahrungen, muß es auch für alle anderen Nach-Denkungen gelten.

Immer stehen wir somit vor der Frage, ob wir unsere Nach-Denkungen für wirklichkeitsnah oder -fern halten, das heitß, für erfahrbar oder nicht. Das ist jedoch lediglich eine Frage des bloßen Meinens bzw. Für-wahr-Haltens.

Bedeutet dies, daß bei Ihnen der Unterschied zwischen Glauben und Wissen völlig entfällt?

Daß es Feldhasen gibt, glauben oder wissen Sie; die beiden Formulierungen sind völlig gleichwertig. Und bei Ihrer Ablehnung der Osterhasen verhält es sich völlig analog.“

Das Wort „Glauben“ besitzt zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen, die absolut nichts miteinander zu tun haben, so daß ich letztlich zwei getrennte Fragen beantworten muß.

 

Zunächst „nein“; zwischen Glauben und Wissen besteht ein unüberbrückbarer Gegensatz

Jetzt geht es um den Glauben in einem religiösen oder transzendenten Sinne, von dem bisher noch gar nicht die Rede war.

Unsere subjektive Welt ist die eigene Konstruktion oder Projektion; wer darin Gott sucht, macht also auch ihn zu einer bloßen Konstruktion bzw. Projektion, das heißt, zu einem Götzen.

Um es möglichst deutlich auszudrücken: Es geht absolut nicht um den Namen; ob „Baal“ oder „JHWH“ ist völlig belanglos; Fragen nach dem „richtigen“ Namen sollten wir schon lange nicht mehr stellen. Entscheidend ist allein der „Ort“ Gottes; jeder „Gott“, der unserem Weltbild angehört, ist ein Götze und kein Gott.

Letzterer kann sich nicht auch, sondern nur außerhalb unseres Weltbilds befinden. Traditionell sollen wir uns kein Bild von Gott machen; ich bin dagegen überzeugt, daß wir es nicht können. Sämtliche Bilder – und dazu gehören natürlich auch die Begriffe – entstammen unserem Weltbild und sind damit Bilder von Götzen, wenn sie solche von Gott sein sollen.

 

Nun zum „ja“; es gibt keinen wesentlichen Unterschied – innerhalb unseres Weltbilds.

Worin sollte er denn auch bestehen können? Ohne die traditionelle objektiv-reale „Welt“ kann unsere subjektive Welt weder wahr noch unwahr sein; es fehlt der Maßstab. Qualitativ wird der Unterschied zwischen Glauben und Wisen innerhalb unseres Weltbilds hinfällig.

Natürlich könnte man ihn quantitativ beibehalten; Glauben entspräche dann einer geringeren und Wissen einer stärkeren Überzeugung. Aber der Einfachheit und Deutlichkeit halber verzichten wir auf derartige Gewißheitsgrade, so daß Glauben und Wissen innerhalb des Weltbilds für uns synonym werden; Physiker glauben oder wissen ihre Begriffe ebenso wie Theologen die ihrigen.

Nur so wird eine Einheit der Wissenschaften möglich. Die Geisteswissenschaftler sollen nicht messen, sich aber um eine möglichst exakte Sprache bemühen – auch um als gleichwertiger Gesprächspartner ernstgenommen werden zu können –, und ich kenne kein vernünftiges Argument, das dagegensprechen könnte. 

 

„Ich schon.

Nach christlichem Verständnis ist Gott dreifaltig – und da haben Sie schon das Dilemma:

Einerseits kann der wahre Gott prinzipiell in keinem Weltbild vorkommen; insoweit sind wir uns einig.

Andererseits können wir jedoch nur im Weltbild etwas erklären; auch das gebe ich zu.

Aber wie wollen Sie diese beiden Seiten zusammenbekommen? Es geht doch nur, indem man die Trinität mit Hilfe des Weltbilds klarstellt und dieses Ergebnis dann auf den außerhalb befindlichen Gott – ‚analog‘, wie die Tradition sagt, und damit – näherungsweise überträgt.

‚Es ist so, aber mehr noch ganz anders.'“

 

Miir schwebt eine ganz andere Lösung derartiger Probleme vor.

Natürlich können wir nur auf der Grundlage unseres Weltbilds erklären; das tun wir jetzt in Gedanken für den Begriff der Dreifaltigkeit. Aber nicht nur für ihn, sondern wir müssen auch mindestens noch verstehen, was ein ein-, zwei- und vierfaltiger „Gott“ im Weltbild wäre. Denn mit der Annahme seiner Dreifaltigkeit, meinen wir doch, daß er dies alles nicht ist.

Wir verstehen die Aussage p aber höchstens in dem Maße, wie uns auch non-p klar ist. Wer nicht weiß, was „groß“ bedeutet, kann auch „klein“ nicht verstehen.

 

Nun versuchen wir, unsere vier Erklärungen auf den wahren Gott zu übertragen.

Dabei stelt sich vielleicht heraus, daß dies nur bei der Dreifaltigkeit möglich ist – beispielsweise weil es anders kein Leben geben könnte –; dann hätten wir etwas erreicht; Gott muß dreifaltig sein, denn anders geht es gar nicht

Gelingt das Übertragen jedoch auch bei anderen Faltigkeiten, müßten sich daraus unterschiedliche Konsequenzen innerhalb unserer Welt ergeben. Das heißt, die Art der Faltigkeit muß auf unsere Erfahrungen durchschlagen; andernfalls stellt die Dreifaltigkeit „einen Unterschied dar, der keinen Unterschied macht“ (Gregory Bateson).

Können wir, leichter formuliert, nicht sagen, was bei einem ein-, zwei- oder vierfaltigen Gott anders wäre, ist seine Dreifaltigkeit ein leeres Wort – und damit irrelevant. Warum sollen wir denn glauben, Gott sei dreifaltig, wenn der Wechsel zu einem andersfaltigen gar nicht bemerkbar ist?

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; ich sage damit absolut nichts gegen die Dreifaltigkeit Gottes – im Gegenteil –, sondern nur gegen das gedankenlose Wiederholen leerer Worthülsen, worin wohl stets eine „Glaubens“-Gefahr besteht. 

Es macht auch nicht den geringsten Sinn, den Unterschied der Faltigkeiten mittels frommer Geschichten zu erklären. „Vater, Sohn und Geist sind drei Personen eines Wesens, aber ein Vierter existiert nicht“ wäre so eine Kurzgeschichte; dergleichen geht immer, weil es völlig willkürlich ist.

Wieso existiert kein Vierter? Leonardo Boff wollte eventuell Maria hinzufügen; daß das „nicht geht“, ist eine total uninteressante Meinung; natürlich kann jeder meinen, was er will.

Weshalb geht das nicht? Und die Antwort auf diese Frage muß einen Sitz, das heißt, eine Auswirkung in unserem normalen Leben finden. Fehlt das, wird die Kirche immer mehr zu einer Parallelgesellschaft oder Sekte, zum „heiligen Rest“, der sich selbst feiern – aber nicht mehr mitteilen kann.

0.3.4. Erfahren setzt Anerkennen voraus

„Das ist ja nobelpreisverdächtig; wenn ich gegen den Teufel bin, ihn ablehne oder nicht daran glaube, existiert er für mich nicht! Damit lösen Sie schlagartig alle Weltprobleme auf einmal; wenn wir nicht daran glauben, gibt es beispielsweise auch keinen Klimawandel. Sie sollten als Berater zu Donald Trump gehen!

Akzeptieren Sie eigentlich Ihre Sterblichkeit? Oder lieber doch nicht?“

Das war ein wenig zu spitz; ich nehme nichts zurück!

 

Kommt mir morgen beim Spaziergang ein Hase entgegen mit einem angemalten Ei unter der linken Vorderpfote und noch den Pinsel in der rechten, bleibt mir wohl der Mund offen: „Und ich war mir 100%-ig sicher, daß es keine Osterhasen gibt . . .“

Aber ich weiß immerhin, wem ich begegne, weil es in meinem Weltbild Osterhasen gibt; nur an sie geglaubt hatte ich bisher nicht. Nach diesem schlagenden Beweis ändere ich natürlich meine Überzeugung, und ab sofort gehören die Osterhasen auch zu meiner subjektiven Welt, das heißt, ihre Erfahrung überrascht mich zukünftig nicht mehr.

Ich könnte freilich auch stur bleiben: Mir widerfahren ganz schlimme Dinge; ich ertrinke in den steigenden Weltmeeren und werde danach am Spieß gebraten. Aber wenn für mich weder Klimaerwärmung noch Teufel existieren, können sie unmöglich die Ursachen meines Leidens sein.

Ich bestreite also keineswegs die Möglichkeit von letzterem, sondern lege nur Wert auf die Selbstverständlichkeit, daß eine „Erklärung“, die ich ablehne oder nicht verstehe, für mich keine Erklärung sein kann. Eine Erklärung für mich muß eine Erklärung für mich sein, so daß auch nur ich selbst darüber urteilen kann, ob es eine war.

 

Vielleicht habe ich auf das falsche Pferd – sprich: die falschen Überzeugungen – gesetzt; das ist natürlich stets möglich.

Aber ich kann das nicht daran merken, daß der Teufel „wirklich kommt“. Was muß kommen, damit der Teufel kommt? Genügt der Pferdefuß, oder sind Widderhörner und Gestank ebenso wichtig?

Und den Lefuet kann ich gar nicht treffen, weil er nicht nur in meiner Welt, sondern auch in meinem Weltbild nicht vorkommt. Wenn aber Lefuet keine Nach-Denkung darstellt, kann auch die „Begegenung mit ihm“ nicht als Begegenung mit ihm erkannt werden – und dann ist sie es auch nicht

 

„Diese letzte Bemerkung halte ich für falsch. Sie sprechen beim Abendessen in München zufällig mit Thomas Müller, wissen aber nicht, daß er es ist, weil sie keinen Fußball mögen. Wollen Sie etwa bestreiten, trotzdem Thomas Müller begegnet zu sein?“  

Das will ich in der Tat!

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einer Ihnen unbekannten Gegend spazieren, und erfahren hinterher, daß es dort von Skorpionen oder Vogelspinnen wimmelt; deswegen waren Sie so schön allein. Die nachträgliche Mitteilung verwandelt dieses Stück Ihrer Welt total; die landschaftliche Idylle wird zur schrecklichen Todeszone, die Sie niemals freiwillig aufsuchen würden.

Traditionell besteht eine Einbahnstraße; es ist schon immer eine Todeszone, aber ihnen fehlte diese Information; zum Glück ging alles gut, und nun wissen Sie, wie es wirklich(T) ist.

Wir geben lediglich den Gegenverkehr frei:

Für Sie war es eine Idylle, und erst das nachfolgende Gespräch machte daraus eine Todeszone.

Vielleicht treffen Sie morgen den Oberförster beim Schmetterlinge Fangen, und er erzählt Ihnen, daß die Einheimischen keine Touristen mögen. „Das ist alles Unsinn mit den giftigen Tieren“, aber er ist auch nicht böse, daß es hier so idyllisch bleibt.  

Die letzten Interpretationen sind die – vorerst – letzten, und wir verzichten einfach darauf, aus ihnen die wirkliche „Welt“ zusammenzupuzzeln. Unsere subjektive Welt befindet sich im Entstehen und Vergehen, solange wir leben; und wer das weiß, hält sie natürlich auch nicht für wahr.

 

Nun zu Ihrem „Joker“, der Sterblichkeit; sie ist kein Joker.

Unser Glauben oder Nicht-Glauben im Sinne von Annehmen bzw. Ablehnen bezieht sich allein auf die Nach-Denkungen.

Die Sterblichkeit ist nichts dergleichen, sondern gehört zu unserem Leben. Das können wir weder glauben noch nicht-glauben, sondern ermöglicht beides erst. Allein in dem Maße, wie das Sterben in unser Weltbild hineinspielt, können wir die entsprechenden Nach-Denkungen annehmen bzw. ablehnen.

Beispielsweise glaube ich (an) die Nahtoderfahrungen, von denen seit Raymond Moodys Buch „Life after Life“ 1975 immer detaillierter berichtet wird. Dagegen lehne ich eine Fahrt über den Hades ebenso ab wie eine traditionelle Hölle oder unsterbliche Seele.

0.4. Wahrheit im Hier und Jetzt – subjektiv und situational

Das Verschwinden der einen „Welt“ bedeutet in unserem Ansatz keineswegs einen nihilistischen Relativismus. Wahrheit gibt es weiterhin, aber sie kann nicht – wie unsere Tradition das weitestgehend behauptet – objektiv und ewig, das heißt, unabhängig sowohl vom Menschen als auch von Raum und Zeit sein.

Daß die Wahrheit so beschaffen sein müsse, ergibt sich aus zwei Voraussetzungen, die traditionell kaum infrage gestellt werden.

 

Das betrifft zunächst die Subjekt-Objekt-Spaltung.

Sie ist durch und durch widersprüchlich, weil die Subjekte von den Körpern her verstanden werden, obwohl diese zu den Objekten zählen; hier stimmt nichts. Man kann den Körpern einen ehrfurchtseinflößenden Namen geben – „Subjekt“, „individuum“ und „Person“ beispielsweise – oder ihnen auch etwas hinzufügen – einen Geist, eine Psyche bzw. Seele etwa –, aber nichtsdestotrotz bleiben es simple Objekte, so daß letztlich  nur eine Objekt-Objekt-Spaltung vorliegt. 

.

Des weiteren haben diese angeblichen Subjekte die Aufgabe, die Objekte der „Welt“ – und damit konsequenterweise auch sich selbst –, adäquat zu repräsentieren, darzustellen, wiederzugeben oder abzubilden. In dem Maße, wie ihnen das gelingt, erkennen die Subjekte Wahrheit.

Wird letztere so aufgefaßt, handelt es sich um eine Wahrheit der Objekte, und es versteht sich von selbst, daß sie unabhängig davon sein muß, welches Subjekt wann und wo diese Wahrheit erkennt.

Es geht allein um die – Repräsentation der – Objekte, und nicht um das „Leben“ des Subjekts. Das ist der Tradition völlig einerlei, und sie degradiert ihre Subjekte zu bloßen Abbildungsknechten. Es geht nicht darum, einfach nur glücklich zu sein, sondern darum, entsprechend der Wahrheit der Objekte zu leben; wer das tut, wird auch das wahre Glück erkennen.

 

Geben wir sowohl diese angebliche Subjekt-Objekt-Spaltung als auch das traditionelle Wahrheitsverständnis – die adäquate Wiedergabe der Objekte – auf, so besteht auch nicht mehr der geringste Grund, die Wahrheit für absolut oder ewig unveränderlich zu halten.

Und darüber hinaus wäre es nicht mehr nötig, alles Wahre zu bloßen Objekten zu degradieren – denn nur sie lassen sich doch abbilden. 

0.4.1. Es ist nicht wahr, daß "1 + 1 = 2"

Wir streichen beide Voraussetzungen und suchen die Wahrheit somit nicht bei irgendwelchen Objekten – die uns möglicherweise weder etwas angehen noch interessieren –, sondern in unserem subjektiven Leben. Aus der Wahrheit der Objekte wird damit für uns eine solche des eigenen Lebens, denn allein darum kann es uns gehen.

Daß eine solche Wahrheit subjektiv und situativ sein muß, versteht sich von selbst.

 

Nochmals anders formuliert:

(1) Wäre Wahrheit im Sinne der Tradition – und damit auch der modernen Naturwissenschaften – etwas Theoretisch-Abstrakt-Anonymes, brauchte sie uns ebensowenig zu interessieren wie die Mathematik.

(2) Sie ist uns aber wichtig, weil wir spüren, daß sie mit unserem Leben und dessen Sinn zusammenhängt.

Die Tradition sieht darin keinen Widerspruch, sondern die beiden Seiten der einen Medaille Glückseligkeit:

Das wahre Leben ist das Leben in der Wahrheit der Objekte, und allein dieses Leben wird uns wahrhaft glücklich machen.

 

Ich halte das für eine leere Behauptung und glaube nur den zweiten Punkt. Damit fehlt aber nicht jegliche Ausrichtung, sondern wir erhalten dadurch erst die Möglichkeit, das subjektive Gewissen ernstzunehmen. Es sagt mir unmittelbar, was ich zu tun habe, und achtet nicht nur darauf, daß ich mich an der Wahrheit der Objekte orientiere.

Das Gewissen ist Hilfe zum subjektiven Leben und kein erhobener Zeigefinger.

Nun gibt es aber keine Menschen oder Subjektivitäten an sich, sondern jeder einzelne von uns befindet sich stets in einer bestimmten Situation oder einem einmaligen Hier und Jetzt; niemals im „Vakuum“. Das bedeutet, daß wir die Wahrheit nur subjektiv und situativ denken können.

Hier habe ich dieses zu tun, dort jenes; das eine Mal muß ich A sagen, ein anderes Mal non-A; zu Ihnen spricht Ihr Gewissen teilweise völlig anders.

Dabei geht es nicht (nur) um Trivialitäten der Art, daß wir mitunter Hunger haben und eben machmal auch nicht; das ist natürlich auch der Tradition klar. 

 

Einsichtiger dürfte mein Anliegen jedoch schon bei der Frage werden, ob es wahr ist, daß „1 + 1 = 2“ gilt. Die Antwort lautet weder „ja“ noch „nein“, sondern hängt unter anderem auch davon ab, wer mich fragt:

Tun dies beispielsweise unsere Enkel im Kita-Alter, so stimme ich ihnen spontan zu; sie sollen doch wegen ihres Großvaters keine Schwierigkeiten in der Schule bekommen.

Zu Ihnen muß ich dagegen sagen, daß „1 + 1 = 2“ nicht wahr ist, sondern innerhalb der speziellen Peanoschen Algebra aus deren Axiomen abgeleitet werden kann. Aber es gibt noch viele andere Algebren; in derjenigen von George Boole beispielsweise läßt sich „1 + 1 = 1“ deduzieren.

Würde ich zu Ihnen sagen, daß „1 + 1 = 2“, könnten Sie zum einen mit Recht beleidigt sein, weil ich Sie wie unsere Enkelkinder behandle, und zum anderen wäre es eine Lüge.

Letztere besteht nicht, wie die Tradition meint, darin, die Unwahrheit zu sagen; das könnte doch nur, wer die Wahrheit kennt – und somit keiner von uns. Zu lügen bedeutet vielmehr, unwahrhaftig zu sein, das heißt, etwas anderes zu sagen als das, was wir selbst glauben oder wovon wir gar überzeugt sind.

Das kann – theoretisch – jeder; aber mehr als wahrhaftig zu sein, vermag niemand.

 

Die Algebren sind alle nicht wahr, sondern in den verschiedenen Situationen unseres Lebens mehr oder weniger nützlich. Ein guter Mathematiker kennt viele Mathematiken und besitzt ein Fingerspitzengefühl dafür, wann er welche von ihnen benutzen muß, um seine Probleme zu lösen. Die „Wahrheit“ der Mathematiken zeigt sich in ihrer Anwendbarkeit oder Nützlichkeit; ohne Boolsche Algebra hätten wir beispielsweise keine Digitalrechner.

Unsere exakten Naturwissenschaften können ebenfalls nicht nach der Wahrheit unseres Lebens fragen, denn sie sind im Kern – und mit Recht – alle empirisch ausgerichtet, das heißt, sie sollen durch das Experiment kontrollierbar sein. Das ist aber höchstens bei (einigen) Voraussagen hinsichtlich des Verhaltens von Objekten möglich.

Die „Wahrheit“ der exakten Naturwissenschaften besteht in der unbestreitbaren, großartigen und überaus hilfreichen Richtigkeit derartiger Voraussagen . . .

. . ., die aber nichtsdestotrotz nur sehr wenig mit der Wirklichkeit unseres Leben zu tun haben; ihr können Kunst und Belletristik viel näherkommen.

0.4.2. Wechsel des Standorts

In der angedeuteten – meines Erachtens selbstverständlichen – Korrektur des traditionellen Wahrheitsverständnisses kommt der Wechsel unseres Standorts zum Ausdruck, der vielleicht den Kernpunkt des gesamten Ansatzes bildet:

 

Die Tradition maßt sich einen Blick auf die gesamte objektiv-reale „Welt“ an; als würden wir nicht selbst hinzugehören und könnten von außen darauf schauen.

Diesen Standort nennt Thomas Nagel den „Blick von nirgendwo“. Er ist keine Erfindung der Moderne, sondern entstammt der griechischen Götterlehre. Dort war es der Nous, der das Ganze schaute, und aus ihm ist Pascals „Gott der Philosophen“ geworden. Ohne ihn gäbe es weder die „Welt“ – sie ist das vor ihm, aber eben auch nur vor ihm Ausgebreitetenoch unsere Naturwissenschaft, denn sie entspricht der Schau des Nous mit den Mitteln der Moderne.

Für uns kann die „Welt“ also nur insoweit existieren, wie wir Anteil am Nous haben; ohne einen heißen Draht zu ihm könnten wir seine Schau nicht nachvollziehen. Bei Meister Eckhart beispielsweise kommt diese Aufgabe dem „Seelenfünklein“ zu, und allgemein wurde die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in diesem Sinne bemüht.

 

Den Nous und seine Schau glauben wir zwar offiziell nicht mehr, aber die Tradition geht ungebrochen davon aus, diese Schau in der modernen oder als moderne Wissenschaft praktizieren zu können.

Jeder, der traditionell denkt, beansprucht für sich einen Zugang zum Nous; daß er das nicht weiß oder vehement bestreiten würde, ist dafür belanglos. Verzichtet er tatsächlich auf diese (un)heimliche Verbindung – muß er das traditionelle Denken aufgeben.

Jedes „Ich weiß die Wahrheit“ können wir durch ein „Ich bin (fast) der Nous“ ersetzen, und die moderne Wisenschaft ist „angewandte griechische Götterlehre“ (Georg Picht). Aufklärung würde bedeuten, das einzusehen – statt sich überheblich für intelligenter als die gläubigen Griechen der Antike zu halten.

 

Wir verzichten auf ein solches Sein-Wollen-wie-Gott und beschränken uns auf die dann allein verbleibende „subjektiv-menschliche Perspektive im Hier und Jetzt“ (Georg Picht).

Einfach erklärt bedeutet dies:

Der heutigen Physik zufolge leben wir angeblich in einer „raum“-„zeitlich“ praktisch unendlich ausgedehnten „Welt“; freilich nur an einer winzig kleinen Stelle davon.

Zunächst nehmen wir an, daß das stimmt. Dann können wir natürlich auch nur die winzig kleine Umgebung dieses Hier und Jetzt untersuchen.   

Damit stellt sich freilich die Frage, wieso das überhaupt stimmen soll. Woher weiß die Physik von ihrer „Welt“, wenn es – natürlich – keinen Nous gibt?

 

Dieser Wechsel vom Sein-Wollen-wie-Gott zum Anerkennen von Endlichkeit oder Kontingenz der eigenen Erfahrungen wird von den Traditionalisten häufig als Hybris, als Überheblichkeit gegenüber Gott, dargestellt; darüber kann ich mich nur wundern:

Es geht meines Erachtens in der Tat um Größenwahn sowie Allmachtsphantasien auf der einen Seite und Bescheidenheit oder Demut auf der anderen. Aber die Tradition scheint mir mitunter die beiden Seiten zu verwechseln.

0.4.3. Unbedingtheit – ohne Gleichmacherei

„Durch unseren Verzicht auf das Sein-Wollen-wie-Gott wird jedes Sprechen von einer angeblich absoluten oder ewig-objektiven Wahrheit hinfällig. Dann dürfte es aber automatisch auch keinen Relativismus mehr geben, denn dieser bildet doch nur die Kehrseite dieser angemaßten Absolutheit?“

 

Nein; das glaube ich nicht; auf eine solche Gedankenführung treffen wir zwar recht häufig, aber damit werden die wirklichen Verhältnisse meines Erachtens zu stark trivialisiert. 

Mein Ablehnen der absoluten Wahrheit führt des öfteren sinngemäß zu der Entgegnung „also kann sich jeder seine eigene Wahrheit zusammenbasteln“. Diese Schlußfolgerung ist jedoch sogar rein logisch falsch, denn der traditionelle Absolutheitsanspruch der Wahrheit besitzt zwei völlig verschiedene Seiten, die leider häufig vermengt werden.

 

Zum einen enthält er die Forderung der Unbedingtheit, der ich 100%-ig beipflichte.

Wir können uns überhaupt nichts zusammenbasteln; die Wahrheit hängt nicht von uns und unserem Leben ab, sondern umgekehrt sollten wir uns und unser Leben an der Wahrheit ausrichten. Letztere entsteht nicht durch uns, sondern existiert für uns; die Wahrheit ist uns vor- oder aufgegeben und nicht nachgeordnet; das ist der Sinn des Gewissens.

 

Zum anderen ist mit der absoluten Wahrheit fast immer die – von der Unbedingtheit soeben völlig unabhängige – Überzeugung verbunden, daß die Wahrheit für alle Subjektivitäten die gleiche ist.

Diese leere Behauptung macht die Wahrheit des Gewissens zur Wahrheit der Objekte; nur sie teile ich nicht.

 

Wir müssen – ohne Subjekt-Objekt-Spaltung – die Absolutheit der Wahrheit aufgeben.

Das führt jedoch keineswegs zum Relativismus, denn die Unbedingtheit der Wahrheit – unser erster Punkt soeben – wird davon überhaupt nicht berührt.

Aber ich vermag absolut nicht zu sehen, was die auch von mir betonte Unbedingtheit damit zu tun haben soll, daß die Wahrheit für alle Subjektivitäten die gleiche sein müsse. In einer frommen Sprache lautet dies „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“; Gott spricht uns nicht an mit „Hallo, ihr Menschen„.  

 

„Und ich vermag nicht zu sehen, weshalb ich mich überhaupt an einer mir vorgegebenen Wahrheit ausrichten soll? Wer verlangt denn das? Und mit welchem Recht?

Keiner verlangt etwas von uns, und niemand hätte das Recht dazu!

Die uns vorgegebene unbedingte Wahrheit weist uns meines Erachtens die Richtung zur Fülle des Lebens; folgen wir ihr, tun wir dies nur uns selbst zuliebe – um mehr zu leben.

Natürlich ist damit auch nochmals gesagt, daß wir den zweiten der beiden Punkte soeben aufgeben müssen: Soll die uns vorgegebene unbedingte Wahrheit zur Fülle des Lebens führen, kann sie nur bei jeder Subjektivität eine andere sein – wie dies auch für das Leben gilt.

 

Unsere Wahrheit ist zwar „nur“ subjektiv sowie situational, aber möglicherweise sehr eindeutig.

Ich muß hier und jetzt so handeln; das sagt mir mein subjektives Gewissen, weil alles andere Lüge, Feigheit, Bereicherung, Rechthaberei, Verrat, Anpassung, Rache, Duckmäusertum, . . .kriecherei oder noch Schlimmeres wäre. Das möchte ich alles nicht, und daraus ergibt sich meine subjektiv-situative Wahrheit.

Aber ich besitze mein Gewissen, und Sie haben das Ihrige.

0.4.4. Gewissen

„Sie canceln die traditionellen Objekte, und damit fehlt jeder Rahmen; das Fundament ebenso wie die Ausrichtung. Und als Ersatz – weil es ganz so doch nicht geht – führen Sie das Gewissen als subjektiven Fixpunkt ein . . .

Aber was soll das sein, ein ‚Gewissen‘?“

 

Meine Antwort wäre: die subjektive Transzendenz in der Immanenz.

Ich kann sie Ihnen an dieser Stelle aber noch nicht befriedigend erklären und deute deswegen nur Grundlagen an. Tausend Faktoren spielen in sie hinein; Erziehung, Freunde, Umfeld, Zeitgeist, Bildung, Religion . . . Daß sie existieren und möglicherweise auch zur Gewissensbildung beitragen, dürften wohl nur die wenigsten Menschen bestreiten wollen.

All das kann es jedoch nur geben, weil es irgendwann in der Vergangenheit einmal generiert oder geerstmaligt wurde, so daß wir es in der Gegenwart wiederholen können. Irgendwann wurden beispielsweise die Ideen des Natioanlstaates, der (Gewissens-)Freiheit oder Menschenrechte geboren; wir können sie wiederholen – oder vergessen.

Aber wir wiederholen (oder vergessen) nicht nur, sondern zur Gegenwart muß auch – wie zur Vergangenheit – die Möglichkeit des Erstmaligens gehören; nun für die Zukunft.

 

Das Ernstnehmen der Zeit und damit der Geschichte bedeutet also, daß wir ununterbrochen vor neuen – eben erstmaligen – Fragen stehen, die noch niemals zur Diskussion standen und auf die somit auch keine Antworten – zum Wiederholen – bereitliegen können.

Die Gegenwart bildet das Eingangstor zur Zukunft, und diese besteht in einer absoluten Offenheit. Wir haben keine Ahnung davon, was – adventisch – auf uns zukommt, so daß uns diesbezüglich das spektakulärste Weltbild und die tollsten Nach-Denkungen nichts nutzen. Das bereitet uns Angst, und davor verschließen wir lieber die Augen; wir haben unser Leben nicht im Griff, drücken uns aber zu gerne um diese Einsicht herum.

Das Gewissen ist eine Ausrichtung oder Orientierung, die über diejenige durch unsere Erlebungen hinausgeht. Es würde uns nicht erst dann, wenn wir mit unseren Nach-Denkungen am Ende sind, sondern bei jedem Umgang mit oder Einsatz von ihnen helfen.

 

Damit wollte ich auch Ihrer Schlußfolgerung begegnen, das Gewissen träte an die Stelle der traditionellen Objekte; das stimmt höchstens indirekt. Der Glaube an Objekte ist nur möglich, weil die Tradition die Zeitlichkeit – des Lebens – leugnet. Wir versuchen, letztere ernstzunehmen, und benötigen dazu ein „zeitliches Fundament“; das kann nicht in Objekten bestehen und führt uns zum Gewissen.

 

Unser Verzicht auf die Subjekt-Objekt-Spaltung entspricht, mit anderen Worten, dem Übergang von der Orthodoxie zum Leben. Es ist beispielsweise stets richtig, ein weinendes Kind zu trösten; die dem zugrundeliegende Motivationstheorie ist dagegen ebenso uninteressant wie dahinterstehende Grundsätze. 

Von Nächstenliebe können wir nur sprechen, wenn der Nächste um seiner selbst willen geliebt wird; weder weil Gott es geboten hat, noch um „in den Himmel zu kommen“; ersteres wäre Götzendienst und letzteres Heilsegoismus.

 

Dietrich Bonhoeffer drückt meine diesbezügliche Intention besser aus, als ich es vermag; deswegen ausnahmsweise einmal ein längeres Zitat:

„Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – als ob es Gott nicht gäbe. Und eben dies erkennen wir – vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis.

So führt uns unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigeren Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt! Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.

Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“

 

Zurück zum roten Faden:

Orthodoxie meint, daß bestimmte Sätze, Aussagen, Geschichten oder Dogmen als wahr geglaubt werden sollen, und Orthopraxie bedeutet analog, daß bestimmte Forderungen, Normen, Werte oder Gebote einzuhalten seien. Beides halte ich für unvereinbar mit der Freiheit als dem Ziel der Schöpfung; „der Glaube wird Euch freimachen“ und nicht in ein Prokrustesbett zwingen.

Der religiöse Glaube hat mit diesen beiden Orthos meins Erachtens lediglich in dem Sinne zu tun, daß er uns davon befreien will, damit wir mehr zu leben vermögen und uns möglichst viel von der Fülle des Lebens zuteil werden kann.

 

Das geschieht, wenn wir uns „in Resonanz“ (Hartmut Rosa) oder „im Flow“ (Mihály Csíkszentmihályi) mit dem Leben befinden; Mario Perniola spricht in diesem Zusammenhang vom „katholischen Fühlen“. In dem Maße, wie das der Fall ist, können wir sämtliche Weltbilder mit ihren theoretischen und praktischen Zwängen hinter uns lassen.

Damit vergessen wir Gott nicht; doch – in einem rein intellektuellen Sinne schon –, leben aber dafür mit, in und aus ihm.

0.5. Biologischer Zugang

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam aus dem Umkreis der Biologie von verschiedenen Seiten eine Idee auf, die uns sehr dabei helfen kann, eine mögliche Nicht-Existenz der „Welt“ zumindest einmal in Betracht zu ziehen und nicht von vornherein als unsinnig oder absurd abtun zu müssen. Ich meine die Begriffe des Merkens und Wirkens, wie wir sie etwa bei Jacob Johann von Uexküll, Arnold Gehlen, Hans Volkelt oder Viktor von Weizsäcker finden.

Eine Zecke beispielsweise merkt nur Wärme und Feuchtigkeit; das ist ihre Merk-Umwelt. Läuft eine Katze an der Zecke vorbei, sieht sie diese natürlich nicht, denn in ihrer Merk-Umwelt kommt dergleichen nicht vor. Die Zecke merkt nur, daß es etwas wärmer und feuchter wird, so daß sie sich fallen läßt. Diese – häufig wohl erfolglose – Reaktion bildet die gesamte Wirk-Umwelt, und der Funtions- oder Gestaltkreis verbindet diese beiden Umwelten:

Das Merken führt zum Wirken; dann wartet die Zecke, bis sie wieder etwas merkt, und das genügt offensichtlich zum Überleben – sonst gäbe es keine Zecken.

Eine Spinne merkt die Vibrationen ihres Netzes und wirkt darauf, indem sie gegebenenfalls die verursachende Fliege frißt. Sieht sie die gleiche Fliege jedoch in einer anderen Situation, greift die Spinne nicht an, sondern reißt vor der Fliege aus.

 

Lesen wir dergleichen ein erstes Mal, so überrascht es uns wahrscheinlich kaum; daß Zecken und Fliegen nur ein sehr eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen besitzen, war zu erwarten. Wir sind hingegen überzeugt, die gesamte „Welt“ sehen und daher auch die Nischen der Zecken oder Spinnen verstehen zu können.

Aber woher wollen wir das denn wissen?

 

Hasso bewegt sich scheinbar wie selbstverständlich in unserer „Welt“, als würde sie für ihn existieren; aber das tut sie natürlich nicht.

Oswald Schwemmer beschreibt das sehr schön in seiner „Kulturellen Existenz des Menschen“. Das Zitat ist wieder recht ausführlich; zum einen weil ich das Gemeinte nicht besser ausdrücken kann, und zum anderen dient mir Oswald Schwemmer als „Kronzeuge“.

„Natürlich erinnert sich unser Hund an uns, auch wenn wir lange weggeblieben sind. Und in diesem Sinne identifiziert er uns auch. Aber diese Identität ist keine Gegenstandsidentität. Wie Beobachtungen und Versuche zeigen, bleibt dieses Wiedererkennen eingebunden in die Wahrnehmungs- und Handlungssituationen, in die der Hund gerät.

Der Garten, den er täglich durchstreift, wird sich für ihn nie in einem Überblick seiner Wege zeigen. Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf und erlauben ihm nie, sie zu überblicken oder gar in einem Schema festzuhalten. Sie bleiben Momente seines Erlebens, aus dem und über das er sich nicht hinausheben kann.“

 

Dies meinen verschiedene Autoren, wenn sie schreiben, daß es für Tiere keine Welt, sondern lediglich eine Umwelt gibt. Das wäre völlig falsch verstanden, würden wir in dieser Umwelt einen – eventuell sehr kleinen – Teil der Welt sehen.

Die Umwelt ist vielmehr das, was sich bei Hassos Durchstreifen des „Gartens“ erst herausbildet und folglich mit unserem Garten in der Welt nichts zu tun hat.

 

Anders als Zecken, Spinnen und Hunde reagieren wir zumeist nicht spontan oder blind auf das, was wir merken. Wir ordnen es vielmehr in unsere Welt ein und überlegen uns, wie wir – im Rahmen dieser Welt – agieren sollten. (Der Einfacheit halber ignoriere ich im vorliegenden Kapitel das Weltbild; es brächte keine neuen Einsichten, sondern würde nur meine Formulierungen unnötig verkomplizieren.)

Wir haben natürlich auch Merkungen, viel mehr und kompliziertere vielleicht; sehen, hören, tasten und riechen beispielsweise.

Nun kommt der entscheidende Punkt:

Unsere Sehungen, Hörungen, Tastungen und Riechungen sind zunächst einmal genau so isoliert oder unabhängig vonenander wie bei Hasso. Was uns von ihm unterscheidet, ist, daß wir es nicht dabei bewenden lassen (müssen), sondern diese Einzel-Erfahrungen zu einer Gesamt-Erfahrung vereinen (können) – zu einer Katzen-Erfahrung beispielsweise. 

Letztere ist also nichts Primäres oder Ursprüngliches, sondern das sekundäre bzw. abgeleitete Resultat unserer Konstruktion aus Einzel-Erfahrungen; ohne uns gäbe es die Katzen-Erfahrung nicht. Wir puzzeln einzelne Sehungen, Richungen, Hörungen usw. zu ihr zusammen.

 

Das ist wahrscheinlich überraschend und bedeutet, daß es ohne uns keine Zecken, Spinnen, Fliegen, Katzen und Hunde gäbe, weil dann deren Konstrukteure fehlen würden.

Ich habe mich oben also falsch ausgedrückt; weder kam an der Zecke eine Katze vorbei, noch verfing sich eine Fliege im Spinnennetz; alles das sind lediglich die Interpretationen innerhalb unserer Welt-Konstruktion.

Für Spinnen gibt es keine Fliegen; aber natürlich auch keine Spinnen, so daß bereits dieses „für Spinnen“ am Satzanfang falsch war.

Es ist widersprüchlich, über das Sprachlose sprechen zu wollen.

 

Würden wir das mit dem „Merken“ und „Wirken“ tatsächlich ernstnehmen, wäre unsere Überrraschung jedoch schon geringer:

Das sind doch beides Verben, wo sollen denn die Substantive auf einmal herkommen?

Arnold Gehlen beantwortet diese Frage mit dem „Geist von uns Menschen“. Er ermöglicht es, daß wir nicht – wie die Tiere oder Roboter – stets auf Durchgang geschaltet sind und somit dieses Merken automatisch jenes Wirken auslöst. Vielmehr konstruieren wir uns eine Welt; dann merken wir nicht nur – warm und feucht –, sondern haben beispielsweise eine Katzen-Erfahrung und können entscheiden, ob wir sie füttern, streicheln oder zum Nachbarn jagen.

 

„Im Anfang war“ das Merken.

In einem ersten Schritt konstruieren wir daraus mittels unseres Weltbilds eine Katzen-Erfahrung.

Für die Tradition kann das – zweiter Schritt – nur die Erfahrung von einer Katze – als Objekt in der „“Welt“  – sein.

Damit hat sich alles um 180º gedreht:

Aus dem Merken ohne Katze ist das glatte Gegenteil geworden; nun existiert(T) die Katze in der „Welt“ – auch ohne alles Merken.

Wir halten den zweiten Schritt für falsch und bleiben somit bei der Katzen-Erfahrungs-Konstruktion.

 

Ich übergebe nochmals an Oswald Schwemmer, der den obigen Text instruktiv weiterführt:

„Die Identität eines Gegenstands verläßt dagegen diese Genzen einander folgender Situationen. Der Gegenstand . . . behält seine Identität auch im Wechsel der Situationen. Ja, mehr noch und wesentlicher: Eben durch die Identität spannen die Gegenstände sozusagen ein Netz auf“ – das Netz der „Welt“ natürlich. . . . „Außerhalb der wechselnden Situationen haben wir uns eine in sich gefügte und geordnete Gegenstands-Welt geschaffen, in der wir uns selbst angesiedelt haben . . .“

 

Drei Punkte sollten Ihnen in diesem Kapitel deutlich geworden sein:

Zum einen muß alles Gewußte notwendigerweise der Welt angehören und somit – in der Sprache  Arnold Gehelns – von unserem Geist konstruiert sein, denn nur die Bestandteile der Welt besitzen Dingcharakter; allein hier existieren Tiere und unsere eigenen Körper.

Zum anderen gibt es außerhalb der Welt lediglich das wirkliche Merken mit seinem Woher und das ebenso wirkliche Wirken mit seinem Wohin – von denen wir folglich nichts wissen können.

Und schließlich paßt es zu unseren bisherigen Überlegungen, daß das Merken sowie Wirken wirklich sind und dem Leben angehören.

0.6. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir jedoch sehr wichtig zu sein; wir müssen verstehen, wieso der religiöse Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches; wir haben nur die Alternative zwischen einem stets ergebnisoffenen Selbst-Denken – sprich: Streben nach Wahrheit – oder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon sagen kann, wohin sein „Denken“ führt bzw. was wahr ist, weiß nicht, was Denken bedeutet und ist Ideologe.

Mich interessiert absolut nicht, wer irgendwas, sondern höchstens, was irgendwer sagt; würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial. Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner Wahrheit näher zu kommen.

In Büchern finden wir keine Wahrheiten, sondern bestenfalls Denkanstöße; auch beim eigenen Schreiben versuche ich, mir dessen stets bewußt zu sein.

 

Hochkomplexe Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erleben; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, dann ist es keine Liebe. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist nicht rein, sondern gar nichts.

Auf der einen Seite darf keine Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden. Er besteht also insbesondere nicht im Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch so ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs- oder Weihnachtsgeschichte.  

 

Auf der anderen Seite ist niemand gezwungen, seinen Glauben theologisch darzustellen.

Aber wer dies tut, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden. Das bedeutet insbesondere, daß er sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder Letztbegründungen zurückgreifen kann.

Stellen aus „Heiligen Schriften“ sind dabei nicht besser als solche aus profanen, weil ihre angebliche Heiligkeit – nicht eo ipso für den Glauben, aber – theologisch ja ebenfalls zur Diskussion steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein Theologe mit Jesus oder Paulus tun.

Theologisch sind die Aussagen des „Lehramts“ ebenfalls lediglich Meinungen, die man in einer Demokratie natürlich haben kann. Einen Mehrwert würden auch sie – wie sämtliche Meinungen – erst durch eine originelle Sichtweise oder saubere Begründung erhalten.

 

Die Ergebnisse, zu denen der Theologe gelangt, sollten ihm helfen, seinen Gottes-Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem immanenten Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene Inhalte – Vorstellungen oder Wissungen – anzunehmen resp. abzulehnen. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute relativ wenige nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird selten gedacht, aber viel geredet – und ge(g)eifert.

 

Mit einfacheren Worten:

Jeder Christ kann einfach glauben, demütig, fromm, zufrieden, dankbar sowie voller Hoffnung  sein und versuchen, ein gottgefälliges Leben zu führen; aber das vermag natürlich ein Jude, Hindu oder Muslim ebenso. Das unterscheidend Christliche kann dagegen nur in dem Maße auftreten, wie es verstanden wird.  

Und würde es hinreichend gut verstanden, ergäbe sich vielleicht sogar, daß es gar nicht das unterscheidend Christliche ist.

 

„Das ist Hochmut! Sie können doch Gott nicht verstehen!“

Einen im traditionellen Sinne transzendenten Gott könnten wir in der Tat nicht verstehen; aber von dem spreche ich auch nicht.

Vielmehr geht es mir darum, daß wir (an) Gott nur in der Form und in dem Maße glauben können, wie wir ihn verstehen. Alles andere ist „kultisches Gerede“ (Gotthold Hasenhüttl) und bezeugt keinen tiefen Glauben, sondern letztlich Desinteresse; für das, was uns wichtig ist, nehmen wir uns sehr wohl die Zeit, um darüber nachzudenken. 

Wenn für Albert Einstein beispielsweise Gott derjenige ist, „der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart“, und nicht ein „Gott, der sich mit Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, dann kann er auch nur an diesen Gott glauben bzw. nicht-glauben.

 

Typisch für kultisches Gerede sind etwa Sätze der Form: „Ich glaube, daß Gott dreifaltig ist, kann es aber nicht verstehen, weil es sich um ein Geheimnis handelt.“ Das geht völlig daneben, weil dieser Satz zumindest zwei gravierende Fehler enthält:

Zum einen den soeben genannten; was wir nicht verstehen, können wir auch nicht glauben.

Und zum anderen ist die Dreifaltigkeit kein Geheimnis; sie kann lediglich dazu werden und tut dies genau in dem Maße, wie wir uns darum bemühen, sie zu verstehen; dann – als gewordenes Geheimnis – können wir sie auch glauben

Wir dürfen weder die Lücken noch die mangelnde Stringenz unseres Denkens mit Gott zu übertünchen versuchen. Überlegungen, die durch seine Einbindung leichter oder verständlicher werden, als sie es ohne ihn sind, müssen falsch sein, wenn wir die Unbegreiflichkeit Gottes ernstnehmen und ihn nicht als allmächtigen Zauberer mißbrauchen. 

 

Daß Gott die „Welt“ geschaffen hat, entspricht der Weihnachtsgeschichte; sehr schön, aber als Glaubensvorgabe für einen mündigen Christen beleidigend. Die Alternative, die ein Erwachsener glauben kann, besteht nicht in der Evolution, sondern resultiert vielleicht aus dem Versuch zu verstehen, wieso es etwas gibt und nicht nichts.

Zu dem, was es gibt, gehört auch unser WELTBILD. Beantworten wir die Frage von soeben in seinem Rahmen, begehen wir also einen Denkfehler, denn wir können nicht mittels unseres WELTBILDS erklären, wie dieses erst zustandekommt.

 

Beachten Sie bitte fairerweise, daß ich vom Verstehen spreche und nicht sage, ich könnte nur glauben, was ich sehe. Ein solcher Standpunkt wäre an Ignoranz oder Naivität kaum zu überbieten, denn wir sehen fast nichts von dem, dessen Existenz wir wohl alle glauben: Sprachen, Zahlen, Erinnerungen, Liebe, Raum und Zeit oder den Erdmittelpunkt.

Daraus folgt freilich wieder eine wichtige Unterscheidung:

Daß in der Eucharistiefeier die Hostie zum Leib Christi wird, kann ich natürlich nicht sehen; das ist jedoch völlig belanglos und stellt unmöglich ein Gegenargument dar.

Was Substanzen sein sollen, ist heute unverständlich; darauf kommen wir zurück. Weiß ich aber nicht, was eine Substanz ist, kann ich die Wandlung nicht als Transsubstantiation verstehen.

Möchte ich dennoch glauben – können –, daß es sich bei er Hostie um den Leib Christi handeln soll, muß ich mich also um eine andere Möglichkeit bemühen, dies intellektuell redlich denken zu können.    

 

Ich versuche, alle leeren Behauptungen, Widersprüche, Belanglosig- und Unsinnigkeiten zu vermeiden; auch oder vielleicht besonders diejenigen, die in einem „frommen“ Sprachgebrauch alltäglich sind. Denn in diesen Fällen wird häufig etwas „geglaubt“, nicht nur bevor es verstanden wird, sondern was gar nicht verstanden werden kann.

Daß ich etwas für falsch oder unsinnig halte, ist jedoch allein mein Problem. Wer mir widersprechen und gern eine „frömmere“ Sprache haben möchte, soll bitte das Buch beiseite legen und an seinen Überzeugungen festhalten. Ich möchte niemandem seinen Seelenfrieden rauben, der ihn besitzt – das wäre „Sünde“ –, sondern wenigstens einigen von den vielen helfen, die ihn wegen eines überholten Denkens nicht finden können.

0.7. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken, zugänglich ist. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens; das Studienfach „Philosophie“ gehört in die Geistes-, Kultur- oder Ideengeschichte, und die ist höchstens am Rande unser Thema.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. 

Bemerkungen der Form „man weiß, daß . . .“, „wie X. Y. gezeigt hat“ oder „im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Bemerkung halbiert die Begeisterung – aber die möchte ich gerne erhalten. „Experten“ werden deswegen 1000 Einwände, Lücken, Unsauberkeiten, Fehler, Wiederholungen usw. finden; aber das berührt mich nicht.

Im Detail habe ich häufig Unrecht; das ahne ich; aber mir geht es holzschnittartig um die große Linie, weil mehr als sie für die 99% philosophischer Laien weder zumutbar noch notwendig ist. Ich schreibe das Buch außerhalb des Elfenbeinturms für Nachdenkliche und Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser.

Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). 

Dem möchte ich gerecht werden, indem ich einführend versuche, die Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer mit Michel Henrys Radikaler Lebensphänomenologie zu verbinden.

Weitere mir wichtige Autoren sind unter anderem Kurt Appel, Renaud Barbaras, Georg W. Bertram, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Hubert Dreyfus, Paul Feyerabend, Michel Foucault, Wolfgang Giegerich, René Girard, Michael Hampe, Martin Heidegger, Immanuel Kant, Jacques Lacan, Bruno Latour, Emmanuel Levinas, Jean-Luc Marion, Josef Mitterer, A. M. Klaus Müller, Thomas Nagel, Friedrich Nietzsche, Mario Perniola, Georg Picht, Heinrich Rombach, Richard Rorty, Hartmut Rosa, Hermann Schmitz, Josef Simon, Georg Spencer-Brown, Peter sowie Stefan Strasser, Charles Taylor, Gianni Vattimo, Carl Friedrich von Weizsäcker, Wolfgang Welsch, und Ludwig Wittgenstein.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme; auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen und sich als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall, und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen Denkergebnisse nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch jemals darauf kommen konnte

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise buddhistischen oder atheistischen Ansätzen teilweise sehr nahesteht; letzteres freilich nur im Sinne eines „anderen Atheismus“ (Gregor Maria Hoff). 

Aber das wissen wir natürlich erst, nachdem wir selbst gedacht haben, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wurde, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

0.8. Geistesgeschichte

Was wir im Buch „traditionell“ nennen, war das vorherrschende Denken in Antike sowie Mittelalter und ist es weitestgehend noch in der Neuzeit.

Sein Kerngedanke besteht darin, daß es eine „Welt“ gibt, die aus Objekten besteht und unabhängig von uns dauerhaft existiert. Das ist alles andere als selbstverständlich; in Kulturen ohne eine solche Stabilität müssen die Menschen am Morgen vielleicht bestimmte Riten zelebrieren, damit die Sonne – nicht aufgeht, sondern – wiedergeboren wird.

 

Alle Objekte befinden sich irgendwo im „Raum“ und irgendwann in der „Zeit“, wobei dies natürlich auch überall bzw. immer oder ewig bedeuten kann.

Natürlich bestehen zwischen immateriell-geistigen Ideen wie beispielsweise Einheit oder Gerechtigkeit und materiell-sinnlichen Gegenständen wie der Sonne bzw. dem Eiffelturm Riesenunterschiede. Die müssen uns aber aus zwei Gründen nicht interessieren:

Zunächst existieren alle diese Objekte unabhängig von uns; sie sind uns vorgegeben, und wir stehen vor der Aufgabe, sie möglichst adäquat zu repräsentieren, darzustellen oder wiederzugeben. Bei den physikalischen Objekten läuft das auf ein Abbilden im engeren Sinne hinaus, während eine solche Sprechweise bei Ideen kaum angemessen ist.

Aber da uns der Weg, der zur Erkenntnis führt, überhaupt nicht interessiert, können wir die Begriffe Repräsentieren, Darstellen, Wiedergeben oder Abbilden alle synonym verwenden. Uns ist am traditionellen Ansatz allein wichtig, daß Objekte vorgegeben sind und die Wahrheit als deren adäquate Erkenntnis verstanden wird.

Wir wenden uns pauschal gegen dieses Konzept irgendeiner Repräsentation und müssen deswegen keine Details an ihm erklären – die wir ohnehin verwerfen. Wer also sagt „Ich denke traditionell, habe aber niemals etwas abgebildet“, mag also Recht haben, erreicht aber nicht den Reflexionsgrad, um den es uns geht. 

 

Traditionell Denkende kommen mit den Objekten allein jedoch nicht aus und müssen sich deshalb selbst eine Psyche zuordnen.

Der Mond beispielsweise existiert schon sehr lange; ein Baby sieht ihn irgendwann zum ersten Mal, und dann läßt sich dieses Sehen nur als ein Abbilden des präexistenten – vom Anblick durch das Baby völlig unabhängigen – Mondes sinnvoll verstehen.

Die Objekte sind also für uns erreichbar, indem wir sie – im weitesten Sinne – abilden; andernfalls wüßten wir nicht(s) von ihnen. Das Ergebnis dieses adäquaten Erkennens der primären Seienden bilden ihre sekundären Abbilder, und die Psychen stellen die individuellen Sphären dar, in denen sich die Abbilder befinden.

Letztere sind natürlich keine Objekte, sondern bilden lediglich deren Doubles.

 

Dieses Denk-Modell ist im wesentlichen zweieinhalb Jahrtausende alt und beginnt (etwa) mit Sokrates. Die kaum zu überwindenden Schwierigkeiten, auf die ein solcher Ansatz führt und die wir heute immer massiver erfahren, lassen sich Martin Heidegger zufolge nur überwinden, indem wir zu einem vorsokratischen Denken zurückfinden.

Natürlich ist seitdem im Abendland unglaublich viel geschehen, aber an der Dualität von Objekten auf der einen und Psychen – als Sphären für deren Abbilder – auf der anderen Seite hat sich bis Kant im Kern nichts geändert.

 

Ich glaube, daß Martin Heidegger nicht völlig falsch liegt, weil der traditionelle Ansatz zutiefst von der Verdrängung des Todes bestimmt ist. Um – mehr – leben zu können, dürfen wir den Tod aber nicht verdrängen, sondern müssen ihn annehmen, das heißt, in unser Leben integrieren, damit es mehr Leben werden kann. 

Diese Todesverdrängung zeigt sich vielleicht am deutlichsten darin, daß es traditionell nicht um unser endliches Leben, sondern um die angeblich ewig-wahre Erkenntnis der Objekte geht.

 

Wichtig ist meines Erachtens jedoch allein, was Subjektivitäten erleben und insbesondere erleiden. Es dürfte dann beispielsweise überhaupt keine Rolle spielen, ob und wie Kriege begründet bzw. gerechtfertigt werden, worin ihre Ziele bestehen, ob sie „alternativlos“ oder gar „heilig“ sind.

Natürlich war die NS-Zeit nur „ein Fliegenschiß in der deutschen Geschichte“ – sofern man allein auf ihre 12 Jahre schaut. Entscheidend hätte aber zu sein, was die beteiligten Subjektivitäten erfahren haben. Da sie ausnahmslos sterblich sind, müßte alles wirklich Wichtige insbesondere im Lichte dieser Endlichkeit gesehen werden.

Aber sie ist für das traditionelle Denken bestenfalls sekundär; primär sind die Objekte, die über die endlichen Subjektivitäten hinausgehen und mit deren Tod aber auch gar nichts zu tun haben: Was sind das Gute, die Gerechtigkeit, die Seele, der Raum, Individuen, Atome usw.?

„Natürlich stirbst Du einmal; aber bis dahin hast Du Dein Leben diesen Fragen zu widmen, um glücklich werden zu können.“ Ich hatte deshalb oben von Abbildungsknechten gsprochen.

 

In der Moderne führt das dazu, daß wir exakte Wissenschaften entwickeln, in denen unsere eigene Endlichkeit wiederum überhaupt keine Rolle spielt. 

Wären die menschlichen Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste oder Wünsche beim Herausbilden der „neuen Wissenschaft“ von Belang gewesen, hätten wir wahrscheinlich eine ganz andere entwickelt. Vielleicht wären wir dann nicht zum Mond geflogen und hätten auch keine Wasserstoffbomben, aber mit Sicherheit müßten nicht Millionen kleiner Kinder sinnlos sterben oder in unvorstellbarem Elend leben.

Im Zuge des „Fortschritts“ wird unsere Verdrängung des Todes vielleicht irgendwann seine Beseitigung als ihr Endziel erreichen, von dem beispielsweise die Transhumanisten bereits träumen. Das wäre dann aber meines Erachtens kein Leben, sondern lediglich das „Leben“ von Robotern und Zombies. 

0.8.1. Antike und Mittelalter

In der griechischen Antike bestand die traditionelle Wirklichkeit im Kosmos. Aber er hatte nichts mit dem unsrigen zu tun, sondern war beispielsweise durch eine Sphärenharmonie charakterisiert, die wir unter anderem auch in der Musik und Farbenlehre wiederfinden. Ideenwelt und Kosmos widersprachen sich damals nicht nur nicht, sondern bildeten das (eine) Arbeitsgebiet der Philosophen.

Dieses ging mit dem Wechsel zur christlichen Antike und zum christlichen Mittelalter in den Zuständigkeitsbereich der Theologen über, ohne daß hierbei an den Fundamenten des Denkens gerüttelt werden mußte; weiterhin gab es die objektiv-reale „Welt“ und die subjektiven Psychen – zum Abbilden, Irren und Phantasieren.

Aus den ewigen Platonischen Ideen beispielsweise konnten völlig problemlos die ebenso ewigen Schöpfungsgedanken Gottes werden. Es wurden lediglich die Worte gewechselt, ohne die begriffliche Struktur anzutasten, so daß sich hinsichtlich der uns interessierenden Fragen letztlich nichts geändert hat. 

Friedrich Nietzsche konnte deshalb sagen, „der christliche Glaube ist Platonismus fürs Volk“; und so wie der Glaube heute noch zumeist dargestellt wird, läßt sich dem leider kaum widersprechen.

 

Das traditionell-religiöse Denken des Mittelalters geht davon aus, daß alles für unser Leben und Heil Notwendige prinzipiell bereits bekannt ist; es steht in den Schriften der bedeutenden Lehrer der Religion, Philosophie oder Weisheit. Deswegen benötigen wir keine neuen Erfahrungen, kann insbesondere die Offenbarung als abgeschlossen betrachtet werden und war das, was sich heute „Forschung“ nennt, praktisch undenkbar.

Alles Wesentliche ist in den wichtigen Büchern enthalten, und in sie müssen wir uns vertiefen; Lehre ist Studium der Schriften. „Der Name der Rose“ kommt Ihnen wahrscheinlich wie von selbst in den Sinn. 

Natürlich könnten wir untersuchen, ob es auch Spinnen mit sechs und Insekten mit acht Beinen gibt. Aber das ist völlig ohne Bedeutung, denn wenn es wichtig wäre – etwa für unser Seelenheil –, stände es bereits irgendwo.

 

Für die Schöpfung eines unendlichen  Gottes war der Gedanke der Ordnung wohl noch wichtiger als für den antiken Kosmos.

Man stellte sie sich in Form einer Pyramide vor, in der alle Objekte – sortiert nach Gattungen und Arten – angeordnet sind. Die uns wohl allen bekannte Begriffshierarchie mit ihren Ober- und Unterbegriffen sowie die klassische Definition in der Einheit von Oberbegriff sowie – von dessen anderen Unterbegriffen – unterscheidenden Charakteristika zeugen noch von diesem Denken.

An der Spitze dieser Pyramide steht natürlich Gott als das vollkommendste oder „seiendste Seiende“, und auch aus diesem Grund spricht Martin Heidegger von einer „Onto-Theologie“. 

 

Natürlich besteht diese Pyramide der Objekte in der Moderne nicht mehr, weil die Ordnungs-Struktur der Gattungen und Arten entfällt und auch keine andere an ihre Stelle tritt; die traditionelle Ordo-„Welt“ ist vorbei (bzw. wird durch die Naturgesetze abgelöst).

Das bewirkt zum einen den „Tod Gottes“, das heißt, den Tod dieses onto-theologischen Gottes; ohne Pyramide bedarf es auch keiner krönenden Spitze.

Zum anderen sprechen die exakten Wissenschaften weiterhin von der „Welt“, was ohne den Blick von nirgendwo bzw. den Gott der Philosophen, wie wir oben gesehen haben, gar nicht möglich ist, so daß Martin Heidegger ihnen – in seinem Sinne mit Recht – vorhalten konnte, sie würden „nicht denken“.

0.8.2. Moderne

Das wissenschaftliche Denken der Moderne ist ebenso traditionell wie das antike und mittelalterliche. Es behält den „Welt“-Psyche-Dualismus im wesentlichen bei und spricht im Zusammenhang mit der „Welt“ nun von Materie, Natur, objektiver Realität oder ähnlichem, so daß die neuen „Experten“ in den Naturwissenschaftlern bestehen.

Unabhängig davon entdeckt die Moderne jedoch unsere Unwissenheit; es steht nicht alles Wichtige bereits irgendwo, und das, was irgendwo steht, muß weder wichtig noch wahr sein.

„Vor uns liegt ein gewaltiger Berg von offenen Fragen und ungelösten Problemen – sowie eine großartige Zukunft. Wir warten nicht mehr auf das Reich Gottes, sondern schaffen ‚den Himmel auf Erden'“; etwa so ließe sich die Aufbruchstimmung der großen Geister zu Beginn der Moderne zusammenfassen.

Das Experiment der „neuen Wissenschaft“ (Roger Bacon) – als kontrollierte „richterliche Befragung der Natur“ (Kant) – führt zusammen mit der Idee des Fortschritts zum Aufbau des wissenschaftlich-technisch(-ökonomisch)en Komplexes.

 

Es versteht sich nahezu von selbst, daß diese beiden Formen des traditionellen Denkens einander nur voller Unverständnis gegenüberstehen können:

„Wir wissen doch bereits alles (Wichtige); wonach suchen die ‚Neuen‘ denn mit ihren Experimenten – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“

„Wieso glauben die ‚Alten‘, daß ihr ‚Wissen‘ etwas mit Wahrheit zu tun hat; sie ’studieren‘ Bücher – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“. 

 

Die Moderne hat lediglich die Namen „Nous“ oder „Gott der Philosophen“ durch die Bezeichnung „Vernunft“ ersetzt und sich damit unter dem Etikett „Aufklärung“ erschlichen, dem traditionellen Ansatz lange Zeit relativ unbemerkt treu bleiben zu können. 

Aber wo „Aufklärung“ drauf steht, muß keine drin sein; das moderne Denken ist angewandte griechische Götterlehre, hatten wir gesehen. Die für uns notwendige Aufklärung über die Aufklärung bestände darin, dies zu verstehen, das heißt, nicht länger den absurd-mittelalterlichen Absolutheitsanspruch des religiösen Glaubens durch den ebenso absurd-modernen der exakten Wissenschaften zu ersetzen – und damit dem alten Gott nur ein neus Mäntelchen umzuhängen, ihm aber weiter zu dienen.

Beide Totalitarismen verweigern das eigene Denken und sind damit gleich unaufgeklärt.

 

Daß der traditionelle Ansatz – auch in – der Moderne ohne ein Sein-Wollen-wie-Gott gar nicht möglich ist, schreibe ich nicht, weil es in der Bibel steht; damit lassen sich weder Begründungen noch Denken oder Verständnis ersetzen. Vielmehr werden wir sehen, daß wir unbedingt (an) den Gott der Philosophen glauben müssen, um die moderne Wissenschaft für wahr halten zu dürfen.

Da aber die meisten von uns nicht mehr an den Gott der Philosophen glauben (können) – er entspricht dem „Tod Gottes“ bei Friedrich Nietzsche –, entfällt damit auch die Hoffnung, unsere – von der Moderne erst entdeckte – Unwissenheit überwinden zu können.

 

Der moderne Glaube, eine Philosophie der Weltbilder allmählich durch die Physik der „Welt“ ersetzen zu können, ist mehr als naiv.

Warum fallen wir bloß darauf herein?

Weshalb lassen wir uns einreden, der letzte noch unentdeckte Mond des Pluto sei wichtiger als unsere Hoffnungen und Ängste? Wieso soll die Physik der Wirklichkeit oder Wahrheit näher kommen – und damit besser, entscheidender und vielleicht sogar faszinierender sein – als Kunst, Mythos, Religion, Alltag oder Dichtung? Warum glauben wir unseren eigenen Erlebungen nicht mehr, wenn sie den exakten Wissenschaften zufolge angeblich falsch, unsinnig oder unmöglich sind?

Welches Recht haben die denn auf ihrer Seite?

Nur das, was wir selbst ihnen zuerkennen!

0.8.3. Postmoderne

Die Moderne verabschiedet nach und nach die antik-mittelalterliche Trias von Gott, Mensch und „Welt“, indem sie insbesondere Gott streicht. Ich persönlich habe damit nicht die geringsten Schwierigkeiten, denn hierbei handelte es sich ohnehin nur um denjenigen Gott, dessen Tod Hegel schon lange vor Nietzsche verkündete, den wir als Nous oder Gott der Philosophen eingeführt hatten und den die Tradition für ihre Onto-Theologie benötigt – wir Subjektivitäten für unser Leben nicht.

Um sowohl derartige Assoziationen als auch biblische möglichst auszuschließen und dadurch unvoreingenommener denken zu können, ersetzen wir Gott zunächst durch – den neutraleren Begriff der – Traszendenz

An die Stelle der einen objektiven „Welt“ treten bei und die verschiedenen subjektiven Welten.

Aber auch der Mensch muß aus der Triade entfernt werden, denn er ist – als Körper – bereits in der Welt enthalten.

Das war traditionell natürlich ebenso, wurde aber nicht korrigiert. Hierin kommt die Inkonsequenz zum Ausdruck, daß der Mensch als „Krone der Schöpfung“ einerseits natürlich der „Welt“ angehört, andererseits aber das „Ebenbild Gottes“ sein soll; dieser Spagat stellt wohl immer ein großes Problem dar.

Wir ersetzen den Mensch durch das Leben und gelangen damit zu der postmodernen Triade von Transzendenz, Leben und Welt, die wir mit Georg Picht als „Einheit der Zeit“ verstehen wollen. Der Spagat von soeben ficht uns nicht an, weil diese drei Entitäten disjunkt sind, das heißt, zwischen ihnen keinerlei Überlappungen oder Schnittmengen existieren.

Der Mensch insbesondere gehört nur zur Welt, und die Subjektivität allein zum Leben.

 

Die Postmoderne geht – mit der Moderne – von unserem prinzipiellen Nicht-Wissen aus, hält dieses aber – entgegen der Moderne – für unüberwindbar.

Aus ihrer Sicht sind diese beiden traditionellen Denkformen naiv; ihre religiöse Ausprägung, weil sie die Wahrheit als eine uns verfügbare bereits von Gott offenbart glaubt, und die wissenschaftliche, weil sie die Wahrheit durch ein Sein-Wollen-wie-Gott selbst zu finden meint.

Jetzt verstehen wir vielleicht schon ein wenig, daß der traditionelle Ansatz ohne Gott und seine ewige Schau einfach nicht funktioniert. Antike sowie Mittelalter haben das gewußt und jeweils auf ihre Weise anerkannt; die Moderne will es nicht wahrhaben und bedarf daher des Etikettenschwindels vom „Gott der Philosophen“ zur „Vernunft“.

 

Das ist widerspruchsfrei möglich – ich wiederhole mich –, weil das „Wahrheits“-Kriterium der modernen Einzelwissenschaften in den richtigen Voraussagen von späteren Ereignissen besteht, denn höchstens sie können überprüft werden. Damit wird nicht nur die Subjekt-Objekt-Spaltung zum Nonplusultra, sondern für die „Wahrheits“-Frage stehen lediglich noch ein paar Objekte zur Verfügung, eben diejenigen, die überprüfbare Voraussagen gestatten.

Es ist nicht nur legitim, sondern selbstverständlich, daß die Physiker sich nur um das kümmern, was sie beherrschen.

Jedoch ist es mehr als illegitim – nämlich unverantwortlich –, allem andern und damit insbesondere zum Beispiel Kunst, Mythos, Religion, Sprache, Liebe oder Schönheit wenn schon nicht die Existenz, zumindest aber die Bedeutung oder gar Fundamentalität abzusprechen.

Das erinnert verdächtig an die Geschichte des Betrunkenen, der im Licht der Straßenlaterne seinen verlorenen Schlüssel sucht. Dort war er zwar gar nicht vorübergekommen, aber nur hier sieht er etwas.

Die exakten Wissenschaften sehen auch etwas; niemand wird das ernnstlich bestreiten wollen. Aber selbst die simple Frage, ob nicht an einer ganz anderen Stelle viel Wichtigeres zu finden wäre, verstehen viele ihrer Vertreter bereits nicht mehr.

 

Die Postmoderne wird häufig verunglimpft, weil sie die Existenz der traditionellen absoluten Wahrheit bestreitet. Ich stimme der letzteren Einschätzung restlos zu, werte sie aber durch und durch positiv:

Endlich geht es nicht mehr um irgendwelche angeblichen Objekte – sondern um uns.

Wer das als „lächerliches Lacancan und Derridada“ (Klaus Laermann) ablehnt, bleibt beim sinnleeren Tradidada zurück.

Erst seit Kant werden die Grundprobleme der Philosophie zur Frage nach dem Menschen; das ist aber bereits der Beginn vom Ende des traditionellen Ansatzes. Kant faßt dessen drei philosophische Kernthemen „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“ in der Frage „Was ist der Mensch?“ zusammen.

Das wäre vor Kant wohl unmöglich gewesen, und unter diesem Aspekt bildet er für mich den Beginn der Postmoderne. In ihr sind wir nicht mehr Erkenntnisknechte, deren Aufgabe in der adäquaten Wiedergabe der uns vorgegebenen Objekte besteht, sondern können als Krone der Schöpfung Selbstzweck werden.  

 

Solange Objekte geglaubt werden, können sich sogenannte „Experten“ immer wieder anmaßen, diese zu kennen, damit die Wahrheit zu wissen und so als die notwendigen Vermittler zu fungieren, von denen alle anderen – die nicht (ein)geweihten „Laien“ – abhängig sind.

Das betrifft die Philosophen der Antike ebenso wie die Theologen des Mittelalters sowie die Naturwissenschaftler der Moderne. Ein Denken in den Kategorien von „Experten“ und „Laien“ kann nur zum Machtmißbrauch in seinen verschiedensten Formen führen und macht insbesondere die Gemeinschaft der religiös Gläubigen zu einer unchristlichen Klerikerkirche.

 

In diesem Zusammenhang kommt von traditionell denkenden Christen häufig sinngemäß der Einwand, daß doch nicht „jeder seinen persönlichen Vogel zum Heiligen Geist“ machen könne.

Das ist völlig richtig, und deswegen verzichte ich zum einen bei meinen Ausführungen auf jeglichen Wahrheitsanspruch; ich will lediglich selbst denken und Sie dazu anregen.

Zum anderen würde ich jedoch rückfragen: Natürlich „nicht jeder“; aber darf überhaupt jemand seinen persönlichen Vogel zum Heiligen Geist machen? Welcher „Experte“? Und mit welchem Recht? Warum soll diese Meinung wahrer sein als jene?

Ich stehe – als krummes Holz – zu meinem persönlichen Vogel bzw. meiner subjektiven Überzeugung, denn der Glaube soll frei machen und verbietet mir damit jegliche „demütige“ Unterordnung, die – durch Unwahrhaftigkeit erkauft – meinen aufrechten Gang behindert.   

 

Ein Ziel der Aufklärung müßte also unter anderem darin bestehen, deutlich zwischen Autoritäten und „Experten“ zu unterscheiden.

Ohne Autoritäten geht es gar nicht, weil wir – allein schon aus Zeitgründen – sehr vieles oder nahezu alles einfach glauben müssen. Aber diese Autoritäten sind keine „Experten“, die den „Laien“ etwas voraushaben, das letzteren – aufgrund fehlender Initiationen oder Weihen – prinzipiell unzugänglich bleiben muß. Vielmehr können die Autoritäten – im Gegensatz zu den „Experten“ – erklären, wie sie zu ihrem Wissen gelangen; es handelt sich nicht um Zauberei, sondern um eine nachvollziehbare Fähigkeit.

Ist dieser Zugang einsichtig, besteht das Anerkennen der Autoritäten ganz einfach in unserer Selbsteinschätzung, diese Möglichkeiten zum Wissen offensichtlich nicht so großartig verwirklichen zu können wie sie. Der eine kann dies gut, der andere jenes, und die meisten von uns haben wohl kaum ernstliche Schwierigkeiten damit, das anzuerkennen.

Aber wer sich auf irgendwelche Geheimnisse oder dergleichen beruft, ist natürlich keine Autorität und sollte nicht als „Experte“ anerkannt, sondern als Schwindler, Scharlatan, Schmarotzer oder Betrüger durchschaut werden.

0.9. Exaktheit ohne Sicherheit

In der Renaissance des 16. Jahrhunderts war das Geistesleben – nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung der griechischen Antike – in vielerlei Hinsicht erstaunlich tolerant; sie gilt nicht zufällig als das Zeitalter des Humanismus.

Was sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Herzen Europas abspielen sollte, war für die Gebildeten dieser Zeit kaum vorstellbar und führte zu einem gewaltigen Umdenken. Nach den Wirren des 30-jährigen Krieges ging es stärker denn je um Sicherheit, damit sich dergleichen möglichst nie wiederholen möge, und diese Sicherheit hoffte man, durch Gewißheit der Wahrheit zu erlangen.  

Glaube und Religion hatten soeben sehr deutlich gezeigt, daß sie dazu nicht nur nicht fähig sind, sondern eher die Unsicherheit und den Unfrieden schüren, so daß man nun nach einem denkerischen Weg zur Wahrheit suchte. Das ist ganz grob der geistige Hintergrund, der zur Moderne führte; zur Philosophie René Descartes‘, die „more geometrico“ Wahrheit, Gewißheit und damit Sicherheit garantieren sollte, sowie zu den „neuen Wissenschaften“ (Francis Bacon).

 

Dieser Aufbruch in die Moderne war mit einem festen Glauben an die Logik und Mathematik als den entscheidenden Werkzeugen verbunden, denn „das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben“ (Galileo Galilei). Da schwerlich exaktere Wissenschaften als diese beiden denkbar sind, kam es zu einer unglücklichen Vermischung; das Streben nach Sicherheit wurde mit dem nach Exaktheit identifiziert.

Die aufgeklärten Postmodernen wissen heute, daß keine Sicherheit existiert; die Medien bestätigen es uns tagtäglich. Weder der Glaube des Mittelalters noch das Wissen der Moderne können uns die erwünschte Sicherheit schenken; sämtliche Orientierungspunkte erweisen sich letztlich als ungewiß.

 

Die Sicherheit ist eine Illusion, von der wir uns trennen müssen.

Aber das darf unseren Willen zur Exaktheit nicht beeinträchtigen, denn die beiden haben nichts miteinander zu tun.

Natürlich spielt die Exaktheit im Leben vieler Menschen keine große Rolle, und je existenzieller etwas ist, um so weiter sind wir alle davon entfernt. Das ist alles selbstverständlich, hat aber mit dem Bemühen um Exakheit nichts zu tun.

Ich vermag nicht zu sehen, was gegen ein solches sprechen könnte. Was soll gut sein an diffusem Denken, analogen Schlüssen oder ungefähren Erkenntnissen? Ich bekenne mich zu meinem Exaktheitswillen – und Sie müssen ihn nicht zuletzt in Form der daraus resultierenden  Begriffsvielfalt ausbaden.

 

Das bedeutet jedoch in keiner Weise, daß ich die modernen exakten Wissenschaften zum Königsweg der Erkenntnis erkläre; haben Sie bis hierher gelesen, erübrigt es sich eigentlich, das nochmals explizit zu erwähnen.

Es gibt religiöse und Liebeserfahrungen sowie solche von Freude oder Traurigkeit, wir können Schmerzen und Orgasmen erleben, Glück, Sinnlosigkeit und Spiritualität. Für die meisten von uns ist das alles viel wichtiger als die Wahrnehmungen der exakten Wissenschaften, und diese verstehen absolut nichts von jenen. Unser Leben ist ambig, voller Geheimnisse sowie Unberechenbarkeiten und spricht den exakten Wissenschaften Hohn.

Aber vollkommen unabhängig davon können unsere Beschreibungen des Lebens doch gar nicht zu exakt ausfallen; was sollte „zu exakt“ denn überhaupt bedeuten? Je prägnanter die Beschreibungen gelingen, desto besser können wir uns und unser Leben in ihnen wiederfinden.

 

Für das eingefleischte Vorurteil, daß sich mit steigender Exaktheit der Horizont des Denkens verringert, habe ich noch nirgends eine Begründung gefunden; ich fürchte, es ist eher eine Entschuldigung des eigenen Versagens.

Exakte Geisteswissenschaften führen nicht zur Physik, sondern zu einem tieferen Verständnis.

Mein Anliegen besteht ganz einfach darin, daß wir uns nicht mit nebulösen Begriffen und einer schwammigen Sprache abfinden; vielleicht auch noch glauben, es gänge nicht anders, oder gar stolz darauf sind, auf diesem Wege angeblich tiefer zu schauen als die Physiker, die doch „nur an der Oberfläche kratzen“.

Natürlich tun sie das, und vielleicht denken Geisteswissenschaftler tatsächlich tiefer, aber gewiß nicht, weil sie auf Exaktheit verzichten (wollen).  

Wir müssen uns bemühen nicht nur um eine exakte Philosophie, Theologie und Psychologie, sondern sogar um eine exakte Belletristik. Das ist keine, die Zahlen oder Statistiken benutzt – ein entsetzlich-naives Mißverständnis –, sondern eine solche, die den Nagel auf den Kopf, das heißt, auf unser Leben trifft.

 

„Daß in Philosophie, Theologie und Psychologie der Exaktheitswille eine größere Rolle spielen sollte, wünsche ich mir auch; sie möchten ja schließlich als Wissenschaften anerkannt werden. Aber bei der Belletristik kann ich Ihren diesbezüglichen Wunsch nicht gut nachvollziehen; sind exakte Erzählungen nicht ein Widerspruch in sich?“ 

Das glaube ich nicht; natürlich sind die allermeisten Erzählungen unexakt. Aber in den bedeutenden Romanen und Biographien geht es letztlich um die Wirklichkeit unseres Lebens. Die großen Schriftsteller beschreiben sie phantastisch genau – und zusammen mit ihrer Sprachbegabung macht sie das erstklassig.

Auch sie können natürlich nur ihr eigenes Leben beschreiben; aber weil sie dies so exakt tun, finden auch wir uns in ihren Beschreibungen wieder.

 

Der Horizont unserer Überlegungen wird nicht durch ihre Genauigkeit und Folgerichtigkeit begrenzt, sondern durch unser Weltbild, denn etwas, was ihm nicht angehört, kennen wir gar nicht.

Die gegenwärtig übliche „Welt“ ist sehr stark „an der Physik der Festkörper orientiert“ (Hermann Schmitz); dann können wir aber auch nicht erwarten, innerhalb einer solchen „Welt“ viel vom Leben zu verstehen. Dann muß der Horizont unserer Überlegungen sehr bescheiden sein – selbst bei ganz diffusem „Denken“.

0.10. Änderungen und Anderungen

Eine Änderung ist ein Geschehen, das innerhalb eines stabilen Horizonts erfolgt.

In den üblichen simplen Beispielen – wie das Kind wächst, ein Apfel wird reif, der Ort wechselt oder das Auto rostet – fungiert zumeist ein Substantiv als Horizont, und die zugehörigen Verben geben die Änderung wieder.

Auch den Übergang von der Antike über das Mittelalter und die Moderne zur Postmoderne können wir als eine Änderung verstehen; der stabile Horizont, der dazu nötig ist, besteht in der Ära, dem Zeitalter oder Säkulum. Analog dazu führen die Änderungen innerhalb des Horizonts der künstlerischen Epoche von der Renaissance über Barock, Rokoko, Klassizismus, Romantik und Biedermeier zum Realismus. Monarchie und Demokratie beispielsweise können innerhalb des Horizonts der Staatsform wechseln.

 

Die Änderungen sind Variationen an dem stabilen Horiont; der grüne Apfel wird rot, und innerhalb der künstlerischen Epoche wird die Romantik zum Biedermeier.

Ohne Horizont sind die „Variationen“ keine Variationen mehr, sondern zusammenhanglose Erlebungen, die völlig beziehungslos nebeneinander stehen und keine Änderungen bilden würden.

Wir sprechen dann von Anderungen; das  sind also per definitionem „Änderungen“, bei denen der sie verbindende stabile Horizont fehlt – so daß alles anders wird.

 

X wird innerhalb des Horizonts A zu Y, und so können wir uns problemlos vorstellen, daß dieses X bereits aus einem W hervorgegangen ist und das Y weiter zu einem Z werden wird; all das sind Änderungen nicht des Horizonts – er muß ja stabil bleiben –, sonden an ihm. 

Das Medium, in dem sämtliche Änderungen erfolgen, besteht in der „Zeit“. Seit Aristoteles gilt sie als „Maßzahl der Bewegung“, woraus für uns verallgemeinert die Maßzahl der Änderung wird, denn Bewegungen sind als Änderungen des Ortes lediglich spezielle Änderungen.

 

Sie sind alle aber nur innerhalb eines stabilen Horizonts möglich.

Woher nehmen wir den?

„Der Horizont hat sich selbst durch Änderungen in der ‚Zeit‘ entwickelt.“

Das ist möglich, setzt aber voraus, daß für diesen Horizont nochmals ein Meta-Horizont existiert, innerhalb dessen er sich ändern konnte. Für ihn muß ich meine Frage nun wiederholen, und so können wir noch mehrmals fortfahren – ohne jemals an ein Ende zu gelangen.

Dieses erreichen wir nur, wenn ein letzter oder größter Meta-. . .Meta-Horizont existiert; er kann dann aber nicht durch Änderungen, sondern muß durch Anderungen entstanden sein.

 

Damit wird zum einen verständlich, daß Anderungen in Erst- oder Letztmaligungen bestehen; bei ihnen ändert sich nicht nur etwas, sondern es entsteht oder vergeht etwas

Zum anderen lassen sich Anderungen in der „Zeit“ nicht denken, sondern sind an die Zeit gebunden.

Indem wir also mittels der Zeit und den darin möglichen Anderungen über die „Zeit“ mit ihren bloßen Änderungen hinausgehen, werden Schöpfung und Vollendung – mit der notwendigerweise dazu gehörenden Vernichtung – erst denkbar.

 

Letztmalige Erfahrungen können wir als solche unmöglich wissen; höchstens im Nachhinein oder rückblickend ist feststellbar, daß sich eine Erfahrung – bisher – nicht wiederholt hat.

Aber erstmalige Erfahrungen wissen wir ebenfalls nicht, weil die dazu notwendigen Begriffe erst nach-gedacht werden müssen.

Anderungen gibt es also nicht im Jetzt – und deswegen können sie unmöglich der „Zeit“ angehören.

0.10.1. Mittelalterlicher Glaube und moderne Säkularisierung

Als konkretes Beispiel für das Ineinander von Änderungen und Anderungen wählen wir die religiösen Umwälzungen in Europa beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und interpretieren sie im Anschluß an Gianni Vattimos „schwaches Denken“

 

Anderung (1) – Entstehen des Säkularismus

Der überzeugte Atheist, Fortschritts-, Säkularisierungs- oder Wissenschaftsgläubige sieht sich in seinem modernen Weltbild bestätigt:

„Die Aufklärung bringt Licht in das Dunkel des Mittelalters; Aberglaube, Priesterbetrug, dumme Märchen und unbegründete Ängste finden ein Ende. Immer mehr Probleme lassen sich (rational) lösen, so daß wir unser Leben selbst in die Hand nehmen und einer großen Zukunft entgegengehen werden.“ (Ob eine solche Position heute überhaupt noch sinnvoll vertreten werden kann, ist gegenwärtig nicht unser Thema.)

Es erscheint die Morgenröte eines neuen Horizonts; alles wird anders; erstmalig atmen die Menschen Freiheit; der Fortschritt führt zur Aufklärung – und umgekehrt.

 

Anderung (2) – Vergehen des Glaubens

Wer dagegen den christlichen Glauben für das Nonplusultra hält, kann in dem „gleichen geschichtlichen Wandel“ nur Rückschritt und Niedergang sehen.

„Im MIttelalter herrschte der wahre Glaube und bestimmte das Leben des Einzelnen ebenso wie das der Gesellschaft. Die angebliche Aufklärung stellt in Wirklichkeit eine Verdunklung dar; die Menschen glauben nicht mehr – wodurch auch immer –, und damit rutscht alles Grundlegende weg; Wahrheit, Sinn, Werte, Ordnung, Liebe usw.“ (Die Krönung dieser Position, die selbst des öfteren in Gesprächen entgegengebracht wurde, besteht wohl in dem Gedanken, daß „wieder einmal ein Krieg kommen muß, der die Menschen Gottesfurcht und Beten lehrt“.)

Der eine wahre Horizont wurde geletztmaligt und entzieht sich, so daß notwendigerweise eine gottlose Welt zurückbleibt. Natürlich ist dieser Prozeß umkehrbar; aber so sieht der Status quo aus.

 

Ich halte beide Positionen für falsch.

Anderungen sind zwar notwendig – wie wir oben (ein)gesehen hatten –, aber stets in zwei gegensätzlichen oder einander widersprechenden Darstellungen möglich; was der eine als Fortschritt sieht, wird dem anderen zum Rückschritt.

Um diese einander widersprechenden Positionen überwinden zu können, müssen wir also wieder zu Änderungen übergehen – denn bei ihnen gibt es nur eine Variante, und damit besteht Einigkeit.

Die Anderungen, die zum christlichen Glauben bzw. der Säkularisierung oder Aufklärung geführt haben, lassen sich nicht rückgängig machen – selbst wenn wir dies wollten –, weil die Geschichte irreversibel ist.  Aber wir können den „Widerstreit“ (Jean-François Lyotard) zwischen den beiden Anderungs-Interpretationen überwinden, indem wir einen weiteren Horizont – im doppelten Sinne – erstmaligen, der die zwei Anderungen wieder zu einer Änderung vereint, so daß sich lediglich Inhalte wiederholen.  

 

Was bedeutet dies in unserem Beispiel?

Wir benötigen einen stabilen Horizont, innerhalb dessen sich mittelalterlicher Glaube und moderne Säkularisierung als bloße Variationen verstehen lassen. Exakt so, wie es sich innerhalb des Horizonts Weltalter für Mittelalter und Moderne verhält.

Der gesuchte Horizont läßt sich natürlich nicht beschreiben, denn alle Beschreibungen sind nur innerhalb eines – notwendigerweise also noch umfassenderen – Horizonts möglich, und der kann uns natürlich nicht zur Verfügung stehen. Aber wir können dem gesuchten Horizont einen Namen geben und wählen dafür „säkularer Glaube“.

Innerhalb des natürlich ungewußten Horizonts „säkularer Glaube“ werden der mittelalterliche Glaube und die moderne Säkularisierung zu bloßen Variationen. Die Einheit der beiden Seiten besteht in Änderungen, die in beiden Richtungen möglich sind.

 

Der christliche Glaube ist die Säkularisierung des Mittelalters, und die Säkularisierung der christliche Glaube der Moderne.

Im Mittelalter wurde auf die Frage, ob die Menschen Gottes Ebenbild sind, wohl fast nur bejahend geantwortet; so redete man eben und hat das „Glauben“ genannt. Praktisch wurde mit diesen Ebenbildern Gottes trotzdem nicht sehr zimperlich umgegangen; Kriege, Folter, Hinrichtungen, Plünderungen, Ungleichheiten, Massenelend, Ausbeutung . . .

Gegenwärtig verstehen wir immer weniger, was eine Gottesebenbildlichkeit des Menschen überhaupt sein soll, aber wir haben dafür einige Errungenschaften, die alle Möchte-gern-Demokraten zumindest öffentlich bekunden müssen: Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit jedes Einzelnen, Gleichberechtigung, das Verbot von Folter sowie Todesstrafe, die Verurteilung sämtlicher willkürlichen Privilegien, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die Ablehnung jeglichen Stammesdenkens in Politik, Religion oder Kultur usw.

 

Aus einer frommen Theorie ist politische Praxis – oder zumindest schon eimal: Korrektheit – geworden, und was kann sich ein aufrichtiger Christ mehr wünschen, als daß seine Wahrheit – wie der Sauerteig, das Salz oder Licht auf dem Berg – die Geschichte oder Gesellschaft durchdringt und verandert?

„Sollen doch ruhig alle denken, das habe nichts mit meinem Glauben zu tun oder sei gar dessen Ende; mir genügt sein Erfolg. ‚Nicht wer Herr, Herr sagt, sondern wer den Willen meines Vaters tut . . .‘; und der besteht darin, daß alle Menschen das Leben in Fülle haben.“

0.10.2. Atheistische Mystik

Wer explizit danach sucht, findet erstaunlich viele Beispiele überzeugter und bekennender Atheisten, die von umstürzenden, sie aus der – zumindest alltäglichen – Bahn werfenden Erfahrungen berichten. Ich verweise auf Heiner Schwenkes „Transzendente Begegnungen“ und wähle zwei Autoren, die hinsichtlich ihres Bekenntnisses zum Atheismus über jeden Zweifel erhaben sind.

 

Michael Schmidt-Salomon, Mitbegründer und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, schildert in „Jenseits von Gut und Böse“:

„Die Farben leuchteten kräftiger als je zuvor, die Düfte der Pflanzen . . . stiegen betörend in meine Nase. Noch bemerkenswerter war, daß diese starken äußeren Sinneseindrücke begleitet wurden von einem Gefühl größter innerer Ruhe . . . Die Grenze zwischen mir und der Außenwelt schien völlig aufgehoben zu sein . . .“, so daß sich „. . . mein Ich verflüchtigte.“

 

Bei André Comte-Sponville, einem ehemaligen Philosophie-Professor an der Sorbonne, können wir in „Woran glaubt ein Atheist?“ lesen:

„Der Sternenhimmel über mir, unermeßlich, unergründlich. strahlend, und in mir nur dieser Himmel, dessen Teil ich war. . . . wie eine Offenbarung, nur ohne Gott. . . . Endlich hatte ich begriffen, was das Heil ist . . . ich hatte es empfunden, gefühlt, erfahren und mußte deshalb nicht weiter danach suchen.“

 

Es sind wie stets zwei gegensätzliche Anderungs-Interpretationen möglich.

Die christliche könnte etwa lauten:

„Diese verbohrten Atheisten leugnen Gott sogar noch, wenn sie ihn selbst erfahren haben; Paulus war einsichtig, sie sind stur!“

Das Pendant dazu wäre:

„Wir Menschen können offensichtlich Dinge erfahren, die weit über das Gewohnt-Alltägliche hinausgehen. Ich hatte das nicht erwartet, bin aber natürlich offen und lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Warum die Gläubigen immer gleich mit ihrem Gott anfangen, wenn etwas Phantastisches geschieht, verstehe ich freilich nicht. Wahrscheinlich hängt es mit ihrer Tradition zusammen, in der Gott ja oft genug als Lückenbüßer für unbeantwortbare Fragen oder unerklärliche Phänomene herhalten mußte – und die sie nun konsequent fortsetzen.“   

 

Innerhalb eines Horizonts, der beide Positionen zu lediglich variierenden Inhalten macht und somit auf eine bloße Änderung zurückführt, würde ich ungefähr formulieren:

Einem Maulwurf sind höchstwahrscheinlich nur sehr eingeschränkte Erfahrungen möglich. Daran gemessen befinden wir Menschen uns wohl in einer erheblich besseren Position, aber auch unsere Erfahrungen sind endlich. Wie begrenzt, läßt sich natürlich nicht einschätzen, weil uns der Maßstab oder Vergleich dazu eo ipso fehlen muß. Wir können aber nicht ausschließen, daß uns theoretisch Erfahrungen möglich wären, die weit über die alltäglich gewohnten und dadurch bekannten hinausgehen.

Die Grenze, die unsere wirklichen Erfahrungen von den noch möglichen trennt, hat absolut nichts mit Gott zu tun – die Atheisten sind im Recht –, denn er ist derjenige, ohne den es überhaupt keine Erfahrungen gäbe – „die Christen sind im Recht“.

Dummerweise muß ich diese Anführungsstriche setzen, denn die meisten Christen sehen es ja leider gar nicht so, sondern verteidigen vehement die Grenze, die die Atheisten leugnen, weil sie glauben, Gott nur jenseits von ihr finden zu können. 

 

„Ich verstehe; so können Sie aber nur denken, weil Sie unsere bisherigen Erfahrungen nicht als solche einer uns vorgegeben ‚Welt‘ verstehen. Wer dies dagegen glaubt, muß auch eine scharfe Grenze annehmen, denn die eventuellen zukünftigen Erfahrungen ganz anderer Art können dann keine von dieser ‚Welt‘ sein, sondern sich nur auf ihr Jenseits beziehen.

Sehr schön; wir halten bereits hier tollere Erlebungen und damit eine geanderte Welt für möglich. Damit können wir ernstnehmen, daß das Reich Gottes hier und jetzt beginnen soll, und müssen nicht tatenlos darauf warten, daß Gott am „Jüngsten Tag“ mit einer zweiten Schöpfung „alles neu macht“.

0.11. Zwei mögliche Mißverständnisse

Gegenwärtig sind – mit dem Radikalen Konstruktivismus sowie dem Neuen Realismus – zwei philosophische Strömungen en vogue, mit denen unser Ansatz bei oberflächlicher Betrachtung oder anhand bloßer Schlagworte verwechselt werden könnte. Um einer allein daraus resultierenden Ablehnung möglichst vorbeugen und mich von diesen beiden Entwürfen distanzieren zu können, gehe ich kurz darauf ein.

Leser, die eine solche Versicherung nicht benötigen oder denen die beiden Namen ohnehin kaum etwas sagen, können diese zwei Abschnitte bedenkenlos überspringen, ohne den roten Faden zu verlieren.

0.11.1. Radikaler Konstruktivismus

Unser Ansatz stimmt mit dem Radikalen Konstruktivismus darin überein, daß in beiden Fällen die Welt als eine bloße Konstruktionen verstanden wird; damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Es sind vor allem zwei Probleme, die der Radikale Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann und wegen derer ich glaube, ihn ablehnen zu müssen.

 

Der erste Punkt betrifft die Stellung oder Rolle des Gehirns.

Wenn die gesamte Welt eine Konstruktion darstellt, bedarf sie eines Konstrukteurs. Dieser kann aber nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich und würde dem Baron Münchhausen entsprechen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. 

Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem – mit sehr viel unsauberem Gerede –, indem er – ganz auf der Linie der „Neurophilosophie“: Ich = Gehirn – das Gehirn zum Konstrukteur erklärt. Abgesehen von der fundamentalen Frage, woher seine Vertreter das wissen wollen, wenn alles andere eine bloße Konstruktion ist und auch das Gehirn kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Konstrukteur“ trägt, entsteht natürlich das Problem der Grenzziehung:

Wo endet der Konstrukteur, und wo beginnt die Konstruktion? Wie gehen die beiden ineinander über? Wohin gehören das Zentralnervensystem, die Sinnesorgane und die Gliedmaßen?

Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das Gehirn ganz im traditionellen Sinne als eine uns vorgegebene Wirklichkeit denkt und auch denken muß, um einen Konstrukteur – für alles andere – zu gewinnen.

Unser Ansatz ist radikaler; darin spielt das Gehirn keine Sonderrolle, sondern gehört ganz normal der ausschließlich konstruierten Welt an.

 

Die zweite Schwierigkeit, die ich mit dem Radikalen Konstruktivismus habe – und wohl auch er mit sich selbst –, besteht darin, daß der Übergang von der angeblich wirklichen „Welt“ zu einer bloß konstruierten Welt den gewaltigen Unterschied zwischen Erfahrungen und Nach-Denkungen nicht einfach ignorieren kann. Vor der Erfahrung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir – mit Recht –; die entsprechende Nach-Denkung ruft bestenfalls ein wohliges Gruseln hervor.

Konstruiert sind beide, und Erfahrungen können unmöglich als Abbildungen – weder der „Welt“ noch einer Welt – verstanden werden; soweit gehen wir d’accord. Dann muß es aber eine andere Erklärung dafür geben, wieso sich die Erfahrungen trotzdem so fundamental von den ihnen entsprechenden Nach-Denkungen unterscheiden (können).

Wir werden bei unseren Überlegungen ein Hauptaugenmerk auf diesen Unterschied legen; im Radikalen Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergeblich nach einer befriedigenden Antwort gesucht.

0.11.2. Neuer Realismus

Der – sich als Gegenentwurf zum Radikalen Konstruktivismus verstehende – Neue Realismus geht zumindest in Deutschland wesentlich auf Markus Gabriel zurück, der durch seine Bücher „Warum es die ‚Welt‘ nicht gibt“, „Ich ist nicht Gehirn“ und „Der Sinn des Denkens“ auch breiteren Leserkreisen bekannt wurde. Bezüglich der Tatsache, daß es die „Welt“ nicht gibt, stimme ich mit Markus Gabriel völlig überein; jedoch „liegen Welten“ zwischen unseren jeweiligen Begründungen

Dem Neuen Realismus zufolge ist die Frage „Gibt es X?“ – so einfach formuliert – stets falsch gestellt, weil alles, was es gibt, nur innerhalb von Horizonten existieren kann. Allein im Horizont der Religion ist Sinn möglich, nur im Horizont der Politik können Wahlen stattfinden, und im Horizont des „Faust“ gibt es Hexen. Man kann sogar sinnvoll fragen, ob sie dort real vorkommen oder nur im Geist der Protagonisten.

Deswegen ist die lockere Frage „Gibt es Hexen?“ bestenfalls vieldeutig; im Harz nicht, aber im „Faust“. Gibt es Sinn? Im physikalischen Kosmos nicht, aber in der Religion. Gibt es Wahrheit? In den exakten Wissenschaften nicht, aber im Leben. Die Inquisition hat die Hexen an den falschen Stellen gesucht.

 

Gibt es Massenpunkte? In der Wirklichkeit nicht, aber im Horizont der klassischen Mechanik. Hier verhält es sich offensichtlich genau umgekehrt wie bei der Wahrheit.

Massenpunkte bilden praktisch einen inneren Widerspruch, weil ein absolut ausdehnungsloser mathematischer Punkt eine endliche Masse und damit unendliche Dichte haben soll. Deswegen kann es dergleichen in der Wirklichkeit nicht geben.

Die klassische Mechanik gehört nicht zur Wirklichkeit, sondern ist eine Theorie. Wer sie beherrscht, weiß genau, was Massenpunkte sind; es gibt sie nur in dieser und durch diese Theorie, denn sie bildet den Horizont der Massenpunkte. Die Umkehrung gilt ebenfalls; um Massenpunkte zu verstehen, benötigen wir die klassische Mechanik als Horizont, weil sie die Massenpunkte erst ermöglicht, indem sie diese definiert, erklärt und uns darüber nachdenken oder sprechen läßt.

Das gilt natürlich nicht nur für Massenpunkte, sondern für alle geistigen Hervorbringungen. Ohne Religion kein Sinn, ohne Politik keine Wahlen, ohne „Faust“ keine Hexen, ohne Geographie keine Länder und ohne Mythen keine Götter.

 

Der Neue Realismus begeht meines Erachtens zwei Fehler.

Seine potentiell unendlich vielen Horizonte bilden ein völlig undurchschaubares In-, Neben- und Durcheinander. Die „Welt“ stellt den letzten, größten oder umfangreichsten Horizont dar, den Horizont aller Horizonte gewissermaßen. Damit können wir sie natürlich nicht wissen; ihr fehlt notwendigerweise der sie übergreifende Mega-Horizont, der hierfür erforderlich wäre.

Das halte ich für vollkommen richtig, aber Markus Gabriel behauptet darüber hinaus, daß es die „Welt“ deswegen nicht gäbe. Das ist logisch einfach falsch, denn wenn wir sie streichen, ist ein anderer Horizont der größte, der dann auch wieder gestrichen werden müßte, weil es ihn nicht gibt, und so fort – bis alles weg ist.

 

Der zweite Fehler ist jedoch noch gravierender.

Daß alles, was es gibt, einem Horizont angehören muß, stimmt einfach nicht; lediglich geistige Produkte oder Schöpfungen – wie Massenpunkte, Sinn, Wahlen, Hexen, Länder oder Götter – verdanken sich ihren jeweiligen Horizonten, ohne die sie nicht gewußt werden könnten und ohne die es sie also auch nicht gäbe.

Der Horizont aller Horizonte kann somit nicht in der „Welt“, sondern höchstens in einem WELT-Bild bestehen.

 

Würde ein physikalischer Kosmos im Sinne der traditionellen objektiven Realität existieren, so wäre dafür nicht nur kein Horizont erforderlich, sondern es wäre auch völlig unverständlich, was das überhaupt sein sollte.

Den Horizont des wissenschaftlichen Wissens von Granit bildet die Mineralogie. Künstler besitzen einen anderen Horizont und erzählen daher auch anderes über Granit. Aber was meint der neue Realismus mit dem Horizont von Granit selbst? Den Berg?

Es gibt einen Horizont der Urknall- und Evolutionstheorie; er besteht in der modernen Naturwissenschaft. Sie ermöglicht und erzeugt sowohl das Rechenergebnis Urknall als auch das Denkmodell Evolution.

 

Das sind geistige Leistungen, von denen man traditionell glaubt, sie würden den wirklichen Kosmos abbilden oder ihm entsprechen. Aber vollkommen unabhängig davon, ob wir dieser Tradition noch anhängen oder nicht, gestatte ich mir Fragen der Form:

Worin könnten Aufgabe, Funktion oder Notwendigkeit eines Horizontes von Urknall bzw. Evolution selbst bestehen? Was war als Horizont notwendig, damit der Urknall erfolgen konnte? Was unterscheidet eine Evolution mit  Horizont von einer solchen ohne? Worin bestand der Horizont von Granit vor einer Milliarde Jahren?

Symbolische Formen – Eröffnung

Wir rahmen unsere Überlegungen ein mit Hilfe von Ernst Cassirers „Symbolischen Formen“.

Zu Beginn dienen sie uns als Eingangstor, um mögliche Aversionen gegen das Gelesene, die sich bei Ihnen ergeben (müssen) zu verringern. Sie sehen, mit anderen Worten, gegebenenfalls Widersprüche zu Ihren alltäglichen Erfahrungen; daß wir gegen den Strich denken werden und wollen, hatte ich bereits angekündigt – noch eine bestätigende Schrift benötigt wirklich niemand  mehr –, aber tatsächliche Widersprüche zwischen Theorie und Praxis sind natürlich „tödlich“ für ein Buch.

 

Wie kann ich sagen, es gäbe keine „Welt“? Ihr Körper bewegt sich doch 24 Stunden am Tag mehr oder weniger erfolgreich in der Welt?

Den entscheidenden Punkt deuten die Anführungsstriche an:

Für Sie existiert eine ganz normale Welt; exakt so, wie bisher – mit einer einzigen Ausnahme:

Wir behaupten nicht, sie sei für alle Subjektivitäten die gleiche; das ist ja tatsächlich nicht feststellbar, sondern lediglich ein traditionelles Glaubenbekenntnis.

Jeder kennt doch nur die eigene Welt; und daß beispielsweise Anton von der Existenz der UFO’s überzeugt ist, gehört ebenso zu meiner Welt, wie die Tatsache, daß Pünktchen schön angezogen ist. Wir kommen unmöglich aus unserer Welt heraus – und in eine fremde hinein –, denn die Welt ist per definitionem „alles“, was es gibt.

Wir ersetzen also lediglich die objektive „Welt“ der Tradition durch unsere subjektive – aber natürlich ebenso reale – Welt und damit das „alles“, was es an sich gibt, durch ein „alles“, was es für uns gibt und folgen damit unserer „Methode“, alle unnötigen Glaubensbekenntnisse zu vermeiden.

Wir haben, nochmals mit anderen Worten, von der traditionellen „Welt“ nur das gestrichen, was wir partout nicht wissen können; wir kennen unsere Welt. Punkt.

 

„Das geht aber nicht!

Sie könnten ohne Widerspruch je-der Subjektivität ihr eigenes „Welt“-Bild zusprechen, aber nicht ihre eigene Welt. Es gibt zum Beispiel nur ein wirkliches Straßennetz von London – in der einen „Welt“ –; theoretisch könnte es jede Subjektivität sehen, wie sie will – innerhalb ihres „Welt“-Bilds – eben. Das wäre zwar widerspruchsfrei möglich, aber dennoch tödlich.

Zum einen muß das „Welt“-Bild – wie der Name schon sagt – ein Bild von der „Welt“ sein; bei Ihnen wären somit fast alle „Welt“-Bilder falsch; ähnlich wie die mythischen „Welt“-Bilder der Vergangenheit.

Zum anderen würde es natürlich ununterbrochen knallen in London.

Während ich hier schreibe, kommt in mir die Frage hoch, warum es eigentlich in der Vergangenheit nicht ununterbrochen geknallt hat.

Das wundert mich jetzt selbst, ändert aber nichts an der Stringenz meines Einwands!“  

 

Ich gebe Ihnen in zwei Punkten Recht:

1. Das Weltbild ist notwendigerweise ein Bild von der Welt.

2. Es kann nur eine Wirklichkeit geben.

Aber – und jetzt widerspreche ich Ihnen – letztere muß nicht in einer „Welt“ bestehen.

Wir ersetzen sie durch das Leben, das damit an die Stelle von Kants „Ding an sich“ tritt. (Das interessiert jedoch nur diejenigen unter Ihnen, die es spontan verstehen; alle anderen lassen sich überraschen.)

 

„Ich weiß zwar noch gar nicht, worin Ihr Leben bestehen soll, kann den Verzicht auf die „Welt“ jedoch vollkommen unabhängig davon nur beargwöhnen:

Wollen Sie bestreiten, daß das Helleuchtende hier oben die Sonne ist?“

Ich nicht, aber für die alten Ägypter war es der Gott Re.

„Einverstanden; die hatten eben ein falsches „Welt“-Bild; aber selbst sie sahen hier oben dieses Helleuchtende, und das ist nur möglich, weil oder wenn die eine ‚Welt‘ objektiv existiert.“

 

Da bin ich mir nicht so sicher. Sie solten den nächsten (von mir zugeschittenen) Satz Heinrich Rombachs bitte nicht überlesen, sondern ihn bedenken, bis er Ihnen völlig klar ist:

„Ich sehe nicht das Helleuchtende dort, sondern ich sehe dort das Helleuchtende.“

Das Dort-Sein gehört weder zur Sonne noch zum Re; es ergibt sich vielmehr aus dem Sehen. Was wir hören, riechen oder schmecken, befindet sich hier; was wir sehen, muß uns dagegen dort als Gegen-Stand gegenüber-stehen und damit erst den „Raum“ erzeugen. Wir sehen also nicht, was dort ist, sondern es ist dort, weil wir es sehen – und nicht hören, riechen oder schmecken.

Sie haben eventuell schon einmal gelesen, daß der „Raum“ für Kant eine Anschauungsform darstellt. Nehmen Sie das ganz wörtlich; es ist die Form, in der wir in unserer Welt anschauen – aber nicht die Form, wie es in der „Welt“ ist.

 

Wir haben jetzt in zwei Schritten aus der Sonne das Helleuchtende dort und daraus das Helleuchtende gemacht, das möglicherweise als „unräumliches“ Sinnliches zu unserem Leben gehören kann.

Damit sind wir bei den symbolischen Formen.

Ausgehend von einer nicht nur unbestrittenen, sondern sogar unbedingt notwendigen Wirklichkeit – für uns: des Lebens – entstehen intersubjektive Formen symbolischer Welten; die Welten der Kunst, Religion oder Wissenschaft, des Mythos und Alltags beispielsweise. Sie liegen völlig einseitig wohl niemals vor, aber deutliche Prioritäten bestehen natürlich häufig. Die meisten von Ihnen verfügen wahrscheinlich über Welten, die im wesentlichen durch die Wissenschaft bzw. den Alltag geprägt sind. Deshalb, und weil das auch auf mich selbst zutrifft, werden wir uns nahezu ausschließlich auf diese beiden Welt-Formen beschränken. 

 

„Entstehen“ habe ich bewußt von den intersubjektiven Formen symbolischer Welten geschrieben und nicht „erzeugen wir“. Bisher ist weder klar, wer für dieses Entstehen zuständig sein, noch wie es erfolgen könnte; aber daß wir Subjektivitäten keine Intersubjektivität hervorbringen – sondern höchstens behaupten – können, ist evident:

Wie sollten wir Intersubjektivität kontrollieren, wenn uns nur die eigene Welt und das eigene Weltbild zugänglich sind?

 

Ohne die intersubjektiven Formen symbolischer Welten wäre unser Zusammenleben unmöglich, weil die notwendigen Gemeinsamkeiten fehlen würden.

Aber unsere obige Bemerkung, daß uns die Welten anderer Subjektivitäten nicht zugänglich sind, bleibt natürlich trotzdem richtig, so daß wir fortfahren müssen:

Innerhalb der intersubjektiven Formen symbolischer Welten bauen wir uns eine eigene Welt auf; sie ist „nur“ subjektiv – wieso eigentlich: nur? – und weder intersubjektiv wie die symbolischen Formen noch objektiv wie das Leben, aber dennoch unbestreitbar real oder wirklich wie die „Welt“.

1. Der traditionelle Ansatz

Bevor es tatsächlich um unseren eigenen Ansatz, den ontologischen Explikationismus, geht, soll deutlich werden, wovon wir uns trennen möchten und weshalb. Das traditionelle Denken dient uns lediglich als Negativfolie, vor deren Hintergrund unsere Überlegungen erst – wie ich glaube als Verbesserungen – gerechtfertigt werden können.

„Ist das wirklich nötig? Sollten wir diesen Umweg nicht besser weglassen und uns von Anfang an auf das konzentrieren, was es neu zu verstehen gilt? Sehr viel Zeit habe ich nicht . . .“

Das ist kein Umweg; unsere Vorfahren waren doch nicht dümmer als wir; sie haben versucht, ganz stringent zu denken. Wenn Sie dabei trotzdem Fehler begangen haben, sind das Fallgruben auch für uns, denn mehr als ein solcher Versuch ist auch uns nicht möglich.

Wir kommen also nur weiter, wenn wir diese Fallgruben wissen und dadurch umgehen können, so daß wir erst in spätere stürzen.

Ein postmodernes Denken ist also nicht möglich, ohne das ihm vorausgehende hinreichend verstanden zu haben, Wir lassen – wie „versprochen“ – alle Details weg, insbesondere auch die Variationen in Antike, Mittelalter und Moderne, denn der traditionelle Kern, der mir am Herzen liegt, ist stabil:

Stets wurde (an) die eine „Welt“ geglaubt, und das ist meines Erachtens sowohl philosophisch unhaltbar als auch theologisch problematisch.

 

Damit ist bereits gesagt, daß wir unter dem traditionellen Ansatz ein Denken verstehen, das – nach Antike und Mittelalter auch noch – die Moderne ganz entscheidend prägt. Es wurde erstmals von Immanuel Kant kritisch infrage gestellt sowie später massiv insbesondere von Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein; heute gilt ein solches Denken philosophisch weitestgehend als überholt.

Aber nichtsdestotrotz wird dieser Ansatz außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften sowie der Theologie und im Alltagsdenken – noch heute als eine angeblich unhinterfragbare Selbstverständlichkeit betrachtet und feiert dort fröhliche Urständ.

Darin besteht ein Argument mehr, uns die Unzulänglichkeiten dieser Denkform deutlich vor Augen zu führen.

 

Die Hauptgründe für ein solch „stures“ Festhalten an längst Überholtem – wie Physiker, die noch an einen Äther, oder Chemiker, die noch an das Phlogiston glauben würden, – sind meines Erachtens die folgenden:

1. Der traditionelle Ansatz ist sehr einfach und anschaulich – um nicht zu sagen: letztlich primitiv –, weil er der Festkörperphysik und damit einem großen Legobaukasten entspricht.

2. Wer (an) ihn glaubt, braucht nicht nur keine Philosophie, sondern kann nur staunen, daß sich Menschen mit solch „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch alles so klar ist. „Was wollen die eigentlich? Bringt doch nicht alles durcheinander!“

3. Gibt es ernstliche Probleme, kann es also niemals an unserem „Welt“-Bild, sondern muß an unserem Denken innerhalb desselben liegen. Mögliche Alternativen sind völlig unnötig und werden somit auch nicht gesehen oder gar verstanden und einfach ignoriert.

 

Die aus diesem Festhalten an einem alten Zopf resultierenden Schwierigkeiten – beispielsweise in der Ökologie und Theologie – müssen dann notwendigerweise gelöst werden, ohne ihre philosophischen Voraussetzungen auch nur in den Blick nehmen, geschweige denn infrage stellen zu können. Das ist fatal, weil uns heute ganz andere Denkmöglichkeiten zur Verfügung stünden; wir mauern uns in ein selbst gefertigtes Gefängnis ein und versuchen, ihm durch das Stuckatieren der Wände zu entkommen.    

Das zeigt sich für mich nicht zuletzt darin, daß wir den christlichen Glauben zwangsläufig auf eine Weise darstellen, die von denkenden Zeitgenossen abgelehnt werden muß. Die Kirchen werden nicht nur leer, weil die Menschen nicht mehr glauben wollen, sondern auch weil sie es in der angebotenen Form nicht mehr können.

1.1. Urbilder

Wir haben die traditionelle „Welt“ als die Gesamtheit der Seienden eingeführt und der Einfachheit halber zunächst auf den Begriff der Urbilder verzichtet. Für die Moderne spielt das keine Rolle, weil darin Seiende und Urbilder synonym sind. Moritz ist natürlich beides; als Seiendes gibt es ihn oder ist er vorhanden, und als Urbild repräsentieren wir ihn in unserer Psyche.

Beim Übergang zur Moderne hat sich das Vokabular jedoch entscheidend geandert, und in Antike sowie Mittelalter müssen wir sauber zwischen Seienden und Urbildern unterscheiden. Hier wäre Moritz zwar ein Seiendes, aber kein Urbild gewesen.

 

Urbilder sind rein geistige Idealitäten, die als Ermöglichungen fungieren. Ein Paradebeispiel bilden natürlich die Platonischen Ideen, die wir uns am besten anhand solcher Beriffe wie Natürlichkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit usw. verdeutlichen können.

Eine schöne Frau ist ein Seiendes, das teilhat an den Urbildern der Weiblichkeit und Schönheit; ebenso wie die Natur an der Natürlchkeit, Moritz an der Menschlichkeit und der Gerechte an der Gerechtigkeit. Ohne letztere gäbe es keinen Gerechten, weil sie ihn erst ermöglicht.

Wie sich traditionelle Philosophen die Teilhabe vorstellen, muß uns nicht interessieren; ein einfaches Modell wäre vielleicht das Familiengeheimnis, an dem alle Mitglieder der Familie teilhaben.

 

Aristoteles war der Platonische Ideenhimmel zu abgehoben – wie von vielen von uns heute wohl auch. Er war empirischer oder realistischer eingestellt, holte Platons Ideen auf die Erde zurück und machte daraus die Substanzen.

Möglicherweise nicken Sie jetzt bestätigend; das sollten Sie aber nicht tun:

Beim Übergang von Platon zu Aristoteles hat sich im Kern nichts geändert; es wurde lediglich ein Wort gegen ein anderes ausgetauscht, denn die Substanzen gehören ebenso einer bloßen Hinterwelt an wie die Ideen; darauf kommen wir ausführlich zurück.

 

Damit haben wir wenigstens zwei Beispiele; Ideen sowie Substanzen – und weitere uns unbekannte Entitäten – fassen wir als Urbilder zusammen.

Die Seienden sind keine Urbilder, sondern wären von ihnen ermöglicht. Die Idee der Gerechtgkeit bringt die Gerechten – als Seiende – hervor, und ohne die Substanz Apfel könnte es keinen einzigen Apfel – als Seiendes – geben.

Die Seienden sind also kontingent in „Raum“ und „Zeit“ verstreut; hier ist einmal ein Gerechter und dort ein Apfel. Aber die Idee der Gerechtigkeit und die Apfel-Substanz sind – wie sämtliche Urbilder – unabhängig von „Raum“ und „Zeit“ natürlich ewig – überall und immer – die gleichen.

 

Nun bediene ich mich eines Tricks, um eine möglichst einfache und verständliche Ausdrucksweise zu ermöglichen:

In Antike und Mittelalter konnte es beim Erkennen der Wahrheit – nicht um die zufällig-kontingenten Seienden, sondern – nur um die ewig-objektiven Urbilder gehen.

In der Moderne fallen die Urbilder mit den Seienden zusammen, so daß unsere Wortwahl gleichgültig ist. Entscheiden wir uns für „Urbilder“, so betrifft das zwar in den beiden Epochen ganz Verschiedenes, aber stets handelt es sich um das beim Erkennen Abzubildende.

 

Hinsichtlich der Existenz negativer Urbilder gingen die klassischen Überzeugungen auseinander; die meisten Denker lehnten sie wohl ab und bestritten. daß es Urbilder wie Häßlichkeit, Verderbtheit oder Ungerechtigkeit gäbe.

Damit sagten sie natürlich keineswegs, daß alles an den Seienden positiv wäre, sondern erklärten das Negative duch eine „privatio boni“, einen Mangel an Gutem.

1.1.1. Alltägliche und einzelwissenschaftliche Urbilder

Die physikalischen Urbilder sind sicherlich die einfachsten und anschaulichsten. Dort befindet sich der wirkliche Mond; weil wir hinschauen und gesunde Augen haben, sehen wir ihn. Dieses Sehen ist ein ganz vordergründiges Abbilden wie das Photographieren; das Photo entspricht einem Abbild in unserer Psyche.

Natürlich können wir Zahlen oder andere mathematische Urbilder nicht in diesem unmittelbaren Sinne kopieren. Aber wer wie Roger Penrose mit der Tradition glaubt, daß es Zahlen auch ohne uns Menschen oder vielleicht „schon immer“ gibt und sie jetzt kennt, muß die Zahlen notwendigerweise irgendwie abgebildet haben.

Mehr als dieses Uns-Vorgegeben- und Nun-auch-Erkannt-Sein meinen wir nicht mit Abbilden; Repräsentieren oder Wiedergeben – des immer schon Vorgegebenem – wären für uns völlig synonyme Begriffe.

 

Wer glaubt, daß es auf die Frage, was ein wahrer Freund ist, eine eindeutig richtige Antwort gibt, muß letztere als ein Abbild des Urbilds „wahrer Freund“ verstehen. Entsprechendes gilt beispielsweise für Platons Paradebeispiel der Gerechtigkeit oder die sogenannten Transzendentalien das Wahre, das Gute und das Schöne. 

Wenn Sokrates sagte, der Gerechte habe Teil an der (Idee der) Gerechtigkeit, dann mußte er – Sokrates – diese Idee irgendwie erkannt haben. Wahrscheinlich nicht durch ein Abbilden im engeren Sinne; aber in unserem weiteren Sinne muß es ein solches gewesen sein.

Halten wir einen Willen Gottes für relevant, so müssen wir ihn abbilden; solange er nur in Gott ist, kennen wir ihn nicht.

Gelten uns – etwa physikalische oder juristische – Gesetze als wahr, so sind sie bereits aus einem Gesetzeshimmel heraus abgebildet.

Zusammengefaßt könnte es also in jedem Bereich unseres Leben Urbilder geben; nur von den bereits abgebildeten wissen wir natürlich.

 

Urbilder gibt es auf allen Gebieten; wir stellen die physikalischen Urbilder in den Mittelpunkt, weil sie die traditionelle „Welt“ im engeren Sinne bilden, nämlich den physikalischen Kosmos.

Um praktisch nicht mißverstanden werden zu können, beginne ich mit physikalischen Urbildern wie Sternen, Menschen, Steinen, Blumen, Meeren, Häusern, Bäumen, Autos oder Kunstwerken. Die Tradition erklärt sie als – zumindest nach ihrer Herstellung – völlig unabhängig von uns existierend und (von Ausnahmen wie Blitzen und ähnlichem einmal abgesehen) mehr oder weniger stabil. Bäume wuchsen bereits und produzierten schon Sauerstoff, als es noch lange keine Menschen gab. Wenn sie umfallen, gibt es einen lauten Knall, auch wenn keiner ihn hört; die Frage, was ein „ungehörter Knall“ sein soll, müssen wir nicht beantworten.

Ein solches Denken entspricht dem „gesunden Menschenverstand“ und ist etwas für „Praktiker“, die „mit beiden Beinen im Leben stehen“ – und keine Philosophie benötigen. Ihre Überzeugungen sind „erdverbunden“ oder „realistisch“ – aber nicht verständlich und schon gar nicht selbstverständlich, wie sich bald zeigen sollte.

 

Winfried Sellars nannte die Annahme, daß irgendetwas einfach vorhanden ist, den „Mythos des Gegebenen“, und allgemein wird sie in der Philosophie als „naiver Realismus“ bezeichnet. Der Praktiker, der „mit beiden Beinen im Leben steht“, ist naiv, wenn er glaubt zu wissen, wo er steht.

Wer widersprechen möchte, soll uns bitte erklären, was es bedeutet, daß etwas „einfach vorhanden ist“. Kant jedenfalls war sich sicher, daß er es nicht kann, weil sein, existieren, es-gibt oder -ist-vorhanden keine Eigenschaft darstellt.

Das heißt ganz deutlich: Wenn wir sagen es gibt . . ., wissen wir nicht, was wir sagen.

 

Ich sage es trotzdem und darf das, weil ich Ihnen ein Denken nahebringen möchte, das wir gemeinsam hinter uns lassen wollen:

Es gibt diese Urbilder und – vollkommen unabhängig davon oder rein willkürlich – noch jene; sie sind uns vorgegebene zusammenhanglose Einzeldinge. Was ein Tisch ist, hängt nicht davon ab, ob Stühle existieren; und rot ist rot – auch ohne grün.

Die Tradition sah das in der Vergangenheit natürlich häufig anders und stellte – im Sinne einer Schöpfungsordnung – zum Teil verblüffende Zusammenhänge her, die lediglich noch von historischem Interesse und für uns schwerlich nachvollziehbar sind. Eine solche „Naturphilosophie“ ist meines Erachtens ebensowenig haltbar wie ein angebliches „Naturrecht“; beides bleibt also explizit ausgeschlossen, wenn wir von der Tradition sprechen, denn sonst könnten wir die Moderne nicht hinzurechnen.

 

Gäbe es uns nicht, wäre die „Welt“ der Seienden oder Urbilder dem traditionellen Denken zufolge exakt die gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ etwa – wäre zwar richtig, würde aber angesichts der praktischen Unendlichkeit des Kosmos an Größenwahnsinn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir angesichts der „Welt“ pure Nichtse sind; jede einzelne Ameise ist millionenfach wichtiger für ihren Haufen als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, Minderwertigkeits- oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, dann hängt das mit Sicherheit auch an den persönlichen Lebensumständen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, erscheint mir der Gedanke, das traditionelle Denken könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht als völlig absurd.

 

Jacques Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich; ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im traditionellen Denken befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden diesem Ansatz zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Robert Spaemann und Reinhard Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ bezüglich unseres Lebens sehr ernst nehmen sollten; aber müßte dies – im traditionellen Denken – nicht auch für die „Welt“ gelten? Wozu der Aufwand? Die unermeßlichen Distanzen? Weil Gott uns – die Krone seiner Schöpfung – wollte?

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (Blaise Pascal).

1.1.2. Urbilder – wissen, was man nicht weiß

Das Denken bei den Urbildern beginnen zu wollen, ist meines Erachtens ein Unding, denn damit beansprucht man doch schon immer, das zu wissen, was man – angeblich – noch gar nicht weiß,   

Vielleicht kann ich Ihnen den Gedanken, um den es mir geht, am besten anhand der traditionellen Frage nach den Transzendentalien – beispielsweise dem Guten – vermitteln. Das traditionelle Denken weiß, was es geben muß – das Gute –, aber (zunächst einmal) nicht, was das ist oder worin sein Inhalt besteht; es kann also ganz gezielt nach dem fragen, was es nicht weiß.

Aber mit welchem Recht sagen wir, es gäbe das Gute, wir wissen aber nicht, was das ist? Solange damit keinerlei Wissungen verbunden sind, handelt es sich nicht um das Gute, sondern lediglich um das Wort „Gute“. Läßt sich zu Worten das richtige Wissen bestimmen? Wie unterscheiden wir es vom falschen?

Wieso kann man – bereits vor und unabhängig von allem Wissen – sagen, daß es das Gute gibt, aber das Etug nicht? Sie wissen nicht was „Etug“ bedeutet?

Genau so verhielt es sich auch bei „Gute“, bis wir uns dafür etwas einfallen lassen haben.

Lassen Sie sich also auch bei „Etug“ etwas einfallen, dann behaupten Sie, Etug sei ein Urbild und Ihr Einfall das Wissen von ihm.

 

Ich weiß nicht(s); aber das, was ich nicht weiß, ist das Gute.

Das entspricht der „sauberen“ Definition aller Urbilder; das traditionelle Denken glaubt, mit ihnen zu wissen, was es nicht weiß.

Aber ihre „Sauberkeit“ beruht auf der Widersprüchlichkeit dieser Definition, die in der nachstehenden Formulierung deutlich zum Ausdruck komme sollte:

Wir wissen nicht, was das Gute ist.

Aber wir wissen, daß es das Gute ist.

Wir wissen, was wir nicht wissen.

 

Wir können den Glauben an Urbilder somit als vierstufigen Prozeß darstellen:

1. Den Beginnn bildet ein Wort; „Gute“ in unserem Beispiel.

2. Wir behaupten, es besäße eine Bedeutung.

3. So entsteht das Gute als Urbild.

4.. Dieses gilt es nun zu erkennen, indem wir es abbilden.

 

Und dieser Glaube wird beendet durch die Einsicht:

5. Wir haben nichts abgebildet, sondern uns etwas ausgedacht und in ein Außen projiziert.

 

Ich wiederhole nochmals mit einfacheren Worten, weil mir diese widersprüchliche Definition der Urbilder als eminent wichtig erscheint.

Das traditionelle Abbilden ist in Wirklichkeit kein Erkennen, sonden nur ein Suchen; wir haben den Schlüssel verlegt, ein Name fällt uns nicht ein, oder wir haben ein Geburtsdatum vergessen; in jedem Fall wissen wir bereits, was wir suchen – haben es lediglich im Moment nicht parat.

Dieses Suchen hat aber auch nicht das Geringste mit einem Vorgreifen ins Unbekannte zu tun, mit Erstmaligen, Erkunden oder Forschen, so daß es auch ganz konsequent ist, wenn Platon das Finden – nicht als ein Abbilden, sondern – als ein Wiedererinnern der Seele an ihr vorgeburtliches Leben versteht. Sie sucht erfolgreich in ihren Erinnerungen, was sie bereits einmal wußte und nur vergessen hat; ein solches Denken erfolgt völlig zeitlos; es geschieht nichts Neues, sondern es wird nur – bei erfolgreichem Suchen – wiederholt.

 

Platons Lösung des Abbild-Problems können sich die meisten Menschen heute nicht mehr anschließen, und wir unterbreiten auch keinen Gegenvorschlag, sondern lassen das Modell des bloßen Suchens hinter uns.

Die Physiker haben sich nicht daran erinnert, daß es Quarks gibt und sie daraufhin (erfolgreich) gesucht, sondern etwas Neues konstruiert, das noch nie existierte. Die großen Wissenschaftler sind so kreativ wie Künstler, schaffen Erstmaliges, und weder bilden sie Altes ab noch erinnern sie sich wieder daran. Bei Goethe ist das wohl selbstverständlich, warum trauen wir es Gödel nicht zu?

 

Daran zeigt sich wiederum, daß wir mit unserem Ansatz nicht beanspruchen, mehr zu wissen als die Tradition; im Gegenteil, es ist viel weniger, weil wir nicht – schon im voraus – wissen, was wir nicht wissen; das wird sich vielmehr immer erst in der Zukunft zeigen.

Letztlich ist das aber weder bescheiden noch demütig – wie ich es oben relativ zur Tradition noch dargestellt hatte –, sondern nur der ganz normale Verzicht auf Größenwahn.

1.2. "Welt" und "Welt"-Bild

Die Seienden oder existierenden Urbilder bilden die traditionelle „Welt“.

Unsere Beschränkung auf die existierenden ist bei den Urbildern natürlich sehr wichtig:

Wem beispielsweise klar ist, daß es keinen Teufel gibt, muß wissen, was ein Teufel ist; andernfalls könnte er nicht behaupten, daß – gerade – er nicht existiert. Die Frage nach Sein oder Nicht-Sein können wir stets nur hinsichtlich des uns Bekannten beantworten.

Die Seienden bilden die traditionelle sinnlich-geistige „Welt“, und das zugehörige rein geistige „Welt“-Bild umfaßt das Wissen von allen Urbildern, sowohl von den Seienden als auch von den Nicht-Seienden. Das „Welt“-Bild geht also einerseits um die Nicht-Seienden über die „Welt“ hinaus, aber andererseits fehlt ihm die Realität der letzteren.

 

„Darf ich bitte einmal rekapitulieren?

Ein Baby sieht zum Beispiel erstmals sein Bett; das existiert in der sinnlich-geistigen „Welt“ schon sehr lange und erscheint nun in der Baby-Psyche als rein geistiges Abbild. Daran kann sich das Baby nicht stoßen, sehr wohl aber am wirklichen Bett in der „Welt“.

Das Sehen ist also auf die Abbilder gerichtet und das Tasten oder Fühlen auf die Urbilder. Wir sehen in der Psyche, woran wir uns stoßen – stoßen dort aber natürlich nicht an. Das ist wie bei einem Chirurg, der mit Hilfe eines Monitors operiert; letzteres tut er natürlich am wirklichen Körper, aber alles Visuelle auf dem Monitor sind bloße Abbildungen davon.“

 

Das war sehr gut; nur das Chirurgen-„Modell“, das Sie zur Veranschaulichung vorschlagen, ist kein Modell und geht daneben. Ich bin sogar überzeugt, daß kein Modell existieren kann, weil das traditionelle Denken an dieser Stelle widersprüchlich ist.

Ob nun mit oder ohne Monitor; in beiden Fällen existieren nur Sehungen, das heißt, Abbilder. Daß wir eine kleine Schrift sowohl mit bloßem Auge als auch mit Lupe lesen können, hat mit unserem Problem nichts zu tun. Das entsteht erst durch die Tatsache, daß der Chirurg am wirklichen Körper operiert, obwohl er nur ein Abbild von ihm sieht.

Weder sieht der Chirurg den Körper, den er operiert, noch das Baby das Bett, an dem es sich stößt, weil sämtliche Sehungen bereits Abbilder sind.

Ich kann nicht dafür; die Tradition verlangt, daß wir angeblich Abbilder sehen und hören, jedoch seiende Urbilder fühlen und tasten.

 

„Natürlich; das Bett und sein Abbild gehören zwei völlig verschiedenen Sphären an. Jenes befindet sich in der „Welt“ und dieses in der Psyche bzw. dem „Welt“-Bild. Aber die Tatsache, daß das Baby sieht, woran es sich stößt, beweist doch, daß zwischen diesen beiden Sphären ein Abbild-Verhältnis besteht.“

Wieso glauben Sie, daß „das Baby sieht, woran es stößt“?

Es hat zunächst zwei Sehungen; seinen Körper und das Bett. Aber Sehungen können nicht aneinander stoßen, weil sie nur der Psyche des Babys angehören. Wenn „das Baby sieht, woran es stößt“, wie Sie sagten, sieht es nicht, woran es stößt, sondern zu seinen beiden Sehungen kommt noch der Stoß als eine dritte Sehung hinzu.

Die beiden Sphären bleiben also sauber getrennt; dort die Urbilder Körper, Bett sowie Stoß – oder Chirurg, Patient sowie Operation – und hier die zugehörigen Abbilder; es gibt keinelei Wechselwikung.

Das „Welt“-Bild hat nichts mit der „Welt“ zu tun!

 

„Und trotzdem operiert der Chirurg!?“

Das wäre wohl tödlich!

Wir suchen und finden nicht doch noch eine Wechselwirkung, sondern werfen den ganzen traditionellen Ansatz, der zu derartigen Konsequenzen führt, über den Haufen.

 

„Jetzt verstehe ich endlich, daß es keine Vorstellungen von Urbildern gibt; das wäre ja eine Wechselwirkung. Die angeblichen Urbilder sind Projektionen der „Abbilder“, die dann aber natürlich keine Abbilder sein können, sondern einfach Vorstellungen sind. 

Wir denken uns etwas (aus), das Gute oder Etug, – und behaupten es dann als (erkanntes) Urbild.“

1.3. Subjekte als Individuen

Die Tradition unterscheidet an ihren Urbildern zwischen Subjekten und Objekten; zu ersteren gehören Menschen und vielleicht auch Tiere, Pflanzen oder Roboter. Die Worte „Subjekte“ oder gar „Personen“ stehen mitunter sehr hoch im Kurs, und es wird häufig Wert darauf gelegt, daß wir es, etwa bei ethischen Fragen, – nicht mit bloßen Objekten, sondern – mit Subjekten zu tun haben.

Aber das ist lediglich ein belangloser Streit um Worte, denn diese angeblichen Subjekte sind im Kern ebenfalls nur Objekte, da sie von den Körpern her oder gar als Körper verstanden werden.

Ich – Subjekt – bin diesem Ansatz zufolge „mein“ Körper, wobei dieses „mein“ natürlich völlig fehl am Platze ist. Denn falls ich der Körper bin, besitzt das „mein“ keinen Referenten, das heißt, es gibt niemanden, der diesen Körper hat und somit „mein Körper“ dazu sagen könnte; letzterer ist ja selbst das Ich.

Wir waren bereits einmal darauf zu sprechen gekommen und hatten dort insbesondere ausgeführt, daß ein sprechender Roboter auch nicht sinnvoll „mein Roboter“ sagen kann, sondern höchstens „ich Roboter“.

 

Weil es theologisch – und häufig auch philosophisch – unhaltbar zu sein scheint, (zumindest menschliche) Subjekte als bloße Körper zu betrachten, stattet man sie gegebenenfalls mit einer Psyche aus, so daß die traditionellen Subjekte als Individuen in der Einheit von Körper und Psyche bestehen. Paradigmatisch können wir hierbei an René Descartes erinnern, der diese Denkform mit res extensa sowie (allein beim Menschen) res cogitans sauber „more geometrico“ zu begründen versuchte.

Im mittelalterlichen Theater nannte man ein solches Vorgehen den „deus ex machina“: Wir haben ein Problem; es geht nicht weiter, so daß eine Rettung erfunden werden muß. „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“

Aber mit dieser Psyche haben wir wohl mehr Probleme geschaffen als gelöst; drei von ihnen seien kurz angedeutet:

 

Zunächst steht das traditionelle Denken vor der Schwierigkeit, klären zu müssen, wie und wo ein räumlich-materieller Körper mit einer unräumlich-immateriellen Psyche wechselwirken soll. René Descartes entschied sich – nicht begründet, sondern verzweifelt – für die Zirbeldrüse (Epiphyse) als dasjenige Organ, in dem seine beiden Substanzen angeblich aufeinandertreffen (können).

Dieses Körper-Psyche-Problem ist meines Erachtens prinzipiell unlösbar; wir werden es vermeiden, indem wir die Subjektivitäten – die bei uns an die Stelle der traditionellen Subjekte treten – nicht von ihren Körpern, sondern umgekehrt die Körper von den Subjektivitäten her denken.

 

Des weiteren sind uns die Psychen anderer Individuen völlig verschlossen oder unzugänglich, so daß wir bei allen Tieren, bei Embryonen oder Komatösen, Pflanzen und vielleicht sogar Robotern vor der Frage stehen, ob sie tatsächlich eine Psyche besitzen. 

Eine begründete Antwort scheint ausgeschlossen zu sein, obwohl sie insbesondere an den Grenzen des Lebens überaus wichtig wäre. Ab wann gehört zu einer befruchteten Eizelle eine Psyche, und wann dürfen wir die Herz-Lungen-Maschine guten Gewissens abschalten? Müssen wir beim Herztod bleiben, oder dürfen wir – um Organtransplantationen zu ermöglichen – zum Hirntod wechseln?

 

Auch diese Fragen lassen sich partout nicht begründet beantworten; meines Erachtens jedoch lediglich, weil sie völlig falsch gestellt sind.

Wer glaubt, daß eine befruchtete Eizelle lebt, ist ein reiner Materialist, weil er das Leben mit komplexer Biochemie gleichsetzt. Natürlich kann man, um dem zu entgegnen, noch eine „unerklärliche Geist-Seele“ hinzuerfinden, womit wir wieder beim deus ex machina wären – und uns von jedem vernünftigen gesellschaftlichen Dialog verabschieden würden.

Daß Joseph Smith das Buch Mormon aus den ihm von einem Engel gereichten Goldplatten übersetzt haben soll, die – wie die Geist-Seelen – leider unauffindbar sind, glaubt ja auch nicht jeder.

 

Und schließlich sind unsere Körper unabhängig voneinander; jeder von ihnen steht (bei gesunden Erwachsenen) – nicht nur im engeren Sinne des Wortes – auf eigenen Beinen und ist autonom.

Natürlich brauchen wir uns auf der Ebene des Tausches bzw. der Hilfeleistung, aber eben auch nur dort und nicht im Kern oder in der Tiefe unserer Existenz. Körper hängen nicht irgendwie zusammen, sondern sind völlig getrennt voneinander; hier endet mein Körper und dort beginnt der Ihrige; wir haben primär nichts miteinander zu tun. Und wer auf dem Markt des Handels nichts bieten kann, mit dem haben wir auch sekundär nichts zu tun.

Daß Sie mein Buch lesen, finde ich sympathisch von Ihnen, verbindet unsere Gedanken, aber nicht uns selbst als Individuen; Sie bleiben Sie, und ich bleibe ich.

Eine eventuell hinzugefügte Psyche ändert daran nicht nur nichts, sondern potenziert den Körper-Individualismus eher noch.

Das macht zum einen die heutige Vormachtstellung der Ökonomie verständlich – denn sie ist die Wissenschaft von unseren einzigen Verbindungen –, verunmöglicht zum anderen aber jegliche Ethik.

 

Solange wir Subjekte als Individuen denken, das heißt, von ihren getrennten Körpern her – einerlei ob nun mit oder ohne Psyche, bleiben nur moralische Appelle, die bei der – hoffentlich weiterhin – abnehmenden Angst vor Hölle, Tod und Teufel immer weniger fruchten werden. Eine „Moral“, die auf Angst basiert, ist keine Moral, sondern Unterdrückung.

Anders geht es jedoch nicht, weil sich keine Ethik – des Miteinanders, der Gemeinschaft oder Intersubjektivität – entwickeln läßt auf der Grundlage des ihr glatt widersprechenden „Welt“-Bilds getrennter Individuen.

„Er ist wie Du“; das mag ja richtig sein; aber daraus folgt nicht unbedingt, daß ich „den Nächsten liebe wie mich selbst“, sondern möglicherweise nur, daß wir dann eben beide sehen müssen, wo wir bleiben, und vielleicht nicht einmal im gleichen Boot sitzen, sondern gegeneinander rudern.

Man könnte denken, Margaret Thatcher hätte das begriffen: „Ich kenne keine Gesellschaft; ich kenne nur Individuen!“

Das muß nicht das letzte Wort bleiben; tut es aber, solange wir die Subjekte als Individuen verstehen.

 

Letztere verbindet nichts miteinander außer – gegebenenfalls bestehender – gemeinsamer Interessen. Existiert mehr zwischen ihnen, hören die „Individuen“ auf, Individuen zu sein – so daß eine begründete Ethik möglich wird, die auf alle Appelle verzichten kann, weil offensichtlich ist, daß wir uns selbst schaden, wenn wir anderen nicht gerecht werden.

Daß dies tatsächlich stimmt, haben wir wohl alle schon des öfteren erfahren; beispielsweise mit jedem Geschenk, das von Herzen kommt. Aber warum ziehen wir nicht die logische Konsequenz daraus, daß demzufolge unser Verständnis der Subjekte als Individuen falsch sein muß?

Weil wir nur innerhalb unseres „Welt“-Bilds denken können, und darin sind die Subjekte nun einmal Individuen. Daß es anders sein könnte, ist undenkbar.

Es geht hier also nur scheinbar um moralische Fragen. Wenn wir das Gute im Sinne des ethisch Richtigen nicht denken können, existiert es für uns gar nicht. Natürlich ist Liebe immer richtig – weil so herrlich unkonkret.

1.4. Abbildtheorie

Eigentlich könnten wir das Thema „traditioneller Ansatz“ guten Gewissens abhaken, weil sich meines Erachtend bereits deutlich gezeigt hat, daß er inkonsistent ist. Das tun wir aber nicht und bleiben noch ein Stückchen dabei, um weitere problematische Konsequenzen dieses Denkens zu verdeutlichen und zugleich zu sehen, wie wir diese mit unserem eigenen Ansatz vermeiden können.

 

Hackt beispielsweise ein Individuum Holz, so müssen wir folgende Entitäten unterscheiden:

Es gibt objektiv-urbildlich einen Körper, das Holz, eine Axt und die Handlung des Hackens.

Sowohl der Akteur als auch ein anderes Individuum können dieses Geschehen wahrnehmen. Dann befinden sich Abbilder von Körper, Holz, Axt und Handlung als Wahrnehmungen in der betreffenden Psyche; das subjektive Wahrnehmen ist ein Abbilden des Objektiv-Urbildlichen.

Wir können uns obiges Geschehen aber auch vorstellen oder denken. Dann bestehen – ausschließlich – Bilder von Körper, Holz, Axt und Handlung als Nach-Denkungen in unserer Psyche.

Der Akteur kann also gewissermaßen „dreifach hacken“; zunächst wirklich in der „Welt“, des weiteren schaut er sich dabei in seiner Psyche möglicherweise selbst zu, und schließlich kann er es sich dort auch vorstellen – vielleicht abweichend ohne Verletzung.

Der Außenstehende wüßte dagegen ohne sein Sehen nicht(s) vom wirklichen Holz Hacken.

 

Nicht alles, was sich in den Psychen befindet, müssen adäquate Abbilder sein; wir können uns beispielsweise auch  täuschen oder absichtlich phantasieren.

Bei den versehentlich falschen Abbildern sprechen wir von Irrtümern, Fehlern, Ungenauigkeiten oder ähnlichem. „Ich hatte mir den Ayer Rocks nicht so gewaltig vorgestellt.“ Natürlich gehen diese Täuschungen kontinuierlich in die absichtlichen Phantastereien wie Pegasus, Yeti, Osterhase oder Klapperstorch über.

Und schließlich gibt es Erfahrungen – wie Schmerzen, Freuden oder Sympathien –, die selbst traditionell kaum als Abbildungen objektiver Urbilder verstanden werden können.

Unsere Erlebungen umfassen folglich sowohl

– die adäquaten Abbilder als auch

– alle Täuschungen oder Phantasiegestalten und

– urbildfreie Erfahrungen.

 

Unabhängig von dieser Unterscheidung oder quer zu ihr unterteilen wir all unsere Erlebungen in

– Erfahrungen und

– Nach-Denkungen.

Zu ersteren zählen unter anderem die Wahrnehmungen, Empfindungen, Spürungen oder Fühlungen, und zu den Nach-Denkungen gehören die Vorstellungen, Denkungen sowie Wissungen.

Meine Wortbildungen mit der Endung „-ungen“ wirken sicherlich oft etwas gewaltsam. Aber sie sind sehr hilfreich; wir erkennen daran stets, daß von unserer Abbild-Seite, und nicht von der urbildlichen die Rede ist. Dort befindet sich – angeblich – das traditionelle Gesehene oder Gehörte, von dem uns lediglich die Sehung bzw. Hörung gegeben ist.

 

Die zweite Unterscheidung – in Erfahrungen und Nach-Denkungen – ist nicht an die Existenz von Urbildern gebunden, und wir können sie somit auch bei unseren eigenen Überlegungen wörtlich übernehmen.

Nach-Denkungen können richtig oder falsch sein, aber auch im ersteren Fall sind sie unwirklich. Der Eiffelturm beispielsweise kann für uns aktual oder gegenwärtig nur eine Vorstellung, Denkung oder Wissung sein – möglicherweise ist alles richtig, aber trotzdem bleibt die Nach-Denkung als solche unwirklich. 

Erfahrungen sind dagegen in dem Sinne aktual oder gegenwärtig wirklich, daß sie sich nicht guten Gewissens bestreiten lassen. Haben wir Schmerzen, so ist das nicht von der Hand zu weisen; es ist eine Erfahrung und keine bloße Wissung bzw. Nach-Denkung, worauf Ludwig Wittgenstein explizit hinweist.

 

Die Wahrnehmungen stellen spezielle Erfahrungen dar, die natürlich von besonderer Bedeutung sind, weil sie sich auf den physikalischen Kosmos beziehen.

Traditionell befindet sich dort ein Urbild-Auto, und wir haben eine Sehung, Hörung und vielleicht auch Riechung von ihm in unserer Psyche. Im Falle der Wahrnehmungen wirken die Urbilder also unmittelbar in die Psyche der betreffenden Individuen hinein, und sie sind stets richtig.

Bei den Nach-Denkungen fehlt dieser direkte Einfluß, so daß sie unwirklich sind – aber natürlich ebenfalls richtig sein können; wir stellen uns beispielsweise vor, daß sich der Eiffelturm in Paris befindet; täten wir Entsprechendes mit London, wäre unsere Nach-Denkung falsch.

 

„Gestatten Sie bitte, daß ich Sie auf einen kleinen Fehler aufmerksam mache:

Auch Wahrnehmungen müssen nicht richtig sein, wie die Sinnestäuschungen beweisen. Wir können beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es ins Wasser taucht, als gebrochen erfahren; unsere Sehung – wie Sie das nennen – wäre dann ein falsches Abbild.“

Tut mir leid, daß ich Ihnen widersprechen muß; aber der „kleine Fehler“ liegt bei Ihnen:

Der gerade Stab ist kein traditionelles Urbild, sondern auch bereits ein Abbild. Sie sehen ihn doch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in Ihrer Psyche befinden. Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also traditionell zwischen zwei Abbildern – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb der Psyche – und deswegen können wir sie als Urbilder nicht (er)kennen.

1.5. Widerspruch des traditionellen Ansatzes

Der traditionelle Ansatz enthält einen gravierenden Widerspruch, der leicht ersichtlich wird, wenn wir dieses Denken beim Wort nehmen und auf uns selbst anwenden:

Auch wir Menschen gehören – als Körper – zu den Urbildern, und das heißt dem traditionellen Denken zufolge, daß wir auch uns selbst so erkennen (können), wie wir wirklich sind.

 

Somit verfügen wir auf der einen Seite (1) beispielsweise über spezielle – eben menschliche – Sinnesorgane und unterscheiden uns in ihnen teilweise sehr stark von Tieren; denken wir insbesondere an Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe oder Delphine. Ganz abgesehen von Kultur, Sprache, Zeitgeist und vielen anderen möglichen – zumindest nicht völlig absurden – Einflüssen ergibt sich allein aufgrund der Sinnesorgane eine ganz spezielle Wahrnehmungsweise. Wir können nur sehen, wie es der menschliche Sehapparat gestattet, und besitzen zum Beispiel keine Facettenaugen.

Das bedeutet aber, daß wir sämtlichen Abbildungen der physikalischen Urbbilder – und damit all unseren Wahrnehmungen – notwendigerweise einen menschlichen (Sinnes-)Stempel aufprägen. So sehen wir die Welt; Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe und Delphine bilden die objektiven – und damit auch für sie existierenden – Urbilder zwangsläufig ganz anders ab; eben mit ihrem differenten (Sinnes-)Stempel.

Der traditionelle Ansatz zwingt uns also, zwischen der Wirklichkeit der Urbilder und ihren vielfältigen Erscheinungsweisen in den Psychen – der Menschen und Tiere – zu unterscheiden.

 

Auf der anderen Seite (2) erhebt das traditionelle Denken aber den Anspruch, die Urbilder – nicht durch eine menschliche (Sinnes-)Brille verzerrt, sondern – so sehen zu können, wie sie wirklich sind; originalgetreu.  

„Experten“ vermögen es also, die sinnlichen Erscheinungen zu durchdringen und zur ungetrübten Wirklichkeit der Urbilder vorzustoßen. Dieser Glaube an eine „rein geistige Erkenntnis“ ist zwar so alt wie die Philosophie – führt uns aber dennoch auf einen Widerspruch; dies gilt insbesondere für alle, die (an) die traditionelle Evolution glauben und damit die Menschen den Tieren nicht absolut überordnen möchten:

 

Das adäquat abgebildete Urbild menschlicher Körper (2) verunmöglicht durch seine – daraus ersichtlichen – speziellen Sinnesorgane (1) das adäquate Abbilden (2) – aller Urbilder und damit auch dasjenige – menschlicher Körper.

Oder kürzer: Unsere „adäquate Erkenntnis der menschlichen Körper“ (2) beweist durch die dabei erkannten speziellen Sinnesorgane (1), daß sie keine adäquate Erkenntnis der menschlichen Körper (2) sein kann.

 

Dieser Widerspruch wird weitestgehend ignoriert, überspielt oder vielleicht auch gar nicht gesehen.

Der traditionelle Ansatz behauptet zwar, die uns vorgegebene Wirklichkeit der physikalischen Urbilder würde in den individuellen Psychen der Menschen – mittels ihrer Sinnesorgane – abgebildet. Tatsächlich dürften die Sinnesorgane für die Erkenntnis der „gesunden“ Erwachsenen aber überhaupt keine Rolle spielen. Die Vertreter dieses Ansatzes gehen doch naiv-realistisch davon aus, die Wirklichkeit der Urbilder selbst – und keine bloße menschliche Sinnes-Perspektive davon – zu erkennen. Nur letzteres wäre jedoch möglich, würden wir unser Wissen tatsächlich durch Abbilden mittels der Sinnesorgane erlangen.

 

Aber auf die widersprüchliche Behauptung, die physikalischen Urbilder adäquat, das heißt, so wie sie wirklich sind, abbilden zu können, kann das traditionelle Denken auch nicht verzichten, weil es sich sonst in einem heillosen Tohuwabohu verfangen würde:

Entsprächen unsere Erfahrungen nämlich der menschlichen Sinnes-Perspektive, so existierte für uns kein urbildlicher Hund H, sondern nur ein menschlicher Sinnes-Perspektiv-Hund H(M); das heißt das, was ein Hund für Menschen wäre.

 

H ?      H(M)                             

Und wenn letzterer vor unseren Augen eine „menschliche Sinnes-Perspektiv-Katze K(M)“ jagen würde, wüßten wir weder wer das tut – der Hund H ist uns unbekannt – noch was er sieht, denn dies könnte ja nur die hündische Sinnes-Perspektiv-Katze [K(M)](H) sein; was für uns eine Katze ist in Hunde-Perspektive.

 

  H(M)  „jagt“           K(M)                                                      
H ? jagt [K(M)](H) ?  

Wir könnten nicht nur nicht wissen, was Hund und Katze sind, sondern es bliebe uns sogar völlig verborgen, was Menschen sind, denn auch sie sehen wir doch allein in der menschlichen Sinnes-Perspektive

 

M  ?       M(M)                                

Aus dem Menschen würde das, was der Mensch für den Menschen ist. Aber letzteren kennen wir ja nicht, so daß wir diese Ersetzung wiederholen müßten und damit niemals fertig würden.

 

M   →   M(M)   =   M[M(M)]   =   M{M[M(M)]}   =   . . .

 

„Das leuchtet mir ein; aber ich kann im Moment überhaupt nicht sehen, wie Sie dieser Problematik entgehen wollen.“

Das ist ganz einfach; das traditionelle Denken bringt sich selbst in Schwierigkeiten, indem es die Wahrnehmungen nicht als bloße Bilder, sondern als – mehr oder weniger adäquate – Abbilder versteht. Dann muß noch etwas dahinter stehen; es kann folglich nicht einfach das Bild Hund H, sondern muß das Abbild H(M) des Hundes H für uns Menschen sein.

Wir werden somit alle . . . (M) weglassen und die menschenlichen Abbilder H(M), K(M) sowie M(M) durch die Bilder H, K bzw. M ersetzen.

 

Uns ist beispielsweise die Erlebung Eiffelturm gegeben; ob nun als Erfahrung oder Nach-Denkung ist einerlei, denn beides sind nur Bilder. Daß wir sie nicht grundlos als Abbilder behaupten, bedeutet, daß unsere Erlebung keine vom Eiffelturm sein kann, denn damit würde er ja verdoppelt. Zur uns vorliegenden Erlebung Eiffelturm(E) käme das erfundene Urbild Eiffelturm(U) hinzu, von dem jene eine Erlebung wäre. 

Gianni Vattimo nennt dies – und damit seinen eigenen Ansatz – „schwaches Denken“. Es ist nicht schwach im Sinne von ungenau, unlogisch oder fehlerhaft, sondern in seinem „Verzicht auf starke Ansprüche“. Ich würde „starke“ durch „überhebliche“ ersetzen wollen, weil sie sich nur mittels der Schau des Gottes der Philosophen begründen lassen und somit ein Sein-Wollen-wie-Gott voraussetzen.

1.5.1. Zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen

Der traditionelle Widerspruch resultiert aus der Unvereinbarkeit zweier gegensätzlicher Betrachtungsweisen.

 

Die erste von ihnen, die „sinnliche“ Betrachtungswise, geht davon aus, daß wir keine Halbgötter sind, sondern ganz normale Menschen, die – wie die Tiere – über spezifische Sinnesorgane verfügen sowie in einem bestimmten Hier und Jetzt leben. Daraus resultiert ein ganz spezielles Wissen; mit differenten Sinnesorganen an einer anderen „Raum“-„Zeit“-Stelle hätten wir davon abweichende Nach-Denkungen.

Diese Betrachtungsweise nimmt unsere Endlichkeit ernst und beschränkt sich auf das tatsächlich Gegebene. Wir besitzen Erlebungen, und die werden im Verlaufe unseres Lebens immer anders; sie werden kontinuierlich korrigiert, überformt oder aufgehoben. Mehr steht uns nicht zur Verfügung; wie sollten wir also Urbilder erkennen können? Weshalb sollten unsere Bilder in deren Abbildern bestehen? Und wann tun sie das gegebenenfalls? Mit 10 Jahren wahrscheinlich noch nicht und mit 90 bereits nicht mehr; sind 36 Jahre ein gutes Alter?

Franz Rosenzweig formulierte dies im „Stern der Erlösung“ folgendermaßen:

„Daß die Philosophie, wenn sie wahr sein soll, vom wirklichen Standpunkt des Philosophierenden aus erphilosophiert sein muß, . . . Es gibt keine andere Möglichkeit, objektiv zu sein, als daß man ehrlich von seiner Subjektivität ausgeht. . . . Die eigenen Augen sind gewiß nur die eigenen Augen; es wäre aber schildbürgerhaft zu glauben, daß man sie sich ausreißen muß, um richtig zu sehen.“ 

 

Die zweite – schildbürgerhafte – Betrachtungsweise entspricht dem Schauen des Nous mit dem Blick von nirgendwo und nirgendwann. Diese Verneinungen werden zumeist als ein Außerhalb von „Raum“ und „Zeit“ verstanden, aber das scheint mir falsch zu sein, weil es das einerseits für uns gar nicht geben kann, wir aber andererseits an der Schau des Nous teilhaben (möchten).

Deshalb unterscheiden wir zwischen Standort und Standpunkt; der Blick von nirgendwo und nirgendwann bezieht sich nur auf letzteren und entspricht der Subjekt-Objekt-Spaltung:

Alles, was uns begegnet, ist – wie in der Moderne endgültig deutlich wird – nur Objekt, das heißt, es interessiert, berührt oder betrifft uns überhaupt nicht; wir als Subjekte haben damit absolut nichts zu tun. Vielleicht kümmern wir uns trotzdem darum; das ist kein Widerspruch. Adolf Eichmann hat sich um die Juden bemüht – aber sie haben ihn nicht interessiert, berührt oder gar betroffen gemacht; das war „seine Verantwortlichkeit“ (Hanna Arendt) im Dienst, und ihr hat er sich hingegeben.

Das Schauen des Nous oder die Subjekt-Objekt-Spaltung bedeuten also nicht irgendeinen Standort, sondern den desinteressierten Standpunkt, daß wir als Subjekte mit all den Objekten nichts zu tun haben.

 

Der Nous schaut teilnahmslos auf die objektiv-reale Welt, sieht die menschlichen Körper und wie geschickt sie mit- bzw. gegeneinander agieren. Er besitzt und benötigt natürlich keine Psyche, sondern ist reines Schauen der Wahrheit. Aber die gelingende Wechselwirkung unserer Körper kann sich der Nous nicht anders erklären als dadurch, daß letztere sich gegenseitig erkennen und somit eine Psyche besitzen müssen, in der das sekundär abgebildet wird, was er primär schaut.

So entstehen die Individuen für den Nous, und weil das traditionelle Denken gemeinsame Sache mit ihm macht, auch für uns.

Nach der „Aufklärung“ sprechen wir nicht mehr von einem Gott; er heißt jetzt – insbesondere bei Descartes, Kant, Hegel und selbst Husserl noch – „Vernunft“ oder „transzendentales Subjekt“, kann aber allein durch die Namensänerung natürlich weiterhin mit Ihnen bzw. mir als wirklichen Subjektivitäten nichts zu tun haben.

In diesem traditionellen Versuch, wie Gott sein zu wollen, kommen meines Erachtens also viel eher Denkfehler und Naivität zum Ausdruck als Hochmut oder Sünde. Wir beleidigen Gott damit nicht – was wäre das für ein Gott, den wir beleidigen könnten? –, sondern machen uns und vielleicht auch ihm nur das Leben unnötig schwer.

1.5.2. Metaphysik oder Ontologie der Präsenz

Jacques Derrida bezeichnet das traditionelle Denken aus den angedeuteten Gründen als eine „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“ und meint damit Folgendes:

Daß „immer“ Gegenwart ist, bildet lediglich eine Tautologie; aber daß in dieser jeweiligen Gegenwart die gesamte „Welt“ in ihrer „räumlichen“ und „zeitlichen“ Erstreckung präsent sei, stellt eine Annahme dar, die für das traditionelle Denken zwar unabdingbar, aber durch nichts zu rechtfertigen ist.

Daß die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist, wird dabei völlig ignoriert; alles wird in jeder Gegenwart als präsent behauptet, um von diesem bis zu jenem  Ende und von Ewigkeit zu Ewigkeit durch den Nous geschaut werden zu können.

Mit seiner Metaphysik oder Ontologie der Präsenz leugnet das traditionelle Denken notwendigerweise die Wirklichkeit der Zeit.

 

Wir sehen das Gleiche wie der Nous, aber er schaut in einem stehenden Jetzt – Nunc stans – oder der zeitlosen Ewigkeit alles zugleich bzw. synchron, während wir als Sterbliche auf das diachrone Nacheinander der Zeit angewiesen sind.

Wir sprechen nach der „Aufklärung“ „natürlich“ nicht mehr vom Nous, und aus seiner Schau wird unsere Theoretische Physik. Aber das Ziel besteht weiterhin darin, die Wirklichkeit in ihrer gesamten „räumlich“-„zeitlichen“ Erstreckung als mathematisch-naturwisenschaftliche Unverborgenheit aus ihrer sinnlichen Verborgenheit  zu befreien. Wir denken, berechnen oder veranschaulichen nacheinander, lassen unseren Blick diachron über die „Welt“ schweifen und können dabei prinzipiell jede „Raum“-„Zeit“-Stelle beliebig genau inspizieren.

Einfacher formuliert: Rein praktisch bekommen wir es (noch) nicht hin, jedes Ereignis der vierdimensionalen „Raum“-„Zeit“ auszurechnen. Aber ob wir das schon können oder nicht, ist völlig sekundär; theoretisch ist es möglich, und das kann es nur sein, weil ausnahmslos vor dem Nous bzw. uns ausgebreitet liegt oder präsent ist; er schaut es locker, wir rechnen angestrengt. 

Anschaulich gesprochen wird die zeitlose „Welt“ damit zu einem Regallager mit drei „räumlichen“ Dimensionen und einer „zeitlichen“ Ausdehnung. So wie rechts und links, oben und unten sowie hinten und vorn gibt es eben auch früher und später; das Jetzt gehört zur Mitte, und ausnahmslos alles ist im Prinzip stets präsent.

Wir können uns gegenwärtig die Grenzen des Kosmos vorstellen und alles, was darin zwischen Urknall und Jüngstem Tag geschehen ist.

 

Uns muß nicht interessieren, wie wir der Tradition zufolge angeblich zu einer solchen Fast-Schau des Nous gelangen können. Aber wir sollten im Hinterkopf haben, daß jeder, der  „ganz normal“ oder naiv-realistisch die Wirklichkeit zu (er)kennen meint, für sich selbst diese göttliche Sicht beansprucht – ob er das nun weiß oder nicht bzw. will oder nicht.

Im traditionellen Ansatz ist Michel Foucault zufolge ein „Wille zum Wissen“ eingebaut, der scheinheilig als „Wille zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber einen „Willen zur Macht“ darstellt. Denn die Objekte, die wir Subjekte wissen, beherrschen wir; daß sie uns nicht interessieren (müssen), macht die Macht über sie perfekt.

Unsere menschliche Position ist gemäß einem solchen Denken sogar noch viel besser als diejenige Gottes: Wir wissen mit ihm – schauen ihm gewissermaßen über die Schulter –, sind aber nicht verantwortlich; gemacht hat er es – oder wer auch immer; jedenfalls wir nicht.

1.5.3. Die Frage nach dem Sinn

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und das subjektive Leben ebenso sinnlos ist wie die objektive „Welt“. Ich behaupte nicht, daß es Sinn gibt, sondern möchte lediglich darauf hinweisen, daß es im traditionellen Ansatz keinen geben kann.

Das ist zwar kein Widerspruch, aber eine – meines Erachtens – völlig unannehmbare Absurdität. Wenn ein Denken zu Konsequenzen führt, die für mich unglaubwürdig sind, dann muß ich einen solchen Ansatz ablehnen – freilich nicht ohne seine Schwachstellen aufzuzeigen.

 

Um das prinzipielle Fehlen von Sinn im traditionellen Denken zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben Alle Urbilder sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vorliegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „weiß ich schon“. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte, insbesondere also auch die zukünftige „Welt“ ist dem Nous präsent und damit für uns erreichbar. Im Zustand der Vollendung oder absoluten Wahrheit, weiß also jedes Individuum schon zuvor, was es in Kürze tun wird, und tut es dann natürlich auch; andernfalls hätten der Nous sich getäuscht oder wir uns verrechnet.

Anschaulich gesprochen „leben“ die Individuen im Zustand der Vollendung entlang des gewußten „Zeit“-Strahls, wie der Lokführer den gesehenen Schienen folgt.

 

Ob sich derartige Tatbestände mit Freiheit vereinbaren lassen bzw. wie dies gegebenenfalls möglich sein könnte, ist zum Glück nicht unser Problem. 

Deutlich scheint mir aber zu sein, daß das Leben des „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) sinnlos ist, weil es nichts Neues oder Erstmaliges mehr zu tun gibt. Sein Leben erschöpft sich in leeren, weil bereits gewußten Wiederholungen, auf die man auch verzichten könnte.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren des letzten Menschen, denn der „Sinn“ ihres Lebens bestände im Erzeugen der Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren.  

 

Auch diese Absurdidäten entfallen bei uns.

Zum einen leugnen wir nicht die – Wirklichkeit der –  Zeit, so daß insbesondere die Zukunft als absolute Offenheit unbekannt bleibt.

Und zum anderen haben wir uns immer etwas zu sagen, weil wir nicht von angeblich für alle gleichen objektiven Urbildern der „Welt“ sprechen, sondern über unser subjektives Leben. Dadurch kann der Andere uns stets persönliche Erfahrungen vermitteln kann, die uns unzugänglich sind, weil wir – nicht sein, sondern – nur das eigene Leben kennen.

1.6. Es gibt kein Abbilden

Möchte man der Tradition folgend die betreffenden Erfahrungen mittels der Urbilder erklären, so gibt es zwei Möglichkeiten; sie könnten selbst die Urbilder sein oder bereits deren Abbilder

Bestehen die Erfahrungen – speziell physikalische Wahrnehmungen wie Sonne, Mond und Sterne beispielsweise – in den Urbildern, sind uns letztere selbst gegeben. Dann gibt es weder ein Abbilden noch Abbilder; beide kommen gar nicht vor, weil sie nicht benötigt werden; wir sehen in unseren Erfahrungen direkt oder unmiittelbar die Urbilder selbst.

Sind die Erfahrungen dagegen Abbilder, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt; in diesem Fall fehlen zusätzlich noch die Urbilder.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Erfahrungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden; in dem einen Fall ohne Abbilder, weil uns die Urbilder selbst gegeben sind, so daß sie nicht erst abgebildet werden müssen, und in dem anderen ohne Urbilder, weil die Abbilder bereits vorliegen, ohne daß wir Urbilder abgebildet hätten.

Wir müssen diesem Denken zufolge aber abgebildet haben; erinnern sie sich an das Baby oben, das zum ersten Mal den Mond sieht, der schon sehr lange existiert.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Denkrichtung um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

1.6.1. Urbilder durch Zirkelschluß

„Ich fühle mich ausgetrickst! Sie haben Recht, aber wahrscheinlich nur wegen Ihrer sauberen Alternative, die ERfahrungen seien entweder Ur- oder Abbilder. Wo steht denn das?

Zugegeben; wir erfahren die Urbilder nicht unmittelbar – aber doch mittelbar: Fast alle Menschen stimmen in der Beschreibung unserer (physikalischen) Wahrnehmungen überein; jeder sieht dort die Sonne, hier den Laptop usw. Das läßt sich doch nur so erklären, daß wir sie als Abbilder ihnen vorgegebener Urbilder verstehen.

In diesen Abbildern erkennen wir also indirekt oder mittelbar die Urbilder.“

 

Ihr Argument scheint sehr stark zu sein, verliert aber bei genauerem Hinschauen weitgehend an Überzeugungskraft:

Wir alle sind uns bezüglich der Wahrnehmungen weitgehend einig; das erklären Sie traditionell durch Urbilder. Können wir jene als die Abbilder von diesen auffassen, wird unsere Übereinstimmung (selbst)verständlich.

Aber woher wissen wir eigentlich von den Urbildern? Doch allein durch ihre Abbilder.

Das heißt, wir erklären die Abbilder durch Urbilder, von denen wir ohne die Abbilder gar nichts wüßten.

 

Das ist ein perfekter Zirkelschluß!

Von den Urbildern wissen wir allein durch die Abbilder.

Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch den Donner.

Donar macht uns den Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Donar ist meines Erachtens offensichtlicher Unsinn, und die Urbilder . . .

 

Daß wir Urbilder zur Erklärung der Wahrnehmungen benötigen, weil uns kein anderes Verständnis ihrer Intersubjektivität zur Verfügung steht, beweist doch nicht die Richtigkeit dieser Überlegung. Denknotwendigkeit kann auch aus mangelnder Phantasie, Desinteresse oder Denkfaulheit resultieren.

Beides – Urbilder und Donar – sind Versuche, etwas verständlich zu machen; sie mögen ihre Zeit und wohl auch ihr Recht gehabt haben. Aber wenn wir ihre Schwachstellen erkennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten. 

1.6.2. "Unphilosophische" Hilfestellung

Was ich bisher in diesem ersten Teil geschrieben habe, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen, fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich jetzt nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, würde ich aber der Deutlichkeit halber nicht ergänzen wollen, weil wir damit bereits eine Voraussetzung zumindest nahelegen, die sich absolut nicht begründen läßt. Sie besteht darin, daß sich dort an sich, völlig unabhängig von uns und unserem Hinschauen, noch eine – andere – Sonne befindet.

Wer – mit der Tradition – so denkt, benötigt zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht. Allein auf sie könnte sich dieses „Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“ ja beziehen; es ist die wahrgenommene Sonne.

Blicken wir auf diese Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild). Die Tradition verlangt zwei SONNEN, obwohl wir nie doppelt sehen und somit insbesondere keine Möglichkeit des Vergleichs haben, der unsere Sonne tatsächlich als ein Abbild der Sonne ausweist. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das – niemals auftretende – Abbilden als Selbstverständlichkeit voraussetzt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie – die zweite Sonne – nicht dort wäre, und das Abbilden ist der notwendige Weg, der von dieser zu jener führt.

Das traditionelle Denken verdoppelt die Sonne, indem es eine abzubildende Sonne hinzuerfindet. Niemals wurde sie gesehen, aber alle traditionell Denkenden sprechen von ihr.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

„Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Sie behaupten die Sonne als Wahrnehmung von der Sonne, ohne daß diese ominöse Sonne selbst eine Wahrnehmung darstellen würde, und obwohl sie nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um diese erklären zu können.

Wie auch immer das Verhältnis dieser beiden SONNEN gedacht werden mag: Die Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das in keinster Weise zu rechtfertigen ist.

 

„Doch, die Existenz der Sonne läßt sich rechtfertigen; denn durch diese ‚Erfindung‘ – wie Sie es leider nennen – können wir die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens erklären. Bei Ihnen muß die Wahrnehmung Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Natürlich müssen wir erst noch begreifen, wie diese Erfahrung ohne eine Hilfs-Sonne möglich wird; insoweit gebe ich Ihnen Recht.

 

Aber Ihre Position ist doch nicht besser, denn Sie müssen verständlich machen, woher Ihre Sonne kommt, das heißt, Sie übertragen die schwierige Frage nach dem Woher von der Sonne auf die Sonne. Wir müssen also beide bei jeweils einer SONNE die Entstehung klären; bei Ihnen kommt noch das zweite Problem einer willkürlichen Erfindung hinzu.

Ein unvoreingenommener Richter dürfte somit zu dem Urteil kommen, daß beide Ansätze auf die Frage nach einer noch ungeklärten Herkunft führen; der traditionelle bei der Sonne und der unsrige bei der Sonne. Aber was Stringenz oder Geradlinigkeit anbetrifft, ist unser Ansatz im Vorteil, weil er ohne Erfindungen auskommt; er hat ein gewaltiges Problem weniger.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere; daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erfahren, resultiert nicht aus der angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatikalisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

Letzter Versuch:

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne durch die Bäume einen Turm schimmern; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden sind wir dort.

Nach diesem Modell werden Ur- und Abbilder wohl zumeist gedacht. Aus der Ferne hatten wir nur ein Abbild, und nun ist der Turm – das Urbild – erreicht. Aber daran stimmt natürlich gar nichts, weil nie ein Umschlag von dem einen Turm in den anderen erfolgt.

Selbst wenn der traditionelle Ansatz richtig wäre, hätten wir ihn mit diesem Modell völlig falsch verstanden, denn darin ist uns immer nur der Abbild-Turm gegeben. Wir kommen ihm immer näher, so daß er größer wird und wir ihn schließlich sogar angreifen können; aber auch das stellt lediglich eine Turm-Wahrnehmung innerhalb unserer Psyche dar.

Und wenn Sie sich jetzt selbst fragen, wo dann der Ur-Turm außerhalb von ihr bleibt, haben wir unser Ziel erreicht.

1.6.3. Physikalische "Abbild"- sind lediglich Kopier-Theorien

„Daß es kein Abbilden geben soll, will ich gar nicht glauben, Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild erfährt der Optiker, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut kopiert wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre Kopie erfährt der Optiker, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren philosophischem Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine Kopie auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von soeben – zu Sehungen – der Sonne in dem Fall – abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den „Raum“ vom Straßenrand in die Augenhöhle kopieren lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

„Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu letzterem sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, muß sie noch lange keine Theorie des Sehens sein, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – sehen wir nichts.

Sind nur sie erfüllt, sehen wir jedoch auch nichts.

 

Diesen notwendigen Voraussetzungen werden häufig hinreichende gegenübergestellt. Das Anliegen, das darin zum Ausdruck kommt, teile ich zwar 100%-ig, halte seine Darstellungsweise aber für unglücklich.

Es gibt nicht eine zweite Art von Voraussetzungen für unsere Sehungen, um bei diesem Beispiel zu bleiben, sondern sie müssen ermöglicht werden.

Wir können aufzählen, unter welchen Bedingungen Sehungen nicht möglich sind, weil es sich hierbei um einzelne – besser: diskrete – Voraussetzungen handelt.

Wir können jedoch nicht aufzählen, unter welchen Bedingungen Sehungen möglich sind. Das sind zum einen gar keine Voraussetzungen, sondern die Sehungen müssen ermöglicht werden. Das geschieht duch unser Leben; würden wir nicht leben, gäbe es auch keine Sehungen. Und zum anderen besteht das Leben nicht aus diskreten Elementen, sondern bildet ein kontinuierliches Geschehen.

 

Natürlich finden wir auch für die „Ermöglichung des Sehens“ beliebig viele richtige Erkenntnisse; zum Beispiel müssen wir hinreichend gesund sein, um leben und damit insbesondere sehen zu können. Aber zum einen werden wir mit dem Aufzählen derartiger diskreter Erkenntnisse nicht fertig, weil die Ermöglichung unerschöpflich ist, und zum anderen wandeln sie sich – indem wir sie erkennen – von „hinreichenden“ in notwendige Voraussetzungen um

Dieser letzte Gedanke ist wohl ebenso überraschend wie fundamental, und wir werden noch ausführlich darauf zurückkommen (müssen). Seine Begründung dürfte jedoch bereits verständlich sein:

Die notwendigen Voraussetzungen des Sehens müssen dem „Welt“-Bild angehören – ansonsten wüßten wir sie nicht –, während seine Ermöglichung im Leben selbst besteht. Wenn wir letzteres „auf den Begriff bringen“, das heißt, eine „hinreichende“ Voraussetzung formulieren wollen, gleiten wir somit zwangsläufig in das „Welt“-Bild ab und erhalten eine notwendige.

Es ist also nicht nur denkbar, sondern sogar anzunehmen, daß in einer fremden Kultur ganz andere Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um sehen zu können; beispielsweise könnte es der Freundschaft mit dem Gott Videus bedürfen.

1.6.4. Erlebungen ohne Erlebtes

„Ich kann Ihnen nich gut widersprechen; aber das liegt vielleicht auch daran, daß Ihre Überlegungen etwas abstrakt sind. Könnten Sie uns bitte einmal an einfachen Beispielen zeigen, wie Erlebungen ohne Erlebtes überhaupt möglich sein können.“

 

Ja; sehr gerne.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen oder originell sind –, so denken Sie vielleicht, Sie hätten mich (richtig) verstanden. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.  

 

Bei den Wahrnehmungen verhält es sich natürlich analog, aber wir müssen vielleicht noch höllischer aufpassen, um uns nicht in den eigenen Redewendungen zu verhaspeln:

Nehmen Sie als Beispiel den Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Baum wahr“. Er wird im allgemeinen so verstanden, daß dort ein Baum steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Baum das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Baum.

Die Formulierung „Ich nehme einen Baum wahr“ läßt sich also fast nur traditionell – im Sinne einer Verdopplung zu zwei BÄUMEN – verstehen und besagt dann, daß wir einen Baum wahrnehmen und als Baum-Wahrnehmung abbilden.

Wo soll sich denn dieser wahrgenommene Baum befinden?

„Im Wald natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern problematisch, weil wir unseren Baum-Disput von soeben nun als Wald-Disput fortsetzen müssen:

Es gibt zwei WÄLDER; den wahgenommenen Wald und die Wahrnehmung Wald. Der Baum steht im Wald; beides sind Wahrnehmungen. Der Baum kann nur im Wald sein; das wäre zwar konsequent, aber keine Antwort, weil ich dann meine Urbild-Frage wiederholen würde:    

Wo soll sich denn dieser wahrgenommene Wald befinden? In der Landschaft. . .

 

Der Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Baum wahr“ ist also zumindest sehr irreführend; viel unmißverständlicher sprechen wir von der Wahrnehmung Baum bzw. dem Baum als Wahrnehmung. Die Landschaft, der Wald oder Baum ist die Wahrnehmung, denn es gibt jeweils nur ein Exemplar.

Beschränken wir uns auf das Sehen, wird dieser Sachverhalt noch deutlicher:

Die Sehung – und kein gesehener – Baum befindet sich dort. Denn das Dort-Sein ist keine Eigenschaft des Baumes, sondern eine der Sehungen.

„Wir sehen nicht den Baum dort, sondern wir sehen dort“ – alles, unter anderem auch – „den Baum“ (Heinrich Rombach). Das Sehen erzeugt Gegen-stände, die uns in Distanz ent-gegen-stehen und sich deshalb immer dort, im Raum oder Außen befinden (müssen).

Der Raum, könnten wir an Kant anknüpfen, ist eine Form der Sehungen, eine  Anschauungsform im engeren Sinne.

Ganz anders verhält es sich dagegen beispielsweise bei den Hörungen, die stets hier erfolgen, uns somit durch Mark und Bein gehen oder zum rhythmischen Bewegen animieren können. Wir hören die Musik hier, auch wenn die Sehung Band – im visuellen „Welt“-Bild, das unsere Vorstellungen bestimmt, – 50 m entfernt ist.   

 

Apropos Vorstellungen.

Bei den Wahrnehmungen gilt also exakt das Gleiche, was wir uns oben bereits für die Vorstellungen überlegt hatten und somit nun allgemein formulieren können:

Es gibt bei uns keine Erlebungen von X, sondern nur die Erlebungen X oder Erlebungen namens X. Für sie genügt die eine Ebene der Bilder, während bei jenen die zwei Ebenen der Ur- bzw. Abbilder erforderlich sind. 

1.6.5. Wissen ohne Gewußtes

„Ja; aber das würde doch geradezu bedeuten, daß es Wissen ohne Gewußtes geben müsse; ein absurder Gedanke!“

Nein; das ist er nicht einmal im traditionellen Denken – und dort ist vieles absurd.

Wissen wir nicht, was Marsmenschen sind, können wir ihre Existenz nicht sinnvoll bestreiten.

Wir benötigen dafür also das Wissen Marsmenschen.

Verfügen wir darüber, lehnen wir ihre Wirklichkeit möglicherweise ab.

Soll das Wissen Marsmenschen etwa aufhören Wissen zu sein, wenn es keine Marsmenschen – das zugehörige Gewußte – gibt? 

De Tradition müßte lediglich ihre unausgesprochene Voraussetzung aufgeben, das Wissen X sei Wissen von X; sie ist tatsächlich unhaltbar.

 

Stellen Sie sich vor, bei einem gemeinsamen Essen erklärt Ihnen ein Afrikaner ganz stolz, was er alles schon von der europäischen Kultur gelernt hat. Er weiß sogar bereits, daß der Osterhase die Babys bringt und der Klapperstorch die Eier.

Vielleicht fühlen Sie sich bemüßigt ihn aufzuklären; aber was heißt hier „aufklären“; Sie glauben natürlich keine der beiden Varianten – und besitzen dennoch an dieser Stelle einen Wissensvorsprung gegenüber Ihrem Gesprächspartner.

 

Traditionell gibt es Wissen, das ein Wovon besitzen kann; ist das der Fall, dann besteht dieses Wovon in Urbildern.

Den entsprechenden Satz bei uns können Sie noch nicht verstehen; wir kommen ausführlich darauf zurück. Aber vielleicht ist es hlfreich, wenn Sie schon ein bißchen schwanger mit ihm gehen:

Bei uns gibt es Wissen, das ein Wovon besitzen kann; ist das der Fall, dann besteht dieses Wovon in Erfahrungen.

1.7. Sprachverhexung des Denkens

Die Überschrift dieses Kapitels könnte von Ludwig Wittgenstein stammen; er meinte damit, daß die Sprache uns häufig irreleitet, weil wir ihren Regeln folgen (müssen) und damit rein grammatische Sachverhalte fälschlicherweise als philosophische mißverstehen können. Philosophieren besteht seines Erachtens vielleicht allein darin, gegen diese Sprachverhexung unseres Denkens anzugehen – in einem Kampf, der wohl niemals gewonnen werden kann.

 

Ein Paradebeispiel für diese Verwechslung von Grammatik und Philosophie hängt eng mit dem Begriff des Subjekts zusammen.

Auf der einen Seite steht die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur der indoeuropäischen Sprachen, derzufolge normalerweise jeder Satz ein grammatisches Subjekt verlangt.

Das Subjekt stellt auch einen Grundbegriff der modernen Philosophie dar, aber dabei handelt es sich natürlich um ein ganz anderes Subjekt; die beiden haben rein gar nichts miteinander zu tun. In „der Wind weht“ fungiert  der Wind als grammatisches Subjekt, aber wohl keiner von uns wird in ihm ein philosophisches sehen wollen, wie es pausbäckig in Kinderbüchern auftritt.

 

Um das Problem im Hinblick auf unsere weiteren Überlegungen zu konkretisieren, schauen Sie jetzt bitte einmal auf Ihren Laptop. Diese Situation können wir beschreiben durch:

Ich-sehe-Laptop.

Philosophisch ist das sehr gut; es gibt nur eine einzige Entität – dieses Ich-sehe-Laptop als Ganzheit – und weder ein einzelnes Ich noch einen davon isolierten Laptop.

Sprachlich geht das freilich nicht, sondern wir müssen sagen: „Ich sehe (den) Laptop.“ Die Grammatik verleitet uns also zu philosophischen Fehlern; auf einmal gibt es unabhängig voneinander sowohl ein Ich und einen Laptop als auch ihr Sehen bzw. Gesehen-Werden; „aus Eins macht die Sprache Drei“.

Das inhaltlich Richtige – das philosophische Ich-sehe-Laptop – wird durch die (Verhexung der) Sprache in drei Bestandteile verwandelt, denn wir benötigen grammatisch Subjekt, Prädikat und Objekt. Das einzige wirklich Gegebene oder Unbestreitbare – Ich-sehe-Laptop – wird sekundär und tritt in den Hintergrund, weil wir auf grammatische Konsequenzen hereinfallen.

 

Das traditionelle Denken überrascht um so mehr, je intensiver wir versuchen, uns hineinzudenken:

Das Gegebene wird ignoriert und durch zwei Erfindungen – das Ich sowie den Laptop – ersetzt.

Damit stehen die Vertreter dieses Ansatzes vor dem Problem, wieso das Ich eigentlich von dem Laptop wissen kann, und lösen es durch Abbilden.

Indem ein konstruiertes Ich angeblich einen konstruierten Laptop abbildet, sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – bei dem Ich-sehe-Laptop.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß es kein Abbilden gibt.

Nun sehen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir gleich bei dem uns Gegebenen bleiben.

Natürlich müssen auch wir letzteres – konkret also das Ich-sehe-Laptop – erst noch erklären; aber das geht gewiß nicht mittels willkürlicher Erfindungen, die weder verstanden noch gerechtfertigt werden können.

1.8. Hinterwelt

Wenn die Urbilder einem Zirkelschluß entspringen, das Abbilden niemals vorkommt und auch gar nicht benötigt wird, können wir zusammenfassen, daß die angeblich objektiv-realen Seienden einer erfundenen Hinterwelt entsprechen; diese bilden oder ihr angehören.

 Wie sollten wir die Annahme, dort wüte der grasgrüne Steinbeißer, jemals verifizieren oder falsifizieren (können)? Natürlich ist das Unsinn; aber das ist es nicht wegen dieses dummen Beispiels, sondern wegen seiner Lokalisierung in einem Außerhalb unserer Erlebungen.

Folglich handelt es sich um exakt den gleichen Unsinn, wenn wir an dieser Stelle etwas Vernünftiges unterbringen – was auch immer; den Eiffelturm, Mond oder Urknall, die Materie oder objektive Realität bzw. einen Gott.

Letzterer wäre „ein Gott, den es gibt“, aber „den gibt es nicht“, wie Dietrich Bonhoeffer unsere Einsicht formulierte.  

 

Anders gesagt: Wenn uns etwas gegeben ist, können wir sinnvoll darüber nachdenken und sprechen.

Behaupten wir jedoch, es existiere an sich auch völlig uabhängig von seinem Uns-gegeben-Sein, so haben wir das unmöglich erkannt; wie sollte man Nicht-Gegebenes oder Unzugängliches erkennen? Jede Aussage bezüglich einer solchen Existenz von X stellt also – völlig unabhängig davon, um was für eine Entität es sich bei X handelt, – eine bloße Projektion dar, und diese führt zu den Urbildern in einer Hinterwelt.

Nichts kann aus ihr abgebildet werden, weil sie uns hierzu gegeben sein müßte.

Aber jedes X kann als Urbild in die Hinterwelt projiziert werden, weil hierfür der bloße Doppel-Glaube, zum einen daß es die Hinterwelt gibt und zum anderen daß X dort existiert, genügt.

 

Was Ludwig Feuerbach in seiner Religionskritik bei Gott richtigerweise erkannt hat, gilt natürlich ebenso für Materie, Realität, Kosmos, Energie, Evolution oder was auch immer sich in der Hinterwelt befinden soll.

Hinterwäldlerisch wird unser Denken nicht durch die speziellen Entitäten, sondern allein durch den Ort, an den wir sie – welche auch immer – stellen. Wer die objektive Realität dort annimmt, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der den Teufel an dieser Stelle glaubt.

 

Beide wissen vielleicht sehr genau, wovon sie sprechen, täuschen sich aber in dessen Verortung. Das, woran wir fest glauben – ob nun objektive Realität oder Teufel ist einerlei –, gehört nicht zur Hinterwelt, sondern zu uns.

Wir bestimmen uns selbst; natürlich durch unser freiheitliches Handeln, Sprechen und Denken, aber auch durch unser Glauben oder Für-wahr-Halten. Wir sind selbstverständlich der, der gegebenenfalls Geld spendet; jedoch ebenso der, der (an) X, Y und Z glaubt. Wir sind ebenso der Glaubende wie der Spendende, und können uns nicht damit entschuldigen, daß es X, Y un Z wirklich gibt.

Mein gesamtes Leben ist mein gesamtes Leben; es gibt keine Seienden, hinter denen wir uns verstecken oder mit deren Vorgaben wir uns entschuldigen können; weder Dinge noch Werte, Gesetze, Vorschriften, Gebote oder dergleichen.

 

Physiker beispielsweise sprechen über Materie; befände sie sich in einer Hinterwelt, müßten sie raten, phantasieren, lügen, würfeln oder Märchen erfinden. Keiner von uns wird den Physikern dergleichen unterstellen wollen; dann dürfen wir aber auch nicht behaupten, sie würden über eine objektive Realität sprechen.

Vielmehr haben Physiker Wissungen, leiten daraus mögliche Experimente ab und antizipieren deren Ergebnisse. Diese führen zu neue Wahrnehmungen und bewirken damit eventuell eine Korrektur der bisherigen Wissungen, so daß sich die Forschungs-Spirale – innerhalb des uns Gegebenen – wieder eine Runde weiterdreht.

Georg Picht beschrieb Philosophieren als den Versuch, „zu verstehen, was man selbst sagt“. Letzteres möchte ich gerne; dafür wird sich dieses – eigentlich sehr einfache und selbstverständliche, wenn auch zumeist übersehene – Ergebnis als von kaum zu überschätzender Bedeutung herausstellen.

Zwei Konsequenzen ergeben sich bereits an dieser Stelle:

 

Zum einen können wir zwar auch die abstrusesten Erlebungen ganz leicht projizieren und in der Hinterwelt – als vielleicht sogar Erfahrenes – für wirklich halten. Aber wir verstehen selbst nicht, was wir dabei tun, denn jedes angeblich Seiende bleibt leer in einem doppelten Sinne:

Wenn die Hinterwelt gar nicht existiert und nur eine Vorstellung von uns darstellt, bildet sie bereits eine erste Projektion

Und jedes Seiende, von dessen Wirklichkeit wir felsenfest überzeugt sind, stellt eine zweite Projektion dar – hinein in die erste der Hinterwelt.

 

Zum anderen will ich Ihnen momentan etwas wegnehmen; aber selbst wenn es mir gelänge, würden Sie nichts davon merken und keinen Verlust erfahren. Es handelt sich doch lediglich um den unsinnigen und irreführenden – wenn auch nicht konsequenzenlosen – Glauben an eine Hinterwelt.

Ihre Erlebungen bleiben davon völlig unberührt, denn ein X aus der Hinterwelt können Sie unmöglich jemals erleben bzw. erlebt haben.

1.8.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Erlebungen auftreten (können) und noch niemandem Urbilder begegnet sind, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften (an) Urbilder und projizieren somit nicht zuletzt ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß unsere Forschung die neutrale Abbildung einer objektiven Realität sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen „Welt“-Bild mit seinem Glauben an die hinterwäldlerische „Welt“ einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme. Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; naiv oder verantwortungslos.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser „Fortschritt“ immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neuere stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres „Lebens“ immer mehr zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben.

1.8.2. Wahrheit und Überzeugung

Verzichten wir auf die Hinterwelt, können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ und Nobelpreisträger mit Recht und Erfolg an ihrem jeweiligen subjektiven Weltbild, von dem sie überzeugt sind, orientieren.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es die eine wirkliche „Welt“ gäbe?

 

Friedrich Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre ‚Welt‘ zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der Weltbilder, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und alle „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses postmodernen Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Krieg, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur der künstlichen Intelligenz usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die Aufklärung, können uns aber partout kein Hinter-die-Aufklärung-zurück wünschen, wenn wir subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Da subjektive Weltbilder keine Bilder von einer objektiven „Welt“ sind, können sie auch weder wahr noch unwahr sein.

Sie dienen uns zur Orientierung, und wir kennen sicherlich alle zahlreiche Menschen, bei denen wir uns nur wundern können, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich auch diesen Menschen mit uns.

Vielleicht sind wir felsenfest von unserem Weltbild überzeugt; dies kann sich jedoch nicht auf seine Wahrheit beziehen, denn wir wüßten gar nicht, worin eine solche bestehen sollte. Unsere Überzeugung besitzt vielmehr die Form, daß wir bei bestem Willen nicht anders denken können; aufgrund unseres bisherigen Lebens mit all seinen Erlebungen müssen wir unsere Welt so sehen.

Wer die seinige anders versteht, soll uns bitte erklären, wie ihm das möglich ist. Wir wären ihm dankbar dafür, weil es zumindest unseren Horizont erweitern und vielleicht sogar unser Weltbild korrigieren würde.

Das entspricht exakt Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“; er behauptet keineswegs, die Wahrheit zu besitzen, sondern lediglich, zwingend so denken zu müssen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge; während der Wahrheits-Anspruch hinsichtlich eines Weltbilds stets leer ist, resultieren die Überzeugungen aus unserem wirklichen Leben und gehören ihm an.

 

Zusammengefaßt:

Traditionell glaubt man, das Weltbild würde von einer objektiv-realen „Welt“ abhängen.

Wir gehen hingegen davon aus, daß es das Resultat unserer eigenen Vergangenheit darstellt. Hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unser Weltbild gewiß ein recht anderes.

 

„Daß Weltbilder weder wahr noch unwahr sein sollen, will mir nicht in den Kopf; ‚entweder wahr oder unwahr‘ stellt doch eine vollständige Alternative dar; tertium non datur.“

Ihr Einwand ist konstruktiv, trifft aber nicht ganz: Es gibt keine vollständige Alternative für alles. Gerade oder ungerade bildet ebenfalls eine vollständige Alternative, aber – nicht für alles, Stühle oder Revolutionen beispielsweise, sondern – lediglich für die ganzen Zahlen.

Zu jedem „tertium non datur“ gehört also sein Anwendungsbereich, und für die Alternative von wahr bzw. unwahr besteht dieser – zumindest in unserem gegenwärtigen Zusammenhang – per definitionem in der Menge der Aussagen. Wir behaupten also lediglich, daß die Inhalte unserer Überzeugungen keine Aussagen sind. 

 

„Das wird ja immer verrückter! ‚Der Eiffelturm befindet sich in Paris‘ stellt für Sie also keine Aussage dar?“

Natürlich ist das eine Aussage, aber zugleich ein schlechtes Beispiel; besser wäre:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß sich der Eiffelturm in Paris befindet.

Das ist zwar ebenfalls eine Aussage, aber deren Wahrheit bzw. Unwahrheit bezieht sich – nicht auf Paris und den Eiffelturm, sondern – darauf, ob ich wirklich überzeugt bin, auf meine Wahrhaftigkeit also – und nicht auf den Inhalt dieser Aussage. Bei ihr geht es, mit anderen Worten, nicht darum, was ich glaube, sondern allein darum, ob ich das wirklich glaube.

Nochmals anders formuliert:

„Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß X“ ist also eine Aussage und somit entweder wahr oder unwahr. Das bezieht sich aber nur auf den Halbsatz vor dem Komma, und ist völlig unabhängig von X.

An extremeren Beispielen wie „Ich glaube nicht, daß morgen die Welt untergeht“, wird deutlich, daß sich dies im traditionellen Denken ganz analog verhält. Hier spürt man förmlich, daß es um meine Überzeugung und nicht um den Weltuntergang geht.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht. Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich glaube, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns für unsere kleinkarierte „Wahrheit“ einmal schämen werden.

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

Weder mit Menschen, die keine Überzeugung besitzen, noch mit solchen, die die ihrige für wahr halten, läßt sich sinnvoll sprechen. André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit wissen, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – letztlich langweile – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre entsetzlich wenig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit umwerfen wird; es wäre eine Riesenenttäuschung für mich, wäre Gott nicht mehr eingefallen als mir.

 

Wenn wir die Überzeugungen, die unserer Orientierung dienen, als wahr bezeichnen, fügen wir ihnen zwar nicht das geringste Argument hinzu, beleidigen aber unsere Gesprächspartner, indem wir ihre gegenteilige Position als unwahr denunzieren.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen am Ende“.

 

„Aber wenn unsere Erlebungen niemals ein Wovon oder einen Referenten besitzen und somit weder wahr noch unwahr sind, kannn es – im Alltag, vor Gericht oder bei wissenschaftlichen Auseinandersetzungen – auch nicht um die Wahrheit gehen. Worum streiten wir dann so häufig erbittert?“ 

Daß wir mitunter fest glauben, es gänge um die Wahrheit, ist ein Überbleibsel der Tradition, derzufolge Erlebungen in den Urbildern Referenten besitzen (können).

Tatsächlich streiten wir um die besseren Überzeugungen, und das sind diejenigen, mit deren Hilfe wir uns im Hinblick auf unsere Ziele angemessener – nicht orientieren können, sondern – glauben, orientieren zu können.

1.9. Materie – was ist das?

„Mit der Materie habe ich in Ihrem Ansatz noch größere Schwierigkeiten.

Sie kann nicht einer Hinterwelt angehören, wenn die Physiker vernünftig darüber sprechen; das leuchtet mir ein.

Glauben wir mit der Tradition (an) die Existenz der einen objektiv-realen „Welt“, so stellt die Materie überhaupt kein Problem dar; sie bildet den ‚Stoff‘, aus dem der physikalische Kosmos besteht oder aufgebaut ist. Für die ‚Welt‘ der Mathematik beispielsweise, ist kein solches Material erforderlich; weder Zahlen noch geometrische Körper bestehen aus irgendetwas.

Wenn wir jedoch in Ihrem Sinne von einer Vielzahl subjektiv-realer Welten ausgehen, führt die entsprechende Überlegung auf Widersprüche. Zur Verdeutlichung wähle ich ein konkretes Beispiel, etwa den Pluto. In der einen Welt kommt er vor, in der anderen nicht. Daß er in ersterer existiert, bedeutet, daß es sich  um einen wirklichen, das heißt, materiellen Pluto handeln muß. In der zweiten Welt gibt es ihn und seine Materie nicht, so daß wir zu einer absurden Annahme gezwungen sind:

Der Glaube an die Existenz des Pluto erzeugt dessen Materie, und der entsprechende Nicht-Glaube vernichtet sie.

Das halten bestimmt sogar Sie für unsinnig!“

 

Aber sicher; die von Ihnen aufgezeigte Konsequenz ist natürlich absurd.

Wir müssen zwei Materie-Arten unterscheiden; die traditionelle besteht in dem Stoff, aus dem die physikalische Hinterwelt gefertigt ist, und was unsere Materie sein könnte, blieb bisher völlig offen.

Die traditionelle Materie, den Stoff als das Woraus der physikalischen Urbilder, gibt es überhaupt nicht. Sie ist keine selbstverständliche Wirklichkeit, sondern das Bestehen-aus stellt lediglich ein Denkmodell dar, das sich sehr gut auf Urbilder, aber nicht auf Erlebungen anwenden läßt. In welchem Sinn könnten letztere aus etwas bestehen? Wer keine Urbilder glaubt, kann Stoffe nicht einführen,benötigt sie aber auch nicht.

Konkreter: Weder ist Eisen eine – spezieller – traditioneller Stoff, noch besteht die Erlebung Eiffelturm aus Eisen

 

Die Überzeugung, daß der Eiffelturm aus Eisen bestehen müsse, ist ein – äußerst hartnäckiges – Überbleibsel der Aristotelischen Philosophie. Deren Substanzen waren (noch) keine Stoffe, aus denen die Seienden bestehen, sondern die Träger von deren Eigenschaften oder Akzidenzien. Ohne Substanz gäbe es irgendwie nur frei schwebende Eigenschaften; erst die Einheit von beiden bildet die Seienden.

Wir fänden losgelöst voneinander Akzidenzien; beispielsweise rot, rund, weich, süß und saftig. Das ist kein Apfel, denn als Seiendes besteht er nicht in einem bloßen Ensemble von Eigenschaften. Dazu fehlt noch die Apfel-Substanz, die diese Eigenschaften besitzt und zusammen mit ihnen das Seiende Apfel bildet.

Die Apfel-Substanz entspricht jedoch keineswegs dem Fruchtfleisch; sie ist nicht der Stoff, aus dem der Apfel besteht. Das Fruchtfleisch gehört zu den Eigenschaften; der Apfel ist rot, rund, weich, süß, saftig und (frucht)fleischig.

„Und worin besteht dann die Apfel-Substanz?“

 

Alle Substanzen stehen traditionell als bloße Träger „hinter“ ihren Akzidenzien und können somit niemals wahrgenommen, sondern nur vorgestellt oder gedacht werden. Nehmen wir eine „Substanz“ wahr, ist es keine Substanz, sondern eine Eigenschaft – und ihr Träger fehlt. 

Die Aristotelischen Substanzen gehören also zu unserer Hinterwelt, und aus ihnen wurde in der Moderne die Materie als der Stoff, aus dem traditionell alles Physikalische besteht. Die Verborgenheit „hinter“ den Eigenschaften blieb dabei erhalten; noch kein Mensch – auch kein Physiker – hat jemals die traditionell verstandene Materie wahrgenommen.

 

Nun können wir unsere beiden Konkretionen von oben besser verstehen:

Eisen ist keine – spezielle – traditionelle Materie, . . .

. . . weil wir es wahrnehmen können, so daß Eisen ein Akzidenz sein muß. So wie goldene Ketten und hölzerne Kugeln gibt es auch eiserne Türme. Eisen stellt eine Wahrnehmung dar, die am Eiffelturm ebenso möglich ist wie seine Form, Farbe, Höhe oder Biegsamkeit.

Die Erlebung Eiffelturm besteht nicht aus Eisen, . . .

. . . weil sich die Denkform des Stoffs oder Bestehens-aus auf Erlebungen nicht anwenden läßt.

 

„Da kann ich mitgehen, aber dann fehlt mir noch vollständig, was Sie in Ihrem Ansatz unter Materie verstehen“

Wir pflichten Descartes in dem Sinne bei, daß die wirkliche Materie – zwar weder eine Substanz noch einen Stoff, sondern – die res extensa darstellt.

Materie ist das Ausgedehnte in dem ganz allgemeinen Sinne, daß es gemessen – und nur gemessen – werden kann. Sie bildet – Heinich Rombach folgend – keinen Stoff an dem wir – auch – messen können, sondern besteht allein im Meßbaren.

Die physikalische Materie ist die einzig existierende und besteht im Meßbaren.

1.9.1. Materie als das Meßbare

Stellen Sie sich vor, die Nachrichtensprecherin teilt heute Abend als wissenschaftliche Entdeckung mit, daß morgen ab 6 Uhr schlagartig alle Gegenstände im physikalischen Kosmos – einschließlich unserer Körper – nur noch halb so groß sein werden (in ihrer linearen Ausdehnung). 

Sie würden es wahrscheinlich nicht glauben, sondern auf den Kalender schauen, ob heute vielleicht der 1. April ist. Aber selbst wer die Nachricht für richtig hält, hätte keinerlei Grund zu erschrecken: Wenn ausnahmslos alles auf  die Hälfte seiner Länge schrumpft, merken wir es ja gar nicht; morgen früh um 6 Uhr geschieht also mit Sicherheit absolut nichts Feststellbares. Daß ich 1, 70 Meter groß bin, bedeutet, daß meine Länge das 1,7-fache von derjenigen des Zollstocks beträgt, und dabei bliebe es, selbst wenn die Nachricht stimmen würde.   

Es gibt, mit anderen Worten, keine Längen, sondern nur Längenverhältnisse – und an denen ändert sich morgen früh garantiert nichts.

 

Wenn sich morgen auf keinen Fall etwas tut, ist die Behauptung der Schrumpfung natürlich sinnleer oder bezieht sich nur auf eine Hinterwelt. Aber exakt das müssen wir auch für die geläufige und scheinbar selbstverständliche Annahme sagen, daß – nichts schrumpft, sondern – alles immer so groß bleibt, wie es ist; auch das ist nicht erkennbar und somit hinterwäldlerisch.

Es gibt keine Größen, sondern nur Relationen; A ist weder groß noch klein, sondern x mal so groß wie B. Der Kosmos ist groß und eine Nußschale klein – nur im Verhältnis zu unserem Körper. „An sich“, „objektiv“ oder „in Wirklichkeit“, das heißt, allein in der Hinterwelt ist der Kosmos groß und die Nußschale klein, weil Größen gar nicht existieren, sondern einen Unbegriff darstellen.

 

Was wir uns an der Länge relativ ausführlich verdeutlicht haben, gilt für alle meßbaren Größen; Massen, Geschwindigkeiten, Ladungen, Gewichte, Kräfte, Dichten usw. Sie existieren nicht einzeln, positiv oder an sich, sondern lediglich relational.

Das hatten wir oben ein wenig vorgreifend als Materie definiert; sie ist das Meßbare und damit automatisch Relationale, das aber auch gar nichts mit eiinem Stoff zu tun hat. Nur so wird beispielsweise die Spezielle Relativitätstheorie verständlich: Relativ zu uns bewegt sich eine Rakete sehr schnell, so daß dort aus unserer Sicht alle Prozesse im gleichen Verhältnis verlangsamt ablaufen, obwohl innerhalb der Rakete absolut nichts Seltsames geschieht. 

Die Physiker sprechen also nicht von dem, woraus alles besteht; eine solche Erklärung wäre völlig unverständlich, weil hinterwäldlerisch. Sie haben auch nicht alles meßbar gemacht, sondern beschränken sich beruflich auf das Meßbare. Daß eine solche Physik trotzdem zur Leitwissenschaft der Moderne werden konnte, resultiert natürlich aus ihren technischen Erfolgen.

Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit; als mindestens ebenso entscheidend erscheinen mir die Angst der anderen Wissenschaften – und sonstiger Bereiche der Gesellschaft – „zurückzubleiben“, ihr Buhlen um Anerkennung und das Streben nach der physikalischen Exaktheit. Aber letzteres bedeutet Verrat an der eigenen Sache; in dem  Maße, in dem die physikalische Exaktheit erreicht wird, wechseln wir zum Meßbaren – und damit zur Physik selbst.

 

„Daß es keine Größen, sondern nur Relationen oder Verhältnisse geben soll, kann ich schlecht nachvollziehen: Ein Meter ist ein Meter und 24 Stunden sind 24 Stunden; das gibt es doch beides.“

Was Sie sagen, sind – mit Verlaub – nichtssagende Floskeln, an die wir uns gewöhnt haben, an denen man aber nicht messen kann. Um letzteres zu ermöglichen, benötigen wir wirkliche Zollstöcke bzw. Uhren.

Befinden sich zwei identisch gefertigte Zollstöcke an verschiedenen Orten, können wir ihre Längen nicht mehr vergleichen; der Relativitätstheorie zufolge sind sie möglicherweise unterschiedlich. Zum Überprüfen müßten wir sie unmiittelbar aneinanderhalten – und dann ist es nur noch ein Zollstock.

Was bei Längen möglich ist, scheidet bei „Zeiten“ aus: Wir können den 13. August nicht an den 3. Oktober halten, so daß Ihr Satz „24 Stunden sind 24 Stunden“ nichtssagend wird. 

 

Wäre das Meßbare, um das sich die Physiker allein kümmern (können), das Meßbare an einem stofflichen Träger, dann gäbe es Größen; die Höhe und Breite eines Tisches beispielsweise. Ein objektiv-realer Tisch besitzt natürlich eine bestimmte Größe, aber ohne derartige Träger fehlt den „Größen“ ihr notwendiges Wovon – und es bleiben nur Größenverhältnisse zurück.   

1.9.2. Seelisches, Sinnliches und Geistiges

Aus (meßbaren) Relationen besteht gar nichts, aber die Moderne beweist mit ihrer Wissenschaft und Technik, wie eine solche Materie – nicht trotzdem, sondern – eben dadurch zum Dreh- und Angelpunkt des Alltags und sogar des Geisteslebens werden kann.   

„Und damit ergibt sich eine phantastische Möglichkeit, das Geistige zu definieren:

Wir unterteilen das uns Gegebene in Meßbares und Nicht-Meßbares. Jenes bildet die Materie oder das Sinnliche, und dieses das Geistige. Ich dachte nicht, daß das so einfach sein soll . . .“ 

Das ist es auch nicht. Natürlich können Sie (widerspruchsfrei) definieren, was und wie Sie wollen; das wird nie falsch, bleibt aber eventuell sinnlos. Theoretisch sind Definitionen willkürlich; praktisch sollen sie uns jedoch helfen zu denken, und dabei scheint mir das von Ihnen eingeführte Geistige nicht sehr fruchtbar zu sein.

 

Ich würde sagen, daß Materie – als das Relational-Meßbare – zwar in der Tat sinnlich sein muß, das Sinnliche aber unvorstellbar weit über sie hinausreicht.

Eine saubere Definition ist aus zwei Gründen zumindest sehr schwierig:

Zum einen wäre es einfach falsch, das Sinnliche an die Sinnesorgane zu binden, weil wir beispielsweise keine solchen für Stimmungen, Atmosphären, religiöse oder Liebeserfahrungen besitzen, die wohl unbestreitbar sinnlich sein können. 

Zum anderen ist eine zweite Begründung bei unserem Ansatz aber noch viel wichtiger, weil grundlegender: Wir wollen die Wirklichkeit unseres Lebens verstehen; das ist unser Ziel und steht folglich noch aus. Zu dieser Wirklichkeit gehört jedoch auch die Funktion unserer Sinnesorgane – die wir noch nicht verstehen und somit auch nicht voraussetzen dürfen:

Wir dürfen beim Erklären der Wirklichkeit natürlich nichts benutzen, was selbst erst noch erklärt werden muß; insbesondere also die Sinnesorgane.

 

Das Geistige bildet die gewußte und damit denk- sowie sagbare Komponente an den Erlebungen – Erfahrungen und Nach-Denkungen. Genauer können wir sie als diejenige Komponente definieren, die in den logischen Schlüssen eine Rolle spielt.

Das Sinnliche gehört dagegen zur Wirklichkeit, fällt aber nicht mit ihr zusammen, weil auch das Seelische wirklich ist. Unter dem Sinnlichen verstehen wir das Wirkliche, das von einem Außen, und unter dem Seelischen dasjenige, das von einem Innen zu kommen scheint. Mit diesem „scheint“ tragen wir sowohl unserer diesbezüglich Intuition als auch der Tatsache Rechnung, daß wir noch keine Ahnung haben, worin das Außen und Innen möglicherweise bestehen könnten.

Zum Seelischen zählen wir also unter anderem unser Fühlen, Sich-Fühlen, Spüren oder Empfinden, während das Sinnliche die wirklichen Eindrücke, alles Schöne und Häßliche oder Verführerische und Abstoßende umfaßt. 

 

„Und Freiheit, Demokratie oder Platons Gutes sind auch alle unwirklich, weil rein geistig; sie stellen ja nur Ideen oder Bilder dar?“

Nein; so einfach geht das nicht. Ihre Beispiele sind ebensowenig rein geistig, wie Schmutz, Kot oder Ekel rein sinnlich sind. 

„Freiheit“, „Demokratie“ oder „Platons Gutes“ bzw. „Schmutz“, „Kot“ oder „Ekel“ sind Worte, und mit ihnen bezeichnen wir zum einen Ideen oder Begriffe; etwas rein Geistiges und somit Unwirkliches also; Nach-Denkungen hatten wir dafür als Oberbegriff gewählt.

Aber zum anderen können Freiheit, Demokratie oder das Gute ebenso wie Schmutz, Kot bzw. Ekel auch zu Erfahrungen und somit wirklich werden. Dann sind sie einerseits seelisch oder sinnlich, hören damit aber andererseits nicht auf, auch geistig zu sein, denn sonst gäbe es ja gar nichts, was wir erfahren. 

 

Zusammengefaßt gilt es also, drei verschiedene Entitäten zu unterscheiden:

Zunächst gibt es die pure Wirklichkeit, das heißt, das rein Seelische bzw. Sinnliche, das keinerlei Geistiges oder Was besitzt und somit nur kontinuierlich sein kann.

Ihr Pendant bildet das rein Geistige; das besteht im Unwirklichen bzw. den Nach-Denkungen und ist – völlig unabhängig davon – richtig oder falsch.

Und schließlich existieren die Mischungen oder Kombinationen des Seelisch-Sinnlichen mit dem Geistigen; das sind die Erfahrungen, die durch den ersten Anteil wirklich und durch den zweiten diskret sind.

1.9.3. Welt und Kosmos

Wenn wir das Wort „Welt“ hören, denken wohl die meisten von uns spontan an den physikalischen Kosmos. Daran zeigt sich, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte an das Weltbild der exakten Wissenschaften angepaßt haben. Vielleicht wundern Sie sich sogar über das Thema dieses Abschnitts: „Worin soll denn der Unterschied zwischen Welt und Kosmos bestehen?“

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig darüber spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos – als einem Universum –, sondern in einem Multiversum leben.

Derartige Fachsimpeleien sind nur möglich, wenn man (an) Urbilder glaubt. Das ist zum Glück nicht unser Problem; ich meine etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil.

 

Der physikalische Kosmos mit seiner Materie bildet nur einen winzigen – den meßbaren – Teil des Sinnlichen, aber die Wirklichkeit umfaßt alles Sinnliche und zudem noch das Seelische.

Überlegen Sie sich bitte einmal in Ruhe, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren Kosmos auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schönheit noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen Kosmos existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich mittels der Physik vollständig beschreiben – sprich: messen – läßt. Das ist bereits bei Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen nicht-physikalischen Zweck besitzen. Es bleiben uns im wesentlichen nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

Anders formuliert: Viele Menschen können in ihrem Leben keinen Sinn erkennen  und haben damit auch vollkommen Recht, nachdem sie ihre Welt auf den physikalischen Kosmos reduziert haben. Dann kann es natürlich keinen Sinn geben, weil dieser keine physikalische Kategorie darstellt. Physiker finden (hoffentlich) in ihrer Arbeit Sinn, aber nicht im physikalischen Kosmos; sie arbeiten auch nicht darin, sondern nur ihre Körper bewegen sich dort.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz-weiß überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es – wir tun es ja.

 

Nun dürfte die obige Überschrift verständlich werden:

Unsere Welt besitzt nicht nur die vier Dimensionen der „Raum“-„Zeit“, sondern potentiell unendlich-viele und ist unabsehbar reichhaltig oder vielfältig. Der physikalische Kosmos mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er „raum“-„zeitlich“ praktisch grenzenlos ist, bleibt der Kosmos gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination unserer Welt nahezu vernachlässigbar.

Letztere enthält den Kosmos, geht aber in potentiell unendlich-vielen Dimensionen darüber hinaus.

Unbestreitbar bedeutet unser Rendezvous auch eine Ortsveränderung im Kosmos; aber daß es nur das ist, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben. Allein das moderne Abendland geht davon aus, im Kosmos sowohl den Nabel als auch die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß die „Weltformel“ der Physiker als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft werden kann.

 

„Aber diese nicht-physikalischen Partial-Welten spielen doch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir unsere spezielle Welt der Moderne so einseitig entwickelt haben. Überlegen Sie sich bitte einmal, was wir alles über den Kosmos erzählen können, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – das musische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-Welten des Schönen, Friedlichen oder der Gabe entwickelt sind.

Und natürlich auch die Partial-Welt des Religiösen. In unserem Sprachspiel entspricht die Welt keinem Diesseits, zu dem – möglicherweise – noch ein Jenseits außerhalb der Welt gehört. Wollen Sie diese Unterscheidung haben, dann erfolgt sie innerhalb der Welt, die sich aus Diesseits und Jenseits zusammensetzt.

Mit anderen Worten: Bei wahrscheinlich allen von uns gehört zum eignen Weltbild wohl ein Jenseits, und das können wir entweder bejahen oder verneinen. Im ersten Fall bildet dieses Jenseits dann auch einen Teil der Welt, im zweiten nicht. 

1.9.4. Primäre und sekundäre Eigenschaften

Ohne die „Neue Wissenschaft“ hätte es keine Moderne gegeben, und ob jene sich ohne den Anspruch, letztlich „alles“ erklären zu können, durchgesetzt hätte, ist zumindest fraglich. Natürlich war er wahnwitzig; die Physik versteht beispielsweise nichts von Farben, Tönen, Stimmungen oder Gefühlen, so daß für die Protagonisten der Moderne fast nur ein Ausweg blieb:

Sie mußten das Wirkliche auf das der Physik Zugängliche – die Materie – zusammenstutzen und alles Nicht-Physikalische als angeblich Unwirkliches zum verschwinden bringen. Damit entwickelten sich die Psychen während der Moderne immer mehr zu „Abfallbehältern“ (Hermann Schmitz), in denen alles untergebracht wurde, was bei der allein entscheidenden Erkenntnis der physikalischen Urbilder störte.

 

So entstand die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften

Erstere sollen sowohl außerhalb wie auch (als Abbildung) innerhalb unserer Psychen existieren. Form, Größe, Anzahl und Festigkeit – diese rein physikalisch-mathematischen Kategorien – bilden Paradebeispiele hierfür. Das traditionelle Abbild-Modell wurde also allein auf die primären Eigenschaften beschränkt

Die sekundären Eigenschaften existieren dagegen nur innerhalb der Psychen; sie werden folglich nicht abgebildet, sondern – beim Abbilden der primären Eigenschaften – von oder in den Psychen erst erzeugt, indem diese aus unerfindlichen Gründen beispielsweise von äußeren Schallwellen zu inneren Tönen, von Lichtstrahlen zu Farben oder von Molekülen zu Geschmacksvarianten übergehen.

 

Unser Streichen der Hinterwelt bedeutet also, daß es keine primären Eigenschaften (mehr) gibt; sie sind ausnahmslos sekundär, so daß „sekundär“ jedoch gleichbedeutend mit „alle“ wird und damit seinen unterscheidenden Sinn verliert.

Für uns existieren alle diese Eigenschaften zwar nicht mehr in den Psychen, bilden aber alle eine Wirklichkeit-für-uns:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß er gesehen wird.

Es gibt kein Meeresrauschen, ohne daß es gehört wird.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß sie gefühlt wird.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß sie gezählt oder berechnet wird.

Es gibt keine Materie, ohne daß sie gemessen wird.

Es gibt keinen Geist, ohne daß er erlebt wird.

 

Fehlen die primären Eigenschaften, gibt es auch keine traditionelle Objektivität, so daß selbst die Wissenschaften nicht objektiv in diesem Sinne sein können.

Die berechtigte Forderung nach ihrer Objektivität ist eine rein ethische: 

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten. Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

 

Die Physiker insbesondere sprechen nicht über eine objektive, sondern über eine partiell intersubjektive Realität oder Materie. Sie sind nicht hinterwäldlerisch, sondern haben einen gemeinsamen Gegenstand, den sicherlich nicht jeder mag, zu dem man aber einen Zugang finden kann, der intersubjektiv leicht kontrollierbar ist und die „Einheit der Physik“ (Carl Friedrich von Weizsäcker) ermöglicht.

Ganz analog verhält es sich natürlich bei den anderen exakten Wissenschaften und auf etwas niedrigerem Niveau auch bei Fußball, Wetter oder Mode, bei Klatsch und Tratsch.  

Darüber können wir mit vielen sprechen; mit einigen über Wichtigeres – hierzu gehören nicht zuletzt die großen Romane oder Biographien – und nur mit sehr wenigen über existenzielle, philosophische oder gar religiöse Fragen.

Wenn es ganz ernst wird, fürchte ich, werden wir sehr allein sein und uns wünschen, daß es wenigstens noch einen Menschen gäbe, dem wir uns anvertrauen können. Aber selbst wenn das der Fall ist, wird das rein Subjektive wahrscheinlich deutlich überwiegen; allein schon weil wir spätestens dann einsehen werden, daß es völlig gleichgültig ist, was man denkt, sagt oder macht.

 

Ich glaube, wir können bzw. müssen sogar noch einen Schritt weitergehen.

Wenn es keine Glocke gibt, ohne daß sie gehört wird – wir vernachlässigen das Sehen und Tasten der Einfachheit halber –, bedeutet dies, daß das „Läuten“ das Hören ist.

Den Satz „Es hat ‚geläutet‘, aber wir haben es nicht gehört“ verstehe ich nicht, denn er macht das Läuten zu einem Urbild.

Bei der Einsicht „Ich habe es ‚läuten‘ gehört, aber es hat gar nicht ‚geläutet'“ bestehen zwei Interpretationsmöglichkeiten:

Gleichzeitig widersprechen sich die beiden Halbsätze; wenn wir es „läuten“ hören, „läutet“ es für uns.

Nacheinander geht es um die rückblickende Korrektur eines Irrtums; wir dachten, es hätte „geläutet“, vor der Türe war aber niemand. Der Irrtum bestand dann jedoch nicht im „Läuten“ allein – es hatte gar nicht „geläutet“ –, sondern sowohl im „Läuten“ als auch im Hören – wir hatten es irrtümlich „Läuten“ hören.

 

Ein gegenwärtiger Irrtum ist ein Widerspruch in sich; nur nachträglich kann eine Erfahrung korrigiert werden freilich nur durch eine andere Erfahrung (oder Nach-Denkung).

Wenn ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich nicht, sondern versucht, es zu trinken. Mißlingt ihm das, stellt er dadurch im Nachhinein fest, daß es sich nur um eine Fata Morgana handelte.

 

Das Duften ist das Riechen, und das Leuchten – kommt erst einmal nicht von Glühwürmchen, sondern – ist das Sehen

„Ja; aber dann schauen wir genauer hin und sehen die Glühwürmchen!“

Dieser Einwand entspricht genau dem traditionell-modernen Übergang vom sekundären Leuchten zu den primären Glühwürmchen. Er ist fest in unsere Sprache eingebaut, und deswegen fällt es uns so schwer, ihn zu überwinden. Wir können es andeutungsweise versuchen, indem wir wie bisher bei einer verbalen Darstellung bleiben:

Natürlich kann nicht nur das Leuchten, sondern auch das „Glühwürmeln“ das Sehen sein.

Das Hören ist das Läuten oder „Glockeln“, und das Riechen entspricht dem Duften bzw. „Roseln“. Auch die „primären“ Eigenschaften sind nur sekundäre.

2. Gesamtzusammenhang

In diesem zweiten Teil will ich Sie in den Gesamtzusammenhang unseres Asatzes einführen und mit seinen wichtigsten Begriffen vertraut machen, bevor wir uns dann in den Teilen 3 bis 5 einzelnen Aspekten genauer zuwenden.

Es wäre natürlich kontraproduktiv, wollten wir versuchen, unsere Grundkategorien aus ihren traditionellen Pendants herzuleiten, wenn wir diese – zumindest teilweise – für unverständlich halten. Es besteht also nur die Möglichkeit, hinsichtlich der tragenden Begriffe bei Null zu beginnen und sie neu zu generieren.

Das ist nur ein konkretes Beispiel dafür, daß sich jede beliebige subjektive Welt ihrer Genese verdankt; wir müßten gut nachvollziehbar zeigen, daß dies ohne dubiose Annahmen möglich ist.

Damit wird das traditionelle Denken zu einem Spezialfall useres allgemeinen; er besteht in der Normierung aller subjektiven Welten auf die eine objektive „Welt“. Das geht natürlich am einfachsten, indem die – in jeder Kultur anderen – „Experten“ ihre jeweilige „Welt“ als urbildlich vorgegeben behaupten; es gibt dann angeblich einen ewigen Kosmos, eine Schöpfungsordnung oder das physikalische Universum sowie weitere Möglichkeiten in uns fremden Kulturen.

2.1. Von der Wirklichkeit (T) zu den Wirklichkeiten (U) und (G)

„So ungefähr hatte ich Ihre bisherigen Ausführungen auch verstanden. Trotzdem sehe ich noch eine Schwierigkeit, die meiner obigen mit der traditionellen Materie als Stoff sehr ähnlich ist.

Im letzten Kapitel hatten Sie erklärt, daß unsere subjektiven Welten unermeßlich weit über den physikalischen Kosmos hinausgehen; nicht quantitativ, sondern dimensional. Aber Sie haben keinen einzigen Hinweis darauf gegeben, worin diese Welten bestehen sollen.

Die traditionelle Definition der „Welt“ als der Gesamtheit alles Wirklichen läßt sich ja unmöglich übertragen, weil sie – vielleicht existiert oder auch nicht, aber – keinesfalls subjektabhängig sein kann wie die Welt.“

 

Das war wieder sehr schön von Ihnen und zwingt uns, mit dem Begriff der Wirklichkeit achtsamer umzugehen.

Die „Welt“ ist – ganz wie Sie sagten – die Gesamtheit alles Wirklichen(T) der Tradition.

Sie ist objektiv und geht bei uns über in die subjektiven Welten, die – wiederum mit Ihnen – natürlich nicht als Gesamtheit alles Wirklichen(T) verstanden werden können, sehr wohl aber als die Gesamtheit desjenigen Wirklichen(G), das die jeweilige Subjektivität glaubt – und das dadurch für sie zur subjektiven Wirklichkeit(G) wird.

Für diejenigen, die an den Teufel glauben, ist er natürlich wirklich(G) und gehört somit auch zu ihrer Welt; leugnet Domp die Erderwärmung, dann ist sie für ihn unwirklich(G) und kein Baustein seiner Welt. 

Da aber, lax ausgedrückt, aus nichts auch nichts wird, benötigen wir noch eine zweite, objektive Wirklichkeit(U), aus der die vielen einzelnen Wirklichkeiten(G) hervorgehen oder die sie ermöglicht.

 

Ich weiß nicht recht, ob Ihnen das Mitdenken gegenwärtig schwerfällt; aber selbst wenn, müssen Sie diesen wichtigen Zusammenhang gut verstehen:

In der Antike und im Mittelalter gingen die Philosophen davon aus, daß jedes Seiende zwei Seite besitzt oder aus zwei „Komponenten“ besteht.

Auf der einen Seite haben wir die Tatsache, daß es existiert; das Daß oder die Existenz des jeweiligen Seienden also.

Und auf der anderen Seite steht seine Essenz oder Wesenheit, sein Was oder Wesen; das Wort „wesen-tlich“ deutet noch ein wenig auf diese Denkweise hin.

Die traditionelle „Welt“ als die Gesamtheit solcher Seienden entspricht also einem riesigen Lego-Kasten; jeder Baustein existiert – Daß – und ist ganz bestimmter – Was.

 

Diese Einheit zerbrechen wir; Daß und Was fallen bei uns auseinander.

Die Wirklichkeit(U) ist reines Daß; weder ist sie ein Baustein noch enthält sie einen; alles Diskrete ist ihr fremd, so daß die Wirklichkeit(U) pures Kontinuum sein muß, von dem wir absolut nicht wissen und auch nichts wissen können, weil es gar nichts von der Struktur des Wißbaren – des Was – enthält.

Das Pendant dazu besteht in der Wirklichkeit(G); das sind die Bausteine, aber als Hohlformen; reine Was oder Wissungen – ohne jede Existenz(U). Sie zu glauben, bedeutet also nicht, sie zu erschaffen; eine solche Annahme wäre wohl lächerlich. Aber wer an den Weihnachtsmann oder baldigen Weltuntergang glaubt, wird sich entsprechend verhalten – auch ohne sie zu erschaffen. 

 

Die Wirklichkeit(U) ist als reines, kontinuierliches Daß prinzipiell unwißbar.

Das wäre meine Definition von Transzendenz; sie entzieht sich uns nicht und verbirgt sich nicht vor uns, sondern besitzt ganz einfach nicht die Struktur eines Wißbaren. Was ausnahmslos alles Wißbare erst ermöglicht, kann nicht selbst wißbar sein; das wäre ein Widerspruch.

Nichtsdestotrotz würde ich persönlich aus tiefster Überzeugung von einem Geheimnis sprechen; obwohl wir verstehen (können), daß es ein „Geheimnis“ sein muß.

Eine so verstandene Transzendenz hat nichts mit einer Hinterwelt zu tun, denn wir wissen, daß wir nichts von ihr wissen können; nur ein nichtssagender Name ist möglich, und wir nennen die transzendente Wirklichkeit(U) „Ursprung“.

 

Ihr bzw. sein Gegenstück – das pure Was – besteht in den subjektiven Nach-Denkungen bzw. in unserem Weltbild. Wir verstehen darunter die – nur theoretisch bestehende – Gesamtheit der gegenwärtig möglichen Nach-Denkungen.

Die Nach-Denkungen besitzen alle kein Daß, und da hilft auch unser (An-)Sie-Glauben nichts. Das ist aber nur diie eine Seite, denn auf der anderen Seite führt unser (An-)Sie-Glauben sehr wohl dazu, daß die entsprechenden Nach-Denkungen für uns wirklich(G) werden und damit zu unserer subjektiven Welt gehören; sie ist eine geglaubte Welt ohne jedes Daß bzw. ohne Wirklichkeit(U).    

2.1.1. Leben als Wirklichkeit(L)

Aus dem Ursprung geht das Leben hervor, das aber stets nur das Leben einer Subjektivität sein kann und somit subjektiv ist. Wir müssen folglich die subjektive Wirklichkeit(L) des Lebens von der objektiven Wirklichkeit(U) des Ursprungs unterscheiden.

Die Wirklichkeiten (U) und (G) sind total verschieden; sie gehen aus der Einheit der „Welt“ hervor, die wir auseinandergebrochen haben. Die Wirklichkeit(L) ist jedoch keine dritte und wiederum ganz andere Art von WIRKLICHKEIT (die Großbuchstaben stehen immer für eine neutrale Formulierung), sondern sie entspricht der Wirklichkeit(U).

Im Gegensatz zu letzterer ist die Wirklichkeit(L) aber nicht nur subjektiv, sondern kommt auch nicht aus sich selbst, sondern verdankt sich der Wirklichkeit(U); Jean-Luc Marion würde von einer „WIRKLICHKEIT als Gabe“ sprechen; sie ist reines Geschenk – des Ursprungs.

 

Das Leben vermittelt zwischen den beiden Antipoden Ursprung – pures Daß – und Weltbild – reines Was.

Wenn das Leben zwischen ihnen spielt, und diese beiden Seiten im traditionellen Denken zusammengefallen sind – wir haben sie ja ganz bewußt erst auseinandergerissen –, konnte unser Leben dort also nicht vorkommen.

Das traditionelle Denken kennt das Leben nicht.

 

Es führt zu den Erlebungen, so daß wir das Leben – aus rein grammatischen Gründen – auch als ein Erleben verstehen können. Das ist ein zeitliches Geschehen, in dem die Erlebungen aus dem Ursprung expliziert oder generiert werden.

Deswegen sprechen wir bei unserem Ansatz vom ontologischen Explikationismus. Das Explizieren kann natürlich keine WIRKLICHKEIT hinzufügen oder entnehmen; wir sind weder Schöpfer noch Vernichter.

Dennoch wird der Ursprung durch das Explizieren nicht kleiner, und die Gefahr, daß er irgendwann ganz verschwunden sein wird, besteht schon gar nicht; wie das möglich ist, werden wir bald sehen.

2.1.2. Erfahrungen und Welt(bild)

So wie das Leben eine Mittelstellung zwischen Ursprung und Weltbild einnimmt, gilt dies auch für die Erfahrungen; zum Weltbild zählen allein die Nach-Denkungen, weil nur sie rein geistig und damit völlig unwirklich(L) sind.

Die Erfahrungen entsprechen den Seienden in Antike und Mittelalter, denn wie diese bestehen sie in der Einheit von Daß – durch das Leben – und Was – durch den Glauben.  

Erfahrungen sind zwingend; sie bringen – anders als die Nach-Denkungen – ihren Existenz(G)-Beweis selbst mit, denn es wäre widersprüchlich zu sagen, ich habe X erfahren, glaube aber nicht, daß X existiert(G). 

 

Die nur theoretisch bestehende Gesamtheit der gegenwärtig möglichen Nach-Denkungen – das sind alles reine Wasse – hatten wir als Weltbild eingeführt. Einige oder viele von ihnen glauben wir freiwillig, und die Wasse der Erfahrungen müssen wir glauben.

Die wiederum nur theoretisch bestehende Gesamtheit der gegenwärtig möglichen geglaubten Wasse bildet unsere subjektive Welt.

 

Traditionell ist das Weltbild – wie der Name sagt – ein Bild von der Welt; diese ist wirklich(T) und jenes unwirklich(T).

Bei uns sind dagegen beide unwirklich(L) und damit aus dem gleichen Holz geschnitzt; das Weltbild geht lediglich um die nicht-geglaubten Wasse über die Welt hinaus, die wirklich(G) ist. Das Weltbild stellt kein Bild von der Welt dar, sondern letztere ist in ersterem enthalten.

Das machen wir uns zunutze und führen „Welt(bild)“ als Abkürzung für „Welt sowie Weltbild“ ein.

 

Obwohl das Welt(bild) völlig unwirklich(L) oder nur konstruiert ist, dürfen wir es nicht als willkürlich betrachten; es schwebt nicht im luftleeren Raum, sondern ist über die Erfahrungen an das Leben gebunden. Es geht nicht alles; diese Konstruktion ist möglich, aber jene nicht; wer sie dennoch versucht, „den bestraft das Leben“.

„Ich kann beispielsweise kein Welt(bild) konstruieren, in dem es mir möglich ist zu fliegen, und sollte folglich auch nicht aus dem Fenster springen“; meinen Sie das?

Von letzterem würde ich Ihnen natürlich unbedingt abraten, aber bei ersterem bin ich mir weniger sicher:

Wir können laufen und schwimmen, aber nicht fliegen; das entspricht unserem Welt(bild). Es ist jedoch unmöglich, in seinem Rahmen die Frage beantworten zu wollen, was in einem anderen Welt(bild) geht und was nicht. Unser Welt(bild) steht neben jedem anderen und nicht – als Meta-Welt(bild) – darüber

Denken Sie etwa an eine schamanische Kultur; dort scheint das Fliegen-Können nicht ganz so absurd zu sein, während es vielleicht unvorstellbar ist zu schwimmen.

2.2. Das Woher der Wirklichkeit

Auf die Frage, woher die traditionelle „Welt“ stammt, scheint mir nur eine transzendente(T) Antwort möglich zu sein, denn wir können uns leicht überzeugen, daß ein immanente(T) Antwort prinzipiell auf unlösbare Schwierigkeiten stößt.  

 

Sie muß bzw. will die Entstehung der Seienden innerhalb der urbildlichen „Welt“ erklären. Das ist nur möglich, indem sie – ganz im Sinne der Evolution – die jetzigen Seienden aus früheren herleitet. Aber damit sind wir natürlich nicht fertig, denn dieser Schritt wiederholt sich ja immer wieder; als nächstes müssen wir erklären, wie diese früheren Seienden sich aus noch-früheren ergaben und so fort.

Ein Anfang bei irgendwelchen Ur-Seienden scheidet aus, weil er einer leeren Behauptung entspräche; und da aus nichts auch nichts wird, kann die immanente Kette prinzipiell kein Ende – besser: keinen Anfang – finden.

Woher kamen die Naturgesetze und die gewaltige Energie des Urknalls? Was war vor ihm? Die Annahme, der Kosmos würde immer schon pulsieren, verschiebt die Problematik lediglich ein wenig; die erste Frage bleibt unverändert bestehen, und aus der zweiten wird: Woher stammt die „Zeit“, die für dieses Immer-schon-Pulsieren erforderlich ist?    

 

Aber meine Argumentation gegen einen begründungsfähigen Anfang muß ein traditionell Denkender auch gar nicht ernstnehmen; mir drängt sich eine etwas bösartige Formulierung förmlich auf:

Nach all den Glaubensbekenntnissen oder leeren Behauptungen, die mit dem traditionellen Ansatz ohnehin notwendigerweise verbunden sind, spielt es schon lange keine Rolle mehr, bei welchen willkürlichen Ur-Seienden, die Herleitung der jetzigen Seienden beginnt!

Jedoch völlig unabhängig von der willkürlichen Wahl des Anfangs muß, wer beim traditionellen Denken bleiben möchte, notwendigerweise irgendeinen transzendenten(T) Eingriff, eine Form von Schöpfung(T) also, annehmen. Ob diese einmalig geschah oder kontinuierlich erfolgt, ist daran gemessen völlig sekundär; es geht jedenfalls „nicht mit rechten Dingen zu“.

 

„Sie wollen damit sagen, daß es überhaupt keine Rolle spielt, wann, womit und wie wir die Entstehung der ‚Welt‘ ‚innerweltlich‘ erklären: Es ist nicht innerweltlich, weil der gewählte Anfang sich nicht selbst erklärt und trägt, sondern aus der Transzendenz(T) kommen muß?“ 

Richtig; natürlich können wir jeden Anfang(n) innerhalb der „Welt“ auf einen früheren Anfang(n+1) zurückführen; aber damit lösen wir das Problem nicht, sondern verschieben es nur.

Deswegen hatte ich oben geschrieben, daß die Frage nach dem Woher der traditionellen „Welt“ innerhalb von ihr unbeantwortbar bleiben muß. Die Evolution ist der Glaube an eine bestimmte Art von Schöpfung, der wirklich nicht gesehen oder verheimlicht wird.

 

Das tut uns aber nicht weh, denn ohne Seiende oder „Welt“ braucht es auch keine Evolution oder andere Schöpfung(T).

An ihre Stelle tritt bei uns der Ursprung oder die Wirklichkeit(U) als das reine Daß oder die pure Existenz. Da der Ursprung objektiv sein muß, kann er weder seelisch noch sinnlich sein; wir verstehen beide Eigenschaften nur bezüglich einer Subjektivität. Geistig ist der Ursprung aber ebenfalls nicht, weil er gar nicht die Struktur des Wissens besitzt; der Ursprung muß geistlos sein.

„Ich verstehe; Sie lösen das traditionelle Problem der ‚Welt‘-Entstehung, willkürlich die verschiedensten Dinge behaupten zu müssen, indem Sie ‚Urknall‘ in ‚Ursprung‘ umbennnen; es hat nun nicht mehr geknallt, sondern ist gesprungen – und alle Schwierigkeiten sind beseitigt!“

Das war etwas zu vorlaut! Wir schauen uns in den nächsten Abschnitten an, weshalb Ihre Parallele zwischen Urknall und -sprung völlig danebenliegt.

2.2.1. Zwei bis drei Arten von Wirklichkeit

Kant beantwortete die Frage „Ist die WIRKLICHKEIT eine Eigenschaft“, wie wir in der Einleitung gesehen hatten, mit „nein“; er meinte also unsere Wirklichkeit(U), denn vom Ursprung können wir nichts wissen.

„Das heißt, Sie sprechen jetzt von etwas, worüber wir nicht sprechen können!?“

Ihr Tonfall verrät, daß Sie hier einen Widerspruch sehen; so wie ich meine Formulierungen verstanden haben möchte, besteht jedoch keiner. Wir kommen noch ausführlich darauf zurück und deuten den entscheidenden Punkt an dieser Stelle nur an:

„Ursprung“ ist nur ein Name und keine Bezeichnung; er sagt also absout nichts, so daß Ihre Formulierung „. . . Sie sprechen jetzt von etwas, . . .“ nicht zutrifft. Ich spreche nicht vom Ursprung – was in der Tat auch unmöglich wäre –, sondern benenne ihn.

 

Die Wirklichkeit(G) verstehen wir dagegen sehr gut; freilich ist sie dafür unwirklich(U).

Daß Feldhasen existieren(G) oder wirklich(G) sind, glaube ich – bei Osterhasen halte ich dies dagegen für ausgeschlossen –, und was ich glaube, ist für mich wirklich(G).

Ich glaube nicht nur, sondern bin sogar fest davon überzeugt, daß der Eiffelturm existiert(G) oder wirklich(G) ist; im Gegensatz zum Teufel beispielsweise. Deswegen gehört der Eiffelturm zu meiner subjektiven Welt; der Teufel dagegen nicht.

Wir haben unsere jeweilige Welt nie abgebildet – weil das unmöglich ist –, sondern aus dem, was wir glauben zusammengepuzzelt; sie bildet eine Projektion. Die subjektive Welt besteht in der potentiellen Gesamtheit der von uns gegenwärtig geglaubten Wasse, und damit existiert(G) sie oder ist sie wirklich(G) – für uns. Daß sie „lediglich“ eine Projektion darstellt, versuchen wir, nicht nur nicht zu verheimlichen, sondern soll jeder verstehen – denn es ist alternativlos.

 

Der Ursprung enthält keine Wasse, aber alle gehen aus ihm hervor. Wenn wir dieses Entstehen als Explizieren beschreiben, muß der Ursprung notwendigerweise implizit sein; eingefaltet oder verborgen besagen wohl Ähnliches.

Die Gegenseite bildet das Welt(bild); da es unwirklich(U) ist, können wir nicht darin leben. Es ergibt sich aus unserem Leben und wirkt darauf zurück.

Unser subjektives Leben können wir vielleicht am besten als Teilhabe am Ursprung verstehen; es ist wirklich(L) durch die Wirklichkeit(U). Wir leben durch den, in sowie aus dem Ursprung und orientieren uns dabei anhand des Welt(bilds).

2.2.2. Glauben oder Nicht-Glauben

Natürlich hängt unser Welt(bild) stark von den Erfahrungen ab, die wir gesammelt haben. Aber zumeist erfahren wir nur, was wir bereits kennen; das heißt, die Erfahrungen müssen uns im allgemeinen zuvor als Nach-Denkungen angeboten – berichtet, gelehrt oder erzählt – worden sein. Somit wird unser Welt(bild) vielleicht noch stärker von den uns zugänglichen Nach-Denkungen geprägt.

 

Jeder von uns bestimmt selbst darüber, welche Nach-Denkungen seines Weltbilds er als richtig glaubt bzw. annimmt und damit seiner Welt hinzufügt.

Orientieren können wir uns natürlich sowohl an den angenommenen als auch an den abgelehnten Nach-Denkungen. Glauben wir nicht, daß es eine Erderwärmung gibt, und halten die entsprechenden Nach-Denkungen somit für falsch, leben wir subjektiv mit einer Welt ohne Erderwärmung und wahrscheinlich anders als überzeugte Klimaschützer.

 

Traditionell konnten wir uns hinter den Seienden verstecken oder uns mit ihnen entschuldigen, weil nur Entscheidungen innerhalb der vorgegeben „Welt“ möglich waren.

Für uns gibt es keine Ausreden mehr; wir orientieren uns natürlich ebenfalls innerhalb unseres Welt(bild)s, sind aber auch für dieses verantwortlich; es könnte auch ein ganz anderes sein.

Das trifft freilich kaum auf Kinder zu; ihnen werden sowohl ihre Nach-Denkungen weithin als angeblich existierend bzw. nicht-existierend vorgegeben als auch die Erfahrungsmöglichkeiten, und sie sind darauf angewiesen, ihren Erziehern vertrauen zu können. Aber nach und nach entscheiden sie selbst; nicht nur was sie glauben bzw. nicht-glauben, sondern auch wer ihre Freunde sind, welche Bücher sie lesen, wohin sie gehen oder was sie lernen möchten – und damit indirekt auch über die Erlebungen, die ihnen angeboten werden (können).

 

Zu meiner Welt gehört der Eiffelturm, aber nicht das Einhorn; letzteres gilt natürlich auch für die vielen im ersten Teil kritisierten traditionellen Nach-Denkungen wie Seiende, Abbilden, Objekt, Subjekt usw.

Als Kinder standen wir bei Rotkäppchen, dem Klapperstorch und Osterhasen vor dem entsprechenden Problem und haben unter anderem entschieden, daß es letztere für uns nicht gibt:

Solche kindlichen Fragen stehen natürlich nicht mehr an; aber wie verhält es sich etwa bei den täglichen Nachrichten; was glauben wir, und was sind „Märchen für Erwachsene“, „Fake News“ oder „alternative Fakten“?

Existieren Higgs-Teilchen, Alternativlosigkeit, Gerechtigkeit, ungedopte Radfahrprofis, ein friedlicher Islam, wahre Aussagen der Pharma- oder Automobilindustrie, gewaltfreie Religionen, das Bernsteinzimmer, nicht-korrupte Bereiche der FIFA, die nordkoreanische Wasserstoffbombe, Gott oder die menschliche Vernunft?

„Rückfälle“ sind selbstverständlich auch bei uns nicht ausgeschlossen; unsere Entscheidungen können – nach beiden Richtungen – korrigiert werden. In der Jugend haben wir die Vorstellung von Gott oder einem Leben nach dem Tod vielleicht brüsk abgelehnt und an Säkularisierung sowie Fortschritt geglaubt – aber ganz so sicher sind wir uns dessen heute möglicherweise auch nicht mehr.

2.2.3. Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben

In unserem bisherigen Leben ist uns vieles erzählt, gelehrt und vielleicht auch indoktriniert worden; wir haben zahllose Filme gesehen, Gespräche geführt, Bücher gelesen oder Tagungen besucht usw. Auf diesen und anderen Wegen ist uns eine Unmenge an Nach-Denkungen angeboten worden. Sehr viele haben wir angenommen, und zahlreiche davon sind uns auch wichtig. Andere haben wir abgelehnt, weil sie entweder belanglos zu sein schienen oder wir – nach unserem damaligen Dafürhalten – überzeugt waren, sie könnten uns nicht helfen.

Zu unserem Weltbild gehören natürlich beide Nach-Denkungs-Arten; nicht nur die geglaubten, sondern ebenso die nicht-geglaubten. Wir sind wohl alle überzeugt, daß Krokodile, aber keine Drachen existieren; die Unterscheidung kann jedoch auch schwieriger werden:

Wer an stoffliche Materie glaubt, besitzt wahrscheinlich ein Weltbild, bei dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Das ist völlig legitim; freilich ebenso bei seinem eventuellen Gegenüber, der an Engel glaubt und wahrscheinlich ein Weltbild besitzt, bei dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Gewiß könnten beide in einem guten Gespräch sehr viel voneinander lernen. Es ist vielleicht sogar tragisch, daß es dazu im allgemeinen nicht kommt, weil wir einen solchen Gedanken-Austausch zumeist als sinnlos erachten und diejenigen Gesprächspartner bevorzugen, die uns Recht geben.

 

In dem Maße, in dem wir uns mit Geschichte, New-Age oder Science-Fiction, fremden Kulturen, Religionen und Weltbildern beschäftigt haben, ahnen wir, daß uns möglicherweise erschreckend viele Erlebungen „vorenthalten“, das heißt, niemals angeboten wurden. Wahrscheinlich kennen wir nur einen verschwindend geringen Bruchteil der insgesamt in der Menschheitsgeschichte kursierenden Nach-Denkungen und würden vielleicht viele von ihnen liebend gerne annehmen – wenn sie uns denn bekannt wären.

Natürlich kann ich Ihnen kein eigenes Beispiel für eine Denkmöglichkeit nennen, die mir selbst niemals angeboten wurde. Aber mein Ansatz im vorliegenden Buch stellt für Sie möglichweise eine Nach-Denkung dar, die Ihnen bisher noch nicht begegnet ist.

 

Es besteht also mit Sicherheit ein Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben – ein Jenseits unseres Welt(bild)s –, über dessen Größe wir, wenn es uns denn bekannt sein könnte, vielleicht erschrecken würden.

Möglicherweise sind unsere bekannten Nach-Denkungen – gemessen an diesen nicht-angebotenen oder jenseitigen – entsetzlich; naiv, unmenschlich, lebensfeindlich oder böse. Das würde freilich bedeuten, daß wir in unserem Leben versuchen, mit ungeeigneten Mitteln die falschen Probleme zu lösen – weil wir von den geeigneten Mitteln für die richtigen Probleme nichts wissen.

Wir können nicht sinnvoll fragen, ob wir für die vor uns stehenden Probleme das richtige Welt(bild) besitzen, denn unsere Probleme sind diejenigen unseres Welt(bild)s, so daß mit ihm Probleme und Lösungsmöglichkeiten anders werden.

 

Ob wir eine Nach-Denkung abgelehnt haben oder ob sie uns nie angeboten wurde und wir sie somit gar nicht kennen, macht einen Riesenunterschied, denn nur jene gehört zu unserem Weltbild und gestaltet es folglich mit.

Denken Sie zum Verdeutlichen vielleicht an Beispiele wie Freiheit, Gleichheit oder Demokratie. Ich bin überzeugt, daß diese Nach-Denkungen in der Geschichte weitestgehend fehlten. Der Gedanke, daß die Menschen sich demütig untergeordnet hätten, obwohl sie sich Freiheit, Gleichheit und Demokratie vorstellen und somit ahnen konnten, daß dergleichen möglich sei – aber eben nicht für sie –, scheint mir nahezu absurd zu sein.

Deswegen führen Diktaturen – „Die Farm der Tiere“, „1984“ oder „LTI“ – „Neusprech“ ein:

Es ist höchst uneffektiv, alles Systemkritische zu verbieten; die Endlösung besteht vielmehr darin, es undenkbar zu machen – indem die erforderlichen Nach-Denkungs-Möglichkeiten sprachlich gecancelt werden.

2.2.4. Nicht der richtige Glaube hilft, sondern der helfende Glaube ist richtig

Viele Menschen orientieren sich an Zielen, Idealen, Verrücktheiten, Hypes, Göttern oder Götzen, die es – unseres Erachtens – gar nicht gibt. Hinter den Nach-Denkungen muß also nichts stehen, damit diese ihrer Orientierungs-Funktion gerecht werden können.

Pardon; das war falsch:

Hinter den Nach-Denkungen steht nie etwas, denn mit der gegenteiligen Annahme wären wir bereits mit der Tradition zu Urbildern übergegangen.

Auch wir orientieren uns an Zielen, Idealen, Verrücktheiten, Hypes, Göttern oder Götzen, die – in den Augen der Anderen möglicherweise – nicht existieren; die einen glauben halt dieses und die anderen jenes.

 

Traditionell würde man sagen, eine Orientierung hilft, wenn sie richtig ist.

Wir müssen das – nach den Ausführungen soeben – umkehren; eine Orientierung ist richtig, wenn sie hilft. Was sonst sollte die Orientierung zu einer richtigen machen?

„Dein Glaube hat Dir geholfen“ stimmt also immer und in jedem Zusammenhang – sofern er geholfen hat; dann haben wir erwiesenermaßen das Richtige geglaubt. Worin dieses besteht, erfahren wir freilich nur, indem wir uns probeweise auf die infrage stehenden Nach-Denkungen einlassen, das heißt, sie glauben, um uns daran orientieren und die Probe aufs Exempel machen zu können.

Nochmals: Nicht der richtige Glaube hilft, sondern der helfende Glaube ist der richtige.

Wir glauben also nicht unseren eigenen Erfahrungen zum Trotz, sondern das, was uns zu den gewünschten Erfahrungen verhilft.

 

Das klingt sehr pragmatisch, ist es aber gar nicht.

Ich wende mich nur gegen einen Glauben, der wahr sein soll, obwohl er all unseren Erfahrungen widerspricht; das führt notwendigerweis zur Jenseits-Vertröstung, die meines Erachtens zumindest mit dem christlichen Glauben aber auch gar nichts zu tun hat. Glaube und Erfahrung müssen eng miteinander verbunden sein; da können wir gewiß sehr viel von den asiatischen Religionen lernen.

Die Theologie ist entweder eine Erfahrungswissenschaft oder gar keine. „Die Gläubigen sollen nicht über einen transzendenten(T) Gott spekulieren, sondern ihre Gotteserfahrungen bezeugen“ (Carl Friedrich von Weizsäcker).

Aber pragmatisch ist mein Ansatz dennoch nicht, denn es bleibt völlig offen, ob ich mir meine gewünschten Erfahrungen tatsächlich hätte wünschen sollen oder ob ich nicht viel zu kurz gesprungen bin und wesentlich „mehr“ möglich gewesen wäre.

„Ich wünschte mir, viel Geld zu verdienen und bekannt zu sein; vielleicht wäre es besser gewesen, glücklich und zufrieden werden zu wollen.“

2.2.5. Erfahrungen als einziges Wovon der Nach-Denkungen

„Darf ich Sie bitte einmal unterbrechen; ich habe – wahrscheinlich gemeinsam mit vielen Lesern – ein Problem. Die beiden Wirklichkeiten (U) und (L) für den Ursprung bzw. das Leben sind für mich ganz gut nachvollziehbar, aber bei Ihrer Wirklichkeit(G) habe ich Bauchschmerzen:

Sie teilen die Nach-Denkungen in geglaubte sowie nicht-geglaubte ein und sagen, daß erstere durch diesen Glauben für uns wirklich(G) würden.

Ich möchte dem entgegenhalten, daß – vollkommen unabhängig von jedem GlaubenErfahrungen wirklich und Nach-Denkungen unwirklich sein müssen.“

 

Sie werfen hier zwei Dinge durcheinander, um deren saubere Unterscheidung ich mich die ganze Zeit bemühe:

Auf der einen Seite haben Sie Recht; die Erfahrungen enthalten etwas von der Wirklichkeit(L), was den Nach-Denkungen völlig fehlt. Das führt dazu, daß wir sie glauben müssen, das heißt, nicht widerspruchsfrei bestreiten können; damit sind die Erfahrungen partiell wirklich(L) und vollständig wirklich(G).

Auf der anderen Seite liegen Sie jedoch falsch, weil auch Nach-Denkungen – ohne jeglichen Bezug zur Wirklichkeit(L) – geglaubt werden und somit zur Wirklichkeit(G) gehören können. Sie werden doch den Unterschied beispielsweise zwischen Mars- und Höhlenmenschen nicht leugnen wollen.

Die scheinbare Stringenz ihres Einwands resultiert lediglich aus dem Nachwirken des traditionellen Denkens, das uns immer noch irreführt. Ihm zufolge ist es natürlich so, daß das Weltbild – als die Gesamtheit der Nach-Denkungen – unwirklich(T) ist und die Erfahrungen als Minibröckchen der „Welt“ wirklich(T) sind.

 

Erinnern Sie sich bitte an unser Laptop-Beispiel im ersten Teil; dort sind wir Ihrem Einwand bereits entgegengetreten, ohne es zu wissen:

Wirklich ist allein das eine Ich-erfahre-Laptop. Die – Verhexung durch die – Sprache macht daraus die Dreiheit „Ich erfahre (den) Laptop“. Sowohl das Ich als auch der Laptop, hatten wir dort ausgeführt, sind Erfindungen; Fakt ist allein das Ich-erfahre-Laptop.

Mittels unserer neuen Begrifflichkeit können wir nun ergänzen:

Dieses Ich-erfahre-Laptop ist die Wirklichkeits(L)-Komponente an der Erfahrung, die wir als „Ich erfahre (den) Laptop“ mittels unwirklicher(L) Nach-Denkungen beschreiben.  

 

„Sie hatten in der Einleitung davon gesprochen, daß wir möglicherweise die Hostie in der Eucharistiefeier als Leib Christi verstehen möchten. Inzwischen habe ich eingesehen, daß Substanzen – und damit auch jede Transsubstanziation – unverständlich sind.

Kommen wir nicht der ursprünglichen Intention viel näher, wenn wir – über dieses Beispiel hinausgehend – ganz allgemein aufhören, über die Wirklichkeit(T) von Urbildern – entweder Brot oder Leib Christi – zu sprechen und in der Form Ich-erfahre-Christus zur Wirklichkeit(L) unseres Lebens innerhalb der Erfahrungen übergehen?“

Aber natürlich, und so war es vom II. Vatikanum auch gemeint:

Die Christen legen (aus praktischen Gründen) nur symbolisch eine Hostie in die Opferschale, stellvertretend für sich selbst. Bei der Wandlung geschieht entweder mit ihnen etwas oder gar nichts.

Hier besteht also keine katholisch-evangelische Differenz; es geht nicht um „ist“ oder „bedeutet“, sondern beide Denkfehler entstehen erst dadurch, daß wir uns von der Lebens-Wirklichkeit(L) des Ich-erfahre-Christus entfernen und die Hostie – wie beim Ich bzw. Laptop – ver-ab-solutieren, das heißt, von uns los-lösen.

Das ist der Übergang zur Zauberei, und Jochen Hörisch traut sich, die naheliegende Frage zu stellen: „Hat’s geklappt?“

 

Alle Erfahrungen gehören dem Jetzt an, denn immer wenn wir sagen „ich erfahre“ ließe sich auch ergänzen „ich erfahre jetzt„. Definieren wir in diesem Sinne das Jetzt als die Sphäre der Erfahrungen, so sollte unsere Zusammenfassung in der nachstehenden Tabelle verständlich sein.

 

 

  nicht-geglaubt geglaubt nicht-geglaubt
  unwirklich(G) wirklich(G) unwirklich(G)
  früher oder jetzt      jetzt    
jetzt oder später
                                               
Weltbild Gesamtheit der potentiellen Nach-Denkungen
    Was der Erfahrungen    
           
Welt   Gesamtheit der potentiellen wirklichen(G)  Nach-Denkungen  
    Was der Erfahrungen    

 

Abbildung 2.2.5.

 

Mit der Tradition sind die Nach-Denkungen auch bei uns rein geistig; im Gegensatz zu ihr können sie jedoch trotzdem wirklich(G) sein.

Ohne Welt gibt es kein Weltbild; traditionell, weil dieses ein Bild von jener darstellt, und bei uns, weil wir gar nicht leben können, ohne irgendetwas zu glauben.

Aber nun läßt sich diese Relation auch umkehren: Ohne Weltbild keine Welt – weil es dann nichts zum Glauben gäbe.

 

Wir hatten oben ausgeführt, daß unsere Erfahrungen den Seienden entsprechen. Wenn sich das Weltbild traditionell auf letztere bezieht, muß es bei uns konsequenterweise ein Wissen von den Erfahrungen enthalten. 

Mit anderen Worten:

Das Weltbild ist potentielles Wissen, aber weitestgehend ohne ein Wovon oder einen Referenten.

Es existiert(L) nur eine einzige Art von Wovon bzw. Referenten, und das sind die Erfahrungen, weil sie Anteil an der Wirklichkeit(L) haben. Allein Nach-Denkungen im Jetzt können sich also überhaupt auf etwas beziehen; und wenn sie es tun, handelt es sich um unsere Erfahrungen.

 

„Wenn es aber nur Wissen von den – eo ipso jetzigen – Erfahrungen gibt, bedeutet dies, daß wir nicht ausrechnen können, wo sich beispielsweise der Jupiter zu einer bestimmten ‚Zeit‘ befindet.“

Natürlich; weil „der Jupiter“ für uns völlig unverständlich ist.

Wir können unsere „späteren Erfahrungen“ namens „Jupiter“ vorausberechnen; aber das sind natürlich keine späteren Erfahrungen. Es handelt sich hierbei um Vorausagen für einen späteren „Zeit“-Punkt, wobei wir warten müssen, bis er zum Jetzt geworden und damit eine Erfahrung namens „Jupiter“ möglich ist. Dann erst können die vorausgesagten Erfahrungen kontrolliert und gegebenenfalls bestätigt werden.

„Und was macht der Jupiter bis dahin?“

Ich verstehe Sie nicht; wer soll bis dahin was machen?

2.2.6. Unendlichkeit

Traditionell gilt das Unendliche(T) weitgehend als unproblematisch; es ist ganz simpel die Negation des Endlichen. Natürlich gibt es unendlich(T) viele Zahlen, „Raum“ sowie „Zeit“ können unendlich(T) ausgedehnt sein, und selbstverständlich ist Gott für die Gläubigen unendlich(T) groß, weise, gerecht usw. 

Dagegen war zumeist auch klar, daß die Anzahl der Sandkörner an der Ostsee zwar sehr groß, aber nur endlich ist; im Prinzip können wir sie zählen, und werden irgendwann einmal damit fertig. Eine Anzahl der Wassertropfen im Atlantik gibt es freilich nicht, weil ein Kontinuum keine diskreten Tropfen enthält.

Den hierbei benutzen Begriff des Unendlichen(T) können wir gar nicht nutzen, weil er an Seiende gebunden ist. Die Zahlen existieren(T) in einem urbildlichen Zahlenreich, „Raum“ sowie „Zeit“ gibt es objektiv und Gott natürlich erst recht.

 

Anstelle dessen benötigen wir zwei Unendlichkeits-Begriffe und unterscheiden zwischen dem aktualen sowie potentiellen Unendlich.

Was letzteres bedeutet, veranschaulichen wir uns am besten anhand der natürlichen Zahlen. Sie existieren(T) nicht, sondern es gibt sie – wie alle anderen Erlebungen auch – höchstens für uns; in diesem Falle wenn wir zählen oder rechnen. Zahlen sind Nach-Denk-Werkzeuge; nutzen wir sie nicht, liegen sie nicht im Werkzeugkasten „Zahlenreich“, sondern sind nur potentiell; sie bestehen (!) auf Abruf.

Wir können zählen, solange wir wollen; niemals wird eine Grenze oder letzte Zahl erreicht, an der wir „anstoßen“, aber nichtsdestotrotz bleiben die Zahlen immer endlich.

Diese beiden Eigenschaften faßt unser Begriff zusammen: Natürlich endlich, aber potentiell unendlich.

 

Unendlich viel „größer“ – die Mathematiker sagen dafür „mächtiger“ – als das potentielle ist das aktuale Unendlich. Wie sollen wir das verstehen? Mehr als immer weiter zählen zu können, ist doch gar nicht möglich? Doch!

Wenn wir vom potentiellen Unendlich etwas wegnehmen oder subtrahieren, wird es kleiner bzw. weniger; anschaulich gesprochen ist der verbleibende Rest nur noch so groß, als hätten wir beim Zählen schon früher aufgehört. Bei dieser Darstellungsweise wird deutlich, daß das potentielle Unendlich „gesteigert werden kann“ und es ein aktuales Unendlich gibt

Es ist dasjenigen, dem wir beliebig – potentiell unendlich – viel entnehmen können und das vollkommen unabhängig davon seine aktual unendliche Mächtigkeit behält, nichts verliert und nicht schwächer, ärmer oder gar alle wird.

 

aktuales Unendlich   –   1 000 . . . 000   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

aktuales Unendlich   –   potentielles Unendlich   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

 

„Gesteigert werden kann“ war soeben nicht der rechte Ausdruck für das Verhältnis dieser beiden Unendlichkeiten, denn sie gehen nicht auseinander hervor; es handelt sich vielmehr um einen prinzipiellen oder qualitativen Unterschied.

 

Damit können wir endlich eine noch ausstehende Erklärung nachliefern.

Der Ursprung ist „ursprünglich“ – „am Anfang“ – das Einzige, weil ausnahmslos alles nur aus ihm hervorgehen kann. Dieses Hervorgehen entspricht dem Leben, in dem wir den impliziten Ursprung zu den Erlebungen explizieren. Läßt sich plausibel machen, daß der Ursprung aktual unendlich ist, spielt es keine Rolle, wie viele potentiell unendliche Leben ihm schon entsprungen sind:

Niemals bleibt nur ein Ursprungs-Rest zurück, sondern stets handelt es sich um den gleichen aktual unendlichen Ursprung

2.2.7. Der "eine" Ursprung

Ich kann Ihnen leider kein Beispiel für das aktuale Unendlich anbieten, weil es keines gibt. Der Ursprung bildet das einzige aktuale Unendlich, so daß wir die folgende Gleichsetzung erhalten:

 

Ursprung   =   Transzendenz   =   Wirklichkeit(U)   =   aktuales Unendlich

 

„Das überzeugt mich nicht ganz.

Warum gehen Sie – wie selbstverständlich – von einem Ursprung aus? Wäre es nicht möglich, daß wir zwei Ursprünge benötigen? Gott und Teufel beispielsweise? Oder vielleicht auch noch mehr?“

Nein; es kann bei unseren Überlegungen nur einen einzigen Ursprung geben. Ihr Vorschlag einer Mehrzahl ist nur vor dem Hintergrund des traditionellen Ansatzes denkbar. 

 

Gehen wir in seinem Sinne von Seienden aus, so sind natürlich beliebig viele möglich; Götter, Halbgötter, Teufel usw. Wer sie kennt, hat sie in seine Hinterwelt projiziert, und da kann man problemlos noch ein paar hinzufügen.

Der unwißbare Ursprung dagegen ist zum einen notwendig, weil es ohne ihn gar nichts gäbe. Er bildet zwar keine hinreichende Bedingung – weil diese einen Unbegriff darstellt, wie wir uns bereits überlegt hatten –, ermöglicht unser Leben aber erst.

Zum anderen können wir innerhalb des Ungewußten nicht zwei Teile voneinander unterscheiden, weil Wissen und Unterscheiden synonym sind. A und B zu wissen, bedeutet, sie zu unterscheiden, und umgekehrt, was außerdem die Möglichkeit der Negation voraussetzt.

 

„Sie behaupten also, bei Gott und dem Teufel beispielsweise könne es höchstens einen von beiden geben, und das ist dann derjenige, der dem einen Ursprung entspricht? Wir müssen uns also auch hier entscheiden, woran wir glauben (wollen)?“

Nein; das ist völlig daneben, weil Sie den Ursprung mit Nach-Denkungen identifizieren.

Nur bei letzteren geht es um Glauben oder Nicht-Glauben, wobei dann jenes zur Welt beiträgt und dieses nicht.

 

Beim Ursprung stellt sich unsere Situation völlig anders dar:

Wenn wir nicht unterscheiden können, steht die Frage „entweder Gott oder Teufel“ zum einen gar nicht; die Worte besitzen im Ursprung einfach keinen Sinn. Dieser könnte nur traditionell existieren(T). Wer also von Gott oder dem Teufel spricht und damit einen Sinn verbindet, spricht nicht vom Ursprung, sondern von seiner Hinterwelt.

Zum anderen kann es im Unwißbaren auch keine Negation geben, so daß der Ursprungs-Gott kein Nicht-Teufel ist, und der Ursprungs-Teufel kein Nicht-Gott.

Das bedeutet nicht zuletzt, daß es völlig einerlei sein muß, welchen Namen wir dem Ursprung geben; „Gott“, „JHWH“, „Jehova“, „Nichts“, „Allah“ usw. Auch „Teufel“ wäre natürlich möglich – wenn auch kaum sonderlich geschickt –, weil wir nur von nichtssagenden Namen sprechen und keineswegs von Bezeichnungen für die Erlebungen unseres Welt(bilds).

 

Einen kleinen Fehler, den ich bisher des besseren Verständnisses wegen billigend inkauf genommen habe, sollten wir noch korrigieren:

„Um unterscheiden zu können, benötigen wir mindestens zwei Wissungen.“

Das ist einsichtig, hat aber nichts mit Denken zu tun, sondern entspricht wiederum lediglich der Grammatik und damit unserem alltäglichen Sprachgebrauch:

Um unterscheiden – bestimmen oder feststellen – zu können, genügt bereits eine Wissung.

Aber eben eine Wissung, und die haben wir beim Ursprung nicht, so daß auch nicht ein Ursprung existieren kann; Kontinua sind „nicht zahlfähig“ (Hermann Schmitz). Es gibt also „einen“ Ursprung, und der befindet sich jenseits von Ein- oder Mehrzahl.

2.2.8. Drei Arten von verbalem Wissen

Natürlich können wir eine Vorstellung namens „Kontinuum“ besitzen.

Es gibt aber nur Nach-Denkungen vom Was der Erfahrungen; das Ursprungs-Kontinuum zählt nicht zu ihm, so daß die Vorstellung namens „Kontinuum“ auch keine von einem Kontinuum sein kann. 

Etwas anschaulicher liest sich das so:

Wir möchten uns den Ursprung vorstellen und stellen uns auch etwas vor. Aber wieso soll unsere Vorstellung eine vom Ursprung sein? Weshalb soll das eine etwas mit dem anderen zu tun haben? Kann es für den Zusammenhang genügen, daß wir uns doch den Ursprung vorstellen wollten – und schon ist er da?

Benutzen wir den Tunnelbau als Bild, dann entspricht unser Vorstellen keinem treffsicheren Bohren von beiden Seiten, sondern einem nur einseitigen, bei dem der Berg so tief ist, daß wir nie herauskommen.

 

„Was Sie soeben am Ursprung schön erklärt haben, gilt aber natürlich ganz allgemein?“

Nein; wir müssen drei Fälle unterscheiden:

 

1. Entitäten, die es WIRKLICH gibt; (U) oder (L)

Der Ursprung und unser Leben sowie die Subjektivitäten bilden die bisherigen Paradebeispiele. Da sie WIRKLICH sind, können wir keine Nach-Denkungen – insbesondere Vorstellungen – von ihnen haben, denn wie wollen wir denn überprüfen, ob dieses „von ihnen“ stimmt? Wer es behauptet, betrachtet die entsprechenden Größen als seiende Urbilder und projiziert die Nach-Denkungen damit in seine Hinterwelt.

Entitäten, die es WIRKLICH gibt, sind also „unvorstellbar“, das heißt, sie haben mit unseren Nach-Denkungen nichts zu tun.

 

2. Nach-Denkungen ohne Wovon oder Referenten

Das ist theoretisch der problemloseste Fall; wir verfügen über irgendwelche Nach-Denkungen, die natürlich mit allen anderen zusammenhängen, sich aber auf nichts beziehen. Praktisch kann es natürlich ebenso mörderisch wie heilend sein, wenn wir uns an ihnen orientieren. 

 

3. Nach-Denkungen vom Was der Erfahrungen

Das Was der Erfahrungen bildet das einzig mögliche Wovon der Nach-Denkungen, so daß letztere an das Jetzt gebunden sind. Solange die intendierten Erfahrungen noch der Zukunft angehören, sprechen wir von Voraussagen oder Antizipationen. Wir warten, bis die Nach-Denkungen im Jetzt ein Wovon erhalten, das heißt, die entsprechenden Erfahrungen eintreten, und können dann nachprüfen, ob sich unsere Voraussagen bestätigt haben oder nicht.

Nur in diesem Fall existieren die beiden Seiten des verbalen Wissens; zum einen die Wissungen – die Nach-Denkungen – und zum anderen das Gewußte – das Was der Erfahrungen. Deshalb können letztlich auch nur überprüfbare Antizipationen den harten Kern der empirischen Wissenschaften bilden.

 

Wir können das systematisch veranschaulichen; zum vierten Fall gibt es wohl kaum etwas zu sagen.

 

  Wissungen verbales Wissen Gewußtes                                                       
         
1. ————–   WIRKLICHKEIT (U) oder (L)  
2. Nach-Denkungen   ————–  
3. Nach-Denkungen   Was der Erfahrungen  
4. ————–   ————–  

 

Abbildung 2.2.8.

2.2.9. Ursprung – nicht Urgrund

Wir müssen unseren Ursprung deutlich vom Urgrund der Tradition unterscheiden, bei dem es stets um eine Be-Gründung geht – die natürlich nur innerhalb des Welt(bilds) möglich ist, in dem unser Ursprung aber niemals vorkommt..

Ich versuche, Ihnen diesen Unterschied nochmals an einer bekannten religiösen Denkfigur zu erläutern.

 

Gläubige finden den traditionellen „kosmologischen Gottesbeweis“ häufig sehr überzeugend:

Sie suchen nach einer befriedigenden Antwort auf die Frage, woher die Welt kommt, und finden sie darin, daß Gott diese Welt wollte und geschaffen hat; Gott ist der Urgrund der Welt.

Diese Argumentation ist natürlich extrem schwach, weil sie die Frage nach der Herkunft nicht beantwortet, sonden nur um eine Ebene verschiebt: Woher kommt Gott?

Nun ist es völlig unlogisch, diese möglichen fortdauernden Wiederholungen ausgerechnet mit der Ewigkeit Gottes abbrechen zu wollen. Wenn sich eine solche Ewigkeit überhaupt konsistent denken läßt, dann kann auch die Welt bereits ewig sein, so daß wir das Weiterfragen nach dem Woher auch bereits eine Stufe früher abbrechen können, das heißt, gar nicht erst beginnen müssen:

Warum soll die Welt nicht ewig sein, wenn das bei Gott problemlos denkbar ist?

 

Daß unser Ursprung kein Urgrund ist, bedeutet, daß er weder etwas begründet noch eine Frage positiv beantwortet.

Im Gegenteil; unser Ursprung resultiert aus der Einsicht, daß ausnahmslos alle Begründungen wieder auf Warum-Fragen führen und somit erneut begründet werden müßten. Diese endlose Kette von unbefriedigenden Antworten meint Hegel mit seiner „schlechten Unendlichkeit“.

Ein Paradebeispiel bildet die Evolutionstheorie, die relativ zwingend die Frage provoziert, was vor dem Urknall war; er ist lediglich ein „physikalischer Urgrund – und der theologische Urgrund ein „onto-theologischer Urknall“

Mit dem Ursprung versuchen wir nicht zuletzt, auch derartige Denkfehler zu vermeiden.

 

Einfacher, weil anschaulicher erklärt:

Auf meine Frage, warum es Sie gibt, erzählen Sie mir wahrscheinlich etwas von Ihren Eltern. Das mag alles richtig sein, stellt aber keine Antwort auf meine Frage dar, sondern verschiebt diese lediglich um eine Generation: Warum gibt es Ihre Eltern?

So entsteht „langfristig“ die Evolutionstheorie; wir verstehen dabei nichts, sondern erklären alles, indem wir es kausal aus seinen – angeblichen – Vorfahren im weitesten Sinne herleiten.

Und woher nehmen wir die?

Diese Vorfahren müssen wir erst konstruieren oder erfinden, um aus ihnen ihre Nachfahren kausal gewinnen zu können.

Die Evolution erfolgte zwar angeblich vom Früher zum Jetzt, aber die Evolutionstheore konnten wir uns nur in umgekehrter Richtung ausdenken. Beides sind Nach-Denkungen; die Evoution erklärt kausal das jeweils Spätere und die Evolutionstheorie bemüht sich um das jeweils Frühere, das wir für diese Erklärung benötigen.

 

„Diesen Unterschied zwischen Ihrem Ursprung und dem traditionellen Urgrund habe ich wohl verstanden, aber er führt mich auf ein anderes Problem:

Wenn jedes Leben – auf seine ganz spezielle Weise – tatsächlich verwirklichter Ursprung ist, bedeutet dies, daß sämtliche Leben auf den Ursprung einwirken. Das scheint mir jedoch sehr gewagt zu sein; was hat denn mein Leben mit dem Absoluten oder aktualen Unendlich zu tun?“  

 

Ich kann Ihre Aufregung eigentlich nur so deuten, daß Sie der onto-theologischen Tradition immer noch sehr nahestehen. Ihr zufolge ist Gott der ganz Andere; absolut, ewig, transzendent, un(be)rührbar, leidfrei, unerreichbar usw. Dieses Denken behauptet zwar, daß Gott seine Schöpfung liebt, aber mit  den zuvor angedeuteten Eigenschaften läßt sich das kaum vereinbaren.

„Mein Partner liebt mich; aber was auch immer mir widerfährt, weder leidet er mit noch berührt oder erreicht es ihn auch nur.“

Mir schwebt dagegen ein viel großartigerer – und zudem noch christlicher – Ursprung vor, der mit uns wechselwirkt, sich immer wieder kümmert, alles ermöglicht und ein gutes Ende garantiert – obwohl wir Mit-Schöpfer sein dürfen, frei sind, ihn nicht nur berühren, sondern sogar verletzen können und er all unsere Kapriolen ausbaden muß.

Hut ab; da ist der onto-theologische Gott der Tradition schwach dagegen!  

2.2.10. Explikation des impliziten Ursprungs

Der Ursprung ist absolut unwißbar, weil es nichts „Festgestelltes“ an ihm gibt. Das ist eine negative Formulierung, und sie klingt auch so; aber wir können das durchaus positiv darstellen:

Gerade weil der Ursprung noch nicht vorgeformt; sondern total offen ist, können aus seiner aktual unendlichen Wirklichkeit(U) – ohne jede Einschränkung – potentiell unendlich viele potentiell unendlich verschiedene Leben expliziert werden

 

Mit anderen Worten:

Der Ursprung ist fundamental, weil er als die „eine“ Wirklichkeit(U) die einzige Quelle von ausnahmslos allem darstellt. Er ermöglicht sich selbst und – natürlich – alles andere, was ja nur aus ihm expliziert werden kann.

Der Ursprung hat nichts mit einem Anfang zu tun, vielmehr gehört er immer zur Gegenwart, so daß alles unmittelbar zu, weil in ihm ist. Er ist nicht nur tragender Grund, sondern bergender Oikos oder Lebensraum; würde jetzt der Ursprung entfallen, wäre schlagartig auch alles andere weg.

Er ist erforderlich, weil, wie wir gesehen haben, sowohl die traditionelle Schöpfung als auch die ebenso traditionelle Evolution als denkunmöglich ausscheiden, ein Woher der Wirklichkeit aber denknotwendig ist. Ich will und kann mir nicht ernstlich einreden, mich wie Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Nichts gezogen zu haben.

 

Damit leugne ich nicht das mit Schöpfung Gemeinte, sondern lediglich dessen traditionelle Interpretation:

Gott hat keine „Welt“ geschaffen, weil es keine gibt; und für unsere Welten sind wir Subjektivitäten selbst verantwortlich. Das Problem der Theodizee – des unbeschreiblichen Leids im Angesicht eines guten allmächtigen Gottes – bekommt eine völlig neue Ausrichtung.

Auch wir stellen keine traditionellen Geschöpfe dar, sondern bestimmen uns selbst zu dem, was wir einmal sein werden. Kein Gott kann ein Selbst schaffen, denn wir sind es nur selbst, wenn bzw. in dem Maße wie wir uns selbst dazu bestimmen – und nicht fremd-bestimmt werden; ein fremd-bestimmtes „Selbst“ ist kein Selbst, sondern ein Urbild.

Die Schöpfung kann somit nur als eine solche der Freiheit gedacht werden.

Dieses „nur“ ist freilich mißverständlich; schwieriger konnte es sich Gott gar nicht machen; da wäre die „Welt“ mit ihren Subjekten als Abbildungs-Knechten wahrscheinlich eine Lappalie dagegen gewesen.

 

Der Ursprung besitzt als Wirklichkeit(U) zwei Seiten:

Einerseits ist er die Ermöglichung von allem; aus diesem aktualen Unendlich können potentiell unendlich viele potentiell unendlich verschiedene Leben mit ihren Welt(bildern) hervorgehen.

Andererseits ist der Ursprung selbst noch vollkommen ungeformt und damit offen für alles; wir sagen deshalb, er sei implizit.

Das ist keine Wertung und entspricht insbesondere keinem „nur“ implizit. Der Ursprung kann alles werden, weil er noch nichts ist; er entspricht „nur“ einer Ermöglichung, aber eben einer unendlichen Ermöglichung. Und deswegen muß er geistlos sein, denn das Explizieren ist ein Vergeistigen, da alle Erlebungen – aber eben erst sie – zumindest eine geistige Komponente besitzen. Die Nach-Denkungen sind rein geistig und bei den Erfahrungen gilt dies für ihr Was.

 

Durch das Leben gehen aus dem Ursprung die Erlebungen hervor, wobei die Erfahrungen unter ihnen in dem Sinne rückbezüglich sind, daß wir in ihnen oder durch sie vom Leben erfahren.

2.2.11. Ursprung – Urknall – Urbild

Damit müßten wir Ihren Vorwurf, ich wolle durch das bloße Umtaufen von „Urknall“ in „Ursprung“ tatsächliche Probleme lösen, entkräften können; diese beiden Ure haben aber auch gar nichts miteinander zu tun.

Die Evolutionstheorie ist eine Nach-Denkung – eine Gedankenkonstruktion, ein Modell oder Paradigma –, die ich persönlich für unrichtig halte und folglich nicht glaube, so daß sie für mich unwirklich(G) ist; auf meine diesbezügliche Begründung kommen wir im nächsten Abschnitt zu sprechen. 

Sie können natürlich – innerhalb unseres Ansatzes – gegenteiliger Meinung und von der Evolutionstheorie begeistert sein. Wir haben beide ein Weltbild mit der Evolutionstheorie; andernfalls könnten wir uns nicht darüber unterhalten. Glauben Sie jedoch – im Gegensatz zu mir – (an) die Evolution, so ist diese für Sie wirklich(G)  und bildet einen Teil ihrer Welt.

 

Meine Formulierungen soeben waren immer noch nicht ganz richtig, weil ich mich noch zu sehr an das traditionelle Denken angelehnt habe. Ihm zufolge ist die Evolutionstheorie Wissen von der Evolution, aber bei uns gibt es ein solches Wissen gar nicht, so daß die beiden synonym werden:

Evolutionstheorie ist Evolution oder Evolution ist Evolutionstheorie.

Glauben wir die Evolution / Evolutionstheorie, so gehört sie als wirklich(G) zu unserer Welt; andernfalls als unwirklich(G) zu unserem Weltbild.

Wichtig ist mir, daß Sie die Identität von Evolution und Evolutionstheorie verstehen, nicht aber, ob Sie die glauben.

 

Allgemeiner formuliert:

Weder wende ich mich mit unserem Ansatz gegen bestimmte Welt(bilder) noch favorisiere ich welche; mir geht es doch grade darum, daß jede Subjektivität selbst für das verantworlich ist, was sie glaubt bzw. nicht-glaubt und damit für die eigene Welt.

Ich bestreite danit lediglich, daß irgendjemand seine Welt als objektive „Welt“ behaupten und den anderen Subjektivitäten aufoktroyieren darf. Glauben Sie also zum Beispiel liebend gerne (an) die Evolution / Evolutionstheorie und fühlen Sie sich Ihrer Sache völlig sicher; aber sagen Sie bitte nicht,

– . . . so war es wirklich,

– . . . das entspricht der objektiven Realität,

– . . . wie die Wissenschaft bewiesen hat oder

– . . . womit die Idee einer Schöpfung hinfällig wird,

denn damit machen Sie die Evolution zu einer urbildlichen WIrklichkeit(T), und allein dagegen wende ich mich.

 

Der Urknall ist eine Nach-Denkung; wir könnten möglicherweise stundenlang darüber sprechen, denn er gehört unserem Weltbild an.

Der Ursprung entspricht dagegen der geistlosen Wirklichkeit(U), so daß es einerseits nichts von ihm zu wissen gibt. Andererseits ermöglicht er alles; auch die Welt(bilder), speziell die mit dem Urknall und sogar den Glauben bzw. Nicht-Glauben daran.

Der Urknall kann traditionell als Urbild mißverstanden werden; der Ursprung nicht, denn er

– ist aktual unendlich,

– kann prinzipiell nicht gewußt werden ,

– stellt keine Eigenschaft dar und

– steht als Ermöglichung immer „hinter“, aber niemals als Gegen-Stand vor uns.

 

Bezüglich der Evolution / Evolutionstheorie sind also theoretisch folgende Standpunkte möglich:

1. Die (unhaltbare) traditionelle Sichtweise, derzufolge wir die Evolution erkannt haben und sie folglich der Evolutionstheorie vorausgeht.

2. a) Die Evolution / Evolutionstheorie ist zwar nur eine Nach-Denkung, aber das Früher, das sie uns entfaltet, glauben wir, so daß es für uns wirklich(G) und damit zu einem Teil unserer Welt wird.

2. b) Die Evolution / Evolutionstheorie ist nur eine Nach-Denkung, und das Früher, das sie uns entfaltet, glauben wir nicht, so daß es für uns unwirklich(G) und damit nicht zu einem Teil unserer Welt wird.

3. a) Die Evolution / Evolutionstheorie stellt wie jede andere gute Theorie auch ein Nach-Denk-Werkzeug dar, mittels dessen Hilfe wir versuchen, gegenwärtige Probleme zu lösen; beispielsweise einen Impfstoff zu entwickeln.

3. b) Die Evolution / Evolutionstheorie stellt keine gute Theorie dar und ist somit auch kein Nach-Denk-Werkzeug, mittels dessen Hilfe wir versuchen könnten, gegenwärtige Probleme zu lösen; beispielsweise einen Impfstoff zu entwickeln.

3. (An) Nach-Denk-Werkzeuge müssen wir weder glauben noch nicht-glauben; sie werden möglicherweise benutzt, gehören aber – wie logische Schlüsse oder Spielregeln – nicht zwangsläufig zum Welt(bild).

2.2.12. Identität der Naturgesetze

Der erste Punkt stellt einen Rückfall in das traditionelle Denken dar und scheidet damit aus.

Ich bin bei 2. für b) und kann mit dem Früher der Evolution / Evolutionstheorie absolut nichts anfangen.

3. a) entspricht dem „normalen Rätsellösen“ bei Thomas S. Kuhn, und solange wir nichts Besseres haben – im Ergebnis einer „wissenschaftlichen Revolution“ –, bildet die Evolution / Evolutionstheorie natürlich das Nonplusultra auf diesem Gebiet.

Warum 2. b)?

 

Der Urknall beginnt mit einer mathematischen Singularität, weil eine unvorstellbar große Energie(menge) in einem mathematischen Punkt konzentriert ist.

Er befindet sich nicht in „Raum“ und „Zeit“, sondern stellt selbst die gesamte „Raum“-„Zeit“ dar; um ihn herum ist das Nichts. Nur so verstanden handelt es sich um Physik; ein Punkt innerhalb der „Raum“-„Zeit“ hätte nichts mit ihr zu tun, sondern wäre science fiction. Natürlich können wir uns den Urknall-Punkt nur so vorstellen; das ist aber völlig belanglos, denn die Urknall-Theorie folgt nicht aus Vorstellungen, sondern aus Berechnungen, und diese führen zur „Raum“-„Zeit“ als Punkt.

Der Urknall besteht darin, daß dieser Energie-„Raum“-„Zeit“-Punkt explodiert und die Bruchstücke in das Nichts hineinfliegen. So wird unter anderem der „Raum“ aufgespannt, denn er ist nichts anderes als der Zwischen-„Raum“ zwischen den Bruchstücken.

Diese Expansion des Universums – durch den „Schwung“ des Urknalls (und vielleicht die dunkle Materie bzw. Energie) – hält noch heute an, so daß sich die Galaxien weiterhin in das Nichts bewegen.

 

Ich persönlich kann und will das nicht glauben, weil für die Berechnung des Urknalls vorausgesetzt werden muß, daß unsere heutigen Naturgesetze seit 13, 7 Milliarden Jahren identisch sind. Natürlich können wir ohne diese Annahme gar nicht rechnen, aber stellt denn das ein Argument dar? „Was wir machen, ist höchstwahrscheinlich Blödsinn, aber anders geht es gar nicht!“

Damit sind wir wieder bei der Geschichte von dem Betrunkenen aus der Einleitung, der im Licht der Straßenlaterne seinen verlorenen Schlüssel sucht. Er war dort zwar gar nicht vorübergekommen, kann jedoch nur hier etwas sehen.

 

Die Evolution / Evolutionstheorie ist ein phantastisches und gegenwärtig wohl unüberbietbares Nach-Denk-Werkzeug im Sinne von Punkt 3. a). Dem schließe ich mich selbstverständlich 100%-ig an; aber die obige, total andere, damit in keinem Zusammenhang stehende und nicht zu rechtfertigende Behauptung 2. a), die Evolution / Evolutionstheorie beschreibe zusätzlich auch noch diese 13, 7 Milliarden Jahre des Früher, kann ich nicht guten Gewissens teilen:

Ausnahmslos alles ist unvorstellbar radikal anders geworden, aber die Naturgesetze berührt das in keiner Weise; hier ist mir zu sehr der Wunsch der Vater des Gedankens.

Auf Newtons Gravitationstheorie übertragen entspräche 2. a) der naiv-realistischen Annahme, Massen würden sich wirklich anziehen. Spätestens seit Albert Einstein läßt sich dieser Glaube jedoch kaum noch rechtfertigen; das hindert uns freilich nicht daran, im Sinne von Punkt 3. a) intensiv mit der Gravitationstheorie zu arbeiten.

 

Georg Picht zufolge bildet die Urknalltheorie den „Mythos des Atomzeitalters“.

Letzteres begann mit den little bang von Hiroshima und Nagasaki, ist  aber in vielerlei Hinsicht ein Zeitalter der Explosionen; Bevölkerung, Informationen, Wissen, Finanzmärkte, Ansprüche, Reichtum, Machbarkeit, Gewaltexzesse, Produktion, „Freiheit“ . . . Damit einher geht die Zerstörung von Kulturen, Sprachen, Beziehungen, Werten, Traditionen, Religionen, Ökosystemen, . . . 

Daß die Menschen eines solchen Zeitalters glauben, sich einem großen Knall verdanken zu müssen, sollte uns nicht überraschen, hat aber nichts mit Physik zu tun, sondern ist reine Psychologie.

2.3. Subjektivitäten

„Aus den traditionellen Subjekten werden bei uns die Subjektivitäten, hatten Sie mehrfach ausgeführt.

Auf der einen Seite sind sie natürlich erforderlich, denn wir benötigen Lebend(ig)e als Träger des subjektiven Lebens.

Auf der anderen Seite gibt es aber bisher neben dem Leben nur noch den Ursprung und die Erlebungen. Beide kommen für die Subjektivitäten nicht infrage; der Ursprung scheidet als aktual unendliche Wirklichkeit(U) eo ipso aus, und auch die Erlebungen können keine Subjektivitäten sein.

Wir, die letzteren also, sind ja die Erlebenden, das heißt, diejenigen für die es die Erlebungen gibt. Wären wir also selbst Erlebungen, müßten diese wiederum über Erlebungen verfügen. Eine solche Denkmöglichkeit scheidet wohl definitiv aus, weil sie zu der unendlichen Rekursion von Erlebungen der Erlebungen der Erlebungen . . . führt.

Müssen wir also noch eine vierte grundlegende Entität einführen – neben Ursprung, Leben und Erlebungen?“

 

Nein; das müssen wir nicht, denn die Subjektivitäten gehören jeweils zu ihrem Leben. Um das einsehen zu können, betrachten wir einen vielzitierten Artikel von Thomas Nagel aus den 70-er Jahren: „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“.

Natürlich weiß das auch Thomas Nagel nicht, denn dazu müßte man Fledermaus sein.

Aber selbst das ist noch falsch, denn wir wissen auch nicht, wie es ist, Mensch zu sein; bestenfalls wie es ist, ich zu sein.

Dieses Zwischenergebnis stimmt jedoch immer noch nicht:

Wir wissen auch nicht, wie es ist, ich zu sein, sondern

wir sind, wie es ist, ich zu sein.

Ich bin, wie es ist, ich zu sein; das müßte jede Subjektivität selbst sagen.

 

Dieser Gedanke ist schwierig, weil er meines Erachtens eine – der Tradition gegenüber – völlig neue Sichtweise entwirft. Er beinhaltet in erster Linie die Überzeugung, daß wir keine anderen Subjektivitäten erfahren können, weil jede von ihnen nur für sich selbst existiert(L).

Haben wir zwei traditionelle Seiende A und B, so gibt es insgesamt vier Wechselwirkungen; A → B, B → A, A → A sowie B → B. Nun kann man gewiß sinnvoll darüber diskutieren, ob die beiden letzteren in diesem Fall überhaupt existieren; bei unseren Subjektivitäten sind sie jedoch die einzigen:

Für die Subjektivität A besteht also im Sinne von Thomas Nagel nur A → A oder besser: A = „A“ → „A“. Diese Symbolisierung soll das Ergebnis zum Ausdruck bringen, daß A nicht sich selbst erlebt, sondern ein Sich-selbst-Erleben ist, das – wenn es A konstituiert – folglich noch ohne A zustande kommen muß.

 

Da weder A → B noch B → A existieren, mag unabhängig davon ein B = „B“ → „B“ konstituiert werden, aber die beiden Subjektivitäten sind völlig isoliert voneinander, weil ihre Entstehung einem Sich-in-sich-Verschließen entspricht. 

Das „gleiche Erleben“ kann sowohl zum Sich-selbst-Erleben A als auch zum Sich-selbst-Erleben B führen – und trotzdem besitzen die zwei Subjektivitäten keinen Zugang zueinander.

Dieses Resultat ist ebenso fremd wie tiefgreifend; traditionell steht vor mir Subjekt eine anderes, und wir sprechen miteinander oder handeln gemeinsam; eine entsprechende Situation ist im ontologischen Explikationismus unmöglich.

 

Miichel Henry wollte wohl etwas sehr Ähnliches ausdrücken, wenn er sinngemäß schrieb:

Wir beginnen beim seelischen Fühlen; woher das kommt, bleibt vorerst noch offen. Es gibt zunächst weder einen Ursprung als Ursprung noch irgendwelche Erlebungen, sondern nur Fühlen.

Dieses Fühlen ist jedoch nicht möglich ohne ein Sich-Fühlen; jenes führt unabdingbar zu diesem; das Fühlen erzeugt sein Sich-Fühlen.

 

Die Parallele sollte deutlich sein; das Sich-selbst-Erleben „A“ → „A“ entspricht dem Fühlen, und daraus geht A hervor – „wie es ist, ich zu sein“ – bzw. das Sich-Fühlen.

– „Ich fühle mich nicht, sondern bin mein Sich-Fühlen.“

Dieses „mein“ ist falsch, weil das Ich erst als Sich-Fühlen konstituiert wird; dann kann es nicht das meinige sein.

– „Ich fühle mich nicht, sondern bin ein Sich-Fühlen.“

Dieses „ein“ ist falsch, weil wir nicht wie der Nous auf die Subjektivitäten schauen – und selbst eine von ihnen sind –, sondern für uns nur diese eine existiert: Ich = „Ich“ → „Ich“

– „Ich fühle mich nicht, sondern bin das einzige Sich-Fühlen.“

 

Natürlich ist das Sich-Fühlen nicht „objektiv“ das einzige; aber damit relativieren wir unser zweimaliges Ergebnis nicht, sondern anerkennen die Selbstverständlichkeitm daß uns die objektive Sicht des Nous nicht zugänglich ist.

Wir sind die – aus unserer Sicht einzige – Subjektivität und können somit bestenfalls von uns selbst, unserem Leben und seinen Erlebungen sprechen.

Das Sich-Fühlen, das eine andere Subjektivität konstituiert, kann uns nicht zugänglich sein. Das wäre ein Widerspruch, denn andernfalls würde es unsund nicht die fremde Subjektivität – konstituieren.

In ganz einfachen Worten: Wenn das Ich im Sich-Fühlen besteht, kann es für uns kein Du geben.

 

Schon seit Jahrzehnten stellt der „Tod des Subjekts“ ein geflügeltes Wort im philosophischen Denken dar. Wir schließen uns dem also 100%-ig an – sofern es um ein traditionell-substanzielles Seiendes geht –, streichen dieses Subjekt aber nicht ersatzlos, sondern ersetzen es durch die Subjektivität, die wir im vorliegenden Kapitel ein wenig zu beschreiben versuchen.

2.3.1. Subjektivität und Freiheit

„“Ich glaube, Ihre Erklärung der Subjektivität zu verstehen, hätte aber erwartet, daß sie, ohne die Freiheit einzubeziehen, gar nicht möglich ist.

Anders gefragt: Kurz zuvor hatten Sie von einem Selbst gesprochen, das sich nur selbst – zu sich, diesem Selbst – bestimmen kann. Wie bekommen wir diese beiden Seiten – die Subjektivität und das Selbst – zusammen?“

 

Die Subjektivität als Sich-Fühlen oder „wie es ist, ich zu sein“ stellt das Primäre dar, weil darin unsere Endlichkeit zum Ausdruck kommt. Wir können purer Schmerz, reine Verzweiflung oder Angst sein; aber es geht nicht um das Negative, denn selbst die personifizierte Freude oder größte Glückseligkeit ist endlich, so daß die Grenzen des Nicht-mehr-Könnens stets zu uns gehören.

Bei Grenzen hören wir automatisch, daß sie den zwischen ihnen liegenden Freiraum begrenzen. Gewiß tun sie das auch; aber darin besteht doch nur eine einseitige Sichtweise, denn mit dem gleichen Recht können wir sagen, daß die Grenzen den zwischen ihnen liegenden Freiraum auch ermöglichen.

Das läßt sich sehr schön an der Sprache verdeutlichen. Natürlich ist es schade, daß wir die Asiaten nicht verstehen, weil wir nur indogermanische Sprachen kennen. Aber würden wir letztere nicht sprechen, verständen wir nicht mehr, sondern noch weniger. Die Sprache ermöglicht und begrenzt unsere Kommunikation also zugleich, wobei wir das Ermöglichen sogar als primär verstehen müssen, denn ansonsten gäbe es gar nichts zum Begrenzen.

 

Und wir müssen noch einen Schritt weitergehen:

Die Sprache ermöglicht die Kommunikation nur, denn für endliche Subjektivitäten kann es keine unendliche Ermöglichung geben, so daß jede Ermöglichung mit Grenzen verbunden sein muß; das Ermöglichen kann nur ein begrenztes sein. Das Begrenzen ist, mit anderen Worten, nicht der Gegenspieler zum Ermöglichen, sondern dessen integraler Bestandteil.

Was wir jetzt „Freiraum zwischen den Grenzen“ genannt haben, ist unsere Freiheit. Sie bildet also keine Eigenschaft der Subjektivität, die wir gedanklich von ihr loslösen könnten, sondern ineins mit der Subjektivität als Sich-Fühlen entsteht ein durch seine unabwendbare Endlichkeit bestimmtes Können-Können, die Freiheit.

Bei Jean Paul Sartre kommt dieser Gedanke meines Erachtens erstmals deutlich zum Tragen, und er konnte mit Recht sagen, wir seien „verdammt zur Freiheit“. Auch nicht frei sein zu wollen – sich anzupassen, unterzuordnen, befehlen oder indoktrinieren zu lassen –, ist eine Freiheitsentscheidung, mit der wir uns zu dem entsprechenden Selbst bestimmen; es gibt keine Ausreden (mehr).   

 

„Die Freiheit entsteht folglich zugleich mit der Subjektivität, so daß eine unfreie Subjektivität ein Widerspruch in sich wäre?“

Prinzipiell haben Sie wohl Recht, aber ganz so kraß würde ich es nicht formulieren (wollen). Wenn wir uns im Schlaf drehen, weil etwas drückt, oder eine Katze bei Hitze den Schatten aufsucht, dann sind das lediglich Vorstufen der Freiheit.

Im Vollsinn des Wortes hat Freiheit nichts mit einem bloßen Reagieren, mit  Willkür oder Beliebigkeit zu tun – wie in diesen beiden Beispielen –, sondern besteht in der Verantwortung; wirkliche Freiheit ist Verantwortung. Diese bedeutet etwas ganz anderes als Rechenschaftspflicht (Georg Picht) und kann insbesondere nicht abgegeben, getauscht oder delegiert werden. Engagiere ich als Vater beispielsweise für meine Kinder einen Babysitter, so übernimmt er meine Tätigkeit, aber nicht meine Verantwortung.

Verstehe ich mich von ihr her als Subjektivität, so folgt daraus, daß ich unersetzlich oder einzig, das heißt, nicht austauschbar bin.

 

Wir müssen diese Einzigkeit deutlich von der Einmaligkeit abheben.

Der Eiffelturm ist einmalig; das bedeutet, daß es den Begriff Eiffelturm gibt und unter diesen Begriff – zufällig – nur ein Exemplar fällt; man nennt das die Extension des Begriffs.

Daß ich als Subjektivität oder Selbst einzig bin, meint dagegen, daß ich unter keinen Begriff falle oder auf keinen Begriff gebracht werden kann. Alle diesbezüglichen Versuche – „Ich ist Mensch“ oder „Kosmopolit“ und „Ich ist Resultat der Evolution“ bzw. „des Zufalls“ – sind zum Scheitern verurteilt. Der frömmste Gläubige müßte zugeben, daß er unmöglich ein Geschöpf sein kann, weil er sich als Einziger auch auf diesen Begriff nicht bringen läßt.

 

Emmanuel Levinas drückte das in dem sehr schönen Zitat aus: „Du und ich – wir sind nicht zwei.“

Wovon sollten wir denn zwei sein? Dazu müßte man uns – um zahlfähig zu werden – ja erst auf einen Begriff bringen; Du bist ein X, ich bin ein X, und damit sind wir zwei X-e – aber genau das ist unmöglich.

Du bist Du, und ich bin ich; mehr läßt sich nicht sagen, denn jeder von uns ist ein Einziger.

Das bedeutet – konsequent weitergedacht –, daß dieser letzte Halbsatz auch bereits falsch ist; Du und ich können auch weder Einzige noch Subjektivitäten oder Selbste sein, denn das alles sind ebenfalls Begriffe – andernfalls würden sie uns nichts sagen.

Immer wenn ich von Einzigen oder Subjektitäten schreibe, widerspreche ich mir also selbst; ich weiß das, kann es aber trotzdem nicht vermeiden.

 

Heinrich Rombach hat versucht, diesen Widerspruch ein wenig zu entschärfen und eine Möglichkeit zu finden, wie wir uns von der Perspektive der ersten Person Singular distanzieren können. Dazu ersetzt er das „Ich“, das wir der Deutlichkeit halber jetzt oft gewählt haben, durch „je-der Selbe“:

Je-der Selbe steht für „jeden Einzigen“; er ist der Einzige, den wir für „alle Subjekte“ nutzen können. 

2.3.2. Das Leben als différance

Wenn zum Leben stets eine – mehr oder weniger entwickelte – Freiheit gehört, können wir es auch als ein Entscheiden verstehen.

Letzteres setzt voraus, daß irgendwelche Kriterien, Maßstäbe oder Fixpunkte existieren, anhand derer wir entscheiden. Ohne etwas Festes – ins Nichts hinein – gibt es kein Entscheiden, sondern nur Würfeln. Nein; das war falsch; wenn die Zahlen keine Bedeutung besitzen, läßt sich nicht einmal würfeln. Damit haben wir etwas sehr Wichtiges gefunden:

Unser Welt(bild) ermöglicht es, daß das Leben zu einem Entscheiden und damit zu einem freiheitlichen Leben wird.

 

Die nachfolgenden Überlegungen verdanke ich im wesentlichen George Spencer-Brown. Die Wertschätzung, die er bei seinen Lesern erfährt, schwankt extrem stark zwischen genial und . . . Für mich ist George Spencer-Brown ein grandioser Mathematiker; vor allem weil er zu den wenigen (mir bekannten) Autoren gehört, die das Wort „Wirklichkeit“ nicht nur ausgiebig in den Mund genommen, sondern auch sehr tief über dessen Sinn nachgedacht haben.

Zu seinen vielleicht wichtigsten Ergebnissen zählt zum einen, daß unser Weltbild mit seinen Erlebungen trotz des zeitlichen Lebens zeitlos ist und zum andereren die oben bereits benutzte Gleichsetzung des verbalen Wissens mit dem Unterscheiden.

 

Unser Leben führt vom unwißbaren Ursprung zu den gewußten Erlebungen; es ist somit ein verbales Wissen oder Unterscheiden.

Unter letzterem stellen wir uns zumeist vor, daß ein Umfassendes gegeben ist und darin eine kontinuierliche Grenze um das gewählte A gezogen wird, die letzteres von non-A trennt. Zu dieser Vorstellung gehören also vier Elemente:

– Umfassendes

– kontinuierliche Grenze

– ausgewählte Seite A

– Gegenseite non-A

 

Die Zeitlichkeit unseres Lebens bedeutet jedoch, daß das Unterscheiden nicht spielerisch-reversibel erfolgt; vielmehr besteht es in einem ernsthaft-irreversiblem Entscheiden. Dann bleibt von dem Viererblock soeben freilich höchstens das übrig, wofür wir uns entschieden haben, denn wir sehen unser Leben nicht von außen oder oben, sondern leben es:

Umfassendes

kontinuierliche Grenze

– ausgewählte Seite A

Gegenseite non-A

Wir hatten zunächst das zeitlich-irreversible Entscheiden mit der zeitlos-reversiblen Vorstellung namens „Entscheiden“ verwechselt.

 

Aber selbst das stimmt noch nicht.

Wir können nur anhand des Welt(bilds) entscheiden und glauben, das Resultat unseres Entscheidens bestände natürlich in der ausgewählten Seite A – deswegen haben wir ja schließlich gewählt!

Das ist jedoch nicht zwingend; das Ziel unseres Entscheidens gehört zwar dem Welt(bild) an, aber unser Entscheiden dem Leben, so daß dies auch für sein Resultat gelten miuß. 

Letzteres wird natürlich von unserer Wahl mitbestimmt, muß aber dennoch mit unserem Welt(bild) und seinen obigen vier Elementen herzlich wenig zu tun haben. Wir hatten uns beispielsweise für Himbeereis bei „Francesco“ entschieden und bekommen – vielleicht kein Himbeereis, aber – Streit mit der Bedienung, ein Geschenk als tausendster Gast oder einen Dachschiefer auf den Kopf.

Das Resultat des Entscheidens besteht in den Erfahrungen, und unser zeitliches Leben ist somit ein Entscheiden über dieses Leben selbst – anhand des zeitlosen subjektiven Welt(bilds).

 

Jacques Derrida hat mit différance ein Kunstwort gebildet, das die beiden Aspekte, um die es hierbei geht, – Zeitlichkeit und Unterscheiden – im Französischen geschickt vereint; im Deutschen ist das leider nicht so elegant möglich.

Die Zeitlichkeit steht für die Irreversibilität unseres Lebens als Entscheiden.

Zugleich stellt dieses Leben aber auch ein Unterscheiden des ununterschieden-impliziten Ursprungs zu den unterschieden-expliziten Erlebungen dar.

2.3.3. Das Woher des Fühlens

Es steht noch eine wichtige Erklärung aus. Wir hatten oben im Zusammenhang mit Michel Henrys Überlegungen beim Fühlen begonnen und versucht, daraus die Subjektivität mit ihrer Freiheit herzuleiten. Nun zur Gegenseite; woher kommt das Fühlen?

Der Ursprung (1) entfällt als Antwort, weil uns ein aktuales Unendlich gar nicht begegnen kann; „kein Mensch hat Gott je gesehen“.

Die Erlebungen (2) kommen natürlich alle infrage; sie können uns nahegehen oder betreffen und damit ein Fühlen bewirken. Wir sehen beispielsweise eine schöne Frau, nehmen an einer Beerdigung teil, lesen einen Krimi oder schreiben einen. Selbst unrichtige Überzeugungen vermögen uns sowohl in Angst und Schrecken als auch in Euphorie zu versetzen; wir könnten morgen todkrank, aber auch Millionär werden und uns heute schon davon beeinflussen lassen.

Das dürfen wir freilich nicht als Kausalität mißverstehen, denn diese existiert(G) höchstens innerhalb des Welt(bilds), während es hier um ein Herauswirken aus ihm in das Leben geht. 

Und außerdem ist das Leben (3) natürlich selbst ein Fühlen.

 

„Sorry; ich möchte Ihnen gerne glauben, verstehe Sie aber nicht.

Normalerweise gehen wir davon aus, daß verschiedene Worte Unterschiedliches bezeichnen; „Mond“ beispielsweise den Mond und „Sonne“ die Sonne. Daß es auch Doppel-Bezeichnungen gibt – wie „Erde“ bzw. „blauer Planet“ – ist relativ belanglos, gemessen an Ihrer Behauptung, daß Leben und Fühlen zusammenfallen würden; Leiden und Genießen vielleicht auch?“  

 

Ihr „normalerweise“ betrifft sowohl die objektive „Welt“ als auch das subjektive Welt(bild).

Erstere besteht aus getrennten Seienden, und die Tradition glaubt, deren Bezeichnungen erkannt oder ihnen adäquat zugeordnet zu haben, so daß „A“ das Seiende A und „B“ das Seiende B bezeichnet. Wie sie das geschafft hat, muß uns zum Glück nicht kümmern.

Für uns beziehen sich „A“ und „B“ dagegen nicht auf Urbilder, sondern auf Erlebungen. Dann erhebt sich allerdings mit Recht die Frage, weshalb sich A und B voneinander unterscheiden sollten. Allein weil wir unterschiedliche Bezeichnungen gewählt haben?

Sie können sich nur unterscheiden, weil bzw. wenn das A ein non-B und das B ein non-A darstellt, das heißt, da im Welt(bild) eine Negation definiert ist.

 

Wenn das Leben jedoch mit dem Unterscheiden zusammenfällt und folglich erst – in den Erlebungen – zu den Unterscheidungen führt, kann es im Leben selbst noch keine geben.

Reservieren wir das Bezeichnen für die Unterscheidungen bzw. Erlebungen, so läßt sich nicht nur nichts im Leben bezeichnen, sondern auch „Leben“ selbst kann keine Bezeichnung sein. Das Leben können wir nur beschreiben, und diese Beschreibung beginnt schon mit dem Wort „Leben“ selbst.

„Fühlen“, „Unterscheiden“, „Entscheiden“, „Explizieren“ oder „Erleben“ sind lediglich weitere Beschreibungsmöglichkeiten für „das Leben“, das wir prinzipiell nicht bezeichnen können.

 

Das Genießen(G) ist – um auf Ihr Beispiel zurückzukommen – natürlich das glatte Gegenteil vom Leiden(G); daran ändert auch der Sadomasochismus nichts, aber jetzt sprechen wir von negierbaren Erlebungen.

Das Genießen(L) ist aber kein Nicht-Leiden(L) und das Leiden(L) kein Nicht-Genießen(L); beide stellen mögliche Beschreibungen des Lebens – Fühlens, Unterscheidens . . . – dar.

 

Das sollten wir systematisch verallgemeinern:

Mittels der Erlebungen des subjektiven Welt(bilds) können wir unser Leben beschreiben; natürlich nur das eigene; zu einem fremden haben wir keinen Zugang.

Die Beschreibung unseres Lebens ist zum einen natürlich nicht dieses Leben selbst; viemehr handelt es sich bereits um eine Erlebung und damit um einen Teil unseres Welt(bilds).

Zum anderen ist es auch keine Beschreibung von unserem Leben, sondern eine, die lediglich den Namen „unser Leben“ trägt. Zwei Gründe hierfür sollten unmittelbar nachzuvollziehen sein:

Eine Beschreibung ist nur mittels der eigenen Erlebungen, das heißt, im Rahmen unseres Welt(bilds) möglich, und dieses könnte dafür total ungeeignet sein oder völlig verzerrend wirken.

Des weiteren beschreiben wir unser Leben vielleicht auch gar nicht nach bestem Wissen und Gewissen, sondern eher, wie wir es gerne gewollt hätten oder wie unser Leben von Anderen gesehen werden sollte.  

 

„Das war einigermaßen nachvollziehbar. Wenn ich Sie recht verstanden habe, folgt daraus jedoch, daß wir – nicht nur drei, sondern – vier Grundbegriffe benötigen: Ursprung, Leben, Welt(bild) und Subjektivität. Dann müßte zu letzterer freilich auch eine eigene Wirklichkeit(S) gehören?“

Nein; wir bleiben vorerst bei unseren drei Grundkategorien.

Ur- bzw. Abbilder sind getrennt, aber das sage ich nur der Vollständigkeit halber, um Ihnen eine eigene Systematik zu erleichtern.

Erlebungen stellen Unterscheidungen dar; wie die Uhr- bzw. Abbilder können sie negiert werden, weil sie diskret sind.

Im Kontinuum gibt es ohne Negation zwar auch keine Unterscheidungen, aber das bedeutet keineswegs, daß hier Monotonie herrschen und alles homogen sein muß.

Das subjektive Leben bildet denjenigen verschwindend kleinen Teil des Kontinuums, an dem sich Facetten differieren lassen.

Der Ursprung fällt praktisch mit dem Kontinuum zusammen und kennt auch keine Facetten.

 

Es lohnt sich wohl, diese vielen Begriffe systematisch zusammenzufassen.

Bezüglich des Lebens unterscheiden wir hierbei das substantivische vom verbalen, betrachten ersteres als umfassend und meinen es stets, wenn das Adjektiv fehlt, so daß sich ergibt:

 

(substantivisches) Leben   =   Subjektivität   +   verbales Leben

 

Die Subjektivität ist der Lebend(ig)e und lebt; beides sind Facetten am (substantivischen) Leben.

 

 

traditioneller Ansatz   ontologischer Explikationismus
           
„Welt“ „Welt“-Bild   Welt(bild) (substantivisches) Leben Ursprung
Seiende Bilder   Wasse Facetten ———–
  – Abbilder   – Nach-Denkungen – Subjektivität  
  – Nicht-Seiende   – Was der Erfahrungen – verbales Leben  
        – . . . . . . . . .  
Trennungen   Unterscheidungen Differenzen ———–
           
diskret diskret   diskret kontinuierlich kontinuierlich
negierbar negierbar   negierbar nicht negierbar nicht negierbar
getrennt getrennt   unterschieden different ———–
wirklich(T) unwirklich(T)   unwirklich(L) wirklich(L) wirklich(U)
———– ———–   (un)wirklich(G) ———– ———–
bezeichenbar bezeichenbar   bezeichenbar beschreibbar ———–

 

Abbildung 2.3.3.

 

Trennungen sind exakt konstant, Unterscheidungen nur näherungsweise für eine bestimmte Dauer, und Differenzen kennen gar keine Konstanz.

Letzteres bedeutet natürlich nicht, daß die Facetten an ihr Beschrieben-Werden gebunden sind und ohne dieses fehlen; meine Existenz(L) beispielsweise hängt zum Glück nicht von ihrer Beschreibung ab. Da aber die unterschiedlichsten – und eben nicht-konstanten – Facetten möglich und beschreibbar sind, kann es keine potentielle Gesamtheit der Facetten geben – in Entsprechung zum Welt(bild). 

Auch das Leben stellt keine solche Gesamtheit dar, sondern ebenfalls nur eine Beschreibung.

 

„Andere Subjektivitäten kommen also nicht an mein Leben, sondern höchstens an dessen Beschreibungen heran, und diese können nur von mir selbst stammen?“

Ja; in unserer alten Terminologie würden wir sagen, daß das Beschriebene nicht existiert.

Sie kennen keine Beschreibung von meinem Leben, sondern vielleicht meine Beschreibung, die den Namen „Mein Leben“ trägt. Das ist für Sie eine Interpretation – ohne Interpretiertes –, und das Einzige, was Sie damit tun können, besteht darin, ihr eine weitere Interpretation – nämlich die Ihrige – hinzuzufügen.

Vielleicht wollen wir es nicht wahrhaben, aber jeder könnte wissen, daß es sich so verhält:

Die einen halten Hans Calmeyer für „einen der größten Judenretter Deutschlands“ und die anderen für „einen Nazi-Verbrecher“.

2.3.4. Solipsismus

Je-der Selbe fühlt, und geht selbst erst aus diesem Fühlen als das zugehörige Sich-Fühlen hervor. Zwischen dem Sich-Fühlen und dem Fühlen bzw. zwischen der Subjektivität und ihrem verbalen Leben besteht also ein in sich geschlossenes Zirkelverhältnis, so daß je-der Selbe völlig allein oder einsam ist.

 

Wir erleben keine anderen Subjektivitäten, bestreiten aber nicht ihre Existenz.

Wer letzteres tut, ist ein Solipsist. Das Wort leitet sich ab vom lateinischen „solus“ – „allein“; ein Solipsist versteht sich als die einzige Subjektivität, die es gibt.

Die Annahme, daß es sich so verhalte, ist natürlich nicht verifizierbar, aber auch nicht widersprüchlich, da wir ohnehin keine anderen Subjektivitäten erleben können. Es existieren also meines Erachtens keine erkenntnis-theoretischen Argumente gegen den Solipsismus; wer so denken möchte, mag dies also tun; aber mir ist kein überzeugter Solipsist bekannt.

Wäre ich einer, würde ich keinesfalls für Sie als Subjektivität, sondern möglicherweise für Sie als meine Erlebung schreiben; mehr wäre ja gar nicht möglich. Ich könnte mir dann sogar vorstellen, daß Sie mein Buch lesen, mir schreiben und ich Ihnen antworte; aber all das entspräche lediglich einer Ein-Mann-Show von mir und für mich allein.

 

Daß zwischen je-dem Selben und seinem verbalen Leben ein in sich geschlossenes Zirkelverhältnis besteht, bedeutet nicht zuletzt, daß trotz Neurologie, Computertomographie, Lügendetektor oder welcher Technik auch immer nur je-der Selbe sein eigenes Leben kennt und ihm keine andere Subjektivität hineinschauen kann. Aus „nur je-der Selbe sein eigenes Leben“ wird natürlich automatisch „je-der Selbe nur sein eigenes Leben“

Stehe ich zum Beispiel vor dem Eiffelturm und sage (etwas zu laut) „Oh, der Mittelpunkt von Frankreich“, so werde ich wohl sehr eigenwillig angeschaut und eventuell sogar abgeholt. Aber niemand, weder ein Geograph noch ein Psychologe oder Gehirnchirurg, kann begründeterweise anzweifeln, daß dies meine Sicht der Dinge darstellt.

 

Das ist die eine Seite; auf der andere Seite können wir aber nicht ausschließen, daß möglicherweise alle Subjektivitäten in unser eigenes Leben hineinwirken; jeder beeinflußt, aber nur wir leben es. Das ist bei unseren Erfahrungen offensichtlich, gilt aber – beispielsweise durch Psychopharmaka, Werbung oder Gehirnwäsche –  sogar für die Nach-Denkungen.

Vieles in unserem Leben mißlingt – vielleicht durch den Einfluß der anderen Subjektivitäten. Da wir aber nicht wissen, wie unser Leben ohne sie aussähe, folgt daraus auch nicht, daß sie existieren müssen; das Leben ist, wie es ist, – ohne jede Vergleichsmöglichkeit.

2.3.5. Allumfassende Wechselwirkung der Subjektivitäten

„Vielleicht sollten Sie ein wenig vorsichtiger formulieren:

Natürlich können nicht alle anderen Subjektivitäten in unser Leben hineinwirken, sondern das ist – wenn wir ganz großzügig sind – bestenfalls unseren Vorfahren möglich.“

 

Nein; das stimmt nicht, weil sich die Subjektivitäten weder in Vor- und Nachfahren noch in Männer und Frauen, Atheisten und Gläubige oder welche Kategorisierung auch immer einteilen lassen. All diese Begriffspaare stellen doch lediglich Erlebungen dar, die es ohne unser Welt(bild) gar nicht gäbe. 

Die Subjektivitäten können ihm aber nicht angehören, da sie – als Facetten ihres subjektiven Lebens – notwendigerweise „vor“ ihrem Weltbild kommen, weil sie selbst darüber bestimmen, zum Beispiel ob sie (an) eine „Zeit“ glauben, in dem es Vor- und Nachfahren gibt.

Mit ähnlichen Überlegungen hatten Sie bereits in der Einleitung Schwierigkeiten, als ich erklären wollte, weshalb kein Grund zu der Annahme besteht, wir Subjektivitäten würden in der Welt leben. Nur unsere Körper befinden sich dort – und mit ihnen auch die Vor- und Nachfahren.

 

Nun läßt sich diese Problematik endlich auch positiv angehen.

Wenn das Leben im Explizieren des Ursprungs zu den Erlebungen besteht und die Subjektivität eine Facette an diesem Leben bildet, folgt meines Erachtens einigermaßen stringent, daß alle Subjektivitäten im Ursprung leben.

Der transzendente Ursprung bildet den Lebens-Raum oder Oikos aller Subjektivitäten

Damit würde zugleich verständlich, daß sämtliche anderen Subjektivitäten in das Leben je-des Selben – nicht hineinsehen, aber – blind hineinwirken können. Er unterscheidet sich von ihnen dadurch, daß je-der Selbe auch hineinsieht und dadurch sehenden Auges in sein eigenes Leben eingreift.

 

Ein sehr schönes Beispiel sowohl zur Veranschaulichung als auch für ein tieferes Verständnis besteht in dem bekannten Christus-Zitat: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Mich interessiert nicht im gerigsten, ob Christus das wirklich gesagt hat; wichtig ist meines Erachtens allein, daß es stimmen könnte – freilich vollkommen unabhängig davon, wer so spricht; Christus oder andere Subjektivitäten wie Sokrates, Napoleon oder Moritz:

Alles, was wir tun, tun wir – vermittelt über den „einen“ Ursprung – vielleicht sämtlichen Subjektivitäten an. Unser Handeln in der „Zeit“ – bzw. dem Welt(bild) – können wir versuchen, in den Griff zu bekommen; aber von den Auswirkungen unseres Lebens in der Zeit – resp. dem Ursprung – haben wir möglicherweise nicht die geringste Ahnung.

Ich behaupte nicht die Existenz solcher All-Auswirkungen – woher sollte man das auch wissen? –, sondern will nur darauf hinweisen, daß sie sich in unserem Ansatz widerspruchsfrei denken lassen.

 

„Mit welchem Recht machen Sie eigentlich die Transzendenz der Tradition als Hinterwelt schlecht, obwohl Sie die Ihrige als ‚allumfassende Problemlösung‘ verkaufen?

Danke; das war zu viel der Ehre! Aber daß mit unserem Ansatz ein paar der traditionell schwierigen Probleme aus Philosophie und Theologie in einem etwas günstigeren Licht erscheinen, glaube ich schon; andernfalls würde ich jetzt nicht hier sitzen und schreiben, sondern vielleicht lesen oder spazierengehen.   

 

Daß ein Außerhalb meines Lebens existiert, erscheint mir aus moralisch-praktischen Gründen als selbstverständlich; sonst müßte mein Leben im solipsistischen Sinne alles und ich größenwahnsinnig sein. Entscheidend ist allein, wie wir ein solches Außerhalb verstehen.

Die Tradition macht daraus eine Hinterwelt, indem sie dieses Außerhalb

– zwar als unerfahrbar darstellt, jedoch trotzdem

davon weiß und darüber nachdenkt oder spricht.

Eine als nicht erfahrbar behauptete, aber nichtsdestotrotz gewußte „Transzendenz“ ist keine Transzendenz, sondern eine Hinterwelt.

Wir korrigieren das; unser implizit-transzendenter Ursprung

– ist unerfahren und wird dies – weger seiner aktualen Unendlichkeit – auch bleiben, aber

– potentiell unendlich viele potentiell unendlich reichhaltige „Facetten“ können wir von ihm explizieren und damit in Erfahrungen umwandeln.

Wir sprechenn nicht über den Urspung, sondern beschreiben lediglich unser Leben und die sich aus ihm ergebenden Erlebungen.

2.3.6. Ursprung als Oikos

Traditionell verstehen wir uns als Subjekte, die im Kern mit „ihrem“ Körper zusammenfallen und „leben“, das heißt, sich in der objektiven „Welt“ bewegen. Sie bildet den festen, unerschütterlichen oder zeitlosen Oikos, innerhalb dessen alle unsere Aktivitäten erfolgen. Letztere berühren die „Welt“ in keiner Weise; es ist ihr völlig einerlei, ob wir Häuser bauen, Gespräche führen oder über die „Welt“ nachdenken.

In ihr kommt es zu Änderungen, die sich aber nicht auf den Oikos „Welt“ auswirken dürfen. Würden sie das tun, änderte sich der „Oikos“, so daß er kein Oikos mehr wäre, sondern selbst zum „Leben“ gehören würde.

Wir können nur sinnvoll davon sprechen, daß das „Leben“ in seinem Oikos spielt, solange er nicht mitspielt. Wie ließen sich die beiden andernfalls voneinander unterscheiden?

Entsprechendes gilt natürlich auch für die Subjekte; sie „leben“ nur, wenn oder solange sie konstant bleiben und nicht mit-„leben“. Ändern sich die „Subjekte“, sind es keine Subjekte mehr, sondern integrale Teile des „Lebens“; dann gibt es keinen „Lebenden“, sondern nur noch „Leben“.

Die traditionelle „Welt“ ist ebenso konstant wie die – unsterbliche Seele der – Subjekte, so daß beide Voraussetzungen erfüllt sind, um die Subjekte im Oikos „Welt“ „leben“ zu lassen.

 

Bei uns verschwindet die „Welt“ dagegen, weil wir nicht nur – in ihr – Häuser bauen, Gespräche führen und über sie nachdenken, sondern auch sie selbst korrigieren. Den traditionellen Änderungen innerhalb der „Welt“ fügen wir also noch die Anderungen der „Welt“ hinzu, was zu möglichen Welten führt.

Die zeitliche Genese unserer subjektiven Welt beinhaltet jedoch auch diejenige der Körper, so daß beide traditionellen Konstanten entfallen. Ohne alle kosmetischen oder chirurgischen Einriffe werden die Körper als Bestandteile der Welt anders: sie gehören bei uns auf die Seite des Lebens.

 

 An die Stelle der „Welt“ tritt als Oikos oder Lebens-Raum deshalb der Ursprung, und die Subjekte ersetzen wir durch uns(ere) Subjektivitäten.

Wenn wir im Ursprung leben, können wir auch nur darin wirken; aber dieses Wirken besitzt zwei Seiten.

Zum einen umfaßt es das Handeln des eigenen Körpers im Welt(bild).

Wäre das alles, könnte es fast dabei bleiben, daß Subjekte in ihrer Welt „leben“.

Zum anderen bewirken die Subjektivitäten jedoch auch Anderungen des Weltbilds selbst.

Beide Seiten zusammen treffen wir vielleicht am besten mit der Formulierung:

Je-der Selbe lebt im Ursprung; er – ändert und andert nicht nur die Erlebungen innerhalb des Welt(bilds), sondern auch das Welt(bild) selbst – bei sich direkt und möglicherweise indirekt bei allen anderen Subjektivitäten.

 

„Mitunter fehlt mir bei Ihren Überlegungen – wenn Sie gestatten – ein wenig der Realitätssinn.

Sie erklären das Leben ausschließlich vom Ursprung her, denn das Welt(bild) kommt erst ’nach‘ dem und durch das Leben. Nahezu jedes Schulkind weiß heute jedoch, daß ohne Gehirn auch kein (höher entwickeltes) Leben existiert; aber bei Ihnen kam dieser Begriff meines Erachtens noch gar nicht vor.“

 

Ich bleibe stur:

Ohne Ursprung gibt es kein Leben, damit auch keine Erlebungen und insbesondere kein Gehirn(G).

An Ihrem „ohne Gehirn existiert kein Leben“ würde ich zwei Korrekturen anbringen wollen:

1. Das ist fast richtig, aber nur im Rahmen unseres heutigen Welt(bilds), während ich meine Überzeugung weltbildunabhängig formuliert habe. Wir müssen ja erst einmal (aus dem Ursprung) leben, um irgendwelche Welt(bilder) – und insbesondere solche, in denen Gehirne existieren(G) – hervorbringen zu können.

2. Mein „fast“ ist notwendig, weil Sie nur innerhalb Ihres Welt(bilds) denken(G) können. Dort gibt es aber gar kein Leben(L), sondern nur das „Leben“ bzw. Leben(G).

Wenn Sie also lediglich sagen möchten, daß im Rahmen unseres Welt(bilds) ohne Gehirn kein Leben(G) möglich ist, geben ich Ihnen 100%-ig Recht – das ist jedoch reine Physiologie oder Neurologie, die uns kein Hopi-Indianer abnimmt.

„Mag sein; aber der Fehler könnte ja auch beim ihm liegen!“

Nein; denn überhaupt von einem Fehler sprechen zu können, setzt bereits wieder den traditionellen Ansatz voraus.

 

Meine beste Antwort auf Ihre Frage lautet vielleicht:

Daß ohne Gehirn auch kein Leben existiert(G), ist eine gemeinsame Überzeugung von uns beiden. Sie glauben das – ich auch –, und dadurch wird diese Nach-Denkkung für uns wirklich, so daß wir gemeinsam körperlose Geister in unseren Welten für ausgeschlossen halten.

Worin unterscheden sich dann unsere Überzeugungen eigentlich noch?

Sie gehen von der Wirklichkeit(T) aus, aber ich halte mich an die Wirklichkeit(G). Während Sie also sagen „So ist das“, ergänze ich „. . . im Rahmen unseres Welt(bilds)“.

 

„Hmm; je-der Selbe lebt im Ursprung und konstruiert sein Welt(bild); einverstanden. Aber wo tut er das? Wo befindet sich dieses Welt(bild)?“

Zunächst müssen wir natürlich antworten: Im Ursprung; dort lebt die Subjektivität, und dann kann sie auch nur dort konstruieren, projizieren oder wirken.

Das bedeutet jedoch nicht, daß wir uns den Ursprung als einen riesigen Hohlraum vorstellen müßten, in dem dann all die konstruierten Welt(bilder) Platz finden können. Erinnern Sie sich bitte an unsere obigen Überlegungen zum Urknall; sogar der physikalische Kosmos fliegt in das Νichts hinein.

 

Mein Versuch einer Antwort lautet also:

Unsere Welt(bilder) entstehen in das Νichts hinein, das vom Ursprung ermöglicht wird.

Mir geht es, wie schon mehrfach angedeutet, nicht um ein spezielles Welt(bild), sondern um die Ermöglichung aller bestehenden Welt(bilder). Und wenn die Urknalltheorie davon ausgeht, daß ihre Expansion des Kosmos in das Nichts hinein erfolgt, liefert sie uns einen wunderschönen Spezialfall unserer allgemeineren Überlegungen.

2.3.7. Psychisch "Kranke" als Modell

Die häufig anzutreffende und auch von uns benutzte Formulierung, unser Welt(bild) sei eine Konstruktion, ist freilich sehr mißverständlich. Viele von uns werden sagen: „Ich habe nie irgendetwas konstruiert“ oder „nie eine Wahl gehabt“ (Friedrich Nietzsche); das meine ich auch nicht. Das Konstruieren bildet vielmehr den Gegenbegriff zum Abbilden und soll vor allem zum Ausdruck bringen, daß keine Urbilder existieren und das Welt(bild) folglich ein Original darstellt, so daß eine Subjektivität – nicht als Konstrukteur, aber – als Welt(bild)-Haber existieren(L) muß.    

Am besten können wir uns meine Intention vielleicht an den Welt(bildern) psychisch „Kranker“ verdeutlichen, die höchstwahrscheinlich absolut nichts vordergründig konstruieren. Tun wir es auch nicht, befinden wir uns in einer ganz ähnlichen, wohl nur wesentlich einfacheren Situation.

 

Zweifellos besteht zwischen Welt(bild) und psychischer Gesundheit ein relativ enger Zusammenhang; andernfalls wären weder Seelsorge noch Psychotherapie möglich. Wer mit seinem Welt(bild) sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrem Welt(bild) oder seinetwegen leiden. Sie können ihr befreienderes Welt(bild) den Leidenden mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Welt(bilder) sollen die Fülle des Lebens ermöglichen, Ängste verringern, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber da sie ohne „Welt“ prinzipiell nicht wahr sein können, beweist die psychische „Gesundheit“ kein wahres und die „Krankheit“ kein unwahres Welt(bild). 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in der „Gesundheit“ – niemand weiß, was das sein soll –, sondern darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten „krank“ zu nennen und gegebenenfalls deren Welt(bilder) als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, bezeichnen wir scheinheilig die eigene „Welt“ als „objektiv“ sowie das zugehörige „Welt“-Bild als „wahr“ – und belügen uns damit selbst, sofern wir es glauben.

 

Vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise sperren wir gerade die Falschen weg; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

Für die häufig anzutreffende Überzeugung, ein adäquateres subjektives Welt(bild) als psychisch „Kranke“ zu besitzen, dürften drei Gründe besonders wichtig sein:

 

Zunächst glauben wir sehr gerne, daß unser Welt(bild) wahr sein könnte oder gar müßte; das heißt, wir möchten es zu gerne als adäquates Bild von der „Welt“ verstehen.

 

Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit; diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können. Es gibt eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen Massenveranstaltungen ungeschminkt erleben können.

Die offensichtliche Alternativlosigkeit vieler Nach-Denkungen, von denen wir felsenfest überzeugt sind, kann aber auch unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie entspringen. Wer intensiver überlegt, mehr Zeit investiert oder kreativer ist, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Jede Schlußfolgerung, die sich aus angeblichen Beweisen, Letztbegründungen oder Alternativlosigkeiten ergibt, steht also möglicherweise auf sehr wackeligen Beinen, weil sie – selbst eine Nach-Denkung – das eigene Weltbild als unangreifbares Nonplusultra voraussetzt und höchstens auf dessen Grundlage oder innerhalb von ihm richtig sein kann.

 

Schließlich suchen wir nach Gemeinschaft und Bestätigung; was schon viele glauben, wird spontan favorisiert; wir wollen von der Mehrheit denken lassen. Das kann sie aber nicht; zu denken vermag nur je-der Selbe.

2.3.8. Subjektiver Glaube und intersubjektive Konvention

Diktaturen jeglicher Couleur funktionieren natürlich nur, indem wir andere für uns denken lassen; 50% Mitläufer genügen pauschal – in Staaten, Partein, Denkschulen, Kirchen usw.

„Aber so einseitig dürfen Sie das nicht darstellen; das ist doch bei einer Demokratie auch nicht anders, wie gerade Ihre ‚50%‘ angesichts freier Wahlen beweisen. Keine Gemeinschaft funktioniert ohne Konventionen – Normen, Regeln, Gesetze, Werte, Beschlüsse, Verbote usw. –, die von einer Mehrzahl ihrer Mitglieder geteilt werden.“

Das bleibt unbestritten, hat aber mit unseren bisherigen Überlegungen nicht viel zu tun, denn wir müssen deutlich zwischen dem subjektiven Glauben und der intersubjektiven Konvention unterscheiden.

 

Daß die Erde eine Kugel sei, hatten wir als Kinder erzählt bekommen, in unser Welt(bild) integriert – aber nicht recht glauben können, denn beispielsweise müßten die Menschen auf der Gegenseite von uns ja alle herunterfallen . . . Allmählich konnten wir es akzeptieren, so daß unser subjektives Welt(bild) nun eine Erdkugel enthält; das ist – für uns – eine Tatsache, denn so verhält es sich – unseres Erachtens – wirklich(G).

Hier bestehen keinerlei intersubjektive Konventionen, sondern ich bin subjektiv von etwas überzeugt; Sie auch und viele weitere Subjektivitäten. Aber diese Übereinstimmung haben wir nicht in zahllosen Diskussionen und Sondergremien beschlossen oder verabredet, sondern sie ergibt sich aus der Sache selbst.

 

Als einfaches Gegenbeispiel betrachten wir die Verkehrsregeln, denen zufolge wir in der Öffentlichkeit rechts zu fahren haben. Das ist eine reine Konvention, auf die wir uns in unseren Welt(bildern) verständigt haben; „links“ wäre ebenso möglich gewesen, aber für eine der beiden Seiten mußten wir uns aus pragmatischen Gründen entscheiden.

Neben vernünftigen Konvention gibt es auch unvernünftige. Für mich gehört zu letzteren, daß wir in Deutschland den Holocaust nicht leugnen dürfen. Ich bin felsenfest überzeugt, daß das unvernünftig, weil demokratiefeindlich ist:

Wenn sachlich-faire Diskussionen durch Verbote beschränkt werden, sinkt das öffentlich Unerwünschte zum einen in den geheimen Untergrund – im weitesten Sinne – und entzieht sich damit verstärkt der Kontrolle.

Zum anderen wird durch Denk- und Sprechverbote die Aufklärung behindert, ohne die Demokratie unmöglich ist und Wahlen – wegen der fehlenden Deliberation – sinnlos, wenn nicht gar kontraproduktiv sind.

 

Zwischen dem subjektiven Glauben und den intersubjektiven Konventionen besteht ein gewaltiger Unterschied.

Ich fahre rechts, weil ich zur Gemeinschaft der Verkehrsteilnehmer gehören möchte, und diskutiere nicht über das Schicksal der Juden in Auschwitz, denn ich bin deutscher Staatsbürger. Das heißt, daß ich mich freiwillig unterordne, völlig unabhängig davon, ob ich ein solches Verhalten für richtig oder falsch halte.

Beim Welt(bild) geht es dagegen um unsere Überzeugungen oder zumindest um unseren Glauben. Und dazu kann sehr wohl gehören, daß wir die bejahten Konventionen eigentlich ablehnen müßten. 

Unser Welt(bild) setzt sich also aus zwei Komponenten zusammen; zum subjektiven Glauben – der von unserer Problematik her zwangsläufig im Mittelpunkt steht – gesellen sich die intersubjektiven Konventionen. Zwischen beiden können mehr oder weniger große Differenzen bestehen, und wir müssen stets abwägen, was wir mit unserem Gewissen noch vereinbaren können bzw. wo wir gegenhalten sollten. Zu viel Anpassung führt zur Stagnation, und zu viel Auflehnung zum Dissens.     

 

„Jeder kann – oder besser: muß – sich also unabhängig von allen Konventionen sein eigenes Welt(bild) zusammenbasteln. Wer überzeugt ist, daß hinter den sieben Bergen Schneewittchen wohnt, macht sich vielleicht auf den Weg.“

100%-ig; und wir wissen doch auch alle, daß es sich tatsächlich so verhält. Wir haben vieles erzählt bekommen oder gelesen und überdacht, tausende von Erfahrungen gesammelt, Siege gefeiert und Niederlagen erlitten. Als Resultat von all dem – unserem bisherigen Leben – ergeben sich unsere Überzeugungen, die sich im subjektiven Welt(bild) niederschlagen. Und etwas anderes steht uns als Orientierungsgrundlage nicht zur Verfügung.

Weshalb stimmt es Sie so skeptisch, wenn ich mich traue auszusprechen, was doch jeder weiß? Warum wollen wir das nicht wahrhaben? Hat Ihnen jemals ein Mensch die nachweislich objektive „Welt“ oder Wahrheit aufgezeigt? Zum Beispiel, daß die Erde eine Kugel ist?

(Letzteres mit Sicherheit nicht, weil es sich als unmöglich erweist. In der Mathematik gibt es die Spiegelung an der Kugel; das ist eine konforme Abbildung, die das Innere einer Kugel mit ihrem Äußeren vertauscht. Weil diese Abbildung so fantastische Eigenschaften wie Winkel- und Geradentreue besitzt, ist kein Experiment denkbar, anhand dessen wir entscheiden könnten, ob wir auf einer Dreck- oder in einer Hohlkugel leben. Wir glauben alle ersteres – aber das ist nur eine intersubjektive Konvention.)  

 

Eine mögliche Erklärung dafür, weshalb wir ein „nur“ subjektives Welt(bild) intuitiv ablehnen, besteht wohl darin, daß es unser Leben unermeßlich verkomplizieren würde. Es gibt nichts Absolutes mehr, hinter dem wir uns verstecken oder mit dem wir uns herausreden können. Wir sind für alles selbst verantwortlich, weil stets mögliche Alternativen bestehen.

Ohne letzte „Experten“ wird jedes „Du mußt“ zu einem „Ich will – aber vielleicht auch nicht“, und jedes „Du darfst nicht“ zum „Ich will nicht – oder doch?“. 

 

„Mit Ihrem Negieren letzter ‚Experten‘ bestreiten Sie jedoch auch, daß Gott sich offenbaren, das heißt, einigen Menschen etwas mitteilen kann. Das paßt nicht zu Ihrer ‚Methode‘, denn es ist voreingenommen.“

Nein; ganz im Gegenteil; Gott wendet sich in Form des Gewissens möglicherweise ausnahmslos jeder Subjektivität zu; wir dürfen das weder voraussetzen noch ausschließen.

Ernstlich bestreiten würde ich jedoch, daß Gott einem anderen Menschen mitteilt, was (auch) für mich bestimmt ist, und von mir unmündig-blinden Glaubensgehorsam gegenüber diesem „Experten“ erwartet.

Gott benötigt keine Mittelsmänner; was er mir sagen möchte, sagt er mir selbst. Die guten „Mittelsmänner“ sind – keine Mittelsmänner, sondern – Autoritäten, die mir helfen wollen, selbst zu hören.

 

„Wenn Sie damit Recht hätten, könnte es auch keine verbindliche christliche Ethik geben?“

Die gibt es doch auch nicht; kennen Sie eine einzige wichtige moralische Frage, bei der von überzeugten Christen nicht die unterschiedlichsten, meines Erachtens oftmals absurden und zum Teil einander widersprechenden Antworten gegeben werden?

Um – normalerweise – nicht zu töten, benötigen wir einerseits kein Gebot; andererseits haben wir uns für das „Anormale“ viele Türchen offengehalten: Wir dürfen nicht nur im Krieg töten, sondern müssen es vielleicht; möglicherweise gibt es sogar gerechte oder gar heilige Kriege, für die wir die Waffen segnen – sollten. Wir töten „genehmigt“ in Notwehr oder um andere zu schützen; Todesstrafe kann „Recht“ sowie Tyrannenmord „Pflicht“ sein, und das Sterben-Lassen geht ohnehin kontinuierlich in das Töten über. Wir fahren Auto, rauchen, leben auf zu hohem Roß oder überfordern die Menschen – und töten damit weltweit Abermillionen von ihnen.

Beispielsweise sakralisierte der Feldprediger und spätere Kardinal Michael von Faulhaber den beginnenden ersten Weltkrieg mit folgenden Worten:

„Was ist die Fronleichnamsprozession gegen die Aufzüge an den Fronten, was sind alle Glockengeläute und Hochamtsorgeln gegen den Donner der Kanonen und das Krachen der Mörser.“

 

Aber auch theoretisch kann es keine christliche Ethik geben; die Moral muß autonom sein, das heißt, sich für alle Menschen vernünftig begründen lassen. Wäre das nicht möglich, müßten wir die Religionsfreiheit aufgeben, weil dann nur Christen „gute Menschen“ sein könnten – ein absurder Gedanke.

Läßt sich eine ethische Forderung nur dadurch rechtfertigen, daß sie dem Willen Gottes entspricht, ist der Willkür der „Experten“ Tür und Tor geöffnet. Was wollte Gott nicht angeblich alles schon in der Geschichte. Fjodor Dostojewski hat sicherlich Recht damit, daß „ohne Gott alles möglich ist“; aber gewiß auch mit ihm.

2.3.9. Erlösung von der "Erbsünde"

„Dann existiert also auch kein Telos, kein Sinn oder Ziel unseres Lebens?“

Natürlich kann ich derartige Fragen nicht beantworten; wer soll das wissen und woher? Sicher bin ich mir lediglich, daß die traditionelle Gleichmacherei falsch ist; wenn unser Leben ein Telos besitzt, dann kann es natürlich bei jeder Subjektivität ein anderes sein. Der christliche Gott ruft uns beim Namen; er ist keine Kopiermaschine, sodern ein persönlicher Gott.

Das bedeutet nicht in erster Linie, daß er eine Person sei – wie dies zumeist dargestellt wird –, sondern daß Gott uns als Personen bzw. Subjektivitäten ernstnimmt. Das kann er jedoch nur, wenn Gott selbst ebenfalls eine Person ist; aber es geht um uns, und nicht um ihn!

Nur so kann aus der Droh- eine Frohe Botschaft werden.

 

„Angenommen es gibt soetwas wie Telos, Sinn oder Ziel. Dann wären wir ja ziemlich bescheiden dran . . . Es sollte theoretisch phantastisch werden – die Fülle des Lebens ist uns verheißen –, aber praktisch sehen wir keinerlei Möglichkeit, wie dieses lukrative Angebot realisiert werden könnte; viel eher scheint es total ausgeschlossen.

Wir bedürfen also einer Erlösung . . .“

. . . von der „Erbsünde“.

Das Wort ist so daneben wie die Märchen-Geschichten, die in diesem Zusammenhang traditionell erzählt werden. Das ist tragisch, denn in unserem Ansatz könnte damit ein ganz reales und wichtiges Faktum gemeint sein.

 

Unser Weltbild entstammt der Vergangenheit; darin haben wir und unsere Vorfahren nicht immer die passenden Worte gefunden, die richtigen Entscheidungen getroffen, die Wahrheit beim Namen genannt usw. Das führte zu unserer Gegenwart, die kaum noch etwas mit dem Leben, geschweige denn mit dessen Fülle zu tun hat.

Beispielsweise ist der Gedanke, die Subjektivität auf ihren Körper und damit das Leben auf dessen Bewegungen reduzieren und dementsprechend die Erfüllung des Lebens im Sterben leugnen zu müssen, für die heutigen Menschen, die keine Ignoranten sein wollen, nahezu zwingend. Gläubige, die dem trotzdem widersprechen, müssen schon ganz schön hart verpackt sein, denn sie haben keinerlei Argumente mehr auf ihrer Seite und können folglich nur bekennen, daß sie es dennoch glauben.

Aber die Entwicklung des Kirchenbesuchs beweist, daß Zeugnisse allein heute – ich würde sagen: glücklicherweise – nicht mehr genügen.

 

Wir müßten auch argumentieren können, besitzen dafür aber denkbar schlechte Karten, und können – ohne jede Märchen-Geschichte – verstehen, daß wir uns in einer vertrackten Situation befinden:

Unser Welt(bild) stellt notwendigerweise den einzigen Ausgangspunkt aller Überlegungen dar; das ist aber so negativ vorgeprägt, daß wir darin nahezu alles leichter denken können als das Geschenk einer Fülle des Lebens im Sterben.

Wie wollen wir uns daraus selbst befreien?

Auf diesen Gedanken bin ich ganz „atheistisch“ gekommen. Ob es das ist, was die Christen mit „Erbsünde“ meinen?

Sollte das stimmen, könnten wir ja ganz vernünftig miteinander sprechen . . .

 

Das traditionelle theologische Denken ist viel optimistischer als das meinige, „weiß“ wie immer viel mehr – ich bin überzeugt: viel zu viel – und kennt sowohl das Telos als auch den Weg, der aus unserer Gegenwart zu ihm führt.

Ob wir diesen einzig richtigen Weg gehen, stellt folglich kein intellektuelles, sondern nur noch ein moralisches Problem dar, so daß uns auch die „Erbsünde“ letztlich gar nicht mehr anfechten muß; wir – sind seit 2 000 Jahren erlöst und – haben uns lediglich von der „Welt“ ab- und dem rechten Weg zuzuwenden.

 

Mir geht es dagegen um die realistische Bescheidenheit, heute zwangsläufig mit einem Welt(bild) leben zu müssen, das nicht nur kein Telos enthält, sondern vehement nahelegt, „auf solchen Kokolores zu verzichten“. Die Tradition entspricht meines Erachtens in dieser Hinsicht einem ABC-Schützen, der glaubt, etwas von Mathematik zu verstehen.

Die „Erbsünde“ ist ein echtes Problem, von dem uns niemand ohne unsere eigene Beteiligung erlösen kann. Mir geht es nicht um Selbst-Erlösung; wie sollte die möglich sein, wenn bereits „nichts mehr stimmt“ an unserem Weltbild? Aber das entbindet uns nicht von der Frage, was wir tun müßten, um erlöst werden zu können.

Ich persönlich bin nicht bereit, den Hungernden, Leidenden oder Gefolterten dieser Welt zu sagen, daß sie vor 2000 Jahren erlöst wurden, es nur noch nicht gemerkt haben!

 

Ein Christ mag beispielsweise überzeugt sein, daß für seinen Lebens-Weg die zehn Gebote des Alten Testaments geeigneter sind als diejenigen der „neuen Atheisten“. (Sie stammen von Alexander Smoltczyk, der aus dem Umfeld des Evolutionsbiologen Richard Dawkins kommt und der Brights-Bewegung nahesteht.)

Eine solche Überzeugung genügt nicht nur vollkommen, sondern mehr ist meines Erachtens auch gar nicht möglich. Die Annahme beispielsweise, daß in den jüdisch-christlichen Geboten der Wille Gottes zum Ausdruck käme, ist mir persönlich zu anthropomorph, nicht überprüfbar und theologisch höchst fragwürdig:

Zum einen bin ich sehr skeptisch bei der Fage, ob es überhaupt einen Willen Gottes geben kann, denn das würde ja bedeuten, daß sich der Wunscherfüllung Gottes ein Widerstand entgegenzustellen vermag. Wollen kann Gott doch nur, was nicht ist, – obwohl er es will –; soll soetwas möglich sein? Sein Wort genügt für das Schöpfen – „Gott sprach und es ward“ –, aber der Wille nicht?

Warum sollte ich zum anderen tun, was ein Gott will, der mich (angeblich) geschaffen hat, ohne mich zu fragen, ob ich das möchte?

Zudem widerspricht die christliche Annahme neben vielen anderen zum Beispiel der muslimischen, derzufolge die zehn Gebote durch die Scharia zu ersetzen wären. Religiöser Glaube kann nichts mit Willkür zu tun haben.

 

„Darf ich bitte nochmals auf die ‚Erbsünde‘ zurückkommen. Sie haben ziemlich despektierlich formuliert, das Wort sei ’so daneben wie die Märchen-Geschichten, die in diesem Zusammenhang traditionell erzählt werden‘.

Aber könnte es nicht auch sein, daß wir etwas einfach nicht – mehr – verstehen und es allein deshalb für eine bloße Märchen-Geschichte halten?“

Das gibt es natürlich auch; somit ist jedes Pauschalurteil falsch, denn es geht immer um den Einzelfall, der wohl sehr häufig nur aus seinem geschichtlichen Zusammenhang heraus verstanden werden kann. Für die Theologie gilt folglich ebenso wie für die Kirche: Ecclesia semper reformanda.

Beherzigt sie das nicht, droht der Kirche stets die Gefahr, zu einer Sekte zu degenerieren, weil sie als Dialogpartner entbehrlich wird; in der Politik nennt man das Parallel-Gesellschaft. Diese Gefahr bestand wohl die gesamte Kirchengeschichte hindurch, scheint mir aber heute größer zu sein denn je.

Dabei geht es nicht um Anpassung; die Verkündigung des Evangeliums steht wohl immer quer zum Zeitgeist. So kann die Verkündigung aber nur stehen, wenn sie die Sprache der Zeit versteht und selbst spricht.

 

Nun konkret zur „Erbsünde“ und ihrer wohl einflußreichsten Märchen-Geschichte.

Wir verdanken sie Augustinus, der sich dabei aber schon auf Origines und andere bedeutende Kirchenlehrer berufen konnte. Ihnen zufolge wird jedes Kind mit dem Makel der „Erbsünde“ geboren, weil seine Eltern es – mit mehr oder weniger Lust – gezeugt haben und Lust Sünde ist. (Vergewaltigungen hat es damals scheinbar nicht gegeben.) Im Paradies war das urspünglich anders; der Geschlechtsverkehr von Adam und Eva diente nur der Zeugung, war pure Pflicht und lustlos-langweilig; die armen Kerle!

Machen wir mit Augustinus den Sex im nach-paradiesischen Zustand zur Ursache der „Erbsünde“, so entstehen heute größere Probleme, die deutlich zeigen, wie geschichtsgebunden dieses Denken ist und auch nur sein kann – ganz wie das unsrige.

Im Reagenzglas gezeugte Menschen sind somit frei von der „Erbsünde“. Der Faden läßt sich weiterspinnen; wäre Jesus 2000 Jahre später geboren worden, hätte man die Notwendigkeit, daß er als Sohn Gottes ebenfalls makellos zur „Welt“ kommen muß, also viel eleganter lösen und sich die immensen Schwierigkeiten mit der Jungfräulichkeit Mariens und dem armen Josef ersparen können. 

 

Ungefär in diese Richtung scheint sogar der Theologieprofessor Joseph Ratzinger gedacht zu haben, der in seiner „Einführung in das Christentum“ schrieb:

„Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach kirchlichem Glauben nicht darauf, daß Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum; kein Vorgang in der Zeit, sondern in Gottes Ewigkeit.“

Natürlich darf man niemandem seine Lernfähigkeit absprechen; das ist die eine Seite, aber auf der anderen steht auch nirgends, daß jede Änderung einer grundlegenden Überzeugung eine Verbesserung darstellen muß. Man kann auch schon einmal weiter gewesen sein; in körperlicher Hinsicht bleibt dies doch ebenfalls unbestritten.

2.3.10. Intersubjektivität

„Geist ist nicht mehr das ein für allemal Gesagte. Er ist das Sagen, das sich vom Selbst zum Anderen ständig den Weg bahnt, da, wo noch nichts Gemeinsames ist. . . . Nur eine Beziehung vom einen zum anderen kann als geistige bezeichnet werden“ (Kienzler 167).

 

„Darf ich bitte noch einmal auf den Solipsismus zurückkommen.

Sie sagten, daß alle fremden Subjektivitäten für uns absolut unerreichbar sind. Aber woher wollen Sie dann überhaupt wissen, daß sie existieren und der Solipsist mit seiner Leugnung im Unrecht ist?“

Mit der obigen Formulierung, daß wohl keine erkenntnis-theoretischen Argumente gegen den Solipsismus existieren, wollte ich meine Antwort bereits angedeutet haben:

Aus moralisch-praktischen Gründen, auf die wir im nächsten Kapitel ausführlich eingehen werden, bin ich persönlich fest überzeugt, daß andere Subjektivitäten existieren(L).

 

Für jeden, der diese Ansicht teilt, stellt sich somit die Frage, ob es dann auch Intersubjektivität gibt und worin sie gegebenenfalls überhaupt bestehen könnte.

Zu jeder Subjektivität gehören ihr Leben sowie ihr Welt(bild); beide sind subjektiv. Und außerdem haben wir betont – erinnern Sie bitte an den Eiffelturm als die angebliche Mitte Frankreichs –, daß jeder Subjektivität nur das eigene Leben und Welt(bild) zugänglich sind.

Das bedeutet jedoch keineswegs, daß beide rein subjektiv sein müssen; eine partielle Intersubjektivität widerspricht unseren bisherigen Ausführungen nicht. Zwischen mehreren Leben bzw. Welt(bildern) sind also jeweils die unterschiedlichsten Überlappungen bzw. mengentheoretischen Durchschnitte möglich

Natürlich bleiben sie prinzipiell unkontrollierbar, so daß wir derartige Schnittmengen weder sinnvoll behaupten noch bestreiten können.

 

Hier dürfte der Hinweis hilfreich sein, daß wir das traditionelle Denkmodell individueller Psychen restlos hinter uns gelassen haben. Sie befinden sich irgendwie „im“ Körper, sind damit völlig getrennt voneinander und entsprechen subjektiven Kisten; dort befindet sich Ihre und hier meine Kiste, so daß „subjektiv“ stets „rein subjektiv“ bedeutet.

Die traditionelle Intersubjektivität(T) hat mit der unsrigen nichts zu tun, sondern besteht darin, daß die Inhalte getrennt bleiben, aber – aus welchen Gründen auch immer – übereinstimmen. Und diese Übereinstimmung ersetzen wir durch eine Überlappung

 

„Damit lösen Sie ein Problem, das mich schon lange beschäftigt.

Traditionell gibt es natürlich auch eine Intersubjektivität(T) im Falschen; die muß uns aber nicht interessieren. Die Wahrheit wird intersubjektiv(T) durch das adäquate Abbilden der objektiven Urbilder; dafür ist es natürlich völlig belanglos, wie getrennt voneinander die Psychen auch immer sein mögen.

SIe haben zwar keine Urbilder, die eine Übereinstimmung zumindest im Wahren gewährleisten könnten, aber dafür sowohl Leben als auch Welt(bilder), bei denen eine überlappende Intersubjektivität natürlich nicht nachweisbar, aber sehr wohl möglich ist.

Wenn alle Leben aus dem „einen“ Ursprung hervorgehen, haben wir dort eine absolute oder 100%-ige Intersubjektivität; freilich nur implizit. Durch das Leben wird sie einerseits explizit, nimmt andererseits aber natürlich auch ab, weil jedes Leben anders und letztlich einzigartig ist.

Anschaulich gesprochen bedeutet dies, daß aus dem Ursprung als dem einen und einzigen Quell der Strom des Lebens hervorgeht, der sich wie bei einer Deltamündung in immer kleiner werdende Flüsse, Bäche und Rinnsale als dem rein Subjektiven aufspaltet.“

2.4. Erlebungen

Wir haben in diesem zweiten Teil bisher recht allgemein nach den Formen der Wirklichkeit sowie ihrem Woher gefragt und schauen uns nun Schritt für Schritt die einzelnen Elemente an; zunächst die Erlebungen.

Sie sind wesentlich zweigeteilt; den zwar unwirklichen(L), aber eben dadurch auch relativ unproblematischen Nach-Denkungen stehen die wesentlich komplizierteren Erfahrungen gegenüber. Letztere gehen aus dem Leben hervor und enthalten hierdurch eine Wirklichkeits(L)-Komponente.

 

Die Nach-Denkungen schweben gewissermaßen im luftleeren Raum ohne jeglichen Kontakt zu irgendeiner Form von Wirklichkeit. Letztere kann den Nach-Denkungen allein durch uns zukommen, denn indem wir sie glauben, werden sie wirklich(G) für uns.

Die Gesamtheit der geglaubten und in diesem Sinne wirklichen(G) Nach-Denkungen bildet unsere subjektive Welt. Natürlich existiert sie als Ganzes nicht, denn wir müßten ihre potentiell unendlichen vielen Bestandteile nacheinander aufzählen und würden damit nicht nur nicht fertig, sondern sie würden sich während des Aufzählens auch andern. Unsere Welt kann also nur eine potentielle Gesamtheit sein, die näherungsweise für eine bestimmte Dauer konstant ist.

Ganz entsprechend gehören diejenigen Nach-Denkungen, die wir nicht glauben und die dadurch für uns unwirklich(G) sind, zwar zum subjektiven Weltbild, aber nicht zur Welt. Die bloße Abkürzung Welt(bild) soll beide zusammenfassen.

 

Warum sind die Erfahrungen viel komplizierter als die Nach-Denkungen?

Vordergründig weil wir letztere bezeichnen können; „Nach-Denkungen“ bezeichnet die Nach-Denkungen; „Wort“ die Wort-, „Begriff“ die Begriff- und „Sonne“ die Sonne-Nach-Denkung. Bezeichnungen sind jedoch nur möglich, wenn das zu Bezeichnende aus einzelnen Teilen zusammengesetzt ist.

Ein Paradebeispiel stellt natürlich die Gesamtheit der Urbilder dar, weil sie voneinander getrennt sind. Das heißt, ob ein Urbild fehlt, hinzugefügt oder durch ein anderes ersetzt wird, wirkt sich auf die anderen in keiner Weise aus. Die traditionelle „Welt“ wird nach dem Modell eines großen Lego-Baukastens gedacht.

Bei uns hingegen hat jede Anderung an „einer Nach-Denkung“ eine zumindest geringfügige Korrektur am gesamten Welt(bild) zufolge. Es muß zwar immer gleich der komplette Kasten ausgetauscht werden, aber auch der neue besteht wieder aus einzelnen – und damit bezeichenbaren – Bausteinen. 

Das ist beim Leben jedoch nicht der Fall; die Erfahrungen sind solche des Lebens, aber es läß sich nicht bezeichnen – und damit auch weder wissen noch sagen – was wir in ihnen erfahren.

 

„Das Leben!“

Natürlich das Leben; das stimmt immer. Dennoch sind nicht alle Erfahrungen gleich, und wir müssen verstehen, weshalb beim Erfahren des Lebens einmal die Erfahrung A und ein andermal die Erfahrung B auftritt. 

 

Der Unterschied zwischen getrennten Urbildern und unterschiedenen Nach-Denkungen sollte bereits deutlich geworden sein:

Jedes einzelne Urbild muß abgebildet werden, weil es von allen übrigen getrennt ist; die traditionellen Wissungen(T) beziehen sich auf eine andere Wirklichkeit(T).

Aus ihnen werden bei und die Nach-Denkungen; das ist keine bloße Namensänderung, denn sie beziehen sich – auf nichts. Deswegen kommen wir aus dem Zirkel der Nach-Denkungen nicht heraus – auch nicht durch Zeigen – und können jede von ihnen nur durch alle anderen erklären.

Die Tradition kommt natürlich ebenfalls nicht aus dem Zirkel ihrer Wissungen(T) heraus, bildet sich das aber ein und glaubt, auf die Urbilder „zeigen“ zu können.

 

Auch bei uns existiert(L) mit dem Leben eine den Nach-Denkungen fremde Wirklichkeit(L).

Wir können jedoch weder darauf zeigen noch diese Wirklichkeit(L) bezeichnen; sie besteht nicht aus unterschiedenen – oder gar getrennten – Bestandteilen, sondern es lassen sich lediglich Facetten daran differieren, die wir – mehr oder weniger gut – beschreiben können.

Nun sollte das Problem, vor dem wir stehen, deutlich sein:

1. Erfahrungen sind unbestreitbar; niemand wird insbesondere die simplen physikalischen Erfahrungen namens „Eiffelturm“, „Baum“ oder „Sonne“ ernstlich leugnen wollen.  

2. Ihre Wirklichkeit(L) kann nur die des Lebens sein.

3. Im Leben existieren(L) jedoch keine Erlebungen; weder der Eiffelturm noch ein Baum oder die Sonne.

4. Die simpel erscheinende Selbstverständlichkeit „Ich erfahre (den) Laptop“ ist also ausgeschlossen, weil der Laptop bereits existieren(L) müßte, um – dann auch noch – im traditionellen Sinne erfahren werden zu können.

 

Die Lösung dieser Schwierigkeit kann meines Erachtens nur lauten;

Die unbestreitbare Erfahrung X kann nur durch die Erzeugung von X innerhalb unseres Leben zustande kommen.

Da ich leider davon ausgehen muß, daß Sie diesen Satz aus meiner Feder für absurd halten und somit jegliches Weiterlesen strikt ablehnen werden, verweise ich Sie an eine prominente Verstärkung. Nelson Goodman schreibt in seinem Buch „Vom Denken und anderen Dingen“ unter der Überschrift „Sterne-Erzeugen“ auf Seite 69:

 

„Wir können die Sonne stillstehen lassen, nicht wie Josua, sondern wie Bruno. Wir erzeugen einen Stern so, wie wir ein Sternbild erzeugen, indem wir die Teile zusammensetzen und die Grenzen markieren.

Kurz, Sterne erzeugen wir nicht so, wie wir Ziegelsteine erzeugen; nicht bei jedem Erzeugen geht es darum, Schlamm zu formen. Die Welterzeugung, die hier hauptsächlich zur Debatte steht, ist ein Erzeugen nicht mit den Händen, sondern mit dem Denken oder vielmehr mit Sprachen oder anderen Symbolsystemen. Doch wenn ich sage, daß Welten erzeugt werden, meine ich es buchstäblich.“

 

Für das Verständnis dieses Zitats scheint mir Folgendes überaus wichtig zu sein:

Nelson Goodman meint keine Gegenüberstellung in der Erzeugung von Sternen bzw. Ziegelsteinen.

Bei ersteren benötigen wir unsere Hände nicht; sie entstehen allein durch Symbolsysteme.

Bei Ziegelsteinen hingegen formen wir mit den Händen Schlamm zu Quadern; aber Ziegelsteine, Hände, Schlamm und Quader gibt es – wie Sterne – ebenfalls nicht ohne Symbolsysteme.

Fehlen letztere, so existieren auch keinerlei Erlebungen; sie sind immer erforderlich, und mitunter bedarf es zusätzlich noch bestimmter Wechselwirkungen zwischen den Erlebungen, die jedoch ebenfalls erst durch die Symbolsysteme zustande gekommen sind.

Am Ende haben wir wirklich Ziegelsteine mit den Händen aus Schlamm geformt; das bestreiten Nelson Goodman und ich nicht; aber selbst das Formen gibt es – wie das Laufen, Essen oder Schlafen – nicht ohne Symbolsysteme; wir müssen das Formen erst erzeugen, um formen zu können.

2.4.1. Nach-Denkungen – Einheit von Signifikat und Anschauung

Nach-Denkungen sind sowohl geistig als auch sinnlich bzw. seelisch, und in diesem Sinne betrachten wir sie im weiteren als Einheit zweier Bestandteile.

 

Nach-Denkungen   =   { Signifikat + Anschauung }

 

Signifikate sind nicht nur rein geistig, sondern bilden zugleich auch das einzige Geistige, der Anschauung kommt der sinnliche oder seelische Part in den Nach-Denkungen zu.

Damit schließen wir uns Kant an; er wollte alle „Hirngespinste“ der rationalistischen Metaphysik aus der Philosophie sowie Theologie verbannen, denn „Gedanken ohne Inhalt sind leer und Anschauungen ohne Begriffe blind“.

 

Diese Stelle ist sehr wichtig für das Gesamtverständnis:

Wir hatten wiederholt, daß die Tradition ihre Seienden als Einheit von Was oder Essenz und Daß bzw. Existenz versteht.

 

Seiende(T)   =   { Was / Essenz + Daß / Existenz }

 

Die Summanden in diesen beiden Ausdrücken entsprechen sich nicht wechselseitig, sondern die traditonellen Was / Essenzen gehen in unsere vollständigen Nach-Denkungen über.

 

Was / Essenz   →   { Signifikat + Anschauung }

 

Wir behaupten also mit Kant nicht, daß die Signifikate existieren müßten; wer will denn das wissen und woher? Ob es sie gibt, davon ist bei den Nach-Denkungen als solchen noch gar nicht die Rede; über ihre Existenz(G) für uns bestimmen wir doch durch das eventuelle Daran-Glauben. 

Vielmehr verlangen wir lediglich, daß die Signifikate nicht leer sein dürfen – und wir somit über nichts reden würden –, sondern einen Inhalt besitzen müssen, und der kann unmöglich in einer Existenz bestehen; wir definieren ihn als Anschauung.

 

Sie besitzen beisielsweise eine bestimmte Mond-Nach-Denkung; ich ebenfalls.

Ohne die Nach-Denkung des jeweils anderen zu kennen – was natürlich ausgechlossen ist –, lassen sich damit an unseren beiden Nach-Denkungen drei Elemente unterscheiden:

Zunächst gibt es den Ihnen und mir gemeinsamen Anteil; das ist der Durchschnitt unserer beiden Mond-Nach-Denkungen. Nochmals: Wir können ihn nicht feststellen – und nicht bestreiten. Sowohl bei Ihnen als auch bei mir geht der „vollständige Mond“ im allgemeinen über diese Überlappung hinaus.

Unsere Erfahrung zeigt, daß sich das sogar auf  Katzen-Subjektivitäten übertragen läßt; wir schauen uns gemeinsam den Mond an.

 

Weder der Durchschnitt noch die beiden Überschüsse hängen natürlich vom Mond ab – was sollte das denn sein? –, sondern allein von uns. Der Mond ist für uns beide ausschließlich das, was er für uns beide ist.

„Das geht wohl nicht . . .

Wenn der Mond für Sie und die Katzen-Subjektivität – kein Mond(T), sondern – ausschließlich das ist, was er für Sie beide ist, ergibt sich doch folgendes Problem:

Sie schauen in den Abendhimmel, und obwohl für Sie und die Katzen-Subjektivität kein gemeinsamer Mond(T) existiert, blickt die Katze in die gleiche Richtung wie Sie. Warum?“

 

Wir können das relativ leicht aufklären, wenn Sie sich bitte an mein Zitat von Heinrich Rombach erinnern, das ich auf unser Beispiel anwende:

„Ich sehe nicht den Mond dort, sondern ich sehe dort den Mond.“

Das Dort-Sein gehört nicht zum Mond, sondern zum Sehen. Die Katze schaut also in die gleiche Richtung wie mein Körper, weil wir beide sehen und unsere zwei voneinander unabhängigen Monde durch dieses Sehen erst dort entstehen.  

 

„Ich kann das alles recht gut nachvollziehen, sehe aber noch eine andere Schwierigkeit.

Sie können einerseits die Nach-Denkungen nur sinnvoll in Signifikat und Anschauung zerlegen, wenn beide Komponenten verstanden werden, das heißt, wiederum Nach-Denkungen sind.

Andererseits sagen Sie jedoch, die Signifikate seien das einzige Geistige; enthalten die Anschauungen jedoch nichts davon, können sie auch nicht verstanden werden bzw. keine Nach-Denkungen sind.“

Sie weisen damit auf ein fundamentales Problem hin, das häufig überspielt wird; deshalb ist es wichtig, daß wir uns ihm in einem möglichst allgemeinen Rahmen zuwenden.

2.4.2. Leibhaftigeit des Lebens und bloße Reflexion darüber

Was jetzt kommt, ist relativ ungewohnt, nämlich daß wir die folgenden zwei Perspektiven deutlich voneinander unterscheiden müssen:

 

1. Grundebene – Ebene des Nach-Denkens

Wir haben oder erleben eine Nach-Denkung bzw. beschäftigen uns mit ihr.

Während eines Spaziergangs denken wir beispielsweise über den ontologischen Explikationismus nach. Um diese Perspektive oder Situation deutlich zum Ausdruck zu bringen, sollten wir unsere obige Formel ein wenig anpassen:

 

diese konkrete Nach-Denkung   =   { ein spezielles Signifikat + dessen Anschauung }

 

Mit dieser Formulierung versuche ich, die Nach-Denkungen als integrale Bestandteile unseres Lebens möglichst gut zu treffen.

 

2. Metaebene – Ebene der Reflexion oder des Nach-Denkens über das Nach-Denken

Natürlich haben wir auch jetzt eine Nach-Denkung, aber eine ganz spezielle. Sie besteht darin, daß wir über Nach-Denkungen nach-denken oder reflektieren, das heißt, über die Frage, was Nach-Denkungen sind. 

In dieser Perspektive können wir die Formulierung des letzten Abschnitt exakt übernehmen und sogar zum Plural übergehen.

 

Nach-Denkungen   =   { Signifikate + Anschauungen }

 

Ihre Bedenken waren begründet; Signifikate und Anschauungen müssen wiederum Nach-Denkungen sein, denn nur dann verstehen wir die Antwort auf unsere Frage, was Nach-Denkungen eigentlich sind.

Und richtig war auch Ihr Hinweis, daß die Anschauung keine Nach-Denkung sein kann und somit unverständlich bleiben muß; nur besteht zwischen diesen beiden Aussagen kein Widerspruch.

Wir wissen, was Anschauungen sind (zumindest versuche ich, es Ihnen zu erklären), obwohl natürlich jede einzelne Anschauung unverständlich sein muß.

 

Erschrecken Sie nicht; es gibt noch eine dritte Perspektive:

3. Vermittlung zwischen 1. und 2.

Wir können die Nach-Denkungen auch als Einheit von Intension sowie Extension darstellen, wobei die Intension mit dem Signifikat zusammenfällt; Gottlob Frege spricht von Sinn resp. Bedeutung.

Die Intension – das Signifikat oder der Sinn – der Nach-Denkung Planet beispielsweise besteht darin, daß es sich um einen hinreichend großen Himmelskörper handelt, der unsere Sonne umkreist. Damit ist klar, worüber wir sprechen, wenn von Planeten die Rede ist; aber ob es dergleichen gibt und, wenn „ja“, wie viele, ist eine ganz andere Frage – eben die nach der Extension.

Sie wird beantwortet durch die Aufzählung Merkur, Venus, Erde, . . .; nach der verstandenen Intension wissen wir ja erst, wonach gesucht werden muß.

 

In diesem Beispiel sind – wie zumeist – die einzelnen Exemplare innerhalb der Extension einer Nach-Denkung wiederum Nach-Denkungen. Der Merkur etwa ist intensional der sonnennächste Planet und besitzt die Extension eins – wie der Eiffelturm.

Aber das muß keineswegs so sein; die Einzelexemplare, die unter die Extension einer Nach-Denkung fallen, müssen keine Nach-Denkungen sein.

 

Eine „Nach-Denkung“ ohne Intension, Signifikat oder Sinn besitzt nichts Geistiges und ist somit keine Nach-Denkung.

Kann die Extension bei einer Nach-Denkung fehlen?

Wir dürfen das nicht mit der Extension 0 verwechseln; Marsmenschen ist eine Nach-Denkung, die meines Erachtens die Extension 0 besitzt.

Wir suchen also eine Nach-Denkung, bei der die Intension verlangt, daß keine Extension bestehen kann. Und die gibt es offensichtlich; zum Beispiel gehört die Intension selbst dazu; wir können nicht sinnvoll fragen, wieviele Exemplare zur Nach-Denkung Intension gehören; sie ist zwingend eine Nach-Denkung ohne Extension.

 

Die Anschauung ist eine Nach-Denkung und besitzt somit – wie fast alle Nach-Denkungen – eine Intension und eine Extension. Da wiederum beides Nach-Denkungen sind ist das auch alles verständlich.

Die Intension der Anschauung besitzt keine Extension.  

Bei der Extension der Anschauung gibt es dagegen sowohl eine  In- als auch eine Extension.

Beide Intensionen sind Nach-Denkungen, und ich versuche sie, so gut es mir möglich ist, zu erklären.

Die Extension der Anschauung ist natürlich ebenfalls eine Nach-Denkung; oben hatte ich doch versucht, sie zu erklären.

Aber ihre Bestandteile müssen keine Nach-Denkungen sein, sondern wir zählen einfach auf – wie oben bei den Planeten –, völlig unabhängig davon, worum es sich handelt. Und das können natürlich auch Anschauungen sein.

 

Daß es sich hierbei um eine Vermittlung der beiden ersten Perspektiven handelt, wird relativ leicht ersichtlich, wenn wir den Begriff des Oberbegriffs einführen; er entstammt der Tradition und rührt von deren onto-theologischer Pyramide aller Seienden her.

Die dritte Perspektive versteht weder die Nach-Denkungen noch die Signifikate, aber die Anschauungen als Oberbegriff.

Die Planeten-Nach-Denkung beispielsweise umfaßt die Erklärung, was das ist – Planeten-Signifikat, -Intension oder -Sinn – und den Oberbegriff Planeten-Anschauungen, zu dem die Unterbegriffe Merkur, Venus, Erde usw. gehören.

Die Anschauungs-Nach-Denkung umfaßt dagegen die Erklärung, was das ist – Anschauungs-Signifikat, -Intension oder -Sinn – und den Oberbegriff Anschauungs-Anschauungen, zu dem als „Unterbegriffe“ die einzelnen Anschauungen usw. gehören.

 

Diese Vermittlung entfällt für uns, weil wir die Anschauungen – Facetten und möglicherweise noch weitere Entitäten – nicht als Unterbegriffe verstehen können. Die Tradition ging hingegen davon aus, daß alles, was existiert(T), – im Sinne ihrer Gleichung: Seiendes = { Daß + Was } – ein Was sein müsse.

Wir stoßen damit erstmals auf zwei unvereinbare Perspektiven, deren Berücksichtigung sich als fundamental erweisen wird und vielleicht das Herzstück unseres Ansatzes darstellt.

Auf der einen Seite steht die Leibhaftigkeit unseres Lebens mit seinen Erlebungen – vorerst haben wir uns auf die Nach-Denkungen beschränkt.

Die andere Seite umfaßt die Reflexionen über das sowie Paradigmen, Modelle oder Theorien von dem Leben. Sie alle gehören nicht zur Leibhaftigkeit; das Reflektieren oder Nach-Denken selbst natürlich.

 

Systematisch können wir das vielleicht folgendermaßen einordnen:

Die Urbilder sind objektiv; sehen wir einmal von allen Fehlern ab, so besteht bei ihrem Erkennen, darüber Nach-Denken oder von ihnen Berichten immer nur diese objektive Basis, die die Philosophie letztlich relativ einfach macht und anschaulich sein läßt.

Diese Objektivität wird bei uns zur Subjektivität des Lebens und seiner Erlebungen, so daß alles Erkennen, Feststellen oder Beobachten nur subjektiv sein kann.

Wenn wir dieses Subjektive jedoch darstellen – erzählen, beschreiben, benennen oder erklären usw. –, kommt immer noch eine weitere Subjektivität in’s Spiel. Vielleicht tun wir es nur für uns selbst; aber unabhängig davon, ob es sich um eine fremde Subjektivität handelt oder nicht: Es gibt eine zweite.

Auf der einen Seite haben wir also die – „eigene“ – Subjektivität, die ihr Leben mit seinen Erlebungen sowohl erlebt als auch darstellt.

Auf der andeen Seite steht eine zweite – wiederum die „eigene“ oder eine fremde – Subjektivität, an die sich die Darstellung richtet.

 

Wir müssen also eine Metaebene von der bisher allein benutzten Grundebene unterscheiden.

2.4.3. Erfahrungen – Einheit von Signifikat und Facette

Wir haben damit die Signifikate als das einzige rein Geistige von den Nach-Denkungen her erklärt, aber enthalten sind sie nicht nur in letzteren, sondern in allen Erlebungen.

Bei den Erfahrungen gehört die andere Komponente dem Leben an. Dort gibt es aber keine Unterscheidungen, sondern wir können lediglich Facetten differieren, so daß die zweite Komponente der Erfahrungen mit ihnen zusammenfallen muß.

 

Erfahrungen   =   { Signifikat + Facette }

 

Dadurch sind die Erfahrungen wirklich(L).

Die Nach-Denkungen sind dies nicht, aber auch sie handeln von etwas – nämlich den Anschauungen – und sind folglich keineswegs sinnleer.

 

Jetzt stimmt die Analogie zum traditionellen Verständnis der Seienden; die Facette des Lebens ist pure Wirklichkeit(L). Sie besitzt noch kein Was, sondern bildet ein reines Daß.

 

Seiende(T)   =   { Was / Essenz + Daß / Existenz }

 

Der Unterschied zwischen Anschauung bzw. Facette ist so gewaltig, daß ich es zumindest für kontraproduktiv halte, die beiden zweiten Komponenten der Erlebungen in einem Oberbegriff zusammenzufassen. Sie haben so gut wie nichts gemein; ein Inhalt ist keine Existenz und eine Existenz kein Inhalt.

 

„Dann war Ihre bisherige Beschreibungsweise aber nicht ganz sauber, denn Sie hatten gesagt, wir könnten am Leben verschiedene Facetten differieren. Nun zeigt sich jedoch, daß sie nur in unterschiedenen Erfahrungen enthalten sind.“

Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern würde Ihre beiden richtigen Aussagen lieber zu einer sehr grundlegenden Erkenntnis zusammenfassen:

Die unterschiedenen Erfahrungen entstehen dadurch, daß wir in unserem Leben mittels der Signifikate an unserem Leben Facetten differieren.

 

Aber ein bißchen muß ich Ihnen doch Recht geben.

Bisher haben wir insbesondere die Subjektivität und das verbale Leben als Facetten des (substantivischen) Lebens betrachtet; das war in der Tat unsauber.

Anschauungen sowie Facetten sind keine Signifikate und somit auch nicht geistig; wir können sie also weder wissen noch bezeichnen, so daß jedes Sprechen von einer oder der Facette X notwendigerweise falsch sein muß. Insbesondere gibt es also keine Facetten Subjektivität bzw. verbales Leben.

Das sind immer schon Erfahrungen, und sie entstehen dadurch, daß die Signifikate namens „Subjektivität“ resp. „verbales Leben“ aus dem eigenen Leben bestimmte Facetten heraus-differieren. Bei anderen Signifikaten wären es natürlich auch andere Facetten, so daß sich stets beide Komponenten der Erfahrungen zugleich andern.

 

„Und was macht beispielsweise „die Facette Subjektivität“, wenn oder während sie nicht durch das Signifikat Subjektivität aus dem Leben heraus-differiert und zur Erfahrung Subjektivität gestaltet wird?“ 

Das Differieren der Subjektivität ist an diesen Akt des Gestaltens gebunden.

Fehlt er, existiert(L) die Subjektivität nich als Facette; letztere gibt es ausschließlich als Komponente der Erfahrung.

Das kann natürlich nicht bedeuten, daß ich einfach weg bin, sehr wohl aber, daß ich im Kontinuum der Lebens-Wirklichkeit(L) aufgehe. Vielleicht genieße oder leide ich sogar, aber ohne mir dessen explizit bewußt zu sein; das wäre dann ein Bewußtsein ohne Selbstbewußtsein.

Kurz und verallgemeinert:

Die „Facetten“ gehören stets dem Leben an, müssen aber nicht immer Facetten sein – das sind sie nur innerhalb der Erfahrungen.

 

Daß wir jetzt den gesamten dreifarbigen Teil des vorigen Abschnitts nahezu wortwörtlich auf die Erfahrungen übertragen könnten, versteht sich von selbst.

 

In unseren Erfahrungen treffen sich Leben und Welt.

Wir können sie nutzen, sowohl um das Leben zu beschreiben als auch um aus ihnen die Welt zusammenzupuzzeln. 

2.4.4. Nach-Denkungen – Begriffe und Nicht-Begriffe

In Gesprächen, beim Lesen oder Zuhören haben wir häufig das Gefühl, falsch, ungenügend, ungenau oder gar nicht zu verstehen. Dann fragen wir eventuell nach, was das ist, und bekommen eine andere Verstehung angeboten; ein Spiel, das sich – theoretisch – beliebig lange wiederholen kann. Insbesondere auch deshalb, weil sein Abbruch durch bloßes – und nicht nur ergänzendes – Zeigen ausgeschlossen ist.

Praktisch sind wir aber zumeist mit einer bestimmten Antwort zufrieden, weil wir glauben, nun die richtige oder endgültige Verstehung – allgemeiner: Nach-Denkung – zu besitzen.

Diejenigen Verstehungen, die unsere Rückfragen definitiv beenden, sind per definitionem Begriffe. Sie bilden also, Josef Simon folgend, diejenigen speziellen Nach-Denkungen, bei denen uns alles klar zu sein scheint und wir keine Fragen mehr haben.

 

Die Nach-Denkungen umfassen folglich Begriffe und Nicht-Begriffe. Erstere sind allein dadurch ausgezeichnet, daß sie unsere subjektiven Fundamental- oder Lieblings-Nach-Denkungen darstellen, mit deren Hilfe wir alle anderen – die Nicht-Begriffe – sehr gut erklären können.

Ist das geschehen, stehen keine Fragen mehr offen; die Tradition schließt daraus fälschlicherweise, daß sie mit den Begriffen die Urbilder erreicht hat.

 

Wir müssen deutlch zwischen Begriffen und Signifikaten unterscheiden.

Erde, Mensch oder Kosmos bilden für die meisten von uns heute Begriffe, und wir fragen kaum zurück, was damit gemeint sei.

Signifikate haben damit gar nichts zu tun; sie sind Nach-Denkungen ohne Anschauung und damit ohne Inhalt – rein geistig eben. Und weil sie keinen Inhalt besitzen, gilt für sie das, was völlig unabhängig vom Inhalt ist bzw. bei jedem Inhalt stimmt – nämlich die Gesetze der Logik.

 

Auf dem Gymnasium wollte uns der Logiklehrer beibringen, daß die Implikation p → q nur falsch ist, wenn p zutrifft, aber q trotzdem nicht.

„Wenn die Erde eine Kugel ist, schneit es heute.“

Die Erde ist eine Kugel, und trotzdem schneit es heute nicht; also ist die Implikation falsch

Inhaltlich geht es fast nicht unglücklicher; aber das spielt für die Logik überhaupt keine Rolle – was ich damals aber nicht verstanden habe und mich ratlos zurückließ. 

 

Den mir des öfteren entgegengebrachten Vorwurf, ich wäre zu logik-gläubig, kann ich damit in aller Form zurückweisen:

Ich weiß sehr wohl, daß die Wirklichkeit nicht der Logik gehorcht, und habe das auch niemals behauptet. Weder auf den Ursprung noch auf das Leben läßt sich die Logik anwenden; beide sind kontinuierlich und kennen keine Negation.

Aber mit unseren Aussagen über die Erlebungen wandeln wir das negationsfreie Kontinuum in negierbar-diskrete Präsentationen um, und stehen dabei vor der Alternative, dies entweder logisch (möglichst) sauber zu tun oder „blablabla“ zu sagen.   

 

Nicht einmal auf die Anschauungen läßt sich die Logik anwenden; Hegel zufolge gibt es dadurch zwei Arten des Nach-Denkens.

Die eine von ihnen ist rein signifikativ, das heißt, sie verzichtet auf jede Anschauung und damit Veranschaulichung. Aber denken können wir nicht nur trotzdem, sondern sogar viel exakter, weil uns keine Anschauungen zu falschen oder unberechtigten Schlüssen verleiten. Das Verständnis ist nur etwas abstrakter oder formaler und fällt uns deswegen vielleicht schwerer; Paradebeispiele bilden natürlich die Mathematik, Logik oder Theoretische Physik und eventuell die Informatik.

Bei der zweiten Art des Nach-Denkens sind dagegen die Anschauungen nicht nur erlaubt, sondern eventuell sogar erforderlich. Das ist einfacher, und darum denken wir fast immer so; viele Menschen können (und wollen) es gar nicht anders.

Damit verbinde ich jedoch keinerlei Kritik; das rein signifikative Denken ist nicht höherwertiger als das anschauende. Gute Bauern, Handwerker, Gärtner, Architekten, Künstler oder Designer kann es ohne die kreative Kraft der Anschauungen gar nicht geben.

 

Eine sehr clevere Idee, das reine oder signifikate Nach-Denken zu verstehen – und zu üben – stammt von David Hilbert, einem britischen Mathematiker.

Selbst im Halbschlaf wissen wir spontan, daß zwei Punkte eine Gerade, drei Punkte oder eine Gerade plus einem Punkt (im allgemeinen) eine Ebene bestimmen usw. Wir haben das weder auswendig gelernt noch überlegt, sondern entnehmen es unmittelbar unseren Anschauungen von Punkt, Gerade und Ebene; das ist aber keine Mathematik bzw. Geometrie.

Diese Bilder müßten wir unterdrücken; das ist jedoch nahezu unmöglich – solange wir bei den Worten „Punkt“, „Gerade“ und „Ebene“ bleiben. Da die Worte jedoch belanglos sind und es allein um die – logischen oder rein geistigen – Signifikate geht, ersetzte David Hilbert diese Worte durch „Schornsteinfeger“, „Liebe“ bzw. „Bierkrug“. Auch sie führen natürlich zu Anschauungen, aber kaum zu hilfreichen

Wer jetzt noch aus den geometrischen Axiomen ableiten kann, daß zwei Schornsteinfeger eine Liebe, drei Schornsteinfeger oder eine Liebe plus einen Schornsteinfeger (im allgemeinen) einen Bierkrug bestimmen usw., betreibt Mathematik und denkt rein signifikativ, logisch oder geistig.

 

Wozu ist das für uns wichtig? Weshalb erwähne ich das überhaupt?

Nicht nur weil es lehrreich ist, sondern auch weil wir vieles anschaulich nicht denken können; einen endlichen Kosmos, das Nichts, den Ursprung, eine vierte Dimension, gekrümmte „Räume“, das Leben oder die Subjektivität. Das scheitert aber nur an unseren Anschauungen, und die sind absolut nicht denk-notwendig. Verzichten wir auf sie – auf das „Unvorstellbare“ also –, lösen sich die Widersprüche möglicherweise auf.

Erst wenn sie das trotzdem nicht tun, haben wir falsch gedacht.

2.4.5. Nach-Denkung und Horizont als Relativbegriffe

Durch neue Erfahrungen wird unser subjektives Welt(bild) kontinuierlich überarbeitet, korrigiert oder geandert. Aber wir müssen es näherungsweise als konstant betrachten, um – innerhalb von ihm – nach-denken, das heißt, Nach-Denkungen wiederholen zu können.

Das subjektive Welt(bild) ist  für eine bestimmte „Dauer“ (Henri Bergson) näherungsweise konstant und kann innerhalb von ihr mittels einzelner Nach-Denkungen bruchstückchenweise repräsentiert werden. Aber allein dadurch andert sich das Welt(bild) schon wieder, so daß es niemals vorliegen oder gegeben sein kann.

 

Nach-Denkungen müssen verstanden werden, was einen über sie hinausgehenden Horizont voraussetzt. Dieser besteht freilich wieder in Nach-Denkungen, so daß wir sie und ihre Horizonte nur als Relativ-Begriffe sinnvoll denken können:

Jede Nach-Denkung gehört also einem „größeren“ Horizont an und ist zugleich Horizont für „kleinere“ Nach-Denkungen; freilich mit den zwei Ausnahmen, auf die wir oben bereits zu sprechen gekommen waren:

Der eine Grenzfall besteht im Bit oder der einfachen Alternative; als die theoretisch „kleinste“ Nach-Denkung kann sie nicht nur keinen Horizont mehr bilden, sondern muß auch intersubjektiv sein. 

Dann gibt es als Pendant notwendigerweise einen „größten“ oder letzten Nur-Horizont, und dieser besteht natürlich im Welt(bild) und ist subjektiv.

 

Die einfache oder Ur-Alternative bildet einen Grundbegriff in der Physik Carl Friedrich von Weizsäckers. Sein Ansatz ist phantastisch; er geht nicht empirisch vor, sondern fragt, welche Voraussetzungen oder Möglichkeits-Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es überhaupt exakte Nach-Denkungen geben kann. Aus ihnen sollte sich Carl Friedrich von Weizsäcker zufolge die „Weltformel“ als Grundgleichung der Physik herleiten lassen.

(Eine auch für Laien recht gut lesbare Darstellung finden Sie bei Thomas Görnitz in seinem Buch „Quanten sind anders“.)

Der Gedanke steht in der Nachfolge Kants, ist genial und wir könnten ihn (wenn er nicht zu schwierig wäre) innerhalb unseres Ansatzes ohne alle Abstriche weiterverfolgen – freilich mit einer auf den ersten Blick wohl überraschenden Konsequenz:

Weil die Voraussetzungen oder Möglichkeits-Bedingungen für die (exakten) Nach-Denkungen natürlich vom jeweiligen Welt(bild) abhängen, muß dies also auch für die Physik gelten; anderes Welt(bild) – andere Physik. Aristoteles war folglich nicht notwendigerweise dümmer als Newton oder Einstein; er hat die Physik seines antiken Welt(bilds) entwickelt – das wir uns freilich nicht mehr wünschen würden; aber das ist eine ganz andere Frage. 

 

Denken wir jedoch ein wenig darüber nach, versteht sich dieser Zusammenhang auch ohne die Physik Carl Friedrich von Weizsäckers von selbst:

Sämtliche Nach-Denkungen hängen vom Welt(bild) als ihrem „größten“ Horizont ab; wie könnte es dann bei den physikalischen anders sein? Wundern dürfte sich nur, wer (an) eine objektiv-reale „Welt“ glaubt, zu der dann natürlich auch die eine wahre Physik gehören würde.

2.4.6. Beschreiben und Bezeichnen

Aufgrund des großen Unterschieds zwischen Erfahrungen und Nach-Denkungen sollten wir beim Zusammenstellen des uns Gegebenen nicht hinter eine Dreiteilung zurückfallen; Leben, Erfahrungen sowie Nach-Denkungen.

Welche Beziehungen zwischen ihnen sind sinnvollerweise möglich?

1. Nach-Denkungen über Nach-Denkungen sind wiederum Nach-Denkungen und damit problemlos.

2. Gäbe es keine Nach-Denkungen über Erfahrungen, wären die empirischen Wissenschaften unmöglich.

Des öfteren hatte ich Ihnen schon plausibel machen wollen, daß Nach-Denkungen vom Leben ausgeschlossen sind; mein Hauptargument besteht darin, daß wir alle möglichen Nach-Denkungen verfolgen können, aber mit welchem Recht wollen wir behaupten, es seien solche vom Leben?

 

Von dieser Begründung nehme ich nichts zurück, aber wir können sie jetzt noch anders und besser verstehen:

3. Erfahrungen sind per definitionem die Erlebungen vom Leben.

Nach-Denkungen beziehen sich also zum einen auf nichts (0.) oder – wie oben – auf sich selbst bzw. Erfahrungen, während diese zum anderen nur Erfahrungen des Lebens sein können; es gibt nichts anderes zu erfahren.

Es lohnt sich vielleicht, das einmal darzustellen.

 

 

3. und 2.
Leben Erfahrungen Nach-Denkungen                                                             
1. —————   Nach-Denkungen Nach-Denkungen  
0. —————   —————   Nach-Denkungen  
             
  beschreibbar   bezeichenbar   bezeichenbar  

 

Abbildung 2.4.5.

 

„Und obwohl Ihnen das so klar zu sein scheint, verfügen Sie sogar über Nach-Denkungen vom Ursprung; beispielsweise daß er implizit, aktual unendlich und sowohl Selbst- als auch Fremdursache ist. Wieso wissen Sie, was man angeblich gar nicht wissen kann?“

 

Ich revidiere mich nicht, sondern bleibe dabei; es gibt Nach-Denkungen weder vom Ursprung noch vom Leben. Der Widerspruch, den Sie – zunächst noch mit Recht – sehen, löst sich jedoch auf, wenn wir sauber zwischen Beschreiben und Bezeichnen unterscheiden.

 

Jede Erlebung enthält ein rein geistiges Signifikat; es ist das gleiche in der Erfahrung X wie in der Nach-Denkung X. Für eine bestimmte Dauer sind die Signifikate näherungsweise konstant, und dadurch können sie mittels „X“ bezeichnet werden. Es gibt weiter nichts Konstantes und somit auch kein anderes Bezeichenbares.

 

Zu unserem Welt(bild) könnte theoretisch auch ein „Ursprung“ gehören; der „onto-theologische Urknall“ beispielsweise. Aus der Mathematik kennen wir zwei Unendlichkeiten und gelangen beispielsweise zu der Einsicht, daß dieser „Ursprung“ nicht nur potentiell, sondern aktual unendlich sein muß.

Aber natürlich paßt keine einzige Nach-Denkung unseres Welt(bilds) auf den Ursprung oder das Leben.

Damit bestehen die folgenden drei Möglichkeiten:

 

1. Wir schließen uns im Sinne der „Negativen Theologie“ Ludwig Wittgenstein an: „. . . wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ 

 

2. Das ist das eine Extrem; das andere besteht besteht darin, sorg- und skrupelllos von der Transzendenz(T)  ebenso zu reden wie von der Immanenz und jene damit in eine Hinterwelt zu verwandeln.

 

3. Mir schwebt ein Mittelweg vor; wir schweigen nicht und erheben auch nicht den Anspruch, – Elemente an – Ursprung oder Leben bezeichnen zu wollen.

Sagen wir also beispielsweise, der Ursprung sei aktual unendlich, so wenden wir einerseits Nach-Denkungen des Welt(bilds) auf ihn an – was nur falsch sein kann.

Sollen unsere Äußerungen aber mehr als ein „blablabla“ sein, können wir jedoch andererseits nur unsere Nach-Denkungen benutzen; sonst verstehen wir selbst nicht, was wir sagen.

Im Welt(bild) finden wir unter anderem die Alternative zwischen potentiellem und aktualem Unendlich vor. Ersteres käme selbst für den „Ursprung“ absolut nicht infrage; sogar er müßte aktual unendlich sein.

Und deswegen beschreiben wir den Ursprung als aktual unendlich. Er ist es nicht – wie wir uns der Kürze halber ausgedrückt haben und dies auch weiterhin tun werden –, weil keine Nach-Denkung unseres Welt(bilds) dessen Außerhalb treffen kann. Wir minimieren lediglich unseren Fehler; bei „potentiell unendlich“ wäre er noch viel größer.

 

Der „Ursprung“ im Welt(bild) – wenn wir ihn denn benötigten – wäre möglicherweise tatsächlich aktual unendlich; er ließe sich somit bezeichnen, und nicht nur beschreiben.    

Den wirklichen(U) Ursprung können wir lediglich beschreiben; dazu benötigen wir die bezeichenbaren Nach-Denkungen unseres Welt(bilds) – und treffen mit ihnen mehr oder weniger gut schlecht.

Mir persönlich stehen hierfür unter anderem die beiden Unendlichkeiten zur Verfügung, und so habe ich es eben mit ihrer Hilfe versucht. Wer ein anderes Welt(bild) besitzt, kann den Ursprung eventuell viel besser beschreiben.

Während Ursprung und Leben nur beschreibbar sind, können wir die Erlebungen sowohl bezeichnen als auch beschreiben. Letzteres tun wir zum Beispiel, wenn uns die bezeichnenden Worte nicht einfallen.

2.4.7. Akt der Freiheit

Wir stehen am Bahnhof und warten auf den Zug, der in fünf Minuten ankommen müßte.

Auf dem täglichen Arbeitsweg sollte nach dieser Biegung rechts das Postgebäude auftauchen.

Gleich wird Moritz diese alte Geschichte aufwärmen . . .

Der Zug fährt ein, dort steht die Post, und Moritz fängt tatsächlich wieder damit an; eigentlich hätten wir gar nicht hinschauen bzw. -hören müssen.

Das sind natürliich alles Erfahrungen, aber sie bestätigen lediglich, was wir mehr oder weniger sicher erwartet hatten. Sie sind damit nicht sinnlos, sondern wichtig für unser Welt(bild) und die psychische Stabilität. Aber Erfahrungen in Vollsinne des Wortes, sind es nicht; ihr Ausbleiben wäre eine wirkliche Erfahrung gewesen, weil es uns aus der Monotonie des Weiß-ich-doch-alles-schon gerissen hätte.

Erfahrungen mögen also bloße Bestätigungen der Nach-Denkungen sein; dann werden sie uns zwar kaum bewußt, aber ihr Ausbleiben könnte trotzdem einer Katastrophe gleichkommen und uns in die Nervenklinik bringen

 

Es gibt Erfahrungen, aber kein Erfahrenes im traditionellen Sinne.

Was erfahren wir dann?

Das Leben; damit liegen unsere Erfahrungen nicht fest, sondern sie können potentiell unendlich immer weiter gesteigert, reicher, wunderbarer, umwerfender, geheimnisvoller und integraler werden.

Würden wir Seiende erfahren, wäre mit ihnen Schluß; das war’s; wir haben’s. Im exakten Gegensatz zu diesem traditionellen Denken können wir prinzipiell keine Ahnung von der Fülle der Erfahrungen – und damit des Lebens – haben.

Um sie allein und somit uns geht es jedoch; nicht darum, naiv-unverstehbar innerhalb der Subjekt-Objekt-Spaltung die „Fülle der Herrlichkeit Gottes“ zu preisen.

 

Das heißt:

Unsere Erfahrungen sind potentiell unendlich offen.

Aber wir glauben oder wollen das vielleicht gar nicht und ziehen dem die Sicherheit einer bloßen Bestätigung des immer schon Gewußten vor. Von diesem asymptotischen Grenzfall des Weiß-ich-doch-alles-schon abgesehen können wir also aus mindestens zwei Gründen prinzipiell nicht sagen, was die Erfahrungen wirklich(L) sind.

Zunächst weil das Pendant zum Wiederholen im Erstmaligen besteht. Das ist ein Synonym für die Offenheit der Zukunft, und wir würden uns selbst widersprechen, wollten wir wissen, was geerstmaligt werden wird.

Die Erfahrungen können uns also häufig in verschiedenen Formen begegnen, die wir anschaulich am besten längs einer kontinuierlichen Skale zwischen reiner Wiederholung und purer Erstmaligung anordnen. Und damit stehen wir vor unserem zweiten Grund.

 

Die Möglichkeit, das Leben an uns herankommen, uns berühren oder betreffen zu lassen, bildet meines Erachtens den Ort der Freiheit.

Wir bestimmen häufig selbst, an welcher Stelle der Skale zwischen Wiederholung und Erstmaligung unsere potentiellen Erfahrungen Wirklichkeit(L) werden, das heißt, wieviel oder was wir durch sie vom Leben erfahren.

Der Akt der Freiheit besteht im Sich-Öffnen bzw. -Verschließen.

 

Unsere Freiheits-Skale ist ethisch völlig neutral; weder muß das Erstmaligen gut noch das Wiederholen böse sein; die moralische Wertung kommt allein dem Sich-Öffnen bzw. -Verschließen zu.

Daß der Arzt bei diesem konkreten Patienten so vorgeht wie bisher immer, kann natürlich goldrichtig sein.

Aber zum einen muß er von Fall zu Fall entscheiden.

Und zum anderen gäbe es seine übliche Behandlungsmethode ja gar nicht, wäre sie nicht irgendwann von irgendwem geerstmaligt worden; so geht Geschichte – weiter.

2.4.8. Andere Subjektivitäten oder Anders-Subjektivität-Sein

„Wenn im Verwirklichen oder der Auswahl einer unserer potentiellen Erfahrungen der Freiheitsakt besteht, müßten an dieser Stelle die anderen Subjektivitäten irgendwie in Erscheiung treten, denn anders kann ich mir eine Offenheit oder Sensibilität für die Fülle des Lebens gar nicht denken; es geht nicht allein um mein eigenes Heil.

Also muß es doch eine Erfahrung der anderen Subjektivitäten geben!

Und unsere Freiheit würde dann in der Entscheidung bestehen, ob wir diese Subjektivitäten anerkennen. Ich weiß, daß zum Beispiel Bernhard Waldenfels ganz massiv einen solchen Ansatz verficht.“

 

Ja; und ich bestreite auch keineswegs, daß Bernhard Waldenfels auf diesem Gebiet eine Autorität ist; widerspreche Ihnen in der Unmittelbarkeit, in der Sie die Erfahrung des Anderen darstellen aber trotzdem.

Da es andere Subjektivitäten wirklich gibt – Sie und mich zum Beispiel –, wäre das angebliche Anerkennen nämlich lediglich ein Abbilden, das man nicht als solches zugeben möchte. Denn da diese Subjektivitäten unabhängig von uns existieren, können wir sie sowohl „hinter“ den richtigen als aucho hinter den falschen Körpern anerkennen; ersteres wäre dann ein adäquates und letzteres ein inadäquates Abbilden – von als Urbildern mißverstandenen Subjektivitäten.

 

„Einverstanden; aber ich habe noch einen viel naheliegenderen Einwand:

Für mich stellten die Erfahrungen bisher den Inbegriff der Intersubjektivität dar. Millionen von Menschen sehen gemeinsam ein Fußballspiel; das werden Sie doch wohl nicht bestreiten wollen?“

Einerseits kann ich das natürlich kaum.

Aber andererseits sind Ihre Menschen bloße Körper – und die sehen nichts.

Also „jein“; was machen wir jetzt?

„Aufhören!“

Das könnte Ihnen so gefallen; ich habe den Ehrgeiz, mindestens so lange durchzuhalten wie Sie – und in dieser Zeit die Nase vorn zu behalten!

 

Eine schlechte Idee habe ich auch schon:

Wir sagen ganz einfach, die Subjektivitäten sehen das Fußballspiel und brauchen dazu ihre Körper als notwendige Voraussetzungen.

Aber das geht nicht; es führt ein Weg von mir als Subjektivität zu meinen Körper. An ihm erkenne ich jedoch nichts, was zu mir zeigt; wohin sollte es auch zeigen können? Wo bin ich denn? Der bestehende Weg ist demzufolge eine einseitig gerichtete Verbindung oder „Einbahnstraße“; mein Körper gehört (zu) mir, aber nicht ich Subjektivität (zu) ihm. Hinter meinem Körper steht also nichts – obwohl er sich vor mir befindet; ich besitze einen Körper, jedoch hat er keine Subjektivität.

Meine Idee ist schlecht, weil wir folglich nicht davon ausgehen können, daß sich hinter den Millionen von Körpern Subjektivitäten befinden. Diese Annahme ist weder naheliegend noch gut begründet, sondern ganz einfach unverständlich – weil sie nicht einmal bei uns selbst zutrifft.

Bei uns selbst trifft natürlich zu, daß ich als Subjektivität das Fußballspiel sehe und dazu meinen Körper als notwendige Voraussetzungen brauche; das hatten wir ja auch schon mehrfach benutzt – läßt sich aber nicht auf andere übertragen.

 

Unsere gesamte gegenwärtige Denkrichtung führt wohl in die Irre, weil wir immer wieder versuchen, uns den anderen Subjektivitäten erkenntnis-theoretisch zu nähern. Das kann nicht funktionieren, denn wir hatten doch im Zusammenhang mit dem Solipsismus bereits festgestellt, daß er sich erkenntnis-theoretisch wohl nicht widerlegen läßt. Dann muß es ja unmöglich sein, auf diesem Wege die anderen Subjektivitäten zu finden – denn sonst hätten wir den Solipsismus ja widerlegt. 

Es geht also höchstens moralisch-praktisch.

 

Fairness, die Goldene Regel oder das „Wie du mir, so ich dir“ werden häufig mit Ethik und Moral in Verbindung gebracht. Ich halte das für abwegig; so gehen Geschäftsleute – und natürlich auch die Verbrecher der Mafia sowie ähnlicher Organisationen – miteinander um und bewegen sich damit ausschließlich im Rahmen der Ökonomie. Es ist nicht moralisch, sondern pragmatisch, nicht ethisch, sondern clever, dem anderen das, was wir von ihm nicht möchten, auch selbst nicht anzutun.

Ethik und Moral beginnen erst mit der Einseitigkeit unserer Beziehungen, wie sie insbesondere Emmanuel Levinas in den Vordergrund stellt.  „Ich bin der Hüter meines Bruders“ oder „Geisel für den Anderen“; was er mit mir – oder wem auch immer – macht, hat doch mit meiner Moral überhaupt nichts zu tun. Für mich geht es allein darum, wie ich handle; was die andere Subjektivität tut, ist ihr Problem.

Ich bin als Hüter meines Bruders, mit anderen Worten, für seine Freiheit verantwortlich, aber nicht dafür, wie er sie nutzt; andernfalls würde ich ihn doch wieder seiner Freiheit und Möglichkeit zur Selbstbestimmung berauben.

 

Diese Einseitigkeit ergibt sich in unserem Ansatz jedoch ganz von selbst:

Die Erfahrungen sind zwar solche vom Leben, aber es existieren dennoch keine Erfahrenen; die Urbilder fehlen.

Dafür bin ich als Erfahrender wichtig, denn ohne mich könnte es – zwar Urbilder, aber – keine Erfahrungen geben.

Ich erfahre also keine anderen Subjektivitäten, aber für mich kann es sehr wohl eine Erfahrung namens „andere Subjektivitäten“ geben. Worin besteht sie?

 

Gegenwärtig besteht meine Erfahrung namens „andere Subjektivitäten“ in den fremden Körpern.

Das ist einerseits unbestreitbar, andererseits aber notwendigerweise falsch; Subjektivitäten können unmöglich Erlebungen sein.

Das weiß auch die Tradition, spielt jedoch bei ihr keine Rolle, denn die Körper stellen – ohnehin keine Erlebungen, sondern – Urbilder dar, so daß sie widerspruchsfrei als Subjekte interpretiert werden können.

Für uns bilden die Körper dagegen lediglich den Status quo der Erfahrung namens „andere Subjektivitäten“; dieser gegenwärtige Status kann – und soll möglicherweise – in der Zukunft überwunden werden.  

 

Zum einen besteht meine Erfahrung namens „andere Subjektivitäten“ also in den gegenwärtigen Körpern.

Das wäre mein partielles „ja“ zu Ihrem Fußball-Beispiel.

Natürlich handle ich mir damit eine Unmenge von Problemen ein; daß Körper nicht erleben können ist wohl nur das offensichtlichste davon. Ein weiteres Problem besteht darin, daß ich nichts Besonderes bin oder sein möchte und mich selbst – das Sich-Fühlen oder „wie es ist, ich zu sein“ – folglich ebenfalls als „mein“ Körper verstehen müßte.

„Damit haben Sie schon die ersten beiden Widersprüche!“

Nein; die gibt es nur innerhalb eines Welt(bilds).

Ich würde vielmehr sagen, daß unser gegenwärtiges Welt(bild) nicht zu den Subjektivitäten paßt und – aus moralisch-praktischen Gründen – korrigiert werden müßte.  

 

Zum anderen kann – mein partielles „nein“ – nicht nur meine Erfahrung namens „andere Subjektivitäten“, sondern meine Erfahrung namens „Subjektivitäten“ auch ganz andere Formen annehmen. In dem Maße, wie mir das gelingt, komme ich nicht den „anderen Subjektivitäten“ näher – das wäre ein Rückfall in das adäquate Abbilden der Urbilder –, sondern werden wir für mich alle mehr – vom Körper – zur Subjektivität.

Da das wohl wieder sehr überraschend ist, verweise ich Sie auf Hannah Arendts Buch „Sokrates. Apologie der Pluralität“, in dem sehr ähnliche Gedanken auf andere Weise begründet und damit für den einen oder anderen von Ihnen vielleicht verständlicher werden. 

 

Vielleicht war ich oben etwas zu vorlaut mit meiner Behauptung, Intensionen müßten Nach-Denkungen sein; Subjektivität und Leben sind natürlich keine.

 

 

      Intension                                         
    Nach-Denkung   Nicht-Nach-Denkung  
  Nach-Denkung Planet   Subjektivität  
Extension          
  Nicht-Nach-Denkung Anschauung   Leben  

 

Abbildung 2.4.7.

 

Planet war unser Beispiel, bei dem auch die Extension eine Nach-Denkung bildet; damit wollte ich den Unterschied zur Anschauung verdeutlichen, bei der letzteres nicht der Fall ist.

Wir haben versucht, innerhalb unseres Welt(bilds) – wie oder wo auch sonst? – die Nach-Denkungen Subjektivität sowie Leben zu erklären und damit die Wirklichkeit(L) der Subjektivität bzw. des Lebens zu beschreiben. Diese Subjektivität ist eine Intension – vielleicht besser: „Intension“ –, deren Extension in Körper-Nach-Denkungen besteht, während sich beim Leben gar keine Extension aufdrängt.   

 

Wenn das ungefähr richtig ist, stimmen die „Einbahnstraßen“ von oben nicht mehr; nur für die Nach-Denkungen bleibt die Gegenrichtung gesperrt.

Wir bewegen uns in ihrem Sinne, wenn unsere Erfahrungen ganzheitlicher oder integraler – und dami „intersubjektiver“ – werden; dann braucht es keine Anerkennung, die stets in bloßen Nach-Denkungen verbleibt.

2.4.9. Eigener Körper

„Ich betrachte mich zwar gegenwärtig als ‚meinen‘ Körper, bin es aber in Wirklichkeit nicht; dieser nahezu unüberwindliche Schein resultiert möglicherweise aus einem unglücklichen Welt(bild), das die Anbindung an uns Subjektivitäten sehr erschwert.

Wenn der eigene Körper aber zu einer bloßen Erfahrung wird, erhebt sich natürlich die Frage: Zu welcher?

Verstehen Sie mich recht; ich weiß es natürlich – aber woher eigentlich?  Was zeichnet diejenige Erlebung aus, die wir im allgemeinen problemlos als den eigenen Körper identifizieren?

Stimmt es zu sagen, der eigene Körper sei die einzige Erlebung, bei der ich als Subjektivität nichts mehr sehen kann, wenn er die Augen schließt?

 

Ihre Idee ist gut; aber wir müssen sie ein wenig korrigieren:

Hat Ihr Körper die Augen geöffnet, nützt Ihr Kriterium nichts; Sie sehen alle Sehungen, so daß keine von ihnen ausgezeichnet ist. (Die Perspektive hilft Ihnen letztlich auch nicht, wie häufig vermutet wird; denken Sie etwa daran, daß die Zentralperspektive keine Selbstverständlichkeit darstellt, sondern erst in der Renaissance [wieder]entdeckt wurde.)

Hat Ihr Körper die Augen geschlossen, nützt Ihr Kriterium ebenfalls nichts, weil gar keine Sehungen existieren.

Ihre Idee fruchtet also zunächst einmal nur, wenn Ihr Körper seine Augen sowohl öffnet als auch schließt; Sie benötigen beides, um Ihren Körper unter den vielen Erfahrungen herauspicken zu können.

 

Wir können uns problemlos vorstellen, wie der eigene Körper die Augen öffnet und schließt; aber bloße Vorstellungen helfen uns nicht bei seinem Auffinden.

Dafür benötigen wir die Leibhaftigkeit unseres Lebens, und die läßt sich nur beschreiben, wobei das Beschriebene in den Erfahrungen besteht. 

Wir finden den eigenen Körper also nur durch unser Leben, weil es auf ihn verweist. Das ist natürlich wieder der Unterschied zwischen der Leibhaftigkeit unseres Lebens und den bloßen Vorstellungen oder Reflexionen, die – auch wenn wir darin noch so häufig die Lider auf- und niederschlagen – stets zeitlos sind.

Es ist also nicht eine spezielle Eigenschaft von einer unserer Erlebungen, die sie als den eigenen Körper auszeichnet, sondern das Leben selbst verweist auf ihn. 

Mittels der zeitlos-wirklichen(G) Nach-Denkung eigener Körper beschreiben wir unser zeitlich-wirkliches(L) Leben und stoßen damit auf die zeitlos-wirkliche(L) Erfahrung eigener Körper.

 

Es lohnt sich vielleicht, das systematisch festzuhalten.

 

 

      Zeitlichkeitsform                                         
    zeitlich   zeitlos  
  Wirklichkeit(L) Leben   Erfahrungen  
Wirklichkeitsform          
  Wirklichkeit(G) ———–   Vorstellungen  

 

Abbildung 2.4.8.

2.5. Immanenz

Die vollständige Wirklichkeit, das Ganze oder die Totalität, theologisch also die Einheit von Schöpfer und Schöpfung besteht aus Transzendenz und Immanenz. Dies und daß die Transzendenz mit dem Ursprung zusammenfällt, wußten wir bereits, aber noch nicht, worin die Immanenz besteht. Ihre Darstellung bildet das Ziel des vorliegenden Kapitels.

„Wieso wissen wir das nicht? Wir sprechen doch die ganze Zeit schon von der Immanenz als der Einheit von Leben und Erlebungen. Stets hatte ich jedoch das Gefühl, Sie wollten uns plausibel machen, daß nichts weiter gegeben sein kann.“

Das stimmt auch; gegeben ist uns tatsächlich nichts anderes; aber dennoch fehlt etwas.

„Wenn uns etwas nicht Gegebenes fehlt, kann es nur einer Hinterwelt angehören!“

Das klingt sehr stringent; lassen Sie es uns trotzdem einmal probieren. Vielleicht stellt sich heraus, daß es eine sinnvolle Alternative zu einer solchen Hinterwelt gibt:

Immanent, aber nicht gegeben – sondern wirkend oder wirksam.

 

Daß Gott Mensch geworden ist, verstehe ich mit Gianni Vattimo als ein Zerbrechen der traditionellen Transzendenz(T), das heißt, der Hinterwelt. Ein Symbol dafür bildet das Zerreißen des Tempelvorhangs beim Tod Jesu, denn dieser – der Vorhang – trennt den heiligen vom profanen Bereich des Tempels.

Das ist ein sehr schönes Bild (!); mißverstehen wir es jedoch als historische Tatsache, so wird eine bloße Geschichte daraus, die wir heute nicht mehr glauben können bzw. wollen, denn ein solches Ereignis wäre nicht nur unkontrollierbar, sondern auch uninteressant und belang-, weil konsequenzenlos. Es entspräche dem berühmt-berüchtigten Sack Reis, der in China umgefallen ist.

 

Vielleicht hilft es Ihnen, wenn wir das Ergebnis des vorliegenden Kapitels bereits vorwegnehmen, damit Sie die neuen Begriffe gleich übersichtlich einordnen können.

 

 

Transzendenz   Immanenz
aktual unendlich   potentiell unendlich
     
Ursprung   Bewußtsein   Unbewußtsein
Emöglichen   Phänomene   Wirken
nicht gegeben   gegeben   nicht gegeben
objektiv   (inter)subjektiv    
             
    (substantivisches) Leben Erlebungen    
    Differierungen Unterscheidungen    
    bewußt gewußt    
    zeitlich zeitlos    
      Erfahrungen Nach-Denkungen    
    wirklich(L) wirklich(G) (un)wirklich(G)    
             
       
    Unbewußtes   Bewirken
   
    unbewußt bewußt ungewußt    
    rein subjektiv   intersbjektiv    
      Signifikanten    
    Welt(bild) Freiheitsakt    
    potentielle Nach-Denkungen je-der Selbe (substantivisches) Leben    

 

Abbildung 2.5.

 

Der Begriff Bewußtsein ist nicht ganz glücklich, weil er Partei für das Bewußte ergreift, obwohl das Gewußte ebenso zum  Bewußtsein – Gewußtsein – gehört. Natürlich könnten wir das korrigieren; aber je mehr Worte wir andern, um so schwieiriger wird es für Sie – und mich selbst –, mich zu verstehen. 

Wir bleiben also beim Bewußtsein, und unterscheiden daran das bewußte Leben von den gewußten Erlebungen.

Exakt das gleiche Mini-Problem tritt natürlich beim Unbewußtsein auf.

2.5.1. Bewußtsein und Phänomene

Der Ursprung ist uns nicht gegeben, aber er existiert(U), denn sonst würde die Immanenz vollständig fehlen, weil er allein sie ermöglicht. Die gesamte Immanenz wird uns vom Ursprung als „Gabe“ (Jean-Luc Marion) gegeben.

Ein Teil der Immanenz ist uns jedoch noch in einem zweiten Sinne gegeben, nämlich als Phänomen. Alles aktual Be- oder Gewußte – und in diesem Sinne Gegebene – gilt in der Philosophie als Phänomen. Der Begriff ist somit ein anderer als im üblichen Alltagsgebrauch, wo er nur auf das Ausgezeichnete, Phantastische oder Ausgefallene abzielt.

Traditionell gehören die Urbilder also nicht zu den Phänomenen, aber das angebliche Wissen von ihnen und der Glaube an sie.

 

Sämtliche Phänomene – alles Be- oder Gewußte somit – fassen wir als Bewußtsein zusammen.

Seiner verbreiteten Gleichsetzung mit dem Geist, dürfen wir uns jedoch nicht anschließen; das Leben ist seelisch oder sinnlich und in den Erlebungen kommt das Geistige lediglich noch hinzu hinzu.

 

Was nicht präsent, uns nicht gegeben oder kein Phänomen ist, läßt sich auch nicht herbeizwingen; wir können es nicht einmal suchen, denn wo sollten wir dies denn tun?

„Außerhalb des Gegebenen natürlich!“

Das geht nicht, denn genau in dem Maße, wie Sie verstehen, wie oder wo Sie suchen möchten, müssen Ihnen diese Wie bzw. Wo gegeben sein; was würde ohne sie „suchen“ bedeuten?.

 

Da das „Welt“-(Bild) lediglich einen Spezialfall des Welt(bilds) darstellt, muß jenes bei uns notwendigerweise in dieses übergehen.

Aber traditionell ist das „Welt“-(Bild) – als Einheit der Ur- und Abbilder – die vollständige Immanenz, weil das Leben fehlt. 

Welt(bilder) können nur zeitlos sein, weil sie Momentaufnahmen oder Schnappschüsse darstellen. Bei uns sind es solche vom zeitlichen Leben; traditionell kann der Moment der Aufnahme zur Ewigkeit werden, denn es ist immer die gleiche tote „Welt“.

 

 

traditioneller Ansatz   ontologischer Explikationismus                                                           
       
—————-   (substantivisches) Leben  
    zeitlich  
    +  
„Welt“-(Bild) Welt(bild)
 
zeitlos   zeitlos  
=   =  
Immanenz Bewußtsein  
zeitlos   zeitlich  

 

Abbildung 2.4.1.

 

In diesem Kapitel geht es darum, ob bzw. wie bei uns die Immanenz über das Bewußtsein hinausgehen kann.

Sollten wir bei der ersten Frage zu einem „ja“ gelangen, drängt sich die Antwort vom Wortlaut her nahezu zwingend auf:

 

Immanenz   =   Bewußtsein   +   Unbewußtsein

2.5.2. Nach-Denkungen als Werkzeuge

Nach-Denkungen sind Denkwerkzeuge; sie können weder wahr noch unwahr und weder richtig noch falsch sein, sondern sind lediglich mehr oder weniger fruchtbar, nützlich, sinnvoll oder elegant. Für das, was uns wichtig ist, müssen wir die geeigneten Denkwerkzeuge selbst kreieren, wie ich dies – wohl zu Ihrem Leidwesen – häufig tue. 

„Wer weiter denkt, hat Recht“ (Georg Picht), und gut sind diejenigen Denkwerkzeuge, die uns dabei helfen, das heißt, unsere Überlegungen erleichtern, abkürzen, in die gewünschte Richtung führen oder weitere Möglichkeiten eröffnen und Sackgassen vermeiden.

Das war natürlich immer schon so, auch in der gesamten Tradition. Aber wenn die Denkwerkzeuge so geschickt gewählt sind, daß man mit ihnen gut zurecht- und vorwärtskommt, kann sich schon die Überzeugung einschleichen, das Ziel – in Form der Urbilder – und damit die ewige Wahrheit erreicht zu haben, das heißt, nie mehr weiterdenken oder neu interpretieren zu müssen.

Freilich ist auch das glatte Gegenteil sehr gut möglich, nämlich daß wir versuchen, mit ungeeigneten Denkwerkzeugen die falschen Probleme zu lösen – und es gar nicht bemerken.

 

„Sie betreiben Ihre Haarspalterei also, um möglichst vielen Denkfehlern vorzubeugen?“

Unter anderem auch das; Philosophieren ist Hegel zufolge die „Anstrengung des Begriffs“ (im genitivus subjectivus sowie objectivus); was sollte es auch anders sein können? Und diese „Haarspalterei“ lohnt sich, wenn sie hilft, unsere Fragen – nicht nur richtig zu beantworten, sondern – im Sinne eines reicheren Lebens erst einmal richtig zu stellen.

Die Tradition beantwortet zahllose Fragen auf grandiose Weise, die aber heute nicht mehr von Interesse sind, niemand stellt oder auch nur versteht; ohne Fragen sind jedoch selbst die tollsten „Antworten“ keine Antworten mehr.

 

Ich behaupte keineswegs, den optimalen Weg für den Übergang vom traditionellen zu unserem Ansatz gefunden zu haben. Aber selbst wenn es so wäre, ließen sich stetige Korrekturen an denjenigen Nach-Denkungen, die am Anfang unserer Überlegungen standen, prinzipiell nicht vermeiden:

Alle Nach-Denkungen hängen voneinander ab; wird eine von ihnen überarbeitet, so wirkt sich dies letztlich auf sämtliche anderen (zumindest ein klein wenig) aus. Aber wir tun die ganze Zeit nichts anderes, als Nach-Denkungen zu canceln, kreieren und korrigieren, so daß am Ende alle eine andere Bedeutung haben werden als zu Beginn.

Nachdem wir an A, B und C explizit gearbeitet und sie dadurch in A‘, B‘ bzw. C‘ umgeformt haben, müssen wir notwendigerweise auch D, das bisher vielleicht gar keine Rolle spielte, korrigieren, denn es paßt nicht mehr – nein: noch nicht – zu A‘, B‘ und C‘.

 

Wir arbeiten an unseren Nach-Denkungen, können das aber nur mittels eben dieser Nach-Denkungen.

Bildlich ausgedrückt entspricht das dem Umbau eines Schiffes auf hoher See, das heißt, ohne Trockendock. Aus dem Schiff „traditioneller Ansatz“ soll am Ende das Schiff „ontologischer Explikationismus“ werden. In der Übergangszeit benötigen wir aber wenigstens noch ein Wrack, das zwar keines von beiden, aber doch seetauglich genug ist, um nicht vor lauter umbaubedingten Ungenauigkeiten, Fehlstellen, Zweideutigkeiten und Widersprüchen unterzugehen. 

Dieses Untergehen versuche ich zu vermeiden, indem wir sehr häufig – ausgehend vom jeweils gegenwärtigen Wrack – das nicht mehr existierende Schiff dem noch nicht existierenden gegenüberstellen.

 

Wenn Sie nach dem Durcharbeiten dieses Buches so denken wie zuvor, war Ihre Mühe vergebens und Sie hätten die investierte Zeit wesentlich besser nutzen können. Deswegen lese ich kaum Arbeiten, die mir Recht geben; eine in diesem Sinne angepaßte Literatur-Auswahl mag psychologisch verstanden angenehm sein und guttun, ist aber ebenso langweilig wie sinnlos, weil sie mich keinen Deut weiterbringt. Sie gibt mir lediglich Recht; mir geht es aber um Verstehen und weder um Bestätigung noch darum, Recht zu haben.

Die ersten Nach-Denkungen ermöglichen uns einen Start; wir denken mit ihrer Hilfe und gelangen zu weiteren Nach-Denkungen, denken mit ihrer Hilfe und gelangen . . . Am Ende benutzen wir zwar möglicherweise immer noch die gleichen Worte, um unsere Nach-Denkungen zu bezeichnen, aber letztere haben sich kontinuierlich geandert.

 

Ein Buch, dessen Ende begrifflich völlig zum Anfang paßt, entspricht einem zeitlosen Kreis und kann ersatzlos gestrichen werden. Wir versuchen, ihn durch eine Spirale zu ersetzen, deren Hub in Richtung der Zeit weist.

Sie haben jetzt eine bestimmte Vorstellung beispielsweise von Subjektivität oder Wirklichkeit. Beide Worte benutzen wir auch am Ende dieses Buches noch; aber wenn Sie nicht möchten, daß sie dann kaum noch etwas mit ihrer gegenwärtigen Bedeutung gemein haben, dürfen Sie nicht weiterlesen.

Nach-Denkungen müssen für eine bestimmte Dauer konstant bleiben, um wiederholt werden – und damit überhaupt Nach-Denkungen sein – zu können. Aber diese Konstanz stellt immer nur eine Näherung dar, und ihre maximale Dauer ist erheblich kürzer als die Zeit, die Sie benötigen, um das Buch zu lesen.

 

Wolfgang Welsch formuliert diese Zusammenhänge folgendermaßen:

„Es ist das Eigentümliche philosophischer Reflexionen, daß sie ihre Ausgangsbegriffe in Bewegung, oft gar in Taumel versetzen und zum Umschlag bringen. ‚Dialektik‘ war von Platon bis Adorno das Wort dafür. Wer . . . identisch durchzuhaltende Bestimmungen zu geben vermöchte, könnte sich die Überlegungen und sollte den anderen seinen Vortrag ersparen.“

2.5.3. Zeichen

Wir hatten ursprünglich gesagt, daß Erlebungen durch Worte bezeichnet werden, und dies später dahingehend konkretisiert, daß das Bezeichnete stets in Signifikaten besteht. Da jedoch alle Erlebungen ein Signifikat enthalten (müssen), bedeutet das tatsächlich nur eine exaktere Darstellung und keine Korrektur.

Die Einheit eines Wortes mit seiner Bedeutung oder dem von ihm Bezeichneten bildet das Zeichen. Bis hierher gehen wir völlig d’accord mit dem traditionellen Denken, aber nun trennen sich unsere Wege.

 

Traditionell versucht man, mittels dieses Zeichenbegriffs die Sprache – als eine Menge von Zeichen – zu verstehen. Auf der einen Seite des Zeichens steht das Urbild und auf der anderen Seite „sein“ Wort. Allein vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß man in einem ganz engen Sinne nach dem richtigen – nicht nur passenden, sondern wahrenWort suchen und sogar darüber streiten kann; entweder „JHWH“ oder „Allah“ beispielsweise.

Daß sich überhaupt so denken läßt, resultiert bei der Tradition wie immer aus ihrem festen Glauben, eine Außenperspektive einnehmen zu können. Von dort sieht man, wie die beiden Körper-Subjekte Pünktchen und Anton miteinander sprechen, indem sie Worte formulieren, die beim jeweils anderen – in dessen Psyche – angeblich ihre Bedeutung entfalten.

Daraus resultiert zum einen die Überzeugung, Intersubjektivität sei Übereinstimmung – zwischen den Inhalten der Psychen von Pünktchen und Anton –, nicht Überlappung.

Zum anderen ergibt sich ein Dualismus von Sprache und Wirklichkeit – hier sind die Worte, dort ist die Wirklichkeit(T) –, der viele Probleme aufwirft, von denen uns eines sofort ins Auge springt:

Es stellt sich die grundlegende Frage, was die beiden Seiten des Dualismus, das heißt, der Zeichen verbinden soll. Wer überbrückt die Kluft zwischen ihnen? Welcher „Klebstoff“ entspricht dem Bedeuten oder Bezeichnen? Wie hängen das Wort „Sonne“ und die Sonne zusammen?

 

Wir stehen keineswegs vor dem gleichen Problem, weil unser Verständnis der Zeichen ein nicht-dualistisches ist. Sowohl das Wort als auch seine Bedeutung bzw. das von ihm Bezeichnete sind Erlebungen und gehören damit auf ein und dieselbe – einzige – Seite.   

Des weiteren würden wir die Pünktchen-Anton-Szene korrigieren:

Nicht der Nous schaut sie sich an, sondern je-der Selbe – entweder Sie oder ich als eine Subjektivität. Kommt nur eine einzige Subjektivität vor, kann auch keine Übereinstimmung existieren. Je-der Selbe sieht, wie zwei Körper sich darstellen oder gestikulieren, erlebt vielleicht beeindruckende Mimiken und hört, wie sie Laute erzeugen; aber es gibt nur einen einzigen „Zuschauer“.

Die beiden Körper – Pünktchen sowie Anton – sind keine, denn sie sehen und verstehen nicht(s), so daß für sie auch keine Zeichen existieren können. Die einzigen Sehungen und Hörungen sind die unsrigen; sie gehören zu unseren Erlebungen, und insoweit dabei Zeichen im Spiel sind, gilt dies für beide Seiten.

2.5.4. Auch das traditionelle Denken muß gedacht werden

Mit ihren objektiven Urbildern kann die Tradition die Intersubjektivität natürlich fantastisch als Übereinstimmung  erklären; nur wer falsch abgebildet hat, ist anderer Meinung und kann mit gutem Recht korrigiert werden. Hierin besteht ja auch das häufigste und wohl stärkste Argument gegen unseren Verzicht auf Urbilder.

„Genau; wie wollen Sie plausibel machen, daß wir alle dort die Sonne und hier den Moritz sehen?“

 

Wäre die Voraussetzung, daß wir alle dort die Sonne und hier den Moritz sehen richtig, hätte ich wohl keine Chance, mich angemessen zu verteidigen; aber sie ist falsch. Nicht wir alle sehen, sondern nur je-der Selbe sieht oder ich allein als Subjektivität sehe.

An dieser Stelle sollte der Knackpunkt, der uns (2) vom traditionellen Denken (1) trennt, sehr schön deutlich werden.

 

(1) Letzteres geht davon aus, die Perspektive des Nous einnehmen zu können, überträgt die aus ihr gewonnenen Vorstellungen auf die Körper und macht sie dadurch zu Subjekten – wie Pünktchen und Anton.

 

(2) Wir sagen dagegen: Hier gibt es nur einen einzigen, der sieht, hört oder denkt, und das bin ich selbst als Subjektivität oder ist je-der Selbe.

 

(2a) Das traditionelle Denken existiert; es ist also offensichtlich möglich; aber wirklich wird es nur, wenn ich selbst so denke. Ist das der Fall, so maße ich mir die Schau des Nous an, und damit kehren wir zu (1) zurück.

Diesen Zwischenschritt, der erst zu (1) führt, hat die Tradition jedoch übersehen; ich muß so denken – andernfalls existiert der Ansatz (für mich) nicht. Es verhält sich nicht an sich so, objektiv-real oder in Wirklichkeit(T), so daß es dafür gar keines Denkers bedürfe. Die Tradition versteckt die Hybris ihres Sein-Wollens-wie-Gott perfekt hinter der behaupteten Wirklichkeit(T) und vermeidet damit den überheblich-gotteslästerlichen Denker – so daß geeignet erscheinende Körper statt seiner zu Subjekten erklärt werden (können).

 

(2b) Wir verzichten auf alle anmaßenden Glaubensbekenntnisse und schildern unsere Erlebungen. Sie bestehen in dem ausgewählten Beispiel darin, daß dort zwei Körper stehen, die sich bewegen, Laute produzieren und natürlich völlig problemlos auch durch dumme Roboter ersetzt werden könnten.

 

„Jetzt kommt mir ein Gedanke, den Sie wohl selbst noch nicht hatten!

Dort stehen die beiden Körper; das sind Erfahrungen je-des Selben.

Erfahrungen bestehen ausnahmslos in der Einheit zweier Komponenten.

Eine von ihnen ist zumeist unproblematisch; das ist das Signifikat; im Beispiel sind es die Körper, die wir mittels des Wortes „Körper“ bezeichnen.

Der andere Bestandteil der Erfahrungen ist schwieriger, weil er längs einer Skale kontinuierlich zwischen den beiden Extremen Erstmaligen auf der einen Seite und belanglos-bestätigendes Wiederholen eines Wußte-ich-doch-schon auf der anderen Seite spielt.

„Spielt“ war nicht ganz richtig, denn die Freiheit je-des Selben besteht in der Entscheidung darüber, an welcher Stelle er dieses ihm insgesamt zur Verfügung stehende Erfahrungs-Angebot zu seiner wirklichen(L) Erfahrung werden läßt.

 

Die eine Subjektivität – deren Part Sie oben übernommen hatten – erfährt nichts Moralisch-Praktisches, sieht nur dumme Körper, die das tun, was die objektive Realität ihres Gehirns bewirkt, und somit auch durch ebenso dumme Roboter ersetzt werden könnten.

Natürlich bewegen sich die Münder, so daß Naivlinge glauben könnten, die Körper wollten etwas sagen. Aber in Wirklichkeit(T) sind die Münder lediglich die ausführenden Organe der ihnen entsprechenden Hirnprozesse; ein Radio will auch nichts sagen.

 

Ich als Subjektivität bin etwas feingeistiger als Sie und erkenne an den Körper-Erfahrungen, daß sie mein „neurophilosophisches“ Roboter-Welt(bild) sprengen. Sie lassen mich erfahren, daß in den Körpern das Leben zum Ausdruck kommt und ich folglich mein bisheriges Verständnis von Körpern als analogen oder nicht-digitalen dummen Robotern zu korrigieren hätte.“

 

Sehr schön; vielleicht sollten wir auch noch die traditionelle Variante von Antike und Mittelalter hinzufügen.

Natürlich kamen auch damals keine Subjektivitäten vor, aber die menschlichen Körper galten als etwas ganz Besonderes und sollten keine bloßen Objekte sondern als Subjekte herausgehoben sein. Mit Hilfe von Begriffen wie Geist, Seele, Sinn, Innen und ähnlichen versuchte man dies philosophisch und insbesondere anhand der Gottesebenbildlichkeit auch theologisch zu erklären.

Im Detail mußten wir diese Ansätze natürlich alle ablehnen, weil sich Körper auch mit dem größten Brimborium nicht in Subjektivitäten umwandeln lassen; jene existieren(G) ja erst und nur für diese. Aber die dabei benutzte Begrifflichkeit haben wir versucht, konstruktiv aufzugreifen; die Gottesebenbildlichkeit der Subjektivität beispielsweise zeigt sich – zumindest: auch – darin, daß sie „Schöpfer“ ihres Welt(bilds) ist.

2.5.5. Ungewußtes – signifikantes Bewirken

Wir trennen uns also vom traditionellen Sprachverständnis und schließen uns insbesondere Jacques Lacan an. Auch ihm zufolge gibt es natürlich Zeichen, aber mit der Sprache haben sie kaum etwas zu tun.

Wie Sprache tatsächlich funktioniert, wird vielleicht am deutlichsten, wenn wir angestrengt und erfolgreich einem schwierigen Vortrag lauschen oder beim Lesen eines spannenden Buches völlig fasziniert sind (wie Sie jetzt hoffentlich). Unsere ganze Konzentration gilt dann dem Inhalt, und solange sie anhält, bewegen wir uns von Verstehung zu Verstehung, das heißt, von Nach-Denkung zu Nach-Denkung.

Etwas anderes existiert für uns gar nicht; es gibt kein Verstandenes im Sinne von dem, was der Referent sagen bzw. der Autor schreiben wollte; weder Worte noch Sätze; nicht einmal Stimmen oder Geräusche bzw. Texte und Druckerschwärze. All das tritt nur in dem Maße in Erscheinung, wie wir unkonzentriert vom Thema abschweifen.

 

Oder vielleicht deutlicher formuliert:

„. . . wie wir unkonzentriert“ das Thema des Vortrags oder Buches durch die Themen Worte, Sätze, Stimmen oder Geräusche bzw. Texte und Druckerschwärze ersetzen; auch das sind doch Verstehungen. Immer liegen nur sie vor; natürlich muß etwas dieses Vorliegen bewirken, aber das kann natürlich nicht wiederum vorliegen. Wäre das auch gegeben, müßten wir wieder von vorn beginnen und so weiter.

 

Natürlich ist das wieder der Unterschied zwischen der Leibhaftigkeit unseres Lebens – im wirklichen(L) Erfahren – und den bloßen Nach-Denkungen oder Vorstellungen, mit denen wir uns angeblich, aber vergeblich darauf beziehen; dieser Unterschied verfolgt uns unablässig.

Und jetzt ging es um das wirkliche(L) Verstehen, das möglichst gut beschrieben sein muß, bevor wir uns sinnvoll um irgendwelche Theorien „darüber“ bemühen können.

 

Aber dennoch wird niemand bestreiten wollen, daß der Vortragende bzw. Autor uns durch die Sprache erreicht, obwohl – nur die „Inhaltsseite der Zeichen“ und damit eben – gar keine Zeichen bei uns ankommen.

Wie macht er das?

Er produziert Signifikanten, und diese bewirken die uns gegebenen Signifikate.

Nein; das war nicht ganz richtig; es gibt keine Signifikanten, die wirken; Signifikanten sind keine Dinge, sondern selbst das Wirken. Das hatte ich oben gemeint; wir sind immer schon beim Thema – das kann natürlich auch „Buchstaben und Druckerschwärze“ oder „Von den Schallwellen zu den Worten“ heißen –, aber niemals ist uns das gegeben, was die thematischen Verstehungen erzeugt. 

Der Vortragende oder Autor produziert also ein signifikantes Wirken, das die Signifikate hervorbringt.

 

Was unser Bewußtsein erreicht oder wie aus dem Nichts kommend zum Phänomen wird, sind immer schon die Signifikate.

Aber sie kommen natürlich nicht aus dem Nichts, sondern wurden bewirkt oder sind signifikant. Nur wissen wir davon nichts; was das Gewußte (1) bewirkt, kann nicht selbst gewußt (2) sein. Ist es das partiell, haben wir einen Fehler gemacht und müssen die entsprechenden Teile (2) mit in das Gewußte (1) hineinnehmen; erst dann haben wir das Ungewußte, das alles Gewußte bewirkt.

 

Dieses Ungewußte ist das „Bewirken durch die Signifikanten“ oder sind „die Signifikanten“ als Bewirken und bildet eine von den zwei Komponenten des Unbewußtseins, das zusammen mit dem Bewußtsein die vollständige Immanenz darstellt.

 

Wir skypen, ich will Ihnen etwas sagen, und auf meiner Seite existieren nur die entsprechenden Nach-Denkungen; sonst nichts. Mein Mund produziert keine Worte, das Gesicht bringt keine Mimik hervor, der Körper drückt keine Haltung aus, die Hände stellen keine Gesten dar usw.

All das gehört nicht zu mir, denn ansonsten wäre es das von Ihnen Erfahrene, was unserem Ansatz zufolge nie existiert.

All das gibt es natürlich, aber nur in Form Ihrer Erfahrungen, wenn Sie nicht 100%-ig auf den Inhalt meiner Rede konzentriert sind.

Nun haben wir eine Lücke; Jacques Lacan spricht vom „Riß“; auf der einen Seite stehen meine Nach-Denkungen und auf der anderen Ihre Erfahrungen. Etwas Drittes ist uns weder in Ihrem noch in meinem Bewußtsein gegeben.

Gegeben nicht; aber es geht nicht ohne; das Ungewußte als signifikantes Bewirken ist also recht zwingend.

 

Relativ häufig können Sie lesen, die Signifikanten beständen in Buchstaben, Worten, Sätzen oder dergleichen. Das ist völliger Unsinn, denn hierbe handelt es sich ausschließlich um Erlebungen. Gegebene „Signifikanten“ sind keine Signifikanten, sondern Erlebungen, so daß ich Ihnen kein Beispiel für Signifikanten nennen kann.

Das war doch soeben mein Problem; ich wollte Ihnen etwas nahebringen, was ich als zwingend notwendig erachte, aber als Unwißbares trotzdem nicht greifen kann.

Unrichtig ist dann natürlich auch die ebenfalls des öfteren anzutreffende, wohl auf Ferdinand de Saussure zurückgehende Behauptung, Zeichen beständen in der Einheit von Signifikant und Signifikat.

Hier werden zwei völlig verschiedene Dinge vermischt:

Ein Zeichen besteht in der Einheit von Wort-Erlebung und Inhalts-Erlebung; beide enthalten jeweils ein Signifikat, aber keine einen Signifikant.

 

„Hmm; jetzt wissen wir, was falsch ist; aber das hilft uns nicht weiter.

Daß die Signifikanten ein Bewirken sind und Sie sich deshalb mit ihrer Erklärung schwertun, kann ich nachvollziehen. Aber unabhängig davon müßten wir schon verstehen können, woher die Signifikanten kommen, das heißt, wo wir sie innerhalb Ihrer Immanenz zu lokalisieren haben.“

Das ist nicht schwer; die Signifikanten gehören zum Leben, dem eine „Doppelfunktion“ zukommen kann:

Mein Leben ist für mich selbst bewußt und kann zugleich – für alle ungewußt – bei anderen Subjektivitäten signifikant wirken und Signifikate erzeugen.

 

„Daß Pünktchen mit Anton redet, bestreiten Sie also?“ 

Wir müssen zwei Fragerichtungen und damit auch Antworten unterscheiden.

Zum einen bestreite ich es tatsächlich, weil nur Subjektivitäten miteinander sprechen können.

Sie leben, und diesem Leben kann eine „Doppelfunktion“ zukommen, so daß es bei mir – als einer dritten Subjektivität – Signifikate bewirkt. Diese führen dazu, daß ich auf der anderen Seite problemlos zugeben kann, daß Pünktchen und Anton miteinander reden; aber jetzt spreche ich nur von meinen Erlebungen.

 

Mitunter wäre es also sinnvoll, die entsprechenden Verben irgendwie zu unterscheiden.

Subjektivitäten leben, sprechen miteinander und helfen sich gegenseitig; das tun sie wirklich(L), aber keiner sieht es.

Pünktchen und Anton „leben“, „sprechen“ miteinander und „helfen“ sich gegenseitig; das tun sie für mich wirklich(G), denn ich beobachte es.

2.5.6. Unbewußtes – Welt(bild) als Wirken

Unser Unbewußtes entspricht demjenigen der Tiefenpsychologie oder Analyse. Bei ihm können wir uns wesentlich kürzer fassen als soeben, weil es leichter verständlich ist.

Alle Erlebungen vermögen im Prinzip auf uns einzuwirken; sie können uns erfreuen oder überraschen, in Extase oder Angst versetzen bzw. nur ein gelangweiltes Achselzucken hervorrufen. Dieses Wirken der Erlebungen gehört natülich nicht zu ihnen selbst, sondern zu unserem Leben; es ist be-, aber nicht gewußt. 

Die Erlebungen sind entweder gegenwärtig aktual(isiert), oder sie existieren gar nicht. Bei den Erfahrungen ist das offensichtlich, gilt aber auch für die Nach-Denkungen, die wiederholt werden können und müssen, um erneut aktual(isiert) zu sein.

Wenn das aber möglich ist, sind sie nicht einfach verschwunden oder weg; unsere potentiellen Nach-Denkungen existieren also noch irgendwie. Es war somit nicht ganz ungeschickt von uns, sie zum Welt(bild) zusammenzufassen.  

 

Habe ich vorgestern etwas Dummes angestellt, dessen ich mich schäme, ist die Annahme, es könnte auch auf mich wirken, wenn ich nicht aktual daran denke, wohl schwerlich von der Hand zu weisen.

Verallgemeinert läßt sich also nicht ausschließen, daß unser subjektives Welt(bild) teilweise auf uns wirkt. Nicht das Welt(bild) selbst, sondern sein Wirken entspricht in unserem Ansatz dem Unbewußten; „unbewußt“ weil es auf das bewußte Leben wirkt.

 

Allein davon spricht auch Sigmund Freud meines Erachtens; um diesen Zusammenhang zu sehen, fehlt vielleicht noch eine kleine Ergänzung:

Das Welt(bild) umfaßt die Gesamtheit der potentiellen Nach-Denkungen. Die eigene Adresse können wir jederzeit spontan aktualisieren; beim Geburtsdatum des Schwiegerneffen wird es schon kritischer, und so existieren mit Sicherheit auch Nach-Denkungen, bei denen es uns absolut nicht gelingt, sie zu aktualisieren.

Zumeist ist das auch nicht nötig; wir müssen nicht mehr wissen, wer uns zum fünften Geburtstag alles gratuliert hat. Aber wenn derartige Nach-Denkungen uns durch ihr Wirken krank machen, wäre es wichtig, sie aktualisieren zu können, um ihre „Verdrängung“ zu überwinden. 

 

Beachten Sie bitte, daß sich durch die beiden Komponenten unseres Unbewußtseins – des Unge- bzw. Unbewußten – ein Zirkel zwischen Leben und Welt(bild) ergibt, auf den wir noch ausführlich zurückkommen werden:

Auf der einen Seite bewirkt das Leben in Form „der Signifikanten“ – das Ungewußte – die gewußten Signifikate des Welt(bilds).

Auf der anderen Seite beeinflußt letzteres – als Unbewußtes – das bewußte Leben.

 

Wäre das alles, hätten wir mit diesem Zirkel einen – vom Ursprung gespeisten – Selbstläufer vorliegen.

Aber das ist nicht der Fall, weil wir bei den Erfahrungen eingreifen und innerhalb der Skale zwischen Erstmaligen und Wiederholen wählen können; nein: müssen; auch das „Nicht-Wählen“ ist zwangsläufig ein Wählen.

2.5.7. Kränkungen

„Dürfte ich bitte in meinen Worten einmal widerholen, wie ich Sie verstanden habe?

Wer beispielsweise glaubt, daß morgen die Welt untergeht, er der Kaiser von China ist oder uns alle eine große Verschwörung erwartet, wird auch dann von seinem Glauben beeinflußt werden, wenn er gerade nicht daran denkt. Unsere tiefsten Überzeugungen müssen – glücklicherweise – nicht aktual(isiert) sein, um unser Leben mitzubestimmen. Wer prinzipiell nicht stiehlt, tut es – ohne darüber zu reflektieren – auch bei ’sehr günstigen Gelegenheiten‘ nicht.

Die Gesamtheit der potentiellen Nach-Denkungen bildet das für eine bestimmte Dauer näherungsweise konstante Welt(bild), von dem uns aktual nur ein winziger Ausschnitt und damit fast nichts gegeben sein kann.

Damit wirkt also möglicherweise etwas auf unser Leben ein, was zum einen subjektiv ist und zum anderen zu 99, 99% unbewußt. Das ist unser Welt(bild), und sein Wirken auf unser Leben entspricht dem tiefenpsychologischen Unbewußten.

Wir dürfen unser Orientieren am Welt(bild) also nicht primär oder gar ausschließlich als aktiv verstehen, sondern wir ‚werden auch orientiert‘.“

 

Ja; völlig einverstanden. Damit stoßen wir ganz massiv auf die allgemein bekannten Kränkungen – Galilei, Darwin, Freud . . . – der „Aufgeklärten“ unter uns, die stolz auf ihren Verstand sind; diese Kränkungen fallen bei uns noch viel schlimmer aus:

1. Die angebliche objektive „Welt“ ist nur eine Hinterwelt.

2. Das Unbewußtsein beeinflußt unser Bewußtsein auf prinzipiell undurchschaubare Weise.

3. Alles Denken ist nur ein Nach-Denken innerhalb des eigenen Welt(bilds), so daß es – trotz aller logischen und mathematischen Exaktheit – entsetzlich beschränkt sein könnte.

4. Sowohl der Ursprung als auch das Leben sind der „Helle des Verstandes“ völlig unzugänglich.

5. Es gibt keine erreichbare Objektivität, und selbst die Intersubjektivität kann weder als Übereinstimmung verstanden noch kontrolliert werden.

 

Wenn Sie jetzt „beleidigt“ sein sollten, verstecke ich mich hinter dem flüssig geschriebenen Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann, der immerhin 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt wurde.

Als weiteren unverdächtigen Gewährsmann verweise ich Sie auf Pirmin Stekeler-Weithofer. Sein großartiges Buch „Kritik der reinen Theorie“ kommt meiner Intention sehr nahe, ist aber leider (nur) für Philosophen geschrieben und nicht leicht zu lesen; unser „Leben“ entspricht darin dem „Empraktischen“.

 

Es ist tautologisch, daß wir vom Unbewußtsein nichts wissen können; aber vielleicht lohnt es sich dennoch, dies anhand eines Beispiels von Arthur Schopenhauer nochmals zu verdeutlichen. Ihm wird der schöne Satz zugeschrieben:

„Ich kann tun, was ich will, aber ich kann nicht wollen, was ich will.“

Sein zweiter Teil besagt, daß wir nicht erfolgreich beabsichtigen können, etwas Bestimmtes zu wollen; es gibt kein gelingendes Wollen des Wollens, kein Wollen in der zweiten Potenz. Natürlich können sich Kinder wünschen, Spinat gerne zu essen, aber ein solcher Wunsch hilft im allgemeinen nicht.

Unser Wille überfällt uns vielmehr wie ein Trieb; wir wollen einfach – und wissen weder woher noch warum. Um einzusehen, daß dies richtig ist, müssen wir nicht erst an Suchtkranke denken, sondern können sicherlich bei uns selbst beginnen.

Was wir wollen, wissen wir, weil es in Nach-Denkungen besteht; aber deren Woher bleibt stets völlig im Dunkel des Unbewußtseins.

2.5.8. Vom Welt(bild) zum Unbewußten

Ohne unser Unbewußtsein könnten wir wohl gar nicht leben, weil wir kontinuierlich vor bewußte Entscheidungen gestellt und damit wahrscheinlich total überfordert wären. Dazu paßt, daß es ohne das Unbewußtsein auch kein näherungsweise stabiles Welt(bild) gäbe.

Letzteres bestimmt unser Leben mit, und wir können partout nicht abschätzen, wie weit der Einfluß des Unbewußten reicht. Möglicherweise gehört dazu auch das Entstehen und Vergehen der aktualen Erlebungen, in denen sich kleinste Bruchstückchen unseres Welt(bilds) zeigen.

Das würde bedeuten, daß die Gesamtheit der näherungsweise konstanten Nach-Denkungen als Unbewußtes wirken und damit zumindest eine Mit-Ursache für die laufenden Erlebungen darstellen kann, was wiederum zur Stabilität des Welt(bilds) beiträgt.

Wir könnten also beispielsweise von einer Wahnidee beherrscht sein, die uns stets überzeugt. Das beweist nicht ihre Wahrheit – was auch immer das nun sein soll –, sondern lediglich daß diese Wahnidee zu unserem Welt(bild) gehört und dieses selbst seine Wahnidee immer aufs Neue (mit-)produziert.

 

Wenn das ungefähr stimmt, geht es also gar nicht um das Welt(bild) selbst, sondern um sein Wirken als Unbewußtes.

In diesem Sinne müßten wir dann auch Aussagen der Form verstehen, daß Welt(bilder) unser Zusammenleben auf allen Ebenen ermöglichen – in Partnerschaften, Familien, Gruppen, Nationalitäten und Kulturen. Oder daß Ägypter und Hopi-Indianer mit ihren angeblich falschen Welt(bildern) Jahrtausende zusammenleben konnten, während wir trotz unseres „richtigen“ „Welt“(-Bilds) schon nach vier Jahrhunderten in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. 

 

Das ist zwar richtig, aber eben nicht direkt, sondern nur indirekt; das Welt(bild) vermittelt nur, aber unmittelbar wirkt das Unbewußte.

Führen zwei verschiedene Welt(bilder) zum gleichen Unbewußten, bildet die Unterscheidung zwischen ihnen „einen Unterschied, der keinen Unterschied macht“ – und damit irrelevant ist.

 

Die Tradition glaubt, es gänge um die „Welt“ der Urbilder.

Bisher konnte bei uns der Eindruck entstehen, es gänge um das Welt(bild); das stimmt nicht; wichtig ist allein dessen Wirken und damit unser Leben.

Es gibt kein wahres Welt(bild), aber ein wahres Leben könnte möglich sein; vielleicht wäre es eines, in dem unsere Gottesebenbildlichkeit zum Ausdruck, das heißt, ein Leben, durch das sich Gott in uns wiedererkennen kann.

Entscheidend sind nicht die atheistischen, christlichen, muslimischen oder buddhistischen Nach-Denkungen, sondern ist allein das – von ihnen (mit-)bestimmte – Leben.

 

Damit entfällt insbesondere der sich vielleicht aufdrängende Gedanke, unser Welt(bild) solle eine Interpretation des Ursprungs darstellen; eine solche Annahme kann nur falsch sein, weil der Ursprung – entgegen sämtlichen Interpretationen – aktual unendlich ist.

2.5.9. Sprache als intersubjektives Gedächtnis

„Ihre Interpretation des Unbewußten gefällt mir besser als Sigmund Freuds Pansexismus. Ich weiß nur absolut nicht, wo sich das Welt(bild) bzw. seine potentiellen Nach-Denkungen befinden sollen, um als Unbewußtes in mein Leben hineinwirken zu können.“

Das ist gar nicht so schwer. Wohl eines der populärsten philosophischen Ergebnisse von Ludwig Wittgenstein besteht in seiner Erkenntnis, daß es „keine Privatsprachen geben kann“. Weshalb?

Eine sehr einfache und meines Erachtens vortreffliche Antwort gab Georg Picht. Für ihn ist die Sprache „das kollektive Gedächtnis der Menschheit„; wir würden übersetzen „das intersubjektive Gedächtnis der Subjektivitäten„.

 

Wenn die Sprache das intersubjektive Gedächtnis bildet, wird eine rein subjektive Sprache widersprüchlich. Woher will ich morgen wissen, was ich heute wie bezeichnet habe?

„Durch unser Gedächtnis natürlich.“

Diese Antwort könnte stimmen, wenn unser Gedächtnis subjektiv wäre; etwa indem es irgendwie an das eigene Gehirn gebunden ist. Aber genau darum geht es ja; unser Gehirn ist – im Rahmen des heutigen Welt(bilds) – notwendig für das Gedächtnis; letzteres besteht aber nich in ihm, sondern in der Sprache

 

„Bisher war mir – trotz Ihrer Intervention gegen Substanzen – sonnenklar, daß das Gedächtnis mit irgendwelchen Speichersubstanzen im Gehirn zusammenhängt. Nun streichen Sie dieses anschaulich-verständliche Bild und ersetzen es durch die abstrakt-unverständliche Sprache. Hätten Sie vielleicht ein Beispiel, an dem ich mir das ein wenig plausibilisieren kann?“

Natürlich; das Fundament der empirischen Wissenschaften besteht zweifellos in ihren nachprüfbaren Voraussagen; beispielsweise daß es am 22. 02. 2022 in Mitteleuropa zu einer totalen Sonnenfinsternis kommen wird.

Das ist traditionell formuliert, als wären Sonnenfinsternisse Urbilder.

Wir müßten also übersetzen, daß am 22. 02. 2022 in Mitteleuropa eine Erfahrung namens „totale Sonnenfinsternis“ möglich sein wird.

 

Nicht für das Urbild, aber für die Erfahrung namens „totale Sonnenfinsternis“ benötigen wir Subjektivitäten.

Als Sich-Fühlen oder „wie es ist, ich zu sein“, sind diese aber nicht stabil, sondern existieren nur gegenwärtig. Die voraussagenden Subjektivitäten können also nicht auf den 22. 02. 2022 warten, um dann zu überprüfen, ob sich ihre Voraussage bestätigen wird. Stabilität gibt es – nicht an den Subjektivitäten, sondern – höchstens für sie, und dabei spielt die „Zeit“ keinerlei Rolle; wir Subjektivitäten sind auch nicht kurzzeitig stabil.

 

Wer wartet also oder überbrückt die „Zeit“ bis zur Kontrolle? Die Sprache.

Wir müssen die Prognose der Sprache anvertrauen, denn ohne sie gibt es keinerlei Voraussage. Versuchen Sie einmal, etwas anzukündigen, ohne die Sprache zu benutzen. In ihr ist also die Prognose gespeichert, und jede Subjektivität, die – mittels ihres Gehirns – der Sprache hinreichend mächtig ist, kann am 22. 02. 2022 kontrollieren, ob die Voraussage zutrifft.

Dabei spielt es auch nicht die geringste Rolle, ob „wir 2022 noch leben“; wenn „ja“ würde dies doch lediglich bedeuten, daß sich „unser“ hinrichend stabiler Körper in Mitteleuropa befinden könnte. Aber wessen Körper ist das dann, wenn wir als Subjektivitäten an die Gegenwwart gebunden und nicht stabil sind? 

Das heißt: Wir benötigen die Sprache in jedem Fall, auch wenn wir 2022 noch leben. Sie ist stets erforderlich, weil unsere Nach-Denkungen in ihr und nicht im Gehirn gespeichert sind.

 

Das ist doch wieder der Umstand, auf den wir schon mehrfach gestoßen sind:

Wir dürfen die Wirklichkeit nicht mit – einigen von – deren notwendigen Voraussetzungen verwechseln:

Ohne Gehirn läßt sich nichts speichern; aber auch wer ein Gehirn besitzt, hat damit keinen Speicherchip, sondern speichert mit Hilfe seines Gehirns in der Sprache.

„Aber die Roboter benötigen keine Sprache, sondern speichern in ihren Chips?“

Nein; in dem Sinne, wie wir jetzt die Nach-Denkung Speichern benutzt haben, speichern Roboter überhaupt nicht. Nach-Denkungen kann nur jemand speichern, für den es Nach-Denkungen gibt, das heißt, Subjektivitäten.

 

Noch ein Beispiel:

„Bis Sie diesen Satz gelesen hatten, war die Vorstellung Sirius nicht in Ihrem Bewußtsein aktual(isiert).“

Das ist jetzt der Fall; ich konnte diese Nach-Denkung ganz leicht mittels des Wortes „Sirius“ hervorkitzeln. Das geht aber nur, wenn oder weil sie sich – als (näherugsweise) konstante und somit wiederholbare Nach-Denkung – zuvor bereits an einem anderen Ihnen zugänglichen oder verfügbaren Ort befand.

Da das absichtliche Auslösen von Nach-Denkungen stets mit Hilfe der sie bezeichnenden Worte erfolgt, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dieser Ort müsse die Sprache sein. 

 

„Das war nur ein Teilerfolg von Ihnen. Ich bin einverstanden; die potentiellen Nach-Denkungen befinden sich in der Sprache; aber wo ist sie?“

Die Sprache ist nirgends, denn als Sprache gibt es sie gar nicht; sie existiert nur als Nutzung. Die Sprache ist „ihr“ Gebrauch, das heißt, sie besteht nur in dem oder durch das Sprechen und Verstehen.

Würden wir alle die Sprache nicht mehr verwenden, wäre sie weg. Indem wir unseren Kindern das Sprechen lehren, teilen wir ihnen nur sekundär Bezeichnungen mit; primär erhalten wir damit die Sprache, vermitteln wir unseren Kindern einen Zugang zu ihr und damit zum intersubjektiven Gedächtnis.

 

Wilhelm von Humboldt formuliert das von mir Gemeinte folgendermaßen:

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, daß man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht . . .

Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia) . . .

Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als Sprache ansehen.“

2.5.10. Zeitlichkeit der Immanenz

„Daß prinzipiell kein Welt(bild) den Ursprung darstellen und somit inhaltlich wahr sein kann, geht für mich in Ordnung. Aber bisher hatte ich doch fest angenommen, daß Welt(bildern) die Funktion zukommt, eine Kultur zu einen und das Zusammenleben ihrer Mitglieder zu ermöglichen.

Sie können als Welt(bilder) nicht vorliegen, Überlappungen sind kaum feststellbar, und nun ergänzen Sie auch noch, daß die Welt(bilder) sogar belanglos sind, weil – vermittelt über ihr Wirken – allein das Leben zählt.

Bedeutet dies, daß beispielsweise die Kultur der Hopiindianer nicht (auch) auf ihren Regentänzen beruhen kann?“

 

Nein; das bedeutet es nicht. Ich bin überzeugt, unsere Theorien sind oft zu kopflastig; wir halten das, worüber sich gut nach-denken läßt, irrtümlicherweise für das Wichtige; und dann besteht es natürlich in den Welt(bildern). Deswegen gehören für uns auch die Regentänze zu ihnen.

Bei den Hopiindianern vielleicht auch; ich weiß das nicht, bin mir aber recht sicher, daß die Regentänze voll in deren Leben integriert sind und deswegen auch dem Zusammenhalt ihrer Kultur dienen. Die Regentänze werden, mit anderen Worten, gelebt und nicht (nur) – im Sinne des Welt(bilds) – gewußt.

Die Dogmen der katholischen Kirche bilden ein deutliches Gegenbeispiel und konnten deshalb kaum zur Einheit des christlichen Abendlands beitragen.   

 

Aber wir nehmen Ihren Einwand konstruktiv auf:

Es geht nicht um das näherungsweise konstante Welt(bild), sondern um das zeitliche Leben, das durch das Unbewußtsein mitbestimmt wird, und damit steht die gesamte Immanenz im Blickpunkt.

„Immanenz“ klingt sehr statisch; aber es meint keinen ruhenden Bereich neben der Transzendenz, sondern ein zeitliches Geschehen, das – durch das Explizieren des Ursprungs – grenzenlos immer mehr von der Transzendenz integrieren und damit „transzendenter“ werden kann

 

Kant hat die „Zeit“ als Anschauungsform und damit zeitlos verstanden; „so schaue ich mir das gegenwärtig an“. Einerlei ob dies nun richtig ist oder nicht: Die Möglchkeit, widerspruchsfrei so denken zu können, beweist, daß sämtliche Nach-Denkungen, insbesondere also unsere Vorstellungen, zeitlos sein müssen.

Daß Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren „lebte“, hat nichts mit der Zeit zu tun, sondern ist eine gegenwärtige zeitlose Vorstellung; völlig analog zu „1 + 1 = 2“. Die beiden Nach-Denkungen unterscheiden sich insbesondere dadurch, daß jene der „Raum“-„Zeit“ angehört und diese nicht.

Das (Raum- und) Zeitlose kann sich unter anderem im Farbenkreis, im Zahlenbereich, in der logischen Sphäre, im Emotionalen oder eben auch in der („Raum“-)“Zeit“ befinden. Nun mag letztere besonders wichtig sein, aber mit (dem Raum und) der Zeit hat sie trotzdem nichts zu tun.

 

Wenn sämtliche Vorstellungen eo ipso zeitlos sein müssen, ist im Umkehrschluß alles Zeitliche notwendigerweise „unvorstellbar“, so daß wir es rein – ohne alle Anschauungen – denken müssen. Das bereitet uns Probleme; dazu kommt noch erschwerend, daß die Zeit von der gesamten Tradition geleugnet wird.

In den nächsten beiden Unterabschnitten schauen wir uns zwei Varianten an, die uns beim reinen Denken der Zeit(lichkeit) helfen können.

2.5.10.1. Der Borromäische Knoten

In der Philosophie von Jacques Lacan treten mit dem Realen, Symbolischen und Imaginären drei „Ordnungen“ oder „Register“ auf, die den wesentlichen Bestandteilen unseres Immanenten sehr ähnlich sind.

 

 

Immanenz   Borro-Knoten                                                                       
       
Leben Reales  
Unbewußtsein Symbolisches                                                       
Welt(bild) Imaginäres  

 

Abbildung 2.5.10.1.-1

 

Wir können die genaue Begrifflichkeit von Jacques Lacan auf sich beruhen lassen; aber obwohl er eine ganz andere Intention verfolgte, die mit dem religiösen Glauben nicht viel zu tun hat, ergeben sich verblüffende Paralellen zu unseren Kategorien,. 

(Jacques Lacan als schwer lesbar einzuordnen, wäre wohl sehr untertrieben; es geht fast gar nicht. Die beste mir bekannte Sekundärliteratur über ihn ist „Lacan und die Philosophie“ von Alain Juranville; ein sehr lehrreiches Buch.)

Die traditionelle „Welt“ oder objektive Realität gibt es auch bei Jacques Lacan nicht; an ihre Stelle tritt das Reale, das unserem Leben entspricht.

Sowohl die geglaubte Welt als auch die nicht-geglaubten Differenz zwischen ihr und dem Weltbild sind für Jacques Lacan imaginär.

Unser Unbewußtsein schließlich korrespondiert seinem Symbolischen, aber hier müssen wir ein wenig weiter ausholen.

 

Wir hatten oben gesehen, daß der Begriff der Sprache sehr stark mit unhaltbaren traditionellen Vorstellungen belastet ist. Texte – Buchstaben, Wörter, Sätze usw. – gehören nicht in die Sprache, weil es letztere nur in dem oder durch den zeitlichen Gebrauch und nicht als zeitlose Erlebung gibt. Damit kommen ganz allgemein keinerlei Zeichen für die Sprache infrage, denn sie bestehen in der Einheit zweier zeitloser Erlebungen.

All dies haben wir durch „die Signifikanten“ als zeitliches Bewirken bzw. durch das Ungewußte ersetzt, das zu den Signifikaten führt. Diese wirken als das Unbewußte  aber wiederum auf das zeitliche Leben in seiner „Doppelfunktion“ mit „den Signifikanten“.

 

Das Unbewußtsein bildet somit einen in sich geschlossenen Kreis. Um ihn verständlich zu machen, haben wir zwei Komponenten eingeführt und einzeln erklärt, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Aber damit sind wir hinter ein bereits erreichtes Reflexionsniveau zurückgefallen:

Theoretisch war bereits klar, daß wir innerhalb des Unwißbaren nicht zwei Entitäten unterscheiden können.

Für alles Weitere gibt es also unser Unbewußtsein, das einen Zirkel des Wirkens oder Bewirkens darstellt und nicht aus irgendwelchen Bestandteilen bestehen kann. Dieses „eine“ Unbewußtsein entspricht dem Symbolischen bei Jacques Lacan.

 

Der entscheidende Unterschied gegenüber unserer Immanenz besteht darin, daß sich die drei Ordnungen bzw. Register gegenseitig antreiben und eine Eigendynamik entfalten, ohne dazu ein Außerhalb – unsere Transzendenz – zu benötigen, so daß sie bereits allein dem Ganzen entsprechen.

Dann ist natürlich auch kein Pendant zu unseren Erfahrungen erforderlich, denn letztere entsprechen ja der „Transzendenz in der Immanenz“, die unsere Freiheit ermöglicht.

Um die Eigendynamik seiner drei Ordnungen zu versinnbildlichen greift Jacques Lacan auf den Borromäischen Knoten zurück, den sich der Heilige Borromäus ausgedacht hatte; er wollte damit die – natürlich zeitlos-ewige – Trinität verständlich machen. Dieser Knoten besteht aus drei Gummiringen, die so ineinander verschlungen sind, daß jeder von ihnen die jeweils anderen beiden zusammenhält, die ohne ihn unverbunden wären.

Jacques Lacan will damit ausdrücken, daß jede einzelne der drei Ordnungen erforderlich ist, damit die beiden anderen von ihnen überhaupt existieren können.

 

 

 

 

Abbildung 2.5.10.1.-2

 

Das läßt sich natürlich nicht auf unseren Ansatz übertragen, weil das Leben direkt aus dem Ursprung hervorgeht und folglich auch ohne Unbewußtsein und Welt(bild) möglich ist.

Aber die Eigendynamik des Borromäischen Knotens können wir für unsere Immanenz übernehmen und müssen sie lediglich durch die Transzendenz als äußere sowie die Erfahrungen als innere Quelle der Immanenz ergänzen, da eine Eigendynamik allein schon wegen einer sehr allgemein verstandenen „Energie“-Erhaltung schwerlich als in sich geschlossen gedacht werden kann.  

Ein anschauliches Modell wäre der Hurrikan, der vom warmen Meerwasser sowie einem notwendigen Temperaturgefälle zur Atmosphäre hin fremd-gespeist werden muß, um dann seine Eigendynamik entfalten zu können.

2.5.10.2. Das Leben als Struktur

Das Leben ist zeitlich, so daß wir es unmöglich wissen können, denn alles Gewußte besteht in den eo ipso zeitlosen Erlebungen – Momentaufnehmen oder Schnappschüssen.

Die Zeitlichkeit des Lebens bedeutet nicht, daß es durch eine zeitliche Entwicklung zustandekam und nun vorliegt. Die Tradition denkt, daß die Evolution das „Leben“ in diesem Sinne hervorgebracht hat; aber weder handelt es sich dabei um Leben, noch wird hierzu die Zeit benötigt.

Um beide Fehler zu korrigieren, müssen wir sagen, daß das Leben selber die Genese darstellt; das Leben ist „seine“ eigene Genese; es gibt keine Genese des Lebens, bei der die beiden Akteure getrennt werden könnten.

 

Das ist für unser – an Substanzen geschultes und gewohntes – Denken sehr ungewohnt.

Heinrich Rombach hält diesen traditionellen Ansatz für überholt und beschreibt in seinem Hauptwerk „Substanz – System – Struktur“ die abendländische Philosophiegeschichte als eine Entwicklung zum Struktur-Denken. Auch bei ihm können wir wieder alle Details auf sich beruhen lassen und uns zwei wichtige Eigenschaften des  Struktur-Begriffs herauspicken.

Zum einen ist jede Struktur ihre eigene zeitliche Genese, so daß wir das Leben als Struktur verstehen können.

Zum anderen kann eine Struktur als solche, das heißt, als zeitliche Genese unmöglich gewußt werden; sie ist nur bewußt – wie das Leben. Heinrich Rombach schreibt „eine Struktur ist nur in ihren Momenten“, und wir würden übersetzen, daß das Leben nur in seinen – nicht Erlebungen, sondern – Erfahrungen gewußt wird.

Die Momente sind die Momente der Struktur. Damit wird nochmals verständlich, daß die Erfahrungen die Erfahrungen des Lebens sind – ohne (abbildende) Erfahrungen von ihm zu sein.

 

„Das halte ich, ehrlich gesagt, für etwas spitzfindig; natürlich müssen Sie so reden, nachdem wir oben einsehen sollten daß keinerlei Erlebungen vom Ursprung oder vom Leben möglich sind.

Aber erklären Sie mir bitte einmal, was eine Erfahrung des Lebens und eine vom Leben unterscheiden soll.“ 

Ich verstehe Sie; wenn das Leben eine Sache wäre – Urbild, Substanz, Ding, Objekt oder etwas Ähnliches –, müßte ich Ihnen Recht geben und hätte getrickst.

Aber nehmen Sie Heinrich Rombach einmal beim Wort – und genau das ist ja der springende Punkt seines postmodernen Denkens –, daß eine Struktur „ihre“ bzw. das Leben „seine“ Genese ist:

Dann scheiden einerseits (abbildende) Erfahrungen von der Genese tatsächlich aus, weil zeitlose Erfahrungen von einer zeitlichen Genese widersprüchlich sind.

Andererseits sind zeitlose Erfahrungen der zeitlichen Genese – im Sinne von: durch sie bewirkt oder hervorgerufen – nicht absurd.

 

 

zeitliches Denken zeitloses Denken
ontologischer Explikationismus Heinrich Rombachs Ansatz
traditioneller Ansatz
   
   
zeitliches Leben zeitliche Struktur oder Genese „zeitliches“ „Leben“
näherungsweise konstante Erfahrungen näherungsweise konstante Momente „zeitliche“ Seiende
Erfahrungen des Lebens – ohne Wovon Momente der Struktur – ohne Wovon  
Erfahrungen durch die Genese Momente durch die Genese
 

 

Abbildung 2.5.10.2.

 

Alles Zeitlose habe ich rot hervorgehoben.

Das traditionelle Denken erhebt den Anspruch, prinzipiell alles – zwar noch nicht zu wissen, aber – wissen zu können, weil es nur die Struktur des Wißbaren kennt  Demzufolge muß ausnahmslos alles zeitlos sein, auch das „Zeitliche“.

 

Wir wissen alle das Gleiche – die vollständige rote Zeile –, deuten es aber unterschiedlich:

Die Tradition behauptet, das Gewußte sei – mehr oder weniger exakt – die Wirklichkeit.   

Wir bestreiten das, weil letztere zeitlich ist und somit gar nicht gewußt werden kann. Vielmehr handelt es sich hierbei nur um die näherungsweise konstanten Erfahrungen durch das zeitliche Leben.

2.5.11. Subjektivitäten mit vielen eigenen Körpern

Je-der Selbe kennt ausschließlich seine eigenen Erlebungen, kann darüber nach-denken und davon berichten. Zu seinen Erfahrungen gehören sehr häufig Körper, die Subjekte zu sein scheinen. Insbesondere sieht es aus, als würden sie sich gegenseitig wahrnehmen und dadurch einander gezielt helfen oder auch schaden können.

Tatsächlich sehen Körper beispielsweise ebensowenig wie Fersehkameras oder Roboter. Läuft einer von letzteren auf die Wand zu, kommen die von ihm nach vorn ausgesandten Wellen sehr schnell zurück, und als Reaktion darauf ändert der Roboter seine Bewegungsrichtung. Der Input führt vollautomatisch und ohne ein Bild von der Wand zu haben zum passenden Output.

Das wird beim Rasenroboter besonders deutlich, wenn der Input im Anstoßen oder Leitungssignal besteht; für den Roboter endet kein Rasen. Der automatische Blitzer sieht nicht, daß der Verkehrssünder zu schnell fährt, sondern schießt ohne jede Wahrnehmung ein Bild – nicht für sich, sondern  für die Subjektivitäten „der Polizei“.

Sollen wir ehrlich glauben, daß die Honigproduktion der Bienen, die Zusammenarbeit im Ameisenhaufen und die Formen von Herings- oder Kranichschwärmen dadurch möglich werden, daß alle Köper jeweils einem Subjekt entsprechen und diese Subjekte ihre Körperbewegungen koordinieren?

 

„Und worin besteht angeblich der Unterschied, wenn das bei Ihnen nicht die Subjekte, sondern die Subjektivitäten übernehmen?“

Er ist gewaltig und in seinen Konsequenzen wohl gar nicht abzusehen!

Die Tradition denkt von den Körpern her und steht damit zum einen immer vor der Glaubens-Frage, welche von ihnen einem Subjekt entsprechen und welche nicht. Zum anderen ist mit diesem Ansatz die Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen Körper und Subjekt festgeschrieben.

Wir betrachten die Subjektivitäten dagegen als Welt(bild)-Haber, und es fällt mir – abgesehen von der „gewohnten Sebstverständlichkeit“ – aber auch gar kein Grund ein, weshalb ein solches Welt(bild) nicht beliebig viele eigene Körper enthalten soll.

Bei den Subjektivitäten namens „Bienenvolk“ oder „Heringsschwarm“ sind es Zehntausende, und bei der Subjektivität „Vogelflug“ vielleicht ein paar Hundert. Wenn sie ein Welt(bild) ohne „Raum“ (und „Zeit“) besitzt, stellt der Vogelflug auch kein Problem mehr dar, was wir oben bereits einmal angedeutet hatten.  

 

Möglicherweise kommt Ihnen das sehr spekulativ vor; ich „verteidige“ mich deshalb mit einem Zitat von Stephan Strasser auf Seite 109 seines Buches „Welt im Widerspruch“:

„Wenn zum Beispiel der Laie von der Königin eines Bienenschwarms spricht, stellt er sich eine bestimmte Person vor, die von allen anderen Personen strikt zu unterscheiden ist. Für den Biologen ist eher der Schwarm ein Individuum und die Königin sein weibliches Geschlechtsorgan. Der Bienenschwarm lebt nur dank der Königin, die Königin kann ohne den Schwarm nicht existieren. In diesem Sinne sprechen wir von einem symbiotischen Verflochten-Sein.“

 

„Damit befreien Sie mich, ohne es zu ahnen, von einem Denkfehler:

Ich hatte bisher immer angenommen, alles Geistige – sowohl Nach-Denkung als auch Erfahrung – sei notwendigerweise an Sprache gebunden, so daß es für Tiere gar keine Erlebungen und damit auch kein Welt(bild) geben könne. Aber das war offensichtlich falsch, und nun verstehe ich beispielsweise auch, daß ein Schaf vor dem Wolf erschrickt, selbst wenn es noch nie in seinem Leben einen gesehen hat.“

Eiverstanden, aber iIch würde gerne zwei Kleinigkeiten ergänzen.

 

Zum einen war Ihr bisheriges Denken nicht völlig falsch:

Wäre das Geistige an die traditionelle Sprache mit ihren Zeichen gebunden, würde es für Tier-Subjektivitäten tatsächlich nicht existieren. Deswegen haben wir die Sprache zum Symbolischen verallgemeinert; Signifikanten sind auch ohne Zeichen möglich, so daß es für Tiere sehr wohl das Symbolische und damit auch das Geistige geben kann.

Ihre Schaf-Subjektivität verfügt ebenso über ein Welt(bild) wie die Bienenvolk-Subjektivität von Stephan Strasser.

 

Zum anderen ist es auch lehrreich, einen möglichen Grund für Ihren Denkfehler zu verstehen.

Er könnte darin bestehen, daß wir die Existenz von Erlebungen sehr leicht mit der Möglichkeit verwechseln, sie zu bezeichnen oder zu beschreiben; hierzu benötigen wir natürlich die Sprache – aber nicht für die Erlebungen selbst.

Ihr Schaf erfährt vielleicht sehr viel, kann es uns jedoch nicht erzählen. Das Zusammenleben mit unseren Haustieren wird auf diese Weise wohl recht gut verständlich; sie hätten uns etwas zu sagen.

2.5.12. Zeitliche Genese der Erfahrungen statt zeitloser Urbilder

Traditionell denkende Philosophen oder Theologen schütteln häufig verständnislos den Kopf, wenn Physiker behaupten, Farben wären Wellenlängen, Töne Schwingungen und Wärme sei lediglich eine mikroskopische Bewegung.

Soweit können wir uns den Geisteswissenschaftlern nur anschließen; Physiker, die das wirklich glauben, verwechseln Farben, Töne bzw. Wärme mit ihren entsprechenden relationalen Meßgrößen und sind damit natürlich ebenso im Unrecht, wie wenn wir die physikalische „Zeit“ als die wirkliche Zeit betrachten würden.

 

Aber die traditionell denkenden Geisteswissenschaftler meinen fast immer noch etwas anderes – und diesbezüglich müssen wir ihnen widersprechen:

Sie wollen zugleich zum Ausdruck bringen, daß es Farben, Töne sowie Wärme wirklich gibt und stilisieren diese damit zu Urbildern.

Natürlich entzaubern, verarmseligen oder diskreditieren die Physiker Farben, Töne und Wärme zu ihren Meßgrößen; aber sie diskreditieren keine Urbilder.

Der Unterschied zeigt sich deutlich wenn wir diese Meßgrößen wieder verzaubern, anreichern oder aufwerten wollen. Dann ist theoretisch nicht bei Farben, Tönen und Wärme – als den angeblich wirklichen Urbildern – Schluß, sondern sie bilden nur Durchgangsstadien in einem prinzipiell offenen oder unabschließbaren Integrations-Prozeß.

 

Er muß offen sein, wenn das Erfahren ein solches des Lebens ist, das aus dem aktual unendlichen Ursprung hervorgeht.

Die Tradition versperrt uns mit ihren Urbildern diesen Blick; bis hierhin und nicht weiter! Das ist absurd, weil damit die Hindernisse, die uns ein weiteres Erfahren des Lebens verstellen, zur Wirklichkeit(T) erklärt werden – und damit das Leben geleugnet wird.

 

Wir können also immer weiter – potentiell unendlich weit – integrieren; von Wellenlängen über die Farben hinaus zu . . . oder von Schallwellen über Töne, Musik und Symphonien hinaus zu . . . 

Natürlich weiß ich nicht, was an die Stelle der Punkte gehört; das wird möglicherweise die Zukunft zeigen. Aber wir erkennen, daß an die Stelle der traditionellen Urbilder bei uns eine Genese der Erfahrungen tritt, in deren Gefolge letztere immer tiefer, reichhaltiger und erfüllter – integraler eben – werden können.

 

In der Gegenrichtung diskretisieren die Physiker Farben über die Wellenlängen hinaus zu . . . und Symphonien über die Musik, Töne und Schallwellen hinaus zu . . .; das entspricht natürlich einer Verarmung des Lebens. Wir müssen nicht sonderlich sensibel sein, um diese heute allerorten zu bemerken. 

Die nächsten Verarmungsebenen können wir wiederum nicht wissen und erfahren sie hoffentlich auch in der Zukunft nicht. Aber der asymptotische Grenzfall, zu dem das vollständige Diskretisieren theoretisch führen würde, ist eindeutig. Er besteht in den „kleinst“-möglichen oder primitivsten Nach-Denkungen, und das sind die einfachen Alternativen oder Bits der Informatik.

Dieses „theoretisch führen würde“ ist wichtig:

Mit dem einseitigen Diskretisieren banalisieren wir unsere Erfahrungen – und damit auch unser Leben selbst. Letzteres ist aber an eine hinreichende Mindestfülle gebunden; wird das „Leben“ zu primitiv, hört es auf, Leben zu sein – und das geschieht lange bevor wir alle Erfahrungen zu bloßen Bits degeneriert haben. 

 

Zusammengefaßt ergibt sich also, daß sich unsere subjektiven Erlebungen stets irgendwo mittendrin befinden. Es bleibt viel Luft sowohl nach unten – zu den Bits – als auch nach oben – zur Fülle des Lebens.

Sämtliche Erfahrungen lassen sich im Sinne des Zeitgeists noch weiter diskretisieren; theoretisch besteht aber auch die Möglichkeit ihres Integrierens. Dabei stoßen wir nie auf Urbilder, weil wir diese – und ihre Abbildungen – durch eine zeitliche potentiell unendliche Genese der Erfahrungen ersetzen

2.5.13. Diskretisieren und Integrieren

Der implizite Ursprung muß erst expliziert werden, weil er nur als explizi(er)ter erfahren werden kann. Dieses Explizieren ist sowohl relativ integral als auch mehr oder weniger diskretisiert möglich. Erfolgt unser Explizieren integraler, so erfahren wir mehr von dem Ursprung.

In ihm leben wir gemeinsam mit allen anderen Subjektivitäten; es wäre also gut denkbar, daß wir folglich auch mehr von ihnen erfahren. Wenn das stimmt, entspräche dem – fromm formuliert – die Identität von Gottes- und Nächstenliebe; mehr, als sie zu leben, kann auch die Nachfolge Jesu nicht beinhalten.

Das Integrieren ist also eineutig gut; je integraler, desto besser.

Intersubjektivität klingt wohl auch positiv, ist es aber nicht unbedingt und hat deswegen mit dem Integrieren nichts zutun; unsere Überlappungen können auch bösartig sein.

 

Ganz gleich, wie sich unsere Erfahrungen andern; als Sich-Fühlen oder „wie es ist, ich zu sein“ kann je-der Selbe imme nur der sein, zu dem er sich selbst bestimmt.

Ich bin Ich – aber das kann natürlich immer ein anderer sein; es gibt keine traditionelle Identität der Subjektivitäten in der „Zeit“, wie wir oben im Zusammenhang mit der totalen Sonnenfinsternis in Mitteleuropa bereits gesehen hatten. Jean Nicolas Arthur Rimbaud drückt diese Einsicht in der Form „Ich ist ein Anderer“ aus.

 

Unsere exakten Erfahrungswissenschaften setzen auf Machbarkeit; deswegen sind sie ausnahmslos analytisch; sie diskretisieren – sezieren, zerhacken und zerlegen – „größere“ in „kleinere“ Einzelteile.

Solange unser Welt(bild) in dem traditionellen Glauben besteht, die „Welt“ sei ein großer Baukasten aus Urbildern, bildet das Integrieren lediglich die Umkehrung des Diskretisierens.

Zum einen ist letzteres dann eo ipso die Erkenntnismethode schlechthin; je stärker wir analysieren oder auseinandernehmen, um so einfacher und durchschaubarer werden die Bausteine. Seit den alten Griechen suchen die Menschen nach den Atomen, Genen oder Memen, auf deren Grundlage sich dann angeblich alles erklären läßt. 

Zum anderen stellt in einer solchen „Welt“ natürlich auch das Integrieren kein Problem dar; wir machen dabei einfach alles „rückwärts“ – wie damals als Kinder mit dem Baukasten.

Geht mitunter etwas schief – was wohl niemand bestreiten wird –, liegt es also nicht am theoretischen Grundkonzept, sondern lediglich an dessen praktischer Umsetzung; wir müssen demzufolge noch viel konsequenter, sauberer und gezielter analysieren bzw. diskretisieren.

 

Das Erstmaligen ist unverfügbar, so daß sich die exakten Wissenaften auf bloße Widerholungen beschränken müssen.

Das bedeutet freilich keineswegs Statik oder Fließband; vielmehr können wir auch an den bereits gegebenen Wiederholungen ansetzen und – aus eigener Kraft – sowohl alle Konsequenzen aus ihnen ziehen wie auch sämtliche darin enthaltenen Möglichkeiten ausloten.

Wiederholungen bilden den Ausgangspunkt für unser Verfügen-Können; die exakten Wissenschaften beginnen hier, sind sich selbst genug, beziehen ihren Elfenbeinturm, schließen sich ab – und diskretisieren weiter. Daß sie mit Riesenteleskopen den Kosmos beobachten, widerspricht dem nicht und führt auch nicht aus dem Elfenbeinturm des bloßen Wiederholens und Diskretisierens heraus. So entsteht der wissenschaftlich-technisch-ökonomische Komplex der Moderne

 

Aber das Integrieren stellt vielleicht gar nicht – wie beim Baukasten – die Umkehrung des Diskretisierens dar, was insbesondere dazu führen würde, daß möglicherweise nur letzteres mach- oder verfügbar ist; selbst wenn wir integrieren wollen, müßte es uns dann nicht gelingen.

Sicherlich können diese Denkmöglichkeit heute viele Menschen sofort intuitiv nachvollziehen. Das Diskretisieren führt zu einer Verarmung unserer Erfahrungen, und manche von uns sehen kaum eine Chance, diesem starken Trend etwas entgegenzusetzen. Die Anzahl unserer Probleme nimmt ständig zu, und wirkliche Lösungen – statt bloßer Oberflächen-Kosmetik – sind kaum in Sicht.

 

Wichtig wäre es aber, diese intuitive Einsicht auch theoretisch reflektieren zu können.

Das ist jedoch in unserem traditionell-modernen Baukasten-Welt(bild) unmöglich, weil darin das Integrieren tatsächlich ganz einfach die Umkehrung des Diskretisierens bildet. Wer von einer solchen „Welt“ überzeugt ist, muß unsere gegenwärtigen Überlegungen notwendigerweise für falsch halten.

Um einzusehen, – nicht daß ich Recht habe, sondern – daß es sich tatsächlich wie angedeutet verhalten könnte, benötigen wir also ein integraleres Weltbild. Als Beispiel wähle ich das Physik-Modell Carl Friedrich von Weizsäckers.

Ihm zufolge besteht Holz nicht aus Molekülen; das Denkwerkzeug des Stoffes bzw. Bestehens-aus läßt sich auch in seinem Welt(bild) nicht anwenden, weil Holz ihm zufolge eine Ganzheit darstellt.

Damit können wir alles Mögliche tun; beim Zersägen beispielsweise bleibt es Holz, und beim Verbrennen wird es zu Asche. Im physikalisch-chemischen Labor lassen sich auch Moleküle daraus gewinnen; aber das ist wie beim Verbrennen: So wie Holz in Asche umgewandelt werden kann, wird es nun zu Molekülen.

Am Ende ist in beiden Fällen das Holz weg – wir haben entweder Asche oder Moleküle –, aber das Holz besteht ebensowenig aus Molekülen wie aus Asche, und ein Rückweg existiert auch weder hier noch da; das Analysieren oder Diskretisieren erfolgt in diesem Modell irreversibel.

Ganzheiten bestehen nicht aus Stoffen, und wir können Verschiedenes mit ihnen anfangen; um so mehr, je integraler sie sind.

Holz-Moleküle sind – wie Asche – diskretisiertes Holz; sie eröffnen uns weniger Handlungsmöglichkeiten, sind aber natürlich ebenfalls immer noch Ganzheiten.

 

Nun können wir fortfahren und sinngemäß wiederholen:

Moleküle bestehen nicht aus Atomen . . .

Atome bestehen nicht aus Kern und Elektronenhülle . . . usw.

Deswegen wissen die analysierenden Erfahrungswissenschaftler zwar immer mehr, aber nur von immer primitiver werdenden Ganzheiten. Sie können dicke Bücher über Quarks schreiben; das sind jedoch Nach-Denkungen, die im Leben eines Nicht-Physikers auch nicht die geringste Rolle spielen. Dagegen verstehen die Diskretisierer beruflich nichts von Schönheit, Harmonie oder Stille, weil ihnen das zu integral ist und erst noch zerlegt werden muß.

 

Daß unser Diskretisieren reversibel sei und durch das entsprechende Integrieren stets wieder gutgemacht werden könne, resultiert folglich allein aus unserem Baukasten-Welt(bild).

Wenn das Welt(bild) nicht so primitiv, sondern komplexer ist, stellt das Diskretisieren möglicherweise ein irreversibles Zerstören dar und kein sorgsames Auseinandernehmen. Dann läßt sich das Integrieren nicht herbeiführen, sondern ist unverfügbar oder muß uns geschenkt werden.

Diesbezüglich bestehen  zwei Möglichkeiten.

Wir können dafür sorgen, daß uns schwerlich etwas Integraleres widerfahren oder geschenkt werden kann; etwa indem wir keine Zeit, sondern stets nur Streß haben, unachtsam sind, wenig Empathie aufbringen oder immer schon alles wissen und gar nicht zuzuhören brauchen bzw. auf Prinzipien bestehen und es an Offenheit fehlen lassen.  

Die zweite Variante besteht darin daß wir versuchen uns zu öffnen oder aufnahmebereit zu sein. Wege, die das ermöglichen, gibt es wohl so viele wie Menschen; jeder muß selbst den seinen finden.

 

Einige dieser Wege sind öffentlich oder zumindest allgemein bekannt, weil sie bereits sehr vielen Menschen geholfen haben, ihr Leben integraler zu gestalten. Dazu  zählen nicht zuletzt die Angebote des Spiels oder der Muße sowie die vielfältigen Möglichkeiten der Kunst und Religion; aber auch die Geisteswissenschaften sollten ihre Aufgabe meines Erachtens in diesem Sinne verstehen.

Wie konsequent auch immer wir den Weg des Uns-Öffnen-Wollens gehen und offizielle Angebote nutzen: Ob uns etwas geschenkt wird, können wir nicht selbst in der Hand haben, weil es doch unser Welt(bild) sprengen muß. Das vermögen wir natürlich nicht; geschieht es dennoch, spricht der Glaube von Gnade.

Wäre das Integrieren verfügbar – zum Beispiel weil das traditionell-moderne Welt(bild) richtig ist –, bräuchten wir diesen Begriff nicht.

2.5.14. Das Außerhalb der Immanenz

Es ist zwar völlig sinnleer, aber nichtsdestotrotz stellen wir uns ein Außerhalb der Immanenz vor. Das geschieht immer dann, wenn wir die entsprechenden Vorstellungen in letzteres projizieren. Inhaltlich bestehen hierbei natürlich keinerlei Beschränkungen; alles überhaupt Vorstellbare ist auch projizierbar: Materie, eine Götter- oder Ideenwelt, Naturgesetze und Zahlen oder Spreewälder Gewürzgurken beispielsweise.

Aber völlig unabhängig davon, welches Vorgestellte wir im Außerhalb unserer Immanenz lokalisieren wollen, gelten meines Erachtens stets die folgenden vier Selbstverständlichkeiten:

1. Unsere Vorstellungen können dieses Außerhalb unmöglich direkt beeinflussen.

2. Da es uns nicht gegeben ist, sind unsere diesbezüglichen Annahmen prinzipiell nicht kontrollierbar.

3. Würde im angeblichen Außerhalb der Immanenz X durch non-X ersetzt, bliebe somit alles beim alten.

4. Sämtliche Behauptungen über ein solches Außerhalb sind somit sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen einem bloßen „Blablabla“, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

 

Eine Atombombe, die angeblich außerhalb unserer Immanenz explodiert und wirkt, tut uns nicht nur nicht weh, sondern ist für uns inexistent, weil wir gar nichts davon erfahren. Zwischen ihr, einer nicht-explodierten Atombombe und gar keiner besteht kein Unterschied; deswegen das „angeblich“ im vorigen Satz. Schmerzen und Schrecken sind – wie alles – entweder in der Immanenz oder gar nicht. (Nur so konnte Wolfgang Giegerich eine „Psychoanalyse der Atombombe“ schreiben.)

 

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert. Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich dieser einzige Grundgedanke, der mich seit über 40 Jahren bewegt; das Buch stellt den Status quo seiner Entfaltung dar.

Der Grundgedanke ist weder groß noch sonderlich intelligent, sondern lediglich konsequent: 

Das Außerhalb unserer Immanenz besteht natürlich in der Transzendenz bzw. dem Ursprung. Wir leugnen also nicht seine Existenz, sondern nur unseren Zugang zu ihr, und nehmen damit lediglich diese Transzendenz ernst; wir sagen nicht nur „Transzendenz“, sondern meinen auch Transzendenz.

 

Obwohl mir dies alles sehr zwingend zu sein scheint, sehen die meisten Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihrer Immanenz,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt,

– orientieren sich an ihnen und

– sind möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für ihre widersprechenden Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem „Blablabla“ entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige „Blablaba“ von allen falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es auch belanglos, ob es sich um religiöse, wissenschaftliche, esoterische oder sonstige Überzeugungen handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürliche Annahme, die bzw. deren Wahrheit durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und unbemerkbar durch ihr Gegenteil ersetzt werden könnte, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seiner Immanenz befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich  anders als „Ungläubige“.

 

Was diesbezüglich für unsere nachfolgenden Überlegungen wichtig ist, wollte ich im ersten Teil hinreichend ausführlich dargestellt haben.

Eine weitergehende, aber nichtsdestotrotz relativ einfache und für naturwissenschaftliche Laien geschriebene Hinführung unter besonderer Berücksichtigung der Überzeugung, es existiere ein physikalischer Kosmos als angeblich objektiv-reale Außenwelt, finden Sie auf den ersten 100 Seiten meines letzten Buches „Ursprüngliche Wirklichkeit – Eine philosophisch-naturwissenschaftliche Annäherung an die Radikale Lebensphänomenologie“.

Den Rest dieses Buches würde ich Ihnen nicht mehr guten Gewissens empfehlen. Bei mir stimmt nicht „ich habe immer schon gesagt, . . .“, sondern zum Glück hat sich in den dazwischen liegenden zehn Jahren etwas getan. Und ich wünsche mir von ganzen Herzen, in zehn Jahren sinngemäß wieder das Gleiche schreiben zu können.

2.6. Leben

Das Leben bildet den Schwerpunkt dieses Kapitels, aber wir waren schon laufend darauf zu sprechen gekommen und fassen die wichtigsten bisherigen Ergebnisse kurz zusammen.

Gemeinsam mit den Erlebungen bildet das Leben unser subjektives Bewußtsein; jene stellen zeitlos-gewußte Phänomene dar und das Leben zeitlich-bewußte. Letzteres sowie die Erfahrungen sind wirklich(L); die Nach-Denkungen glauben wir zum Teil, wodurch sie für uns wirklich(G) und zu unserer Welt werden.

Während die Erlebungen bereits unterschieden sind, können wir das Leben als Unterscheiden verstehen; es ist das Explizieren des Ursprungs zu den Erfahrungen, so daß auch Erfahren eine treffende Beschreibung wäre.

Daß wir so viele sinnvolle Ausdrucksformen für das Leben finden, liegt nicht an einem unsauberen oder nur analogen Denken, sondern daran, daß das Leben als Wirklichkeit(L) keine Negation und damit keine Unterscheidungen kennt. Wir können nur versuchen, mittels der Erfahrungen Differierungen an bzw. in dem Leben möglichst treffend zu beschreiben,

Das vielleicht wichtigste Beispiel besteht darin, daß wir das (substantivische) Leben als Einheit von der Subjektivität, je-dem Selben oder Lebend(ig)em auf der einen Seite und dem verbalen Leben auf der anderen betrachten.

 

Auch Generieren wäre eine sehr sinnvolle Beschreibung, denn in unserem oder durch unser Leben generieren wir mittels der Erlebungen das subjektive Welt(bild) aus dem impliziten Ursprung.

Das subjektive Bewußtsein bildet gemeinsam mit dem Unbewußtsein unsere Immanenz, die dem Urprung als Transzendenz gegenübersteht.

2.6.1. Zwei LEBEN

Unser Körper und sein „Leben“ stellen einen integralen Teil der Welt dar. Während das Leben „immer das Gleiche“ ist, hängt das „Leben“ also entscheidend vom jeweiligen Weltbild ab. Zeitweise wurde „Leben“ durch Druck und Stoß rein mechanisch verstanden; beispielsweise mit dem Herz als Pumpe. Das Gleichgewicht von Yin und Yang oder dasjenige der vier Körpersäfte bei Galen wären weitere bekannte Denkmöglichkeiten; heute glauben viele von uns, mit dem Gehirn oder der DNA das Fundament des „richtigen“ „Lebens“ gefunden zu haben.

In einem armseligen Weltbild wird zumeist auch das „Leben“ sehr bescheiden sein und vielleicht nur in Verdauung, Selbstbewegung und Fortpflanzung bestehen. Dieses „Leben“ wird reicher, wenn beispielsweise noch Absichten hinzukommen; ein Schachcomputer beispielsweise könnte – nicht wünschen, aber – beabsichtigen, immer zu gewinnen.

 

Vielleicht wird das „Leben“ sogar umwerfend toll; wir wissen nicht, was die wissenschaftlich-technische Zukunft uns noch bringen wird. Aber was und wie auch immer:

Das „Leben“ bleibt „Leben“ und wird niemals zum Leben; weder bildet dieses eine quantitative oder auch qualitative Steigerung von jenem, noch ist das „Leben“ ein Bild vom Leben, sondern das „Leben“ stellt lediglich einen – vom Leben völlig losgelösten – integralen Teil des Weltbilds dar und kann demzufolge möglicherweise auch in Silicon Valley oder Leverkusen hergestellt werden. 

Das ist beim Leben ausgeschlossen, denn es geht nur aus dem Ursprung hervor – und ermöglicht erst das gesamte Weltbild einschließlich der Körper und ihrer „Leben“. Somit müssen folglich selbst die schlimmsten Verbiegungen oder Verstümmelungen des „Lebens“ von der Leibhaftigkeit des Lebens getragen oder ermöglicht werden.

Ohne Ursprung kein Leben, und ohne Leben kein „Leben“.

 

Den Zusammenhang, der zwischen den beiden LEBEN besteht, kennen wir ebenfalls bereits:

Das weltbild-abhängige „Leben“ besteht in – einigen von – den notwendigen Voraussetzungen, die sich im Rahmen unseres Weltbilds für das Leben ergeben.

Daraus folgen zwei eminent wichtige Konsequenzen:

Wir haben keine Ahnung oder können nicht im geringsten abschätzen, wie weit das Leben über das „Leben“ hinausgeht.

Es gibt keinerlei Nach-Denkungen vom Leben; jene können sich nur auf das „Leben“ beziehen, und das Leben läßt sich lediglich – mit Hilfe dieser Nach-Denkungen – beschreiben.

 

„Das verstehe ich nicht. Sie sagen, Roboter würden nicht leben, sondern nur ‚leben‘, selbst wenn sie sich bewegen, ernähren, fortpflanzen usw. Was müßten sie denn angeblich noch tun, damit wir den Robotern ein Leben wie uns selbst zusprechen könnten?“

Ihre Frage ist falsch gestellt, denn Roboter werden niemals leben – was auch immer sie tun mögen –; sie entsprechen ja unseren Körpern, und die leben auch nicht. Wir Subjektivitäten leben und besitzen einen (nur) „lebenden“ Körper.

 

Wir benötigten also zunächst das Pendant zu uns, und das bestände in einer – prinzipiell unmöglichen – „künstlichen Subjektivität“ mit einem „künstlichen Bewußtsein“, in dem unter anderem ein Roboter „lebt“, den diese „künstliche Subjektivität“ als ihren Körper erfährt.

In unserem Bewußtsein „leben“ natürlich Roboter; aber weder erfahren wir einen von ihnen als den eigenen Körper noch haben wir unser Bewußtsein künstlich hergestellt.

2.6.2. Leibhaftigkeit des Lebens als dichte Beschreibung

Die Biologie ist – wie ihr Name bereits sagt – die Wissenschaft vom „Leben“. Sie betrachtet Theorien über das „Leben“ oder Vorstellungen von ihm – in unserem Sprachspiel also Nach-Denkungen – und ist damit für unser Leben unglaublich wichtig, weil hilfreich.

„Theorien über das Leben“ oder „Vorstellungen von ihm“ sind aber nichtsdestotrotz bloße Theorien bzw. Vorstellungen – und nicht das Leben selbst; ganz abgesehen davon, daß keine Theorien über . . . bzw. Vorstellungen von . . . Wirklichkeiten (U) bzw. (L) existieren. Sehr häufig neigen wir dazu, das eine mit dem anderen zu verwechseln; die Karte gewissermaßen mit der Landschaft. Um diesen Unterschied hervorzuheben, sprechen wir mitunter nicht nur vom Leben, sondern betonen seine Leibhaftigkeit und zielen damit auf eine Darstellung, die Gilbert Ryle „dichte Beschreibung“ nannte.

 

Clifford Geertz erklärt den Unterschied zwischen ihr und einer „dünnen Beschreibung“ sehr schön anhand eines einfachen Beispiels:

Zwei Jungen bewegen blitzschnell das Lid ihres rechten Auges. Bei dem einen handelt es sich nur um ein ungewolltes nervöses Zucken, während der andere seinem Freund zuzwinkern und heimlich ein Zeichen geben will. Die beiden Bewegungen stimmen als Erfahrungen bzw. Sehungen von je-dem Selben, der die Jungen beobachtet, völlig überein, so daß er nur eine dünne Beschreibung liefern kann; in den exakten Wissenschaften ist allein sie möglich.

Aber nichtsdestotrotz wird kaum einer bestreiten wollen, daß zwischen Zucken und Zwinkern ein großer Unterschied besteht. Nur die zwinkernde Subjektivität teilt bewußt etwas mit, und zwar auf eine ganz präzise und besondere Weise:

– Die Subjektivität richtet sich absichtlich

– an jemanden,

– um nach einem gesellschaftlich festgelegten Code

– eine bestimmte Nachricht zu übermitteln,

– ohne daß die übrigen Anwesenden eingeweiht sind.

 

Diese dichte Beschreibung entspricht unserer Leibhaftigkeit des Lebens und ist offensichtlich nur beim eigenen Leben möglich; das heißt, wir leben natürlich nur das eigene Leben und können somit auch nur dieses dicht beschreiben.

Mit anderen Worten:

Eine dünne Beschreibung erfolgt innerhalb unseres Welt(bilds); sie verbleibt völlig darin und versteht das „Leben“ folglich notwendigerweise als einen Teil des Welt(bilds) – das somit nicht das wirklich Leben sein kann.

Die dichte Beschreibung bezieht sich dagegen auf unser Leben selbst, weiß, daß es dem Welt(bild) gegenübersteht, und benötigt dessen Erlebungen nur als Hilfsmittel, um das Leben zu beschreiben, das über das Welt(bild) hinausgeht.

 

„Das bedeutet, daß die traditionelle Unterteilung in die Perspektive der ersten bzw. dritten Person hinfällig wird?“

Ich würde das nicht sagen, sondern lediglich die Bezeichnungen durch „dichte“ bzw. „dünne Beschreibung“ ersetzen:

 

„Perspektive der ersten Person Singular“ könnten wir sogar beibehalten; je-der Selbe beschreibt sein eigenes Leben. Dazu muß er sich natürlich seines subjektiven Welt(bilds) bedienen – etwas anderes steht ihm gar nicht zur Verfügung –, preßt aber das Leben nicht in dieses Welt(bild) hinein; er weiß, daß er nicht darin lebt.

 

In der „Persektive der dritten Person“, unserer dünnen Beschreibung also, kommt dagegen kein Leben vor, sondern nur dasjenige „Leben“, das sich im jeweiligen Welt(bild) nach-denken läßt, aber das ist subjektiv. Traditionell versteht man diese Perspektive als objektiv, weil sie angeblich von den Urbildern her und somit welt(bild)-unabhängig gedacht wird.

Ihr Mond ist aber keineswegs mein Mond; das bezieht sich nicht nur auf die Anschauungen – bei ihnen sind unsere Abweichungen selbstverständlich –, sondern auch auf die Signifikate. Deswegen können wir nicht sagen, worin das Signifikat Mond besteht.

Nein; schlimmer noch: das Signifikat Mond existiert gar nicht, weil es für jede Subjektivität ein anderes ist. Ich hatte mir oben mit „die rein geistige Bedeutung des Wortes ‚Mond'“ geholfen, aber dabei getrickst, denn diese Bedeutung ist natürlich welt(bild)-abhängig.

Das läßt sich wohl nur durch die impliziten Definitionen oder Axiome des formalistischen Denkens vemeiden (unser David Hilbert oben) – was aber im Zusammenhang mit dem Leben ausscheidet.

 

Zwischen der Leibhaftigkeit des Lebens und der bloßen Reflexion darüber bestehen natürlich zahlreiche Wechselwirkungen, die ausnahmslos ersterer angehören und niemals Nach-Denkungen sein können.

Auf der einen Seite haben, wissen oder glauben wir letztere, nutzen sie und orientieren uns an ihnen; auf der anderen Seite können die Theorien auf uns einwirken und die Leibhaftigkeit unseres Lebens massiv beeinflussen; großteils wohl durch das Unbewußtsein. So ergibt sich ein undurchschaubares Ineinander von Leibhaftigkeit des Lebens und Theorie des „Lebens“.

Für das Wirken der Theorien ist es nicht nur völlig belanglos, ob sie „stimmen“, sondern wir verstehen wiederum gar nicht, was das bedeuten soll.

Glaube ich zum Beispiel, todsterbenskrank zu sein oder – um sehr alt zu werden – täglich früh um 5 Uhr eine Runde um das Haus laufen zu sollen, so spielt es überhaupt keine Rolle, ob meine Überzeugungen richtig sind oder nicht. Es genügt, daß ich sie teile, um mein Leben von ihnen durchdringen zu lassen; was wiederum zu anderen Theorien führt, bei denen die Richtigkeit erneut weder eine Rolle spielt noch verstanden werden kann usw.

 

Um das Leben in seiner Leibhaftigkeit zu beschreiben, müssen wir weder Biologie noch Philosophie oder Theologie studieren, sondern lediglich auf uns schauen, denn wir leben. Jeder erlebt an sich selbst, was das bedeutet: Hoffen und Ängstigen, Freuen und Leiden, Begehren und Verabscheuen, Handeln und Erdulden, Erinnern und Erwarten – Schreiben, Tanzen, Denken, Singen oder der Muße Frönen.

Georges Canguilhem faßt das von uns Gemeinte in die Worte, „daß das Denken des Lebendigen vom Lebendigen selbst die Idee des Lebendigen herzunehmen hat“.

Unsere Vorstellungen von dem bzw. Theorien über das „Leben“ verdanken sich dagegen nicht einer solchen Selbsterfahrung, sondern der Beobachtung von Pantoffeltierchen und anderen Organismen. Das sind jedoch nur Körper, und diese leben ebensowenig wie der unsrige.

Wir Subjektivitäten leben und besitzen einen Körper, der weder lebt noch leben kann, weil er lediglich unserer subjektiven Welt angehört.

2.6.3. Leibhaftgkeit des Lebens und Theorien des "Lebens"

Wie weit unsere gegenwärtigen Theorien über das „Leben“ von der Leibhaftigkeit des Lebens entfernt sind, können wir ein ganz klein wenig erahnen, wenn wir die Künste, insbesondere die Belletristik betrachten. Die große Literatur mit ihren Romanen und Biographien entwickelt keine mehr oder weniger abstrakten Vorstellungen vom Leben, sondern versucht, es in seiner Leibhaftigkeit zu beschreiben.

Der wohl auch vom eingefleischtesten Biologen oder Mediziner kaum zu übersehende Unterschied zwischen den Büchern von – stellvertretend beispielsweise – Jacques Monod und Marcel Proust repräsentiert die Differenz, um die es mir geht.

Das ist jedoch keineswegs ein Vorwurf an die Biologen; sie sollen nicht das Leben beschreiben, sondern nützliche Theorien entwickeln. Das tun sie und sicherlich sogar sehr gut; andernfalls würden vielleicht heute noch Pest und Cholera bei uns wüten.

 

Daß letzteres nicht der Fall ist, beweist aber keineswegs, daß die Biologen als solche etwas vom Leben verstehen müßten. Vielmehr verhält es sich so, wie wir im ersten Teil am Beispiel des Sehens erklärt haben; ich zitiere mich der Einfachheit halber selbst:

„Wenn eine ‚Theorie des Sehens‘ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, muß sie noch lange keine Theorie des Sehens sein, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen.“

Und das läßt sich nahezu wörtlich verallgemeinern:

Wenn eine „Theorie des Lebens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, muß sie noch lange keine Theorie des Lebens sein, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen.

Die Biologie bzw. Medizin hat Pest und Cholera bei uns beseitigt; dieses Verschwinden bildet eine der notwendigen Voraussetzungen – der Leihaftigkeit – des Lebens. Von ihnen – und anderen Krankheiten – ist die Biologie also eine gute Theorie; das Leben beschreibt sie jedoch trotzdem ebensowenig wie die Physik das Sehen. 

 

Die Biologen tun, was sie können und sollen, nämlich der Leibhaftigkeit unseres Lebens dienen – wie die Physiker. Dazu müssen diese nicht wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, und jene nicht, worin das Leben besteht.

Als falsch, weil widersprüchlich, lebens-fremd und in seinen Konsequenzen möglicherweise tödlich, erweist sich jedoch der Übergang von der Biologie zum Biologismus, der die prinzipielle Differenz zwischen der Leibhaftigkeit des Lebens und den Theorien darüber nicht mehr sehen kann und die bloßen Vorstellungen vom „Leben“ mit dem Leben bzw. seiner Leibhaftigkeit verwechselt.

Das bedeutet zum einen, daß der Biologismus die Karte für die Landschaft hält.

Noch schlimmer ist zum anderen aber, daß er – im Irrglauben, das Leben zu durchschauen – die Landschaft im Sinne seiner Karte umgestalten, letzterer anpassen und somit künstliche Landschaften herstellen wird. In dieser virtuellen Realität „leben“ jedoch lediglich Zombies und Roboter.

Letztere können wir sicherlich in absehbarer Zeit auch bauen. Roboter, die sich bewegen, ernähren, fortpflanzen und ähnliches, dürften uns weder wissenschaftlich noch technisch vor unlösbare Probleme stellen. Mit ihnen hätten wir jedoch kein Leben geschaffen, sondern lediglich die unserem gegenwärtigen Welt(bild) entsprechenden Vorstellungen vom „Leben“ –  notwendige Voraussetzungen des Lebens also – in die Tat umgesetzt.

 

„Was heißt ‚in die Tat umgesetzt‘?

Ihrem Ansatz zufolge kann es doch nur bedeuten, daß die heutigen Nach-Denkungen des „Lebens“ dann auch zu Erfahrungen werden. Letztere sind bei Ihnen jedoch stets wirklich(L) und damit Erfahrungen des richtigen Lebens.

Was erfahren wir also tatsächlich, wenn sich der Biologismus durchsetzt?“

Beides – und das ist gerade das Schlimme daran.

Wir können heute schon mittels einer VR-Brille in einer virtuellen Realität „leben(VR)“; nichtsdestotrotz „lebt“ unser Körper weiterhin im Wohnzimmer, wo wir vielleicht mit dem Kopf und der Brille an die Wand stoßen, und zum dritten leben wir im Ursprung.

Die ersten zwei „Leben“ unterscheiden sich nicht prinzipiell, weil sie beide dem Welt(bild) angehören. Diese Parallele ist sogar sehr lehrreich; gemessen an der Leibhaftigkeit des Lebens hat unser normales „Leben“ schon sehr viel mit einer virtuellen Realität gemein, so daß nun auch verständlich wird, wieso Jacques Lacan es als imaginär betrachten kann.   

Aber einerlei ob wir nun eher zu normal-imaginär oder zu virtuell-imaginär tendieren:

Ohne die Leibhaftigkeit des Leben gibt es beide „Leben“ nicht.

 

Der Übergang von der Biologie zum Biologismus könnte sich dennoch als tödlich erweisen.

Oben hatten wir gesehen, daß es bei unserem Welt(bild) unverständlich bleiben muß, wie die Subjektivität mit ihrem Körper zusammenhängt. Es ist wichtig zu verstehen, daß dies nicht an unserem Ansatz, sondern am gegenwärtigen Welt(bild) liegt. Wir können doch nur innerhalb von ihm oder in seinem Rahmen denken. Je-der Selbe gehört niemals dazu – denn er ist keine bloße Konstruktion, die wir eben glauben oder auch  nicht –, aber unsere Konstruktionen können ihm „so nahe kommen“ oder so „subjektivitäts-freundlich“ sein, daß wir je-den Selben als Körper in unserem Welt(bild) „abholen“ bzw. „erkennen“ können.

Das ist bereits bei uns nicht mehr möglich; der Biologismus mag dazu führen, daß Subjektivität und Leben sogar undenkbar werden. Dann fehlt nicht nur die Verbindung von ihnen zum Körper bzw. „Leben“ – wie bei uns –, sondern man wird fragen müssen: „Was für eine Verbindung soll das sein?“  

Wir erfahren diese Tendenz bereits hautnah, wenn aus Subjektivitäten bloße Körper, aus Gesundheit eine Funktionstüchtigkeit, aus Heilen simples Reparieren, aus unserem Gehirn eine Hardware, aus Liebe ein Spiel der Hormone, aus Würde ein Wert (und damit eine ökonomiche Kategorie), aus Wahrheit Richtigkeit, aus Erziehen ein Abrichten, aus Freundschaft reine Nützlichkeitserwägungen, aus Begegnungen der Informationsaustausch, aus Hoffnung naiver Optimismus oder aus dem humanen Sterben ein biologischer Exitus werden.

2.6.4. Der Körper als notwendige Voraussetzung allen Erlebens

Das Sehen bildet in unserem Kulturkreis eine privilegierte Erlebens-Form; wir besitzen ein Augen-Welt(bild). Erinnern Sie sich bitte an unseren Vergleich mit dem Hören; die Band befindet sich dort, weil wir sie als Sehung in unser Welt(bild) einbauen; als Hörung müßte sie hier sein.

Entsprechendes gilt natürlich auch für Riechungen, Schmeckungen und Berührungen oder Tastungen; sie führen nicht zu Abständen, so daß ein zugehöriges Welt(bild) vollkommen aus dem Rahmen fallen müßte und gar kein Bild im engeren Sinne mehr wäre.

 

Martin Hedegger schrieb einmal: „Der Tisch berührt die Hauswand nicht, an die er gelehnt wird.“

Wahrscheinlich stutzen Sie beim Lesen ein wenig; der Satz ist zweideutig; wir müssen beide Verständnismöglichkeiten gut verstehen und auseinanderhalten.

Zum einen läßt sich das „berührt“ als „tangiert“ verstehen; es paßt nichts mehr zwischen Tisch und Hauswand. Dann hätte Martin Heidegger offensichtlich Unrecht; das meinte er also nicht.

Aber zum anderen stimmt es selbstverständlich, daß der Tisch die Hauswand nicht sieht, hört, riecht oder schmeckt – und in diesem Sinne eben auch nicht berührt.

 

All das können natürlich nur Subjektivitäten, und sie sehen zudem noch, daß der Tisch gegebenenfalls die Hauswand tangiert.

„Mein Körper entspricht somit eher dem Tisch als mir; er kann die Hauswand nur tangieren?“

Letzteres ist richtig; bei Ihrer Entsprechung würde ich Sie gerne korrigieren:

Der Körper könnte auch ohne uns Subjektivitäten die Hauswand tangieren, aber wir könnten ohne ihn nicht sehen, hören usw.; der eigene Körper gehört zu den notwendigen Bedingungen unseres Erlebens.

 

„Hoppla; das hatte ich jetzt nicht erwartet; mir war klar, daß wir ihn für das Erfahren benötigen. Daß unser Körper auch zum Nach-Denken erforderlich sein soll, ergibt sich doch nur aus dem Hype der gegenwärtig aktuellen ‚Lebens‘-Theorien, die immer nur das Gehirn im Kopf haben.“

Ich glaube, Sie begehen hier einen Denkfehler, denn wir müssen bei der Frage, wozu wir unseren Körper benötigen, zwei Antworten deutlich unterscheiden.

Der unselige Dualismus von Descartes, demzufolge ein materieller Körper dem geistigen Denken gegenübersteht, beeinflußt uns immer noch sehr stark. Danach benötigen wir unseren Körper natürlich zum Erfahren, aber zum Nach-Denken nicht; letzteres können auch körperlose Geister und vielleicht sogar Gespenster. 

Eine solche Argumentation vermute ich bei Ihnen ein wenig.

Da unser Ansatz keine Substanzen kennt, steht er natürlich im krassen Widerspruch zu diesem Cartesischen Dualismus, so daß sich meine Beantwortung der Frage, wozu wir als Subjektivitäten den eigenen Körper benötigen, nur auf unser Welt(bild) beziehen kann. Und ihm zufolge ist er für das Nach-Denken ebenso erforderlich wie für das Erfahren; ohne eigenen Körper gibt es für die Subjektivitäten keinerlei Erleb(ung)en.

 

„Wenn ich mir mit der Hand über den Kopf streiche, berührt dann die Subjektivität ihren Kopf mit der Hand oder ihre Hand mit dem Kopf?“

Beides ist möglich; die Subjektivitäten können sowohl den Kopf als auch die Hand berühren; ersteres geht nicht ohne Hand, letzteres nicht ohne Kopf.

Aber es sind verschiedene Subjektivitäten, die das eine bzw. andere tun, denn sie ergeben sich ja erst aus diesem Tun als das zugehörige Sich-Fühlen.

2.6.5. Wirklichkeit als Widerfahrnis

„Das war einleuchtend; aber ich habe noch ein ganz anderes Problem:

Ohne objektive ‚Welt‘ kann es doch auch kein Schicksal, keine Realität oder Härte des Lebens, ja letztlich nicht einmal Unfälle geben. Die subjektive Welt ist nur eine Projektion, hatten Sie mehrmals betont; aber wie sollte ich von der Projektion Auto überfahren werden können? Daß mich eine Giftschlange nur dann beißen kann, wenn ich (an) ihre Existenz(G) glaube, scheint mir schon sehr eigenwillig zu sein . . .“

Bevor wir uns konkret Ihren speziellen Einwänden widmen, kann ich schon eine ganz einfache Antwort vorausschicken:

Ich habe Ihnen die Wirklichkeit nicht weggenommen, sondern lediglich die traditionelle „Welt“ durch die Wirklichkeit des Lebens ersetzt – so daß Schicksal, Realität oder Härte des Lebens doch eher noch leichter zu verstehen sein müßten.

 

Beginnen wir mit Ihrem letzten Beispiel.

Ich bin überzeugt, daß es in der Gegend keine Giftschlangen gibt, und gehe entsprechend locker spazieren. Plötzlich schmerzt mir der rechte Fuß, mir wird leicht übel und ich sehe am Knöchel zwei blutige Punkte. Paradigmatisch sind zwei Reaktionen möglich:

 

Ich bin stur und bleibe bei meiner Überzeugung, daß hier keine Giftschlangen „leben“; dann kann mich logischerweise auch keine gebissen haben – und das hat sie tatsächlich nicht. Was nicht existiert(G), kann nicht beißen.

Die Annahme, es sei in Wirklichkeit doch eine Giftschlange gewesen, ich sei nur zu verbohrt, um das zuzugeben, entspricht dem traditionellen Glauben an Urbilder: Sie hat mich objektiv-real gebissen, auch wenn ich das nicht glaube, weil ich beratungsresistent bin. 

 

Diese Erfahrung – des Schicksals, der Realität oder Härte des Lebens – kann mich jedoch auch dazu bringen, meine bisherige Überzeugung rückblickend bzw. nachträglich als Irrtum zu erkennen. Auch jetzt existieren keine Giftschlangen im traditionellen Sinne; es kommt nicht die objektive „Welt“ wieder, sondern ich bin lernfähig und erkenne:

Wahrscheinlich fahre ich besser, wenn ich örtliche Giftschlangen in meine Welt aufnehme; das hatte ich bisher – nicht im traditionellen Sinne falsch, aber – etwas ungeschickt gemacht, und es wäre ja auch beinahe schiefgegangen.

 

Bei Ihrem Beispiel mit dem Auto verhält es sich völlig analog.

Von bloßen Projektionen in das Nichts können wir unmöglich überfahren werden.

Traditionell führt diese Selbstverständlichkeit zu der Schlußfolgerung, daß unsere Welt demzufolge nicht aus Projektionen besteht, sondern eine „Welt“ der Urbilder sein muß.

Diese Konsequenz ziehen wir nicht, geben aber natürlich zu, daß uns Projektionen nicht wirklich(L) etwas tun können.

 

Damit haben wir unsere Auflösung dieses scheinbaren Widerspruchs bereits angedeutet:

Das wirkliche(L) Tun gehört dem Leben an; nur hier gibt es Schicksal, Realität oder Härte – des Lebens

Bloße Projektionen tun nichts in diesem Sinne; sie belasten uns vielleicht seelisch, aber auch das können sie nur, weil wir die Projektionen sowohl zur vorausschauenden Orientierung als auch zur nachträglichen Erklärung dessen benutzen, was uns im Leben – an Schicksal, Realität oder Härte – begegnen könnte bzw. widerfahren ist. 

Wir dürfen, mit anderen Worten, nicht wieder die Leibhaftigkeit unseres Lebens – einschließlich des Schicksals, der Härte und Realität – mit den Theorien – als natürlich „ungefährlichen“ Projektionen in das Nichts – verwechseln.

 

Für die „Gestaltung“ und „Erklärung unseres Lebens“ ist es von fundamentaler Bedeutung, welche Theorien oder Nach-Denkungen wir glauben bzw. nicht-glauben. Erstere bilden unsere Welt-Projektion, aber darin leben wir nicht.

Die „Gestaltung“ und „Erklärung unseres Lebens“ ist selbst nur eine Nach-Denkung und damit keine Gestaltung und Erklärung unseres Lebens, sondern lediglich des „Lebens“. All das spielt im Welt(bild), und wir haben wieder das Leben mit einigen seiner notwendigen Voraussetzungen verwechselt.

Um leben zu können, darf ich tatsächlich nicht von einem Auto überfahren werden; das ist notwendig – reicht aber nicht hin. 

 

Beachten Sie bitte diesen Unterschied, der nicht ganz selbstverständlich ist:

Das Bezeichnen des „Lebens“ erfolgt im eigenen Welt(bild); dabei nutzen wir zwar die Erlebungen als Erlebungen, aber dafür kann es sich nicht auf das Leben beziehen.

Die gleichen Erlebungen können jedoch auch als bloße Werkzeuge zum Beschreiben des Lebens dienen. Dann pressen wir es nicht in das Prokrustesbett unseres Welt(bilds) hinein, in dem das Leben zum „Leben“ und damit getötet wird.

2.6.6. Selbstbeschränkung Gottes

Läßt sich das aktuale Unendlich vielleicht recht gut als unsere Übersetzung der traditionellen Allmacht und Ewigkeit Gottes verstehen, so spricht scheinbar dennoch ein wichtiger Punkt dagegen, Gott mit dem Ursprung zu identifizieren:

Er könnte dann nicht leben, denn das Leben besteht im Explizieren aus dem Ursprung und kommt somit zwar durch ihn, aber erst „nach“ ihm, so daß es zwar kein Leben ohne Gott gäbe, aber er selbst nicht leben würde.

Eventuell ist diese Konsequenz jedoch gar nicht so absurd:

Verzichtet Gott vielleicht auf sein eigenes Leben, um es uns, seinen Geschöpfen, zu ermöglichen? Der „Tod Gottes“ würde dann nicht sein Leben beenden, sondern das unsrige eröffnen?

Dazu paßt, daß der Ursprung nur implizit ist, das heißt, niemals in Erscheinung tritt oder (zum) Phänomen wird; wir haben ihn nur als All-Ermöglichung erschlossen.

 

Diese Idee der Selbstbeschränkung Gottes bildet – etwa als Zimzum – einen fundamentalen Gedanken in der jüdisch-christlichen Mystik. Damit ist der Ursprung nicht nur Selbstverursachung, sondern zugleich Selbstgabe und – als „Tod Gottes“ – Selbsthingabe (Jean-Luc Marion), was freilich nichts mit Jesu Tod am Kreuz zu tun hat.

Aber nur so wird unser Leben möglich; wir leben durch den, in und aus dem Ursprung, indem wir eine der potentiell unendlich vielen Möglichkeiten, die er als aktual unendlicher bereithält,  zur Leibhaftigkeit unseres Lebens verwirklichen.

Unser Leben tritt somit an die Stelle desjenigen Lebens, das sich der Ursprung selbst versagt, um das unsrige – und damit uns selbst – zu ermöglichen.

 

Die Selbstbeschränkung des Ursprungs entspricht einer freiwilligen Ohnmacht, die uns leben läßt, nicht nur ohne vom Ursprung zu wissen, sondern sogar, indem wir ihm zuwider denken, sprechen oder handeln.

Der Ursprung öffnet sich uns, macht sich angreifbar und verletztlich, was man traditionell als Passionsgeschichte erzählen, aber nicht verstehen kann. Bei uns kommt dieses Sich-Öffnen darin zum Ausdruck, daß wir potentiell unendlich viel vom Ursprung unserem Leben anverwandeln können und Gott sogar diese Fülle des Lebens – sich selbst also – für uns will; wobei jedoch der gröbste Mißbrauch unsererseits möglich ist.

 

Allein in unserem oder durch unser Leben wird der Ursprung – freilich mehr oder weniger – sichtbar, immanent, unverborgen, ausgefaltet bzw. explizit. Es ist ein Leben durch den Ursprung, aus und in ihm sein – lediglich nicht von ihm.

Indem wir den Ursprung zu unseren Erfahrungen explizieren, wird Gott in unserem, als und durch unser Leben irgendwie explizit – wie auch immer. Jedes Leben sollte somit eine Darstellung Gottes sein, eine endliche, ganz spezielle oder einzigartige Verwirklichung dessen, was der Ursprung uns ermöglicht, indem er selbst darauf verzichtet.

2.7. Postmoderne Triade: Ursprung – Leben – Erlebungen

Dem traditionellen Denken lag im Mittelalter häufig die klassische Triade „Gott – Mensch – ‚Welt'“ zugrunde; alles natürlich in Form von Urbildern. Wir wollten uns nur von letzteren lösen und sind somit nicht allzu überrascht, daß diese Triade in der Form „Ursprung – Leben – Erlebungen“ wiederkehrt, wobei die letzten beiden Entitäten dem kontinuierlichen bzw, diskreten Teil des Bewußtseins entsprechen.

Wir stellen die wichtigsten Begriffe im Umfeld unserer Triade nochmals systematisch zusammen und greifen dabei der Vollständigkeit halber schon ein wenig vor.

Insbesondere soll deutlich werden, daß die drei Komponenten disjunkt sind, das heißt, keinerlei Überlappungen zwischen ihnen bestehen: Der Ursprung ist ununterschieden, das Leben besteht im Unterscheiden und die Erlebungen sind (bereits) unterschieden.

Natürlich wären die Immanenz ohne die Transzendenz und die Erlebungen ohne das Leben gar nicht möglich, aber das ist eine völlig andere Frage.

 

 

Transzendenz Immanenz
Schöpfer { Schöpfer + Schöpfung }
aktual unendlich potentiell unendlich
             
URSPRUNG     LEBEN ERLEBUNGEN
      Unterscheiden Unterscheidungen
implizit     Explizieren explizit
undifferiert     differiert  
das „Eine“            
  Unbewußtsein Bewußtsein
Vorgegebenes Wirken Phänomene / Gegebenes
    Eigenperspektive
             
          Erfahrungen Nach-Denkungen
wirklich(U)     wirklich(L) (un)wirklich(G)
         
    kontinuierlich diskret
  unbewußt bewußt gewußt
  zeitlich zeitlich zeitlos
wirklich-an-sich   wirklich-für-sich wirklich-für-uns
benennbar benennbar bn. und beschreibbar bn., bs. und bezeichenbar

 

Abbildung 2.7.

2.7.1. Namen

„Gut, daß Sie gleich mit dem Thema beginnen; weshalb ist es erwähnenswert, daß der Ursprung und das Unbewußtsein benennbar sind? Einen Namen können wir doch jeder Entität geben.“

Das ist richtig, aber Sie benötigen die Entität. Wenn die Urbilder fehlen, müssen wir also irgendwie erklären, ableiten oder verdeutlichen, wem wir den Namen geben wollen; nicht er ist das Problem, sondern dasjenige, was dieser Name benennen soll.

Was wir bezeichnen können, läßt sich auch beschreiben; umgekehrt kann das Leben nur beschrieben, aber nicht bezeichnet werden.

Und in diesem Sinne können wir den Ursprung und das Unbewußtsein nur benennen, jedoch nicht beschreiben und schon gar nicht bezeichnen; deswegen hatte ich so umständlich geschrieben, daß wir „irgendwie erklären, ableiten oder verdeutlichen“ müssen, wer den Name erhalten soll. 

 

Das muß deutlich werden, während der Name leer bleibt – und damit völlig gleichgültig ist; vielleicht abgesehen von den Assoziationen, die er bewirkt.

  „CR7jt“ ist ein Name; er kann und soll nichts mitteilen. Sagt Ihnen „Moritz“, daß es sich höchstwahrscheinlich um einen Jungen oder Mann in MItteleuropa handelt, dann nur deswegen, weil „Moritz“ nicht nur Name ist. Wir beschränken uns in diesem Abschnitt auf reine Namen.

Als Beispiele dienten uns bisher unter anderem „Ursprung“, Transzendenz“, „Gott“ oder „Wirklichkeit(U)“. Da nur „ein“ Undifferentes existieren kann, müssen die vier soeben Benannten zusammenfallen, so daß es letztlich falsch wäre zu sagen, Gott sei transzendent oder der Ursprung wirklich(U).

Vielmehr ist Gott die Transzendenz oder der Ursprung die Wirklichkeit(U) – und das ist Gott, aber keine Eigenschaft von ihm.

 

Und dies ist exakt die Stelle, die das traditionelle Denken meines Erachtens weitestgehend nicht versteht:

Da die Wirklichkeit(U) keine bloße Konstruktion darstellt, kann sie nicht dem Welt(bild) angehören – denn das ist eine bloße Konstruktion. Gehört „Gott“ zum Welt(bild), dann haben wir ihn konstruiert, so daß er nicht Gott, sondern ein Götze ist – wie Baal oder das Goldene Kalb.

Gott kann folglich nicht auch, sondern nur außerhalb des Weltbilds wirklich(U) sein.

Damit können wir ihn weder beschreiben noch bezeichnen, sondern nur benennen. Namen gehören jedoch nicht zum Symbolischen, da sie nicht als Signifikanten wirken oder keine Verbindung zum Unbewußtsein besitzen.

Da Namen folglich nichts besagen (können), sind ausnahmslos alle möglich; neben den vier obigen Beispielen unter anderem auch JHWH, Jehova oder Allah. Wer wegen des „richtigen“ Namens streitet, verteidigt lediglich seine Hinterwelt.

 

Wir hatten schon des öfteren angedeutet, daß die Tradition zwischen Daß oder Existenz auf der einen Seite und Was bzw, Essenz auf der anderen unterscheidet.

Ihr zufolge bestehen sämtliche Urbilder in der Einheit dieser beiden Seiten, während die Abbilder davon – natürlich – nur die Was oder Essenzen enthalten können. Pures Daß oder reine Existenz bzw. Wirklichkeit(T) gibt es hier nicht.

Bei uns kommen dagegen alle drei Denkmöglichkeiten vor. Holzschnittartig können wir die beiden Ansätze wie nachfolgend einander gegenüberstellen.

 

 

traditioneller Ansatz reines Daß
{ Was + Daß } reines Was
  ————– Urbilder Abbilder
         
ontolog. Explikationismus reiner Inhalt
{ Was + Inhalt } reines Was
  reine Wirklichkeit { Signifikat + Facette } { Signifikat + Anschauung }
  Ursprung Leben Erfahrungen Nach-Denkungen
  wirklich(U) wirklich(L) wirklich(L) (un)wirklich(G)
  benennbar beschreibbar bezeichenbar

 

Abbildung 2.7.1.

 

Der Tradition zufolge müßte einerseits alles bezeichenbar sein; andererseits merkt wohl jeder an seinem eigenen Leben, daß dies unmöglich ist.

 

„Das war hilfreich! Nun müßten Sie mir nur noch erklären, was CR7jt von JHWH unterscheidet.“

Das ist nicht schwierig; CR7jt und Moritz gehören zum subjektiven Weltbild und bilden darin lediglich – erwartete oder unerwartete – Leerstellen, die sich bei Bedarf durch Nachfragen völlig problemlos schließen lassen und dann zu Nach-Denkungen oder vielleicht sogar Erfahrungen führen.

 

Daß Leerstellen einen geeigneten Begriff darstellt, sehen wir auch daran, daß wir sie nicht selbstständig auffüllen können – weil sie völlig leer oder weltbildlos sind.

Fromme Christen berichten mitunter, sie hätten beispielsweise Maria erfahren; in Medjugorje beispielsweise. Ich bestreite das nicht, sondern bemerke nur, daß ein gläubiger Hindu bei der „gleichen“ Erfahrung vielleicht von Ganga sprechen würde. Beide mit dem übereinstimmenden Argument: „Wer soll es denn sonst gewesen sein?“ – obwohl sie natürlich weder den Körper von Maria noch den von Ganga kennen und wahrscheinlich nur über eine von beiden Nach-Denkungen verfügen.

 

„Sie haben die Sprache als intersubjektive Wechselwirkung eingeführt, und daraus ergab sich bei Ihren Überlegungen, daß sie nur ungewußt sein kann. Namen sind aber intersubjektiv und trotzdem gewußt!“

Nein; Namen sind nicht intersubjektiv.

Wenn Sie mit jemandem sprechen, der Moritz nicht kennt, versteht er alles, was Sie sagen – nur „Moritz“ nicht. Daß sich werdende Eltern einen – letztlich willkürlichen – Namen für ihr Baby überlegen können, bildet ebenfalls ein deutliches Beispiel.

Selbst wenn sich sehr viele Subjektivitäten auf einen Namen einigen, bedeutet das keine Intersubjektivität, denn Sprache setzt keine Einigung voraus, sondern bewirkt sie

2.7.2. Vielheit der Urbilder – Einheit der Erlebungen

„Ich muß noch einmal auf Ihre Definition der Urbilder zu Beginn unserer Überlegungen zuückkommen. Sie hatten dort geschrieben, sie seien – völlig widersprüchlich – das angebliche Wissen, das man in Wirklichkeit aber nicht weiß.

Wenn ich jetzt ein Fremdwort benutze, Paralipomenon beispielsweise, und Sie wissen nicht, was das ist, dann stellt ‚Paralipomenon‘ auch für Sie nur ein Wort dar; wie ‚das Gute‘ in Ihrem Beispiel. Vielleicht fragen Sie mich, was das ist, und ich erkläre es Ihnen.

Was ist dabei anders als bei den Urbildern?“ 

 

Da besteht ein gewaltiger Unterschied! Ich könnte Ihnen ganz kurz antworten:

Auch unbekannte Fremdwörter bezeichnen ledglich Leerstellen im Weltbild und sind somit bloße Namen.

 

Ausführlicher würde ich etwa Folgendes sagen.

Ich weiß nicht, was das Wort „Paralipomenon“ bezeichnet, aber Sie wissen es und damit, was Paralipomena sind. Das bedeutet, daß Sie es mir erklären können; das ist freilich nur möglich, weil Paralipomena für Sie eine Erlebung darstellt.

Erlebungen stehen nicht einzeln oder getrennt nebeneinander, sondern bilden eine integrale Einheit, nämlich unser subjektives Weltbild. Das bedeutet ein Zweifaches:

 

Zum einen, daß die Erlebungen wie bei einem Netzwerk alle untereinander verbunden sind und sich gegenseitig tragen. „Wird nur eine von ihnen anders“, so wirkt sich das – zumindest ein klein wenig – auf alle übrigen Erlebungen aus, so daß gar nicht nur eine von ihnen anders werden kann.

Schon um nach einer Erlebung fragen zu können, benötigen wir andere; und noch offensichtlicher wird dies beim Antworten. Prinzipiell kann jede unserer Erlebungen hinterfragt werden, aber nicht alle zugleich, weil sie für die Antworten erforderlich sind. Die integrale Einheit der Erlebungen – unser Weltbild – muß also stets hinreichend stabil bleiben, sonst sind sie alle weg.

 

Zum anderen ist das Netzwerk der Erlebungen in sich abgeschlossen; sie genügen sich selbst. Was auch immer wir mit ihnen tun – Überlegen, Erklären, Aufzeigen oder Interpretieren zum Beispiel –, führt wieder zu Erlebungen und niemals aus ihrer Einheit heraus.

Nichts ermöglicht es uns, den Zusammenhang oder Kreis der Erlebungen zu verlassen.

„Doch; das Zeigen zum Beispiel. Wir müssen die Frage, was ein Baum ist, nicht – wie Sie hier unüberlegt voraussetzen – mittels anderer Erlebungen sprachlich beantworten, sondern können auch ganz einfach auf einen Baum zeigen.“

Nein; Ihre Tradition glaubt unüberlegt, auf wirkliche(T) Bäume zeigen zu können. Wir sind bescheidener und begnügen uns damit, daß es möglich ist, auf Baum-Erfahrungen zu verweisen. Diese gibt es aber ohne das Baum-Signifikat gar nicht, so daß wir mit unserem Zeigen keineswegs aus dem Weltbild ausbrechen, sondern dieses sogar zum Zeigen benötigen.

Wir erreichen mit unserem Zeigen, anders ausgedrückt, nicht eine angebliche Wirklichkeit vor dem Nach-Denken, sondern nur die nach-gedachte Wirklichkeit(G) der Erfahrungen.

 

Nun sollte deutlich sein, von welchem gewaltigen Unterschied ich oben gesprochen habe.

Urbilder sind im glatten Gegensatz zu unseren Erlebungen vollkommen unabhängig oder getrennt – nicht nur unterschieden (!) – voneinander und willkürlich; 1 000 Urbilder entsprechen 1000 einzelnen Überraschungen. Natürlich mag, wer Urbilder glaubt, auch noch 100 urbildliche Zusammenhänge zwischen ihnen behaupten; aber damit weist er mir keinen Denkfehler nach, sondern erhöht lediglich die Anzahl der Urbilder auf 1 100. 

Sie befinden sich ausnahmslos in der Hinterwelt; wie sollte man ihnen dort Worte zuordnen können? Welches Urbild ist Paralipomena und welches Paralipophobie? Und was bedeutet „welches“? Gibt es auch Dlibru?

– „Nein!“ Warum nicht?

– „Ja!“ Warum?

 

Ich weiß im Gegensatz zu Ihnen nicht, was Paralipomena sind; aber abgesehen davon könnten unsere beiden Weltbilder theoretisch übereinstimmen; gehen wir der Einfachheit halber einmal davon aus.. Sie müßten mir dann nur sagen, wie die Paralipomena mit all den anderen uns gemensamen Erlebungen zusammenhängen.

Noch ist „Paralipomena“ bei mir der Name für eine Leerstelle und entsprichtt „CR7jt“ oder „Moritz“. Erklären Sie mir jedoch, was Paralipomena sind, so wird diese Leerstelle zu einer Nach-Denkung oder vielleicht sogar Erfahrung, und der „Name“ ist kein Name mehr, sondern eine Bezeichnung.

 

„Wenn wir mit Namen nichts beschreiben können, geht es natülch auch mit – anderen – Worten nicht, Wir tun es nur indirekt oder mittelbar, denn die „funktionstüchtigen“ Worte dienen lediglich als Medium, um mittels der Erlebungen, die diese Worte bezeichnen, das Leben beschreiben zu können.“

Sehr schön; und deswegen kommt die große Belletristik unserem Leben viel näher als wissenschaftliche Bücher der Biologie oder Medizin, die natürlich – mit Recht (!) – Wert darauf legen, wiederholbare Erlebungen möglichst sauber zu bezeichnen.

Es geht absolut nicht darum, die exakte Wissenschaft zu desavouieren; für eine menschliche Zukunft ist sie unersetzlich. Aber dafür wäre es ebenso entscheidend, die exakte Wissenschaft auch nicht zu verabsolutieren – und diese Gefahr scheint heute die bei weitem größere zu sein.

2.7.3. Weltbild als Werkzeug des Erfahrens

Die Annahme, wir könnten das Weltbild hinter uns lassen und mittels des Zeigens auf eine ihm zugrundeliegende oder zuvorkommende weltbildunabhängige Natur verweisen, ist enorm verführerisch und infolgedesen auch weit verbreitet.

Dahinter steckt wohl nicht unwesentlich der traditionelle Hylemorphismus, ein Dualismus von Form und Materie. Letztere bildet ihm zufolge das Primäre, das erst noch zu Seienden geformt oder auf den Begriff gebracht werden muß.

Wir setzen dem entgegen, daß aus dem impliziten Ursprung heraus expliziert oder erfahren wird und uns somit – niemals eine vorbegriffliche Natur oder Materie, sondern – immer schon und ausschließlich Erfahrungen gegeben sind. Sie können natürlich den unterschiedlichsten Weltbildern angehören und demzufolge insbesondere sowohl herrlich integral als auch deprimierend diskretisiert sein; aber es sind vollständige Erlebungen oder Etwas, denen nichts fehlt. 

 

Es gibt beispielsweise kein „Helleuchtendes am wolkenlosen Mittagshimmel“; das wäre traditionell hylemorphistisch gedacht: Die ungeformte Materie muß erst noch auf den Begriff gebracht werden.

Wir ersetzen dieses zeitlose Denken durch ein zeitliches; dann ist das helle Leuchten am wolkenlosen Mittagshimmel – nichts anderes als – das Sehen.

Sie erinnern sich: Das Hören ist das Läuten oder „Glockeln“, das Riechen entspricht dem Duften bzw. „Roseln“ und das Sehen dem Leuchten oder „Glühwürmeln“.

 

Duch das Erfahren oder Explizieren entsteht die Erfahrung Sonne; eine Erlebung, von der wir viel erzählen können, über Gaskugeln, Kernfusion, Wasserstoff oder Helium usw.

Eine andere Möglichkeit kennen wir von den alten Ägyptern; unsere Sonne war bei ihnen bekanntlich der Gott Re.

Die „aufklärerische“ Überzeugung, die Ägypter seien naiv gewesen, denn es ist tatsächlich die Sonne und nicht Re, bildet in Wirklichkeit das Naive, weil sie – natürlich ebenso wie die gegenteilige Annahme – (an) Urbilder glaubt, denn ohne letztere besitzt dieses „tatsächlich“ keinen Sinn.

Das bedeutet jedoch, daß es ohne uns nicht nur keine Atombomben gäbe, sondern auch keine Sonne.

 

Natürlich könnten wir eine Rakete zur Sonne resp. zum Re schießen um nachzuschauen, „wer Recht hat“. Nach einem hinreichend langem Flug, würde die Rakete vielleicht verglühen.

Aber etwas Ähnliches hätten die alten Ägypter wohl auch prophezeit, denn man schießt nicht ungestraft Raketen auf einen Gott. Das hätten sie niemals getan; ebenso wie es für uns absurd wäre, die Sonne anzubeten.

 

Georg Picht verweist auf seine Türklinke, um sofort rückzufragen:

Was heißt hier „Türklinke“? Ja, auch; im partiellen Denk-Horizont der Wohnungseinrichtung. Im Horizont der klassischen Mechanik hätten wir einen Hebel und im Horizont der Geschichte vielleicht eine Antiquität. Die „Türklinke“ kann ein Sicherheitsrisiko, ein Ärgernis oder Erinnerungsstück sein, eine Quietschquelle oder Spielzeug für die Enkel, ein Unfall- oder Reparaturschwerpunkt usw.

Sie ist an sich nichts von alledem und auch nichts anderes, weil sie ohne zu einer Erfahrung expliziert worden zu sein, gar nicht existieren würde.

 

Kenneth Gergen illustriert unsere Variationsmöglichkeiten an folgendem Beispiel:

Wenn wir sehen, wie Moritz seinen Garten umgräbt, entspricht dies bereits einer ganz speziellen Explikation. Vielleicht gräbt er aber auch gar nicht um, sondern sucht nach einem Schatz; ist verarmt und muß Kartoffeln anbauen; hat eine Wette verloren; braucht körperlichen Ausgleich; will seine Frau beeindrucken oder die Nachbarin; vielleicht probiert Moritz auch nur, ob er der Anstrengung noch gewachsen ist; will etwas verstecken, hat etwas versteckt oder sucht es – eine Leiche vielleicht . . .

 

Das läßt sich verallgemeinern:

Wenn jemand sagt „So ist es“, korrigieren wir in Gedanken „So kann man es also auch sehen“. Und laufend werden wir überrascht, welche verrückten Varianten dabei noch auftreten mögen.  

 

Fossilien beweisen nicht die Wirklichkeit der Evolution, sondern unser heutiges Erfahren erfolgt weitgehend mit dem Werkzeug Evolutionstheorie, und das bewirkt Fossilien-Erfahrungen.

Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: Nicht führen uns die Fossilien zur Evolution; vielmehr bringt die Evoltionstheorie die Fossilien hervor.

Glaubten wir statt der Evolutionstheorie die „Deutschen Heimatsagen“, würde das entsprechende Erfahren – keine Fossilien, sondern – die Knochen der Riesen ergeben, von denen wir natürlich auch immer schon wußten, daß sie in dieser Gegend gehaust haben müssen.

Unsere divergierenden Überzeugungen sind nur möglich, weil es keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten gibt. Wir erfahren immer schon mit Vorurteilen, und diese führen zu Erfahrungen, die – wenn oder solange dies möglich ist – selbstverständlich unsere Vorurteile bestätigen.

So entsteht unser Weltbild, von dessen Wahrheit wir möglicherweise felsenfest überzeugt sind – weil immer alles paßt. Aber darin besteht ein Kurzschluß, weil das Nicht-Passen für eine lange Zeit ausgeschlossen ist.

2.7.4. Interpretationen und das "Außerhalb des Textes"

Das Leben können wir beschreiben, und unsere Beschreibungen sind mehr oder weniger zutreffend, denn sie beziehen sich auf eine bereits bestehende Wirklichkeit, nämlich die Wirklichkeit(L). Da dieses Beschreiben aber notwendigerweise innerhalb des eigenen Weltbilds und mittels seiner Erlebungen erfolgt, besteht immer wieder die Gefahr, das Entscheidende nicht im Leben, sondern im Weltbild zu sehen.

 

Das hat zwei wichtige Konsequenzen.

Zum einen geht es dann nicht mehr um uns und unser Leben, sondern nur noch um ein Weltbild, das möglicherweise aber auch gar nichts mit uns zu tun hat.

Zum anderen entfällt damit die Wirklichkeit(L), so daß die Tradition glaubt, sie durch die urbildliche Wirklichkeit einer „Welt“ ersetzen zu müssen.

Friedrich Nietzsche schrieb schon vor über 100 Jahren „Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen“. Das stimmt freilich nur, weil auch er vom Leben zum Weltbild überging.

 

„Ihr Nach-Denken und Schreiben gehören zum Leben; mein Lesen und Verstehen natürlich ebenfalls. Aber unsere Nach-Denkungen bzw. Verstehungen sind Elemente der jeweiligen Weltbilder. Daß es nur Interpretationen und keine Tatsachen eben soll, kann sich also allein auf das Weltbild – aber nicht auf das Leben – beziehen.

Das bedeutet dann freilich, wenn ich das sagen darf, daß Ihre Nietzscheanische Überzeugung, es gäbe nur Interpretationen, auch nur eine Interpretation darstellen kann.“

Selbstverständlich; was sollte es auch sonst sein können? Es gibt doch innerhalb des Weltbilds gar nichts anderes! Sie dürfen Ihr „nur“ lediglich nicht abwertend, sondern müssen es ausschließend verstehen:

Unsere Erlebungen oder Überzeugungen bestehen allein in Interpretationen – und das ist meine Interpretation, mit der ich versuche, meinem bisherigen Leben gerecht zu werden. Wollte ich damit einen Wahrheitsanspruch erheben, würde ich mir selbst widersprechen.

Aber eine solche Überzeugung kann nur jemandem wehtun, dem eine angebliche „Welt“ wichtiger ist, als er sich selbst.

 

Daraus folgt jedoch keineswegs, um diesem häufigen Einwand gleich noch zu begegnen, daß alle Erlebungen – wenn sie nur Interpretationen darstellen – belanglos sein müßten. Das sind sie natürlich nicht; sie langweilen oder interessieren uns, wirken tödlich oder bewahren vor Schaden, machen uns glücklich bzw. depressiv, lassen uns lachen oder weinen usw.

So war das immer schon; aber die Tradition sucht hinter den Erlebungen etwas, was über dieses bloße „Glaubensangebot mit Orientierungsfunktion“ hinausgeht. Das kann jedoch prinzipiell nicht gefunden werden, denn wenn wir es haben – stellt es lediglich eine neue Interpretation dar; die Urbilder sind Interpretationen ihrer angeblichen Abbilder.

Und so – durch das Interpretieren der Interpretationen – ereignet sich Geschichte.

 

Die Interpretationen sind somit solche von vergangenen Interpretationen von vergangenen Interpretationen von . . .; niemals stoßen wir in dieser Abfolge auf Tatsachen; das meinte Friedrich Nietzsche.

 Jacques Derrida zufolge bedeutet dies, daß „es kein Außerhalb des Textes gibt“.

Da würde ich ihm jedoch gern widersprechen; er sucht das Außerhalb des Textes nur an der falschen Stelle. In der Kette der Interpretationen finden wir es tatsächlich nicht; weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft.

Aber das ist doch nur die zweite unserer beiden Seiten von soeben; wer kein Außerhalb des Textes sieht, hat die erste Seite vergessen, hat vergessen, daß es gar nicht um Tatsachen – in einer angeblichen „Welt“ – geht, sondern allein um uns und unser Leben

Die gegenwärtige – und damit eo ipso vorerst letzte – Interpretation ist, mit anderen Worten, nicht nur eine weitere Interpretation ihrer Vorgänger, sondern mit ihrer Hilfe beschreiben wir zudem auch unser Leben als das Außerhalb des Textes.

 

Ich bin überzeugt, daß wir diesen Gedanken ganz konsequent beibehalten und auf jede Überlieferung anwenden müssen. Am Beginn des Buches hatte ich unter anderem geschrieben, daß wir unser Denken niemals bei unhinterfragten – auch noch so „heiligen“ – Texten beginnen dürfen. Warum denn bei diesen und nicht bei jenen?

Natürlich haben wir immer nur Interpretationen; aber eben deswegen stellt jede Textstelle auch lediglich eine Interpretation dar und darf folglich nicht zum das Non plus ultra stilisiert, sondern muß weiterinterpretiert werden.

Jesus sagte des öfteren sinngemäß: „Die Propheten haben gelehrt . . ., ich aber sage Euch . . .“ 

Und was jetzt von Jesus kommt, wird kirchlicherseits zumeist als das letzte Wort in diesem Zusammmenhang verstanden.

Ich sehe das völlig anders:

Jesus interpretiert die Interpretation der Propheten, und Nachfolge Christi wäre es, in diesem Sinne fortzufahren, indem wir seine Interpretation erneut interpretieren, das heißt, in unsere Gegenwart oder unser Leben übersetzen.

„Jesus hat gesagt; ich aber sage Euch . . .“

2.7.5. Wirklichkeit-an-sich, -für-sich oder -für-uns

„Ihre postmoderne Triade spiegelt scheinbar exakt die drei Wirklichkeits-Arten wider; Ursprung, Leben und Erlebungen entsprechen den Wirklichkeiten(U), (L) bzw. (G). Aber damit ist nichts gesagt, denn das sind – abgesehen von der (Un-)Wirklichkeit(G) – bisher nur leere Worte; Sie müßten erst einmal erklären, worin die anderen beiden Wirklichkeiten bestehen sollen.“

Sie haben Recht; ich versuche es mittels einer recht traditionellen Begrifflichkeit.

 

1. Wirklichkeit(U) als Wirklichkeit-an-sich

Nur der Ursprung steht in sich oder ist autark; das heißt, er ermöglicht sich selbst und die anderen beiden Glieder der Triade.   

 

2. Wirklichkeit(L) als Wirklichkeit-für-sich

Wir verstehen darunter das Leben, das nicht sich selbst gegeben ist – wie der Ursprung –, sondern in diesem Sich-selbst-gegeben-Sein besteht.

Das klingt schwieriger als es ist: Es gibt nicht das Leben, und zudem weiß, fühlt oder erfährt es sich selbst auch noch, denn dann müßte das Leben ja – im Sinne von 1. – an-sich-wirklich sein.

Das Leben besteht im Sich-Fühlen, -Spüren oder -Empfinden; es berührt und umschlingt sich nicht selbst, sondern ist das „Sich-selbst-Umschlingen“ oder „-Berühren“ (Michel Henry).

„Hatten wir das nicht bisher als Subjektivität definiert?“

Das ist richtig; wir benötigten die Subjektivität schon, als ich das Leben noch nicht erklären konnte, widersprechen mit dieser „Erweiterung“ aber nicht unseren bisherigen Überlegungen. Da es im Leben keine Negation gibt, können wir daran zwar Subjektivität und verbales Leben differieren, aber weder stellt die Subjektivität ein verbales Nicht-Leben dar noch das verbale Leben eine Nicht-Subjektivität.    

 

3. Wirklichkeit(G) als Wirklichkeit-für-uns

Die Wirklichkeit-für-sich setzt die Wirklichkeit-an-sich voraus; letztere ermöglicht das Leben direkt und damit indirekt oder vermittelt über dieses die Erlebungen; Wirklichkeit-für-uns wird aus ihnen, wenn wir (an) sie glauben.

Urbilder stellen das ideale Gegenbeispiel dar, um die Wirklichkeit-für-uns gut zu verstehen:

Der urbildliche Stein beispielsweise wird objektiv-real warm in der urbildlichen Sonne, spürt, weiß oder ahnt aber nichts davon; für ihn gibt es weder Sonne noch ein Warm-Werden. All das existiert nur für uns – und damit entfallen die Urbilder.

 

„Mit der Wirklichkeit-an-sich habe ich kaum noch Schwierigkeiten; aber Ihre Unterscheidung zwischen den Wirklichkeiten für-sich und für-uns scheint mir problematischer zu sein, denn sowohl das „sich“ als auch das „uns“ beziehen sich – nach Ihrer ‚Eweiterung‘ – auf uns Subjektivitäten.“

Das ist zwar richtig, aber dennoch besteht zwischen beiden ein fundamentaler Unterschied:

 

Die Wirklichkeit-für-sich kann nur als konstituierend verstanden werden und ist somit verbal oder zeitlich; es geht um das Schmerzen oder Leiden, Genießen oder Sich-Erbauen.

Die Wirklichkeit-für-uns ist dagegen bereits konstituiert, wird lediglich wiederholt und ist folglich substantisch oder zeitlos.. Nun sind es die Schmerzen oder Leiden, die Genüsse oder Erbauungen.

Beides zusammen bildet das subjektive Bewußtsein oder die Eigenperspektive. Wir hatten bereits darauf hiingewiesen, daß die traditionelle Unterscheidung zwischen den Perspektiven der ersten bzw. dritten Person unhaltbar ist, weil sie die Intersubjektivität als Übereinstimmung verstehen muß.

Ohne letztere können wir phantastisch über die Schmerzen, Leiden, Genüsse und Erbauungen sprechen, weil sie sich – trotz aller Nicht-Übereinstimmung – bezeichnen lassen.

 

Das Leben spielt im traditionellen Denken nur eine sehr untergeordnete Rolle; alles wird möglichst auf der Basis von Erlebungen geklärt. Dabei darf natürlich die Wirklichkeit, die über das bloße Glauben hinausgeht, nicht verschwinden, so daß sie anhand der Erlebungen konstituiert werden muß, was zu den Urbildern als einer Wirklichkeit(T) führt.

2.7.6. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein

Die Behauptung, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, stellt traditionell kein (gutes) Argument dar.

Die „Welt“ ist uns vorgegeben, und wenn unsere Überlegungen ihr widersprechen, müssen sie falsch sein; wir haben entweder inadäquat abgebildet oder unrichtig gedacht.

Natürlich wird hierbei – zumeist unausgesprochen und wie selbstverständlich – vorausgesetzt, daß die „Welt“ selbst widerspruchsfrei sein muß; aber weshalb eigentlich? Was hat die Wirklichkeit einer angeblichen „Welt“ mit den Gesetzen der Logik zu tun? Warum soll unrichtiges Denken der „Welt“ widersprechen? Zum Glück müssen wir derartige Fragen nicht beantworten.

 

Mein Lieblings-Beispiel stellt in diesem Zusammenhang das Theodizee-Problem dar; es meint den Widerspruch zwischen der Liebe sowie Allmacht Gottes auf der einen Seite und dem (menschlichen) Leid auf der anderen. Wenn beide Seiten adäquat abgebildet sind – Gott also wirklich lieb und allmächtig ist, während wir tatsächlich leiden (können) –, muß ihre Widersprüchlichkeit aus einem Denkfehler resultieren, den es zu korrigieren gilt.

Leibniz beispielsweise tut dies durch die Annahme, Gott habe in seiner Liebe und Allmacht die „beste aller möglichen Welten“ geschaffen; mehr oder Größeres – und damit insbesondere Leidfreieres – konnte er gar nicht bewirken.

Wer das glaubt, erlebt vielleicht keinen Widerspruch mehr, fragt sich aber möglicherweise, ob die beste aller möglichen Welten nötig gewesen wäre oder Gott nicht besser auf seine Schöpfung hätte verzichten sollen..

 

Ich bin dagegen überzeugt, daß prinzipiell unlösbare Probleme stets aus unseren falschen Prämissen resultieren. Wir produzieren die Nach-Denkungen – Theorien, Paradigmen, Wissungen oder Signifikate – doch selbst; entstehen bei ihrer Anwendung unlösbare  Probleme, so müssen wir unsere Erzeugnisse korrigieren, denn sie stellen lediglich – mehr oder weniger willkürliche – Denkwerkzeuge dar und keine Abbildungen einer angeblichen Wirklichkeit. Es nützt nichts, richtig zu denken, wenn wir dabei das falsche Werkzeug benutzen. 

Was nicht sein darf – Widersprüche beispielsweise –, kann also nur sein, wenn wir selbst Fehler begehen, ungeschicktes Werkzeug benutzen oder falsch denken.   

 

Die Gravitationskraft beispielsweise ist keine Sache, die von uns erkannt wurde, sondern ein Signifikat, das Newton erfunden hat, um damit zu arbeiten. Führt es zu Widersprüchen, können wir dieses Signifikat einfach aufgeben – was Albert Einstein getan hat –; so verhält es sich wohl auch bei der Theodizee-Frage.

Und beim „Leib-Seele-Problem“ ebenfalls; wir wollen und können es nicht lösen, aber (im dritten Teil) – durch eine andere Begrifflichkeit – vermeiden.

 

Welt und Welt-Bild sind – anders als „Welt“ und „Welt“-Bild – aus dem gleichen Holz geschnitzt. Wenn Widersprüche auftreten, müssen – und können – wir also beide gemeinsam korrigieren, so daß alle verbleibenden Denk-Schwierigkeiten als Kritik auf uns selbst zurückfallen:

Das ist nicht zu schwierig, sondern wir packen es falsch an.

In diesem Sinne würde ich anstelle von Leibniz beim Theodizee-Problem daher Folgendes vorschlagen:

 

Gott ist weder lieb noch allmächtig, denn eine entsprechende Charakterisierung integriert ihn – natürlich wie jede andere auch – in unser Weltbild, so daß er zwar lieb und allmächtig, aber auch nur unsere Konstruktion und damit für die Glaubenden wirklich(G) und für die Nicht-Glaubenden unwirklich(G) wäre.

Wirklichkeit(U) ist Gott meins Erachtens nur als Ursprung, und erfahren werden kann er allein in der Wirklichkeit(L) unseres Lebens. Jede „atheistische“ oder „gläubige“ Subjektivität, die aufgrund ihrer Lebens-Erfahrungen (an) einen liebenden und allmächtigen Gott glaubt, ist doch nur zu beneiden.

Der „Missionsauftrag“ der Christen besteht weder darin, die orthodoxen Lehren zu verkünden, noch darin, die orthopraxen Riten zu vollziehen, sondern darin, Lebens-Erfahrungen zu ermöglichen, so daß ihre Mitmenschen einen liebenden und allmächtigen Gott erfahren und glauben können.

In dem Maße, wie die Christen einen solchen Gott selbst für wahr halten, benötigen sie freilich auch keinen Missionsauftrag, denn „wovon mir das Herz voll ist, läuft mir der Mund über“.

Ohne Gott-an-sich – den Ursprung – gäbe es uns nicht; aber der kann uns nicht helfen; das vermag er erst und nur in dem Maße, wie er – in unserem oder durch unser Leben – ein Gott-für-sich geworden ist.

Gott-für-uns kann er nicht werden; und soll er auch nicht, denn dann wäre er unsere Erfindung.

2.7.7. Christus und Jesus

„Sie hatten oben geschrieben, daß JHWH nur außerhalb des Weltbilds existieren(U) kann, weil er ein reines Daß darstellt, im Weltbld ein solches aber niemals auftreten kann. Es gibt darin nur entweder reine Was – die Nach-Denkungen – oder deren Einheit mit dem Daß – die Erfahrungen.

Bestreiten Sie damit die Menschwerdung Gottes?“

Glauben Sie, daß diese in der Geburt eine Babys besteht?

Meines Erachtens verhält es sich hierbei völlig analog zur „Erbsünden“-Problematik:

Die intendierte Wahrheit ist fundamental und gewaltig, aber was traditionell daraus gemacht wird, sind – vielleicht sehr schöne – Kindergeschichten, die ich keinem Erwachsenen erzählen kann, ohne mich zu schämen. Tue ich es trotzdem, fragt er mich höchstwahrscheinlich kein zweites Mal nach meinem religiösem Glauben.

 

Das ist ein gewaltiges Problem in der gegenwärtigen Verkündigung:

Wegen der Erbsünde ist für das Leben nach dem Tod eine Erlösung durch Gott erforderlich, so daß er Mensch werden muß, was mittels der Jungfrauengeburt erklärt wird; diese setzt wiederum den Heiligen Geist voraus und schon sind wir bei der Trinität.

Weil das Thema hochbrisant ist, wiederhole ich vorsichtshalber, keinerlei Schwierigkeiten mit der Erbsünde und dem Leben nach dem Tod, mit Erlösung sowie der Menschwerdung Gottes, dem psychologischen Bild der Jungfrauengeburt, dem Heiligen Geist und der Trinität zu haben – dafür aber um so größere mit den zugehörigen Märchen-Geschichten.

 

Durch letztere ist die kirchliche Verkündigung nicht anschlußfähig; das heißt, wir können natürlich weitere Märchen-Geschichten erzählen, erreichen damit aber weder die Wirklichkeit unserer Mitmenschen noch die gesellschaftlich relevanten Probleme; vom Reflexionsniveau der profanen Wissenschaften ganz zu schweigen.

Eine solche Abkopplung des eigenen Sprachspiels macht aus dem „Heiligen Rest“ allmählich eine Parallelgeselschaft oder Sekte.

Schauen Sie sich beispielsweise einmal die Themen der theologischen Dissertationen und Habilitationen an; ich fürchte, mehr als 95% von ihnen haben so gut wie nichts mit unseren gegenwärtigen kirchlichen Problemen zu tun.

 

Gott ist der implizite Ursprung, der zu Erfahrungen expliziert und in ihnen explizit wird.

Auf der einen Seite sind somit alle Erfahrungen Gotteserfahrungen(1), weil sie aus Gott hevorgehen; das betrifft natürlich auch Auschwitz und Hiroshima.

Auf der anderen Seite muß sich das – wie in diesen beiden Fällen – absolut nicht an den Erfahrungen zeigen. Sind wir etwa überzeugt, daß die Welt mit dem physikalischen Kosmos zusammenfällt und Transzendenz geistlosen Unfug darstellt, sind natürlich kaum Gotteserfahrungen(2) möglich.   

Unser Ansatz macht jedoch verständlich, daß Gotteserfahrungen(1) als Gotteserfahrungen(2) erlebt werden können.

 

Natürlich nur von Subjektivitäten; ohne sie gibt es keine Erfahrungen.

Christus könnte also eine Subjektivität sein mit einer ganz tiefen – sprich: integralen – Gotteserfahrung. „Der Vater und ich sind eins.“

Das würde bedeuten, daß der implizite Vater in seinem Sohn explizit wird, das heißt, sich selbst – erstmals (?) – erkennt. Eine Nachfolge Jesu ist ausgeschlossen – wir sollen weder Jude noch Zimmermann werden. Würde uns die Nachfolge Christi gelingen, könnte sich der Vater auch in uns – natürlich einzigartig anders – selbst ekennen.

„Wer mich sieht, sieht den Vater“ halte ich dagegen für falsch, denn eine Subjektivität kann niemand sehen. Sie besitzt – innerhalb ihrer Welt – einen Körper; allein der ist sichtbar und besteht bei der Subjektivität Christus in Jesus von Nazareth.

Das erklärt unsere eigenwillige Überschrift; Jesus ist nicht Christus, sondern lediglich dessen Körper. Er kann es nicht sein, weil es Körper nur in und durch Welten für Subjektivitäten gibt. 

 

Weder kann Gott zu einem Körper werden, noch kann ein solcher uns von der „Erbsünde“ erlösen, denn er lebt ja nicht einmal.

Sehr wohl aber ist es widerspruchfrei denkbar, daß Christus, der als Subjektivität gemeinsam mit uns im Ursprung lebt, imstande ist, uns zu erlösen, weil sein Leben – wie jedes andere auch – in alle anderen Leben hineinwirken kann.

„Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Rebzweige“ ist zwar nur ein Bild, aber ein nachvollziehbares.

 

„Wenn sich Gott durch unsere Nachfolge Christi – sollte sie gelingen – auch in uns wiedererkennen könnte und darin vielleicht sogar die Gottesebenbildlichkeit des Menschen bestehen würde, bedeutet dies, daß wir eigentlich alle Christusse werden sollten?

Nein; das glaube ich kaum. Mit „gezeugt und nicht geschaffen“ soll meines Erachtens ein gewaltiger Unterschied angedeutet werden, der nicht zuletzt darin besteht, daß die Subjektivität Christus – im Gegensatz zu uns – aktual unendlich ist; aber verstehen läßt sich das vielleicht nur trinitarisch.

2.7.8. Trinität

Traditionell wird zwischen einer immanenten und einer ökonomischen Trinität unterschieden. Erstere bezieht sich allein auf das Geschehen innerhalb der Transzendenz und ist damit hinterwäldlerisch. Wir ersetzen diese Unterscheidung im Sinne unseres Ansatzes – wie soeben schon – durch diejenige zwischen Subjektivität und Körper.  

 

Der Vater allein ist die Wirklichkeit-an-sich; er weiß nichts von einer Welt bzw. Schöpfung oder von sich; er besitzt somit keinerlei Bewußtsein, weder Welt- noch Selbst-Bewußtsein.

Aber durch ihn wird der Sohn als Wirklichkeit-für-sich oder Selbst-Erfahrung möglich; er ist die Selbst-Erfahrung – das Selbst-Bewußtsein – des Vaters. Die beiden stehen also in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis; ohne den Vater gäbe es gar keinen Sohn, und ohne diesen wüßte jener nicht von sich, so daß er auch unfähig zur Schöpfung wäre.

Die Einheit beider bildet die Wirklichkeit-an-und-für-sich; allein sie kann als Schöpfer fungieren. „Denn in ihm ist alles geschaffen . . . Er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.“

Und nur aus ihr kann auch der Heilige Geist entspringen. Im „Filioque-Streit“ nehmen wir also die Position ein, daß der Heilige Geist „aus dem Vater und dem Sohn zugleich hervorgeht“.

Aber wozu wird er überhaupt benötigt?

 

Dem Ursprung als Wirklichkeit-an-sich entspricht – nicht die Trinität, sondern – allein der Vater.

Der Sohn macht den Vater explizit, das heißt, er verhilft ihm zu seinem Selbst-Bewußtsein.

Damit hat der Sohn uns einen Lebens-Weg gebahnt oder möglich gemacht, daß auch wir den Ursprung explizieren. Das tun wir also – anschaulich gesprochen – in ihm und gelangen damit ebenfalls zum Selbst-Bewußtsein; wir leben „durch ihn, mit ihm und in ihm„.

Unser Explizieren führt aber nicht nur zum Selbst-, sondern auch zum Welt-Bewußtsein; jede Subjektivität verfügt über ihr Weltbild – nein: jede endliche Subjektivität. Die Einheit von Vater und Sohn als Wirklichkeit-an-und-für-sich besitzt und benötigt kein Weltbild.

So wie der Sohn uns ein Selbst-Bewußtsein eröffnet, tut dies der Heilige Geist mit dem Welt-Bewußtsein; deshalb ist er die aktual unendliche Wirklichkeit-für-uns, in die hinein wir unser Weltbild entwerfen, konstruieren  oder projizieren können.

Auf diese Stelle waren wir schon zweimal von einer ganz anderen Seite her gestoßen und hatten sie dort als das Nichts identifiziert. Der Heilige Geist ist das Nichts in dem Sinne, daß er mit nichts, was in irgendeinem Weltbild enthalten sein könnte, übereinstimmt, damit keine Vorbedingungen an unsere Weltbilder stellt und so ueingeschränkt jedes von ihnen ermöglichen kann.

 

„Stimmt das alles?“

Nein!

Wir können einerseits nicht sinnvoll über die Transzendenz sprechen, weil sie damit zu einer Hinterwelt würde; ich halte das für evident und nehme nichts davon zurück.

Andererseits führte unser bisheriger Gedankengang – meines Erachtens recht stringent – auf eine postmoderne Triade aus Ursprung, Leben und Erlebungen. Dann ist die Idee, die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist könnte in einem Eins-zu-eins-Verhältnis diese Triade ermöglichen, natürlich trotzdem nur Spekulation – denn mehr geht gar nicht –, aber immerhin eine solche, die ich für nachdenkenswert halte und die mir deshalb auch Freude bereitet.

 

Mein schroffes „Nein!“ resultiert natürlich auch aus unserer obigen Einsicht, daß alle Nach-Denkungen durch das subjektive Weltbild – ermöglicht, aber eben zugleich auch – begrenzt werden.

Hat man dies verinnerlicht, gehört einerseits schon eine gehörige Portion Selbstironie dazu, dennoch über die Transzendenz nachzudenken.

Andererseits ist das aber bei jedem Weltbild so, und wir sollten vielleicht trotzdem „Rechenschaft geben über die Hoffnung, die in uns ist“.

„Nochmals; stimmt das alles?“

Natürlich nicht; aber im Rahmen meines Weltbilds gefällt es mir ganz gut und bin ich halbwegs zufrieden damit.

 

Diese Spekulationen zur Trinität sind für unsere weiteren Überlegungen nicht erforderlich, und wir werden sie auch keineswegs voraussetzen; andernfalls müßten wir auch unsere Begrifflichkeit in folgendem Sinne korrigieren:

Die Transzendenz fiele dann nicht mit dem Ursprung zusammen – der ja allein dem Vater entspräche –, sondern mit der gesamten Trinität.

So wie der Ursprung aktual unendlich über das bereits von ihm Explizierte hinausgeht – als Usprung bzw. Vater –, würde dies dann auch für Christus bezüglich des Lebens und beim Heiligen Geist hinsichtlich der Erlebungen gelten.

Letzterer wird damit zu der Kraft, die das uns unverfügbare Integrieren der Erlebungen ermöglicht.

 

„Allmählich verstehe ich Sie und finde auch selbst ein wenig Gefallen an Ihrem Verständnis der Trinität bzw. Schöpfung als dreifaltiger Ermöglichung der postmodernen Triade. Aber ein Problem sehe ich leider immer noch:

Nur der Sohn ist eine Subjektivität in unserem – bzw. Ihrem – Sinne; somit besitzt auch nur er einen Körper, das heißt, auch nur er wird Mensch. Diese Asymmetrie zwischen den drei göttlichen Personen schmeckt mir nicht recht.“

Sie würde mir ebenfalls total widersprechen, besteht aber auch gar nicht; in dieser Hinsicht stimmen wir beide weitgehend mit der Tradition überein: In ihre Schöpfung hinein – nach außen also oder ökonomisch – wirkt die Trinität nur als Einheit, so daß jede Zuordnung zu einzelnen Personen ausgeschlossen ist

 

Das bedeutet insbesondere, daß nicht der Sohn, sondern nur Gott – als die Trinität – Mensch geworden sein kann.

Mensch werden und damit einen Körper bekommen kann man jedoch nur in einem Weltbild; außerhalb von ihm existieren keine Körper. Der Heilige Geist geht zwar „einseitig“ aus dem Vater und dem Sohn hervor, ermöglicht aber erst die verschiedensten Weltbilder und damit die Menschwerdung Gottes.

Wir gehen also über unser „ja“ im Filioque-Streit hinaus, betrachten die drei göttlichen Personen als völlig gleichberechtigt und schließen uns damit dem Heiligen Borromäus mit seinem Knoten an.

2.7.9. Kirche

„Auf der einen Seite sind Sie bereit, alles umzuwerfen, und auf der anderen möchten Sie die traditionelle Trinität verstehen; warum lassen Sie die nicht auch einfach weg – wie die Kirchengebote zum Beispiel oder die Transsubstantiation?“

Unsere Vorfahren waren nicht nur nicht dümmer als wir, sondern es gab unter ihnen Genies, die unsere Fragen phantastisch und für ihre Zeit unüberbietbar brillant beantwortet haben. Wenn ich laufend auf die Tradition einhacke, waren nicht sie gemeint, sondern ihre „Schüler“, die lediglich die überlieferten Worte wiederholen und glauben, damit das Gleiche wie die Großen zu sagen.

Sie sagen natürlich gar nichts und können das auch nicht, weil ihre Sprache inzwischen unverständlich geworden ist.

Ich glaube (an) die großen Ideen der Weltreligionen, die christlich – alles andere kenne ich leider nicht ausreichend – meines Erachtens in Schöpfung, Erbsünde, Erlösung, Menschwerdung und Reich Gottes bestehen. Und sie versuche ich so zu denken, daß ich sie jedem, der mich danach fragt, erklären kann, ohne mich selbst schämen zu müssen.  

 

Wir hatten soeben Jesus als den Körper der Subjektivität Christus dargestellt; von daher ist die Verallgemeinerung, die gesamte Kirche sei der Körper / Leib Christi, sicherlich problemlos möglich und nachvollziehbar. 

Eine solche Kirche ist aber kein Selbstzweck, sondern Dienerin aller Menschen; Salz, Sauerteig oder Licht auf dem Berg, so daß sie ihren Sinn auf zwei gegensätzliche Weisen verfehlen kann.

Zum einen indem sich die „Kirche“ anpaßt. Die Verkündigung des Evangeliums steht immer quer zum Zeitgeist; sie hat den Menschen das zu sagen, was ihnen nur die Kirche sagen kann. Tut sie das nicht (mehr), wird die „Kirche“ zu einem Verein, der ohne jeglichen Verlust schließen kann.

Exakt das ist zum anderen aber auch der Fall, wenn sich die „Kirche“ dem Gespräch mit den Menschen verweigert, und das tut sie im wesentlichen seit über 200 Jahren: Große Denker kommen auf den Index, die Ideen der Moderne werden abgelehnt oder gar verketzert und viele möchten die Entwicklung am liebsten zurückdrehen.

Gesprächsbereitschaft bedeutet mehr, als Zeit zum Reden anzubieten. Sie setzt die Fähigkeit voraus, verstehen sowie eine gemeinsame Sprache finden zu wollen, Argumente entweder zu widerlegen oder anzuerkennen und den Anspruch aufzugeben, die Wahrheit zu besitzen. Letzterer führt in die Sektiererei, weil nur derjenige quer zum Zeitgeist stehen kann, der verstanden wird

 

Der französische Priester Alfred Loisy hat etwas bösartig formuliert:

„Jesus hat das Reich Gottes verkündet; gekommen ist die Kirche.“

Im Sinne unserer Überlegungen soeben würde ich ein wenig abschwächen:

Jesus hat das Reich Gottes und damit die Kirche oder den Leib Christi verkündet, aus dem aber leider viel zu häufig eine „Kirche“ als dessen Zerrbild geworden ist.

 

Noch kurz zu Ihren beiden Gegenbeispielen.

Kirchengebote sind lediglich „Kirchen“-Gebote und haben nichts mit Gott zu tun; es geht wohl kaum ohne, aber mit Sicherheit nicht um sie, und deswegen scheinen sie mir nicht des Nachdenkens wert.

Spätestens seit Kant lassen sich Substanzen nicht mehr – intellektuell redlich – denken, so daß ich auch keine Transsubstantiation glauben kann. Würde ich es dennoch tun, müßte ich mir im Sinne von Tertullians „credo absurdum est“ sagen: „Es ist zwar völlig unverständlich und somit ein bloßes blablabla, aber ich glaube es trotzdem.“

Substanz und damit auch Transsubstantiation sind Nach-Denkungen in meinem Weltbild, die ich nicht glaube. Bezüglich der Gegenwart Christi – die natürlich nicht dem Weltbild angehören kann. wenn sie wirklich(L) und nicht nur unsere Konstruktion sein soll – ist damit jedoch absolut nichts gesagt.

2.8. Stabilität des Weltbilds

Eine solche Überschrift wäre traditionell undenkbar, weil die Stabiität der „Welt“ von ihren Urbildern herrührt – und beide, sowohl die Urbilder wie auch ihre Stabilität als selbstverständlich hingenommen werden.

Wir sind weniger vertrauensselig, mußten uns eine Begründung für die Stabilität des Weltbilds erarbeiten und haben sie in der Eigendynamik des Borro-Knotens, der Struktur oder Immanenz gefunden.

 

Das sind zwei unvereinbare Theorien, die unsere praktische Erfahrung der Stabilität erklären sollen; aber diese selbst besteht weder in Urbildern noch in einer Eigendynamik.

Sondern?  

Unser Leben spielt zwischen Antizipationen und Erfahrungen.

Wir orientieren uns daran, was unser Weltbild bezüglich des Später voraussagt, und versuchen, gemäß den jetzigen Erfahrungen entsprechend zu reagieren. Wir tun dies, weil wir jenes erhoffen, und machen das eine, weil wir das andere befürchten. Allein ein solches Zusammenspiel zwischen dem Jetzt und dem Später in unserem Weltbild kann glücken oder mißlingen.

Solange es glückt, leben wir; existiert für uns ein Später; können wir erwarten – in der Hoffnung, bestätigt zu werden – und befürchten – in der Hoffnung, uns getäuscht zu haben.

Damit zeigt sich uns die Stabilität des Weltbilds in den Erfahrungen, die wir voraussagen und erfolgreich überprüfen können. Wir finden unsere Reiseziele, die gesuchten Worte fallen uns ein, und wir erkennen die Bekannten wieder.

Worin die Stabilität des Weltbilds sonst noch bestehen könnte, vermag ich nicht zu sehen.

 

„Ich schon! Stabilität heißt zum Beispiel, daß die Sonne auch in 1000 Jahren noch scheint.“

Nein; damit fallen Sie wieder in das traditionelle Denken zurück:

Die Sonne gibt es nicht, denn sie müßte ein Urbild sein.

Das Scheinen ist das Von-einer-Subjektivität-gesehen-Werden.

Die Zahl 1000 existiert nicht ohne Zählen oder Berechnen.

Jahre gibt es nur im Rahmen bestimmter Weltbilder.

 

„Hmmm; aber daß der Eiffelturm stabil ist, werden Sie doch wohl nicht bestreiten wollen?“

Doch!

Traditionell wird der Eiffelturm als identisch oder (exakt) konstant in der „Zeit“ angesehen, weil er ein Urbild aus der Substanz Eisen darstellt.

Für uns gibt es weder den Eiffelturm noch Substanzen oder sonstige Stoffe – wie beispielsweise Eisen –, aus denen etwas bestehen könnte; das hinterwäldlerische Denk-Modell des Bestehens-aus läßt sich doch auf Erlebungen partout nicht anwenden.

Natürlich bestreiten wir damit nicht die Existenz von Eisen, sondern lediglich, daß es sich als Stoff verstehen läßt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Eigenschaft; der Eiffelturm ist hoch und eisern, besteht aber ebensowenig aus Eisen wie aus Höhe

 

Wir können den Eiffelturm gegebenenfalls erfahren, wenn wir dies wünschen; und solange uns das gelingt, ist unser Weltbild stabil.

 

„Hmmm; aber Sie vermengen bei Ihrer Argumentation zwei völlig verschiedene Dinge:

Daß wir irgendwann nicht mehr nach Paris reisen oder dort den Eiffelturm finden können, hängt mit unseren Gebrechen zusammen und hat nichts mit dem Weltbild zu tun.“

Da muß ich Ihnen widersprechen, denn bei Ihrer Argumentation setzen Sie die traditionelle Subjekt-Objekt-Spaltung voraus; wäre sie stimmig, hätten Sie natürlich Recht. Aber für uns gibt es keine Gebrechen außerhalb des Weltbilds, weil sie – wie auch der Körper – einen integralen Teil davon darstellen.  

Vor 100 Jahren hatte niemand Alzheimer oder Schüttellähmung, weil die entsprechenden Begriffe gar nicht existierten und auch Krankheiten keine Urbilder sind.

2.8.1. Näherungsweise Konstanz der Signifikate

Daß Signifikate und mit ihnen die Weltbilder näherungsweise konstant sind, sagen wir schon lange; die Begründung ist unproblematisch:

Einerseits gibt es nichts, was exakt konstant ist, weil alles der Zeit unterliegt, eine Genese erfährt oder kontinuierlich anders wird.

Andererseits benötigen wir die Konstanz unbedingt; theoretisch um die Signifikate wiederholen und praktisch um leben zu können; ohne sie wäre kein Nach-Denken, Planen, Erinnern oder Sich-Orientieren möglich; wir würden im Chaos versinken.

Der Kompromiß zwischen diesen beiden einander widersprechenden Seiten besteht in der näherungsweisen Konstanz. Sie bedeutet, daß wir im Verlaufe unseres Lebens Signifikate approximativ wiederholen können.

Damit ist natürlich auch schon ein fortlaufender Streit vorprogrammiert; stets werden die Konservativen auf die erforderliche Konstanz pochen und die Progressiven die ebenso notwendigen Korrekturen betonen.

 

Das Signifikat Blitz ist ebenso näherungsweise konstant wie das Signifikat Energie; daß für letztere ein Erhaltungssatz gilt, hat hiermit gar nichts zu tun. Vielmehr geht es darum, daß ich diese Sätze auch in meiner Jugend schon hätte schreiben können. Nicht weil ich damals „schon so schlau“ war, sondern weil die dafür benötigten Signifikate in der Zwischenzeit hinreichend konstant geblieben sind.

Wie gut eine Näherung ist, hängt von der Zeit ihres Gebrauchs ab. Mit Henri Bergson nennen wir die Zeit, während der Signifikate genutzt werden, die „Dauer“. Je länger sie sich erstreckt, um so stärker variieren die Signifikate und um so schlechter wird damit die Näherung ihrer Konstanz.

 

Die Tradition hat es diesbezüglich viel leichter, weil ihre Begriffe den Urbildern entsprechen und somit – nicht nur näherungsweise, sondern – exakt konstant sind; und das sogar für die ganze Ewigkeit, und nicht nur für eine endliche Dauer.

Deswegen kommt der Begriff der Konstanz dort auch kaum vor und wird zumeist durch den der Identität ersetzt. Für uns besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden; in den nächsten zwei Abschnitten gehen wr darauf ein.

 

Durch ihre näherungsweise Konstanz können die Signifikate innerhalb der Dauer wiederholt werden. Aber wiederholen können wir sowohl Unveränderliches als auch Veränderliches; immer wieder stehen bzw. fahren Autos, bleiben Äpfel grün oder werden rot; immer wieder geht die Sonne auf, starten Flugzeuge, kommt Weihnachten usw.

Unsere Konstanz hat also absolut nichts mit der Unveränderlichkeit zu tun, sondern bildet lediglich die Voraussetzung der Wiederholbarkeit – von Änderungen sowie Nicht-Änderungen.

 

Deswegen stellt es einen großen Fehler der Traditon dar, die Wirklichkeit der ZEIT an Änderungen – der Planetenstellungen oder Uhrzeiger – binden zu wollen. Änderungen stellen bloße Wiederholungen dar, so daß die Tradition ihre „Zeit“ tatsächlich mit der Konstanz identifiziert und damit – zwar meßbar, aber zugleich – zeitlos macht.

Da die (wirkliche) Zeit kontinuierlich – nicht vergeht, sondern – „zeitigt“ (Martin Heidegger), wird ausnahmslos alles immer anders. Das Andern ist ein allumfassendes Erstmaligen, und kein bloßes Wiederholen; das Zeitigen macht alles neu. 

So wie Änderungen und Nicht-Änderungen ein Gegensatzpaar innerhalb der zeitlosen Konstanz bilden, gilt Entsprechendes für Anderungen und Konstanz – bzw.Nicht-Anderungen – im zeitlichen Leben.

2.8.2. Exakte Identität der Signifikate

Signifikate müssen – sowohl traditionell als auch bei uns – identisch sein. Aber was soll die Identität A = A überhaupt bedeuten? Ist das mehr als eine bloße Tautologie?

Ja; das ist es, denn

– das eine „A“ ist nicht identisch mit dem anderen, sondern ist identisch das andere oder

– das eine „A“ gleicht nicht dem anderen, sondern ist gleich dem anderen.

Zwillinge sind zwei – wie ähnlich sie einander auch sein mögen –, aber zwei A kann es gar nicht geben, weil „das eine“ „das andere“ ist.

 

Die Identität wird zumeist so erklärt, daß die Signifikate an jedem Ort und zu jedem Termin gleich sind; Identität würde somit Nichtvarianz innerhalb der gesamten „Raum“-„Zeit“ bedeuten. Schon vor 1000 Jahren war ein Baum ein Baum, und auch auf dem Jupiter ist ein Atom ein Atom. Bäume kann es dort nicht geben; eben gerade weil ein Baum ein Baum – und damit insbesondere dasselbe wie heute auf der Erde – sein muß. 

Ein solches Verständnis der Identität ist unglücklich und führt uns in die Irre, weil es voraussetzt, daß uns „Raum“ und „Zeit“ bereits – als Urbilder – gegeben seien; nur dann läßt sich sinnvoll sagen, die Signifikate seien innerhalb der „Raum“-„Zeit“ überall und immer gleich.

Für uns gehören jedoch auch „Raum“ und „Zeit“ zu den SignifikateN, und wir können somit auch deren Identität nicht einfach behaupten, sondern müssen sie erst verstehen.

 

Die Signifikate sind tatsächlich in der gesamten „Raum“-„Zeit“ identisch; aber nicht weil jene an allen Orten und zu allen Terminen gleich sind, sondern weil wir nur mittels der per definitionem als identisch vorausgesetzten Signifikate die Orte und Termine ausrechnen und damit erzeugen können.

Wir kehren also die Denkrichtung um und erklären nicht die Identität anhand der „Raum“-„Zeit“, sondern erzeugen letztere mittels der Identität.

 

Betrachten wir zum Verdeutlichen als vielleicht einfachstes Beispiel die Identität der Naturgesetze.

Auch in vielen guten Physikbüchern wird behauptet, die Naturgesetze seien im gesamten Kosmos die gleichen; überall und immer; an allen „Raum“-„Zeit“-Stellen. Letztlich stimmt das natürlich, wie ich soeben bereits erklären wollte, aber diese Formulierung verführt nahezu zwingend zu einem falschen Gedankengang:

Wie wollen wir kontrollieren, welche Naturgesetze beim Urknall herrschten und welche auf dem Sirius gelten? Experimentieren oder messen können wir immer nur hier und jetzt. Was hier und jetzt nachweislich richtig ist, ist hier und jetzt nachweislich richtig; mehr läßt sich nicht sagen.

Der falsche Gedankengang beginnt also mit der Annahme, wir hätten herausgefunden, daß die Naturgesetze überall und immer die gleichen sind. Das geht prinzipiell nicht; wir setzen es vielmehr voraus.

Aber auch diese Formulierung ist noch mißverständlich:

Wir können auch nicht voraussetzen, daß die Naturgesetze an allen „Raum“-„Zeit“-Stellen die gleichen sind, weil es diese „Raum“-„Zeit“-Stellen noch gar nicht gibt, bevor wir sie errechnet haben. Vielmehr benutzen wir die per definitionem identischen Naturgesetze, um die „Raum“-„Zeit“-Stellen erst zu erzeugen oder zu errechnen.

 

Einfacher formuliert:

Wir befinden uns im Hier und Jetzt, wo nachweislich bestimmte Naturgesetze gelten; es liegt uns fern, dies(e) zu bestreiten.

Wir möchten unser Hier und Jetzt „vergrößern“, das heißt, wissen, was sich außerhalb desselben im „Dort und Dann“ befindet, können aber nicht hingehen, weil es das Dort und Dann noch gar nicht gibt. Das Hier und Jetzt ist umgeben vom Nichts – bzw. vom Heiligen Geist. 

Mit Hilfe unserer Naturgesetze können wir das Dort und Dann – nicht be- sondern – errechnen, das heißt, wir konstruieren oder erschaffen den physikalischen Kosmos dieser Naturgesetze in das Nichts hinein.

Was auch immer entdeckt bzw. errechnet werden wird oder zu welchen neuen Gesetzen wir gelangen mögen; es paßt alles phantastisch zusammen, denn Gesetze und Kosmos bilden eine „wunderbare“ Einheit.

 

Zwei Dinge halte ich für besonders wichtig an diesen Überlegungen:

Zum einen haben wir weder festgestellt noch vorausgesetzt, daß die Naturgesetze an allen Stellen der „Raum“-„Zeit“ die gleichen sind. Vielmehr haben wir eine ganz spezielle „Raum“-„Zeit“ mit ihren Stellen rechnend hergeleitet, nämlich diejenige, die unseren als identisch vorausgesetzten Naturgesetzen entspricht, das heißt, sich eindeutig aus ihnen ergibt.

Die physikalischen Gesetze gehören folglich nicht zum Kosmos, sondern dieser zu ihnen; und die obige Einheit ist nicht wunderbar, sondern tautologisch. Es handelt sich nicht um die Gesetze des Kosmos, sondern um den Kosmos der Gesetze.

Zum anderen wird damit verständlich, wieso die Menschen verschiedener Epochen, Kulturen oder Ären zu total verschiedenen Weltbildern gelangen können. Dazu brauchen wir nur ein paar unserer obigen Zeilen leicht abzuwandeln:

 

Alle Menschen befinden sich in ihrem Hier und Jetzt, wo nachweislich bestimmte Überzeugungen herrschen; es liegt den meisten von ihnen fern, dies(e) zu bestreiten.

Sie möchten ihr Hier und Jetzt „vergrößern“, das heißt, wissen, was sich außerhalb desselben im „Dort und Dann“ befindet, können aber nicht hingehen, weil es das Dort und Dann noch gar nicht gibt. Das Hier und Jetzt ist umgeben vom Nichts – bzw. vom Heiligen Geist. 

Mit Hilfe ihrer Überzeugungen stellen die Menschen sich das Dort und Dann vor, das heißt, sie konstruieren oder erschaffen das Weltbild dieser Überzeugungen in das Nichts hinein.

Was auch immer entdeckt werden wird oder zu welchen neuen Überzeugungen die Subjektivitäten gelangen mögen; es paßt alles phantastisch zusammen, denn Überzeugungen und Welt bilden eine tautologische Einheit.

 

Identität bedeutet in einfachen Worten, daß wir sinnvoll vom Gewitter am 9. 9. 1999 sprechen können und sogar die Behauptung, auf der Erde sowie dem Planet Tenalp hätte es vor vielen Jahrmillionen nahezu ununterbrochen gewittert – zwar nicht geglaubt werden muß, aber – verständlich ist.

Ich müßte wohl kaum erwähnen, daß die Identität – im Gegensatz zur Konstanz – nichts mit der Zeit zu tun hat und wir sie somit als ganz exakt voraussetzen können – weil sie uns dann am meisten nützt.

2.8.3. Zusammenspiel von Konstanz und Identität

Es lohnt sich wahrscheinlich, das Ineinander von Konstanz und Identität anhand eines konkreten Beispiels nochmals durchzuspielen.

Als unsere Vorfahren im Mittelalter überzeugt waren, auf einer Erd-Scheibe zu leben, hätten sie die Frage, ob es irgendwo in der Welt noch ihresgleichen geben mag, zugleich als Frage nach ähnlichen Planeten-Scheiben verstehen müssen; das wäre ein Beispiel für die Identität der Signifikate: Planeten-Scheibe = Planeten-Scheibe

Für eine bestimmte Dauer war das Signifikat Scheibe (näherungsweise) konstant; während dieser Zeit bestand immer und überall die gleiche Scheiben-Identität (mit den unterschiedlichsten Ausmalungen).

Beachten Sie bitte, daß sich das „während dieser Zeit“ nur auf die Dauer der Konstanz bezieht, während das für das „immer“ nicht gilt. Letzteres meint tatsächlich „immer“ und ist unbegrenzt wie das „überall“:

 

„Auch vor dem Mittelalter schon hätten die Menschen also, wenn sie ihresgleichen suchen wollten, nach den immer und überall identischen Planeten-Scheiben Ausschau halten müssen“, waren die Menschen des Mittelaters überzeugt. „Freilich wußten sie das damals noch nicht; und auf was für verrückte Ideen unsere Nachfahren auch immer kommen mögen und ob sie das begreifen werden oder nicht: Sie müssen ebenfalls nach Planeten-Scheiben suchen.“

Ich habe dieses Beispiel so ausführlich beschrieben, weil daran sehr schön deutlich wird, wie wir durch die Identität der Signifikate – zwangsläufig – etwas in andere „Zeiten“ und „Räume“ übertragen, was dort überhaupt nichts zu suchen hat; was es dort nicht nur nicht gibt, sondern was auch keiner verstehen würde.

Das ist aber unvermeidlich, denn wenn wir die Identität aufgeben, sind auch diese „Zeiten“ und „Räume“ weg; es geht nicht ohne die Projektion des Falschen.    

 

Die Konstanz der Planeten-Scheiben(-Signifikate) ist nur eine näherungsweise; wir glauben, – nicht mehr auf einer Scheibe, sondern – auf einer Kugel zu leben.

Suchen wir heute im All nach anderen vernunftbegabten Lebewesen, so schweben unsfür eine bestimmte DauerPlaneten-Kugeln vor; sie entsprechen der Identät der Signifikate in dem modernen „Welt“-Bild: Planeten-Kugel = Planeten-Kugel.

„Immer und überall; deswegen hätten die Menschen auch schon in Antike und Mittelalter nach Planeten-Kugeln suchen müssen; ebenso wie sie es wohl in 1000 Jahren noch tun werden – wenn sie schlau sind, denken wir.

3. Bewußtsein

Im zweiten Teil ging es um unser Gesamtkonzept, und wir wollten insbesondere zeigen, wie es aus dem traditionellen Denken hervorgeht. Nun gilt unser Hauptaugenmerk speziell dem Bewußtsein.

Es besteht aus dem Selbst- und Welt-Bewußtseín, das heißt, aus dem bewußten (substantivischen) Leben sowie den gewußten Erlebungen. Diese Unterscheidung entspricht natürlich derjenigen zwischen der Leibhaftigkeit des Lebens und der bloßen Reflexion darüber. Sie ist fundamental für unseren Ansatz, weil darin ein meines Erachtens sehr häufig übersehener „Dualismus“ zum Ausdruck kommt.

Damit meine ich Folgendes:

 

Die Leibhaftigkeit des Lebens läßt sich – wie das Unbewußtsein – beschreiben, das heißt, weder wissen wir seinen Inhalt noch können wir ihn bezeichnen, sondern es besteht nur die Möglichkeit, Herkunft, Eigenschaften und Wirkung des Lebens zu erklären.    

Wenn also beispielsweise Künstler sagen, das Leben sei eine Treppe, ein Versprechen, Theaterstück, Spiel oder Meer usw., dann wissen wir das einzuordnen und nehmen es nicht wörtlich.

Würden wir aber ausführen, daß zu unserem verbalen Leben tausend verschiedene Tätigkeiten gehören und wir beispielsweise singen, wandern, essen oder trinken, Fahrad fahren oder Holz hacken können – dann wäre das wohl falsch.

 

Bevor ich hier anschließe und mich rechtfertige, schauen wir uns erst die zweite Seite unseres „Dualismus“ an.

Alles soeben Aufgezählte können unsere Körper natürlich tun; aber dann sprechen wir nicht mehr von unserem Leben, sondern von den Erlebungen.

Das sind zwei völlig verschiedene Dingedas Hören des Schwimmens ist kein Schwimmen, sondern ein Hören. Letzteres tut die Subjektivität, während das Schwimmen dem Körper zukommt.  Natürlich ist das kein wirklicher Dualismus, weil dieser das (traditionelle) Denken in (zwei) Substanzen voraussetzt, – aber vielleicht noch folgenreicher als er.

 

Nun müßten Sie meinen rigorosen Abbruch „dann wäre das wohl falsch“ von soeben verstehen können:

Wir wissen, was ein Körper tut, wenn er singt, wandert, ißt oder trinkt, Fahrad fährt oder Holz hackt; aber was muß eine Subjektivität machen, wenn sie das tun soll? Ohne Mund, Füße und Hände? Ein Sich-Fühlen oder „wie es ist, ich zusein“ kann dergleichen schwerlich besitzen.

3.1. Ontologische Differenz

Dieses Kapitel ist möglichweise etwas komplizierter, weil es viele Begriffe enthält, die im täglichen Sprachgebrauch kaum (noch) eine Rolle spielen. Für das Gesamtverständnis oder den geschichtlichen Zusammenhang scheint mir das Kapitel schon wichtig zu sein, aber wenn es Ihnen schwerfällt, blättern Sie einfach weiter; der rote Faden unserer Überlegungen reißt dadurch nicht ab. 

Wir hatten die ontologische Differenz bereits einmal erwähnt als es um ihr Pendant in der Psychologie, die psychologische Differenz ging. Der Begriff der ontologischen Differenz geht auf Martin Heidegger zurück, und er meinte damit, daß wir das Sein deutlich von den Seienden unterscheiden müssen.

Das haben Antike und Mittelalter nicht nur weitestgehend übersehen, sondern Martin Heidegger wirft ihnen sogar „Seinsvergessenheit“ vor. Die Frage nach dem „Sinn von Sein“ wurde praktisch nicht gestellt, sondern es ging lediglich um das „Sein der Seienden“.

Um zu verstehen, was mit letzterem gemeint ist, kommen wir nochmals auf die antik-mittelalterliche Unterscheidung zurück, daß jedes Seiende in der Einheit von Existenz oder Daß auf der einen Seite und Essenz bzw. Waß auf der anderen besteht.

 

Die Existenz oder das Daß der Seienden wurde durchweg als Vorhandenheit oder Es-gibt behauptet. „Behauptet“, denn verstehen läßt sich das nicht, wie bereits deutlich geworden sein sollte. Was soll das bedeuten, daß der Mond vorhanden ist oder es ihn gibt?

Die Tradition liefert uns keine Antwort; Emmanuel Levinas versucht es – postmodern – mit seinem „il y a“.

 

Das Sein der Seienden besteht traditionell in deren Essenz oder Was; das Sein eines Menschen also in seiner Menschlichkeit oder dasjenige eines Gerechten in seiner Gerechtigkeit.

Die antike oder mittelalterliche Wissenschaft war keine von den Seienden; das sind doch nur Einzeldinge mit all ihren Kontingenzen oder Zufälligkeiten. Wissenschaft kann sich nur auf die allgemein(gültig)en Essenzen oder Wesenheiten beziehen; sie muß Wesens-Wissenschaft sein und fragen, was beispielsweise wahre Menschlichkeit oder Gerechtigkeit ist.

Von daher läßt sich dann natürlich auch sekundär etwas zu dem Seienden namens „Sokrates“ sagen; als Seiendes kann es kein Gegenstand dieser Wissenschaft sein.

 

Antike und Mittelalter hatten zwar das Sein vergessen, kannten aber immerhin noch ein Sein der Seienden, nämlich die Essenzen, „Wasse“, Wesenheiten oder (damaligen) Urbilder.

Diese gibt es in der Moderne nicht mehr, und das führt zu zwei Konsequenzen:

 

Zum einen existieren nur noch die Seienden; sie gilt es nun zu erkennen, so daß die Seienden auch den – völlig neuen – Gegenstand der modernen Wissenschaft bilden. Das hatten wir von Anbeginn benutzt, indem wir die Abzubildenden stets als „Urbilder“ bezeichneten; nur ist ihr Status mit der Moderne von den Essenzen zu den Seienden umgeschlagen.  

Natürlich behauptet auch die Moderne nicht, daß es eine Wissenschaft von den zufälligen oder kontingenten Seienden als solchen gäbe. Ohne Essenzen oder Wesenheiten benötigt sie also etwas Anderes, das aber notwendigerweise ebenso ewig-identisch ist. Diesen Part übernehmen die Naturgesetze, die man vor der Moderne gar nicht denken konnte; aus der Wesens- ist damit eine – völlig andere – Gesetzes-Wissenschaft geworden.

Das mußte zu Widerstreit führen, weil sich die neuen Überzeugungen einer philosophisch-theologischen Revolution nicht mit der alten Begrifflichkeit rechtfertigen lassen (können).  

 

Die Essenzen waren das Sein der Seienden, so daß mit ihnen zum anderen auch der Begriff des Seins in der Moderne vollkommen verschwindet. Wir haben nur noch die alltäglichen oder einzelwissenschaftlichen Seienden, deren Existenz oder Daß im Vorhandensein bzw. Es-gibt besteht.

3.1.1. Nihilismus

Das traditionell-moderne Denken hat heute natürlich den „gesunden Menschenverstand“ auf seiner Seite. Aber ich bin überzeugt, daß dies nur aus der zweieinhalbtausendjährigen Vorherrschaft des onto-theologischen Denkens resultiert, derzufolge alle „zeitlichen“ Erlebungen vor dem Hintergrund ewig-„zeitloser“ Urbilder gesehen werden müssen – Gott, Ideen, Tatsachen, Bewußtsein überhaupt, transzendentales Subjekt, Ding an sich usw.

Martin Heidegger geht noch weiter und sieht in der Tradition, das heißt, im Verständnis der Existenz als bloßer Vorhandenheit sowie der Wahrheit als unkontrollierbarer Übereinstimmung die Ursachen des Nihilismus, der sich folglich in der Moderne vollendet.  

 

Der Vorwurf des Nihilismus wird oft als Totschlagargument gegen die Postmoderne benutzt; aber ich bin überzeugt, zu unrecht.

Nihilismus bedeutet meines Erachtens nicht, daß traditionelle Werte ignoriert und durch andere ersetzt, sondern daß erstere beibehalten werden, obwohl wir ihre Brüchigkeit, Leer- und Verlogenheit erkennen könnten.

Nachdenkliche und für Argumente offene Menschen, die ihre Überzeugungen vertreten, sind also niemals Nihilisten; vollkommen unabhängig davon, ob diese Überzeugungen mit der Tradition übereinstimmen oder nicht. Dem kann nur widersprechen, wer die Tradition willkürlich mit der Wahrheit gleichsetzt.  

Wer jedoch nicht selbst denkt und damit auch den besten Argumenten abhold sein muß, aber trotzdem mit überzeugtem Tonfall redet, drischt nur leere Phrasen – und das ist nihilistisch, weil keine Überzeugung dahinter stehen oder es nicht aus dem Herzen kommen kann.

Von der Phallokratie zur Gleichberechtigung, vom Eurozentrismus zur Globalität, vom „Experten“ zur Autorität, vom Ressortdenken zur Vernetzung, von der Wahrheit zur Wahrhaftigkeit und damit sowohl von der Diktatur zur Demokratie als auch von der Egomanie zur Toleranz – alles das sind Entwicklungen, die nichts mit dem Nihilismus, aber sehr viel mit der Postmoderne zu tun haben.

3.1.2. Sein als Leben

In der Moderne gibt es keinerlei Sein mehr; wir haben es nicht nur vergessen, sondern als antik-mittelalterlichen Nonsens abgelehnt. Dadurch wird die Moderne Martin Heidegger folgend zum „Zeitalter des Weltbilds“; wir kennen unser „wissenschaftliches Weltbild“, das „chinesische Weltbild“, das „Weltbild der impressionistischen Malerei“ usw.

Wie meint er das? Warum soll das Fehlen des Seins das „Zeitalter des Weltbilds“ zur Folge haben?

Einen hilfreichen Hinweis liefert uns Martin Heidegger selbst:

„Daß die Welt zum Bild wird, ist ein und derselbe Vorgang wie der, daß der Mensch . . . vom Hüter des Seins . . . zum Subjekt wird.“

 

Zuächst geben wir Martin Heidegger Recht; die Welt ist in der Tat zum Weltbild geworden, und das noch viel schlimmer, als er es andeutete; jeder Subjektivität kommt bei uns ihr eigenes Weltbild zu.

Aber im Gegensatz zu ihm sehen wir das durchaus positiv; wie sind solch unterschiedliche Einschätzungen möglich?

Die Welt wird Martin Heidegger zufolge zum bloßen Weltbild, weil es kein Sein (mehr) gibt, er aber dieses Sein mit der Welt verbindet. Dann besitzt auch der Hüter des Seins kein „Haus des Seins“ mehr und wird zu einem bloß vorgestellten Subjekt im Weltbild.

Ohne ein „Zurück“ zum Sein bleibt uns somit nur der Nihilismus.

 

Auch dem stimme ich wieder zu, aber wir gründen das Sein nicht in der „Welt“ – wie auch immer Martin Heidegger das konkretisieren wollte –, sondern identifizieren es mit dem Leben.

Es ist also kein Zurück zum Sein, sondern ein Vorwärts zum Leben, denn die Tradition hat von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht nur Martin Heideggers Sein, sondern auch unser Leben vergessen.

3.2. Spagat des Denkens

Traditionell wird das jugendlich-naive Weltild irgendwann zum Bild von der wirklichen „Welt“; die Phantasterei schlägt um in Wahrheit – unfaßbar!

Aber wie stellen wir fest, wann das Weltbild richtig ist? Und wessen Weltbild? Das der Physiker oder das der Künstler? Genügt vielleicht schon das Abitur, oder müssen wir ein „Experte“ sein?

 

Für die traditionelle „Welt“ könnten wir nicht verantwortlich sein, sondern bestenfalls für unser Verhalten in ihr.

Durch das Bestreiten einer solchen „Welt“, das heißt überraschenderweise durch den Verzicht darauf, wie Gott sein zu wollen, wird der Spielraum unserer Freiheit viel größer, und wir können gar nicht mehr recht sehen, wo er eigentlich endet. Für alles Glauben, Wissen und Denken sind wir verantwortlich; es gibt weder Entschuldigungen noch ein Sich-Verstecken oder -in-Sicherheit-Wiegen.

 

„Nein; so geht das nicht!

Unser Glauben, Wissen oder Denken besitzen Ihren Ausführungen zufolge kein Wovon; sie sind also völlig ‚blind‘. Wir orientieren uns an ihrer Gegenstandslosigkeit – und mehr gibt es dazu nicht zu sagen; insbesondere geht es nicht um Wahrheit. Und auf einer solchen ‚Grundlage‘ handeln wir dann.

Wir könnten also ebensogut würfeln, um eine Entscheidung herbeizuführen. Wie können Sie da von ‚Verantwortung‘ sprechen?“

 

Ihr Anfang war stark; aber die Konsequenz, die Sie aus ihm ziehen – „Wir könnten also ebensogut würfeln . . .“ – kann ich nicht nachvollziehen.

Wir verfügen über eine subjektive Vernunft und Überzeugungen, die uns haben so alt werden lassen, wie wir eben gegenwärtig sind. Sie bilden also eine Grundlage für unsere Entscheidungen, die uns schon ganz schön weit getragen hat.

Theoretisch könnte diese Grundlage natürlich auch im Würfeln bestehen; vielleicht gibt es Menschen, die auch mit Russisch Roulett alt werden. Für uns alle kommt das wohl nicht infrage, sondern wir entscheiden anhand von Überzeugungen, die uns nicht gerade an Glücksspiel erinnern; aber mehr auch nicht.

 

Wir hätten gerne und glauben vielleicht sogar, daß unsere Überzeugungen wahr sind und sich auf die Zukunft beziehen. Aber das ist doch ein Wunschdenken, mit dem wir uns gegebenenfalls selbst belügen; wir handeln nach bestem Wissen und Gewissen – mehr geht gar nicht.

Zum einen kann das natürlich je nach Weltbild auch darin bestehen, zu würfeln oder ein Orakel zu befragen.

Und zum anderen hat unser Handeln – nicht nur in diesen beiden Fall nicht, sondern – niemals etwas mit Sicherheit zu tun. 

 

Ich bleibe bei meiner Position, aber Sie weisen dankenswerterweise auf einen sehr entscheidenden Punkt hin, der häufig übersehen wird.

Unser Weltbild dient der Orientierung; wir möchten beispielsweise zu einer Tagung und studieren geeignete Flugverbindungen. Das spielt alles innerhalb unseres Weltbilds zwischen jetzt uns später. Ob es wirklich – so kommen – wird, stellt eine offene Frage dar; das Personal kann streiken, das Wetter verrücktspielen oder gar ein Unglück geschehen.

Zumeist weniger dramatisch verhält es sich jedoch immer; unsere Planungen, Hoffnungen oder Befürchtungen – zwischen jetzt und später – treffen auf dem Weg in die Zukunft auf die Wirklichkeit(L) – oder wohl besser: Die Wirklichkeit(L) widerfährt uns, und wirft dabei möglicherweise alle Planungen über den Haufen.

Natürlich plädiere ich nicht dafür, daß Sie bei Ihren weiteren Lebensentscheidungen würfeln oder den Kaffeesatz befragen. Ich betone nur in der entgegengesetzten Richtung, daß auch die besten Orientierungsmöglichkeiten oder scharfsinnigsten Argumentationen keinen Erfolg garantieren (können) – und mehr als ein „Ich glaube aber ganz fest daran“ niemals vorliegt.

 

Das traditionelle Denken ist diesem Spagat nicht gewachsen, leugnet deshalb den „Dualismus“ von Leben und Weltbild  und vereint beide in der angeblichen „Welt“.

Vielleicht hilft Ihnen ein Bild, das ich Ernst von Glaserfeld verdanke, um die entscheidende Pointe zu verinnerlichen:

Wenn ein Blinder vor dem Wald steht und ihn durchqueren muß, tastet er sich mit seinen Händen vorwärts und gelangt schrittweise auf die andere Seite.

Das vorsichtige Tasten entspricht in diesem Modell dem Weltbild.

Der Wald und das Laufen des Blinden stehen für das Leben.

 

Auf der anderen Seite des Waldes angekommen hat der Blinde keinesfalls den Weg gefunden, sondern einen; rückblickend kann er sagen, daß es so, mit seinen Orientierungsmöglichkeiten, ging; er hat es – wieder einmal – hinbekommen.

Die Tradition mißversteht dieses Glücken – das freilich auch noch ganz anders möglich gewesen wäre – als das Gefunden-Haben des Weges in der „Welt“.

3.3. Je-der Selbe und sein Körper

Innerhalb des eigenen Weltbilds finde ich – Subjektivität – mich selbst als mein Körper wieder.

Das dürfte unbestreitbar sein und legt den Gedanken nahe, daß unser Weltbild einer Brille entspricht, die mich – nicht feststellbare Subjektivität – zum eigenen Körper im Weltbild umformt und damit feststellbar macht. Hätten wir beispielsweise das Weltbild eines Schamanen oder Indianers, wäre auch unser Körper ein ganz anderer.

Aber diese Veranschaulichung  unseres Weltbilds als Umwandlungs-Brille führt zu mindestens zwei Schwierigkeiten.

 

Zum einen gehören unserem Weltbld ja noch ungezählte fremde Körper neben dem eigenen an. Sind das auch Darstellungen der jeweiligen Subjektivitäten?

Nein; der Einfachheit halber gebe ich zwei Begründungen an, glaube aber fest, daß es sich in Wirklichkeit nur um eine einzige handelt und ich letztlich zweimal das Gleiche andeute.

Zunächst kann unser Weltbild nichts umwandeln, was im eigenen Bewußtsein gar nicht existiert; darin befinden sich aber niemals andere Subjektivitäten.

Des weiteren hatten wir oben gesehen, daß nur „Einbahnstraßen“ die Subjektivitäten mit ihrem jeweiligen Körpern verbinden, so daß die sich massiv aufdrängende Vorstellung, hinter den fremden – insbesondere menschlichen – Körpern müßten sich Subjektivitäten befinden, unhaltbar ist:

Subjektivitäten besitzen Körper, aber diese keine Subjektivitäten.

 

Zum anderen umfaßt unser Weltbild aber auch Dinge – Meere, Maschinen oder Möbel beispielsweise – „hinter“ denen ganz gewiß keine Subjektivitäten stehen.

Woher sollen sie dann aber stammen, wenn wir unser Weltbild im angegebenen Sinne verstehen möchten? Was könnte zu ihnen umgeformt worden sein?

 

Unser Gedanke leuchtete im ersten Moment ein; läßt er sich noch retten?

Ja; wir müssen lediglich die soeben hinzugefügte Eins-zu-Eins-Umformung aufgeben:

Das näherungsweise konstante Weltbild formt das zeitliche Leben – als Ganzes – zu den gegenwärtigen Erfahrungen.

Das anschauliche Bild der Umwandlungs-Brille können wir damit durch eine mengentheoretische Operation ersetzen:

Die Erfahrungen sind der Durchschnitt unseres Lebens mit dem eigenen Weltbild.

 

Ich müßte wohl nicht extra erwähnen, daß er nichts mit dem „Status quo unseres Lebens“ zu tun hat. Zum einen ist der Status quo das Leben selbst, und zum anderen sprechen wir nur von Erfahrungen.

Nun wird auch die „Einbahnstraße verständlich“:

Das mengentheoretische Schneiden ist nicht umkehrbar, das heißt, es führt kein Weg zurück von den Erlebungen zu Leben und Weltbild.

(Beim Schnitt von Kugel und Ebene entstehen Kreise. Entsprechendes ist aber beispielsweise auch beim Schnitt zwischen Kreiszylinder oder -kegel auf der einen Seite und Ebene bzw. Kugel auf der anderen möglich, so daß wir von dem entstandnen Kreis aus nicht rückschließen können, was womit geschnitten wurde.)

 

Damit bleibt unser allererster Gedanke jedoch richtig; die Eins-zu-Eins-Umformung zwischen je-dem Selben und seinem Körper besteht weiterhin.

Damit wird auch nochmals verständlich, daß unser Körper die einzige Erfahrung darstellt, hinter der sich eine Subjektivität befindet. Aber dieses „hinter“ ist natürlich falsch; unser Körper befindet sich vor uns und es gibt – wegen der „Einbahnstraße“ – kein hinter.

 

„Das gefällt mir nicht; da hätte ich zwei Einwände.

Zum einen bleibt mir völlig unverständlich, wieso ausgerechnet je-der Selbe mit seinem Körper den einzigen Fall der Eins-zu-Eins-Übersetzung bilden soll.

Und zum anderen ist es doch gar nicht wahr, daß die Körper vom jeweiligen Weltbild geformt sind! Schauen Sie sich einmal die Bilder, Skizzen oder Felszeichnungen vergangener Kulturen auf der ganzen Erde an; da kann man partout nicht behaupten, die Körper wären weltbild-abhängig.“

 

Zu Ihrer ersten Anfrage.

Daß ich als Subjektivität ausgezeichnet bin – Sie formulieren das bitte analog für sich –, kann ich nachvollziehen, weil das der einzige Fall ist, in dem alle „Beteiligten“ vorliegen:

Ich als Subjektivität werde innerhalb meines Weltbilds – oder durch dieses – zu meinem Körper; dieser Dreischritt ist für jede Subjektivität einmalig.

 

Auch Ihren zweiten Kritikpunkt erkenne ich nicht an; aber meine Formulierung war wohl etwas irreführend: 

Das Weltbild ist rein geistig und kann das Sinnliche – das allein Sie auf den Bildern, Skizzen oder Felszeichnungen sehen – natürlich nicht verändern, sondern ihm – im Werden der Erfahrung – durch das Zuordnen bestimmer Signifikate lediglich eine Bedeutung oder Interpretation geben.

Es geht also nicht darum, ob die Körper dick oder dünn sind, sondern welchen Sinn sie besitzen oder was sie beinhalten.

Die meisten unserer Zeitgenossen denken die Körper als Materie, Gegenstände oder Dinge – nach dem physikalischen Modell der Festkörper –, die sich den Naturgesetzen entsprechend bewegen.

Der (nackte) Körper eines Medizinmanns stimmt zwar sinnlich weitestgehend mit dem unsrigen überein, unternimmt aber Traumreisen und ist beispielsweise fähig zur Levitation (Schweben über dem Erdboden) oder Bilokation (Anwesenheit an zwei Orten zugleich).

Wir können das nicht, weil es unserem Weltbild zufolge unmöglich ist; allein von ihm hängt ab, was für uns geht und was nicht, weil sowohl sämtliche Argumentationen als auch alle Erfahrungen nur innerhalb des jeweiligen Weltbilds spielen können.

Daß man ohne Flügel nicht fliegen kann, ist selbstverständlich – in unserem Weltbild; ein Schamane würde diese Aussage wohl gar nicht verstehen – und beweist uns das Gegenteil.

3.3.3. Der menschliche Körper als Leichnam

Martin Heidegger beendete sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ mit der Frage: „Offenbart sich die Zeit selbst als Horizont des Seins?“

Interpretieren wir letzteres wiederum als Leben, so ergibt sich als unsere Antwort ein eindeutiges „ja“. Leben und Zeitlichkeit sind synonym, so daß alles Zeitlose tot sein muß; unsere „Körper sind Leichname“ (Michel Henry) – auch jetzt bereits.

Das ist nicht verrückt, sondern selbstverständlich:

Unser Weltbild enthält theoretische Konstruktionen, Erfindungen oder Projektionen und wird teilweise wirklich(G) allein durch unseren Glauben daran. Zum einen sind wir aber keine Schöpfer, und zum anderen entspringt das Leben ausschließlich dem Urspung.

Unser Körper kann also nur tot sein; wir sagen dazu, daß er „lebt“.  

 

Daß er zu leben scheint, können wir jedoch ebenfalls verstehen.

Wer auch immer unseren Körper beobachtet, sammelt Erfahrungen, in denen letzterer „läuft“, „schläft“, „nachdenkt“ usw. Das sind Momentaufnahmen unseres subjektiven Lebens, in denen die Zeit – durch näherungsweise konstante Signifikate – jeweils stillzustehen scheint.

Verfolgen wir die Handlungen eines Körpers in unseren Erfahrungen, so zeigt sich das Leben der entsprechenden Subjektivität in einer „stroboskopischen Beleuchtung“. (Man versteht darunter extrem kurze und sehr dicht aufeinanderfolgende Lichtblitze in der Dunkelheit. Wir kennen das alle vom Film; Autoräder beispielsweise scheinen sich trotz der Vorwärtsbewegung rückwärts zu drehen. Die Räder haben zwar zwischen zwei aufeinanderfolgenden  Bildern fast eine volle Umdrehung in der richtigen Richtung ausgeführt; aber unser Bewußtsein überspielt den Sprung oder die fehlende Kontinuität leichter durch eine angeblich geringe Rückwärtsbewegung.)

Dabei werden die kontinuierlichen Anderungen des Lebens durch die Wiederholung bloßer Änderungen ersetzt, die aber „zwischen den Blitzen“ diskontinuierlich von diesen näherungsweise konstanten Signifikaten zu jenen springen können

 

So wird natürlich auch der traditionelle Glaube verständlich, daß es nur Änderungen, aber keine Anderungen gibt: Die Sprünge „zwischen den Lichtblitzen“ erfolgen „im Dunkeln“ und bleiben daher unsichtbar, so daß man sie übersehen und glauben kann, alles durch Änderungen „in der ‚Zeit'“ beschreiben zu können.

Diese übliche Ausdrucksweise ist natürlich unsauber, weil die „Zeit“ selbst nur die Maßzahl spezieller Änderungen darstellt; Planetenbewegung oder Zeigerstellung insbesondere. Es handelt sich also um Änderungen relativ zu denjenigen auserkorenen Änderungen, die – nicht als Änderungen, sondern –  per definitionem als „Zeit“ verstanden werden.

3.3.4. "Leib-Seele-Problem"

Traditionell stellt sich die Frage, wie Leib und Seele bzw. Körper und Psyche zusammenspielen.

Uri Geller konnte angeblich Löffel verbiegen, ohne sie zu berühren. Zwischen der hierfür erforderlichen Wechselwirkung und derjenigen zwischen Psyche und Körper besteht kein prinzipieller Unterschied, weil sich die Psyche ebensowenig im Körper wie im Löffel befinden kann; an den ersteren Fall haben wir uns lediglich gewöhnt und wundern uns bei ihm allein deshalb nicht mehr.

Zum Glück ist das nicht unser Problem; aus der Seele bzw. Psyche werden wir selbst als Subjektivitäten, so daß es im ontologischen Explikationismus lediglich um das Verhältnis zwischen uns und unserem Körper geht.

 

Von der Subjektivität zum Körper hatten wir den Zusammenhang  soeben geklärt; die Subjektivität wirkt nicht auf ihren Körper, sondern aus ihrem Leben gehen – mittels ihres Weltbilds – Erfahrungen hervor.

Spreche ich beispielsweise mit Moritz, so führt das zu entsprechenden Erfahrungen, in denen mein Körper jedoch gar nicht vorkommen muß. Natürlich kann ich mir auch vorstellen, wie er den Mund bewegt und die Ohren spitzt; aber das hat mit unserem Gespräch nichts zu tun.

 

Die Gegenrichtung scheint schwieriger zu sein; wenn kein Weg vom Körper zu seiner Subjektivität führt – weil es diese gar nicht gibt –, läßt sich auch keine Wirkung übertragen.

Es existiert in der Tat kein Spezialweg; aber ausnahmslos alle Erlebungen können als tiefenpsychologisches Unbewußtes auf die Subjektivität wirken. Die leckere Torte im Schaufenster, das scharfe Messer am Hals oder möglicherweise sogar die verdrängte Erinnerung, als Kind einmal zu heiß gebadet worden zu sein, wirken ebenfalls.

 

Das ist meine Lösung des „Leib-Seele-Problems“.

Ich schäme mich fast, daß sie so einfach ist, und habe deswegen auch erhebliche Zweifel an ihrer Richtigkeit, konnte aber bisher keinen Fehler finden.

 

„Ich glaube auch, daß Sie es sich zu einfach machen!

Schlage ich mir versehentlich mit dem Hammer auf den Daumen, und meine Frau steht daneben, so tut es auch ihr (hoffentlich) leid, aber weh nur mir. Mit Ihrem Wirken des gesamten Weltbilds läßt sich das wohl schwerlich erklären, denn bezüglich meines Mißgeschicks stimmt das meinige weitgehend mit dem Weltbild meiner Frau überein.“ 

 

Ich glaube, daß es geht.

Der Schlag mit dem Hammer hat Ihren Daumen nicht nur verfärbt und gequetscht – bis hierher hätten Sie Recht, denn das sieht auch ihre Frau –, sondern zusätzlich, aber allein in Ihrem Weltbild, auch die Schmerzen oder Leiden erzeugt.

Ich wiederhole: „in Ihrem Weltbild“, denn Schmerzen und Leiden gibt es weder wie Urbilder an sich noch im Leben, sondern sie gehen – vermiitelt durch das Weltbild – aus Ihrem Leben mit seinem verbalen Schmerzen bzw. Leiden – als Facetten – hervor. Zum einen fehlen letztere bei Ihrer Frau vollkommen, und zum anderen könnten Sie auch ganz andere Erfahrungen machen; beispielsweise masochistische Glückgefühle entwickeln oder Strafen bzw. Bewährungschancen von Gott sehen; eben je nach Weltbild.

 

Aber selbst dieser ungewohnte Gedangang  ist nur sekundär; entscheidend dürfte noch ein ganz anderer Punkt sein:

Unsere Problemlösungen kommen gegebenenfalls noch zum Leben hinzu, aber „immer schon“ oder „ursprünglich zu spät“ (Jacques Derrida), weil alles Denken – Schmerzen, Lust, Strafe oder Chance? – ein Nach-Denken ist.

Einfacher formuliert:

Bei uns gibt es kein – Pendant zum – „Leib-Seele-Problem“, weil die Leibhaftigkeit des Lebens sich selbst genug ist oder auch in sich allein steht – ganz ohne Weltbild. Andernfalls gäbe es kein Leben von Subjektivitäten, deren Körper für uns Babys oder Tiere sind.

Zum einen müssen wir also nicht ein Problem für das Leben lösen; es hat keines.

Zum anderen können wir es auch nicht, weil wir nicht über das Leben, sondern nur über unser Weltbild nachdenken.

Mit dem traditionellen Ansatz erzeugen wir sogar ein Problem – das Leib-Seele-Problem –, was das Leben nicht stören kann – uns aber sollte.

3.3.5. Chronologische Umordnung

Ich bin bei Friedrich Nietzsche auf diese Überschrift getoßen und sehr verwundert, daß das Thema in der Philosophie meines Erachtens praktisch nicht aufgegriffen wurde. Uns kann es unter anderem helfen, Ihr Beispiel besser zu verstehen.

In der Leibhaftigkeit des Lebens gibt es keine Ursachen, Gründe bzw. Auslöser oder wie auch immer wir die „Bewirker“ Ihres Schmerzens und Leidens nennen mögen; das Leben ist nicht ursprungs-, aber grundlos.

Warum, hatten wir bereits ausgeführt: Der „Bewirker“ des Schmerzens muß von letzterem unterschieden und somit ein Nicht-Schmerzen sein, so daß eine Negation eforderlich wäre, die jedoch im Leben nicht existiert, womit auch kein Bewirker existieren kann.

Vererinfacht könnten wir dafür auch sagen: Das Leben ist, wie es ist.

Das klingt ein wenig nach Stammtisch und soll lediglich die simple Tatsache ausdrücken, daß bereits alle Fragen – und nicht erst ihre Antworten – aus unserem Leben heraus in das Weltbild führen. Das Leben ist nicht ursprungs-, aber grund- sowie fraglos und rechtfertigt sich nicht.

 

Zu Ihrem Leben gehört also beispielsweise ein zeitliches Schmerzen, das Sie jedoch gar nicht als eine Facette registrieren müssen; tun Sie es, werden daraus – weltbildabhängig – bei Ihnen wahrscheinlich „zeitliche“ Schmerzen.

Erst jetzt können Sie darüber nach-denken und insbesondere die Ursache der Schmerzen suchen, so daß nun endlich auch der Hammer ins Spiel kommt.

Es lohnt sich, dies genauer darzustellen.

 

 

  Leibhaftigkeit des Lebens     Erlebungen     Lebensvergessenheit                   
  zeitliches Leben     „zeitliche“ Reflexion
         
                   
1. das Schmerzen 2. die Schmerzen 2. das Schmerzen 3.  
               
      3. Ursache 1.        

 

Abbildung 3.1.3.

 

 

Zu Ihrem Leben gehört ein bewußtes Schmerzen (1), das von Ihnen als Facette bemerkt und in Form der Schmerzen (2) gewußt wird. Damit sind Sie bereits in Ihr Weltbild übergegangen, können nach der Ursache (3) suchen – was im Leben unmöglich war – und schieben nun alles auf den Hammer oder Ihre Frau.

Die chronologische Umordnung beginnt mit der Seins- bzw. Lebensvergessenheit; das Schmerzen (3) wird theoretisch zum „zeitlich“ Letzten und praktisch kommt es gar nicht mehr vor, denn nun spielt alles innerhalb des Weltbilds. Die „Zeit“ entspricht der Kausalität, und so beginnt s nun mit der Ursache (1), die zu den Schmerzen (2) führt.

 

Nietzsches Beispiel lautet, daß wir uns in den Sessel setzen (1), es piekst in den Po (2), und wir finden eine Nadel (3). In unserem Weltbild versteht es sich von selbst, daß sie schon vor dem Pieksen (2) im Sessel gelegen haben muß (1).

 

„Mir gefällt nicht, daß Sie einfach mit dem Schmerzen beginnen und es als ‚grundlos‘ oder ‚unhinterfragbar‘ ausgeben. Hätte meine Frau nicht das Bild aufgehängt haben wollen, würde der Hammer jetzt noch in der Werkzeugkiste liegen – und nichts wäre passiert.“

Jetzt wiederholen Sie exakt den Fehler, den wir soeben besprochen hatten!

 

Zu Ihrem Leben gehört das bewußte Fühlen eines Wunsches Ihrer Frau (1). Sie setzen es in die Realität Ihres Weltbilds um und schlagen sich dabei auf den Daumen (2); die Ursache ist klar bzw. die Schuldige schnell gefunden: Ihre Frau wollte das Bild aufgehängt haben (3).

Nach der chronologischen Umordnung beginnt es mit diesem Wunsch (1), und er führte dazu, daß Sie Ihren Daumen treffen (2).

 

An allen drei Beispielen wird meines Erachtens sehr schön deutlich, daß Martin Heideggers Seinsvergessenheit keine schrullige Idee eines lebensfremden Philosophen darstellt. In dem Maße, in dem wir ihr fröhnen, entfernen wir uns von einer möglichen Fülle des Lebens und diskretisieren es immer stärker.

3.4. Freiheit

Im Zentrum dieses Kapitels stehen Fragen der Art:

Können Subjektivitäten schlafen, lachen oder zaubern?

Wenn „ja“, möchten wir gerne wissen, was Sie selbst dabei tun, denn was wir unter „Schlafen“, „Lachen“ bzw. „Zaubern“ verstehen, erklärt sich ja allein von ihren Körpern her; soweit waren wir bereits.

Falls es die Subjektivitäten nicht können, erhebt sich hingegen die Frage, was sie dann tun, denn da wir sie als frei vorausgesetzt haben, müssen sie ja irgendetwas bewerkstelligen

 

Um einen Ansatzpunkt in diese Richtung zu finden, greifen wir auf unsere Erklärung der Freiheit in Abschntt 2.2.1. zurück, die ich der Einfachheit halber nochmals wiederhole:

Was wir jetzt „Freiraum zwischen den Grenzen“ genannt haben, ist unsere Freiheit. Sie bildet also keine Eigenschaft der Subjektivität, die wir gedanklich von ihr loslösen könnten, sondern ineins mit der Subjektivität entsteht ein durch seine unabwendbare Endlichkeit bestimmtes Können-Können, die Freiheit.

 

Wir benötigen also einen Freiraum, und der ist nur in einem Kontinuum, das heißt, innerhalb unseres Lebens möglich. Daß sich die Freiheit dort befinden muß, überrascht uns freilich kaum.

Ein leerer Freiraum eröffnet jedoch keine Möglichkeiten, wel alles gleich ist; er bildet selbst die eine „Möglichkeit“, die mit „seiner“ Wirklichkeit zusammenfällt.

In unserem Leben ist also ein Freiraum erforderlich, innerhalb dessen verschiedene Erlebungen existieren. Auf diese Stelle waren wir bereits einmal gestoßen; für das Leben ist kein Weltbild nötig, aber für die Freiheit. Selbst das verbogenste, „erbsündliche“ Weltbild ermöglicht uns Freiheits-Entscheidungen – wofür oder wogegen auch immer.

Die Freiheit der Subjektivitäten besteht also darin, innerhalb ihres Lebens zwischen den ihnen angebotenen Erlebungen wählen zu können.

 

Worin besteht dieses Wählen?

Es kann sich nicht auf die Erlebungen beziehen, denn sie ermöglichen es ja erst.

Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit: Das Wählen besteht im Glauben bzw. Nicht-Glauben der gegebenen Erlebungen

 

Fassen wir zusammen:

Innerhalb des subjektiven Lebens besteht ein Freiraum mit Erlebungen, der unsere Freiheit ermöglicht. Sie besteht darin, daß wir als Subjektivität wählen oder darüber entscheiden, ob wir diese einzelnen Erlebungen glauben bzw. nicht-glauben.

Im Gegensatz zur Tradition gibt es bei uns also weder eine Wahl- noch eine Handlungsfreiheit, sondern „nur“ eine Glaubensfreiheit.

 

Und damit können wir en passant auch gleich noch unsere Frage beantworten, ob die Subjektivitäten beispielsweise schlafen, lachen oder zaubern können.

Während ich mir oben beim Singen sehr sicher war – da Subjektivitäten keinen Mund besitzen –, würde ich jetzt lieber auf ein solch deutliches „Nein“ verzichten, weil ich nicht recht verstehe, was eine schlafende, lachende bzw. zaubernde Subjektivität sein könnte.

Aber: Wenn die Freiheit darin besteht, die Erlebungen entweder zu glauben oder nicht zu glauben, müssen sie den Subjektivitäten vorliegen und dies folglich erleben können.

 

Wieder zusammengefaßt bedeutet dies:

Assoziativ können wir es kaum vermeiden, das Entstehen oder Sich-Herausbilden der Erlebungen als Erleben zu verstehen. Integrieren wir darin noch das Fühlen – das auch ohne Erlebungen wirklich(L) ist – so können die Subjektivitäten zweierlei.

Zum einen erleben sie, und zum anderen führen die Subjektivitäten an den daraus resultierenden Erlebungen den Akt der Freiheit aus, indem sie diese Erlebungen glauben und jene nicht

Ausnahmslos jedes Erleben, sowohl das Erfahren als auch das Nach-Denken, kommt somit den Subjektivitäten zu; alles andere „übernehmen“ die Körper. Gewiß gibt es aber viele Bezeichnungen von Tätigkeiten – „überschauen“, „abzählen“, oder „darstellen“ beispielweise –, bei denen diese Zuordnung nicht so eindeutig möglich ist und wir das Gemeinte genauer spezifizieren müssen.

 

„Das finde ich kühn; damit beenden Sie insbesondere die Diskussion darüber, ob Maschinen denken können, durch einen Geniestreich: Nein – das können nur wir!

Im traditionellen Denken hätten Sie vollkommen Recht, und meine Argumentation muß dort tatsächlich absurd anmuten. Aber in unserem Ansatz stellt sich die Frage, ob das, was ein Computer tut, Denken ist oder nicht, völlig anders.

 

Den Beginn meiner Antwort habe ich Ihnen soeben vorgeführt. Wir sind davon ausgegangen, daß die Erlebungen das Resultat des Erlebens bilden und letzteres zum Leben der Subjektivitäten gehört.

Damit ist alles gesagt, aber wir könnten es auch so formulieren:

Daß A (erfolgreich) denkt, bedeutet bei uns, daß dies für A Denk-Resultate erbringt.

Sämtliche Erlebungen existieren aber nur für Subjektivitäten. Das „wir“ am Ende Ihres Einwurfs kann sich also sehr gerne neben menschlichen auch auf tierische oder, wenn Sie möchten, sogar pflanzliche Subjektivitäten beziehen – aber nicht auf Computer; weder leben sie noch exstieren für sie Erlebungen.  

 

Nun setzen wir unsere Antwort damit fort, daß die Tradition von der nachstehenden Kette ausgeht, wobei sie sich nicht ganz sicher ist, ob der Computer nun wirklich(T) denkt:

 

Computer denkt ? Denkungen                 

Aber das sind notwendigerweise alles Urbilder; für uns existiert diese Kette also nicht, und wir müßten sie durch die folgende ersetzen:

 

Computer für A denkt für A    Denkungen für A                       

Ob ein Computer denkt oder nicht, hängt also nicht von ihm – als einem Urbild – ab, sondern allein von uns. Er, „sein“ Denken und „seine“ Denkungen sind entweder unsere Erlebungen – oder gar nichts. Und unsere Freiheit besteht darin, zu glauben, daß er denkt oder auch nicht.

Erkennen wir es ihm zu, dann denkt der Computer wirklich(G).

Mehr kann niemand für ihn tun; es ist aber dennoch keine weltbewegende Entscheidung sondern gegebenenfalls eine kleine Anderung an unserem Weltbild. Sollen die Computer doch denken; sie existieren(G) dennoch nur für und durch uns.

3.4.1. Freiheit ist weder beweis- noch widerlegbar

Taditionell dürfte es schwierig sein, die Freiheit konsistent zu denken; erinnern Sie sich an unser Zitat von Arthur Schopenhauer:

„Ich kann tun, was ich will, aber ich kann nicht wollen, was ich will.“

Der erste Halbsatz ist meines Erachtens falsch und sollte korrigiert werden in „ich muß tun, was ich will“. Natürlich wünscht sich ein Gefangener, sein Gefängnis zu verlassen; aber Wünschen ist etwas anderes als Wollen. Letzteres bedeutet, daß wir – in Anbetracht aller Umstände oder unserer Gesamtsituation – selbst etwas Mögliches verwirklichen möchten. Einen Sieg der eigenen Fußballmanschaft beispielsweise können sich die Fans wünschen; wollen kann ihn nur, wer selbst mitspielt.

Sagen wir auf einer Party, daß wir gehen wollen, tuen dies aber nicht, obwohl uns keiner daran hindert, dann wollten wir es nicht.

Mit seinem Messer am Hals wollen wir dem Gangster unsere Brieftasche geben; natürlich wünschen wir es nicht.

 

Aber letztlich spielt es gar keine Rolle, ob diese Handlungsfreiheit besteht oder nicht, wenn im Sinne des zweiten Halbsatzes traditionell keine Willensfreiheit existiert; dann tun wir in jedem Fall, was wir müssen.

Möglicherweise gibt es auch starke Argumente gegen unsere Glaubensfreiheit, aber ich weiß noch keine und vertrete daher vorerst die Überzeugung, daß sich Freiheit weder beweisen noch widerlegen läßt, 

 

Beides sollte uns nicht sonderlich überraschen, wenn die Freiheit der Schöpfung entspricht und in unserer Selbstbestimmung besteht; konkreter würde ich etwa folgendermaßen argumentieren:

Wer glasklar und ganz sauber beweist, daß es Freiheit gibt bzw. nicht gibt, hat kann dies nur innerhalb seines Weltbilds getan haben; das mag sehr interesant sein – mehr aber auch nicht. Natürlich existiert beispielsweise in einem streng deterministischen Weltbild keine Freiheit; aber das hat doch mit ihr überhaupt nichts zu tun, sondern nur mit dem Weltbild.

 

Vieles was uns im Leben wichtig ist, gäbe es ohne Freiheit nicht, weil es ein freiheitliches „ja“ voraussetzt.

Zwangs-Ehen sind möglich; Zwangs-Liebe aber nicht, denn Liebe ist an Freiheit gebunden. Vielleicht entwickelt sie sich sogar innerhalb der Zwangs-Ehe noch, aber auch das tut die Liebe dann entweder in Freiheit oder gar nicht.

Wir könnten Entsprechendes gewiß auch für Freundschaft sowie Wahrhaftigkeit sagen, und es würde es sich wohl lohnen, dem Gedanken nachzugehen, ob das, was uns menschlich oder zu Menschen macht, nicht gerade mit dem zusammenfällt, was ohne Freiheit unmöglich wäre.

Aber das ist natürlich kein Freiheitsbeweis und soll auch nicht so verstanden werden; selbst wenn es stimmen würde: Wer sagt denn, daß das, was uns zu Menschen machen könnte, existieren muß?

 

Aber etwas anderes können wir wohl beweisen:

Es ist unmöglich, die Wirklichkeit der Freiheit zu widerlegen, das heißt, sie zu bestreiten, ohne sich selbst zu widersprechen.

Nehmen wir an, das Quietschen eines Fahrrads klinge wie „Ich brauche Öl“.

Selbst wenn das de facto stimmt, hat das Fahrrad aber trotzdem nichts gesagt; es besitzt keine Überzeugung und kann demzufolge auch nicht wahrhaftig sein, so daß der Quietsch-Klang „Ich brauche Öl“ völlig bedeutungslos ist.

Und so bleibt alles völlig bedeutungslos, was nicht nur Fahrräder, sondern irgendwelche Maschinen „sagen“; Lautsprecher, CD-Player, Roboter usw.; oder Gehirne, wenn sie denn Computer wären.

 

Geräusche sind erst dann Sprache, wenn ihr Produzent eine eigene Überzeugung besitzt und diese ausdrücken möchte, obwohl er auch von ihr abweichen und etwas anderes äußern – also unwahrhaftig sein – könnte.

Wenn wir zum Beispiel sagen, daß der Eiffelturm in Paris steht, hätten wir anstelle von „Paris“ theoretisch auch „London“ wählen können; nichts hat uns zu unserer Aussage gezwungen. Hinter ihr stehen keine Ursachen – wie bei der Maschine –, sondern unsere Überzeugungen und damit Gründe. Wir könnten „London“ behaupten, halten das aber für unwahrhaftig, haben die Wahl und sagen freiwillig – aber begründet – „Paris“.

„Freiheit ist Handeln – nicht aus Ursachen, sondern – aus Gründen“ (Charles Larmore).

Dies bedeutet, daß es ohne die Möglichkeit der Unwahrhaftigkeit keine Freiheit geben kann.

 

Wer also behauptet, daß es keine Freiheit gibt, und mit seiner Aussage ernstgenommen werden möchte, kann dies nur als seine eigene Überzeugung darstellen, wenn er zugibt, das nicht sagen zu müssen, sondern freiwillig so zu sprechen. Er will etwas sagen, wofür er gute Gründe besitzt, und ist überzeugt zu lügen, wenn er die Wirklichkeit der Freiheit zugeben würde – die er aber eben dabei notwendigerweise voraussetzt.

3.4.2. Freiheit im Hier und Jetzt

„Wenn Sie – ausnahmsweise – einmal etwas mehr Praxisnähe oder Realitätssinn  gestatteten, könnte ich im Einzelfall sehr wohl beweisen, daß es keine Freiheit gibt; ich sperre Sie einfach ins Gefängnis.“

Einen solchen Einwand habe ich von Ihnen erwartet, finde ihn aber nur bedingt richtig und sehe darin auch keinen Widerspruch zu unseren bisherigen Überlegungen.

 

Zunächst können Sie mich – als Subjektivität – gar nicht einsperren, sondern nur meinen Körper.

Das „nur“ klingt natürlich schlimm; aber es ist ganz entscheidend, diesen Unterschied – auch gegenüber dem traditionellen Denken – zu beachten; letzterem zufolge wurde mit dem Körper das Subjekt bzw. Individuum eingesperrt.

 

Freiheit ist eine solche des Glaubens bzw. Nicht-Glaubens – natürlich auf ausnahmslos allen Gebieten, und nicht nur bei „Glaubensfragen“ im engeren Sinne –, in der sich die Subjektivität selbst bestimmt.

Das ist die eine Seite; vollkommen unabhängig davon steht ihr mit dem Weltbild eine zweite gegenüber. Daran kann alles entsetzlich sein; denken wir beispielsweise an Krankheiten, Hunger, Vertreibung, Folter usw.; hierzu gehört natürlich auch Ihre Gefangenschaft.

Sie bildet also absolut nicht das Gegenstück zur Freiheit, sondern zur Situation eines absolutistischen Monarchen

Die Freiheit ist „immer die gleiche“; unterschiedlich sind sowohl die Weltbilder als auch die Situationen, innerhalb derer sich unser Körper darin vorfindet. Heinrich Rombach sprach seht treffend von der Situationskokarde als demjenigen, das auf unseren Körper im Rahmen des subjektiven Weltbilds zukommt.

 

Zurück zu Ihrem Beispiel.

Sie können mir mein Leben in der Tat furchtbar vermiesen, indem Sie meinen Körper beispielsweise einkerkern und ihm damit eine schreckliche Situationskokarde verpassen.

Aber Sie sind natürlich nicht imstande, mir meine Freiheit zu rauben; dazu müßten Sie meiner als Subjektivität doch erst einmal habhaft werden – und das ist unserem Ansatz zufolge prinzipiell ausgeschlossen.

Ich relativiere damit absolut nichts und behaupte keineswegs, daß Weltbilder mit ihren jeweiligen Situationskokarden nicht grausam unmenschlich sein können; ich bin wahrlich kein Prophet des „reinen Geistes“ oder der Weltflucht.

Aber trotzdem müssen wir ebenso klarstellen, daß die Situatioskokarden nichts mit der Freiheit selbst zu tun haben; sie bleibt immer nur endlich – auch bei dem absolutistischen Monarchen von soeben –, und wir haben es lediglich in der Hand, ob sie mehr oder weniger endlich ist.

 

Nur wenn wir so konsequent die „ewig immer gleiche“ Freiheit vom konkreten Hier und Jetzt unterscheiden, läßt sich die Schöpfung als eine solche der Freiheit und diese somit als unverfügbare Gabe verstehen.

Beeinflussen können wir dann natürlich nur die Äußerungsbedingungen dieser Freiheit, das heißt, die Weltbilder und ihre Situationskokarden.

Mit anderen Worten:

Wir verdanken unsere Freiheit weder dem Grundgesetz noch der Bundesregierung oder Wirtschaftskraft; niemand und nichts kann Freiheit hervorbringen.

Aber Grundgesetz, Bundesregierung und Wirtschaftskraft sind ebenso wichtig, wie das Engagement der Bürger, die sich kontinuierlich bemühen, die Entfaltungsmöglichkeiten unserer geschenkten Freiheit möglichst hoch zu halten, zu erhalten und nicht zu beschneiden.

 

Im ontologischen Explikationismus stellt die Freiheit also eine Gabe dar, die uns zum Leben in Fülle führen soll (Jean-Luc Marion).

Das bedeutet keinen Widerspruch, wenn die Entfaltungsmöglichkeiten der Freiheit zwar durch Weltbild und Situationskokarde begrenzt sind, diese aber selbst in Freiheit bestimmt werden können.

„Sorry; ich bestimme mein Weltbild leider kaum freiheitlich. Mir ist etwas überliefert oder vorgegeben worden, was mir nur einen recht kleinen Handlungsspielraum eröffnet. Und ich fürchte, es leben viel zu viele Subjektivitäten, die Ensprechendes sogar bezüglich ihrer jeweiligen Situationskokarden sagen würden.“

Das ist völlig richtig, und so persönlich hatte ich es auch nicht gemeint. Natürlich haben wir die Möglichkeit uns von unserer Herkunft zu distanzieren; aber auch das kann nur auf der Grundlage eben dieser Herkunft geschehen, die wir somit gegebenenfalls aufheben oder überformen, aber weder hinter uns lassen noch überwinden.

Auf diese Thematik waren wir oben im Zusammenhang mit dem Begriff der „Erbsünde“ bereits einmal gestoßen. Alle Subjektivitäten, hatten wir dort gesagt, sind in ihrer Gesamtheit für die Weltbilder verantwortlich; „und für die Situationskokarden“ ließe sich nun ergänzen.

3.4.3. Freiheit der Subjektivität – nicht ihres Körpers

„Kann ich sinnvoll sagen, daß ich – als Subjektivität – gegenwärtig schlafe?“

Natürlich können Sie das; Sie beschreiben damit den Status quo Ihres Lebens. Andere Subjektivitäten besitzen keinen Zugang und können Ihnen somit auch nicht sinnvoll widersprechen.

Was „ich schlafe“ bedeutet, wissen wir freilich nur anhand des eigenen Weltbilds, so daß sich uns zwei Fragen stellen:

Was meinen Sie mit dieser Beschreibung? Daß Sie sich halb in Trance befinden? Oder sterben möchten?

Und ist diese Beschreibung, wenn sie so schwer zu verstehen ist, glücklich gewählt? Hätten Sie sich nicht deutlicher ausdrücken können?

 

„Der Einfachheit halber skypen wir wieder miteinander, und ich sehe auf meinem Monitor, daß Ihr Körper mit geschlossenen Augen und dem Kopf im Nacken im Sessel hängt. Dann schläft also nur der Körper?“

Natürlich; mein eventuelles Schlafen ist Ihnen nicht zugänglich, und was Schlafen meint, kennen wir natürlich nur vom Weltbild mit seinen Körpern her.

Die Tradition setzt ihre Subjekte lediglich mit den Körpern gleich, und muß daher nicht von deren Schlafen sprechen, sondern kann sagen, es seien die Subjekte selbst, die schlafen.

Wir können nicht nur das nicht, sondern dürfen die Selbstaussage einer Subjektivität, sie würde schlafen, auch nicht als Bezeichnen verstehen; es handelt sich vielmehr – wie soeben bei Ihnen – lediglich um ein mehr oder weniger angemessenes Beschreiben.

 

„Die Frage, was eine Subjektivität wirklich(L) tut, ist also immer falsch gestellt?“

Eindeutig „ja“.

Natürlich gibt es zwingende „Antworten“ auf Ihre Frage. Im Sinne der letzten Abschnitte müssen wir einfach zugeben, daß Subjektivitäten natürlich erleben und glauben oder nicht-glauben können. Aber das sind keine Antworten auf Ihre Frage, weil wir nicht wissen, was „erleben“ und „glauben“ bzw. „nicht-glauben“ bedeuten; vielmehr handelt es sich hier nur um zwingende Grammatik:

Wenn wir Erlebungen besitzen, müssen müssen wir notwendigerweie erleben können, und die Glauensfreiheit erfordert grammatisch die Möglichkeit zum Glauben.   

 

„Können Subjektivitäten beten?“

Was ist Beten, wenn wir den Körper vollkommen außer Acht lassen (müssen)? Ich kann die Frage absolut nicht beantworten und schließe insbesondere keineswegs aus, daß der Heilige Geist selbst mit oder anstelle der Subjektivität betet.

Derartige Gedanken liegen uns zumeist fern, wir achten lediglich auf den Körper und damit auf pure Äußerlichkeiten. Ob eine Subjektivität betet oder nicht, weiß jedoch höchstens sie selbst und ist völlig unabhängig vom Handeln ihres Körpers; die Arbeit einer Krankenschwester zum Beispiel kann ein Gebet sein.

Aber so verhält es sich doch bei ausnahmslos allen religiösen oder existenziellen Fragen. Kommen Eltern, die ein Baby verloren haben, gemeinsam zu dem Schluß, dieser Tod sei Gottes Wille gewesen, sehe ich keinen Grund, ihnen zu widersprechen – wieso soll ich Gottes Willen besser kennen als die Eltern? Sagt ihnen das dagegen ein Außenstehender, dann ist das unmenschlich und pervers, denn auch er kennt Gottes Wille nicht.

3.5. Aktant-Netzwerk-Theorie

Wir können nicht in andere Bewußtseine hineinschauen; ohne eine diesbezügliche Einsicht kann auch keine etwaige Übereinstimmung festgestellt werden. Da wir aber trotzdem miteinander – im Unbewußtsein – wechselwirken, bedeutet dies, daß wir keine Ahnung davon haben (können), wie sich unser Leben auf das der anderen Subjektivitäten auswirkt

Die Intersubjektivität, so hatten wir dies bisher formuliert, besteht in einer Wechselwirkung ohne Übereinstimmung. Es ist jedoch mehr als zweifelhaft, ob sich auf dieser Grundlage eine friedliche Gesellschaft gestalten läßt.

 

Meine Lösung dieser Schwierigkeit verdanke ich der Aktant-Netztwerk-Theorie (ANT) von Bruno Latour.

Sein Ziel besteht darin, „eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft“ zu schaffen, die auf der Überzeugung beruht, daß es „das Soziale nicht gibt“, nämlich den „gesellschaftlichen Kitt“ oder die Bindekraft, von deren Existenz die gesamte klassische Soziologie überzeugt war.

Sie benutzte dieses Soziale wie selbstverständlich und versuchte, damit alles Mögliche in unserem Leben zu erklären; daß Menschen einander helfen, Verträge abschließen, Kinder aufziehen, Verantwortung übernehmen, sich engagieren oder verlieben können usw. 

Bruno Latour zufolge gibt es „alles – außer dem Sozialen“.

 

Natürlich geht es ohne letzteres gar nicht, das weiß er auch; aber das Soziale ist nicht bereits vorhanden sondern muß erst hergestellt werden; es bildet nicht den Ausgangspunkt, sondern das Ziel der neuen Soziologie. (Im Hintergrund steht hierbei der grundlegende Streit zwischen Gabriel Tarde und Émile Durkheim am Beginn der wissenschaftlichen Soziologie.) Und zu diesem Aufbau des Sozialen, des Zusammenhalts oder „Kitts“ kann Bruno Latour zufolge prinzipiell alles dienen, was auf uns wirkt.

Das sind in unserem Ansatz die Erlebungen; das Leben wirkt nicht auf uns, sondern ist das Wirken. Es gibt künstlerische, philosophische, ästhetische, physikalische, religiöse, sportliche Erlebungen usw. – nur keine sozialen. Jene können und sollen zu diesen werden; aber ob bzw. wie das geschieht, hängt von uns und unserem Umgang mit den eo ipso nicht-sozialen Erlebungen ab.

 

Das war jetzt recht plakativ und dafür wie zumeist nicht ganz richtig:

Wir beginnen natürlch nicht heute damit, unsere Erlebungen sozial zu nutzen, sondern befinden uns seit Urzeiten mitten in diesem Sozialisierungesprozeß, so daß schon ganz lange soziale Erlebungen existieren. Aber das entbindet uns gleichwohl nicht von der Frage nach ihrer Entstehung

Daß das Soziale nicht von Anbeginn existiert, hatten wir bereits für beide Ansätze ausgeführt:

Traditionell sind wir Individuen, die auf eigenen Beinen stehen und ihresgleichen lediglich auf der Ebene des Tauschs benötigen; außer der Ökonomie verbindet uns nichts.

Im ontologischen Explikationismus sind wir Subjektivitäten füreinander transzendent, so daß jegliche Intersubjektivität von vornherein ausgeschlossen ist. Wir leben zwar im gleichen Urspung, aber vollkommen isoliert voneinander.

 

Das Kernproblem dieses Kapitels besteht somit in der Frage:

Wie läßt sich aus Erlebungen – denn allein sie kommen dafür infrage –, die zunächst nicht-sozial sind, Soziales erzeugen?

3.5.1. Das Kollektiv neu versammeln

Diese Überschrift entspricht einer häufigen Formulierung Bruno Latours; das Kollektiv tritt an die Stelle der – unverstandenen, weil immer schon als sozial vorausgesetzten – Gesellschaft.

Letztere besteht aus menschlichen Körpern bzw. Subjekten; das Kollektiv neu zu versammeln, bedeutet, daß wir diesen menschlichen Aktanten nicht-menschliche hinzufügen müssen. In unserem Sprachspiel gehören sie natürich alle zu den Erlebungen, bilden aber nur enen minimalen Teil von ihnen.

 

Das Lieblingsbeispiel von Bruno Latour, um den Begriff der Aktanten zu erläutern, bildet sicherlich der „Berliner Schlüssel“.

Zwischen den beiden Weltkriegen sollten abends alle Haustüren nach dem Passieren wieder verschlossen werden; aber das tut nicht jeder. Um es zu erzwingen, wurde besagter Schlüssel erfunden:

Man steckt ihn in das Schloß, öffnet, kann den Schlüssel aber nicht abziehen, sondern muß ihn durch das Schloß auf die jeweils andere Seite schieben, passiert die Türe und erreicht den Schlüssel somit wieder, muß jedoch erst zusperren, um ihn abziehen zu können. Einfach genial!

Dieses schöne Beispiel dürfte bereits genügen, um das Prinzip zu begreifen:

Aktanten sind diejenigen Erlebungen, die unseren Körper mit seinen Handlungen positiv beeinflussen und dabei das gewünschte – soziale – Verhalten von ihm bewirken.

 

Moderne Autos starten nicht, wenn wir nach Alkohol riechen oder den Sicherheitsgurt nicht angelegt haben.

Hotels beschweren ihre Zimmerschlüssel, damit wir sie nicht versehentlich einstecken, oder nutzen Karten zum Öffnen, die zugleich für den elektrischen Strom benötigt werden, damit wir sie nicht steckenlassen.

Alle Selbstbedienungsautomaten diktieren unserem Körper, was er zu tun hat.

Bremskissen zwingen uns, den Fuß vom Gaspedal, und elektrische Weidezäune, die Hand vom Draht zu lassen.

Orthopädische Hilfsmittel verlangen ein entsprechendes Bewegen.

Gesetze halten uns davon ab, Straftaten zu begehen.

Pille und Aids-Virus haben unser Liebesleben revolutioniert.

Angst kann als Aktant in der Erziehung oder von Sekten mißbraucht werden.

Die Reihe der Beispiele ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

 

Das Zusammenspiel zweier Aktanten kann freilich auch zu einem neuen Aktanten führen.

Wenn ein menschlicher Körper eine Pistole in der Hand hält, dann ist es ein ganz anderer Aktant als ohne sie. Weder der Körper schießt noch die Waffe, sondern nur der Aktant Körper-Waffe bzw. Waffen-Körper. Die Gleichsetzung von Körper und Aktant, mit der wir eingesetzt hatten, darf also nicht verabsolutiert werden.

 

Der traditionelle Ansatz sowohl in der Philosophie als auch in der Soziologie geht davon aus, daß die Subjekte Empathie, Nächstenliebe, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl oder moralische Integrität aufbringen.

Aber woher sollten sie das haben? Nichts fällt von Himmel, ist einfach da oder geschaffen worden, sondern ausnahmslos alles muß sich entwickeln, so daß wir immer vor der Aufgabe stehen zu zeigen, wie dies möglich sein könnte.

Speziell für das Soziale will Bruno Latour dies mit seiner Aktant-Netzwerk-Theorie leisten, und wir können sie sehr leicht mit unseren bisherigen Resultaten verbinden:

Alle anderen Subjektivitäten bleiben transzendent, und wir erleben nur ihre Körper, die sich durch uns und innerhalb von unserem Weltbild „auf dem Weg zu ‚ihren‘ Subjektivitäten“ befinden können. Wir sind also gezwungen, das Soziale innerhalb unseres  Weltbilds herzustellen, und Bruno Latour erklärt uns, wie das möglich sein könnte.

3.5.2. Genese des Sozialen

Die klassische Soziologie geht fälschlicherweise vom Sozialen aus und interpretiert es als intersubjektive Übereinstimmung; aber das ist ausgeschlossen. Taditionell, weil die Subjekte von ihren Körpern her völlig getrennte Urbilder sind und auch die eventuell hinzukommenden Psychen keinerlei Intersubjektivität kennen. Bei uns, weil die anderen Subjektivitäten als soche gar nicht existieren. Wer von Empathie, Nächstenliebe, Freundschaft oder ähnlichem spricht, soll uns bitte erklären, was er meint.

Nun erzeugen wir mittels der Aktanten das Soziale, was sich mit Sicherheit in beiden Modellen auf die Situationskokarden der Körper auswirkt. Aber was geschieht mit letzeren selbst?

 

Unsere Antwort haben wir bereits vorbereitet:

Auch Bruno Latours Produktion des Sozialen kann natürlich keine Intersubjektivität hervorbringen, aber sie macht unser eigenes Weltbild integraler, so daß sich alle davon betroffenen Körper ein wenig auf „ihre“ Subjektivität zubewegen – natürlich nur für uns; allein aus unserer Sicht oder in unserem Weltbild.

Daraus ergeben sich zwei wichtige Konsequenzen.

 

Zum einen bleiben die Körper Körper und die anderen Subjektivitäten transzendent, solage wir leben; wirkliche Intersubjektivität kann es frühestens danach im Reich Gottes geben

Es verhält sich hierbei ganz analog wie bei vielen entsprechenden Fragen, etwa derjenigen nach dem Suchen und Finden der Wahrheit. Die Tradition kennt diesbezüglich wenig Hemmungen und ist häufig relativ schnell bei einer dogmatischen Endlösung.

Ich bin dagegen überzeugt, daß allein der Zweifel fruchtbar ist, weil er den Boden, auf dem wir sicher zu stehen glauben, schwanken läßt. Es sind darum die offenen Fragen, die uns vorantreiben und weiterbringen, nicht die Gewißheiten. Wir können und sollen ein Leben lang suchen; das Finden gehört ebenfalls erst zum Reich Gottes.  

Es wäre doch entsetzlich peinlich für Gott und ein Grund zum Fremdschämen, wenn die „Wahrheitchen“, die wir Schlauberger in unserem Leben gefunden haben, irgendetwas mit der Wahrheit Gottes zu tun hätten. Karl Rahner konnte sagen, Gott lache sich wahrscheinlich halb tot über unsere Theologien und amüsiere sich köstlich: „Das soll ich sein?

 

(Zum anderen ergibt sich eine Konsequenz, mit der wohl nicht unbedingt zu rechnen war.

Fairness, die Goldene Regel oder das „Wie du mir, so ich dir“ werden häufig mit der Ethik in Verbindung gebracht. Ich halte das für völligen Unsinn; so gehen Geschäftsleute miteinander um und bewegen sich damit ausschließlich im Rahmen der Ökonomie. Es ist nicht moralisch, sondern pragmatisch, dem anderen das, was wir von ihm nicht möchten, auch selbst nicht anzutun.

Die Ethik beginnt erst mit der Einseitigkeit unserer Beziehungen, die insbesondere Emmanuel Levinas in den Vordergrund stellt.  „Ich bin der Hüter meines Bruders“ oder „Geisel für den Anderen“; was er mit mir – oder wem auch immer – macht, hat doch mit meiner Moral überhaupt nichts zu tun.)

 

Auf exakt diese Einsetigkeit waren wir bei unseren Überlegungen recht zwingend gestoßen:

Ich bewege den fremden Körper innerhalb meines Weltbilds aus meiner Sicht in Richtung „seiner“ Subjektivität, indem ich ihn integraler erlebe. Diese Subjektivität und ihre Körpersicht können für mich ja gar keine Rolle spielen.

 

Im traditionellen Ansatz ergibt sich natürlich keine dieser beiden Konsequenzen – weil sich dort gar nichts ergeben kann. Wer Urbilder glaubt, glaubt eben die fehlende Intersubjektivität bzw. Einseitigkeit der Ethik mit – oder vielleicht auch nicht; ohne Argumente gibt es auch keine Ergebnisse.

„Aber Sie sprechen doch mindestens ebensoviel vom Glauben und sehen in ihm sogar die einzige Äußerungsform unserer Freiheit!“

Ja; aber Glaube(T) ist nicht gleich Glaube(E).

Der traditionelle Glaube(T) ist auf die Urbilder einer Hinterwelt gerichtet; sie können zwar beliebig genau bekannt sein, weil sie unseren Vorstellungen entsprechen, aber ihre Wirklichkeit(T) besteht lediglich in Projektionen eben dieser Vorstellungen. Letztere werden als Abbildungen mißverstanden, wenn von Urbildern die Rede ist. 

Bei uns spielt in der Tat der Glaube(E) eine fundamentale Rolle, bezieht sich aber auf die Erlebungen selbst und nicht auf deren Projektionen. Wir haben also erst einmal verstanden, nicht nur was wir glauben bzw. nicht-glauben, sondern auch dessen Wirklichkeitsstatus:

Er wird erst durch unseren Glauben zu einer Wirklichkeit(G) für uns – und mehr behaupten wir auch nicht

3.6. Begehren

Ohne Leben kann es keine Erlebungen geben, aber die Umkehrung stimmt natürlich nicht; wir leben auch während der ungegenständlichen Meditation oder im traumlosen Schlaf. 

Bei einem Leben ohne Erlebungen haben wir spontan das Gefühl, es müsse etwas fehlen. Renaud Barbaras sieht das jedoch ganz anders, nämlich durch und durch positiv:

Das Leben stellt eine potentiell unendliche Möglichkeit für seine Erfüllung dar; sie wird nicht verwirklicht und dadurch als ein „metaphysischer“ Mangel erfahren. Die Kraft oder Wirkmacht in unserem Leben, die ihn befriedigen oder stillen will, nennt Renaud Barbaras „Begehren“.

Das Begehrte besteht also in der Überwindung des „metaphysischen“ Mangels; sagen wir dazu, es handle sich um die „Fülle des Lebens“, so ist das nur ein Name, mit dem wir keinerlei Erfahrungen verbinden können. 

 

Das Begehren hat aber auch gar nichts mit einem Bedürfnis oder Drang zu tun wie beispielsweise dem Hunger. Das Begehren besteht in einer Unzufriedenheit mit sämtlichen möglichen Erlebungen und bildet daher „nicht die Kehrseite irgendeiner Positivität“ (Renaud Barbaras); deswegen „metaphysischer“ Mangel.

Bei einem Bedürfnis wissen wir, was zu seiner Befriedigung geschehen muß; wir essen, und der Hunger ist gestillt; wir sehnen uns nach Ruhe und greifen zu einem Buch.

Tiere wissen nichts von Bedürfnissen wie Hunger, Ruhe, Sicherheit oder Sexualität, sondern verspüren einen entsprechenden Drang.

 

Dieses allumfassende Begehren bildet auch die Grundlage des Denkens von René Girard.

Keiner weiß, worin das Begehrte besteht; „Fülle des Lebens“ ist nur ein nichtssagender Name, weil die Fülle des Lebens alle Erfahrungen transzendieren soll.

„Nein“, denken wir häufig, „einige scheinen doch nicht nur zu wissen, worin das Begehrte besteht, sondern es auch bereits gefunden zu haben. Moritz macht so einen glücklichen Eindruck; Pünktchen kann anstellen, was sie will, ihr gelingt einfach alles; und Anton hat es offensichtlich auch geschafft.“

So werden uns andere zum Vorbild; wir „begehren das Begehrte des Anderen“, das wir natürlich nicht kennen. Der Andere ebenfalls nicht, aber da wir diesbezüglich naiv sind, können wir nichts Besseres tun, als ihn zu imitieren, und das führt unter anderem zu der oben angedeuteten Mimesis.

 

Behoben würde der „metaphysische“ Mangel oder gestillt würde das Begehren allein dadurch, daß wir in unserer Freiheit die Fülle des Lebens wünschten.

Freiheit gibt es jedoch nicht ohne ein Weltbild, so daß die Fülle des Lebens einerseits nur mittels der Weltbilder erreicht werden kann.

Andererseits produziert jedes von ihnen Bedürfnisse, die es ohne Weltbild gar nicht gäbe. Das heißt, es verführt uns zu der Annahme, wir könnten das Begehren durch die Befriedigung von Bedürfnissen stillen.

 

Damit befinden wir uns freilich in einer unentrinnbaren Falle:

Je mehr wir tun, um unser Begehren fälschlicherweise an Bedürfnissen befriedigen zu wollen, desto weiter entfernen wir uns davon, es wirklich zu stillen und der Fülle des Lebens näherzukommen.

Nun dürfte auch der Ansatz von Renaud Barbaras einleuchten:

Ein Leben ohne Erlebungen müssen wir positiv verstehen, weil bei ihm die Sicht auf seine potentiell unendlichen Möglichkeiten noch nicht verstellt ist. Jede, auch die großartigste Erlebung stellt bereits eine Ersatzbefriedigung dar; sie bedient Bedüfnisse, Wünsche oder Ziele und verwehrt uns damit zugleich den Blick auf das, was wir eigentlich in unserem Leben wollen.  

Stets müßte unsere Reaktion lauten: „Fantastisch – aber ich wünsche mir mehr!“

4. Die beiden ZEITEN

„Ich fand die obigen Ausführungen zur Stabilität des Welttbilds recht überzeugend und kann Ihnen auch sonst weitgehend folgen. Aber nichtsdestotrotz stehen Sie mit Ihrem Ansatz meines Erachtens noch vor einem nahezu unlösbaren Problem.

Seit vielen Jahren und kontinuierlich immer wieder verhält es sich so, daß ich aus meinem Arbeitszimmer in den Flur trete und die zweite Türe rechts in das Bad führt. Ich kann mich also stets 100%-ig sicher und voraussehbar bewegen; meines Erachtens läßt sich das nur durch die Annahme erklären, daß meine Wohnung stabilen Urbildern entspricht, an sich existiert oder vollkommen unabhängig von mir und allen anderen Subjektivitäten ist.“

 

Das scheint in der Tat zwingend zu sein – aber nur solange Sie unseren „Dualismus“ übersehen.

Auf der einen Seite befinden sich die „raum“-„zeitlichen“ Vorstellungen von Ihrer Wohnung, die absolut nichts mit der Leibhaftigkeit Ihres Lebens zu tun haben und lediglich einen integralen Teil ihres Weltbilds bilden, das natürlich unermeßlich weit darüber hinausgeht.

Ihr wirkliches Leben, Wohnen oder Laufen auf der anderen Seite ist raum-zeitlich; weder handelt es sich hierbei um bloße Vorstellungen noch um das Wovon irgendwelcher Vorstellungen. Erinnern Sie sich an Georg Spencer-Brown; das Leben besteht ihm zufolge im primären Treffen von Entscheidungen und nicht in der nur sekundären Wahl zwischen bereits getroffenen Unterscheidungen.

Das bedeutet, daß wir im wirklichen Lebens niemals wissen können, was tatsächlich auf uns zukommt. Vielleicht die – aufgrund es Weltbilds – erwarteten Wiederholungen, aber möglicherweise auch prinzipiell unvorhersehbare Erstmaligungen.

 

Das Arbeitszimmer, in dem sich Ihr Körper anfangs befindet, stellt kein Urbild dar, sondern eine Facette Ihres Lebens, die Sie im Sinne des Weltbilds als Arbeitszimmer mit eigenem Körper erfahren. Erfahrung ist Erfahrung; nur in ihrem Verständnis können wir uns von der Tradition unterscheiden. Ihr zufolge handelt es sich um eine Abbildung des Urbilds Arbeitszimmer durch den Körper; wir gehen hingegen davon aus, daß der Durchschnitt des Weltbilds mit dem Leben zu den – entsprechenden, das heißt, gleichen – Erfahrungen führt.

Sie wissen also durch Ihr Weltbild, wo sich Ihr Körper befindet – im Arbeitszimmer. Und aus eben diesem Weltbild ergeben sich auch bestimmte Erwartungen, wenn er die Türe öffnet; sie bleiben so lange näherungsweise konstant, wie dies – in dem relevanten Zusammenhang – für Ihr Weltbild gilt.

Wir müssen also nicht sagen, alle Urbilder – sowohl die Wohnung als auch Ihr Körper – kommen irgendwoher und sind dann wieder weg bzw. tot, sondern sämtliche Erlebungen andern sich kontinuierlich.

 

„Aber es ist doch wahr, daß die Wohnung einmal gebaut wurde und wieder kaputtgehen wird oder mein Körper geboren wurde und sterben muß.“

Traditionell gedacht ist das wahr; für uns gibt es jedoch weder Wohnungen noch Körper an sich, sondern beide nur als Erlebungen für Subjektivitäten.

In Ihrem Leben haben Sie also möglicherweise bereits den Wohnungsbau erfahren, dann die Wohnung selbst, und vielleicht erfahren Sie auch noch, wie Ihr Körper stolpert, Sie Türen verwechseln oder nicht mehr wissen, weshalb er sich jetzt in welchem Zimmer befindet.

 

Kokret ist meine Antwort auf Ihre Frage der traditionellen also doch recht ähnlich:

Daß Sie sich stets 99,9%-ig sicher und voraussehbar bewegen können, resultiert nicht aus ewig konstanten Urbildern, sondern aus Ihrem näherungsweise konstanten Weltbild. Ihre Gäste müssen keine Urbilder abbilden, um sich zurechtzufinden, sondern in Ihr Weltbild eingeführt werden. 

 

Die Tradition hat die nebeneinander liegenden Vorstellungen irrtümlicherweise als „Raum“ verstanden; Zimmer der Wohnung, Karos auf dem Papier oder Sonnensysteme im Kosmos zum Beispiel. Deswegen leben wir nicht im „Raum“, sondern lediglich unsere Erlebungen können ihm angehören.

„Nacheinander“ befindliche Vorstellungen bilden die „Zeit“; aber da es sich hier ebenfalls nur um bereits vorliegende Unterscheidungen – und keine erst noch zu treffenden Entscheidungen – handelt, ist das kein Nach-, sondern auch nur ein Nebeneinander.

Deswegen hatten wir „Raum“ und „Zeit“ anschaulich zu einem bloßen vierdimensionalen Regallager für sämtliche Erlebungen zusammengefaßt. Das benötigen wir dringend, um unseren Körper „raum“-„zeitlich“ lokalisieren und seine Situationskokarde – das heißt, die zu erwartenden Wiederholungen – abschätzen zu können.   

Ob sie eintreten oder durch überraschende Erstmaligungen abgelöst werden, wird sich immer erst zeigen, aber unsere gesamte Planung kann sich nur auf die Situationskokarde mit ihren Wiederholungen beziehen.

 

Dagegen leben wir Subjektivitäten in Raum und Zeit; erinnern Sie sich bitte beispielsweise an das Schmerzen, das stechen, pochen, schlagen oder ausstrahlen kann.

Weder Raum noch Zeit kann ich Ihnen veranschaulichen, weil sie „unvorstellbar“ sein müssen; würde es mir gelingen, wären wir zwangsläufig bereits bei „Raum“ und „Zeit“.

4.1. Hinführung

Unsere Unterscheidung der beiden RÄUME und ZEITEN entspricht nur einerm ersten Schritt; nicht bei Raum und Zeit, aber von den „Räumen“ sowie „Zeiten“ existieren viele Varianten. Ganz offensichtlich gibt es unter anderem die „Räume“ der Physik, Malerei oder Architektur und die „Zeiten“ der Physik, Geschichte bzw. Musik.

Alle diese „Räume“ und „Zeiten“ bilden selbst Erlebungen und nicht nur deren – sie ermöglichende oder ihnen vorgegebene – Sphären.

 

Andere Kulturen sind teilweise von Erlebungen ausgegangen, die wir nur noch sehr schwer nachvollziehen können.

Die Erdscheibe mit der Himmelsglocke darüber und möglicherweise der Hölle darunter bildet einen speziellen „Raum“. Weder ist das Unsinn noch muß es ins Chaos führen; die Menschen haben beispielsweise die zu diesem „Raum“ gehörige Nautik so hoch entwickelt, daß sie nahezu um die ganze Erde segeln konnten. 

Viele Kulturen haben geglaubt, daß ihr „Raum“ bei den Säulen des Herkules endet.

Die Griechen konnten die „Zeit“ bekanntlich als Kreis denken, dessen Umfang Platon das „Große Jahr“ nannte; nach dieser „Zeit“ soll sich alles exakt wiederholen – wie in jedem Großen Jahr.

Naturvölker unterscheiden „zeitlich“ teilweise nur zwischen Präsenz und Absenz. Die Ahnen sind dann nicht bereits tot – weil sich das „zeitlich“ dual gar nicht denken läßt –, sondern nur abwesend; dadurch wird es beispielsweise möglich, sie bei Stammesfeierlichkeiten durch ein festliches Ritualisieren wieder anwesend werden zu lassen.  

 

Das sollte des Gesamtzusammenhangs wegen ein wenig im Hinterkopf bleiben; wir beschränken uns im weiteren aber nahezu ausschließlich auf das wchtigste „Pärchen“, nämlich die wirkliche Zeit und die physikalische „Zeit“. Sofern von anderen Größen die Rede ist, weisen wir explizit darauf hin.  

 

Die physikalische „Zeit“ wird zumeist durch einen kontinuierlichen Strahl von „Zeit“-Punkten mit dem Parameter t veranschaulicht, wobei t = 0 dem Jetzt entspricht; die negativen t-Werte bilden das Früher und die positiven das Später; bei der bekannte