Gliederung

0.IntentionExkurs zum Motivieren – Naiver Realismus0.1.Urbild, Abbilden und Abbild – im logischen Zirkel0.1.2.Das Sein der Seienden0.1.3.Zirkel der Wahrnehmungen0.1.4.Es gibt kein Abbilden0.1.5.Physikalische "Abbild"-Theorie0.1.6.Die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken0.1.7.Implizit oder explizit, diskretisiert oder integral0.1.8.Integrieren und Diskretisieren0.1.9.Irreversibilität des Diskretisierens0.2.Hinterwelten0.2.1.Wissenschaft und Hinterwelt0.2.2.Wahrheit und Überzeugung0.2.3.Wahrheit und Richtigkeit0.3.Der Gott der Philosophen0.3.1.Ontologie der Präsenz0.3.2.Geistige und sinnliche Erkenntnis0.3.3.Primäre und sekundäre Wahrnehmungen0.3.4.Ich Subjekt als "Solipsist"0.3.5.Meine eigene subjektive Welt0.3.6.Funktions- oder Gestaltkreis0.4.Die Genese des Weltbilds und der Signifikate0.4.1.Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis0.4.2.Signifikanten bewirken Verstehungen0.5.Zusammenfassung0.5.1.Unsere "Axiome"0.5.2.Streichen "des Nichts"0.5.3.Welt – Bewußtsein – Psyche1.Einleitung1.1."Methode"1.2.Welt und Kosmos1.3.Die objektive Realität als Hinterwelt1.3.1.Wirklich oder unwirklich1.3.2.Erleb(ung)en und Wissungen1.3.3.Der Begriff des Referenten1.3.4.Zwei Arten von REFERENTEN1.3.5.Überwinden der Subjekt-Objekt-Spaltung1.3.6.Unwirkliche Wahrnehmungen1.4.Igel und Fuchs1.5.Welt und Weltbild I1.6.Subjektivistische Wende1.7.Welt und Weltbild II1.8."Unphilosophische" Hilfestellung1.9.Drei Formen von Subjektivität1.10.Religiöser Hintergrund1.11.Philosophischer Hintergrund1.12.Ausblick2.Darstellung grund-legender Wissungen2.1.Bewußtseinswandel2.1.1.Tradition2.1.2.Postmoderne2.2.Das Ganze – Einheit von "Schöpfer" und "Schöpfung"2.2.1.Die Wirklichkeit ist keine Eigenschaft2.2.2.Die Wirklichkeit als Ganzheit2.2.3.Potentielles und aktuales Unendlich2.3.Leibhaftigkeit und Reflektierungen des Lebens2.3.1."Ich bin als Subjekt der einzige wirklich Handelnde"2.3.2.Integrales und diskretisiertes Wissen2.3.3.Das Leben und seine Beschreibungen2.4.Subjekte2.4.1.Traditionelle Subjekte2.4.2.Postmoderne Subjekte2.4.2.1.Introspektion2.4.2.2.Gegenwärtigkeit der Subjekte2.4.2.3.Die Zeit als Abstand der Subjekte2.5.Die Frage nach der Wirklichkeit2.5.1.Traditionelle Antworten auf die Frage nach der Wirklichkeit2.5.1.1.Platonische Ideen2.5.1.2.Objektive Realität2.5.2.Übergang von der Tradition zur Postmoderne2.5.3.Das Bewußtsein als Summe von Be- und Gewußtem2.5.4.Wissungen from now on von Referenten so far2.5.5.Traditionelle und postmoderne Wissungen2.5.6.Postmoderne Antworten auf die Frage nach der Wirklichkeit2.5.6.1.Zeitliches "Außerhalb" des Bewußtseins2.5.6.2.Sagen und Zeigen

0. Intention

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“

. . .

„Ich wollte damit keineswegs sagen, der Glaube an den Kausalnexus sei ein Aberglaube unter mehreren, sondern es ging mir darum, daß jeder Aberglaube eben nichts anderes ist als der Glaube an den Kausalnexus.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Das Gegenteil von Liebe ist nich Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Es ist eine furchteinflößende, eine ehrfürchtige Wahrheit, daß die Anerkennung der Andersheit der anderen, der unausweichlichen Trennung, die Bedingung menschlichen Glücks darstellt. Gleichgültigkeit ist die Verleugnung dieser Bedingung.“

Stanley Cavell

 

„Keiner kann sagen, was er meint, obwohl jeder nur das sagt, was er meint.“

Bruno Liebrucks

 

„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!

Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.

Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“

Erich Mühsam

 

„Der Perspektivismus bildet keine Relativität des Wahren, sondern ganz im Gegenteil eine Wahrheit des Relativen.“

Gilles Deleuze und Felix Guattari

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Entgegensetzung der fest gewordenen Subjektivität und Objektivität ist aufzuheben und das Gewordensein der intellektuellen und reellen Welt als ein Werden, ihr Sein als Produkt, als ein Produzieren zu begreifen. . . Alle Unterscheidungen werden dabei ver-rückt; diese Tätigkeit ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, das Fixe zu verflüssigen. . . Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Dasein.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

 

„Laßt Ideen sterben statt Menschen.“

Karl Popper

 

„Jeder tue das Seine, der Leser aber das Meiste.“

Sören Kierkegaard

 

„Physikalische Objekte sind gelegen kommende Vermittler – nicht durch Definition aufgrund von Erfahrung, sondern einfach als nicht reduzierbare Setzungen, epistemologisch den Göttern Homers vergleichbar. . . . Der Mythos der physikalischen Objekte ist den meisten anderen Mythen darin überlegen, daß er sich als wirksamer erweist, dem Fluß der Erfahrungen eine handliche Struktur aufzuprägen.“ 

Willard Van Orman Quine

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig . . . von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren.

Es heißt so leben, wie es unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“

Emmanuel Célestin Suhard

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Ohne Mythus aber geht jede Kulur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Man muß die Erklärung geben, die akzeptiert wird. Darauf kommt es beim Erklären an.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“ und „Denken ist Danken“.

Martin Heidegger

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.

Upton Sinclair

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen.

Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht, was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.“

Johannes Soukup

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heils- oder Geheimlehre noch um das richtige Weltbild, sondern „nur“ um die Einstellung, die meines Erachtens erforderlich ist, wenn wir in dem – erst an seinem Anfang stehenden – Pluralismus der Postmoderne friedlich oder menschlich zusammenleben sowie einander verstehen wollen.

Dafür ist es notwendig, andere und bisweilen völlig fremde Lebenswege, Weltbilder oder Religionen nicht nur mehr oder weniger desinteressiert zu akzeptieren – was fälschlicherweise häufig „Toleranz“ genannt wird, aber lediglich unsere Gleichgültigkeit widerspiegelt –, sondern sie im Herzen als die ehrliche Überzeugung anderer Menschen zu respektieren – selbst oder gerade: wenn es wehtut.

 

Der Gedanke, diese Anderen könnten tatsächlich Recht haben – oder zumindest: ihre Ansichten stehen nicht unter, sondern neben den meinigen –, ist jedoch ernstlich nur möglich, wenn wir jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren eigenen Überzeugungen ablösen:

„Ich kann das aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nur so sehen – aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso. Helft mir bitte, neue Erfahrungen sammeln oder bisherige Denkfehler korrigieren zu können. Ich bin dankbar, wenn Ihr mir zeigt, daß und weshalb ich falsch liege. Ich will nicht Recht haben, weil es mir um die Wahrheit geht.“

 

Niemand besitzt sie oder könnte sie auch nur besitzen; aber das Bemühen um Wahrheit gehört meines Erachtens zu einem sinnvollen Leben.

Menschen ohne Überzeugungen sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner. Dazu zählen freilich auch diejenigen, die ihre „Überzeugungen“ blind für wahr halten, statt für sie zu argumentieren; sie haben gar keine wirklichen Überzeugungen, sondern reden nur – anderen nach dem Mund.

„Gott bewahre mich vor Menschen, die nur ein Buch gelesen haben“; das schrieb bereits Thomas von Aquin, von dem viele „Rechtgläubige“ es wohl nicht erwartet hätten.

 

Weit entfernt von einem der Postmoderne (häufig zu unrecht) unterstellten Relativismus fragen wir also entschieden nach der Wahrheit, die ich als unabweisbar für ein erfülltes Leben erachte. Offen bleiben dabei jedoch nicht nur die Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“, sondern zunächst einmal die noch grundlegenderen Fragen „Gibt es Wahrheit überhaupt?“ und „Wo könnten wir sie gegebenenfalls suchen?“.

Meines Erachtens nicht in den Paradigmen, Weltanschauungen, Wissenschaften oder Religionen; sie alle sind bloßes Menschenwerk, und das ist niemals wahr. Es muß damit freilich auch nicht falsch sein, sondern kann sich jenseits von wahr sowie unwahr befinden und beide Begriffe gar nicht tangieren; tertium datur.

Trügerische Hoffnungen oder Geisterglauben können in manchen Situationen ebenso nützlich und hilfreich sein wie die exakten Wissenschaften; mit der Wahrheitsfrage hat das überhaupt nichts zu tun. Daß 3 x 2 = 6 gilt, ist nicht wahr, sondern bedeutet beispielsweise, daß wir sechs Betten benötigen, wenn drei Paare bei uns nächtigen wollen (Friedrich von Weizsäcker).

Ich hoffe auf die Wahrheit einer grund-legenden Wirklichkeit, nach der in den genannten und allen anderen menschlichen Institutionen höchstens ohnmächtig gesucht wird und nach der sie bloß hilflos tasten können. Wenn die Paradigmen, Weltanschauungen, Wissenschaften und Religionen das vergessen und sich selbst zu wichtig nehmen, werden sie zum Götzendienst. Simone Weil betont, daß dies auch für den Monotheismus gilt.

 

Um an – den Fragen nach – der Wahrheit arbeiten zu können, bedarf es sowohl der „Anstrengung des Begriffs“ (Hegel) als auch des Mutes, selbst zu denken; wir dürfen letzteres weder Wissenschaftlern noch Religionsgemeinschaften, Experten oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein. Unsere Verantwortung läßt sich nicht delegieren, und zu ihr gehört nicht nur, was wir tun, sondern ganz wesentlich auch die Entscheidung darüber, was wir wissen, glauben, annehmen oder für wahr halten.

Ohne eigene Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

Mit sehr einfachen Worten kann ich die Denkrichtung unserer folgenden Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen andeuten:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Wohl viele von uns dürften sich fast beleidigt fühlen, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen, und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“. Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem ich mich 100%-ig anschließe.

 

Ich habe mich bemüht, eine möglichst stringente Gedankenführung zu entwickeln, und relativ viel Zeit dafür investiert; es dürfte daher am besten sein, Sie halten sich an die vorgeschlagene Anordnung.

Das gilt allerdings nicht für den sogleich folgenden Motivations-Exkurs, weil er nur destruktiv ist und mir deshalb auch nicht sonderlich am Herzen liegt.

Aufgenommen habe ich diesen Teil aber dennoch, weil er für manche Leser der wichtigste sein dürfte; nämlich für diejenigen, die die Schwierigkeit, mit der ich mich nun schon fast 50 Jahre herumschlage, noch gar nicht gesehen haben; sie möchte ich in diesem Exkurs mit der Nase darauf stupsen,

Gelingt es mir dabei, sowohl mein Problem als auch die Unsinnigkeit seiner traditionellen Lösung zu verdeutlichen, könnte das vielleicht motivieren, sich überhaupt auf den viel interessanteren konstruktiven Gedankengang ab Teil 1 einzulassen.  

Exkurs zum Motivieren – Naiver Realismus

„Naiver Realismus“ heißt in der neuzeitlichen Philosophie nach Kant das Weltbild, das nahezu alle „normalen“ Menschen im Abendland besitzen.

Sein Kerngedanke besteht darin, daß der physikalische Kosmos im Sinne einer objektiven Realität existiert, die uns allen vorgegeben ist. Dazu zählen nicht nur Sonne, Mond und Sterne, sondern auch sämtliche Körper im weitesten Sinne – menschliche, tierisch, pflanzliche sowie künstliche.

Diese objektive Realität haben wir diskussionslos hinzunehmen, denn sie ist uns vorgegeben. Wir versuchen sie zu erkennen und haben dadurch vielleicht auch die Möglichkeit, Änderungen an ihr vorzunehmen; aber ganzabgesehen davon ist ein hinreichend adäquates Wissen von der objektiven Realität für uns lebensnotwendig.   

 

Sie merkt nicht, wenn wir sie erkennen; dieses einseitige Verhältnis läßt sich am besten als Abbildung verstehen. Wir erkennen die objektive Realität, indem wir sie in unserer Psyche abbilden.

Damit ergibt sich auch gleich ein passender Name für die Bestandteile oder Komponenten der objektiven Realität:  

Sie können zu Abbildern werden und fungieren somit als Urbilder. Was ich oben beispielhaft aufgezählt habe – Sonne, Mond . . . – sind Urbilder; ihr Name kommt im Alltag nicht vor, ist aber völlig unproblematisch und hat noch nicht viel mit Philosophie zu tun; er klingt nur „gehoben“.

Dort befindet sich das Urbild Sonne, und durch das Hinschauen erhalte ich ein Abbild davon in meiner Psyche. Ich kann auch mich selbst sehen; die Urbilder zerfallen in Objekte und Subjekte.

 

Die skizzierten Annahmen werden außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften sowie der Theologie und im Alltagsdenken – kaum hinterfragt und als angebliche Selbstverständlichkeit betrachtet.

Wer so denkt, braucht keine Philosophie und kann nur staunen, weshalb sich Menschen mit deren „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist: Was wollen diese ‚Philosophen‘ eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt.“

Kürzlich sagte ein naiver Realist zu mir: „Die Philosophen bauen Brücken, wo kein Wasser ist.“ Ich war relativ gut drauf und konnte kontern „. . . wo die anderen keins sehen.“

Der alles entscheidende Gedanke, daß das eigene Weltbild möglicherweise gar kein Bild von der Wirklichkeit ist, sondern ein – woher auch immer stammendes – Vorurteil, das den Blick auf die Wirklichkeit gerade verstellt, vermag bei dieser Grundeinstellung gar nicht aufzukommen.

 

Gäbe es uns nicht, wäre die objektive Realität exakt die gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit des Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede einzelne Ameise ist millionenfach wichtiger für ihren Haufen als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

 

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, Minderwertigkeitskomplexen oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, dann hängt das mit Sicherheit auch an ihren persönlichen Lebensumständen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, muß der Gedanke, unser Weltbild könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht völlig abwegig sein.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“.

„Masse von geistig Behinderten“ klingt nicht sehr ermutigend; aber wenn wir uns umschauen – bis in die Universitäten hinein –, wo heute noch ernstlich gedacht und – die Karriereleiter ignorierend – das Erbe der Aufklärung hochgehalten wird, muß man Henry nicht unbedingt widersprechen.

 

Auch Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich; ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im traditionellen Denken befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden diesem Weltbild zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Robert Spaemann und Reinhard Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ subjektiv sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies nicht auch für die objektive Realität gelten? Wozu der Aufwand mit den unermeßlichen Distanzen – wenn es dem christlichen Glauben zufolge (nur) um uns als der Krone der Schöpfung geht?

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (Blaise Pascal).

 

„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, bevor ich Ihnen ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig: – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen.

Es mag doch sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns überhaupt geben kann?“

Sie haben uns noch gefehlt . . .; aber trotzdem herzlich willkommen!

 

Natürlich darf man das nicht ausschließen; diese Denk-Möglichkeit allein genügt jedoch ebensowenig wie der Glaube daran. Wer hiermit argumentieren möchte, sollte nachzuweisen versuchen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit tatsächlich so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – physikalisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

Anton Friedrich Koch unternimmt gegenwärtig einen neuen Anlauf in dieser Richtung; auch er ist nicht sonderlich leicht zu lesen.

0.1. Urbild, Abbilden und Abbild – im logischen Zirkel

AD: „Ich verstehe gar nicht, wie Sie im Abbilden ein Problem sehen können. Es ist doch auch außerhalb der Philosophie die normalste Sache der Welt; denken wir nur an das Photographieren, Malen und Beschreiben, an Landkarten oder Veranschaulichungen.“

Ich korrigiere Sie ein klein wenig; das Abbilden ist nur außerhalb der Philosophie die normalste Sache der Welt.

Denn in diesem Fall gehören „Ur-“ und „Abbild“ unserer Psyche an; beim Photographieren können wir beispielsweise das aufgenommene Gesicht unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen; beide sind uns gegeben, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt. Das Original und sein Bild; dem Künstler steht ein Mensch gegenüber und er malt dessen Porträt.

Deswegen meine Anführungsstriche; mit Ur- bzw. Abbild in unserem Sinne haben all diese Beispiele auch nichts das Geringste zu tun. Das Photo und Porträt stellen keine Abbilder dar, und das Original bzw. der Mensch ist kein Urbild.

Innerhalb der Philosophie, bei unserem Problem also, liegt in der Psyche stets nur eine Seite vor; ein Bild, das lediglich als Abbild behauptet wird. Wir sehen dabei nicht doppelt, sondern denken uns oder erfinden das Urbild, um von seinem Außerhalb der Psyche her die Entstehung des Bildes erklären zu können, womit wir es zu einem angeblichen Abbild machen.

 

AD: „Wir sehen nicht doppelt; das Urbild Mond ist natürlich ‚unsichtbar‘, weil es sich außerhalb der Psyche befindet; aber unsere Vernunft verlangt seine Existenz.“

Aber doch nur, um die unbestreitbare Mond-Wahrnehmung innerhalb der Psyche „erklären“ zu können; und ich bezweifle sehr stark, daß es sich hierbei um eine Erklärung handelt:

1. Gegeben ist eine Mond-Sehung.

2. Deren Zustandekommen möchten wir verstehen.

3. Dazu erfinden wir einen Ur-Mond.

4. Der einzige Hiinweis auf ihn, besteht in unserer Mond-Sehung.

5. Wir interpretieren letztere als Abbildung des Ur-Monds.

 

Kann ein logischer Zirkel schöner sein?

Wir erklären unsere Mond-Sehung mittels des Ur-Monds, von dem wir nur durch die Mond-Sehung wissen.

Von den Urbildern wissen wir allein durch die Abbilder.

Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch den Donner.

Donar macht uns den Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind pure Erfindungen.

 

Beide – Urbilder und Donar – stellen Versuche dar, etwas verständlich zu machen; sie mögen ihre Zeit und vielleicht auch ihr Recht gehabt haben. Aber wenn wir ihre Schwachstellen erkennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten. 

Und zu diesen Schwachstellen gehört die Annahme, daß Denknotwendigkeit etwas mit Wahrheit oder zumindest Richtigkeit zu tun habe.

Wie sollen diese beiden Seiten denn überhaupt zusammenhängen?

Das Denken gehört in die Logik, und wahr bzw. richtig sollen Aussagen über die objektive Realität sein; die Materie also.

Was verbindet die Logik mit der Materie? Nichts!

Die Denknotwendigkeit bezieht sich auf unser Weltbild – und wir kennen nichts, was von diesem zur Materie der objektiven Realität führt. 

 

AD: „Dann stellen die Urbilder also nur Projektionen der – angeblichen Ab- – Bilder dar?“

Genau; Ludwig Feuerbach hatte mit seiner Religionskritik Recht. Die meisten Gläubigen haben eine Vorstellung von Gott und sind überzeugt, daß es diesen Gott objektiv-real, das heißt, auch außerhalb ihrer Psyche gibt; andernfalls könnten sie ja gar nicht an ihn glauben. Damit haben sie ihre Gottes-Vorstellung – nicht von außen nach innen erkannt oder abgebildet, sondern – von ihrem Innen in das Außen projiziert. 

Feuerbach hat das zwar völlig richtig erkannt, jedoch übersehen, daß dieser Zusammenhang absolut nichts speziell mit Gott zu tun hat, sondern für sämtliche Urbilder gilt; objektive Realität, Urknall, Materie, Energie, Evolution, Sonne, Mond . . .

 

Die angeblichen Urbilder müssen Projektionen darstellen, weil sie sich außerhalb unserer Psyche befinden sollen. Dort sind sie nicht zugänglich und können somit auch unmöglich abgebildet werden.

Wir korrigieren daher:

Die „Abbilder“ sind keine Abbilder, sondern Bilder, (an) die wir subjektiv ganz fest glauben; wir können kaum anders, als sie uns außerhalb der Psyche  vorzustellen; „sie müssen sich wirklich dort befinden“.

Und die „Urbilder“ sind keine Urbilder, sondern die Projektionen dieser Überzeugungen.

Denn alles kann aus der Psyche herausprojiziert, aber nichts von Außerhalb hereingeholt werden.

0.1.2. Das Sein der Seienden

AD: „Wir wissen also sehr genau, was angeblich außerhalb unseres Bewußtseins existiert, weil wir es selbst hinausprojiziert haben.“

Ihr Resümee zeigt, daß Sie mich im vorigen Abschnitt gut verstanden haben. So sollten Sie vorübergehend denken; aber es stimmt nicht ganz, denn das war nur ein Zwischenschritt, und wir müssen noch weitergehen.

 

Den Tisch, an dem ich gegenwärtig sitze, gibt es; er existiert oder ist wirklich. Das bedeutet beispielsweise, daß ich darauf schreiben oder essen, mich daran stoßen, ihn sehen, betasten, umwerfen und zersägen kann. Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen – durch alle möglichen Tisch-Erfahrungen hindurch.

Damit lassen sich zwei Fragen sauber beantworten:

(1) Zum einen wissen wir, wovon die Rede ist; es geht um unsere – aktualen oder potentiellen – Tisch-Erfahrungen.

(2) Und zum anderen wird damit zugleich deutlich, worin deren Wirklichkeit besteht – ganz einfach im Erfahren-Werden. Erfahrungen sind nicht vorhanden und gibt es auch nicht, sondern werden entweder erfahren oder existieren nicht.

 

Die Tradition gibt diese Wirklichkeit des Erfahrens zwar zu, bezieht sie jedoch lediglich auf die Abbilder der Seienden. Bei letzteren selber sind beide Fragen, die den unsrigen soeben entsprechen, noch offen:

(1) Was sind überhaupt die Seienden?

(2) Worin besteht ihre Wirklichkeit?

 

Frage (1) haben wir im vorigen Abschnitt provisorisch mit der Projektion unserer fest geglaubten Wissungen beantwortet. Nun sehen Sie wahrscheinlich bereits, weshalb das (noch etwas) falsch war:

Unsere Wissungen basieren auf Tisch- oder anderen Erfahrungen, aber die können natürlich nicht in das Außerhalb projiziert werden, denn dort gibt es keine.

Die Tradition behauptet dort keine Tisch-Erfahrungen, sondern den Tisch an sich bzw. sonstige Seiende und steht damit vor den beiden Fragen von soeben.

Ich formuliere sie in der originalen Begrifflichkeit; die müssen Sie jedoch weder verstehen noch sich einprägen, denn ohne Seiende ist für uns natürlich auch deren Beschreibung hinfällig.

 

(1) Alle Seienden besitzen der Tradition zufolge eine Essenz, ein Wesen oder Was.

In unserem Beispiel ist das die Tischheit, dasjenige also, was ein Seiendes zum Tisch macht.

(2) Alle Seienden sind – wie ihre Bezeichnung schon sagt –; sie verfügen also über eine Existenz, ein Sein oder Daß

Der urbildliche Tisch ist.

Ich habe, um ehrlich zu sein, noch nie eine befriedigende Erklärung gefunden, was dieses „ist“ bedeuten bzw. worin das Sein der Seienden bestehen soll. Zumeist laufen die Beschreibungen auf bloße Wiederholungen, Beteuerungen oder Verstärkungen hinaus:

Der urbildliche Tisch ist „ganz sehr wirklich“ oder ähnlich.

 

AD: „Ich würde sagen, daß er vorhanden ist.“

Damit hätten wir das fünfte Wort, das in in diesem Zusammenhang immer angeführt wird . . .

Aber Worte sind keine Antwort, sondern diese bestände höchstens in der Bedeutung der Worte. Eine solche können sie aber nur erhalten, indem wir einen Zusammenhang mit dem Inhalt unseres Bewußtseins herstellen, was in dessen Außerhalb aber prinzipiell ausgeschlossen ist. 

 

Sowohl wir als auch die Tradition können keine der beiden Fragen beantworten.

Dann war es natürlich auch völlig unbegründet, im Außerhalb unseres Bewußtseins von einem Tisch zu sprechen. Warum denn gerade Tisch – und nicht Stuhl oder Teppich? Was unterscheidet einen Tisch, der uns in keiner Weise gegeben ist, von einem ebensolchen Stuhl? Was macht jenen zum Tisch und diesen zum Stuhl – ohne alle Wissungen?

Die Tisch-Erfahrung macht die Tisch-Erfahrung zu einer Tisch-Erfahrung, aber doch kein unsichtbares angebliches Seiendes, nur weil es mit „Tisch“ benannt wird.

 

Damit bestätigt sich unsere obige Idee, alle Vorstellungen oder Namen bezüglich des Außerhalbs zu vermeiden und völlig nichtssagend, leer oder neutral von der Transzendenz bzw. dem Nichts zu sprechen

0.1.3. Zirkel der Wahrnehmungen

AD: „Traditionell sind die Vorstellungen solche vom Weltbild und die Wahrnehmungen entsprechend von der Welt. Letzteres geht bei uns nicht, so daß die Wahrnehmungen in der Luft hängen. Wie denken Sie sich deren Verhältnis zu den Vorstellungen und zum Weltbild?“ 

 

Diese Frage ist sehr dringlich; um sie beantworten zu können, benötigen wir die „Bausteine“ oder „Bestandteile“ des Weltbilds, sein „Woraus“ gewissermaßen, und müssen zugleich die Bedeutung meiner Anführungsstriche verstehen.

Die „Komponenten“ unseres Weltbilds bestehen in Begriffen und Bildern, denn wir können in beiden denken. Es gibt nicht nur ein Begriffs-, sondern auch ein „Bildvermögen“ (Fichte); jenes entspricht der Ratio und dieses der „Einbildungskraft“ (Kant); beide zusammen bilden vielleicht den Verstand, während die Vernunft ihn umgreift und noch ganz andere Vermögen kennt.

Vieles Vernünftige ist alogisch; damit meine ich, daß es von der Logik gar nicht tangiert wird und somit jenseits von logisch oder unlogisch liegt. Mein mir äußerst wichtiger „Glaube an die – Kraft der – Ratio“ verlangt also nur, daß ich logische Fehler wie Widersprüche, unbegründete oder Fehlschlüsse nicht hinnehmen möchte. Dagegen liegt es mir jedoch völlig fern, alles in das Prokrustesbett der Logik hineinpressen zu wollen.

 

Der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas) zeigt, daß Bilder und Begriffe partiell intersubjektiv sein müssen; sie bilden die entsprechende Komponente unserer Wissungen.

Wir fassen die Bilder und Begriffe zu den symbolischen Elementen zusammen; aus ihnen besteht bei uns das Weltbild analog dazu, wie sich die traditionelle Kosmos-Welt aus den – freilich ganz anderen, nämlich seienden – chemischen Elementen aufbaut.

Die reine Subjektivität unseres Weltbilds widerspricht nicht der partiellen Intersubjektivität seiner „Bestandteile“, weil jeder von uns eine eigene Auswahl unter ihnen trifft. Mit dem einen können wir interessiert über Sport und mit dem anderen angenehm über Politik sprechen.

 

Unser Weltbild besitzt keine Komponenten – deswegen die Anführungsstriche –, weil es eine untrennbaren Ein- oder Gesamtheit seiner (symbolischen) Elemente darstellt. Daß es als Intersubjektives nur unbewußt sein kann, wußten wir bereits.

Dann muß dies natürlich auch für seine Elemente gelten; Bilder und Begriffe sind unbewußt.

Das Weltbild vermag auch nicht bewußt zu werden; zum einen wäre es als Bewußtes (i. w. S.) nicht mehr intersubjektiv, und zum anderen ist es viel zu umfangreich um gleichzeitig gegeben sein zu können.

Das Weltbild wird in den Vorstellungen – von ihm – bröckchenweise gewußt, und wir können stundenlang reden, um immer wieder andere „Teile“ davon zu schildern.

 

Mit dem Verzicht auf die Welt lösen wir uns vom „Mythos des Gegebenen“ (Winfried Sellars), demzufolge Seiende vorliegen (müssen).

Damit wird nicht jegliche Wahrnehmung unmöglich, sondern lediglich ihre traditionelle Interpretation als Abbild. Unsere alternative Erklärung der Wahrnehmungen verschieben wir auf den dritten Teil; aber soweit sie Ihre Frage betrifft, können wir jetzt schon antworten:

Traditionell ist die durch ihre Wahrnehmungen gegebene Welt primär, und das adäquate Weltbild wird ganz anschaulich als sekundäres Abbild von ihr behauptet, so daß eine „Einbahnstraße“ von der Welt zum Weltbild führt.

 

Erstere haben wir nicht mehr, aber unsere Wahrnehmungen sind unbestreitbar – wenn auch noch unverstanden. Allein aus ihnen läßt sich also das Weltbild herleiten, so daß einerseits das Weltbild – wie bei der Tradition – nach den Wahrnehmungen kommt.

Andererseits können wir jedoch nicht nur nicht ausschließen, sondern es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß sich das Weltbild auf die Wahrnehmungen auswirken wird. Haben wir 1000 physikalische Experimente durchgeführt, ist unser Weltbild höchstwahrscheinlich ein anderes geworden, und das wird Folgen für unsere weiteren Wahrnehmungen haben. Während einer Liebes- oder nach einer Nahtoderfahrung sehen wir „die Welt mit anderen Augen“.

 

Damit wird das einseitige „Fahrverbot“ der Tradition aufgehoben:

Das Weltbild beeinflußt die Wahrnehmungen, aus denen es selbst erst hervorgegangen ist, so daß wir sinnvoll von einem Zirkel der Wahrnehmungen sprechen können.

AD: „Genau diesen Zirkel haben Sie oben der Tradition zum Vorwurf gemacht . . .“

Nein; nicht den Zirkel, denn der ist unvermeidlich; auch die Tradition kommt also nicht an ihm vorbei. 

Ich werfe ihr vielmehr vor, daß sie ihn bestreitet, um vom Abbilden sprechen und damit – ihre traditionelle Form von – Wahrheit behaupten zu können.

0.1.4. Es gibt kein Abbilden

Die Tradition geht davon aus, unsere Wahrnehmungen mittels der entsprechenden Seienden vernünftig erklären zu können. Wir bezweifeln das, lassen uns aber einmal darauf ein und sehen dann zwei verschiedene Möglichkeiten:

Die Wahrnehmungen könnten selbst die Urbilder sein oder bereits deren Abbilder

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß wir weder ein Abbilden noch Abbilder benötigen; beide sind völlig überflüssig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal mit den Urbildern. Wir müssen dem traditionellen Denken zufolge aber abgebildet haben; erinnern sie sich an das Baby oben, das zum ersten Mal den Mond sieht, der schon sehr lange existiert.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Logik um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

AD: „Ja; aber unser Baby-Mond-Problem haben wir trotzdem zu lösen . . .; und wie sollte das gehen ohne Abbilden?“

Wenn es kein Abbilden gibt, brauchen wir auch keinen Ur-Mond mehr; aber mit der Welt und ihren Seienden ist der ohnehin bereits weg. Was bleibt uns dann überhaupt noch?

Die Mond-Sehung, -Wahrnehmung oder -Erfahrung; etwas ausführlicher: das  Den-Mond-Sehen, -Wahrnehmen bzw. -Erfahren.

 

Das klingt häßlich – was jedoch relativ belanglos ist –, läßt sich aber gut verstehen:

Schauen Sie jetzt bitte einmal auf Ihren Laptop. Diese Situation können wir beschreiben durch:

Laptop-Sehung bzw. Den-Laptop-Sehen; es gibt philosophisch nur diese eine einzige Entität.

Ranulph Glanville formuliert mein Anliegen so: „Es gibt nichts Gewusstes ohne einen Wisser; es gibt nichts, was wir wissen könnten, ohne uns, die es wissen.“

 

Aber so denken oder reden wir nicht; die Sprache verlangt einen ordentlichen Satz:

„Ich sehe (den) Laptop“.

Die Grammatik verleitet uns also zu philosophischen Fehlern; auf einmal gibt es unabhängig voneinander sowohl ein Ich als auch einen Laptop und den Akt des Sehens zwischen beiden.

Aus Eins macht die Sprache Drei; das inhaltlich-philosophisch Richtige – die Laptop-Sehung bzw. das Den-Laptop-Sehen – wird durch die Sprache in drei Bestandteile verwandelt, denn wir benötigen grammatisch Subjekt, Prädikat und Objekt. 

 

Ludwig Wittgenstein spricht in diesem Zusammenhang von der „Sprachverhexung unseres Denkens“. Wir müssen den sprachlichen Regeln folgen und mißverstehen damit häufig rein grammatische Sachverhalte als inhaltliche. Das Philosophieren besteht nach Meinung Wittgensteins wesentlich darin, gegen diese Sprachverhexung anzugehen – in einem Kampf, der wohl niemals gewonnen werden kann.

Ein Paradebeispiel für die Gefahr, Philosophie und Grammatik zu verwechseln, bilden natürlich die Begriffe Subjekt und Objekt, weil sie in beiden Disziplinen fundamental sind.

Auf der einen Seite steht die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur der indoeuropäischen Sprachen, derzufolge jeder vollständige Satz ein grammatisches Subjekt verlangt.

Das Subjekt stellt auf der anderen Seite auch einen Grundbegriff der modernen Philosophie dar; aber dabei handelt es sich natürlich um ein ganz anderes Subjekt; die beiden haben rein gar nichts miteinander zu tun. In „der Wind weht“ fungiert  der Wind als grammatisches Subjekt, aber keiner von uns wird in ihm ein philosophisches sehen wollen, wie es pausbäckig in Kinderbüchern auftritt.

 

Zurück zu unsere Beispiel:

Das einzig Gegebene und Unbestreitbare – die Laptop-Sehung bzw. das Den-Laptop-Sehen – entfällt und wird durch zwei Größen ersetzt – das Ich sowie den Laptop –, die in diesem Zusammenhang gar nicht vorkamen und somit als Erfindungen zu betrachten sind. Es war eine Sehung, und auf einmal gibt es ein Ich mit seinem Laptop.

Damit stehen die Vertreter dieser Theorie vor dem Riesenproblem, wieso das Ich eigentlich von dem Laptop wissen kann – und lösen es durch Abbilden:

Indem

– ein erfundenes Ich

– einen erfundenen Laptop

– angeblich abbildet,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – der Laptop-Sehung bzw. dem Den-Laptop-Sehen.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß kein Abbilden existiert.

Nun sehen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen und es dabei bewenden lassen. Die Abbildtheorie stellt einen philosophischen Nonsens dar, der an Unlogik kaum zu überbieten ist.

 

Zu Ihrer Frage zurück:

Für uns gibt es weder ein Baby noch einen Mond an sich, sondern nur eine Mond-Sehung. Sie erfolgt irgendwann im Leben – nicht: „des Babys“, denn Wissungen können unmöglich leben – erstmalig und wiederholt sich dann nahezu beliebig oft.

Bei einem solchen Ansatz sehe ich weder unlösbare Probleme noch müssen wir etwas erfinden.

0.1.5. Physikalische "Abbild"-Theorie

AD: „Daß es kein Abbilden geben soll, will ich nicht glauben. Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen. Das ist erneut das Mißverständnis, das uns schon zweimal – bei Ihrem Turm und meinem Photo – begegnet ist:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut „abgebildet“ wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre „Abbildung“ nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren philosophischem Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine „Abbildung“ auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von oben – zu Sonnen-Sehungen abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den „Raum“ vom Straßenrand in die Augenhöhle „abbilden“ lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

AD: „Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu letzterem sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Theorie – sehen wir nichts.

Sie sehen, nicht weil Ihre Augen offen sind, sondern Sie sehen nicht, weil sie geschlossen sind; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 

AD: „Aber es gibt doch sogar Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es schräg ins Wasser taucht als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern entspricht dem Turm oder Photographierten. Sie sehen ihn doch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in Ihrem Bewußtsein befinden. Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also zwischen „Abbild“ und „Urbild“ – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb des Bewußtseins – und deswegen erreichen wir sie nicht.

0.1.6. Die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und das subjektive Leben ebenso leer ist wie die objektive Welt. Ich hoffe, daß sich unser Leben als sinnvoll erweist, und möchte lediglich herausarbeiten, daß mir dies im traditionellen Ansatz ausgeschlossen zu sein scheint.

Damit beweisen wir natürlich nicht seine Unrichtigkeit, aber wenn das Denken zu Konsequenzen führt, die unglaubwürdig sind, stellt dies unser Weltbild infrage, denn das ist ja „Schuld“ daran, weil wir allein in ihm oder auf seiner Grundlage denken (können).

 

Um die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben Alle Seienden sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „weiß ich doch schon“. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte Welt, insbesondere also auch ihre weitere Entwicklung, wäre den letzten Menschen bekannt, und sie befänden sich im Zustand der Vollendung oder absoluten Wahrheit. Jeder wüßte schon zuvor, was alle später tun werden, und sie tun es dann natürlich auch – Rechenfehler einmal ausgeschlossen.

Anschaulich gesprochen würden die Menschen dann so entlang des gewußten „Zeit“-Strahls „leben“, wie der Lokführer den gesehenen Gleisen folgt.

 

Dieser weichenlosen Schienenführung der Tradition entspricht in unserem Ansatz eine Straße, die sich laufend verzweigt. Auch wir müssen weitergehen  – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, wissen aber niemals, wohin die gewählte Straße – in der Zukunft – führen wird; es gibt keinerlei Hinweisschilder.

Nein; das war falsch!

Dieser Straßen-Baum entspräche natürlich ebenfalls einer Welt; es wäre lediglich – entgegen der traditionell-vollendeten – eine unbekannte Welt. Daß bei uns auch das Straßennetz nicht existiert, bedeutet, daß alle Wege möglich sind, weil sie erst durch unser Gehen entstehen.

Jeder von uns erzeugt sich selbst seinen Weg; dabei können wir einander gewiß sowohl helfen als auch schaden. Aber selbst die Hilfe besteht niemals darin, die Richtung vorzugeben, indem wir die Freiheit der Anderen beschneiden (wollen).

 

Der traditionelle Ansatz kann meines Erachtens die Freiheit nicht denken, weil seine Subjekte im wesentlichen (menschliche) Körper und damit Objekte sind; sie lassen sich durch keinerlei Innen zu Trägern von Freiheit aufpeppen.

Aber unabhängig davon ist das „Leben“ des „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) sinnlos, weil es – wie bei einem Roboter – nur noch unfrei oder – durch die Gleise – fremdbestimmt abläuft.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren vorzubereiten.  

 

Auch diese Absurdidät entfällt bei uns.

Zum einen leben wir nicht in ein bekanntes Später, sondern in die absolute Offenheit der Zukunft hinein.

Und zum anderen haben wir uns immer etwas zu sagen, weil wir über unser subjektives Leben sprechen und nicht von objektiven Seienden. Dadurch kann uns jeder Andere stets persönliche Erfahrungen vermitteln, die uns unzugänglich sind, weil wir – nicht sein, sondern – das eigene Leben leben.

0.1.7. Implizit oder explizit, diskretisiert oder integral

Carl Friedrich von Weizsäcker sagte einmal sinngemäß:

Wenn wir eine Schwierigkeit nicht bewältigen können, liegt das lediglich daran, daß wir unfähig sind, sie als Aufgabenstellung hinreichend genau zu formulieren. Eine exakte Beschreibung des Problems wäre zugleich die Arbeitsanleitung für seine Lösung.  

Ich bin mir nicht sicher, ob von Weizsäcker damit Recht hat, und benutze seinen Gedanken deswegen auch nicht; aber er illustriert sehr schön, worum es mir an dieser Stelle geht:

Unser Denken und Handeln sind an das eigene Weltbild gebunden; darin ist uns nicht alles möglich, aber außerhalb davon gar nichts. Ließe sich das Weltbild erweitern, würde dies natürlich auf unsere Vorstellungs- und Handlungsmöglichkeiten durchschlagen.

Wittgenstein paraprasierend könnten wir sagen:

Die Grenzen unseres Weltbilds sind die Grenzen unseres Denkens, Wissens, Verstehens und (beabsichtigen) Handelns.

 

AD: „Genau darin besteht ja auch der Sinn unserer Forschung; das wissenschaftliche Weltbild wird immer umfangreicher.“

Das tut es natürlich, habe ich aber damit nicht gemeint; mir geht es nicht um Steigerungen oder die Größe des Weltbilds, sondern um seine Sichtweise, um die Art des Hinschauens.

Bis in die 70-er Jahre des vorigen Jahrhunderts glaubten die meisten Chemiker, daß sich ihre Wissenschaft mittels der Quantentheorie prinzipiell auf Physik reduzieren ließe. Bei den anderen Naturwissenschaftlern herrschten häufig die entsprechenden Überzeugungen.

Diesbezüglich kam es bereits zu einer weitgehenden Wende; viele Denker anerkennen heute, daß die Wissungen etwa in der Reihe „Physik – Chemie – Biologie – Medizin – Psychologie – . . . – Geisteswissenschaften – . . . – Kunst – . . . – Religion“ immer integraler oder ganzheitlicher werden (könnten bzw. sollten). 

 

Was mit Integralität gemeint ist, läßt sich vielleicht am besten folgendermaßen verdeutlichen:

Es ist nicht erst kalt, und dann steigt die Temperatur, sondern ursprünglich existiert gar keine Temperatur, so daß es weder warm noch kalt sein kann.

Ohne Licht ist es weder hell noch dunkel.

Ohne Farben ist alles weder farbig noch schwarz-weiß.

Ohne ästhetisches Urteilsvermögen gibt es weder schön noch häßlich.

Ohne Lebensweisheit können wir weder krank noch gesund sein.

Ohne Anrede existieren weder Antworten noch Nicht-Antworten.

Integralität meint, daß auf dieser Leiter der Qualitäten – die von der Physik vielleicht zur Kunst oder zu den Hochreligionen führt – eine relativ hohe Sprosse erreicht ist.

 

Wir verstehen das wohl alle, weil es sich dabei um eigene Lebens-Erfahrungen handelt.

Aber die Physiker als solche, haben keine Ahnung davon, was mit derartigen Qualitäten gemeint sein könnte – weil diese jenseits Ihrer Wissenschaft liegen. Wenn die Physiker uns erklären, was Temperatur ist, sprechen sie von der mttleren kinetischen Energie mikroskopischer Bewegungen, und wir staunen, weshalb es gerade wärmer werden soll – und nicht weicher, lauter oder poröser beispielsweise –, wenn diese Energie steigt.

Sämtliche Gegenstände der Physik sind gegenüber den aufgeführten Beispielen sehr wenig integral; dafür sagen wir auch, sie seien (stark) diskretisiert. Die exakten Naturwissenschaften sind alle analytisch oder eben diskretisierend, denn sie versuchen, ihre Gegenstände zu verstehen, indem sie diese in diskrete Einzelteile zerkleinern, zerlegen und zerhacken.

 

AD: „Ursprünglich herrschte also das Chaos oder ein großes Tohuwabohu, und dafür könnten wir in Ihrem neuen Sprachspiel vom Grenzfall totaler Diskretisierung sprechen. Dann setzte eine Entwicklung zu immer größerer Integralität ein, in der wir uns noch heute befinden, während insbesondere die exakten Naturwissenschaften mehr oder wenniger hinterherhinken?“

Ein wenig muß ich Sie wohl korrigieren:

 

 

Ursprung Gegenwart  
Tohuwabohu, Chaos   Weltbild                       
implizit — Explizieren explizit    
    diskret(isiert) integral(isiert    

Abbildung 2.1.7.

 

Sowohl diskretisiert als auch integral sind Eigenschaften eines Weltbilds und treffen somit nur unsere Gegenwart, aber nicht das Tohuwabohu oder Chaos des Ursprung, das nichts Einzelnes oder keine Etwasse – keine traditionellen Essenzen, Wesen oder Dasse – kennt.

Das Weltbild kann sehr einfach sein wie die Physik, so daß praktisch nur deren primäre, primitive oder armselige Eigenschaften auftreten können, während alles Farbige, Frohe, Schöne oder Musische feht.

Ein integral(er)es Weltbild gestattet viel mehr und ist beispielsweise offen für – das Unerwartete von – Chemie, . . . Geschichte, Biographie, Liebe, Freundschaft, Philosophie, Religion, Kunst usw.

 

Der Ursprung kann absolut nicht diskretisiert sein, denn dazu müßte er erst expliziert werden.

Letzteres erfolgt also quer zu unserer Unterscheidung in integral bzw. diskret und führt vom impliziten Ursprung, den wir uns am besten als kontinuierlich oder fluid, das heißt, ohne jegliche Form und Struktur vorstellen, zum expliziten – integral(isiert)en oder diskret(isiert)en – Weltbild.

0.1.8. Integrieren und Diskretisieren

Traditionell denkende Philosophen oder Theologen schütteln häufig verständnislos den Kopf, wenn Physiker behaupten, Farben wären Wellenlängen, Töne Schwingungen und Wärme sei lediglich die Intensität der mikroskopischen Bewegung.

Soweit können wir uns den Geisteswissenschaftlern nur anschließen; Physiker, die das wirklich glauben, verwechseln Farben, Töne bzw. Wärme mit ihren jeweiligen Meßgrößen und sind damit natürlich ebenso im Unrecht, wie wenn wir die physikalische oder historische „Zeit“ als die wirkliche bzw. geschichtliche Zeit betrachten würden.

 

Die traditionell denkenden Geisteswissenschaftler meinen jedoch fast immer noch etwas anderes – und diesbezüglich müssen wir ihnen widersprechen:

Sie wollen zugleich zum Ausdruck bringen, daß es – entgegen dem tatsächlich naiven Denken der Physiker –  Farben, Töne sowie Wärme wirklich gibt und stilisieren diese damit zu Urbildern; aber darin besteht lediglich eine „integralere Naivität“.

Natürlich entzaubern, primitivieren oder verarmseligen die Physiker Farben, Töne und Wärme zu ihren Meßgrößen; aber sie diskreditieren keine Urbilder.

Der Unterschied zeigt sich deutlich wenn wir diese Meßgrößen wieder verzaubern, anreichern oder aufwerten wollen. Dann ist theoretisch nicht bei Farben, Tönen und Wärme – als den angeblich wirklichen Urbildern – Schluß, sondern sie bilden nur Durchgangsstadien in einem prinzipiell offenen oder unabschließbaren Integrations-Prozeß.

Die Tradition mißversteht unsere gegenwärtig integralsten Erfahrungen als – eine Abbildung der – Urbilder. Warum aber gerade diese Erfahrungen und nicht die physikalischen oder noch völlig ausstehende?

 

Wir können also immerfort – potentiell unendlich weit – integrieren; von Wellenlängen über die Farben hinaus zu . . . oder von Schallwellen über Töne, Musik und Symphonien in Richtung von . . . 

Natürlich ist mir unbekannt, was wir oberhalb der bereits von uns erreichten Integrationsstufe zu erwarten haben. Einen kleinen Schritt in diese Richtung stellen vielleicht die synästhetischen Erfahrungen dar.

Vielleicht ahnt die Tadition auch richtigerweise, daß sich das Gute, Wahre und Schöne ebenfalls dort befinden müßten und bei noch stärkerem Integrieren in dem Einen treffen würden. Aber das darf kein Spekulieren über hinterwäldlerische „Transzendentalien“ sein, sondern muß zur Erfahrung werden.

 

In der Gegenrichtung diskretisieren die Physiker Farben über die Wellenlängen in . . . und Symphonien über die Musik, Töne und Schallwellen hinab zu . . .; das entspricht natürlich einer Verarmung oder Bagatellisierung des Lebens. Wir müssen nicht sonderlich sensibel sein, um diese heute allerorten zu bemerken. 

Die nächsten Belanglosigkeitsebenen können wir natürlich wiederum nicht wissen und erfahren sie hoffentlich auch in Zukunft nicht. Aber der asymptotische Grenzfall, zu dem das vollständige Diskretisieren theoretisch führen würde, ist wohl eindeutig:

 

Im traditionellen Substanz- oder Materie-Denken endet das Diskretisieren der Seienden bei den unteilbaren „Atomen“.

Dergleichen haben wir nicht; an ihre Stelle treten die unteilbaren (symbolischen) Elemente, und sie bestehen in Bits oder einfachen Alternativen; den Maßeinheiten der Informatik.

In der Physik Carl Friedrich von Weizsäckers bilden sie als Ur-Alternativen die entscheidenden Bauteilchen. Sein Ansatz ist phantastisch; von Weizsäcker geht nicht empirisch vor, sondern fragt, welche Voraussetzungen oder Möglichkeits-Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es überhaupt Physik bzw. exakte Wissungen geben kann.

Dieser Gedanke verallgemeinert Überlegungen Kants und gipfelt darin, daß sich aus den notwendigen Voraussetzungen der Physik ihre Grundgleichungen herleiten lassen:

Wenn es überhaupt Physik geben kann, dann muß sie so aussehen!

(Eine auch für Laien recht gut lesbare Darstellung finden Sie bei Thomas Görnitz in seinem Buch „Quanten sind anders“.)

 

Ich hatte oben geschrieben:

„Aber der asymptotische Grenzfall, zu dem das vollständige Diskretisieren theoretisch führen würde, ist wohl eindeutig.“ Dieses „theoretisch führen würde“ müssen wir noch verstehen:

Mit dem einseitigen Diskretisieren banalisieren, verarmen oder pauperisieren wir nicht nur unser Weltbild, sondern damit auch das eigene Leben, das ja von unserem Weltbild abhängt, weil wir uns allein an ihm orientieren können. Unser Leben ist aber an eine hinreichende Mindestfülle gebunden; wird es zu primitiv, hört es auf, – zumindest menschliches – Leben zu sein.

Das geschieht jedoch schon lange, bevor wir alle Wissungen zu bloßen Bits degeneriert und uns damit ein absurdes Weltbild geschaffen haben. 

Zusammengefaßt folgt also, daß sich unsere subjektiven Wissungen stets irgendwo mittendrin befinden. Es bleibt viel Luft sowohl – zu den Bits – nach unten als auch – zum Einen(?) – nach oben.

0.1.9. Irreversibilität des Diskretisierens

Die exakten Erfahrungswissenschaften sind ausnahmslos analytisch; sie diskretisieren – sezieren, zerhacken und zerlegen – größere in kleinere Einzelteile.

Solange wir an eine Baukasten-Welt glauben, ist dies natürlich die unüberbietbare Erkenntnismethode schlechthin; je stärker wir auseinandernehmen, um so einfacher und durchschaubarer werden die Bausteine. Seit den alten Griechen suchen die Menschen nach den Atomen, Genen oder Memen, auf deren Grundlage sich dann alles einfach erklären läßt. 

Und danach setzen wir es eben wieder zusammen; das Integrieren bildet lediglich die Umkehrung des Diskretisierens. Das stellt überhaupt kein Problem dar; wir machen einfach alles „rückwärts“ – wie damals als Kinder mit dem Baukasten.

Geht mitunter etwas schief – was wohl kaum jemand bestreiten wird –, liegt es also nicht am theoretischen Grundkonzept, sondern lediglich an dessen praktischer Umsetzung; wir müssen demzufolge noch viel konsequenter, sauberer und gezielter analysieren bzw. diskretisieren.

 

Lassen wir jedoch die Baukasten-Welt hinter uns, besteht diese Umkehrbarkeit möglicherweise nicht mehr. Dann ist unser Zerlegen vielleicht kein sorgsam-reversibles, sondern ein zerstörerisch-irreversibles Auseinandernehmen.

Selbst wenn wir integrieren wollten, ist dann völlig unklar, was dafür zu tun wäre. Ohne Baukasten-Welt können wir beliebig diskretiseren, aber nicht integrieren; allein ersteres ist noch verfügbar.

Unser wissenschaftlicher Fortschritt kann dann also nur in die Richtung einer größeren Diskretisierung weisen. Sicherlich können dies heute viele Menschen sofort intuitiv nachvollziehen, weil sie eine Verarmung ihrer Erlebungen feststellen, und manche sogar kaum noch eine Chance sehen, diesem starken Trend etwas entgegenzusetzen. Die Anzahl unserer Probleme nimmt ständig zu, und wirkliche Lösungen – statt bloßer Oberflächen-Kosmetik – sind kaum in Sicht.

Daß wir ständig mehr wissen und zum Beispiel einen immer größer werdenden Kosmos beobachten können, widerspricht dem nicht. Dieser Fortschritt hat nichts mit Integrieren zu tun, sondern besteht aus Wiederholen sowie Diskretisieren und setzt lediglich das Immer-wieder-Gleiche millionenfach fort.

 

Meines Erachtens wäre es wichtig, diese intuitive Einsicht auch theoretisch reflektieren zu können.

Das ist jedoch in unserem traditionell-modernen Weltbild unmöglich, weil es von einem Baukasten ausgeht und das Integrieren dann ja tatsächlich ganz einfach die Umkehrung des Diskretisierens bildet. Wer von einem solchen Weltbild überzeugt ist, muß unsere gegenwärtigen Überlegungen notwendigerweise für falsch halten.

Um einzusehen, – nicht daß ich Recht habe, sondern – daß es sich tatsächlich wie angedeutet verhalten könnte, benötigen wir also ein integraleres Weltbild ohne feste Bausteine. Als Beispiel wähle ich wieder das Physik-Modell von Weizsäckers.

 

Ihm zufolge besteht beispielsweise Holz nicht aus Molekülen; das Denkwerkzeug des Stoffes bzw. Bestehens-aus läßt sich in seinem Weltbild nicht anwenden; vielmehr stellt Holz von Weizsäcker gemäß eine Ganzheit dar.

Mit ihr können wir alles Mögliche tun; beim Zersägen beispielsweise bleibt es Holz, und beim Verbrennen wird es zu Asche. Im physikalisch-chemischen Labor lassen sich auch Moleküle daraus gewinnen; aber das ist analog zum Verbrennen:

So wie Holz in Asche umgewandelt werden kann, wird es nun zu Molekülen.

Am Ende ist in beiden Fällen das Holz weg – wir haben entweder Asche oder Moleküle –, aber das Holz besteht ebensowenig aus Molekülen wie aus Asche, und ein Rückweg existiert auch weder hier noch da; das Analysieren oder Diskretisieren erfolgt in diesem Modell irreversibel.

 

Ganzheiten bestehen nicht aus irgendetwas – deswegen Ganzheiten –, und wir können Verschiedenes mit ihnen anfangen; um so mehr, je integraler sie sind.

Holz-Moleküle sind – wie Asche – diskretisiertes Holz; sie eröffnen uns weniger Handlungsmöglichkeiten, sind aber natürlich ebenfalls immer noch Ganzheiten; es gibt – ganz untraditionell – nichts anderes.

 

Nun könnten wir fortfahren und sinngemäß wiederholen:

Moleküle bestehen nicht aus Atomen . . .

Atome bestehen nicht aus Kern und Elektronenhülle . . . usw.

Deswegen wissen die analysierenden Erfahrungswissenschaftler zwar immer mehr, aber nur von immer primitiver werdenden Ganzheiten. Sie können dicke Bücher über Quarks schreiben; das sind jedoch Vorstellungen, die im Leben eines Nicht-Physikers auch nicht die geringste Rolle spielen.

Dagegen verstehen die Diskretisierer beruflich nichts von Schönheit, Harmonie oder Stille, weil ihnen das zu integral ist und erst noch analysiert werden müßte.

 

Wissen wir nicht, wie das Integrieren funktioniert, können wir es nicht herbeiführen, sondern entweder wird es uns geschenkt – oder es bleibt aus. Bezüglich unseres Verhaltens bestehen somit  zwei Möglichkeiten.

Wir können dafür sorgen, daß uns schwerlich etwas Integraleres widerfahren oder geschenkt werden kann; etwa indem wir keine Zeit, sondern stets nur Streß haben, unachtsam sind, wenig Empathie aufbringen oder immer schon alles wissen und gar nicht zuzuhören brauchen bzw. auf Prinzipien bestehen und es an Offenheit fehlen lassen.  

Die zweite Variante besteht darin daß wir versuchen uns zu öffnen oder aufnahmebereit zu sein. Wege, die das ermöglichen können, gibt es wohl so viele wie Menschen; jeder muß selbst den seinen finden.

 

Einige dieser Wege sind öffentlich oder zumindest allgemein bekannt, weil sie bereits sehr vielen Menschen geholfen haben, ihr Leben integraler zu gestalten. Dazu  zählen nicht zuletzt die Angebote des Spiels oder der Muße sowie die vielfältigen Möglichkeiten der Kunst, Religion und Therapie; aber auch die Geisteswissenschaften sollten ihre Aufgabe meines Erachtens nicht zuletzt in diesem Sinne verstehen und auch therapeutisch wirken.

Wie konsequent auch immer wir den Weg des Uns-Öffnen-Wollens gehen und vielleicht offizielle Angebote nutzen:

Daß uns etwas geschenkt wird, haben wir nicht selbst in der Hand, weil es gegebenenfalls unser Weltbild sprengen und in eine integralere Richtung leiten würde – was wir schwerlich selbst tun können.

 

Erleben wir ein integraleres Weltbild, spricht die Philosophie vielleicht von Erleuchtung, die Kunst vom Durchbruch, der Glaube von Gnade und die Therapie von Befreiung.

Wäre das Integrieren verfügbar – zum Beispiel weil das traditionell-moderne Baustein-Weltbild richtig ist –, bräuchten wir diese Begriffe nicht, denn dann würden wr es einfach machen.

0.2. Hinterwelten

AD: „Wenn die Seienden der Tradition nicht einmal Projektionen darstellen, sondern bloße Erfindungen sind, die sich Zirkelschlüssen verdanken, müßte ihre Welt doch einer bloßen Hinterwelt entsprechen?“ 

Ja; und das vollkommen unabhängig davon, worin diese Seienden angeblich bestehen. Wer an ihrer Stelle eine objektiv-reale Materie sucht, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der dort den Teufel glaubt; jede Welt ist eine Hinterwelt.

Hierzu gehören also insbesondere die Überzeugungen der wissenschaftsgläubigen Fundamentalisten ebenso wie diejenigen der religiösen.

 

Aber gerade deswegen sollten wir etwas sauberer formulieren:

Die Tradition unterscheidet zwischen Transzendenz und Immanenz oder Jenseits und Diesseits bzw. Gott und Welt. Wenn die Hinterwelt alle Seienden umfassen soll, ist das Wort unglücklich gewählt und müßte besser „Hinter-(Gott und Welt)“ heißen. Das klingt furchtbar, und wir bleiben deshalb bei der alten Benennung, haben aber bitte stets im Hinterkopf:

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer); er existiert ebensowenig wie die Welt und bildet – wenn dennoch behauptet – mit ihr gemeinsam die Hinterwelt.

 

AD: „Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entität fest überzeugt sein, denn ich würde damit hinterwäldlerisch werden und mich von jedem vernünftigen Diskurs verabschieden?“

Nein; das wäre ja furchtbar, würden wir dergleichen (Absurditäten) behaupteten!

 

Wir könnten uns beispielsweise ganz sicher sein, daß es eine Welt mit Evolution gibt, Gott und der Teufel existieren oder die Erdscheibe von einem Elefanten auf der Schildkröte getragen wird. Es existiert wohl gar nichts Widerspruchsfreies, das wir nicht für selbstverständlich halten dürften.

Die Begründung für unseren vielleicht ganz festen Glauben müßte dabei jedoch sinngemäß stets lauten:

Aus meinem Weltbild ergibt sich zwingend, daß es sich so verhält; ich kann gar nicht anders denken, will ich nicht unvernünftig sein, mich absichtlich dumm stellen oder selbst belügen. Ich beanspruche keine Wahrheit – und wüßte auch gar nicht, was das überhaupt sein soll –, sondern bin „nur“ wahrhaftig; mehr vermag niemand.

Das wäre Martin Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“; bei unseren obigen Überlegungen entspricht es der traditionell verbotenen „Fahrtrichtung“ vom Weltbild zu den Wissungen.

 

Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Wahrhaftigkeit.

Dann sind wir absolut nicht hinterwäldlerisch, wie „hinterwäldlerisch“ auch immer unsere Überzeugungen sein mögen. Wir beschreiben doch lediglich, was in unserem Bewußtsein vor sich geht und wessen wir uns damit ganz sicher sein können. Ein Außerhalb davon mit eventuellen Seienden kommt gar nicht vor und damit auch keine Hinterwelt.

Ein solches Denken ist alles andere als traditionell; das wird es erst, wenn die gleichen Überzeugungen als Abbildungen behauptet werden. Dann sagen wir nicht mehr „so sehe ich es“, sondern daraus wird ein „so ist es“.

 

 AD: „Jein; ich glaube Ihre Überlegungen zu verstehen, halte sie aber für inkonsistent:

Das Weltbild beispielsweise spielt darin eine große Rolle; es befindet sich als Unbewußtes per definitionem im Außerhalb und gehört somit der Hinterwelt an.

Wahrscheinlich werden Sie mir entgegnen, es nicht abgebildet, sondern auf logischem Wege als notwendig erschlossen zu haben. Aber worin soll der Unterschied hierzwischen und einem ‚vernünftigen Abbilden‘ bestehen? Jeder traditionell Denkende wird wohl ebenfalls behaupten, seine Seinden ‚auf logischem Wege als notwendig erschlossen zu haben‘.“

 

Vom Vorwurf der Inkonsistenz abgesehen würde ich alles akzeptieren außer „. . . und gehört somit einer Hinterwelt an„.

Um mich möglichst deutlich ausdrücken zu können, unterscheiden wir hinsichtlich des Außerhalbs drei Denkmöglichkeiten:

 

1. Traditionalisten projizieren ihre Überzeugungen – nicht: Erfahrungen – in das Außerhalb des Bewußtseins und erzeugen damit eine Hinterwelt von Seienden. Sie bestreiten das aber und behaupten stattdessen, diese Seienden dort mehr oder weniger adäquat abgebildet zu haben.

 

2. Das glatte Gegenstück wäre die Annahme, es gäbe gar kein Außerhalb.

 

3. Wir versuchen einen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen.

Es gibt ein Außerhalb des Bewußtseins, das jedoch nichts mit einer Hinterwelt und angeblichen Seienden zu tun hat.

Ist das überhaupt möglich? Was sollte die beiden denn wesentlich voneinander unterscheiden? 

 

Ich beantworte diese Fragen beispielhaft anhand des Weltbilds, weil mir das am verständlichsten zu sein scheint.

Wir denken über das Weltbild nach, was natürlich nur innerhalb des Bewußtseins möglich ist, und erkennnen dabei unter anderem, daß es nicht bewußt sein kann.

 

 

und sich somit im Außerhalb befinden muß. Wir projizieren es somit als Weltbild aus unserem Bewußtsein heraus in dessen Außerhalb; dort befindet sich das  Weltbild.

Die Tradition tut keineswegs das Gleiche, denn sie projiziert das – möglicherweise identische – Weltbild nicht als solches, sondern als Welt nach außen.

Zum einen kann sich dort kein Weltbild befinden, und zum anderen bilden wir der Tradition zufolge auch nicht dieses, sondern die Welt ab.

 

Das traditionelle „dort befindet sich die Welt“ ist problemlos möglich; die meisten unserer Zeitgenossen denken ja so.

Unser Pendant „dort befindet sich das Weltbild“ scheint dagegen sehr schwieirig zu sein; wie soll außerhalb des Bewußtseins unser Weltbild auftreten können?

Eine Lösung sehe ich schon:

Während sich die traditionelle Welt immer und völlig unabhängig von uns dort befindet, gilt dies für das Weltbild nur, sofern und solange wir es dort denken. Unsere postmoderne Projektion des Weltbilds bleibt also an den Akt des Überlegens oder Projizierens gebunden; endet er, ist mit ihm auch seine Projektion weg; wie bei einem Beamer.

Dagegen kann traditionell der Projektionsakt gar nicht vorkommen, weil er ja geleugnet wird; es besteht nur die Dauer-Projektion, die als abbildbare Welt behauptet wird. 

 

Diese Stelle ist überaus wichtig:

In unserem Ansatz wird ein Außerhalb des Bewußtseins möglich, das nicht hinterwäldlerisch ist. Es läßt sich sauber denken, wenn diese Projektion – nicht wie  die traditionelle auf „immer und ewig“ gestellt wird, sondern – an das aktuale Projizieren, Vorstellen oder Denken des Außerhalb gebunden bleibt und mit ihm wieder verschwindet.

Dann haen wir nicht abgebildet, weil dort gar nichts Abbildbares vorhanden ist.

 

Die nachstehende Abbildung sollte sich nun von selbst erklären; ihre Pfeile geben die jeweilige Denkrichtung wieder.

 

 

Traditionelles Denken
Postmodernes Denken
 
Wißbares            
Seiende            
Urbilder            
Dies- und Jenseits
  Bilder vom Dies- und Jenseits
  Weltbild
   
Hinterwelt Hinterweltbild   Unbewußtes    
objektiv   objektiv und subjektiv
  subjektiv    
       
Abgebildetes Abbilder Vorstellungen    
Gewußtes   Wissungen mit Wovon   Wissungen ohne Wovon
   
       
   
Projektionen Projiziertes
fest Geglaubtes
   

Abbildung 2.2.

 

AD: „Bei Ihnen gibt es keine Hinterwelt, weil Sie nicht einmal ein Welt haben?“

Ja; so ungefähr ließe sich das vielleicht formulieren. Bei uns gibt es weder eine Welt im Sinne des Diesseits noch ein entsprechendes Jenseits. Aber wir können das wohl einfacher und verständlicher ausdrücken:

Alles uns gegenwärtig aktual Gegebene bildet das Bewußtsein. Dazu gehören auch die Wissungen, die bei uns ohne Referenten in seinem Außerhalb sind. Das Weltbild befindet sich zwar dort, stellt aber keinen Referenten dar, weil es nicht als unabhängig von unseren Vorstellungen behauptet wird.

Sie beziehen sich nicht auf das Außerhalb, sondern enthalten oder sind es.

Damit kommen wir natürlich in keiner Weise aus unserem Bewußtsein heraus, so daß sein Außerhalb für uns zur Transzendenz wird

 

Wir dürfen uns also insbesondere nicht vorstellen, außerhalb unseres eigenen Bewußtseins befänden sich die anderen Subjekte mit ihren jeweiligen Bewußtseinen und – je nach Einstellung – möglicherweise auch noch Gott.

Wer so denkt, schließt sich der Tradition an, verleiht seinen Vorstellungen Referenten und bastelt sich mit ihrer Hilfe ein Außerhalb zusammen, in dem dann wieder ein Dies- und (eventuell) ein Jenseits voneinander unterschieden werden können. 

0.2.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Wissungen auftreten (können) und noch niemandem Hinterwäldlerisches begegnet ist, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften (an) Urbilder und projizieren somit nicht zuletzt ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß das Ziel unserer Forschung die neutrale Abbildung der objektiven Realität sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen Denken mit seinem Glauben an die Hinterwelt einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme. Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder verantwortungslos.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser Fortschritt immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neue stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres Lebens immer stärker zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben können.

 

AD: „Ohne Hinterwelt oder zumindest das traditionelle Diesseits gibt es aber auch keine Objektivität der Wissenschaften?“

Vorsicht; dieser Begriff ist zweideutig!

Erkenntnistheoretisch haben Sie natürlich Recht; die traditionelle objektive Wahrheit läßt sich nicht halten ohne – den Glauben an – eine Hinterwelt.

 

Die berechtigte Forderung nach der wissenschaftlichen Objektivität ist jedoch eine ganz andere, nämlich rein ethische

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; schade! Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

0.2.2. Wahrheit und Überzeugung

Verzichten wir auf die Hinterwelt, können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger mit Recht und Erfolg an ihrem jeweiligen subjektiven Unbewußten, von dem sie überzeugt sind, orientieren.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es die eine wirkliche Hinterwelt gäbe?

 

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der Unbewußten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und sämtliche „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Krieg, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur der künstlichen Intelligenz usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die „Aufklärung“ – zu der hier ein kitzekleiner Baustein beigesteuert werden soll –, können uns aber partout kein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück wünschen, wenn wir subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Das subjektive Unbewußte kann weder wahr noch unwahr sein, so daß es uns mit seinen Wissungen „nur“ zur Orientierung dienen kann. Bei zahlreichen Menschen werden wir uns wundern, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich umgekehrt auch ihnen mit uns.

Vielleicht sind wir felsenfest von unserem Unbewußten überzeugt; dies kann sich jedoch nicht auf seine Wahrheit beziehen, denn wir wüßten gar nicht, worin eine solche bestehen sollte. Unsere Überzeugung besitzt vielmehr die Form, daß wir bei bestem Willen nicht anders denken können; aufgrund unseres bisherigen Lebens sind unsere Überlegungen zwingend.

 

Sie ergeben sich also nicht aus der Erkenntnis angeblicher Seiender, sondern aus unserer eigenen Vergangenheit; in ihr hat sich unser gegenwärtiges Unbewußtes herausgebildet, in dem und mittels dessen wir nun denken. Hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unser Unbewußtes gewiß recht anders.

Das entspricht natürlich wieder Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“; er behauptete keineswegs, die Wahrheit zu besitzen, sondern lediglich, seine Wissungen ernstnehmen und nicht unwahrhaftig sein zu wollen.

Das sind zwei völlig verschiedene Dinge; ohne abbildbares Dies- oder Jenseits wird jeder traditionelle Wahrheits-Anspruch hinfällig.

 

AD: „Daß die subjektiven Unbewußten weder wahr noch unwahr sein sollen, will mir nicht in den Kopf; ‚entweder wahr oder unwahr‘ stellt doch eine vollständige Alternative dar; tertium non datur.“

Ihr Einwand ist konstruktiv, trifft aber nicht ganz:

Es gibt keine vollständige Alternative für alles. Gerade oder ungerade bildet ebenfalls eine vollständige Alternative, aber – nicht für alles, Stühle oder Revolutionen beispielsweise, sondern – lediglich für die ganzen Zahlen.

Zu jedem „tertium non datur“ gehört also sein Anwendungsbereich, und für die Alternative von wahr bzw. unwahr besteht dieser – zumindest in unserem gegenwärtigen Zusammenhang – per definitionem in der Menge der Aussagen.

Mit diesem „weder wahr noch unwahr“ behaupte ich also lediglich, daß die Inhalte unserer Überzeugungen keine Aussagen sein können. 

 

AD: „Das wird ja immer verrückter! ‚Der Eiffelturm befindet sich in Paris‘ stellt für Sie also keine Aussage dar?“

Natürlich ist das eine Aussage; aber an ihr wird nicht deutlich, was sie mit Ihren Überzeugungen zu tun hat; besser wäre:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß sich der Eiffelturm in Paris befindet.

Das ist zwar ebenfalls eine Aussage, aber deren Wahrheit bzw. Unwahrheit bezieht sich – nicht auf Paris und den Eiffelturm, sondern – darauf, ob ich wirklich überzeugt bin, auf meine Wahrhaftigkeit also – und nicht auf den Inhalt dieser Aussage. Bei der Wahrhaftigkeit geht es, mit anderen Worten, nicht darum, was ich glaube, sondern allein darum, ob ich das Ausgesagte wirklich glaube.

Nochmals anders formuliert:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß X“ ist also eine Aussage und somit entweder wahr oder unwahr. Das bezieht sich aber nur auf den Halbsatz vor dem Komma, und ist völlig unabhängig von X.

An extremeren Beispielen wie „Ich glaube nicht, daß morgen die Welt untergeht„, wird deutlich, daß sich dies im traditionellen Denken ganz analog verhält. Hier spürt man förmlich, daß es um mein Überzeugt-Sein und nicht um den Weltuntergang als dessen Inhalt geht.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen zu Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich glaube, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit einmal als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns dann für diese kleinkarierte „Wahrheit“ schämen werden.

Das sagte beispielsweise Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht: „Das soll ich sein?“

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

 

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – langweilige – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotzdem umwerfen wird, zumindest hoffe ich das ganz stark.

Es würde mich fuchtbar enttäuschen, wäre Gott nicht viel mehr und total anderes eingefallen als mir.

0.2.3. Wahrheit und Richtigkeit

AD: „Aber wenn unsere Wissungen niemals ein Wovon oder einen Referenten besitzen und somit notwendigerweise weder wahr noch unwahr sind, kann es auch im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nicht um die Wahrheit gehen.

Worum streiten wir dann eigentlich häufig so erbittert?“ 

 

Entschuldigung; auf diesen Punkt waren wir theoretisch bereits zu sprechen gekommen; aber das war wohl zu kurz, um es angemessen verarbeiten zu können.

Wir hatten oben über das ABBILDEN gesprochen und dabei dasjenige in der Philosophie vom sonstigen „Abbilden“ unterschieden. Letzteres ist völlig unproblematisch; hierzu gehören Ihr Beispiel vom Turm in der Einführung und das meinige mit Gesicht und Photo davon.

Beide sind nicht Ur– und Abbild in unserem philosophischen Sinne, sondern Turm und Blick darauf bzw.  Original und Photo. Diese Art von „Abbilden“ läßt sich sogar beliebig oft wiederholen. Beschreiben wir den Blick darauf bzw. das Photo, ergibt sich ein „Abbild“ vom „Abbild“ des „Urbilds“.

In dem Sinne können Vorstellungen natürlich auch „Referenten“ haben, das heißt, Vorstellungen von Wissungen – von Erfahrungen oder (anderen) Vorstellungen – sein. Das „Abbild“ vom „Abbild“ vom . . . des „Urbilds“ ist auch nur ein Bild. Und ebenso ist die Vorstellung von der Vorstellung von . . . der Wissung ganz einfach eine Vorstellung. Wir springen damit also nicht aus unseren Wissungen oder dem eigenen Bewußtsein heraus.

Ich will Ihnen weder das Original noch den Turm wegnehmen.

 

Das ist jedoch bei Ur- und Abbild völlig anders. In diesem Falle beansprucht die Tradition, das Bewußtsein verlassen und über sein Außerhalb sprechen zu können. Diese – dort gefundenen – Referenten sind hinterwäldlerisch, das heißt, sie müssen für uns entfallen.

Auch traditionell gibt es hier natürlich kein Wiederholen des Abbildens, weil mit Bewußtsein bzw. Hinterwelt die Orte von Ab- und Urbild eineindeutig fixiert sind.

Wir verschärfen diese Einschränkung gegenüber dem „Abbilden“ lediglich noch und streichen auch das einmalige Abbilden.

 

Wenn Sie sagen, daß mein Tisch vier Beine besitzt, dann ist das eine Beschreibung von ihm und somit ein „Abbild“ vom „Urbild“. Beide befinden sich im Bewußtsein, und nichts ist einfacher, als Ihre Aussage zu kontrollieren.

Aber die Tradition hat die Wahrheit als die Übereinstimmung von Ur- und Abbild ohne Anführungsstriche definiert.

Dann war das mit den vier Tischbeinen soeben natürlich nicht wahr; einigen wir uns auf „richtig“, kann ich Ihnen endlich folgendermaßen antworten:

 

Im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen geht es tatsächlich nicht um Wahrheit, sondern nur um Richtigkeit.

Ich möchte letztere mit diesem „nur“ keinesfalls diskreditieren; die Richtigkeit ist in unserem Leben unvorstellbar wichtig; aber nichtsdestotrotz besitzt die Wahrheit nochmals eine ganz andere Dimension, weil sie über unser Leben hinausführt.

 

Aber damit sind wir noch nicht fertig; neben der von mir bestrittenen traditionellen Wahrheit sowie der soeben eingeführten Richtigkeit gibt es noch die postmoderne Wahrheit, die mir persönlich am Herzen liegt.

Sie ist natürlich subjektiv – weil jeder nur über sein eigenes Bewußtsein verfügt –, und bei der postmodernen Wahrheit geht es um die besseren Überzeugungen. Das sind diejenigen, mit deren Hilfe wir uns im Leben angemessener – nicht orientieren können, sondern orientieren zu können glauben. Das betrifft nicht nur die Mittel für bestimmte Zwecke oder Ziele, sondern auch diese selbst, denn nichts ist uns zweifelsfrei vorgegeben.

Ob unsere Orientierungen gut sind, wissen wir – wenn überhaupt – bestenfalls rückblickend im Nachhinein. Aber selbst dann häufig nicht, weil die Frage „Was wäre, wenn . . .?“ zumeist schwerlich zu beantworten ist.

0.3. Der Gott der Philosophen

Traditionalisten erheben den Anspruch, mehr oder weniger viel vom Diesseits und eventuell auch vom Jenseits, das heißt, von unserer gesamten Hinterwelt zu wissen. Wie machen sie glaubhaft, daß ihnen das gelingt? 

Sie können das natürlich nicht aus eigener Kraft, geben die Betreffenden auch in dem Maße zu, wie sie ernstlich darüber nachgedacht haben; niemandem ist das Außerhalb seines Bewußtseins zugänglich. Das traditionelle Wissen wird ihnen durch eine fremde Hilfe verfügbar gemacht, so daß unsere Hinterwelt für die Traditionalisten auch keine Hinterwelt ist, sondern ein aufgeschlagenes Buch, in dem sie lesen können.

 

In der Antike übernahm der Gott der Philosophen – der griechische Nous – diese Hilfestellung, der im Mittelalter dann von der Theologie übernommen und zumeist nicht sauber vom christlichen Gott unterschieden wurde.

Der Nous befindet sich außerhalb nicht nur von Dies- und Jenseits, sondern auch von „Raum“ und „Zeit“, so daß er augenblicklich alles zugleich schauen kann und somit allwissend ist. Von Ewigkeit zu Ewigkeit und von einem Ende des Alls zum anderen liegt die gesamte Wirklichkeit vor dem Nous ausgebreitet.

Zu ihm haben wir Menschen auf irgendeine Weise Kontakt; christlich wird unsere Gottesebenbildlichkeit häufig in diesem Sinne verstanden. Aber ganz gleich wie; durch unsere Verbindung mit dem Nous wird verständlich, daß wir Menschen von Dingen wissen können, die uns aus eigener Kraft absolut unzugänglich wären.

 

Ignorieren Sie das bitte nicht einfach als „frommes Gerede“ und „heute gegenstandslos“ oder ähnlich; daß es so einfach nicht mehr geht, weiß ich auch.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit; die andere Hälfte besteht darin, daß zwar der Nous erfunden wurde, aber nicht das Problem. Das stand damals wirklich an und tut dies heute noch; wir können es nur mit dem Nous nicht mehr (glaubwürdig) lösen. Solange das traditionelle Denken nicht aufgegeben wird – das wäre mein Vorschlag –, benötigt es den Nous oder einen äquivalenten Ersatz.

 

In der Moderne verblaßte einerseits der Gottesglaube; andererseits war auch ihren großen Denkern diese Problematik des menschlichen Wissens stets bewußt. Was tun?

Die „Lösung“ bestand darin, den göttlichen Nous in die allgemein-menschliche objektive Vernunft umzutaufen. Nun brauchen wir keinen Gott mehr, sondern der Mensch an sich tritt an seine Stelle; nicht Sie oder ich; kein individueller Mensch, vielmehr der  Mensch als Mensch überhaupt, das „transzendentale Subjekt“ Kants.

AD: „Den verstehe ich nicht . . .“

Das transzendentale Subjekt ist der Täger der Vernunft und die beiden ersetzen gemeinsam den Nous, der als Gott aus taktischen Gründen geopfert wird, obwohl das transzendententale Subjekt mit seiner Vernunfter exakt dessen Funktion übernimmt.

 

Der „Blick von nirgendwo“ (Thomas Nagel) und nirgendwann ist natürlich weiterhin unbedingt notwendig; ohne ihn wäre die gesamte moderne Wissenschaft unmöglich. Aber er verlagert sich mit der Moderne vom Nous auf uns Menschen, und jeder, der im Sinne der Tradition etwas Wahres zu sagen glaubt, nimmt diesen Blick für sich in Anspruch; ob er das nun weiß und will oder nicht, spielt keine Rolle.

Mit Hilfe des Nous bzw. der Vernunft schauen wir im Blick von nirgendwo und -wann, das heißt, von „ganz außen“ in Gedanken auf uns selbst, wie wir die Welt wahrnehmen. Das läßt sich kaum beser erklären als durch die traditionelle Sicht vom Subjekt:

Dort laufen menschliche Körper herum und handeln ganz überlegt; das ist nur möglich, wenn sich darin jeweils ein Bewußtsein befindet, in dem das betreffende Subjekt – die Einheit von Körper und Bewußtsein – sich und alles andere abbildet.

 

AD: „Das sind jedoch nur Vorstellungen von uns selbst über uns selbst, die viele Menschen zwar für sehr vernünftig und überzeugend halten, aber das ist noch kein Argument für ihre Wahrheit.“

Natürlich nicht; jetzt schwenken Sie auf meine Position ein: Da für uns auch der Nous und das transzendentale Subjekt mit seiner Vernunft lediglich Vorstellungen sind, bildet dieses ganze Gedankengebäude tatsächlich nur eine gewaltige Konstruktion von uns – und die glaube ich nicht mehr.

Wer am traditionellen Denken festhalten möchte, muß den Nous oder einen gleichwertigen Ersatz als wirklich akzeptieren.

0.3.1. Ontologie der Präsenz

Das Außerhalb des Bewußtseins haben wir uns bisher – wie ich annehme – immer zeitgleich mit letzterem und folglich räumlich vorgestellt; aber das ist nicht zwingend.

Die Gegenwart, hatten wir oben gesehen, umfaßt das Bewußtsein sowie das Unbewußte. Dann befinden sich Vergangenheit und Zukunft zwangsläufig nicht im Bewußtsein, sondern gehören zu seinem Außerhalb und bilden dessen zeitliche Komponente.

 

Wissen läßt sich weder ein räumliches noch ein zeitliches Außerhalb.

Damit der Nous bzw. das transzendentale Subjekt mit seiner Vernunft – und damit letztlich natürlich wir – alles wissen können, muß die Tradition also die Vergangenheit sowie Zukunft unterdrücken und die gesamte Zeit als scheinbare Gegenwart darstellen; anders bekommt man die Zeit nicht in das Bewußtsein.

Darin besteht der Grundgedanke von Jacques Derrida, wenn er die traditionelle Philosophie als eine „Ontologie der Präsenz“ bezeichnet.

Eine „gegenwärtige oder präsente Vergangenheit“ ist jedoch keine Vergangenheit sondern das Früher, und analog dazu bildet eine „gegenwärtige oder präsente Zukunft“ keine Zukunft, sondern das Später.

Die Tradition muß somit – um alles wissen zu können – die wirkliche Zeit mit ihren Modi durch eine gegenwärtige „Zeit“ ersetzen, die lediglich die Tempi enthält und folglich zeitlos-präsent ist.

 

Der gewaltige Unterschied zwischen den beiden ZEITEN läßt sich leicht veranschaulichen.

Wir leben in der Zeit, und das bedeutet, daß die Zukunft als absolut offener oder unverfügbarer Adventus auf uns zukommt. Wir haben zwar Mittel und Wege gefunden, um die Brutalität dieses Widerfahrens für eine geraume Zeit im allgemeinen ein wenig abzumildern, aber das bleibt letztlich zeitlich begrenzte Kosmetik.

Die „Zeit“ entspricht dagegen dem Anschauen einem bereits völlig fertiggestellten Films; es ist alles schon entschieden, das Spätere wissen wir nur noch nicht.. Die gerade aktuale Szene ist das Jetzt, der Teil davor entspricht dem Früher und derjenige, der erst noch in den Projektor hineinlaufen muß, stellt das Später dar.

Damit wird verständlich, daß wir zwar immer nur das Jetzt sehen, der Nous aber die gesamte Filmrolle schauen kann – nachdem die Tradition in ihrer Ontologie der Präsenz die Zeit zur Gegenwart und damit zeitlos gemacht hat.

Eine „zeitlose Zeit“ (A. M. Klaus Müller) setzt – gemssen am Nous – dumme Subjekte voraus.

 

Das traditionelle Denken enthält Michel Foucault zufolge einen „Willen zum Wissen“, der scheinheilig als „Wille zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber Nietzsches „Willen zur Macht“ darstellt.

Das wird spätestens in der Moderne überdeutlich, weil sich nun endgültig herausstellt, daß die Objekte des Wissens keine Seienden, sondern Handlungsanleitungen sind. Wer letztere beherrscht, kann unendlich viel machen – und was soll Macht anderes sein?

Reden wir hier noch von Wahrheit, so ist das entweder naiv oder bösartig.

 

Viele glauben, mit oder in der Moderne hätten wir das traditionelle Denken überwunden, weil kaum noch von Seienden, Gott oder dem Sein die Rede ist. Wir haben jedoch nur die Worte ausgewechselt, ohne das Denken wesentlich zu andern. Deswegen scheint mir Heideggers Diagnose, daß sich das traditionelle Denken in der Moderne erst vollendet, schwerlich von der Hand zu weisen zu sein.

Dieses Denken sowie der mit ihm verbundene Wahrheitsanspruch seiner Vertreter – und eben gerade nicht die Abkehr von Tradition und Glauben – führte zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Die beiden Weltkriege wurden in erster Linie von den traditionell-philosophisch gebildetsten christlichen Völkern geführt.   

0.3.2. Geistige und sinnliche Erkenntnis

Die Tradition nimmt an, daß Seiende existieren, die sich in Objekte und Subjekte aufteilen, wobei letztere – oder zumindest einige von ihnen, nämlich die menschlichen Subjekte – dadurch charakterisiert sind, daß sie im Prinzip alle Seienden adäquat abbilden können. Bestände diese Möglichkeit einer exakten Erkenntnis nicht, ließe sich schwerlich von Seienden ausgehen, denn woher wollte man dann von deren Existenz und Wesen(tlichem) wissen?

Wir können diesen allgemeinen Zusammenhang insbesondere auch auf die Selbsterkenntnis menschlicher Subjekte anwenden; Sie, Moritz oder ich bilden auch uns selbst ab.

 

Dann erkennen wir uns als den eigenen Körper, zu dem unser Bewußtsein zählt; daß sich dieses in jenem befinden soll, ist gewiß mehr als problematisch, können wir aber generös auf sich beruhen lassen.

Wichtig ist jedoch, daß zum Körper spezielle – menschliche – Sinnesorgane gehören. Das bedeutet, daß wir sämtlichen sinnlichen Abbildungen der Seienden notwendigerweise einen menschlichen (Sinnes-)Stempel aufprägen; so sehen wir Menschen die Welt.

Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe und Delphine bilden die objektiven – und damit auch für sie existierenden – Urbilder zwangsläufig ganz anders ab; eben mit ihrem differenten (Sinnes-)Stempel. Ganz abgesehen von Kultur, Sprache, Zeitgeist und vielen anderen möglichen – zumindest nicht völlig absurden – Einflüssen ergibt sich somit allein aufgrund der Sinnesorgane eine ganz spezielle Wahrnehmungsweise.

Wir können nur sehen, wie es der menschliche Sehapparat gestattet, und besitzen zum Beispiel keine Facettenaugen.

 

Das bedeutet noch keinen Widerspruch zwischen ungestempelt-adäquater und gestempelt-inadäquater Erkenntnis; die Situation läßt sich retten. indem wir die erstere als geistige von der letzteren als sinnlicher Abbildung unterscheiden.

Die geistige Erkentnis bedarf keiner Sinnesorgane und kann somit die für die Tradition erforderliche adäquate Darstellung der Seienden übernehmen, die keinen Stempel „menschlich“ tragen darf, sondern objektiv sein muß.

Die sinnliche Erkenntnis kann dagegen nur gattungsspezifisch sein und somit die Seienden nicht in Wirklichkeit erreichen.

Gehen wir also davon aus, daß Seiende prinzipiell nur rein geistig adäquat erkannt werden können, tritt keinerlei Widerspruch auf. Das sinnliche Wahrnehmen prägt zwar notwendigerweise allem einen menschlichen (Sinnes-)Stempel auf, aber der gehört nicht zur eo ipso geistigen Erkenntnis der Seienden, sondern ist letzlich belangloses Beiwerk; Akzidentielles und keine Einsicht in das Wesen(tliche). 

 

Es gibt also beispielsweise einen wirklichen Hund H; was das ist, wissen wir jedoch nicht, weil wir ihn nicht rein geistig erschlossen haben. Ich wüßte auch gar nicht, wie man das machen könnte; Sie?

Was zum Frühstück möglicherweise durch unseren Garten läuft, ist aber ohnehin kein solcher Hund H, sondern lediglich ein menschlicher Sinnesperspektiv-Hund H(M); das heißt die Wahrnehmung, wie ein Hund den Menschen erscheint.

Und wenn er vor unseren Augen eine „menschliche Sinnesperspektiv-Katze K(M)“ jagen würde, wüßten wir weder wer das tut – der Hund H ist uns unbekannt – noch was er sieht, denn dies könnte ja nur die hündische Sinnesperspektiv-Katze [K(M)](H) sein; das also, was für uns eine Katze ist [K(M)], aber halt in Hunde-Perspektive [K(M)](H).

 

Wenn Sie jetzt das Gefühl haben, die geistige Erkenntnis sei ziemlich unverständlich und vielleicht – hoffentlich – sogar unnötig, mit der sinnlichen könne man aber ganz gut zurechtkommen, muß ich Sie enttäuschen; die ist auch nicht so ohne:

Die Signale, die beispielsweise vom Seh- oder Hörnerv übertragen werden, sind völlig identisch. Sie bestehen – nicht in kleinen Bildchen bzw. Tönchen, sondern – in übereinstimmenden Impulsfolgen, deren Frequenz sich mit der Erregungsstärke erhöht, die aber weder mit den Augen noch mit den Ohren etwas zu tun haben; sie sind sinnesunspezifisch.

Allein diese Erkenntnis der Sinnesphysiologie läßt das sinnliche Abbilden der Tradition kaum noch als Selbstverständlichkeit erscheinen.

0.3.3. Primäre und sekundäre Wahrnehmungen

Mit dem nachlassenden Gottesglauben stand die Moderne also vor folgendem Problem.

Die sinnliche ist keine objektiv-wirkliche, sondern lediglich eine subjektiv-menschliche Erkenntnis.

Zur traditionellen Wahrheit führt uns nur das rein geistige Wissen, das jedoch an  – den Glauben an – einen (Ersatz-)Gott gebunden ist. Die großen Philosophen (Leibniz, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Whitehead) versuchten, die Schwierigkeit mittels teilweise sehr komplexer Theorien zu lösen. Die meisten Naturwissenschaftler verstanden weder jene noch diese, suchten nach einfacheren oder vordergründigeren Antworten und wechselten deshalb von der Vernunft zum Verstand:

Dazu unterschieden sie an den sinnlichen Wahrnehmungen (bzw. Eigenschaften), zwischen primären sowie sekundären, strichen die geistigen vollständig und ersetzten im Sinne nachstehender Tabelle:

 

 

antik-mittelalterliche Tradition   Zwischenschritt   moderne Tradition
         
geistige Wahrnehmungen —————   primäre Wahrnehmungen
sinnliche Wahrnehmungen – primäre Wahrnehmungen   sekundäre Wahrnehmungen
    – sekundäre Wahrnehmungen    

Abbildung 2.3.3.

 

Die primären Wahrnehmungen stehen in keinerlei Zusammenhang mit den geistigen.

Das ist ein Riesenverlust und keine Lösung; das traditionelle Denken ist unabdingbar an irgendeine Form von Nous gebunden. Natürlich benötigen wir ihn nicht für das Weltbild und die Wissenschaft der Moderne, sehr wohl aber für unseren Anspruch, die beiden hätten etwas mit der Welt zu tun.

 

Jeder, der traditionell denkt, beansprucht für sich einen Zugang zum Nous; daß er das nicht weiß oder vehement bestreiten würde, ist dafür belanglos. Verzichtet er tatsächlich auf diese (un)heimliche Verbindung – muß er den ganzen Ansatz aufgeben.

Jedes „Ich weiß von der Welt“ oder „kenne die Wahrheit“ können wir durch ein „Ich bin (fast) der Nous“ ersetzen, und die moderne Wisenschaft ist angewandte griechische Götterlehre (Georg Picht). Eine wirkliche Aufklärung würde bedeuten, das einzusehen – statt sich überheblich für intelligenter als die gläubigen Denker der Antike und des Mittelalters zu halten.

Wenn die Physik Recht hätte mit ihrer Welt, wäre sie ohne (Ersatz-)Nous nicht möglich.

Dies bestreiten zu wollen, ist unaufgeklärt; das bedeutet nicht, daß wir zu Antike und Mittelalter zurückkehren müssen; eine Alternative besteht darin, den modernen Glauben aufzugeben und zur Postmoderne zu wechseln.

 

Unser Verzicht auf diese Form von Gottesebenbilldlichkeit sowie den anmaßenden Besitz von Wahrheit und damit einhergehend unser Wechsel vom Sein-Wollen-wie-Gott zum Anerkennen von Endlichkeit oder Kontingenz des eigenen Lebens und seiner Wissungen wird von den Traditionalisten häufig als Hybris, als Überheblichkeit gegenüber Gott, dargestellt; darüber kann ich mich nur wundern:

Es geht meines Erachtens in der Tat um Größenwahn sowie Allmachtsphantasien auf der einen Seite und Bescheidenheit oder Demut auf der anderen. Aber die Tradition scheint mir mitunter die beiden Seiten zu verwechseln.

 

Die primären Wahrnehmungen sollen sowohl wirklich außerhalb wie auch – bei adäquater Abbildung – unwirklich innerhalb unseres Bewußtseins existieren. Form, Größe, Anzahl und Festigkeit – diese rein physikalisch-mathematisch-geometrischen Kategorien – bilden Paradebeispiele hierfür. Das traditionelle Abbild-Modell wurde also auf die primären Wahrnehmungen eingeschränkt

Die sekundären Wahrnehmungen existieren dagegen nur innerhalb des Bewußtseins als unwirkliche. Sie werden folglich nicht abgebildet, sondern – beim Abbilden der primären Wahrnehmungen – von oder in dem Bewußtsein erst erzeugt, indem diese – aus uns unerfindlichen Gründen – beispielsweise von äußeren Schallwellen zu inneren Tönen, von Lichtstrahlen zu Farben oder von Molekülarten zu Geschmacks- und Geruchsvarianten übergeht.

 

Unser Verzicht auf die Welt, könnten wir also einen Zusammhang herstellen, geht noch einen Schritt weiter:

Galilei strich nur ihre sekundären Wahrnehmungen, und wir canceln alle; für uns gibt es außerhalb des Bewußtseins auch keine primären Wahrnehmungen (mehr).

Anders formuliert sind sämtliche Wahrnehmungen ausnahmslos sekundär, weil sie nur noch innen existieren. Damit wird „sekundär“ jedoch gleichbedeutend mit „alle“, so daß der Begriff seinen unterscheidenden Sinn verliert und gestrichen werden kann.

 

Das bedeutet:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß er gesehen wird.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß sie gefühlt wird.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß sie gezählt oder berechnet wird.

Es gibt keine Materie, ohne daß sie gemessen wird.

Es gibt keinen Geist, ohne daß er erlebt wird.

 

Das wußten wir bereits; es existieren weder Regenbogen noch Laptops, sondern nur die entsprechenden Sehungen.

„Der Regenbogen“ – den es ja gar nicht gibt – „leuchtet“; also ist dieses „Leuchten“ das Gesehen-Werden und das „Drücken eines Widerstands“ lediglich das Gefühlt-Werden.

Wenn kein Läuten existiert, ohne daß es gehört wird, bedeutet dies, daß das Läuten das Gehört-Werden ist.

Der Satz „Es hat geläutet, aber ich habe es nicht gehört“ ist unverständlich, denn er macht das Läuten zu einem Seienden, das besteht, auch ohne gehört zu werden.

Die Umkehrung „Ich habe es läuten hören, aber es hat gar nicht geläutet“ ist dagegen als rückblickende Korrektur eines Irrtums möglich: Ich dachte, es hätte geläutet, vor der Türe war aber niemand. Der Irrtum bestand dann jedoch nicht im Läuten, sondern im Läuten-gehört-Haben.

 

Traditionell unterscheiden wir also die Klingel, ihr Läuten und unser Hören; die ersten beiden befinden sich außerhalb des Bewußtseins und letzteres ist darin.

Wir leugnen keine dieser drei Komponenten, sondern

machen lediglich die Klingel sowie das Läuten zu Wissungen und

lokalisieren damit alle drei innerhalb unseres Bewußtseins.

0.3.4. Ich Subjekt als "Solipsist"

Ich glaube weder an den Gott der Philosophen noch an eine allgemein-menschliche oder objektive Vernunft. Dann entfällt auch der Blick von nirgendwo und -wann, so daß das Diesseits sowie das Jenseits tatsächlich zu einer Hinterwelt werden.

 

AD: „Ja; aber Ihr obiges Tier-Problem bleibt trotzdem bestehen. Es gibt zwar keine Seienden und damit auch den Hund H nicht, aber die menschlichen, hündischen oder kätzischen Sinnes-Stempel bestehen doch weiterhin.

Und das müssen wir sogar noch deutlich verallgemeinern:

Jedes Subjekt besitzt immer nur seine eigene Perspektive, die nicht nur gattungsspezifisch ist, sondern zahllosen weiteren Beeinflussungen unterliegt; Geschlecht, Kultur, Zeit, Alter, Sprache, Gesundheitszustand usw.“  

 

Das klingt sehr überzeugend, aber ich sage trotzdem „nein“ dazu:

Ohne den Blick von nirgendwo und -wann gibt es keine geistige Erkenntnis; insoweit sind wir uns einig. Aber wenn wir auf diese Schau verzichten müssen, existieren doch (menschliche) Subjekte ebensowenig wie Hunde; wir sehen doch auch uns selbst nicht von außen!

Allein der Nous(-Ersatz) erkennt Subjekte; wir erfahren lediglich Körper, und die Tradition glaubt, menschliche Körper seien – von einem eventuell noch fehlenden Innen abgesehen – Subjekte. Ich behaupte nicht, daß diese Voraussetzung völlig unbegründet sei, lege aber Wert auf eine saubere Darstellung:

 

1. Ich erlebe mich selbst als Subjekt, das einen Körper besitzt.

Mit letzterem verbindet mich eine „Einbahnstraße“, das heißt, ich weiß stets genau, welche meiner Wissungen der eigene Körper ist.

Eine Beziehung in der umgekehrten Richtung scheidet aus, weil wir ihren Zielpunkt nicht fassen können. Von meinem Körper zu „mir“ mag ja richtig sein, aber wem oder was entspricht dieses „mir“? Wer, wo bzw. wann bin ich als Subjekt? Sind diese Orts- resp. „Zeit“-Angaben bei einem Subjekt eigentlich sinnvoll? Was ist denn das überhaupt – ein Subjekt?

 

2. Können wir nicht einmal bei uns selbst den Rückweg vom eigenen Körper zu uns nachvollziehen, läßt es sich meines Erachtens kaum rechtfertigen, fremde (menschliche) Körper – mit einem Bewußtsein zu versehen und – als Subjekte zu betrachten.

Jedes Subjekt kann nur von sich selbst wissen, daß es ein Subjekt ist, aber niemals von anderen; ein Bewußtsein wird nur von innen erlebt, und das ganz allein.

 

Das ist möglicherweise die wichtigste Stelle des ganzen Buches; lesen Sie bitte nicht weiter ohne das Gefühl, mich verstanden zu haben.

Der Nous sieht von „ganz außen“ die verschiedenen Subjekte mit all ihren Eigen- und Besonderheiten.

Wir befinden uns nicht in dieser ausgezeichneten Lage, sondern besitzen nur einen Zugang zu unserem eigenen Bewußtsein. Alle anderen Bewußtseine sind prinzipiell unerreichbar oder transzendent, und wir wissen bisher weder, was – in unserem Ansatz – ein Subjekt ist, noch, wie es mit seinem Bewußtsein zusammenhängt.

Wieso sollten wir dann irgendeinen Körper oder was auch immer als Bewußthaber betrachten? 

 

AD: „Sie hatten uns oben am Beispiel des Weltbilds erklärt, daß ein Außerhalb des Bewußtseins möglich ist, das keiner Hinterwelt angehört. Die Lösung besteht darin, daß die entsprechende Entität erst oder nur durch das Reflektieren über sie entsteht und mit ihm wieder verschwindet. Sie stellt also weder einen Referenten dar noch wird sie abgebildet.   

Jetzt denken Sie über andere Subjekte sowie deren Bewußtseine nach – und behaupten plötzlich deren Transzendenz. Das Weltbild ist doch auch nicht transzendent, sondern höchst immanent von uns erzeugt!“

 

Ich freue mich, daß Ihnen dieser prinzipielle Unterschied aufgefallen ist!

Der Begriff des Weltbilds gehört ganz wesentlich zu meinem Weltbild. Das ist keine Selbstverständlichkeit; wer beispielsweise traditionell denkt, benötigt ihn für sein Weltbild nicht, denn er glaubt, gar keines zu haben und einfach von der – Wirklichkeit der – Welt zu sprechen.

Langer Rede kurzer Sinn: Weltbilder gehören nur zu meinem Weltbild, und ohne dieses würden sie gar nicht existieren. Soetwas kann unmöglich Teil der Transzendenz sein, denn die stellen nicht wir her.

 

Ging es also dort um die Äbhängigkeit einer bloßen Theorie  vom Weltbild, so sprechen wir hier vom Ursprung der Wirklichkeit, der völlig unabhängig von uns ist und – ohne den Nous – transzendent sein muß.

Wo sollten wir denn einen anderen Bewußthaber auch nur suchen, wenn uns lediglich das eigene Bewußtsein gegeben ist?

AD: „Ich dachte, Sie sind verheiratet . . .“

Ja; aber ich erfahre mein Frau als Körper; wieso soll sie bzw. er ein Subjekt sein?

AD: „Und Sie spüren nicht, daß mehr dahintersteckt?“

„Dahinter“ schon, aber nicht „darin“.

 

AD: „Wenn ich kein Solipsist sein will, muß ich die – freiwillig geglaubten – anderen Subjekte mit ihrem jeweiligen Bewußtsein also völlig außerhalb meines eigenen Bewußtseins ansiedeln . . .“

Ja; vielleicht kann man das so formulieren, aber ich würde unbedingt ergänzen:

. . . jedoch nicht als andere Subjekte mit ihrem jeweiligen Bewußtsein, denn das wären ja bereits – irgendwelche, wenn auch noch so diffuse – Vorstellungen, sondern als reine, das heißt, absolut vorstellungsfreie Transzendenz; es gibt keine Referenten.

 

Ich glaube nicht an den Nous oder irgendwelche Ersatzkonstruktionen für ihn; dann gibt es natürlich auch keine geistige Erkenntnis.

Aber ohne sie, können wir zusammenfassen, entfällt die sinnliche Erkenntnis ebenfalls, denn daß angeblich noch andere Subjekte existieren und artspezifische Sinneswahrnehmungen besitzen, stellt doch selbst eine geistige Erkenntnis dar. Wie sollen wir denn innerhalb unseres Bewußtseins darauf kommen (können)?

AD: „Wir müssen die Unterscheidung zwischen ’sinnlich‘ und ‚geistig‘ also vollkommen aufgeben . . .“

. . . oder von ihrer traditionellen Bedeutung in eine neue umdenken.

 

„Sinnlich“ meint bei uns nicht (mehr) das, was sich einer Fledermaus, Biene oder Zecke zeigt, denn wir erfahren davon nichts und können also auch nicht wirklich darüber nachdenken, so daß alle zugehörigen Begriff pure Erfindungen sein müssen, die wir folglich ersatzlos streichen dürfen.

Nur für uns selbst gibt es Sinnlichkeit; unser Erleben ist sinnlich; die daraus resultierenden Erfahrungen sind sowohl sinnlich als auch geistig, und die Vorstellungen rein geistig.

Aber was es für uns Subjekte nachweislich gibt, können wir doch nicht sinnvoll in bloßen Wissungen wie zum Beispiel Fledermäusen, Bienen oder Zecken suchen.   

 

AD: „Und auch nicht in Ihrer Frau . . .

Daß für sie Sinnliches existiert, wäre also eine rein geistige Vorstellung von Ihnen als Subjekt?“

Ja; aber meines Erachtens eine falsche, weil meine Frau als Körper eine Wissung von mir als Subjekt darstellt, die sowohl sinnlich als auch geistig sein, aber nichts Sinnliches oder Geistiges besitzen kann.

 

Franz Rosenzweig formuliert unseren Verzicht auf den Nous und die sich daraus ergebende „Objektivität der Subjektivität“ in seinem „Stern der Erlösung“ wunderschön:

„Daß die Philosophie, wenn sie wahr sein soll, vom wirklichen Standpunkt des Philosophierenden aus erphilosophiert sein muß, . . . Es gibt keine andere Möglichkeit, objektiv zu sein, als daß man ehrlich von seiner Subjektivität ausgeht. . . . Die eigenen Augen sind gewiß nur die eigenen Augen; es wäre aber schildbürgerhaft zu glauben, daß man sie sich ausreißen muß, um richtig zu sehen.“ 

0.3.5. Meine eigene subjektive Welt

AD: „Ich traue mich fast nicht zu fragen; haben Sie möglicherweise noch einen zweiten Wittgensteinschen Leiter-Fehler begangen . . .?“

Ja; leider; es wahr falsch, die – Existenz jeglicher – Welt zu bestreiten!

Wir müssen das nachträglich einschränken auf diejenige Welt, für deren Erkenntnis ein Gott oder etwas Göttergleiches benötigt wird, das heißt, die objektive-reale Welt, die abgebildet werden kann bzw. muß

 

Aber – nun müssen Sie für sich selbst sprechen – ich kann nicht ernstlich bestreiten, daß zu mir Subjekt eine eigene, subjektive – eben: meine – Welt gehört.

Es wäre unsauber zu formulieren, jedes Subjekt hätte seine subjektive Welt; wir verstehen doch gar nicht, was „jedes Subjekt“ bedeuten soll, wenn das Außerhalb unseres Bewußtseins keine anderen Subjekte, sondern nur die Transzendenz umfaßt.

Die „logische Selbstverständlichkeit“, daß A, wenn es existiert und sich nicht in M befindet, non-M angehören muß, ist nur in unserem Weltbild evident und keineswegs zwingend auf die Transzendenz übertragbar.  

 

Welche Eigenschaften besitzt meine Welt und worin unterscheidet sie sich insbesondere von der traditionellen?

 

1. Ausnahmslos alle exakt-wissenschaftlichen Aussagen bleiben weiterhin richtig.

Das ist letztlich eine Binsenweisheit, denn sie sind doch das Ergebnis von wiederholbaren Experimenten. Dafür ist natürlich kein Gott erforderlich, sondern den braucht erst und nur, wer die exakt-wissenschaftlichen Aussagen als Abbildungen der traditionellen Welt behauptet.

Anschaulich gesprochen verbindet der Nous nicht uns mit der Wissenschaft, sondern diese mit der objektiven Welt; somit können wir bei all unseren exakten Wissungen bleiben.

 

2. In unserer Welt gibt es – im Gegensatz zur traditionellen – keine Subjekte.

Das war auch bereits klar; wir leben – mit oder anhand, aber – nicht in der Welt, sondern in Gott.

 

3. Die traditionelle Welt besteht aus Materie oder anderen Substanzen – und die unsrige?

Selbstverständlich gehören die Wahrnehmungen zur Welt; damit beenden wir die traditionelle Schwierigkeit, entscheiden zu müssen, ob es sich bei ihnen um Ur- oder Abilder handelt. 

Aber das kann nicht alles sein; von einer Welt können wir nur sinnvoll sprechen, wenn sie über die Aktualität der Wahrnehmungen hinausgeht. Worin?

Vielleicht könnte man mit den „Vorstellungen von möglichen Wahrnehmungen“ antworten wollen. Aber das muß falsch sein, denn bei ihnen handelt es sich auch nur um Vorstellungen, und die können nicht der Welt angehören. 

 

Wir versuchen es mit den Konsequenzen unserer Wahrnehmungen – mit ihnen selbst, und nicht mit den Vorstellungen davon.

Sehe ich meine Frau den Raum verlassen, muß sie sich nebenan befinden; zur Vorderseite gehört ein ganzes dreidimensionales Haus, das wir aktual nicht wahrnehmen; kommt Post, existiert notwendigerweise ein Absender; der Zauberer kann uns nur irritieren, weil er für uns eine Welt erzeugt, von der er dann zeigt, das sie nicht existiert; die Frau ist doch nicht zersägt – wie ich es als Konsequenz meiner Wahrnehmungen eigentlich erwartet hatte.

Meine subjektive Welt besteht also aus den eigenen Wahrnehmungen und ihren Konsequenzen.

 

4. Das Weltbild ist nach wie vor ein Bild von der Welt.

Es umfaßt drei verschiedene Arten von Vorstellungen; solche von den Wahrnehmungen bzw. ihren Konsequenzen sowie alle Vorstellungen, denen keine Referenten oder Vorgestellten in unserer Welt entsprechen. Sei es, weil wir absichtlich phantasieren oder das angeblich Vorgestellte nicht – als Teil der Welt – glauben.

 

5. An der Intersubjektivität ändert sich gar nichts; sie ist weiterhin eine der Begriffe bzw. des Weltbilds und muß unbewußt sein, weil sie natürlich in keinem subjektiven Weltbild in Erscheinung treten kann.

Traditionell ergab sich die Intersubjektivität en passant aus dem adäquaten Abbilden der objektiven Welt; bei uns zeigt sie sich dagegen nur untergründig in der mehr oder weniger begrenzten Möglichkeit unserer Verständigung.

 

AD: „Ich verstehe; wir können über alles sprechen – nicht was in der objektiv-realen Welt, sondern –, was in unseren beiden subjektiven Weltbildern enthalten ist; zum Beispiel über Yetis. Ob sie tatsächlich meiner Welt angehören, entscheide allein ich, und entsprechend Sie bei Ihrer subjektiven Welt.“

Sehr schön; traditionell führt der Denkweg von der einen Welt zu den – durch Fehler, differente Interessen oder Schwerpunke  – verschiedenen Weltbildern, und bei uns von letzteren zu den subjektiven Welten.

0.3.6. Funktions- oder Gestaltkreis

AD: „Wenn es die traditionelle Welt nicht gibt und die subjektive vom Weltbild abhängt, können Babys und Tiere also keine Welt besitzen.“

Was Sie meinen, ist wohl völlig richtig, aber nicht hinreichend genau fomuliert.

Wir hatten oben festgestellt, daß nicht nur Fledermäuse, Bienen oder Zecken, sondern sogar meine Frau Wissungen und damit für mich Subjekt entweder sinnlich oder geistig sind, aber nichts Sinnliches bzw. Geistiges besitzen können. Keiner Wissung kommt ein Weltbild oder ein Welt zu.

Beide gibt es nur innerhalb von Bewußtseinen; letztere sind an Bewußthaber gebunden, und dafür kommen nur Subjekte infrage.

 

Diese sind aber – außer mir selbst – alle transzendent und reichen bestenfalls als Körper-Wissungen in mein Bewußtsein herein.

Nun haben wir endlich Ihre Babys oder Tiere erreicht und können sauber formulieren:

Es gibt möglicherweise transzendente Subjekte, die die Babys bzw. Tiere in ihrem Bewußtsein jeweils als den eigenen Körper erfahren. Diese Subjekte sind uns absolut unzugänglich – eben transzendent –, weil kein Weg von den – auch uns – gegebenen Körpern zu ihnen führt.

Wir kennen sie also nicht, können aber davon ausgehen, daß diesen Subjekten ohne Sprache kein Weltbild und – damit auch – keine Welt zukommt.

 

Traditionell sagt man, der Hund weiß offentlich, was eine Katze ist, nur nicht, daß sie mit „Katze“ bezeichnet wird; andernfalls würde er sie nicht so gerne jagen. Aber darin kommt ein Fehlverständnis der Sprache zum Ausdruck:

Sie besteht aus Begriffen und nicht aus Bezeichnungen; das heißt, dem Hund fehlen nicht nur die Worte, sondern eine ganze Welt, in der oder durch die allein es Hunde und Katzen geben könnte; keine Welt – keine Tiere.

 

 

 

 

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam aus dem Umkreis der Biologie von verschiedenen Seiten eine Idee auf, die uns helfen kann, das welt(bild)lose Leben ein wenig zu verstehen. Ich meine die Umwelten des Merkens und Wirkens, wie wir sie etwa bei Jacob Johann von Uexküll, Arnold Gehlen, Hans Volkelt oder Viktor von Weizsäcker finden.

Eine „Zecke“ beispielsweise merkt nur Wärme und Feuchtigkeit; das ist ihre Merk-Umwelt. Läuft eine „Katze“ an der „Zecke“ vorbei, sieht sie diese natürlich nicht, denn in ihrer Merk-Umwelt kommen weder Katzen noch Sehungen vor. Die „Zecke“ merkt bestenfalls, daß es etwas wärmer und feuchter wird, so daß sie sich eventuell fallen läßt. Diese – häufig wohl erfolglose – Reaktion bildet die gesamte Wirk-Umwelt, und die Verbindung der beiden Umwelten – zumeist „Funtions-“ oder bei von Weizsäcker „Gestaltkreis“ genannt – ergibt das Leben der „Zecke“:

 

Das Merken führt zum Wirken; dann wartet die „Zecke“, bis sie wieder etwas merkt, und das genügt offensichtlich zum Überleben – sonst gäbe es keine Zecken.

Eine Spinne merkt die Vibrationen ihres Netzes und wirkt darauf, indem sie die gegebenenfalls verursachende Fliege frißt. Sieht sie die gleiche Fliege jedoch in einer anderen Situation, greift die Spinne nicht an, sondern reißt vor der Fliege aus.

Mit den Anführungszeichen wollte ich Sie daran erinnern, daß es für „Spinnen“ keine Spinnen, Netze oder Fliegen gibt, für „Zecken“ weder Zecken noch Katzen und daß in Hassos Funktionskreis kein Hund durch den Garten läuft.

 

Lesen wir dergleichen ein erstes Mal, so überrascht es uns wahrscheinlich kaum; daß Zecken und Fliegen nur ein sehr eingeschränktes Anschauungs- sowie Reaktionsvermögen besitzen, war zu erwarten. Aber ich fürchte, mit dieser simplen Disqualifizierung verfehlen wir die eigentliche Pointe:

Tierische Funktionskreise enthalten nur Gestalten, das heißt, sie sind Gestalt-Kreise in unserem Sinne. Dort ist nichts auf den Begriff gebracht, so daß weder Wahrnehmungen noch Vorstellungen bestehen und damit auch kein Welt- – sprich: Funktionskreisbild – möglich ist.

 

Das Merken führt zum Wirken, und dieses löst – nach einer Zeit des Wartens – wieder ein erneutes Merken aus. Zwischen den beiden Umwelten muß also jeweils ein reflektorischer Zusammenhang bestehen, aber es ist kein reflektierter oder geistiger. Einzelnen Sinnesinseln der Merk-Umwelt stehen ebensolche Reaktionen der Wirk-Umwelt gegenüber, die von jenen provoziert werden.

Und schließlich sind die beiden Umwelten auch keineswegs vorhanden; sie bestehen nicht, sondern entwickeln sich partiell aus dem aktualen Angeschaut-Werden; der Funktionskreis ist kein Seiendes. 

 

Wir sagen richtigerweise, daß Hasso durch den Garten läuft, haben dabei aber – entgegen der Tradition – im Hinterkopf, daß wir nicht von Hasso und dem Garten als Seienden, sondern „nur“ von unseren Wissungen sprechen. Laptop-Wahrnehmung statt Laptop, Hasso-Wissung statt Hasso; ein Hasso oder Garten an sich kommen bei uns gar nicht vor.

Dann kann Hasso – ohne Welt – auch nicht durch den Garten laufen.

Oswald Schwemmer schreibt in seiner „Kulturellen Existenz des Menschen“:

„Natürlich erinnert sich unser Hund an uns, auch wenn wir lange weggeblieben sind. Und in diesem Sinne identifiziert er uns auch. Aber diese Identität ist keine Gegenstandsidentität. Wie Beobachtungen und Versuche zeigen, bleibt dieses Wiedererkennen eingebunden in die Wahrnehmungs- und Handlungssituationen, in die der Hund gerät.

Der Garten, den er täglich durchstreift, wird sich für ihn nie in einem Überblick seiner Wege zeigen. Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf und erlauben ihm nie, sie zu überblicken oder gar in einem Schema festzuhalten. Sie bleiben Momente seines Erlebens, aus dem und über das er sich nicht hinausheben kann.“

Seine Umwelten bilden sich bei Hassos Durchstreifen des „Gartens“ erst heraus und haben folglich mit dem Garten in unserer Welt nicht viel zu tun. Hasso lebt – aber weder im Garten noch in einer Umwelt –, sondern er erzeugt letztere aktual, indem er lebt.

 

Anders als Hasso, Zecken und Spinnen reagieren wir zumeist nicht spontan oder blind auf unsere sinnlich-bewußten Merkungen oder Gestalten. Wir bringen sie vielmehr auf den Begriff, ordnen sie in unser Weltbild ein und überlegen, wie wir – in seinem Rahmen – am besten wirken oder agieren sollten.

Anschaulich bedeutet dies, daß wir unsere Welt sowie das Bild davon zwischen die Merk- und Wirk-Umwelt schalten und damit deren reflektorische Verbindung teilweise ersetzen.

Damit erzeugen wir das, was Schwemmer in seinem Zitat „Identität“ nennt:

„Die Identität eines Gegenstands verläßt dagegen diese Grenzen einander folgender Situationen. Der Gegenstand . . . behält seine Identität auch im Wechsel der Situationen. Ja, mehr noch und wesentlicher:

Eben durch die Identität spannen die Gegenstände sozusagen ein Netz auf, das Netz der Welt. . . . Außerhalb der wechselnden Situationen haben wir uns eine in sich gefügte und geordnete Gegenstands-Welt geschaffen, in der wir uns selbst“ – ich ergänze: als Körper – „angesiedelt haben . . .“

0.4. Die Genese des Weltbilds und der Signifikate

AD: „Was Sie jetzt zitiert haben, ‚Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf . . .‘, ist natürlich schwer zu verstehen. Woher stammen die Wege, um sich auf einmal zeigen zu können?

Die Frage brennt mir schon lange auf den Nägeln; seit Sie von Gestalten sprechen.

 

Die Tradition geht von Seienden aus und betrachtet deren Sein häufig relativ unreflektiert als angeblich (selbst)verständliches Vorhanden-Sein.

Das verwerfen Sie als hinterwäldlerisch-leere Behauptung und ersetzen die Seienden durch Gestalten. Deren Sein ist kein unverstandenes Vorhanden-, sondern ein unmittelbares Gegeben- oder Bewußt-Sein.

Die traditionellen Wahrnehmungen gelangen angeblich durch das Abbilden der Seienden in das Bewußtsein; oben wollten Sie zeigen, daß diese Vorstellung mehr als problematisch ist. Aber ganz abgesehen davon stellt sich die entsprechende Frage doch auch bei uns und bedarf noch einer Antwort:

Wie kommen die Gestalten in unser Bewußtsein? Wenn Sie jetzt mit ‚Abbilden‘ anfangen, brauche ich nicht weiterzulesen . . .“

Ich werde mich hüten!

Es sollte deutlich werden, daß das Abbilden einen Unbegriff darstellt, völlig unabhängig davon, was angeblich abgebildet weren soll.

 

Was Sie gesagt haben, stimmt; mir hat besonders gefallen, wie Sie die zwei wichtigen Fragestellungen unterscheiden:

Zunächst geht es um das Sein; aus dem nichtssagenden Vorhanden- wird bei uns ein erlebtes Bewußt-Sein.

Damit bleibt jedoch hinsichtlich der Frage nach dem Woher der Seienden bzw. Gestalten alles offen; bei ersterem kann es uns auch gleichgültig sein, bei den Gestalten müssen wir klären, wie sie in unser Bewußtsein gelangen (können)

 

Sämtliche Wissungen gehören der „Zeit“ an, und mittels der Kausalität wird verständlich, wie sie auseinander hervorgehen. Das hatten wir bereits ausgeführt, ist aber nur die eine Seite; es gibt noch eine zweite:

Die Wissungenaber auch nur sie – befinden sich in der „Zeit“, so daß wir darin insbesondere niemals auf Gestalten treffen. Diese sind nicht „zeitlich“ und können folglich auch nicht kausal durch Wissungen bewirkt werden.

Es führt kein Weg von Wissungen zu Gestalten; nur die Einbahnstraße in der Gegenrichtung existiert; sie besteht im Auf-den-Begriff-Bringen-Wollen oder Explizieren.

 

Wenn Gestalten entstehen und vergehen, obwohl sie nicht in der „Zeit“ sind, müssen sie zeitlich sein.

Die Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft noch nicht; von der Zeit verbleibt nur die Gegenwart, die sich aus dem Unbewußten sowie dem Bewußtsein zusammensetzt. 

In letzterem befinden sich die Gestalten, die somit der Vergangenheit oder dem Unbewußten entstammen müssen.

 

Das ist unser Stand der Dinge; im vorliegenden Kapitel versuchen wr, diesbezüglich ein wenig weiterzukommen.

0.4.1. Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis

Unsere Wissungen gehören dem Bewußtsein an, sofern sie – aber das ist tautologisch – aktualisiert sind.

Andenfalls befinden sich die Wissungen in Form – einer Einheit – der Begriffe innerhalb des Unbewußten oder Weltbilds.

AD: „Aber wo ist das Unbewußte bzw Weltbild?“

In der Sprache; um das zu verstehen, wenden wir uns kurz Wittgenstein zu.

 

Wohl eines seiner populärsten philosophischen Ergebnisse besteht in der Erkenntnis, daß es „keine Privatsprachen geben kann“. Weshalb?

Weil sie widersprüchlich wären.

Woher will ich morgen noch wissen, was ich heute wie bezeichnet hatte?

AD: „Indem ich es aufschreibe.“

Das hätten wohl die meisten von uns geantwortet, stimmt aber trotzdem nicht.

 

Sie notieren sich, heute den Eimer mit „Eimer“ und den Remie mit „Remie“ bezeichnet zu haben. Dann stehen morgen auf  Ihrem Zettel diese beiden Worte; aber was sie damit heute bezeichnet hatten – den Eimer bzw. Remie selbst – müssen Sie im Bewußtsein haben, denn das steht nicht auf Ihrem Zettel und kann es auch unmöglich.  

Bei dem Eimer merken wir das nicht, weil er (bereits) der intersubjektiven Sprache angehört; bei dem noch „privatsprachlichen“ Remi aber sehr wohl: „Was war das doch gleich?“

Jetzt müßte deutlich werden: Was Sie gestern mit „Remie“ bezeichnet hatten, befindet sich möglicherweise heute noch in ihrem Bewußtsein, ist aber unkontrollierbar; wie wollen Sie das nachprüfen? Sie können nur glauben, daß Ihre Erinnerung adäquat ist – denn es gibt kein Erinnertes.

 

Das können und sollten wir verallgemeinern:

Die Bezeichnungen haben zwar Bestand und sind kontrollierbar – aber leider völlig uninteressant; es geht allein um das Bezeichnete oder Verstandene und eventuell auch Geglaubte. Somit ist eine „ewige Wahrheit“ höchstwahrscheinlich keine ewige Wahrheit, und demzufolge kann auch es keine Heiligen Schriften geben, sondern bestenfalls Heilige Verstehungen sowie Reaktionen.

Aber das wußten wir bereits, denn deswegen ist das Wort Fleisch geworden.

Die angeblichen Heiligen Schriften dürfen uns also nicht zur Buchstabentreue verführen, die sich nicht traut, „auch nur ein Jota hiervon“ zu korrigieren. Wer so „denkt“, denkt nicht und verfehlt massiv die Wahrheit, die er zu haben glaubt; er hat sie im Buch – denn nur dort kann man sie haben –, lebt sie aber nicht.

Und wer völlig „unheilige Schriften“ studiert – etwa so, wie es Albert Schweitzer mit dem Werk Nietzsches getan hat –, kann dabei zu sehr tiefen Einsichten gelangen; jedoch nur, weil das Wort tatsächlich Fleisch geworden ist

 

Völlig unabhängig davon, ob die Bezeichnungen nun in Büchern stehen oder nicht, gehören ihre Bedeutungen allein unserem Bewußtsein an. Wir sprechen miteinander und korrigieren sie dabei wechselseitig, so daß sich die Bedeutungen, die für die einzelnen Subjekte bestehen, aneinander abschleifen und „Mittelwerte“ entstehen, die sich in der Zeit mehr oder weniger schnell und unmerklich andern.

Das führt weder zur „richtigen Sprache“ noch zur „wahren Bedeutung“, sondern lediglich zu einer intersubjektiven Einigung; mehr haben, aber brauchen wir auch nicht. Wer dieses „Sprachspiel“ nicht  mitspielt, kommt nicht der Wahrheit näher, sondern wird unverständlich.

Georg Picht meint unter anderem exakt dies, wenn er die Sprache als das „kollektive Gedächtnis der Menschheit“ betrachtet; ich würde gerne übersetzen das „intersubjektive Gedächtnis der Subjekte„.

 

So weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist der Gedanke nicht:

Bis Sie diesen Satz gelesen hatten, war Ihnen die Vorstellung Sirius nicht aktual gegeben.

Das ist jetzt der Fall; ich konnte sie ganz leicht mittels des Wortes „Sirius“ hervorkitzeln. Das geht aber nur, wenn oder weil sie sich zuvor bereits an einem anderen, Ihnen zwar unbekannten jedoch zugänglichen oder verfügbaren Ort befand.

Wenn aber das absichtliche Auslösen von Vorstellungen stets mit Hilfe der sie bezeichnenden Worte erfolgen kann, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dieser Ort müsse die Sprache sein

 

AD: „Bisher war mir sonnenklar, daß das Gedächtnis mit irgendwelchen Speicherprozessen im Gehirn zusammenhängt. Nun streichen Sie diese für mich anschaulich-verständliche Vorstellung und ersetzen sie durch die abstrakt-unverständliche Sprache. Hätten Sie vielleicht ein Beispiel, an dem ich mir das ein wenig plausibilisieren kann?“

Natürlich; das Fundament der empirischen Wissenschaften besteht zweifellos in ihren nachprüfbaren Voraussagen; beispielsweise daß es am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa zu einer totalen Sonnenfinsternis kommen wird.

Das ist freilich traditionell formuliert, als wären Sonnenfinsternisse Seiende, die es einfach so gibt, auch ohne gesehen zu werden.

Wir müßten also etwas vorsichtiger übersetzen, daß am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa eine Wahrnehmung namens „totale Sonnenfinsternis“ möglich sein soll.

 

Diese Voraussage vertrauen wir der Sprache an, und jeder, der einen Zugang zu letzterer besitzt, kann die Antizipation am 22. 2. 2222 überprüfen. Die Zeit bis dahin wird also von der Sprache überbrückt; die Physiker, die die Voraussage getroffen haben, sind dann schon lange tot.

AD: „Wobei sich Ihr letzter Halbsatz als völlig belanglos erweist, wenn das Speicherorgan ohnehin in der Sprache und nicht im Gehirn besteht.“

Sehr schön; aber letzteres ist trotzdem unbedingt erforderlich, weil wir – in unserem Weltbild – ohne Gehirn keinen Zugang zur Sprache hätten. 

 

AD: „Einverstanden; aber damit haben Sie meine obige Frage noch nicht befriedigend beantwortet.

Die – nicht-aktual(isiert)en – Wissungen befinden sich im Weltbild, dieses gehört der Sprache an, und die Sprache ist . . .“

. . . nirgends, denn als Sprache gibt es sie gar nicht.

 

Die Sprache ist nur „ihr“ Gebrauch, das heißt, sie existiert lediglich in dem oder durch das zeitliche Sprechen und Verstehen.

Würden wir alle die Sprache nicht mehr nutzen, wäre sie einfach weg. Indem wir unseren Kindern das Sprechen und Verstehen lehren, teilen wir ihnen nur sekundär Bezeichnungen mit; das Vokabeln-Lernen stellt in diesem Zusammenhang ein unglückliches Modell dar.

Primär erhalten wir die Sprache, indem wir sie nutzen und weitergeben, das heißt, unseren Kindern einen Zugang zu ihr bzw. zum intersubjektiven Gedächtnis in Form ihres ersten kleinen Weltbilds vermitteln.

Letzteres ist natürlich subjektiv, weil jedes Subjekt seinen eigenen Zugang zur intersubjektiven Sprache besitzt.

 

Wilhelm von Humboldt formuliert das von mir Gemeinte folgendermaßen:

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, daß man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht . . .

Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia) . . .

Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als Sprache ansehen.“

0.4.2. Signifikanten bewirken Verstehungen

Für uns gibt es – außerhalb der Wissungen – kein Gewußtes und damit insbesondere nichts Verstandenes.

Die Tradition sieht das freilich anders und geht vom Verstandenen bzw. Erst-noch-zu-Verstehenden aus, das ihr zufolge in den Zeichen besteht. Konsequenterweise versucht sie also, auch die Sprache von den Zeichen her zu erklären, und betrachtet letztere als Einheiten aus einem bezeichnenden Wort (im einfachsten Falle) sowie der von ihm bezeichneten Wissung; dem Wort „Sonne“ zum Beispiel entspricht die Wissung Sonne.

Wir bestreiten diesen Zeichenbegriff in keiner Weise, sehr wohl aber, daß sich auf seiner Basis die Sprache verstehen läßt.

 

Unsere Begründung ist einfach:

Nicht nur das Bezeichnete, sondern auch das Bezeichnende sind notwendigerweise Wissungen; ein „Wort“, das wir nicht wissen, ist kein Wort.

Wissungen existieren jedoch ausschließlich in unserem Bewußtsein. Verstehen wir Sprache als das, was erst zu Verstehungen führt oder diese bewirkt, können darin also Bezeichnende und somit auch vollständige Zeichen nicht auftreten.

Ungewußte „Bezeichnende“ sind keine Bezeichnenden; wir definieren sie als Signifikanten, und schließen uns damit unter anderem Ferdinand de Saussure sowie Jacques Lacan an.

 

AD: „Die Bezeichnung tut nichts zur Sache; Ihre „ungewußten Signifikanten“ sind per definitionem unverständlich und können uns somit auch nicht weiterhelfen.“

Doch; diesen Punkt hatten wir schon des öfteren: Signifikanten ist ein Sammelbegriff; würden wir ihn nicht verstehen, hätten Sie damit Recht, daß er vollkommen sinnlos wäre und verlustlos durch „blablabla“ ersetzt werden könnte.

Wir müssen ihn also kennen, aber das gilt nicht für die einzelnen Signifikanten, die unter diesen Sammelbegriff fallen.  

 

Um ihn zu verstehen, stellen wir uns bitte zunächst vor, angestrengt und erfolgreich einem schwierigen Vortrag zu lauschen oder beim Lesen eines spannenden Buches völlig fasziniert zu sein. Unsere ganze Konzentration gilt dann dem Inhalt, und solange sie anhält, bewegen wir uns von Verstehung zu Verstehung, das heißt, von Wissung zu Wissung.

Etwas anderes existiert für uns gar nicht; es gibt kein Verstandenes im Sinne von dem, was der Referent sagen bzw. der Autor schreiben wollte; weder Worte noch Sätze; nicht einmal Stimmen oder Geräusche bzw. Texte und Druckerschwärze. All das tritt nur in dem Maße in Erscheinung, wie wir unkonzentriert vom Thema abschweifen – oder das Aufgezählte selbst zum Thema wird..

Obwohl also allein Verstehungen bzw. Wissungen bei uns ankommen, wird wohl niemand bestreiten wollen, daß sie irgendwie vom Vortragenden bzw. Autor provoziert sind.

Aber wie macht er das?

 

Als zweites Beispiel skypen wir miteinander. Ich will Ihnen etwas sagen, und bei mir existieren nur diese mitzuteilenden Vorstellungen; Sie haben dagegen lediglich ihre Verstehungen.

Welche Verbindung besteht zwischen diesen beiden Seiten? Was führt von meinen Vorstellungen zu Ihren Verstehungen? Von meinen Wissungen zu den Ihrigen?

AD: „Alles was ich höre oder sehe; Ihre Worte, Gesten, Mimik, Erregung usw.“

Das wäre die traditionelle Antwort; sie bezieht sich aber auf eine Frage, die keiner gestellt hat:

Uns interessiert nicht, wie die einen Wissungen in der „Zeit“ kausal die anderen hervorbringen, vielmehr wollten wir erkennen, wie Wissungen überhaupt – notwendigerweise aus Nicht-Wissungen – entstehen. Diese Frage ist primär; erst wenn wir die Wissungen verstehen, können wir uns um deren Mit- oder Nacheinander bemühen. 

 

Es gibt, mit anderen Worten, auf der einen Seite ein beliebig komplexes Zusammenspiel der Wissungen, das nicht zuletzt von den Einzelwissenschaften untersucht wird; hierzu habe ich (leider) nichts beizusteuern.

Auf der – ganz – anderen Seite und völlig unabhängig davon müssen wir erklären, wie die Vorstellungen des Autors oder Vortragenden, die sich nur in dessen Bewußtsein befinden, zu – möglicherweise sehr differenten – Verstehungen im Bewußtsein der Leser bzw. Zuhörer führen (können).

 

Der Autor schreibt und der Vortragende spricht; wie bei allen Subjekten reichen auch deren Handlungen in ihren Auswirkungen nicht nur über das subjektive Bewußtsein, sondern auch über die eigene Gegenwart hinaus und in fremde Gegenwarten hinein. Das scheint mir unbestreitbar zu sein; wir kennen möglicherweise – eo ipso im subjektiven Bewußtsein – sehr genau die von uns beabsichtigten Wirkungen; aber die Auswirkungen im eigenen Bewußtsein können ganz anders und die in fremden Bewußtseinen gar nicht bekannt sein

Wir können also nicht ausschließen, daß möglicherweise jedes Subjekt in die Gegenwart jedes anderen Subjekts hineinwirkt und das Zusammenspiel all dieser Einflüsse sich sowohl im Unbewußten als auch im Bewußtsein des jeweils betrachteten Subjekts auswirkt.

 

In unserem Beispiel erzeugt der Autor bzw. Vortragende im Unbewußten des Lesenden resp. Zuhörenden die (oben eingeführten) Signifikanten, und diese bewirken – in Abhängigkeit vom jeweiligen Weltbild – im Bewußtsein bestimmte Verstehungen.

So wird nicht zuletzt auch verständlich, daß das gleiche Buch bzw. der gleiche Vortrag zu den unterschiedlichsten Verstehungen führen kann; mit Recht, denn alle haben gut zugehört.

 

Relativ häufig wird sehr anschaulich erklärt, worin Signifikanten angeblich bestehen; aber das stimmt nicht, wenn hierbei Wissungen geschildert werden. „Gewußte Signifikanten“ sind keine Signifikanten, sondern Wissungen, so daß ich Ihnen auch kein Beispiel für Signifikanten nennen kann. Das war doch soeben mein Problem; ich wollte Ihnen etwas nahebringen, was mir als zwingend notwendig erscheint, sich aber als prinzipiell Unwißbares trotzdem nicht greifen läßt.

Alles Be-greifbare kommt immer schon oder ursprünglich zu spät, weil es bereits kein Bewirken mehr, sondern schon Bewirktes ist.

Unrichtig ist dann natürlich auch die ebenfalls des öfteren anzutreffende, auf Ferdinand de Saussure zurückgehende Behauptung, Zeichen beständen in der Einheit von Signifikant und Signifikat; ein Lautbild oder Wort ist kein Signifikant, sondern eine Wissung.

0.5. Zusammenfassung

Die meisten von uns sind sich wohl sehr sicher, daß wir in einer uns vorgegebenen Welt leben und sie auch eine hinreichend adäquate Vorstellung von ihr besitzen.

Diese traditionelle Welt entspricht dem Wißbaren bzw. – nach und nach immer besser – Gewußten; bei unseren Vorfahren vor Jahrtausenden handelte es sich im Kern bereits um die gleiche Welt, aber sie haben nur sehr wenig von ihr verstanden. Von ihrer Wissenschaftsgläubigkeit  hängt es ab, wie nahe sich heute die modernen Traditionalisten der vollkommenen Erkenntnis wähnen.

 

Die einfachste Denk-Möglichkeit besteht offensichtlich darin, sich die Welt wie bei einem Lego-Baukasten als aus Einzelteilen zusammengesetzt vorzustellen. Das wird für viele Menschen in ihrem Alltag eine Selbstverständlichkeit sein, über die sie gar nicht nachgedacht haben, und stellt auch innerhalb der Naturwissenschaften noch eine weit verbreitete Ansicht dar.

Freilich ist sie nicht selbstverständlch; es gibt wohl keine großen Philosophen, die von einer so primitiven Lego-Welt ausgingen bzw. -gehen. Ihre Theorien sind zumeist viel komplizierter. Nicht aus Wichtigtuerei, dem Drang nach Originalität oder anderen unnötig-dummen Gründen, sondern weil 1000 Argumente gegen eine simple Lego-Welt sprechen, bei der man sagt „Es gibt:“ und dann einfach aufzält.

Gerold Prauss bündelt diese Argumente, die natürlich auf die Subjekt-Objekt-Problematik hinauslaufen, bereits im Titel seiner vierbändigen monumentalen Kant-Interpretation „Die Welt und wir“.

Platon, Aristoteles, René Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead wären diesbezüglich wichtige Meilensteine einer Philosophiegeschichte, die immer weiter von Lego-Steinchen wegführte, weil sie die – Wirklichkeit der – Zeit entdeckte, so daß der zeitlose Baukasten immer absurder wurde.

 

Wir haben als Ausgangpunkt der vorliegenden Überlegungen unsere eigenen Erfahrungen gewählt; nicht weil sie wahr, sondern weil sie unhinterfragbar sind. Erfahrungen können – nachträglich oder – nur durch weitere Erfahrungen korrigiert werden. Das ist immer wieder oder ein Leben lang möglich, aber wohl alternativlos.

Wer einen anderen Beginn für unser Denken vorschlagen möchte – die Materie, Naturgesetze bzw. Sprache, den Willen Gottes oder was auch immer –, müßte uns erklären, wie er diese Wissungen gewonnen hat. Und da, wollte ich soeben sagen, kommt er wohl wiederum nicht an der Erfahrung vorbei.

 

Das sieht auch die Tradition so, hält aber diesen Ansatz nicht durch.

Natürlich, meint sie, müssen wir die Seienden erst einmal erfahren bzw. wahrnehmen. Aber nachdem das geschehen ist, können wir einen Schritt weitergehen und müssen nicht immer wieder bei Null beginnen. Jetzt wissen wir die Seienden und starten unser Reflektieren im weiteren gleich bei ihnen; sie werden nun zum neuen, denkfreundlicheren Ausgangspunkt. 

Bei einem solchen Vorgehen stellt sich mir ganz einfach die Frage, wie lange wir wahrnehmen müssen, bis unsere Wahrnehmungen den Seienden entsprechen, das heißt, sie hinreichend genau abbilden, so daß keine nachträglichen Korrekturen mehr zu erwarten sind.

Letztlich, könnten wir also sagen, leugne ich nur das Ende oder die Vollkommenheit unserer Erfahrungen – und verbleibe deshalb bei ihnen.

 

Zu den sich daraus ergebenden – zeitbedingten – Wissungen zählen unter anderem politische, gesellschaftliche, ethische, sportliche, religiöse sowie alltäglich-praktische, und ich sehe keinen Grund, irgendwelche von ihnen aus unseren Überlegungen auszuschließen.

Bei den Beispielen sind jedoch die physikalischen Wissungen von besonderem Interesse, weil sie dem gesunden Menschenverstand die größten Schwierigkeiten bereiten. Daß Wissungen wie Identität, Gerechtigkeit oder Zahlen keine von Seienden in der Welt darstellen, mag ja gut möglich sein; aber bei Sternen, Atomen und sämtlichen Körpern im weitesten Sinne – anorganischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen – erscheint dieser Gedanke (nahezu) als absurd:

Jedes Stück Materie oder Substanz, jedes Ding also, muß doch – scheinbar – ein Seiendes darstellen!

0.5.1. Unsere "Axiome"

Natürlich ist der Begriff Axiom außerhalb der exakten Wissenschaften völlig unangebracht; aber auch dort sollten wir uns bemühen, möglichst sauber zu denken. In diesem Sinne möchte ich unsere vier „Axiome“ verstanden wissen.

 

1. Wir können nur innerhalb unseres Weltbilds sinnvoll denken oder sprechen, denn sämtliche Wissungen bilden einen integralen Bestandteil desselben.

 

2. Es gibt eine Wirklichkeit, die mit unserem Weltbild absolut nichts zu tun hat und somit „vor“ ihm kommt oder ursprünglicher ist.

 

3. Wir können nicht begründen, daß unsere Wissungen Referenten außerhalb von sich selbst besitzen oder daß sich das Weltbild  auf die ihm vorgegebene Wirklichkeit bezieht – und müssen folglich auf alle diesbezüglichen Behauptungen verzichten.

 

4. Damit entsteht ein Dualismus; der Wirklichkeit auf der einen Seite steht unser subjektives Weltbild mit seinen „Komponenten“ auf der anderen gegenüber.

 

AD: „Ich verstehe Sie, kann aber nicht recht sehen, wie Ihr Dualismus mit dem traditionellen von Subjekt und Objekt zusammenhängt.“

Da die Tradition angeblich das Kunststück fertigbringt, die – Wirklichkeit der – Seienden außerhalb des Bewußtseins adäquat abzubilden, besteht zwischen Wirklichkeit und Weltbild der Form nach vollkommene Übereinstimmung. Natürlich nur „der Form nach“; die Welt existiert und die Wissungen stellen nur deren geistige Abbilder dar.

Insbesondere die Subjekt-Objekt-Spaltung gehört also der Wirklichkeit an und wird vom Weltbild nur adäquat wiedergegeben.

 

In der nachstehenden Abbildung ist das Bewußtsein jeweils gelb und sein Außerhalb grün unterlegt.

 

Wirklichkeit Weltbild Vergessenes  
       
Welt oder Seiende     traditionell
„Subjekte“ Objekte Wissungen von den Seienden Leben  
———- ———- Wissungen ohne Referenten    
„zeitlich“ „zeitlich“    
         
Transzendenz
    postmodern
– ich als Subjekt und mein (verbales)  Leben Wissungen ohne Referenten ———-  
zeitlich
„zeitlich“
   
– Ursprung      

Abbildung 2.5.1.

 

Der blinde Glaube an Seiende stellt meines Erachtens den einen der beiden traditionellen Hauptfehler dar; der andere besteht darin, das Leben zu vergessen, zu ignorieren oder zu leugnen. Dadurch gibt es auch keine wirklichen Subjekte, so daß wir konsequenterweise von einer „Subjekt“-Objekt- bzw. Objekt-Objekt-Spaltung sprechen müßten.

 

Für uns fällt die Wirklichkeit letztlich mit der Transzendenz zusammen – weil diese den einzigen Quell von jener darstellt –, was aber nicht bedeutet, daß die Transzendenz transzendent bleiben muß. Wenn wir in Gott leben, muß ein (geringer) Teil von ihr zu unserem Leben und damit immanent geworden sein, so daß sich die ursprüngliche Transzendenz aus dem transzendent gebliebenem Ursprung und meinem substantivischen Leben zusammensetzt.

 

Damit ergibt sich – unserem Dualismus entsprechend – eine tatsächliche Subjekt-Objekt-Spaltung, wobei wir dieses „Objekt“ der Deutlichkeit halber durch „Wissung“ ersetzen:

Die immanente oder transzendente Transzendenz stehen dem Weltbild mit all seinen Wissungen diametral gegeneüber.

 

Das ist einerseits in der Tat ein Dualismus, weil wir mit unserem Weltbild nichts von der Wirklichkeit wissen.

Andererseits besteht natürlich nichtsdestotrotz eine Wechselwirkung, die die beiden Seiten zu einem Zirkel kurzschließt:

Ohne die Transzendenz als den einzigen Quell der Wirklichkeit gäbe es zum einen gar kein subjektives Weltbild.

Zum anderen dient letzteres unserer Orientierung; wir haben oder es gibt dafür gar nichts anderes, so daß auch das Weltbild die Wirklichkeit beeinflußt – ganz ohne sie abzubilden.

0.5.2. Streichen "des Nichts"

AD: „Ich habe ein ganz verrückte Idee . . .

Sie haben relativ ausführlich gezeigt, daß der von der Tradition behauptete Vergleich zwischen unseren Wahrnehmungen und den Seienden nie erfolgt – weil er unmöglich ist – und die Existenz der letzteren nur zur Selbstrechtfertigung postuliert wird. Also können wir die Seienden auch einfach canceln, und keiner merkt es – weil gar nichts geschehen ist.

Das betrifft insbesondere unser Weltbild; es bleibt völlig unverändert, weil wir ja nur etwas streichen, was niemals vorkommt und – Ihrer Überzeugung nach – auch weder benötigt wird noch existiert. Wir behalten also unser altes traditionelles Weltbild und verzichten lediglich auf seine Referenten.

Was ändert sich dann bei uns eigentlich noch gegenüber dem traditionellen Denken?“

 

Dann gibt es also auch weiterhin die traditionellen Subjekte und Objekte; freilich weder als Seiende noch als deren Abbilder, aber als Bilder oder Wahrnehmungen – und damit auch Vorstellungen. Um Verwechslungen möglichst auszuschließen, ersetzen wir sie durch Individuen bzw. Dinge.

Sie gehören als Wissungen zu unserem Weltbild, und ihre Umbenennung verweist lediglich darauf, daß wir zwar noch das traditionelle Weltbild, aber nicht mehr die zugehörige Welt haben.

Obwohl mit letzterer nur „ein Nichts“ gestrichen wurde, ergeben sich wesentliche Korrekturen:

 

1. Unser Weltbild mit seinen Wissungen ist jenseits von wahr und unwahr; die traditionelle Wahrheit entfällt; wir könnten also aufhören, uns ihretwegen zu streiten.

 

2. Ein Weltbild ohne Welt benötigt einen Weltbildhaber, der nicht dem Weltbild angehören kann, sondern wirklich sein und damit – im Sinne unseres Dualismus – einen Teil der Gegenseite bilden muß.

Deswegen kann ich nur in der ersten Person Singular verständlich weitersprechen; Sie müßten natürlich das Entsprechende für sich selbst formulieren.

 

3. Als wirkliches Subjekt habe ich ein Bewußtsein, zu dem neben meinem (verbalen) Leben mein Weltbild gehört, das weitgehendst mit dem traditionellen übereinstimmt.

 

4. Insbesondere umfaßt es die Individuen und Dinge.

a) Ich selbst kann kein Individuum sein, da ich als Subjekt zwar einen Körper besitze, sich darin aber natürlich keine mir unbekannte Psyche befinden kann.

b) Alle anderen „Subjekte“ sind keine Subjekte, sondern gehören als Individuen meinem Weltbild an und befinden sich darin – ganz traditionell – als Einheiten aus Körper und Psyche.

Spätestens hier sollte deutlich werden, weshalb wir stets zwischen Bewußtsein und Psyche unterschieden haben: Den Träger von jenem stelle allein ich als Subjekt dar, während die Psychen den fremden Körpern zugehören

 

5. Damit ergibt sich ein prinzipieller Unterschied zwischen den Perspektiven der ersten und dritten Person:

Jene ist immer nur die meinige und stimmt mit meinem rein subjektiven Bewußtsein überein.

Die Perspektive der dritten Person besteht dagegen in derjenigen des Nous; bei ihr muß ich mich absichtlich „dumm stellen“ und mich selbst – wie alle „Subjekte“ – als ein Individuum betrachten. So sieht es der Nous, denn bei seiner Schau müssen ja alle „Subjekte“ gleichwertig oder austauschbar sein.

 

6. Daß ich für mich selbst ausgezeichnet bin und auch nicht die geringste Vorstellung von anderen Subjekten und deren Leben haben kann, sondern diese für mich ununterschieden in der Transzendenz aufgehen,

– ist zum einen nicht erstaunlich, weil alles mir Zugängliche natürlich zu meinem substantivischen Leben gehört, und

– ergibt sich zwingend aus dem Fehlen sämtlicher Referenten, die aus den Wissungen herausführen. würden.

 

AD: „Und wenn Sie Ihre Frau sehen?“

Dann sehe ich kein wirkliches Subjekt, denn das kann nur in Gott leben und muß somit unsichtbar sein.

Was ich sehe, ist ein Individuum, das zu meinem Weltbild und damit zu meinem Leben gehört.

Weder ist dieses Individuum ein Subjekt noch verbirgt sich eines dahinter; was dahinter steckt, kann – wie immer – höchstens die Transzendenz sein.

0.5.3. Welt – Bewußtsein – Psyche

Dem traditionellen Denken zufolge gibt es Seiende in der Welt, die als Urbilder fungieren; ihre Abbilder befinden sich im Bewußtsein. Die Sehungen Mond(A) und Körper(A) namens „Moritz“ sind also Abbilder der beiden zugehörigen Seienden Moritz(U) bzw. Mond(U) innerhalb meines Bewußtseins.

Nun stelle ich in meinem Bewußtsein fest, daß der Körper(A) namens „Moritz“ den Mond(A) offensichtlich ebenso „sieht“ wie ich; er schaut hin, findet ihn schön und freut sich. Diese Tatsache läßt sich einerseits schwerlich bestreiten, andererseits aber nicht mittels des soeben benutzten Abbildens als Sehen erklären:

Ihm zufolge sieht Moritz(S) den Mond(S) in seinem Bewußtsein, aber nicht der Körper(A) namens „Moritz“ den Mond(A) in meinem.  

 

 

Seiende oder Urbilder Welt  
Moritz(U) und Mond(U)
     
|      
Abbilden      
     
Abbilder
mein Bewußtsein  
Körper(A) namens „Moritz“ und Mond(A)
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Abbilder in die Abbilder(I) Psyche vom Individuum(A) namens „Moritz“
 
Mond(P)
     

Abbildung 2.5.3.-1

 

Das „Sehen“ von dem Körper(A) namens „Moritz“ kann also kein traditionelles Sehen sein. Ich muß zugeben, daß er den Mond(A) „sieht“, und erkläre mir das, indem ich den Körper(A) namens „Moritz“ mittels einer – dann: seiner – Psyche zum Individuum(A) namens „Moritz“ ergänze. In diese kann nun der Mond(A) projiziert werden.

Daß das Individuum(A) namens „Moritz“ den Mond(A) in meinem Bewußtsein „sieht“, bedeutet also, daß ich – im Rahmen meines Weltbilds – den Mond(A) in die Psyche des Individuums(A) namens „Moritz“ projiziere.

 

Was haben wir jetzt eigentlich getan? Wir haben überlegt,

– wie unser Ansatz aussehen würde,

wenn es die traditionelle Welt der Seienden gäbe.

Von diesem Mischmasch ausgehend sind also zwei Richtungen zu seiner Bereinigung angebracht; hin zum traditionellen bzw. zu unserem Denken:

1. Wie ist es möglich, daß ersteres kein Bewußtsein benötigt und mit den Psychen allein auskommt?

2. Was ändert sich an dem obigen Durcheinander, wenn wir die Seienden streichen?

 

Ad 1.

Wir hatten gesehen, daß das Abbilden – theoretisch zwar unbedingt erforderlich ist, aber – tatsächlich nie in Erscheinung tritt. Die Tradition überspielt es dementsprechend auch zumeist und setzt konsequent die Ab- mit den Urbildern gleich. Dadurch kann sie behaupten, unmittelbar von der Welt zu sprechen, so daß der obige Übergang in das Bewußtsein ebenso wie dieses selbst entfällt.

 

 

Abbilder   =   Urbilder
Welt
 
Moritz(A) und Mond(A)   =   Moritz(U) bzw. Mond(U)
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Ur- / Abbilder in die Ur- / Abbilder Psyche von Moritz(A) / Moritz(U)
 
Mond(A)   =   Mond(U)
     

Abbildung 2.5.3.-2

 

Nun sollte endlich auch deutlich werden, weshalb bei uns das Bewußtsein unbedingt benötigt wird:

Natürlich nicht, weil wir das Abbilden ernstnehmen; es gibt keines. Vielmehr, weil unsere Wissungen immer schon den traditionellen Abbildern entsprechen – und das nehmen wir ernst. Die davor liegende Ebene der Seienden in der Welt existiert für uns ja gar nicht; die Tradition geht zwar theoretisch von ihr aus, glaubt aber, sie – aufgrund der Übereinstimmung – mit den bloßen Abbildern bevölkern zu können.

 

Dieser Widerspruch, von Entitäten auszugehen, die dem eigenen Ansatz entspechend nur Abbilder darstellen können, aber diese der objektiv-realen Urbild-Welt zuzuordnen, bildet meines Erachtens den ersten der beiden traditionellen Hauptfehler.

Der zweite besteht in der mißverstandenen Symmetrie aller Subjekte:

Moritz besitzt eine Psyche; da alle Subjekte die gleiche Struktur besitzen müssen, habe ich ebenfalls eine Psyche; Bewußtseine kommen tatsächlich nicht vor.

 

Ad 2.

Diese Gleichwertigkeit sämtlicher Subjekte ist natürlich richtig und gilt selbstverständlich auch bei uns:

1. Alle Subjekte sind Bewußthaber.

2. Aber da ihnen nur das eigene Bewußtsein gegeben ist ist, müssen alle fremden Subjekte transzendent sein.

3. In Abhängigkeit vom subjektiven Weltbild können beliebige Körper – eo ipso außer dem eigenen – als Individuen verstanden und mit einer Psyche im Sinne einer black box versehen werden. 

4. Natürlich sind das nicht die Körper der fremden oder anderen Subjekte; mindestens drei srarke Gründe lassen sich hierfür vorbringen:

a) Woher wollten wir das wissen?

b) „Fremde“ oder „andere Subjekte“ sind innerhalb der Transzendenz völlig sinnleere Worte.

c) Sämtliche  Körper gehören meinem Weltbild an und können somit niemals die Körper „fremder“ oder „anderer Subjekte“ sein.

 

Wir streichen, exakt formuliert, also nicht mit der Tradition das Abbilden unter Beibehaltung der Urbilder, sondern letztere, so daß das Abbilden automatisch entfällt und die „Abbilder“ keine Abbilder mehr darstelllen.

 

 

Wissungen
mein Bewußtsein  
Körper namens „Moritz“ und Mond
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Wissungen in die Wissungen(I) Psyche vom Individuum namens „Moritz“
 
Mond
     

Abbildung 2.5.3.-3

 

Bei Schriften zu dieser Thematik müssen wir genau auf die dortige Wortwahl achten.

Unser Begriff des Bewußtseins begegnet relativ selten; die meisten Autoren mogeln sich wie oben beschrieben über das Abbilden hinweg und beanspruchen, bei den Seienden (in) der Welt zu beginnen. Tatsächlich positionieren sie jedoch fälschlicherweise diejenigen Entitäten, die sie ihrem eigenen Ansatz zufolge nur als Abbilder verstehen dürften, in der Welt

„Welt-Abbild“ wäre also ehrlicher; das entspricht unserem Weltbild, das wir aber nicht als Bild von der Welt verstehen.

 

In der Literatur tritt somit nahezu ausschließlich das auf, was wir unter Psyche verstehen, aber mitunter auch „Bewußtsein“ genannt wird.

Da wir uns hier bereits innerhalb des Weltbilds bewegen – ganz anderes als bei unserem Bewußtsein –, hängt es auch von jenem ab, ob wir die Psyche überhaupt benötigen und welche Form sie gegebenenfalls besitzen muß.

In unserem Dualismus gehört das Bewußtsein zur Wirklichkeit und die Psyche zum Weltbild.

1. Einleitung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen jedoch zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nicht der Wahrheit entsprechen müssen, so daß wir allen Grund haben, bescheiden und offen zu sein sowie den Anderen, so wie er ist, zu akzeptieren.

 

Das bedeutet keineswegs, daß sämtliche Kritik entfällt; sehr wohl aber, daß wir verinnerlichen:

Meine Kritik ist nur meine Kritik; subjektiv und fehlbar; ebenso unsicher wie mein gesamtes Weltbild und meine angebliche Autonomie.

Warum denke ich so, wie ich denke?

Weshalb bin ich sogar überzeugt, so denken zu müssen?

Welche Scheuklappen versperren mir den Blick auf noch ganz andere Möglichkeiten?

Soll ich tatsächlich weiser sein als Sokrates, Buddha, Nagarjuna, Jesus oder Konfuzius, die total anders gedacht haben?

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel von der Tradition – bestehend aus Antike, Mittelalter und Moderne – zur Postmoderne bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg zur Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute hier zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den allermeisten von uns geht es zum Glück viel besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens.

Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung bzw. meinem Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle; es ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.

 

Das bezieht sich nicht nur auf ein angebliches Jenseits, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- und unterscheidend Christliche.

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“: „Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das jedoch – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, seinen Inhalt oder Sinn. Viktor E. Frankl faßte seine eigenen therapeutischen Erfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt“.  

Ich bleibe also mit der Tradition dabei, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – zumeist entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

 

Diese Differenz ist wichtig, denn wir können das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche und gelangweilte Millionäre sind nichts Besonderes.

Es gibt also ein Leben ohne – die Frage nach seinem – Warum, aber es gibt keines ohne ein Wie. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

In unserem Buch geht es allein um das Warum, den Inhalt oder Sinn des Lebens; sein Wie kann ich Ihnen gar nicht schön genug wünschen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde (mit)bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen, entweder jeden Schritt als folgerichtig zu erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachzuvollziehen oder ihn – mit guten Gründen – abzulehnen. Ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter.

Um Ihnen das Lesen zu erleichtern, versuche ich, alle Gedankengänge so vollständig wie möglich darzustellen. Bei einem Geflecht von Überlegungen ergeben sich daraus zwangsläufig Überschneidungen, das heißt, redundante Wiederholungen. Die nehme ich bewußt inkauf, um Ihnen wenigstens das laufende Blättern im Text zu ersparen. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken bzw. Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es sogar ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

„Herr Müller sagt aber . . .“ „Na und?“

Winston Churchill meinte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl, und Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß die eigene Anstrengung zur Erfüllung führen oder glücklich machen kann.

1.1. "Methode"

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“. In diesem Bemühen sah Georg Picht den Sinn des Philosophierens.

 

Ich glaube nicht an die eine objektive (Welt-)Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist.

Es gibt jedoch unsere subjektive Vernunft, die auf den eigenen Lebenserfahrungen basiert. Ein objektiverer oder „höherer“ Maßstab ist uns nicht zugänglich, denn wir sind Menschen, die stets an ihr singuläres Hier und Jetzt gebunden bleiben.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Ich wiederhole mich bewußt:

Über einen höheren Maßstab als unsere subjektive Vernunft verfügen wir tatsächlich nicht, so daß es mir auch nicht um eine aus uns selbst kommende Autonomie gehen kann. Wir stehen – nur optisch, aber – nicht wirklich auf eigenen Beinen; mit der gleichen Überzeugung wie oben setze ich also Kants Zitat fort:

Ignorare aude; habe ebenfalls den Mut, Deine eigene Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Unverfügbarkeit usw. anzuerkennen. Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht – und bist damit abhängig; Selbstbestimmung ist etwas anderes als Autonomie:

Wir bestimmen uns selbst in Freiheit zu dem, der wir dann sein werden; nur so ist ein – mit sich selbst – identisches Selbst möglich. Kein Gott kann das schaffen; das können wir nur selbst – aber nicht autonom aus eigener Kraft, nicht durch uns selbst, sondern allein, weil uns die Möglichkeit dazu geschenkt wird. Ein von Gott „geschaffenes Selbst“ wäre als fremd- und nicht selbstbestimmtes kein Selbst.

 

Beide Aussagen zusammengenommen bedeuten, daß wir  uns einem oder einer Anderen verdanken.

Viele „Atheisten“ lehnen dieses Andere ab, weil sie eine Vorstellung davon haben, zu der ich ebenfalls „nein“ sagen würde.

Manche „Rechtgläubige“ kennen das Andere angeblich sehr gut und können uns viel darüber erzählen; völlig unabhängig von den entsprechenden Inhalten glaube ich das ebenfalls nicht.

Wir bemühen uns dagegen um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der in dem Bemühen besteht, das Andere als Geheimnis deutlich werden oder aufleuchten zu lassen.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, daß wir „zur Freiheit verdammt“ seien; aber richtig bleibt hieran, daß auch „Nicht-Entscheiden-Wollen“ – im Sinne von andere für uns denken, glauben oder wissen zu lassen – ein freies Entscheiden darstellt.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit stets als willkürlich oder beliebig.

Das bedeutet freilich nicht, daß ein derartiges Gedöns belanglos sei oder keine Konsequenzen hätte. Wäre dem so, könnten wir es generös auf sich beruhen lassen; aber alle politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, daß zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann

 

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Transzendenz“, „Dreifaltigkeit“, „Subjekt“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Geheimlehren als auch von Rätseln.

Erstere bilden unnötige Märchen für Erwachsene und werden nur erzählt und nicht erfahren – aber vielleicht trotzdem naiv geglaubt. Geheimnisse werden dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender – eben geheimnisvoller –, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie – sowohl die Wissenschaften als auch die Rätsel – sind nur (von uns) konstruiert. Geheimnisse gehören jedoch zur Wirklichkeit und können somit keine bloßen Konstruktionen sein. Das Leben stellt für mich persönlich ein Geheimnis dar; die (rätsellösende) Biologie ist ihm nicht auf der Spur oder bildet keine Wissenschaft vom Leben – letztere wäre ein Widerspruch in sich.

Die Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offener sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

1.2. Welt und Kosmos

Wenn wir das Wort „Welt“ hören, denken wohl die meisten von uns spontan an den physikalischen Kosmos. Daran zeigt sich, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte an das Denken der exakten Wissenschaften angepaßt haben. Vielleicht wundern Sie sich sogar über das Thema dieses Abschnitts: „Worin soll denn der Unterschied zwischen Welt und Kosmos bestehen?“

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig darüber spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos als einem Universum leben, sondern in einem Multiversum – Kosmen gewissermaßen.

Ich meine jedoch etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil.

 

Der physikalische Kosmos stellt nur einen winzigen Teil der Welt dar.

Überlegen Sie sich bitte einmal in Ruhe, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren Weltbild auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen Kosmos existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich mittels der Physik vollständig beschreiben läßt. Das ist bereits bei Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen Zweck besitzen, dieser aber keine physikalische Kategorie darstellt, das heißt, der Physiker als Physiker nicht verstehen kann, was ein Zweck sein soll.

Es verbleiben somit nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

AD: „Wieso sollen Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im Kosmos enthalten sein?“

Mein „nicht“ war falsch; pardon; sie befinden sich auch, aber nicht nur im Kosmos.

Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die (auch) die Physiker zuständig sind, und hierdurch gehören diese Gegenstände dem raum-zeitlichen Kosmos an.

Das wollte ich keineswegs bestreiten; aber damit handelt es sich noch nicht um Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweils noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den Kosmos – denn die Physik kennt keine Zwecke – und reichen in andere Dimensionen der Welt hinein.

Sicherheitsnadeln und Büroklammern, korrigiere ich mich also, gehören auch dem Kosmos an, gehen aber über ihn hinaus; er ist – anschaulich gesprochen – zu eng für sie.

 

Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihr Weltbild auf seine physikalischen Komponenten reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er ebenfalls keine physikalische Kategorie darstellt. Auch Physiker finden keinen Sinn im Kosmos; hoffentlich bei ihrer Arbeit, aber die erfolgt nicht im Kosmos.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es – wir tun es ja weitestgehend.

 

Nun sollte die obige Überschrift verständlich werden:

Unsere Welt besitzt nicht nur die vier Dimensionen der Raum-Zeit, sondern potentiell unendlich viele und ist unabsehbar reichhaltig oder vielfältig. Der Kosmos mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er raum-zeitlich praktisch grenzenlos ist, bleibt der Kosmos gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination der Welt nahezu vernachlässigbar.

Unbestreitbar bedeutet unser Rendezvous auch eine Ortsveränderung, aber daß es nur das ist, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.

Die Welt enthält den Kosmos, geht aber in potentiell unendlich vielen Dimensionen darüber hinaus.  Allein das traditionelle Denken im modernen Abendland glaubt, mit der Physik sowohl den Nabel als auch die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß deren Weltformel angeblich als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft wird; es könnte aber – wenn überhaupt – bestenfalls eine Kosmosformel sein.

 

AD: „Aber diese nicht-physikalischen Partial-Welten, die Sie angedeutet haben, spielen doch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir das Weltbild (in) der Moderne und damit unser Denken so einseitig entwickelt haben. Überlegen Sie sich bitte einmal, was wir alles über unseren Kosmos erzählen könnten, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – unter anderem das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-Welten beispielsweise des Schönen, Friedlichen, Religiösen und der Gabe oder Stille entwickelt sind.

Bei dem Wort „Krieg“ beispielsweise assoziieren die meisten Menschen heute physikalisch-elektronische Waffen(-Systeme), aber müßte uns nicht als erstes das Leid der Betroffenen – Menschen und Tiere – in den Sinn kommen?

 

Bisher habe ich betont, daß die Welt den Kosmos dimensional unvorstellbar überragt. Hinsichtlich unserer weiteren Überlegungen ist jedoch ein anderer Punkt viel entscheidender, nämlich daß sich nicht genau sagen läßt, worin die Welt bestehen soll. Meinen wir damit „alles, was es gibt,“ so gehören auch Ihre Freuden und meine Schmerzen dazu; dann scheinen wir zwar eine saubere Definition der Welt zu besitzen, aber das trügt – weil sie uns nichts nützt. Niemand kann ausgehend von „alles“ vernünftig weiterdenken. 

Deshalb beschränken wir uns auf die objektive Realität als das uns einheitlich Vorgegebene. Dazu gehört für die meisten Menschen heute natürlich der physikalische Kosmos; aber viele sind auch überzeugt, daß noch ganz andere Dinge wirklich sind, das heißt, vollkommen unabhängig von uns existieren.

1.3. Die objektive Realität als Hinterwelt

Bisher haben wir nur gesagt, worin das uns prinzipiell Unzugängliche nicht besteht; und worin besteht es? Worüber können wir prinzipiell nicht sinnvoll nachdenken oder sprechen? Die ausführliche Antwort bildet den Hauptinhalt unseres zweiten und dritten Teils; vorerst muß ihre Kurzfassung in diesem Kapitel genügen.

Sie stellt den Kerngedanke unserer gesamten Überlegungen dar und führt zu folgenden vorweggenommenen Ergebnissen:

1. Es gibt keine objektive Realität.

2. Sowohl im Alltag als auch in den exakten Wissenschaften und der Theologie setzen wir sie jedoch ständig voraus.

3. Damit wird anstelle der fehlenden objektiven Realität eine Hinterwelt erfunden.

4. Über etwas Inexistentes bzw. Hinterwäldlerisches können wir prinzipiell nicht sinnvoll nachdenken oder sprechen, weil sich dort alles unterbringen läßt, was sich nicht selbst widerspricht.

 

Versuchen wir einmal, all unser traditionelles Wissen zu „vergessen“, um uns möglichst unvoreingenommen fragen zu können, worin das Wirkliche oder die Wirklichkeit besteht. Meines Erachtens müßte dann jeder für sich selbst antworten:

In meinem eigenen Leben mit allem, was dazugehört.

Dieses „eigenen“ soll besagen, daß es kein allgemeines Leben gibt, von dem das meinige lediglich einen Spezialfall darstellen würde; jedes Leben ist einzig – und folglich unsagbar. Damit schließen wir uns einer langen philosophischen Tradition des „individuum est ineffabile“ an, versuchen aber, es etwas ernster zu nehmen als dies zumeist üblich war bzw. ist.

 

AD: „Wenn Sie die Wirklichkeit, die für Sie existiert, auf Ihr eigenes Leben beschränken, scheint mir durchaus einiges zu fehlen; ich zum Beispiel, die gesamte Geschichte und der Sirius. Existiert das alles nicht? Sind sie ein Solipsist?“

Ihr Einwand ist mehr als verständlich, und ich bin dankbar für die Möglichkeit, ihn entkräften zu können – bleibe aber „stur“.

Das kann ich, weil Sie mit Ihrer Kritik von der scheinbar selbstverständlichen traditionellen Voraussetzung ausgehen, es müsse eine sämtlichen Menschen aller Zeiten vorgegebene objektive Realität geben – und die teile ich nicht (mehr).

Wieso soll es nicht so viele Wirklichkeiten geben wie Subjekte? Jeder von uns muß mit seinem subjektiven Leben und allem, was für ihn dazugehört, zurechtkommen.

Das Gemeinte läßt sich leicht am Beispiel eines psychisch „Kranken“ verdeutlichen, weil wir uns meines Erachtens letztlich alle in dieser Situation befinden:

 

Daß der psychisch „Kranke“ mit seiner ganz speziellen subjektiven Realität zurechtkommen muß, erkennen wir bei ihm – vielleicht unter ehrlichem Bedauern – an, bestreiten aber, daß es uns ähnlich geht.

AD: „Nein; das läßt sich keinesfalls so einfach gleichsetzen! Wir sehen doch bei psychisch ‚Kranken‘, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit der objektiven Realität steht.“

Tut mir leid, aber das sehen wir keinesfalls, sondern höchstens, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit unserer eigenen Realität steht; hierbei stößt die eine subjektive Welt auf die andere.

 

Zweifellos gibt es einen relativ engen Zusammenhang zwischen unserer Welt und der eigenen psychischen „Gesundheit“; andernfalls wären Seelsorge, Psychotherapie oder Beichte weder möglich noch nötig.

Wer mit seiner Welt sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrer subjektiven Welt leiden. Sie können ihre befreiendere Welt mit den Leidenden teilen, sie ihnen mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Welten sollen die Fülle des Lebens ermöglichen; Ängste verringern, Hoffnungen wecken, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber weder weist die „Gesundheit“ auf die richtige noch die „Krankheit“ auf eine falsche Welt hin, denn keiner versteht, was das überhaupt sein soll oder auch nur könnte

 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in einem „Gesundheits“-Katalog, sondern allein darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten als „krank“ zu betrachten und gegebenenfalls deren Welten als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, erklären wir die eigene Welt zur Wirklichkeit und verdrängen unser willkürlich-egoistisches Vorgehen, indem wir sein Ergebnis selbst glauben.

Aber vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise werden gerade die Falschen weggesperrt; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

 

Nun zu Ihren konkreten Beispielen.

Alles, was zu meinem Leben dazugehört, sind die eigenen Erlebnisse; ich lebe und habe – dadurch – Erlebnisse. Sie müßten das Entsprechende natürlich für sich in der ersten Person Singular selbst formulieren.

 

Hierzu kann prinzipiell kein objektiv-realer Sirius gehören, sehr wohl aber eine Wahrnehmung oder Vorstellung namens „Sirius“ – und die bestreite ich auch nicht; irgendwie gehört der Sirius in dieser Form ein klein wenig zu meinem Leben.

Ein objektiv-realer wäre ein ab-soluter – los-gelöster – und damit von uns völlig getrennter „Sirius“. Aber was heißt hier „Sirius“; wären wir tatsächlich voneinander getrennt, könnten wir doch nicht einmal ahnen, nichts vom Sirius zu wissen.

AD: „Aber trotzdem existiert er!“

Auch das wüßten wir doch nicht! Woher denn? Won ihm?

AD: „Von den Astrophysikern.“

Dann ist es für diese ein entdeckter und für uns ein erzählter – niemals aber ein abgetrennter – Sirius.

 

Deswegen ist die Vorstellung, ein unbekanntes Objekt im Kosmos sei noch getrennt von uns, aber zukünftig erreichbar, in sich widersprüchlich. Entweder getrenntund damit völlig nichtig bzw. einfach inexistentoder zu meinem Leben gehörig; tertium non datur.

Natürlich ist die Zukunft absolut offen. Ich wende mich mit meiner Alternative nicht gegen diese Offenheit, sondern plädiere ganz im Gegenteil für deren Absolutheit. Wir versuchen heute, die grenzenlose Offenheit der Zukunft auf das armselige Entdecken von ein paar unbekannten Objekten einzuschränken.

 

Sie persönlich gehören in dem Maße zu meinem Leben, wie ich Sie als Einzigkeit anerkenne. Das soll auch in meinem gegenwärtigen Schreiben zum Ausdruck kommen, indem ich mich bemühe, Sie bei Ihrem natürlich ganz anderem Denken abzuholen.

 

Bei der Geschichte schließlich müssen wir zwischen Vergangenheit und Historie unterscheiden.

Erstere bildet das Fundament, auf dem ich stehe; das kann ich aber prinzipiell nicht wissen, weil es mein gesamtes Wissen erst ermöglicht.

Auf diese fundamentale Denkfigur werden wir noch des öfteren stoßen:

Der Ursprung, aus dem „alles“, das soll heißen, sowohl A als auch dessen Negation non-A hervorgeht, kann selbst natürlich weder dem einen noch dem anderen angehören; sie kommen ja als vom Ursprung Ermöglichte erst „nach“ ihm

Deshalb können wir die Vergangenheit als den Ursprung unseres Wissens nicht kennen.

Die Historie umfaßt die mir bekannten früheren Ereignisse.

Somit zählen beide – Vergangeneit wie Historie – zu meinem Leben, speziell zu meiner Geschichte.

„Mir unbekannte Ereignisse“ stehen überhaupt nicht zur Diskussion, weil ich selbstverständlich nichts über das sagen kann, was ich nicht sagen kann; sie entsprechen 100%-ig dem Sirius. 

 

Ihr „Vorwurf“ des Solipsismus ist bereits entkräftet, indem ich meine Möglichkeit – oder vielleicht sogar Aufgabe – zugebe, Sie als unsagbare Einzigkeit anzuerkennen.

Für unsere Leser sollte ich aber vielleicht noch etwas ausführlicher ergänzen:

Solipsismus leitet sich von solus – allein – ab und stellt eine Weltanschauung dar, derzufolge es nur mich allein als einziges Subjekt gibt.

Traditionell Denkenden mag dieser Gedanke absurd erscheinen, da wir doch alle die vielen menschlichen Körper auf der Erde sehen. Ganz so einfach ist seine Widerlegung jedoch nicht, denn wir haben noch keine Ahnung davon, was ein Subjekt ist, weil sich die traditionelle Voraussetzung, es bestände – von einem eventuellen „Innen“ abgesehen – in seinem Körper, keineswegs als selbstverständlich erweist.

Sollte ich damit Recht haben, andere Subjekte lediglich anerkennen zu können – und nicht einmal zu müssen –, ist damit zugleich gesagt, daß der Solipsismus unwiderlegbar ist; wir verweigern einfach die Anerkennung – und sind „hübsch allein“.

1.3.1. Wirklich oder unwirklich

Zu unserem Leben gehören mit Sicherheit die eigenen Wissungen.

„Wissungen“ ist ein Kunstwort, das ich aus zwei Gründen bevorzuge.

Zum einen entsprechen die Wissungen den Wahrnehmungen, Vorstellungen, Überlegungen usw., die alle unserem Bewußtsein angehören und damit dem traditionellen Gewußten, Wahrgenommenen, Vorgestellten, Überlegten etc. gegenüberstehen.

Und zum anderen ist an den Wissungen ihre substantivische Bedeutung offensichtlich, die bei dem Wissen mit der verbalen verwechselt werden kann.

 

Traditionell glaubt man, Wissungen könnten wahr oder unwahr sein; aber vollkommen unabhängig davon sind sie ausnahmslos alle unwirklich; das gilt selbst für angeblich wahre Wissungen von der Wirklichkeit.

Daß sie unwirklich sein müssen, ergibt sich daraus, daß sie rein geistig sind.

 

Wir haben die Frage nach der Wirklichkeit mit dem eigenen subjektiven Leben beantwortet. Wenn zu ihm nun die unwirklichen Wissungen gehören sollen, ist dieses „unwirklich“ offensichtlich keine Negation von „wirklich“ – denn sonst könnten die Wissungen nicht zu unserem Leben gehören.

Es muß sich bei „unwirklich“ also um die Negation von nur einem Bruchteil des Wirklichen handeln.

 

Das klingt kompliziert; es gibt glücklicherweise ein sehr ähnliches, aber wesentlich verständlicheres Beispiel:

Wir sind nicht gezwungen, logisch sauber zu denken; manche mögen und Mathematiker müssen es; aber Künstler, Dichter oder Lebenskünstler „dürfen“ gar nicht streng der Logik folgen.

Was jedoch niemand sollte, ist, logisch falsch zu denken, weil die sich daraus ergebenden Widersprüche Unmöglichkeitsbeweise darstellen; besteht ein solcher Widerspruch, können wir unser Ergebnis streichen; das wird nichts.

Wir kennen also nicht nur das logisch Saubere und Widerspüchliche, sondern auch das Alogische der „Freidenker“.

Sowohl ersteres als auch letzteres ist richtig, aber das Falsche besteht in der Negation – nicht des Richtigen, sondern allein – des Sauberen.

Das übertragen wir im Sinne nachstehender Abbildung auf unser Problem.

 

 

Richtiges Falsches  
alogisch logisch sauber logisch widersprüchlich  
    Negation des logisch Sauberen  
 
Leben eines Embryos
   
wirklich
   
     
  Erlebungen Wissungen  
    Negation der Erlebungen
 
  wirklich unwirklich
 

Abbildung 1.3.1.1

 

Das von den Wissungen Negierte besteht bei uns in den Erlebungen; diese gehören der umfassenderen Wirklichkeit an, die im Leben eines Embryos besteht.

AD: „Sagten Sie nicht, die Wirklichkeit bestände für uns alle jeweils im eigenen Leben? Ich bin keine Embryo (mehr), so daß mich dessen Wirklichkeit auch nicht betreffen kann.“

Sorry; ich habe mich ungeschickt ausgedrückt:

Wir versuchen, unser Leben additiv aus Komponenten zusammenzusetzen. Diejenigen von ihnen, für die auch Wissungen benötigt werden, entfallen bei einem Embryo zwangsläufig, weil er noch keine Wissungen besitzt. Mit letzteren kommen zwar weiteres hinzu, aber die Wirklichkeitdie bereits beim Leben eines Embryos voll vorhanden istfällt doch damit nicht weg.   

 

Die Erlebungen gehören einerseits diesem Leben eines Embryos an, müssen aber andererseits auch von den Wissungen abhängen, denn sonst könnten letztere nicht in der Negation der Erlebungen bestehen.

Wir versuchen deshalb, sie als Einheit (dafür stehen im weiteren stets geschwungene Klammern) aus dem Leben eines Embryos und den Wissungen zu verstehen.

 

Erlebungen    =    { Leben eines Embryos + Wissungen }

 

Das Leben des Embryos ist gewiß noch nicht das Leben in seiner Fülle, muß aber bereits darin enthalten sein, denn zwei Arten von Wirklichkeit lassen sich kaum denken.

Damit erhalten wir als Zwischenergebnis für unser Leben bzw. unsere Wirklichkeit:

 

Leben    =    Wirklichkeit    ∋    Leben eines Embryo    ∋    Erlebungen    ∋    Wissungen

 

Das letzte Enthalten-in-Zeichen hatten Sie wohl weniger erwartet. Es bedeutet natürlich nicht, daß die Wissungen plötzlich wirklich sein müßten, sondern ganz einfach, daß die Erlebungen per definition bereits die Wissungen enthalten.

Im nächsten Abschnitt schauen wir uns an, worin dann die Negation eigentlich noch bestehen soll.

 

Damit läßt sich unser Leben folgendermaßen darstellen:

Wir wissen nicht wie weit es als Umfassendes über die Wirklichkeit hinausreicht, die bereits im Leben eines Embryos vorliegt. Dieses wiederum enthält unsere Erlebungen, die in der Einheit vom Leben eines Embryos mit den Wissungen bestehen.

Daraus ergibt sich einerseits, daß die Erlebungen die Wissungen enthalten müssen.

Andererseits bilden letztere zugleich den asymptotischen Grenzfall bzw. „Anschlag“ der Erlebungen, an dem diese unwirklich werden.

 

 

Leben
 
Wirklichkeit
 
 
Leben eines Embryos
 
leiblich
 
wirklich  
kontinuierlich  
zeitlich(p)
 
rein subjektiv
 
1. Person Singular
 

 
Erlebungen
 
{ leiblich + geistig }
 
wirklich
 
facettenförmig    =    { kontinuierlich + diskret }
 
{ zeitlich(p) und zeitlich(t) }
 
{ subjektiv + partiell intersubjektiv }
 
1. Person Singular
 
       
Widerfahrungen
Ausmalungen  
unvermeidbar
  vermeidbar
 
   
asymtotischer Grenzfall oder „Anschlag“
 

 
Wissungen
 
geistig
 
unwirklich
 
diskret
 
zeitlich(t)
 
partiell intersubjektiv
 
3. Person
 
       
Wahrnehmungen Vorstellungen  
scheinbar unbestreitbar
  offensichtlich bestreitbar
 

Abbildung 1.3.1.2

 

Sowohl bei den Wissungen als auch bei den Erlebungen unterscheiden wir nochmals.

Letztere sind zwar stets wirklich, hätten sich aber teilweise vermeiden lassen. Malen wir uns beispielsweise aus, wie eklig, furcheinflößend oder peinlich bestimmte Wahrnehmungen sind, so wäre das ja nicht unbedingt nötig gewesen.

Allgemein sprechen wir bei vermeidbaren Erlebungen von Ausmalungen und stellen ihnen die unvermeidbaren als Widerfahrungen gegenüber.

 

Bei den Wissungen besteht die entsprechende Einteilung darin, zwischen den offensichtlich bestreitbaren Vorstellungen und den scheinbar unbestreitbaren Wahrnehmungen zu unterscheiden.

Beide sind natürlich als Wissungen unwirklich; aber im Gegensatz zu den Vorstellungen scheinen die Wahrnehmungen wirklich zu sein, so daß es uns als absurd vorkommt, sie zu bestreiten.

Wer die Existenz eines Baumes leugnet, den alle anderen sehen, muß befürchten, abgeholt zu werden.

 

Das war freilich eine sehr weiche Chrakterisierung der Unterschiede zwischen Widerfahrungen und Ausmalungen bzw. Wahrnehmungen und Vorstellungen, so daß damit nur fließende Übergänge denkbar werden und wir uns die Erfahrungen folglich als ein Kontinuum vorstellen können, das in der Abbildung waagerecht von einem Ende zum anderen führt.

1.3.2. Erleb(ung)en und Wissungen

Die Differenz zwischen Erleb(ung)en und Wissungen wird sich als fundamental für unseren Ansatz erweisen. Negation bedeutet hierbei nicht den Übergang von Elefanten zu Nicht-Elefanten, sondern daß Erlebungen keine Wissungen, und Wissungen keine Erlebungen sind. 

Ich kann Ihnen die beiden schwerlich durch Beispiele nahebringen, weil die meisten Worte Erlebungen und Wissungen bezeichnen; aber das ist etwas ganz anderes: Es gibt sowohl die Erlebung als auch die Wissung namens „Folter“ – aber die beiden haben rein gar nichts miteinander zu tun.

Beginnen wir also mit den vier – von ihrer Wirklichkeit bzw. Unwirklichkeit abgesehen – wichtigsten differenten Eigenschaften.

 

1. Differenz – unterschieden contra getrennt

 

Wissungen sind negierbar und dadurch getrennt voneinander; zwischen A und non-A liegt eine feste Barriere. Wissungen lassen sich vielleicht zählen – wie die ganzen Zahlen –, müssen dies aber nicht – wie die reellen –; auf jeden Fall handelt es sich um die sauber definierten Elemente einer Menge.

Mit „getrennt“ meine ich also, daß Wissungen sowohl mit sich identisch als auch voneinander unterschieden.

 

Für die Erlebungen gilt dagegen nur letzteres.

Es kann selbstverständlich einen Riesenunterschied ausmachen, ob ich traurig betroffen oder freudig erregt bin; aber nichtsdestotrotz sind das keinesfalls zwei Erlebungen, weil „beiden“ die Identität mit sich selbst fehlt.

Letzlich gibt es weder Erlebungen im Plural noch eine Erlebung im Singular; Erlebungen sind nicht „zahlfähig“ und bilden keine Menge, sondern eine „chaotische Mannigfaltigkeit“ (Hermann Schmitz).

 

2. Differenz – 1. Person Singular contra 3. Person

 

Erlebungen sind wirklich, und da jeweils nur das eigene Leben der Wirklichkeit angehört, existieren Erlebungen nur als die meinigen. Sie sind deswegen keineswegs rein subjektiv, weil „es keine Privatsprache gibt“ (Wittgenstein), das heißt, die in den Erlebungen enthaltenen Wissungen partiell intersubjektiv sind.

Während Wissungen also stets der 3. Person angehören, existieren Erlebungen nur in der 1. Person Singular. Zu den Wissungen zählen nicht zuletzt sämtliche Körper, aber Leib kann nur der meinige sein; jene weiß und diesen erlebe ich.

Wir erleben nicht die Freude unserer Kinder; das können allein sie; wir wissen nur davon.

Aber ausnahmslos alles, was wir tun oder uns widerfährt, – Laufen, Essen, Schlafen, Träumen, Überlegen, Ängstigen, Freuden, Wahrnehmen, Wünschen usw. – bildet Facetten an den Erlebungen. 

 

3. Differenz – Zeit(p) contra Zeit(t)

 

Jetzt habe ich schon wieder einen Fehler gemacht: Es gibt keinen Leib, sondern nur ein Leiben.

Um das verständlich erklären zu können, müssen wir zuvor zwischen zwei Arten von ZEIT differenzieren; es gibt die traditionelle Zeit(t) und die postmoderne Zeit(p). (Die Großbuchstaben zeigen jeweils an, daß beide Varianten gemeint sind.)

Die Zeit(t) ist die übliche, von der allein wir im Alltag sprechen und die zumeist als physikalischer Zeitstrahl mit seinem Parameter t veranschaulicht wird. Unsere Zeit(p) spielt in der gesamten Tradition praktisch keine Rolle; wir werden sie nach und nach verstehen (müssen).

 

Sämtliche Wissungen sind unwirklich, weil rein geistig. In der Sprache Kants sind das Anschauungen, und sie bleiben ihm zufolge stets an die Formen der Zeit(t) bzw. des Raumes(t) gebunden; ersteres ausnahmslos, letzteres teilweise.

  Aus diesen Kantschen Anschauungs- werden bei uns also Wissungsformen; sämtliche Wissungen befinden sich in der Zeit(t) und die vom Kosmos zusätzlich noch im Raum(t); Wissungen müssen zeitlich(t) sein.

 

So wie die Zeit(t) die Dimension des Unwirklichen ist, bildet die Zeit(p) diejenige des Wirklichen; unser Leben erfolgt in ihr, so daß die Zeit(p) in diesem Sinne unsere Lebens-Zeit darstellt.

Die Wirklichkeit, die stets die unsrige ist, fällt also einerseits mit dem Zeitlichen(p) zusammen, kann aber andererseits auch nur in unserem Leiben bestehen, so daß wir mit diesem den provisorischen Begriff „Leben eines Embryos“ ersetzen können.

Aus unserer „Gleichung“ im vorigen Abschnitt wird damit:

 

Leben   =   Wirklichkeit   ∋   Leiben   ∋   Erlebungen   =   { Leiben + Wissungen }   ∋   Wissungen

 

Erlebungen bilden die Einheit vom Leben eines Embryos mit den Wissungen und sind folglich sowohl zeitlich(p) als auch zeitlich(t).

Deswegen wäre „Erleb(ung)en“ eine sehr treffende Darstellungsweise, und sofern sie grammatisch möglich ist, werde ich davon Gebrauch machen.

Damit können wir uns das Leiben in Form eines Flusses veranschaulichen, in dem die Erlebungen bildlich als Eisschollen mitschwimmen; deren Formen entsprechen den Wissungen, und alles zusammen ist unser Leben oder die Wirklichkeit.

 

Daß unsere Zeit(p) traditionell vorsichtig formuliert unterbelichtet ist, spiegelt sich unter anderem darin, daß die Wissungen in der gesamten abendländischen Geistesgeschichte eine fundamentale Rolle spielen. Ohne eine zeitliche(p) Genese bleibt die gesamte objektive Realität zeitlos(p), wie sie eben ist, und wir müssen sie nur noch wissen.

Dieses übliche Favorisieren der Wissungen bedingt sehr leicht folgendes Mißverständnis:

Wenn sie das Primäre wären und somit alles von den Wissungen ausgehen würde, müßten wir auch unsere Erlebungen aus ihnen herleiten, so daß die Wissungen durch ihr Bewirken sogar eine Wirklichkeit erhielten. Hier ist eine schöne Frau, die Männer beeindruckt, und das Hupen des Autos dort jagt uns einen Schrecken ein.

Für uns sind dagegen die Erlebungen primär; streichen, ignorieren, vergessen oder bagatellisieren wir immer mehr ihrer Facetten – was einem Abstrahieren von der Wirklichkeit bzw. dem Übergang von der 1. zur 3. Person gleichkommt –, führt dies ganz am Ende schließlich zu den sekundären und ebenso wirkungslosen wie unwirklichen Wissungen.

 

AD: „Und diese gibt es nicht ohne das verbale Wissen, das immer nur mein Wissen sein kann. Zudem ist es auch leiblich und damit wirklich; das Wissen kann uns schmerzen oder erfreuen, schaden bzw. guttun. Damit erfüllt es alle wichtigen Eigenschaften der Erlebungen und bildet folglich eine ihrer Facetten.“

Sehr schön; und nun sollten Sie auch keine Schwierigkeiten mehr mit dem vorhergehenden Absatz haben:

Das Wirken der Wissungen im traditionellen Denken, das dort unbedingt benötigt wird, ist bei uns in dem für diese Wissungen notwendigen verbalen Wissen integriert, so daß es nicht erst noch auf diese wirken muß.

Wir denken „aus den Erlebungen heraus“ und nicht von einer angeblichen objektiven Realität her „in sie hinein“.

 

4. Differenz – ohne contra mit Referenten(p)

 

Wirkungslose unwirkliche Wissungen wären absolut sinnlos, wenn sie nicht ein Wovon oder einen Referenten besäßen; jede Wissung ist eine solche von etwas

AD: „Traditionell ist das die objektive Realität.“

Vorsicht; das kann sie sein; ohne eine Wissung vom Zeus, ließe sich auch nicht sagen, daß er nicht existiert. Wir müssen Ihre Antwort also verallgemeinern:

Traditionell gehören sämtliche Referenten(t) der objektiven Realität oder Nicht-Realität an.

 

Auch in unser Postmoderne gibt es keine referenzlosen Wissungen, aber wir haben noch gar keinerlei Vorstellung, worin ihre Referenten(p) bestehen könnten.

Zwingend ist jedoch bereits, daß sie wirklich oder wirksam sein müssen, denn unser Grund, diese Referenten(p) einzuführen, bestand ja gerade darin, die  Wissungen aus ihrer Sinnlosigkeit herauszuführen. Käme sie auch den Referenten zu, wäre nichts gewonnen und wir höätten einen Fehler gemacht.

 

Das ist bei den wirklichen Erlebungen ganz anders.

Zum einen benötigen sie keine Referenten, sondern sind sich selbst genug.

Zum anderen gelingt es mir auch nicht, einen Sinn damit zu verbinden; was soll „Erleb(ung)en von X“ bedeuten, wenn die Erlebungen bereits wirklich sind?

AD: „Die Erlebungen von meinem Urlaub beispielsweise.“

 

Nein; Ihr Urlaub ist eine Wissung, und es kann nichts Wirkliches vom Unwirklichen geben.

Möglich wären also höchstens Erlebungen von Erlebungen; aber das sind wiederum Erlebungen.

Systematisch sähe das so aus:

 

 

. . . . . . . . . . von Referenten(p)    
         
Erleb(ung)en   Erleb(ung)en Erleb(ung)en  
Erleb(ung)en   Wissungen ———–  
Wissungen   Erleb(ung)en Erinnerungen  
Wissungen   Wissungen Wissungen  

Abbildung 1.3.2.

 

Meine Wissungen von den eigenen Erlebungen bestehen natürlich in den subjektiven Erinnerungen; alles andere sollte verständlich sein.

Es gibt also niemals „Erlebungen von X“; Erlebungen besitzen keine Referenten(p).

Die erste Zeile widerspricht dem nicht, weil beispielsweise zwar das Bedauern von meiner Traurigkeit einer Niedergeschlagenheit entspricht, hier aber nur scheinbar drei Erlebungen vorliegen.

Im glatten Gegensatz dazu müssen Wissungen Referenten(p)  haben; diese können sowohl in unseren Erinnerungen als auch in anderen – und damit eo ipso getrennten – Wissungen bestehen.

1.3.3. Der Begriff des Referenten

AD: „Wir verfügen über die Wissungen Feld- sowie Osterhase. Ohne sie wäre es uns unmöglich zu sagen, daß Feldhasen existieren, Osterhasen jedoch nicht; darin gehen wir d’accord. 

Aber warum behaupten Sie, der Referent(p) Osterhase würde ebenso existieren wie der Referent(p) Feldhase – obwohl es keine Osterhasen gibt?“ 

Ich verstehen Ihren Einwand vollkommen; das Problem das darin zun Ausdruck kommt, entspringt jedoch einem Durcheinander von traditionellem und unserem postmodernen Denken.

 

Beginnen wir mit letzterem.

Vielleicht wird meine Entgegnung beim Yeti, Marsmenschen oder Ungeheuer von Loch Ness verständlicher als im Falle Ihres Osterhasen.

Referent(p) ist ein philosophischer Begriff; für ihn spielt es keine Rolle, ob ein spezieller Referent existiert oder nicht. Darum kümmern sich die Himalaya-Forscher, Kosmo-Biologen, Esoteriker bzw. Märchenerzähler. Die Philosophen können und wollen dergleichen nicht klären, denn aus ihrer Sicht sind das – keine notwendigen, sondern – nur kontingente oder zufällige Ergebnisse, die ebensogut auch anders hätten ausfallen können. 

Der Osterhase stellt also philosophisch-notwendigerweise den Referenten(p) der Wissung Osterhase dar, aber empirisch-zufällig existiert er nicht oder bildet die leere Menge; wie beim Einhorn und im Gegensatz zum Nashorn.

Müßte es der Wirklichkeit halber Ein- und Nashörner geben – oder vielleicht sogar Osterhasen –, so wären sie ein philosophisches Problem; glücklicherweise ist das jedoch meines Erachtens nicht der Fall. 

 

Jetzt hatte ich mich der Einfachheit halber Ihres traditionellen Vokabulars bedient, das mir aber völlig unverständlich bleibt:

 Was bedeutet das Wort „Existenz“ bei Ihnen? Was meinen Sie damit, daß Feldhasen existieren, Osterhasen jedoch nicht?  

AD: „Daß allein die Feldhasen vorhanden oder wirklich sind und somit Seiende darstellen daß es sie wirklich gibt.“

Sorry; das sind keine Erklärungen, sondern lediglich andere – jedoch ebenso nichtssagende oder unverständliche – Ausdrucksweisen. Ich gestatte mir also zu konstatieren, daß wir beide keine rechte Ahnung haben, worin Existenz sowie Nicht-Existenz bei Ihnen, das heißt, traditionell bestehen sollen.

 

Das ist jedoch nicht schlimm, denn diese Frage erübrigt sich ohnehin wegen des nächsten Problems, vor dem Sie unweigerlich stehen.

Bei einer „Wissung von X“ muß dieses X traditionell der objektiven Realität angehören – und genau das ist überaus heikel:

Die „Wissung von X“

ist zwar als Wissung unbestreitbar – wir haben sie ja –, aber

– daß es sich um eine solche von X handeln soll, bildet meines Erachtens eine völlig leere oder willkürliche Behauptung.

 

Was macht eine „Wissung von X“ traditionell zu einer Wissung von X?

„Daß wir sie so nennen“ dürfte kaum eine vernünftige Antwort sein, denn dann wäre ja auch die irrsinnigste Wissung namens „Wissung vom Erdmittelpunkt“ eine Wissung vom Erdmittelpunkt.

Wir alle besitzen Wissungen – zumindest Vorstellungen – von Marsmenschen und Atomen, von Gott, dem Mond oder Teufel. Über diese Wissungen als solche, die puren Wissungen, läßt sich natürlich sinnvoll sprechen; aber wieso sollen sie irgendetwas mit Marsmenschen bzw. Atomen, mit Gott, dem Mond oder Teufel zu tun haben?

Und was soll die Annahme, es bestände ein derartiger Zusammenhang, überhaupt bedeuten, wenn die zugehörigen Referenten(t) in der objektiven Realität gar nicht existieren, so daß jeglicher Zusammenhang prinzipiell ausgeschlossen ist?

 

Nehmen wir zum Verdeutlichen dieser wohl etwas schwierigen Gedanken den Teufel, der in der Unterwelt herrscht, als Beispiel. Wir haben eine Vorstellung von ihm; etwa ganz „klassisch“ mit Hörnern, Schwanz, Pferdefuß und Schwefelgestank.

Diese Vorstellung ist nicht nur nicht der Teufel, sondern hat möglicherweise aber auch gar nichts mit ihm zu tun. Vielleicht verbreitet er in Wirklichkeit einen verführerischen Fliederduft und sieht ganz anders aus  – oder existiert nicht einmal. Wieso soll unsere Vorstellung dann trotzdem eine vom Teufel bilden? Was hält die beiden Seiten traditionell zusammen?

 

Die einzige Erklärung, die mir einleuchtet, – und eine „Erklärung“, die dies nicht tut, ist keine Erklärung –  lautet:

Die Vorstellung vom Teufel ist diejenige, die wir anstelle des Teufels in der Unterwelt plazieren. Erst und allein dadurch, daß wir unsere Vorstellung dort lokaliseren, wo wir den Teufel vermuten, macht die letztlich völlig willkürliche – großartige, mißratene, absurde oder lächerliche – Vorstellung, die zuvor noch gar keinen Bezug zum Teufel besaß, zu einer Vorstellung von ihm; sie vertritt ihn gewissermaßen an der Stelle, wo der Teufel hingehört.

Der Platz, den wir unserer Vorstellung in der objektiven Realität zuordnen, bestimmt also darüber, wovon sie eine Vorstellung ist. Letztere tritt an die Stelle ihres Referenten(t), und dafür sagen wir, es sei eine „Vorstellung von ihm“ – den es empirisch gar nicht geben muß.

 

Meine Überzeugung, die Unterwelt der objektiven Realität zuschlagen zu müssen, ist nicht gewagt, sondern nur konsequent, wenn wir letztere – nicht länger von der Physik, sondern – von ihrer Objektivität her verstehen:

Sofern die Unterwelt existiert, gehört sie zu dem allen Menschen einheitlich Vorgegebenen. Ob dafür die Theologen oder Physiker zuständig sind, ist völlig belanglos. Wer glaubt zu wissen, wie es wirklich für alle Menschen ist, bezieht sich notwendigerweise auf die objektive Realität – wie auch immer er sie nennen mag –, denn nur von ihr sind derartige traditionelle Wissungen möglich. 

 

Ohne die Unterwelt (oder etwas ihr Entsprechendes) läßt sich meines Erachtens nicht erklären, wieso die willkürliche Vorstellung X eine von Teufel sein soll.

Nun können wir unsere Überlegung von soeben natürlich nahezu wörtlich auf die Unterwelt übertragen: Auch hier verfügen wir ja lediglich über eine Vorstellung, die wir nur als eine von der Unterwelt behaupten – ohne bereits dort gewesen zu sein.

Woraus resultiert dann der Zusammenhang zwischen beiden?

Wie gehabt; indem wir angeben, an welchem Ort sich unsere Unterwelt-Vorstellung in der objektiven Realität befindet. Böse Menschen würden sie vielleicht an der Stelle platzieren, wo sie ihre unsympathischen „Feinde“ nach derem Tod hinwünschen.

1.3.4. Zwei Arten von REFERENTEN

Schweine sind vom Teufel besessen, wenn wir unsere Vorstellung der Teufels-Besessenheit – ganz unabhängig davon, wie sie beschaffen sein mag – in den objektiv-realen Schweinen platzieren.

Für den Teufel brauchen wir also eine Unterwelt, für die Unterwelt Seelen und für die Besessenheit Schweine; das Benötigte muß dabei jeweils der objektiven Realität angehören, weil traditionell nur von ihr Wissungen möglich sind.

AD: „Und was brauchen wir für die Schweine?

Sie stellen doch Ihrem Denken zufolge ebenfalls nur eine Wissung dar, so daß sich diese Kette der Verweisungen endlos fortsetzen müßte.

Hegel bezeichnete das, wenn ich mich recht erinnere, als ein ’schlechtes Unendlich‘ und wollte so ausdrücken, daß wir damit nicht zufrieden sein dürfen, denn eine solche ‚Antwort‘ ist überhaupt keine Antwort.“

Richtig; um dieses Knäuel zu entwirren, müssen wir endlich sauber die traditionellen von unseren REFERENTEN unterscheiden.

 

Das traditionelle Denken ignoriert bei den Wahrnehmungen, daß sie – als Wissungen – unwirklich sind und erliegt ihrem Schein der Wirklichkeit. „Du siehst doch den Baum; willst Du vielleicht bestreiten, daß er hier steht?“ Auf diese Weise werden die Wahrnehmungen zu – einer Abbildung – der objektiven Realität stilisiert. 

Für jede Referenz – die Verbindung einer Wissung mit ihrem Referenten – wird traditionell eine Stelle in der objektiven Realität benötigt, um die Wissung darin lokalisieren und die Referenz somit erst herstellen zu können, wie wir im letzten Abschnitt gesehen haben. Das kann freilich zu einer schier endlosen Folge von Verweisungen führen, die sich (vielleicht nur) gegenseitig stützen und niemals in den Wahrnehmungen angeblich die objektive Realität erreichen.

Darin besteht natürlich einerseits eine Riesengefahr nicht zuletzt für die Religionen, Geschichten von Geschichten von . . . zu erzählen. Es macht andererseits zugleich verständlich, daß „Rechtgläubige“ Wert darauf legen, alles glauben zu müssen und nicht Teile davon selektiv auswählen zu dürfen; andernfalls „stimmt es hinten und vorne nicht mehr“.

Ein Ende finden derartige Verweisungen – sofern sie es überhaupt tun – allein in den Wahrnehmungen, weil sie traditionell als – Abbildungen einiger – Teile der objektiven Realität mißverstanden werden.

 

Diesem Schein widerstehen wir.

Ich bleibe konsequent; alle Wissungen einschließlich der Wahrnehmungen sind unwirklich, womit alle traditionellen End- oder Fixierungspunkte für unsere Vorstellungen entfallen. Wir bestreiten also nicht nur, daß der Sprung von den Wahrnehmungen in die objektive Realität möglich ist, sondern die Existenz der letzteren selbst; hier gibt es nichts, wohin man springen könnte.

Unsere Alternative hatte ich oben bereits angedeutet:

Es doch kein Zufall, daß viele Wörter sowohl Erleb(ung)en als auch Wissungen bezeichnen. Wir haben Erlebungen, und in den gleichnamigen Wissungen wissen wir von ihnen; diese bilden unsere Erinnerungen an jene.

Die End- oder Fixierungepunkte, mit denen wir unsere Wissungen – Begriffe, Bilder, Theorien, Paradigmen oder Weltanschauungen – im Leben fundieren können, bestehen in den vergangenen sowie gegenwärtigen Erlebungen; diesbezüglich treten sie also an die Stelle der angeblichen objektiven Realität.

 

Die Referenten(p) sind somit zunächst einmal diejenigen unserer Erinnerungen und damit sehr spezieller Wissungen.

Aber da letztere sich auch auf sich selbst beziehen können, wie wir oben gesehen hatten, das heißt, Wissungen von Wissungen von . . . möglich sind, wird natürlich auch für uns jedes noch so umfangreiche rein geistige Geflecht oder Netzwerk erklärbar. Es kann nahezu 100%-ig mit einem traditionellen übereinstimmen – besitzt lediglich eine andere Form sowohl der Arretierung als auch der REFERENTEN.

Von den so entstehenden unvorstellbar vielen Wissungen glauben wir einen Teil. „Glauben“ bedeutet in diesem Zuammenhang, daß wir ihre Referent(p) zufällig, kontingent oder empirisch als existent betrachten.

Während traditionell der Weg angeblich vom Referenten(t) zu seiner Wissung führt, kehren wir das um und glauben zu den Wissungen ihre Referenten(p).  

 

„Ich bin für die Wissung A, weil das besser zur Wissung B paßt“, „weil non-A widersprüchlich wäre“, „weil ich bei C ganz ähnlich denke“, „weil dadurch auch D verständlich wird“, „weil das logisch ganz sauber ist“ usw.

So versuchen wir, einen möglichst kohärenten Zusammenhang zu erreichen, in dem sämtliche Wissungen von den jeweils anderen gestützt werden und sich deren subjektive Realität als Gesamtheit der geglaubten Referenten(p) selbst zu tragen scheint.

Haber wir das sehr gut hinbekommen, kann schon der Eindruck entstehen, das müsse die wahre Erkenntnis einer uns vorgegebenen objektiven Realität sein; aber wer weiß, wie viele Menschen mit den unterschiedlichsten Überzeugungen das schon fest geglaubt haben.

 

Traditionell Denkende behaupten, ständig über die objektive Realität zu sprechen, und glauben selbstsicher zu verstehen, was sie sagen, – verdanken ihre diesbezügliche „Erkenntnis“ jedoch einem Denkfehler.  

Eine angebliche Wirklichkeit, die überhaupt nicht in Erscheinung tritt, sondern deren Präsenz auf einem Irrtum beruht oder erschwindelt werden muß, ist eine Hinterwelt.

Ich kann die objektive Realität guten Gewissens nur als Hinterwelt verstehen.

 

Damit können wir endlich unsere Eingangsfrage zu diesem Kapitel beantworten:

Das uns prinzipiell Unzugängliche besteht in der angeblich existierenden objektiven Realität; der philosophische Glaube an sie ist hinterwäldlerisch, und deswegen können wir daüber nicht sinnvoll nachdenken oder sprechen. 

1.3.5. Überwinden der Subjekt-Objekt-Spaltung

AD: „Damit haben Sie die Frage, was unsere Wissungen mit ihren Referenten(p) verbindet, meines Erachtens einigermaßen beantwortet: Die eigenen Erinnerungen bzw. das auf ihnen basierende Theorie-Gebäude.

Traditionell wird die entsprechende Basis in der objektiven Realität gesucht.

Wieso sind Sie so sicher, daß das prinzipiell unmöglich sein soll?“

 

Für das traditionelle Denken muß dieses Problem – in dem die Subjekt-Objekt-Spaltung zum Ausdruck kommt – meines Erachtens unlösbar sein:

Wenn mit Objekten als Referenten(t) begonnen wird, die uns Subjekten an sich oder objektiv – das heißt, völlig isoliert, ohne jegliche Verbindung mit uns – vorgegeben sind, können wir uns noch so sehr bemühen; wie sollen wir diese Objekte in ihrer Wirklichkeit erreichen? Wie den Abgrund, der von Anfang an – als Subjekte und Objekte trennender – willkürlich gesetzt wurde, überwinden? Und woran sollten wir erkennen, daß es uns gegebenenfalls gelungen ist und wir die Objekte in ihrer Wirklichkeit erreicht haben? Woher den dazu erforderlichen Maßstab der „Wahrheit“ nehmen?

Da kann man vielleicht tatsächlich nur entweder Hinterwelten konstruieren oder – etwa mit Descartes – darauf bauen, daß ein liebender Gott uns zur Seite stehen und das Problem übernehmen wird.

 

Es ist nicht lös-, sehr wohl aber vermeidbar, indem wir „Subjekt“ und „Objekt“ von Anbeginn als Einheit betrachten. Deswegen sind die Anführungsstriche notwendig – zunächst einmal gibt es weder Sub- noch Objekte.

Das gelingt uns, indem wir – ausgehend vom Leben – mit den Wissungen starten.

Zum einen steckt in ihnen das „Subjekt“ bereits irgendwie drin; es gibt keine Wissung ohne ein „Subjekt“, das sie weiß.

Zum anderen springen wir nicht von unseren Wissungen aus in isoliert-unbekannte, aber angeblich existierende Referenten(t)-Objekte, sondern verbleiben auf der Seite der Wissungen und fragen uns selbst bezüglich der letzteren:

 

Erscheint mir diese Wissung glaubwürdig? Möchte ich mein Leben daran orientieren? Kann sie mir zur Fülle eines – in jeder Hinsicht guten – Lebens verhelfen? Ertrage ich auch die Konsequenzen, die aus der Übernahme dieser Wissung resultieren? Was müßte ich ihretwegen aufgeben? Könnte mir diesbezüglich jemand helfen? . . .

Sprechen meine Antworten dafür, die fragliche Wissung zu glauben, dann nehme ich sie an oder akzepziere sie und installiere damit ihren Referenten(p) – den zufälligen bzw. empirischen.

 

Die Erlebungen kennen keine Subjekt-Objekt-Spaltung, und allein dadurch können sie wirklich sein.

Aber die Tradition nimmt das nicht ernst, sondern spricht – nahezu ohne Übertreibung – nur von Wissungen. Die sind aber unwirklich, so daß nun die Wirklichkeit vollkommen weg ist.

Ohne sie geht es aber letztlich nicht; deswegen müssen – nicht der Tradition zufolge, sehr wohl aber wegen ihr – Referenten(t) erfunden, vorhanden und wirklich sein. Sie stellen somit bloße Projektionen dar, die die ignorierten Erlebungen in ihrer Subjekt-Objekt-Einheit durch eine Subjekt-Objekt-Spaltung ersetzen.

Das funktioniert jedoch nicht widerspruchs- und willkürfrei, weil wir unser Denken an der Wirklichkeit orientieren müßten, sie aber nicht an eine beliebige, uns genehme Stelle dirigieren können.

1.3.6. Unwirkliche Wahrnehmungen

AD: „Ich kann Ihnen nicht gut widersprechen; aber zum einen ist es ganz schön gegen den Strich gedacht, und zum anderne verstehe ich eines aber immer noch nicht: 

Sie hatten oben einmal gesagt ‚Du siehst doch den Baum; willst Du vielleicht bestreiten, daß er hier steht?‘

Ich natürlich nicht!

Tun Sie das?“

Selbstverständlich ebenfalls nicht; jeder der das tatsächlich macht, wird spätestens morgen von einem Auto überfahren.

Ich leugne nicht den Baum, lege aber den allergrößten Wert darauf, daß es sich bei ihm um unsere menschliche Wahrnehmung oder Sehung und nicht um einen objektiv-realen Baum handelt.

 

In der ersten Person Singular können Sie meine Erklärung vielleicht etwas leichter verstehen:

Ich sehe den Baum.

 

Ich sehe Baum      

Auf der anderen Seite ist das aber falsch, wenn Sie meinen, dabei die objektive Realität zu erkennen, denn dieser Baum ist eine Sehung oder Wahrnehmung, und die gibt es nicht ohne mich.

 

Ich sehe Baum      
    meine Sehung
     
    meine Wahrnehmung
     

Ganz deutlich wird das Gemeinte, wenn wir für mein Ich ein tierisches Subjekt einsetzen.

 

Fledermaus sieht ?      
    Sehung der Fledermaus
     
    Wahrnehmung der Fledermaus
     

Wir wissen nicht, was die Fledermaus sieht, denn dazu müßten wir selbst eine sein; die anderen beiden Zeilen können wir vernünftig ergänzen.

Ich bestreite also keineswegs, daß wir die Wahrnehmung Baum haben, sondern lediglich, daß sie etwas mit einer objektiven Realität zu tun haben soll.

Die Wahrnehmung Baum entsteht vielmehr aus dem Zusammenspiel zweier Seiten:

1. „Dort“ ist wirklich etwas „Objektiv-Reales“, sonst hätten nicht alle Subjekte Sehungen.

2. Aber es ist meine Sehung, und die ist anders als die der Fledermaus, weil wir auch selbst zu unseren Wahrnehmungen beitragen.

 

Ich sehe Baum ?  
    Sehung   „dort“  
    Wahrnehmung
  objektive Realität  
    unwirklich
  wirklich  
    nur für Menschen
  objektiv  

Unseren subjektiven Beitrag können wir uns leicht anhand der sekundären Eigenschaften verdeutlichen.

Die Menschen der Antike und des Mittelalters haben die objektive Realität – freilich ohne diesen Begriff zu kennen – für farbig gehalten; im Prinzip so, wie Sie es mit Ihrem Einwand andeuten: „Ich sehe doch, daß sie bunt ist.“

Seit der Moderne sagt dergleichen kaum noch jemand; ihr zufolge gilt die objektive Realität als schwarz-weiß und enthält neben anderen primären Eigenschaften auch elektromagnetische Wellen, aus denen wir – niemand weiß wie – sekundär die subjektiven Farben erzeugen. Entsprechend werden objektiv-reale Schallwellen – durch unseren subjektiven Beitrag – in Geräusche, Erzählungen, Synphonien und ähnliches umgewandelt. 

 

Mit anderen Worten:

Wir kennen stets nur die Resultante zweier Beiträge, die uns einzeln unzugänglich sind; die subjektive Komponente trifft auf eine objektive. Das entspricht etwa der Frage, welche zwei Summanden addiert 100 ergeben. Wir haben genügend Antworten – und können würfeln.

Antike und Mittelalter kannten – plakativ übertrieben – nur primäre Eigenschaften; die Moderne nutzt beide Arten, und für die Postmoderne sind alle Eigenschaften sekundär; ohne uns geht nichts.

 

Das wissen wir theoretisch seit Kant, also schon über 200 Jahre, haben es aber weitestgehend ignoriert.

Er ersetzte die objektive Realität duch das Ding an sich – was freilich nur eine belanglose Namensänderung darstellt – und machte unsere Überlegungen noch ein wenig spannender:

Ich habe das „dort“ absichtlich mit Anführungsstrichen versehen, weil sich das Ding an sich weder im Raum noch in der Zeit und somit auch nicht dort befinden kann. Raum und Zeit bilden für Kant Anschauungs-, in unserem Sprachspiel müßten wir sagen: Wissensformen, hatten wir oben schon einmal erwähnt. Damit meinte er, daß alle Wissungen, aber nur sie der Zeit und einige Wissungen, aber höchstens sie dem Raum angehören.

Vom Ding an sich haben wir keine Ahnung und können folglich nicht einmal voraussetzen, daß es räumlich oder zeitlich ist.  

 

Ich sehe Baum Ding an sich  
    Sehung   „dort“  
    Wahrnehmung
     
    zeitlich und (eventuell) räumlich
  —————-
 
    unwirklich
  wirklich  
    nur für Menschen
  objektiv  

Wir kennen nur die raum-zeitliche Sphäre der Wahrnehmungen, die wir mittels unserer Vorstellungen zu den abstrusesten Hinterwelten ausbauen können.

Was es wirklich geben muß, weil wir andernfalls gar nicht konsistent denken könnten, sind für Kant die transzendentalen oder Vernunftideen als nicht-empirische Grundlage jeglicher Erkenntnis. (Den Satz können Sie überlesen, nicht aber:) Zu ihnen zählen insbesondere Gott, Seele und Freiheit, auf  deren Wirklichkeit wir in unserer unwirklichen Sphäre der Wissungen natürlich niemals treffen können; sie gehören also notwendigerweise – irgendwie – zum Ding an sich.

 

Ich sehe Baum Ding an sich  
    Sehung   „dort“  
    Wahrnehmung
     
    zeitlich und (eventuell) räumlich
  —————-
 
    unwirklich
  wirklich  
    nur für Menschen
  objektiv  
         
        Gott
 
        Seele
 
        Freiheit
 

Um mich möglichst verständlich ausdrücken zu können, habe ich einstweilen einen schweren Fehler bewußt inkauf genommen:

Wir wissen nicht, was mein Ich ist; die linken Seiten unserer Bilder sind alle falsch.

Daß ich den Baum nur als Wahrnehmung kenne, gilt doch entsprechend auch für mich selbst; ich weiß (mein) Ich ebenfalls nur als Sehung – mit oder ohne Spiegel.   

 

? sehe Baum ?  
?
sehe
(mein) Ich
?
 

Von einem unbekannten Ich können wir aber auch nicht wissen, worin sein Sehen bestehen soll.

Damit stehen wir endlich vor der letzten und meines Erachtens vollkommen richtigen Formulierung:

 

? Wahrnehmung ?  

Für das traditionelle Denken ist sie deprimierend; ich verstehe sie als Befreiung von allen willkürlichen Vorgaben.

Durch die bei allen Vorgaben notwendigerweise vorausgesetzte Subjekt-Objekt-Spaltung können sie nur wilkürlich sein.

 

Folgendes müssen Sie sich einmal auf der Zunge zergehen lassen:

In Antike und Mittelalter sind die Geistesgrößen davon ausgegangen, daß sie Wahrnehmungen besitzen und auch selbst denken können.

Ihre modernen Nachfolger haben wegen der so gewonnenen Ergebnisse die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen: „Was die Denken genannt haben . . .“; das sind doch zum großen Teil nur Spekulationen oder Phantastereien – um nicht noch Schlimmeres zu sagen.

„Wir machen das besser“ und erheben allein die Wahrnehmungen zur Basis unseres Denkens, leiten aus ihnen Hypothesen ab und überprüfen sie im Experiment, das heißt, wiederum durch Wahrnehmungen.

 

Das war als der endlich gefundene Königsweg zur objektiven Realität gedacht – und führte postmodern zu ihrer Abschaffung bzw. Verwandlung in eine Hinterwelt.

1.4. Igel und Fuchs

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert. Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit 50 Jahren bewegt. Provoziert wurde sie nicht zuletzt durch meine berufliche Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie, und das Buch stellt den Status quo meiner bisherigen Entfaltung dieser Idee dar; in zehn Jahren hoffe ich, weiter zu sein – so Gott will.

Mein Grundgedanke ist weder groß noch sonderlich intelligent; ich bin lediglich hinreichend stur, um all die Jahre nicht von den zwei nachstehenden Überzeugungen abgelassen zu haben. Heideggers Satz „Jeder Denker denkt nur einen einzigen Gedanken“ hat mich darin bestärkt.

 

1. Vom Außerhalb unseres Bewußtseins können wir absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen Blablabla, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

Natürlich kann es unvorstellbar große Konsequenzen für unser Leben zur Folge haben, ob wir im Außerhalb des Bewußtseins entweder A oder non-A glauben. Aber nichtsdestotrotz läßt sich die entsprechende Annahme absolut nicht begründen; wir leben dann eben anders.

 

AD: „Aber woher sollen wir dann überhaupt von A bzw. non-A wissen?“

Wir müssen deutlich zwischen WELT und WELTBILD unterscheiden; allein die Welt(t) befindet sich außerhalb der Psyche; unsere Welt(p) sowie beide WELTBILDER gehören ihr bzw. dem Bewußtsein an.

Die Tradition behauptet – und nur sie kann auch behaupten – daß das A oder non-A, die zum WELTBILD zählen müssen, um überhaupt von ihnen sprechen zu können, gegebenenfalls in der Welt(t) und damit außerhalb der Psyche sind.

Traditionell stellt man sich beispielsweise Gott zumeist so vor; als Schöpfer der Welt(t) kann er sich natürlich nur außerhalb unserer Psyche befinden.

 

2. Wir haben also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich unser Leben auf das Außerhalb des Bewußtseins auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in unser Bewußtsein einfällt; erst wenn es sich bereits darin befindet, ist uns das Resultat zugänglich.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihres Bewußtseins,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechende Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem Blablabla entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige Blablaba von jedem falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, esoterische oder sonstige Blablablas handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren „Wahrheit“ durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte – was möglicherweise zu einer Korrektur des Lebens führt –, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“.

 

AD: „Sie würden diesbezüglich also vorschlagen, nichts zu glauben, wofür keine Anzeichen im eigenen Bewußtsein sprechen?“ 

Ich würde Ihnen nur allzugerne zustimmen; aber leider ist die Wirklichkeit noch komplizierter, als Sie – Ihrer Frage entsprechend – zu vermuten scheinen:

Völlig unabhängig davon, ob sich das, was wir glauben innerhalb oder außerhalb unseres Bewußtseins befindet, bestimmt es unsere Erlebungen mit.

Es gibt keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten – wie sich die moderne Wisenschaft das am Beginn ihrer Entwicklung erträumt hatte –, sondern all unsere Erlebungen sind abhängig vom eigenen Weltbild. Es werden sich also stets hinreichend viele Hinweise auch auf unsere abstrusesten Überzeugungen finden lassen, so daß wir immer sagen können:

„Siehst du; ich habe es doch schon immer gewußt!

Das ist endlich der unbezweifelbare Beweis dafür, daß meine ‚Verschwörungstheorie‘ doch keine Verschwörungstheorie, sondern eine hellsichtige Diagnose der Wirklichkeit war.“

 

Nochmals ganz deutlich:

Wir bestreiten damit keineswegs, daß ein Außerhalb unsers Bewußtseins existiert – das wäre auch mehr als absurd –, sondern sagen lediglich, daß es uns absolut unzugänglich ist.

1.5. Welt und Weltbild I

Die objektive Realität besteht aus den Seienden oder Referenten(t); das Realitätsbild(t) – als Teil des Weltbilds(t) – umfaßt die Wissungen sowohl von den Seienden als auch von den Nicht-Seienden und kann somit wahr bzw. unwahr sein.

Wir kehren die Reihenfolge der Beschreibung um:

Zu unserem Realitätsbild(p) zählen glaubwürdige und unglaubwürdige Wissungen; ersteren verleihen wir kontingente Referenten(p), und deren Gesamtheit bildet unsere subjektive Realität. Sie kann nicht wahr, sollte aber so lebensdienlich wie nur möglich sein.

 

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Das ist fast eine Tautologie; alle gehen so vor, die traditionell Denkenden akzeptieren es nur nicht und berichten – vielleicht ganz gutmütig – von ihrer Hinterwelt.

Für ihre Überzeugung, ein – mehr oder weniger – adäquates Realitätsbild zu besitzen, gibt es gewiß nachvollziehbare Gründe; fünf von ihnen schauen wir uns kurz an.

Dabei sowie in den restlichen Kapiteln des ersten Teils kann ich mich etwas lockerer ausdrücken, ohne Mißverständnisse bei Ihnen befürchten zu müssen. Diese Chance nutze ich, um unsere Schreib- bzw. Leseschwierigkeiten zu verringern.

 

1. Zunächst möchten wir sehr gerne wissen, „wie es wirklich ist“; postmodern läßt sich diese Sehnsucht nicht erfüllen.

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt sogar eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen oder sportlichen Großveranstaltungen mitunter ungeschminkt erleben.

 

3. Unsere Technik bildet die Anwendung der exakten Wissenschaften, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die Welt adäquat wiedergeben.

In diesem Satz ist ein Denkfehler enthalten; richtiggestellt müßte er fortgesetzt werden mit den Worten „. . . wenn es letztere gäbe“.

Sie werden im allgemeinen unterschlagen, weil die Existenz der Welt als selbstverständlich gilt. Wäre dem so, würde die Technik tatsächlich die Richtigkeit der exakten Wissenschaften beweisen; das scheint mir nahezu unbestreitbar.  

 

Aber was ändert unsere Klausel daran?

Würde die Welt existieren, wären unserem Handeln eindeutige Grenzen gezogen; „bis hierher und nicht weiter – sonst knallt es“.

Ohne Welt können diese Grenzen viel weiter sein, so daß nahezu alles möglich sein müßte, was sich in unserem Weltbild als widerspruchsfrei denken läßt; auch einen „Himmel“ oder eine „Hölle auf Erden“. Es fehlt dann, mit anderen Worten, jeglicher Kontrollmechanismus.

Also kann auch die Technik keinen darstellen.

 

AD: „Was ist sie dann?“

Die Technik gehört zu den Konsequenzen oder Schlußfolgerungen.

Auf der Grundlage unseres Weltbilds oder innerhalb von ihm können wir denken; alle sich daraus ergebenden theoretischen Ergebnisse gehören zu unserem Weltbild. Vielleicht wußten wir sie bisher nicht; unser Denken macht sie dann explizit. Das kann es jedoch nur, weil diese Resultate immer schon implizit zum Weltbild gehörten; wir haben es also ausgebaut oder erweitert – aber nur vordergründig, „eigentlich“ nicht.

Was wir durch unser Denken vermögen, ist auch durch die Technik möglich; die Referenten, mit denen wir dabei händeln, sind doch diejenigen der geglaubten Wissungen und damit unseres Denkens.

Ohe Welt bildet die Technik also kein Kontroll-, sondern ein praktisches Schlußfolgerungs-Organ – völlig analog zu dem theoretischen des Denkens.    

 

Wie lange haben andere Kulturen mit ihren „falschen“ Weltbildern teilweise existiert? Das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ Weltbild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

AD: „Das mag theoretisch richtig sein, praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

Vielleicht wollte es auch keiner!

 

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man wollen kann, hängt doch vom Weltbild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht, und wir wollen ihn gar nicht. Wenn die Ägypter beispielsweise unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, mußte ihnen der Gedanke, hinfliegen zu wollen, einfach als absurd erschienen sein.

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

 

4. Viele Wissungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit müsse etwas mit Wahrheit zu tun haben, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen ist alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser Weltbild gebunden; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht explizit zum Weltbild gehört oder sich aus ihm ergibt, ist uns zugänglich.

 

Sämtliche Schlüsse oder Begründungen tragen also den Vermerk: „im Rahmen meines Weltbilds“, denn sie setzen dieses als unhinterfragbares Nonplusultra voraus. Unser Weltbild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist. A muß und B kann nicht sein – in meinem Weltbild; dieses und keine angebliche Welt, liefert die Begründung dafür.

 

5. Und schließlich suchen wir nach Gemeinschaft; was schon viele glauben, wird spontan favorisiert.

Wir wollen gerne von der Mehrheit denken lassen; das kann sie aber nicht; zu denken vermag nur der Einzelne.

 

Ich schreibe dieses Online-Buch, weil dahinter eine Hoffnung steht, die mir heute von kaum zu überschätzender Bedeutung zu sein scheint:

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen – im weitesten Sinne – überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Aliens, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik, ewige Wahrheiten, Zufall usw.

Vieles davon widerspricht sich natürlich gegenseitig; aber ganz abgesehen davon:

Könnten denn Menschen mit so vielen völlig differenten Glaubensbekenntnissen leben, wenn es die eine ojektiv-reale Welt gäbe?

 

Mit anderen Worten:

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer solchen wirklichen Welt zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen. Das sind Vorstellungen im Bewußtsein, die nur irrtümlich als Abbilder der Welt geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern kaum die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ geführt werden.

Diese heute weit verbreitete Einstellung halte ich jedoch selbst für einen Mythos; es ist derjenige vom Fortschritt als der großen modernen „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die – wie könnte es auch anders sein – natürlich uns zur absoluten Krone der Schöpfung Evolution macht und deshalb nur allzugerne geglaubt wird.

 

Ich bin dagegen fest überzeugt, daß wir keine Ausnahmekultur sind und unsere angeblich objektiv-reale Welt ebenfalls nur einem Weltbild entspricht – wie bei jedem anderen auch. Alle Weltbilder haben ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie nahezu gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befindet sich ein wahres Weltbild darunter, das die objektiv-reale Welt adäquat wiedergibt – weil sie gar nicht existiert.

Mit unserem Verzicht auf die Welt stehen wir in der Nachfolge beispielsweise von Hume, Kant, Fichte, Berkeley, Schopenhauer, Mach und vielen anderen, folgen aber weder ihnen noch Ernst von Glasersfelds Radikalen Konstruktivisten oder den Neuen Realisten um Markus Gabriel, sondern stehen der „subjektivistischen Wende“ nahe.

 

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ eine Hinführung zu deren sehr avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere (exakt-)wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten davon könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

Nach einigen tastenden Ausbruchsversuchen in der Zwischenzeit bin ich also „reumütig“ zu meinen früheren Wurzeln zurückgekehrt. 

1.6. Subjektivistische Wende

AD: „Sie haben versucht anzudeuten, weshalb wir das Bewußtsein angeblich weder hinterfragen noch verstehen können. Aber zum einen konnte ich Ihnen dabei schlecht folgen, und zum anderen fragen zahllose Autoren doch sehr wohl, was das Bewußtsein ist.

Machen die einen Fehler oder Sie?“

Nein; ich glaube weder . . . noch . . .; es geht vielmehr um einen neuen Ansatz, der sich Guido Rappe folgend analog zu Kants „kopernikanischer Wende“ als „subjektivistische Wende“ verstehen läßt.

 

Traditionell stehen – entsetzlich pauschal geredet und stark vergröbernd – Materialisten oder Realisten auf der einen Seite den Spiritualisten bzw. Idealisten auf der anderen gegenüber. Jene halten den Stoff, die Dinge oder Atome für das Entscheidende resp. eventuell sogar Einzig-Wirkliche, und diese gehen von geistigen Größen.

Diese beiden Denkrichtungen stellen einerseits einander widersprechende Extreme dar – „alles Materie“ contra „nur Geist“ –, zwischen denen beliebig viele Zusammensetzungen oder Mischungen nicht nur denkbar sind, sondern in der Philosophiegeschichte auch tatsächlich vertreten wurden.  

Aber andererseits stimmen sie in einer Hinsicht auch völlig überein:

Stets wird bei diesen Anschauungen die Wirklichkeit – welche Form auch immer sie nun besitzen mag – als bereits fertig oder uns vorgegeben betrachtet; sie wird nicht – durch bzw. mit uns –, sondern ist immer schon – und das ganz ohne uns.

 

Für die Realisten ist es meines Erachtens unmöglich, das Bewußtsein zu erklären. Dieses Problem wird heute – in der Hoffnung, kurz vor seiner Lösung zu stehen – häufig geleugnet, bagatellisiert oder vielleicht auch tatsächlich nicht gesehen.

Ich halte es für unlösbar, weil der Weg vom Gehirn zum Bewußtsein notwendigerweise bei einem Gehirn als Seiendem beginnen müßte, das mir absolut unverständlich bleibt. Das Problem ist also nicht kompliziert, sondern irrelevant.

 

Idealisten, könnte es uns scheinen, müßten mit der Erklärung des Bewußtseins weniger Schwierigkeiten haben, da es so geistig ist wie für die Idealisten die gesamte Wirklichkeit. Aber ich glaube, das stimmt nicht, denn auch ein vorgegebener Geist – Gottes etwa – müßte von unserem Bewußtsein adäquat abegbildet werden, so daß mit dieser Geistigkeit gar nichts gewonnen ist.

 

Wir lassen das gesamte Spektrum zwischen Realismus und Idealismus hinter uns und wechseln mit der subjektivistischen Wende von einer Philosophie des Seins zu einer solchen des Werdens; jene kennt die Zeit gar nicht, wir versuchen, sie ernstzunehmen.

In einer Philosophie des Werdens fungiert das Bewußtsein nicht mehr als Gegenbegriff zum Körper, weil dieser durch das Leiben, das heißt, durch die gesamte zeitliche(p) Wirklichkeit ersetzt wird und das Bewußtsein diese integriert.

Ein solches Bedenken des Werdens bzw. Leibens spielt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Rolle in der Philosophie. Besonders wichtige Autoren sind in diesem Zusammenhang meines Erachtens Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz, Wolfgang Böhme und Guido Rappe.

 

Damit wird nun auch verständlich, weshalb wir das Wirkliche mit dem Leiblichen identifizieren und das Sinnliche vollkommen außen vorlassen können:

Grelles Licht und großer Lärm können uns wehtun. Trotzdem geht die Tradition davon aus, daß beides sinnlich sei, weil es aus der Umgebung unseres Körpers – von einem Schweißbrenner bzw. Flugzeug – kommt.

Meines Erachtens kommt nichts davon, sondern alles aus dem Leiben, dem Zeitlichen(p) oder Wirklichen, so daß das Traditionell-Sinnliche vollkommen entfällt.

 

AD: „Ich verstehe; die zweieinhalb Jahrtausende abendländischer Philosophiegeschichte werden ganz entscheidend vom Widerstreit zwischen Idealismus und Materialismus geprägt. Ihre Vertreter können schwerlich bestreiten, daß wir Subjekte über ein Bewußtsein oder etwas Entsprechendes verfügen, so daß beide Seiten jeweils vor zwei erheblichen Problemen stehen:

Die Idealisten müssen erklären, woher der Geist stammt, um dann aus ihm das Bewußtsein herleiten zu können.

Das Ursprungsproblem der Materialisten ist natürlich keinen Deut kleiner; woher kommt die Materie? Und wie sich aus ihr Bewußtsein entwickeln soll, ist die zweite, durchaus schwierige Frage.

Sie vermeiden beide Probleme, weil die subjektivistische Wende Geist und Materie durch das eine bewußte Leiben oder leibliche Bewußtwerden ersetzt.“

 

Richtig; und das kann ich noch ein wenig ergänzen:

Wir erleben zwar seit Jahrzehnten einen materialistischen Neuro-„Philosophie“-Boom, der so tut, als habe er eine „wissenschaftliche“ Antwort auf derartige traditionelle Fragen und könne daher den abendländischen Dualismus zugunsten eines materialistischen Monismus überwinden. Aber daran stimmt nahezu gar nichts; viele Neuro-„Philosophen“ kennen die Wissenschaftsgeschichte kaum, argumentieren damit häufig treuherzig-naiv und legen zumeist lediglich Glaubenbekenntnisse ab, so daß ihre „schlechte Wissenschaft zu einer schlechten Religion“ (Guido Rappe) wird.

1.7. Welt und Weltbild II

Veranschaulichen wir uns die gewaltige Differenz zwischen dem traditionellen und unserem Denken noch an einer zwar sehr einfachen, aber deutlichen Konsequenz:

Wenn ein Subjekt stirbt, gibt es traditionell einen Körper weniger in der Welt, was darin freilich auch nicht die geringste Rolle spielt. Selbst wenn wir Menschen ausstürben, hätte dies für den physikalischen Kosmos praktisch keine Konsequenzen, würde von ihm gar nicht bemerkt und noch weniger betrauert.

 

Ohne Welt – in unserem Ansatz also – können in ihr auch keine Körper verschwinden; sie entziehen sich aber trotzdem; wo?

Natürlich dort, wo sie sich zuvor befunden haben, nämlich allein im Bewußtsein der den Verstorbenen nahestehenden zurückbleibenden Subjekte. Damit läßt sich möglicherweise auch eine positive Antwort auf die „Frage nach dem Wozu“ (Robert Spaemann und Reinhard Löw), Warum oder Sinn unseres Lebens finden; in einer objektiv-realen Welt halte ich das für nahezu ausgeschlossen.

 

AD: „Ja; das wäre gewiß positiv; wird jedoch ohne Welt nicht alles möglich? Jeder denkt, was er will; oder auch gar nicht, aber das ist ohnehin alles belanglos.“

Dieser skeptische Einwand trifft mich nicht.

Sie setzen mit der Tradition unausgesprochen voraus, daß die Wahrheit unserer Wissungen durch den Vergleich mit der Welt festgestellt wird. Nun nehmen wir letztere weg – und damit scheinbar nicht nur alle Kontrollmöglichkeiten, sondern die Wahrheit selbst.

Aber Ihre Voraussetzung stimmt nicht; noch nie hat jemand seine Wissungen mit einer Welt verglichen  – weil deren Existenz immer nur behauptet wurde.

Wir können lediglich Wissungen untereinander vergleichen; diese mit jenen; die Wissung Erdkugel mit der Wissung Erdscheibe beispielsweise. Die Moderne hat nicht erkannt, daß die Erde eine Kugel ist, sondern diese Wissung der Scheiben-Wissung vorgezogen, weil sie für unsere Belange die geeignetere darstellt.

Aber es bleibt gewiß nicht dabei. Kennen Sie viele Wissungen der Antike, die wir heute noch für richtig halten?  

 

AD: „Aber wir sehen doch von der Raumstation aus, daß die Erde tatsächlich eine Kugel ist!“

Nein; das läßt sich prinzipiell nicht feststellen; von wo aus auch immer. Zum Beispiel könnten Sie völlig problemlos – ohne irgendwelche logischen, mathematischen, physikalischen oder sonstigen Schwierigkeiten – davon ausgehen, daß die Erde eine Hohlkugel ist. Außen befinden sich dann der Untergrund mit unseren Bodenschätzen und der Lava, und den Hohlraum fülltt die Atmosphäre mit dem Sternenhimmel darüber.

 

Es läßt sich relativ leicht zeigen, daß ausnahmslos alle Experimente bei beiden Modellen – der Voll- bzw. Hohlkugel – zu exakt den gleichen Ergebnissen führen, so daß prinzipiell nicht zwischen ihnen entschieden werden kann. Sämtliche Resultate des einen Modells stimmen mit den entsprechenden Messungen im anderen überein

Der Übergang zwischen ihnen erfolgt mathematisch durch eine Spiegelung an der Kugel. Das ist eine konforme Abbildung, die das Kugelinnere so in ihr Äußeres transformiert und umgekehrt, daß die Winkel identisch bleiben, Geraden in Geraden übergehen usw. 

(Für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema empfehle ich Ihnen Roman Sexl, einen leider sehr früh vestorbenen Theoretischen Physiker aus Österreich.)

 

Vor 100 Jahren behaupteten sogenannte „Hohlwelttheoretiker“ daß die Erde wirklich das Weltall enthielte. Das stimmt natürlich nicht; sie betrachteten ihre Darstellungsweise – die als solche tatsächlich möglich ist – irrtümlich als Wissen von der Wirklichkeit.

Aber wenn wir im Brustton der Überzeugung als „Vollkugeltheoretiker“ auftreten, begehen wir natürlich exakt den gleichen Fehler – nur auf der „Gegenseite“.

Das sind lediglich Beschreibungsweisen – analog zu denen des Sonensystems durch Ptolemäus bzw. Galilei –, die alle ihre Vor- und Nachteile, aber nichts mit Wahrheit zu tun haben. 

 

Ohne Welt gibt es auch keinen gegenwärtigen Irrtum.

Wir akzeptieren unsere Wissungen, solange sie tragen. Eventuelle Fehler werden erst rückblickend deutlich, nachdem uns andere Wissungen eines Besseren belehrt haben.

Wenn beispielsweise ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich nicht, denn es fehlt jeglicher Maßstab, um dies feststellen zu können; er sieht Wasser; Punkt! Wüßte er, daß es sich um eine Fata Morgana handelt, würde er kein Wasser sehen, sondern vielleicht Steine.

Aus seinem Weltbild folgt, daß er Wasser trinken und damit sein Leben retten kann; also versucht er das wie selbstverständlich.

Mißlingt es ihm, besteht darin eine neue Erlebung, anhand derer er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß.

 

Es ist sogar noch schlimmer; um das zu erklären, zitiere ich mich selbst:

„Wir akzeptieren unsere Wissungen, solange sie tragen. Eventuelle Fehler werden erst rückblickend deutlich, nachdem uns andere Wissungen eines Besseren belehrt haben.“

Aber ob diese „Fehler“ tatsächlich Fehler waren, zeigt sich erst noch später; vielleicht kehren wir auch reumütig zu unseren „ersten“ Annahmen zurück – ob es nun Fehler waren oder auch nicht.

Die entscheidende Frage lautet keineswegs: „Wer weiß das?“ 

Sondern vielmehr: „Was bedeutet ‚Fehler‘ überhaupt?“

 

Bei der häufig anzutreffenden und auch von mir genutzten Formulierung, unsere Welt sei eine bloße Konstruktion, bitte ich, Folgendes zu beachten:

Viele von Ihnen werden sagen „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ (Friedrich Nietzsche) oder „irgendetwas konstruiert“; das behaupte ich auch nicht.

Konstruktion bildet für uns einfach den Gegenbegriff zur Abbildung – einer angeblichen Welt – und soll lediglich zum Ausdruck bringen:

Subjektive Welten repräsentieren zum einen nichts ihnen Vorgegebenes, sondern stellen Originale dar, die also irgendwie hergestellt, erschlossen oder ausgedacht – eben konstruiert – worden sein müssen.

Zum anderen benötigt jede subjektive Welt – im Gegensatz zur objektiven – einen Besitzer, den Welthaber. Ob er persönlich an der Entstehung seiner Welt aktiv stark beteiligt war, also mit-konstruiert hat, können wir dabei auf sich beruhen lassen; das spielt keine Rolle und behaupte ich auch nicht.   

„Das ist kostruiert“ heißt also lediglich: Es wurde nicht abgebildet, ist primär und nicht sekundär, stellt eine Präsentation und keine bloße Repräsentation dar.

 

AD: „Sie werfen den Traditionalisten vor, sie könnten nicht begründen, daß unsere Wissungen ihnen zufolge in Abbildungen von Seienden bestehen sollen und würden das nur behaupten. Aber können Sie rechtfertigen, daß es sich bei den Wissungen um Konstruktionen handelt?“

Ihre Argumentation klingt zwingend, enthält aber meines Erachtens einen Denkfehler.

 

Ich beginne mit einem simplen Beispiel.

Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven essen zu können; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, beschreibt ein Mythos, verdanken wir der Göttin Athene, die uns Menschen gelehrt hat, die Oliven entsprechend aufzubereiten.

Wer diese Erklärung für wahr hält, dem kommt sehr wohl eine Begründungspflicht zu.

Wer die Argumentation nicht glaubt, steht jedoch keineswegs vor der Aufgabe, sie zu widerlegen. Müssen wir uns denn um die Privatmeinung von Herrn Müller kümmern? Warum denn gerade um sie? Frau Meyer sagt doch auch etwas.

Das gilt für ausnahmslos alle bloßen Meinungen, vollkommen unabhängig davon, wer sie äußert.  

 

Der Athene-Mythos entspricht dem traditionellen Glauben an abbildbare Seiende; wer ihn für wahr hält, möge seine Überzeugung bitte begründen.

Mit meinem „Konstruieren“ vertrete ich noch keine anderslautende, aber ebenso konkrete Soukup-Meinung, sondern betone lediglich, mich von dem traditionellen Ansatz zu distanzieren; ich glaube weder an Athene noch an Seiende.

Das bedarf keiner Rechtfertigung, sondern dafür genügt es, mich um eine andere Erklärung zu bemühen.

1.8. "Unphilosophische" Hilfestellung

Meine Kritik am traditinellen Denken, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „einfach unphilosophisch“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig, verführt aber zu dem Gedanken, daß sich dort an sich, das heißt, völlig unabhängig von unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare, weil objektiv-reale Sonne befindet.

 

Wer so und damit traditionell denkt, benötigt also zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder seiende Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht; ohne Sonne keine Sonne.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild).

Einerseits scheint das einleuchtend zu sein.

Andererseits sehen wir aber nie doppelt, so daß uns immer nur die Wahrnehmung Sonne gebeben ist. Niemand hat jemals die Sonne gesehen; wir schauen zu ihr hin, kommen aber „immer schon zu spät“ für sie, denn es zeigt sich uns „bereits“ die Sonnen-Wahrnehmung.

Somit haben wir insbesondere keinerlei Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein (adäquates) Abbild der Sonne ausweist. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das problematische Abbilden überspielt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn die Ur-Sonne nicht dort wäre, und das Abbilden ist der Weg, der von ihr zur Wahrnehmungs-Sonne führt. Jene wurde zwar niemals gesehen, sondern lediglich – als einfachste Erklärung der Sonne – erfunden, aber alle traditionell Denkenden glauben, von ihr zu sprechen.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

AD: „Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Traditionalisten behaupten die Sonne als Wahrnehmung von einer ominösen Sonne, obwohl diese nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um letztere zu erklären, aber selbst niemals gesehen wurde. Die Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das sich durch nichts rechtfertigen läßt.

 

AD: „Doch; das läßt es, denn die – Sie würden formulieren: ‚Erfindung‘ der – Sonne gestattet es uns, die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens wunderbar zu erklären. Bei Ihnen muß die Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Das ist sie nicht; natürlich müssen wir noch besser verstehen, wie die Wahrnehmung Sonne bei uns aus der Erlebung Sonne hervorgeht. Aber dafür haben die traditionell Denkenden zu erklären, wo ihre Sonne herkommt; erst dann können sie daraus die Wahrnehmungs-Sonne ableiten. Vor einem Herkunfts-Problem stehen wir also beide.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere, weil es etwas prinzipiell Unerreichbares voraussetzt. Daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erleben, resultiert nicht aus einer angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

AD: „Ich verstehe Sie leider immer noch nicht.

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäumen einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden sind wir dort. Während des Weges liegt weiterhin höchstens die Sicht auf den Turm vor, das heißt, ein Abbild von ihm. Angekommen am Ziel haben wir den Turm selbst, können in ihm als dem Urbild hinaufsteigen unseren Namen einritzen und herunterfallen; bei seinem Abbild geht das alles nicht.“

Sie rennen damit bei mir offene Türen ein; das war fast alles vollkommen richtig, nur hat es aber auch gar nichts mit unserem Problem zu tun.

 

Ihr Beispiel bietet kein Modell für das traditionelle Denken in Ur- und Abbild, und deswegen waren allein diese beiden Begriffe unangemessen.

Zum einen kommt es während Ihrer Wanderung nie zu einem Umschlag; vollkommen stetig liegen immer Turm-Sehungen vor, die nach dem Erreichen – nicht durch „den Turm“, sondern – durch Turm-Betastungen und ähnliches ergänzt werden.  

Zm anderen befinden sich natürlich sämtliche Turm-Wahrnehmungen innerhalb Ihres Bewußtseins, während das Urbild Turm seinem Außerhalb angehören müßte.

 

Der Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Turm wahr“ wird im allgemeinen so verstanden, daß dort an sich ein Turm steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Turm das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Turm.

Die Formulierung „Ich nehme einen Turm wahr“ läßt sich also fast nur traditionell und damit meines Erachtes falsch verstehen – im Sinne einer Verdopplung zu zwei TÜRMEN.

 

Wo soll sich denn dieser wahrgenommene Turm befinden?

AD: „Auf dem Berg natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern problematisch, weil wir unseren TURM-Disput von soeben nun als BERG-Disput fortsetzen müßten:

Es gibt zwei BERGE; den wahrgenommenen Berg und die Wahrnehmung Berg. Der Turm steht auf dem Berg, und beides sind Abbilder; der Turm steht auf dem Berg und beides sind Urbilder.

Sie sollten ahnen, wo das hinführt: Turm auf dem Berg, Berg in der Landschaft, Landschaft aus der Insel, . . . – zum Aufbau einer ganzen Hinterwelt.

 

Nehmen wir noch die Verstehungen als Beispiel, weil sie vielleicht einfacher sind; sie benötigen kein Verstandenes.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges WELTBILD passen, originell sind oder weshalb auch immer –, so denken Sie vielleicht, mich (richtig) verstanden zu haben. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.  

1.9. Drei Formen von Subjektivität

Jedes Subjekt besitzt sein einzigartiges Bewußtsein, und damit muß letzteres subjektiv sein. Aber dieses Prädikat ist nicht eindeutig, sondern wir müssen mindestens drei Formen von Subjektivität unterscheiden:

 

Unsere Erlebungen und Vorstellungen sind mit Sicherheit rein subjektiv. Damit behaupte ich nicht, daß kein anderes Subjekt zufällig exakt die gleichen hat; zum einen ist das prinzipiell nicht feststellbar und zum anderen auch völlig belanglos.

Rein subjektiv bedeutet vielmehr zweierlei:

Zum einen daß sich unsere Erlebungen und Vorstellungen nicht kontrolliert kommunizieren lassen. Natürlich können wir versuchen, sie anderen Subjekten mitzuteilen; aber ohne Verstandenes besteht doch keine Möglichkeit zu überprüfen, was dabei angekommen ist.

Zum anderen gehört zu der reinen Subjektivität, daß wir nicht einmal für uns selbst imstande sind, unsere Erlebungen oder Vorstellungen durch die Zeit(p) hindurch konstant zu halten. Woran sollen wir erkennen, ob diejenigen von heute mit speziellen Erlebungen bzw. Wissungen von gestern übereinstimmen? 

 

Bestenfalls Wahrnehmungen können also partiell intersubjektiv sein, das heißt, von einem mehr oder weniger großen Kreis von Subjekten als übereinstimmend erfahren werden.

 

Dehnt sich dieser Kreis auf ausnahmslos alle Subjekte aus, sprechen wir von einer totalen Intersubjektivität; aber natürlich ist auch sie subjektiv.

 

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjekten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als alle Differenzen.

Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden. Mit „medial“ meine ich, daß unsere Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität oder andere Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene allen Subjekten gemeinsame – und damit total intersubjektive – Wirklichkeit würde von keinerlei Wissungen adäquat beschrieben werden und wäre somit natürlich insbesondere nicht der traditionelle Kosmos.

 

Letzterer ist nicht total intersubjektiv, sondern objektiv, weil er gar keinen Komsos für uns, sondern einen Kosmos an sich darstellt, der keine Zuschauer oder Betrachter benötigt. Schaut ihn einer an, so ist das völlig belanglos und berührt ihn gar nicht; der Kosmos wäre ohne Beobachter – von unseren Körpern abgesehen – exakt der gleiche.

 

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjekte verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der Welt – unserem Ansatz zufolge. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an die Welt aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, sinnvoll nach einer solchen alle Subjekte tragenden und vereinenden, das heißt, total intersubjektiven Wirklichkeit zu suchen.

 

Die traditionell angenommene Welt kann diese Aufgabe nicht erfüllen, weil sie nur an sich, aber nicht für uns oder objektiv und nicht total intersubjektiv ist. Daß sie uns hervorgebracht haben soll, ist kein Beweis des Gegenteils, sondern – anerkanntermaßen – Zufall.

Diese Welt schert sich nicht um uns; wir müssen sie ganz ohne ihre Hilfe möglichst adäquat abbilden, um darin überleben zu können, so daß das Ergebnis in Kampf und Konkurrenz besteht.

Ließe sich vernünftigerweise anders als sozial-darwinistisch oder „kapitalistisch“ denken, wenn wir das Zufallsprodukt einer Welt wären, die uns absolut gleichgültig gegenübersteht? Für die zwischen Mondmagma und uns Menschen kein prinzipieller Unterschied existiert?

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein staunendes Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahren Sprachen.

 

Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ernstnehmen und verallgemeinern:

Wahre Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse existieren ebensowenig, denn auch sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu der von mir erhofften total intersubjektiven Wirklichkeit –, um alle nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder, Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht. Diese Medien möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder repräsentieren und bemühen sich eventuell auch ernsthaft um sie – sind aber selbst nicht die Wahrheit.

 

Die Wahrheit – um die wir ringen – ist absolut und nicht relativ.

Alle „Wahrheiten“, die man haben kann, die von den verschiedensten Seiten in Geschichte und Gegenwart als Wahrheiten behauptet wurden oder werden, müssen relativ, weil medial bedingt sein. Jeder, der felsenfest an dergleichen glaubt, ist Relativist – obwohl selbstredend vom glatten Gegenteil überzeugt.

Speziell Christen brauchen hierüber nicht zu erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: „Das Wort ist Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.

1.10. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches; wir haben nur die Alternative zwischen einem stets ergebnisoffenen Selbst-Denken – sprich: Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon sagen kann, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, weiß nicht, was Denken bedeutet und ist Ideologe.

Mich interessiert absolut nicht, wer irgendwas, sondern höchstens, was irgendwer sagt. Würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial als die Einsteinsche.

Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner eigenen Wahrheit näher zu kommen. Die steht natürlich in keinem Buch; auch beim Schreiben versuche ich stets, mir dessen bewußt zu sein.

 

Hochkomplexe bzw. abstrakte Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erfahren; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, dann ist es keine Liebe. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verkündigung, gesellschaftlichem Engagement und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist nicht rein, sondern gar nichts.

Auf der einen Seite darf keine einzelne Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also beispielsweise nicht mit dem Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten gleichgesetzt werden – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs-, Weihnachts- oder Emmausgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden. Das bedeutet insbesondere, daß er sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

Stellen aus „Heiligen Schriften“ sind dabei nicht besser gestellt als solche aus profanen, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht für den Glauben, aber – theologisch ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein passabler Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen, hermeneutischen und sprachlichen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda), in denen zum Beispiel steht: „Wenn Du den Buddha siehst, töte ihn.“

 

Theologisch sind die Aussagen des „Lehramts“ für mich ebenfalls nur Meinungen, die man in einer Demokratie natürlich haben darf. Einen Mehrwert würden auch sie – wie sämtliche Meinungen – erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft, saubere Begründung, Zeitgemäßheit oder ähnliches erhalten. Daß sich dies beim „Lehramt“ anders verhalten soll, scheint mir nicht gerade aus dem Evangelium hervorzugehen; denken wir nur an den Streit zwischen Petrus und Paulus.

Wenn Johannes Paul II und einzelne seiner Nachfolger beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertraten bzw. vertreten, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereiten sie zwar ihrer kirchlichen Institution – wegen deren Selbstverständnisses – größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn der haben sämtliche bloßen Meinungen gleichgültig zu sein.

„Sagt mir bitte, warum nicht; und diese Begründung kann für mich nur dann eine solche sein, wenn sie mir einleuchtet, denn im Verstanden-Werden besteht der Sinn aller Erklärungen, Rechtfertigungen, Begründungen usw.“  

 

Die Ergebnisse, zu denen die Theologen gelangen, sollten ihnen helfen, ihren Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene Inhalte anzunehmen und zu leben resp. abzulehnen und zu ignorieren. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute theologisch relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, ge(g)eifert und „gefühlt“.

Nur wer selbst denkt, kann irren; das ist also eine Auszeichnung. Das Irren macht den Denkenden auch niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man nicht durch Denken, sondern allein durch ein Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen.

 

Mit den nachfolgenden drei Zitaten von Hans-Joachim Höhn kann ich mich voll identifizieren:

„Wer Theologie studiert, muß lernen, daß Frömmigkeit nicht vor Leichtgläubigkeit schützt. Wer nur etwas bezeugt, ohne davon auch überzeugen zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Den Glauben zu festigen, vermag keine Theologie, der die Frömmigkeit ihres Anstrichs wichtiger ist als ihre wissenschaftliche Redlichkeit.“

„Wie man durch das Medizinstudium nicht gesünder wird, sondern am Ende weiß, was Gesundheit und Krankheit sind – wie man durch ein Jurastudium nicht  gerechter wird, sondern am Ende Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß, so wird man durch ein Theologiestudium nicht gottesfürchtiger, sondern lernt zu unterscheiden, wer oder was es in Wahrheit verdient, nicht ‚Gott‘ genannt zu werden, und auf wen man sich stattdessen im Leben und Sterben verlassen solte.“

„Die Theologie ist nicht dazu da, ihre Adressaten gläubiger zu machen. Sie hat vielmehr jenes Wissen über und vom christlichen Glauben zu vermitteln, das zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll macht. Sie hat zu zeigen, daß man nicht an Gott glauben kann, ohne dabei auf neue Weise ins Nachdenken zu kommen, und daß man beim Nachdenken über erste und letzte Fragen mit guten Gründen auf den Gedanken kommen kann, dabei an Gott u denken.“ 

1.11. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach (wie Mathematik oder Ökonomie) ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. Bemerkungen der Form „wie man weiß . . .“, „es ist allgemein bekannt, daß . . .“ oder „. . . im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann; die beiden heißen wirklich so . . .). 

Ich versuche, das zu beherzigen, und schreibe das Buch für Nachdenkliche oder Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

Es hilft wohl niemanden, wenn ich aufzähle, welche Denker mir besonders viel gegeben haben, wenn Sie mit ihnen nichts anfangen können. Wesentlich aussagekräftiger dürften dagegen einige bekannte Namen sein, mit denen Sie vielleicht charakteristische Intentionen verbinden können.

Aufseiten der Subjekte und ihres Lebens verdanke ich Michel Henry, Emmanuel Levinas und Guido Rappe sehr viele Gedanken, für deren Formulierung mir allein häufig sowohl die Einsicht als auch der Mut gefehlt hätten.

Bezüglich der Objekte greife ich aus dem gleichen Grund insbesondere auf Gotthard Günther, Jacques Lacan, Charles Sander Peirce und George Spencer-Brown zurück.

Im Zusammenspiel beider Seiten scheint es mir möglich, die traditionelle Subjekt-Objekt-Spaltung – zumindest – ein wenig abzufedern. Bei den entsprechenden Überlegungen haben mir Stanley Cavell, Martin Heidegger, Josef Mitterer, Georg Picht, Josef Simon und (der späte) Ludwig Wittgenstein vielleicht am meisten geholfen.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme. Auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen. Sie sollen diese freilich nicht einfach wiederholen, sich jedoch als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals auf dergleichen gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch, theologisch oder psychologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, jüdischen oder atheistischen Ansätzen teilweise sehr nahesteht. Bei letzteren habe ich freilich einen „anderen, das heißt, durchdachten Atheismus“ (Gregor Maria Hoff) vor mir, wie wir ihn möglicherweise von Albert Camus, Martin Heidegger, Bruno Latour, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk oder Martin Walser kennen.

Aber das wird natürlich erst deutlich, indem wir selbst denken, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

1.12. Ausblick

Wir haben noch viel Kärrnerarbeit vor uns; um Sie dafür zu motivieren, könnte ein Blick nach vorn – soweit er bereits verständlich ist – hilfreich sein:

Was kommt am Ende heraus? Sagt mir das zu? Lohnt sich dafür der weiterhin nötige Aufwand?

 

Am einfachsten schließen wir vielleicht an den Abschnitt 1.3.6. an, demzufolge wir uns selbst – ebenso wie den Baum – nur als Wissung kennen.

Wir sind natürlich keine unserer Wissungen – insbesondere also auch nicht der eigene Körper –, sondern diejenigen, die diese Wissungen haben oder darüber verfügen; die gegenteilige Annahme wäre also ebenso widersprüchlich wie absurd.

Was bedeuten in diesem Zusammenhang „haben“ bzw. „darüber verfügen“?

 

Zu uns gehört ein subjektives Weltbild; da es jedoch aus Wissungen besteht, können wir auch das nicht sein.

Aber dieses „sein“ ist ohnehin falsch; wir sind ja nicht zeitlos(p) – wie die Tradition denkt –, sondern werden in der Zeit(p) oder verdanken uns einer zeitlichen(p) Genese. Das davon aktual Gegebene – also unser Bewußtsein – ist eo ipso die Gegenwart.

Heinrich Rombach spricht stattdessen von der Situation, die es nur als ein Ineinander von Gegenwarten gibt, und beschreibt sehr schön, was ich meine:

„Mein ‚Jetzt‘ kann in jedem Augenblick ein mehrfaches, und höchst unterschiedliches, sein. Mein ‚Jetzt‘ ist beispielsweise ein Butterbrot, im selben Augenblick jedoch die ‚geschichtliche Stunde‘ meines Vaterlands; eine Kriegserklärung wird ausgestrahlt; meine Gegenwart sind die nächsten Tage der Mobilmachung, oder schlicht und einfach ‚der Krieg‘; diese Gegenwart kann sechs Jahre dauern, sie löscht die anderen in gewisser Weise aus (der Bissen bleibt mir im Halse stecken).“

 

Die Vergangenheit besteht in den Wissungen – nicht über unsere, sondern – unserer Vorfahren, die das Fundament bilden, aus dem all unsere Wissungen sowie Erlebungen hervorgehen. Bezüglich der Zukunft können wir lediglich sagen, daß sie einem großen Fragezeichen oder der absoluten Offenheit entspricht.

Wir unterteilen die Gegenwart in VG, GG sowie ZG, das heißt, in die Verschränkungen der drei Modi mit der Gegenwart.

 

Die Vergangenheit der Gegenwart ist unser Weltbild; wir sind das nicht, sondern haben es nur, und dies bedeutet, daß das Weltbild stets den Ausgangspunkt unser weiteren Genese darstellt; auf der Grundlage von VG setzen wir unser Leben immer wieder kontinuierlich fort.

 

GG die Gegenwart der Gegenwart steht für dieses Leben; wir entscheiden, denken, sprechen und handeln in Freiheit. So wie VG mit dem Weltbild, können wir GG mit der Freiheit identifizieren. Sie ist natürlich nicht absolut – wir sind keine Götter –; unser Spielraum wird durch das Weltbild sowohl ermöglicht als auch begrenzt.

Das sind die beiden Seiten der Medaille Freiheit.

 

Die Zukunft der Gegenwart, ZG, schließlich ist die Sphäre, in die hinein wir leben können.

Mit dieser vielleicht geschraubt klingenden Formulierung will ich sagen, daß es ohne objektive Realität auch keinen Lebensraum an sich geben kann – in den Armen Gottes beispielsweise –, den wir als uns vorgegebenen nur noch einzunehmen brauchten.

ZG steht vielmehr für eine Transzendenz, bezüglich derer wir in unserer Freiheit GG immer erst entscheiden müssen, ob wir sie anerkennen und damit annehmen oder nicht. Tun wir das, wird unser Weltbild VG und damit auch das Leben GG ein anderes; andernfalls wurschteln wir so weiter.

 

Darin besteht nach meiner Überzeugung das Proprium des christlichen Glaubens:

In jeder Gegenwart – und ohne auf einen „Jüngsten Tag“ zu warten – kann „alles neu werden“.

Das ist es, was zu glauben uns mir schwerfällt; Routine, Wiederholung, Schnee von gestern, Festhalten-Wollen, Gewohn- und Sicherheit . . .

 

AD: „Darf ich bitte nochmals auf Ihren Rombach zurückkommen.

Sein Gedanke, unsere Gegenwart bzw. seine Situation bestehe aus einem Ineinander von Gegenwarten in Gegenwarten in . . . hat mich auf eine Idee gebracht:

Verstehen wir die letzte oder kleinste Gegenwart dieses Ineinanders als Zeit-Punkt, so ließe sich hiermit vielleicht der Zusammenhang unserer zwei ZEITEN erklären. Eventuell müßten wir dann sogar darüber nachdenken, ob es tatsächlich zwei ZEITEN sind.“

Toll von Ihnen; genauso sieht es auch Rombach:

„Die Zeit als ‚Ablauf‘ konstituiert sich durch ihre Mehrdimensionalität, bzw. dadurch, daß das Wechseln von Gegenwarten im Hinblick auf umfassendere Gegenwarten als ein ‚Nacheinander‘ erlebt werden kann. Das Nacheinander der Zeit gründet also im Ineinander der Gegenwarten.“

 

Wir hatten die Erlebungen als eine chaotische Mannigfaltigkeit eingeführt; darin lassen sich zwar verschiedene Facetten voneinander unterscheiden, sie besitzen jedoch keine Identität.

Unser Leiben ist noch schlimmer, denn es kennt nicht einmal Differenzen.

Wissungen bilden das glatte Gegenstück dazu; sie sind sowohl identisch als auch unterschieden.

Damit drängt sich die nachstehende Tabelle förmlich auf:

 

 

  Gegenwart  
  Bewußtsein
 
  zeitlich(p)  
           
  Wissungen Subjekte Erleb(ung)en Leiben  
           
Identität ja ja nein nein  
Verschiedenheit ja nein ja nein  
           
  Formen
———— Eisschollen Wasser  
  zeitlich(t) ———— zeitlich(t) ————  
Konstanz näherungsweise ———— näherungsweise ————  

Abbildung 1.12.

 

Fraglich ist nur, ob es uns gelingt, die Subjekte sinnvoll in der bisher noch freien Spalte einzuordnen.

Dazu müssen wir zunächst deutlich zwischen Identität und Konstanz unterscheiden.

 

Letztere ist in der Zeit(p) nur näherungsweise möglich und wird von ihr immer wieder hinweggefegt. Wissungen müssen für eine gewisse Dauer konstant sein, um überhaupt als Wissungen fungieren zu können; was kontinuierlich anders wird, kann keine Wissung sein. „Weiß“ ich sogleich nicht mehr, daß ich telefonieren wollte, dann weiß ich es nicht.  

Diese näherungsweise Konstanz der Wissungen überträgt sich natürlich auf die Erlebungen, weil jene die Formen von diesen – Eisschollen – bilden.

 

Die Identität hat dagegen nichts mit der Zeit(p) zu tun, sondern besagt ganz einfach die Unabhängigkeit von Raum(t) und Zeit(t). Was identisch ist, muß sowohl hier und dort als auch dann und wann übereinstimmen.

Das Identische kommt den beiden Wissungsformen zuvor, und wenn sie sich in ihm entfalten, muß somit alles Identische überall und immer gleich, das heißt all- und immergegenwärtig sein.

Sprechen wir Gott eine Allgegenwart zu, so ist das also nichts Besonderes, sondern die gilt auch für uns Subjekte und unser Leiben.

Das klingt nur irrsinnig – und ist eine Aufforderung, mein Buch sofort zu schließen, –, solange wir mit der Tradition glauben, (im wesentlichen) unser Körper zu sein. Der befindet sich natürlich nur an einer bestimmten Stelle der Raum(t)-Zeit(t) und kann unmöglich allgegenwärtig sein.

Ebensowenig wie Jesus von Nazareth; Christus dagegen ist es natürlich mit uns Subjekten, und einen Körper hat Christus auch; bei ihm heißt er „Jesus“ und bei mir „Johannes“. 

 

Damit läßt sich en passant die Frage klären, was es heißt, daß wir Subjekte einen Körper besitzen: 

Erstere sind transzendent und können somit von uns – niemals erkannt, sondern höchstens – anerkannt werden. Tun wir das, wird unser Weltbild VG anders; wir wissen nicht wie und können somit auch nichts Vernünftiges dazu sagen.

Anerkennen wir das transzendente Subjekt jedoch nicht, bleibt es beim Weltbild VG und damit auch bei dem alten Körper.  

Dieser fällt folglich mit dem Subjekt, das ihn hat, zusammen, wenn wir es nicht in seiner Wirklichkeit anerkennen

AD: „Die traditionelle Philosophie wäre demnach eine solche der Nicht-Anerkennung?“

Ja; und ohne die Zeit(t) – speziell ohne ZG – kann sie ja auch gar nichts anderes sein. Das „Innen“, das die traditionelle Philosophie als Ersatz erfindet, gehört letztlich zur objektiven Realität und bildet – ebenso wie die materielle – eine bloße Hinterwelt.

 

Ein Subjekt leibt in der Zeit(p). Das klingt auch wieder seltsam, Leiben meint aber ganz einfach das „Leben eines Embryos“, das noch keinerlei Wissungen kennt; Leiben ist Leben ohne Wissungen.

Mit ihnen fehlen sämtliche Unterschiede.

Diese entstehen meines Erachtens erst sowie allein durch Raum(t) und Zeit(t); damit schließen wir uns beispielsweise Schopenhauer oder dem Zen-Buddhismus an. Ihnen zufolge bilden Raum(t) und Zeit(t) das principium individuationis, das die Vielfalt der Wissungen und damit Erlebungen hervorbringt.

 

Nun wird zum einen vielleicht schon einsichtiger, daß sowohl die Subjekte als auch ihr Leiben und Leben nicht Raum(t) und Zeit(t) angehören können. Es wäre widersprüchlich, würden wir annehmen, in dem zu leben, was durch eben dieses Leben erst erzeugt wird.

Zum anderen verstehen wir, daß die Vielfalt der Erlebungen und Wissungen notwendig ist:

Ohne sie gäbe es keine Begründungen und damit auch keine Freiheit, denn sie besteht in einem Entscheiden aus Gründen.

 

An dieser Stelle bietet es sich an, den Untertitel unseres Buches, „Metaphysischer Explikationismus“, ein wenig verständlich zu machen: 

Wir explizieren das Leiben zum Leben;  das ist ein Entfalten oder Ausfalten in Raum(t) und Zeit(t) hinein. Aus dem Leiben ohne Welt wird ein Leben – nicht in, aber – mit der Welt. Das „Leben eines Embryos“ wird aufgehoben – beendet, bewahrt und erhoben – in dem unsrigen.

AD: „Und jetzt können Sie uns bestimmt noch erklären, weshalb das „Leben eines Embryos“ immer mit Anrührungszeichen geschmückt ist?“

Das ist ganz einfach: Es gibt nur das Leben von Subjekten; darin sind vielleicht Embryo-Wissungen enthalten, aber  die besitzen niemals ein Leben. Das „Leben eines Embryos“ ist das Leben desjenigen Subjekts, das den Embryo als seinen Körper betrachtet.

 

„Explikationismus“ allein würde nicht genügen, weil wesentliche Teile von Hegels recht anderer Philosophie unter der Überschrift „Erkenntnistheoretischer Explikationismus“ kursieren.

Da Ontologie die Lehre von den traditionellen Seienden ist, kommt „ontologisch“ als ergänzendes Prädikat nicht infrage, und so ergab sich recht geradlinig die gewählte Bezeichnung. Die Metaphysik kommt bei den Schriften des Aristoteles zufällig und bei uns im Sinne einer Verallgemeinerung nach der Physik; daß wir uns dabei keiner Hinterwelt zuwenden, dürfte bereits deutlich geworden sein. 

„Philosophie der Orientierung“ – an unserem subjektiven Weltbild – hätte ebenfalls sehr gut gepaßt, aber diesen Namen nutzt bereits Werner Stegmaier für seinen eigenen, dem unsrigen teilweise recht nahestehenden Entwurf.

 

AD: „Ja; das klang nicht ganz schlecht; daß wir Subjekte allgegenwärtig sind, kam durchaus etwas überraschend für mich, kann ich aber durchaus nachvollziehen. Nur daß wir alle ununterschieden sein sollen – Sie und ich beispielsweise –, leuchtet mir gar nicht ein; ich sehe (zum Glück) durchaus ein paar Differenzen . . .“

Nein; das sind wir auch nicht! Entschuldigung; daß Sie mich in dieser Form falsch verstanden haben, liegt allein an mir:

 

Solange die Subjekte nur leiben, existieren keine Unterschiede; die bringen erst Raum(t) und Zeit(t) als das Individuationsprinzip mit sich, indem sie unser Leiben zum Leben explizieren.

„Vor“ dieser Explikation gibt es aber nicht nur keine Unterschiede, sondern auch keine Übereinstimmungen; ohne Vielfalt sind auch letztere ausgeschlossen. Wir Subjekte und unser Leiben befinden sich also jenseits von Unterscheidung und Übereinstimmung, weil beide erst sowohl durch als auch in Raum(t) und Zeit(t) möglich werden.

 

AD: „Entweder stimmen A und B überein, oder sie unterscheiden sich.

Das ist zwar eine vollständige Altenative, aber nur in der Raum(t)-Zeit(t) oder dem Weltbild.“

Und was außerhalb davon gilt – insbesondere also wie wir beide als Subjekte uns zueinander verhalten – können wir prinzipiell nicht wissen, weil sämtliche Wissungen an unser „raum(t)-zeitliches(t) Weltbild gebunden sind.

2. Darstellung grund-legender Wissungen

Wir denken über unsere Wissungen nach, systematisieren sie, suchen darin nach Widersprüchen, Tautologien oder möglichen Vereinfachungen, schätzen die Wissungen als selbstverständlich, zufällig bzw. unmöglich ein, argumentieren und urteilen mit ihnen; obwohl sie unwirklich sind.

Wie Bilder und Begriffe . . .; da wir mit beiden denken können, verstehen wir die Wissungen im weiteren als Einheit aus Bild und Begriff; die Art der Kombination oder das „Mischungsverhältnis“ muß uns im allgemeinen nicht interessieren.

Ein Architekt, Künstler oder Gärtner, der nicht auch in Bildern denkt, ist wohl ausgeschlossen. Durch unsere Anpassung an das moderne intellektualistische Weltbild übersehen wir jedoch häufig, daß die Annahme, wir würden allein in Begriffen denken, nur die halbe Wahrheit darstellt.

In diesem zweiten Teil sollen unsere grund-legenden Wissungen etwas deutlicher werden.

 

Ohne die objektive Realität mit ihren Referenten(t) sind die Wissungen keine Abbilder, sondern lediglich Denkwerkzeuge; sie können weder wahr noch unwahr und weder richtig noch falsch sein, sondern sind lediglich mehr oder weniger fruchtbar, nützlich, sinnvoll oder elegant. Für das, was uns wichtig ist, müssen wir die geeigneten Denkwerkzeuge selbst kreieren, wie ich dies – wohl zu Ihrem Leidwesen – häufig tue. 

„Wer weiter denkt, hat Recht“ (Georg Picht), und gut sind diejenigen Denkwerkzeuge, die uns dabei helfen, indem sie unsere Überlegungen erleichtern, abkürzen, in die gewünschte Richtung führen oder weitere Möglichkeiten eröffnen und Sackgassen sowie Widersprüche vermeiden.

 

Das ist natürlich immer so, auch im traditionellen Ansatz. Sind die Denkwerkzeuge jedoch so geschickt gewählt, daß wir mit ihnen gut zurecht- und vorwärtskommen – was auch immer das nun heißen mag –, kann sich schon die Überzeugung einschleichen, wahre Wissungen gefunden zu haben, die die Seienden bzw. Referenten(t) einer angeblichen objektiven Realität adäqut wiedergeben.

Aber „die Meinung, die sich am Ziel glaubt,“ schrieb Josef Simon, „blockiert das Verstehen“. In seiner „Philosophie des Zeichens“ kommt dies sehr elegant zum Ausdruck:

 

Solange wir verstehen, gibt es weder Zeichen noch deren Bedeutungen, sondern wir denken oder sprechen ganz unmittelbar von unseren Erlebungen und Wissungen. Dieses – einfach von selbst gelingende – Verstehen endet irgendwann in letzten „Erlebungen“ bzw. „Wissungen“.

Aber das sind dann schon keine Erlebungen resp. Wissungen mehr, sondern an deren Stelle treten Nicht-Verstehungen.

Das sind Zeichen, weil sie unverstanden bleiben und dadurch nach einer Bedeutung verlangen. Erlebungen oder Wissungen spalten sich im Nicht-Verstehen auf in gegebene Zeichen plus fragliche Bedeutungen

 

Zeichen müssen eine Bedeutung besitzen; natürlich.

Aber es gibt keine Zeichen neben anderen Entitäten, die nicht Zeichen sind.

Vielmehr kann ausnahmslos alles Zeichen sein; und das wird es, wenn wir etwas nicht verstehen und deswegen nach seiner Bedeutung fragen.

Verstehen wir die Antwort wiederum nicht, stellt sie erneut nur ein Zeichen dar.

Die endgültige Antwort ist kein Zeichen mehr, so daß wir  wieder oben beginnen können:

„Solange wir verstehen, gibt es weder Zeichen noch deren Bedeutungen . . .“ 

 

Als bloße Denkwerkzeuge ermöglichen die Wissungen jedoch nicht nur unsere Antworten, sondern bereits die ihnen zuvorkommenden Fragen, die ja ebenfalls gedacht werden müssen.

Damit läßt sich nicht ausschließen, daß wir möglicherweise mit ungeeigneten Mitteln die falschen Probleme zu lösen versuchen.

 

AD: „Sie betreiben Ihre Haarspalterei mit den vielen verschiedenen grundlegenden Wissungen also, um möglichen Denkfehlern – sowohl bei den Fragen als auch bei den Antworten – vorzubeugen?“

Unter anderem auch das; Philosophieren ist Hegel zufolge die „Anstrengung des Begriffs“ und Bildes (im genitivus subjectivus sowie objectivus); was sollte es auch anders sein können? Und diese „Haarspalterei“ lohnt sich, wenn sie hilft, Fragen – nicht nur richtig zu beantworten, sondern – im Sinne eines reicheren Lebens erst einmal richtig zu stellen.

Zur Freiheit der Philosophie gehört, daß sich unsere Antworten allein aus dem Denken ergeben (müssen); ohne allen Einfluß von außerhalb. Die Antworten; bei den Fragen ist das anders; sie sollten keineswegs „frei“ gewählt werden, weil nicht alle Fragen frag-würdig sind. Zu unserer Verantwortung gehört es vielmehr ganz wesentlich, darüber zu entscheiden, was uns tatsächlich wichtig ist.

 

Die Tradition beantwortet zahllose Fragen auf geniale Weise, die aber heute nicht mehr von Interesse sind; niemand stellt oder versteht sie auch nur. Ohne die zugehörigen Fragen sind jedoch selbst die tollsten „Antworten“ keine Antworten mehr.

Noch für Martin Luther war die Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ ein Herzensanliegen; kennen Sie viele Menschen, die heute von dieser Sorge gequält werden?

Die meisten von uns haben ganz andere Probleme. Eine glaubwürdige Verkündigung – im weitesten Sinne des Wortes – darf den Menschen nicht die alten Fragen einreden wollen, weil dafür vorgestanzte (Schein-)Lösungen abgerufen werden können, sondern muß versuchen,

die gegenwärtig entscheidenden Fragen zu finden und

darauf befriedigende, weil hilfreiche und damit auch verständliche Antworten zu geben.

 

Ich behaupte keineswegs, den optimalen Weg für den Übergang vom traditionellen zu unserem postmodernen Ansatz gefunden zu haben. Aber selbst wenn es so wäre, ließen sich stetige Korrekturen an denjenigen Wissungen, die am Anfang unserer Überlegungen stehen, prinzipiell nicht vermeiden:

Alle Wissungen hängen voneinander ab; wird eine von ihnen überarbeitet, so wirkt sich dies letztlich auf sämtliche anderen (zumindest ein klein wenig) aus. Aber wir tun die ganze Zeit nichts anderes, als Wissungen zu canceln, kreieren und korrigieren, so daß am Ende alle eine andere Bedeutung haben werden als zu Beginn.

Nachdem wir an A, B und C explizit gearbeitet und sie dadurch in A‘, B‘ bzw. C‘ umgeformt haben, müssen wir notwendigerweise auch D, das bisher vielleicht gar keine Rolle spielte, korrigieren, denn es paßt nicht mehr – pardon: noch nicht – zu A‘, B‘ und C‘.

 

Wir arbeiten an unseren Wissungen, können das aber nur mittels eben dieser Wissungen tun.

Bildlich ausgedrückt entspricht das dem Umbau eines Schiffes auf hoher See, das heißt, ohne Trockendock. Aus dem traditionellen soll am Ende ein postmodernes Schiff werden. In der Übergangszeit benötigen wir aber wenigstens noch ein Wrack, das zwar keines von beiden, aber doch seetauglich genug ist, um nicht vor lauter umbaubedingten Ungenauigkeiten, Fehlstellen, Zweideutigkeiten und Widersprüchen unterzugehen. 

Dieses Untergehen versuche ich zu vermeiden, indem wir häufig – ausgehend vom jeweils gegenwärtigen Wrack – das nicht mehr existierende Schiff „Abbilden“ dem noch nicht existierenden Schiff „Explizieren“ gegenüberstellen.

 

Wenn Sie nach dem Durcharbeiten dieses Buches so denken wie zuvor, war Ihre Mühe vergebens und Sie hätten die investierte Zeit wesentlich besser nutzen können.

Deswegen lese ich kaum Arbeiten, die mir Recht geben; eine in diesem Sinne angepaßte Literatur-Auswahl mag psychologisch verstanden angenehm sein und guttun, ist aber ebenso langweilig wie sinnlos, weil sie mich keinen Deut weiterbringt. Sie gibt mir lediglich Recht; mir geht es aber um Verstehen und weder um Bestätigung noch darum, Recht zu haben.

Die ersten Wissungen ermöglichen uns einen Start; wir denken mit ihrer Hilfe und gelangen zu weiteren Wissungen, denken mit ihrer Hilfe und gelangen . . . Am Ende benutzen wir zwar möglicherweise immer noch die gleichen Worte, um unsere Wissungen zu bezeichnen, aber letztere sind kontinuierlich anders geworden.

 

Ein Buch, dessen Ende begrifflich völlig zum Anfang paßt, entspricht einem zeitlosen(p) Kreis und kann bestenfalls unterhaltsam sein. Wir versuchen, ihn durch eine Spirale zu ersetzen, deren Hub in Richtung der Zeit(p) weist.

Sie haben jetzt bestimmte Wissungen beispielsweise von Subjekt, Gott, Freiheit oder Welt. Diese und die allermeisten Worte überhaupt benutzen wir auch am Ende dieses Buches noch, aber mit einer – hoffentlich – anderen Bedeutung.

 

Wolfgang Welsch formulierte diese Zusammenhänge besser, als ich es vermag:

„Das Eigentümliche philosophischer Reflexionen besteht darin, daß sie ihre Ausgangsbegriffe in Bewegung, oft gar in Taumel versetzen und zum Umschlag bringen. ‚Dialektik‘ war von Platon bis Adorno das Wort dafür. Wer . . . identisch durchzuhaltende Bestimmungen geben möchte, könnte sich die Überlegungen und sollte den anderen seinen Vortrag ersparen.“

 

Letztlich korrigiert jedes gute Gespräch die eigenen Wissungen (ein wenig).

Das wußte bzw. weiß natürlich auch die Tradition, ist aber für sie ziemlich belanglos, weil die objektive Realität mit ihren Seienden oder Referenten(t) angeblich das Richtmaß darstellt, an dem man sich – nach jeder geistigen Ver(w)irrung – immer wieder neu orientieren kann und soll.

Diese immerwährende Hilfe fehlt uns; wir haben nur die Wissungen und befinden uns mit der subjektiven Realität und ihren Objekten bzw. Referenten(p) dort, wohin auch immer uns die Wissungen der Vergangenheit und unsere gegenwärtigen Entscheidungen geführt haben. Es gibt nichts anderes als diesen Status quo, und wir allein bestimmen, wohin er sich entwickeln wird.

Daß sich in diesem Zusammenhang eine vernünftige – und sogar sehr rationale – Theorie der sogenannten „Erbsünde“ förmlich aufdrängt, bedürfte wohl kaum der Erwähnung.

2.1. Bewußtseinswandel

Daß wir gegenwärtig einen kollektiven Bewußtseinswandel erleben, muß wohl kaum begründet werden; hierfür genügt ein Blick in die Tagespresse.

Ich versuche, ihn als Übergang von der Tradition zur Postmoderne zu verstehen. Aber bevor wir auf diese beiden Begriffe zu sprechen kommen, erhebt sich die Frage, worin ein Bewußtseinswandel überhaupt besteht. Läßt er sich mittels bloßer Veränderungen adäquat beschreiben? Welche anderen Möglichkeiten sind im Falle eines „nein“ denkbar?

 

„Entweder veränderlich oder unveränderlich“ ist eine vollständige Alternative.

Aber für uns gibt es gar nichts an sich – auch keine Alternativen –, sondern alles nur im lebendigen Gebrauch; in diesem Fall heißt das: Wir sprechen über Erleb(ung)en oder Wissungen – das Zeitliche(t) also –, und allein sie sind veränderlich oder unveränderlich.

Das entspricht völlig dem „entweder gerade oder ungerade“; auch das gilt nicht objektiv, sondern nur für die ganzen Zahlen unserer Mathematik oder noch genauer: beim Rechnen und Zählen.

Das Leiben kann somit weder veränderlich noch unveränderlich sein – weil es keinerlei Wissungen enthält bzw. nicht zeitlich(t) ist.

 

Analog dazu führen wir für das Zeitliche(p) – das Leiben sowie die Erleb(ung)en also – die vollständige Alternative „entweder veranderlich oder unveranderlich“ ein.

Das Zeitliche(p) ist die Wirklichkeit, und allein sie kann sich andern oder nicht-andern, so daß wir entsprechend dem Resultat soeben erhalten:

Die Wissungen können weder veranderlich noch unveranderlich sein – weil sie keinerlei Wirklichkeit enthalten bzw. nicht zeitlich(p) sind..

 

AD: „Das war mir ein wenig zu formal . . .

Da Sie gar nicht gesagt haben, worin das Andern besteht, können Ihre letzten Sätze wohl kaum falsch sein – helfen uns aber auch nicht weiter, sondern erinnern mich ein bißchen an die traditionelle Hinterwelt:

Was macht das Leiben, wenn es sich andert? Und wie unterscheidet es sich vom ungeanderten?

Wir kommen wahrscheinlich nur gemeinsam weiter, wenn Sie uns derartige Fragen beantworten.“ 

 

Das geht prinzipiell nicht, denn das Leiben entspricht dem „Leben eines Embryos“ und kennt somit noch keinerlei Wissungen.

AD: „Moment, bitte; jetzt werfen Sie zwei völlig verschiedene Dinge durcheinander:

Der Embryo verfügt natürlich über keinerlei Wissungen, das ist klar; aber Sie besitzen welche; und wir wollen ja auch – nicht von dem Embryo, sondern – von Ihnen wissen, was sein Bewußtsein, Leiben oder Leben ausmacht.“

Nein; dieser Einwand trifft mich nicht, weil Sie dafür eine traditionelle Voraussetzung benötigen, die wir beide nicht (mehr) teilen sollten:

Sie betrachten das „Leben des Embryos“ als einen seienden – vorgegebenen bzw. vorhandenen – Referenten(t), von dem man folglich wahre und falsche Wissungen haben kann; es handelt sich dabei gewissermaßen um solche „von außen“.

Wir dagegen kehren diese Denkrichtung um, kennen nur Wissungen „von innen“, beginnen bei ihnen und ergänzen sie im positiven Falle durch Referenten(p). Aber das alles ist selbstverständlich nur möglich, wenn Wissungen bestehen.

Beim „Leben eines Embryos“ gibt es aber keine; weder besitzen wir Wissungen „von innen“, noch hat der Embryo welche – was bei einem Objekt jedoch ohnehin ausgeschlossen ist. Wissungen „von innen“ kann natürlich nur jedes Subjekt von sich selbst haben.

 

Aber ganz abgesehen davon verstehe ich natürlich Ihr Anliegen und stimme Ihnen auch vollkomen zu. Die Gefahr in eine Hinterwelt abzudriften ist besonders in der Philosophie, Theologie oder Psychologie riesengroß; aber das sollte uns auch nicht verwundern, wenn selbst viele Naturwissenschaftler glauben, von einer objektiven Realität zu sprechen.

 

Auch ganz ohne Bewußtseinswandel andert sich das Leiben – weil es zeitlich(p) ist – und ändern sich Wissungen – weil sie zeitlich(t) sind; die Erlebungen tun natürlich beides.

Durch den Bewußtseinswandel kommt es zu differenten Anderungen bzw. Änderungen. Natürlich vermag ich nur bei letzteren, Ihnen Beispiele zu nennen, weil wir allein sie wissen können:

Ein ökologie-bedingter Bewußtseinswandel kann dazu führen, daß der Bezinpreis steigt, wir Häuser isolieren, auf der Autobahn langsamer fahren und seltener oder nicht so weit in den Urlaub fliegen.

So wie es also differente Änderungen gibt, sind auch differente Anderungen möglich, die wir aber – ohne Wissungen – natürlich nicht von den nicht-differenten unterscheiden können. 

2.1.1. Tradition

Mit der Tradition fassen wir drei Phasen der abendländischen Geistesgeschichte zusammen, nämlich die Antike, das Mittelalter und die Moderne. Ich möchte Sie bei Ihren gegenwärtigen Überzeugungen abholen, und gehe hierzu davon aus, daß diese der Moderne entsprechen; das postmoderne Denken bildet unser gemeinsames Ziel.

Die Neuzeit, könnten wir unsere Unterteilung abrunden, setzt sich damit aus der Moderne und Postmoderne zusammen.

 

Die drei traditionellen Phasen vereint die Überzeugung, daß etwas allen Menschen objektiv Vorgegebenes existiert, das unabhängig von uns ist und dem wir uns folglich unterzuordnen oder anzupassen haben

In der Antike war das der (nicht-physikalische) harmonische Kosmos, so daß die Philosophie im wesentlichen eine Kosmologie darstellte. Sie hatte mit der heutigen natürlich nahezu gar nichts gemein, so daß auch Schönheit oder Ästhetik und die Zahlenmystik der Pythagoräer problemlos darin untergebracht werden konnten.

Das christliche Mittelalter ging von Gott aus, der uns gemeinsam mit seiner Schöpfung vorgegeben ist; wir haben Gottes Willen zu folgen und uns dem zugehörigen Naturrecht unterzuordnen. Die Philosophie wird im Kern zur Theologie und das teilweise so enggeführt, daß Heidegger sinnvoll von einer Onto-Theologie sprechen konnte.    

In der Moderne wird die Schöpfung zur Natur oder Materie, die Philosophie zur Anthopologie und die – sich nun erst daraus abspaltende – Wissenschaft weitgehend zum Materialismus, das heißt, zu der Annahme, die uns vorgegebene objektive Realität bestände letztlich aus Materie, so daß wir irgendwann ausnahmslos alles allein mittels der Physik und ihren Folgedisziplinen – Chemie, Biologie und natürlich auch Medizin oder Psychologie – verstehen werden.

 

Die Annahme, es gäbe etwas uns objektiv Vorgegebenes, führt zu Konseqenzen, bei denen ich froh und dankbar bin, sie nicht mehr glauben zu brauchen:

1. Das uns Vorgegebene muß erkannt werden, damit wir überhaupt leben können.

2. Daraus ergibt sich die große Bedeutung des Wissens in der abendländischen Kultur, die keineswegs selbstverständlich ist, wie beispielsweise ein Vergleich mit dem chinesischen Denken (François Jullien) recht deutlich zeigt.  

3. Die Wahrheit besteht dann nahezu zwingend darin, die uns vorgegebene objektive Realität adäquat abzubilden und durch die richtigen Wissungen zu repräsentieren.

4. Sie muß somit für alle Menschen aller Zeiten die gleiche – objektive, absolute oder ewige – Wahrheit sein.

5. In jeder Phase gibt es „Experten“ – Philosophen, Theologen bzw. Naturwissenschaftler –, die auf wunderbare Weise zu einer solchen wahren Erkenntnis fähig sind.

6. Ihnen haben sich alle unterzuordnen; wer es anders sieht, irrt.

7. Das führt zu einer grenzenlosen Gleichmacherei; stets gibt es viele „Rechtgläubige“ (und ein paar Häretiker).

8. Ein solches Denken bildet die ideale Basis für alle Totalitarismen jeglicher Couleur, weil die unsinnigsten Behauptungen möglich sind und von den systemtragenden „Experten“ gerechtfertigt werden können.

 

Die angebliche Welt(t) wurde in der Moderne so vielgestaltig, daß es notwendigerweise zu einer „Funktionalisierung der Gesellschaft“ (Niklas Luhmann) kam, das heißt, zu deren immer stärkeren Zerfall in getrennte Teilbereiche, die sich kaum noch etwas zu sagen haben; Sport, Wirtschaft, Vereinswesen, Bildung, Familie, Erziehung, Verwaltung, Juristerei, Freizeit, Religion, Wissenschaft usw.

An letzterer können wir uns diese Entwicklung besonders leicht verdeutlichen: Der zu untersuchende Bereich des uns angeblich Vorgegebenen wird für den Fachmann immer kleiner, und die sogenannte „Interdisziplinarität“ besteht zumeist nur darin, daß völlig disparate Artikel, deren Autoren sich kaum noch über ihre Forschungsrichtungen austauschen können, zwischen den gleichen Buchdeckeln zusammengebunden werden.

Noch im Mittelalter verhielt sich das ganz anders, weil das Leben sowohl des Einzelnen als auch der Gesellschaft weitestgehend durch den Glauben geprägt war. Das wird besonders am Jahres-Rhythmus deutlich, der im Sinne des christlichen Kalenders von Feier-, Gedenk-, Todes- und Namenstagen bestimmt wurde.

Natürlich gab es auch damals verschiedene Sphären oder Bereiche, aber sie waren alle durch den gemeinsamen und selbstverständlichen Glauben zusammengehalten; er bildete – nicht nur das vereinende Band, sondern – den integralen Hintergrund, vor dem die moderne Funktionalisierung der Gesellschaft schwerlich denkbar gewesen wäre. 

2.1.2. Postmoderne

Diesem Flickenteppich der Gesellschaft versucht die Postmoderne entgegenzuarbeiten; nicht zuletzt, indem sie betont, daß wir – nicht über etwas und damit fast jeder über etwas anderes, sondern – miteinander sprechen. Dabei treffen Wissungen auf Wissungen oder Überzeugungen auf Überzeugungen – ganz ohne alle vorgegebenen Referenten(t).

Man könne nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, sagten uns vielleicht die Lehrer in der Grundschule; und man kann ganz gewiß nicht Wissungen mit Referenten(t) vergleichen, ergänzen wir.

 

Existierten letztere und bezögen sich unsere Wissungen darauf, würden diese immer umfangreicher werden, so daß gegen die weitere Aufspaltung der Einzelwissenschaften tatsächlich kein Kraut gewachsen wäre; für 1000 Forschungsbereiche sind dann zwangsläufig bald 1000 Wissenschaftler notwendig.

Ohne die Seienden sprechen wir jedoch nicht quasi-solipsistisch von etwas, sondern miteinander über unsere Wissungen. Folglich beziehen sich die Wissungen meines Kollegen nicht auf andere Seinsbereiche, so daß ich sie – mit bestem Gewissen – ablehnen kann, sondern es sind Wissungen, die – sofern sie gut sind – vielleicht ebenso zu meinem Weltbild gehören sollten wie zu dem seinigen.

 

Die Postmoderne bemüht sich um eine Einheit in Vielheit, wie sie sich aus unserer Freiheit ergibt.

Einheit in Vielheit:

Wir sprechen miteinander, und der andere schildert mir seine Erlebungen. Mehr kann er diesbezüglich gar nicht tun für mich; was er mir übermittelt, wäre ohne ihn unerreichbar, weil ich mein und nicht sein Leben lebe. Jeder kann vom anderen lernen, sofern er ihn in seiner Andersheit anerkennt.

Einheit in Vielheit:

Aus der modernen Disparatheit des Vorgegebenen wird postmodern die Einzigkeit der vielen Subjekte, ihrer Bewußtseine und Leben. Wem Freiheit überaus wichtig ist, der kann schwerlich anders denken, so daß wir unseren Ansatz auch als den Versuch zu einer Philosophie der Freiheit verstehen können.

„Die Wahrheit wird Euch frei machen“ aus dem achten Kapitel des Johannesevangeliums steht an der Fassade der Freiburger Universität. Ich bin überzeugt, daß dieser Satz ebenso richtig ist wie seine Umkehrung: „Ohne Freiheit gibt es auch keine Wahrheit.“

Der aus beiden Sätzen bestehende Zirkel bildet vielleicht die Triebkraft unseres geistigen Lebens, und deshalb halte ich es für grundlegend wichtig, den Glauben heute zu (be)denken.

 

Jean-François Lyotard, einem der philosophischen „Väter“ der Postmoderne, zufolge bestehe diese im „Ende der großen Metaerzählungen“, die von (praktisch) der gesamten Gesellschaft getragen werden. Derartige Geschichten sind wohl nur möglich, wenn bzw. insoweit sie aus dem angeblich Vorgegebenen abgeleitet werden können.

Im MIttelalter war das die christliche Geschichte von Schöpfung, Erlösung und Vollendung.

In der (neueren) Moderne glauben die meisten von uns zum Beispiel an die Märchen von der Evolution oder dem heilsamen und letztlich allen Menschen zugutekommenden Wirken der „unsichtbaren Hand“ Adam Smiths: Werden die Reichen – hoffentlich – noch reicher, wird es bald auch den Armen gutgehen.

 

Natürlich soll und wird es weiterhin große Geschichten geben, und ich bin überzeugt, daß ohne sie gar keine sinnvolle Gestaltung des eigenen Lebens möglich ist; wir benötigen ein Gesamtbild von ihm. Aber jeder von uns hat seine eigene Freiheits-Geschichte, und deswegen will die Postmoderne zwar die Funktionalisierung der Gesellschaft abbauen, aber ohne wieder einen integralen Hintergrund zu errichten.

Die Güte oder der Wert der großen persönlichen Freiheits-Geschichten tritt damit an die Stelle der angeblichen Wahrheit der Metaerzählungen.

 

Die Postmoderne begann in den 60-er Jahren mit der Architektur, hatte in der Kunst jedoch schon seit langem Vorläufer. Im- und Expressionismus der Malerei gehörten bereits dem ausgehenden 19. Jahrhundert an; die postmoderne Literatur begann mit dem 20., und bei den Improvisationen der Musik – sprichwörtlich beim Jazz – wissen wir alle recht gut, daß sie nicht mehr darauf zielen, irgendetwas – Vorgegebenes – wiederzugeben oder darzustellen.

Philosophisch, das heißt, in dem uns interessierenden Zusammenhang bedeutet das Fehlen aller Vorgaben, daß keine objektive Realität existiert. Letztere bestände aus den Referenten(t) der wahren Wissungen, und die entfallen in der Postmoderne beide – nun auch offiziell.

 

Natürlich können wir wie die Traditionalisten und mit ihnen völlig problemlos und ohne irgendwelche Differenzen von der Venus, Sonne oder Milchstraße sprechen. Dann schildern beide Seiten ihre diesbezüglichen Wissungen. Wir lassen es dabei bewenden, während traditionell ausgerichtete Subjekte den Anspruch erheben, mit uns über die „wirkliche“ Venus Sonne bzw. Milchstraße gesprochen zu haben.  

Wir stutzen bei dieser Behauptung, denn während unseres Gesprächs war von einer solchen – scheinbar grundlegenden – Differenz gar nichts zu bemerken; jetzt im Nachinein kommt ein solcher Zusatz.

 

Was besagt er dann eigentlich? Bedeutet er überhaupt etwas, wenn sich diese Annahme im Gespräch gar nicht auswirkt?

Ja; doch:

Die Traditionalisten können sich – jederzeit und ganz willkürlich an einer x-beliebigen Stelle unseres Gesprächs – das Recht herausnehmen, ihre Wissungen als die „richtigen“ und damit als „wahr“ zu betrachten.

Sie vermögen das freilich nicht zu rechtfertigen – und wir nicht zu verstehen.  

2.2. Das Ganze – Einheit von "Schöpfer" und "Schöpfung"

AD: „Darf ich bitte noch einmal auf Ihre Anderungen zurückkommen.

Sie haben die eingeführt, ohne eine Definition oder auch nur Erklärung anzugeben: ‚Dort muß sich etwas tun, aber wir können prinzipiell nicht wissen was‚ ist ja wohl ein bißchen wenig.“  

Ja; ein solches Vorgehen scheint auf den ersten Blick sehr fragwürdig zu sein; ich werde in diesem Kapitel versuchen, Ihr verständliches Befremden ein wenig zu verscheuchen.

 

Aber zur Rechtfertigung dafür, Worte einzubringen, deren Bedeutung vorerst nicht verstanden wird, können wir uns problemlos auf große Vorbilder berufen; Aristoteles beispielsweise. Auch er mußte bei der objektiven Realität – (die bei ihm natürlich noch anders hieß) – davon ausgehen, daß „dort“ mit Sicherheit etwas vorhanden ist, was wir jedoch prinzipiell nicht wissen können. Aristoteles ließ sich dafür das völlig nichtssagende Wort „Materie“ einfallen – was bis heute viele Menschen zu der absurden Annahme verleitet, die objektive Realität bestehe aus Materie.

Das tut sie natürlich nicht; jene ist inexistent, und von dieser wissen wir ebensowenig, was das sein soll, wie Aristoteles selbst:

„Das, was es gar nicht gibt, besteht aus ‚keine Ahnung‘.“

 

Nicht nur das Ihnen suspekt erscheinende Andern, sondern auch Wirklichkeit, Subjekt, Leiben oder Leben sind in keiner Weise wißbar, weil sie gar nicht die dazu erforderliche Struktur besitzen. Es handelt sich also – wie bei der Aristotelischen Materie – keineswegs um ein Problem, das wir in Zukunft noch lösen werden; aber nicht weil es prinzipiell unlösbar ist, sondern weil es ein Scheinproblem darstellt. 

Die Frage, ob Gedanken grün sind, ist ebenfalls sinnlos und nicht schwierig.

 

AD: „Ihr ‚Dualismus‘ von Wirklichkeit und Wissungen erinnert mich sehr an das traditionelle Verständnis der Seienden; auch sie vereinen in sich zwei völlig disparate Aspekte.

Zum einen besitzen sie eine Existenz, ein Sein oder Daß; daraus wird bei Ihnen die Wirklichkeit.

Und zum anderen stellen die Seienden – freilich ebenso wie die Nicht-Seienden, denen jedoch Existenz, Sein oder Daß fehlen, – etwas Bestimmtes dar; ein Pegasus ist ein Pegasus, auch wenn es ihn gar nicht gibt. Sowohl Seienden als auch Nicht-Seienden kommen also eindeutige Bestimmungen zu; beide besitzen eine Essenz, ein Wesen oder Was – Ihre Wissungen.“

 

Danke; das war sehr gut und hilft uns ein ganzes Stück weiter:

Der entscheidende Punkt an Ihrer Analogie besteht für mich zum einen darin, daß die beiden Aspekte jeweils absolut nichts miteinander zu tun haben:

Das Sein besitzt keine Wesenheiten, und die Wesenheiten haben kein Sein.

Die Wirklichkeit enthält keine Wissungen, und die Wissungen besitzen keine Wirklichkeit.

 

Zum anderen hilft uns die Parallele zur Tradition beim Verständnis der Erlebungen:

Seiende vereinen in sich die beiden disjunkten oder voneinander getrennten Aspekte Sein und Wesenheit:   Seiende = { Sein + Wesenheit }

Erlebungen vereinen in sich die beiden disjunkten oder voneinander getrennten Aspekte Wirklichkeit und Wissung:   Erleb(ung)en = { Wirklichkeit + Wissung }

 

Heidegger hält der Tradition vor, sie habe sich nicht um das Sein als solches bemüht, sondern handle immer nur vom Sein der Seienden.

Dieser Vorwurf wirkt häufig schwer verständlich, wird aber in unserer analogen Darstellung wohl etwas einsichtiger:

Heidegger hält der Tradition vor, sie habe sich nicht um die Wirklichkeit als solche bemüht, sondern handle immer nur von der Wirklichkeit der Erlebungen.

Aber dann würde ich Heidegger sogar noch widersprechen und seine Kritik verschärfen wollen:

Wir halten der Tradition vor, sie habe sich nicht um die Wirklichkeit bemüht, sondern handle immer nur von den Wissungen.

Ersteres können wir gut verstehen, denn was soll man zur Wirklichkeit sagen, wenn sie kein Prädikat und „Wirklichkeit“ demzufolge nur ein leeres Wort ist?

Daß die Tradition praktisch nur die Wissungen im Auge hat, ergibt sich nahezu zwingend aus ihrem Grundirrtum, die adäquaten Wissungen als Abbilder der objektiven Realität zu interpretieren.

 

AD: „Die Erlebungen entstehen also dadurch, daß die Wissungen auf die Wirklichkeit treffen?“

Ja, schon; aber ich möchte es nicht so formulieren, weil darin das traditionelle Mißverständnis, es gäbe Wissungen von der Wirklichkeit, zumindest mitschwingt. Die sind jedoch ausgeschlossen, hatten wir gerade wiederholt, weil die Wirklichkeit gar nicht die dafür notwendige Struktur – der Wissungen – besitzt.

Für eine positive Antwort greife ich auf ein Beispiel Ernst von Glasersfelds zurück:

Um den vor ihm liegenden Wald zu duchqueren, tastet sich ein Blinder Schritt für Schritt mühsam vorwärts. Auf der Gegenseite angekommen hat er einen Weg gefunden, um sein Ziel zu erreichen; aber 1000 andere Wege wären ebenso möglich gewesen.

So, wie der Blinde gelaufen ist, geht es also – auch. Es paßte; aber nicht wie der Schlüssel zum Schloß, sondern wie einer von 1000 Dietrichen. Der Dietrich ist kein Bild von dem Schloß, das er öffnet, und ebenso stellt auch der Weg unseres Blinden kein Bild von dem Wald dar, den er durchschritten hat.

 

Der Blinde kann sich auch verlaufen; es geht keineswegs alles; und nicht jeder Dietrich öffnet ein bestimmtes Schloß.

Daß in den Erlebungen die Wissungen auf die Wirklichkeit treffen, können wir also im Sinne unseres Beispiels folgendermaßen verstehen:

Die Wirklichkeit – Wald oder Schloß – hat nichts Wissensförmiges an sich – es gibt weder den Weg noch den Schlüssel. Die Wissungen stehen der Wirklichkeit vielmehr diametral gegenüber, haben gar nichts mit ihr zu tun und können somit niemals Abbildungen sein. Viele Wissungen – Wege bzw. Dietriche – sind völlig ungeeignet, aber es gibt doch 1000 von ihnen, mit denen es geht oder die passen.  

 

Es handelt sich bei den Erlebungen also niemals um Wissungen von der Wirklichkeit, sondern um Wissungen, die

– auch ganz anders möglich gewesen wären,

– weitgehend unabhängig von der Wirklichkeit sind, und

– ihr lediglich nicht zuwiderlaufen.

Wir werden im weiteren von Wissungen mit der Wirklichkeit sprechen, um dies anzudeuten.

Das Erleben ist zeitlich(p), und die Erlebungen sind zeitlich(t); in Erleb(ung)en sollen die Wissungen mit der Wirklichkeit zum Ausdruck kommen. 

2.2.1. Die Wirklichkeit ist keine Eigenschaft

Eine der Voraussetzungen des traditionellen Denkens ist meines Erachtens schlichtweg falsch. Ich meine damit die Annahme, die Wirklichkeit sei eine Eigenschaft. Spätestens Kant weist uns explizit daraus hin, welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden, wenn wir ernstnähmen, daß „die Wirklichkeit kein Prädikat“ ist.

Aber was bedeutet das überhaupt?

Krokodile und Drachen haben einen Schwanz; das gehört natürlich zu ihren Eigenschaften.

Krokodile gibt es, Drachen nicht; auch dies versteht die Tradition – für uns wahrscheinlich völlig überraschend – als Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen.

Beide besitzen somit traditionell (unter anderem diese) zwei Eigenschaften; Krokodile – Schwanz und Wirklichkeit – sowie Drachen – Schwanz und Nicht-Wirklichkeit.

Hier müssen wir  unbedingt widersprechen; Wirklichkeit und Nicht-Wirklichkeit können keine Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen sein, denn sie haben mit diesen Tieren doch überhaupt nichts zu tun.

 

Was verbindet die Tatsache, daß es Löwen gibt, mit den Löwen?

Nichts, denn wir müssen ihre Eigenschaften im Vorhinein kennen, um auf deren Grundlage dann entscheiden zu können, ob Löwen wirklich sind – im Sinne von: zur Wirklichkeit gehören oder existieren.

Kants Beispiel in diesem Zusammenhang besteht in der Frage, ob 100 Taler, die ich nicht besitze, etwas anderes sind als 100 Taler, die ich habe?

Wenn wir von den Talern reden – und nicht von mir –, besteht tatsächlich kein Unterschied.

 

Hiermit entfällt auch eine weit verbreitete (naive) Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Wirklichkeit eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser „vollkommene“ Gott, der nicht existiert; letzterer kann somit auch nicht vollkommen sein. Definieren wir Gott jedoch „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“ (Anselm), muß die Existenz also zu ihm gehören, so daß es Gott mit Sicherheit gibt.

 

„Das wirkt sehr spitzfindig und wie an den Haaren herbeigezogen; ich kann mir kaum vorstellen, daß ein solcher Gottesbeweis heute noch jemanden anspricht. Aber abgesehen davon bin ich mir doch recht sicher, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellt.

Träume ich von Wasser oder stelle es mir vor, dann ist das Wasser unwirklich; sonst könnten Menschen in der Wüste nicht verdursten; Vorstellen geht ja wohl immer. Wirkliches Wasser ist dagegen solches, das man tatsächlich trinken kann.“

 

Nein; das ist falsch; es gibt kein wirkliches und unwirkliches Wasser, sondern nur Wasser.

Beim Trinken handelt es sich nicht um wirkliches Wasser, sondern wirklich um Wasser.

Im Traum handelt es sich nicht um unwirkliches Wasser, sondern nicht wirklich um Wasser.

„Jetzt werden Sie auch noch so spitzfindig wie Ihr Anselm; ‚es gibt wirklich Wasser, aber kein wirkliches Wasser‘; ich sehe dazwischen, ehrlich gesagt, keinen Unterschied!“

Das ändert sich wahrscheinlich sehr schnell, wenn wir das Wasser durch Arsen ersetzen:

Ich verstehe nicht, was wirkliches bzw. unwirkliches Arsen sein soll; Arsen ist Arsen. Aber ich sehe einen großen Unterschied dazwischen, ob Ihnen jemand wirklich Arsen in das Bier gekippt oder ob er es nicht wirklich getan hat.

2.2.2. Die Wirklichkeit als Ganzheit

Wenn die Wirklichkeit keine Eigenschaft ist, kann nichts wirklich seinauch Gott nicht.

Natürlich bildet dann auch die Negation kein Prädikat; Gott ist weder wirklich noch nicht-wirklich; die gegenteilige Annahme wäre sinnleer.

Wir bestreiten mit Kant nicht die Wirklichkeit, sondern lediglich, daß sie eine Eigenschaft darstellt; dadurch ist eine Umkehrung möglich:

Die Wirklichkeit ist Gott.

Nur Gott?

Nein; natürlich nicht; zur Wirklichkeit zählen auch wir Subjekte, unser Leiben bzw. Leben, die Anderungen und vieles mehr.

 

Wir dürfen nicht aufzählen A, B, C, . . . sind wirklich, weil dazu die Wirklichkeit als Prädikat benötigt wird. Entsprechendes gilt auch bei der Formulierung: Die Wirklichkeit besteht aus A, B, C, . . .; sie besteht in A, B, C, . . . ist dagegen möglich.

Warum geht dies, aber jenes nicht? Worin liegt der charakteristische Unterschied?  

Die ersten beiden Sprechweisen gehen von getrennten Elementen A, B, C usw. aus; sagen wir dagegen, die Wirklichkeit bestehe in A, B, C usw. kommt zum Ausdruck daß sie sich unter verschiedenen Aspekten oder Blickwinkeln betrachten läßt. Stets zeigt sich uns eine Facette der Wirklichkeit; sie sind nicht voneinander getrennt, sondern nur unterschieden, weil jede Facette letztlich die gesamte Wirklichkeit zum Ausdruck bringt.

In einem sehr anschaulichen Bild entspricht sie einer Tischdecke, die wir mit jeweils zwei Fingern an den verschiedensten Stellen anheben können. Immer ergeben sich zwar andere Formen – sprich: Facetten –, wird aber auch die gesamte Decke angehoben.

 

 

{ „Schöpfer“ + „Schöpfung“ }
   
         
Immanenz
Transzendenz
   
Gegenwart
     
Bewußtsein
     
(eo ipso gegenwärtiges) Leben
     
         
Nicht-Wirklichkeit { Nicht-W. + W. } Wirklichkeit    
Vielheit
Ursprung    
geordnete Menge
  chaotische Mannigfaltigkeit
   
zeitlich(t)   zeitlich(p)    
  Facetten        
Wissungen Erleb(ung)en Leiben Gott    
potentiell unendlich
aktual unendlich
   
Wesenheiten Seiende Sein ———- traditionell  
           
getrennt unterschieden ununterschieden    
    unterscheidbar ununterscheidbar    
         
diskret kontinuierlich    
negierbar
nicht negierbar
   
zahlfähig nicht zahlfähig    

Abbildung 2.2.2.

 

Das Leiben bildet den mir gegebenen oder möglichen Zugang zur Wirklichkeit, die natürlich über jenes hinausgeht. Diesen Überschuß bildet per definitionem der Ursprung, der nicht nur – wie zunächst alle Wirklichkeit – ununterschieden, sondern gegenwärtig auch ununterscheidbar ist.

Am Leiben können wir dagegen unterscheiden, und das führt uns zu den Erlebungen, den Facetten des Leibens bzw. Wissungen mit der Wirklichkeit.

 

Wenn es – traditionell formuliert – sowohl Gott als auch den Teufel gibt, müßten beide jeweils eine Facette an der Wirklichkeit bilden. Da diese – als Kontinuum – jedoch nicht negierbar ist, kann dieser Teufel kein Nicht-Gott bzw. Gott kein Nicht-Teufel sein. Entsprechendes gilt natürlich auch für uns selbst; ich kann als Subjekt kein Nicht-Gott resp. Gott kein Nicht-Ich sein.

Das klingt für unsere Ohren mehr als befremdlich, ergibt sich aber – innerhalb unseres Ansatzes – meines Erachtens recht zwingend. Was uns anbetrifft geht es hierbei theologisch um die Kenosis, das heißt, die Selbstentäußerung oder -hingabe Gottes, die wir üblicherweise historisch als seine Menschwerdung veranschaulichen, die aber meines Erachtens zukünftig unserer Vergöttlichung entspricht.

AD: „Dann werden wir also zu Gott?“

Nein, natürlich nicht; allein er ist der Ursprung alles Wirklichen sowie Nicht-Wirklichen und dafür aktual unendlich.

Aber daß Gott uns durch seine Menschwerdung vergöttlichen will, ist ein uraltes scholastisches Topos. Dabei wird jedoch die Differenz nicht eingeebnet, denn – ganz einseitig – geht ausnahmslos alles von ihm aus.

Wollten wir werden wie Gott, wäre dies kontraproduktiv und würde zum glatten Gegenteil führen. Die „Frohe Botschaft“ besteht meines Erachtens darin – und wird auch nur so ihrem Namen gerecht –, daß wir das gar nicht versuchen müssen, weil unser innerster Wunsch mit demjenigen Gottes zusammenfällt:

„Stellt Euch doch bitte nicht so . . . an; genau das ist es doch, was ich mit Euch vorhabe!“

 

An diesem Beispiel sehen wir nochmals sehr schön, daß wir es von der Tradition her gewohnt sind, nur in Wissungen zu denken; die sind getrennt und damit negierbar, so daß Fragen wie soeben gar nicht auftreten können.

Gott, der Teufel und wir haben traditionell erst einmal absolut nichts miteinander zu tun; zwischen ihnen bzw. ihnen und uns stehen Trennwände oder Negationen; Gott ist sowohl ein Nicht-Teufel als auch ein Nicht-Ich. Dann muß man extra beteuern, daß es sich so natürlich gar nicht verhält und wir zusammenhängen, weil es ohne Gott weder den Teufel noch uns geben könnte, wobei freilich das schwierige Problem bestehen bleibt, weshalb Gott auch ihn geschaffen haben soll.

 

Wissungen sind nicht nur getrennt und negierbar, sondern dadurch auch „zahlfähig“ (Hermann Schmitz), das heißt, wir können sinnvoll in Ein- oder Mehrzahl von ihnen sprechen.

Da die Wirklichkeit jedoch eine Nicht-Wissung darstellt, ist es unmöglich zu wissen, was wir nicht wissen, und damit auch nicht, um wie viele Nicht-Wissungen es sich handelt. Noch schlimmer: Die Frage „Um wie viele Nicht-Wissungen handelt es sich?“ könnte ja bereits falsch gestellt sein, weil sie auf eine Zahl gerichtet ist, und damit unsererseits das Wissen voraussetzt, irgendeine Zahl müsse es ja sein; muß es nicht.

Nicht-Wissungen sind „nicht zahlfähig“ oder befinden sich „jenseits von Ein- und Mehrzahl“; es gibt weder eine Nicht-Wissung noch mehrere von ihrer Art.   

Daß der eine Gott dreifaltig ist, läßt sich innerhalb der Wissungen wohl nur sehr schwer erklären; bei einer „chaotischen Mannigfaltigkeit“ (Schmitz) dürfte es jedoch wesentlich einfacher möglich sein.

 

AD: „Apropos Gott; wo nehmen Sie denn den auf einmal her?“

Er ist nicht weit hergeholt.

Ich kann nicht ehrlich glauben, mich, mein Leben oder Bewußtsein selbst hervorgebracht zu haben; weder bin ich ein Gott noch der Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht.

Um diese Schwierigkeit widerspruchsfrei zu beseitigen, benötigen wir einen Quell, aus dem die gesamte Vielfalt unseres Lebens und damit dieses selbst hervorgehen; dazu habe ich den Ursprung eingeführt. „Ursprünglich“ war er rein transzendent – es gab uns noch gar nicht –, im Leiben wird ein Teil von ihm immanent, und durch unser Unterscheiden gehen daraus die Erlebungen hervor.

Der transzendent gebliebene Teil des Ursprungs entspricht bei unserem Ansatz Gott.

 

AD: „Und den hatte die Tradition gar nicht?“

Gott schon; aber nicht als chaotisch mannigfaltigen Quell alles Wirklichen und Unwirklichen, sondern als höchstes oder seiendstes Seiendes (summum ens). Das können wir natürlich nicht übernehmen, denn dann bestände Gott nur in Erlebungen, und auch die tollsten von ihnen können unmöglich der Quell von allem sein.

2.2.3. Potentielles und aktuales Unendlich

Um das Explizieren vom Ursprung zur Vielheit bereits ein wenig besser zu verstehen, wenden wir uns kurz dem mathematischen Unendlich zu.

Traditionell gilt das weitgehend als unproblematisch; es ist ganz simpel die Negation des Endlichen. Natürlich gibt es unendlich viele Zahlen, Raum sowie Zeit können unendlich ausgedehnt sein, und selbstverständlich ist Gott für die Gläubigen unendlich groß, weise, gerecht usw. 

Dagegen war zumeist auch klar, daß die Anzahl der Sandkörner an der Ostsee zwar gewaltig, aber doch nur endlich ist; im Prinzip lassen sie sich zählen, und theoretisch wird man irgendwann einmal damit fertig.

 

Wir können das Unendliche jedoch nicht einfach als Negation des Endlichen verstehen, sondern müssen zumindest das aktuale vom potentiellen Unendlich unterscheiden.

Was letzteres bedeutet, veranschaulichen wir uns am besten anhand der natürlichen Zahlen. Das sind Denkwerkzeuge; nutzen wir sie nicht, liegen sie nicht irgendwo – in einem Zahlenreich – herum; vielmehr existieren sie nur auf Abruf, wenn wir aktual zählen oder rechnen. Geschieht das nicht, bleiben die Zahlen unbewußt oder bestehen sie nur potentiell.

Wir können zählen, solange wir wollen; niemals wird eine Grenze oder letzte Zahl erreicht, an der wir „anstoßen“, aber nichtsdestotrotz bleiben die Zahlen immer endlich. Diese beiden Eigenschaften faßt unser Begriff zusammen:

Aktual endlich – wie lange auch immer wir rechnen oder zählen –, jedoch potentiell unendlich – ohne Grenze.

 

Unendlich viel größer – die Mathematiker sagen dafür „mächtiger“ – als das potentielle ist das aktuale Unendlich. Wie sollen wir das verstehen? Mehr als immer weiter zählen zu können, ist doch gar nicht möglich? Doch!

Wenn wir vom potentiellen Unendlich etwas wegnehmen oder subtrahieren, wird es kleiner bzw. weniger; anschaulich gesprochen ist der verbleibende Rest nur noch so groß, als hätten wir beim Zählen schon früher aufgehört. Das scheint uns selbstverständlich, weil wir es ausnahmslos mit Endlichem bzw. potentiell Unendlichem zu tun haben. Wir baggern am Ostseestrand einen Kubikmeter Sand weg; der fehlt dann natürlich.

Beim aktual Unendlichen verhält es sich anders; ihm kann beliebig – potentiell unendlich – viel entnommen werden; es behält exakt seine aktual unendliche Mächtigkeit, verliert nichts und wird nicht schwächer, ärmer oder gar alle.

 

aktuales Unendlich   –   1 000 . . . 000   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

aktuales Unendlich   –   potentielles Unendlich   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

X   –   potentielles Unendlich   =   X  

 

Es ist wohl bereits deutlich geworden, wie wir dieses mathematische Modell nutzen können:

Gott entspricht dem aktualen und alles andere dem potentiellen Unendlich.

Nehmen wir Gott potentiell unendlich viel weg, fehlt ihm absolut nichts: X – . . . = X

Oben hatten wir gesehen, daß es keine besondere Auszeichnung darstellt, Gott als ewig unveränderlich anzunehmen; dann wäre er nur ein Super-Granitblock. Ich glaube, wir sollten ihn besser als aktual unendlich betrachten, weil damit zugleich die klassische Allmacht integriert ist:

Weder gibt es noch geschieht irgendetwas ohne ihn.

 

AD: „Wenn es ‚im Anfang‘ nur den Ursprung, Gott oder die Transzendenz gab, die teilweise zu unserem Bewußtsein expliziert wurden, würde dies doch bedeuten, daß wir in Gott leben oder zumindest dort, wo ursprünglich Gott war. Wieso merken wir nichts davon? Er müßte uns doch erdrücken?“

Die jüdische Mystik löst dieses Problem in ihrer Kabbala durch einen Selbstverzicht Gottes, den Zimzum. Gott schafft in sich selbst Platz für uns; ohne eine solche Selbstbeschränkung, -verleugnung, -erniedrigung oder -hingabe – damit sind wir wieder bei der Kenosis, die unmöglich in der Menschwerdung Gottes aufgehen kann – gäbe es unsere Freiheit nicht, denn wir müßten Gott zur Kenntnis nehmen.

Natürlich wäre dann auch keine Liebe zu Gott möglich, weil sie Freiheit voraussetzt. Vielleicht könnte man sogar sagen: Gott bindet sich in seiner Liebe an uns und verzichtet somit auf die eigene Freiheit, um dadurch die unsrige – Freiheit und Liebe – zu ermöglichen.

2.3. Leibhaftigkeit und Reflektierungen des Lebens

AD: „Ich wollte Sie nicht unterbrechen, möchte aber gerne nochmals auf einen Punkt vom Beginn des letzten Kapitels zurückkommen.

Sie hatten dort sinngemäß gesagt, daß wir es gewohnt sind, (fast) nur in Wissungen zu denken. Traditionell beziehen sie sich auf Seiende, bei uns nicht; aber das ist jetzt sogar einerlei, denn mir geht es allein darum, daß die Wissungen voneinander getrennt sind. Daran würden auch eventuelle Seiende nichts ändern, wenn es sich um adäquate Wissungen von ihnen handelt, denn die müßten ja dann ebenso getrennt sein.

Wir können also bei den Wissungen allein verbleiben und damit mein Problem modellunabhängig erörtern; es besteht in Folgendem:

 

Wenn Auto und Bagger voneinander getrennt sind, können sie einerseits unmöglich miteinander wechselwirken; zwischen ihnen besteht eine nicht zu überwindende Distanz. Natürlich kann man sie durch eine Wechselwirkung „verbinden“; den aufzuladenden Sand oder was auch immer. Aber das ist ja wiederum eine sowohl vom Auto als auch vom Bagger getrennte Wissung, so daß es nie zu einer wirklichen (!) Verbindung kommen kann.

Bagger – Trennung – . . . – Wechselwirkung – . . . – Trennung – Auto

Wie lange wir dieses Spiel, Wechselwirkungen zwischenzuschalten, auch wiederholen mögen:

Was einmal getrennt ist, bleibt dies für immer; das Verbinden-Wollen kommt stets zu spät. 

Jedes Trennen ist ein Loslösen, ein Verabsolutieren im Sinne des prinzipiell Unerreichbar-Machens. Ein gewußter Gott ist nicht absolut, weil er Gott, sondern weil er eine Wissung ist – wie jede andere ebenfalls.

 

Andererseits sehe ich aber mit eigenen Augen, wie der Bagger vor meinem Fenster das Auto belädt und die beiden also sehr wohl miteinander wechselwirken.

Können Sie diesen offensichtlichen Widerspruch auflösen?“

 

Was Sie vor Ihrem Fenster sehen, ist keine Wirklichkeit, sondern sind bloße Wissungen.

Daß Sie diese Unwirklichkeit sehen, bildet jedoch eine Facette an Ihrem Leiben.

Das wäre meine Antwort mittels zweier kryptischer Zeilen; in diesem Kapitel versuchen wir, sie zu verstehen. Das könnte der Knackpunkt des gesamten Buches sein; ich versuche, ihn möglichst deutlich herauszuarbeiten, und wir setzen dazu nochmals bei den Bestandteilen unseres Bewußtseins an.

 

1. Wissungen

Wir haben die Wahrnehmungen mit den Vorstellungen zusammengefaßt; sie alle – aber auch nur sie – sind ausnahmslos zeitlich(t) und unwirklich, so daß auch Vorstellungen i. w. S. ein treffender Begriff für die Wissungen wäre.

Was unwirklich ist, kann nicht wirken oder muß wirkungslos sein, denn Wirksamkeit ist – nicht nur eine, sondern – die einzige Form von Wirklichkeit. Worin sonst könnte letztere bestehen, wenn die traditionelle Vorhandenheit unverständlich (geworden) ist?

 

2. Leiben

Es bildet das glatte Gegenstück zu den Wissungen und ist die ursprüngliche Wirklichkeit, insoweit sie zu der unsrigen, das heißt, zur Wirklichkeit unseres Lebens und damit zeitlich(p) geworden ist.

Das Leiben kennt keine Komponenten, ist ununterschieden, aber unterscheidbar, und so können wir auf drei verschiedene Arten Facetten daran unterscheiden; nämlich mittels

(1) des Fühlens bei mir selbst als Subjekt,

(2) der Logik beim verbalen Wissen oder Erleben und

(3) der Wissungen bei den Erlebungen.

 

3. Facetten

Das Leiben besteht nicht aus Facetten, aber wir können sie daran unterscheiden, hatten wir gerade wiederholt; deswegen die Anführungsstriche bei „∋“ in der nachstehenden Abbildung.

Eine besonders wichtige Facette des Leibens bin natürlich ich selbst als Subjekt oder „Sich-Fühlen“ (Michel Henry) (1), denn es gibt kein Bewußtsein oder Leben ohne sein Sich-Fühlen.

Ebenso können auch keine Wissungen ohne verbales Wissen und keine Erlebungen ohne Erleben existieren (2). Deswegen bilden auch dieses Wissen sowie Erleben Facetten am Leiben; die beachten wir möglicherweise überhaupt nicht, sind aber notwendig, denn nicht einmal das Unwirkliche kann ohne Wirkliches bestehen; Wissungen müssen gewußt werden.

Wir erklären sie also nicht traditionell von angeblichen Seienden, sondern von unserem Leben her; da muß nichts behauptet werden, denn niemand wird sein eigenen Leben bestreiten (wollen).

 

4. Erleb(ung)en (3)

Nun wird auch verständlich, weshalb wir die Erlebungen als „Wissungen mit der Wirklichkeit“ bezeichnet haben:

Sie bestehen in der Einheit von Wissung und Facette

AD: „Wir könnten also sagen, daß letztere darin auf den Begriff oder ins Bild gebracht wurde?“

Ja, auch; aber das wäre nur die halbe Wahrheit, weil darin nicht zum Ausdruck kommt, daß die Facette erst aus dem Leiben heraus expliziert werden mußte. Ich würde also ergänzen:

In den Erlebungen werden diejenigen Facetten auf den Begriff oder ins Bild gebracht, die durch die zugehörigen Wissungen erst aus dem Leiben heraus unterschieden wurden. 

 

 

Nicht-Wissungen Wissungen Wissungen mit der Wirklichkeit  
Wirklichkeit Nicht-Wirklichkeit  
Leiben
Vorstellungen i. w. S.
Erleb(ung)en
 
„∋“
     
Facetten      
„∋“      
– ich als Subjekt
     (1)
– (verbales) Wissen von . . .
Wissungen
   (2)
– Erleben von . . .
  Erlebungen  (2)
   
 
–   —————— —————————→ Facetten  (3)
zeitlich(p) zeitlich(t)    
wirksam wirkungslos    

Abbildung 2.3.

 

AD: „Warten Sie bitte einmal; ich sehe einen Widerspruch:

Sie sagten unter Punkt 1, die Wirklichkeit bestehe ausschließlich im Wirken; sie sei gewissemaßen synonym mit der Wirksamkeit. Demnach können die eo ipso unwirklichen Wissungen nicht wirken.

Wir sehen beispielsweise einen Grünen Knollenblätterpilz und wissen, daß er giftig ist, aber das bleibt Ihnen zufolge wirkungslos – und plötzlich sind wir tot.

Ich nicht!“ 

 

Das war alles richtig – ist aber nicht unser Problem, sondern das der Tradition:

Sie kennt keinerlei Wirken, weil ihre Seienden immer schon voneinander getrennt und uns in dieser Form vorgegeben sind. Wir soll denn ein absoluter Pilz auf einen ebenso absoluten Körper wirken können?

AD: „Durch sein Gift natürlich.“

Nein; das befindet sich zwar räumlich in dem Pilz, ist aber als Seiendes von ihm losgelöst wie von unserem Körper. Ich wiederhole mich bewußt:

Was einmal getrennt ist, bleibt dies für immer; und die Tradition geht von getrennten Seienden aus. Da läßt sich dann viel erzählen über Verbinden, Vereinen, Lieben usw.; das ist meines Erachhtens alles Unsinn, weil es den ureigensten Voraussetzungen widerspricht.

 

Bevor ich zu unserem Modell komme, ist vielleicht eine kleine Ergänzung hilfreich.

Die Wirklichkeit besteht im Wirken; sie ist Wirksamkeit; wir haben zum Beispiel Hunger.

Sie muß aber nicht zum Bewirken führen, sondern entspricht einem Bewirken-Können; sie ist lediglich potentielles Bewirken, denn wir können dessen Aktualisierung durch unsere Freiheit in Grenzen beeinflussen. Trotz unseres Hungers müssen wir nicht essen.

 

Die Seienden gibt es bei uns nicht (mehr); wir haben nur „ihre“ Wissungen, die als solche natürlich ebenso getrennt sind.

Aber genau das war bereits die alles entscheidende Differenz: Wir haben die Wissungen; 

Zu unserem wirklichen Leben gehört als Facette das verbale Wissen, beispielsweise als Sehen. Es gibt weder eine Wissung namens „Grüner Knollenblätterpilz“ noch die Wissung „er ist giftig“ an sich – wie die Seienden –, sondern nur in der Form „ich sehe ihn“ bzw. „ich weiß das“; dann ist natürlich auch das Wirken möglich.

Wie könnte eine Wissung, die niemand hat, auch wirken? Was soll eine Wissung ohne Subjekt überhaupt sein?

Die unwirklichen Wissungen sind überaus wichtig, werden aber erst durch unser Gewußt-Werden wirksam.

2.3.1. "Ich bin als Subjekt der einzige wirklich Handelnde"

Diese Überschrift zeugt nicht von Größenwahn, sondern die Einsicht, daß das für jeden von uns gilt, bildet das Ziel des vorliegenden Abschnitts.

Zurück zu Ihrem Bagger; er belädt mit seiner Schaufel das Auto, und wir beladen mit unserem Löffel den Mund.

Wir betrachten vorerst nur diese „Wissungen an sich“.

Das geht natürlich gar nicht, denn wir können sie nicht betrachten, ohne sie zu haben, und dann sind es keine Wissungen an sich – sondern die unsrigen. Wir ignorieren diesen Fehler oder denken ausnahmsweise einmal traditionell.

Sämtliche Kombinationen von Wissungen zu Sätzen müssen ebenfalls Wissungen sein. Unser Beispielsatz ist also zwar weder Unsinn noch leeres Gerede – aber auch nicht wirklich; er gehört zu unserem Weltbild. 

Dabei spielt es insbesondere keinerlei Rolle, von welchen Wissungen die Rede ist; ob ein Bagger handelt oder wir etwas tun, ob Gott wirkt oder der Teufel – das ist alles Aberglaube im Sinne von Wittgensteins erstem Zitat in unserer Intention . . .

 

. . . denn in unwirklichen Wissungen ist jedes Wirken ausgeschlossen.

Möglich wird es allein in unserem eigenen oder durch unser eigenes Leben – weil zu ihm gehört, daß wir die Wissungen wissen oder haben; damit verlassen wir die traditionelle Sichweise wieder.

Wir wirken ununterbrochen – ohne es zu verstehen, zu wollen oder vermeiden zu können – auf alle anderen Leben bzw. Bewußtseine und damit auch Subjekte ein. Manches geschieht natürlich auch mit Absicht; aber selbst dann können wir das Resultat dieses Wollens niemals wissen, weil uns die fremden Bewußtseine prinzipiell verborgen bleiben. 

 

Jetzt sollten die beiden kryptischen Sätze meiner ersten Antwort auf Ihr Problem verständlich werden:

Sämtliche „Wissungen an sich“ sind unwirklich; völlig unabhängig davon, ob sie uns in Worten, Sätzen, ganzen Artikeln oder vollständigen Paradigmen bzw. Weltbildern vorliegen.

Aber die gibt es ja ohnehin nicht; nur unsere eigenen Wissungen sind denkbar, und als gewußte können sie auch wirken.

 

Die Seienden, hatten wir oben ausgeführt, bestehen traditionell in der Einheit von ihrem Was sowie Daß, und sie überträgt sich natürlich auf die adäquaten Wissungen.

Wir beginnen mit letzteren – und finden in den Wissungen die traditionelle Einheit wieder:

Die „Wissungen an sich“ entsprechen dem Was, welches ohne sein Daß unmöglich ist.

Unser verbales Wissen entspricht dem Daß, welches ohne sein Was unmöglich ist.

 

AD: „Zwischen dem Handeln des Baggers und meinem eigenen besteht also überhaupt kein prinzipieller Unterschied – sofern wir nur von dem Was bzw. Wissungen an sich sprechen?“

Sehr richtig; traditionell wird die alles entscheidende Differenz zwischen Subjekten und Objekten gesucht. 

Dem schließen wir uns zwar an, korrigieren jedoch, daß stets nur ein handelndes Subjekt existiert, und das bin immer ich selbst. Ich gehöre nicht zu den Wissungen, sondern habe sie; das sind also alles (meine) Objekte.

Sie – der Bagger, mein Körper, Götter, Roboter, Teufel – können nicht handeln; deswegen spielt es keine Rolle, ob der Bagger seine Schaufel, mein Körper die Hand oder ein Gott seinen Arm bewegt:

Das geschieht – innerhalb der Wasse oder Wissungen an sich – tatsächlich, aber ohne alles Wirken oder Handeln, denn Objekte sind dazu außerstande.

 

Die alles entscheidende Differenz besteht also zwischen mir als unwißbarem Subjekt und den gewußten Objekten, denn mein subjektives Leiben ist das einzige Wirken oder Handeln.

Es versteht sich von selbst, daß dies für alle Subjekte gilt und wir somit völlig gleichwertig sind.

Gegenüber der Tradition entfällt also lediglich die Vergleichbarkeit; aus dem „Du sollst nicht“ wird ein „Du kannst nicht richten“. Der angeblich „Andere“ ist nicht der Andere, sondern eines meiner Objekte, so  daß ich beim Richten lediglich über das eigene Weltbild – und damit über mich selbst – urteile.

Natürlich bin ich nicht das eigene Weltbild, aber es bringt mein „Innerstes“ zum Ausdruck; das traditionell „Seele“ Genannte spiegelt sich im Weltbild.

 

AD: „Darf ich bitte einmal in meinen Worten formulieren, wie ich Sie verstanden habe.

Traditionell verbinden wir beispielsweise den Fernsehapparat durch ein Kabel mit der Steckdose oder sagen, daß die Katze über dieTastatur läuft und am Sofa kratzt. Sie würden das weder für falsch noch für sinnlos erklären, aber hinzufügen, daß hierbei nur von unseren den Wissungen und damit nicht von der Wirklichkeit die Rede ist.

Insbesondere wäre es also völlig falsch, die Wissungen – und möglicherweise sogar Sehungen – des Geschehens rund um die  Katze als deren Handeln verstehen zu wollen.

Zum einen gibt es das nur als – eine Facette am – Leiben; da letzteres immer nur das meinige sein kann, handle auch allein ich – nicht als Körper, sondern als Subjekt. Dazu paßt auch, daß das Leiben unsichtbar ist; ich kann „mein“ Leiben spüren, fühlen empfinden oder was auch immer; aber kein anderes Subjekt kann es wahrnehmen oder sich vorstellen.

Zum anderen könnte ein Katzen-Subjekt nicht Dinge tun, die in seinem Weltbild gar nicht enthalten sind. Da ich ernstlich bezweifle, daß ein Katzen-Subjekt überhaupt ein Weltbild besitzt, kann unsere Miez also schon aus diesem Grund unmöglich über Tastaturen laufen oder an Sofas kratzen.“

 

Das war sehr gut; ich stimme Ihnen vollständig zu und führe den Gedanken gleich noch ein wenig weiter:

Wir können von uns aus tatsächlich nichts mit Absicht tun, was in unserem Weltbild gar nicht vorkommt; selbst es zu wollen, ist doch ausgeschlossen, weil dieses „es“ für uns gar nicht existiert. Wie bzw. was wir leiben oder handeln, steht auf einem ganz anderen Blatt – dem des Nicht-Wissens –; aber unsere Intentionen sind auf das eigene Weltbild beschränkt; auch deswegen kann jeder etwas anderes.

Dann können wir aus eigener Kraft insbesondere auch nur an einen Gott glauben, wie er in unserem Weltbild enthalten ist, das heißt – verbotenerweise – an ein bloßes Bild von ihm. Daß dieses mit 100%-iger Gewißheit nicht stimmt, kommt auch noch hinzu, ist im gegenwärtigen Zusammenhang jedoch völlig sekundär.

Selbst was „glauben“ bedeutet, hängt vom Weltbild ab; wir glauben somit in seinem Sinne – auf eine weltbildabhängige Art und Weise.

Daß sowohl Gott als auch der Glaube etwas ganz anderes sein können, das unser Weltbild transzendiert, ist damit nicht ausgeschlossen, aber dieses Mehr muß uns geschenkt werden oder widerfahren; es kann unmöglich aus uns kommen oder durch einen bestimmten Ritus erzwungen werden. Das ist es meines Erachtens, was die Tradition mit Gnade meint. 

 

AD: „Ich verstehe; deswegen hatten Sie es oben auch als das ‚Proprium des Christentums‘ bezeichnet, daß in jeder Gegenwart alles anders und damit unser Weltbild transzendiert werden kann.“

Ja; der wahre Glaube besteht nicht darin, das Richtige zu wissen, sondern ganz im Gegenteil darin, auf alle Rechthaberei zu verzichten.

Dies freilich nicht im Sinne eines aufgeklärt-schlauen Agnostizsmus, der glaubt, sich clever zurückhalten und über die kleinkarierten Streithähne auf allen umkäpften Seiten erhaben lächeln zu können.

Vielmehr meine ich einen Wissens-Verzicht im Vertrauen und in der Hoffnung darauf, daß Gott ausnahmslos alles „im Griff hat“ und zu einem guten Ende führen wird, so daß mir letztlich nichts passieren kann und ich dadurch frei bin für das, was mein Gewissen mir sagt.

AD: „Der Glaube wird Euch freimachen.“

 

Daß Sie das aussprechen . . .

Ja; weil die Stimme des Gewissens aus der Transzendenz kommt und weder vom Überich noch vom Lehramt; sie ist weder psychologisch noch theologisch ableitbar – denn das wäre wiederum nur Weltbild und damit Immanenz.

Jede angebliche Wissung bezüglich der Transzendenz macht sie zu einer uns einengenden Hinterwelt; wirkliche Freiheit kann nur durch den Glauben an eine absolute Geborgenheit erreicht werden.

 

AD: „Könnten Sie vielleicht einmal sagen, worin unsere Freiheit Ihres Erachtens besteht?“

Ja, natürlich; das ist nicht schwer.

Freiheit ist das Entscheiden aus Gründen“ (Julian Nida-Rümelin); das ist keine Fähigkeit die wir haben, denn dazu müßten wir in der Zeit dauernde Subjekte sein, die über bestimmte Potenzen verfügen, die wir jeweils verwirklichen oder auch nicht. Es gibt die Freiheit vielmehr nur als Akt, und dieser bestimmt uns zu dem Selbst bzw. Subjekt, das wir gegenwärtig sind.

Was uns zu Gründen werden kann, sind die Wissungen; und das ist meines Erachtens die Erklärung dafür, weshalb sie – trotz ihrer Unwirklichkeit – unbedingt erforderlich sind; ohne Wissungen keine Freiheit.

 

AD: „Das würde natürlich bedeuten, daß mit der Qualität unserer Wissungen auch diejenige der Freiheit zunähme . . .

Geht es nur noch um Belanglosigkeiten – ich erspare mir Beispiele, um niemanden zu nahe zu treten –, werden wir unfrei.“

Ja; und aus dieser selbst gewählten Gefangenschaft kommen wir freilich nicht heraus, indem wir ‚einfach glauben‘, wie das mitunter etwas naiv verkündet wird. Das ist Unsinn, weil es direkt die Frage provoziert, was zu glauben sei – und die kann sich nur jeder selbst beantworten. Es geht nicht um eine Lehre, sondern um unser Leben – im allerweitesten Sinne.

Ein erster Schritt wird also darin bestehen müssen, das „man“ (Heidegger) hinter sich zu lassen und „eigentlich“ oder „wesentlich“ zu werden, das heißt, sich selbst zu fragen, was uns „autenthisch“ sein läßt oder im Leben tatsächlich wichtig ist.

Würden wir Shoppen gehen oder uns Medien hereinziehen, wenn es eindeutig wäre, morgen sterben zu müssen?

2.3.2. Integrales und diskretisiertes Wissen

AD: „Demzufolge sind Biologie und Medizin keine Wissenschaften von dem Leben, sondern solche mit ihm?“

Jein; im Prinzip stimmt das natürlich, aber ganz so einfach bekomme ich eine vernünftige Antwort nicht hin. Um sie zu erreichen stellen wir uns vor, alle exakten Wissenschaften seien auf einem Strahl angeordnet.

 

An seinem Anfang stehen die sogenannten Strukturwissenschaften wie Mathematik, Logik und Informatik. Sie sind Wissenschaften weder von noch mit irgendeinem Gegenstand, sondern stellen reine Konstruktionen dar, die sich auf nichts beziehen; es gibt kein Reich der Zahlen, logischen Gesetze oder Information.

 

Auch die Physik kann keine Wissenschaft von einer objektiven Realität darstellen – wenn letztere gar nicht existiert; sie ist der Mathematik sehr nahe und praktisch reine Konstruktion.

 

Die Biologie und Schulmedizin stehen nicht viel anders da; deswegen mein „jein“:

„Ja“; sie sind Wissenschaften mit dem Leben.

Solche vom Leben sind tatsächlich ausgeschlossen; das können wir auch gleich verallgemeinern: Ohne Seiende oder Referenten(t) kann es von gar nichts eine Wissenschaft geben – weil gar nichts im traditionellen Sinnen (vorhanden) ist; insbesondere stellt die Theologie also nicht die Wissenschaft von Gott dar.  

„Nein“; Biologie und Schulmedizin sind „fast“ keine Wissenschaften vom Leben, weil sie nicht bei den Facetten unseres Leibens in den Erlebungen ansetzen, sondern bei angeblich „lebenden Organismen“; Pantoffeltierchen, Amöben, Bakterien und dergleichen.

Es gibt aber keine lebenden Organismen, sondern nur Objekte, die über einen Stoffwechsel verfügen, sich selbst bewegen und fortpflanzen oder ähnliches. Was hat das mit der Leibhaftigkeit unseres Lebens zu tun, die wir nur von uns selbst kennen, das heißt, allein in der ersten Person Singular erleben können?

 

Mit anderen Worten:

Daß die Reflektierungen den Kern aller Wissenschaften bilden, die diesen Namen verdienen, versteht sich von selbst.  

Ihre Anbindung an die Wirklichkeit kann im asymptotischen Grenzfall bei 0 liegen; das wären die Strukturwissenschaften am Beginn unseres Strahles.

Die einzige Wirklichkeit, die wir kennen, besteht im eigenen Leben, so daß jede – gegebenenfalls gewünschte – Anbindung nur an dieses erfolgen kann; selbst die Natur- oder Technikwisenschaften, die historischen sowie Sprachwissenschaften können bestenfalls solche mit unserem Leben sein.

Das hatten wir soeben bereits:

In sämtlichen Wissungen und damit nicht zuletzt in ausnahmslos allen Wissenschaften, die überhaupt einen Wirklichkeitsbezug besitzen, spiegelt sich unser „Innen“. In mir befinden sich natürlich keine schwarzen Löcher – wie sollten sie auch, wenn sie an sich gar nicht existieren? –, aber der Glaube bzw. Nicht-Glaube an sie und meine Stellungnahme ihnen gegenüber bilden eine Facette meines Leibens.

 

Sämtliche Nicht-Strukturwissenschaften können mehr oder weniger integral sein, das heißt, sich weit vom Strahlanfang entfernt befinden oder – diskretisierter – ihm auch sehr nahekommen.

Integral ist eine Darstellung, wenn sie versucht, das eo ipso eigene Leiben möglichst ganzheitlich zu beschreiben oder ihm so gerecht wie möglich zu werden. Hierzu gehört nicht nur die große Literatur, sondern auch Biologie und Schulmedizin sind um so hilfreicher, je tiefer sie sich in unserer Pfeilrichtung dem Leben annähern.

 

Davon kann bei unseren modernen Wissenschaften natürlich keine Rede sein, weil sie von ihrem Ansatz her meines Erachtens zwei Irrtümern erliegen:

Zum einen halten sie das Sprechen in der dritten Person für eines von der objektiven Realität und verwechseln damit eine mögliche Intersubjektivität mit absurder – weil ab-soluter – Objektivität.

Zum anderen übersehen die exakten Wissenschaften außerdem, daß die uns mögliche Fülle der Wirklichkeit allein in der ersten Person Singular auftreten kann – bei jedem Subjekt in seinem eigenen Leben –, und somit jede Intersubjektivität bzw. Perspektive der dritten Person nur durch Abstriche daran erreicht wird:

Je „objektiver“ eine Wissenschaft wird, desto leerer ist sie; das traditionelle „Endziel“ besteht darin, alles über nichts zu wissen

 

Die Reflektierungen verhalten sich zur Leibhaftigkeit des Lebens wie die Karte zur Landschaft. Die beiden können nie übereinstimmen – weil es keine Wissungen vom Leiben gibt – und sind deswegen auch nicht auswechselbar; der Leibhaftigkeit muß stets die Priorität zukommen.

Nur für sie ist Gilbert Ryle zufolge eine „dichte Beschreibung“ möglich; die „dünne Beschreibung“ entspricht der Perspektive der dritten Person und ist notwendigerweise um so dünner, je intersubjektiver sie sein soll.

 

Clifford Geertz erklärt den Unterschied zwischen den beiden Beschreibungen sehr schön anhand eines einfachen Beispiels:

Zwei Jungen bewegen blitzschnell das Lid ihres rechten Auges. Bei dem einen handelt es sich nur um ein ungewolltes nervöses Zucken, während der andere seinem Freund zuzwinkern und heimlich ein Zeichen geben will. Die beiden Bewegungen stimmen als Wahnehmungen in der Perspektive der dritten Person völlig überein, so daß sie nur eine dünne Beschreibung liefern kann; ihr entgeht der Unterschied, den wir gerade andeuten wollten:

Das zwinkernde Subjekt „teilt bewußt etwas mit, und zwar auf eine ganz präzise und besondere Weise, denn

– es richtet sich absichtlich

– an jemanden,

– um nach einem gesellschaftlich festgelegten Code

– eine bestimmte Nachricht zu übermitteln,

– ohne daß die übrigen Anwesenden eingeweiht sind“.

 

Zwischen der Leibhaftigkeit und den Reflektierungen des Lebens bzw. dem Leiben und den Wissungen bestehen natürlich zahlreiche Wechselwirkungen, so daß sich ein undurchschaubares Ineinander von beiden Seiten ergibt. Diese Wechselwirkungen bilden kein drittes Element, sondern gehören notwendigerweise der Leibhaftigkeit bzw. dem Leiben an, da sie kontinuierlich und bewußt sind. 

Bei einer relativ integralen Theorie mit dem Leben läßt sich vielleicht auch sinnvoll von der Wahrheit unserer Wissungen sprechen, aber völlig unabhängig davon, können auch die „falschesten“ oder absurdesten Theorien unser Leben beeinflussen. 

Glaube ich zum Beispiel, todsterbenskrank zu sein oder – um sehr alt zu werden – täglich früh um 5 Uhr eine Runde um das Haus laufen zu sollen, so spielt es überhaupt keine Rolle, ob meine Überzeugungen richtig sind oder nicht. Es genügt, daß ich sie teile, um mein Leben von ihnen durchdringen zu lassen; was wiederum zu anderen Theorien führt, bei denen die Richtigkeit erneut keine Rolle spielt usw.

 

Die Einheit aus der Leibhaftigkeit und den Reflektierungen des Lebens bzw. dem Leiben und den Wissungen – unser Leben selbst also – entfaltet damit eine beträchtliche Eigendynamik. Ihr sind wir restlos ausgeliefert in dem Sinne, daß sie den unverfügbaren Rahmen bildet, innerhalb dessen unsere endliche Freiheit zur Geltung kommen kann.

Damit tritt die Eigendynamik des Lebens an die Stelle der traditionellen Seienden; beide ermöglichen und begrenzen zugleich unsere Freiheit; dort statisch, hier dynamisch.

 

AD: „Damit wird mir endlich auch der Unterschied zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen verständlich; ich hatte bisher immer ein wenig Bauchschmerzen, wenn sie sämtliche Wissungen in Bausch und Bogen als unwirklich abgekanzelt haben.

Die Strukturwissenschaften kennen überhaupt keine Wahrnehmungen; aber nicht weil diese wirklich und jene unwirklich sind, sondern weil den Strukturwissenschaften jegliche Anbindung an das Leben fehlt.“

Richtig; und diese Kopplung erfolgt durch die oder mittels der Erlebungen; je integraler sie sind, um so mehr werden unsere Wissungen solche mit dem Leben.

 

Erlebungen bestehen in der Einheit aus einer Wissung und derjenigen Facette des Leibens, die durch diese Wissung unterschieden und auf den Begriff oder das Bild – der Erlebung – gebracht wurde. Hier treffen sich also zwei disjunkte Elemente; die zeitlich(p)-wirkliche Facette mit der zeitlich(t)-unwirklichen Wissung.

Lassen wir in Gedanken die zeitliche(p) Dauer(p) der Erlebungen immer kürzer werden und gehen zum asymptotischen Grenzfall einer Dauer(p) mit dem Wert 0 über, so werden die Erlebungen zu Wahrnehmungen – aber verlieren dabei natürlich auch ihre Wirklichkeitskomponente.

Wahrnehmungen, könnten wir anschaulich sagen, sind in der Zeit(p) eingefrorene Erlebungen.

 

Damit läßt sich sehr schön erklären, worin der Fehler der Tradition meines Erachtens besteht:

Das eigene subjektive Leben bildet in seiner Zeitlichkeit(p) die gesamte uns gegenwärtig zugängliche Wirklichkeit. Streichen, ignorieren oder leugnen wir letztere, so bleiben allein die  Wahrnehmungen übrig.

Ohne Wirklichkeit geht es aber nicht; deswegen wird die Tradition

– die Wahrnehmungen als solche von Seienden verstehen,

– erstere zeitlich(t) durch Vorstellungen zum Weltbild ergänzen,

– auch diese auf Seiende beziehen und damit

– eine objektive zeitliche(t) Realität der Seienden erfinden.

So defomiert die Tradition das zeitliche(p) Leben zu einer zeitlichen(t) Hinterwelt. 

2.3.3. Das Leben und seine Beschreibungen

Wissungen lassen sich bezeichnen, während wir das Leiben nur beschreiben können.

Um letzteres zu tun, müssen wir weder Biologie noch Philosophie oder Theologie studieren, sondern lediglich auf uns schauen, denn wir leben. Jeder erlebt an sich selbst, was das bedeutet: Hoffen und Ängstigen, Freuen und Leiden, Begehren und Verabscheuen, Handeln und Erdulden, Erinnern und Erwarten – Schreiben, Tanzen, Denken, Singen oder der Muße Frönen.

Georges Canguilhem faßt das von uns Gemeinte in die Worte, „daß das Denken des Lebendigen vom Lebendigen selbst die Idee des Lebendigen herzunehmen hat“.

 

Nur vordergründig beschreiben wir mittels Worten; tatsächlich tun wir es mittels der Wissungen, die von ihnen bezeichnet werden, so daß natürlich auch sämtliche Beschreibungen weltbildabhängig sind.  

Zeitweise wurde das Leben durch Druck und Stoß rein mechanisch verstanden; beispielsweise mit dem Herz als Pumpe. Das Gleichgewicht von Yin und Yang in China oder dasjenige der vier Körpersäfte bei Galen wären weitere bekannte Denkmöglichkeiten; heute glauben viele von uns, mit dem Gehirn oder der DNA das Fundament des Lebens gefunden zu haben.

In einem armseligen Weltbild kann auch die Beschreibung des Lebens nur sehr bescheiden sein und vielleicht allein in Verdauung, Selbstbewegung und Fortpflanzung bestehen. Sie wird reicher, wenn beispielsweise noch Strategien hinzukommen; bei einem Schachcomputer beispielsweise. Als Wissung oder Objekt kann er natürlich nicht handeln oder auch nur Intentionen haben. Weder wünscht er sich also, ein Spiel zu gewinnen, noch beabsichtigt er es – sondern der Computer spielt nur entsprechend – in der Sphäre des Was bzw. der Wissungen an sich.

 

Vielleicht werden die Beschreibungen des Lebens noch umwerfend toll; wir wissen nicht, was die wissenschaftlich-technische Zukunft uns alles bringen wird. Aber was und wie auch immer:

Es bleiben bloße Beschreibungen des Lebens, die mit ihm in seiner Wirklichkeit möglicherweise kaum etwas zu tun haben und sich eventuell um so stärker vom Leben entfernen, je faszinierender sie werden.

Die Differenz läßt sich prinzipiell nicht überwinden, weil es keine Bezeichnungen des Lebens, das heißt, keine Wissungen von ihm geben kann. 

Lediglich die Beschreibung wird möglicherweise auch einmal im Silicon Valley oder in Leverkusen produziert werden können. 

Das ist beim Leben ausgeschlossen, denn es geht nur aus dem Ursprung hervor – und ermöglicht erst seine Beschreibung und damit deren Produktion. Somit müssen selbst die absurdesten Beschreibungen und deren Konsequenzen von der Leibhaftigkeit des Lebens getragen oder ermöglicht werden.

Ohne Ursprung kein Leben, und ohne dieses keine Leugnung des Lebens.

 

AD: „Das verstehe ich nicht. Sie sagen, Roboter würden nicht (wirklich) leben, selbst wenn sie sich bewegen, ernähren, fortpflanzen, Schach spielen, gegen Großmeister gewinnen usw.; das wären lediglich – relativ schlechte – Beschreibungen des Lebens.

Was müßten die Roboter denn angeblich noch tun, damit wir ihnen ein Leben wie uns selbst zuschreiben könnten?“

Ihre Frage ist falsch gestellt, denn Roboter werden niemals leben – was auch immer sie tun mögen. Es gibt keinen Grenzübergang, der von einer phantastischen Beschreibung des Lebens zu diesem selbst führt. Denn die Roboter entsprechen unserem Körper, und der lebt ja auch nicht; wir Subjekte leben und besitzen ihn.

 

Das Leben ist bei einem Roboter ausgeschlossen, weil dazu zwei Voraussetzungen erfüllt sein müßten.

Zum einen benötigten wir ein Pendant zu uns Subjekten, das heißt, ein künstliches Subjekt mit einem künstlichen Bewußtsein.

Zum anderen müßte sich

– darin der Roboter befinden und

– von dem künstlichen Subjekt als dessen eigener Körper betrachtet werden.

Da wir kein Leben mit Subjekt und Bewußtsein schaffen können – weil es, wie bereits gesagt, ausschließlich aus dem Ursprung hervorgeht – scheint mir persönlich die Frage, ob Roboter leben können, eindeutig negativ entschieden zu sein.

 

AD: „Ja, das habe ich verstanden; aber was ist denn anders, wenn ein Kind gezeugt wird?

Die Eltern stellen einen Körper her, der dem Roboter entspricht.

Woher kommt – ich zitiere Sie ein wenig – das natürliche Subjekt mit einem natürlichen Bewußtsein, in dem sich dieser Körper befindet, den das natürliche Subjekt als seinen eigenen betrachtet?“

 

Die Eltern schaffen kein Bewußtsein oder Subjekt, sondern die notwendigen Voraussetzungen dafür; das Leiben kommt aus dem Nichts, wäre aber ohne das elterliche Zeugen nicht möglich.

AD: „Mit dieser Antwort hatte ich gerechnet, aber meines Erachtens genügt sie nicht, denn das Entsprechende könnten Sie auch sagen, wenn Roboter in einer Firma hergestellt werden: Bewußtsein und Subjekt kommen aus dem Nichts.

Mit welchem Recht schließen Sie das rigoros aus.?

Sagen Sie jetzt bitte nicht, das Zeugen gehöre zum Leiben oder bilde eine Facette daran; natürlich tut es das, aber das Arbeiten oder Bauen ebenfalls.“

 

Ja; Entschuldigung meine letzte Antwort war nicht gut; die entscheidende Denkrichtung muß eine andere sein:

Die notwendigen Voraussetzungen bestehen in oder aus Wissungen und müssen somit dem eigenen Weltbild angehören; die hinreichenden sind dagegen unabhängig von ihm.

Wissungen sind jedoch keine vom Leben, sondern beschreiben es nur.

Damit beziehen sich jedoch auch die notwendigen Voraussetzungen nur auf diese Beschreibungen, nicht aber auf das Leben selbst. 

 

Jetzt müßte es besser gehen.

In unserem Weltbild ist es ausgeschlossen, das Zustandekommen des Lebens ohne eine Zeugung zu beschreiben. Bei der Erklärung in einem anderen Weltbild ist der Gedanke, es könne Leben ohne die richtige Mischung der Körpersäfte geben, einfach nur absurd. Fehlt der Segen der Götter, in einem weiteren Beispiel, können die Menschen machen was sie wollen; Kinder bekommen sie nicht.

Die notwendigen Voraussetzungen sind nicht an sich notwendig, sondern nur im Rahmen des jeweiligen Weltbilds – und damit höchst relativ.

Und was können wir absolut sagen? Weltbildunabhängig?

Nichts – wie immer.

 

Wir wissen absolut nichts davon, woher das Leben – und nicht nur seine jeweilige Beschreibung – wirklich kommt, und können es auch prinzipiell nicht.

Das meint nach meinem Dafürhalten die Aussage, das Leben käme aus dem Nichts; aus dem Nichts des Undenk- oder -wißbaren. Läßt es sich besser chrakterisieren als durch den bewußten Verzicht auf jegliche Bestimmung?

2.4. Subjekte

Bei beiden Ansätzen, das heißt, sowohl für die Tradition als auch in unserer Form der Postmoderne können wir die Subjekte auf die gleiche Weise einführen:

Sie sind die Träger eines „Innen“ oder (Hermann Schmitz abwandelnd) „Innen“-Haber. Jedes Subjekt besitzt ganz allein für sich sein eigenes „Innen“, das nur ihm allein und keinem anderen Subjekt zugänglich ist. „Die Gedanken sind frei . . .“

 

Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Die Tradition weiß bei den Subjekten recht genau, wovon sie spricht – nämlich von Körpern, die ein „Innen“ besitzen –, und zweifelt höchstens in Einzelfällen, ob das vorliegende Exemplar nun wirklich zu den Subjekten gehört; Hasso, der komatöse Patient, eine befruchtete Eizelle oder der Roboter „Tiktok“. 

Wir haben dagegen – zumindest noch – nicht die geringste Ahnung oder besitzen keinerlei Wissen davon, was Subjekte sein könnten. „Innen“-Haber; ja, aber was bedeuten ‚“Innen“‚ und „Haben“? 

„‚Innen‘-Haber“ ist vorerst nur ein Wort, das als bloßer Namen fungiert – wie „Wirklichkeit“, „Leben“ usw. –, somit absolut nichts sagt und folglich auch nicht als Definition (miß)verstanden werden darf. Wir haben unsere Subjekte nicht definiert, sondern benannt; Subjekte und „Innen“-Haber ist doppelt gemoppelt.

So verhält es sich natürlich für die meisten Menschen auch bei Gott; das ist zunächst einmal ebenfalls nur ein Name, und ob damit genauere Wissungen verbunden werden, ist höchst fraglich. Was bedeuten die Sätze „Moritz existiert“ bzw. „Moritz existiert nicht“, solange wir nicht halbwegs wissen, wer oder was Moritz sein soll?

 

AD: „Sind die Subjekte als „Innen“-Haber bei Ihrem Ansatz, in dem das „Innen“ dem Bewußtsein entspricht, nicht widersprüchlich?

Wenn ich Sie recht verstanden habe, muß das Subjekt doch – wie alles andere auch – dem Bewußtsein angehören. Das würde bedeuten, daß letzteres einen Besitzer hat, den es ohne dieses Bewußtsein gar nicht geben würde. Kann ich ein Auto haben, wenn ich ohne dieses Auto inexistent wäre?“

Schön daß Sie diese Problematik erkennen; meine Antwort umfaßt zwei unabhängige Teile:

 

Zunächst muß das Subjekt bei uns in der Tat dem Bewußtsein angehören, denn ein im Außerhalb desselben befindliches Subjekt wäre ein Seiendes, so daß wir damit in das traditionelle Denken zurückfallen und wieder von vorn beginnen würden.

 

Des weiteren besteht kein Widerspruch zwischen „dem Bewußtsein angehören“ und „das Bewußtsein haben“, sofern sich das Subjekt und sein Bewußtsein synchron in der Zeit(p) entwickeln. Ursprünglich existieren beide noch nicht und entfalten sich dann durch ihre Wechselwirkung gemeinsam in einer zeitlichen(p) Genese.  

Ihr Auto-Beispiel war übrigens gar nicht so daneben:

Gibt es nicht viele Menschen, deren Ego sich so aufplustert, wie „der Wagen“ sportlicher wird? Auch diese zwei entwickeln sich in einer zeitlichen(p) Genese miteinander.

2.4.1. Traditionelle Subjekte

Da man das „Innen“ als solches nicht erfahren kann, sind die Grenzen der Menge aller traditionellen Subjekte natürlich unscharf. Neben den – hinreichend reifen sowie gesunden – Menschen gehören für manche auch Tiere, Pflanzen und vielleicht sogar Roboter dazu.

Die Worte ‚“Subjekt“‚ oder gar „Person“ stehen mitunter hoch im Kurs, und viele legen Wert darauf, daß wir es insbesondere bei ethischen Fragen nicht mit bloßen Objekten, sondern mit Subjekten bzw. Personen zu tun haben. Aber das ist allzuhäufig nur ein belangloser Streit um Worte, denn diese angeblichen Subjekte sind im Kern ebenfalls nur Objekte, da sie als ihr Körper oder zumindest von diesem her verstanden werden.

 

Weil es theologisch – und häufig auch philosophisch – unhaltbar zu sein scheint, (zumindest menschliche) Subjekte als bloße Körper zu betrachten, stattet man sie gegebenenfalls mit einem „Innen“ aus – Seele, Psyche, Geist . . . –, so daß die traditionellen Subjekte als Individuen in der Einheit von Körper und „Innen“ bestehen. Paradigmatisch können wir hierbei an René Descartes denken, der dieses Modell mit res extensa sowie (allein beim Menschen) res cogitans „more geometrico“ sauber zu begründen versuchte.

Im mittelalterlichen Theater nannte man ein solches Vorgehen den „deus ex machina“:

„Wir haben ein Problem; es geht nicht weiter“, so daß eine Rettung erfunden werden muß.

 

Wir benutzen für dieses erfundene „Innen“ stets den Begriff der Psyche, weil damit – anders als bei Geist bzw. Seele – sämtliche hochtrabenden resp. frommen Assoziationen entfallen, die uns eher in die Irre führen würden.

Mit dieser Psyche hat die Tradition jedoch mehr Probleme geschaffen als gelöst; drei von ihnen seien kurz angedeutet:

 

Zunächst steht das traditionelle Denken vor der Schwierigkeit, klären zu müssen, wie und wo ein räumlich-materieller Körper mit einer unräumlich-immateriellen Psyche wechselwirken soll. René Descartes entschied sich – nicht begründet, sondern verzweifelt – für die Zirbeldrüse (Epiphyse) als dasjenige Organ, in dem seine beiden Substanzen angeblich aufeinandertreffen (können).

Dieses Körper-Psyche-Problem ist meines Erachtens prinzipiell unlösbar; mit dem traditionellen Denken entfällt es jedoch zum Glück, wie wir bald sehen werden.

 

Des weiteren sind uns die Psychen anderer Subjekte oder Individuen natürlich völlig verschlossen oder unzugänglich, so daß wir bei allen Tieren, bei Embryonen oder Komatösen und vielleicht sogar Pflanzen vor der Frage stehen, ob sie überhaupt eine Psyche besitzen. 

Irgendwann in der Zukunft könnten wir gar unsicher werden, ob ein Mensch oder Roboter vor uns steht. Hat letzterer vielleicht auch eine Psyche? Ist er dann gar ein Subjekt oder Individuum?

Begründete Antworten scheinen ausgeschlossen zu sein, obwohl sie insbesondere an den Grenzen des Lebens überaus wichtig wären. Wann dürfen wir die Herz-Lungen-Maschine guten Gewissens abschalten? Müssen wir beim Herztod bleiben, oder können wir – um Organtransplantationen zu ermöglichen – zum Hirntod wechseln? Ab wann gehört zu einer befruchteten Eizelle eine Psyche – so daß eine eventuelle Abtreibung problematisch werden könnte?

Wer glaubt, daß eine befruchtete Eizelle lebt oder gar ein Mensch ist, kann dies mit zweierlei Varianten tun.

 

Zum einen im biologischen Sinne; dann denkt er freilich rein materialistisch, weil er das Leben mit komplexer Biochemie gleichsetzt. Um diesem Vorwurf auszuräumen, könnte der solchermaßen Denkende der Eizelle eine unsterbliche Geist-Seele hinzuerfinden.

Aber damit verabschiedet er sich von jedem vernünftigen gesellschaftlichen Dialog. Daß Joseph Smith das Buch Mormon aus den ihm von einem Engel gereichten Goldplatten übersetzt haben soll, die – wie die unsterblichen Geist-Seelen – leider unauffindbar sind, muß man auch nicht glauben.

 

AD: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“

Das ausgerechnet von Ihnen zu hören, überrascht mich durchaus ein wenig . . .; aber ich stimme dieser Bibelstelle vollkommen zu. Nicht allerdings der Interpretation, die ich hinter Ihrem Einwurf erahne:

Es sind keinesfalls diejenigen die Seligsten, die bereit sind, demütig oder naiv allen Unsinn hinzunehmen. Tertullians „ich glaube, denn es ist absurd“ gehört – vordergründig verstanden – für mich selbst zu diesem Unsinn, denn was müßten wir dann bei soviel Absurdität heute nicht alles glauben!

Wir sehen die Wirklichkeit oder Wahrheit tatsächlich nicht, aber sie zeigt sich – worauf Wittgenstein hinwies und wir im nächsten Abschnitt zurückkommen werden –, so daß für uns keinerlei Grund besteht, konstruierte Hinterwelten zu glauben.

 

Zum anderen wäre natürlich prinzipiell ein nicht-biologisches Denken möglich; aber dazu müßte man dennoch erklären, was ihm zufolge insbesondere bei der Zeugung geschieht.

Beide Möglichkeiten scheinen mir sehr schwierig zu sein. Ich schreibe das so deutlich, weil die Annahme, die befruchtete Eizelle sei bereits ein Mensch, in kirchlichen Kreisen heute noch sehr gängig ist. Ich habe nichts gegen den „Marsch für das Leben“, sehr wohl aber gegen seine unsinnigen Begründungen, die häufig zum Fremdschämen führen.

 

Das dritte traditionelle Problem in diesem Zusammenhang besteht schließlich darin, daß unsere Körper unabhängig voneinander sind; jeder von ihnen steht (bei gesunden Erwachsenen) – nicht nur im engeren Sinne des Wortes – auf eigenen Beinen und ist autonom.

Natürlich brauchen wir uns auf der Ebene des Tausches bzw. der Hilfeleistung, aber eben auch nur dort und nicht im Kern oder in der Tiefe unserer Existenz. Körper hängen nicht irgendwie zusammen, sondern sind völlig getrennt voneinander; hier endet mein Körper und dort beginnt der Ihrige; wir haben primär nichts miteinander zu tun. Und wer auf dem Tauschmarkt nichts bieten kann, mit dem haben wir auch sekundär nichts zu tun.

Eine eventuell hinzugefügte Psyche ändert daran nicht nur nichts, sondern potenziert den Körper-Individualismus eher noch.

Das macht zugleich die heutige Vormachtstellung der Ökonomie verständlich, denn sie ist die Wissenschaft von unseren einzigen Verbindungen. Hans Jonas schrieb in diesem Zusammenhang, daß „der Kapitalismus aus der Todsünde der Völlerei eine sozialökonomische Tugend“ (im Sinne der unsichtbaren Hand) gemacht habe.

 

Solange wir Subjekte als Individuen denken, das heißt, von ihren getrennten Körpern her – einerlei ob nun mit oder ohne Psyche, bleiben hinsichtlich einer „Ethik“ nur moralische Appelle, die bei der – hoffentlich – weiterhin abnehmenden Angst vor Hölle, Tod und Teufel immer weniger fruchten werden.

Eine „Ethik“, die auf Angst basiert, ist aber ohnehin keine Ethik, sondern Unterdrückung.

Anders geht es jedoch traditionell nicht, weil sich keine Ethik – des Miteinanders, der Gemeinschaft oder gar Nächstenliebe und Einheit – auf der Grundlage eines Weltbilds entwickeln läßt, das mit seinen völlig getrennten Subjekten jeglicher Intersubjektivität hohnspricht.

 

„Er ist wie Du“; das mag ja richtig sein; aber daraus folgt nicht unbedingt, daß ich „den Nächsten liebe wie mich selbst“, sondern möglicherweise nur, daß wir dann eben beide sehen müssen, wo wir bleiben oder wie wir durchkommen, und vielleicht nicht einmal im gleichen Boot sitzen, sondern gegeneinander rudern.

Man könnte denken, Margaret Thatcher hätte das begriffen: „Ich kenne keine Gesellschaft; ich kenne nur Individuen!“

Das muß nicht das letzte Wort sein; ist es aber, solange wir die Subjekte als Individuen mißverstehen.

 

Letztere verbindet nichts miteinander außer – gegebenenfalls bestehender – gemeinsamer Interessen. Existiert mehr zwischen ihnen, hören die „Individuen“ auf, Individuen zu sein – so daß eine begründete Ethik möglich wird, die auf alle Appelle verzichten kann, weil offensichtlich ist, daß wir uns selbst schaden, wenn wir anderen nicht gerecht werden.

AD: „Daß dies tatsächlich stimmt, haben wir wohl alle schon des öfteren erfahren; beispielsweise bei jeder Gabe, die von Herzen kommt. Aber warum ziehen wir daraus nicht die logische Konsequenz, daß demzufolge unser Verständnis der Subjekte als Individuen falsch sein muß?“

 

Weil wir nur innerhalb unseres Weltbilds denken können; darin sind die Subjekte nun einmal Individuen, und alles andere ist im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar.

Deswegen müssen wir den traditionellen Ansatz auch in dieser Hinsicht hinter uns lassen. Es geht hierbei nur scheinbar um moralische Fragen: Wenn wir unfähig sind, die Lösung unserer Probleme zu denken, existiert sie für uns gar nicht.

Natürlich ist „Liebe“ immer richtig; wer würde es wagen, dem zu widersprechen? Aber sowie wir in einer konkreten Situation fragen, was das hier und jetzt bedeutet bzw. was unter den gegebenen Umständen aus Liebe zu tun ist, gehen die Überzeugungen zumeist gehörig auseinander – nicht zuletzt weil jeder nur innerhalb seines Weltbilds denken kann.

 

AD: „Könnten Sie uns vielleicht noch erklären, weshalb das ‚Innen‘ der Psyche von Ihnen immer mit Anführungsstrichen versehen wird?“

Natürlich; unsere Körper befinden sich traditionell in oder innerhalb der objektiven Realität. Das ist sauber, denn der Kosmos-Raum(t) umgreift oder beinhaltet den Körper-Raum(t).

Der letzte Begriff ist der entscheidende: Jedes Innen muß selbst räumlich(t) sein; freilich kleiner als sein Außen – um darin sein zu können –, aber räumlich(t).

Der Kern kann in der Kirsche und der Käfer in der Schachtel sein – aber niemals eine unräumliche Psyche im Körper; deshalb die Anführungsstriche. Wir reden so; aber das ist Unsinn.

2.4.2. Postmoderne Subjekte

Wir wissen absolut nichts von uns selbst oder anderen Subjekten und können dies auch prinzipiell nicht.

Das ist keineswegs eigenartig, sondern entspricht zum einen der Überzeugung vieler Mystiker. Angelus Silesius‘ Aphorismus „Ich weiß nicht, was ich bin, und bin nicht,was ich weiß“ dürfte uns geläufig sein.

Zum anderen ergibt sich die absolute Nicht-Erkennbarkeit sämtlicher Subjekte auch aus unseren bisherigen Überlegungen.

 

AD: „Wir sind ja oben bereits davon ausgegangen, als Sie sagten, daß die Wirklichkeit – zum Beispiel auch – in den Subjekten als möglichen Facetten besteht; Wirklichkeit bedeutet ja eo ipso Nicht-Wissung.“

Das ist richtig; aber zur Untermauerung könnte auch der nachfolgende Gedankengang nochmals hilfreich sein.

 

Wir bauen die subjektive Realität aus denjenigen Wissungen auf, die uns zusagen, als vertrauenswürdig erscheinen, von guten Freunden vermittelt werden usw.

Beispielsweise sind wir felsenfest überzeugt, daß unser Wohnhaus auch während des Urlaubs in Übersee an seinem Platz steht. Nicht weil es sich der Tradition zufolge als Teil der objektiven Realität wirklich dort befindet und wir dies adäquat abgebildet haben, sondern weil das eine Wissung darstellt, die sich in unserem bisherigen Leben 100%-ig bewährt hat und der wir deshalb weiterhin vertrauen; alles andere wäre ein Spiel mit dem Feuer, das uns gar nicht (mehr) in den Sinn kommt.

Als Kinder waren wir uns dessen nicht ganz so sicher, wie ich glaube, mich recht deutlich erinnern zu können: Ich kam aus der Schule, schaute um die Kurve und war immer froh, daß meine Erwartungen wieder einmal bestätigt wurden, hielt dies aber nie für selbstverständlich.

 

Unsere Welt(p) hat demnach zwar sehr viel mit Vertrauen zu tun, aber

– es handelt sich dabei nur um ein von uns geschenktes Vertrauen

in bloße Wissungen.

Wir sind die Herren der eigenen Welt(p), und sie ist von unseren Gnaden; den betreffenden Wissungen kann das Vertrauen jederzeit wieder entzogen werden.

 

Dieses Manipulieren mit den eigenen Wissungen gehört also zu meiner persönlichen Freiheit.

Das muß natürlich jedes Subjekt sagen können; wir kennen uns zwar  nicht, müssen aber gleichwertig auf einer gemeinsamen Ebene stehen.

Dann läßt sich unsere Herrschaft über die eigene Welt(p) nur widerspruchsfrei denken, sofern ihr prinzipiell niemals Subjekte angehören. Aber das war ohnehin bereits klar, denn wir können sie weder sehen noch wissen.

 

Aber wie stoßen wir dann überhaupt auf andere Subjekte?

Lax ausgedrückt könnten wir sagen, sie zeigen sich; aber das ist nicht der rechte Ort für eine lockere Darstellung.

Die Wirklichkeit zeigt sich nicht, weil dieser Unterschied zwischen der Wirklichkeit und ihrem Sich-Zeigen einem traditionellen Denkmuster entspricht, das wir überwinden möchten:

Die Wirklichkeit ist „ihr“ Sich-Zeigen; deswegen sind die Anführungsstriche wichtig.

Dieses Sich-Zeigen – das heißt, die Wirklichkeit selbst – kann sowohl in Erlebungen als auch im Leiben bestehen, aber auch in der Transzendenz.

Subjekte sind – das Sich-Zeigen und damit – der Einbruch der Transzendenz in unser Bewußtsein. Noch „subjektiver“ können wir sie nicht erfahren.

Dieder Einbruch der Transzendenz bedeutet jedoch, daß sich unserem Leben eine neue Alternative eröffnet, auf die wir in Freiheit reagieren – müssen:

 

Entweder wir objektivieren das Sich-Zeigen der Transzendenz und machen es damit als Mensch, Lebenskünstler, Wirtschaftsflüchling oder wie auch immer zu einer bloßen Wissung. Dann können wir das ursprüngliche Sich-Zeigen als Objekt in unsere subjektive Realität einordnen.

Vorausgesetzt natürlich, daß die entsprechende Wissung uns zusagt; aber selbst das ist im gegenwärtigen Zusammenhang letztlich völlig einerlei: Das Sich-Zeigen der Transzendenz als solches hat sich uns bereits entzogen; es ist nur noch ein bloßes Objekt bzw. nicht einmal das.  

 

Oder wir anerkennen dieses Sich-Zeigen als das ganz andere, das unsere subjektive Realität transzendiert und damit uns selbst infragestellt.

Dies entspricht der Einladung zu einem neuen Leben, die von dem Subjekt bzw. Sich-Zeigen ausgeht. Wir müssen nicht in unserer alten Realität verharren, sondern können sie immer wieder zu einer neuen – nicht selbst aufbrechen, aber – aufbrechen lassen.  

Nur so wird eine zeitliche Genese auch der subjektiven Realität möglich, die in unserem Ansatz an die Stelle der Schöpfung bzw. Evolution tritt.

 

Natürlich können wir, anders formuliert, jederzeit über Moritz verfügen; aber in dem Maße, wie wir dies tun, ist Moritz bereits kein Subjekt mehr.

Wir selbst sind in unserer Freiheit entweder die Verfügenden oder die Anerkennenden.

Im Verfügen treffen wir eo ipso nur auf Objekte, und deswegen sind Subjekte absolut unverfügbar; unser Verfügen verwandelt das Subjekt, anschaulich gesprochen, in ein Objekt.

Jedes Anerkennen, aber auch nur dieses ist dagegen die Begegnung mit einem Subjekt.

 

Das war der erste Punkt zu den postmodernen Subjekten, den ich gerne schon ein wenig verdeutlichen wollte: Wir können prinzipiell nichts von ihnen wissen; weder von uns selbst noch von anderen Subjekten.

Der zweite Punkt betrifft einen äußerst wichtigen Unterschied zwischen Psyche und Bewußtsein.

 

In den Psychen werden traditionell die Seienden abgebildet; hierzu existiert bei uns kein Pendant.

Die Erlebungen müssen auch im traditionellen Denken erfaßt werden; natürlich nicht als Erleb(ung)en; mitunter spricht man hier vom Psychismus.

Die Möglichkeit einer Introspektion ist ebenfalls unbestreitbar, so daß auch sie sich sowohl traditionell wie postmodern beschreiben lassen muß. Wir vermögen es, durch Ruhe, Besinnung, Meditation, Entspannung, Gebet oder andere Techniken weit in unser „Innen“ einzudringen, es zu erkunden und uns dadurch selbst immer besser kennenzulernen.

2.4.2.1. Introspektion

Viele Gläubige – unter ihnen auch so große Denker wie Meister Eckhart – sind überzeugt, (nur) auf diesem Weg auch Gott finden zu können; das ist eine Vorstellung, die sich ja förmlich aufdrängt:

Wo sonst sollen wir ihn suchen, wenn die Hinterwelt als eine solche durchschaut ist?

Ich habe mit ihren Gemeinsamkeiten begonnen; aber die Unterschiede zwischen dem traditionellen und unserem Verständnis der Introspektion sind viel größer.

 

Traditionell wenden sich die Subjekte von der objektiven Realität ab und vertiefen sich in ihre subjektive Psyche. Zwischen beiden besteht eine ausschließende Alternative; entweder Realität oder Psyche.

Die Psyche von Subjekt A befindet sich zwar nicht in dessen Körper – wir wir oben gesehen hatten –, ist aber dennoch völlig getrennt von der Psyche des Subjekts B. Ein Kontakt zwischen beiden Subjekten ist nur über ihre Körper innerhalb der Realität möglich.

Bei der Introspektion zieht sich folglich jedes Subjekt in sich selbst zurück und isoliert sich so von allen anderen.  

 

Postmodern verläuft das Introspizieren – zumindest in unserer Sichtweise – völlig anders:

Es besteht darin, daß wir in unserem Leben oder Bewußtsein – wo auch sonst? – nach – mehr – Wirklichkeit suchen und bildet somit die Umkehrung des Abstrahierens von der Wirklichkeit. Dem entspricht in unserer Abbildung 1.3.1.2 eine Bewegung von unten nach oben in Richtung Leiben.

Damit ist das Introspizieren zugleich ein Zurücknehmen der Individuation in die Vielheit der Wissungen und folglich der Weg, auf dem wir Subjekte uns aufeinanderzu bewegen.

Die Introspektion entspricht postmodern also – im totalen Gegensatz zur Tradition – einem Weg zur Einheit.

Und der beginnt bei der Vielheit der Wissungen und Wissenschaften, weil wir sie als das Spiegelbild unseres „Innen“ verstehen können, wie sich bereits mehrfach gezeigt hat.

 

AD: „Nun muß ich doch einhaken; oben hatte ich es mir noch verkniffen, weil ich dachte, mich verhört zu haben; aber jetzt wiederholen sie Ihr Glaubensbekenntnis ziemlich dreist. Ich zitiere:

‚Jedes Anerkennen, aber auch nur dieses ist dagegen die Begegnung mit einem Subjekt.‘

Wieso? Ich anerkenne Moritz, und dann stellt sich heraus, daß es nur eine Fata Morgana war.

Und nun kommt, daß das Zurücknehmen der Individuation in die Vielheit ein Weg zur Einheit der Subjekte sein müsse.

Auch hier bleibt mir der Mund offen: Was Sie alles wissen!“

 

Ich verstehe Ihre Erregung, aber das ist einfach nur wieder die schwierige Stelle, von der ich gehofft hatte, sie im vorigen Kapitel geklärt zu haben. 

Ich rede von Subjekten im Plural, und „muß“ sagen, daß sie einem Sich-Zeigen entsprechen.

 

Traditionell existieren beliebig viele Seiende, von denen wir heute einiges wissen, die es aber bereits gab, als sie uns Menschen noch vollkommen unbekannt waren.

Das erscheint trivial zu sein, bleibt es aber keineswegs, wenn wir zu unserem Denken übergehen; dann läßt sich nicht mehr so einfach sagen, es gäbe die beiden Nicht-Wissungen A und B.

Woher wollen wir das – bei Nicht-Wissungen – denn wissen?

Folgt daraus, daß Nicht-Wissungen bei uns unmöglich sind?

Das wäre Größenwahnsinn oder eine unglaubliche Überheblichkeit; geht also nicht.

Aber es wäre ebenso offensichtlich ein Widerspruch, von den beiden Nicht-Wissungen A und B wissen zu wollen, worin sie sich unterscheiden, so daß sie tatsächlich zwei sind

 

Es bleibt uns nur ein MIttelweg zwischen Szylla und Charybdis:

Nicht-Wissungen sind möglich, aber es kann weder eine einzige noch mehrere von ihnen geben. Sie sind weder verschieden noch übereinstimmend – und deswegen nicht zahlfähig.

Das paßt zu unseren bisherigen Überlegungen:

Die ursprüngliche Wirklichkeit individuiert mittels Raum(t) und Zeit(t) in der Zeit(p) zum Leben mit der Vielfalt unseres subjektiven Weltbilds . . .

AD: „. . . und macht auch verständlich, daß sich alle Subjekte beim Introspizieren auf die gleiche ursprüngliche Wirklichkeit zubewegen.“

2.4.2.2. Gegenwärtigkeit der Subjekte

Das Bewußtsein wird – sowohl mit als auch ohne seinen Wandel – kontinuierlich anders; nichts bleibt, wie es war, so daß wir auch nicht den geringsten Grund haben, von einem bleibenden oder (an)dauernden Subjekt als Bewußthaber auszugehen. Das wäre eines, bei dem ich gegenwärtig der gleiche bin, der ich bereits in der Vergangenheit war und in der Zukunft sein werde.

Aber wir müssen noch einen Schritt weitergehen:

Die soeben negativ beantwortete Frage, ob wir in der Zeit(p) unverandert erhalten bleiben, setzt doch immer schon voraus, daß wir überhaupt kontinuierlich in der Zeit(p) existieren, das heißt, daß es uns bereits in der Vergangenheit gab und in der Zukunft noch geben wird. Nur wenn das so wäre, ließe sich nach unserer Veranderlichkeit fragen; das hatten wir übersehen und das Pferd gewissermaßen vom Schwanz her aufzäumen wollen.

 

Die Annahme es habe uns bereits in der Vergangenheit gegeben und wir würden auch in der Zukunft noch existieren, entspricht dem traditionellen Glauben an Seiende außerhalb unseres Bewußtseins. Weder versteht sich das von selbst, noch ist es irgendwie verständlich oder gar kontrollierbar; also belassen wir es dabei, daß ich als Subjekt – „nur“ – einen integralen Teil meines Lebens bilde, und von diesem lediglich die Gegenwart vorliegt, das heißt, mein Bewußtsein bildet (Abbildung 2.2.2.).

Subjekte sind eo ipso gegenwärtige Bewußthaber.

Wir können also unmöglich von unserem Bewußtsein in der Vergangenheit oder Zukunft sprechen, weil es uns da gar nicht gab bzw. geben wird. Der Vergangenheit und Zukunft entsprechen natürlich Bewußtseine – was auch sonst? –, aber es können – ohne uns Subjekte – unmöglich die unsrigen sein. 

 

AD: „Es gibt keine Kontinuität der Subjekte; einverstanden; existiert aber trotz aller zeitlichen(p) Anderungen wenigstens eine Kontinuität des Bewußtseins?“

Ja; und sie besteht genauer in einer Kontinuität der Wissungen.

Stellen Sie sich vor, wir würden gekidnappt, betäubt und irgendwo in einem anderen Erdteil ausgesetzt. Kämen wir wieder zu uns, würde diese Kontinuität der Wissungen fehlen, weil keinerlei Erinnerungen beständen, um unsere aktuale Situation zu erklären. Das Hier und Jetzt stände völlig unverbunden neben dem Dort und Früher.

Unser eo ipso gegenwärtiges Bewußtsein wäre nicht mehr kontinuierlich mit „unserem“ vergangenen Bewußtsein verbunden, weil sämtliche Wissungen, die die beiden normalerweise aneinander koppeln und damit die einzige Kontinuität des Bewußtseins erzeugen, fehlen würden.

 

In der Postmoderne ist sehr viel die Rede vom „Ende“, „Abschied“ oder „Tod des Subjekts“, und manche Konservative beklagen, daß dies nach dem „Tod Gottes“ ja auch gar nicht anders kommen konnte.

Sofern das traditionelle und – etwa durch eine unsterbliche Geist-Seele – als identisch geglaubte Subjekt gemeint ist, kann ich seinem Tod nur beipflichten. Aber damit sage ich nichts gegen die Subjekte als solche, sondern allein gegen das Verständnis der Subjekte und Objekte als Seiende.

Deswegen bemühen wir uns um ein anderes, postmodernes Subjekt, das nicht im übertragenen Sinne stirbt, sondern im wörtlichsten Sinne lebt.

2.4.2.3. Die Zeit als Abstand der Subjekte

Ich gehöre als Subjekt zur Gegenwart – nicht der, sondern – meiner subjektiven Zeit(p). Diesen Satz müssen Sie natürlich für sich selbst ebenfalls sagen; meine Gegenwart ist natürlich nicht die Ihrige. 

Damit kommt die Frage auf, wie sich unseren beiden Zeiten(p) zueinander verhalten.

AD: „Ja; aber wie sollen wir die beantworten, da Sie nichts von meiner Zeit wissen und ich nichts von Ihrer weiß?

Ich glaube, daß es trotzdem möglich ist, dazu etwas Vernünftiges zu sagen.

 

Meine Gegenwart fällt mit meinem Bewußtsein zusammen, wie wir oben gesehen hatten, und beide Begriffe umfassen auf der einen Seite mich als Subjekt mit meiner Freiheit und auf der anderen Seite den Rahmen, der meine Freiheit zugleich ermöglicht und begrenzt.

Daß der Rahmen beides tut und nicht eine Freiheit, die ohne ihn grenzenlos wäre, nur einschränkt, können wir uns leicht anhand der Sprache verdeutlichen. Wer nur indoeuropäische Sprachen spricht, kann nicht denken wie ein Chinese oder Japaner; die Sprache ist Grenze – ermöglicht aber zugleich ein indoeuropäisches Denken, was ohne sie ausgeschlossen wäre.

Traditionell wäre „Hier und Jetzt“ ein guter Name für den Rahmen; bei uns jedoch nicht, weil sich die Gegenwart weder im Raum(t) noch in der Zeit(t) befindet, sondern umgekehrt beide – als Wissungen – der Gegenwart angehören. Wir verstehen den Rahmen deshalb Heinrich Rombach folgend als Situationskokarde, so daß meine Gegenwart aus ihr sowie mir selbst als Subjekt besteht.  

 

Können Sie – mit Ihrem Leiben, Bewußtsein oder Leben – sowohl auf mich selbst als auch auf meine Situationskokarde einwirken?

Einerseits ist an meiner Frage natürlich dieses „Können“ wichtig; ob Sie es tatsächlich tun, kann ich unmöglich wissen; das ist der zutreffende Aspekt an Ihrer Skepsis oben.

Andererseits ist es unmöglich, daß kein einziges (anderes) Subjekt an der Entstehung meiner Situationskokarde beteiligt war. Das Eingeklammerte „anderes“ könnten wir weglassen; da es mich nur in der Gegenwart gibt, müssen die Subjekte, die meine Situationskokarde aufgebaut haben, andere gewesen sein.

Klar ist auch, daß sie, um an meiner Gegenwart arbeiten zu können, meiner Vergangenheit angehören müssen.

Zusammenfassend können wir also formulieren:

Diejenigen Subjekte, die – mit Ihrem Leiben, Bewußtsein oder Leben – irgendwie dazu beigetragen haben, daß meine Situationskokarde ihre gegenwärtige Form erhalten hat, müssen notwendigerweise meiner Vergangenheit angehören.

 

Oben hatten wir festgestellt, daß es Ihnen unmöglich ist, über mich als Subjekt zu verfügen

Aber das glatte Gegenstück oder Pendant zum Verfügen können Sie natürlich tun; es besteht darin, den Spielraum meiner Freiheit zu vergrößern.

Er wird bestimmt durch mein Weltbild; um ihn zu vergrößern, müßten Sie also versuchen, mein Weltbild für mich aufzubrechen oder infragezustellen. Ob ich dem dann folge, bleibt natürlich meine Freiheitsentscheidung – es ist ausgeschlossen, über mich zu verfügen –, aber Sie ermöglichen diese, indem Sie mir in Form der Transzendenz erscheinen; das heißt, nicht als Gespenst, sondern als ein von meinem Weltbild Unabhängiger.

Ein üblicher Name dafür besteht im „Gewissen“, und Levinas nennt das „Antlitz“.

Meine Transzendenz ist das, was für mich noch nicht ist, aber werden soll und als Gewissen oder Antlitz meinen Freiheitsspielraum vergrößern möchte.

Ob diese Chance genutzt und dadurch mein Leben integraler wird, entscheide ich ganz allein. So oder so, mit dem Annehmen bzw. Ablehnen der Transzendenz führt mein Leben in die Zukunft; sie ist das, was einmal Gegenwart sein wird.

 

AD: „Das hat mir gefallen; zwischen unseren Körpern besteht ein Abstand in Raum(t) und Zeit(t), aber zwischen uns Subjekten selbst einer in der Zeit(p).

Insoweit mir die (anderen) Subjekte begegnen, gehören sie meiner Vergangenheit an; und wenn ich ihnen wirklich begegne – das heißt, sie anerkenne – entstammen sie meiner Zukunft.

Schade, daß es nicht ganz richtig sein kann:

Wenn die Zukunft das ist, was einmal Gegenwart sein wird, und dies „immer“ gelten soll, müßte die Vergangenheit notwendigerweise das sein, was einmal Gegenwart war – und nicht das Arbeiten der Subjekte an meiner Situationskokarde.“

 

Sehr gut mit- und richtig weitergedacht; natürlich haben Sie Recht, denn der Widerspruch, der noch zu bestehen scheint, wird sich gleich in Wohlgefallen auflösen:

Es ist „immer“ oder nur Gegenwart.

Und zu dieser Gegenwart gehören stets ihre Vergangenheit sowie Zukunft.

Erstere besteht im Bau der Situationskokarde und letztere in der anerkannten Transzendenz.

Aber das kann doch problemlos so sein, weil niemals die Vergangenheit ist oder die Zukunft – sondern stets die Gegenwart mit der bereits „fertigen“ Situationskokarde; für ihr Bauen kommen wir „immer schon“ oder „ursprünglich zu spät“ (Jacques Derrida).

Einen Widerspruch enthalten unsere Überlegungen meines Erachtens nur dann, wenn wir uns die Zeit(p) mit einem Anfang denken, weil der keine Vergangenheit besitzen könnte.

 

AD: „Gut; aber dann ergibt sich ein anderes Problem.

Ich habe mir bisher die Zeit(p) mit Anfang vorgestellt und diesen in Gott gesehen. Die Zeit(p) und wir Subjekte mit unserem Leben oder Bewußtsein gehen aus ihm als Ursprung hervor.

Dieses schöne Bild machen Sie mir nun zunichte; gibt es einen vernünftigen Ersatz?“

 

Ja; ganz im Gegenteil!

Mir gefällt Ihr Bild gar nicht, weil wir darin zwar aus Gott hervorgehen, ihn aber dann in oder mit der Zeit(p) hinter uns lassen. Wo sollen wir denn leben ohne ihn?

Wir leben nicht nur durch Gott, sondern auch in und mit ihm.

Meinem Bild zufolge leben wir sowohl anfangs- als auch endlos zeitlich(p) innerhalb der Transzendenz bzw. Gottes. Er hat im Sinne des Zimzum mit seiner Kenosis Platz gemacht, um uns in sich aufnehmen, das heißt, vergöttlichen zu können.

 

Das ist nicht nur eine frohe, sondern eine Wahnsinnsbotschaft!

Wer sie begriffen hat, benötigt keinen „Missionsauftrag“; wer den braucht, soll still zu Hause bleiben und über die wahre Lehre nachdenken. Die ist als reines Menschenwerk völlig bedeutungslos und interessiert keinen Menschen, der bereit ist, selbst zu denken.

Wer diese Wahnsinnsbotschaft begriffen hat, dem läuft vielmehr das Herz über, und deshalb „muß“ er es allen, die ihn danach fragen, verkünden. 

 

AD: „Um meinen Widerspruch zu vermeiden, darf unser Leben keinen Anfang haben; einverstanden. Aber warum soll es endllos sein?“

Zum einen gehört das wesentlich zum christlichen Glauben.

Und zun anderen wende ich mich mit aller Energie gegen dessen zeitlos(p)-statische Darstellung als „ewiges Leben“. Ich möchte nicht für immer gelangweilt auf Wolke n sitzen, Harfe spielen und Halleluja singen; da dürfte selbst die Hölle wesentlich interessanter sein.

Under Leben ist endlos; schon vor unserem biologischen Exitus passiert sehr viel, und ich erhoffe mir eine gewaltige Steigerung danach, wenn wir nicht mehr an unser begrenzendes Weltbild gebunden sind

2.5. Die Frage nach der Wirklichkeit

Die heute üblichen Antworten auf die Frage nach der Wirklichkeit zielen – ganz im Sinne der Moderne – zumeist in Richtung Materie, objektive Realität, Naturgesetze, Evolution oder Raum und Zeit; das ist aber nicht selbstverständlich, sondern lediglich unreflektiert. Die (allermeisten) Philosophen wissen das zumindest seit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ – also immerhin schon über 200 Jahre –, und wir alle würden es erfahren, sowie wir versuchten, einen Schritt weiterzugehen und unsere „selbstverständlichen“ Antworten zu hinterfragen:

Was sind Materie, objektive Realität, Naturgesetze, Evolution oder Raum und Zeit überhaupt?

„Das, was wirklich existiert,“ wäre keine Antwort, sondern ein logischer Zirkel. Auch ihn hatte Heidegger wohl im Sinn, als er schrieb, daß „die exakten Wissenschaften nicht denken“.

 

Wir wollen versuchen, das dort fehlende Denken in Angriff zu nehmen, und müßten dazu

– auf der einen Seite natürlich erst noch halbwegs verstehen, wie es möglich sein kann, daß die gesamte Wirklichkeit in unserem eigenen Leben bestehen soll, und

– auf der anderen Seite klären, weshalb wir nichtsdestotrotz fest überzeugt sind, es durch  Materie, objektive Realität, Naturgesetze, Evolution oder Raum und Zeit ersetzen zu müssen.

 

AD: „Genau in diese Richtung weisen meine Bedenken:

Ich verstehe immer noch nicht recht, wie Sie die traditionelle Welt(t) als das uns objektiv Vorgegebene streichen können. Dann wäre doch die Wirklichkeit weg, und letztlich würden Sie somit behaupten, alles sei nur Halluzination, ein Traum oder dergleichen. Dann müßten wir nur noch herausbekommen, wer halluziniert bzw. träumt.“

Nein; das  stimmt nicht, weil Sie bei Ihrer Schlußfolgerung ganz traditionell die Wirklichkeit mit der Welt(t) identifizieren. Genau das tun wir nicht mehr, so daß letztere gestrichen werden kann, ohne die Wirklichkeit zu beseitigen.

Natürlich stellt sich damit die Frage, worin letztere besteht.

 

Nicht in den – traditonellen oder postmodernen – REFERENTEN irgendwelcher Wissungen; soweit dürften wir uns bereits einig sein. Jene gibt es gar nicht, und diese existieren nur subjektiv für uns, weil wir sie glauben, annehmen, akzeptieren, nur-zu-gerne-wahrhaben-möchten bzw. zur-Kenntnis-nehmen-müssen oder ähnlich.

Damit besitzen sie möglicherweise eine fundamentale Bedeutung für unser Leben; wenn ich mir gewiß bin, der Nachbar will unser Haus anzünden und meine Frau mit den Kindern entführen, wird alles anders. Aber auch die festeste Überzeugung führt nicht zur Wirklichkeit . . .

. . . von Referenten(p).

 

Ich habe das so auffällig geschrieben, weil wir die entscheidende Nuance in unserem Verständnis gar nicht deutlich genug betonen können:

Natürlich führt unsere Einstellung gegenüber den Wissungen zur Wirklichkeit unseres Lebens. „Dein Glaube hat Dir geholfen“ stellt keinen frommen Hokuspokus dar, sondern entspricht unserem alltäglichen Erfahren; wer Verschwörungstheorien anhängt, lebt auch dementsprechend. 

Ebenso selbstverständlich ist es, daß durch unsere Entscheidungen keine subjektiven Referenten(p) entstehen; locker formuliert produziert mein Glaube an den Eiffelturm kein Eisen.

 

Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Wir stehen doch nur vor den Wissungen und entscheiden, welche von ihnen wir übernehmen; dabei tritt unser Leben gar nicht in Erscheinung.

AD: „Und oben hatten Sie zudem betont, daß die Wissungen – und damit auch Referenten(p) – nicht einmal wirken könnten, ’so unwirklich sind sie‘.“

Völlig richtig; die Referenten(p) sind nicht vorhanden, sondern lediglich ein Spiegelbild unseres Lebens; hier gibt es also gar nichts, was wirken könnte.

Die Introspektion führt zu den Referenten(p); sie ist – kein traditioneller Rückzug aus der, vielmehr – ein Vordringen in die WELT. Daß wir gegebenenfalls glauben, letztere bestände aus Materie, sagt ebenso etwas über uns aus wie ein eventueller Verfolgungswahn. 

Nur traditionell gehört jene der objektiven Realität an und dieser der Psyche; für uns zählen beide zur Welt(p).

 

Theoretisch spiegelt sich in jedem Referenten(p) oder Nicht-Referenten(p) – „Ich bin dagegen!“ – zumindest ein ganz klein wenig unser Leben.

Es mag irre klingen, ich stehe jedoch dazu:

Natürlich sprechen die Physiker über einen intersubjektiven Kosmos(p).

Das schließt aber keineswegs aus, daß die Physik einen Teil der Introspektion bildet.

Auch diese physikalische Introspektion sagt etwas über uns, unser Leben und unsere Kultur; in früheren Zeiten hätte sie zu einem anderen Kosmos als Spiegelbild eines anderen Menschentums geführt.

 

AD: „Das war hilfreich; bisher hatte ich Ihre Wirklichkeit des Lebens zu billig verstanden:

‚Selbstverständlich gibt es ohne Leben auch keine Wissungen oder Referenten(p); irgendein Subjekt(p) muß sie ja haben.‘

Aber Sie meinen doch unendlich viel mehr:

In gewisser Weise bin ich meine Welt(p).“

 

Genau in diese Richtung versuche ich tatsächlich zu denken.

Natürlich handeln die Archäologen von der Historie; aber sie graben nicht nur vordergründig in Sakkara, sondern damit zugleich auch introspektiv im Bewußtsein. Die Annahme, daß das traditionell verstandene Sakkara einen Teil von uns bildet, ist offensichtlich mehr als absurd; aber das behaupte ich auch nicht.

Vielmehr sind wir unsere Hoffnungen, Ängste, Absichten oder Wünsche – und unser Stellungnehmen. Wir können gar nicht anders, als bezüglich unserer Wissungen irgendeine Stellung zu beziehen.

 

Das traditionell verstandene Sakkara ist natürlich kein Teil von mir, aber

mein Stellungnehmen zum traditionell verstandenen Sakkara kann es sein.

Nein; das war Unsinn, denn das Stellungnehmen ist doch das Verstehen. Wer Sakkara also traditionell versteht, hat dazu bereits Stellung bezogen – eben im traditionellen Sinne. Korrigieren wir also:

Mein Stellungnehmen zu Sakkara kann nicht nur problemlos ein Teil von mir sein, sondern ist es ganz gewiß sogar – sofern mir die Wissung Sakkara überhaupt begegnete und hinreichend interessant erschien.

 

Ich weiß, daß diese Stelle vielen Lesern schwerfällt, fühle mich diesbezüglich aber eher unschuldig. Unser aller Schwierigkeiten resultieren meines Erachtens daraus, daß wir mit dem Wechsel der Wirklichkeit von der traditionellen Welt(t) zum postmodernen Leben eine „Änderung der Denkungsart“ anstreben, die einer „kopernikanischen Wende“ (Kant) gleichkommt:

Die traditionellen Referenten(t) existieren gar nicht; vielmehr handelt es sich bei ihnen um postmoderne Referenten(p), zu denen traditionell Denkende auf ihre Weise Stellung beziehen.

Die postmodernen Referenten(p) bilden als Spiegelbilder oder Kennmarken unseres Lebens den einzigen Zugang zu ihm; mit ihrer Hilfe können wir es verstehen, beschreiben oder ausdrücken.

 

Ihr bisher „zu billiges Verständnis, AD“ kann unseren Lesern aber ebenfalls helfen; wir müssen es nur etwas sauberer formulieren:

„Würde ich nicht leben, könnte ich den Referenten(A) weder annehmen noch ablehnen.“

So habe ich Sie verstanden, und das wäre in der Tat zu wenig, denn es gibt kein neutrales Leben, in dem ich den Referenten(p) A glaube oder nicht glaube; sondern:

Entweder nehme ich den Referenten(p) A in meinem Leben(A) an, oder ich lehne ihn in meinem – eo ipso – anderen Leben(non-A) ab.

Natürlich habe ich nicht zwei Leben – hier geht es nicht um Science-Fiction –, aber mein einziges ist ein zeitliches und stellt mich vor Freiheitsentscheidungen. Die Wahl des Referenten(p) A ist die Entscheidung für das Leben(A), und die kann häufig irreversibel sein, so daß ich niemals erfahren kann, wie das Leben(non-A) verlaufen wäre, hätte ich den Referenten(p) A abgelehnt.

 

Hieran sollte auch nochmals deutlich werden, daß keinerlei Wirkungen irgendwelcher REFERENTEN erforderlich sind. Vielmehr handelt es sich um zwei differente Lebens-Möglichkeiten, die wir nur anhand ihrer Referenten(p) voneinander unterscheiden können.

Unsere Freiheitsentscheidungen gehören zum Leben und beziehen sich darauf; mittels der eigenen Welt(p) bzw. ihrer Referenten können wir darüber nachdenken oder sprechen.

 

AD: „Ich kann Ihnen nicht gut widersprechen, finde es aber trotzdem ziemlich mutig zu behaupten, daß ein schwerer Autounfall ’nicht auf unser Leben einwirkt‘ . . .“

Autounfall ist eine Wissung; sie kann für mich zu einem Referenten(p) werden, zum Beispiel wenn ich ihn zur Kenntnis nehmen muß.

AD: „Weshalb sollte ich das müssen?“

Weil zu meinem wirklichen Erfahren (in der Vorwoche) tatsächlich „ein schwerer Autounfall gehörte“.

 

Pardon; das war schon wieder Unsinn von mir, weil zum Erfahren natürlich keine Referenten(p) gehören; sie können lediglich aus ihm hervorgehen.

Damit haben wir es endlich:

Der Referent(P) Autounfall

wirkt nicht auf mein Leben – und braucht dies auch nicht –,

– weil bereits das Verunfallen

– als diejenige Facette am Erfahren, aus dem dieser Referent ja erst hervorging,

– wie die Freiheit einen integralen Teil meines Lebens bildet.

2.5.1. Traditionelle Antworten auf die Frage nach der Wirklichkeit

Die Tradition lehnt sich bei ihrem Denken sehr stark an die Sprache an und betrachtet dementsprechend alles, was ist, – grammatisch sauber – als Seiendes; mehr müssen wir hinter diesem Begriff, der im Alltag kaum vorkommt und abgehoben klingt, vorerst auch nicht suchen. Die Wirklichkeit oder Welt besteht traditionell in der Summe oder additiven Gesamtheit aller Seienden.

Hinsichtlich der Frage, worin letztere bestehen, sind freilich die verschiedensten Antworten möglich und im Verlaufe der Geschichte tatsächlich auch gegeben worden.

 

Speziell bei der objektiven Realität müßten wir uns vorstellen, daß im Laufe des Lebens unter anderem auch Teile von ihr als Wissungen in die Psyche gelangen. Zumeist wird das ganz anschaulich durch ein Abbilden beschrieben; wir schauen aus unserem Körper heraus in die Welt hinein und sehen beispielsweise den Eiffelturm.

Das wirkt auf die meisten von uns sehr überzeugend und selbstverständlich ist aber meines Erachtens trotzdem unmöglich:

Wie kann ein räumliches Abbild in einer unräumlichen Psyche untergebracht werden? Diese drei Dimensionen existieren für die Psyche doch gar nicht. Stellen wir uns letztere – weil es besser wohl gar nicht geht – als mathematischen Punkt nulldimensional vor, so müßte in ihm ein adäquates Bild des Kosmos Platz finden.  

 

AD: „Könnte es nicht sein, daß die nicht-räumliche Psyche nicht un-, sondern überräumlich ist?“

Hierauf kann ich jetzt weder mit „ja“ noch mit „nein“ antworten, weil Sie mir zuvor erklären müßten, was „überräumlich“ bedeutet.

 

AD: „Das kann ich allerdings nicht . . .; aber wenn ich trotzdem noch einen Einwand vorbringen darf:

Die Wissung der Materie erweist sich doch auch nicht als materiell, sondern als rein geistig. Und entsprechend erfolgt die Wissung der Dimensionalität ebenfalls nicht dimensional, sondern rein geistig.“

Nein; Ihre Logik stimmt nicht; die Wissung von Farben ist offensichtlich bunt. Oder können Sie ein farbloses Rot wahrnehmen bzw. sich vorstellen?

Natürlich ist ein Abbild der objektiven Realität nicht materiell wie diese, sondern rein geistig; aber mit dem Canceln ihrer Substanzialität entfallen doch weder ihre Dimensionen noch die Farben.

Das Geistige kann, mit anderen Worten, als Gegenbegriff zum Materiellen, aber nicht zum Dimensionalen oder Farbigen verstanden werden. Sämtliche bloßen Abbildungen müssen zwar geistig sein, aber vollkommen unabhängig davon ist eine adäquate Abbildung des Eiffelturms räumlich und braun.

 

Natürlich stecken in den letzten Zeilen ein paar Ungereimtheiten, aber ich bezweifle, daß sie unserem Gedankengang entspringen. Vielmehr mußten wir „traditionelle Selbstverständlichkeiten“ voraussetzen, die meines Erachtens vollkommen unverständlich sind.

„Natürlich ist ein Abbild der objektiven Realität nicht materiell wie diese“ scheint mir völlig abstrus zu sein, und das „Canceln ihrer Substanzialität“ ist ebenfalls ein Unbegriff, wenn wir an letztere gar nicht glauben.

 

AD: „Einverstanden; hier kann ich nicht viel dagegen sagen, aber damit vergrößern Sie meine Schwierigkeiten eher noch:

Ich folge Ihren bisherigen Ausführungen und gebe die objektive Realität als eine HInterwelt auf; aber gegen meinen subjektiven Kosmos(p) haben Sie ja nichts. Wenn unsere Wissungen von ihm dreidimensional sein müssen wie er selbst, passen einerseits beide nicht in unsere Psychen hinein.

Andererseits bin ich mir aber sicher, meinen subjektiven Kosmos(p) trotzdem zu wissen.

Wie bewerkstelligen wir dieses ‚Wunder‘ offensichtlich völlig problemlos?“

 

Gar nicht; aber es wäre in der Tat ein Wunder, das bei uns jedoch nicht erforderlich ist.

Sie haben die Psychen beibehalten und sich damit nicht vollständig vom traditionellen Denken gelöst, sondern sind lediglich vom objektiven zum subjektiven KOSMOS übergegangen – was natürlich zu einem geistigen Chaos führt.

Mit dem Bewußtsein ist unter anderem auch Ihr Problem sofort gelöst, denn Sie könnten gar nichts von Dimensionen wissen, ließen sie sich nicht im Bewußtsein unterbringen. Es ist also unbestreitbar, daß Wissungen dreidimensional und farbig sein können – vollkommen unabhängig von irgendeinem KOSMOS.

 

AD: „Wenn die Wissung rot tatsächlich rot sein soll, müßte die Wissung naß auch naß sein . . .

Ich kann mir wahre Wissungen vorstellen, aber keine nassen.“

Bei mir ist beides ausgeschlossen; Ihre „Extrapolation“ von dimensional oder farbig auf naß, wohlschmeckend, laut, stinkig usw. ist meines Erachtens nicht gerechtfertigt. Sie werfen alle diese Eigenschaften in einen Topf; nasse Wissungen sind tatsächlich absurd, und damit entfallen auch sämtliche anderen

 

Ich bin für zwei verschiedene Töpfe.

Unsere Wissungen sind ausnahmslos visuell oder vom Gesichtssinn geprägt. Bei sichtbaren Eigenschaften wie Größe, Form, Farbe oder Dimensionalität kann deswegen die Wissung X tatsächlich X sein. Andernfalls – die Wissung rund ist eckig –, erweist sich die Wissung als falsch. Bei den adäquaten muß die Wissung X also mit X zusammenfallen.

Das war der eine Topf; in dem anderen befinden sich die eo ipso visuellen Wissungen – weil es gar keine anderen gibt – der nicht-visuellen oder unsichtbaren Eigenschaften wie naß, wohlschmeckend, laut, stinkig usw. Es sollte nun verständlich sein, daß eine rein visuelle Wissung niemals X sein kann, wenn X  eine nicht-visuelle Eigenschaft darstellt.   

 

Mich würde unheimlich interessieren, ob unsere Einseitigkeit des Gesichtssinnes zwingend ist, so daß unsere Wissungen zu einer Augenwelt(p) führen müssen, oder ob nicht zum Beispiel eine auditive Ohrenwelt(p) oder olfaktorische Nasenwelt(p) ebenso möglich wären. Dann könnten unsere Wissungen laut bzw. stinkend sein – aber das möchten wir vielleicht auch gar nicht . . .

Zu einem vernünftigen Ergebnis bin ich bisher leider nicht gelangt.

2.5.1.1. Platonische Ideen

Vielen Menschen gefällt auch heute noch Platons philosophische Grund-legung. Ihr zufolge besteht die Wirklichkeit in den Ideeen, die einem rein geistigen Reich – jenseits der von den Physikern beschriebenen objektiven Realität – angehören. Zur Welt(t) zählen sie natürlich, wenn diese in dem uns objektiv Vorgegebenen besteht.

Die Platonischen Ideen sind unveränderlich, volkommen unabhängig von uns und ewig im Sinne von anfangs- sowie endlos. Sie existieren einfach – Punkt; so wie sich die meisten Christen wohl auch Gott vorstellen. Die Platonischen Ideen sind in einem solch wörtlichen Sinne, daß sie nicht werden oder der Zeit unterliegen können.

Zwei gleiche Ideen sind ausgeschlossen, wei sie keinen Einzeldingen entsprechen, sondern dem Allgemeinen. Die Idee der Menschlichkeit beispielsweise ist in allen einzelnen Menschen verwirklicht – sonst wären es keine. Benehmen sie sich wie die Tiere – die analog an der allgemeinen Idee der Tierheit teilhaben –, stellt das keinen Widerspruch dar, sondern diese Menschen verfehlen – moralisch – ihre eigentliche Seinsweise, ihr Wesen. Sie werden nicht zu Tieren, weil Ideen ewig unveränderlich sind.

Wichtige Beispiele stellen die sogenannten Transzendentalien dar, das Eine, das Wahre, das Gute und das Schöne, aber letztlich benötigt Platon für seinen Ansatz auch die – natürlich ebenso geistigen – Ideen des Schmutzes und Kots. 

 

Was wir dagegen auf Erden sinnlich erleben, ändert sich kontinuierlich und kann somit nur einen unwirklichen Schein des wirklichen Seins – der Ideen – darstellen; das entspricht dem Erscheinen des Allgemeinen im Einzelnen.

Hieraus folgen bereits fünf Gedanken, die wir möglichst stets im Hinterkopf haben sollten:

 

1. Es ergibt sich eine fundamentale Unterscheidung zwischen Sein und Schein, von der das gesamte traditionelle Denken beherrscht wird.

 

2. Ohne das Sein gäbe es auch keinen Schein, denn jenes zeigt sich in diesem oder er-scheint darin – wenn auch häufig in trügerischer Form.

Sokrates gilt (für) Platon beispielsweise als der Inbegriff eines gerechten Menschen. Das ist jedoch nur möglich, weil es die Idee der Gerechtigkeit gibt und Sokrates an ihr teilhat, das heißt, diese Idee in oder an ihm erscheint. Ohne die geistige Idee des Schmutzes wären unsere sinnlichen Dreckhaufen nicht möglich; sie sind mal hier mal dort und werden größer oder kleiner, aber die notwendigerweise hinter ihnen stehende Idee des Schmutzes ist zeitlos eine.

 

3. Das Geistige wird (nur) durch das Sinnliche hindurch erkannt; dieses ist transparent für jenes – zumindest insoweit wir uns nicht vom Sinnlichen irritieren, täuschen, ablenken bzw. verführen lassen.

Nicht zuletzt resultiert aus einem solchen Denken, daß das Geistige als Höherwertiges favorisiert und das Sinnliche eher unter Vorbehalt betrachtet wird. 

 

4. Die Wahrheit besteht in der Erkenntnis der Wirklichkeit – der Ideen also – und muß folglich rein geistig sein.

 

5. Mit den Ideen kann sich die Wahrheit somit auch nicht ändern; sie ist absolut oder objektiv, das heißt, für sämtliche Menschen aller (Räume und) Zeiten die gleiche.

 

Wie alles uns angeblich Vorgegebene halte ich auch die Platonischen Ideen für eine bloße Erfindung – die gewiß einmal ihre Berechtigung gehabt haben mag, aber nicht übernommen werden sollte oder gar muß – und betrachte ihre geistige Heimat, den „Ideenhimmel“, als eine Hinterwelt.

Damit entfallen meines Erachtens alle vorgenannten Punkte, was explizit bedeutet:

ad 1.: Die Unterscheidung zwischen Sein und Schein wird für uns hinfällig.

ad 2.: Ohne einen Ursprung als Quell aller Wirklichkeit kann es tatsächlich nichts geben, aber wir haben keine Ahnung, worin dieser bestehen könnte.

ad 3.: Das Geistige muß nicht länger dem Sinnlichen übergeordnet sein.

ad 4.: Es ist unklar, worin die Wahrheit bestehen könnte; wir leugnen ihre Existenz also nicht, erkennen sie aber als Problem, das nicht gedankenlos überspielt werden darf.

ad 5.: Damit ist natürlich auch nicht mehr zwingend, daß die Wahrheit absolut oder objektiv sein müßte.

2.5.1.2. Objektive Realität

Der Glaube an Platonische Ideen prägte die Antike und das Mittelalter. Die Moderne nicht mehr; sie hat aber nur diese Ideen, nicht jedoch das damit verbundene Denken oder die traditionelle Denkungsart überwunden. Lediglich die Referenten(t) haben gewechselt; aus den Platonischen Ideen wurden die Objekte der Realität.

Zum einen kommt also beiden Ansätzen die Überzeugung zu, daß uns Subjekten eine Wirklichkeit an sich vorgegeben ist, die wir irgendwie abbilden müssen. Das geschieht (angeblich) bei den Platonischen Ideen durch ein rein geistiges und bei der objektiven Realität (zumindest auch) durch ein sinnliches Erkennen; aus der meditativen Schau wurde das geplante Experiment; aus dem Denken die Empirie; die „Hohen Priester“ sind heute die Naturwissenschaftler. 

Und zum anderen ist die objektive Realität als solche ebenso ewig – im Sinne von „immerwährend“ – wie es die Platonischen Ideen sind; beide können weder entstehen noch vergehen.

 

AD: „Ob die Platonischen Ideen ewig sind, ist mir letztlich gleichgültig; ich gehöre in die Moderne und glaube sie ohnehin nicht; das ist bloße Spekulation oder Phantasterei. Aber Ihre Parallele mit der objektiven Realität geht meines Erachtens völlig daneben:

Zum einen existiert sie nicht ewig, sondern verdankt sich, wie wir heute – offensicht nur: fast – alle wissen, dem Urknall.

Und zum anderen hat sich die objektive Realität in den 13,7 Millarden Jahren, die seit ihm vergangen sind, unvorstellbar verändert.

Da besteht also auch nicht die geringste Analogie zu den unveränderlichen Platonischen Ideen.“ 

 

Sorry; das klingt zwar sehr überzeugend, stimmt aber meines Erachtens nicht!

Zunächst zum Variieren.

Ob sich etwas ändert oder nicht, ist völlig belanglos, weil Nicht-Änderungen lediglich den asymptotischen Grenzfall der Änderungen mit dem Wert 0 bilden. Wer also beispielsweise die Unveränderlichkeit Gottes betont, zeichnet ihn nicht sonderlich aus, sondern sagt nur, daß Gott noch stabiler als ein Granitblock ist.  

 

Damit können wir die obigen Aussagen etwas konkretisieren:

Die Tradition glaubt an an eine Hinterwelt, in der uns Referenten(t) objektiv vorgegeben sind; sie bestehen in unveränderlichen Platonischen Ideen oder einer veränderlichen objektiven Realität. Beide sind ewig, das heißt, weder entstanden noch vergänglich.

Für uns existieren keine solchen Referenten(t), so daß sich sämtliche Änderungen (einschließlich aller Nicht-Änderungen) allein auf unsere Wissungen und deren Referenten(p) beziehen. Deswegen spricht Kant bei Raum und Zeit nicht von Wirklichkeits-, sondern von bloßen Anschauungs-, das heißt für uns: Wissungsformen.

 

Wir würden den Glauben der Tradition folglich in dem Sinne korrigieren, daß 

– sie tatsächlich über unveränderliche und veränderliche Wissungen verfügt,

– die sich angeblich auf Platonische Ideen bzw. eine objektive Realität beziehen.

Bei dem ersten Teil können wir natürlich mitgehen; das geht uns ebenso – lediglich ohne die Seienden des zweiten Teils.

 

Für uns ist somit insbesondere die Ewigkeit – sowohl der Urbilder als auch der objektiven Realität – hinterwäldlerisch und damit hinfällig.

AD: „Aber Sie scheinen ja tatsächlich nichts vom Urknall zu wissen . . .

Wie könnten Sie sonst behaupten, die objektive Realität sei ewig und damit nicht entstanden? Woher kommt Ihr kategorischer Unterschied zwischen den Änderungen der objektiven Realität und ihrer Entstehung? Stellt erstere etwa keine Entwicklung und die Evolution keine Genese dar?“

 

Im Abendland wird der Nullpunkt des Zeit-Strahls mit Christi Geburt in Verbindung gebracht, aber für die Physik ist das natürlich völlig belanglos. Ihre Gleichungen können (als differentielle) unmöglich von der Wahl des Nullpunkts der Zeit abhängen, sondern sind invariant gegen seine Verschiebungen.

Derartige Invarianzen werden in der Physik „Symmetrien“ genannt, und jede von ihnen führt (dem Noether-Theorem zufolge) zur Erhaltung einer bestimmten physikalischen Größe. Speziell aus der Zeit-Symmetrie bzw. -Verschiebungs-Invarianz ergibt sich, daß die Energie in der Zeit erhalten bleibt.

Die Naturgesetze sind an die Zeit gebunden, so daß wir nicht über letztere hinaus rechnen können; ein Jenseits der Zeit ist uns physikalisch unzugänglich. Insbesondere der Urknall muß also noch der Zeit angehören, der Zeit, in der notwendigerweise die Energie erhalten bleibt.

Seit dem Urknall haben sich in der Tat phantastische Änderungen ereignet, aber von einer Entstehung oder Genese kann nicht die Rede sein; die Evolution ist eine Erhaltung – unter anderem auch der Energie.

Wer das nicht möchte, muß den „Urknall“ aus der Zeit herausnehmen, hat damit aber keine Gleichungen, um ihn berechnen, und folglich auch keinen Urknall mehr.

 

Der „gesunde Menschenverstand“ hat mit der objektiven Realität auch nicht die geringsten Schwierigkeiten. Sie ist das Vorhandene, das uns in den Wahrnehmungen unmittelbar gegeben ist. Wer (menschliche) Körper, den Eiffelturm oder Mond sieht, muß nicht darüber nachdenken – und tut es zumeist auch nicht –, worin die objektive Realität besteht:

Sie ist das Wahrnehmbare der „Welt“, das in unseren Wahrnehmungen zum Wahrgenommenen wird.

 

Das stimmt meines Erachtens alles nicht!

AD: „Eine mutige Behauptung!“

Die objektive Realität im Sinne der traditionellen Seienden gedacht, die abgebildet werden müssen.

Wir verstehen sie dagegen postmodern als Referenten, von denen wir Vorstellungen haben.

Das bedeutet, daß die objektive Realität kein Stoff, keine Materie oder Substanz ist, sondern eine Idee – wie Geist, Gerechtigkeit, Schmutz oder Mensch. Wir verfügen nur über unwirkliche Vorstellungen!

Den Eindruck, es müsse sich doch um etwas Undurchdringliches und Greifbares handeln, vermitteln uns die Wahrnehmungen.

 

Die Vorstellungen sind leere Vorstellungen von – möglicherweise wirklichen, aber – fehlenden Referenten.

Die Referenten fehlen natürlich immer, weil auch unser Glaube daran sie nicht hervorbringen kann.

Aber mitunter werden die Vorstellungen vom Leiben so passend gefüllt, daß wir ihren Inhalt für den richtigen – aber natürlich nicht vorhandenen – Referenten halten und somit glauben, die Einheit von Vorstellung und Referent vor uns zu haben. Diese scheinbaren – jedoch unmöglichen – Einheiten aus Vorstellung und ihrem Referenten nennen wir „Wahrnehmungen“.

 

Ideen oder Vorstellungen können sich natürlich ändern; das tun sie in der „Zeit“, heißt „Kausalität“ und kann auch die Form eines Geschehens bzw. einer Handlung besitzen. Wir stellen uns zum Beispiel – eo ipso unwirklich – vor, wie Billardkugeln einander anstoßen oder der Kran ein Schiff belädt.

Aber das und überhaupt alles, was der „Zeit“ angehört und somit in bloßen Vorstellungen besteht, kann kein Be-wirken als wirkliches Tun sein, denn das ist nur zeitlich möglich.

In der Zeit befinden sich die gewußten Referenten. Sie sind aber nicht unmittelbar, sondern nur indirekt über die Vorstellungen zugänglich, deren Referenten sie darstellen.

 

Damit verbleibt uns allein das Leiben:

Alles Tun oder Geschehen, das

wirklich ist, weil es

– einem Zeitigen, einer Anderung oder Genese entspricht und

– damit über unwirkliche vollautomatisch-kausale Änderungs-Vorstellungen hinausgeht,  

kann nur nur in einer Facette am – eo ipso eigenen – Leiben bestehen.

 

Zu meinem Leben gehören beispielsweise die Vorstellungen, wie Moritz handelt oder ich selbst handle. Dann bilden diese Handlungen die Referenten an den Vorstellungen von ihnen, und dadurch wissen wir von den Handlungen.

Aber keine Handlung ist ein Tun.

Letzteres gibt es für mich – in meinem Leben und Bewußtsein – ausschließlich als eigenes Tun, das lediglich als Facette am Leiben möglich ist und somit prinzipiell nicht gewußt werden kann.

Es gibt folglich soetwas wie eine „Unschärferelation“ zwischen Wissen und Tun, kausalem Erklären und zeitlichem Wirken oder Theorie und Praxis.

 

Nun sollte auch das erste Zitat in unserer Intention verständlich werden, demzufolge Wittgenstein jeden Aberglauben mit dem Glauben an ein kausales Wirken gleichsetzt.

Es macht keinerlei Unterschied, ob Götter gegeneinander kämpfen, eine „Welt“ erschaffen oder wundervoll auf irgendwelche Dinge Einfluß nehmen. Der Aberglaube besteht nicht darin, dies als Wirklichkeit anzuerkennen, sondern darin, es kausal zu verstehen.

Damit haben wir sogar einen zweiten Grund, uns nicht um das Woher der objektiven Realität kümmern zu müssen. Selbst wenn sie existieren würde, wäre der Versuch, ihre Entstehung zu erklären – nur kausal möglich und damit – stets purer Aberglaube.

2.5.2. Übergang von der Tradition zur Postmoderne

Ich kann nicht ernstlich bestreiten, über einen eigenen Körper zu verfügen, Eltern zu haben, auf der Erde zu wohnen usw. Hierin sind wir uns vordergründig mit den Traditionalisten einig, aber im Hintergrund steht natürlich der gewaltige Unterschied zwischen den beiden Arten von REFERENTEN.

 

Traditionell beginnt der Erkenntnisweg bei den Platonischen Ideen oder der objektiven Realität, so daß er notwendigerweise an deren Erreich- und Erkennbarkeit gebunden ist.

Schematisch können wir ihn folgendermaßen verdeutlichen:

 

Platonische Ideen oder objektive Realität   ∋   Seiende oder Referenten(t)    — Abbilden →    Wissungen   –   wahr? 

 

Wir starten hingegen mit den Wissungen und wählen die uns als geeignet erscheinenden aus, so daß sich die Frage nach der Wahrheit in diesem Zusammenhang gar nicht stellt, sondern durch eine nach der Glaubwürdigkeit ersetzt wird.

 

Wissungen   — auswählen →   glaubwürdig?   →   Objekte oder Referenten(p)   →   subjektive Realität

 

Glauben wir, daß das Ungeheuer von Loch Ness existiert?

Dieses Beispiel führt uns leicht in die Irre, weil wir immer noch in der traditionellen Richtung, das heißt, von der Welt(t) her denken. Dann ist die Frage nach Nessie für uns – die wir keine Anrainer vom Loch Ness sind – höchst theoretisch und letztlich belanglos. Sie hat mit dem eigenen Erfahren praktisch nichts zu tun, so daß unsere Antwort auch kaum eine Lebenseinstellung erkennen lassen kann.

Wesentlich existenzieller wird es dagegen etwa bei persönlichen Schicksalsschlägen; sie entsprechen dem Autounfall von oben.

Ihr Resultat als Referent(p) lastet nicht auf mir oder drückt mich nicht nieder – das wäre das traditionelle Wirken –; vielmehr ist mein Leben durch dieses Erfahren ein anderes geworden, und das spiegelt sich in der Unbestreitbarkeit des Referenten(p) namens „Schuld“, „Schock“, „Trauma“ oder was auch immer.  

 

Die subjektiven Referenten(p) entsprechen exakt unseren Wissungen – ohne jeden Überschuß; sie existieren doch nur durch uns und können somit auch nicht im geringsten über die eigenen Wissungen hinausgehen.

Die Physiker entdecken also keine Neuigkeiten von der Erde, sondern mit den Neuigkeiten als Erde-Wissungen wird die Erde eine andere; sie ist nichts anderes als das Andauern der Erde-Wissungen.

 

Unsere Referenten(p) können sich natürlich nicht nur beliebig verändern, sondern sie entstehen und vergehen auch; ihren Tod gibt es sogar doppelt:

Ein Referent(p) wird geboren, wenn sich eine Wissung von ihm herausbildet und geglaubt, das heißt, als Referent(p) anerkannt wird.

Ein Referent(p) stirbt, wenn die Wissung von ihm

– vergessen oder

– nicht mehr geglaubt, das heißt, als Referent(p) abgelehnt wird.

 

Als Referent(p) stirbt Gott den „Tod Gottes“ (Hegel), sobald wir die Wissung oder Idee von ihm vergessen bzw. nicht mehr glauben.

Daß Gott der Schöpfer von allem sein soll, verstehen wir zwar noch nicht, aber feststeht bereits, daß seine Existenz unter dieser Bedingung nicht davon abhängen kann, ob wir seine Idee in Ehren halten.

Um Gott konsistent denken zu können, ist also ein völlig anderer Zugang erforderlich; Gott darf kein REFERENT sein, denn als solcher wäre er entweder hinterwäldlerisch oder von unseren Gnaden.

 

Im dritten Teil will ich zeigen, daß das traditionelle Abbilden unmöglich ist. Auch wer fest glaubt, es hinzubekommen, geht meiner Überzeugung nach so vor wie wir – weil nur das möglich ist.

Es gibt also letztlich gar kein traditionelles Denken; dieses reduziert sich vielmehr auf ein willkürliches Behaupten seiner Vertreter, die zwar das Gleiche tun wie wir, dies aber nicht wahrhaben, sondern die Wahrheit besitzen wollen.

Wir geben dagegen bereitwillig zu, nur eine subjektive Realität konstruieren zu können.

Aber was heißt hier eigentlich „nur“?

Vielleicht besteht unsere Gottesebenbildlichkeit darin,

– durch Gottes Schöpfung der Wirklichkeit oder Freiheit

– eine eigene subjektive Realität schaffen und

– dadurch zum Mit-Schöpfer werden zu können? 

 

AD: „Ganz schön absurd . . .“

Nein; wieso? Die Wirklichkeit oder Freiheit verdanken wir Gott; darin gehen wir mit der Tradition d’accord.

Dann gibt uns letztere eine objektive Realität vor, innerhalb derer wir frei leben können.

Wir nehmen einfach nur ernst, daß die Welt eines Neandertalers mit der unsrigen wohl nicht viel zu tun hatte. Die objektive Realität soll aber dennoch damals schon die gleiche wie heute gewesen sein. Das gilt zwar in der Moderne als ausgemacht und wird außerhalb der Philosophie kaum bestritten, stellt aber dennoch nur ein physikalisches Glaubensbekenntnis dar, das auf der „Ewigkeit“ der Naturgesetze basiert.

Ohne eine solche Leichtgläubigkeit sind wir meines Erachtens quasi gezwungen, den traditionellen Freiheitsspielraum zu erweitern:

Nicht nur, was wir in der REALITÄT tun, sondern diese selbst hängt von uns ab.

2.5.3. Das Bewußtsein als Summe von Be- und Gewußtem

AD: „Ich bin bei Ihnen, sehe uns aber vor einer ernstlichen Schwierigkeit.

WISSUNGEN müssen aktual gegeben sein; wir haben sie immer nur gegenwärtig und dann verschwinden sie auch gleich wieder – so wie sie scheinbar aus dem Nichts gekommen sind. Wenn aber WISSUNGEN ohne REFERENTEN – zwar kontingent möglich, jedoch – philosophisch widersprüchlich sind, wie Sie ausdrücklich betont haben, erhebt sich die Frage, woher wir bei solcherart von WISSUNGEN die unbedingt benötigten REFERENTEN nehmen sollen.

Die traditionellen glauben Sie nicht, und die postmodernen können wir ja erst aufbauen, nachdem uns die WISSUNGEN gegeben sind.“

 

Sie sind ein guter Leser!

Zu meiner Lösung dieses Problems hat mich Gilles Deleuze‘ „Differenz und Wiederholung“ angeregt. Die Frage ob ich dieses Buch richtig verstanden habe, halte ich für falsch gestellt und damit unbeantwortbar, denn sie betrachtet seinen Inhalt als ein objektiv-reales Seiendes, das man eben adäquat abbildet oder auch nicht.

Die zu meiner Schulzeit beliebte Aufsatz-Frage „Was hat der Künstler uns mit seinem Werk sagen wollen?“ ist einfach nur absurd; wir sind doch keine Hellseher.

Ich habe Deleuze‘ Buch „richtig“ verstanden, weil es mir beim Denken geholfen hat, und mehr vermag kein Buch der Welt.

 

Erstmalige „Wissungen“ können Ihren Überlegungen zufolge keine Referenten(p) besitzen und somit auch keine Wissungen sein; letztere sind nur als wiederholte denkbar.

Das scheint einen Widerspruch darzustellen; woher sollen Wiederholungen kommen, wenn es keine Erstmaligkeit gibt?

Sie muß also existieren, aber das Erstmalige sind keine Wissungen, sondern besteht in unserem Erfahren, das kontinuierlich und deswegen als solches auch nicht wißbar ist; Wissungen sind stets diskret.  

 

Auf der einen Seite war unser obiger Beginn wohl richtig; Wissungen sind nur aktual gegeben.

Auf der anderen Seite müssen sie aber wiederholt werden, um überhaupt Wissungen sein zu können.

Beides zusammen ist nur dann möglich, wenn hinter den aktual gegebenen Wissungen potentielle Wissungen stehen, die konstant sind, so daß sie aktualisiert und damit wiederholt werden können.

Damit verstehen wir endlich, worin genau die Referenten(p) bestehen; sie sind potentielle konstante Wissungen.

Die Wissungen stellen aktualisierte Referenten(p) dar, und diese potentiell (an)dauernde Wissungen, so daß die beiden in einem Zirkelverhältnis stehen oder sich gegenseitig ermöglichen und bedingen; ohne Wissungen keine Referenten(p), und ohne Referenten(p) keine Wissungen.

 

Dann sollten wir diese Einheit als neue Wissung einführen.

Unser Leben hatten wir oben als aus drei Komponenten bestehend eingeführt; dem puren Leben oder der Wirklichkeit, dem Erfahren als einer Einheit von Wirklichkeit und Wissungen sowie den letzteren allein.  

Inzwischen hat sich gezeigt, daß es die „letzteren allein“ gar nicht gibt; Wissungen ohne Referenten – als der Möglichkeit zur Wiederholung – sind ausgeschlossen. Wir müßten den dritten Bestandteil unseres Bewußtseins also durch die Einheiten von Wissung und Referent ersetzen.

Sowohl die Wirklichkeit als auch das Erfahren sind – als Kontinuen – bewußt.

Definieren wir die Einheiten von Wissung und Referent als Gewußtes, so wird unser Bewußsein zur Summe von Be- und Gewußtem

 

In der nachstehenden Abbildung habe ich diejenige aus Abschnitt 1.3.1. ein wenig ergänzt.

 

 

Gegenwart
   
(gegenwärtiges) Leben
   
Bewußtsein – Gesamtheit des aktual Gegebenen
   
         
– pures Leben oder Wirklichkeit
   
geistlos, aber leiblich oder sinnlich und damit wirklich
   
kontinuierlich-bewußt    
nullmalig
   
     
   
asymptotischer Grenzfall
  asymptotischer Grenzfall
   
      Bewußtes  
– Erfahren – Einheit von Wirklichkeit und Wissungen
 
geistig sowie leiblich oder sinnlich und damit wirklich
   
kontinuierlich-bewußt
   
erstmalig
   
         
reines Widerfahren
reines Ausmalen    
unvermeidbar
  vermeidbar
   
 |    
asymtotischer Grenzfall
   

   
– { Wissungen + Referenten } – Abstraktionen von der Wirklichkeit
   
rein geistig und damit unwirklich
   
diskret-gewußt
   
wiederholt
Gewußtes  
         
Wahrnehmungen Vorstellungen    
scheinbar unbestreitbar
  offensichtlich bestreitbar
   
         

Abbildung 2.3.3.

 

Im Bewußtsein ist per definitionem alles uns aktual Gegebene zusammengefaßt. Identifizieren wir diese Aktualität mit der Gegenwart, so fällt letztere mit unserem Bewußtsein zusammen.

Das Leben reicht natürlich über seine Gegenwart hinaus, so daß die ersten drei Zeilen unserer Abbildung verständlich sein sollten.

 

Das Gewußte ist uns gegeben, sofern dies für beide Seiten gilt; sowohl für die Wiederholung – Wissungen – als auch für das Wiederholte – Referenten(p).

Beim kontinuierlichen Erfahren sind diese zwei Seiten des Gewußten noch nicht getrennt, sondern fallen im Bewußten zusammen; ihr Auseinandertreten ist das Explizieren. Das Erfahren entspricht einer „Wissung“ ohne Wovon oder einem Gegebenen ohne Wissung.

 

Das Bedauern ist eine Facette am Erfahren.

Es ist in der Wirklichkeit möglich, aber dort ist es noch kein Bedauern.

Diese Facette des Erfahrens können wir „Bedauern“ nennen.

Die Wissung Bedauern und ihr Referent fallen auseinander. 

2.5.4. Wissungen from now on von Referenten so far

Unser Weltbild enthält vieles, was gar nicht existiert; nein; Unsinn: vieles, woran wir nicht glauben; Einhörner, Nymphen und Zwerge beispielsweise. Das sind also gegebenenfalls Wissungen, die wir aber nicht als Referenten(p) auf Dauer gestellt haben, so daß sie zwar zu unserem Weltbild, aber nicht zur Welt(p) gehören.

AD: „Und es gibt umgekehrt auch vieles, was wir noch nicht wissen und was somit nicht einmal zu unserem Weltbild gehören kann.“

Könnten Sie mir bitte einmal ein Beispiel nennen?

„Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, ob es dunkle Energie gibt und worin genau sie besteht.“

 

Das sind offene Fragen innerhalb unseres Weltbilds, die nichts mit einer angeblichen Welt(t) zu tun haben. Es ist ein Bild – nicht von der Welt(t), sondern – von der Welt(p); beide – die Welt(p) und ihr Bild – sind gleich unwirklich oder rein geistig und die Welt(p) ist in ihrem Weltbild enthalten, weil sie dessen glaubwürdigen Anteil darstellt.

So wie Sie nur sagen können, daß Einhörner, Nymphen und Zwerge „nicht existieren“, weil sie diese aus Ihrem Weltbild kennen, können Sie auch nur nach der dunklen Energie fragen, weil sie – wenn auch noch als Problem – ebenfalls (bereits) darin enthalten ist.

Auf der einen Seite kann die Welt(p) nicht über das Weltbild hinausgehen, weil dieses nur zwischen dauernd und nicht-dauernd unterscheidet.

Und auf der anderen Seite ist auch evident, daß wir nur über X sprechen können – anstatt einfach blablabla zu sagen –, sofern dieses X unserem Weltbild angehört. Sonst wüßten wir es doch gar nicht; das Weltbild stellt den Horizont all unserer Wissungen dar. Immer wenn wir denken, beweisen, widerlegen, als absurd oder evident erklären – tun wir dies im Rahmen unseres Weltbilds, aus dem es kein rationales Entkommen gibt. 

 

Die Tradition unterscheidet das Bereits-von-der-objektiven-Realität-Gewußte vom Noch-nicht-von-der-objektiven-Realität-Gewußten.

Aber eine entsprechende Einteilung ist auch uns möglich; wir müssen dazu lediglich die nichtssagenden – weil hinterwäldlerischen – Worte „von-der-objektiven-Realität“ streichen und erhalten dann Bereits-Gewußtes bzw. Nocht-nicht-Gewußtes.

Josef Mitter ersetzt in seinem „Jenseits der Philosophie“ unser Bereits-Gewußtes durch das Wissen so far und das Nocht-nicht-Gewußte durch ein Wissen from now on.

Im Sprachspiel Mitterers gibt es Wissungen from now on von den Wissungen so far oder neue von alten Wissungen bzw. geerstmaligte von wiederholten.

 

Das würde ich gerne ein wenig verbessern:

Wissungen lassen sich nur wiederholen, wenn sie konstant oder auf Dauer gestellt und somit Referenten(p) so far sind.

Das versteht sich vielleicht von selbst; die Umkehrung gilt ebenfalls, ist aber nicht ganz so selbstverständlich.

Was soll es denn bedeuten, daß Wissungen „konstant oder auf Dauer gestellt“ sind? Wir sprechen hier über das Unbewußte; ist das nicht hinterwäldlerisch? Völlig beliebig wie bei den Seienden?

Das wäre es ohne die Umkehrung in der Tat:

Daß Wissungen konstant oder auf Dauer gestellt sind bzw. sein müssen, sehen wir an ihrer Wiederholung, sie sonst nicht  möglich wäre.  

Wiederholte Wissungen sind Referenten(p), und Referenten(p) wiederholte Wissungen.

 

Damit werden aus Mitterers geerstmaligten Wissungen von den wiederholten Wissungen in unserem Sprachspiel Wissungen from now on von den Referenten(p) so far.  

Mit der Zeit verschiebt sich die Grenze; das Wissen from now on wird immer wieder zum Referenten(p) so far, so daß das gegenwärtige Wissen from now on in der Zukunft als Referenten(p) so far fungieren kann, falls es auf Dauer gestellt oder wiederholt wird.

 

AD: „Das war ja die reinste Zauberei!

Sie haben die objektive Realität mit ihren Referenten(t) wegen Hinterwäldlerei abgeschafft.

Dann besaßen unsere Wissungen jedoch kein Wovon oder Gewußtes mehr, und „Wissungen ohne Gewußtes“ stellen durchaus einen problematischen Begriff dar.

Die Referenten(p) treten nicht an die Stelle dieses Gewußten, denn sie sind nicht das Wovon der Wissungen, sondern die Wissungen das Woraus der Referenten(p).

Unser Leben erfolgt in der Zeit.

Das traditionelle Denken ist jedoch zeitlos-räumlich; hier in der Psyche befinden sich die Wissungen und daneben, dort in der objektiven Realität die Referenten(t).

Nehmen wir dagegen das Leben und folglich die – Wirklichkeit der – Zeit ernst, bekommen unsere Wissungen wieder ein Wovon:

Die Wissungen (from now on) sind Wissungen von den Referenten(p) so far.“

 

Das haben Sie sehr schön zusammengefaßt.

Unser Ergebnis mag durchaus überraschend sein, ist aber meines Erachtens alles andere als eigenwillig:

Können wir denn in der Gegenwart überhaupt von etwas anderem wissen, als von dem, was in der Vergangenheit bereits entschieden wurde und sich dadurch wiederholen – wieder holen – läßt?

2.5.5. Traditionelle und postmoderne Wissungen

Wir waren oben auf einen Widerspruch im traditionellen Denken gestoßen:

Die Psyche kann einerseits nur „unräumlich“ sein, denn ansonsten müßten wir sie in der objektiven Realität finden.

Letztere soll andererseits – obwohl sie „räumlich“ ist – von der Psyche abgebildet werden.

Beides zusammen ist unmöglich; deswegen trennen wir uns von der traditionellen Begrifflichkeit und ersetzen sie nach dem folgenden Schema durch eine postmoderne, die natürlich erst noch schrittweise erarbeitet werden muß:

 

 

traditionelle Wissungen   postmoderne Wissungen  
           
Psyche Psyche(t)   Bewußtsein Psyche(p)  
  Bewußtsein(t)     Bewußtsein(p)  
Referenten(t) Seiende   Referenten(p) Konstrukte  
Wissungen von . . .     Wissungen von und zu . . .    
Welt(t)     Welt(p)    
Weltbild(t)     Weltbild(p)    
objektive Realität     subjektive Realität    
Leben(t)     Leben(p)    
Subjekte(t) Individuen   Subjekte(p)    

 

Abbildung 2.3.3.

 

Da uns nur das zugänglich bzw. gegeben ist, was sich im Bewußtsein befindet, und die Welt(p) lediglich in oder aus Wissungen besteht, muß sie vollständig dem Bewußtsein angehören.

Wir verdeutlichen uns den Wechsel der beiden Begrifflichkeiten, „zwischen denen Welten liegen“, zunächst an einem Beispiel und wählen dazu die Entstehung eines Menschen.

 

Traditionell führen Veränderungen in der objektiven Realität zum Reifen einer befruchteten Eizelle, die sich zu einem menschlichen Körper entwickelt, eine Psyche erhält – wenn auch niemand versteht, wie das geschehen soll, – und so zu einem Subjekt(t) bzw. Individuum wird. Der Körper erfährt in der Psyche sich selbst sowie die ihn umgebende Welt(t); dazu gehört insbesondere, daß er die objektive Realität abbildend wahrnimmt.

Das wußten Sie bereits alles; ich möchte nur nochmals explizit darauf hinweisen, daß wir niemals „doppelt sehen“. Das wäre aber notwendig, um begründet von einem abbildenden Wahrnehmen sprechen zu können. Nur wenn uns die Referenten(t) und ihre Wahrnehmungen oder die Ur- sowie Abbilder gegeben sind, lassen sich die beiden Seiten vergleichen, so daß die ansonsten nur behauptete Abbildung als eine solche gerechtfertigt werden kann.

 

Wo befindet sich die Eizelle bei unserem Ansatz?

In der Welt(t) kann sie nicht sein, weil die völlig inexistent ist, und die Welt(p) gibt es noch nicht; sie entsteht erst allmählich im Verlaufe des Lebens(p) der Noch-Eizelle. Sie kann also nirgends untergebracht werden; das ist aber auch unnötig – weil sie unserem Denken zufolge gar nicht existiert:

Eine solche Eizelle wäre ein Seiendes bzw. Referent(t); sie läßt sich wohl schwerlich anders denken.

 

Postmodern sind die Eizellen-Wissungen primär, aus denen beispielsweise die Eltern die entsprechenden Referenten(p) oder Konstrukte ableiten und in ihren subjektiven Welten(p) unterbringen; später auch die Großeltern und Nachbarn.

Für den Embryo oder werdenden Menschen gibt es noch keinerlei Wissungen – und damit auch keine Eizelle. Wir sprechen nicht  von einer angeblich objektiven Realität, sondern von der subjektiven, die wir aus unseren Wissungen – den anerkannten, geglaubten oder akzeptierten – selbst konstruieren (müssen).

 

Sind beide Arten von Wissungen zugleich gemeint – Welt(t) und Welt(p) beispielsweise –, benutzen wir große Buchstaben – WELT.

Mit unserem Streichen der objektiven Welt(t) verbieten wir natürlich keinerlei Vorstellungen; wer das möchte, kann „sie“ sich liebend gerne vorstellen. Aber die „vorgestellte Welt(t)“ ist keine Welt(t), sondern das Resultat unserer Vorstellungen, kommt somit nach ihnen und ist folglich bereits eine Welt(p).

Das hatten wir bereits: Es gibt kein traditionelles Denken, sondern nur ein traditionelles Mißverstehen unseres Ansatzes.

 

Wir müssen bei der obigen Gegenüberstellung beachten, daß unsere Referenten(p) nicht genau den traditionellen Seienden oder Referenten(t) entsprechen.

Das liegt daran, daß erstere – im Gegensatz zu den Seienden – nicht existieren müssen. Wir haben zum Beispiel Vorstellungen vom Einhorn, Weihnachtsmann und Zeus, glauben aber nicht, daß es die zugehörigen Referenten(p) gibt. Das bedeutet ein Zweifaches:

Zum einen besteht das Pendant der Referenten(p) traditionell sowohl in den Seienden als auch in den Nicht-Seienden; es gibt existente und inexistente Referenten(p).

Zum anderen muß sich die Tradition fragen lassen, mit welchem Recht sie von ganz bestimmten, genau definierten Nicht-Seienden sprechen kann; die hat sie doch nicht abgebildet. Warum soll es gerade Einhorn, Weihnachtsmann und Zeus nicht geben? Ist da unsere Überlegung, stets mit den eigenen Vorstellungen zu beginnen und deren eventuelle Referenten(p) anzunehmen bzw. abzulehnen nicht viel verständlicher?

 

Das traditionelle Denken gibt genau vor, was existiert; es bestimmt vollständig die Welt(t) – und wenn wir ihm glauben, bleibt uns nichts anderes übrig, als dies hinzunehmen und uns an der Welt(t) zu orientieren.

Unser Ansatz ermöglicht mehr Freiheit, indem er die beiden disparaten Eigenschaften, die in den Seienden verklammert werden, voneinander löst, indem wir stets bei den unwirklichen Vorstellungen, das heißt, bei der Essenz, dem Wesen oder Was beginnen.

Das sind ausnahmslos Vorstellungen von Referenten(p); aber ob diese wirklich sind – eine Existenz, ein Sein oder Daß besitzen –, darüber bestimmen wir selbst.

 

Es gibt zum Beispiel die Vorstellungen oder Ideen von einem „ewigen Frieden“ (Kant), Geist, Urknall bzw. Schöpfung, Substanz, Subjekt oder Leben nach dem Tod, von der Gerechtigkeit, Materie, Liebe oder Evolution und von Gott oder Erlösung. Steckt da etwas dahinter? Glauben wir (an) diese Ideen? Welche unserer Vorstellungen besitzen einen Referenten(p)?

Wir bestimmen selbst, welchen von ihnen Wirklichkeit zukommt, und konstruieren damit die Welt(p), mit der wir leben(p), das heißt, an der wir uns dann orientieren – müssen.

Damit weitet sich unsere Freiheit von der möglichst geschmeidigen und reibungsarmen Anpassung an die objektive Welt(t) zur Konstruktion einer subjektiven Welt(p). Wir sind nicht nur verantwortlich für unser Tun, sondern auch für unser Glauben, Wissen und Denken. Es gibt postmodern keine Ausreden mehr, denn wir können uns nicht angeblichen Wahrheiten verstecken.    

Meines Erachtens können wir mit einem solchen Ansatz die unsinnige Subjekt-Objekt-Spaltung – wie sie paradigmatisch etwa von Descartes vertreten wird – überwinden und zu einer Einheit dieser beiden Seiten gelangen.

Beginnen wir mit Seienden, die uns Subjekten(t) als fremd gegenüberstehend vorgegeben sind, so ist bereits alles zu spät. Welch geniale Ideen auch immer uns beflügeln mögen – wie können wir sicher sein, derartige Seiende in ihrer Wirklichkeit zu erreichen?

Auch Descartes konnte dieses Problem nur durch den Glauben an einen wohlmeinenden Gott lösen, der uns Menschen in seiner Liebe nicht irreführen wird.

Wir werden heute wohl zumeist andere „Glaubensbekenntnisse“ wählen; aber ohne irgendwelche willkürlichen Annahmen läßt sich die Kluft der – traditionell als Ausgangspunkt gesetzten – Subjekt-Objekt-Spaltung, nicht überwinden.  

 

Bei uns gibt es von Anfang an keine Referenten(p) ohne Subjekte(p), weil letztere für die Vorstellungen benötigt werden.

Ohne Subjekte(p) keine Referenten(p).

Die Umkehrung gilt natürlich nicht; unser Embryo lebt ganz gut auch ohne alle Referenten(p). Aber wir ahnen vielleicht bereits, welche Überlegungen diesbezüglich folgen werden:

Embryonen sind zwar schon Subjekte(p), aber nicht frei, denn für sie existieren noch keine Referenten(p), die sie wollen oder intendieren und mit deren Hilfe sie sich so in Freiheit zu einem Selbst  bestimmen können.

Greifen wir auf dieses Resultat der Selbstbestimmung vor, können wir symmetrisch formulieren:

Ohne Selbst keine Referenten(p), und ohne Referenten(p) kein Selbst.

2.5.6. Postmoderne Antworten auf die Frage nach der Wirklichkeit

Zwischen unseren postmodernen Wissungen und ihren Referenten(p) besteht ein gewaltiger Unterschied; insbesondere sind jene nur geistig und damit unwirklich, während wir die Referenten(p) als wirklich betrachten. Wäre letzteres anders, könnten sie nicht unsere subjektive Welt(p) konstituieren. Sie ist wirklich – nur nicht objektiv oder für alle Subjekte gleich.

Dadurch leben wir nicht in einer Welt(t), die von fest vorgegebenen Seienden bestimmt wird, so daß uns bestenfalls die dadurch begrenzten Leben(t) möglich sind. Das Primäre besteht vielmehr in unseren Wissungen, die im Verlaufe unseres Leben(p) stets anders werden können, wodurch wir vor einer prinzipiell offenen Zukunft stehen. Sie ist der Adventus, der mit 100%-iger Sicherheit auf uns zukommt, aber prinzipiell absolut unbekannt ist und bleibt.  

 

AD: „Jetzt lehnen Sie sich aber weit heraus . . . Wir können doch nicht wissen, welche Möglichkeiten der Vorhersage uns die Wissenschaft noch bescheren wird.“

Natürlich können wir das nicht; und Ihr Einwand wäre auch zwingend, wenn es nur die eine Zeit(t) gäbe, die wir alle bei „Zeit“ meinen und dem physikalischen Strahl mit seinem Parameter t entspricht. Sie stellt kein Seiendes dar, sondern eine Wissung, die in unserer abendländischen Kultur nicht nur sehr verbreitet ist, sondern weitestgehend als naturgegebene Selbstverständlichkeit betrachtet wird.   

Als Wissung ist diese Zeit(t) eine bloße Denkform, und mit ihrer Hilfe zu denken, bedeutet, kausal zu denken. David Hume wies uns meines Erachtens als erster darauf hin, daß Denken in der Zeit(t) und Kausalität synonym sind.

 

Die Denkinhalte werden in der Geschichte kontinuierlich anders; das muß sich natürlich auch auf die Zeit(t) auswirken, wenn sie selbst nur eine Wissung darstellt. Aber es bleibt durch die gesamte Geschichte dabei, daß die immer andere Zeit(t) stets der jeweiligen Kausalität entspricht

Damit wird das erste Zitat unserer Intention verständlich: Wittenstein wollte sagen, daß die Kausalität stets ein und derselbe Aberglauben ist; einerlei ob Wasser die Mühle antreibt bzw. Billardkugeln aneinander stoßen oder Götter die Welt erschaffen bzw. Wunder bewirken.

AD: „Aber worin besteht dieser Aberglaube?“

In der Annahme, daß ein Akteur irgendetwas tut. Wenn der Wind die Zweige bewegt, gibt es keinen Wind, der handelt, sondern das ist ein stetiges kausales Geschehen. Dessen Zerlegung in Wind und Zweige ist natürlich nicht falsch, darf aber keineswegs philosophisch überladen werden.

Und das Wasser, die Billardkugeln oder Götter handeln ebensowenig, wenn wir diese Prozesse 

– zeitlich(t) und damit

– kausal

verstehen.

 

Zurück zu Ihrem Einwand; ich hatte gesagt, er sei zwingend, wenn es nur die Zeit(t) – und nun können wir ergänzen – bzw. die Kausalität gäbe. Dann ließe sich mittels einer Superwissenschaft möglicherweise immer wieder ausrechnen, was das Später in der Zeit(t) bringen wird.

Bei uns kommt noch die Zeit(p) hinzu, von der wir freilich bisher gar nichts wissen.

Sie setzt sich aus den Modi Vergangenheit, Gegenwart sowie Zukunft zusammen und heißt deswegen auch Modal-Zeit. Analog dazu könnten wir die traditionelle Zeit(t) mit ihren Tempi Früher, Jetzt bzw. Später auch Teporal-Zeit nennen.

 

Unter der Vergangenheit verstehen wir eine geistige Ressource, ein potentielles Reservoir an Denkwerzeugen, die uns – unter mehr oder weniger großem Aufwand, vielleicht mit einer gewissen Mühe und eventuell erst langfristig – zur Verfügung stehen.

Paradebeispiele bilden Grundlagenwissenschaften wie die Mathematik oder Physik, Sprachen, das Denken großer Geister, Religionen, Weltbilder und Belletristik.

Natürlich sind die Grenzen unsauber, so daß ich das Gemeinte nur andeuten kann. Sehr schlechte Beispiele lassen sich aber auch angeben; zu ihnen zählen die Evolutionstheorie, Archäologie, Geschichte oder Biographie, weil es hier um Ereignisse – im Früher – geht.  

Nun wird vielleicht schon verständlich:

Die Vergangenheit bildet eine geistige Ressource an Wissungen ohne Referenten(p); die Mathematiker wissen – Zahlen, jedoch nicht von den Zahlen. Durch diese geistigen Ressourcen, mit deren Hilfe oder auf ihrer Grundlage werden unsere Wissungen mit Referenten(p) – nicht zuletzt in Evolutionstheorie, Archäologie, Geschichte oder Biographie – möglich.

Ohne die Vergangenheit gäbe es also kein Früher – aber natürlich auch weder ein Jetzt noch ein Später. Sowohl die Vergangenheit als auch die Temporal-Zeit umfassen also lediglich Wissungen; jene solche mit, und diese solche ohne Referenten(p). 

 

Jede Ermöglichung ist zugleich Begrenzung; sie gestattet A – was ohne Vergangenheit undenkbar wäre –, aber nicht non-A.

Die Gegenwart bedeutet, daß diese Begrenzung der Vergangenheit jederzeit akausal gesprengt und ihr ein absolut neues und völlig unvorhersehbares Bewußtsein mit ungeahnt-anderen Wissungen ohne Referenten(p) entspringen kann. Nach ihrem Bewußtseinswandel wird diese Gegenwart zur neuen Vergangenheit.

Die Zukunft schließlich entspricht dem Bewußtsein, das im Sinne des Adventus einmal unwiderruflich auf uns zukommen wird und absolut nicht vorausseh- oder gar berechenbar sein kann.

2.5.6.1. Zeitliches "Außerhalb" des Bewußtseins

AD: „Ohne die traditionelle Welt(t) gibt es für den Embryo, über den wir oben gesprochen hatten, nur das, was sich in seinem Bewußtsein befindet; insbesondere existiert auch keine subjektive Welt(p), denn die muß sich der Noch-Embryo ja im Verlaufe seines Lebens erst aufbauen.

Da kann ich aber partout nicht erkennen, wie – oder besser: woher – etwas in sein Bewußtsein gelangen soll.“

Das war gut; wir sind uns zunächst einmal ganz einig, denn so sollten Sie denken.

Ihre Formulierung „gibt es für den Embryo“ müssen wir freilich mit Vorsicht genießen. Ich habe keinen Verbeserungsvorschlag, wie sie sauberer möglich wäre. Aber wir sollten uns dessen bewußt sein, daß es „für den Embryo“ keinerlei Wissungen und damit auch keinen Embryo geben kann; seine Eltern sprechen so.

 

Die traditionellen Antworten auf Ihre Frage gehen natürlich von der objektiven Realität aus.

Damit sind sie – nicht nur äußerst anschaulich, sondern auch – „räumlich“ in dem Sinne, daß Inhalte von hier nach da, vom Außerhalb in das Innerhalb oder von der objektiven Realität in die Psyche transportiert werden.

Die ZEIT spielt bei diesem abbildenden Wahrnehmen überhaupt keine Rolle; sie kommt gar nicht vor – als könnte das Wahrnehmen blitzartig erfolgen. Unsere Zeit(p) ist dem traditionellen Denken unbekannt, und „die Zeit(t) ist zeitlos oder unzeitlich“ (A. M. Klaus Müller).

 

Damit deutet sich eine mögliche Lösung Ihres Problems an:

„Räumlich“ läßt sich nicht erklären, wie etwas vom Außerhalb in das Bewußtsein gelangen soll, weil kein solches Außerhalb existiert; aber ein zeitliches(p) Verständnis wäre denkbar. Bisher wissen wir diesbezüglich nur, daß die Vergangenheit in der Gesamtheit oder Ressource der uns – auf den verschiedensten Wegen – potentiell zugänglichen Wissungen ohne Referenten(p) besteht. Ein schönes Beispiel bildet die griechische, jüdisch-christliche und römische Kultur als den Quellen des Abendlands.

Dazu zählt jedoch beispielsweise nicht die Wissung, daß Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren in Judäa sowie Galiläa gelebt und gepredigt hat. Die Exegeten können trefflich darüber streiten, was er wirklich gesagt haben soll und was nicht. Das scheint mir weder sonderlich wichtig noch interessant oder fruchtbar zu sein; es führt uns absolut nicht weiter, weil solche Sachverhalte lediglich dem Früher und nicht der Vergangenheit angehören.

Mehr Leben(p) bedeutet, daß der Vergangenheit eine neue Gegenwart entspringt; ob wir viel vom Früher oder von den anderen beiden Tempi wissen, hat damit gar nichts zu tun.

 

Nun endlich konkret zu unserem Embryo:

Er soll ständig mehr leben(p); dazu muß ihm zeitlich(p) aus der Vergangenheit immer wieder eine neue Gegenwart zuwachsen. Jene tritt somit an die Stelle der Welt(t) als dem traditionellen „räumlichen“ Außerhalb der Psyche.

2.5.6.2. Sagen und Zeigen

Mit unserer Verabschiedung der PLatonischen Ideen lassen wir auch die ihnen entsprechenden Begriffs- oder Vorstellungs-Pyramiden aus Allgemeinem und Besonderem hinter uns. Jedes Subjekt(p) ist ein Einziger – „je-der Selbe“ bei Heinrich Rombach – und kann somit auf keinen Begriff gebracht werden.

„Du und ich sind nicht zwei“ formuliert Emmanuel Levinas diesbezüglich sehr anschaulich. Natürlich nicht; wir könnten nur zwei X-e sein – wofür auch immer dieses X stehen mag: Menschen, Europäer, Freunde, Leser . . . –, nachdem wir als Einzige auf diesen Begriff X gebracht wurden. Aber dann sind wir nicht mehr Du bzw. ich.

Alle können sich beliebige Vorstellungen von Dir oder mir bilden; aber was haben wir als deren Referenten(p) mit diesen Vorstellungen zu tun?

 

Natürlich sind auch Subjekt(p) und Einziger bloße Vorstellungen; andernfalls wäre meine Aussage „Jedes Subjekt(p) ist ein Einziger“ sinnleer; so ist sie nur falsch.

Für diesen prinzipill unvermeidlichen Fehler muß ich mich nicht schämen; Ludwig Wittgenstein beschreibt ihn folgendemaßen:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“

 

Subjekte(p) auf den Begriff zu bringen, heißt also, sich eine Vorstellung von ihnen – als Referenten(p) – zu machen. Wer Moritz als Mensch betrachtet, ersetzt Moritz‘ Einzigkeit durch den Referenten(p) Mensch, wie er der eigenen Vorstellung entspricht.

Da Vorstellungen in der Einheit von Begriff und Bild bestehen, ist die geläufige Formulierung des Auf-den-Begriff-Bringens natürlich einseitig; Auf-das-Bild-Bringen sagt niemand, würde aber das Gleiche bedeuten – nämlich das Zum-Referenten-einer-Vorstellung-Machen.

 

Wirkliche Subjekte(p) sind also unvorstell- und damit auch unsagbbar. Wir können ihnen natürlich Namen geben – „ich“ bzw. „du“ oder „Johannes“ resp. „Moritz“. Die lassen sich zwar sagen im Sinne von „aussprechen“, sagen uns aber nichts, weil sie weder bezeichnen noch beschreiben.

Namen können willkürlich intersubjektiv vereinbart werden; von den Eltern eines Neugeborenen beispielsweise. Die Sprache setzt aber keine Intersubjektivität voraus, sondern erzeugt sie; deswegen gehören Namen nicht zur Sprache.

 

Es gibt folglich Unsagbares; das können wir natürlich auch nicht wissen; aber wieso wissen wir dann überhaupt, daß das Unsagbare existiert?

Weil es sich in unserem Bewußtsein zeigt.

Ludwig Wittgenstein spricht in seinem „Tractatus logico-philosophicus“ von der „Unterscheidung zwischen Sagen und Zeigen“ als dem „Grundproblem der Philosophie“.

 

Das Subjekt(p) Moritz zeigt sich und das Subjekt(p) Barbara.

Können wir das eine vom anderen unterscheiden?

Hier geht es nicht darum, „ja“ oder „nein“ zu behaupten; vielmehr lassen sich die beiden Subjekte(p) genau dann voneinander unterscheiden, wenn wir wenigstens eine Differenz angeben können. Da sie aber Einzige und somit unsag- sowie unwißbar sind, kann uns prinzipiell keine solche Differenz bekannt sein. 

Die „zwei Subjekte(p)“ Moritz und Barbara sind somit ununterscheidbar; dann sollten wir freilich auch nicht von zwei Subjekten sprechen.

 

Das läßt sich verallgemeinern:

Die Annahme, zwei unwiß- oder unsagbare Größen voneinander unterscheiden zu können, ist widersprüchlich, so daß es nur ein Unwiß- bzw. Unsagbares geben kann.

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, und das ist nur eines, können wir Wittgenstein nun ergänzen. Es zeigt sich in unserem Bewußtsein und bildet für Wittgenstein „das Mystische“; dazu gehören ihm zufolge auch Ethik, Religion und Ästhetik.

 

AD: „Ihnen zeigen sich Subjekte(p); traditionell Denkenden Platonische Ideen oder die objektive Realität.

Mit welchem Recht kanzeln Sie Traditionalisten als Hinterwäldler ab, während wir Ihnen die Subjekte(p) – die sich in exakt der gleichen Position befinden – abnehmen sollen? Wieso gehören Ihre Subjekte(p) keiner bloßen Hinterwelt an?“

 

Auf diese Frage hatte ich gehofft! Ihr „in exakt der gleichen Position“ stimmt meines Erachtens nicht:

Platonische Ideen oder die objektive Realität gehören zur traditionellen Welt(t), und diese bildet den Inbegriff des prinzipiell, an sich oder theoretisch Sagbaren. Vielleicht ist uns vieles davon noch unbekannt; dann können wir es natürlich auch noch nicht sagen – noch nicht. Schrittweise bilden wir jedoch immer mehr von der Welt(t) ab und machen es damit auch tatsächlich oder praktisch sagbar.

Den Begriff des Sich-Zeigens gibt es traditionell gar nicht, denn die Welt(t) zeigt sich nicht, sondern muß abbildend erforscht oder vor den „Gerichtshof der Vernunft“ (Kant) gezerrt werden; dort hat sie „Rede und Antwort zu stehen“.

Was sich – wie die Subjekte, die Ethik, Religion oder Ästhetik – von sich aus zeigt, bedarf nicht nur keines Abbildens, sondern verunmöglicht dieses sogar.

 

Das Sich-Zeigen entspricht immer einem Stachel im Fleisch der jeweils gegenwärtigen Welt(p); sie soll nicht quantitativ größer, sondern qualitativ reicher werden oder mehr Leben(p) gestatten. Das geht nur in der Zeit(p); diese Dimension des mystischen Sich-Zeigens fehlt der Tradition vollkommen.

Christen, darunter auch ernstzunehmende Theologen, haben Wittgenstein leider häufig mißverstanden. Mit seinem vielleicht bekanntesten Zitat „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“ meinte er weder Agnostizismus noch Zeugnisverweigerung. Vielmehr ging es Wittgenstein meines Erachtens um etwas ganz Anderes und sehr Grundlegendes:

 

Wer traditionell von einer uns vorgegeben Welt(t) ausgeht, aber im religiösen Sinne glauben möchte, benötigt einen Ersatz für das (Ethische, Ästhetische und) Religiöse, das er in der Welt(t) des Sagbaren natürlich nicht finden kann; sie enthält nur Vergangenes, das sich endlos wiederholen läßt.

Dieser Ersatz besteht allzuhäufig darin, daß eine Hinterwelt für die „Glaubensgeheimnisse“ erfunden wird. Immer weniger Menschen können und wollen das heute noch hinnehmen; aber zum Glück ist es auch nicht (mehr) erforderlich. 

Die wirklichen Glaubensgeheimnisse können sich im Leben(p) jedes einzelnen Subjekts(p) ereignen, wenn es seine Vergangenheit zu einem neuen Leben(p) in der Gegenwart aufbrechen läßt. Damit erübrigt sich der traditionelle Unterschied zwischen Dies- und Jenseits, weil jenes selbst in der Zeit(p) zu einem ganz anderen Diesseits werden kann.