Gliederung

0.Intention1.Einführung1.1."Methode"1.2.Von der objektiven Welt zu subjektiven Weltbildern1.2.1.Abbilden oder Konstruieren1.2.2.Drei Arten von Subjektivität1.2.3.Psychisch "Kranke" und wir1.2.4.Traditioneller Dualismus von Außen und Innen1.2.5.Realismus1.3.Religiöser Hintergrund1.3.1.Gott denken1.3.2.Gott als subjektive Verstehenshilfe1.3.3.Einheit von Schöpfung und Erlösung als Selbst-Hingabe Gottes1.3.4.Transzendentalien – Ursprung und Leben1.4.Philosophischer Hintergrund1.4.1.Weltbilder ohne Welt1.4.2.Wozu benötigt der religiöse Glaube Philosophie?1.5.Grundgedanke des Buches1.5.1.Wissungen als Wahrnehmungen oder Vorstellungen1.5.2.Erkennungen als Wissungen oder Anschauungen1.5.3.Es helfen fast nur Placebos1.5.4.Namen der Anschauungen1.5.5.Weltbild als Einheit der Erkennungen1.5.6.Erfahrungen und Erlebungen1.5.7.Gott und die Welt1.5.8."Wort Gottes"1.5.9.Das Bewußtsein und sein Außerhalb1.6.Vier Ansätze – Unterschiede und Gemeinsamkeiten1.6.1.Radikaler Konstruktivismus1.6.2.Neuer Realismus1.6.3.Metaphysischer Explikationismus1.7.Bilder und Ideen, Anschauungen und Begriffe1.7.1.Begriffe1.7.2.Bilder1.7.3.Formen der Seele1.7.4.Vereinfachung unserer Darstellung1.8.Zusammenfassung2.Genese des Geistes2.1.(Temporal-)"Zeit" und (Modal-)Zeit2.1.1.Änderungen und Anderungen2.1.2.Das explizierende Denkschema2.1.3."Zeitliche" Vorstellungen contra zeitliche Erlebungen2.1.4.Nachfolge Jesu2.1.5.Wirklichkeits- und Orientierungs-Funktion2.2.Das traditionelle Denken2.2.1.Von der Vorantike zur Antike2.2.2.Antike und Mittelalter2.2.3.Moderne2.2.4.Der Tod Gottes2.3.Voraussetzungen des traditionellen Denkens2.3.1.Metaphysik der Präsenz2.3.1.1.Aufklärung über die "Aufklärung"2.3.2.Die Welt als Hinterwelt2.3.3.Subjektivitäten sind und haben keine Wissungen2.3.4.Von Dingen zu Funktionen2.3.4.1.Substanz und Akzidens2.3.4.2.Relationen ohne Relata2.3.4.3.Funktionen von Funktionen von . . .2.3.5.Die Wirklichkeit ist keine Eigenschaft2.3.6.Verdrängen der Endlichkeit2.3.6.1.Existenz als Einheit von Leben und Sterben2.4.Postmoderne2.4.1.Gott – Selbst – Schöpfung2.4.3.Exaktheit ohne Sicherheit2.4.4.Genese und Geltung2.4.5.Nihilismus2.5.Wahrheit der (eigenen) Existenz2.5.1.Wahrheit im Hier und Jetzt – subjektiv und situational2.5.2.Vom Nirgendwo und -wann zum Hier und Jetzt2.5.3.Unbedingtheit – ohne Gleichmacherei2.5.4.Relativismus2.5.5.Gewissen2.5.6.Theodizee2.5.7.Jenseits von Orthodoxie und Orthopraxie2.5.8.Kirche2.6.Zusammenfassung3.Kritik des traditionellen Ansatzes3.1.Seiende oder Urbilder3.1.1.Mythos des Gegebenen oder Naiver Realismus3.1.2.Urbilder – wissen, was wir nicht wissen3.1.3.Aufpaltung in Ur- und Abbild3.2.Welt oder WELTBILD und Kosmos oder KOSMOSBILD3.2.1.Zirkel der Wissungen3.2.2.Es gibt kein unbewußtes oder bewußtloses Handeln3.2.3.Sterne erzeugen3.3.Wissen from now on vom Wissen so far3.4.Subjekte als Individuen3.5.Widerspruch des traditionellen Ansatzes3.5.1.Zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen3.5.2.Die Frage nach dem Sinn3.6.Es gibt kein Abbilden3.6.1."Unphilosophische" Hilfestellung3.6.2.Physikalische "Abbild"- sind lediglich Kopier-Theorien3.6.3.Verstehungen ohne Verstandene und Wahrnehmungen ohne Wahrgenommene3.6.4.Bewußtsein3.6.5.Außerhalb des Bewußtseins3.7.Hinterwelten3.7.1.Wissenschaft und Hinterwelt3.7.2.Wahrheit und Überzeugung3.7.3.Objektivität der Wissenschaft3.7.4.Immanenz und Transzendenz3.8.Sprachverhexung des Denkens3.9.Zwei Brücken zum besseren Verständnis3.9.1.Primäre und sekundäre Eigenschaften3.9.2.Funktions- oder Gestaltkreis3.10.Menschen – Tiere – Roboter3.11.Interpretationen als lebensnotwendige Vorurteile3.12.Änderungen und Anderungen3.12.1.Aufgeklärter Glaube3.12.2.Atheistische Mystik3.13.Integralität als Lebensdienlichkeit4.Metaphysischer Explikationismus I – Grundlagen4.1.Vorstellungen4.1.1.Vorstellungen als Denkwerkzeuge4.1.2.Was nicht sein darf, kann auch nicht sein4.1.3.Glauben oder Nicht-Glauben4.1.4.Glauben im weiteren und engeren Sinne4.1.5.Was wir nicht glauben, exstiert für uns nicht4.1.6.Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben4.1.7.Nicht der wahre Glaube hilft, sondern das Helfende zu glauben ist richtig4.2.Signifikate4.2.1.Signifikate – Begriffe und Nicht-Begriffe4.2.2.Vorstellungen als Einheit von Intension und Extension4.2.3.Relativität von Signifikat und Horizont4.2.4.Näherungsweise Konstanz der Weltbilder und Signifikate4.2.5.Identität der Signifikate4.2.6.Mythos Urknall4.2.7.Zusammenspiel von Konstanz und Identität4.2.8.Konstanz des Weltbilds statt Stabilität der Welt4.2.9.Ursprung – Urknall – Urbild4.2.10.Die Frage nach dem Woher der Welt4.2.10.1.Petitio Principii4.2.10.2.Unendlichkeit4.2.10.3.Der "eine" Ursprung4.2.10.4.Wissungen von Wissungen4.2.10.5.Ursprung contra Urgrund4.3.Wirklichkeit und Sprache4.3.1.Das Symbolische als intersubjektives Gedächtnis4.3.2.Symbolisches und Reales als Unbewußtes4.3.3.Problematik des Unbewußten4.3.4.Innen und Außen4.3.5.Zeitliche Genese der Erlebungen zur Fülle des Lebens4.3.6.Diskretisieren und Integrieren4.3.7.Chronologische Umordnung4.3.8.Interpretationen und das Außerhalb des Textes4.4.Explikation der Offenbarung4.4.1.Offenbarung als Versuch einer Selbstmitteilung Gottes4.4.2.Das implizite Leben4.4.3.Das Reale und die Anschauungen4.4.4.Das Symbolische und die Signifikanten4.4.5.Triade – Hexade – Knoten4.5.Aktant-Netzwerk-Theorie4.5.1.Das Kollektiv neu versammeln4.5.2.Interpretation statt Realität5.Metaphysischer Explikationismus II – Die ZEIT5.1.Überprüfbare Antizipationen5.2.Intersubjektivität5.3.Zeitlosigkeit der "Zeit"5.3.1.Reversibilität5.3.2.Determination5.3.3.Aufheben – jenseits von Vergehen und Nicht-Vergehen5.4.Zeitlichkeit der Zeit5.4.1.Modi und Tempi5.4.2.Wasser ohne Ufer5.4.3.Historischer Konsens5.4.4.In Geschichten verstrickt5.4.5.Wirklichkeit des Glaubens5.4.6.Zeitlichkeit der Subjektivitäten5.4.7.Erstmaligen und Wiederholen5.4.8.Wëge erstmaligen sich selbst5.4.9.Beispiel für das Ineinander der beiden ZEITEN5.5.Genese5.5.1.Selbst-Genese oder -Widerspruch?5.5.2.Systemisches Denken5.5.3.Autopoiesis ernstgenommen5.5.4.Genese aus dem Nichts5.5.5.Embryonen "für sich" und für uns5.5.6.Genese ohne "Geltung"5.5.7.Idemität der Subjektivität und Kontinuität des Bewußtseins5.6.Matrixdarstellung der Zeit5.6.1.Das Beobachterproblem5.6.2.Verschränkungen 2. Ordnung5.6.3.Différance – Zeitlichkeit und Differenz6.Metaphysischer Explikationismus III – Das Leben6.1.Erlebungen gehen aus dem Leben hervor6.2.Leib-Seele- und Körper-Psyche-Problem6.3.Zwei LEBEN6.3.1.Dichte Beschreibung6.3.2.Virtuelle Realität6.4.Subjektivitäten6.4.1.Was sind Subjektivitäten?6.4.2.Selbstbestimmung6.4.3.Einzigkeit6.5.Freiheit6.5.1.Freiheit ist weder beweis- noch widerlegbar6.5.2.Freiheit und Situationskokarde6.5.3.Was können Subjektivitäten?7.Nachdenkungen

0. Intention

„Das Gegenteil von Liebe ist nich Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!

Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.

Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“

Erich Mühsam

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig erst von der primitiven Gegenwart und sodann von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„Was oben war, das wurde innen.“

Meister Eckhart

 

„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren. Es heißt so leben, daß dieses Leben unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“

Emmanuel Célestin Suhard

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Ohne Mythus aber geht jede Kulur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Wo Kirche ist, ist Krise . . .

Weil ihre Identität nicht in ihr selbst liegt, weil sie das nicht hat, weil das, was sie formt, noch aussteht. Jesus nennt es das Reich Gottes. Es steht aus. Es ist eine Bewegung dorthin.“

Christian Lehnert

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens.“

Martin Heidegger

 

„Laß mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Klaus Hemmerle

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.

Upton Sinclair

 

„Davon bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich das erkenne. . . . nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft.“

Meister Eckhart

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Die Zeit ist zeitlos.“

A. M. Klaus Müller

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen. Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.

Johannes Soukup

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heilslehre noch um das richtige Weltbild, sondern „nur“ um die Einstellung, die meines Erachtens erforderlich ist, wenn wir im Pluralismus der Postmoderne friedlich zusammenleben und einander verstehen wollen.

Dafür ist es notwendig, andere und bisweilen völlig fremde Weltbilder oder Religionen nicht nur mehr oder weniger desinteressiert zu akzeptieren – was fälschlicherweise häufig „Toleranz“ genannt wird, aber lediglich unsere Gleichgültigkeit wiedergibt –, sondern sie im Herzen als die ehrliche Überzeugung anderer Menschen zu respektieren.

Der Gedanke, letztere könnten Recht haben, ist jedoch nur möglich, wenn wir jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren eigenen Überzeugungen ablösen:

„Ich kann das aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nicht anders sehen – aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso. Helft mir bitte, neue Erfahrungen sammeln oder bisherige Denkfehler überwinden zu können. Ich bin dankbar, wenn Ihr mir zeigt, daß und weshalb ich es falsch sehe; ich will nicht Recht haben, weil es mir um die Wahrheit geht.“

Menschen ohne Überzeugungen sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner – ebenso wie diejenigen, die ihre Überzeugungen blind für wahr halten, statt für sie zu argumentieren.

 

Weit entfernt von einem der Postmoderne häufig – aber zumindest bei mir gewiß zu unrecht – unterstellten Relativismus fragen wir also entschieden nach einer erhofften Wahrheit, die ich als unabweisbar für ein sinnvolles Leben erachte. Offen bleiben dabei jedoch nicht nur die Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“, sondern zunächst einmal die noch grundlegenderen Fragen „Gibt es Wahrheit überhaupt?“ und „Wo könnten wir sie gegebenenfalls suchen?“.

Den bisherigen Ausführungen zufolge ist lediglich klar:

Nicht in den Weltanschauungen, Wissenschaften oder Religionen; sie sind bloßes Menschenwerk, und das ist niemals wahr.

Meines Erachtens gehört die Wahrheit einer grund-legenderen Wirklichkeit an, nach der jene nur ohnmächtig suchen und von der sie nur hilflos stammeln (können). Wenn die Weltanschauungen, Wissenschaften und Religionen das vergessen und sich selbst zu wichtig nehmen, werden sie zum Götzendienst.

 

Um an – den Fragen nach – der Wahrheit arbeiten zu können, bedarf es der Anstrengung und des Mutes, selbst zu denken; wir dürfen letzteres weder den Wissenschaften noch Religionsgemeinschaften, „Experten“ oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein. Verantwortung läßt sich nicht delegieren, und zu ihr gehört ganz wesentlich auch die Entscheidung darüber, was wir glauben, annehmen oder für wahr halten.

Ohne eigene Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

In sehr einfachen Worten kann ich den wesentlichen Inhalt der nachstehenden Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen zusammenfassen:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Wohl viele von uns fühlen sich fast beleidigt, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“. Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß sehr vieles für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem ich mich 100%-ig anschließe.

 

Die zum metaphysischen Explikationismus hinführenden Teile 1 bis 3 habe ich, um Ihnen den Zugang zum eigentlichen Thema zu erleichtern, so geschrieben, daß sie auch einzeln verständlich sein sollten. Geht es einmal nicht mehr weiter, wird damit auch ein abwechselndes Lesen möglich.

Teil 7 enthält eine vereinfachte Zusammenfassung, von der ich hoffe, daß sie ohne ihren „Vorspann“ lesbar ist.

1. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen höchstens zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nichts mit Wahrheit zu tun haben müssen.

 

Es basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel – bei hinreichend vielen Menschen – gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele von uns die Lösung der stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg (zu) der Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne; den meisten von uns geht es heute zum Glück besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens. Ich habe in diesem Satz ganz bewußt kein „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Einschränkungen meiner Überzeugung bzw. meinem christlichen Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben in seiner Fülle erfahren und genießen.

Das bezieht sich nicht nur auf ein angebliches Jenseits, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet das ent- und unterscheidend Christliche. Weshalb das Leben – bei einem allmächtigen guten Gott – dennoch für entsetzlich viele Menschen ein „Jammertal“ darstellt, verstehe ich absolut nicht und gehört zu den Fragen, die ich im „Jüngsten Gericht“ Gott stellen möchte.  

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“: „Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, den Inhalt oder Sinn des Lebens. Viktor E. Frankl faßte seine therapeutischen Erfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß, „wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt“.  

Ich bleibe also mit der Tradition dabei, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

 

Die Differenz ist wichtig, denn wir können das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche Millionäre sind nichts Besonderes.

Es gibt also ein Leben ohne – die Frage nach seinem – Warum, aber es gibt keines ohne ein Wie. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

In unserem Buch geht es allein um das Warum oder den Sinn des Lebens; sein Wie kann ich Ihnen gar nicht schön genug wünschen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um ihre Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts; das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie entweder jeden Schritt als folgerichtig erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachvollziehen oder – mit guten Gründen – ablehnen; ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken oder Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

Winston Churchill sagte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl; Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß es ohne eigene Anstrengung auch keine Erfüllung geben kann.

1.1. "Methode"

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten Deiner Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“; darin besteht Georg Picht zufolge das Philosophieren.

 

Ich glaube zwar nicht (an) die eine objektive Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „die bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist, aber es gibt unsere subjektive Vernunft, die auf den eigenen Lebenserfahrungen basiert.

Über einen höheren Maßstab verfügen wir nicht; wir sind Menschen im Hier sowie Jetzt und keine allgegenwärtig-ewigen Götter.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Ich wiederhole mich bewußt:

Über einen höheren Maßstab verfügen wir tatsächlich nicht; aber nichtsdestotrotz sind wir Menschen im Hier sowie Jetzt und keine allgegenwärtig-ewigen Götter.

Also kann es nicht um eine aus uns selbst kommende Autonomie gehen, so daß ich mit der gleichen Überzeugung Kants Zitat fortsetzen möchte:

Ignorare aude; habe ebenfalls den Mut, Deine eigene Endlichkeit, Kontingenz oder Unverfügbarkeit anzuerkennen.

 

Beide Aussagen zusammengenommen bedeutet, daß wir  uns – nicht uns selbst, sondern – einem Anderen verdanken, aber dieses Andere ein Geheimnis bleiben wird, solange wir leben.

Es macht keinen praktischen Unterschied, ob die dem widersprechende Selbstgefällgkeit das Geheimnis bestreitet oder weiß; in beiden Fällen wird es aufgelöst. Wir bemühen uns um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der in dem Bemühen besteht, das Geheimnis als solches deutlich werden oder aufleuchten zu lassen. 

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Wir sind „verdammt zur Freiheit“ (Jean-Paul Sartre), denn auch Nicht-Entscheiden bzw. denken, glauben oder wissen zu lassen, ist gegebenenfalls unsere freie Entscheidung.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit als ebenso willkürlich oder beliebig wie fruchtlos.

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

 

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Dreifaltigkeit“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Rätseln als auch von Geheimlehren. Letztere bilden unnötige Märchen für Erwachsene und werden nur erzählt und nicht erfahren – aber vielleicht trotzdem naiv geglaubt. Geheimnisse werden dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender oder eben geheimnisvoller, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse; dafür sind sie zu primitiv aufgebaut.

Die Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offenbarer sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu bewahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

1.2. Von der objektiven Welt zu subjektiven Weltbildern

Ich schreibe dieses Online-Buch, weil dahinter eine Hoffnung steht, die mir heute von kaum zu überschätzender Bedeutung zu sein scheint:

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen – im weitesten Sinne – überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik usw.

Wäre das überhaupt alles möglich, wenn die eine wirkliche Welt mit ihren Seienden existieren würde? Müßten sich dann nicht sehr viele dieser schwerlich miteinander zu vereinbarenden Überzeugungen von selbst ad absurdum führen – einfach weil sie mit der Welt kollidieren?

 

Mit anderen Worten:

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer solchen wirklichen Welt zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen.

Das sind Vorstellungen im Bewußtsein, die irrtümlich als Abbilder der Welt geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern kaum die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ geführt werden.

Dahinter steckt selbstredend der Fortschrittsmythos als die große moderne „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die – wie könnte es auch anders sein – geradewegs zu uns als der absoluten Krone der Schöpfung – pardon: Evolution – führt und die wir deshalb nur allzugerne glauben.

 

Ich bin dagegen fest überzeugt, daß wir nicht die herr(scher)liche Ausnahmekultur sind und unsere angeblich objektiv-reale Welt ebenfalls nur einem Weltbild entspricht – wie bei allen anderen Weltbildern auch. Jedes von ihnen hat seine Vor- und Nachteile; weder sind sie alle gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befindet sich ein wahres Weltbild darunter, . . .

 . . weil es keine objektive Welt gibt.

Mit unserem Verzicht auf letztere stehen wir in der Nachfolge beispielsweise von David Hume, George Berkeley, Arthur Schopenhauer, Ernst Mach oder Johannes Volkelt, folgen aber nicht ihnen, sondern recht weitgehend der „Radikalen Lebensphänomenologie“ von Michel Henry, Renaud Barbaras und Marc Richir.

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ eine Hinführung zu diesem sehr avantgardistischen, das traditionelle Denken total sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere (exakt-)wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

Nach einigen tastenden Ausbruchsversuchen in der Zwischenzeit bin ich also „reumütig“ zu meinen früheren Wurzeln zurückgekehrt. 

 

Veranschaulichen wir uns die gewaltige Differenz zwischen dem traditionellen und unserem Denken einstweilen nur an einer zwar sehr einfachen, aber deutlichen Konsequenz:

Wenn ein Subjekt stirbt, gibt es traditionell einen Körper weniger in der objektiv-realen Welt, was darin freilich auch nicht die geringste Rolle spielt. Selbst wenn wir Menschen ausstürben, hätte dies für den physikalischen Kosmos praktisch keine Konsequenzen, würde von ihm gar nicht bemerkt und noch weniger betrauert.

Ohne Welt – in unserem Ansatz also – kann in ihr auch kein Körper verschwinden; er entzieht sich aber trotzdem; wo?

Natürlich dort, wo er sich zuvor befunden hat, nämlich allein im Bewußtsein der dem verstorbenen Subjekt nahestehenden zurückbleibenden Subjekte.

Wir sehen absolut noch nicht, wie sich das – ohne Welt – konsistent denken lassen soll, können aber bereits hoffen, daß bei einer solchen Konzeption der Subjekte und ihres Lebens eine positive Antwort auf die „Frage nach dem Wozu“ (Robert Spaemann und Reinhard Löw), Warum oder Sinn unseres Lebens möglich wird; auf der Basis einer objektiv-realen Welt halte ich das für nahezu ausgeschlossen.

 

Damit kann ich auch bereits ein wenig andeuten, was der Titel unseres Buches meint.

„Explikationismus“ soll zum Ausdruck bringen, daß keinerlei Seiende existieren – weder geschaffene noch evolvierte –, sondern alles erst von uns Subjektivitäten zeitlich im Bewußtsein expliziert oder generiert werden muß.

Wir benötigen aber noch ein erklärendes Prädikat, denn wesentliche Teile von Hegels recht anderer Philosophie kursieren unter der Überschrift „Erkenntnistheoretischer Explikationismus“. Da die Ontologie die Lehre von den – meines Erachtens inexistenten – Seienden ist, kommt „ontologisch“ als Erklärung nicht infrage, und so ergab sich relativ zwingend die Bezeichnung „Metaphysischer Explikationismus“.

„Philosophie der Orientierung“ hätte ebenfalls sehr gut gepaßt, aber diesen Namen nutzt bereits Werner Stegmaier für seinen eigenen, dem unsrigen aber teilweise recht nahestehenden Ansatz.  

1.2.1. Abbilden oder Konstruieren

„Das scheint ja ziemlich mystisch zu werden bei Ihnen; wenn es keine Welt geben soll, wüßte ich ganz gerne, wo wir – angeblich – leben“, könnten Sie jetzt einwenden wollen.

„Was Sie soeben angedeutet hatten, war nur ein billiger Trick, den Ihnen hoffentlich die wenigsten Leser abnehmen:

Wir können unmöglich allein im Bewußtsein unserer Mit-Subjekte leben, weil dann alle Subjekte zusammen im Nichts schweben oder gemeinsam einem einzigen Baron Münchhausen entsprechen müßten.“

 

Auf dieses Schweben im Nichts kommen wir bald zurück, und es wird überhaupt nicht mystisch, sondern sogar stringenter als viele der angeblichen wissenschaftlichen Selbstverständlichkeiten. Ihr Einwand wirkt auf den ersten Blick wie ein Totschlag-Argument – aber nur, weil Sie unausgesprochen voraussetzen, wir seien unser Körper, vielleicht insbesondere unser Gehirn.

In diesem Falle würde ich Ihnen natürlich Recht geben; dann wäre die Welt sein bzw. unser Lebensraum.

 

Rein formal ist das freilich unsinnig: Wenn ich selbst „mein“ Körper bin, kann er keinen Besitzer haben, der von seinem Körper spricht, denn dieser „Besitzer“ ist ja der Körper. Entweder handelt es sich um meinen Körper – dann kann ich nicht er sein –, oder ich bin „mein“ Körper – dann kann es nicht mein Körper sein.

Das ist natürlich kein Argument für meine Position und soll auch nicht so ankommen, sondern uns nur helfen zu verstehen, was wir selbst sagen. 

 

Der Körper gehört traditionell zur Welt in Raum und Zeit; nichts liegt mir ferner, als das zu bestreiten.

Sind wir nicht unser Körper, so wäre die Annahme, wir würden in der Welt leben, jedoch eine willkürliche Behauptung. Wieso müssen wir dort leben, wo sich unser Körper befindet, wenn wir nicht dieser Körper sind?

Sollen wir dagegen „unser“ Körper sein, so wäre dies erst aufzuzeigen; evident oder selbstverständlich ist es nicht.

Vorerst kennen wir also keinerlei Argumente für die traditionelle Annahme, in der Welt zu leben.

 

Bei der häufig anzutreffenden und auch von mir mitunter benutzten Formulierung, unsere Weltbilder seien Konstruktionen, bitte ich, Folgendes zu beachten:

Viele von uns werden sagen „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ (Friedrich Nietzsche) oder „irgendetwas konstruiert“; das behaupte ich auch nicht.

Konstruktion bildet für uns einfach den Gegenbegriff zu Abbildung und soll lediglich zum Ausdruck bringen:

Jedes subjektive Weltbild stellt zum einen ein Original dar, das irgendwie hergestellt, erschlossen oder ausgedacht – eben konstruiert – worden sein muß.

Zum anderen benötigt jedes Weltbild – im Gegensatz zur Welt – einen Besitzer, der es hat. Ob er persönlich an der Genese beteiligt war, also mit-konstruiert hat, können wir dabei auf sich beruhen lassen; das spielt keine Rolle und behaupte ich auch nicht.    

 

Traditionell Denkende könnten etwa formulieren:

1. Andere Kulturen haben die objektive Welt schlecht abgebildet.

2. Dadurch sind sie zu einem falschen Weltbild gelangt.

3. Nur wir bilden die Welt adäquat ab.

4. Allein unser Weltbild gibt somit Wissen von der Welt wieder.

5. Es kann nur ein wahres Weltbild geben, das somit intersubjektiv sein muß.

 

Wir würden etwa folgendermaßen korrigieren:

1. Worin unterscheiden sich Konstruieren und (hinreichend) schlechtes Abbilden?

2. Ohne objektive Welt gibt es weder wahre noch falsche Weltbilder.

3. Wir vermeiden den überheblichen Bruch unserer Tradition; alle Kulturen konstruieren.

4. Kein Weltbild stellt Wissen von einer Welt dar – weil es keine gibt.

5. Alle Weltbilder sind subjektiv; das schließt zufällige Intersubjektivität natürlich nicht aus.

1.2.2. Drei Arten von Subjektivität

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjektivitäten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als alle Differenzen. Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden.

Mit „medial“ meine ich, daß unsere Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität oder andere Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene allen Subjektivitäten gemeinsame – und damit total intersubjektive – Wirklichkeit würde von keinem einzigen Weltbild adäquat beschrieben werden und wäre somit natürlich insbesondere nicht unser physikalischer Kosmos.

 

Die traditionelle Welt ist nicht total intersubjektiv, sondern objektiv, weil sie gar keine Welt für uns, sondern eine Welt an sich darstellt, die keine Zuschauer oder Betrachter benötigt. Schaut sie einer an, so ist das völlig belanglos und berührt sie gar nicht; die Welt wäre ohne Beobachter die gleiche.

In unserem Ansatz ist dagegen (zumindest vorerst) ausnahmslos alles subjektiv, aber wir müssen drei Arten von Subjektivität unterscheiden.

Die Weltbilder sind rein subjektiv;  jede Subjektivität besitzt (möglicherweise) das ihrige.

Unser Zusammenleben beweist, daß Wissungen – das substantivische Wissen – partiell intersubjektiv sein können.

Und die fragliche Wirklichkeit „hinter“ allen Weltbildern betrachten wir als total intersubjektiv.

 

„Nein; ohne Objektivität geht es nicht; stände dort nicht objektiv dieser Baum, könnten wir ihn nicht beide wahrnehmen.“

Nein; daß wir ihn beide wahrnehmen, beweist – nicht die Objektivität eines angeblichen Baumes, sondern – lediglich die partielle Intersubjektivität unserer Baum-Wahrnehmungen, des Einzig-Gegebenen also.

Daraus als Erklärung einen zwar nicht-gegebenen, aber objektiven Baum abzuleiten, ist die traditionelle Schlußfolgerung, die ich für falsch halte.

 

Somit läßt sich bereits ein wichtiger Grundgedanke unseres Ansatzes formulieren:

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjektivitäten verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der Welt. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an letztere aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, nach einer solchen alle Subjektivitäten tragenden und verbindenden Wirklichkeit zu suchen.

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahre Sprache. Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ausdehnen oder weiterführen:

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse können nicht wahr sein, denn selbst sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit noch zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu der erhofften total intersubjektiven Wirklichkeit –, um alle nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht; sie möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder offenbaren, sind sie aber nicht selbst.

 

Die Wahrheit – um die wir uns bemühen – ist absolut und nicht relativ; sehr wohl gilt letzteres aber für all das, was von den verschiedensten Seite in Geschichte und Gegenwart als Wahrheit behauptet wurde, wird oder werden kann; jeder, der sie bereits zu haben glaubt, ist Relativist – und vom glatten Gegenteil überzeugt.

Speziell Christen müssen hierüber nicht erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: „Das Wort ist Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.

1.2.3. Psychisch "Kranke" und wir

Wir befinden uns somit alle in der Situation der psychisch „Kranken“:

Daß sie mit einem ganz speziellen subjektiven Weltbild zurechtkommen müssen, erkennen wir – vielleicht unter viel Bedauern – an, bestreiten es aber bei uns selbst.

„Nein; das können Sie keinesfalls so einfach gleichsetzen! Wir sehen doch bei den psychisch ‚Kranken‘, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit der wirklichen Welt steht.“

Tut mir leid, aber das sehen wir nicht, sondern lediglich, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit unserem Weltbild steht.

 

Zweifellos besteht zwischen unserem Weltbild und der psychischem Gesundheit ein relativ enger Zusammenhang; andernfalls wären Seelsorge oder Psychotherapie weder möglich noch nötig. Wer mit seinem Weltbild sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrem Weltbild oder seinetwegen leiden. Sie können ihr befreienderes Weltbild mit den Leidenden teilen, es ihnen mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Weltbilder sollen die Fülle des Lebens ermöglichen; Ängste verringern, Hoffnung wecken, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber da sie ohne Welt prinzipiell nicht wahr sein können, weist weder die „Gesundheit“ auf ein wahres noch die „Krankheit“ auf ein unwahres Weltbild hin. 

 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in der „Gesundheit“ – niemand weiß, was das sein soll –, sondern allein darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten als „krank“ zu betrachten und gegebenenfalls deren Weltbilder als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, erklären wir das eigene Weltbild zur Wahrheit, behaupten eine entsprechende objektiv-reale Welt dahinter und glauben selbst (an) unsere Konstruktion.

 

Vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise sperren wir gerade die Falschen weg; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

Für unsere nahezu als selbstverständlich geltende Überzeugung, das adäquate(re) Weltbild zu besitzen, dürften fünf Gründe besonders wichtig sein:

 

1. Zunächst möchten wir ganz einfach unser Weltbild als adäquates Bild von der Welt verstehen. Wer weiß nicht allzugern, „wie es wirklich ist“?

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen oder sportlichen Massenveranstaltungen mitunter ungeschminkt erleben.

 

3. Unsere Technik bildet die Anwendung der exakten Wissenschaften, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die Welt adäquat wiedergeben.

In diesem Satz ist ein Denkfehler enthalten; richtiggestellt müßte er fortgesetzt werden mit den Worten „. . . wenn es letztere gäbe“.

Sie werden im allgemeinen unterschlagen, weil die Existenz der Welt als selbstverständlich gilt. Wäre dem so, würde die Technik tatsächlich die Richtigkeit der exakten Wissenschaften beweisen; das scheint mir nahezu unbestreitbar.  

 

Aber was ändert unsere Klausel daran?

Existierte die Welt, wären unserem Handeln eindeutige Grenzen vorgegeben; „wenn Du das machst, knallt es“.

Ohne Welt könnten diese Grenzen viel weiter sein, so daß wir nahezu alles machen können; auch einen „Himmel“ oder eine „Hölle auf Erden“. Dann bestätigt die erfolgreiche Technik aber gar nichts, sondern umgekehrt wäre es erstaunlich und wir würden uns wundern, wenn irgendetwas nicht möglich sein sollte

Ohne Welt fehlt, mit anderen Worten, der Kontrollmechanismus für alle denkbaren, weil widerspruchsfreien Weltbilder. Deren logisch saubere Konsequenzen müssen richtig sein, weil sie selbst den Weltbildern angehören; diese werden durch die Technik also nicht bestätigt, sondern weiterentwickelt.

Wie lange haben andere Kulturen mit ihren „falschen“ Weltbildern teilweise existiert; das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ Weltbild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

 

„Das mag theoretisch richtig sein; praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

Und es wollte auch keiner!

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man wollen kann, hängt doch vom Weltbild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht, und wir wollen ihn gar nicht. Wenn die Ägypter unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, muß der Gedanke, hinfliegen zu wollen, einfach als absurd erscheinen.

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

 

4. Viele Vorstellungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit müsse etwas mit Wahrheit zu tun haben, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen ist alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser subjektives Weltbild gebunden; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht zum eigenen Weltbild gehört oder sich aus ihm ergibt, ist uns zugänglich.

 

Sämtliche Schlüsse oder Begründungen müßten also den Vermerk tragen „im Rahmen meines Weltbilds“, denn sie setzen dieses als unhinterfragbares Nonplusultra voraus. Unser Weltbild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist. A muß und B kann nicht sein – in meinem Weltbild; letzteres, aber keine angebliche Welt, liefert die einzige Begründung.

Solange es keine Widersprüche enthält, führt natürlich kein Gedanke aus dem Weltbild heraus; das hat aber auch gar nichts mit seiner Bestätigung zu tun, sondern ist tautologisch.

 

5. Und schließlich suchen wir nach Gemeinschaft; was schon viele glauben, wird spontan favorisiert. Wir wollen von der Mehrheit denken lassen; das kann sie aber nicht; zu denken vermag nur der Einzelne.

1.2.4. Traditioneller Dualismus von Außen und Innen

Ganz tief in unserem Denken wurzelt eine so fundamentale Grundentscheidung, daß wir sie kaum noch als solche erkennen:

Es gibt traditionell eine äußere Wirklichkeit – die Welt –, die aus irgendwelchen Seienden besteht – Sonne, Mond und Sternen beispielsweise –, unabhängig von uns ist und es auch sein muß, denn sie existierte – der Evolutionstheorie zufolge – schon lange vor uns. An den Seienden unterscheiden wir Subjekte und Objekte. Diese entsprechen bloßen Körpern, und jene besitzen zusätzlich noch ein Innen.

Letzteres durchlief im Abendland unter den verschiedensten Namen – als Seele, Geist., Psyche, res cogitans usw. – eine wechselvolle Geschichte. Sie muß uns zunächst nur dahingehend interessieren, daß diesem Innen – zumindest in der Moderne – insbesondere die Aufgabe zukommt, die Wirklichkeit der äußeren Welt zu repräsentieren, darzustellen oder abzubilden.

Damit ergibt sich ein „lupenreiner Außen-Innen-Dualismus“, wie wir ihn wohl alle von René Descartes her mit res existensa und – allein beim Menschen – res cogitans kennen. Alles außer diesen Innen gehört zur ausgedehnten Wirklichkeit der Welt; natürlich auch die menschlichen Körper.

 

 

Außen                            
Welt  
Seiende  
Objekte   Subjekte  
     Dinge oder Körper im weiteren Sinne        (menschliche) Körper im engeren Sinne
 
ausgedehnt oder räumlich   ausgedehnt oder räumlich  
wirklich   wirklich  
                                                          Innen            
      unausgedehnt oder unräumlich    
      unwirklich    
         
      Abbilder der Seienden    
       

 

Abbildung 1.2.4.

 

Aber so lupenrein wie soeben dargestellt ist dieser Dualismus doch nicht; das zeigt sich leicht bei einem etwas gründlicherem Nachdenken:

Vor 10 Jahrmilliarden gab es der Evolutionstheorie zufolge noch kein Innen. Gehen wir einmal von dieser Annahme aus, so ist es jedoch nicht gerechtfertigt, später irgendwann das Innen einfach hinzuzufügen. Denn es handelt sich hierbei keineswegs um eine rein additive Ergänzung, weil mit den Abbildern notwendigerweise auch das Abbilden zur Welt hinzukommen muß.

Daß wir letzteres nicht einfach in der Welt integrieren können, läßt sich sehr anschaulich verdeutlichen, wenn wir die Welt ohne Innen als nullte Näherung betrachten und sukzessive oder iterativ zu verbessern versuchen.

 

                                                     Wirklichkeit°   =   „Welt“ ohne Innen

                                                     Wirklichkeit¹   =   Wirklichkeit°   +   Erkennen der Wirklichkeit°

                                                     Wirklichkeit²   =   Wirklichkeit¹   +   Erkennen der Wirklichkeit¹

                                                     Wirklichkeit³   =   Wirklichkeit²   +   Erkennen der Wirklichkeit²

. . . . . . .

 

„Und das hört nie auf?“

Natürlich nicht; wir holen die Wirklichkeit nicht ein, sondern kommen „immer schon“ oder „ursprünglich zu spät“ (Jacques Derrida), weil auch das Erkennen der Wirklichkeit wirklich erfolgen muß, um tatsächlich ein Erkennen zu sein.

Zugleich können wir an dieser mathematischen Spielerei – Spielerei „ja“, Humbug „nein“ – ein wenig erahnen, weshalb der Glaube, irgendwann durch „Super-Hyper-Quanten-Computer“ einmal alles wissen zu können, unglaublich naiv ist:

1.2.5. Realismus

„Ihr Metaphysischer Explikationismus ist doch ein Idealismus oder Spiritualismus; ohne Welt jedenfalls ein Anti-Realismus; ich habe damit ehrlich gesagt Schwierigkeiten und dachte bisher, ein solches Denken sei längst überholt.

Ohne Welt gibt es keinen Unterschied zwischen Fakten und ‚alternativen Fakten‘ oder sind ‚fake news‘ eben auch news. Dann lügt Donald Trump nicht, sondern interpretiert einfach anders; und überhaupt: Was soll ‚lügen‘ eigentlich noch bedeuten?“

Nichts von Ihren schlimmen Befürchtungen ist gerechtfertigt; versuchen wir die Gründe für unser Mißverstehen ein wenig aus dem Weg zu räumen.

 

Was kann zum einen realistischer sein, als hinter unseren Wahrnehmungen nicht noch etwas anderes – Nicht-Wahrgenommenes – anzunehmen?

Und was hat zum anderen der Glaube, daß eine Welt vorhanden sei, mit Realismus zu tun, wenn wir nicht wissen oder verstehen, worin dieses Vorhanden-Sein besteht?

Unser Metaphysischer Explikationismus ist ein 100%-iger Realismus, weil wir nicht behaupten, von Fakten oder Tatsachen zu wissen, sondern Wissungen besitzen die von Fakten oder Tatsachen der Realität eingeholt, widerlegt oder falsifiziert werden können.

Nur Realisten, die ihre Erfahrungen ernstnehmen, können sich irren.

 

Ein gegenwärtiger Irrtum ist ein Widerspruch in sich; wir können nicht von etwas überzeugt sein und zugleich wissen, daß es nicht stimmt. Unsere Fehler werden erst rückblickend erkannt, nachdem uns die Realität eines Besseren belehrt hat.

Dieses Einsichtig-Sein zeichnet einen Realisten aus; besonders bei Überzeugungen, deren er sich ganz sicher oder in die er gar verliebt war.

Wenn die Realität das ist, was unsere Wissungen auf die Probe stellt und möglicherweise über den Haufen wirft, kann sie keiner Wissung entsprechen. Einge gewußte Realität ist ein widersprüchlicher Wunschtraum

 

„Sie glauben (an) eine Realität; die Annahme sie wissen zu können, ist widersprüchlich. Daraus ergeben sich für mch zwei Fragen.

Es ist dann natürlich konsequent, das Wort „Welt“ abzulehnen, weil das uns allen sehr viel sagt – dies aber nicht dürfte, weil es keine gewußte Welt geben kann. Gibt es ein nichtssagendes Wort, das in eine geeignetere Richtung zeigt?

Und des weiteren frage ich mich, weshalb ich die Wissung A annehmen und die Wissung B ablehnen sollte – ohne jeden Kontakt zur Realität.“

 

Ihrer Bitte um eine geeignete „Erklärung“ für die Realität können wir sehr leicht nachkommen; sie besteht in der Zukunft, da diese

– unabweisbar vor uns steht und kein Entkommen kennt,

– völlig unbekannt ist oder einem großen Fragezeichen entspricht

   (– denn alles, was wir diesbezüglich wissen können, gehört dem Später an –) und

– zeigen wird, was von unserem Wissen übrigbleibt, wenn es ernst wird.

 

Auch Ihre zweite Frage läßt sich relativ leicht beantworten: Wir entscheiden nach Gründen.

Diese haben nichts mit Ursachen oder Kausalität, sondern mit Einsicht zu tun. „Ich bin für die Wissung A, weil das besser zu B paßt“, „weil non-A widersprüchlich wäre“, „weil ich bei C ganz ähnlich denke“, „weil dadurch auch D verständlich wird“ usw.

So versuchen wir, ein möglichst kohärentes Weltbild zu erzielen, in dem jeder Grund von anderen Gründen gestützt wird, so daß das gesamte Weltbild sich selbst trägt und nicht mit einer Realität abgeglichen werden muß – oder auch nur könnte. 

 

1.3. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches; wir haben nur die Alternative zwischen einem stets ergebnisoffenen Selbst-Denken – sprich: Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon sagen kann, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, weiß nicht, was Denken bedeutet und ist Ideologe.

Mich interessiert absolut nicht, wer irgendwas, sondern höchstens, was irgendwer sagt; würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial. Auch Donald Trump mag als Mensch recht einfach sein, hat aber seine Versprechungen, deretwegen er gewählt wurde, besser erfüllt als die meisten seiner Berufskollegen. 

Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner Wahrheit näher zu kommen.

In Büchern finden wir keine Wahrheiten, sondern bestenfalls Denkanstöße; auch beim eigenen Schreiben versuche ich, mir dessen stets bewußt zu sein.

 

Hochkomplexe Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erleben; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, dann ist es keine Liebe. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist nicht rein, sondern gar nichts.

Auf der einen Seite darf keine Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also insbesondere nicht im Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten bestehen – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise etwa in der Schöpfungs- oder Weihnachtsgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich auch niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden. Das bedeutet insbesondere, daß er sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

Stellen aus „Heiligen Schriften“ sind dabei nicht besser als solche aus profanen, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht eo ipso für den Glauben, aber – theologisch ja ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen und hermeneutischen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda).

 

Theologisch sind die Aussagen des „Lehramts“ ebenfalls lediglich Meinungen, die man in einer Demokratie natürlich haben darf. Einen Mehrwert würden auch sie – wie sämtliche Meinungen – erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft oder saubere Begründung erhalten. Daß sich dies beim „Lehramt“ anders verhalten soll, scheint mir nicht unbedingt zwingend aus dem Evangelium hervorzugehen; denken wir nur an den Streit zwischen Petrus und Paulus.

Wenn Johannes Paul II und einzelne seiner Nachfolger beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertraten, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereiten sie ihrer kirchlichen Institution größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn die kann nicht nach – x-beliebigen – Meinungen fragen.

 

Die Ergebnisse, zu denen der Theologe gelangt, sollten ihm helfen, seinen Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene Inhalte anzunehmen resp. abzulehnen. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, ge(g)eifert und „gefühlt“ (Ulrich H. J. Körtner, „Für die Vernunft“).

Nur wer selbst denkt, kann irren; das ist also eine Auszeichnung. Sie macht den Denkenden niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man – nur durch ein Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen, aber – nicht durch Denken.

1.3.1. Gott denken

Beachten Sie bitte, daß ich vom Verstehen gesprochen und nicht gesagt habe, wir könnten nur glauben, was wir sehen. Ein solcher Standpunkt wäre an Ignoranz oder Naivität kaum zu überbieten, denn wir sehen fast nichts von dem, dessen Existenz wir wohl alle glauben: Sprachen, Zahlen, Erinnerungen, Liebe, Raum und Zeit oder den Erdmittelpunkt.

Daraus folgt wieder eine wichtige Unterscheidung:

Daß in der Eucharistiefeier angeblich die Hostie zum Leib Christi gewandelt wird, kann ich natürlich nicht sehen; das ist jedoch völlig belanglos und stellt unmöglich ein Gegenargument dar.

Aber es gibt ein anderes: Was Substanzen sein sollen, ist heute unverständlich; darauf kommen wir im dritten Teil ausführlich zurück. Weiß ich aber nicht, was eine Substanz ist, kann ich die Wandlung unmöglich als Transsubstantiation verstehen.

Möchte ich dennoch glauben – können –, daß es sich bei der Hostie nach der Wandlung um den Leib Christi handelt, muß ich mich also um eine andere Variante bemühen, dies intellektuell redlich nachzuvollziehen.    

 

„Das ist Hochmut! Sie können doch Gott weder denken noch verstehen!“

Entschuldigung, aber diesen Satz verstehe ich nicht; er scheint mir auf zweifache Weise interpretierbar, jedoch in beiden Fällen nichtssagend zu sein:

Entweder Sie kennen die Bedeutung des Wortes „Gott“; dann wissen Sie also, wer Gott ist, denken oder verstehen somit notwendigerweise etwas von ihm und widersprechen sich folglich selbst.

Oder „Gott“ stellt für Sie ein sinnleeres Wort dar; in diesem Fall wissen wir nicht, wen oder was wir „weder denken noch verstehen“ können. Sie haben also gar nichts gesagt und könnten „Gott“ ebenso durch andere Buchstabenkombinationen wie „Teufel“ oder „Lefuet“ ersetzen.

 

Zusammengefaßt:

Den völlig unbekannten Gott, von dem wir nichts wissen und den wir nicht verstehen, können wir weder glauben noch vertrauen und er kann unmöglich der Träger unserer Hoffnungen sein, denn daß er vielleicht ein Teufel ist, läßt sich dann auch nicht ausschließen – das weiß doch keiner.

Gott ist also theologisch nur in dem Maße und in der Form relevant, wie er unserem Weltbild angehört, wir ihn also wissen, denken, verstehen oder vorstellen können.

 

„Vorstellungen sind aber Bilder, und wir sollen uns kein Bild von Gott machen!“

Ich verstehe diese Bibelstelle etwas nuancierter.

Können Sie ein Verhältnis zu Gott haben oder zu ihm beten, ohne ein – positives – Gottes-Bild zu besitzen?

Das Gebot kann also nur meinen, daß wir unser nicht nur unvermeidliches, sondern – zumindest für Gläubige – sogar notwendiges Gottes-Bild nicht verabsolutieren sollen.

 

Aber auch diese Forderung ist wieder zweideutig:

Traditionell wird sie so verstanden, daß wir unser Gottes-Bild nicht mit dem wahren Gott verwechseln dürfen. Diese Interpretation ist jedoch so sinnleer wie die Worte „wahrer Gott“, was soeben deutlich werden sollte. Wir müßten „Gott“ in unserer Argumentation lediglich durch „wahrer Gott“ ersetzen.

Dann sehe ich jedoch nur noch eine nachvollziehbare Verständnismöglichkeit:

Wir sollen unser gegenwärtiges Gottes-Bild nicht verabsolutieren, sondern lediglich als den Status quo seiner Genese betrachten. Diese ist nicht abschließbar, offen für die Zukunft und führt niemals zum „wahren Gott“, ist aber trotzdem – wie das gesamte Weltbild – überaus wichtig für unser Leben.

 

Ich hätte mich viel kürzer fassen können:

Es ist tautologisch, daß wir nur über die Wissungen des eigenen Weltbilds sprechen können, über unsere Selbstverständlichkeiten, Annehmungen oder Ablehnungen.

Wenn wir also (an) eine Transzendenz glauben und verstehen möchten, was wir selbst sagen, kann diese nicht das ganz Andere sein, sondern muß notwendigerweise unserem Weltbild angehören. Höchstens innerhalb desselben läßt sich also sinnvoll zwischen Immanenz und Transzendenz unterscheiden.

 

Wir können nur in der Form, auf die Weise und in dem Maße (an) Gott glauben, wie wir ihn verstehen. Alles andere ist „kultisches Gerede“ (Gotthold Hasenhüttl) und bezeugt weder einen tiefen Glauben noch achtenswerte Demut, sondern vielleicht nur Desinteresse. Bei dem, was uns tatsächlich wichtig ist, nehmen wir uns auch die Zeit, um intensiv darüber nachzudenken. 

Wenn für Albert Einstein, der dies getan hat, beispielsweise Gott derjenige ist, „der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart“, und nicht ein „Gott, der sich mit Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, dann kann er auch nur an diesen Gott glauben bzw. nicht-glauben; er hat doch gar keinen anderen in seinem Weltbild, und vom „wahren Gott“ versteht auch Einstein nichts.

 

„Stimmt; aber glauben könnte er (an) ihn – ich tue es jedenfalls!“

Jeder Christ kann natürlich einfach glauben, demütig, fromm, zufrieden, dankbar sowie voller Hoffnung sein und versuchen, ein gottgefälliges Leben zu führen; aber das vermag natürlich ein Jude, Atheist, Hindu, Buddhist oder Muslim ebenso.

Das „unterscheidend Christliche“ kann dagegen nur in dem Maße auftreten, wie es verstanden wird, denn Unterscheiden setzt Wissen voraus. Wer nicht weiß, worin A besteht, kann es nicht von non-A unterscheiden. Von kultischem Gerede abgesehen existiert der Unterschied zwischen dem christlichen und beispielsweise buddhistischen Glauben also nur in dem Maße, wie er verstanden wird.

„Letzterer kennt keinen Gott.“

Ja; aber was kennen die Christen, wenn sie nicht wissen, wer oder was Gott ist?

 

Damit sind wir wieder bei meinem Anliegen:

Würde das „unterscheidend Christliche“ hinreichend gut verstanden, kämen wir hoffentlich zu der Einsicht, daß es gar kein unterscheidend Christliches, sondern das entscheidend Menschliche ist. Das entspräche dann Ihrem wahren Gott sowie meiner total intersubjektiven Wirklichkeit, und wir wären uns weitgehend einig.

 

„Jetzt geben Sie den wahren Gott also zu . . . Soeben klang es noch, als würden Sie ausschließlich den Status quo der Genese des eigenen Gottes-Bilds im subjektiven Weltbild anerkennen?“

Ich bestreite die Wirklichkeit des wahren Gottes nicht nur nicht, sondern betrachte sie sogar als die einzige überhaupt. Wogegen ich mich oben gewandt habe, ist lediglich der traditionelle „wahre Gott“; er ist sinnleer oder widersprüchlich – wie ich hoffe, deutlich gezeigt zu haben.

 

Der entscheidende Unterschied besteht meines Erachtens in Folgendem:

Traditionell gibt es einen Weg von uns zum „wahren Gott“; dazu zählen nicht nur gute Taten, sondern auch das Bemühen um ein Wissen oder Verstehen Gottes. Unsere Genese des Gottes-Bilds würde dann auf ihn zielen, und ob sie ihn erreichen kann oder – in einer Negativen Theologie – verfehlen muß, spielt keine Rolle; entscheidend bleibt allein die Wegrichtung.

Meines Erachtens beginnt dieser Weg jedoch allein beim wahren Gott; er kommt zu uns. Wir wollen nichts über ihn herausbekommen und können somit dabei weder erfolgreich sein noch scheitern; unsere Weltbild- und Gottes-Bild-Genese bewegt sich nicht auf den wahren Gott zu, sondern er ermöglicht sie „nur“

Der wahre Gott schenkt uns das Leben und steht damit niemals hinter unseren Wissungen, sondern kommt ihnen stets zuvor. Wir versuchen also nicht, den wahren Gott zu denken, sondern verdanken ihm „nur“ – auch – unser Denken.

Mein Ziel besteht darin zu verstehen, wie ein solches Leben gegen den traditionellen Strich vorgestellt werden kann.

1.3.2. Gott als subjektive Verstehenshilfe

Typisch für kultisches Gerede sind etwa Sätze der Form: „Ich glaube, daß Gott dreifaltig ist, kann es aber nicht verstehen, weil es sich um ein Geheimnis handelt.“ Das geht völlig daneben, weil dieser Satz zumindest zwei gravierende Fehler enthält:

Zum einen den oben genannten; was wir nicht verstehen, können wir auch nicht glauben.

Und zum anderen ist die Dreifaltigkeit kein Geheimnis; sie kann lediglich dazu werden und tut dies genau in dem Maße, wie wir uns darum bemühen, sie zu verstehen; dann – als gewordenes Geheimnis – können wir sie auch glauben

 

„Ist das noch katholisch?“

Zum einen verstehe ich Ihre Frage gar nicht richtig. Soll das bedeuten, daß bestimmte Glaubenssätze blind für wahr gehalten werden müssen? Dann bin ich – Gott sei Dank – natürlich nicht katholisch.

Zum anderen interessiert mich das auch herzlich wenig; mir geht es um die Wahrheit und nicht um irgendein Katholisch-Sein – was auch immer das bedeuten mag. Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, nicht aber „ich bin Katholik“. Ich bin nicht Christus, aber wir sollten ihm nachfolgen und nicht katholisch sein; „pharisäisch“ hätte das damals wohl geheißen.

 

Das bedeutet meines Erachtens unter anderem, wie soeben deutlich werden sollte, bei keiner Antwort auf die Frage nach Gott stehenzubleiben, um sich von ihr als dem bloßen Staus quo den weiteren Blick verstellen zu lassen. Vielmehr geht es darum, die gefundenen Antworten als eine Durchgangsstufe zu verstehen, die neue Fragen aufwirft und Denk-Möglichkeiten oder -Horizonte eröffnet. Wer nach dem „Denken“ nicht mehr Fragen hat als zuvor, hat nicht gedacht.

Ludwig Wittgenstein formuliert das so:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“

 

Christen gehen davon aus, daß Gott ihnen im Leben hilft; vielleicht auch beim Denken. Ich bin einverstanden, lege aber großen Wert darauf, meine Zustimmung auf den Akt des Denkens zu beschränken und nicht auf seine Inhalte zu übertragen:

(Der wahre) Gott führt uns – als Heiliger Geist – vielleicht zu ungeahnten Einsichten, überraschenden Zusammenhängen und genialen Theorien; viele Autoritäten werden dem aufgrund ihrer eigenen Erfahrung kaum widersprechen wollen.

Aber als Bestandteil von Überlegungen – Grund, Ursache, Ziel, Medium oder was auch immer – kann der wahre Gott uns unmöglich helfen, denn er ist unbegreiflich. Sämtliche Erklärungen, die durch seine Einbindung leichter oder verständlicher werden, als sie es ohne Gott sind, müssen also falsch sein. Das Unbegreifliche kann uns nicht helfen, irgendetwas zu durchschauen.

„Gelingt es uns doch“, haben wir Gott als allmächtigen Zauberer mißbraucht, um die Lücken oder mangelnde Stringenz unseres Denkens zu überspielen. Da man mit einem solchen Gott natürlich alles „erklären“ kann, läßt sich mit ihm gar nichts erklären.

 

Wir müssen in diesem Zusammenhang zwei Betrachtungsweisen unterscheiden.

Als objektive Begründung oder Sinngebung sind Aussagen der Form „Das war Gott“, „hat er so gewollt“ oder „ist seine Strafe“ nicht nur leeres kultisches Gerede, sondern zumindest bei der Interpretation persönlicher Katastrophen durch Außenstehende meines Erachtens sogar mehr als pervers.

Gibt dagegen jemand seine eigenen Erfahrungen mit diesen Worten wieder, dann ist das etwas völlig anderes; er erklärt nichts und möchte das auch gar nicht, sondern versucht, sein Leben zu verstehen. Dagegen ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern der Versuch, es zu tun, wäre geradezu bösartig, weil er wiedergefundenen Seelenfrieden zerstören könnte.

Wer den Tod eines nahen Menschen ebenso wie das Hören von Musik oder das Betrachten eines Sonnenaufgangs – nicht im Kopf, sondern – in seinem Herzen als Gotteserfahrung erleben kann, ist doch nur zu beneiden.

Aber kein Außenstehender darf oder kann uns vorgeben, was wir wie zu erfahren haben.

 

In diesem Sinne versuche ich, alle leeren Behauptungen, Widersprüche, Belanglosig- und Unsinnigkeiten zu vemeiden; auch oder vielleicht besonders diejenigen, die in einem „frommen“ Sprachgebrauch alltäglich sind. Denn in diesen Fällen wird häufig etwas „geglaubt“, nicht nur bevor es verstanden wird, sondern was gar nicht verstanden werden kann.

Daß ich etwas für falsch, belanglos oder unsinnig halte, ist jedoch allein mein Problem.

Wer mir also widersprechen und gern eine „frömmere“ Sprache haben möchte, soll bitte das Buch beiseite legen und liebend gerne an seinen Überzeugungen festhalten; es wird nicht „besser“. Ich möchte niemandem seinen Seelenfrieden rauben, der ihn besitzt – darin besteht vielleicht das, was mit „Sünde“ gemeint sein könnte –, sondern lediglich einigen von den vielen helfen, die ihn wegen eines überholten „Denkens“ längst verloren haben.

 

Daß die Kirchen leer(er) werden, liegt gewiß daran, daß die Menschen nicht mehr glauben wollen. Aber zu dieser meistens vorwurfsvoll gemeinten Binsenweisheit hätte ich zwei kritische Einwende:

Haben die Menschen im MIttelalter geglaubt? Gab es damals Alternativen zum „Glauben“? Kann man überhaupt glauben, ohne ein hinreichend entwickeltes Freiheitsverständnis zu besitzen, das zumindest in der katholischen Kirche heute noch weitestgehend fehlt?

Des weiteren können wir nur das ehrlich wollen, was uns tatsächlich als wünschenswert erscheint. Würde die „Frohe Botschaft“ für uns tatsächlich als Frohe Botschaft erkenntlich, wollten wir sie natürlich auch. Heißt sie jedoch nur so, und es ist nicht das drin, was außen draufsteht, dann ist der Vorwurf, die Menschen wollten nicht mehr glauben, höchst fragwürdig. Warum sollten sie auch?

Damit meine ich natürlich nicht nur die individual-ethisch verengte – insbesondere sexuelle – Droh-Botschaft, sondern viel mehr noch die weitgehende Beschränkung auf eine binnenkirchliche Sondersprache. Letztere gehört zwar – noch – zum Deutschen, bleibt aber dennoch „Kirchenlatein“, das weder mit der Sprache der Arbeiter noch mit der der Intellektuellen in Verbindung steht. (Gut lesbar und empfehlenswert ist ist in diesem Zusammenhang „Phrase unser“ von Jan Feddersen und Philipp Gessler.)   

1.3.3. Einheit von Schöpfung und Erlösung als Selbst-Hingabe Gottes

Die Schöpfungs- entspricht der Weihnachtsgeschichte; beide sind sehr schön und vielleicht sogar unüberbietbar – für Kinder. Aber als verbindliche Glaubensvorgabe infantilisierend und damit für einen mündigen Christen beleidigend. Die Alternative, die ein aufgeklärter Erwachsener guten Gewissens und intellektuell redlich glauben kann, besteht jedoch auch nicht in der meines Erachtens ebenso unzumutbaren Evolution.

Ich versuche, die exakten Wissenschaften ernstzunehmen, sehe in ihnen aber nicht den Königsweg zur Wahrheit, sondern versuche sie so in mein Weltbild zu integrieren wie andere Denkweisen auch; nicht nur geisteswissenschaftliche, sondern beispielsweise religiöse, mythische oder künstlerische.

Wir müssen uns meines Erachtens beim Verständnis der Schöpfung vollkommen von jedem Handeln, Machen oder Schaffen (des wahren) Gottes trennen, weil alle derartigen verbalen Vorstellungen notwendigerweise an die „Zeit“ gebunden sind, aber diese selbst zur Schöpfung gehören muß.

Gott schafft nicht in der „Zeit“, sondern ermöglicht auch sie erst.

Das wußte bereits Martin Luther; auf die Frage, was Gott vor der Schöpfung getan habe, soll er unwirsch geantwortet haben: „Er hat sich die Hölle ausgedacht für diejenigen, die so dumme Fragen stellen.“

(Bei wichtigen Begriffen, die traditionell eine ganz andere Bedeutung besitzen als bei uns, versehe ich ihre dortigen Bezeichnungen mit Anführungstrichen; Großbuchstaben integrieren beide Varianten. Zeit ist also die ZEIT im metaphysischen Explikationismus, und „Zeit“ die traditionelle ZEIT.)

 

Als Alternative gehen wir besser von dem grund-legenden Versuch aus zu verstehen, „warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts“ (Martin Heidegger).

Eine Theologie ohne Philosophie war immer problematisch; zumindest heute ist sie völlig ausgeschlossen, weil unser Leben nicht (mehr) in getrennte Ressorts zerfällt, denen dann die einzelnen Wissenschaften zugeordnet werden könnten. Wie sollten wir insbesondere Gott am Menschen vorbei verstehen? Theologie ist ohne Anthropologie ausgeschlossen.

Unser diesbezügliches Konzept für das vorliegende Buch besteht darin, Gottes Erschaffen der Welt durch die „Hingabe seiner selbst für unser Leben“ (Jean-Luc Marion)  zu ersetzen.

 

Meine „Hingabe“ ist unüblich; zumeist steht dafür „Offenbarung“; Gott offenbart sich selbst. Wir wollen also mit Reinhard Hoeps die „Schöpfung als Offenbarung“ verstehen. Aber aus wenigstens zwei Gründen finde ich meine Wortwahl besser:

Zum einen assoziieren wir bei „Offenbarung“ sehr schnell, daß uns etwas von oder über Gott mitgeteilt wurde. Aber das wäre vollkommen daneben und führt nicht zuletzt zu der katastrophalen Irrlehre, die Offenbarung sei ein Wissensschatz, den die  Kirche unberührt durch die – Wirren der – Zeit zu bewahren habe. Wohin ein solches Mißverständnis führen kann, erleben wir zur Zeit an einer Kirche, die  nur noch mit sich selbst beschäftigt ist und damit ihren Auftrag verrät.

Zum anderen verweist die Hingabe zugeich auf Gabe und damit einen Begriff, der in unserem Ansatz von fundamentaler Bedeutung ist. Nicht zuletzt steht er für die oben betonte Umkehr unserer Denkrichtung vom wahren Gott zu uns; wir können ihn unmöglich suchen, sondern er hat sich (für) uns hingegeben.

 

„Würden Sie sagen, die Erlösung entspräche als Menschwerung Gottes einer Selbst-Hingabe, könnte ich das spontan nachempfinden; aber bei der Schöpfung wird das schon schwieriger. Wieso soll Gott sich dabei etwas vergeben?“

Bitte begnügen Sie sich vorerst mit einer lediglich anschaulichen und deshalb noch unbefriedigenden Antwort:

Gott ist allgegenwärtig, das heißt, es gibt keinen leeren Platz neben ihm und damit auch keinen für eine eventuelle Schöpfung. Die jüdische Mystik löst das Problem in ihrer Kabbala durch einen Selbstverzicht Gottes, den Zimzum. Gott schafft in sich Platz für seine Schöpfung; ohne eine solche Selbstbeschränkung, -verleugnung oder -hingabe wäre die Schöpfung nicht möglich.

Da zu letzterer für uns keine Welt gehört, drängt sich der Gedanke auf, Schöpfung sowie Erlösung als Einheit – anstelle einer nachträglichen Fehlerkorrektur durch Gott – zu denken und diese Einheit mit seiner Selbst-Hingabe zu identifizieren.

 

 

(wahrer) Gott               
Transzendenz  
Sich-selbst-Hingeben oder -Offenbaren
 
noch nicht angenommene Selbst-Hingabe           bereits angenommene Selbst-Hingabe   
 
transzendente Transzendenz      → immanente Transzendenz
 
aktual unendlich       potentiell unendlich  

 

Abbildung 1.3.3.

 

Wir leben nicht in der Welt – das ist ausgeschlossen, weil es keine gibt –, sondern in Gott.

Wir leben nicht, weil er uns einmal erschaffen hat, sondern weil wir ständig oder gegenwärtig durch ihn, mit und aus ihm leben.

 

Wollen wir Gott als Sich-Hingeben verstehen, so setzt dies freie Subjekte voraus, denn eine Gabe muß in Freiheit angenommen werden, um eine Gabe sein zu können; eine Zwangs-„Gabe“ ist keine Gabe, sondern eine Vergewaltigung. Natürlich läßt sich auch die Freiheit wiederum nur als Gabe – der Gottesebenbildlichkeit – verstehen; auf diesen Zirkel kommen wir im siebenten Teil zurück (Kurt Wolf, „Philosophie der Gabe“).

Gott kann sich uns also nur in dem Maße schenken, wie wir ihn in Freiheit annehmen; er hält sich nicht partiell zurück, sondern wir lehnen ihn größtenteils ab.

 

Damit entsteht – durch uns – eine Grenze innerhalb (des wahren) Gottes oder der Transzendenz.

Auf ihrer Außenseite haben wir die (noch) transzendente Transzendenz; nicht weil Gott sich verbirgt, unbegreiflich ist, uns überstrahlt oder was alles so in diesem Zusammenhang gesagt wird, sondern ganz einfach, weil wir ihn nicht weiter wollen.

Die immanente Transzendenz ist derjenige Bruchteil des sich vollkommen verschenken wollenden Gottes, den wir ihm einräumen . . .

„. . . wodurch auch nochmals einsichtig wird, daß wir auf Gott weder zugehen können – zum Beispiel mit dem Versuch, ihn zu erkennen – noch brauchen; wir dürften ihm nur den Zutritt nicht verweigern.“

 

Die Grenze innerhalb Gottes ist also verschiebbar; wir allein bestimmen darüber, wo sie sich befindet, und die Frohe Botschaft besteht meines Erachtens in der Zusage, daß sie von Gott aus völlig verschwinden kann – und soll.

„Dann sind wir Gott?“

Nein; aber daß die Menschwerdung Gottes einer Vergöttlichung des Menschen entspricht, ist ein uraltes scholastisches Topos. Dabei wird jedoch die Differenz nicht eingeebnet, denn es existiert – ganz einseitig – nur ein Geber, von dem alles ausgeht; er gibt sich hin, um uns zu vergöttlichen. Wollten wir werden wie Gott, wäre dies kontraproduktiv und würde zum glatten Gegenteil führen.

Im Bild kommt diese Asymmetrie in der Unterscheidung zwischen dem aktualen und potentiellen Unendlich zum Ausdruck; sobald die beiden Begriffe konkret benötigt werden, kommen wir darauf zurück.

1.3.4. Transzendentalien – Ursprung und Leben

„Das wäre natürlich unfaßbar! Der Inhalt des christlichen Glaubens soll im Kern darin bestehen, daß Gott alles selbst übernimmt und wir uns nur nicht dagegen wehren sollten, von ihm vergöttlicht zu werden? Wer das glauben kann, ist tatsächlich beneidenswert . . .“

Allein dadurch ist der Name „Frohe Botschaft“ gerechtfertigt; aber um das denkerisch nachvollziehen zu können – und nicht einfach „glauben“ zu müssen –, haben wir bei (dem wahren) Gott zu beginnen, und dürfen nicht von unserer – wenn auch noch so großartigen – Gottes-Vorstellung im gegenwärtigen Weltbild ausgehen.

„Damit stehen wir natürlich vor dem nächsten Problem:

Wie wollen Sie denkerisch bei (dem wahren) Gott ansetzen, wenn Ihnen diesbezüglich nur die unwirkliche  Gottes-Vorstellung Ihres Weltbilds zur Verfügung steht – die mit Gott aber auch gar nichts zu tun haben muß? Wieso soll unsere „Vorstellung von Gott“ eine Vorstellung von Gott sein, nur weil wir sie „Vorstellung von Gott“ nennen?

 

Damit haben Sie den springenden Punkt sehr sauber herausgearbeitet.

Auf der einen Seite haben wir (den wahren) Gott, der meines Erachtens die einzige Wirklichkeit darstellt und der sich alles weitere verdankt.

Auf der anderen Seite steht unser Weltbild; es ist rein geistig und somit unwirklich, weil nur gewußt, gedacht oder vorgestellt; zu ihm gehören (eventuell) auch unsere Gottes-Vorstellungen.

Diese beiden Seiten schließen einander aus oder sind (im Sinne der Mengenlehre) überlappungsfrei (disjunkt). Aber daraus dürfen wir nicht den Schluß ziehen, das eine könne mit dem anderen nichts zu tun haben; er wäre definitiv falsch.

 

Wir könnten beispielsweise – mittelalterlich-traditionell gedacht – die transzendente Transzendenz als Himmel (über den Wolken) und die immanente als unsterbliche Seele deuten. 

Die Menschen des Mittelalters hätten mich wahrscheinlich nicht verstanden, aber Sie können problemlos nachvollziehen:

Natürlich ist die transzendente Transzendenz nicht der Himmel und die immanente auch keine unsterbliche Seele. Vielmehr wird hier die Transzendenz im Rahmen eines speziellen Weltbilds interpretiert oder durch dessen Brille gesehen. Die Transzenenz und deren weltbildliche Kategorisierung sind vollkommen unabhängig voneinander. Wer den Himmel und die unsterbliche Seele ablehnt, meint möglicherweise nur diese Interpretationen und muß keinerlei Schwierigkeiten mit der Transzendenz haben.

 

Mit anderen Worten ersetzen wir die Identitäten

transzendente Transzendenz ist gleich Himmel bzw.

immanente Transzendenz ist gleich unsterbliche Seele

durch eine weltbild-abhängige Auslegung

der transzendenten Transzendenz als Himmel bzw.

der immanenten Transzendenz als unsterbliche Seele.

 

Dieses mittelalterliche Beispiel habe ich gewählt, weil es leicht verständlich ist. Aber sein Prinzip bleibt völlig erhalten, wenn wir im weiteren die transzendente Transzendenz als Ursprung und die immanente als unser Leben verstehen wollen. Beides können keine Identitäten sein, denn in dieser Form wären sie widersprüchlich; etwas Wirkliches – Transzendenz – ist nicht unwirklich – Vorstellung.

Die Transzendenz läßt sich nicht in unser Weltbild einordnen, aber wir können sie – in einer ganz speziellen Weise – „auf den Begriff bringen“.

 

 

Transzendentalien      
transzendente Transzendenz immanente Transzendenz      
interpretiert als interpretiert als      
Ursprung Leben                                                                
     
transzendente Transzendenz immanente Transzendenz
Begriffe  
Daß(t) Daß(t)   Was  
wirklich wirklich   unwirklich  

 

Abbildung 1.3.4.

 

Die wirkliche Transzendenz (gelber Hintergrund) und die unwirklichen Begriffe (grüner Hintergrund) schließen einander aus, aber wir betrachten jene als einen von diesen. Beispielsweise kann (der wahre) Gott in der Bibel als zornig oder barmherzig, eifersüchtig oder verzeihend, verhärtet oder mitleidsvoll usw. gedeutet werden. Das hat nichts mit Gott zu tun und ist auch nicht wichtig für ihn – jedoch für uns.

 

Die Tradition bietet uns ein Denkwerkzeug an, mit dem wir das Gemeinte sehr gut darstellen können.

Ihr zufolge bestehen alle Seienden in der Einheit von Daß, Existenz oder Sein auf der einen Seite und Was, Essenz bzw. Wesen auf der anderen. Wir übernehmen diese Unterscheidung, wenden sie aber nicht auf die Seienden an – die ja bereits gecancelt sind –, sondern auf unsere Transzendentalien.

Auch diesen Begriff habe ich von der Tradition übernommen, wo er für das Eine, Wahre, Gute und Schöne steht. Wir wechseln die Seiten – von den Seienden, zu denen auch der gesuchte Gott gehört, zum sich hingebenden Gott – und können damit zwar weiterhin sinnvoll von Transzendentalien sprechen, aber es sind natürlich andere.

 

Die transzendente Transzendenz denken, verstehen, interpretieren oder deuten wir als Ursprung, und die immanente als Leben.

Das bedeutet zunächst, daß sich bei unserem Übergang von der Transzendenz zu den Transzendentalien an der Wirklichkeit nichts andert; diese sind ebenso wirklich, wie jene es ist.

Wir fügen nur etwas hinzu und sagen sinngemäß:

Weder als transzendente noch als immanente läßt sich die Transzendenz für uns denken; deshalb fassen wir sie als Ursprung bzw. Leben auf. Wir behaupten absolut nicht, daß sie das sind, und weisen den Gedanken einer Identität weit von uns. Aber wir müssen denkerisch mit der Transzendenz umgehen (können), und bessere Kategorien als Ursprung resp. Leben stehen uns dafür gegenwärtig nicht zur Verfügung – also müssen wir sie vorerst so hinnehmen.

Da sich an der Transzendenz durch unsere Denkwerkzeuge nichts andert, sondern wir letztere nur additiv hinzufügen, entsteht natürlich auch keine Einheit von beiden, wie dies bei den traditionellen Seienden der Fall ist. Die Transzendentalien sind wirklich; aber was sie sind, sind sie nicht; ihr Was kommt lediglich von uns.

 

Die transzendente Transzendenz ist weder der Himmel noch der Ursprung und die immanente weder die Seele noch das Leben; auch hat Gott keine Eigenschaften wie zornig oder barmherzig, eifersüchtig oder verzeihend bzw. verhärtet oder mitleidsvoll usw. 

„Also doch Negative Theologie?“

Jein; nur bezüglich (des wahren) Gottes – Daß(t) –, aber positive Theologie hinsichtlich unserer Gottes-Begriffe oder -Bilder – Was. Das ist wichtig, denn dadurch vermeiden wir jegliches „analoge Denken“, das unmöglich als Denken im Sinne der Logik verstanden werden kann.

1.4. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. 

Bemerkungen der Form „man weiß, daß . . .“ oder „im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

Ich schreibe das Buch außerhalb des Elfenbeinturms für Nachdenkliche und Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

„Experten“ werden sicherlich viele Einwände, Lücken, Unsauberkeiten, Fehler, Wiederholungen usw. finden können; wegen der intendierten Spannweite meiner Überlegungen halte ich das jedoch nicht für kritisch, sondern für selbstverständlich.

Historisch habe ich im Detail gewiß häufig Unrecht; aber mir geht es nur holzschnittartig um die große Linie, weil mehr als sie für die 99,9% philosophischer Laien unter uns weder zumutbar noch notwendig ist.

Thematisch bemühe mich jedoch sehr stark um eine möglichst stringente Gedankenführung. Da ich das analytische oder strukturierte Denken letztlich auch als meine Stärke betrachte, würden mich Fehler in diesem Zusammenhang ernstlich grämen.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). 

Ich versuche das und stelle dazu nochmals zwei mir sehr wichtige und für unseren Ansatz charakteristische Punkte heraus:

Auf der einen Seite steht bei all unseren Überlegungen die Frage nach der Wirklichkeit bzw. Wahrheit im MIttelpunkt. Hier habe ich trotz ausführlichem Suchens – wie oben bereits angedeutet – nichts Besseres gefunden als die Lebensphänomenologie von Michel Henry, Renaud Barbaras und Marc Richir. Es gibt meines Erachtens nur eine Wirklichkeit, und das ist Gott bzw. das Leben, weil sich dieses von jenem nicht trennen läßt.

Auf der anderen Seite scheinen mir die drei genannten Autoren nicht ganz konsequent oder ein wenig „feige“ zu sein, wenn sie die Welt beibehalten. Auf den Schultern von Riesen stehend hoffe ich, diesbezüglich ein wenig weiterzukommen.

 

Weitere mir wichtige Autoren sind unter anderem Kurt Appel, Kwame Anthony Appiah, Michel Bitpol, Stanley Cavell, Ernst Cassirer, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Meister Eckhart, Paul Feyerabend, Michel Foucault, Wolfgang Giegerich, René Girard, Michael Hampe, Martin Heidegger, Tony Judt, Carl Gustav Jung, Alain Juranville, Immanuel Kant, Jacques Lacan, Bruno Latour, Emmanuel Levinas, Jean-Luc Marion, Josef Mitterer, A. M. Klaus Müller, Thomas Nagel, Julian Nida-Rümelin, Friedrich Nietzsche, Mario Perniola, Georg Picht, Thomas Pröpper, Heinrich Rombach, Richard Rorty, Hartmut Rosa, Hermann Schmitz, Josef Simon, Georg Spencer-Brown, Werner Stegmaier, Peter Strasser, Magnus Striet, Charles Taylor, László Tengelyi, Shizuteru Ueda, Gianni Vattimo, Andreas Weber, Carl Friedrich sowie Viktor von Weizsäcker und Ludwig Wittgenstein.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme; auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen und sich als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals darauf gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen oder atheistischen Ansätzen – im Sinne eines „anderen Atheismus“ (Gregor Maria Hoff) – teilweise sehr nahesteht. 

Aber das wissen wir natürlich erst, nachdem wir selbst gedacht haben, und steht nicht in unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wurde, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

1.4.1. Weltbilder ohne Welt

Die großen Theologen sind sich nahezu unisono darin einig, daß Gott seine Schöpfung nicht gebraucht, sondern in absoluter Freiheit hervorgebracht hat. Nur von ihr her läßt sich auch unsere Gottesebenbildlichkeit verstehen; Gott wollte freie Gegenüber, um sich ihnen schenken und sie damit vergöttlichen zu können.

Dazu „mußte“ uns Gott seine Freiheit vermitteln; ob wir sie tatsächllich besitzen, ist eine ganz andere Frage, die wir (im siebenten Teil) an uns selbst stellen müssen und die erst einmal nichts mit Gott zu tun hat; er wollte eine maximale Freiheit für seine Geschöpfe.

Dann durfte er freilich keine Welt schaffen, denn eine solche objektiv-reale Vorgabe ließe sich hinsichtlich der Freiheit nur als Grenze verstehen. Unser Freiheits-Spielraum wäre – völlig unnötig – auf das begrenzt, was die Welt gestattet, und wir könnten uns hinter ihr verstecken oder mit ihr entschuldigen: „Dafür bin ich nicht verantwortlich; das warst Du.“

Ohne Welt sind wir für „alles“ verantwortlich und bestimmen auch über unser Glauben, Wissen und Denken, das sich nicht unfrei einer angeblich vorgegebenen Welt anpassen muß; entweder größtmögliche Freiheit oder Welt.

 

„Hätten Sie vielleicht ein konkretes Beispiel dafür?“

Nehmen wir an, Gott hätte eine Welt geschaffenen, zu der die Erde gehören würde und sie sei eine Kugel.

Sind diese Fakten einmal bekannt, besteht natürlich theoretisch trotzdem die „Freiheit“ zu denken, sagen oder tun, was wir wollen; aber ganz abgesehen davon, daß das nicht lebensdienlich wäre, müßten wir lügen, Tatsachen ignorieren, mathematisch umdeuten – zum Beispiel die Voll- in eine Hohlkugel – oder dergleichen. Um zu überleben, würden wir uns letztlich irgendwie mit der Erdkugel arrangieren, wie es die modernen Wissenschaften gegenwärtig zu tun glauben.  

„Und Sie behaupten dagegen, daß ohne Welt auch keine Erde existiert und sich die Frage nach deren Gestalt somit erübrigt?“

Nein; natürlich nicht.

 

Zu jeder Subjektivität – dem traditionellen Subjekt – gehört bei uns ein bestimmtes Weltbild, und dieses besteht in der Gesamtheit der dieser Subjektivität bekannten Vorstellungen; einige davon glaubt sie, die anderen lehnt si ab.

Könnten Sie da mitgehen?

„Ja; ich sehe keinen Widerspruch, würde lediglich etwas konkreter werden und nicht von ‚einem bestimmten Weltbild‘ sprechen, weil dies den Anschein erweckt, es könnte sich bei jeder Subjektivität um ein anderes handeln.“

Und woher wissen Sie, daß es sich nicht tatsächlich so verhält?

„Ich kann das natürlich umöglich kontrollieren, weil mir nur mein eigenes Weltbild bekannt und damit jeder Vergleich ausgeschlossen ist. Aber es wissen doch alle, daß nur eine Welt existiert und somit ein einziges Weltbild richtig ist.“

Damit sind wir bei meiner Antwort.

 

Unsere wesentlichste Korrektur am traditionellen Denken besteht darin, das prinzipiell Unerkennbare auch nicht zu behaupten – selbst wenn es „alle wissen“.

Jede Subjektivität besitzt ihr Weltbild.

Es besteht in einer Gesamtheit von „Begriffen“.

(Da wir Begriffe erst später definieren, können Sie diese zunächst durch Vorstellungen ersetzen; das führt einstweilen kaum in die Irre, aber ich wollte nichts Falsches schreiben.)

Die Anführungsstriche sind wichtig; im Weltbild gibt es keine Begriffe, denn jenes ist ungewußt und wird lediglich in diesen gewußt. Die „Begriffe“ sind potentielle Begriffe; jeder von ihnen kann gewußt oder aktual(isiert) werden, aber natürlich nicht alle zugleich. 

Die Verfügbarkeit der Begriffe bildet also den Vordergrund des Weltbilds, das stets im Hintergund bleibt. Solange es konstant ist, sind uns seine „Begiffe“ als Begriffe zugänglich, können sie ständig wiederholt – aus dem Weltbild wieder geholt – werden.

 

Das ist bei den Wahrnehmungen ganz anders; sie sind nicht in dem Sinne verfügbar wie die Begriffe; die Wahrnehmung Eiffelturm läßt sich in München nicht realisieren.

Den Wahrnehmungen fehlt der Hintergrund, den die Begriffe besitzen; aber dieser Hintergrund wäre die Welt – und deswegen entfällt sie für uns.

„Da würde ich Ihnen widersprechen; der Hintergrund der Wahrnehmungen existiert; wir müssen dafür eben nicht nur denken, sondern – in diesem Fall – auch nach Paris fahren.“

Das Argument zieht nicht, weil es zirkulär ist, denn unausgesprochen meinen Sie:

Wir müssen uns in der Welt bewegen, um den Hintergund der Wahrnehmungen, das heißt, die (Existenz der) Welt zu beweisen.

 

„Dagegen kann ich im Moment nicht viel einwenden, aber drei kritische Fragen drängen sich mir schon auf:

Woher kommen die Weltbilder, wenn sie keine Bilder von einer Welt sein können?

Was nehmen wir in den Wahrnehmungen wahr, wenn es gar nichts zum Wahrnehmen gibt?

Ohne Welt können unsere Weltbilder nicht wahr sein; was bewahrt uns vor ihrer Beliebigkeit?“

 

Bei der ersten Frage können wir uns kurzfassen.

Die Weltbilder werden uns gelehrt; in Elternhaus, Schule, Freundeskreis usw. Wir haben sie, mit anderen Worten, nicht einer Welt abgeschaut, sondern erzählt bekommen oder erlesen.

 

Daraus ergibt sich unmittelbar meine zweite Antwort.

Denken wir mit der Tradition von der Welt her, hat es keinen Einfluß auf unsere Wahrnehmungen, ob wir bestimmte Vorstellungen glauben oder nicht; die Seienden werden abgebildet; Punkt.

Setzen wir jedoch bei den Subjektivitäten an, wird unser eigenes Für-wahr-halten entscheidend. Wer glaubt, daß es Hexen gibt, sieht sie vielleicht auch wirklich oder kann sie gar angreifen – „Gott bewahre“ – und verbrennen. Die Anhänger von Verschwörungstheorien legen subjektive „Beweise“ für ihre Vorstellungen vor, und Millionen von Menschen haben schon UFO’s beobachtet.

Wie bei den Transzendentalien entsprechen unsere Begriffe den Formen, in denen wir wahrnehmen; das wäre wieder die traditionelle Essenz, das Wesen oder Was.

Die Unbestreitbarkeit der Wahrnehmungen – ihre Existenz, ihr Sein oder Daß –, kennen wir noch nicht.

 

Zu Ihrer letzten Frage:

Es liegt nur bei uns, ob wir in unserer „grenzenlosen“ Freiheit beispielsweise die Erde als Kugel, Hohlkugel oder Scheibe betrachten; letzteres wie etwa die Mitglieder der Flat Earth Society. Ohne Welt kann nichts unrichtig sein, höchstens nutzlos, unpraktisch, umständlich, häßlich, ungeschickt und dergleichen; die traditionelle Wahrheit – nämlich diejenige der Objekte – verliert sich im Pragmatischen.

Und das soll sie ruhig tun; mir geht es um eine subjektive Wahrheit. Sie ist jedoch nicht nur subjektiv im Sinne einer relativierten traditionellen Wahrheit – wie dies zumeist irrtümlich verstanden, teilweise aber auch unterstellt wird –, sondern eine Wahrheit der Subjektivität und damit eine völlig andere – nicht-relative.

Mit ihr wird unser Weltbild – zwar niemals wahr, aber – überaus wichtig, denn es bildet die einzige Grundlage für unsere Orientierung – zu einem wahren Leben. Deswegen hatte ich oben geschrieben, „Philosophie der Orientierung“ wäre auch eine geeignete Bezeichnung für unseren Ansatz. 

1.4.2. Wozu benötigt der religiöse Glaube Philosophie?

„Das ist vielleicht der rechte Ort für eine Frage, die mir schon lange am Herzen liegt:

Wollen Sie noch mehr erreichen oder geht es Ihnen tatsächlich nur um den religiösen Glauben? Seinetwegen wäre doch sicherlich kein so großer philosophischer Aufwand nötig.“

Es geht mir allein um den religiösen Glauben, denn ein wirkliches Mehr kann es – wenn wir ihn recht verstehen – meines Erachtens gar nicht geben, aber dafür ist heute wohl ein gewaltiger philosophischer Aufwand erforderlich.

 

Wer es vermag, einfach nur so zu glauben, kann dies natürlich bei jedem beliebigen Weltbild tun; andere mögen das von außen als schizophren erleben, er selbst vielleicht nicht. 

Aber es gibt Weltbilder – zu denen insbesondere die heute üblichen Spielarten des Materialismus zählen –, die so rund, perfekt oder abgeschlossen zu sein scheinen, daß Gott sowie der Glaube an ihn – vielleicht nicht unmöglich, aber – mit Sicherheit völlig unnötig sind. Natürlich bestehen auch hier noch ungezählte offene Fragen – die vielleicht nach und nach noch beantwortet werden können –, aber keine prinzipielle Fraglich- oder Fragwürdigkeit.

In den Worten von Charles Taylor:

„. . . daß das Aufkommen des neuzeitlichen Säkularismus . . . mit der Entwicklung einer Gesellschaft zusammenfällt, in der ein völlig selbstgenügsamer Humanismus zum erstenmal in der Geschichte zu einer in vielen Kreisen wählbaren Option wird. Unter Humanismus verstehe ich in diesem Zusammenhang eine Einstellung, die weder letzte Ziele, die über das menschliche Gedeihen hinausgehen, noch Loyalität gegenüber irgendeiner Instanz jenseits dieses Geschehens akzeptiert.

Diese Beschreibung trifft auf keine frühere Gesellschaft zu.“

 

Die Brights – „Lichtgestalten der Aufklärung“ – wie beispielsweise Richard Dawkins, Daniel Dennett, Michel Onfray, Michael Schmidt-Salomon oder Gerhard Vollmer engagieren sich vehement für ein solches in sich geschlossenes transzendenzfreies Denken, obwohl es meines Erachtens dem wissenschaftlichen Stand(ard) des ausgehenden 19. Jahrhunderts entspricht.

In unseren Kirchen dagegen interessieren prinzipielle Fragen leider kaum noch. Sie sind zum einen mit ihren organisatorischen Problemen ausgelastet, und zum anderen haben sich die Kirchen nach einem jahrhundertelangen weltanschaulichen Rückzugsgefecht, bei dem sie scheinbar stets auf eindeutig verlorenem Posten standen, philosophisch so weit zurückgezogen, daß sie unangreifbar geworden sind.

Natürlich haben sie dann auch nichts Wesentliches mehr zu sagen; das ist lediglich die unvermeidliche Kehrseite der Unangreifbarkeit. Die Kirchen haben sich in einem schiedlich-friedlichen Nebeneinander eingerichtet, vermeiden jede weltanschauliche Auseinandersetzung und erheben lediglich den Anspruch, durch die Offenbarung noch etwas Zusätzliches zu wissen und damit dem im wesentlichen akzeptierten exakt-wissenschaftlichen Gesamtbau – der Brights – eine schöne Krone aufsetzen zu können.

 

Die einzig vernünftige Reaktion darauf kann eigentlich nur so lauten

Dieses schmückende Beiwerk erfüllt zwar auch nicht den geringsten Sinn, aber wer will, mag es halt glauben.

Das „Ockhamsche Rasiermesser“ – ein heuristisches Forschungsprinzip, das immerhin der Scholastik entstammt – muß Gott bei unserem materialistischen Weltbild als völlig unnötig wegschneiden, denn es verlangt „höchstmögliche Sparsamkeit bei der Benutzung von erklärenden Theorien“.

Schon Pierre-Simon Laplace konnte Napoleon Bonaparte bestätigen, daß er „die Hypothese Gott nicht benötige“. Verinnerlichen wir uns das bittte: Laplace hat weder gelogen noch sich getäuscht; bereits vor 200 Jahren brauchte er keinen Gott für seinen Ansatz.

Daran hat sich bis heute nichts geandert, und dabei wird es auch bleiben, bis wir die gegenwärtig bestimmenden Weltbilder überwunden haben. 

 

Solange wir also nicht zeigen, daß

unser traditionell-moderner philosophischer Ansatz völlig unbegründet ist,

– er sowohl Fehler als auch ungerechtfertigte Voraussetzungen enthält, 

dieses Denken mit der heutigen Wissenschaft – insbesondere der Relativitäts- sowie Quantentheorie – unvereinbar ist und

– dafür sinnvolle weitaus bessere Alternativen zur Verfügung stehen,

beantworten wir in unserer Verkündigung lediglich Fragen, die kaum noch jemand stellt, stellen will oder gar müßte.

(Auch) deswegen werden die Kirchen leer und nicht, weil „es den Menschen zu gut geht“.

 

Ich kenne zahllose intelligente Atheisten, denen in ihrem Weltbild nichts fehlt.

Und wer darauf mit dem Hinweis reagiert „ja, solange es ihnen gut geht; warte nur ab, wenn sie einmal schwer krank sind oder im Sterben liegen“, wirbt meines Erachtens nicht gerade für den Glauben. Was ist denn das für ein Glaube, der erst attraktiv wird, wenn wir leiden? Kann er dann mehr als pure Jenseitsvertröstung sein?

Der Glaube soll natürlich auch Trost spendenauch –, und das tut er en passant, wenn der Glaube das gesamte Leben aufwertet, weil letzteres durch ihn insgesamt als tiefer und reicher – nicht schöngeredet, sondern – erfahren wird.

1.5. Grundgedanke des Buches

Der Glaube an die eine objektive Welt wurde nahezu allen von uns seit der Kindheit indoktriniert und ist damit zu einer so festen Überzeugung geworden, daß wir kaum auf die Idee kommen, ihn anzuzweifeln. Aber dieser Glaube ist keineswegs selbstverständlich und läßt sich problemlos durch den Übergang zu einem jeweils subjektiven Weltbild ersetzen.

Als Resultat unseres bisherigen Lebens verfügen wir über ein solches; es entspricht dem Status quo sämtlicher Mitteilungen, die uns bisher erreicht haben, verarbeitet und nicht wieder vergessen wurden. Einiges davon glauben wir, und dadurch wird dieser akzeptierte Bereich des Weltbilds für uns möglicherweise zum Wahrnehmbaren.

 

In den aktualen Wahrnehmungen treffen wir auch im metaphysischen Explikationismus auf reale oder dinghafte Objekte. Wir wissen absolut noch nicht, wie sie zustandekommen; klar ist bisher lediglich, daß sie aus den Subjektivitäten in derem jeweiligen Bewußtsein hervorgehen müssen.

Die Tradition kann das nicht nachvollziehen und denkt von einer angeblichen Welt her. Deshalb muß sie diese Objekte – die als solche ungeandert beibehalten werden – von der Gegenseite aus interpretieren; dann erscheinen sie aber irrtümlicherweise nicht als Konstruktionen der Subjektivitäten, sondern als Abbildungen der Seienden. Einerseits ändert sich gar nichts – die Objekte – und andererseits alles – die Betrachtungsweise.

 

Häufig fügt man traditionell die Nicht-Seienden zu den Seienden der Welt hinzu und erweitert letztere damit zu den Urbildern. Aber auch sie müssen abgebildet werden, denn ansonsten wären es keine Urbilder, sondern reine Phantastereien.

Wir können uns die Problematik der Nicht-Seienden leicht an der Idee der Gerechtigkeit in einer Diktatur verdeutlichen. Einerseits ist hier kein Urbild vorhanden, das sich abbilden ließe; andererseits muß es aber existieren, wenn die Gerechtigkeit im Sinne des Sokrates ein – Paradebeispiel von – Urbild sein soll.

Traditionell gibt es im Weltbild also eine Dreiteilung – Seiende, Nicht-Seiende und Phantastereien –, so daß es stets fraglich bleibt, ob Grenzfälle wie Osterhasen und Weihnachsmänner, Marsmenschen oder Yetis zu den Nicht-Seienden oder zu den Phantastereien gehören.

Aber uns kann das gleichgültig sein, weil wir beide ebenso ablehnen wie die Seienden. Die entsprechenden „Begriffe“ sind in unserem Weltbild enthalten, und nur weil sie das tun, können wir auch „nein“ zu ihnen sagen. 

 

„Mir ist seit meiner von Kindheit von der Welt und dem Teufel erzählt worden. Würde ich (an) letzteren glauben, hätten Sie damit wohl keinerlei Probleme; das ist meine freie Entscheidung. Aber bei der Welt reagieren Sie allergisch; nur das nicht! Warum dieser Unterschied?“

Sie werfen hierbei zwei Dinge durcheinander, die nahezu nichts gemeinsam haben; aber Ihr Einwand war sehr konstruktiv.

Ist Ihnen von der Welt – ebenso wie vom Teufel – erzählt worden, stehen Sie in beiden Fällen vor der Frage, ob Sie das glauben; wenn „ja“ wären vielleicht auch entsprechende Wahrnehmungen möglich. In diesem Falle reagiere ich auch keineswegs allergisch, denn eine solche Welt wäre nicht die traditionelle.

Bei letzterer bestände nicht die Freiheit, die Welt zu glauben bzw. nicht zu glauben, sondern wir müßten sie einfach hinnehmen, weil sie unabhängig von uns wäre und wir uns den Kopf daran einstoßen könnten. Es gäbe dann nur eine Freiheit innerhalb der Welt und keine zu ihr.

„Das war nicht gut, denn ich kann mir den Kopf an jedem Felsen einstoßen; also gibt es die traditionelle Welt.“

„Das war gut, denn Sie stoßen sich den Kopf nicht an der Welt ein, sondern an Ihren Wahrnehmungen; bzw. potentiellen Wahrnehmungen, wenn es keine Absicht gewesen ist.“ 

 

Ich kann das so deutlich formulieren „nicht an der Welt“, weil die Aussage, es gäbe letztere, unverständlich bleibt.

„Wieso? Sie bedeutet, daß die Welt vorhanden ist.“

Und was meinen Sie damit? 

„Daß sie existiert oder wirklich besteht.“

Damit haben Sie nichts erklärt, sondern lediglich andere synonyme Worte eingeführt, die ebenso nichtssagend sind. Eine Welt, von der wir sagen, sie sei gegeben, existent, wirklich, vorhanden oder bestehend, schwebt frei im Nichts – ich hatte Ihnen oben versprochen, darauf zurückzukommen – und kennt weder ein Warum noch Woher oder Wohin.

Die Moderne versucht, diese Fragen innerweltlich zu beantworten – heute insbesondere mit der Evolutionstheorie. Aber das geht natürlich nicht, weil sich damit nur dieser Welt-Zustand auf jenen zurückführen läßt, das Woher und Wohin der Welt als ganzer jedoch gar nicht in den Blick kommt.

Wir können erklären, wie aus B ein A wird, aber nicht woher beide kommen; führen wir dafür C ein, wiederholt sich das Problem lediglich.

Und selbst wenn die Welt „vom Himmel gefallen“ sein soll, dann benötigen wir eben ihn – den Himmel –, denn aus nichts wird auch nichts.

 

Um dieses Schweben der Vorhandenheit im Nichts zu „erden“, haben wir – nicht für die Welt, sondern für das Leben – den Begriff Gottes bzw. der Transzendenz eingeführt und können damit die Subjektivitäten und ihr Leben grundlegen oder fundamentieren.

Das soll beileibe kein Gottesbeweis sein, denn so verhält es sich nur in meinem Weltbild, das heißt, ich bekomme es nicht anders hin, das Leben widerspruchsfrei und damit auch begründet zu denken. Deswegen interessiert mich ganz gewaltig, ob noch andere Möglichkeiten bestehen; bekannt ist mir keine, und ich bezweifle sie auch sehr stark.

Sollte das zutreffen,hätten wir eine saubere Definition des Gottes-Begriffs:

Er ist derjenige, ohne den gar nichts existiert, das heißt, dieser Gott bildet die Antwort auf Heideggers Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Gott muß also sich selbst hervorbringen und bei allem anderen das Zustandekommen zumindest ermöglichen. Der letzte Satz gibt kein (synthetisches) Wissen von Gott wieder, sondern nur die (analytische) Konsequenz unserer Definition.

 

Eine Antwort auf jegliche Frage muß dem Weltbild angehören; wir haben also das Was der Transzendentalien im Blick.

Von ihrem Daß können wir – wie  immer – nicht sprechen; sauber formuliert müßte ich also sagen:

Beim gegenwärtigen Stand meiner Überlegungen verstehe, denke oder interpretiere ich (den wahren) Gott als Träger oder Geber der Totalität; das könnten wir als dritttes Beispiel unseren Transzendentalien hinzufügen.

Mir gefällt es so gut, daß ich versucht bin, dieses Deuten-als in eine Identität umzuwandeln: „(Der wahre) Gott ist die Antwort auf die Seinsfrage.“

Aber wir tun es nicht, weil ich mir gut vorstellen kann, daß in der Vergangenheit andere Gottes-Bilder, die wir heute belächeln, für ihre Vertreter ähnlich verführerisch oder überzeugend waren; vielleicht sogar der alte Mann mit dem Bart einmal.

1.5.1. Wissungen als Wahrnehmungen oder Vorstellungen

Traditionell gibt es nur eine (Art von) Wirklichkeit, denn zwischen Subjekten und Objekten besteht kein prinzipieller Unterschied; beide sind Seiende.

Im metaphysischen Explikationismus kommt ebenfalls nur eine (Art von) Wirklichkeit vor; freilich mit einer ganz anderen Begründung: Es existiert nur ein einziger Geber oder Gott, so daß die gesamte Wirklichkeit aus ihm hervorgehen und in der seinigen bestehen muß.

In einer frommeren Sprache heißt das:

Gott kann nicht irgendetwas – über sich – offenbaren, sondern nur sich selbst oder seine eigene Wirklichkeit, und diese verstehen wir als unser Leben. Es entspricht der immanenten – im Bewußtsein befindlichen – Transzendenz oder demjenigen Teil Gottes, den wir bereit waren, uns schenken zu lassen. 

 

„Das ist ja spannend!

Für Sie besteht die Offenbarung Gottes in ihm selbst, und deshalb können wir die (Einheit von Erlösung und) Schöpfung als eine Gabe des Lebens und damit relativ problemlos als Selbst-Hingabe Gottes verstehen; wir leben, weil er sich selbst für uns geopfert hat. Dann benötigen wir freilich auch keine Erlösung von der ‚Erbsünde‘ mehr . . .

Die Tradition hat es da mit ihrem Glauben an die Welt viel schwerer; wenn sie von Schöpfung spricht, kann das nur die Welt sein oder zumindest muß sie dazugehören. Nun läßt sich aber die Welt schwerlich als Selbst-Hingabe Gottes verstehen, so daß die selbstverschuldeten Probleme in der Verkündigung vorherzusehen sind.

‚Selbstverschuldet‘, denn wieso sollte die Welt keinen Götzen darstellen? Wir beten nicht vordergründig zu ihr, glauben aber fester an die Welt als an alles andere . . .“

 

Ja; das war sehr gut; aber den Gedanken, die Wirklichkeit von der Welt auf das Leben zu übertragen, müssen wir erst noch ein wenig plausibilisieren.

Unser Leben kann kontur- oder formlos erfolgen, wofür Dösen oder geistige Abwesenheit Paradebeispiele darstellen. Wir leben natürlich, aber „es ist gar nichts“ oder wir wissen zumindest nicht(s) davon und rückblickend existieren deshalb auch keinerlei Spuren; wir hatten einen „Riß im Film“.

Sie werden sich kaum an Ihr Zähneputzen heute morgen erinnern; alles routinemäßige Handeln geschieht in diesem Sinne; Laufen, Kochen oder Autofahren. Bei der ungegenständlichen Meditation besteht das Ziel explizit darin, diesen Zustand zu erreichen; Babys und Tiere kennen zumindest anfangs gar keinen anderen und bewegen sich darin – wie wir im traumlosen Schlaf.

 

Das entspricht meines Erachtens dem primären Leben; es ist zunächst einmal „Riß“, und nur von daher läßt es sich erklären. Das Leben bildet keine Sache, die – von den Biologen möglicherweise – gewußt werden könnte, sondern entspricht einem kontinuierlichen Fluß, der niemals ge-, sondern immer „nur“ bewußt – und deshalb auch weder wiß- noch erinnerbar – ist.

Nur auf seiner Grundlage sind auch die sekundären diskreten „Sachen“ möglich. Bei ihnen sprechen wir von Ereignungen, die erst und allein durch den Fluß des Lebens möglich werden. Jeder Versuch, letzteres von seinen Ereignungen – speziell Wissungen – her verstehen zu wollen, kommt also „immer schon“ oder „ursprünglich zu spät“ (Derrida) und muß scheitern.

In den Ereignungen erfolgt das Leben nicht länger „nur“ bewußt, vielmehr wird es sich seiner selbst bewußt, das heißt, daß es – nicht von, sondern – sich weiß; Ereignungen bilden ein Sich-selbst-Gewahrwerden des Lebens.

Das ist automatisch mit Selbstbewußtsein – im philosophischen, nicht psychologischen Sinne – verbunden; in den Ereignungen werden auch wir Subjektivitäten uns unserer selbst bewußt – ohne dadurch etwas von uns zu wissen.

 

Wir müssen nicht nur verschiedene Ereignungen unterscheiden, sondern benötigen auch darüber hinaus noch einige Fachbegriffe. Die nachstehende Abbildung, die sich aus derjenigen in 1.3.3. ergibt und bereits ein wenig vorgreift, soll Ihnen helfen, nicht vollkommen den Überblick zu verlieren.

 

 

Totalität
{ Schöpfer und Schöpfung }
aufgehob. Vergangenheit(a)        
sinnlich
       
– geistig
       

 

   ∈

  Gegenwart
aufgehobene Vergangenheit(i)
zeitlich vor dem Bewußtsein Bewußtsein
nicht beschreibbar beschreibbar i. w. S.
aktual unendlich potentiell unendlich

 

   ∋

  subjektiv
         
Gott oder Transzendenz Immanenz
Daß  
wirklich unwirklich
benennbar      
kontinuierlich      
total intersubjektiv      
gedeutet als Was:      
Träger oder Geber der Totalität      
     
transzendente Transzend.     immanente Transzendenz       
gedeutet als Was:   gedeutet als Was:      
Ursprung   Leben      
    leiblich      
    „ein Fluß“      
         
    Ereignungen
    diskret
    Erlebungen Erkennungen 
    Beschreibungen i. e. S.  Anschauungen    
      Daß    
      „einzelne Eisblöcke“    
      sinnlich    
      unbestreitbar    
      bewußt    
      benambar    
       gedeutet durch Was:    
      Wissungen
      „einzelne Punkte“
      gewußt
      bezeichenbar
          Wahrnehmungen    Vorstellungen
        bestreitbar
        geistig
            Begriff  
Ausmalung
        Was wllkürlich

 

Abbildung 1.5.1.-1

 

Wir beginnen mit den Wissungen und unterscheiden daran zwei Arten; Wahrnehmungen sowie Vorstellungen.

Erstere enthalten mit den Anschauungen eine unbestreitbare Komponente, die dem traditionellen Daß oder Sein entspricht, und bestehen aus ihr sowie deren begrifflicher Interpretation – dem Was oder Wesen. Mit anderen Worten betrachten wir Anschauungen als . . .; an die Stelle der Punkte gehört ein Begriff, und auf diesen Begriff bringen wir die gegebene Anschauung.

Die Vorstellungen sind dagegen pure „Interpretation“, so daß uns jede von ihnen letztlich vor die Frage stellt, ob wir sie glauben oder nicht-glauben, anerkennen oder ablehnen bzw. für möglich oder unmöglich halten. Sie bestehen in der Einheit von Begriff und Ausmalung, so daß letztere bei den Vorstellungen ungefähr an die Stelle der Anschauungen bei den Wahrnehmungen tritt.

 

Durch ihr unbestreitbares Daß weisen die Wahrnehmungen – anders als die Vorstellungen – über sich hinaus.

„Und das hat die Tradition dazu bewogen, die Seienden der Welt als Wahrgenommene zu erfinden?

Sehr richtig; wir bestreiten nicht den fundamentalen Überschuß der Wahrnehmungen über die Vorstellungen, sehr wohl aber, daß er sich mit etwas Sinnleerem erklären läßt. Deshalb wechseln wir mit der Wirklichkeit von der Welt zu Gott bzw. dem Leben. Ein angebliches Vorhanden-Sein, das sich nicht verstehen läßt, weil es einem Schweben im Nichts oder einem Sprung aus ihm – im Urknall – entspricht, hilft uns nicht weiter.

 

Noch ein Hinweis sollte hilfreich sein.

Alle Vorstellungen sind als solche offen für ein „ja“ bzw. „nein“ und erfordern unsere Entscheidung. Bei Feld- oder Osterhasen halten wir das vielleicht für unsinnig, aber das war doch nicht immer so; irgendwann in unserer Kindheit haben wir festgelegt:

„(An) Feldhasen glaube ich, (an) Osterhasen nicht.“

Traditionell sagt man stattdessen die Floskel, daß es in der Welt Feld-, aber keine Osterhasen gibt.

 

 

  Feldhasen Osterhasen                                                                             
Wahrnehmungen unbestreitbares Daß
unbestreitbares Daß
 
Vorstellungen „ja“ oder „nein“? „ja“ oder „nein“?  

 

Abbildung 1.5.1.-2

 

Da wir nicht (mehr) an Osterhasen glauben, können sie für uns unmöglich zu Wahrnehmungen – mit einem unbestreitbaren Daß – werden.

Kommt mir morgen beim Spaziergang ein Hase entgegen mit einem angemalten Ei unter der linken Vorderpfote und den Pinsel in der rechten, bleibt mir wohl der Mund offen – und ich korrigiere wahrscheinlich meine bisherige Überzeugung.

 

Für uns gibt es nur Wissungen; wir versuchen, logisch sauber mit ihnen zu arbeiten, aber das erweist sich als schwierig, weil es nicht üblich ist und damit unserem alltäglichen Sprachgebrauch widerspricht.

Traditionell Denkende verfügen natürlich ebenfalls nur über (die gleichen) Wissungen. Sie machen es sich aber sehr leicht, indem sie eine Welt von Seienden als zu diesen Wissungen gehörige Referenten erfinden, so daß die Wissungen angeblich solche von den Seienden darstellen.

Wir haben bisher keine Osterhasen gesehen; Feldhasen sehr wohl, aber auch sie nicht abgebildet.

 

„Wissungen lassen sich bezeichnen.

Aber wenn ich etwas erzähle und dabei ein Ihnen unbekanntes Fremdwort benutze, zum Beispiel ‚Paralipomenon‘; was bezeichne ich dann, wenn es keine Urbilder gibt?“

Eine Leerstelle oder potentielle Wissung in meinem Weltbild, die sich durch Rückfragen im allgemeinen leicht füllen läßt. Der Platz ist bereits vorhanden oder durch all die anderen Begriffe vorbereitet; ich wußte lediglich nicht, daß das Paralipomenon an seine Stelle gehört.

1.5.2. Erkennungen als Wissungen oder Anschauungen

Im letzten Abschnitt haben wir die Wahrnehmungen und Vorstellungen zu den Wissungen zusammengefaßt; nun kommen noch die sinnlichen Anschauungen hinzu und bilden gemeinsam mit jenen die Erkennungen.

Bezüglich der Anschauungen sind fünf Punkte besonders wichtig.

 

1. Die neue Entität soll Assoziationen zu Kant wecken; bei ihm besteht die Erfahrung in der Einheit von sinnlicher Anschauung sowie geistigem Begriff, und sein Diktum, daß Anschauungen ohne Begriffe blind und Begriffe ohne Anschauungen leer seien, ist mehr als treffend. Mittels dieser Einsicht wollte Kant alle „Hirngespinste der rationalistischen Metaphysik aus der Philosophie sowie Theologie verbannen“.

Wir ersetzen Kants Erfahrungen durch Wahrnehmungen und übernehmen auch seine Einheit nicht:

Wahrnehmungen sind unbestreitbare Anschauungen – Daß –, die wir „auf den Begriff bringen“, indem wir sie auf eine bestimmte Weise interpretieren oder einodnen – Was. 

 

2. Die Anschauungen sind blind, weil wir sie als rein sinnliche nicht bezeichnen, sondern höchstens benamen können – so wie „Moritz“ den Moritz. 

Das sind zwei völlig verschiedene Sachverhalte; das Wort „Sonne“ bezeichnet die Sonne, und CR7jt ist der Name von . . .? Der Name verrät es uns nicht; wir müßten eine Vereinbarung darüber treffen, wen oder was der Name anvisiert; so wie Eltern es tun, wenn sie überlegen, wie ihr Baby heißen soll. Aber das ist Willkür, und deshalb gehören Namen nicht zur Sprache; diese wird nicht von Menschen vereinbart, sondern genau umgekehrt stiftet sie Intersubjektivität.

Die Anschauungen sind zwar diskret – wie die Wissungen –, werden aber dennoch nicht gewußt – wie das Leben.

 

3. Traditionell gelten Daß, Sein oder Existenz als äquivalent mit der Wirklichkeit.

Das ist bei uns völlig anders; wir müssen die Unbestreitbarkeit der Anschauungen bzw. des Daß der Wahrnehmungen auf der einen Seite ganz deutlich von der Wirklichkeit Gottes – des Ursprungs sowie Lebens – auf der anderen Seite unterscheiden; die beiden haben nichts miteiander zu tun.

 

Wir sollten jedoch auch verstehen, weshalb es sich so verhält: 

Aus den traditionellen Seienden werden bei uns die Wahrnehmungen; sprechen wir jenen aber ihre Wirklichkeit ab – weil es keine Welt gibt –, können auch die Wahrnehmungen nicht wirklich sein, sondern sie sind lediglich partiell unbestreitbar.

Das rührt von den Anschauungen her, aber wir wissen absolut noch nicht, worin diese bestehen könnten, wenn das Leben diesbezüglich ausscheidet.

 

4. Vorstellungen sind rein geistig, weil ihnen die unbestreitbaren sinnlichen Anschauungen fehlen. Das bedeutet freilich nicht, daß sie in Begriffen bestehen müßten – und damit letztlich gar keine „richtigen“ Vorstellungen wären; diesen asymptotischen Grenzfall reiner Begriffe gibt es fast nur in der Logik und Mathematik.

Zumeist malen wir uns die Begriffe in irgendeiner Form aus, so daß sich die Vorstellungen als Einheit von Begriff und Ausmalung ergeben. Wie anschaulich und bunt letztere auch immer sein mag; die Ausmalung hat nichts mit der Sinnlichkeit – von Anschauungen – zu tun, sondern ist rein geistig wie der Begriff.

 

5. Schließen wir die Augen, entfallen unsere Sehungen.

Das Daß der Sehungen besteht in visuellen Anschauungen.

Schließen wir die Augen, müssen folglich die Dasse aller visuellen Sehungen vollkommen weg oder inexistent sein.

 

Traditionell ist das sehr anders; bei geschlossenen Augen sehen wir die Sonne natürlich nicht (mehr), aber nur sehr wenige unserer Zeitgenossen werden bestreiten wollen, daß sie sich trotzdem immer noch an ihrer richtigen Stelle befindet. Es interessiert die Sonne überhaupt nicht, ob wir sie anschauen, weil sie als Seiendes der Welt vollkommen unabhängig von uns ist.

Die Anschauungen sind jedoch solche der Subjektivitäten, und wenn wir sie nicht anschauen, gibt es sie natürlich nicht.

Wir nehmen, mit anderen Worten, nicht die Ur-Sonne wahr und erzielen damit eine Anschauung dieser Ur-Sonne – so als gäbe es letztere auch ohne unser Wahrnehmen , sondern die Anschauung bildet das Daß der Sonnen-Wahrnehmung – und entfällt somit ohne unser Wahrnehmen.

 

Die Frage, wo und wie die Sonne die Nacht verbringt, ist also unsinnig, weil eine Sonne, nach der man sich so erkundigen könnte, ein Urbild sein müßte. 

Für uns existiert sie nur als Wissung; eine Wahrnehmung scheidet in der Nacht aus, und die entsprechende Sonnen-Vorstellung entnehmen wir dem Weltbild. Es ist sicherlich bei uns allen heliozentrisch, könnte aber auch ganz anders sein; wir bleiben dabei, bis wir ein Weltbild finden, mit dessen Hilfe wir mehr Fragen leichter beantworten können.

 

Wir haben uns lediglich noch von der Engführung auf das Visuelle zu befreien.

Bemühen wir unseren Geist, führt das zu Begriffen.

Bemühen wir unsere Sinne, führt das zu Anschauungen; aber wir müssen sie eben auch bemühen; bei geschlossenen Augen gibt es keine Sehungen.

Ich habe absichtlich „Geist“ und nicht „Gehirn“ geschrieben; absichtlich „Sinne“ und nicht „Sinnesorgane“, denn ohne Seiende können wir auch weder Gehirne noch Sinnesorgane voraussetzen. Das sind Objekte, und wir haben noch keine Ahnung, worin diese bestehen und wie sie zustandekommen; dann können wir aber auch nicht sinnvoll darüber sprechen oder sie gar zum Erklären benutzen.

Geist und Sinne stellen keine Objekte, sondern subjektive Vermögen dar – unter anderem auch zur Bildung von Objekten. Fehlten jene gäbe es auch diese nicht – und damit weder Gehirne noch Sinnesorgane; ohne Seiende sind sie nur sekundär oder abgeleitet.

1.5.3. Es helfen fast nur Placebos

„Ihrer Theorie zufolge können wir sämtliche Anschauungen auf jeden Begriff bringen, das heißt, zu x-beliebigen Wahrnehmungen machen?“

So krass hätte ich das natürlich niemals formuliert; aber im Prinzip haben Sie schon Recht.

 

Durch die fehlenden Urbilder gibt es in „meiner Theorie“ tatsächlich keinen gegenwärtigen Irrtum; wir sagen, tun oder empfinden das, wovon wir überzeugt sind. Glauben wir fest, Schokolade zu essen, dann essen wir Schokolade.

Hält uns jemand aufgeregt entgegen, daß es sich in Wirklichkeit um Cyanide handelt, dann drückt er sich traditionell aus, kann  damit aber auch nur meinen, daß die Anschauungen, die wir auf den Begriff Schokolade gebracht haben, bei ihm zu der Wahrnehmung Cyanide führten.

„Und wer Recht hat, erkennen wir in Kürze an Ihrer mehr oder weniger intensiven Lebendigkeit?“

 

Nein; aus zwei Gründen stimmt das nicht.

Zum einen weil es beim Auf-den-Begriff-Bringen von Anschaungen kein „wahr“ oder „falsch“ gibt. Wir gelangen zu Wahrnehmungen, und diese bilden im Rahmen unseres Weltbilds den Ausgangspunkt für weitere Entscheidungen, so daß unser Anschauen-als lediglich erfolgreich bzw. erfolglos, effektiv oder ungeschickt und ähnliches sein kann.

Zum anderen ist Ihr Schluß sogar logisch unhaltbar; sterbe ich, so beweist dies ebensowenig, daß es Cyanide waren, wie mir mein Überleben die Schokolade bestätigt.

 

Um dies einzusehen müssen wir uns nur verdeutlichen, daß Implikationen der Form p → q nicht umkehrbar sind, das heißt, daß aus ihnen kein q → p folgt.

Wenn es regnet, ist die Straße naß.

Die Straße ist naß, aber deswegen muß es keinesfalls geregnet haben; Schneeschmelze, Sprühwagen oder Wasserrohrbruch wären weitere Erklärungsmöglichkeiten.

Ich bin tot, aber deswegen müssen es keinesfalls Cyanide gewesen sein.

Ich lebe, aber deswegen muß es keinesfalls Schokolade gewesen sein.

 

Wenn ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich keineswegs, denn es fehlt jeglicher Maßstab, um dies feststellen zu können.

Aus seinem Weltbild folgt, daß er das trinken und damit sein Leben retten kann.

Also versucht er wie selbstverständlich, das Wasser zu trinken.

Mißlingt ihm das, besteht darin eine neue Erfahrung, anhand derer er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß; Fehler gibt es lediglich rückblickend.

Nur der Nous hätte ihm das schon beim ersten Anblick des Wassers mitteilen können; ohne ihn ist ein gegenwärtiger Irrtum in unserem Ansatz immer ein Widerspruch in sich; nur nachträglich kann eine Wahrnehmung korrigiert werden durch eine andere Wahrnehmung im Zusammenspiel mit dem Weltbild.

 

„Und damit läßt sich sogar die Wirkung von Placebos erklären:

Sie bringen Mehlbrei auf den Begriff 〉hochwirksames Medikament〈 – und schon wirkt er und Ihre Atemnot legt sich.“

Nein; hierin sind zwei Fehler enthalten.

 

Mit dem ersten haben Sie unabsichtlich verraten, Placebos eher abzulehnen. Wir bringen natürlich keinen Mehlbrei auf den Begriff, sondern diejenige Anschauung, die Sie ebenso willkürlich auf den Begriff Mehlbrei bringen

Genau so gehen Schulmediziner vor, die gegen Placebos, Homöopathie oder ähnliches wettern möchten. Sie bringen die zur Diskussion stehende Anschauung auf einen Begriff, der ihr definitives Nicht-Wirken dem gemeinhin geteilten Weltbild zufolge bereits beinhaltet, um dann glasklar zu schlußfolgern, daß soetwas doch unmöglich wirken könne.

Damit haben sie Recht; das liegt aber nicht an der unschuldigen Anschauung, sondern an der von Ihnen gewählten Begrifflichkeit, die derjenigen der Placebo- bzw. Homöopathie-Gläubigen diametral widerspricht. 

 

Ihr zweiter Fehler entspricht dem „und schon wirkt er“; das tut er ja mitunter auch nicht, wie wir zuvor bei dem Durstenden gesehen hatten.  

Das heißt, es gibt für uns kein anything goes; wir schließen die Frage nach richtig oder unrichtig nicht aus, sondern verschieben sie lediglich.

Traditionell besteht das Entscheidungs-Kriterium in der angezielten Übereinstimmung zwischen Ur- und Abbild. Es ist Mehlbrei bzw. ein so stark verdünnter Stoff, daß er überhaupt nicht wirken kann.

Beides ist bei uns ausgeschlossen, so daß wir konsequenzialistischer denken „müssen“:

Was das wirklich war, kann nur die Tradition fragen; für uns ist es ein Scheinproblem. Mehr als daß die Wahrnehmung, die wir aus der Anschauung gemacht haben, hilft, ist doch gar nicht möglich, und sehr vieles, was hilft, sind somit Placebos.

 

„Das klingt zwar sehr unorthodox, ist in Ihrem Sinne aber natürlich richtig:

Wenn die Anschauung hilft, dann häufig weil wir sie als eine bestimmte Wahrnehmung in unserem Weltbild geglaubt haben.

Gibt es aber so viele Placebos, irritiert mich ein wenig, daß sie – weil an ein Weltbild gebunden – für Babys und Tiere total entfallen müssen.“

Das wäre in der Tat eigenwillig, ist aber zum Glück nicht so; es sind auch Placebo-Effekte bei Tieren möglich; ein sehr schönes Beispiel verdanke ich Bernd Hontschik.

 

Ein Pawlowscher Hund hört regelmäßig eine Glocke und bekommt im Anschluß daran stets ein blutdrucksenkendes Mittel gespritzt. Nachdem er das verinnerlicht hat, wird mit exakt dem gleichen Procedere Adrenalin gspritzt, das den Blutdruck ganz unmittelbar enorm erhöhen kann.

Tut es in diesem Fall aber nicht; der Hund wird müde wie immer, weil er irgendwie und ganz ohne Weltbild gelernt hat, daß Glocke, Spritze sowie fallender Blutdruck zusammengehören.

 

Auf der Grundlage unserer Überlegungen läßt sich das wohl schwerlich erklären, aber wir haben sie auch etwas vereinfacht bzw. einseitig dargestellt:

Anschauungen können nicht nur auf den Begriff, sondern auch auf die Gestalt gebracht werden. Damit meine ich zum Beispiel die Wahrnehmung eies Schafes, das zum ersten Mal in seinem Leben einen Wolf sieht; ganz ohne Weltbild, aber mit Welt-Gestalten erschrickt es über alle Maßen.    

1.5.4. Namen der Anschauungen

Mein Lieblingsbeispiel in diesem Zusammenhang bildet das konturlose Helle am wolkenlosen Mittagshimmel; das ist eine unbestreitbare blinde Anschauung. Ihre Blindheit verschwindet, wenn wir die Anschauung auf den Begriff bringen und damit zu einer Wahrnehmung machen.

Aber das ist sehr unterschiedlich möglich; in unserem Weltbild wird das konturlose Helle zur Sonne, und bei demjenigen der alten Ägypter zum Gott Re.

Jetzt verstehen wir gewiß, wieso sich die Unbestreitbarkeit der Wahrnehmungen nur auf ihr Daß bezieht; das Was ist auf verschiedenste Weise möglich und sehr wohl bestreitbar.

 

Einen Fehler habe ich soeben des besseren Verständnisses wegen kurz inkauf genommen:

„Das konturlose Helle am wolkenlosen Mittagshimmel“ bezeichnet natürlich keine Anschauung – die läßt sich nicht bezeichnen –, sondern das konturlose Helle am wolkenlosen Mittagshimmel.

Anschauungen sind sprachlich unerreichbar und gehören deswegen auch nicht – vielleicht als „Anschauungen“ analog zu den „Begriffen“ – unserem Weltbild an. Allein dadurch wird es (konsistent) denkbar, daß letzteres die Anschauungen auf den Begriff bringt und zu Wahrnehmungen macht.

 

Wir erkennen gemeinsam mit vielen Tieren die sinnlichen Anschauungen und benamen sie; „Moritz“ ist zum Beispiel der Name der Moritz-Anschauung.

Namen sind absolut inhaltsleer; wenn sie Anschauungen benamen, dürfen sie auch nichts sagen, denn Anschauungen besitzen keinerlei geistige Bestimmungen; zum Beispiel ist die Moritz-Anschauung kein Junge – und auch kein anderes Etwas.

 

„Das gefällt mir nicht; mein Fiffi steht fast täglich am Zaun, erwartet mich und freut sich, daß ich nach Hause komme, obwohl er nicht weiß, daß und wann ich arbeite.“

Ich glaube, daß wir beide richtig liegen.

Ihr Beispiel ist ebensowenig bestreitbar wie eine Unmenge anderer.

Aber um das zugeben zu können, muß ich meines Erachtens nichts zurücknehmen. Es gibt nicht nur so einfache Raum-Anschauungen wie Pünktchen, sondern auch Zeit-Anschauungen, die freilich weniger plastisch sind. Die Musik bildet sicher ein Paradebeispiel dafür, und der Tanz ist eine Raum-Zeit-Anschauung.

Wenn ich das so richtig sehe, freut sich Ihr Fiffi regelmäßig auf sie, und wir können trotzdem dabei bleiben, nichts von Anschauungen zu wissen, weil sie rein sinnlich sind. Erinnern Sie sich bitte daran, was wir oben von dem Hasso gesagt haben, der seinen Garten durchstreift:

Dabei tut sich ihm die Umwelt erst auf, weil sie eine Raum-Zeit-Gestalt bildet und nicht – wie bei uns – als „Raum“-„Zeit“-Modell oder Regallager fertig vor ihm steht.

 

Fromme Christen berichten mitunter, ihnen wäre zum Beispiel Maria erschienen; in Medjugorje vielleicht. Ein gläubiger Hindu würde bei der „gleichen“ Erscheinung möglicherweise von Ganga sprechen; beide mit dem übereinstimmenden „Argument“: „Wer soll es denn sonst gewesen sein?“

Das ist nicht nur kein Argument, sondern ich verstehe auch nicht, wie Maria erscheinen könnte:

1. Es gibt für uns keine Seienden, so daß Maria kein Urbild sein kann.

2. Subjektivitäten erscheinen nicht, denn sie sind weder geistig noch sinnlich. 

3. „Maria“ kann unmöglich der Name einer wiedererkannten Anschauung sein, weil uns die originale Anschaung unbekannt ist. „Das ist Moritz“ kann auch niemand sagen, der ihn noch nie gesehen hat.

4. Damit scheidet auch die Wahrnehmung Maria aus.

5. Folglich bleiben nur Vorstellungen, aber die dürfte man kaum als Erscheinungen interpretieren.

 

„Wenn wir ganz normal im Alltag sagen ‚Das ist Moritz‘, worauf beziehen wir uns dann eigentlich?“

Unbedingt auf die Anschauung, denn sie stellt das dar, was wir wiedererkennen.

Aber reine Anschauungen sind uns kaum möglich; wir bringen sie praktisch immer auf den Begriff und gelangen damit zu Wahrnehmungen. Wir können Moritz kaum wiedererkennen, ohne auch zu sehen, daß es (wahrscheinlich) ein Junge ist.

Die Tradition glaubt zudem, daß Moritz auch ein Subjekt darstellt.

Wir haben letzteres durch die Subjektivität ersetzt; nicht zuletzt, weil die traditionelle Frage, hinter welchen Anschauungen sich ein solches Mehr befindet, bei uns entfällt, wie aber erst später deutlich werden kann.

1.5.5. Weltbild als Einheit der Erkennungen

Wir hatten den Begriff des Weltbilds oben bereits benötigt, konnten ihn aber bisher nicht sauber definieren; das ist nun möglich.

Erkennungen setzen sich einerseits, rein summarisch, aus den Anschauungen und Wissungen – Wahrnehmungen und Vorstellungen – zusammen. Sie sind alle diskret, die Anschauungen be- und die Wissungen gewußt.

Andererseits können wir sämtliche Erkennungen überlappungsfrei aus Anschauungen, Begriffen und Ausmalungen bilden:

– Anschauungen  

– Vorstellungen als Einheit von Begriff und Ausmalung

– Wahrnehmungen als auf den Begriff gebrachte oder begrifflich interpretierte Anschauungen 

 

Das Weltbild besteht in der Einheit unserer Erkennungen.

Damit ist in zweierlei Hinsicht klar, daß das Weltbild nur unbewußt sein kann.

Zum einen läßt es sich als Horizont im Sinne einer Ermöglichung unserer Erkennungen verstehen. Dieser äußerste Rahmen aller Erkennungen kann nicht nochmals ermöglicht und damit auch nicht be- oder gewußt sein.

Zum anderen ist wohl noch leichter verständlich, daß  uns das Weltbild als Einheit aller Erkennungen  niemals gegeben sein kann. Jede einzelne von ihnen können wir möglicherweise aktualisieren, aber weder alle zugleich noch ihre Einheit.

 

Was bedeutet letztere überhaupt? Worin besteht die Einheit unserer Erkennungen?

Bei den Begriffen könnten wir diese Fragen beantworten; sie  bilden eine integrale Einheit, in der letztlich jeder Begriff mit jedem anderen zusammenhängt. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, daß wir erfragte Begriffe nur mittels anderer – hoffentlich verständlicherer – Begriffe erklären können.

Ihre Ausmalungen bilden natürlich keinen solchen Zusammenhang; der Begriff des Tisches hängt von dem des Stuhles ab, aber diese Verbindung üerträgt sich nicht notwendigerweise auf die Ausmalungen.

Allerdings auf die Vorstellungen, da sie in der Einheit von Begriff und Ausmalung bestehen.

 

Theoretisch sind unserer Phantasie bei den Ausmalungen keinerlei Grenzen gesetzt, aber praktisch werden sie sehr stark von den unbestreitbaren eigenen Anschauungen abhängen. Wir können uns beispielsweise Pferde natürlich auch blau ausmalen, tun das jedoch zumeist nicht – und schon gar nicht in unserem Weltbild.

Es ist kein Bild von einer Welt, aber ein solches, an dem wir uns orientieren müssen – denn wir haben gegenwärtig kein anderes –, als wäre es ein Bild von der Welt.

 

Der letzte Gedanke sollte Ihnen ein wenig helfen, wenn Sie unserem Streichen der Welt immer noch skeptisch gegenüberstehen:

Wir teilen mit der Tradition die Überzeugung, gegenwärtig gar nichts Besseres tun zu können, als so zu leben, wie wenn es die Welt gäbe, von der unser Weltbild angeblich eine Repräsentation sein soll.

Aber in Wirklichkeit existiert sie nicht; deswegen war das  „gegenwärtig“ soeben wichtig.

Die Welt wäre auch zukünftig die gleiche; ohne sie kann jedoch alles anders werden, so daß sich aus dem gegenwärtigen Weltbild zwar verbindliche Orientierungen für die Gegenwart, aber nicht für die Zukunft ergeben.

 

„Das verstehe ich; mich irritiert jedoch, daß Sie die Anschauungen mit in das Weltbild hineinnehmen. Sie sind sinnlich; intuitiv hätte ich jedoch gesagt, das Weltbild müsse rein geistig sein und somit in einer Gesamtheit der Vorstellungen allein bestehen.“

Um Ihnen antworten zu können, muß ich ein wenig vorgreifen.

 

Ihre Intuition scheint mir richtig zu sein, und ich wollte ihr auch fast nicht widersprochen haben – denn „es gibt so gut wie keine Anschaungen“. Sie sind „zeitlich“ an das Jetzt gebunden, und unabhängig davon, ob wir das nun als ausdehnungslosen Punkt – zwischen dem Früher und Später – oder etwas weniger mathematisch verstehen:

Das Jetzt ist sehr kurz und enthält deswegen so gut wie keine Anschaungen.

Sie sind unbestreitbar, aber wir halten sehr vieles für unbestreitbar – insbesondere kurz bevorstehende Erwartungen und gerade verflossene Erinnerungen –, was offensichtlich nicht in sinnlichen Anschauungen besteht.

Deswegen haben Sie theoretisch wohl Recht; mein Vorgehen ist vielleicht nicht ganz sauber, aber es ermöglicht uns einfachere Formulierungen, wenn die Anschauungen im Weltbild enthalten sind, so daß wir nicht an verschiedenen Stellen ergänzen müssen „. . . und die jetzigen Anschauungen . . .“.

Daß unser Weltbild rein geistig ist, behalten wir – bei dem minimalen Fehler – dennoch bei.

1.5.6. Erfahrungen und Erlebungen

Erfahrungen ist ein zwiespältiger Begriff; zum einen wird er häufig speziell in den Naturwissenschaften anstelle der Wahrnehmungen benutzt, zum anderen gibt es auch Erfahrungen, die eher dem glatten Gegenteil und damit unserer Lebenswirklichkeit entsprechen; beispielsweise Sehnsucht, Freude, Langeweile, Orgasmen, Aufregung oder Sympathie.

Die naturwissenschaftlichen Erfahrungen sind für uns in den Wahrnehmungen integriert, und bei den subjektiven sprechen wir besser von Erlebungen; das ist assoziativ recht günstig.

Traditionell unterscheiden sie sich dadurch grundlegend von den Wahrnehmungen, daß die Erlebungen nicht als Abbilder objektiver Urbilder verstanden werden können. Natürlich ist das auch nicht nötig, weil hier keine erklärungsbedürftige Intersubjektivität besteht. Haben mehrere Subjektivitäten zugleich Kopfschmerzen oder Angst, dann ist das keine Intersubjektivität, sondern „Zufall“.

 

Erlebungen sind nicht nur keine Wissungen, sondern zwischen beiden besteht der folgende gewaltige Unterschied.

Bei ersteren sind Irrtümer ausgschlossen; auch deswegen lassen sich Erlebungen schwerlich als Abbilder verstehen. Freuen wir uns, kann das niemand begründet bestreiten; „du hast dich aber zu freuen“ geht ebensowenig.

Wissungen müssen dagen stets falsch sein können; die Möglichkeit von Fehlern gehört zum Begriff; garantiert richtiges „Wissen“ ist kein Wissen. 

Darauf wies schon Wittgenstein in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ hin. Er ging dort insbesondere auf Schmerzen ein und schrieb explizit, daß wir sie erleben oder haben, aber nicht wissen – weil eine Täuschung ausgeschlossen ist. 

 

Erlebungen sind keine vom Leben – Referenten gibt es nicht –, sondern im Leben. Die Erlebungen sind vollständig in das Leben integriert und damit sowohl zeitlich als auch kontinuierlich  wie dieses.

Damit existieren keine einzelnen Erlebungen – wie Wissungen –, so daß das Leben auch nicht aus ihnen bestehen kann.

Aber wir  können unser – eo ipso eigenes – Leben beschreiben, und dieses Beschreiben stellt nicht das Leben als Ganzes vor Augen – das ist „unbeschreiblich“ –, sondern erzeugt einzelne Erlebungen.

Das Beschreiben unseres Lebens ist die Herstellung von Erlebungen.

 

In den Erlebungen wird das Leben zwar einerseits nicht auf den Begriff gebracht, denn dann würde es sich um Wahrnehmungen handeln.

Andererseits gibt es – wegen des erforderlichen Beschreibens – dennoch ohne Begriffe auch keine Erlebungen. Wir beschreiben zwar vordergründig mit Worten, aber nicht mit irgendwelchen sinnleeren Buchstabenkombinationen, sondern nur mit „richtigen“ Worten, die Begriffe bezeichnen.

Damit spreche ich weder Babys noch Tieren ab, daß sie beispielsweise „Schmerzen“ haben, das heißt, leiden oder sich unwohl fühlen. Ganz im Gegenteil; es kann bei ihnen noch viel schlimmer sein, weil die „Schmerzen“ keine bloße Erlebung im größeren Leben darstellen, sondern vielleicht dem ganzen Leben entsprechen. Ohne Sprache entgleitet der Unterschied zwischen Leben und Erlebung.

Den kennen nur wir; und schon das Wissen, daß nicht „alles nur noch Schmerz ist“, andert die Situation für uns Erwachsene wohl grundlegend zum Positiven.   

 

Wer über differente Vorstellungen verfügt, kann sein Leben auch anders beschreiben.

Die Vorstellungen sind zwar nur unwirklich, aber ohne sie gäbe es auch keine Beschreibungen unseres wirklichen Lebens.

Ist ein junger Mann frisch verliebt, beschreibt er seine Angebetete vielleicht als „Flamme“, „Sonnenschein“ oder „Goldstückchen“. 

Beim Bezeichnen sind wir direkt auf den entsprechen Begriff bzw. die Wissung gerichtet; „Flamme“ bezeichnet beispielsweise die Flamme im Kamin.

Der junge Mann will nicht sagen, daß seine Geliebte im Kamin, sondern vielmehr in seinem Herzen brennt. Sie bildet die Flamme seines neu gefundenen Lebens, und das versucht er darzustellen.

 

„Jetzt macht es bei mir ein wenig Klick:

Wer sein Leben anders beschreibt, lebt auch anders, weil dieses Beschreiben mittels der eigenen Vorstellungen bereits einen integralen Teil des Lebens bildet.“

Sehr schön; dieses Beschreiben kann in gewaltigen epischen Werken erfolgen; Marcel Prousts autobiographischer Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wäre ein Paradebeispiel hierfür.

Aber das ist nur das eine Extrem; das andere besteht in den Fakten wie Geburtsdatum, Schulanfang usw., mit deren Hilfe wir unser Leben – zwar nicht sonderlich gut, aber – auch beschreiben können und die häufig mit ihm verwechselt werden.

Zwischen diesen beiden Extremen befinden sich unsere alltäglichen Beschreibungen, in denen wir von Wetter, Gesundheit, Essen usw. sprechen.

 

Wir können natürlich nur das eigene Leben beschreiben; das gilt selbstverständlich auch für Marcel Proust und alle anderen Schriftsteller. Lernen wir beim Lesen Fakten, die in der Beschreibung eines anderen Lebens eine Rolle spielen, dann mag das ganz interessant sein, hilft uns aber kaum weiter. 

Viel wichtiger wäre es hingegen, sich selbst in den schriftstellerischen Werken wiederzufinden und dadurch das eigene Leben mit anderen Augen als bisher sehen zu können.

 

In Abbildung 1.5.1.-1  hatten wir bereits

– die Wahrnehmungen mit den Vorstellungen zu den Wissungen,

– die Wissungen mit den Anschauungen zu den Erkennungen und

– die Erkennungen mit den Erlebungen zu den Ereignungen 

zusammengefaßt.

 

Meine Wortbildungen mit der Endung „-ungen“ wirken sicherlich oft etwas gewaltsam. Aber sie sind sehr hilfreich; wir erkennen daran stets, daß von der subjektiven Bild-Seite die Rede ist.

Ihre objektive Gegenseite gibt es nur traditionell; sie umfaßt angeblich das Erkannte, Verstandene, Vorgestellte usw

Mißverständnisse sind in diesem Sprachspiel praktisch nur bei dem Gewußten möglich. Es meint bei uns, daß die Wissungen gewußt werden – im Gegensatz zu dem „nur“ bewußten Leben sowie den „nur“ bewußten Anschauungen – und hat nichts mit einem traditionellen Gewußten zu tun.

Das Bewußtsein bildet die Einheit von – in diesem SinneGe- und Bewußtem; seine Bezeichnung erfolgt einseitig zugunsten des letzterem und ist damit nicht ganz glücklich, aber historisch so gewachsen.  

1.5.7. Gott und die Welt

„Ich verstehe; wir treten – anschaulich gesprochen – alle von vorn an die Wissungen heran, während die Tradition irrtümlich glaubt, von hinten zu kommen. Es sind unsere Wissungen und keine der Seienden; sämtliche Referenten – als Wovon der Wissungen – entfallen.

Dann können jedoch weder die Gläubigen von einem wirklichen Gott noch die Physiker über die Materie an sich sprechen; sie haben alle nur ihre subjektiven Wissungen ohne Referenten und jonglieren mit ihnen herum.“

Diese Konsequenz ergibt sich in der Tat, und ich stehe auch voll dazu.

 

Über „Gott und die Welt“ reden wir nicht nur häufig in einem Atemzug, sondern sie werden traditionell zumeist auch nach exakt dem gleichen Schema gedacht, nämlich als objektiv-real. Es gibt Gott ebenso an sich wie die Welt oder beide sind „einfach vorhanden“. Das muß die Frage provozieren, worin sie sich eigentlich unterscheiden.

Beispielsweise darin, daß „Gott die Welt geschaffen hat“ geht völlig daneben, weil diese Antwort drei unverständliche Worte enthält.

Meines Erachtens unterscheiden sich Gott und die Welt bei einem solchen Denken gar nicht; Gott wird letztlich zu einer Nebenwelt – was man vorsichtshalber nicht ausspricht – und in dieser Nicht-Funktion mehr als überflüssig. Warum soll unsere Welt nicht ohne Nebenwelt bestehen können? Nahezu zwingend müssen denkende Menschen einen solchen Gott ablehnen.

 

Traditionell liegt die folgende Vierteilung vor:

(1) Die Wirklichkeit, die in der Welt und für Gläubige zusätzlich noch in Gott besteht

(2) Wahre Wissungen als adäquate Abbildungen dieser Wirklichkeit

(3) Unrichtige Wissungen, das heißt, inadäquate Abbildungen oder Phantasieprodukte

(4) Noch ausstehende oder „ungewußte“ Wissungen

 

Daß (1) bei uns entfällt, brauchte ich eigentlich nicht mehr zu erwähnen. Aber drei weitere Unterschiede gegenüber unserem Ansatz müssen wir uns verdeutlichen, um nicht unnötig sehr einfache Denkfehler zu begehen.

Zunächst besteht zwischen (2) und (3) kein Unterschied (mehr).

Des weiteren existiert bei uns kein Pendant zu (4); noch ausstehende oder „ungewußte“ Wissungen ohne Referenten sind unbegrenzt und entsprechen damit einem sinnleeren „Alles“. 

Schließlich haben wir bisher nur davon gesprochen, daß für uns keine Welt existiert. Es wäre aber mehr als inkonsequent, den traditionellen – völlig analog zur Welt einfach als vorhanden geglaubten – Gott beibehalten zu wollen. Sie schweben beide über dem Nichts, denn weder bloße Worte noch einstudierte Denkschablonen können etwas begründen; Seiende sind Seiende – da hilft auch kein „analoges Denken“.

 

Heideggers Seinsfrage ist, mit anderen Worten, ebenso auf den traditionellen Gott bezogen wie auf die Welt. Unsere Antwort besteht zwar wieder in Gott, aber er hat die Seiten gewechselt.

„Gut atheistisch“ leugnen wir also den objektiv-real vorhandenen Gott, denn „einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer) – genausowenig wie eine Welt, die es gibt.   

 

Nach diesem  Vorspann können wir endlich auf Ihre Frage vom Beginn des Abschnitts zurückkommen.

Es gibt weder eine objektiv-reale Materie noch einen solchen Gott.

Natürlich verfügen wir über Materie-Wissungen; aber das sind keine Wissungen von der Materie, sondern die Wissungen bilden selbst die Materie; es sind Wissungen namens „Materie“.

Es versteht sich zwar von selbst; aber der Deutlichkeit sei wiederholt:

Natürlich verfügen wir über Gottes-Wissungen; aber das sind keine Wissungen von Gott, sondern die Wissungen bilden selbst Gott; es sind Wissungen namens „Gott“.

 

So wie Wissungen die Materie sind, können sie auch Gott sein. Bei der Materie existieren nur die Wissungen, und es gibt gar keine zweite – aber zwei „Götter“, weil der wahre Gott selbst die Wirklichkeit bildet.

Neben ihm bestehen also noch die verschiedensten Gottes-Wissungen, die mit den Weltbildern variieren und gewiß ebenso gewaltig wie diese. Damit versteht es sich von selbst, daß die meisten Gottes-Wissungen keine adäquaten Bilder vom wahren Gott sein können.

Das traditionelle „natürlich nicht – aber meine Wissungen“ kennen wir zur Genüge und betrifft das Gottes-Bild ebenso wie das Weltbild.

Würden wir auf diese Egozentrik verzichten und sagen, daß natürlich auch unsere Gottes-Wissungen den wahren Gott nicht treffen, – so wäre das falsch:

Wir müssen gar nicht „lieb“ sein, denn prinzipiell können sich keine Wissungen auf Gott beziehen, weil er die Seiten gewechselt hat; sie gehen von ihm aus und bewegen sich nicht auf ihn zu.

 

Spätestens jetzt sollten sowohl unsere Transzendentalien als auch die Wahrnehmungen gut verständlich werden.

Ohne Seiende können die Wissungen keine Referenten besitzen – hatten wir zwar schon mehrfach gesagt, bleibt auch richtig, war bisher aber vielleicht nicht ganz zwingend. Um das nachzubessern, schauen wir uns alle denkbaren Varianten an und beginnen mit den Wissungen von Wissungen:

Vorstellungen von Vorstellungen sind auch nur Vorstellungen.

Für Vorstellungen von Wahrnehmungen gilt das Entsprechende.

Wahrnehmungen von Wissungen scheiden aus; wir verstehen gar nicht, was das sein könnte.

 

Verbleiben noch die „Wissungen von Nicht-Wissungen“.

Das betrifft  sowohl die Transzendenz oder Wirklichkeit als auch die Anschauungen. Warum sollen wir von ihnen keine Wissungen haben können?

Weil die Wissungen ihre Referenten nur dann darstellen, (im mathematischen Sinne) abbilden oder wiedergeben können, wenn beide Seiten die gleiche Struktur besitzen. Das ist natürlich bei Wissungen von Wissungen der Fall – aber keineswegs bei solchen von Nicht-Wissungen: 

Die Transzendenz oder Wirklichkeit ist kontinuierlich, während Wissungen diskret sind. Das „paßt“ nicht, weil sich dazwischen keine Zuordnungen herstellen lassen: hier ist der Fluß und dort sind einzelne Punkte.

Nahezu exakt die gleiche Begründung gilt auch bei den Anschauungen. Sie sind zwar diskret – wir unterscheiden die Anschauungen A, B, C . . . voneinander –, aber jede einzelne von ihnen bildet für sich ein Kontinuum; aus dem einen Fluß von soeben sind einzelne Eisschollen geworden.

 

Nun können wir wohl zusammenfassen.

1.    Wissungen besitzen niemals Referenten.

2.   Bei Vorstellungen von Wissungen bleiben völlig problemlos die – ganz normalen – Vorstellungen bestehen, und Wahrnehmungen von Wissungen gibt es nicht.

3.    Die Wissungen von Nicht-Wissungen ersetzen wir durch zwei Komponenten, die nichts miteinander zu tun haben.

3.1. Die ungeanderte Nicht-Wissung selbst.

3.2. Ein Begriff unseres Weltbilds, der bei unseren geistigen Operationen die Nicht-Wissung vertritt oder ersetzt.

4.     Dieser Ersatz ist notwendig, weil keine Nicht-Wissung diese Funktion übernehmen kann.

5.     Aber auch daraus resultiert kein Zusammenhang zwischen der Nicht-Wissung und ihrem Ersatz.

Natürlich können wir beispielsweise sagen, wir hätten eine Vorstellung vom Leben; aber weshalb soll sie  – nur weil wir sie „Vorstellung vom Leben“ nennen – eine Vorstellung vom Leben sein? Hat unsere Vorstellung von Gott etwas mit Gott zu tun? 

1.5.8. "Wort Gottes"

„Viele Christen verstehen die Bibel in einem engeren Sinne als das Wort Gottes. Wenn ich Sie recht verstehe, ist das aber ausgeschlossen, denn auch dort können – wie in jeder Schrift – nur menschliche Wissungen aufgezeichnet sein.“

Dem stimme ich 100%-ig zu und bin mir auch sehr sicher, daß die allermeisten denkenden Theologen das heute so sehen.

 

Gott hat sich uns selbst geschenkt und nicht (nur) irgendetwas mitgeteilt, das Menschen dann – mehr oder weniger wörtlich – als Bibel aufgeschrieben haben. Bei sehr vielen Stellen insbesondere im Alten Testatment wäre es mir ehrlich gesagt auch höchst unangenehm, wenn das von Gott stammen sollte; Rache, Totschlag, Frevel, Zorn, Eifersucht . . .

Letztlich so normal wie die heutige Physik entstanden ist, müssen wir uns das meines Erachtens auch bei der Bibel vorstellen. Es geht hierbei lediglich um viel Wichtigeres; nicht um irgendwelche Dinge, sondern um uns selbst und unser Leben.

Im Verlaufe der Geschichte Israels haben die Menschen versucht, ihre entscheidenden Erfahrungen mit dem Leben, mit Liebe, Leid und Tod, Sehnsucht oder Erfüllung zu reflektieren. Über Jahrhunderte hinweg haben sie ihre Überlegungen weitererzählt, später auch aufgeschrieben, sich widersprochen, korrigiert, gestrichen oder erneut aufgenommen und erweitert.

So ist im Laufe der Zeit eine Ideensammlung entstanden, der man ihre wechselvolle Genese ansieht. Es handelt sich hierbei also nicht um einen festen widerspruchsfreien Kanon, sondern um ein Zeugnis für das menschliche Ringen um eine adäquate Vorstellung vom Dies- und Jenseits.

Die Bibel ist nicht Gottes letztes Wort; vielmehr gibt sie den Staus quo menschlichen Reflektierens vor 2000 Jahren wieder, und letzteres setzt sich zum Glück seitdem – als Theologie oder auch mit unseren Überlegungen hier – fort.

 

Schauen Sie sich als Paradebeispiele hierfür das Buch Hiob oder den Propheten Amos an und beachten Sie einfach, daß JHWH ursprünglich nur der Gott von ein paar unbedeutenden Nomaden war, die kaum ein Leben nach dem Tod kannten.

Nicht zuletzt die Erfahrungen der Menschen im Umfeld des Juden Jesus von Nazareth führten nochmals zu einem gewaltigen Umdenken – zumindest bei einem sehr kleinen Teil der Israeliten:

„Ob die Gottes-Vorstellung, die sich bei uns bisher herausgebildet hat, vielleicht doch auf alle Menschen bezogen werden muß?“ „Wir sehnen uns unter der Römischen Besatzung nach Gerechtigkeit; die gibt es aber nicht ohne ein Leben nach dem Tod.“ „Dieser Jesus sagt eigentlich das, was wir alle erhoffen; wenn man ihm nur glauben könnte . . .“ „Eigentlich zu schön, um wahr zu sein!“

„Probieren wir einfach einmal, ob unser Leben mit dieser Gottes-Vorstellung – wenn wir sie denn glauben können – erfüllter und lebenswerter wird.“

 

Daß ich hier nicht zu profan denke, zeigt sich an Jesus selbst, wenn wir die Geschichte in Mt 15, 21 – 28 ernstnehmen dürfen:

Eine Nicht-Jüdin bittet Jesus, ihrer kranken Tochter zu helfen. Er glaubt, nur zu den Juden gesandt zu sein, und seine Antwort ist mit „beleidigend“ sehr positiv charakterisiert: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ Das ist aus heutiger Sicht unverschämt; Jesus braucht dringend Nachhilfeunterricht in Ethik, die fremde Frau erteilt ihm diesen, und Jesus erweist sich als überraschend schnell lernfähig.

Regina Groot Bramel schrieb hierzu anstelle Marias einen „Brief an ihren Sohn“, in dem es unter anderem heißt:

„. . . wo war die Erinnerung an deinen liebenden Vater, und wieso mußtest du mit Gottes Gnade geizen? . . . Zum Glück sind dir da die Augen aufgegangen, und du hast dich auf deine Herkunft und Kinderstube besonnen. Sonst wäre ich persönlich auf den Plan getreten; das kannst du glauben!“

 

„Ich verstehe; Ihr Gott ist eine wundervolle Projektion, die Sie sich nur allzugerne als Wirklichkeit wünschen würden.“

Natürlich ist er das auch; ich will nicht wahrhaben oder glauben müssen, daß die Erniedrigten dieser Erde einfach Pech gehabt und zur falschen Zeit am falschen Ort gelebt haben sollen.

Evidenterweise kann niemand wissen, ob es einen solchen Gott der Gerechtigkeit gibt; „‚Gott‘ stellt ein Sehnsuchts- oder Hoffnungswort dar“ (Magnus Striet).  Aber aus der Tatsache, daß er auch eine Projektion oder Wunschvorstellung ist, folgt doch nicht, daß er nur das sein kann und somit eine Illusion bleiben muß. Warum soll es gegen die Existenz Gottes sprechen, daß sie mit unserer Hoffnung übereinstimmt? Wenn er uns vergöttlichen will, müssen wir auf ihn hin angelegt sein.

Möchten Sie, daß Ihr Zug pünktlich ankommt, bedeutet dies doch auch nicht, daß er mit Sicherheit Verspätung hat. Es gibt die Erfüllung von Wünschen; natürlich wissen wir immer erst hinterher, ob sie in einem konkreten Fall eintritt.

 

„Ohne Gottes-Wissungen der Menschen könnte sich in der Geschichte kein ‚Wort Gottes‘ herausgebildet haben. Wir wissen aber gar nicht, ob Gott überhaupt existiert. Die Gottes-Wissungen sind also einerseits unbestreitbar notwendig, stellen aber andererseits – Ihren eigenen Worten zufolge – keinen Gottesbeweis dar.

Was erfahren wir  Menschen also in den sogenannten Gottes-Wissungen?“

Wir erfahren darin „nur“ unser subjektives Leben – aber in einer absoluten Geborgenheit oder voller Hoffnung, die von manchen Menschen als Gottes-Erfahrung interpretiert wird.

1.5.9. Das Bewußtsein und sein Außerhalb

Wir hatten oben den traditionellen Außen-Innen-Dualismus besprochen und angemerkt, daß sein Innen im Verlaufe der abendländischen Geschichte recht unterschiedliche Namen an- und Aufgaben übernommen hat.

Für uns ist dieser Dualismus indiskutabel; ohne das Außen der Welt und Gottes als einer Neben-Welt entfällt auch das Innen. Unser Bewußtsein stellt folglich keine erneute Namensänderung dar, sondern meint etwas völlig anderes; nämlich: 

Alles, was es in irgendeiner Form für uns gibt; das Bewußtsein ist das subjektive Ganze oder die persönliche Totalität. Es besteht im eigenen Leben mit der dazugehörigen Subjektivität sowie allen Ereignungen, insbesondere den Wissungen und Anschauungen.

 

Das Bewußtsein umfaßt also alles, was uns gegeben ist – das unverfügbare Leben –, sowie das, was wir daraus machen. Unsere Erinnerungen, Fakten, Pläne oder Witze gehören ebenso dazu wie jegliches Wohl- bzw. Unwohlfühlen, unser schlechtes Gewissen, jede Freude und Sympathie, alles Leiden oder Ängstigen. 

Zu allem, was sich außerhalb befindet, besitzen wir keinen Zugang; so ließe sich das Bewußtsein negativ definieren.

Und keine andere Subjektivität verfügt über einen Zugang zu meinem Bewußtsein.

Stehe ich zum Beispiel vor dem Eiffelturm und sage (etwas zu laut) „Oh, der Mittelpunkt von Frankreich“, so werde ich wohl sehr eigenwillig angeschaut und eventuell sogar abgeholt. Aber niemand, weder ein Geograph noch ein Psychologe oder Gehirnchirurg, kann begründeterweise anzweifeln, daß dies meine Sicht der Dinge darstellt.

 

„Sie behaupten also nicht, daß kein Außerhalb unseres Bewußtseins existiert, sondern lediglich, daß wir es prinzipiell nicht erreichen können?“

Richtig; wir wissen, daß sich zumindest der Ursprung im Außerhalb unseres Bewußtseins befinden muß. Aber wir können weder von diesem Außerhalb noch von seinem Übergang in das eigene Bewußtsein wissen, denn unsere Wissungen beginnen frühestens nach dem Übergang. Wir haben beispielsweise Wahrnehmungen, aber kennen nichts Wahrgenommenes; beim Lesen ergeben sich Ihnen Verstehungen – ohne Verstandenes.

Irgendwie verspüren wir scheinbar einen unbändigen Drang, das Außerhalb unseres Bewußtseins zu erreichen. Das würde jedenfalls verständlich machen, weshalb wir unsere Wissungen nur allzugerne mit Referenten versehen wollen.

 

„Mir fehlt ein bißchen das Verständnis für Ihre Logik. Sie erklären nicht, was das Bewußtsein ist und – Pardon – könnten es wohl auch nicht, legen aber Wert darauf, daß sich sämtliches Fühl-, Denk- oder Sagbare darin befindet. Was bringen Sie dann eigentlich hiermit zum Ausdruck?“

Mit dem Bewußtsein will ich lediglich deutlich darauf hinweisen, daß ausnahmslos alles uns Zugängliche subjektiv sein muß. Es ist uns zugänglich, weil es sich in unserem Bewußtsein befindet; deswegen kommt dieser Begriff in der Tradition nicht vor; sie versteht ihn gar nicht.

 

Beachten Sie bitte: Wir bestreiten die Existenz von Urbildern, anerkennen aber natürlich das Außerhalb des Bewußtseins; nur wissen können wir von letzterem nicht(s).

Wer davon ausgeht, das Außerhalb seines Bewußtseins auch nur im geringsten zu erkennen,

– verwickelt sich in den Widerspruch, Wissen von etwas zu beanspruchen, von dem er prinzipiell nicht(s) wissen kann, und

– macht damit dieses Außerhalb zu einer Hinterwelt:

„Es ist uns zwar nicht zugänglich, aber ich Pfiffikus kenne es trotzdem.“

Verrückt; niemand kann das verstehen oder hat es jemals verstanden, und dennoch denken fast alle Menschen in unserer Nähe so!

 

Letztlich entspricht unser Übergang vom traditionellen Denken zum metaphysischen Explikationismus einer „Kopernikanischen Wende“, die noch über diejenige von Kant hinausgeht. Haben Sie diesen „Seitenwechsel“ einmal bewältigt, werden Sie sich rückblickend wundern, wie Sie jemals anders – und so gutgläubig – denken konnten.

 

 

           Außen    
        traditionelles Denken
  Innen                                                                                   
     
  Abbilder der Seienden    
  „Ich Pfiffikus erkenne das!“    
  – Welt    
  – Gott    
  Seiende    

 

Abbildung 1.5.5.-1

 

 

            Außerhalb des Bewußtseins      
        metaphysischer Explikationismus
  Bewußtsein                                                                                                      
       
  – Leben
   
  wirklich    
       
  – Erkennungen
   
  unwirklich    
  ?    
  – Ursprung    
  –  . . . . . . . .
   

 

Abbildung 1.5.5.-2

 

Ich weiß, daß alle Vergleiche hinken, aber mitunter ist ein schlechtes Beispiel viellleicht doch besser als gar keines.

Manche von uns denken vielleicht, und wir alle können uns wohl vorstellen, es gäbe ein Reich der Zahlen im Außerhalb des Bewußtseins. Irgendwelche pfiffigen Mathematiker müßten trotzdem Wege gefunden haben, damit wir von diesen Zahlen wissen können. Dann wäre das „von“ angebracht; die Zahlen würden die Referenten oder das Wovon unserer diesbezüglichen Wissungen bilden. Letztere befinden sich im Bewußtsein, aber die Zahlen selbst nicht.

Bekommen wir etwas über sie erzählt, könnte es theoretisch bei der Vorstellung bleiben, die Zahlen befänden sich in einem eigenen Reich außerhalb unseres Bewußtseins und wir sprächen lediglich darüber. Aber wenn wir selbst rechnen, überlegen und beweisen, spüren wir förmlich, daß wir unmittelbar mit den Zahlen selbst umgehen und sie sich folglich in unserem Bewußtsein befinden müssen.   

 

Was bei Zahlen wohl recht gut nachvollziehbar ist, gilt meines Erachtens ganz allgemein:

Wir wissen nicht von den Zahlen, sondern die Zahlen bilden selbst sowohl die Wissungen als auch das Gewußte.

Wir wissen nicht von den Planeten, sondern die Planeten bildet selbst sowohl die Wissungen als auch das Gewußte. Wir hatten oben bereits ausgeführt, daß die Materie-Wissungen die Materie sind.

Der Glaube, die Wissungen vom Gewußten unterscheiden zu können oder gar zu müssen, ergibt sich relativ zwingend aus dem traditionellen Denken, das davon ausgeht, bei den angeblichen Seinden zu beginnen. Dann bilden letztere anfangs natürlich das Ungewußte, das durch unsere Wissungen nach und nach zum Gewußten wird

Ohne die Seienden fällt das Gewußte nicht weg, sondern mit den – eo ipso gewußten – Wissungen zusammen.

1.6. Vier Ansätze – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Gegenwärtig sind – mit dem Radikalen Konstruktivismus (2) sowie dem Neuen Realismus (4) – zwei philosophische Strömungen en vogue, die wie unsere eigenen Gedanken (3) aus der Überzeugung resultieren, daß der traditionelle Ansatz (1) inkonsistent und unhaltbar – zumindest: geworden – ist.

Sein Außen-Innen-Dualismus trennt sauber zwischen den Seienden und ihren Abbildern – aber gerade dieses saubere Trennen bildet einen offensichtlichen Fehler, weil damit das Abbilden als Tätigkeit, das heißt, der Übergang von Außen nach Innen vollkommen fehlen muß; dafür ist weder außen noch innen Platz..

Sprechen wir von Abbildern, deren Entstehung völlig ignoriert wird – sie sind ebenso einfach vorhanden wie die Seienden selbst –, kann es beim traditionellen Denken nicht mit rechten Dingen zugehen:

Die Welt schwebt im Nichts, ihr Abbilden kommt nicht vor – und trotzdem befinden sich innen die Wissungen als Abbilder von der Welt. Woher kommen sie? Wie, durch wen, wann und wo erfolgt das doch notwendige Procedere des Übergehens? Keine von diesen Fragen kann das traditionelle Denken auch nur sinnvoll stellen, weil es nur ein Entweder-Innen-oder-Außen kennt.

 

Es ist also ein Zauberer erforderlich, und diese Rolle übernimmt in der Tradition der Nous; das ist der erkenntnistheoretische Gott der Philosophen. Wir werden recht ausführlich auf ihn und seine Funktion zurückkommen (müssen), behalten aber bitte schon einmal im Hinterkopf, daß das traditionelle Modell (1) ohne ihn prinzipiell nicht möglich ist:

Wer diesem Ansatz entsprechend denkt, setzt den Nous voraus; dabei spielt es keine Rolle, ob er das weiß oder will bzw. auch nicht; er tut es, denn anders – ohne zauberhaften göttlichen Beistand – läßt sich sein Wissen nicht erklären. 

Markus Gabriel spricht deshalb von einem Ansatz „ohne Zuschauer“. Die traditionellen Subjekte existieren nur als Seiende mit den Wissungen in ihrem Innen, schauen aber nicht zu – sprich: bilden nicht ab –, sondern erhalten diese Wissungen – auf welchen Wegen auch immer –  vom Nous.

 

Im mataphysischen Explikationismus (3) befinden sich die Subjektivitäten jeweils im eigenen Bewußtsein; andernfalls gäbe es uns – für uns selbst – gar nicht.

Die traditionellen Subjekte leben dagegen alle außen in der Welt, und die Wissungen in ihrem subjektiven Innen werden als angebliche Abbilder von dieser Welt behauptet. Begründen ließe sich eine solche Annahme jedoch nur, wenn uns die Seienden sowohl als Ur- wie auch als Abbilder vorliegen würden und wir sie auf ihre Übereinstimmung hin prüfen könnten

Das ist offensichtlich nicht der Fall; wir „sehen nicht doppelt“, was dafür aber erforderlich wäre.   

Die Tradition ignoriert dieses Dilemma nahezu vollständig, indem sie

– die Existenz der Seienden sowohl als innere Ab- wie auch als äußere Urbilder,

– das Abbilden als Übergang von diesen zu jenen sowie

– die angeblich daraus resultierende Übereinstimmung beider

einfach postuliert und damit die eine Wahrnehmung, die wir tatsächlich jeweils haben, wahlweise

– das eine Mal als Urbild der Welt und

– das andere Mal als Abbild im Innen deklariert.

 

Uns muß ganz deutlich werden, was hier abläuft:

1. Wir haben eine Wahrnehmung; beispielsweise eine Baum-Sehung.

2. Das ist eine spezielle Wissung.

3. Wissungen besitzen bei uns keine Referenten, sondern bilden selbst die Gewußten.

4. Die Tradition sieht das anders und behauptet die Seienden als Referenten.

5. Die Seienden bilden bei ihr also die Gewußten; im Beispiel sind Bäume vorhanden.

6. Die können sich unmöglich in unserem Innen befinden.

7. Folglich existieren dort nur Abbilder; Baum-Sehungen.

8. Die ursprüngliche Identität von Wissung und Gewußtem in unserem Bewußtsein wird von der Tradition also

– aufgespalten in Ur- und Abbild,

– durch ein behauptetes Abbilden angeblich wieder zusammengefügt,

– als bloße Übereinstimmung – der ursprünglichen Identität – ausgegeben und auch noch

– stolz als erkannte Wahrheit gefeiert.

Unglaublich!

 

„Und damit wird auch verständlich, welcher Weg vom traditionellen Denken zu dem unsrigen führt:

Wir belassen es bei der Wahrnehmung – der Baum-Sehung zum Beispiel –, verdoppeln sie nicht in Ur- sowie Abbild, müssen dann natürlich auch keine Übereinstimmung willkürlich behaupten, und auf die traditionelle Wahrheit der Objekte verzichten wir ohnehin bereits.

Die ursprüngliche Wahrnehmung befindet sich weder außen noch innen – denn diese Unterscheidung existiert nicht mehr –, sondern im Bewußtsein. Damit haben wir meiner obigen Skepsis zum Trotz doch noch eine Definition für das Bewußtsein gefunden:

Es besteht in der Aufhebung oder Einheit der traditionellen Innen und Außen.“

 

Bis auf Ihren Definitionsvorschlag gehe ich vollkommen mit; er ist aber sehr fragwürdig. Wir können das Bewußtsein nicht mit Hilfe von zwei Un-Begriffen erklären, und ich habe auch keinerlei Schwierigkeiten damit, es so undefiniert zu belassen.

Wir verstehen jeden Begriff anhand der anderen; dabei gibt es natürlich auch Grundbegriffe, die sich nicht mehr auf fundamentalere oder allgemeinere zurückführen lassen. Das gilt sogar in der Mathematik für die axiomatisch definierten Begriffe. Zu unseren Basiskategorien zählen für mich nicht zuletzt auch das Bewußtsein sowie unsere Transzendentalien Gott, Ursprung und Leben.

 

Der Radikale Konstruktivismus (2) streicht mit uns die objektive Welt und benötigt somit ebenfalls keinen Nous.

Aber im Gegensatz zu uns behält er formal den traditionellen Dualismus bei, so daß davon nur die Innen-Seite übrigbleibt. Da sich die Welt als Wirklichkeit jedoch nicht ersatzlos streichen läßt – bei uns tritt das Leben an deren Stelle –, müssen die ehemaligen Seienden – „die Welt als Wirklichkeit“ – dem Innen angehören und somit eine reine Konstruktion darstellen; deswegen „radikaler Konstruktivismus“.

Ein solcher Ansatz, innerhalb des traditionellen Dualismus die Außenseite zu canceln, führt natürlich zu ernstlichen Problemen:

Dem Radikalen Konstruktivismus fehlt der Konstrukteur, denn dieser kann unmöglich der von ihm selbst konstruierten „Welt als Wirklichkeit“ angehören. Das entspräche dem Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht.

Wir haben diese Schwierigkeit nicht, denn unsere Konstrukteure sind die Subjektivitäten, die in Gott leben und somit keine Welt benötigen.

1.6.1. Radikaler Konstruktivismus

Unser Ansatz stimmt mit dem Radikalen Konstruktivismus darin überein, daß in beiden Fällen keine objektiv Welt existiert; damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Es sind vor allem zwei Probleme, die der Radikale Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann und wegen derer ich ihn ablehne.

 

Der erste Punkt betrifft die Stellung oder Rolle des Gehirns.

Wenn alles nur eine Konstruktion darstellt, fehlt der Konstrukteur, denn er kann nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich. 

Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er – entsprechend der „neurophilosophischen“ „Erkenntnis“ Ich ist gleich Gehirn – letzteres zum Konstrukteur erklärt. Abgesehen von der fundamentalen Frage, woher seine Vertreter das wissen wollen, wenn alles andere eine bloße Konstruktion ist und auch das Gehirn kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Konstrukteur“ trägt, entstehen natürlich zahllose weitere Probleme.

Eines davon resultiert ganz simpel daraus, daß es sehr viele Gehirne gibt. Als Konstrukteur benötige ich natürlich nur mein eigenes; sind die fremden Gehirne ebenfalls wirklich oder nur von mir konstruiert? 

Schwierig gestaltet sich offensichtlich auch die Grenzziehung. Wo endet der Konstrukteur, und beginnt die Konstruktion? Wie gehen die beiden ineinander über? Wohin gehören das Zentralnervensystem, die Sinnesorgane und die Gliedmaßen?

 

Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das Gehirn ganz traditionell als Seiendes denkt und auch denken muß, um einen Konstrukteur – für die gesamte restliche subjektive Welt – zu gewinnen. Bei seiner Sichtweise reduziert sich die traditionelle Welt also auf das eigene (?) Gehirn.

Unser Ansatz ist radikaler; darin spielt das Gehirn keine Sonderrolle, auch die subjektiven Welten verschwinden vollständig, und sämtliche Gehirne gehören ganz normal den weltbild-abhängigen Wissungen an.

 

Die zweite Schwierigkeit, die ich – und seine Vertreter selbst – mit dem Radikalen Konstruktivismus haben, besteht darin, daß der Übergang von der angeblich objektiv-realen Welt zu einer bloß subjektiv-konstruierten den gewaltigen Unterschied zwischen wirklichen Wahrnehmungen und unwirklichen Vorstellungen nicht einfach ignorieren kann. Vor der Wahrnehmung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir – mit Recht –; die entsprechende Vorstellung ruft bestenfalls ein wohliges Gruseln hervor.

Im Radikalen Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergebens nach einer befriedigenden Aufarbeitung dieses Problems gesucht. Wir haben bereits damit begonnen, es schrittweise mittels der Anschauungen zu lösen, die bei keinem der drei anderen Ansätze eine Rolle spielen.

1.6.2. Neuer Realismus

Der – sich als Gegenentwurf zum traditionellen Denken (1) und Radikalen Konstruktivismus (2) verstehende – Neue Realismus (4) geht zumindest in Deutschland wesentlich auf Markus Gabriel zurück, der durch zahlreiche populär(wissenschaftlich)e Bücher auch breiteren Leserkreisen bekannt wurde. Bezüglich der Tatsache, daß es „die Welt nicht gibt“, stimme ich natürlich mit Gabriel überein, aber seine Begründung ist eine ganz andere. 

 

Das traditionelle Denken (1) interessiert sich nur für die Welt ohne zuschauende Subjekte; deswegen ist dort der Nous erforderlich. Damit es mit rechten Dingen zugehen kann, müssen die Subjekte wirklich zuschauen, das heißt, nicht nur behaupten, – durch den Nous – über Abbilder zu verfügen, sondern die traditionelle Welt auch tatsächlich abbilden.

Gabriel ergänzt die traditionelle Welt also um dieses Abbilden. Das ist das Neue an seinem Realismus (4), der um 1912 in den USA aufkam, aber danach schnell wieder vergessen wurde.

Die Subjekte sind bei ihm nicht nur potentielle Zuschauer (1), die lediglich wissen – ohne zu verstehen, wie das überhaupt möglich sein kann –, sondern auch wirklich abbilden (4), so daß Gabriels Welt die traditionelle integriert und durch das Zuschauen der Subjekte ergänzt:

Gabriels Welt   =   { traditionelle Welt + Erkennen der traditionellen Welt }

(Die geschwungenen Klammern bedeuten bei mir stets die Einheit der darin enthaltenen „Bestandteile“.)

 

Nochmals in anderen Worten:

Gabriels Welt umfaßt die Seienden mit all ihren Wechselwirkungen, und zu letzteren gehört insbesondere das Abbilden der Welt. Es wird also nicht – wie traditionell üblich – aus der Welt herausgenommen und damit zur Zauberei, sondern allen anderen Wechselwirkungsarten gleichgestellt, die doch ganz selbstverständlich zur Welt gehören:     

Niemand wird beispielsweise bestreiten, daß Massen sich anziehen (oder etwas Äquivalentes tun), und diese Wirkung ist natürlich ebenso wirklich wie die Massen selbst.

Und ganz analog ist Gabriel überzeugt, daß das Abbilden der Objekte durch die Subjekte ebenso wirklich ist wie die Seienden selbst und folglich auch zur Welt gehören muß

 

„Eine geniale Idee!“

Ja; das war auch mein erster Gedanke; aber nach einigen Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, daß sie nicht genial, sondern ganz einfach falsch ist.

„Was soll oder kann daran überhaupt falsch sein?“

Der Ausganspunkt oder Beginn dieser Überlegungen!

Daß ein Subjekt ein Objekt wahrnimmt, kann nur eine sinnvolle Aussage darstellen, wenn beide Seiende verständlich sind. Worin besteht die Bedeutung von Subjekt und Objekt? 

„Das weiß doch jeder; soll ich Ihnen das jetzt tatsächlich erklären?“

Nein; so meine ich das nicht; wir haben ein bestimmtes WELTBILD, und auf dessen Grundlage können wir natürlich alle zugehörigen Begriffe erläutern.

 

Mir geht es jedoch um etwas anderes, nämlich um die traditionelle Vorstellung der Seienden in der objektiven Welt. Das Subjekt(A) nimmt dort das Objekt(B) wahr, und dies führt zu der Wahrnehmung(AB). Ersteres kann sich natürlich auch selbst wahrnehmen, beispielsweise im Spiegel; das Resultat wäre dann die Wahrnehmung(AA).

Nun sollte deutlich werden, wo ich hin will:

Wie gelangen wir zu Gabriels Ausgangspunkt, dem Subjekt(A) und Objekt(B)? Einerlei ob wir vom Wahrnehmen, Verstehen, Denken oder Vorstellen ausgehen – stets müssen die Ergebnisse zweipolig sein, das heißt, die Form AB bzw. AA besitzen.  

Das war der Sinn meiner Frage nach der Bedeutung von Subjekt und Objekt. Alle einpoligen Entitäten – das Subjekt(A) ebenso wie das Objekt(B) – sind uns unzugänglich. Weil wir nicht von außen und damit direkt oder unmiittelbar schauen, können wir nicht wissen, worin jene bestehen. Wir müssen uns und das Objekt erst erkennen; aber das führt niemals zu A oder B, sondern notwendigerweise zu A-erkennt-A bzw. A-erkennt-B.

Beim Nous ist das anders, weil er nicht nur unsere perspektivisch-subjektiv-mittelbare Wahrnehmung besitzt, sondern das Subjekt(A) resp. Objekt(B) perspektivlos-objektiv-unmittelbar schaut.

 

Darin besteht das Problem des Beobachters, das uns durch die Kybernetik zumindest seit den 1940-er Jahren bekannt ist, aber von der Tradition weitestgehend übersehen oder ignoriert wird. Sie schiebt diese Rolle – mehr oder weniger reflektiert – dem Nous zu. Er gehört nicht zur Welt, kann sie dadurch von außen oder – als Gott – sogar von oben schauen, völlig problemlos sowohl das Subjekt(A) als auch das Objekt(B) identifizieren und feststellen, wie dieses von jenem wahrgenommen wird.

Damit sollte einleuchten, inwiefern das traditionelle Denken ohne den Nous nicht möglich ist:

Es beginnt mit den Seienden, die allein er wissen kann.

 

Wenn also Gabriel sagt, das Abbilden der Objekte durch die Subjekte sei ebenso wirklich wie die Seienden selbst und müsse folglich auch zur Welt gehören, sieht er tatsächlich etwas Richtiges, jedoch auf der Grundlage einer Voraussetzung, die nur für den Nous, aber nicht für uns erfüllt ist.

Das Abbilden der „Objekte“ durch die „Subjekte“ ist in der Tat ebenso wirklich wie die „Seienden“ selbst; aber dabei handelt es sich nicht um Seiende, weder um Objekte noch um Subjekte.

Wer den Nous vermeiden will, kann nicht bei Seienden beginnen, weil er ohne ihn nicht weiß, wovon er spricht.

 

Das ist meines Erachtens ein sehr schönes Beispiel für Wittgensteins Leiter.

Die Tradition (1) hat das Abbilden vergessen; der Neue Realismus (4) fügt es hinzu, steigt die Leiter hinauf – und müßte dann merken:

Wenn wir das Abbilden berücksichtigen, gibt es keine Seienden (mehr), weil alles mit allem zusammenhängt. Die Leiter, die uns zu dieser Einsicht verholfen hat, war also sehr wichtig, wird aber nun nutzlos; wir werfen sie weg und beginnen von vorn; ganz anders – mit dem metaphysischen Explikationismus (3).

1.6.3. Metaphysischer Explikationismus

Wir verstehen unseren Ansatz (3) als Gegenposition zum Radikalen Konstruktivismus (2) sowie zum Alten (1) und Neuen Realismus (4).

Dem Radikalen Konstruktivismus fehlt der für ihn notwendige Konstrukteur, und er kann nicht erklären, was Wahrnehmungen von Vorstellungen unerscheidet.

Der Alte und Neue Realismus gehen von den Seienden der Welt sowie eventuell eines Gottes als Neben-Welt aus und benötigen daher die Nous-Zauberei..

Wir versuchen, allen diesen Mankos zu begegnen, lassen dafür als einzige den Außen-Innen-Dualismus hinter uns und führen die Anschauungen ein.

 

Das traditionelle Denken beginnt „zu früh“; es glaubt, von Seienden ausgehen und daraus die Wahrnehmungen ableiten zu können. Aber in Wirklichkeit ist das nicht nur unmöglich, sondern auch unnötig, denn die Wahrnehmungen sind das – erste – uns Gegebene.

Wir sind keine Götter und verstehen daher nicht, was Seiende sind. Damit fehlt uns aber nichts, denn ein Vor-aller-Wahrnehmung kann uns unmöglich begegnen; was uns widerfährt, sind – niemals Seiende, sondern – „immer schon“ Wahrnehmungen; weder A noch B, aber eben dadurch auch nicht  AA oder AB.

Der alte (1) und neue Realismus (4) behaupten somit die Existenz von etwas, das wir nicht nur prinzipiell nicht finden, sondern nicht einmal suchen können, das somit einer Hinterwelt angehören muß und wir zum Glück auch nicht brauchen.

Die Wahrnehmungen bilden das Primäre, und das können sie nur, weil sie sich nicht aus der Wechselwirkung von Seienden ergeben. Worin sollen Seiende eigentlich bestehen? Wir wissen es nicht und können dies auch niemals; wer dennoch von ihnen spricht, beschreibt seine Hinterwelt.

 

Unsere Anschauungen bilden das Daß der Wahrnehmungen; jede Subjektivität interpretiert sie entsprechend ihres Weltbilds (automatisch) – zumindest ein ganz klein wenig – anders; als Beispiel hatten wir die Sonne bzw. den Re angeführt.

Die aufklärerische Überzeugung, die Ägypter seien naiv gewesen, denn es ist tatsächlich die Sonne und nicht der Re, bildet in Wirklichkeit das Naive, weil man bei jeder Überzeugung (an) Seiende glauben muß, denn ohne letztere gibt es keine Wahrheit der Objekte. Wir können nur sagen, was wir bzw. die Ägypter wahrnehmen; für Seiende wäre der Nous zuständig.

Schicken wir eine Rakete zur Sonne resp. zum Re um nachzuschauen, „wer Recht hat“. Nach einem hinreichend langem Flug würde die Rakete unserer Interpretation zufolge zerschmelzen und verglühen. Aber etwas Ähnliches hätten die alten Ägypter wohl auch prophezeit, denn man schießt nicht ungestraft Raketen auf einen Gott. Das hätten sie niemals getan; ebenso wie es für uns absurd wäre, die Sonne anzubeten.

Ich bestreite nicht die Kontrollierbarkeit des Rechts, sondern dieses selbst; ohne Seiende kann keiner Recht haben.

 

Daß sich die Wahrnehmungen dennoch (relativ) zwingend ergeben, läßt sich vielleicht am besten verstehen, wenn wir sie als ableitbar beschreiben: So wie die Rechenregeln eineindeutig aus den mathematischen Axiomen folgen, resultieren unsere Wahrnehmungen relativ stringent aus dem jeweiligen Weltbild.

Es versteht sich von selbst, daß andere Prämissen zu differenten Ergebnissen führen.

 

Schaut Hasso zur richtigen Stelle, sieht er weder die Sonne noch den Re, sondern lediglich eine – andere – Anschauung.

Wir bringen sie – so oder so – auf den Begriff und konstruieren damit unsere Wahrnehmung, während die Tradition letztere als Abbildung eines – so oder so – Seienden mißversteht. Irgendwie müssen die Anschauungen also – nicht der objektiven Realität, aber doch – einem unbestreitbaren Realen entsprechen.

1.7. Bilder und Ideen, Anschauungen und Begriffe

Wir hatten unsere Überlegungen bei den Wahrnehmungen und Vorstellungen begonnen; das erschien auch sinnvoll, denn schließlich kommt dafür ja nur Gewußtes infrage. Dann hat sich aber sehr schnell gezeigt, daß wir diese Wissungen nur auf der Grundlage noch fundamentalerer Begriffe verstehen können.

Traditionell stellt sich damit die Frage: „Was ist X?“ Was sind beispielsweise Formen, Bilder, Anschauungen oder Denkungen? Ihre Beantwortung wird gewiß sehr problematisch, weil dazu angeblich die entsprechenden Seienden abgebildet werden müßten.

Wir verstehen diese Frage gar nicht, und an ihre Stelle tritt beii uns: „Was verstehen wir unter X oder wie definieren wir es?“ Treten im weiteren also zum Beispiel die Begriffe Formen, Bilder, Anschauungen oder Denkungen auf, so ist damit stets die von uns – mehr oder weniger willkürlich – getroffene Konvention gemeint.

„Dann kann man ja gar nicht falsch machen?“

Oh, doch!

Zum einen können unsere Vereinbarungen widersprüchlich, unvollständig, ungeschickt, irreführend und was noch alles Negatives sein.

Zum anderen mag es trotzdem sehr schwer werden; schauen Sie sich etwa ein Mathematikbuch an; unsere Konventionen entsprechen dort den Axiomen.

 

Wenn Sie einen Begriff nicht verstehen oder vergessen haben, hat es also häufig nur einen sehr begrenzten Sinn, im Duden oder Lexikon nachzuschauen; das wäre lediglich traditionell ein Weg. Aber woher sollen die Autoren der Nachschlagewerke wissen, wie wir einen bestimmten Begriff verstehen?

Die Herausgeber vom „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ haben versucht, das zu berücksichtigen, indem sie nicht traditionalistisch schreiben „X ist . . .“, sondern „beim Philosophen A ist X . . .“, „beim Philosophen B ist x . . .“, . . .; dann entstehen natürlich problemlos 13 dicke Bände. 

Nun verstehen Sie wahrscheinlich auch mein oben angefürtes Zitat von Dümpelmann und Hüntelmann – Tut mir leid, aber die beiden Herren heißen wirklich so! – noch besser, daß „jede philosophische Abhandlung in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein muß“. Jeder Begriff greift in jeden anderen ein und bestimmt ihn mit; wer einen von ihnen korrigiert, andert den gesamten philosophischen Ansatz.

 

Die Tradition kennt dieses Problem natürlich ebenfalls, dürfte es aber theoretisch gar  nicht haben und muß es folglich leugnen. Betrachten wir als Beispiel die Sonne.

Es gibt das Wort „Sonne“.

Damit wird sowohl die seiende Ur-Sonne bezeichnet als auch ihr Abbild.

Noch mehr Sonnen sind nicht nötig.

Wozu bedarf es dann eigentlich des Begriffs Sonne? Was soll das sein, wenn die Ur-Sonne alles Sonnige festlegt? Wir haben nicht nur keinerlei Freiheit, hinsichtlich des „Begriffs Sonne“, sondern er ist auch vollkommen unabhängig von allen anderen Seienden oder „deren Begriffen“.

1.7.1. Begriffe

Begriffe ist ein Begriff; er wird häufig nicht gut verstanden. Natürlich hängen die Begriffe eng mit den Worten zusammen, von denen die Begriffe bezeichnet werden, aber es ist wichtig, deutlich zwischen ihnen zu unterscheiden.

Die beiden treten zumeist gemeinsam auf, aber es gibt auch Begriffe ohne Worte; wir wissen einigermaßen genau, was wir sagen wollen – beispielsweise ein neuer Gedanke –, uns fällt aber kein geeignetes Wort ein, um ihn gut verständlich zu kommunizieren.

 

Am besten erklären wir die Begriffe von den Vorstellungen her.

Ich könnte Sie jetzt bitten, sich den Mond vorzustellen. Wenn Sie mir brav folgen, haben wir dann alle irgendeine Vorstellung vor unserem geistigen Auge; eine dröge Materie, Frau Luna, Romantik pur, einen runden Ball, vielleicht mit Gesicht, den nächtlichen Bruder der Sonne oder was auch immer.  

Am Mond gilt es also, zwei Seiten zu unterscheiden, den Mond im engeren Sinne und seine Ausmalungen.

Wir stellen uns alle den Mond vor – obwohl jeder eine andere Vorstellung hat. Dieser Mond im engeren Sinne ist der Begriff Mond; er muß intersubjektiv sein, denn sonst hätten Sie mich nicht verstehen können, als ich Sie bat, sich den Mond vorzustellen. 

Und diesen intersubjektiv kommunizierbaren Begriff malt sich jeder von uns subjektiv nach seiner eigenen Facon aus.

 

Damit können wir zusammenfassen:

Vorstellungen bestehen in der Einheit von intersubjektivem Begriff und subjektiver Ausmalung.

Lax formuliert sind Begriffe schmucklos-abstrakt-logische „Vorstellungen“ und Vorstellungen anschaulich-ausgemalt-alltägliche „Begriffe“.

 

„Obwohl die Ausmalungen anschaulich sind, gelten sie Ihnen – wie die  Begriffe – als rein geistig und nicht sinnlich?“

Ich bin fest überzeugt davon, daß die Ausmalungen, die beispielsweise ein Wassily Kandinsky vor sich gesehen hat, in ihrer Genialität nicht hinter den Begriffen eines Mathematikers zurückstehen. Aber das ist sogar unwichtig; entscheidend scheint mir vielmehr allein, daß das Sinnliche in unbestreitbaren Eigenschaften und nicht in beliebigen Auschmückungen besteht – selbst bei gleichen Formen und Farben.

 

Aber bezeichnen oder kommunizieren können wir die Ausmalungen tatsächlich ebensowenig wie die Anschauungen.

„Sie tun es doch gerade mit Hilfe des Wortes ‚Ausmalungen‘!“

Nein; natürlich bezeichnet es einen Begriff; andernfalls wäre es doch völlig sinnleer, dieses Wort überhaupt zu benutzen, und wir könnten stattdessen auch „blablabla“ sagen. Aber das ist ein Sammel-Begriff, den wir am besten als Irgendeine-Ausmalung oder Ausmalung-überhaupt wiedergeben.

Die jeweilige konkrete einmalige Ausmalung – Ihres bzw. meines Mondes im Beispiel – ist als solche weder bezeichen- noch kommunizierbar. 

 

Mittels des Wortes „X“ können wir bezeichnen; unmittelbar oder direkt lassen sich jedoch nur Begriffe bezeichnen; in dem Fall also der Begriff X. Indirekt bezeichnen wir mittels der Begriffe aber auch Wahrnehmungen und Vorstellungen.  

Die Frage, woher wir die Begriffe nehmen oder wie sie in unser Bewußtsein gelangen, ist relativ unproblematisch:

Sie entstehen nach und nach innerhalb der „Ontogenese“ durch unsere Kommunikation, die damit beginnt, daß die Eltern mit ihren Kinderrn – nicht nur sprechen, sondern – Sprachspiele spielen, das heißt, ganz einfach zusammenleben, wodurch die Kinder am Weltbild der Eltern teilhaben und in dieses hineinwachsen.

1.7.2. Bilder

„Babys oder Tiere können nicht einmal Schmerzen haben, sagen Sie, weil es ohne Begriffe keine Beschreibungen und damit auch keine Erlebungen gibt. 

Aber wieso erschrickt dann ein Schaf offensichtlich furchtbar, wenn es zum ersten Mal in seinem Leben einen Wolf sieht. Es kann doch dann unmöglich wissen, wer oder was vor ihm steht.“

Richtig; das weiß es auch tatsächlich nicht, es erkennt jedoch in der oder durch die Anschauung den Wolf als ein prägendes Bild. Es gibt große Ideen in der „Onto-„ und große Bilder in der „Phylogenese“.

Wäre dem nicht so, könnten wir schwerlich mit sprachlosen Tieren zusammenleben. Haben Sie sich beispielsweise nie gewundert, warum Katzen oder Hunde uns ins Gesicht – und nicht auf die viel günstiger lokalisierte Kniescheibe – schauen? Natürlich sehen sie weder Gesichter noch Kniescheiben, sondern nur sprachfreie Anschauungen – und dazu gehören auch die angedeuteten Bilder.

 

Mit ihnen haben wir heute gewaltige Schwierigkeiten. Es ist die Stärke unserer Kultur, daß sie ganz stark von Begriffen bestimmt wird – aber diese Einseitigkeit bildet natürlich auch ihre Grenze; die meisten von uns können kaum noch in Bildern denken.

Ein Paradebeispiel, um dies zu verdeutlichen, bildet der Umgang der katholischen Kirche mit der Jungfrauengeburt.

Die letztere stellt ein Bild dar, das in den meisten Hochkulturen auftritt und aussagekräftig ist, von uns aber nicht mehr mehr verstanden wird. Wenn die Jungfrauengeburt dann ersatzweise begrifflich als historische Tatsache behauptet wird, ist das nicht nur sehr naiv sowie völlig unnötig und belanglos, sondern zudem wird auch die Chance auf eine tiefe Einsicht verspielt und der Lächerlichkeit preisgegeben.

 

„Aber ist es nicht sehr überheblich zu sagen, Gott bekäme es nicht hin, daß eine Jungfrau ein Kind bekommt?“

Das ist das übliche Verständnis an dieser Stelle, aber dergleichen habe ich doch gar nicht gesagt. Wer Freiheit hervorbringen kann, dürfte keinerlei Schwierigkeiten mit einer simplen Jungfrauengeburt haben.

Traditionell Denkende sind meines Erachtens größenwahnsinnig, wenn sie sich anmaßen zu wissen, was sein kann und was nicht.

Bei unserem Ansatz wird diese Kritik noch schärfer, denn was sein kann und was nicht, hängt darin nicht nur von unserer subjektiven Vernunft ab, sondern zudem auch noch von unserem Weltbild, denn dieses bestimmt über das für uns Denkbare.

Und außerdem gibt es in unserem Leben handfeste Probleme; ich kann beim besten Willen nicht ehrlich glauben, daß Gott nichts Wichtigeres zu tun hat, als das Hymen von Maria unversehrt zu erhalten.

 

Die Bilder der vor-modernen Mythen wurden durch die Begriffe der modernen Wissenschaft ersetzt. Der Mythos wird heute zumeist als überholt dargestellt, und der Übergang von ihm zum Logos gilt vielen als der Fortschritt oder das Licht der Aufklärung schlechthin.

Ich glaube das nicht, sondern halte ein Weltbild ohne Bilder und Mythen nach wie vor für abwegig einseitig, entzaubert, rational, kalt und leer.

Natürlich kennt es auch keine Götter mehr – sie sind die Bilder schlechthin –, und deswegen war das Christentum stark an dieser „Aufklärung“ interessiert und beteiligt. Aber der diesbezügliche Erfolg erweist sich als ein Pyrrhussieg, denn zum einen ist die „Zahl“ der Götter irrelevant, weil sie gar nicht „zahlfähig“ (Hermann Schmitz) sind; nur Gewußtes läßt sich zählen. Und zum anderen würde selbst der reinste Monotheismus in dem Maße einen Götzendienst darstellen, wie er mit Gewalt im weitesten Sinne verbunden ist. Er wird dann „zum Komplizen einer Gesellschaft, die sich nicht wandeln will“ (Johann Baptist Metz).

Die Kraft, die von den mythischen Bildern ausgehen kann, – nicht aber die Naivität oder Rückständigkeit unserer Vorfahren – macht meines Erachtens verständlich, daß die gesamte uns bekannte Menschheitsgeschichte religiös geprägt ist.

1.7.3. Formen der Seele

Wolfgang Giegerich hat auf den Spuren von Carl Gustav Jung – als Lebenswerk – einen Ansatz entwickelt hat, in dessen Mittelpunkt die Seele steht. Sie bildet den „einzigen legitimen Gegenstand der Psychologie“ und hat nahezu nichts mit der traditionellen Psyche zu tun.

Um das ein wenig nachvollziehen zu können, führen wir – analog zur „ontologischen Differenz“ Martin Heideggers zwischen Sein und Seienden – die „psychologische Differenz“ zwischen Psychologischem und Psychischem von Carl Gustav Jung ein.

 

Letzteres entspricht der traditionellen Psyche und ist das, was der Therapeut in seiner Praxis behandelt – letztlich vollkommen unabhängig von der Schulrichtung.

Carl Gustav Jung haben die hier zur Sprache kommenden Fragen, Probleme und Störungen kaum interessiert, weil es ihm um die andere Seite der Differenz, das Psychologische, ging; er befürchtete sogar, daß selbst die meisten der „angeblichen Schüler“ so gut wie nichts von seinem Anliegen verstehen und er diesbezüglich „wohl ganz einsam“ sei.

Das Erkenntnisziel von Carl Gustav Jung bestand im Psychologischen, das nicht von der Psyche, sondern von der Seele handelt. „Eine Psychologie ohne Seele“ wäre, Wolfgang Giegerich zufolge, wie „eine Physik ohne Materie“, ein Widerspruch in sich. Die Seele zeigt sich nicht in der subjektiven Behandlung – der Psyche –, sondern in intersubjektiven Märchen, Mythen oder Träumen sowie Riten, Zeremonien, Kunst- oder Gebrauchsgegenständen usw.

 

Die Jungsche Seele besteht „in der gegensätzlichen Einheit von Anima und Animus„. Diese Formulierung ist nicht widersprüchlich, wie wir uns am Magneten verdeutlichen können, der in der gegensätzlichen Einheit von Nord- und Südpol besteht.

Der Anima verdanken wir die Bilder und dem Animus die Ideen; beide zusammen bilden die „Formen der Seele“.

Wenn Tante Gretel ein neues Häkelmuster entwickelt, dann steht dahinter eine Anschauung – aber kein Bild. Bilder sind wirkmächtige und dadurch partiell intersubjektive Anschauungen; und völlig analog verhalten sich auch die Ideen zu den Begriffen.

 

Jetzt runzeln Sie hoffentlich leicht irritiert Ihre Stirn:

„Wo soll denn diese Seele auf einmal herkommen? Einfach ihre Existenz zu behaupten, wäre doch ein vernichtender Rückfall in das traditionelle Urbild-Denken. Es gibt . . .“

Wir müssen prüfen, ob bei uns eine Entität vorkommt, die der Jungschen Seele entsprechen und deren Funktion übernehmen könnte. Die Antwort hierauf scheint mir nicht sehr schwierig zu sein:

Die zeitliche Eigendynamik der Gegenwart bzw. des Bewußtseins tritt bei uns an die Stelle der Jungschen Seele.

 

Der Künstler allein bringt keine kreativen Werke hervor und der Wissenschaftler allein keine umwälzenden Theorien; aber ohne Künstler bzw. Wissenschaftler hätten wir sie natürlich ebenfalls nicht.

Heinrich Rombach sprach deshalb von Konkreativität und wollte damit zum Ausdruck bringen, daß die Subjektivität allein nicht genügt. Der Künstler bedarf der Muße und der Wissenschaftler vielleicht einer konstruktiven Situation. Der Tischlermeister muß die handwerklichen Fähigkeiten mit dem Holz und dessen Struktur, seinem eigenen Lebensgefühl sowie den bisherigen Erfahrungen und der Aufgabenstellung verschmelzen, damit sich eine Eigendynamik seines Bewußtseins entfalten kann.

Sie ist für eine isolierte Subjektivität nicht mach- oder verfügbar; „es geht, gelingt oder glückt vielleicht sogar“ (Heinrich Rombach), wenn die ganze Gegenwart zusammenspielt. Stimmt einfach alles, sind wir zu Leistungen fähig, die uns selbst überraschen.

Ich hoffe, daß Sie mich verstehen, weil Sie es anhand Ihrer eigenen Erlebungen bestätigen können.

 

Wenn die Jungsche Seele der zeitlichen Eigendynamik der Gegenwart entsprechen soll, müßten ihre Formen mehr oder weniger intersubjektiv sein. 

Die Zeugnisse der verschiedensten Völker und Zeiten zeigen in der Tat, daß viele Bilder nahezu überall auftreten. Einfache bekannte Beispiele sind Drachen, Königskinder, Pyramiden, der Lebensbaum, die verfeindeten Brüder, die Jungfrauengeburt, der Ouroboros (eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt), Engel oder gute (blonde) Feen; Jung spricht in diesem Zusammenhang von Archetypen.

Mit einem Mal setzt sich in weiten Teilen der Welt die Idee des Monotheismus durch und in halb Europa diejenige der Aufklärung. Viele große Theorien – ein Paradebeispiel bilden die nichteuklidischen Geometrien – treten ziemlich gleichzeitig an den verschiedensten Orten auf, was sogar zu Streitigkeiten wegen der Urheberschaft führen kann (Carl Friedrich Gauß gegen János Bolyai).

Weshalb sind Göttergestalten auf der ganzen Erde einander so ähnlich? Wie kann es möglich sein, daß sich Schriftzeichen längst untergegangener Kulturen entziffern lassen? Woher kommt die häufig weltweite Ähnlichkeit der Symbole? 

Handelt es sich tatsächlich um Formen der Seele – und nicht nur um ein Darüber-Reflektieren wie gegenwärtig bei uns –, gehen von ihnen gewaltige Wirkungen aus. Die Idee der Pyramiden beispielsweise hat „das ganze Gewicht der Metaphysik des Pharaonentums als des daseienden Selbsts der Ägypter, des Totenkults und der Jenseitsreise der Seele in sich“ (Wolfgang Giegerich) und wird dann sogar von den Mayas übernommen.

 

Ein weiterer Hinweis für die seelische Eigendynamik oder Unverfügbarkeit besteht meines Erachtens auch in der Tatsache, daß schöpferische Menschen zumeist nicht wissen, wie sie eigentlich zu ihren Resultaten gelangt sind. Des öfteren ist hierbei von Träumen die Rede oder von Zufälligkeiten, die – scheinbar – aber auch gar nichts mit ihrem Thema zu tun haben.

Ja mehr noch; häufig beteuern die Künstler oder Wissenschaftler sogar, daß ihre Kreationen nicht dem eigenen Denken oder Wollen entspringen, sie sich eher als ausführendes Organ einer „höheren Macht“ erleben und so handeln „mußten“. Bei Goethe lesen wir beispielsweise „die Lieder machten mich, nicht ich sie“, „sie hatten mich in ihrer Gewalt“ oder „es sang bei mir“.

Zur Intersubjektivität der Seele gehört für mich auch, daß große Menschen – Weise, Propheten, Denker oder Religionsstifter beispielsweise – auf ihre Art den Geist einer Epoche zum Ausdruck bringen oder wie Hegel „die Zeit in Gedanken fassen“ können. Sie stellen nicht irgendetwas Interessantes dar, sondern treffen genau das, was zwar viele Zeitgenossen spüren oder ahnen, aber ohne es auf den Punkt bringen zu können; plötzlich ist überall der Sozialismus attraktiv – oder etwas aktueller der Nationalismus.

1.7.4. Vereinfachung unserer Darstellung

Ich habe sehr lange überlegt, wie wir jetzt am besten weiter vorgehen.

Auf der einen Seite ist es mir wichtig, den Metaphysischen Explikationismus möglichst grundlegend und allgemein darzustellen, damit deutlich wird, wie fruchtbar er bei vielen unserer Fragen und Probleme sein kann.

Auf der anderen Seite würde dies jedoch eine sehr aufgeblähte und assoziativ nicht unbedingt hilfreiche Begrifflichkeit erfordern, die ich nur kurz andeute: 

 

Bilder und Ideen bilden die geistigen Formen der Seele, haben wir soeben gesehen.

 

Aber nicht alle Begriffe sind revolutionäre Ideen; die meisten von ihnen sind eher unauffällig.

Analog dazu bilden die Gestalten die uauffälligen Bilder.

Parallel zu den Formen fassen wir Gestalten und Begriffe zu geistigen Strukturen zusammen.

 

Vorstellungen stellen Strukturen dar, die eventuall ausgemalt werden; dann bestehen sie in der geistigen Einheit von Ausmalung, Gestalt und Begriff.

Bei ihrem Pendant, den Wahrnehmungen, wird diese Einheit von Struktur und sinnlicher Anschauung bzw. Anschauung, Gestalt und Begriff gebildet.

 

Sie sehen, leicht und sonderlich eingängig gänge es wohl kaum.

Wir wählen deshalb einen Kompromiß und machen uns dabei zunutze, daß in unserer gegenwärtigen Kultur die Bilder bzw Gestalten ohnehin eine nur marginale Rolle spielen. Wenn nicht explizit Gegenteiliges geschrieben steht, streiche ich also beide im weiteren, so daß der bunte Text eine vereinfachte Form annimmt

 

Bilder und Ideen bilden die geistigen Formen der Seele.

 

Aber nicht alle Begriffe sind revolutionäre Ideen; die meisten von ihnen sind eher unauffällig.

Analog dazu bilden die Gestalten die uauffälligen Bilder.

Parallel zu den Formen fassen wir Gestalten und Begriffe zu geistigen Strukturen zusammen.

 

Vorstellungen stellen Strukturen dar, die eventuall ausgemalt werden; dann bestehen sie in der geistigen Einheit von Ausmalung, Gestalt und Begriff.

Bei ihrem Pendant, den Wahrnehmungen, wird diese Einheit von Struktur und sinnlicher Anschauung bzw. Anschauung, Gestalt und Begriff gebildet.

 

Fast immer können Sie die vollständige(re) Darstellung rein formal also dadurch gewinnen, daß sie „Begriff“ durch „Gestalt und Begriff“ ersetzen.

Wäre das alles, würde ich es natürlich auch tun; aber es gibt noch andere Konsequenzen.

Beispielsweise fallen intuive Formulierungen wie das Auf-den-Begriff-Bringen weg, und als recht erheblich erweist sich für die Darstellung auch das Problem, daß Bilder bzw. Gestalten als solche nicht gewußt und damit auch nicht bezeichnet werden können.

 

„Aber wir haben doch oben problemlos über das Bild der Jungfrau gesprochen?!“

Haben wir nicht.

Es gibt den Begriff bzw. die Idee der Jungfrau und ihre Gestalt resp. ihr Bild. Jene können wir bezeichnen und somit auch sehr leicht darüber sprechen. Gestalten und Bilder sind jedoch nur bewußt, so daß sie lediglich bechrieben werden können.

Das haben wir nicht getan, sondern höchstens erwähnt; es lief alles wie am Schnürchen, weil nur von dem Begriff bzw. der Idee Jungfrau die Rede war.

1.8. Zusammenfassung

In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte zusammenfassend wiederholt, damit die Studierenden sich das neue Wissen gut einprägen können. Bei uns geht es jedoch nicht um ein Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Andern von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe, nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Denkniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen.

Wo befinden wir uns? Weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erwartet uns nun? 

 

Sowohl der traditionelle als auch unser Ansatz unterscheiden zwischen Innerem und Äußerem, aber die beiden Einteilungen haben nahezu nichts miteinander zu tun.

Traditionell stellt man sich vor, das allumfassende Ganze – wie der, mit dem und durch den Nous – von Außen sehen zu können. Dann liegen die Seienden der Welt (sowie eventuell Gottes als einer Nebenwelt) vor uns ausgebreitet, und sämtliche Subjekte besitzen jeweils ihr eigenes Innen. Zu ihnen gehören auch wir, so daß sich die Gesamtschau, die ich soeben andeuten wollte, in unserem Innen befinden muß; eine Vorstellung von der objektiven Totalität in uns.

Ich halte das nicht nur für absolut unverständlich, sondern mehr noch für größenwahnsinnig und unterteile deshalb völlig anders; in das jeweils eigene Bewußtsein und sein Außerhalb. Ohne (Kontakt zum Nous) gibt es auch keine Welt, so daß sich der Bewußtseins-„Inhalt“ wirklich auf den Bewußtseins-„Inhalt“ beschränkt. Das stellt keine leere oder tautologische Formulierung dar, denn traditionell weist der Bewußtseins-„Inhalt“ über sich hinaus; ich wiederhole bewußt:

Innen muß sich eine Vorstellung von der objektiven Totalität befinden – die natürlich selbst dem Außen angehört.   

Bei uns gilt dagegen:

Im Bewußtsein befindet sich die eigene Totalität als subjektive Vorstellung – ohne jedes Pendant im Außerhalb.

 

Damit entfällt insbesondere die Zuordnung des Innen zu einem Körper, so daß es für uns keine Subjekte gibt. Man muß die Objekte von außen sehen, um ihnen – gegebenenfalls – ein Innen zuordnen zu können.

Das ist bei uns ausgeschlossen, alle Wissungen gehören dem Bewußtsein an, und dieses hat folglich keinen Besitzer; es gibt keinen „Bewußthaber“ (Hermann Schmitz).

Das Bewußtsein ist natürlich kein Gefäß, sondern nur „Inhalt“ und besteht im kontinuierlichen Fluß unseres Lebens sowie den darin enthaltenen diskreten Ereignungen. Auch die Wissungen besitzen keine Referenten, und eben deswegen kann der Bewußtseins-„Inhalt“ nicht über sich hinaus verweisen.

 

An die Stelle der traditionellen Subjekte treten bei uns die Subjektivitäten; weder existieren sie noch sind sie – als Lebend(ig)e – die Subjekte des verbalen Lebens. Vielmehr ergeben sich die Subjektivitäten erst aus dem oder durch das Leben, Das hat zwei fundamentale Konseqenzen.

Zum einen ist der Satz „Die Subjektivitäten leben“ falsch, denn es gibt nur die unzerlegbare Einheit aus Subjektivität und verbalem Leben, die wir als substantivisches Leben zusammenfassen. Ohne Leben keine Subjektivität, und ohne Subjektivität kein subjektives Leben (mit seinen Ereignungen).

Aus Descartes‘ „ich denke“ insbesondere wird für uns also nicht Georg Christoph Lichtenbergs „es denkt“, sondern ebenfalls die entsprechende Einheit.

 

(substantivisches) Leben   =   { Subjektivität + verbales Leben }

 

Zum anderen mögen beliebig viele Leben existieren; davon haben wir jedoch keine Ahnung. Da die Subjektivitäten durch „ihr eigenes“ Leben erst konstituiert werden, erfahren sie das Leben nur von innen, so daß jeglicher Zugang zu einem  anderen Leben ausgeschlossen ist:

 

Daß Außerhalb des Bewußtseins ist uns absolut unzugänglich; bisher gehören ihm das eigene Weltbild, andere Leben sowie der Ursprung an. Letzterer ist unbestreitbar, weil es uns sonst gar nicht gäbe, und die fremden Leben müssen wir anerkennen, um uns selbst keine (solipsistische) Sonderrolle zuzuschreiben; sämtliche Subjektivitäten stehen gleichwertig nebeneinander.

Aber nicht wie die Subjekte; wir schauen keine einzige Subjektivität, sondern sind lediglich „unsere“ Selbsterfahrung. Die Anführungsstriche sind wichtig, denn wir erfahren uns nicht selbst, sondern werden erst durch oder als die Selbsterfahrung konstituiert, so daß sie noch nicht die unsrige sein kann.

Daß jedes andere Leben und Bewußtsein für uns prinzipiell unerreichbar ist, besagt keineswegs, daß nicht beliebig große Übereinstimmungen bestehen können; sie sind lediglich unkontrollierbar; wir können sie weder sinnvoll behaupten noch bestreiten.

Ich weiß nicht, ob Moritz denkt wie ich; aber aufgrund seines Redens und Handelns, die ich in meinem Bewußtsein erlebe, – wo auch sonst? – müßte man es fast annehmen.

 

Alle Subjektivitäten leben in, aus, durch und mit Gott.

Jede von ihnen bestimmt selbst darüber (mit), wieviel sie von Gott (er)lebt bzw. ihr als Ursprungs-„Rest“ entgeht.

Nun ist einerseits klar, daß die Subjektivitäten nicht in der Welt leben, weil keine vorhanden ist.

Andererseits folgt daraus, daß sie auch nicht in „Raum“ und „Zeit“ leben können. Traditonell gehören beide zur Welt; für uns stellen sie jedoch nur Wissungen dar, die einen Teil unseres Weltbilds bilden, so daß wir mit, aber nicht in ihnen leben.

 

In beiden Ansätzen gibt es nur eine (Art von) Wirklichkeit.

Traditionell besteht sie in einer erfundenen Welt, die angeblich vorhanden ist, das heißt, im Nichts schwebt. Alle immanenten „Erklärungen“ dieser Wirklichkeit bewegen sich eo ipso in ihrem Rahmen – und können folglich nichts erklären. Dabei hilft es natürlich auch nicht, wenn zur Welt ein Gott als Neben-Welt hinzugedacht wird, denn er ist ebenso immanent wie die Welt und schwebt also mit ihr.

Ohne eine sich selbst tragende oder begründende transzendente Wirklichkeit bleibt das grundlose Schweben im Nichts unvermeidlich. Dewegen habe ich Gott einführen müssen, und nicht, weil ich „gläubig“ bin; ich möchte lediglich keinen offensichtlichen Unsinn schreiben.

Wenn Sie ein anderes Fundament finden, lassen Sie es mich bitte wissen; ich wäre begeistert.

 

Die Wirklichkeit Gottes überträgt sich auf uns; das reicht bis zu den Erlebungen, in denen wir das eigene Leben durch die Brille unseres Weltbilds sehen.

Während die Wahrnehmungen hinsichtlich ihres Daß unbestreitbar sind, zeigen sich in den Vorstellungen lediglich Möglichkeiten. Deswegen stellt sich uns bei jeder von ihnen auch die Frage, ob wir sie glauben oder nicht-glauben, annehmen bzw. ablehnen; Erdhörnchen „ja“, Erdmännchen „nein“.

Letzteres bedeutet, wir halten es für ausgeschlossen, daß die betreffende Vorstellung jemals zu einer Wahrnehmung für uns werden könnte.

Im Falle eines „ja“ liegen keine so eindeutigen Verhältnisse vor, weil nicht alles, was wir glauben, auch wahrnehmbar sein muß. Der Erdmittelpunkt beispielsweise ist es nicht; aber wer die Erde als Vollkugel denken möchte, muß ihn trotzdem mitglauben.

 

Gott ist so allgegenwärtig wie unser eigenes Leben, denn dieses besteht im geglaubten oder angenommenen Gott. Das ist kein kultisches Gerede, wenn wir diese Wirklichkeit des Lebens bzw. Gottes als Nur-Bewußtes verstehen, denn das läßt sich zwar als solches, während es – bewußt – ist, nicht feststellen, wir kennen es aber „nachträglich“ als Dösen, Geistesabwesenheit oder ungegenständliche Meditation.

In den Ereignungen wird sich das Leben bzw. Gott seiner selbst bewußt; Gott will sich in unserem Bewußtsein oder als unser Leben seiner selbst gewahr werden und uns damit vergöttlichen.

 

Damit drängt sich der Gedanke, das Wahrnehmen als einen zweistufigen Akt zu verstehen, förmlich auf.

Im ersten resultieren rein sinnliche Anschauungen, die für eine relativ lange Dauer näherungsweise konstant sind, so daß wir uralte Felszeichnungen identifizieren und den ägyptischen Re zu unserer Sonne überformen können.

Dieser Akt tritt an die Stelle der traditionellen Phylogenese.

Sein „ontogenetisches“ Pendant besteht darin, den partiell intersubjektiven Anschauungen mittels des eigenen Weltbilds eine kurzlebigere geistige Auffassung oder Interpretation zu geben und sie damit in Wahrnehmungen von einer geringeren Intersubjektivität überzuführen.

2. Genese des Geistes

Wer bisher kaum darüber nachgedacht hat, stellt sich Geschichte wohl recht problemlos als eine Aufeinanderfolge der Ereignisse vor, die „seit Beginn der Welt“ sukzessive zu uns geführt haben. Natürlich ahnen wir, daß nur ein paar geschichtliche Leuchttürme davon überliefert sind, nahezu alles unbekannt bleibt und wir so gut wie gar nichts wissen. Aber das ändert unsere Sichtweise nicht; theoretisch, so glauben wir, ließen sich die riesigen (Fast-nur-)Lücken durch historische Forschungen immer weiter auffüllen. 

 

Nach unseren Überlegungen im ersten Teil ist ein solches Geschichtsverständnis freilich unhaltbar geworden: Die Historiker haben Vorstellungen, aber nicht von der Vergangenheit, sondern von nichts – weil Wissungen keine Referenten besitzen. Vorstellungen sind Vorstellungen – ohne Wovon.

Damit bestreite ich nicht, daß es eine Geschichte oder Vergangenheit gegeben hat – das wäre ja widersinnig –, sondern lediglich unsere Gewißheit, sie zu kennen. Die Vergangenheit ist vergangen; wie sollte eine Übereinstimmung mit ihr aufgezeigt oder widerlegt werden?

Die Vorstellungen der Historiker beziehen sich nicht auf die Geschichte oder Vergangenheit, sondern bilden selbst die Historie bzw. das Früher. Vielleicht stimmen diese mit jenen überein, aber das läßt sich weder sinnvoll behaupten noch bestreiten, denn für eine Überprüfung kommen wir immer schon zu spät; die Vergangenheit ist bereits weg. 

Ohne sie gäbe es gar kein Früher; sie ist notwendig dafür. Das wird besonders daran deutlich, daß ohne die Vergangenheit natürlich ebensowenig ein Jetzt oder Später existieren würden, denn in ihr verlief die Geschichte, die die gesamte Gegenwart mit ihren drei Tempi hervorgebracht hat. Wieso soll das gegenwärtige Früher der Vergangenheit näherstehen als das gegenwärtige Später?

Beides sind lediglich Produkte der Vergangenheit.

 

Noch eine zweite prinzipielle Schwierigkeit kommt hinzu.

Nicht wenige Menschen haben heute Schwierigkeiten damit, ihre Großeltern zu verstehen, und es fällt uns allen schwer, mittelalterliche Literatur zu lesen. Es gibt offensichtlich Brüche in der Historie, die wir durch eine simple Extrapolation unseres Denkens in das Früher ignorieren würden; schon unsere Großeltern werden damit verfehlt.  

Viele, zum Teil große Denker – von August Comte über Ernst Cassirer bis Ken Wilber – haben versucht, diese historischen Brüche zu berücksichtigen und dabei zwischen zwei und acht größeren Korrekturen des Geistes unterschieden, die sich teilweise (Jean Gebser, Pierre Teilhard de Chardin) auch noch auf das Später beziehen.

 

Aber nochmals:

Die Geschichtsphilosophen sprechen nicht von der Vergangenheit – oder vorsichtiger: dürften zumindest nicht behaupten, es zu tun –, sondern entwerfen ein Früher, das sich als passable Hinführung zum Jetzt verstehen läßt.

Für unser Anliegen genügen diesbezüglich die letzten drei Jahrtausende der abendländischen Geschichte.  Wir unterteilen sie in (I) Vorantike, (II) Antike mit Mittelalter, (III) Moderne sowie (IV) Postmoderne und versuchen, die drei historischen Anderungen zwischen diesen Geistesformationen möglichst anschaulich darzustellen.

 

In der nachstehenden Tabelle habe ich teilweise ein wenig vorgegriffen, damit Sie die neuen Gedanken möglichst leicht einordnen können

 

 

traditionelles Denken unser Ansatz
I II III IV
         Vorantike         Antike und Mittelalter           Moderne                Postmoderne     
       
objektive Welt objektive Welt objektive Welt subjektive Weltbilder
Seiende Seiende Seiende ————
———— ———— ———— Anschauungen
? Außen-Innen-Dualismus Außen-Innen-Dualismus weder Außen noch Innen
 ganzheitliches Subjekt Subjekt mit Seele
Subjekt mit Psyche
Subjektivität mit Bewußtsein

 

Abbildung 2.

2.1. (Temporal-)"Zeit" und (Modal-)Zeit

„Ich habe Schwierigkeiten damit, Ihnen zu folgen.

Sie hatten uns im ersten Teil erklärt, daß die Tradition völlig unbegründet die Wissungen in Wissungen und Gewußte verdoppelt, letztere also nur erfindet und damit eine Welt hervorzaubert, an deren Vorhandensein sie dann selbst glaubt.

Nun befinden wir uns an einer sehr ähnlichen Stelle, aber Sie argumentieren ganz anders:

Die Hintoriker haben Wissungen und verdoppeln sie unbegründet in Wissungen und Gewußte. Sie erfinden jedoch nichts – denn die Geschichte bzw. Vergangenheit existierte tatsächlich –, sondern dürfen lediglich nicht behaupten, daß ihr Gewußtes mit der wirklichen Geschichte übereinstimmt.

Mich befriedigt nicht, daß es sich einmal so verhält und dann wieder anders.“

 

Das tut es nicht und wäre in der Tat auch unbefriedigend.

Die Tradition verdoppelt immer die primären Wissungen, gelangt damit zu eine Welt-Kopie, vertauscht die Prioritäten, so daß nun die Welt als primär gilt und die Wissungen zu deren sekundären Abbildern werden. Das verhält sich auch bei den Historikern so, denn die Welt ist doch eine, die sich in der „Zeit“ mit ihren Tempi erstreckt.

Daß es eine geschichtliche Vergangenheit auch tatsächtlich gab, hat damit gar nichts zu tun und ist bei uns unbedingt erforderlich, denn wie anders wollen wir die Entstehung unserer gegenwärtigen Wissungen erklären? Die Tradition tut dies von der Welt her, benutzt dabei aber einen logischen Zirkel. Wir haben das durchschaut und ersetzen deswegen die Welt durch die Vergangenheit:

Unsere gegenwärtigen Wissungen stellen keine Abbildungen der Welt dar, sondern sind ein Resultat der Vergangenheit; hätten wir  anders gelebt, wüßten wir auch anderes.

Die nachfolgende Darstellung soll diese Überlegungen veranschaulichen, und dann wiederhole ich letztere nochmals, weil die Gedankenführung sehr unüblich ist.

 

 

Lebenszeit  
           Zukunft           Gegenwart Vergangenheit           
?     ?  
    Wissungen                                                                          
    früher, jetzt, später      
    |      
    Verdoppeln      
         
    Gewußte = Welt  
    früher, jetzt, später   früher, jetzt, später  

 

Abbildung 2.1.

 

1.   Sowohl Ihnen als traditionell Denkendem als auch mir sind Wissungen gegeben, die sich über alle drei Tempi erstrecken.

2.   Die Tradition verdoppelt die Wissungen, erfindet damit Gewußte als Referenten zu diesen Wissungen, und deren Gesamtheit bildet die Welt.

3.   So erstreckt sich letztere ebenfalls in der (Temporal-)“Zeit“ aus Früher, Jetzt sowie Später.

4.   Wir verdoppeln die Wissungen nicht und haben folglich auch keine Welt.

5.   Die Tempi sind nicht die Zeit, sondern zeitlos und bilden als (Temporal-)“Zeit“ gemeinsam mit dem „Raum“ zwei Anschauungsformen für die Wissungen; letztere können also „räumlich“ und „zeitlich“ sein.

6.   Damit leugnen wir die Zeit nicht, sondern verstehen sie nur anders, nämlich als die Einheit der drei Modi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder (Modal-)Zeit.

7.   Das ist die (Modal-)Zeit, in der wir – in Gott – leben.

8.   Die Wissungen, mit denen wir begonnen hatten, bilden eo ipso die gegenwärtigen, das heißt, sie gehören der Gegenwart an.

9.   Wir könnten also sämtliche „zeitlichen“ und „räumlichen“ Prädikate mit einem Index „g“ für „gegenwärtig“ versehen. Er würde uns daran erinnern, daß sich ihre Bedeutungen kontinuierlich andern, ist aber selbstverständlich, so daß wir ihn weglassen.

10. Es ist immer Gegenwart; das stellt weder eine Behauptung noch eine Erkenntnis dar, sondern soll als Tautologie verstanden werden; die Gegenwart bildet die „seiende“ Zeit in deren Werden.

11. Die gegebenen Wissungen können nicht aus den früheren resultieren, denn alle Wissungen – einschließlich der früheren – gehören ja der Gegenwart an; es gibt also auch die früheren Wissungen erst gegenwärtig.

12. Somit müssen alle Wissungen der Vergangenheit enstammen.

13. Wir wissen also nicht von der Vergangenheit, sondern durch sie.

14. Natürlich wissen wir von der Zukunft ebensowenig – wenn es keine Referenten gibt.

15. Damit läßt sich der Wechsel vom traditionellen zu unserem Denken im Ganzen als Übergang – der Wirklichkeit – von einer zeitlosen Welt zu einem zeitlichen Leben verstehen. 

16.   Konkret im gegenwärtigen Zusammenhang haben wir die Welt durch die Vergangenheit ersetzt, um die Wissungen – ohne Zirkelschluß – als unseren Ausgangspunkt erklären zu können

     

„Ich erahne die Richtung Ihrer Antwort und hoffe, wir kommen noch ausfürlich darauf zurück; das war eher eine äußerst kurze Zusammenfassung . . .

Aber vielleicht sollten Sie bereits an dieser Stelle ein Wort zu den historischen Zeugnissen sagen, deren Existenz sich doch kaum bestreiten läßt.“

Doch; ein bißchen schon.

Die Historiker finden Schriftrollen, Tonscherben, Schädelknochen, Grabbeigaben, Schmuckstücke usw. als „Zeugnisse der Vergangenheit“. Aber selbst diese – als primitiv und selbstverständlich erscheinende – Aufzählung kann bereits falsch sein, denn das sind möglicherweise keine Zeugnisse der Vergangenheit, sondern bereits deren Interpretationen mittels unseres gegenwärtigen Weltbilds.

Vielleicht gab es in der angeblich bezeugten Vergangenheit beispielsweise gar keinen Schmuck, sondern nur Schutz gegen bösen Zauber und gefährliche Verwünschungen.

„Das dort“ – diese unsagbare Anschauung – bildet natürlich ein Zeugnis der Vergangenheit; aber als Schmuck tut sie es eventuell bereits nicht mehr. Indem wir die Anschauungen auf den Begriff bringen oder interpretieren, werden sie zu Wahrnehmungen im Rahmen unseres Weltbilds, und damit gehen die Zeugnisse der Vergangenheit möglicherweise in Früher-Wissungen der Gegenwart über.  

Wir bestreiten also keineswegs, daß die Archäologen Anschauungen finden, sondern geben lediglich zu bedenken, daß deren Wahrnehmung bereits ein Anschauen-als . . . darstellt und damit bereits kein Zeugnis der Vergangenheit mehr sein muß.

 

„Was die Historiker finden, sind Anschauungen, die sie aber nicht bezeichnen können, ohne sie als Zeugnisse der Vergangenheit zu zerstören. Damit könnten wir die Anschauungen definieren als Wahrnehmungen vor ihrem Auf-den-Begriff-gebracht-Werden?

Jein; Sie haben mich wohl verstanden und meinen das Richtige – aber ich glaube, so formulieren sollten Sie es trotzdem nicht.

Wir dürfen nicht bei der Sonne oder den Schriftrollen beginnen und uns dann dumm stellen. So – falsch – wird auch häufig die Materie erklärt: „Schau Dir die Kugel an und streiche alles Kugelige; was dann bleibt, ist ihre Materie.“

Das Auf-den-Begriff-Bringen bedeutet, daß die betreffende Anschaung als Wahrnehmung in unser Weltbild projiziert wird. Aber bei einer solchen Projektion geht möglicherweise viel verloren; die unterschiedlichsten Anschauungen können zur gleichen Wahrnehmung führen. Das Wahrnehmen erfolgt also irreversibel; streichen wir das Signifikat, kehren wir nicht von der Wahrnehmung zur Anschauung zurück.

 

En passant haben wir damit eine Erkenntnis hinsichtlich der Anschauungen gewonnen:

Sie gehören natürlich zur Gegenwart, aber in ihnen reicht die Vergangenheit in jene herein. Die Anschauungen bilden die Gegenwart der Vergangenheit GV.

„Aber Fossilien beispielsweise gehören doch eindeutig und nur zur Vergangenheit!“

Nein; sie sind Wahrnehmungen von ebenso unbestreitbaren wie unsagbaren Anschauungen, die erst durch die Evolutionstheorie – als Teil unseres Weltbilds – zu Fossilien werden.

Auch die „Kosmische Hintergrundstrahlung“ ist nicht an sich die Kosmische Hintergrundstrahlung, sondern eine Anschauung, die durch die heutige Physik zur Kosmischen Hintergrundstrahlung wird. Sie beweist also nicht die Urknalltheorie, sondern setzt diese voraus

 

„Aber die Kosmische Hintergrundstrahlung wurde doch bereits 1933 von Erich Regener antizipiert und 1964 durch Zufall tatsächlich nachgewiesen. Viele sehen darin einen entscheidenden Beweis für die – Richtigkeit der – Urknalltheorie.“

Ich weiß, aber dieser Schluß ist trotzdem in beiden Ansätzen unbegründet.

Aus unserer Sicht sollte der Fehler bereits deutlich geworden sein:

Wir glauben kein Seiendes namens „Urknall“, sondern zu unserem Weltbild gehört lediglich die Urknalltheorie, und ohne sie gäbe es auch keine Hintergrundstrahlung.

Traditionell folgt letztere aus dem Urknall. Aber Implikationen, das heißt, logische Schlüsse der Form p → q sind nicht umkehrbar in q → p, so daß aus der Hintergrundstrahlung nicht auf den Urknall geschlossen werden kann.

„Wenn es regnet, ist die Straße naß.“ Daraus folgt bei einer nassen Straße keineswegs, daß es geregnet haben muß; Tauwetter, Sprühwagen oder Wasserrohrbruch wären weitere Verursachungen.  

2.1.1. Änderungen und Anderungen

Das Kriterium historischer Arbeit kann nicht in der unkontrollierbaren Übereinstimmung der Früher-Wissungen mit der Vergangenheit bestehen, sondern lediglich in deren Konsistenz. Die Geschichtswissenschaftler bemühen sich um ein Früher, das unser Jetzt in möglichst jeglicher Hinsicht gut verstehen läßt und optimale Möglichkeiten für das Später eröffnet.

„Ziemlich rund wird das Ganze“, müßten sie sagen, „wenn wir uns die Historie folgendermaßen vorstellen“; und dann folgt ihr gegenwärtiger Konsens bezüglich der Früher-Wissungen. Die Historiker dürften jedoch nicht ausdrücken, daß es so gewesen sei, denn das sind lediglich leere, weil prinzipiell unüberprüfbare Behauptungen.  

 

Für eine gute Interpretation kann es nötig sein, historische Anderungen zu akzeptieren.

„Anderungen“ ist kein Schreibfehler, sondern Absicht. Änderungen erfolgen an etwas Konstantem; Anderungen bedeuten dagegen, daß alles anders wird und somit nichts Konstantes existiert, woran eine bloße Änderung möglich wäre.

Ein Apfel ändert seine Farbe und Größe, bleibt aber Apfel; wird er jedoch zur Birne, handelt es sich um eine Anderung. Natürlich machen Äpfel und Birnen soetwas nicht, aber daraus folgt kaum, daß auch in der Historie keine Anderungen auftreten können. 

In ihr – zwischen früher und später also – gibt es sowohl Änderungen als auch Anderungen.

 

In der Vergangenheit ereignete sich eine Genese des Geistes, die zu unserem gegenwärtigen Weltbild mit seinem Früher bzw. seiner Historie führte. Heinrich Rombach spricht vom „Leben des Geistes“ oder von seiner „Fundamentalgeschichte“; wer dergleichen ablehnt, hat ein Erklärungsproblem, denn Weltbilder sind weder einfach vorhanden noch fallen sie vom Himmel.

Und vom Früher können sie nicht herrühren, denn das gehört selbst zum gegenwärtigen Weltbild.

Vergangene geistige Epochen sind als solche tatsächlich vergangen im Sinne von unwiderbringlich weg. Nicht nur wollen oder können wir nicht mehr so denken, sondern wir wüßten gar nicht, wie „so denken“ gehen würde, um es wollen zu können.

Das ist bei Anschauungen anders; mit ihnen ragt die Vergangenheit als Vergangenheit in unsere Gegenwart herein und ist nicht einfach weg.

Während die Vorstellungen überformt oder aufgehoben werden, könnten wir auch formulieren, bleiben die Anschauungen unverformt bzw. aufbewahrt.

 

 

Zukunft ?    
      zeitliche Genese  
  — Änderungen und Anderungen →   |  
  früher jetzt später Vorstellungen               
    Wahrnehmungen   |    

 

Gegenwart

  interpretierte Anschauungen   |    
  =      
    ←—————— Begriff / Was    
    +        
    Anschauungen / Daß
     
        zeitliche Genese  
    Anschauungen / Daß
    |  
Vergangenheit   ?        
  früher jetzt später Vorstellungen    

 

Abbildung 2.1.1.

 

Die Historiker interpretieren die Anschauungen und dringen so mit den resultierenden Wahrnehmungen möglicherweise – aber unkontrollierbar – auch mehr oder weniger tief in die Vergangenheit ein, indem sie ein gegenwärtiges Früher mit seinen Änderungen und Anderungen konstruieren.  

2.1.2. Das explizierende Denkschema

„Wir wissen 1000 Dinge von historischen Persönlichkeiten; beispielsweise von Sokrates. Ohne Referenten dürfte es solche Kenntnisse aber doch gar nicht geben?“

Das ist richtig; gibt es auch tatsächlich nicht.

Um diese unglaubliche Antwort faßbar zu machen, wiederhole ich noch einmal, eine Vorgehensweise, die wir uns allmählich und eher unauffällig angeeignet haben, als „explizierendes Denkschema“ jedoch stärker in den Fokus rücken sollten.

 

Unsere Universalien sind wirklich und bilden – eben deswegen – keine Wissungen. Sie lassen sich nicht abbilden und werden damit auch nicht zu Referenten, so daß wir nur die Möglichkeit haben, die Universalien mittels bstimmter Wissungen zu interpretieren oder als solche zu betrachten.

Gott bzw. den Ursprung ersetzen oder explizieren wir durch diejenige Wissung unseres Weltbilds, ohne die es gar nichts gäbe.

 

Unsere Anschauungen sind unbestreitbar und bilden – eben deswegen – keine Wissungen. Sie lassen sich nicht abbilden und werden damit auch nicht zu Referenten, so daß wir nur die Möglichkeit haben, die Anschauungen mittels bstimmter Wissungen zu interpretieren oder als solche zu betrachten.

Den „helleuchtenden konturlosen Kreis am wolkenlosen Mittagshimmel“ ersetzen oder explizieren wir durch die Sonne.

 

In dem Fall kann ich mitgehen; aber ist derjenige, ohne den es gar nichts gäbe, nicht der wahre Gott selbst – und keine bloße Ersatz-Wissung?“

Diese Frage habe ich mir auch gestellt; aber wenn Sie meine Antwort verstehen, muß sie eine Wissung darstellen und kann somit nicht Gott selbst sein.

 

Wir nähern uns Ihrem Problem.

Subjektivitäten sind wirklich wie das (substantivische) Leben, denn sie bleiben darin integriert.

Eine solche Subjektivität ist auch Sokrates; er lebt – wie alle Subjektivitäten – weder im „Raum“ noch in der (Tempotal-)“Zeit“, und wir interpretieren, explizieren oder ersetzen ihn durch den speziellen Menschen namens „Sokrates“, der vor 2500 Jahren in Athen als freier Bürger „lebte“.

Zwischen den beiden Sokratessen „liegen Welten“; durch ein besseres Verständnis können wir die Differenz natürlich verringern, aber es bleiben „Welten“.

„Durch ein besseres Verständnis von welchem Sokrates?“

Das ist eindeutig:

Von dem Menschen Sokrates verstehen wir gar nichts, denn er ist nur Verstehung.

Wir „verstehen also die Subjektivität Sokrates“, aber so schlecht, daß unsere Verstehung – der Mensch Sokrates – unmöglich als eine solche von der Subjektivität Sokrates betrachtet werden kann.

 

„Also doch Referent, aber ein sehr ungenauer oder schlechter . . .?“

Wenn das Ihrem Verständnis dient – einverstanden; aber so daneben, daß von zwei völlig verschiedenen Entitäten die Rede ist und wir auch differente Namen benutzen sollten.

So ist es glücklicherweise – aber wohl nicht zufällig – bei Jesus bzw. Christus.

Auf der einen Seite haben wir den Menschen Jesus von Nazareth und auf der anderen die Subjektivität Christus. Jesus ist also nicht der Christus, sondern er vertritt ihn nur in unserem Denken.

Für Jesus gilt Entsprechendes, wie wir es soeben vom Menschen Sokrates gesagt haben; das sind lediglich unsere Wissungen; wahr können sie alle nicht sein.

Unabhängig davon, ob das nun wichtig wäre oder nicht: letztlich geht es für den Glauben allein um Christus.

 

Gott ist Mensch geworden, aber mit Sicherheit keine bloße Wissung; also muß er Christus und kann nicht Jesus geworden sein.

Gott wandelte somit nicht vor 2000 Jahren als Jesus durch das heutige Israel, sondern lebt als Christus wie wir und mit uns in Gott.

In dieser Formulierung wird es unsauber, aber wir können sie durch das Unterscheiden zwischen Vater und Sohn korrigieren:

Gott wandelte somit nicht vor 2000 Jahren als Jesus durch das heutige Israel, sondern lebt als Christus oder Sohn wie wir und mit uns im Vater.

Gott muß also mindestens zweifaltig sein, um Mensch bzw. Subjektivität werden zu können.

2.1.3. "Zeitliche" Vorstellungen contra zeitliche Erlebungen

„Damit ist insbesondere die Frage, ob Jesus Wunder gewirkt hat, prinzipiell unentscheidbar; die einen glauben es eben – als Teil ihres Weltbilds – und die anderen nicht.“

Nein; das halte ich für falsch; Jesus kann keine Wunder gewirkt haben!

Bevor ich versuche, Ihnen meine diesbezügliche Argumentation zu erklären, schauen wir uns noch drei weitere Gründe gegen den verbreiteten Hang zum Wunderglauben an.

Zunächst sprechen die angeblichen Wunder Jesu massiv gegen eine Offenbarung Gottes. Wenn diese nicht selbst wie eine Bombe einschlägt und ihre Wirklichkeit durch Wundergeschichten untermauert oder „bewiesen“ werden muß, kann es mit der Selbstmitteilung Gottes nicht weit her sein; da täte er mir eigentlich leid.

Was ist des weiteren beispielsweise die Verwandlung von Wasser in Wein gegen das „Schaffen“ von Wasser und Wein? Auf den irrigen Gedanken, (nur) ersteres sei ein Wunder, kann doch lediglich kommen, wer schon lange nicht mehr glaubt, daß alles aus Gott entspringt.

Und schließlich ist einem solchen Denken zufolge auch die Geburt eines Babys kein Wunder – weil es dabei ganz normal zugeht.

Obwohl – und damit denken  wir bereits in Richtung meiner versprochenen Argumentation – jede Geburt als Wunder verstanden werden kann, wird sich wohl keiner von uns zu der Aussage versteigen, die werdende Mutter würde ein Wunder wirken. Wunder benötigen offensichtlich keinen Akteur, der sie vollbringt.

 

Dieses Vollbringen meint einen Prozeß, und nun ist wichtig zu verstehen, daß es mir nicht um eine nuancierte Unterscheidung von Wortbedeutungen geht. Wir könnten ebenso vom Wirken, Geschehen, Vorgehen, Ereignen, Handeln, Entscheiden, Tun usw. sprechen oder auch zu den entsprechenden Substantiven – Wirkung, Geschehnis, Vorgang, Ereignis, Handlung, Entscheidung bzw. Tat – wechseln.

Wichtig ist einzig und allein, daß es sich um wirkliche Prozesse handelt, die als solche nur in der Zeit möglich sind.

Von der Wirklichkeit ist uns aber nur das Leben und von der Zeit allein die Gegenwart gegeben. Die uns zugänglichen Prozesse müssen also unserem gegenwärtigen Leben angehören und damit eigene Erlebungen bilden.

 

Bitte gönnen Sie sich ein Pause zum ruhigen Nachdenken:

Geschehen geschieht, Wirkungen wirken oder Ereignisse ereignen sich für mich und gegenwärtig – oder gar nicht.

Das ist so, weil das alles nur zu meinem Leben gehören kann; andernfalls wären es  keine ablaufenden Prozesse, sondern bloße Vorstellungen „von ihnen“.

 

Wir entscheiden nicht innerhalb unseres Weltbilds; das geht nicht, weil wir nicht darin leben.

Traditionell glaubt man, in der Welt zu leben; dann müssen natürlich auch unsere Entscheidungen darin getroffen werden. Die Welt besteht aus Seienden, und die sind diskret oder getrennt voneinander – wie ein Baukasten. Das überträgt sich auf die Entscheidungen, so daß sie stets innerhalb eines diskreten Ensembles von Möglichkeiten erfolgen.

Diese Vorstellung kann zu absurden Konsequenzen führen; beispielsweise zu der Annahme, es gäbe innerhalb dieses Ensembles eine moralische Rangordnung, zu der insbesondere die beste Möglichkeit gehört. Das wäre dann eine „moralische Tatsache“, und jeder, der sich für eine tiefer stehende Variante dieser Rangordnung entscheidet, sieht das falsch, ist „Kulturrelativist“ oder „versteht nichts von der ethischen Wahrheit“.

In diesem Sinne vergaloppiert sich Gabriel in seinem Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ meines Erachtens total und kämpft leidenschaftlich – für etwas, was nur durch diesen seinen Denkfehler „denkbar“ wird.

 

Wir Subjektivitäten gehen aus dem kontinuierlichen (substantivischen) Leben hervor,  so daß diskrete Wahlmöglichkeiten für unsere Entscheidungen, die

– hierarchisch angeordnet sowie

– verglichen werden und über

– die wir uns austauschen können,

überhaupt nicht bestehen.

Wir entscheiden nicht im diskreten Weltbild, sondern im kontinuierlichen Leben anhand unseres diskreten Weltbilds, und da existieren nur einzigartige Situationen, in denen wir zum Glück auf unser Gewissen, aber niemals auf „moralische Tatsachen“ zurückgreifen können.

Unser Leben entspricht einem Fluß und keiner Hauptstraße mit ausgeschilderten Abzweigungen.    

 

Es gehört mit seinen Erlebungen zu den Transzendentalien, die wir im Sinne unseres explizierenden Denkschemas interpretieren, das heißt, durch bestimmte Vorstellungen ersetzen.

In letzteren können sich die Ereignisse überschlagen und eine gewaltige Dynamik entfachen, aber diese Vorstellungen selbst stellen dennoch keine Ereignisse dar, sondern werden lediglich gewußt, sind unwirklich und – trotz aller inneren Dynamik – zeitlos statisch.

 

Fassen wir unsere Zwischenergebnisse zusammen.

 

1. Prozesse bestehen nur in Form der eigenen Erlebungen, weil sie wirklich – Leben – und zeitlich – Gegenwart – sein müssen.

 

2. „Hinter“ unserem Leben steht allein der Ursprung; wir können also prinzipiell nicht erkennen, was die Prozesse bzw. eigenen Erlebungen auslöst. Sämtliche Wissungen scheiden als Begründung aus, weil sie erst „nach“ dem oder durch das Leben zustandekommen und die Zeit irreversibel ist.

 

3. Die Prozesse resp. eigenen Erlebungen sind natürlich undenkbar, so daß nur zwei Möglichkeiten bestehen:

Entweder unsere Überlegungen werden an dieser Stelle abgebrochen, oder wir ersetzen die undenkbaren Transzendentalien im Sinne des explizierenden Schemas durch Vorstellungen aus unserem Weltbild. Dann kommen wir zwar weiter, aber diese Vorstellungen

– sind tatsächlich nur ein schlechter Ersatz,

– haben mit den Transzendentalien in keiner Hinsicht etwas gemein,

– können sie also auch partout nicht vertreten,

– dürfen insbesondere nicht als übereinstimmend verstanden werden

– und sind weder wirklich noch zeitlich,

– so daß sie auch nicht wirken können.

 

4. Bei den Ersatz-Vorstellungen besteht gegebenenfalls auch die Möglichkeit, diesem Nicht-Wirken einen Ersatz-Akteur zuzuordnen.

 

Nun können wir endlich auf die Wunder zurückkommen und konkretisieren dazu unsere vier Punkte ihnen entsprechend.

 

1. Wunder gibt es nur für uns im Hier und Jetzt; „Wunder“, die wir nicht gegenwärtig erleben, sind keine Wunder. 

 

2. Woher sie rühren und wer oder was sie bewirkt, sind prinzipiell unbeantwortbare Fragen, weil sie sich auf unser Leben beziehen. Wir können nur in dem Maße „über das Leben nachdenken“, wie wir es – ersetzend – zu Wissungen des Weltbilds explizieren; aber genau in dem Maße lassen wir natürlich das Leben zurück und wechseln in das Weltbild. 

Entweder . . ., oder . . .; die Übereinstimmung von Leben und Weltbild ist für uns unvorstellbar – aber vielleicht eine Hoffnung für die Zukunft.

Die Tradition will das nicht wahrhaben und erfindet deshalb Referenten für die Wissungen, bezüglich derer wir im Prinzip übereinstimmen.

In diesem Sinne können wir das traditionelle Denken einerseits als ungeduldig verstehen; es will nicht auf die Zukunft warten und ersetzt sie durch die Welt.

Andererseits ist es natürlich ausgesprochen bescheiden, denn allzuviel scheint das traditionelle Denken demzufolge von der Zukunft auch nicht zu erwarten. 

 

3. An die Stelle der undenkbaren Wunder treten in unseren Ersatz-Vorstellungen per definitionem Zaubereien.

Mütter können keine Wunder wirken, aber vielleicht zaubern sie bei der Geburt; mehr jedenfalls nicht; nichtsdestotrotz können wir eine Geburt problemlos als Wunder erleben.

 

4. Im Falle der biblischen Geschichten ist der zugehörige Zauberer natürlich Jesus.

Ich wiederhole und korrigiere ein wenig den Anfang dieses Abschnitts:

„Damit ist insbesondere die Frage, ob Jesus Wunder gewirkt gezaubert hat, prinzipiell unentscheidbar; die einen glauben es eben – als Teil ihres Weltbilds – und die anderen nicht.“

Jesus kann keine Wunder gewirkt haben, weil es in bloßen Vorstellungen, das heißt, irgendwo und -wann gar keine gibt.

2.1.4. Nachfolge Jesu

Mir gefällt unser Resultat ausgesprochen gut.

Wie oft betont Jesus, daß die Kraft des Wunders nicht von ihm, sondern vom Vater ausgeht; er zaubert nur.

Und das wäre auch uns möglich, besäßen wir nur Glauben so groß wie ein Senfkorn; auf ihn allein kommt es an; „dein Glaube hat dir geholfen“. Die Wunder geschehen nicht durch Jesus, sondern in seinem Umfeld durch den Vater.

Jesus erweckt nur den dazu erforderlichen Glauben.

Nein; das kann er natürlich ebenfalls nicht, weil es auch kein vorgestelltes Erwecken – wovon auch immer – gibt.

 

Was macht Jesus dann eigentlich?

Diese Frage sollten Christen schon beantworten können, weil andernfalls keine Nachfolge möglich wäre. Auf die Subjektivität Christus kann sich letztere nicht beziehen, weil sie uns – wie jede fremde Subjektivität – unzugänglich ist.

Ich hätte eine ganz simple Antwort: Jesus folgt seinem subjektiven Gewissen.

Das könnten wir theoretisch auch; in diesem Falle würden wir ihm nachfolgen.

Was wir „Gewissen“ nennen, stellt in Jesus eigenen Worten den Willen seines Vaters dar – und selbst dieses Sprachspiel ist für uns als Töchter oder Söhne Gottes möglich.

 

„Es wäre wohl zu schön gewesen, hätten Sie das hinbekommen – haben Sie aber nicht:

Vorstellungen können weder folgen – wem oder was auch immer – noch ein wirkliches Gewissen besitzen; das ist gegebenenfalls wiederum nur eine Vorstellung.“

Entschuldigung; ich habe vor Begeisterung ein paar Schritte übersprungen; die liefern wir nun nach.

 

1. Die Tradition bemerkt nichts vom Leben, weil sie sich weder um die Wirklichkeit noch um die Zeit bemüht, sondern mit ihrer angeblichen Schau des Nous zufrieden ist; sie kennt also nur – seine – Wissungen.

 

2. Was der Nous schaut ist die Welt; mit ihr erklärt die Tradition also das Woher ihrer Wissungen.

 

3. Wir besitzen im Prinzip exakt die gleichen Wissungen, erfinden aber nichts „dahinter“, sondern anerkennen unser eigenes Leben „davor“; ihm verdanken sich auch unsere Wissungen. 

 

4. In ihrer Gesamtheit bilden sie das subjektive Weltbild, so daß wir einen „Dualismus“ von Leben und Weltbild anstelle von Welt und Weltbild erhalten.

 

5. In jener befinden sich die Referenten von diesem, und es besteht keinerlei Grund, das Abbildmodell von der Welt auf das Leben zu übertragen; das wäre pure Willkür und durch nichts zu rechtfertigen.

 

6. Deswegen haben wir das explizierende Denkschema eingeführt:

Das Leben – wir beschränken uns gegenwärtig darauf; im allgemeinen könnte es auch eine andere Nicht-Wissung sein – wird durch eine Wissung ersetzt bzw. als diese expliziert, verstanden oder interpretiert.

 

7. Damit wird das Leben „verdoppelt“; es bleibt 100%-ig das Leben und bekommt noch eine Stellvertretung oder Auffassungsweise hinzu. Das Wunder beispielsweise wird durch die Zauberei ergänzt; es ist keine, und die beiden haben absolut nichts miteinander zu tun.

 

8. Aber muß die Differenz immer so gewaltig sein?

Wenn meine Hoffnung, Leben und Weltbild könnten zukünftig zusammenfallen, nicht völlig danebenliegt, ist der Gedanke, es gäbe in der Gegenwart vielleicht bereits senfkornhafte Übereinstimmungen, vielleicht nicht völlig absurd.

 

9. Prinzipiell haben  Sie Recht; „Vorstellungen können weder folgen – wem oder was auch immer – noch ein wirkliches Gewissen besitzen; das ist gegebenenfalls wiederum nur eine Vorstellung“.

 

10. Das Leben und die darin zu wählende Richtung sind gewiß grundlegende Kategorien unseres Ansatzes. Wenn der Leben-Weltbild-„Dualismus“ senfkornhaft überwunden werden kann, besteht hier vielleicht eine Chance dazu.

Dann könnte es doch sinnvoll sein, daß Jesus „nur“ auf sein Gewissen hört und wir ihm darin nachfolgen sollen.

2.1.5. Wirklichkeits- und Orientierungs-Funktion

Diese Stelle ist sehr wichtig für unser Gesamtverständnis; wir betrachten sie deshalb nochmals unter einem etwas anderem Aspekt.

Die Seienden der Welt bestehen in der Einheit von Sein, Existenz oder Daß auf der einen Seite und Wesen, Essenz bzw. Was auf der anderen, das heißt, sie vereinen in sich zwei völlig unterschiedliche Funktionen; die Wirklichkeits- und die Orientierungsfunktion. So denkt die abendländische Philosophie seit zweieinhalb Jahrtausenden, aber das ist nicht selbstverständlich.

Wir zerlegen diese Einheit in zwei separate Komponenten.

Die Wirklichkeits-Funktion wird vom Leben übernommen; durch seine Kontinuität kann es absolut nicht gewußt werden und ist deshalb nur bewußt.

Sein Pendant stellt das Weltbild mit der Orientierungs-Funktion dar; es besteht in der Einheit unserer Erkennungen, ist als Weltbild unbewußt, kann jedoch zu seinen einzelnen Erkennungen aktualisiert, das heißt, in den Anschauungen be- und in den Vorstellungen gewußt werden.

 

Sehr lax ausgedrückt ersetzen wir die Welt durch Leben und Weltbild.

Daß das Weltbild kein Bild vom Leben darstellt, versteht sich von selbst, aber nichtsdestotrotz haben wir keinen Dualismus vorliegen:

Ohne Leben gibt es auch kein Weltbild, und

ohne Weltbild – können Babys oder Tiere zwar leben, wissen aber nichts davon, denn es – bestehen keine Erlebungen, weil diese durch das Beschreiben des Lebens erst konstituiert werden.

 

 

  Welt                      
  { Daß, Sein oder Existenz + Was, Wesen oder Essenz }  
  { Wirklichkeits-Funktion + Orientierungs-Funktion }  
       
    Weltbild  
    Orientierungs-Funktion  
    diskret  
    unbewußt  
Gott    
Ursprung Bewußtsein  
     
  Leben Erkennungen  
  Wirklichkeits-Funktion    Anschauungen   Wissungen  
  kontinuierlich   Wahrnehmungen       Vorstellungen      
  bewußt bewußt gewußt  
  wirklich unbestreitbar    
         
  Ereignungen  
  Erlebungen        
  beschrieben      
  benennbar benambar bezeichenbar  

 

Abbildung 2.1.5.

 

Die zwei Funktionen wechselwirken natürlich auch miteinander; unser Leben beeinflußt das Weltbild und umgekehrt.

Eine Überlappung der beiden bzw. ihren mengentheoretischen Durchschnitt gibt es dagegen nicht, weil das Wirkliche und Unwirkliche einander ausschließen; die entsprechenden Mengen sind disjunkt oder unvereinbar.

Deswegen können wir das Leben nur beschreiben – weder benamen noch bezeichnen  – und erzeugen dabei die – dann benennbaren – Erlebungen erst.

2.2. Das traditionelle Denken

Das traditionelle Denken bestimmt unsere jüngste Geschichte bis in die Moderne hinein und wird im Kern durch zwei simple, lange Zeit als selbstverständlich erachtete Vorausetzungen chrakterisiert.

Es geht zum einen davon aus, daß eine objektive Welt unabhängig von uns dauerhaft in „Raum“ und „Zeit“ existiert. Das ist alles andere als selbstverständlich; in Kulturen ohne eine solche Stabilität zelebrieren die Menschen am Morgen vielleicht bestimmte Riten, damit die Sonne – nicht wieder aufgeht, sondern – erneut wiedergeboren wird. Die Bestandteile dieser Welt sind die Seienden, die wir oben in (Nur-)Objekte und die Körper der Subjekte aufgeteilt haben.

Zum anderen ergibt sich aus dieser an sich seienden Welt unmittelbar der traditionelle Wahrheitsbegriff als adäquate Repräsentation oder Wiedergabe der Seienden. Dort befindet sich wirklich die Sonne; dies zu erkennen, ist wahr; wer dagegen behauptet, das sei der Gott Re – oder was auch sonst noch –, spricht die Unwahrheit.

 

Vor – der Philosophie des Subjekts in – der Moderne waren die Menschen zumeist überzeugt, den Seienden selbst oder unmittelbar zu begegnen. Mit der Moderne geht der direkte Kontakt dadurch immer stärker in einen bloß indirekten über, daß die Menschen vermehrt glauben, die Urbilder in ihrer subjektiven Psyche abzubilden und somit zumeist nur noch deren Abbildern zu begegnen.

Diesen Unterschied überspielen wir nicht nur im Alltag laufend und wohl zumeist, ohne ihn zu bemerken.

 

Im Zimmer steht beispielsweise ein wirklicher Ur-Stuhl als Seiendes der Welt; daß wir ihn sehen, bedeutet, daß unsere Psyche ein adäquates Abbild von ihm enthält. Wir treten näher heran, aber das ändert nichts an unserer Überlegung. Bis wir uns darauf setzen – dann ist es plötzlich der Ur-Stuhl selbst und nicht mehr nur sein geistiges Abbild, denn darauf kann man sich nicht setzen. 

Wir sehen zwar nur ein Abbild des Steaks, essen aber gewiß letzteres selbst. Wann springen die Abbilder in die Urbilder über?

Das Urbild Mond existiert schon sehr lange; ein Baby sieht es irgendwann zum ersten Mal aus seinem Kinderwagen, und dann läßt sich dieses Sehen schwerlich anders als ein Abbilden des präexistenten – vom Anblick durch das Baby völlig unbeeindruckten – Ur-Mondes verstehen.

 

Damit sind wir wieder bei dem Vorgehen, das uns jetzt schon mehrfach begegnet ist:

Die Tradition spaltet unsere tatsächliche Wahrnehmung – obwohl wir nicht doppelt sehen – in das äußere Ur- sowie innere Abbild auf – Gewußtes bzw. Wissung –,  behauptet die Übereinstimmung beider als Wahrheit und benutzt – zumeist stillschweigend – jeweils die passende Seite

Das ist zum Glück nicht unser Problem; es entfällt bei uns, weil wir die Wahrnehmungen gar nicht erst aufspalten, um die beiden Seiten dann wieder vereinen zu müssen. Aber wir verstehen recht gut, daß traditionell eine solche Schwierigkeit auftreten muß:

Das Auf-den-Stuhl-Setzen oder Steak-Genießen existieren wirklich und gehören somit zur Welt; das Sehen, Wissen, Erkennen oder Abbilden von Stuhl, Steak bzw. Mond dagegen nicht. Wer nicht  mehr (an) den Nous glauben kann oder will, muß das Sehen, Wissen, Erkennen und Abbilden also schlichtweg ignorieren.

 

Ich habe den Begriff der Seienden bewußt sehr dinghaft, körperlich, physikalisch oder materiell eingeführt, und wir werden uns auch ausschließlich auf derartige Seiende beschränken.

Traditionell gibt es jedoch sehr viele philosophische Richtungen, die zusätzlich auch von rein geistigen Seienden ausgehen. Ein Paradebeispiel bildet der Platonismus; wir haben wohl alle schon gehört, daß darin etwa mit der Idee der Gerechtgkeit oder den Transzendentalien – des Einen, Wahren, Guten und Schönen – auch nicht-sinnliche Seiende vorkommen.

Die lassen wir vollständig weg, weil es uns weder um die traditionelle Philosophie geht noch um Fragen, die Sie kaum bedrängen, sondern nur um offensichtliche Probleme. Sage ich Ihnen, daß das Eine meines Erachtens nicht existiert, geben Sie mir vielleicht Recht, um das Thema zu beenden; es spielt bei Ihnen wahrscheinlich ohnehin kaum eine Rolle. Behaupte ich dagegen, daß es den Mond nicht gibt und die Erde keine Kugel ist, erreiche ich gewiß Ihre Aufmerksamkeit; in welcher Form, ist natürlich noch offen:

Entweder Sie schalten Ihren Laptop aus; „Blödsinn“!

Oder Sie versuchen zu verstehen, wie ein Mensch auf so spleenige Behauptungen kommen kann.    

 

Damit werden auch die traditionellen Nicht-Seienden uninteressant, so daß wir für unsere Belange die Urbilder mit den Seienden identifizieren können.

Steht im Vordergrund, daß vom Original die Rede ist – und nicht nur von den Abbildern in der Psyche –, dann spreche ich von Urbildern; soll dagegen ihre Existenz betont werden, ist der Begriff der Seienden besser geeignet.

2.2.1. Von der Vorantike zur Antike

Vor 3000 Jahren (I) betrachteten sich die Menschen in den Metropolen des heutigen Griechenlands als Ein- oder Ganzheiten, wie dies bei den Juden noch zu Zeiten Jesus‘ der Fall war. Hier wird bereits deutlich, daß sich die Genese des Geistes kaum auf die „Zeit“ abbilden läßt und ihre Formationen somit primär vom Inhalt her verstanden werden müssen.

Im fünften Jahrhundert vor Jesus (II) erfanden die Griechen die Seele als ihr Innen; „erfanden“, nicht „entdeckten“. Sie verstanden sich nun nicht mehr als Einheit, sondern die Menschen bestehen dieser Geistesverfassung zufolge aus dem Körper, der irgendwie „innen“ eine Seele enthält. Der Geist gehört entweder zu ihr oder wird als dritter Bestandteil separat gezählt. Dann würde man vielleicht sagen, daß uns die Seele mit den Tieren verbindet und der Geist uns von ihnen unterscheidet.

Der einheitliche lateinische Wortstamm von animal – Tier –, anima – Seele – und animus – Geist – ist gewiß nicht zufällig und spricht sehr stark dafür, daß natürlich keine sauberen Unterscheidungen existieren (können). Dieses Konzept steht ganz  am Beginn des philosophischen Denkens in Griechenland und entspricht folglich nur einem unsicheren Herumtasten.

 

Nochmals zurück zu dem „Erfinden“ soeben:

Die Griechen haben nicht etwas immer schon Bestehendes nun endlich richtig erkannt; „von Anfang an besitzen alle Menschen eine Seele, unsere Vorfahren (I) wußten das lediglich noch nicht“. Vielmehr ist die Seele tatsächlich nur eine Erfindung, die ein anderes Vorstellen und Sprechen erlaubt.

Aber was heißt hier „nur“? Auch die Vorantike, der Staat und Mensch sind „nur“ Erfindungen oder Konstruktionen; was könnten sie auch anders sein ohne Urbilder? Im Verlaufe unserer gemeinsamen Überlegungen soll deutlich werden, daß die Unterscheidung zwischen Erfinden und Erkennen selbst nur eine Erfindung darstellt, die vom traditionellen Denken fälschlicherweise für eine Erkennung gehalten wird.

Unausgesprochen wußten wir das bereits:

Ohne Referenten kann es lediglich Erfindungen geben. Ein „nur“ ist dabei völlig fehl am Platze, denn den vergangenen Erfindungen – die freilich auch ganz anders hätten ausfallen können – verdanken wir unsere gegenwärtigen Wissungen.

 

Nun konnten die Griechen sagen: „Ich bin eine individuelle Seele und habe einen – ihren – Körper; der bin ich jedoch nicht. Ich lebe dort, wo die Seele lebt“ – aber wo ist das?

Als die Juden viel später dieses Menschenbild von den Griechen übernommen hatten, ließ sich zumindest das Leben nach dem Tod anschaulich als dasjenige der reinen Seele bei Gott verstehen.

Auch die Identität eines Menschen wird durch diese Erfindung leicht denkbar; mag doch mit dem Köper pasieren, was will; seine Seele macht den Menschen zu dem, der er ist. Natürlich erkennt man den 80-jährigen Moritz auf seinen Kinderphotos nicht wieder, aber seine identische Seele verbindet ihn mit dem Kleinen und macht ihn für immer und ewig zu Moritz.

Sogar eine Seelenwanderung wird damit leicht verständlich; sie war zuvor unmöglich, weil undenkbar. Das ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie sich durch eine bloße Erfindung – Ackerbau oder Internet ebenso wie Seele – ganz neue gewaltige Denkräume auftun.

2.2.2. Antike und Mittelalter

In der griechischen Antike nannte sich die objektive Welt zwar „Kosmos“, hatte aber mit unserem Kosmos kaum etwas zu tun; „schöne Ordnung“ oder „Schmuck“ wären die treffenderen Bezeichnungen gewesen. Diese antike Welt charakterisierte beispielsweise eine Sphärenharmonie, die sich unter anderem auch in der Musik, Zahlenmystik und Farbenlehre wiederfand. (Platonische) Ideenwelt und Kosmos widersprachen sich damals nicht nur nicht, sondern bildeten das (eine) Arbeitsgebiet der Philosophen.

Anfang und Ende konnten sich die antiken Griechen nicht vorstellen, denn alles lief nach strengen – natürlich antiken – Gesetzen ab und führte somit lediglich zu endlosen Wiederholungen, wie sie im „Zeit“-Kreis zum Ausdruck kamen. Der daraus resultierende Kosmos kann nur eine ewige (schöne) Ordnung darstellen.

Der Körper ist belanglos; allein auf die Seele kommt es an, so daß auch sie ewig sein muß. Ein paar Jahre bleibt sie in ihrem – unserem – Körper eingeschlossen, der teilweise als „Grab der Seele“ betrachtet wurde. Der Tod ist dann ihre Erlösung und führt sie wieder dorthin zurück, wo sie sich bereits vor der Geburt aufhielt. Wird unser Leben in dieser Form als eine strafrechtliche Verbannung der Seele aus dem „Paradies“ verstanden, kann man vielleicht gelassen wie angeblich Sokrates den Schierlingsbecher trinken und auf das eigene Sterben warten. 

 

Diese Welt ging mit dem Wechsel zum Christentum in den Zuständigkeitsbereich der Theologen über, ohne daß hierbei an den Fundamenten des Denkens gerüttelt werden mußte. Weiterhin gab es die objektive Welt; sie hieß nun „Schöpfung“, und aus den ewigen Platonischen Ideen konnten völlig problemlos die ebenso ewigen Schöpfungsgedanken Gottes werden. Es wurden lediglich die Worte gewechselt, ohne das Gedankengebäude in seiner begrifflichen Struktur anzutasten, so daß sich hinsichtlich der uns interessierenden Fragen letztlich nichts geändert hat

Friedrich Nietzsche konnte deshalb sagen, „der christliche Glaube ist Platonismus fürs Volk“; und so wie ihn die Kirchen zumeist darstellen, läßt sich dem leider auch heute noch – bald 150 Jahre später – kaum widersprechen.

Aus dem Kreis wurde – durch Schöpfung, Erlösung und Vollendung – zwar ein gerichteter Strahl der „Zeit“; aber das bezieht sich nur auf die endliche Welt und berührt nicht die Ewigkeit Gottes.

 

Das Denken des Mittelalters geht davon aus, daß alles für unser Leben und Heil Notwendige prinzipiell bereits bekannt ist; es steht in den Schriften der bedeutenden Lehrer der Religion, Philosophie oder Weisheit. Deswegen benötigen wir keine neuen Erfahrungen, kann insbesondere die Offenbarung als abgeschlossen betrachtet werden und war das, was sich heute „Forschung“ nennt, praktisch undenkbar.

Alles Wesentliche ist schon in den wichtigen Büchern enthalten, und in sie müssen wir uns vertiefen; Lehre ist Studium der Schriften. „Der Name der Rose“ kommt Ihnen wahrscheinlich wie von selbst in den Sinn. 

Natürlich könnten wir untersuchen, ob es auch Spinnen mit sechs und Insekten mit acht Beinen gibt. Aber das ist völlig ohne Bedeutung, denn wenn es wichtig wäre – etwa für unser Seelenheil –, stände es bereits irgendwo.

 

Für die Schöpfung eines unendlichen Gottes war der Gedanke der schönen Ordnung wohl noch wichtiger als für den griechischen Kosmos.

Man stellte sie sich in Form einer Pyramide vor, in der sämtliche Seienden sortiert nach Gattungen und Arten angeordnet sind. Die uns wohl allen bekannte Begriffshierarchie mit ihren Ober- und Unterbegriffen sowie das traditionelle Verständnis der Definition als Einheit von Oberbegriff und unterscheidenden Charakteristika der Unterbegriffe zeugen noch von einem solchen Denken.

An der Spitze dieser Pyramide steht natürlich Gott selbst als das „vollkommendste“ oder „seiendste Seiende“; Martin Heidegger spricht deshalb auch von einer „Onto-Theologie“. 

2.2.3. Moderne

Das wissenschaftliche Denken der Moderne behält wiederum den Glauben an die eine Welt bei und spricht nun von Materie, Natur, objektiver Realität oder ähnlichem, so daß die neuen „Experten“ in den Naturwissenschaftlern bestehen. Insbesondere natürlich in den Physikern, weil heute noch sehr viele Empiriker annehmen, die Physik sei die grundlegende Naturwissenschaft und Biologie vielleicht sogar Medizin sowie Neurologie ließen sich auf sie reduzieren; eine Ansicht, der selbst Chemiker (wie Hans Primas) schon vor 50 Jahren massiv widersprochen haben.    

Neu ist jedoch, daß die Moderne unsere Unwissenheit entdeckt; ihr zufolge steht nicht alles Wichtige bereits irgendwo, und das, was irgendwo steht, muß weder wichtig noch wahr sein.

„Vor uns liegt ein gewaltiger Berg von offenen Fragen und ungelösten Problemen – sowie eine großartige Zukunft. Wir warten nicht mehr auf das Reich Gottes, sondern schaffen den Himmel auf Erden“; etwa so ließe sich die Aufbruchstimmung der großen Geister zu Beginn der Moderne zusammenfassen.

Das Experiment der „neuen Wissenschaft“ (Roger Bacon) – als kontrollierte „richterliche Befragung der Natur“ (Kant) – führt zusammen mit der Idee des Fortschritts zum Aufbau des wissenschaftlich-technisch(-ökonomisch)en Komplexes.

 

Es versteht sich nahezu von selbst, daß diese beiden Formen des Denkens – die antik-mittelalterliche und die moderne – einander nur voller Unverständnis gegenüberstehen konnten:

„Wir wissen doch bereits alles (Wichtige); wonach suchen die ‚Neuen‘ denn mit ihren Experimenten – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“

„Wieso glauben die ‚Alten‘, daß ihr ‚Wissen‘ etwas mit Wahrheit zu tun hat; sie ’studieren‘ Bücher – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“

Die wissenschaftliche Methode hat sich grundlegend geandert und geht nun von einem Zirkel aus Hypothese plus Experiment aus, um mit seiner Hilfe grenzenlos in das Unbekannte hinein zu forschen.

 

Experimente führen jedoch zu Wahrnehmungen – die wieder neue Experimente veranlassen und gegebenenfalls unser Weltbild korrigieren –, aber nicht mehr zu traditionellen Seienden, so daß deren Pyramide zerbricht. Die Ordnungs-Struktur der Gattungen und Arten entfällt, und es tritt auch keine andere an ihre Stelle; die traditionelle Ordo-Welt ist vorüber.

Das bewirkt unter anderem den Tod des onto-theologischen Gottes; ohne Pyramide bedarf es auch keiner krönenden Spitze mehr; Nietzsche hat Recht mit seinem „Tod Gottes“.

 

Die entscheidende Abkehr vom traditionellen Denken beginnt mit Kant; er wußte das selbst und betrachtete seine eigene Philosophie daher als eine „Kopernikanische Wende“. Kant gab hierin den Anspruch auf, Seiende abbilden zu können, und zog die wichtigsten Konsequenzen daraus.

Ihm zufolge haben wir Wahrnehmungen, und das sind Erscheinungen.

Wovon?

Diese Frage läßt sich prinzipiell nicht beantworten, denn wenn es uns gelingt, hinter eine bestimmte Erschenung zu gelangen – zeigt sich eine andere.

 

Damit wird jedoch der Begriff der Seienden völlig hinfällig, denn mit welchem Recht glaubt die Tradition, von den unterschiedlichen Wahrnehmungen eins zu eins auf getrennte Seiende schließen und damit jene als deren Abbildungen behaupten zu können? Wieso sollen hinter unseren Wahrnehmungen namens „Jungfrau“, „Mönch“ und „Eiger“ drei getrennte Seiende stehen; wir können sie doch auch als ein einziges Bergmassiv erleben?

Die Wahrnehmungen sind Erscheinungen, aber nicht von Seienden, sondern vom Ding an sich.

 

Wahrnehmungen   =   Erscheinungen der Seienden   →   Erscheinungen des Dings an sich

 

Kant war also nur konsequent, wenn er die traditionellen Seienden durch das Ding an sich ersetzte, von dem wir prinzipiell nicht(s) wissen können. Er benötigte es lediglich noch, um die Wahrnehmungen als dessen Erscheinungen erklären zu können, – wofür ihn Fichte, Schelling und Hegel bereits verlachten.

Die Seienden bilden von nun an eine Hinterwelt, weil sie prinzipiell unzugänglich sind.

Das Wort „Welt“ behält Kant bei, aber es erhält bei ihm eine neue Bedeutung. Seine Welt gehört auf die Ebene der Erscheinungen; Kant geht davon aus, daß diese nicht rein subjektiv, sondern allgemein-menschlich sind, das heißt, für alle Menschen gleich. So schlägt Kant zwei Fliegen mit einer Klappe.

 

Da Begriffe ohne Anschauungen für ihn leer sind, verbieten sich die rationale Philosophie sowie Theologie, wie sie zu seinen Lebzeiten immer noch üblich waren, von selbst; sie gehören der Hinterwelt an.

Die Physik ist da von einer ganz anderen Qualität, denn sie handelt einerseits von unseren Wahrnehmungen, den Erfahrungen Kants, die bei ihm in der Einheit von Begriff und Anschauung bestehen, und andererseits von der Welt. Aber letzteres stimmt natürlich nur, wenn die Welt eine solche der Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen ist. Und da diese Erscheinungen für Kant allgemein-menschlich sind, erklärt er auf diese Weise die Intersubjektivität der Newtonschen Physik, worin sein Ziel bestand.

 

Wahrnehmungen   =   Erscheinungen des Dings an sich   →   Welt

 

 

  Tradition Kant wir
       
Wirklichkeit objektiv-reale Welt (der)
Ding an sich
Gott bzw. Leben
  Seienden ————– ————–
Wahrnehmungen Abbilder der Seienden
Erscheinungen des Dings an sich
Wahrnehmungen
Welt objektiv-reale Welt (der)
Erscheinungen ————–
  Seienden ————– ————–

 

Abbildung 2.1.3. 

2.2.4. Der Tod Gottes

„Kommen wir bitte nochmals auf Nietzsches ‚Gott ist tot‘ zurück; kann ein Gott überhaupt sterben?“

Das hängt davon ab, welchen Sie meinen; der nur-bewußte Gott natürlich nicht, denn er ist ewig und allgegenwärtig.

Unsere Gottes-Wissungen können „sterben“; vergessen, wegmanipuliert, durch naive Götzen-Wissungen ersetzt und beispielsweise mit Wotan, Zeus oder Baal verwechselt werden. Damit schaden wir aber lediglich uns selbst, weil das Weltbild – die einzige Orientierung im Leben – degeneriert. Mit dem wahren Gott hat das überhaupt nichts zu tun; er ist weder eifersüchtig noch verärgert und leidet auch nicht darunter – höchstens unseretwegen.

 

Den wahren – nur-bewußten – „Gott aller Menschen“ (Peter Strasser) verstehe ich aufgrund der jüdisch-christlichen Bibel – da mir andere gemäße Texte nicht hinreichend bekannt sind – als einen solchen des Lebens, der Menschen nach seinem Ebenbild – also in Freiheit – will und die Menschen liebt; deswegen hatt er sie geschaffen. Sehr viele von ihnen – ich fürchte: mit Abstand die allermeisten – erfahren das in ihrem Leben kaum, und nicht wenige wünschten sich wohl sogar, nie geboren worden zu sein, oder verzweifeln am Leben.

Der Gott, den ich mir erhoffe, übernimmt die Garantie dafür, daß jeder einmal zu ihm sagen wird: „Ich bin froh, daß Du mich geschaffen hast – ohne jede Rückfrage und mein Einverständnis. Zwischenzeitlich war ich oft vom Gegenteil überzeugt und hätte nicht für möglich gehalten, daß Du das hinbekommst; meine Hochachtung!“

Dann singen wir nicht „Halleluja“ – was für mich ehrlich gesagt kaum sehr himmlisch wäre –, sondern unser Leben ist ein einziges „Halleluja“.

 

Wie soll Gott den Menschen – insbsondere den Opfern unter ihnen – „beweisen“, daß am Ende alles gut sein und er sämtliche Tränen abwischen wird? Am besten, indem er sich in ihre Situation begibt, Mensch wird und sich damit selbst diesem Schicksal ausliefert:

„Glaubt mir bitte, daß ich meine Zusage unter allen Umständen halte; ich würde doch niemals selbst Mensch werden, wäre ich mir des guten Ausgangs meines Projekts – der Schöpfung als Selbsthingabe – nicht absolut sicher.

Ihr alle seid letztlich – wie mein eigener Sohn – vollkommen geborgen und könnt unmöglich aus mir und meiner Liebe herausfallen!

 

Weil ich Gott so verstehe, stellt die Bibel für mich eine Frohe Botschaft dar; sie verheißt einen Gott, wie ihn beispielsweise Thomas Pröpper in seiner „Theologischen Anthropologie“ darstellt. Zu einem solchen Gott gelangten die Israeliten – einschließlich Jesus von Nazareth – durch ihr Ringen um ein adäquates Verständnis ihrer Lebenserfahrungen:

„Er hat uns Gerechtigkeit versprochen; die gibt es nicht, ohne ein ewiges Leben, das auch die bereits Verstorbenen integriert. Ein ‚Gott‘, der nicht einmal die Seinen leben läßt, ist gar kein Gott; und einer, der sich nicht um ausnahmslos alle Menschen bemüht, kein gerechter.“

Ob der ersehnte Gott existiert – oder nur eine leere Sehnsuchts-Projektion darstellt –, kann natürlich niemand wissen. Aber wenn nicht, wäre das Leben grausam und die ganze Veranstaltung ein entsetzliches Drama. Dagegen wehre ich mich mit meiner ganzen Existenz, und deswegen glaube ich (an) diese meine subjektive Gottes-Hoffnung für alle Menschen.

Sie macht frei für das irdische Leben und nicht von ihm.

 

Zu den falschen Göttern gehört meines Erachtens das seiendste Seiende, der „Gott der Philosophen“ (Blaise Pascal) oder des griechischen Denkens, und ich bin überzeugt, daß Josef Ratzinger irrt, wenn er gebetsmühlenartig immer wieder betont, dies sei der wahre Gott. Hätte er damit Recht, wäre ich entsetzt und enttäuscht, daß Gott so klein ist, daß wir ihn denken und in unser Weltbild einsortieren können; selbst wenn dies allein durch die Offenbarung möglich wäre.

Aber Gott ist zum Glück kein – wenn auch noch so großartiges – Seiendes geworden, sondern Fleisch, und davon haben Ratzingers Griechen nicht viel verstanden, wie beispielsweise die Verkündigung des Paulus auf dem Areopag zeigt.

Natürlich wird noch häufig vom „Schatten des toten Gottes“ (Nietzsche) geredet; da aber das hierfür erforderliche Weltbild – nicht nur für „Ungläubige“ – verblaßt, verlieren seine Anhänger den Kontakt zum Leben und werden fundamentalistisch, sektiererisch, rechthaberisch oder zumindest eigenartig. 

 

Ein Paradebeispiel für die falschen Götter, die leider weiterhin wie selbstverständlich das kirchliche Leben bestimmen, bildet für mich der Gott des Augustinus und Anselm von Canterbury. Ihm zufolge vererbte sich die Sünde Adams auf die gesamte Menschheit, so daß der Sohn Gottes sterben mußte, damit der Vater – wenigstens einigen von – uns in seiner Barmherzigkeit vergeben kann.

Wir „sollen 7 mal 70 mal verzeihen“ – aber Gott stellt nicht nur Bedingungen, sondern vergibt auch nicht immer, sondern möglicherweise nur den „Auserwählten“ oder „Vorherbestimmten“. Damit bleibt er sogar hinter unseren ethischen Standards zurück, und einen solchen Gott kann ich nicht glauben; auch er ist für mich tot.

 

Außerdem hat Gott meines Erachtens freie Menschen gewollt und geschaffen. Folglich kann er zwar nicht allwissend sein – das wäre unvereinbar mit unserer Freiheit –, aber er hätte zumindest damit rechnen sollen, daß seine Geschöpfe ihre Freiheit möglicherweise mißbrauchen werden. Tun wir das, muß der Sohn – Augustinus und Anselm zufolge – entsetzlich leiden, um uns zu erlösen.

Gott hat aber keinen Gegenspieler und legte somit ganz allein die Bedingungen seiner Schöpfung fest. Das hat er also sehenden Auges so getan, daß es für seinen eingeborenen Sohn häßlich werden könnte – und höchstwahrscheinlich auch wird . . .

Ein solcher Gott kann meines Erachtens nicht der eine, wahre und wirkliche – nur-bewußte – sein, sondern lediglich die Gottes-Wissung einiger Kirchenlehrer, die fälschlicherweise häufig mit jenem identifiziert wird, aber nicht nur sterben kann, sondern möglichst bald auch sollte – allen einschlägigen Dogmen zum Trotz.

 

Hier wird nochmals sehr schön deutlich, was zu verstehen uns oben vielleicht noch schwerfiel.

Ich „glaube“ an den einen wahren nur-bewußten Gott; letzteres bedeutet, daß wir prinzipiell absolut nichts von ihm wissen können. Dann kann ich (an) ihn aber auch nicht glauben; wer ist denn „ihn“? Vielleicht ein Teufel?

Nicht nur um denken, sondern sogar um glauben zu können, benötigen wir also einerseits unbedingt Gottes-Wissungen. Wir dürfen sie aber andererseits nie mit dem einen wahren nur-bewußten Gott identifizieren; warum denn gerade diese Gottes-Wissungen? Weshalb ausgerechnet die meinigen?

Augustinus und Anselm hatten spezielle Gottes-Wissungen; diese waren nicht falsch, können es auch gar nicht sein und mehr als Gottes-Wissungen zu besitzen, ist selbst Heiligen nicht  möglich. Der Fehler beginnt dort, wo diese speziellen Gottes-Wissungen zum Nonplusultra erklärt und mit den einen wahren nur bewußten Gott gleichgesetzt werden.

 

Ich möchte, daß wir die Menschwerdung des Sohnes nicht abstrakt und lebensfremd als die Wirklichkeit unserer Erlösung behaupten. Wer dies glaubt, soll es bitte auch der hungernden Familie in Somalia gegenüber vertreten, ihr sagen, daß sie erlöst ist, und erklären, was das bedeutet.

Wir benötigen eine Interpretation des Glaubens, aus der sich eigene Erlebungen als Erlösungs-Erfahrungen ergeben, die wir als Wahrheitskriterien für die Offenbarung verstehen können. Dadurch würde die christliche Theologie endlich – von einer Buch- – zu einer Erlebungswissenschaft, und jeder Mensch – Christ wie Atheist – könnte sich selbst von der Wahrheit oder Nicht-Wahrheit seines subjektiven Glaubens überzeugen.

Nur so hat der Glaube meines Erachtens eine Zukunft; Buchreligionen entsprechen dem Mittelalter, als alles Wissen Bücherwissen darstellte.

 

Daß Gott Mensch geworden ist, verstehe ich mit Gianni Vattimo als ein Zerbrechen der traditionell-hinterwäldlerischen Transzendenz. Ein Symbol dafür bildet das Zerreißen des Tempelvorhangs beim Tod Jesu, denn dieser – der Vorhang – trennt den heiligen vom profanen Bereich des Tempels.

Das ist ein sehr schönes Bild; mißverstehen wir es jedoch als historische Tatsache, so wird eine bloße Geschichte daraus, die wir heute nicht mehr glauben können bzw. wollen, denn ein solches „Ereignis“ wäre nicht nur unkontrollierbar, sondern auch belang-, weil konsequenzenlos.

Es könnte von Eiferern erfunden worden sein und entspräche lediglich dem berühmt-berüchtigten Sack Reis, der in China umgefallen ist.

2.3. Voraussetzungen des traditionellen Denkens

In der und durch die Moderne findet das traditionelle Denken sein Ende, denn es ist an Voraussetzungen gebunden, von denen einige nicht mehr haltbar sind. Sechs besonders kritische Bedingungen schauen wir uns in den nächsten Abschnitten der Reihe nach an:

1. Metaphysik der Präsenz

2. Existenz einer Hinterwelt

3. Subjekte sind Objekte mit Innen

4. Objekte sind Seiende

5. Wirklichkeit als Eigenschaft

6. Todesverdrängung 

 

„Das bedeutet also, daß insbesondere die modernen Naturwissenschaften sich bereits postmodern orientieren?“

Nein; Anderungen des Denkens erfolgen unvorstellbar langsam; der Geist ist sehr träge, so daß der traditionelle Ansatz auch die Moderne noch ganz entscheidend prägt. Er wurde nach Kant insbesondere von dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling und Hegel – kritisch infragegestellt sowie später insbesondere von Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein; seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken philosophisch weitestgehend als überholt.

Aber dennoch wird dieser Ansatz außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften sowie der Theologie und im Alltagsdenken – häufig noch heute als eine angeblich unhinterfragbare Selbstverständlichkeit betrachtet und feiert dort fröhliche Urständ.

 

Die Hauptgründe für ein solch „stures“ Festhalten an längst Überholtem – wie Chemiker, die noch an das Phlogiston, und Pysiker, die noch an einen Äther oder den Wärmestoff „Caloricum“ glauben würden – sind meines Erachtens die folgenden:

1. Der traditionelle Ansatz ist sehr einfach und anschaulich – um nicht zu sagen: primitiv –, weil er der Festkörperphysik oder noch deutlicher einem großen Legobaukasten entspricht.

2. Wer (an) ihn glaubt, braucht nicht nur keine Philosophie, sondern kann nur staunen, daß sich Menschen mit solch „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch alles so klar ist. „Was wollen die eigentlich? Bringt doch bitte nicht alles – ‚in unserem schönen Baukasten‘ – durcheinander!“

3. Gibt es ernstliche Probleme, kann es also niemals am Weltbild, sondern muß an unserem Denken innerhalb desselben liegen. Mögliche Alternativen sind völlig unnötig und werden somit auch nicht gesehen oder gar verstanden und einfach ignoriert; „Spinner!“

 

Die aus diesem Festhalten an einem alten Zopf resultierenden Schwierigkeiten – insbesondere der Ökologie, Theologie, Medizin oder Psychologie – müssen dann notwendigerweise gelöst werden, ohne ihre philosophischen Voraussetzungen auch nur in den Blick nehmen, geschweige denn infragestellen zu können. Das ist fatal, weil uns heute ganz andere Denkmöglichkeiten zur Verfügung ständen; wir mauern uns in ein selbstgefertigtes Gefängnis ein und versuchen, die aufkommenden Probleme durch das Stuckatieren seiner Wände zu lösen.    

Das zeigt sich für mich nicht zuletzt darin, daß wir den christlichen Glauben zwangsläufig auf eine Weise darstellen, die von denkenden Zeitgenossen abgelehnt werden muß. Die Kirchen werden nicht nur leer, weil die Menschen nicht glauben wollen, sondern auch weil sie es in der ihnen angebotenen Form selbst beim besten Willen nicht (mehr) können.

Wir dürfen spezielle zeit- und kulturbedingte Denkform nicht zum Nonplusultra machen, wenn es um die Frage nach der Wahrheit geht, oder gar mit letzterer verwechseln. Auch die Menschen anderer Kulturen suchen nach Wahrheit; der Gedanke, daß sie dazu erst einmal griechische Philosophie studieren müßten, erscheint mir jedoch absurd zu sein.

2.3.1. Metaphysik der Präsenz

Die erste der uns interessierenden Voraussetzungen des traditionellen Denkens thematisiert Jacques Derrida unter der Überschrift „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“ und meint damit den folgenden Widerspruch:

Die Welt ist „räumlich“ und „zeitlich“ praktisch unendlich ausgedehnt; in diesen Weiten des physikalischen Kosmos entsprechen wir Menschen nicht einmal Staubkörnern, die fest an ihr kitzekleines Hier und Jetzt gebunden sind.

Das ist aber nur die eine Seite; auf der anderen Seite – und völlig unbeeindruckt davon – bilden wir uns ein, nichtsdestotrotz diesen gesamten Kosmos zu kennen. Wir überschauen ihn angeblich von einem Ende zum anderen und von seiner Geburt im Urknall bis zu seinem möglichen Tod, beispielsweise im finalen thermischen Wärmegleichgewicht.

Wie ist das möglich? Wer verhilft uns aus dem winzigen Heimatwinkel heraus zum Wissen des Alls?

Der Nous; entweder er erkennt oder keiner; mit rechten Dingen kann das nicht zugehen.

 

Der Tradition in Antike und Mittelalter war das klar, und die damaligen Denker haben ganz bewußt akzeptiert, daß sie die Hilfe eines Gottes benötigen, der – im Gegensatz zu uns Menschen – den vollständigen „Raum“ und die ganze „Zeit“ überblicken kann, weil er sich außerhalb von ihnen befindet. Bei den Griechen war dies der Nous, und Thomas Nagel nennt dessen Nicht-Perspektive den „Blick von nirgendwo“.

Wer – aber auch nur wer – über einen heißen Draht zum Nous verfügt, weiß alles.

 

Wie soll das bei Vergangenheit und Zukunft überhaupt möglich sein? Jene ist nicht mehr, diese noch nicht und somit absolut offen; da kann auch kein Gott helfen.

Die Tradition bekommt das jedoch trotzdem hin und beansprucht, auch von ihnen zu wissen. Aber dann muß notwendigerweise die „Vergangenheit“ noch und die „Zukunft“ schon erreichbar sein.

Eine „erreichbare Vergangenheit“ ist jedoch keine Vergangenheit sondern das Früher, und analog dazu bildet eine „erreichbare Zukunft“ keine Zukunft, sondern das Später. Die Tradition ersetzt also die wirkliche (Lebens-)Zeit mit ihren Modi durch eine bloße „Zeit“-Wissung, die lediglich die Tempi enthält und folglich zeitlos ist.

 

Der gewaltige Unterschied läßt sich leicht veranschaulichen.

Wir leben in der Zeit, und das bedeutet, daß die Zukunft letztlich als absolut offener oder unverfügbarer Adventus auf uns zukommt. Wir haben zwar Mittel und Wege gefunden, um die Brutalität dieses Widerfahrens zumeist ein wenig abzumildern, aber das bleibt letztlich zeitlich begrenzte Kosmetik.

Die „Zeit“ entspricht dagegen dem Anschauen eines bereits völlig fertiggestellten – und durch unsere Forschung immer bekannter werdenden – Films. Die gerade aktuale Szene ist das Jetzt, der Teil davor entspricht dem Früher und derjenige, der erst noch in den Projektor hineinlaufen muß, stellt das Später dar.

Damit wird klar, daß wir zwar immer nur das Jetzt sehen, der Nous aber die gesamte Filmrolle überschauen kann. Und ich müßte wohl kaum noch erwähnen, daß die Ewigkeit (Gottes) häufig in dieser zeitlosen Form „neben“ der „Zeit“ gedacht wird, was mit seiner wirklichen Ewigkeit jedoch gar nichts zu tun haben kann.

Das ist alles schön anschaulich, besteht aber lediglich in unwirklichen Vorstellungen. Die sind für uns zwar nicht belanglos – wir orientieren uns daran –, besitzen jedoch keinerlei Referenten; so stellen wir uns das vor. Punkt.

 

Der Nous hilft uns also nicht, das Leben zu verstehen, sondern nur der Tradition, ihre Vorstellungen zu ordnen.

Mit seinem Blick von nirgendwo und -wann schaut er ausnahmslos alles von einem Ende bis zum anderen und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das vollständige Weltbild liegt vor dem Nous ausgebreitet und ist für ihn präsent; deswegen „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“.

 

Uns muß nicht interessieren, wie die Tradition den Nous und unseren Kontakt mit ihm erklärt, weil wir beide nicht benötigen. Aber es sollte deutlich werden, daß jeder, der „ganz normal“ oder naiv-realistisch die Welt zu (er)kennen meint, für sich selbst diese göttliche Schau beansprucht – ob er das nun weiß bzw. will oder nicht, ist dabei völlig einerlei.

„Ich kenne die Wahrheit“ ist traditionell äquivalent mit „Ich stehe auf du und du mit einem (zumindest) Halbgott“.

Das traditionelle Denken enthält Michel Foucault zufolge einen „Willen zum Wissen“, der scheinheilig als „Wille zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber Nietzsches „Willen zur Macht“ darstellt.

Das wird spätestens in der Moderne überdeutlich, weil sich nun herausstellt, daß die Objekte des Wissens keine Seienden, sondern Handlungsanleitungen sind. Wer letztere beherrscht, kann unendlich viel machen – und was sonst ist Macht?

Reden wir hier noch von Wahrheit, so ist das entweder naiv oder bösartig.

2.3.1.1. Aufklärung über die "Aufklärung"

Durch den heißen Draht zum Nous ist unsere menschliche Position dem traditionellen Denken zufolge sogar noch viel besser als diejenige eines eventuellen Schöpfer-Gottes: Wir wissen mit ihm – schauen ihm gewissermaßen über die Schulter –, sind jedoch nicht verantwortlich; gemacht hat er es – oder wer auch immer; jedenfalls wir nicht.

Ebenbild „ja“, Mitverantwortung „nein“.

Im traditionellen Denken kommt also ganz massiv ein – verantwortungsloses – Sein-Wollen-wie-Gott zum Ausdruck. Das hat aber meines Erachtens kaum etwas mit Hochmut oder „Sünde“ zu tun, sondern vielmehr mit Denkfehlern und einer unglaublichen erkenntnistheoretischen Naivität.

Wir beleidigen Gott damit auch nicht – was wäre denn das für ein Gott, den wir beleidigen könnten? –, sondern machen nur uns und vielleicht auch ihm das Leben unnötig schwer. Gott ist nicht gekränkt, aber eventuell verzweifelt; „wozu habe ich ihnen bloß die subjektive Vernunft gegeben?“

 

Nach der „Aufklärung“ sprechen wir natürlich nicht mehr von einem Gott oder Nous; sie heißen jetzt – insbesondere bei Descartes, Kant, Hegel und selbst Husserl noch – „objektive Vernunft“ oder „transzendentales Subjekt“. Die Moderne hat den Gott der Philosophen lediglich umgetauft und es damit unter dem Etikett „Aufklärung“ ermöglicht, dem traditionellen Ansatz noch lange Zeit relativ unbemerkt treu bleiben zu können

Aber wo „Aufklärung“ drauf steht, muß keine drin sein; „das moderne Denken ist angewandte griechische Götterlehre“ (Georg Picht). Die für uns notwendige Aufklärung über die „Aufklärung“ bestände darin, dies zu verstehen, das heißt, nicht länger den absurd-mittelalterlichen Absolutheitsanspruch des religiösen Glaubens durch den absurd-modernen der exakten Wissenschaften zu ersetzen – und damit dem alten Gott im neuen Mäntelchen weiterhin dienen zu können.

Beide Totalitarismen verweigern das eigene Denken und sind damit gleich unaufgeklärt; auch „die Wissenschaft denkt nicht“ (Martin Heidegger).

 

Wir müssen (an) den Gott der Philosophen glauben, um die moderne Wissenschaft für wahr halten zu können, denn ohne ihn ließe sich gar nicht erklären, wie wir zu unseren Ergebnissen gelangen sollten.

Diese göttliche Schau heißt nun (im wesentlichen) „Theoretische Physik“. Sie soll die Welt in ihrer gesamten „räumlich“-„zeitlichen“ Erstreckung als mathematisch-naturwisenschaftliche Unverborgenheit aus ihrer sinnlichen Verborgenheit befreien. Wir denken, berechnen oder veranschaulichen, lassen unseren Blick über die Welt schweifen und können dabei prinzipiell jede „Raum“-„Zeit“-Stelle beliebig genau inspizieren.

Rein praktisch bekommen wir es (noch) nicht hin, jedes Ereignis der vierdimensionalen „Raum“-„Zeit“ auszurechnen; und schon gar nicht in Echtzeit. Aber ob wir das schon können oder nicht, ist zunächst einmal sekundär; theoretisch ist es möglich, und das kann es nur sein, weil letztlich ausnahmslos alles in einer  „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“ vor dem geistigen Auge ausgebreitet liegt.

Der Nous schaut es locker, und wir rechnen angestrengt; aber mit der heute leider noch fehlenden „Weltformel“ werden wir ihm vielleicht schon ziemlich nahekommen . . .

 

Anschaulich entspricht die traditionelle Welt demzufolge einem großen Regallager mit drei „räumlichen“ Dimensionen und einer „zeitlichen“ Ausdehnung. So wie rechts und links, oben und unten sowie hinten und vorn gibt es eben auch früher und später; das Jetzt gehört zur Mitte, und ausnahmslos alles ist im Prinzip stets präsent.

Dort befindet sich die Geburt des Sirius, hier oben ist der Bauernkrieg und da hinten rechts wird das letzte Dieselauto verschrottet. Die Welt ist eine Gesamtheit von vierdimensional einsortierten Ereignissen.

In einem statischen oder zeitlosen Lager kann man nicht leben, sondern nur – den Blick über – Vorstellungen wandern lassen; beispielsweise von rechts nach links oder vom Später ins Früher.

2.3.2. Die Welt als Hinterwelt

Mit ihren objektiven Seienden kann die Tradition die Intersubjektivität unserer Wahrnehmungen natürlich phantastisch durch adäquates Abbilden erklären. Nur diejenigen, denen das mißlingt, sind anderer Meinung und können mit gutem Recht von den besser Abbildenden korrigiert werden. In dieser unbestreitbaren Intersubjektivität besteht ja auch das häufigste und scheinbar stärkste Argument gegen unseren Verzicht auf Urbilder.

Das wollte ich aber entkräftet haben, indem wir die Seienden durch Anschauungen „ersetzen“. Aus dem „konturlosen helleuchtenden Kreis“ dort kann beispielsweise die Sonne, aber eben auch der Re werden, wenn jener – durch ein Weltbild – auf den Begriff gebracht und damit zu einer Wahrnehmung wird.

 

Das ist jedoch kein einfaches Ersetzen der Seienden durch die Anschauungen im Sinne eines bloßen Austauschs, sondern stellt eine grundlegende Anderung des Weltbilds dar.

Zunächst haben wir  natürlich unsere Hausaufgaben erfüllt; die partielle Intersubjektivität der Wahrnehmungen läßt sich ebensogut durch die subjektiven Anschauungen erklären, wie die Tradition dies mit ihren objektiven Seienden tut.

Aber letztere sind unabhängig von uns, während meine Anschauungen nicht ohne mich existieren; schließe ich beispielsweise die Augen, sind die Sehungen weg. Es gibt sie nicht mehr – nicht nur: ich sehe sie sie nicht mehr. Das ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen, die Wahrnehmungen – nicht länger von der Welt, sondern – von uns her verstehen zu wollen. Ohne unser Anschauen – im weitesten Sinne und nicht nur visuell enggeführt – existieren keine Anschauungen.

„Mit diesem Anschauen ersetzen Sie das Schauen des Nous sowie Gabriels ‚Zuschauen der Subjekte‘?“

Sehr schön; dadurch kann alles mit rechten Dingen zugehen, solange wir uns nicht als Subjekte mißverstehen und angeblich selbst kennen.

 

„Aber eine Schwierigkeit sehe ich doch noch.

Für Babys und Tiere gibt es kein Weltbild, so daß sie auch weder die Sonne noch den Re wahrnehmen; der „konturlose helleuchtende Kreis“ als sinnliche Anschauung ist dagegen unproblematisch; den können sie sehen.

Ohne Weltbild existieren aber auch weder „Raum“ noch „Zeit“. Warum schauen Babys und Tiere dann in die richtige Richtung, das heißt dorthin, wo wir die Sonne sehen?“

 

Unser Leben erfolgt nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich. Analog zu den zwei ZEITEN müssen wir also auch zwei RÄUME unterscheiden; neben dem Lebens-Raum stehen beliebig viele mögliche „Raum“-Vorstellungen.

Nur letztere sind – wie die „Zeit“-Vorstellungen – an das Weltbild gebunden und fehlen damit unseren Babys sowie Tieren. Der Raum ist nicht dreidimensional und enthält weder Ebenen noch Punkte; er hat nichts mit Geometrie zu tun, sondern besteht nur in relativen Bezügen zu uns als den – notwendigerweise – Anschauenden. (Kompetende Ausführungen hierzu finden Sie bei Hermann Schmitz.)

Die Babys und Tiere schauen also  nicht zu einer Stelle im „Raum“ – mit den Koordinaten x, y und z –, sondern in eine Raum-Richtung relativ zu ihnen – dort.

 

„Einverstanden; damit Moritz direkt vor mir stehen kann, bedarf es des Raumes, aber keiner ‚Raum‘-Vorstellung . . .

. . . Wenn wir in Gott leben, würde dieser Raum jedoch zu ihm gehören und Moritz somit in Gott vor mir stehen?“   

Das klingt natürlich absurd für unsere Ohren; da müßten wir uns einfach entscheiden, ob wir die Allgegenwart Gottes ernstnehmen oder als kultisches Gerede abtun wollen. Immerhin war es mit Newton ein Physiker und kein Theologe, der den „Raum als Sensorium Gottes“ verstand. (Bei ihm war es freilich die „Raum“-Vorstellung; unseren Raum kannte Newton wohl nicht.)

 

Spätestens an dieser Stelle müßte auch überdeutlich werden, daß wir stets das gleiche Denkmodell zugrundelegen:

Auf der einen Seite haben wir Gott, den Ursprung und das Leben – unsere Transzendentalien – sowie die Anschauungen, Raum und Zeit.

Auf der anderen Seite steht all das – und noch vieles mehr – in Form der Wissungen unseres Weltbilds.

Wir halten die beiden Seiten sauber getrennt; weder werden sie miteinander identifiziert, noch verstehen wir die Wissungen als solche von den Entitäten der ersten Seite. Vielmehr interpretieren, deuten oder verstehen wir letztere probeweise mittels der Wissungen, betrachten diese lediglich als Denkwerkzeuge, versuchen herauszubekommen, wohin sie uns führen, und dieses Ziel zu optimieren

 

Die Wahrnehmung Sonne entsteht, indem die unbestreitbare sinnliche Anschauung „konturloser helleuchtender Kreis“ mittels des Begriffs Sonne gedeutet wird. Der alles entscheidende Unterschied gegenüber dem traditionellen Denken besteht darin, daß sowohl die Anschauung als auch der Begriff unserem Bewußtsein angehören.

Das ist bei jenem nicht der Fall, denn exakt die gleiche Wahrnehmung Sonne wird traditionell als eine Abbildung einer seienden oder urbildlichen Sonne behauptet, die nirgends vorkommt und deswegen lediglich einer Hinterwelt angehört.

Diese umfaßt notwendigerweise

– die Seienden – Objekte sowie Subjekte – der Welt,

– den Nous bzw. seine Schau der ewigen Präsenz und

– unseren Zugang zum Nous.   

 

Die traditionelle Welt gehört zur Hinterwelt.

Natürlich ist der Glaube daran widerspruchsfrei; aber in dieser Feststellung drückt sich kein Lob aus, sondern vielmehr die Tatsache, daß nichts an der Hinterwelt wirklichkeitsnahe genug ist, um überhaupt einen Widerspruch erregen zu können.

Woher sollte er kommen, solange nur über prinzipiell Unzugängliches palavert wird?

 

Wir verfügen über ein subjektives Weltbild; hierfür ist keine Welt erforderlich, denn nur traditionell sollten sich diese auf eine angebliche Welt beziehen. 

Wir leben postmodern mit unserem Weltbild und orientieren uns daran, als ob es ein Bild von der Welt wäre.

Exakt so war bzw. ist es auch schon vor der Postmoderne; die Menschen haben ihr Weltbild aber als Bild von einer Welt glauben wollen und dazu letztere als eine Hinterwelt erfinden müssen. Jede Kultur eine andere, aber wir selbst – natürlich – die richtige und damit die einzige Nicht-Hinterwelt

 

Damit können wir auch nochmals den Bogen zum Dualismus der Tradition schagen:

In unserem Bewußtsein befinden sich Wissungen, die von ihr zwar lediglich in Wissung und Gewußtes verdoppelt, aber dann auch noch als grundverschieden behauptet werden. Für zwei total differente Arten von Entitäten sind dann natürlich auch zwei verschiedene Sphären erforderlich; die (Hinter-)Welt für die kopierten und das Innen für die ursprünglichen Wissungen.

Ihre Krönung erfährt diese Unlogik darin, daß die ursprünglichen Wissungen zu bloßen Abbildern und die Kopien zu Urbildern erklärt werden.

2.3.3. Subjektivitäten sind und haben keine Wissungen

Die traditionellen Subjekte haben nichts mit wirklichen Subjektivitäten gemein, denn letztere entstehen nicht einfach dadurch, daß man Objekten ein Innen hinzufügt – welches auch immer. Die Tradition macht es sich auch da wieder (zu) einfach und geht – als wäre dies die selbstverständlichste Sache der Welt – von in der Hinterwelt vorhandenen Subjekten aus.

„Das kann ich nicht nachvollziehen; für die Subjekte ist doch keine Hinterwelt erforderlich. Denken Sie bitte einmal ganz normal wie jeder vernünftige Mensch:

Dort steht Moritz mit seinem Fußball; Moritz hat ein Innen und der Fußball nicht. So einfach geht das!“

Nein; das tut es eben nicht!

Das traditionelle Denken kann durch nichts gerechtfertigt werden, denn es stellt eine bloße – aber immerhin widerspruchsfreie – Erfindung dar.

Was Sie soeben gesagt haben, widerspricht sich jedoch sogar und ist also „noch schlimmer“, weil es falsch sein muß

 

Dem traditionellen Ansatz zufolge sind Sie ein Subjekt der Welt, und in Ihrem Innen befinden sich die beiden Wahrnehmungen Moritz sowie Fußball. Nicht nur dieser, sondern auch jener kann kein Innen besitzen, denn dieser Moritz ist doch ebensowenig ein Subjekt wie sein Fußball; beide sind Wahrnehmungen – die Sie haben – und somit kann auch Moritz – im Gegensatz zu Ihnen –  nicht(s) wahrnehmen.

Verallgemeinert wissen Wissungen nichts; deswegen geht es traditionell nicht ohne hinterwäldlerische Seiende.  

 

 

traditioneller Ansatz unser Ansatz              
       
Welt   =   Hinterwelt
————  
Seiende ————  
             Objekte            
Subjekte   =   Objekte
————  
———— +   Innen
————  
  ———— Bewußtsein  
   
  ———— – (substantivisches) Leben  
    { Subjektivität + verbales Leben }  
  adäquate Wahrnehmungen   =   Abbilder
– Wahrnehmungen   =   Bilder
 
  – Moritz – Moritz  
  – Fußball – Fußball  

 

Abbildung 2.2.3.

 

Ihr Fehler, der zum Widerspruch führte, bestand also in der Annahme, dort den Ur-Moritz zu sehen; der besitzt zwar ein Innen, ist aber in seiner Hinterwelt nicht wahrnehmbar.

„Einverstanden; das ist genau die Stelle, die Sie oben bereits einmal als Fehler des Neuen Realismus erklärt hatten. Nur der Nous schaut das Subjekt A oder den Ur-Moritz sowie das Objekt B bzw. den Ur-Fußball, so daß es für uns nicht einmal die Selbstwahrnehmung AA sowie die Fremdwahrnehmung AB geben kann – sondern nur Moritz und den Fußball.

Deswegen beginnen Sie mit den Wahrnehmungen – und nicht bei den Subjektivitäten.“

 

Ja; wir Subjektivitäten können zum einen keine Wissungen sein, das heißt, nicht gewußt werden.

Zum anderen sind wir Subjektivitäten auch nicht die Wissenden, denn es gibt uns nur in Einheit mit dem verbalen im substantivischen Leben. Sind wir aber nicht einmal als Lebende isolierbar, dann erst recht nicht als Wissende.

Im (substantivischen) Leben gibt es Wissungen; wir sind nicht das Subjekt unseres Lebens, sondern resultieren daraus. Und an dieser Konstitution „unserer“ Subjektivität arbeiten auch die Wissungen mit; deswegen können wir keine Wissenden sein.

Wir sind und haben keine Wissungen.

 

„Dann müßte der Satz ‚ich weiß‘ also immer falsch sein?“

Ja; aber „ich weiß nicht“ wäre ebenso unrichtig, weil es allein um das „ich“ geht.

Das ist nicht vorhanden, weder durch die Evolution entstanden noch von Gott geschaffen; es gibt keine Ich-Substanz. Der Glaube daran, scheint mir die große Illusion des Abendlands zu sein, die uns insbesondere vom asiatischen Denken charakteristisch unterscheidet.

Meine Alternative besteht natürlich nicht in einem – mir aus eigener Erfahrung zutiefst widersprechenden – Kollektivismus, sondern in der Priorität des Lebens gegenüber den Subjektivitäten.

 

Gott hat keine Subjektivitäten geschaffen, sondern sich als das (substantivische) Leben für uns hingegeben. Christlich-fromm  ausgedrückt wäre letzteres der Leib Christi oder Weinstock, an dem wir Subjektivitäten wie Rebzweige wachsen können. Der Weinstock ist also keine logistische Zusammenfassung, sondern bildet unser Woher.

In diesem Leben entstehen wir Subjektivitäten durch Fühlen, Nahegehen- oder Betreffen-Lassen; das heißt, wir fühlen nicht und uns kann auch nichts nahegehen oder betreffen – weil wir hierdurch erst „geboren“ werden. Die Subjektivitäten sind das Sich-Fühlen, Sich-Nahegehen- bzw. -Betreffen-Lassen in dem oder durch das (substantivische) Leben.  

Deswegen ist insbesondere „ich weiß“ stets falsch und könnte vielleicht durch die Einheit { ich + wissen } verbessert werden – falls dieses „wissen“ mit einer Subjektivität verbunden ist, das heißt, ein Fühlen, Nahegehen oder Betreffen bewirkt.

 

Ohne Wissende gibt es auch keine Wahrnehmenden.

Die sind aber auch nicht erforderlich, weil wir „erst“ bei den Wahrnehmungen (bzw. Anschauungen) beginnen und sie nicht wie die Tradition durch ein sogenanntes Wahrnehmen aus angeblich ursprünglicheren Seienden herleiten.

„Rein logisch scheint mir das wasserdicht zu sein, und ich kann Ihnen darin auch nicht widersprechen. Aber daß ich Subjektivität keine Sehungen besitze, wenn mein Körper die Augen geschlossen hat, werden Sie doch zugeben?“

Natürlich; aber das bedeutet keinen Widerspruch.

Normalerweise verfügen Sie über Sehungen; diese gehören zu den Wahrnehmungen, mit denen wir stets beginnen. Nun schließen sich die Augen Ihres Körpers, und prompt sind die Sehungen weg; deren notwendige Voraussetzungen sind nicht mehr erfüllt.   

 

Sie denken erstens traditionell:

Ich bin mein Körper; hierauf müssen wir wohl nicht  mehr eingehen.

Und zweitens begehen Sie dabei einen logischen Fehler.

Wenn mein Körper bei geschlossenen Augen nicht sieht, folgt daraus keineswegs, daß er mit offenen Augen sehen würde. Das ist Nonsens, und könnte etwa folgendermaßen korrigiert werden:

Wir verfügen über Sehungen (neben anderen Wahrnehmungen). Etwas Grundlegenderes steht uns nicht zur Verfügung, so daß wir nur bei ihnen beginnen und sie nicht nochmals herleiten können. Im Dunklen entfallen  die Sehungen; daraus folgt aber nicht, daß das Licht sieht, sondern lediglich, daß es eine notwendige Voraussetzung für die Sehungen bildet – ebenso wie geöffnete gesunde Augen.

Mit anderen Worten bestehen zwischen den Wissungen unseres Weltbilds notwendige Bedingungen für die Wahrnehmungen; sind jene nicht erfüllt, entfallen diese, obwohl sie „eigentlich“ möglich wären und auf ihr Sich-Zeigen-Können „warten“.

Greifen wir nicht fest zu, fällt uns der Wassereimer aus der Hand, den wir „eigentlich“ tragen könnten. Bekommen wir schlecht Luft, fehlt uns geistige und körperliche Frische, die „eigentlich“ möglich wäre.

 

Menschen sehen beispielsweise ebensowenig wie Fersehkameras oder Roboter. Läuft einer von letzteren auf die Wand zu, kommen die von ihm nach vorn ausgesandten Wellen sehr schnell zurück, und als Reaktion darauf ändert der Roboter seine Bewegungsrichtung. Der Input führt vollautomatisch und ohne jegliches Bild von der Wand zum passenden Output.

Das wird beim Rasenroboter besonders deutlich, wenn der Input im Anstoßen oder Leitungssignal besteht; für den Roboter endet kein Rasen. Der automatische Blitzer sieht nicht, daß der Verkehrssünder zu schnell fährt, sondern erzeugt ohne jedes Wahrnehmen eine Anschauung, die für Subjektivitäten zu einer Wahrnehmung werden kann.

2.3.4. Von Dingen zu Funktionen

Vor der Moderne verstand es sich von selbst, daß Seiende existieren und diese zum Teil eine dinghafte Form besitzen; „Sonne, Mond und Sterne“ hatten wir oben einführend geschrieben.

Die Objekte der exakten Naturwissenschaften sind natürlich niemals Seiende gewesen; ihre Vertreter erforschen keine Hinterwelt. Aber im Verlaufe der Moderne wird zunehmend deutlicher, daß ihre Objekte auch nicht in Dingen, sondern in Relationen bestehen, denn nur sie lassen sich durch Naturgesetze wiedergeben.

Ernst Cassirer hat diese Anderung als Übergang vom traditionellen Substanz- zum postmodernen Funktionsdenken“ in das Zentrum seiner Arbeiten gestellt, und auch Heinrich Rombachs Lebenswerk kreist wesentlich um die mit diesem Wechsel von der Substanz – über das System – zur Struktur verbundenen Fragen oder Probleme sowie Möglichkeiten und Chancen.

 

Versuchen wir zunächst, die entsprechenden Gedanken ein wenig nachzuvollziehen.

Die moderne Wissenschaft versteht sich nicht als Buchwissen, hatten wir  bereits gesehen, sondern als Forschung, das heißt, als eine hochorganisierte Kombination von intelligenten Hypothesen und sie kontrollierenden Experimenten – innerhalb eines dafür erforderlichen ökonomischen, politischen und sozialen Umfelds.

Aber was ist überhaupt empirisch? Das heißt, was läßt sich experimentell bestätigen oder widerlegen?

Weder „was die Welt im Innersten zusammenhält“ noch „Dinge“, sondern höchstens Voraussagen über spätere Ereignisse.

 

„Weil sich die Raumstation jetzt in dieser Position befindet und auf bestimmte Weise bewegt, müßte sie morgen um 20 Uhr exakt an jener Stelle zu sehen sein.“

Das dürfen wir jedoch nicht als eine Aussage über die Raumstation mißverstehen; es hat mit ihr überhaupt nichts zu tun. Würden wir sie durch ein Fußballstadion oder Atomkraftwerk ersetzen, würde sich physikalisch nicht das Geringste ändern; Dinge sind keine Gegenstände der modernen Wissenschaft.

Sie kommen zwar ununterbrochen vor, aber weder wird an Dingen geforscht noch wissenschaftlich von ihnen geredet – weil beides unmöglich ist.  

 

Damit gräbt sich die Moderne freilich ihr eigenes Grab. Sie war mit dem Anspruch angetreten, die Frage nach der Wirklichkeit der Welt nun endlich auf dem richtigen Weg und mit adäquaten Mitteln – Hypothese und Experiment – zu beantworten. Nun sehen wir, daß eine solche Forschung – natürlich nicht zu Seienden, aber auch – nicht zu Dingen sondern lediglich zu Relationen führt; die Suche nach der wirklichen Welt erkennt sich in der modernen Wissenschaft selbst als Irrtum.

Die ersten Naturwissenschaftler, die das hautnah erfahren mußten, waren die Quantentheoretiker. Deren Forschungsergebnisse führen zu der Alternative: entweder objektive Welt oder Quantentheorie.

Albert Einstein ist sicherlich die tragische Figur dieses Konflikts; obwohl er sich mit seinen beiden Relativitätstheorien nahezu im Alleingang bereits einen Riesenschritt vom Glauben an eine Newtonsche Welt – die absolut in „Raum“ und „Zeit“ ist – entfernt hatte, zog  er  bei der Quantentheorie dann die Reißleine und versuchte leider bis zu seinem Lebensende, den traditionellen Glauben möglichst weitgehend zu retten.

 

„Wegen der unermeßlichen Materie des Kosmos steht mir Einstein näher.

Ich fühle mich zwar außerstande, Ihre Argumentation, derzufolge die Welt nur eine Hinterwelt sein kann, zu widerlegen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit; ihre andere Hälfte besteht darin, daß kein noch so sauberer Gedankengang mich davon überzeugen kann, daß es keine Materie gibt. Diese Annahme müßten sogar Sie für unsinnig halten!“

 

Aber sicher; diese Konsequenz wäre natürlich absurd.

Sie ergibt sich aber auch nur, weil Sie – Pardon: wieder – einen Denkfehler begangen haben. Um ihn deutlich zu erkennen, unterscheiden wir zwei Sorten von Materie; die traditionelle und die physikalische.

Erstere bildet den Stoff, aus dem die Seienden des Kosmos als des physikalischen Teils der Welt bestehen. Mit letzterer als Hinterwelt entfällt für uns natürlich auch ihre Materie. 

Die Frage „Was ist das, was nicht – bzw. allein in der Hinterwelt – existiert?“, kann nur sinnleer sein; deswegen können – und müssen – wir sie natürlich auch nicht beantworten.

Damit ist Ihr Widerspruch aufgelöst; die traditionelle Materie entfällt tatsächlich; es gibt keine solche Substanz oder keinen entsprechenden Stoff. Ein Kosmos, der nur als vorhanden behauptet wird, benötigt kein Baumaterial.

Die Physiker sprechen aber nicht von einer Hinterwelt. Ihre Materie besteht also, und eben sie ist es, die in der Moderne von Dingen zu Relationen übergeht.

 

Wir sollten in unserem Sinne freilich etwas genauer formulieren:

Aus dinghaften werden in der Physik relationale Wahrnehmungen. Sie bestehen – „aus nichts“ wäre falsch, sondern – nicht aus irgendetwas, sondern in ihnen werden Anschauungen interpretiert. Auch hier ist also die Zeit der Substanzen, Stoffe oder Baumaterialien abgelaufen, so daß wir zusammenfassen können:

Es gibt keinerlei philosophisches Bestehen-aus; nicht aus Substanzen, Stoffen, Baumaterialien oder Materie. Was wir dann unter letzterer zu verstehen haben, ist noch völlig unklar. 

 

„Sie bestreiten also, daß der Eiffelturm aus Eisen besteht?“

Der Eiffelturm  stellt für uns eine Wissung dar; können Wissungen – Wahrnehmungen oder Vorstellungen – aus etwas bestehen?

„Nein; und das heißt, wir brauchen auch kein Eisen mehr?“

Doch; aber Eisen ist kein Stoff – wie uns die Sprache nahelegt –, sondern eisern eine Eigenschaft.

Der Eiffelturm besitzt unter anderem eine bestimmte Höhe, Farbe, Schwingungsfrequenz oder -weite und ist eisern. So wie es hölzerne Kugeln sowie silberne Ketten gibt, existieren eben auch eiserne Türme.

Sie sind hart und dicht, bestehen aber weder aus Härte noch aus Dichte; weshalb sollte eine eiserner Turm dann aus Eisen bestehen?

2.3.4.1. Substanz und Akzidens

„Einverstanden; der Eiffelturm ist eisern und kann nicht aus einer bloßen Eigenschaft bestehen. Aber völlig unabhängig davon muß es doch auch Substanzen geben?“

 

Der Glaube an Substanzen ist ein – äußerst hartnäckiges, aber nichtsdestotrotz unhaltbares – Relikt der Philosophie des Aristoteles.

Stellen wir uns ein Ensemble von Eigenschaften – bei ihm: Akzidenzien – wie rot, rund, weich, süß und saftig vor. Derartige bloße Bündel begegnen uns jedoch nie, sondern wir nehmen sie immer nur in einer festen Kombination – beispielsweise – als Apfel wahr. Aber was soll das sein – ein „Apfel“?

Er kann nicht nur ein bestimmtes Potpourri von Akzidenzien sein, belehrt uns Aristoteles, weil letztere nicht frei herumschweben. Sie können nur auftreten, wenn diese Eigenschaften von einer Substanz getragen, gehalten oder vereint werden. Substanzen ohne Akzidenzien sind widerspruchsfrei denkbar, weil jene das Primäre darstellen; aber die sekundären Akzidenzien benötigen eine Basis, von oder an der sie die Eigenschaften darstellen (können). 

Und die traditionellen (dinghaften) Seienden sind nichts anderes als die untrennbaren Einheiten einer speziellen Substanz und ihrer Akzidenzien.

 

„Ich verstehe; in unserem Apfel-Beispiel bilden rot, rund, weich, süß sowie saftig die Akzidenzien, und das Fruchtfleisch ist die Substanz, die sie trägt.“

Entschuldigung; aber wenn Sie so denken, verstehen Sie nicht . . .

Das Fruchtfleisch sehen wir doch und ist somit ebenfalls nur eine Eigenschaft des Apfels – wie soeben das Eisen; er ist rot, rund, weich, süß, saftig und fruchtfleischig – statt eisern. Damit haben wir immer noch keine Substanz, denn sie kann nicht sinnlich sein, weder gesehen, noch getastet oder gefühlt werden, weil es andernfalls keine Substanz, sondern wiederum nur eine Eigenschaft wäre.

 

„Das leuchtet mir jetzt ein; aber wo befindet sich dann die Apfel-Substanz?“

Es gibt keine, denn die Seienden gehören vollständig – einschließlich ihrer Substanzen – der Hinterwelt an.

„In den Wahrnehmungen glaubt die Tradition, Abbildungen der Seienden vor sich zu haben. Das schließen Sie aus und setzen an deren Stelle von uns interpretierte Anschauungen. Sollte es dann nicht auch einen Zusammenhang zwischen den angeblichen Abbildungen von Substanz und Akzidens auf der einen Seite und Ihren Anschauungen sowie Interpretationen auf der anderen geben?“

Wenn unser Ansatz der konsistentere ist – wovon ich fest überzeugt bin –, ist ein solcher Zusammenhang sogar zwingend:

Traditionell Denkende finden innerhalb der Wahrnehmungen den gleichen Unterschied zwischen sinnlich und geistig vor wie wir, erklären ihn lediglich anders.  

 

 

Hinterwelt  
=  
Welt  
 
Seiendes                                                                                
Substanz Akzidens  
Erfindung Projektion  
geistig sinnlich  
|  
Abbilden  
 
Wahrnehmungen  
geistig sinnlich  
 
Interpretieren  
|  
Begriff Anschauung  
Erfindung    Ensemble von Eigenschaften    
mehr oder weniger willkürlich unbestreitbar  

 

Abbildung 2.2.4.1.

 

Die Anschauungen sind rein sinnlich und dadurch unbestreitbar; somit entsprechen sie den angeblichen Abbildungen der Akzidenzien – die wir natürlich als Projektionen der Anschauungen verstehen müssen

Unsere Interpretationen dieser Anschauungen sind nicht nur bestreitbar, sondern sogar mehr oder weniger willkürlich; Sonne bzw. Re sind ganz spezielle Deutungen neben zahllosen anderen. Folglich korrelieren die Interpretationen mit den sogenannten Substanzen; beide stellen – zwangsläufig weltbildabhängige – Erfindungen dar.

 

„Das bedeutet, daß Ihre Korrekturen am traditionellen Denken letztlich überschaubar sind:

Die Eigenschaften – ‚der Äpfel‘ beispielsweise – liegen wirklich vor, weil sie – zusammengefaßt – als Anschauung aus der Vergangenheit in unser gegenwärtiges Bewußtsein hereinreichen. Anschauungen bilden immer nur ein Ensemble von Eigenschaften und haben folglich nichts ‚Substanzielles‘ an sich. Es sind Eigenschaften ohne Wovon, denn ihr angeblicher Träger besteht in den hinterwäldlerischen Substanzen.

Ob es in der Vergangenheit Äpfel gab, muß uns zum Glück nicht interessieren, denn es ist ohnehin prinzipiell nicht feststellbar, weil jene zwar in der Gegenwart aufgehoben, aber als Vergangenheit vergangen ist.

Auch die Aristotelische Substanz stellt natürlich nichts ‚Substanzielles‘ dar und ist rein geistig; die Tradition konstruiert sie ebenso wie wir – behauptet aber, es handle sich um eine Abbildung.

Aus dem angeblichen Abbilden von Seienden wird bei Ihnen also ein Deuten, Interpretieren bzw. Auffassen der unbestreitbaren Eigenschaften mittels unserer Begriffe.“  

 

Ja; aber diese überschaubaren Anderungen entsprechen vielleicht doch einer kleinen „Revolution der Denkungsart“ (Kant), denn mit ihnen gehen wir  von einer zeitlosen Welt zum zeitlichen Leben über.

 

„Jetzt verstehe ich wohl etwas ganz Wichtiges:

Bei den traditionellen Seienden erhebt sich in der Moderne nicht zuletzt die Frage, ob wir sie einer Evolution oder Schöpfung verdanken. Dieses häufig als fundamental und glaubensentscheidend dargestellte Riesen-Problem stellt sich bei Ihnen überhaupt nicht:

Die Substanzen der Seienden stellen bloße Erfindungen dar, und ihre Akzidenzien werden zu Anschauungen, die wir Subjektivitäten selbst in der Zeit hervorbringen.“  

Sehr schön; ich ersetze also – grob formuliert – die Hinterwelt durch die Vergangenheit und das Später durch die Zukunft. Das scheint mir jedoch zwingend zu sein, weil wir in der Zeit leben und damit weder in einer (Hinter-)Welt noch auf das – bloß gegenwärtige – Später hin.

2.3.4.2. Relationen ohne Relata

Wenn unsere Wahrnehmungen in – mit Hilfe von Erfindungen – interpretierten Eigenschafts-Anschauungen bestehen, gibt es keine Dinge. Damit gelangen wir nahezu zwingend zu einem Verständnis der exakten Wissenschaften, wie es insbesondere Ernst Cassirer und Heinrich Rombach vorgelegt haben. Ihm zufolge können die Gegenstände der Forschung nicht mehr als Dinge, sondern nur noch als Relationen verstanden werden.

Und wir ergänzen: „. . . als Relationen zwischen den zwar unbestreitbaren, aber dennoch unsagbaren Anschauungen bzw. Eigenschaften.“

 

„Ich erkenne eine leicht masochistische Ader an Ihnen, denn Sie stürzen sich von einem hoffnungslos erscheinenden Problem ins nächste.

Wenn Anschauungen unsag- oder -bezeichenbar sind, lassen sie sich auch nicht denken

Sie behaupten somit, Relationen ohne Relata – das heißt, ohne ihr Wozwischen – denken zu können.

Haben wir mit A und B beispielsweise zwei Relata, so bereiten die beiden Relationen A → B und A ← B natürlich keinerlei Schwierigkeiten; die Anziehung zweier Massen etwa oder das Größenverhältnis von Planeten.

Nun wollen Sie uns plausibel machen, daß diese Relationen auch ohne A sowie B bestehen können; einfach so – → – und – ← – ?“  

Das war – von dem Masochismus-Verdacht abgesehen – sehr gut von Ihnen; und als Nebenprodukt meiner Antwort werden wir auch erkennen, worin die physikalische Materie besteht.

 

Stellen Sie sich vor, die Nachrichtensprecherin teilt heute Abend als wissenschaftliche Sensation mit, daß morgen ab 6 Uhr schlagartig alle Dinge im physikalischen Kosmos – einschließlich unserer Körper – nur noch halb so groß sein werden (in jeder der drei Dimensionen). 

Sie würden es wahrscheinlich nicht glauben, sondern auf den Kalender schauen, ob heute vielleicht der 1. April ist. Aber selbst wer die Nachricht für richtig hält, hätte keinerlei Grund zu erschrecken:

Wenn ausnahmslos alles auf  die Hälfte seiner Länge schrumpft, merken wir es ja gar nicht; morgen früh um 6 Uhr geschieht also mit Sicherheit absolut nichts Feststellbares. Daß ich 1,70 Meter groß bin, bedeutet, daß meine Länge – heute wie morgen – das 1,7-fache von derjenigen des Zollstocks beträgt, und dabei bleibt es völlig unabhängig davon, ob die Nachricht stimmt oder nicht.   

 

Es gibt, mit anderen Worten, keine Längen, sondern nur Längenverhältnisse.

Das ist zwingend und selbstverständlich; nun geht es zwar ebenso zwingend, aber überraschend weiter:

Wenn Längen gar nicht existieren, können wir Längenverhältnisse jedoch nicht als die Verhältnisse zweier Längen verstehen – letztere entfallen ja notwendigerweise, wie wir gerade gesehen haben.

Sehr schön, denn mit dieser Einsicht haben wir unser Ziel bereits erreicht: 

Es gibt keine Relata, sondern nur Relationen.

Wenn Relata gar nicht existieren, können wir Relationen jedoch nicht als die Verhältnisse zweier Relata verstehen – letztere entfallen ja notwendigerweise, wie wir gerade eingesehen haben.

 

Wenn sich morgen um 6 Uhr auf keinen Fall etwas tut, ist die Behauptung der Schrumpfung natürlich sinnleer. Warum geben wir uns überhaupt mit solchem Unsinn ab? „Natürlich schrumpft der Kosmos nicht, sondern bleibt stets so, wie er immer ist – auch morgen um 6 Uhr!“

Moment; läßt sich die Schrumpfung nicht feststellen, muß dies natürlich auch für die Nicht-Schrumpfung gelten. Das heißt die Behauptung der letzteren – und damit wahrscheinlich Ihre bisher selbstverständliche Annahme – ist ebenso sinnleer:

Der Kosmos kann weder schrumpfen noch konstant bleiben, weil er gar keine Größe besitzt – dergleichen gar nicht existiert – und folglich weder groß noch klein ist. Es gibt nur Größenverhältnisse innerhalb des Kosmos. Er ist groß und eine Nußschale klein – im Verhältnis zu unserem Körper.

 

Dieses Ergebnis ist auch theologisch unheimlich spannend und war teilweise bereits den führenden mittelalterlichen Denkern bekannt:

Wer sich den Schöpfer anschaulich außerhalb seiner Welt-Schöpfung vorstellen möchte, steht beispielsweise vor der Frage, wieviel von seinem „Raum“ der allgegenwärtige Gott für die Schöpfung opfern mußte, Viel, wenig oder gar nichts – wenn die Welt keine Größe besitzen kann?

 

Wir haben weder einen Denkfehler begangen – glaube ich – noch phantasiert oder spekuliert, sondern lediglich am Beispiel der Länge aufgezeigt, daß die exakten Naturwissenschaften nur von Relationen, vom Gemessenen oder von Meßgrößen sinnvoll sprechen können. Nur etwas weniger anschaulich ließe sich das Entsprechende auch für alle anderen physikalischen Größen wie Massen, Geschwindigkeiten, Ladungen, Gewichte, Kräfte, Dichten usw. verdeutlichen. Sie existieren alle nicht einzeln, positiv, substanziell oder an sich, sondern lediglich relational.

Die exakten Wissenschaften betrachten das Meßbare als ihren Gegenstand, messen es und wandeln das Meßbare damit in Gemessenes um. Definieren wir diesen Gegenstand als physikalische Materie, so besteht sie im Meßbaren, das die gemessenen Relationen ermöglicht.

Wir messen dann nicht an der Materie – denn sie ist weder Substanz noch Stoff oder Material –, sondern die Materie selbst, das Meßbare eben.

 

Die Physiker wollen also nicht alles meßbar machen, wie ihnen oft vorgeworfen wird, sondern beschränken sich beruflich auf die Materie als das Meßbare. Gegen eine solche Physik ist absolut nichts einzuwenden; warum sollten wir uns nicht auch um das Meßbare bemühen?

Lebensfremd und -feindlich ist dagegen der Physikalismus, der zum einen sämtliche Wissungen auf die Materie bzw. das Meßbare reduziert – Wissung ist Messung – und zum anderen gar noch unsere spezielle Physik als die einzigmögliche ausgibt

Wären die menschlichen Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste oder Wünsche bei der Genese der modernen Wissenschaft von Belang gewesen, hätten wir wohl eine ganz andere Physik. Vielleicht würden wir dann nicht zum Mond fliegen und es gäbe möglicherweise auch keine Wasserstoffbomben, aber mit Sicherheit müßten nicht Abermillionen kleiner Kinder sinnlos sterben oder in unvorstellbarem Elend leben.

 

Daß eine solch „bescheidene“ Physik trotzdem zur Leitwissenschaft der Moderne werden konnte, resultiert natürlich aus ihrem unbestreitbaren technischen Erfolg.

Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit; als mindestens ebenso entscheidend erscheinen mir auch die Angst der anderen Wissenschaften – und sonstiger Bereiche der Gesellschaft – „zurückzubleiben“, ihr Buhlen um Anerkennung und das Streben nach der physikalischen Exaktheit.

Letzteres bedeutet jedoch, die eigene Sache zu verraten. In dem  Maße, in dem andere Wissenschaften diese Genauigkeit zu erreichen versuchen – nicht selten, indem sie abenteuerliche Berechnungen an- und die unsinnigsten Statistiken aufstellen –, wechseln sie zum Meßbaren und werden damit selbst Physik.

 

„Hierbei kann ich mitgehen, aber daß es in den Naturwissenschaften keine Dinge oder Relata, sondern nur Relationen geben soll, leuchtet mir schwerlich ein:

Ein Meter ist ein Meter und 24 Stunden sind 24 Stunden; das gibt es doch beides!“

Was Sie ausdrücken, sind – mit Verlaub – nichtssagende, inhaltsleere Floskeln, an die wir uns gewöhnt haben. Um sie zu überwinden, benötigen wir wirkliche Zollstöcke bzw. Uhren.

Befinden sich zwei identisch gefertigte Zollstöcke an verschiedenen Orten, lassen sich ihre Längen nicht mehr vergleichen. „Ein Meter ist ein Meter“ wird also zumindest unsicher, denn woher wollen wir wissen, daß sich die Zollstöcke beim Transport nicht verändert haben?

Wenn Sie jetzt spontan „Quatsch“ denken, verstehe ich Sie zwar sehr gut, aber die Allgemeine Relativitätstheorie geht von solchem „Quatsch“ aus und die Experimente bestätigen sie darin.

Zum Überprüfen müssen wir die Zollstöcke also unmittelbar aneinanderhalten – und dann ist es nur noch ein Zollstock.

Was bei Längen aber immerhin noch möglich ist, scheidet bei „Zeiten“ vollkommen aus:

Wir können den 13. August nicht an den 3. Oktober halten, so daß ich Ihren Satz „24 Stunden sind 24 Stunden“ gar nicht verstehe. 

2.3.4.3. Funktionen von Funktionen von . . .

Traditionell Denkende fragen als Philosophen was das Gute, als Physiker was Energie, oder als Mathematiker was beispielsweise die 16 ist; insbesondere letztere Frage sollte uns helfen, den neuen Gedanken von Relationen ohne Relata noch etwas plausibler zu machen.

Es gibt beliebig viele Antworten; 16 ist das Quadrat von 4, 5² – 3², die Quadratwurzel aus 256, der (ganzzahlige) Nachfolger von 15, der asymptotische Grenzwert von 15,9, 15,99, 15,999 . . . usw.

Wir können die Zahl 16 also auf die verschiedensten Arten erklären – aber stets nur unter Verwendung anderer Zahlen. Wir sehen keinen Weg, die 16 „von außerhalb“ zugänglich zu machen; mit Hilfe von Farben, Gegenständen, zahllosen Wortspielen oder was auch immer.

Läßt sich jedoch die 16 nur durch ihre Relationen zu anderen Zahlen erklären – für die dann natürlich exakt das Gleiche gilt –, müssen Zahlen Relationen von Relationen von . . . sein. Wir unterbrechen diese Kette an einer beliebigen Stelle und bezeichnen die Unterbrechung als „Zahl“.

Mit anderen Worten bedeutet dies, daß Zahlen nicht existieren oder vorhanden sind; es gibt keine Zahlen, sondern sie entstehen bzw. werden aktualisiert durch unser Rechnen, Zählen, Vergleichen und ähnliches. Zahlen besitzen weder ein Sein im traditionellen Sinne noch eine Essenz oder ein Wesen.

 

Das tut den meisten von uns wohl nicht sonderlich weh, weil wir Zahlen ohnehin nur als Konstruktionen verstehen, was bei komplexeren mathematischen Objekten wie imaginären Größen, Matrizen oder Tensoren wohl noch deutlicher wird.

Bei der Gerechtigkeit und Energie scheint das ganz anders zu sein; es wirkt nahezu absurd, daß sie in Relationen von Relationen von . . . bestehen sollen.

Aber weshalb eigentlich?

Gerechtigkeit und Energie sind in unserem Ansatz keine Seienden, sondern Wissungen. Wollen wir erklären, worum es sich bei ihnen handelt, tun wir das mittels anderer Wissungen, die wir wiederum mittels weiterer Wissungen darstellen könnten, usw. Energie ist „. . . Erhaltung . . .“, und unter Erhaltung verstehen wir „. . .“.

Aus den Zahlen werden nun Wissungen; verallgemeinern wir die Relationen mit Cassirer im gleichen Sinne zu Funktionen, so ergeben sich die Wissungen als Funktionen von Funktionen von . . .

 

„Ich fürchte, jetzt tricksen Sie.

Bei Zahlen mögen Ihre unendlichen Verweisungen gerechtfertigt sein, weil wir sie nur denken oder vorstellen können.

Aber Energie und Gerechtigkeit nehmen wir auch wahr; letztere beispielsweise in Gerichtsprozessen, bei politischen Demonstrationen oder dem Auftreten tapferer Persönlichkeiten. Sie muß es also geben, denn da helfen keine Funktionen von Funktionen von . . .“

 

Nein; da muß ich Ihnen widersprechen.

Zum einen können wir auch Zahlen wahrnehmen. Damit meine ich natürlich nicht, daß Sie das Zeichen „3“ als eine 3 erkennen; das ist kein Wahrnehmen, sondern ein Lesen oder Verstehen. 

Hat jedoch ein dreijähriger Knirps drei Äpfel, drei Bausteine und drei Smarties vor sich auf dem Tisch liegen, weil wir ihm die 3 verständlich machen wollen, dann denkt er nicht über Zahlen nach, sondern nimmt die 3 wahr – oder eben auch nicht. Bei dem Gefühl, der eigenen Fußballmannschaft fehle ein Spieler, wird die 10 wahrgenommen; sehen wir die gelben Säcke vor dem Haus, so nehmen wir vielleicht auch wahr, daß es vier sind, und es wäre widersprüchlich zu sagen, ich sehe die Churfirsten, aber nicht, daß es sich um sechs Stück handelt.

 

Zum anderen glaube ich, noch einen Schritt weiterzukommen, wenn wir bei Wilhem Diltheys Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ansetzen und versuchen sie ein wenig weiterzudenken. Ihm zufolge geht es bei jenen um Erklären und bei diesen um Verstehen.

Seine Gegenüberstellung zeugt noch von ihrem traditionellen Hintergrund; für uns ist sie unangemessen, weil sich die beiden Tätigkeiten nicht entsprechen:

Beim Erklären bildet die Subjektivität den Absender; es geht von ihr aus, und das Ankommen spielt keine Rolle.

Beim Verstehen stellt die Subjektivität hingegen umgekehrt den Adressaten dar; das Woher ihrer Verstehungen interessiert nicht.

 

Um eine sinnvollere Gegenüberstellung zu erreichen, ersetzen wir das Verstehen durch Beschreiben; die Naturwissenschaften erklären und die Geisteswissenschaften beschreiben, aber beide fungieren einheitlich als Absender

Gänge es nur um die Wissenschaften, müßte uns das kaum interessieren; durch unsere Umformulierung, können wir den Anwendungsbereich dieser Unterscheidung jedoch unvorstellbar erweitern. Wer beschreibt denn nicht – (vielleicht) außer den exakten Wissenschaften?

Alle Wissungen sind somit entweder Erklärungen oder – künstlerische, belletristische, alltägliche, sportliche, religiösn usw. – Beschreibungen, wobei diese kontinuierlich in jene übergehen.

Den anderen Grenzfall, das reine Beschreiben, gibt es nicht, weil wir zu jedem Beschreiben Begriffe benötigen und somit immer zumindest ein Hauch von Erklären darin enthalten ist. Aber mehr eben nicht, so daß beispielsweise auch Gesten, Musik oder Gedichte die Funktion des Beschreibens übernehmen können. 

 

Damit kann ich endlich meine Antwort vervollständigen; bisher sollte nur deutlich werden, daß auch Zahlen-Wahrnehmungen bestehen können.

Nun hat sich gezeigt, daß Beschreibungen prinzipiell nicht ohne Begriffe auskommen und ein pures Zeigen somit niemals ausreicht. Wir beschreiben; wird es nicht verstanden, müssen wir weiter-beschreiben und weiter-beschreiben und . . . So entstehen die Funktionen von Funktionen von . . .

Wir beschreiben also, bis keine Rückfrage mehr kommt – warum auch immer –, während die Tradition glaubt zu beschreiben, bis die Urbilder erreicht sind und damit das Rückfragen definitiv zur Ruhe kommt.

2.3.5. Die Wirklichkeit ist keine Eigenschaft

Eine der Voraussetzungen des traditionellen Denkens ist meines Erachtens schlichtweg falsch. Ich meine damit die Annahme, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellen würde.

Was bedeutet das überhaupt?

Krokodile und Drachen haben einen Schwanz; das gehört natürlich zu ihren Eigenschaften.

Krokodile gibt es, Drachen nicht; auch dies versteht die Tradition – für uns wahrscheinlich völlig überraschend – als Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen.

Beide besitzen somit traditionell (unter anderem diese) zwei Eigenschaften; Krokodile – Schwanz und Wirklichkeit – sowie Drachen – Schwanz und Nicht-Wirklichkeit.

Hier müssen wir  unbedingt widersprechen; Wirklichkeit und Nicht-Wirklichkeit können keine Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen sein, denn sie haben mit diesen Tieren doch überhaupt nichts zu tun.

 

Was verbindet die Tatsache, daß es Löwen gibt, mit den Löwen?

Nichts, denn wir müssen ihre Eigenschaften im Vorhinein kennen, um auf deren Grundlage dann entscheiden zu können, ob Löwen wirklich sind – im Sinne von: zur Wirklichkeit gehören oder existieren.

Kants Beispiel in diesem Zusammenhang besteht in der Frage, ob 100 Taler, die ich nicht besitze, etwas anderes sind als 100 Taler, die ich habe?

Wenn wir von den Talern reden – und nicht von mir –, besteht tatsächlich kein Unterschied.

 

Hiermit entfällt auch eine weit verbreitete (naive) Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Wirklichkeit eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser „vollkommene“ Gott, der nicht existiert; letzterer kann somit auch nicht vollkommen sein. Definieren wir Gott jedoch „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“ (Anselm), muß die Existenz also zu ihm gehören, so daß es Gott mit Sicherheit gibt.

 

„Das wirkt sehr spitzfindig und wie an den Haaren herbeigezogen; ich kann mir kaum vorstellen, daß ein solcher Gottesbeweis heute noch jemanden anspricht. Aber abgesehen davon bin ich mir doch recht sicher, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellt.

Träume ich von Wasser oder stelle es mir vor, dann ist das Wasser unwirklich; sonst könnten Menschen in der Wüste nicht verdursten; Vorstellen geht ja wohl immer. Wirkliches Wasser ist dagegen solches, das man tatsächlich trinken kann.“

 

Nein; das ist falsch; es gibt kein wirkliches und unwirkliches Wasser.

Beim Trinken handelt es sich nicht um wirkliches Wasser, sondern wirklich um Wasser.

Im Traum handelt es sich nicht um unwirkliches Wasser, sondern nicht wirklich um Wasser.

„Jetzt werden Sie auch noch so spitzfindig wie Ihr Anselm; ‚es gibt wirklich Wasser, aber kein wirkliches Wasser‘; ich sehe dazwischen, ehrlich gesagt, keinen Unterschied!“

Das ändert sich wahrscheinlich sehr schnell, wenn wir das Wasser durch Arsen ersetzen:

Ich verstehe nicht, was wirkliches bzw. unwirkliches Arsen sein soll; Arsen ist Arsen. Aber ich sehe einen großen Unterschied dazwischen, ob Ihnen jemand wirklich Arsen in das Bier gekippt oder ob er es nicht wirklich getan hat.

 

Wir können die Wirklichkeit unserer Transzendentalien nicht als Eigenschaft verstehen, weil es dazu einer „Anschauung“ als ihres Trägers bedürfte. Das Grundlegendste überhaupt – Gott, Ursprung sowie Leben – kann aber nicht wiederum einen Träger besitzen und somit auch keine bloße Eigenschaft darstellen.

2.3.6. Verdrängen der Endlichkeit

Es gibt meines Erachtens noch eine sechste Voraussetzung, die fest in das traditionelle Denken eingebaut ist, nämlich das Verdrängen unserer eigenen Endlichkeit, Kontingenz oder Verwundbarkeit. Wollte man diese herauspräparieren, würde der Ansatz in sich zusammenbrechen; insofern gehört auch das Verdrängen der Endlichkeit zu seinen notwendigen Voraussetzungen. Michaela Neulinger stellt mein Anliegen in ihrem Buch „Zwischen Dolorismus und Perfektionismus“ sehr schön dar; der Tradition geht es allein um letzteren.

Dieses Verdrängen zeigt sich nicht zuletzt auch darin, daß die Zeit geleugnet wird, weil angeblich jede Wahrheit zeitlosig-ewig sein muß. 

Martin Heidegger zufolge hat das traditionelle Denken „das Sein vergessen“; wir würden ergänzen „und die Zeit“. Damit rücken nicht nur Leben sowie Sterben, sondern auch wir Subjektivitäten in weite Ferne und können gar nicht thematisiert werden, weil dies nur zeitlich möglich wäre.

 

Schauen wir möglichst vorurteilsfrei auf das Leben oder die Geschichte, finden wir theoretisch Verletzbarkeit, Bedürftigkeit, Sterblichkeit sowie viele weitere Einschränkungen; praktisch entsetzlich viel Leid, Elend, Gewalt, Terror, Schmerz, Ungerechtigkeit usw.

Michel Henry faßt diese Situation zusammen, indem er vom „Leben des Fleisches“ oder „im Fleisch“ spricht. Am besten lassen wir hierbei alle anschaulichen Vorstellungen bezüglich des Fleisches beiseite und verstehen es lediglich als Fachbegriff für die pathische Endlichkeit, Bedürftigkeit, Verwundbarkeit oder Kontingenz unseres Lebens.

Wir kennen nur ein Leben im Fleisch, und auch „das Wort ist Fleisch geworden“.

 

Die Tradition setzt zwar ihr Denken wie wir bei den Wahrnehmungen an – und ich könnte mir im Moment auch gar nicht vorstellen, welche andere Möglichkeit überhaupt noch sinnvoll infrage käme –, wendet sich aber dann nahezu ausschließlich deren angeblicher „Hinter“-Seite zu – den zeitlos-ewigen Urbildern. Ihre adäquate Erkenntnis gilt der Tradition als Wahrheit, so daß diese ebenfalls nur zeitlos-ewig sein kann.

Aber wir leben auf der „Vorder“-Seite der Wahrnehmungen, denn es ist unser Leben, das sie hervorbringt.

Für eine Philosophie, die ihren Namen „Liebe zur Weisheit“ verdient, müßten also wir Subjektivitäten mit unserem Leben im Mittelpunkt stehen. Das gilt sogar noch für die Theologie, denn auch darin geht es um uns und nicht um Gott; er benötigt keine Theologie.

Die Tradition mißversteht das vollkommen und geht davon aus, daß wir Subjekte unsere höchste Vollendung in der adäquaten Erkenntnis der Seienden, das heißt, in einer Schau der zeitlos-ewigen Wahrheit erreichen. Sie interessiert sich nicht für uns, sondern degradiert uns zu Pseudo-Objekten, deren Hauptaufgabe im Abbilden der Urbilder besteht.

 

Vielleicht geht es um den Menschen – als Gattungsbegriff –, aber nicht um mich; um Gesetze, Werte oder Gebote, jedoch nicht um das Gewissen; um das Urbild Leid – ohne unser Leiden.

Deswegen ist das traditionelle Denken auf den Geist fixiert und kopflastig, so daß es das fleischliche Leben in der Zeit gar nicht sehen kann. Dazu paßt, daß Gott als ab-soluter Geist verstanden wird und der Geist uns Menschen von den Tieren unterscheidet.

Gänge es um uns, so dürfte nur von Bedeutung sein, was Subjektivitäten erleben und insbesondere erleiden. Es müßte dann beispielsweise völlig bedeutunglos sein, ob und wie Kriege begründet bzw. gerechtfertigt werden, worin ihre Ziele bestehen, ob sie „alternativlos“ oder gar „heilig“ sind. Die richtige Kriegs-Theorie ist traditionell immer wichtiger als ihr Opfer.

Natürlich war die NS-Zeit nur „ein Fliegenschiß in der deutschen Geschichte“ – sofern man allein auf ihre 12 Jahre schaut. Entscheidend hätte aber zu sein, was die betroffenen Subjektivitäten erlitten haben. Da sie ausnahmslos fleischlich sind, müßte alles wirklich Wichtige im Lichte dieser pathischen Endlichkeit oder Verwundbarkeit gesehen werden.

2.3.6.1. Existenz als Einheit von Leben und Sterben

Wir sind keine Sklaven, deren Lebenssinn darin besteht, die Urbilder adäquat abzubilden; die traditionell-klassische Begründung für diesen Irrglauben versteht sich nahezu von selbst:

Allein wer weiß, worin beispielsweise die Gerechtigkeit besteht, kann ein gerechtes Leben führen. Letztlich ließe sich also sogar behaupten – und wird tatsächlich behauptet –, wir würden das alles für unsere eigene Glückseligkeit tun.

Nur wenn wir diesen Abbildungszwang überwinden, gibt es Freiheit und ist ein subjektives Gewissen sowohl nötig als auch möglich, denn dieses besteht nicht in der Ermahnung, ewig-objektiven Wahrheiten zu folgen, sondern in der Hilfe, den zeitlich-subjektiven Lebensweg zu finden.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, natürlich haben zweieinhalb Jahrtausende philosophischen und theologischen Denkens etwas bewirkt; ohne sie gäbe es wohl auch in der westlichen Hemisphäre weder Freiheit noch Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte.

Aber all das oder diesen wirklichen Fortschritt im „Bewußtsein der Freiheit“ (Hegel) verdanken wir doch dem subjektiven Denken ungezählter Subjektivitäten, die  den Mut und die Kraft aufgebracht haben, selbst unorthodox zu denken, und nicht der traditionellen Philosophie oder Theologie auf ihrer Suche nach den „ewigen Wahrheiten über Gott und die Welt“.

Ganz deutlich formuliert haben wir beispielsweise die Ideen der Demokratie, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung und Gewissensfreiheit nicht durch die, sondern trotz der Institution katholische Kirche gefunden. Wer das für übertrieben oder gar bösartig hält, braucht sich nur ein klein wenig beispielsweise mit dem Antimodernistenstreit zu beschäftigen. Es liegt nicht lange zurück, daß ein Papst „Gewissenfreiheit als Teufelszeug“ verunglimpfen und den „Glauben als Gehorsam-Sein“ darstellen konnte.

 

Das traditionelle Denken kennt keine Zeit, und was es als solche mißversteht ist eine zeitlose „Zeit“, die sich kaum von der ebenso zeitlosen Ewigkeit unterscheidet. Daß jene das Abbild von dieser sein soll, trifft den Nagel auf den Kopf:

Die Ewigkeit ist eine „Zeit“ ohne Änderungen, und die „Zeit“ eine Ewigkeit mit (bloßen) Änderungen.

Im Verleugnen der Zeit kommt die Verdrängung des Sterbens zum Ausdruck, die uns bereits bei Sokrates begegnete:

Wenn es letztlich (nur) um die Seele und ihr ewiges Leben geht, ist unser irdisches Leben natürlich relativ unwichtig, und sein Fleisch muß uns tatsächlich kaum interessieren. Es dient lediglich als Vorstufe für das eigentliche Leben, so daß es vor allem gilt, dieses zu erreichen.

 

Mit dem Ernstnehmen der Zeit eröffnet sich die Riesendifferenz zwischen unserer Gegenwart und einer absolut offenen Zukunft. „Zeit“ und Ewigkeit fallen daran gemessen – in einer Metaphysik der Präsenz – praktisch zusammen.

Wir tun alles, um uns dieser absoluten Offenheit nicht stellen zu  müssen.

Spätestens hier sollte deutlich werden, daß es bei unseren Überlegungen nicht um eine abstrakte Theorie geht oder bloße Denkfiguren, die man halt so oder so sehen kann. Nicht wenige „Experten“, insbesondere etwa die Transhumanisten, träumen bereits davon, in absehbarer Zeit das Sterben – und damit die absolute Offenheit der Zukunft – beseitigen zu können.

 

Ich bin dagegen überzeugt, und wir werden ausführlich darauf zurückkommen, daß Leben und Sterben eine integrale Einheit bilden, die wir als Existenz definieren. Immer, wenn vom Leben die Rede war bzw. ist, müßten wir es in dieser oder als diese Einheit verstehen und durch Existenz ersetzen.

Wer das Sterben besiegt, muß dann notwendigerweise auch das Leben besiegen, das heißt, es auf das „Leben“ von Robotern und Zombies reduzieren. Das ist der Weg der modernen Wissenschaftsgläubigkeit; Michel Henry zufolge führt er in die „Barbarei“.

Gott hat nach christlichem Verständnis nicht das Sterben besiegt – wer dergleichen behaupten wollte, dürfte noch keinen Friedhof besucht haben –, sondern „nur“ den Tod.

Der – unbesiegte – Tod wäre das Ende der Existenz; Christen hoffen, daß es ihn – trotz des unbestreitbaren Sterbens – nicht gibt.

2.4. Postmoderne

Wir haben gesehen, daß sich viele Denker der Moderne recht inkonsequent verhalten.

Auf der einen Seite möchten sie das traditionelle Denken von Seienden fortsetzen und glauben deshalb noch an Dinge.

Auf der anderen Seite wissen sie aber oder könnten es zumindest wissen, daß die Gegenstände der exakten Natirwissenschaft – und damit der Triebkraft der Epoche – längst keine Dinge mehr sind. Aus ihnen sind die meßbaren, das heißt, materiellen Relationen von Relationen von . . . geworden, weil die Relata – zwar nicht der Hinterwelt angehören, sondern der Vergangenheit entstammen, aber – in den unwißbaren Anschauungen bestehen.

 

Auch die traditionelle Welt enthält natürlich Relationen; aber dort sind sie sekundär, weil abhängig von den primären Relata, und werden zumeist als die unwichtigsten Akzidenzien der Substanzen betrachtet. Fehlen letztere jedoch, ist auch keine Welt mehr möglich, denn reine Relationen sind nicht vorhanden, haben keinen Bestand, liegen nicht vor oder existieren nicht an sich.

„Sondern?“

Sie werden gemessen; reine Relationen gibt es nur als Meßergebnisse oder sind Meßgrößen; das heißt, wenn niemand mißt, existieren sie auch nicht. Das entspricht vollkommen der Quantentheorie, denn ihrzufolge – das heißt, eine Ebene tiefer reflektiert – sind die „Meßergebnisse“ keine Meß-, sondern Herstellungsergebnisse. Es gibt zum Beispiel weder Teilchen noch Wellen, aber „messen“, das heißt, herstellen können wir beide.

Damit stehen wir als Kultur natürlich vor einer gewaltigen Aufgabe, denn es gilt, die „Selbstverständlichkeiten der Jahrtausende“ (Edmund Husserl) infragezustellen.

 

„Aber vor diesem  Hintergrund werden natürlich sowohl Ihr Ablehnen der Welt als auch Ihr Konzentrieren auf  die Zeit verständlich . . . Darf ich bitte einmal für mich rekaputilieren?

Traditionell beginnt alles ‚zeitlich‘ mit der Welt, explizit vielleicht mit der (kosmischen) Evolution. Daraus entwickelt sich das ‚Leben‘, und wir Subjekte gelangen sogar zu der Fähigkeit, die Welt adäquat abzubilden.

Bei Ihnen beginnt dagegen alles zeitlich mit dem Leben; zu ihm gehört insbesondere eine Genese, die zu den subjektiven Weltbildern führt. Für die meisten von uns gehört dazu heute die ‚zeitliche‘ Evolutionstheorie, die – als Vorstellung ohne Referent – natürlich die Genese nicht beschreiben kann, sondern lediglich von dieser hervorgebracht wurde. Wir kennen mit ihr nicht die wirkliche Vergangenheit, sondern stellen uns das Früher gegenwärtig so vor.

Ohne Welt gibt es nur referenzlose Wissungen; zu ihnen kann auch unser eigener Körper gehören – zumeist aber tut er das nicht.

Damit habe ich größere Schwierigkeiten; mein Körper ist doch immer vorhanden; andernfalls könnte ich ja gar nicht leben.“ 

 

Ihr Körper ist nicht immer vorhanden, sondern gar nicht, weil es bei uns keinerlei Vorhanden-Sein gibt; das könnte sich nur auf Seiende beziehen. Weder stehen Sie immer vor dem Spiegel, um Ihren Körper wahrzunehmen, noch stellen Sie sich ihn ununterbrochen vor; also ist er auch nicht stets gegeben bzw. in Ihrem Bewußtsein.

Ob er vorhanden ist oder nicht, können wir gar nicht feststellen; das sieht bestenfalls der Nous, und er macht Ihren Körper im Falle eines „ja“ zu einem Seienden. Uns ist dieses Gerede zu hinterwäldlerisch, wir streichen es und gehen mit Ihrem Körper so um, wie dies die Tradition mit allen momentanen Eindrücken und Einfällen tut:

Wir können uns nur mit ihnen beschäftigen, wenn wir sie haben; und Ihren Körper haben Sie auch – dann und wann – als Wissung.

 

„Und was tue ich zwischen diesen ‚dann und wann‘?“

Leben – ohne auf Ihren Körper zu achten; das ist möglich, weil Sie nicht Ihr Körper sind, sondern ihn nur – wie alle anderen Wissungen auch – dann und wann haben.

Ich habe die Bezeichnungen „Wissungen“, „Wahrnehmungen“, „Vorstellungen“ usw. in Anlehnung an das traditionelle Denken gewählt, damit sie möglichst eingängig sind. Aber inhaltlich bestehen natürlich gewaltige Unterschiede, derer wir uns deutlich bewußt sein müssen.

Die Wahrnehmungen beispielsweise sind keine Abbildungen – wovon auch immer –, sondern auf den Begriff gebrachte Anschauungen.

Letztere lassen sich gar nicht auf etwas ihnen Vorgängiges zurückführen. Weder müssen noch können wir also etwas anschauen, damit es zu unseren Anschauungen wird; sie kennen dergleichen überhaupt nicht . . .

„. . . und sind also einfach da?“       

Ja; deswegen hatten wir oben gesagt, daß sie den Substanzen entsprechen. Während die Tradition nicht weiß, wie letztere in ihre Hinterwelt gelangen und einfach da sind, haben wir – nicht jeder für sich persönlich, sondern jeweils die Gesamtheit der Subjektivitäten – die Anschauungen in der Vergangenheit selbst hervorgebracht, und von dort reichen sie in unsere Gegenwart herein.

2.4.1. Gott – Selbst – Schöpfung

Das mittelalterliche Denken war von der Triade Gott – Mensch – Welt geprägt.

Die Moderne verabschiedet sich nach und nach davon, indem sie zunächst diesen Gott, dessen Existenz die Tradition sogar glaubt, beweisen zu können, streicht. Wir hatten oben schon klären wollen, weshalb ích persönlich damit nicht die geringsten Schwierigkeiten habe; das ist nicht mein Gott. 

„Sie wünschen sich also auch keinen Gottesbeweis?“

Natürlich nicht!

Moses Mendelssohn nannte Kant voller Hochachtung den „Alleszermalmer“; nicht zuletzt, weil er gezeigt hatte, daß Gottesbeweise – natürlich ebenso wie -widerlegungen – prinzipiell unmöglich sind. Zu diesem Ergebnis sind wir ebenfalls gelangt – wenn auch 250 Jahre später –, weil der eine wahre Gott, wenn es ihn denn gibt, unwißbar sein muß und unsere – vielelicht beweis- oder widerlegbaren – Gottes-Wissungen sich nicht auf ihn als Referenten beziehen (können)

 

Das ist aber kein Unglück, sondern ein Geschenk, für das jeder Christ dankbar sein sollte:

Was ist denn das für ein Gott, den ich mit meinem bißchen Vernunft beweisen kann? Wenn er sich meinen Gedankengängen fügt, kann es nicht weit her sein mit ihm!

Ich halte diese Argumentation für zwingend, und das Thema ist damit für mich persönlich beendet; ein bewiesener „Gott“ ist kein Gott. Wer dies nicht so sehen kann, sollte sich bitte vor Augen führen, welche Konsequenzen ein bewiesener allmächtiger Gott hätte:

Zum einen gäbe es keine Glaubensfreiheit, weil der Beweis uns die Chance nehmen würde, die Existenz Gottes leugnen zu können. Damit entfällt zudem die Möglichkeit, Gott zu lieben, weil dies ebenfalls Freiheit voraussetzt. Eine erzwungene Liebe ist ebenso absurd wie ein bewiesener Gott.

Zum anderen wäre er in seiner Allmacht ein Tyrann. Vollkommen unabhängig davon, ob er „lieb“ ist oder nicht; das bewiesene Seiner-Macht-total-ausgeliefert-Sein hat nichts mit Vater- bzw. Kindschaft zu tun, sondern ist eine Diktatur.

Auf „philosophisch“ wäre so ein Gott ontologisch ein Barbar, selbst wenn er ontisch „lieb“ ist.

 

Hätte die katholische Kirche Kant nicht auf den Index gesetzt, sondern stattdessen zum Diskurs eingeladen, um mögliche Mißverständnisse zu beseitigen und voneinander zu lernen, wäre sie vielleicht auch heute noch ein ernstzunehmender Gesprächspartner in unserer Gesellschaft. Wer jedoch den Dialog verweigert, indem er nicht bereit ist mitzudenken und die Moderne als ein Schreckgespenst darstellt, hat darauf keinen Anspruch und disqualifiziert sich selbst.

Die Mahnung „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren“, sollte die Kirche nicht nur anderen unter die Nase reiben, sondern auch auf sich selbst anwenden. Hat die Kirche es bereits verloren?

 

Kommen wir auf unsere Triade zurück.

An die Stelle der einen objektiven Welt tritt bei uns die Schöpfung.

Der Mensch kann ebenfalls nicht stehenbleiben, weil er an die Welt gebunden ist; ihn ersetzt das Selbst. Das gehört nicht zur Schöpfung, weil es sich nur selbst bestimmen kann, wird aber natürlich allein von ihr ermöglicht

Damit gelangen wir zur postmodernen Triade Gott – Selbst – Schöpfung, die wir mit Georg Picht als „Einheit der Zeit“ verstehen wollen.

2.4.3. Exaktheit ohne Sicherheit

In der Renaissance des 16. Jahrhunderts war das Geistesleben – nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung der griechischen Antike – in vielerlei Hinsicht erstaunlich tolerant; sie gilt nicht zufällig als das Zeitalter des Humanismus.

Was sich dann in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Herzen Europas abspielen sollte, war für die Gebildeten dieser Zeit kaum vorstellbar und führte zu einem gewaltigen Umdenken. Nach den Wirren des 30-jährigen Krieges ging es stärker denn je um Sicherheit, damit sich dergleichen möglichst nie wiederholen möge, und diese Sicherheit hoffte man, durch Gewißheit der Wahrheit zu erlangen.  

Glaube und Religion hatten soeben sehr deutlich gezeigt, daß sie dazu nicht nur nicht fähig sind, sondern eher die Unsicherheit und den Unfrieden schüren, so daß man nun nach einem denkerischen Weg zur Wahrheit suchte.

 

Das ist ganz grob der geistige Hintergrund, der zur Moderne führte; zur Philosophie René Descartes‘, die „more geometrico“ Wahrheit, Gewißheit und damit Sicherheit garantieren sollte, sowie zu den „neuen Wissenschaften“ (Francis Bacon).

Dieser Aufbruch in die Moderne war mit einem festen Glauben an die Logik und Mathematik als den entscheidenden Werkzeugen verbunden, denn „das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben“ (Galileo Galilei). Da schwerlich exaktere Wissenschaften denkbar sind, kam es zu einer unglücklichen Vermischung:

Das Streben nach Sicherheit wurde fälschlicherweise mit dem nach Exaktheit identifiziert.

 

Die aufgeklärten Postmodernen wissen heute, daß es keine Sicherheit gibt; die Medien bestätigen uns dies tagtäglich. Weder der Glaube des Mittelalters noch das Wissen der Moderne können uns die erwünschte Sicherheit schenken; sämtliche Orientierungspunkte erweisen sich letztlich als ungewiß.

Die Sicherheit ist eine Illusion, von der wir uns trennen müssen.

Aber das darf unseren Willen zur Exaktheit nicht beeinträchtigen, denn die beiden haben nichts miteinander zu tun.

 

Ich vermag nicht zu sehen, was gegen das Bemühen um Genauigkeit sprechen könnte. Was soll gut sein an diffusem Denken, analogen Schlüssen oder ungefährem Wissen? Ich bekenne mich nicht nur zu meinem Exaktheitswillen, sondern bin fest überzeugt, daß er unserer Gesellschaft gegen das allgegenwärtige Gewäsch und Getwitter, gegen Wichtigtuerei, Beliebigkeit und simplen Unsinn wie „fake news“ oder „alternative Fakten“ gut zu Gesicht stünde.

Das bedeutet jedoch in keiner Weise, daß ich die modernen exakten Wissenschaften zum Königsweg der Erkenntnis erkläre; haben Sie bis hierher gelesen, erübrigt es sich wohl, das nochmals explizit zu erwähnen.

Es gibt religiöse und Liebeserfahrungen sowie solche von Freude oder Traurigkeit, wir können Schmerzen und Orgasmen erleben, Glück, Sinnlosigkeit und Spiritualität. Für die meisten von uns ist das alles viel wichtiger als die Wahrnehmungen der exakten Wissenschaften, und letztere verstehen absolut nichts von jenen Erfahrungen.

Unser Leben ist ambig, voller Geheimnisse sowie Unberechenbarkeiten und spricht dem Glauben, es exakt-wissenschaftlich erklären zu wollen, Hohn.

Aber vollkommen unabhängig davon können unsere Beschreibungen des Lebens doch gar nicht zu exakt ausfallen; was sollte „zu exakt“ denn überhaupt bedeuten? Je prägnanter die Beschreibungen gelingen, desto besser können wir uns und unser Leben in ihnen wiederfinden.

 

Für das eingefleischte Vorurteil, daß sich mit steigender Exaktheit der Horizont des Denkens verringern würde, habe ich noch nirgends eine Begründung gefunden und fürchte, es ist eher eine Entschuldigung des eigenen Unvermögens.

Exakte Geisteswissenschaften führen nicht zur Physik, sondern zu einer besseren Beschreibung.

Mein Anliegen besteht ganz einfach darin, daß wir uns nicht mit nebulösen Begriffen und einer schwammigen Sprache abfinden; vielleicht auch noch glauben, es gänge nicht anders, oder gar stolz darauf sind, auf diesem Wege angeblich tiefer zu schauen als die Physiker, die doch „nur an der Oberfläche kratzen“.

Natürlich tun sie nicht mehr, denn ihr Gegenstand, das Meßbare ist zumeist existenziell belanglos. Und hoffentlich denken Geisteswissenschaftler tatsächlich tiefer, aber doch nicht dadurch, daß sie auf Exaktheit verzichten (wollen).  

Wir müssen uns bemühen nicht nur um eine exakte Philosophie, Theologie und Psychologie, sondern sogar um eine exakte Belletristik. Das ist keine, die Zahlen oder Statistiken benutzt, sondern eine solche, die den Nagel auf den Kopf, das heißt, unser Leben trifft.

 

„Daß in Philosophie, Theologie und Psychologie der Exaktheitswille eine größere Rolle spielen sollte, wünsche ich mir auch; es wird viel zu viel Nonsens verbreitet – je unüberlegter, um so selbstsicherer häufig. Aber bei der Belletristik kann ich Ihren diesbezüglichen Wunsch nicht gut nachvollziehen; sind exakte Erzählungen nicht ein Widerspruch in sich?“ 

Nein; in den bedeutenden Romanen und Biographien geht es letztlich um die Wirklichkeit unserer Existenz. Die großen Schriftsteller beschreiben sie phantastisch genau – und zusammen mit ihrer Sprachbegabung macht das diese Autoren erstklassig.

Sie können natürlich allein ihr eigenes Leben beschreiben – denn auch sie kennen kein anderes –; aber weil sie das so exakt tun und dadurch die uns gemeinsame Tiefe erreichen, finden auch wir uns in ihren Beschreibungen selbst wieder.

„Oh Gott; woher kennt der mich denn?“ In dem  Maße, wie uns diese Frage überkommt, hat uns die Belletristik nicht nur gut unterhalten – was natürlich ebenfalls sehr wichtig sein mag –, sondern auch weitergebracht.

 

Der Horizont unserer Überlegungen oder Beschreibungen wird nicht durch ihre Genauigkeit und Folgerichtigkeit begrenzt, sondern durch unser Weltbild, denn nur in seinem Rahmen können wir uns geistig bewegen.

Die traditionelle Welt ist „sehr stark an der Physik der Festkörper orientiert“ (Hermann Schmitz); dann können wir aber auch nicht erwarten, innerhalb eines solchen Weltbilds viel vom Leben zu verstehen. Demzufolge muß der Horizont unserer Beschreibungen sehr bescheiden sein – „selbst bei noch so diffusem Denken“.

2.4.4. Genese und Geltung

Die „ewigen Wahrheiten“ nehmen in der Moderne die Form von Naturgesetzen an, weil sie sich nicht mehr auf Dinge – oder angebliche Seiende – beziehen, sondern auf Relationen ohne Relata.

Das klingt wohl im ersten Moment widersprüchlich: „Wie kann etwas Ewiges eine neue Form annehmen?“ Um an dieser Stelle einen Schritt weiterzukommen, betrachten wir die Unterscheidung zwischen Genese und Geltung.

 

Auf der einen Seite haben wir (1) die Genese des Weltbilds in der (wirklichen) Zeit.

Das gilt zum einen in dem großen geschichtlichen Rahmen, mit dem wir diesen zweiten Teil begonnen hatten. Hierzu gehört, daß „alles seine Zeit hat; es gibt die Zeit“ beispielsweise der Substanzen oder der Relationen. Daß letztere existieren, wußte natürlich auch Aristoteles schon, aber er hat ihnen keine besondere Bedeutung beigemessen und konnte Relationen ohne Relata wohl kaum denken; für ihn mußten die Objekte in substanziellen Seienden bestehen.

Zum anderen ereignet sich die Genese eines Weltbilds bei jedem Subjekt im Laufe seines Lebens; das Weltbild, das wir als Kind hatten, gehört unserer Vergangenheit an.

 

Auf der anderen Seite geht es darum, (2) ob die Produkte der Genese auch tatsächlich gelten; es kann sich doch auch um bloße Wahnideen wie beispielsweise den Faschismus, Irrlehren oder Vorurteile handeln. Beim Verständnis dieser Geltung müssen wir jedoch zwischen (a) dem traditionellen und (b) unserem postmodernen Denken unterscheiden.

 

(2a) Was die Genese hervorgebracht hat gilt, wenn es wahr ist. Dann spiegelt es einen Teil der wirklichen Welt wider, und das gilt für alle „Zeiten“; traditionelle kann nur ewigliche Geltung bedeuten.

Die vorantiken Menschen wußten diesem Denken zufolge beispielsweise noch nicht, daß alle Subjekte und damit auch sie selbst ein Innen haben. Uns ist das – durch die Genese des Denkens – klar geworden; und es gilt, weil damit alle Subjekte adäquat beschrieben werden. Wer ihnen ein Innen abspricht, täuscht sich – für immer und ewig.

 

„Aber auch die traditionelle Welt ändert sich doch ‚zeitlich‘. Wie kann man diese Tatsache überhaupt mit – der Forderung nach – einer ewig-unveränderlichen Wahrheit vereinbaren?“ 

Das ist unproblematisch, solange wir mit der Tradition von einem lupenreinen Dualismus zwischen der Welt und der Sprache ausgehen.

Bin ich beispielsweise am 16. Februar 2020 zwischen 10 und 16 Uhr mit dem Zug von Frankfurt nach Dresden gefahren, so ist das offensichtlich eine Ortsveränderung in der Welt. Aber der Satz, der sie adäquat wiedergibt und somit wahr ist, tut dies der Tradition zufolge in alle Ewigkeit.   

Ich halte diesen Dualismus für falsch, weil er voraussetzt, daß

vorgefertigte Seiende existieren,

– diese abgebildet werden und

– die Sprache die resultierenden Wahrnehmungen lediglich bezeichnet.

Bei uns werden letztere jedoch erst durch die Begriffe konstituiert, so daß eine dualistische Trennung ausgechlossen ist.

 

(2b) Bei uns gibt es keine Welt; daß etwas gilt, kann somit nicht bedeuten, daß es „wirklich wahr ist“, sondern lediglich, daß wir es subjektiv für wahr halten.

Jede Subjektivität entscheidet also für sich selbst darüber, was sie als gültig erachtet; jeder von uns bestimmt selbst, was er glaubt bzw. annimmt oder nicht-glaubt resp. ablehnt. Was wir glauben, gilt für uns und gehört zu unserem subjektiven Weltbild.

 

„Das ist wieder graue Theorie von Ihnen; würde tatsächlich jede Subjektivität selbst darüber entscheiden, was sie als gültig erachtet, entstände ja ein entsetztliches Tohuwabohu!“

Ich fürchte, die graue Theorie vertreten Sie in dem Fall.

(2b) beschreibt nicht, wie es nur in der Postmoderne ist, sondern wie es immer schon war.

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Natürlich geben die wenigsten Menschen ehrlich zu, daß sie das glauben, was Ihnen am besten gefällt, am wahrscheinlichsten erscheint, den größten Nutzen verspricht, Sicherheit verleiht, Geld, Macht, Gemeinschaft und Ansehen verheist oder wie die Versprechungen alle lauten mögen.

(2b) verhält sich zu (2a) also wie Ehrlichkeit zu – nicht Lüge, sondern – Selbstbetrug oder Irrtum.

Die meisten Menschen begründen ihren Glauben todernst-ehrlichen Gesichts mit der traditionellen Wahrheit und wollen nur sagen, – daß sie wissen – wie es wirklich ist.  

 

Nun können wir auf die Problematik zurückkommen, mit der wir diesen Abschnitt begonnen haben.

Traditionell bedeutet es tatsächlich einen Widerspruch, daß ewige Wahrheiten eine andere Form annehmen sollen. Vielleicht braucht die Genese sehr lange, bis sie das Gültige hervorbringt; aber ist das einmal erreicht, dann gilt diese Wahrheit für alle Ewigkeit. Sie mag wieder verlorengehen, etwa weil die betreffende Kultur ausstirbt; aber das bezieht sich nur auf das Vorliegen und nicht auf die Gültigkeit der Wahrheit.  

Vielleicht wird sie erneut generiert oder auch nicht; aber durch eine ihr widersprechende Wahrheit ersetzt werden, kann sie niemals; Wahrheit ist Wahrheit.

 

Bei unserem Ansatz bedeutet es dagegen nicht nur keinen Widerspruch, zu verschiedenen – geschichtlichen oder subjektiven – Zeiten Differentes zu glauben, sondern das ist es doch auch, was wir zum Glück tagtäglich erleben:

Die Glaubungen oder Annehmungen entsprechen den gegenwärtigen Überzeugungen, und ließen die sich nicht andern – weil alle beratungsresistent sind –, könnten wir auf die meisten Gespräche verzichten.

 

„Wer glaubt, (bereits) über die Wahrheit zu verfügen, muß natürlich beratungsresistent sein . . . Sie versuchen, sich freundlich auszudrücken; früher nannte man das ’stur‘.

Wo befindet sich die ‚goldene Mitte‘ zwischen Beratungsresistenz und Gleichgültigkeit?“

Ich glaube, Ihre Frage ist falsch gestellt, weil es weder um Widersprechen noch um Einlenken und auch keinen Kompromiß zwischen beiden geht. Wenn Sie in einer Diktatur aufgewachsen sind, spielt es für Sie auch nur eine sehr geringe Rolle, wieviele Menschen Ihnen widersprechen.

Ich meine etwas anderes, nämlich den „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas); allein darum darf es gehen. Und die Frage, welches das bessere Argument ist, kann nicht von außen, sondern muß selbst aus der Argumentation heraus beantwortet werden. Das ist genau in dem Maße möglich, wie beide Parteien nicht Recht haben, sondern der Wahrheit dienen wollen.

2.4.5. Nihilismus

Das traditionell-moderne Denken hat heute natürlich den „gesunden Menschenverstand“ auf seiner Seite. Aber ich bin überzeugt, daß dies nur aus der zweieinhalbtausendjährigen Vorherrschaft des Glaubens an Seiende resultiert.

Heidegger geht noch weiter und sieht in dieser Tradition, das heißt, im Verständnis

– der Existenz als angeblichem Vorhanden-Sein der Seienden sowie

– der Wahrheit als lediglich behaupteter Übereinstimmung mit ihnen

die Ursache des Nihilismus, der sich folglich in der Moderne vollendet.  

Im glatten Widerspruch dazu wird der Vorwurf des Nihilismus jedoch oft als – erhofftes – Totschlagargument gegen die Postmoderne benutzt; aber wie ich überzeugt bin, völlig zu unrecht.

 

Nihilismus kann nicht bedeuten, daß traditionelle Werte ignoriert und durch andere ersetzt werden. Woher wollen wir denn wissen, daß die alten Werte besser sind als die neuen? Wer kann das vergleichen? Wem sind die wahren Werte zugänglich? Und wie gelingt ihm das?

Meines Erachtens besteht der Nihilismus vielmehr – nahezu gegensätzlich – darin, daß die traditionellen Werte beibehalten werden, obwohl sie nicht mehr tragen, weil wir ihre Falsch-, Leer- und Verlogenheit erkennen (könnten).

Genau das geschieht – Martin Heidegger folgend – in der Moderne; alle Substanzen verflüchtigen sich, aber die Traditionalisten wollen ihr zeitloses Substanz-Denken nicht aufgeben. Die traditionellen Antipoden Wissenschaft und Religion sind sich – vielleicht nur – darin völlig einig, daß es ihnen um ewige letzte Wahrheiten geht; was der einen die Weltformel, sind der anderen die Dogmen.

 

Die Postmodernen – zumindest diejenigen, zu denen ich mich bekenne – geben dieses traditionelle Denken auf und suchen nach einem Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis, das – nicht nur blind behauptet und geglaubt, sondern – intellektuell redlich nachvollzogen werden kann; das keinen Despotismus benötigt, sondern zu einer Streitkultur führt, in der das Anerkennen der eigenen Fehler die anderweitig errungene Autorität stärkt und folglich nicht vertuscht werden muß. 

Allein damit läßt sich der Nihilismus der Moderne – in Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft usw. – überwinden.

Dann sind sich natürlich nicht alle einig.

Aber waren sie das denn in der Vergangenheit? Handelte es sich nicht eher um eine Friedhofsruhe, bei der die Mächtigen bestimmt haben, was als wahr zu gelten hat?

Nicht nur Wissenschaft und Religion werden unterschiedliche Auffassungen vertreten, sondern auch innerhalb von beiden kommt hoffentlich der Widerstreit auf, ohne den ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit gar nicht möglich ist.

 

Nachdenkliche und für den eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments offene Menschen, die ehrlich ihre Überzeugung vertreten, sind also niemals Nihilisten; weder die Konservativen noch die Progressiven.

Wer jedoch nicht selbst denkt und damit auch den besten Argumenten abhold sein muß, aber trotzdem mit überzeugtem Tonfall redet, drischt nur leere Phrasen – und das ist nihilistisch, weil keine Überzeugung dahinterstehen oder es nicht aus dem Herzen kommen kann.

Von der Phallokratie zur Gleichberechtigung, vom Eurozentrismus zur Globalität, vom „Experten“ zur Autorität, vom Ressortdenken zur Vernetzung, von der Rechthaberei zum Zuhören-Können, von der Wahrheit zur Wahrhaftigkeit und damit sowohl von der Diktatur zur Demokratie als auch von der Egomanie zur Toleranz und vom Dogma zum Denken – alles das sind Entwicklungen, die nichts mit dem Nihilismus, aber sehr viel mit der Postmoderne zu tun haben.

Wer es anders sieht, will entweder keine Freiheit oder versteht nicht, worin sie besteht.

2.5. Wahrheit der (eigenen) Existenz

Daß man traditionell glauben muß, die Wahrheit sei für alle Menschen die gleiche, völlig unabhängig davon, wann und wo sie leben, ergibt sich zwingend aus dem Außen-Innen-Dualismus, der nahezu unhinterfragt bleibt und damit die als selbstverständlich erscheinende Basis der gesamten philosophisch-theologischen Tradition bildet.

Die Wahrheit besteht darin, die Objekte des Außen oder der Welt im Innen adäquat wiederzugegeben.

Dann spielt es selbstverständlich überhaupt keine Rolle, in welchem Innen oder durch welches Subjekt das gescheht; da etwas Objektives dargestellt wird, müssen alle wahren Repräsentatonen übereinstimmen. Natürlich sind gemeinsame Irrtümer möglich, aber keine verschiedenen Wahrheiten.

 

Bei einem solchen Verständnis ist die Wahrheit keine der Objekte, sondern lediglich eine solche von ihnen; nicht sie selbst sind wahr bzw. unwahr, sondern lediglich unsere Wissungen von ihnen. Kein Objekt X kann, mit anderen Worten, wahr sein, worin auch immer X bestehen mag; es gibt keine Wahrheit des X.

Traditionell existiert also

– Wahrheit zwar nur im Hinblick auf Objekte; das ist jedoch trotzdem

– keine Wahrheit der Objekte, sondern

– lediglich eine solche unserer Abbildung von Objekten.

 

„Aber es gibt doch zum Beispiel auch  wahre Freunde?“

Ja, natürlich; das wahre Glück, wahre Menschen, Liebe oder Freude usw; aber dieses „wahre“ hat mit dem traditionellen Wahrheits-Verständnis als adäquater Abbildung von Objekten nichts zu tun und könnte zum Beispiel durch „echt“ oder „wie man es sich wünscht“ bzw. „vorstellt“ ersetzt werden.

Daß die diesbezüglichen Vorstellungen erheblich auseinandergehen können, wissen wir alle. Aber genau dies dürfte bei der Wahrheit nicht der Fall sein, womit Ihr Einwand entkräftet sein sollte.

 

Je länger ich darüber nachdenke, desto unglaublicher erscheint mir dieses Wahrheits-Verständnis; inzwischen ist es nahezu unfaßbar:

1. X muß ein Objekt sein, um überhaupt mit der Wahrheit in Verbindung gebracht werden zu können.

2. Aber wahr ist es selbst trotzdem niemals.

3. Diese Auszeichnung kann höchstens seinen Abbildungen in den Innen zukommen.

4. Dann existiert dort eine Wahrheit von den Objekten oder über sie

5. Das ist keine Objekt-, sondern eine Wissen-vom-Objekt-Wahrheit.

Darin besteht der Preis, den wir dafür zu zahlen haben, daß die Wahrheit unabhängig von uns Subjekten sein soll.

 

Mir ist er viel zu hoch!

Das wird auch an den sich daraus ergebenden Konsequenzen deutllich.

Eine erste besteht darin, daß ein Bekenntnis wie „Gott ist die Wahrheit“ völlig absurd wäre, denn sie könnte nur richtig sein, wenn Gott in einer adäquaten Erkennntis von Objekten bestehen würde – nichts anderes meint die traditionelle Wahrheit.

Des weiteren geben wir den interessierenden Objekten vielleicht ehrfurchtseinflößende Namen und sprechen von „Subjekten“, „individuen“, „Personen“, „Seelen“, „Geist“ oder eben auch „Gott“. Aber nichtsdestotrotz bleiben es notwendigerweise Objekte, denn andernfalls gäbe es nicht einmal eine Wahrheit von ihnen oder über sie.

 

Ich möchte die objektive Wahrheit der Abbildung durch die subjektive Wahrheit der – natürlich eigenen – Existenz ersetzen. Was das genau bedeutet, kann erst nach und nach verständlich werden; begnügen wir uns bitte vorerst mit einem einfachen Beispiel.

Ohne Substanzen läßt sich die Transsubstanziation nicht (mehr) intellektuell redlich denken, so daß sie für uns hinfällig wird. Wer die Hostie in der Eucharistiefeier dennoch als Leib Christi verstehen möchte, muß sich also einen besseren Denkweg einfallen lassen.

Die traditionelle Wahrheit über die Objekte führt zum Streit der Konfessionen: Ist die Hostie der Leib Christi oder bedeutet sie ihn? Meines Erachtens weder . . ., noch . . .; es geht nicht um bloße Zeichen, aber auch nicht um Zauberei, bei der sich Jochen Hörischs Frage „Hat’s geklappt?“ aus „Brot und Wein“ aufdrängt.

 

Das halte ich alles für Scheinprobleme, weil es bei der Wahrheit der Existenz nicht um die Hostie geht, sondern allein um mich. Und so war es vom II. Vatikanum auch gemeint:

Die Gläubigen der katholischen Kirche legen stellvertretend für sich selbst symbolisch eine Hostie in die Opferschale. Bei der Wandlung geschieht entweder mit ihnen – den Gläubigen – etwas oder gar nichts; auch nicht mit der Hostie. Das paßt wunderbar zusammen, denn der Leib Christi besteht in der Kirche als der Gemeinschaft aller Getauften und – hoffentlich auch in der Eucharistiefeier wieder – Gewandelten.

Die diesbezügliche Wahrheit meiner Existenz wäre ein Ich-erfahre-Christus. Das kann ich mir aus ganzem Herzen sowie intellektuell redlich wünschen – und mehr ist weder möglich noch nötig. 

Die Meßfeier ist ein Angebot der Kirche, das nachweislich schon vielen Menschen geholfen hat, zu dieser Wahrheit zu gelangen. Und letztere ist gewiß nicht dran gebunden, den Leib Christi herunterzuschlucken.

2.5.1. Wahrheit im Hier und Jetzt – subjektiv und situational

Die Wahrheit ist für uns keine von Objekten, sondern eine solche der Existenz, und das kann nur unsere eigene Existenz sein, denn zu einer anderen haben wir keinen Zugang.

Daß eine solche Wahrheit subjektiv und situativ sein muß, versteht sich von selbst; das Gewissen weist uns in ihre Richtung; mich in diese und Sie in jene. Nun sind wir aber keine Subjektivitäten an sich, sondern befinden uns stets in einer bestimmten Situation oder einem einmaligen Hier und Jetzt; niemals im „Vakuum“. Hier habe ich dieses zu tun, dort jenes; das eine Mal sollte ich A sagen, ein anderes Mal non-A.

 

Dabei geht es nicht (nur) um Trivialitäten der Art, daß wir mitunter Hunger haben und eben machmal auch nicht.  Einsichtiger dürfte mein Anliegen jedoch schon bei der Frage werden, ob es wahr ist, daß „1 + 1 = 2“ gilt. Die Antwort lautet weder „ja“ noch „nein“ – denn beides wäre traditionell gedacht –, sondern hängt unter anderem auch davon ab, wer mich fragt:

Tun dies beispielsweise unsere Enkel im Kita-Alter, so stimme ich ihnen natürlich spontan zu; sie sollen doch wegen ihres Großvaters keine Schwierigkeiten in der Schule bekommen.

Zu Ihnen muß ich dagegen sagen, daß „1 + 1 = 2“ nicht wahr ist, sondern innerhalb einer speziellen, der Peanoschen Algebra aus deren Axiomen hergeleitet werden kann. Aber es gibt noch viele andere Algebren; in derjenigen von George Boole beispielsweise läßt sich „1 + 1 = 1“ deduzieren.

Würde ich zu Ihnen sagen, daß „1 + 1 = 2“, könnten Sie zum einen mit Recht beleidigt sein, weil ich Sie wie unsere Enkelkinder behandle, und zum anderen wäre es eine Lüge.

Letztere besteht nicht, wie die Tradition meint, darin, die Unwahrheit zu sagen; das könnte doch nur, wer die Wahrheit kennt – und somit keiner von uns. Zu lügen bedeutet vielmehr, unwahrhaftig zu sein, das heißt, etwas anderes zu sagen als das, was wir selbst glauben oder wovon wir gar überzeugt sind.

Wahrhaftig sein kann – theoretisch – jeder; aber mehr als wahrhaftig zu sein, vermag niemand.

 

Die Algebren sind alle nicht wahr, sondern in den verschiedenen Situationen unseres Lebens mehr oder weniger nützlich. Ein guter Mathematiker kennt möglichst viele Mathematiken und besitzt ein Fingerspitzengefühl dafür, wann er welche von ihnen benutzen muß, um seine Probleme zu lösen. Die „Wahrheit“ der Mathematiken zeigt sich in ihrer Anwendbarkeit oder Nützlichkeit; ohne Boolsche Algebra hätten wir beispielsweise keine Digitalrechner.

Mit ein bißchen Phantasie fallen uns auch durchsichtige Beispiele ein:

Eine Wolke und noch eine Wolke kann wieder eine Wolke sein; etwas Wahres und noch etwas Wahres ergibt auch Wahres, oder eine Geschichte und noch eine Geschichte bilden wieder eine Geschichte.

 

Die exakten Naturwissenschaften können ebenfalls nicht nach der Wahrheit unserer Existenz fragen, denn sie sind im Kern – und mit Recht – alle empirisch ausgerichtet, das heißt, sie sollen durch das Experiment kontrollierbar sein. Das ist aber höchstens bei (einigen) Voraussagen über später zu erwartende Wahrnehmungen möglich.

Die „Wahrheit“ der exakten Naturwissenschaften besteht in ihrer unbestreitbar großartigen und hilfreichen Richtigkeit derartiger Prognosen. Es ist also meines Erachtens völlig falsch, in den Naturgesetzen Einschränkungen unserer Freiheit oder ähnliches zu sehen, weil wir uns ihnen „unterordnen“ müssen. Das tun wir doch gar nicht; vielmehr nutzen wir sie für überraschend sichere und exakte Voraussagen.

Sie gehören also zu den notwendigen Voraussetzungen bestimmter Formen von Freiheit; nichtsdestotrotz haben sie kaum etwas mit – der Wirklichkeit – unserer Existenz zu tun.

 

Wir verfügen über ein subjektives Weltbild, und zu ihm gehört – um auch von den Naturwissenschaften ein Beispiel aufzugreifen – ein Erdbild; das besteht in einer Kugel-Vorstellung und ist sehr nützlich, bequem, praktikabel, vertändlich usw.

Zu anderen Zeiten stand an ihrer Stelle das Scheiben-Bild, das seine Aufgaben nachweislich ebenfalls phantastisch erfüllte, . . . 

„. . . aber in der Moderne widerlegt und durch die wahre Kugel-Vorstellung abgelöst wurde.“ 

 

Nein; Ihre Ergänzung enthält zumindest zwei Fehler:

Das „widerlegt“ ist unrichtig, weil es nicht um Wahrheit, sondern lediglich um pragmatische Kategorien geht. Es wäre heute mit Sicherheit sehr schwierig bzw. unnötig kompliziert, unnütz und ungeschickt, auf Teufel komm raus an dem Scheiben-Bild festhalten zu wollen; unmöglich aber wohl nicht.

Abgesehen davon, daß auch die Kugel-Vorstellung ohne Welt nicht wahr sein kann, verweise ich Sie auf eine spezielle Transformation in der Geometrie, nämlich die Spiegelung an der Kugel. Sie bildet das Innen der letzteren konform auf ihr Außen ab und umgekehrt. Es läßt sich unschwer zeigen, daß kein Experiment zu folgendem Ergebnis führen kann:

Die Dreckkugel-Vorstellung ist möglich, aber die Hohlkugel-Vorstellung nicht bzw. umgekehrt.

Deswegen auch meine vorsichtige Ausdrucksweise „unmöglich aber wohl nicht“ bei dem Scheiben-Bild soeben; hier kenne ich keine vermittelnde Transformation. Aber bei der Dreckkugel-Vorstellung können wir mit Sicherheit sagen, daß sie als solche nicht wahr sein kann, weil ihr die Hohlkugel-Vorstellung ununterscheidbar äquivalent ist.

Wenn also, lax ausgedrückt, die eine „wahr“ ist, muß dies auch für die andere gelten.

2.5.2. Vom Nirgendwo und -wann zum Hier und Jetzt

Darin, daß für uns aus der Wahrheit von den Objekten die Wahrheit der (eigenen) Existenz wird, kommt natürlich der bereits mehrfach angedeutete Wechsel unseres Standorts zum Ausdruck, der wohl den Kernpunkt des gesamten Ansatzes bildet, aber vielleicht nun erst richtig verstanden werden kann. Ich nehme daher bewußt einige Wiederholungen inkauf.

 

Die Tradition maßt sich einen Blick auf die gesamte objektive Welt an; als würden wir nicht selbst hinzugehören und könnten von außerhalb darauf schauen.

Dieser Standort – Thomas Nagels „Blick von nirgendwo“ – ist keine Erfindung der Moderne, sondern entstammt der griechischen Götterlehre. Dort war es der Nous, der das Ganze schaute, und aus ihm ist Pascals „Gott der Philosophen“ geworden. Ohne ihn gäbe es weder die Welt – denn sie ist das vor ihm, aber eben auch nur vor ihm Präsentenoch unsere Naturwissenschaft, denn sie entspricht der Schau des Nous mit den Mitteln der Moderne.

Er übersieht also – in unserem Bild mit dem Projektor – die gesamte völlig fertige Filmrolle „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, während wir an das wandernde Jetzt mit seinem kleinen Ausschnitt des Films gebunden sind.

Für uns Menschen kann die Welt – von diesem winzigen Stückchen abgesehen – also nur insoweit existieren, wie wir Anteil am Nous haben; ohne einen heißen Draht zu ihm läßt sich seine Schau nicht nachvollziehen. Weitestgehend wird natürlich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in diesem Sinne interpretiert.

 

Ignorieren Sie das bitte nicht einfach als „frommes Gerede“ und „heute gegenstandslos“ oder dergleichen; daß es so einfach nicht mehr geht, weiß ich auch.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit; die andere Hälfte besteht darin, daß das Problem tatsächlich existiert – auch in der Moderne noch. Solange das traditionelle Denken nicht aufgegeben wird – unser Vorschlag –, benötigt es den Nous oder einen äquivalenten Ersatz.

Wie sollen wir Menschen, die an einer winzigen Stelle der „Raum“-„Zeit“ leben, sonst zu einer Schau des Ganzen gelangen können?

Unsere Antwort ist klar: „gar nicht“, aber sie setzt den Mut voraus, die Welt zu canceln.

Wer sie beibehalten möchte und die Unterstützung durch einen Gott dabei für wenig hilfreich hält, hat ein Problem.

 

Den Nous glauben wir zwar offiziell nicht mehr, aber die Tradition geht ungebrochen davon aus, seine Schau in der modernen oder als moderne Wissenschaft praktizieren zu können.

Jeder, der traditionell denkt, beansprucht für sich einen Zugang zum Nous; daß er das nicht weiß oder vehement bestreiten würde, ist dafür belanglos. Verzichtet er tatsächlich auf diese (un)heimliche Verbindung – muß er das traditionelle Denken aufgeben.

Jedes „Ich weiß die Welt“ können wir durch ein „Ich bin (fast) der Nous“ ersetzen, und die moderne Wisenschaft ist angewandte griechische Götterlehre, hatten wir bereits gesagt. Eine wirkliche Aufklärung würde bedeuten, das einzusehen – statt sich überheblich für intelligenter als die gläubigen Denker der Antike und des Mittelalters zu halten.

 

Wir verzichten auf ein solches Sein-Wollen-wie-Gott, beschränken uns auf die dann allein verbleibende „subjektiv-menschliche Perspektive im Hier und Jetzt“ (Georg Picht) und streichen die übliche Perspektive der dritten Person – denn das ist die des Nous.

Einfach erklärt bedeutet dies:

Der heutigen Physik zufolge leben wir angeblich in einer „raum“-„zeitlich“ praktisch unendlich ausgedehnten Welt, freilich nur an einer winzig kleinen Stelle davon.

In einem ersten Schritt nehmen wir an, daß das stimmt. Dann können wir natürlich auch nur die winzig kleine Umgebung dieses Hier und Jetzt untersuchen.   

Damit stellt sich in einem zweiten Schritt freilich die Frage, wieso das mit der Welt überhaupt stimmen kann. Woher will die Physik davon wissen, wenn es – natürlich – keinen Nous gibt?

Pointiert ausgedrückt:

Wenn die Physik Recht hätte mit ihrer Welt, wäre sie ohne Nous nicht möglich.

Noch schlimmer:

Wenn die Physik stimmt, gibt es ist sie nicht.

 

Dieser Wechsel vom Sein-Wollen-wie-Gott zum Anerkennen von Endlichkeit oder Kontingenz des eigenen Lebens und seiner Wissungen wird von den Traditionalisten häufig als Hybris, als Überheblichkeit gegenüber Gott, dargestellt; darüber kann ich mich nur wundern:

Es geht meines Erachtens in der Tat um Größenwahn sowie Allmachtsphantasien auf der einen Seite und Bescheidenheit oder Demut auf der anderen. Aber die Tradition scheint mir mitunter die beiden Seiten zu verwechseln.

2.5.3. Unbedingtheit – ohne Gleichmacherei

„Durch Ihren Verzicht auf das Sein-Wollen-wie-Gott wird jedes Sprechen von einer angeblich absoluten oder ewig-objektiven Wahrheit hinfällig. Dann dürfte es aber automatisch auch keinen Relativismus mehr geben, denn er bildet doch nur die Kehrseite dieser angemaßten Absolutheit?“

 

Nein; das glaube ich nicht; auf eine solche Gedankenführung treffen wir zwar recht häufig, aber damit werden die wirklichen Verhältnisse meines Erachtens zu stark trivialisiert. 

Mein Ablehnen der absoluten Wahrheit führt des öfteren sinngemäß zu der Entgegnung „also kann sich jeder seine eigene Wahrheit zusammenbasteln“. Diese Schlußfolgerung ist jedoch sogar rein logisch falsch, denn der traditionelle Absolutheitsanspruch der Wahrheit besitzt zwei völlig verschiedene Seiten, die leider häufig vermengt werden.

 

Zum einen enthält er die Forderung der Unbedingtheit, der ich 100%-ig beipflichte.

Wir können uns überhaupt nichts zusammenbasteln; die Wahrheit hängt nicht von uns und unserem Leben ab, sondern umgekehrt sollten wir beide an der Wahrheit ausrichten. Letztere entsteht nicht durch uns, sondern existiert für uns; die Wahrheit ist uns vor- oder aufgegeben und nicht nachgeordnet; darin besteht der Sinn des Gewissens.

 

Zum anderen ist mit dieser Unbedingtheit der Wahrheit fast immer die – davon völlig unabhängige – Überzeugung verbunden, die Wahrheit müsse für alle „Subjektivitäten“ die gleiche sein.

Nur von dieser zweiten Annahme habe ich mich oben dezidiert trennen wollen.

Gott spricht uns nicht an mit „Hallo, ihr Menschen alle„, sondern sagt „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ – und jeder von uns besitzt einen anderen.

 

Wir können – ohne Außen-Innen-Dualismus – problemlos die Intersubjektivität der traditionellen Wahrheit aufgeben und zugleich ihre Unbedingtheit beibehalten. Vielleicht sollten wir dann der Deutlichkeit halber nicht mehr von einer absoluten Wahrheit sprechen, aber das hat keineswegs etwas mit mit Relativismus zu tun, sondern viel eher mit Wahrhaftigkeit.

 

„Bei dem subjektiven Vorgegeben-Sein bleiben Sie also auch . . .

Aber weshalb soll ich mich überhaupt an einer mir angeblich vorgegebenen Wahrheit ausrichten? Wer verlangt denn das? Und mit welchem Recht?

Keiner verlangt etwas von uns, und niemand hätte das Recht dazu!

Die uns vorgegebene unbedingte Wahrheit weist meines Erachtens die Richtung zur Fülle der eigenen Existenz; folgen wir ihr, tun wir dies nur uns selbst zuliebe – um mehr zu leben.

Natürlich ist damit auch nochmals gesagt, daß wir den zweiten der beiden obigen Punkte aufgeben müssen: Soll die uns vorgegebene unbedingte Wahrheit zur Fülle der Existenz führen, kann sie natürlich nur bei jeder Subjektivität eine andere sein.

 

Unsere Wahrheit ist zwar „nur“ subjektiv sowie situational, aber möglicherweise sehr eindeutig.

Ich muß hier und jetzt so handeln; das sagt mir mein Gewissen, weil alles andere Lüge, Feigheit, Bereicherung, Rechthaberei, Verrat, Anpassung, Rache, Duckmäusertum, . . . kriecherei oder noch Schlimmeres wäre. Das möchte ich alles nicht, und daraus ergibt sich meine Entscheidung für die unbedingte – subjektiv-situative – Wahrheit.

Aber ich besitze mein Gewissen, und Sie haben das Ihrige.

Gott sei Dank! Andernfalls würden unsere Leben – in dem Maße, wie wir dem gemeinsamen Gewissen folgten – übereinstimmen, und das wäre, vorsichtig ausgedrückt, langweilig.

2.5.4. Relativismus

„Ich habe kürzlich ein sehr starkes Plädoyer von Kwame Anthony Appiah in seinem Buch ‚Der Kosmopolit‘ (Seite 54) gelesen (die Zahlen sind natürlich von mir):

(1) ‚Denn wenn der ethische und moralische Relativismus gerechtfertigt wäre, müßten wir am Ende vieler Diskussionen zu dem Eingeständnis gelangen:‘

(2) ‚Aus meiner Perspektive habe ich Recht. Aus Ihrer Perspektive haben Sie Recht. Und dann gäbe es nichts weiter zu sagen.‘

(3) ‚Aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven lebten wir dann tatsächlich in verschiedenen Welten.‘

(4) Und worüber sollte man diskutieren, wenn es keine gemeinsame Welt gibt?‘

(5) ‚Viele Menschen empfehlen eine relativistische Einstellung, weil sie glauben, das führe zu Toleranz. Aber wenn wir nicht voneinander lernen können, welches Denken, Fühlen und Handeln richtig ist, würde ein Gespräch zwischen uns sinnlos.‘

(6) ‚Ein Relativismus dieser Art ermuntert nicht zum Gespräch. Er ist allenfalls ein Grund, in Schweigen zu verfallen.‘

Was sagen Sie dazu?“

 

Ich mag Appiah sehr und habe manches von ihm gelernt; aber in diesem Zusammenhang bin ich mir sicher, daß er irrt. Entsprechendes gilt übrigens auch für Julian Nida-Rümelin, dem ich ebenfalls viele Einsichten verdanke – aber dann kommt plötzlich bei beiden ein für mich unverständlicher Denkfehler.

Zu den einzelnen Punkten fällt  mir spontan Folgendes ein:

 

(1) Der Beginn ist unfair, weil die gegnerische Position mit dem Schimpfwort „Relativismus“ belegt wird; sollte dies begründet sein, wäre es ja erst zu zeigen.

 

Den Punkt (2) halte ich für völlig falsch, denn so kann nur der Nous sprechen, der bei einem dualistischen Denken von Absolutheit und Relativität stets vorausgesetzt wird, denn nur für ihn gibt es meine und Ihre Perspektive.

Ohne Nous kenne ich nur erstere und weiß etwas von der Ihrigen; aber dieses Wissen ist nicht Ihre Perspektive, sondern bildet einen integralen Teil der meinigen. Zu meinem Weltbild gehört die Einsicht, daß Sie anders denken, – aber nicht Ihr Weltbild; abendländische Ethnologen bleiben zumeist bei ihrem abendländischen Weltbild.

 

(3) „Verschiedene Welten“ ist widersprüchlich, denn dann wären wir isoliert voneinander, und der  Begriff Perspektiven parteiisch, weil er assoziieren läßt, daß wir – wie selbstverständlich – von unterschiedlichen Sichtweisen auf die eine Welt sprechen, von denen natürlich nur eine richtig sein kann.

 

(4) Wir beantworten die Frage direkt, indem wir es praktisch tun und über unsere Überzeugungen sprechen.

 

(5) Das ist keine relativistische Einstellung, und wir lernen voneinander, weil – nicht der eine Recht und der andere Unrecht hat, sondern – weil beide ihre (besten) Begründungen vorbringen und allein der eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments entscheidet.

Aus dem Diskurs der Begründungen herausspringen in die Wirklichkeit der Welt kann nur, wer uns nachzuweisen vermag, daß seine Wahrnehmungen Abbildungen der einen Welt sein müssen.

 

(6) Der Relativismus ermuntert in der Tat nicht zum Gespräch, sondern läßt uns allenfalls in Schweigen verfallen. Der kommt jedoch bei uns auch gar nicht vor, weil wir mit der Unbedingtheit der Wahrheit alles Gute an ihr beibehalten haben, was ohne Nous möglich ist.

2.5.5. Gewissen

„Sie streichen die traditionelle Welt mit ihren Seienden, und damit fehlt jegliche Ausrichtung. Als Ersatz – weil es ganz so wohl doch nicht geht – führen Sie das subjektive Gewissen ein.

Sie brauchen das; aber was soll das überhaupt sein, ein ‚Gewissen‘, und woher nehmen Sie es?“

 

Ich fürchte, Sie sind durch die Ihnen sicherlich bekannten transzendenten Erklärungen des Gewissens im Sinne einer „Stimme Gottes“ ein wenig voreingenommen. Wie sollte man diese von den vielen anderen Stimmen in uns unterscheiden? Die Psychologen schreiben ganze Bücher darüber, ohne diese Frage beantworten zu können – bzw. wollen.

Verstehen Sie unter Gewissen ganz einfach Verantwortungsbewußtsein, so haben die meisten Menschen – Atheisten wie Gläubige – damit wohl kaum Probleme; wir spüren häufig sehr genau, worin hier und jetzt unsere Aufgabe bestehen würde. Interpretieren einzelne Christen dieses „Du solltest jetzt aber .. .“ subjektiv als Stimme Gottes, dann sollten wir ihnen das ebensowenig auszureden versuchen, wie sie es uns als objektive Tatsache einreden können. Wem wäre damit gedient?

 

Tausend Aspekte spielen in das Gewissen bzw. Verantwortungsbewußtsein hinein und tragen zu seiner Entstehung bei; Erziehung, Freunde, Umfeld, Zeitgeist, Bildung, Religion, Literatur, Internet, Comics usw.

Traditionell denkende Christen könnten sich jetzt entsetzt abwenden und fragen, was das Gewissen als „Einfalltor Gottes in unsere Existenz“ mit Comics zu tun haben soll. Ich halte diese Entgegensetzung für grundfalsch; wer Gott nicht nur als allgegenwärtig glaubt, sondern auch für den All-Ursprung hält, dem stellt sich eine solche Frage gar nicht.

Wieso soll er uns nicht sogar durch Religionskritiker erreichen, die insbesondere anregen, selbst zu denken? „Die haben ja Recht; was kannst Du da eigentlich noch dagegen sagen?“ Ich persönlich bin überzeugt, durch Ludwig Feuerbach, Friedrich Nietzsche oder Sigmund Freud wesentlich mehr gelernt zu haben als durch das Wiederholen von frommen Floskeln, die ich schon in der Kindheit gehört habe.

Es ist weitgehend bekannt, daß Schulkinder den Religionsunterricht wegen seiner Infantilisierung scharenweise verlassen. Entscheidend ist niemals, wer etwas sagt, sondern was gesagt wird – einerlei von wem.

 

„Ja; da könnte ich mitgehen; aber dann bleibt noch ein anderes Problem, das nur bedingt mit dem Gewissen zusammenhängt:

Wir (müssen) entscheiden, und das Gewissen sagt uns, wie das geschehen sollte, denn es stehen – einfach formuliert – gute und böse Möglichkeiten zur Auswahl. Woher kommen die letzteren? Für unsere Entscheidungen, sind natürlich wir selbst zuständig – aber doch nicht für das Angebot.

Diese Frage nach dem Woher des Bösen kann die Tradition absolut nicht beantworten. Da bei Ihnen Gott jedoch keine Welt schaffen mußte, steht die Frage ganz anders.“

Das Böse kommt weder von Gott, noch benötigen wir dafür einen Teufel oder etwas Ähnliches, sondern seine Herkunft erklärt sich viel einfacher, nämlich rein logisch.

 

Alle Wissungen sind negierbar; das heißt, wer A weiß, kennt auch non-A. Oder besser formuliert: Wir wissen A nur in dem Maße, in der Form oder unter dem Aspekt, wie uns auch non-A bekannt ist.

Was wir beispielsweise unter der Wissung Menschen verstehen, hängt davon ab, worin wir ihre Negation sehen. Nicht-Menschen können zum Beispiel Tiere sein, Maschinen, Götter, Barbaren, Geister, Engel und Unter- oder Übermenschen. Mit jeder dieser verschiedenen Negationen verbindet sich auch eine andere Menschen-Wissung.

 

Ohne Abbildungsmöglichkeiten kann es sie gegenwärtig nur geben, weil die Wissungen in der Vergangenheit irgendwann geerstmaligt wurden; sonst ständen sie uns nicht als wiederholbare zur Verfügung . Wegen ihrer Negierbarkeit kann die Wissung Menschen beispielsweise aber gar nicht geerstmaligt werden ohne diejenige der Nicht-Menschen; Menschen und Nicht-Menschen entstehen notwendigerweise zugleich und gemeinsam. 

Kommen wir auf Ihre Frage zurück.

Selbst das Gewissen kann wegen dieser Negierbarkeit das Böse nicht „unerwähnt“ lassen. Es vermag nicht zu sagen „tue A“, ohne hiermit „tue non-A nicht“ zu verbinden – und uns somit auch auf die Möglichkeit von non-A „hinzuweisen“.

 

Mit anderen Worten:

Hätte Gott die Welt geschaffen, gäbe es nur das Gute – in Form seiner Seienden.

Hat er aber nicht; das Gute mußte also in der Vergangenheit – von uns Subjektivitäten selbst – geerstmaligt werden. Das ist jedoch prinzipiell unmöglich, ohne zugleich und in Einheit damit auch das Nicht-Gute oder Böse hervorzubringen.

2.5.6. Theodizee

Mir gefällt unser letztes Ergebnis, aber damit sind wir natürlich mit der Theodizee nicht fertig geworden; sie stellt wohl das schwierigste Problem des christlichen Glaubens an einen sowohl allmächtgen als auch liebenden Gott dar:

Wie kann er das unfaßbare Leid in seiner Schöpfung zulassen!? Wo war er bei den Tragödien von Lissabon, Auschwitz, Bhopal, Srebrenica, Ruanda, Phuket oder Fukushima?

Die Tradition weiß keine vernünftige Antwort und erfindet deshalb die absurde Erbsünden- und Erlösungstheorie, die Gott reinwaschen soll. In seiner Schöpfung war „alles gut“, und das unendliche Leid wird den Menschen in die Schuhe geschoben, für die Adam und Eva stellvertretend stehen.

Das ist unmenschlich, eines Gottes nicht würdig und dürfte niemand glauben; Sippenhaft gilt sogar uns „sündigen“ Menschen als himmelschreiendes Unrecht. Und dann sollen wir einen Gott verehren, der das praktiziert? Ich kann mich vor keinem Gott verbeugen, der unter meinen eigenen ethischen Standards steht; das wäre Götzendienst.

  Ein solches Gottesbild schreit nach einem Umdenken; um dieses einigermaßen sauber leisten zu können, müssen wir zwei Probleme deutlich auseinanderhalten.

 

Auf der einen Seite stellt sich die Frage nach der Herkunft des Bösen.

Es existiert, weil es sonst auch kein Gutes gäbe, wie ich im letzten Abschnitt verdeutlichen wollte. Gegen logische Gesetze wie die Negierbarkeit der Begriffe kann auch ein allmächtiger Gott nichts ausrichten.

Ein ähnliches Argument kennt auch die Tradition:

Gott mußte das Böse schaffen, damit wir – durch den Unterschied – das Gute als soches erkennen können. Hier geht es also nicht um die Wirklichkeit selbst – wie bei uns –, sondern nur um das Erkennen und deshalb überzeugt die traditionelle Variante nicht jeden Gläubigen:

„Ich hätte ganz gerne auf diese Erkenntnis verzichtet . . .“

Bei uns ist dagegen die Wirklichkeit des Guten an diejenige des Bösen gebunden.

Auch das paßt:

Es geht um die Wahrheit unseres wirklichen Lebens selbst und nicht um das Erkennen angeblicher Urbilder.

 

Auf der anderen Seite stehen wir vor dem unermeßlichen Leid sehr vieler Menschen. Wir können gar nicht stark genug betonen, daß es sich hierbei tatsächlich um eine ganz andere Seite handelt, weil die theologische Tradition zumeist beides ungehörig vermischt.

Es gibt Leid auch ohne alles Böse, und vieles Gute ist sehr leidvoll.

Warum das Böse und das Leid gerne zusammengenommen werden, hatten wir oben bereits gesehen: Für das Böse sind traditionell die Menschen verantwortlich, und wenn sich das als Grund des Leids verstehen läßt, war in Gottes Schöpfung alles gut und frei von Leid.

 

Die Geschichte bildet meines Erachtens eine entsetzliche Folge von Leid, Elend, Verzweiflung, Angst, Sorge, Schmerz, Terror, Armut und ähnlichem. Mir – wahrscheinlich auch uns – geht es daran gemessen hier und jetzt unverdientermaßen gut. Wäre alles vergänglich und einfach irgendwann einmal aus, brauchten wir persönlich uns nicht zu beschweren; es war schön (genug), und wir könnten ehrlichen Herzens „Danke“ sagen.

Aber wegen der Überzahl derer, die das – weitestgehend sogar ohne eigenes Verschulden, doch selbst das ist letztlich gleichgültigtotal anders sehen müssen, nur als „Humus der Geschichte“ (Theodor W. Adorno) dienen und ihre Geburt verfluchen, wäre es grausam, wenn die Zeit einfach vergehen würde.

„Pech gehabt; zur falschen Zeit am falschen Ort . . .“; das darf nicht sein!

 

Unsere Hoffnung auf Wiedergutmachung und Gerechtigkeit müßte deutlich über die eigene Schuld hinausgehen, um ohne schlechtes Gewissen leben zu können; in einer vergehenden Zeit ist das jedoch ausgeschlossen. Hier herrscht ein absolutes Vergessen; die Vergangenheit wäre irgendwann einmal vergangen oder einfach weg, als hätte sie niemals existiert.

Jedes Sorgen oder Bemühen, alle Freuden und Leiden wären bald null und nichtig. Keiner denkt noch an die 99,99% der Menschen, die keinen Weg in die Geschichtsbücher gefunden haben. Und geht es den restlichen 0,01% besser?  Was haben sie selbst von ihrer „Berühmtheit“? Nichts!

 

Ich wehre mich gegen jede Theorie, die Gott von seiner Verantwortung entlasten möchte und dafür Sündenböcke sucht. Er ist und bleibt der Chef; der Schöpfer muß auch der Vollender sein.

Das anzuerkennen, bedeutet, ihm zuzutrauen, daß er nicht nur den Tod besiegt, sondern auch dafür sorgen kann und wird, daß zumindest am Ende – wie versprochen – „alles gut ist“. Die Theodizee endet für mich nicht in irgendeiner stets hoffnungslos unbefriedigenden Theorie – über die Größe und den „unerforschlichen Ratschluß Gottes“ sowie unsere Kleinheit –, sondern mit dieser Hoffnung. „Gott“ wird damit zu einem Sehnsuchtswort, demzufolge Gott allen Subjektivitäten die Frohe Botschaft zuspricht:

„Vollkommen unabhängig von deinem Weltbild, für das ich nicht verantwortlich bin und an dem du selbst mitgearbeitet hast, garantiere ich dir, daß du – möglicherweise allen Erfahrungen in deinem Leben zum Trotz – einmal ganz glücklich sein und deine Geburt nicht (mehr) verdammen wirst.“ 

Jedes Dahinter-Zurückbleiben Gottes bei auch nur einer einzigen Subjektivität wäre für mich eine Riesenenttäuschung.

 

„Mit Ihrer Allversöhnungslehre kann ich nicht viel anfangen; das Neue Testament ist doch voller moralischer Appelle von Jesus. Und was für welcher; denken Sie allein an die Bergpredigt!“

Ja; aber da stellt sich doch die Frage, wie wir sie zu verstehen haben.

Aus den verschiedensten Gründen glaubt die Kirche leider heute noch allzuoft, diese moralischen Appelle als Einlaßbedingung für das Reich Gottes darstellen zu dürfen oder gar zu müssen. Es ist wohl für viele Menschen sehr schwierig, die eigene (schwindende) Macht nicht zu mißbrauchen. 

Für mich schildert Jesus dagegen ganz einfach die Voraussetzungen dafür, daß dieses Reich Gottes hier und jetzt schon senfkornhaft beginnen kann; eine Lebens-Empfehlung also und keine Gehorsamkeits-Forderung; es geht ihm um Naherwartung und nicht um Jenseitsvertröstung; er will für uns die Fülle des Lebens, nicht seine Begrenzung.

 

Damit stellt der Metaphysische Explikationismus meines Erachtens tatsächlich einen Versuch dar, den Glauben heute zu denken.

Und Heideggers Ergänzung „Denken ist Danken“ kann ich aus tiefster Überzeugung zustimmen. Viele mögen sie vielleicht für zu pathetisch halten, ich möchte dagegen einfach nur ernstnehmen, daß „Vernunft“ von „Vernehmen“ kommt und Descartes sich mit seinem „ich denke, also bin ich“ durchaus getäuscht haben könnte; jedenfalls bin ich bei mir selbst skeptischer.

 

„Trotzdem habe ich das Gefühl, daß Sie zu sehr das Leid und damit eine Kritik an Gott betonen. Warum legen Sie Ihr Hauptaugenmerk nicht stärker auf das Schöne oder Gute, auf die Freude am Leben und sehen darin ein Zeichen für Gott?“

Weil das keine Frage der Betrachtungsweise ist, die man halt so oder so wählen kann.

Der christliche Gott wird als eindeutig gut dargestellt, so daß alles Schlechte oder Leidvolle aus sich heraus zu einer theologischen Herausforderung werden muß. Das Positive stände im MIttelpunkt, wenn der Schöpfer als böse verstanden werden sollte.

2.5.7. Jenseits von Orthodoxie und Orthopraxie

„Mit Ihrem obigen Verständnis des christlichen Gewissens sprechen Sie sich allerdings gegen jegliche Orthodoxie und Orthopraxie aus.“

Natürlich; es geht im Glauben ebensowenig um ein Das-war-schon-immer-so wie um ewige Wahrheiten, sondern allein um eine Hilfe für unser Leben in der Zeit. Aber genau deswegen muß ich Ihnen auch ein wenig widersprechen:

Es gibt kein christliches, sondern lediglich ein menschliches Gewissen. Christen sollen nicht irgendetwas tun was für Anders- oder Ungläubige unnötig wäre. Gottesdienst bezieht sich niemals direkt auf Gott, sondern ist ausnahmslos Dienst an Menschen (Tieren, Pflanzen usw.). Ein „Gottesdienst“, der – am Menschen vorbei – unmittelbar auf Gott gerichtet wird, ist Götzendienst, denn Gott benötigt nichts, und das Einzige, was er will, ist das Heil seiner Geschöpfe

Von Nächstenliebe können wir nur sprechen, mit anderen Worten, wenn der Nächste um seiner selbst willen geliebt wird; weder weil Gott es geboten hat, noch um „in den Himmel zu kommen“; ersteres wäre wiederum Götzendienst und letzteres Heilsegoismus.

 

Orthodoxie meint, daß bestimmte Sätze, Aussagen, Geschichten oder Dogmen als wahr geglaubt werden sollen, und Orthopraxie bedeutet analog, daß bestimmte Forderungen, Normen, Werte oder Gebote einzuhalten seien.

Beides halte ich für unvereinbar mit der Freiheit als dem Ziel der Schöpfung; „der Glaube wird Euch freimachen“ und nicht in ein Prokrustesbett zwingen. Augustinus‘ „Liebe und tu, was du willst“ greift dies perfekt auf.

„Das geht überhaupt nicht; haben Sie eine Ahnung, was da manche tun würden!“

Ihr Einwand verrät Sie:

Mir ging es darum, was uns das subjektive Gewissen sagt, und besser als in der Form „liebe zuerst und tue das, was du dann wollen kannst,“ gelingt das kaum.

Sie scheinen dagegen weniger das subjektive Gewissen und dafür mehr die intersubjektive Kontrolle darüber im Sinne zu haben . . .

 

„Müssen Sie als Kathoilk nicht beispielsweise jeden Sonntag in die Kirche gehen?“

Nein; das muß ich nicht, denn es ist kein Gottesdienst im soeben erläuterten Sinne der Nächstenliebe; wäre es das, müßten Sie auch gehen.

Daß der sonntägliche Gottesdienstbesuch als Kirchengebot gilt, entstammt einer Zeit, in der die Kirche noch glaubte, ihren Schäfchen vorschreiben zu können – wenn nicht gar: zu müssen –, wie sie ihr Leben zu gestalten haben. Eine solche Sichtweise wäre vielen Kirchenvertretern wohl heute noch recht, aber es hat mit Sicherheit ein Umdenken eingesetzt. Einige von ihnen haben inzwischen den „Glaube als Option“ (Hans Joas) begriffen; das heißt, sie sehen ihre Aufgabe darin, den Menschen ein Angebot zu machen, das deren Leben schöner, erfüllter oder glücklicher – ganzheitlich heiler – werden lassen kann.

Und daß der sonntägliche Gottesdienst bei relativ vielen Menschen in diesem Sinne wirkt, halte ich für nahezu unbestreitbar. Tut er das nicht, muß ich weder trotzdem hingehen noch in der Entwicklung meines Lebens stagnieren, sondern kann mir eine andere Option suchen, die mich weiterbringt.

 

Der religiöse Glaube hat mit den beiden Orthos meins Erachtens lediglich in dem Sinne zu tun, daß er uns davon befreien will, damit wir mehr leben oder möglichst viel von der Fülle des Lebens erfahren können.

Das geschieht, wenn wir „zu einem Gefühl des Erfülltseins gelangen“ (Matthieu Ricard) oder uns „in Resonanz“ (Hartmut Rosa) bzw. „im Flow“ (Mihály Csíkszentmihályi) „mit dem Leben“ befinden; Mario Perniola spricht in diesem Zusammenhang vom „katholischen Fühlen“, meint damit aber nichts Konfessionelles.

2.5.8. Kirche

„Sie haben keinerlei Schwierigkeiten damit, die Orthodoxie sowie Orthopraxie über den Haufen zu werfen und lehnen sie teilweise direkt  ab; auch die Transsubstantiation glauben Sie nicht. Kann sich letztlich alles verflüchtigen oder bleibt Ihres Erachtens ein harter unaufgebbarer Kern des christlichen Glaubens?“

Ob er in der Zukunft wirklich bleibt, weiß ich natürlich nicht, würde es mir aber sehnlichst wünschen – den Menschen zuliebe. Denn der harte Kern des – wie ich hoffe nicht nur christlichen – Glaubens besteht in der grenzenlosen Liebe Gottes zu ausnahmslos allen Menschen und der sich daraus ergebenden Zusage einer erfüllten „ewigen“ Existenz in ihm.

 

Die Vorfahren waren nicht nur nicht dümmer als wir, sondern es gab unter ihnen Genies, die unsere Fragen phantastisch und für ihre Zeit unüberbietbar brillant beantwortet haben. Wenn ich laufend auf die Tradition einhacke, waren nicht sie gemeint, sondern ihre „Schüler“, die heute lediglich die überlieferten Worte wiederholen und sich einbilden, damit das Gleiche wie die Großen zu sagen.

Sie sagen natürlich gar nichts und können das auch nicht; zum einen weil ihre Sprache inzwischen unverständlich geworden ist, und zum anderen weil sie nicht aus ihnen kommt, sondern angelernt ist wie sonstiges Wissen.

Ich glaube (an) die großen Ideen der Weltreligionen, die christlich – alles andere kenne ich leider nicht ausreichend – meines Erachtens in Schöpfung, Erbsünde, Erlösung, Menschwerdung und Reich Gottes bestehen. Sie versuche ich zu denken, um sie jedem, der mich danach fragt, erklären zu können, ohne mich selbst für meine Worte zu schämen

Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn ich bei der Erbünde von Adam und Eva oder bei der Erlösung vom Kreuzestod sprechen würde. 

 

Es ist wohl deutlich geworden, daß ich diese traditionelle Ersünden- sowie Erlösungslehre für absurd und unchristlich halte. Ich nehme nichts davon zurück, bin aber zugleich fest überzeugt, daß wir nicht hinter das einmal erreichte theoretische Niveau zurückfallen dürfen; das gilt in allen Wissenschaften; weshalb sollte es ausgerechnet in der Theologie anders sein?

Deshalb glaube ich auch relativ viel von dieser klassischen Theorie, nämlich daß wir

– durch eigenes Verschulden

– erlösungsbedürftig sind und

– uns nicht (mehr) selbst retten können.

 

Was ich meine, hat nichts mit Anpassung zu tun.

Die Verkündigung des Evangeliums steht immer quer zum Zeitgeist; sie hat den Menschen das zu sagen, was ihnen nur die Kirche sagen kann. Paßt sie sich an, wird die Kirche zu einem Verein, der verlustlos schließen kann.

Das ist aber nur die eine Seite, und die andere dürfte ebensowichtig ebenso wichtig sein:

Die Kirche ist kein Selbstzweck, sondern  Dienerin aller Menschen; Salz, Sauerteig oder Licht auf dem Berg; eine andere Daseinsberechtigung hat sie nicht.

Eine dienende Kirche muß jedoch bereit sein zum Gespräch, und das bedeutet mehr, als Zeit zum Reden anzubieten. Es setzt vielmehr die Fähigkeit voraus, verstehen sowie eine gemeinsame Sprache finden zu wollen, Argumente entweder zu widerlegen oder anzuerkennen und jeden unbegründbaren Wahrheits-Anspruch aufzugeben.

Er führt in die Sektiererei, und wird nur noch belächelt; etwas zu sagen haben und quer zum Zeitgeist stehen, kann allein, wer verstanden wird

 

Was ich hier gemeint habe, hat nichts mit Anpassung zu tun, aber selbst die kann dringend nötig sein.

Sie ist es gegenwärtig, weil durch einen 200-jährigen Kampf der Kirche gegen die Moderne mit ihrem Demokratie-, Freiheits- und Gleichheitsverständnis sich längst ein übergroßer Reformstau herausgebildet hat, der durch Vorwärts-Anpassung erst einmal aufgearbeitet werden müßte – bevor die Kirche wieder einmal etwas zu sagen haben und gehört werden könnte.  

 

Schon nach unseren bisherigen Überlegungen sollte deutlich geworden sein, daß sich mit Traditionen nichts begründen – bzw. alles „begründen“ – läßt, denn sie werden erforderlichenfalls erfunden. 

„Gute“ Katholiken glauben, was das Lehramt heute sagt, und vergessen die gestrigen Verlautbarungen.

Viel freundlicher hat sich der französische Priester Alfred Loisy auch nicht ausgedrückt:

„Jesus hat das Reich Gottes verkündet; gekommen ist die Kirche.“

Ich möchte seine Ironie aber sogar ein bißchen abschwächen und allein auf die Klerikerkirche beziehen.

„Meine“ Kirche ist eine andere; sie besteht in der Einheit aller Menschen – beliebigen Glaubens oder Nicht-Glaubens –, die in der Nachfolge Jesu leben; vollkommen unabhängig davon, ob sie das wissen und wollen oder nicht. Bei ihr hat Loisy Unrecht, denn hier beginnt senfkornhaft das Reich Gottes.  

 

„Das hatte Karl Rahner schon vor 50 Jahren ähnlich formuliert und diese Menschen als „anonyme Christen“ bezeichnet. Aber ich glaube, das dürfen wir nicht tun, weil es eine Vereinnahmung darstellt.“

Das sehe ich anders; wenn ein Gläubiger des Islam mich als „anonymen Muslim“ betrachtet, fühle ich mich nicht vereinnahmt, sondern geehrt.

Der Klerikerkirche ist wichtig, was uns unterscheidet; und deswegen wird das dort auch nichts mit dem Reich Gottes; in „meiner“ Kirche geht es allein darum, was uns verbindet.

2.6. Zusammenfassung

Dieses laufende Umdenken von dem einen Ansatz zum anderen war gewiß sehr anstrengend, zumal Sie es bisher nicht ohne Hilfe leisten konnten, weil Ihnen noch der Überblick fehlte. Den sollten wir jetzt aber erreicht haben und stellen nun möglichst systematisch einander gegenüber, von welchen grundlegenden Entitäten das traditionell-moderne Denken und das unsrige ausgehen.

 

Traditioneller Ansatz   

 

1. ewig-zeitlose Präsenz

    „zeitliche“, das heißt, zeitlose objektiv-reale Welt

    Außen

    ∋

    „zeitliche“ Seiende   =   { Substanz + Akzidenzien }

    ∋

    – Objekte

    – Subjekte  

      — Körper-Objekte   ∋   eigener Körper mit seinen Handlungen

 

2.   — subjektive Psyche

          Innen

          ∋

          – Regungen

          – „zeitliche“ Wissungen

            — Wahrnehmungen   =   Abbilder der Seienden

            — Vorstellungen

 

Unser Ansatz I

 

0. total-intersubjektiver Gott

    – Ursprung

 

2. Bewußtsein

    Leben   ∋   Regungen

    – „zeitliche“ Wissungen

      — Wahrnehmungen   =   Anschauungen + (Interpretation durch) Begriff

      — Vorstellungen   =   { Ausmalung + Begriff }

 

Unserem Leben entspricht traditionell das „Leben“, das sich aus den Handlungen des eigenen Körpers in der Welt und den Regungen in seiner Psyche zusammensetzt.

Als Ausgangspunkt benötigen wir vier (Arten von) Entitäten:

1. Gott bzw. den Ursprung und das Leben; sie wollte ich einstweilen hinreichend erklärt haben.

2. Die Ausmalungen (der Vorstellungen) kommen nicht irgendwoher, sondern erfolgen mehr oder weniger willkürlich durch uns selbst und sollten somit unproblematisch sein.

3. Die sinnlichen Anschauungen, die den traditionellen Eigenschaften entsprechen.

4. Die geistigen Begriffe.

 

Die Frage, woher die Anschauungen und Begriffe stammen, muß so beantwortet werden, daß alles mit rechten Dingen zugeht, und dazu sehe ich nur eine einzige Möglichkeit: Wir

führen die Zeit ein,

identifizieren deren Gegenwart mit unserem Bewußtsein und

– gewinnen damit die Vergangenheit als das Woher der Anschauungen und Begriffe.

 

Somit besteht unsere Anderung darin, von der ewig-zeitlosen Präsenz zum gegenwärtig-zeitlichen Bewußtsein überzugehen. In diesem Sinne können wir die obige Andeutung unseres Ansatzes erweitern:

 

Unser Ansatz II

 

0.    total-intersubjektiver Gott

       – Ursprung

 

2.    Zeit

 

2.1. Vergangenheit

       Woher der sinnlichen Anschauungen und geistigen Begriffe

 

2.2. Gegenwart

       Bewußtsein

      Leben   ∋   Regungen

       – „zeitliche“ Wissungen

         — Wahrnehmungen   =   Anschauungen + (Interpretation durch) Begriff

         — Vorstellungen   =   { Ausmalung + Begriff }

 

2.3. Zukunft

       absolute Offenheit

 

„Damit verstehe ich jetzt auch allmählich, was ich oben noch nicht gut nachvollziehen konnte:

Traditionell denkende Christen glauben, von den Seienden der Welt und damit Gottes – angeblich – guter Schöpfung  ausgehen zu können, finden aber auch das unbestreitbare Böse vor und stehen folglich vor dem wahrscheinlich unlösbaren Problem seiner Herkunft: ‚Wer war das?‘

Sie gehen dagegen von den Anschauungen aus, die gar nicht von Gott geschaffen sein können, weil sie unserer eigenen Vergangenheit entstammen. Aus dem unschuldigen traditionell-zeitlosen Abbilden wird also Ihr eigenverantwortliches postmodern-zeitliches Generieren.

Da Begriffe eo ipso negierbar sind – woran wohl auch (ein) Gott nichts andern kann, denn sonst wären es keine Begriffe mehr –, läßt sich das Gute somit ohne sein entsprechendes Böses nicht generieren.“

 

„Aber der Preis, den Sie für diese Lösung zahlen ist natürlich hoch; er besteht darin, daß sämtliche ‚Wissungen‘ auch ohne Gewußte Wissungen wären; ein absurder Gedanke!“

Nein; das ist er nicht einmal im traditionellen Denken – und dort ist vieles absurd.

Wissen wir zum Beispiel nicht, was Marsmenschen sind, können wir ihre Existenz weder sinnvoll anerkenen noch ablehnen; wir benötigen dazu unbedingt die Wissung Marsmenschen.

Sprechen wir letzteren ihre Wirklichkeit ab, so entfallen die Marsmenschen als Gewußte; aber hört die Wissung Marsmenschen damit auf, eine Wissung zu sein? 

 

Oder stellen Sie sich vor, bei einem gemeinsamen Essen erklärt Ihnen ein Ausländer ganz stolz, was er alles schon von der europäischen Kultur gelernt hat. Er weiß sogar bereits, daß der Osterhase die Babys bringt und der Klapperstorch die Eier.

Vielleicht fühlen Sie sich bemüßigt, ihn aufzuklären; aber was heißt hier „aufklären“?

Sie glauben natürlich keine der beiden Liefer-Varianten – und besitzen dennoch an dieser Stelle einen Wissensvorsprung gegenüber Ihrem Gesprächspartner. Das wäre unmöglich, gäbe es keine Wissungen ohne Gewußte.

 

Ihr Gedanke zuvor war jedoch sehr konstruktiv, und wir sollten ihn noch speziell auf uns selbst anwenden.

Traditionell sind wir Subjekte und wissen von uns, weil wir auch uns selbst abbilden. Die dabei entstehenden Wahrnehmungen sind unbestreitbar, aber wir verstehen sie nun anders:

Hier ist kein (menschlicher) Körper vorhanden, sondern es reichen Anschauungen oder Eigenschaften aus der Vergangenheit herüber, und nun schließt sich wieder unser übliches Denkschema an:

Anschauungen sind weder Wissungen noch deren Referenten, so daß wir zwei Sachverhalte sauber trennen müssen.

Auf der  einen Seite erkennen wir die sinnlichen Anschauungen als unbestreitbar an – so wie oben unsere Transzendentalien als wirklich.

Auf anderen Seite können wir darüber jedoch nicht nachdenken, sondern benötigen hierzu Anschauungs-Wissungen – analog zu den Gottes-Wissungen – als ihre geistigen Stellvertreter; nur mit ihnen können wir denkerisch operieren.

Das Leben ist nicht das „Leben“ – aber nur letzteres können die Biologen untersuchen; die Zeit ist nicht die „Zeit“ – aber allein sie ist denk- und meßbar. 

 

Damit habe ich Ihnen oben natürlich etwas Falsches erzählt . . .

Zunächst ging es mir um die Einsicht, daß wir nicht unser Körper sind, sondern ihn nur haben.

Nun zeigt sich, das stimmmt auch nicht; wir haben Anschauungen, aber keinen Körper.

Sauber und – aus meiner gegenwärtigen Sicht – endgültig formuliert sind wir Subjektivitäten, zu denen möglicherweise in jedem Bewußtsein eine andere Anschauung gehört.

„Vielleicht sollten Sie sich etwas vorsichtiger ausdrücken: ‚in jedem Bewußtsein, dessen Subjektivität jetzt zugleich mit uns lebt‘.“

 

Nein, diese Einschränkung ist falsch oder zumindest unverständlich, denn niemand lebt in der „Zeit“ oder gar jetzt.

Wir sprechen allein von den Subjektivitäten sowie ihren Bewußtseinen und Anschauungen; da kommt keinerlei „Zeit“ vor, so daß es auch weder ein Zugleich noch ein Nacheinander gibt. All das existiert nur bei Wissungen, weil lediglich sie „zeitlich“ sind.

 

Noch ein zweiter Punkt müßte Ihnen in diesem Zusammenhang auffallen.

Sämtliche Anschauungen reichen aus der Vergangenheit in die Gegenwart herein. Das ist einerseits zwingend wegen der Irreversibilität der Zeit; woher sollten sie sonst kommen?

Aber andererseits scheint es auf einen Widerspruch zu führen:

Wenn meine Anschauungen aller anderen Subjektivitäten der Vergangenheit entstammen, befinde ich mich notwendigerweise in einer ausgezeichneten, singulären Position – der Gegenwart. Dieser Gedanke ist absurd; er wird nur widerspruchsfrei, wenn er für völlig identisch auf uns alle übertragen werden kann:   

Für jede der Subjektivitäten – in der Gegenwart – gehören alle anderen der Vergangenheit an.

 

Im vierten Teil nehmen wir diese Überlegungen wieder auf, aber zwei Konseqenzen drängen sich bereits hier auf.

In der traditionellen „Zeit“ ist dies alles natürlich undenkbar.

Wie sich das bei der wirklichen Zeit verhält, wissen wir noch nicht, aber zwingend ist wohl, daß die Subjektivitäten in ihr nicht identisch sein können:

 

Die Wirklichkeit der Zeit bedeutet, daß wir uns nicht nur etwas vorstellen – im Regallager –, sondern daß tatsächlich etwas geschieht, sich andert oder überformt wird. Das stilisieren wir durch den Pfeil „→“, und S(X) → B(YY) soll bedeuten, daß die Subjektivität(X) in das Bewußtsein(Y) der Subjektivität(Y) hineinwirkt.

Das stellt ein wirkliches Geschehen – nämlich unser Leben – dar und erfolgt somit zeitlich; die Vergangenheit ist zur Gegenwart, es ist „später“ geworden. 

Dann schließen sich die Wirkungen S(X) → B(YY) und S(Y) → B(XX) aber wechselseitig aus, denn eine „spätere“ Subjektivität kann nicht in das Bewußtsein einer „früheren“ hineinwirken; beide Wirkungen wären nur einzeln möglich.

 

Sie werden jedoch vereinbar, wenn wir korrigieren:

Die Einwirkung S(X) → B(YY) der Subjektivität(X) auf das Bewußtsein(Y) der Subjektivität(Y) verhindert

– nicht die Kontinuität des Bewußtseins(Y), sehr wohl aber

– die Identität der Subjektivität(Y).  

Ersetzen wir letztere durch  eine Subjektivität(Z), so sind alle Schwierigkeiten beseitigt, denn zwischen den beiden Wirkungen S(X) → B(YY) → B(YZ) und S(Y) → B(XX) [→ B(XW)] besteht kein Widerspruch. Freilich nur, weil die Subjektivitäten keine Bewußthaber sind, sondern selbst erst aus dem Bewußtsein bzw. Leben hervorgehen.

Nun ist es möglich, daß für jede der Subjektivitäten – in der Gegenwart – alle anderen der Vergangenheit angehören.

 

Ich fürchte, diese Ableitung war sehr schwierig; aber ihr Ergebnis ist nicht nur einfach, sondern wohl problemlos nachvollziehbar. Gegebenenfalls könnten Sie sich darauf beschränken:

Wir verfügen über ein kontinuierliches Bewußtsein in der „Zeit“. Im Regallager liegt alles vom Urknall über unsere Geburt und das eigene Sterben bis zum „Ende der Welt“ vor uns ausgebreitet.

Ich ist ich; ich „lebte“ erst noch nicht, wurde dann geboren, werde auch einmal „sterben“, und dann geht es ohne mein Ich weiter.

Das ist fast alles richtig, aber nur, weil das „wir“ zu Beginn des vorletzten Absatzes nicht stimmt.

Ohne jegliche Identität sind wir in der Zeit stets eine andere Subjektivität; ich bin gegenwärtig nicht der, der „ich“ in der Vergangenheit war. Die Iche in der „Kurzbiographie“ soeben haben mit mir als Subjektivität kaum etwas zu tun und sind lediglich meine gegenwärtige Ich-Wissung.

 

Prägnant formuliert:

Die – Wirklichkeit der – Zeit bedeutet, daß ausnahmslos alles anders wird und „kein Stein auf dem anderen bleibt“.

Nichtsdestotrotz besitzen wir ein Bewußtsein, das alles umgreift – den gesamten „Raum“ von einem Ende zum anderen und die ganze „Zeit“ von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Das widerspricht sich meines Erachtens nur dann nicht, wenn wir dieses Bewußtsein allein mit der Gegenwart identifizieren und sowohl von einer wirklich vergangenen Vergangenheit als auch von einer absolut offenen Zukunft ausgehen.

3. Kritik des traditionellen Ansatzes

Dieser dritte Teil hat zwei Aufgaben.

Zum einen wollen wir erkennen, weshalb der traditionelle Ansatz meines Erachtens auch bei bestem Willen nicht konsistent – also gar nicht wirklich – gedacht werden kann. Bevor es tatsächlich um unser eigenes Denken, den metaphysischen Explikationismus, geht, soll damit nochmals deutlich werden, wovon wir uns trennen möchten und weshalb.

Zum anderen dient uns der traditionelle Ansatz jedoch nicht nur als Negativfolie, vor deren Hintergrund unsere Überlegungen – wie ich glaube als Verbesserungen – gerechtfertigt werden können. Es soll zugleich noch deutlicher werden, in welche Richtung dieses Denken überwunden werden kann bzw. muß.

 

„Ist das wirklich nötig? Sollten wir diesen Umweg nicht besser weglassen und uns von Anfang an auf das konzentrieren, was es neu zu verstehen gilt? Sehr viel Zeit habe ich nicht . . .“

Das ist kein Umweg; unsere Vorfahren waren doch nicht dümmer als wir; sie haben versucht, ganz stringent zu denken. Wenn Sie dabei trotzdem Fehler begangen haben, sind das Fallgruben auch für uns, denn mehr als der Versuch, selbst zu denken, ist auch uns nicht möglich. Wir kommen also nur weiter, wenn wir diese kritischen Stellen kennen und dadurch umgehen können, so daß wir erst später Fehler begehen.

Ein postmodernes Denken ist nicht möglich, ohne das ihm vorausgehende hinreichend verstanden zu haben, Wir lassen – „wie versprochen“ – weiterhin alle geschichtlichen Details auf sich beruhen und wenden uns nur ganz pauschal gegen die traditionelle Überzeugung, in einer objektiven Welt zu leben, weil sie meines Erachtens sowohl philosophisch als auch naturwissenschaftlich unhaltbar und theologisch mehr als problematisch ist.

 

Diese Welt besteht in der Gesamtheit der Seienden oder Urbilder, die wir in Objekte und Subjekte unterteilt haben, wobei letztere im Kern – nämlich mit ihrem (menschlichen) Körper – ebenfalls zu den Objekten zählen und durch ein Innen ergänzt werden.

Seiende als solche können wir nicht wissen; hierzu müssen sie zunächst in unsere(r) Psyche abgebildet werden; darin besteht der traditionelle Zugang zu den Urbildern in der Moderne.

Wir haben uns von Anfang an auf die dinghaften Seienden wie Sonne, Mond und Sterne konzentriert. Das bedeutet jedoch keine Einschränkung, weil unsere Intention darauf zielt, alle Seienden „abzuschaffen“. Gelingt dies bei den dinghaften, dürften die meisten von uns kaum Schwierigkeiten mit rein geistigen Urbildern wie Gerechtigkeit, Gesund- oder Geradheit haben.  

 

Aus diesem Grunde habe ich auch die Platonischen Ideen im wesentlichen übergangen, die „noch schlimmer“ als die Urbilder sind. Nur für diejenigen unter Ihnen, die sie vermissen, ein paar Gedanken, um den Zusammenhang mit unseren Überlegungen herzustellen.

Wir können diese Ideen gar nicht deutlich genug von den Urbildern oder Seienden unterscheiden. Zum einen gehören sie nicht der Welt, sondern einem transzendenten Ideenhimmel an, der uns nicht weiter interessieren muß. Zum anderen sind die Urbilder in der „zeitlichen“ Welt veränderlich, wärend die Ideen als ewig identisch gelten; darauf geht natürlich die traditionelle Vorstellung zurück, auch die Wahrheit müsse zeitlos sein.  

(Zumindest der späte) Platon geht davon aus, daß sogar zur Vielfalt übereinstimmender dinghafter Urbilder eine Idee gehören muß; die des Planeten beispielsweise zu allen Planeten oder die des Tischs zu sämtlichen Tischen. Die Seienden haben Anteil an ihrer Idee, und nur durch diese Teilhabe können sie das Bestimmte sein, was sie sind; ohne die Idee des Planeten kann es keine Planeten geben.

Entsprechendes gilt auch für die geistigen Urbilder; Sokrates kann zum Beispiel nur gerecht sein, weil er Anteil an der Idee der Gerechtigkeit besitzt.

 

Die nachstehende Abbildung soll die wichtigsten Zusammenhänge zwischen dem traditionellen und unserem Denken verständlich darstellen.

 

Platonische Ideen im Ideenhimmel Urbilder in der Welt Abbilder in der Psyche                  
Ermöglichung der Urbilder
Verwirklichung der Ideen
Erkenntnis der Urbilder
 
Anteil-Gebende
Anteil-Habende    
Wesen, Essenz, Was { Wesen + Sein }, { Essenz + . . .
   
    Wissungen im Bewußtsein  
zeitlos und „zeit“-los zeitlos und „zeitlich“ zeitlich und „zeitlich“  
ewig präsent gezeitigt  
       
– Ideen der Dinge – Dinge – Wahrnehmungen  
    – Vorstellungen  
       
– Ideen der geistigen Urbilder – geistige Urbilder Wahrnehmungen  
    Vorstellungen  

 

Abbildung 3.

 

Das Zusammenspiel von Ideen und Urbidern läßt sich natürlich sehr schön zu einem Kreis vervollständigen:

Methexis:

Alle „zeitlichen“ Urbilder haben Teil an ihrer „zeit“-losen Idee, ohne die sie nicht diese Urbilder sein oder das entsprechende Wesen bzw. Was besitzen könnten.

Parousia:

Als das Wesen bzw. Was ihrer „zeitlichen“ Urbilder werden die „zeit“-losen Ideen zur traditionellen Wirklichkeit in der „zeitlichen“ Welt.

 

Wir streichen Ideen, Urbilder sowie Abbilder und ersetzen sie durch die Zeit, in der wir leben und dabei unter anderem auch unsere Wissungen zeitigen.

Heidegger zufolge hat die Tradition das Sein vergessen; wir würden korrigieren, daß sie die Zeit und damit das Leben vergessen hat.

3.1. Seiende oder Urbilder

Seiende sind der Tradition zufolge auf allen Gebieten möglich.

Roger Penrose beispielsweise nimmt an, daß es Zahlen auch ohne uns Menschen oder vielleicht „schon immer“ gibt; er kennt sie jetzt und muß die Zahlen folglich irgendwie entdeckt haben.

Mehr als dieses Uns-ursprünglich-vorgegeben- und Nun-auch-erkannt-Sein meinen wir mit Entdecken nicht; Abbilden, Repräsentieren, Darstellen, Finden oder Wiedergeben – des immer schon Bestehenden – wären für uns also völlig synonyme Begriffe.

 

Wer glaubt, daß es auf die Frage, was ein wirklicher Freund sei, eine wahre Antwort gibt, muß letztere als ein Abbild des Freund-Urbilds verstehen. Entsprechendes gilt für Platons Paradebeispiel der Gerechtigkeit oder die üblichen Transzendentalien das Wahre, das Gute und das Schöne. 

Wenn Sokrates sagte, der Gerechte habe Teil an der (Idee der) Gerechtigkeit, dann mußte er – Sokrates – diese Idee irgendwie erkannt haben. Wahrscheinlich nicht durch ein Abbilden im engeren Sinne; aber in unserem weiteren Sinne schon.

Halten wir einen Willen Gottes für relevant in unserem Leben, so müssen wir ihn abbilden; solange er nur in Gott ist, kennen wir ihn nicht.

Gelten uns – physikalische, juristische oder göttliche – Gesetze als wahr, so sind sie bereits aus dem jeweiligen Gesetzeshimmel heraus abgebildet.

 

Mit den physikalischen Urbildern wenden wir uns bewußt dem harten Kern des traditionellen Denkens zu, bei dem die subjektiven Überzeugungen am wenigsten differieren dürften.

Zum einen bilden die physikalischen Urbilder sicherlich diejenigen, die sich am einfachsten verstehen lassen. Dort befindet sich der wirkliche Mond; weil wir hinschauen und gesunde Augen haben, sehen wir ihn. Dieses Sehen ist ein ganz vordergründiges Abbilden wie das Photographieren; das Photo im Album entspricht dem Abbild in unserer Psyche.

Zum anderen drängen sich die physikalischen Urbilder am meisten auf. Ob es wirklich die Idee des Schmutzes gibt, dürften sich die wenigsten von uns bereits einmal gefragt haben; aber den Dreckhaufen dort in seiner Realität zu leugnen, ist schon von einem anderen Kaliber.

Und schließlich bilden die physikalischen Urbilder den Kosmos als die Welt im engeren Sinne, als das, was den meisten von uns spontan einfällt, wenn von der Welt die Rede ist. Abgesehen von einzelnen Ausnahmen wie Blitzen etwa sind die meisten dieser Urbilder recht stabil, was uns noch stärker an ihre von uns unabhängige Existenz glauben läßt.

Sterne sind völlig unabhängig von uns; Häuser, Autos oder Kunstwerke müsen wir zwar erst herstellen, aber dann existieren auch sie an sich. Bäume wuchsen bereits und produzierten schon Sauerstoff, als es noch lange keine Menschen gab. Wenn sie umfallen, gibt es einen lauten Knall, auch wenn keiner ihn hört.

 

Die Frage, was ein ungehörter Knall sein soll, müssen wir zum Glück nicht beantworten – denn wir bestreiten seine Existenz; freilich ebenso wie diejenige eines ungesehenen Blitzes.

An diesen zwei Beispielen können wir uns den grund-legenden Denkfehler des traditionellen Ansatzes bereits sehr schön verdeutlichen:

Natürlich ist ein ungehörter Knall ein Widerspruch in sich, weil der Knall eine Hörung darstellt; so habe ich auch den ungesehenen Blitz gemeint. Aber bei ihm würden traditionell Denkende bereits nicht mehr mitgehen: „Ein Blitz ist doch keine reine Sehung, sondern auch eine Erwärmung, Erschreckung und vielleicht noch viel mehr.“

Einverstanden; ich muß dem nicht widersprechen, sondern lediglich ausführlicher formulieren:

Ein ungesehener, ungefühlter, nicht-erschreckender und . . . Blitz ist ein Widerspruch in sich, weil der Blitz eine Sehung, Fühlung, Erschreckung oder . . . -ung darstellt. Mir geht es allein darum, daß er nicht über Wahrnehmungen hinausgehen und jede sinnvolle Blitz-Theorie nur bei ihnen anknüpfen kann.

 

„Große Theoretiker“ die beim Blitz an sich oder am besten gleich beim Universum beginnen und häufig betonen, daß wir natürlich vieles nicht vorstellen, sehr wohl aber berechnen können, mögen bitte die einfache Frage beantworten, wie ihre Gespinste mit dem unbestreitbar Gegebenem zusammenhängen. Wir können einigermaßen problemlos in zehndimensionalen Räumen denken und darin vielleicht die tollsten Zusammenhänge beweisen, dürfen aber ihren Zusammenhang mit unseren Anschauungen  nicht aus den Augen verlieren, denn allein sie sind unbestreitbar. 

Ich will nicht naiv-vorlaut wissen, wo oder wie diese Räume mit ihren Spinoren in meinem persönlichen Leben vorkommen; das müssen sie natürlich nicht. Aber die Frage, was an der Wirklichkeit anders wäre, wenn die jeweilige Theorie nicht stimmen würde, sollte man in einer Erfahrungswissenschaft schon stellen dürfen.

Sie ist selbst für die Theologie unabdingbar. Wenn eine eventuelle Vierfaltigkeit Gottes keine aufzeigbaren Konsequenzen für unsere Existenz hätte, wäre auch die Behauptung seiner Dreifaltigkeit inhaltsleer; „ein Unterschied, der keinen Unterschied macht“ (Gregory Bateson).

 

Viele Wissenschaftler sehen das freilich anders, weil die gesamte Tradition, in der sie stehen, angeblich die Seite gewechselt hat. Sie glauben, nicht von „vorn“, das heißt, nicht von uns und dem Leben her zu kommen, sondern gehen immer schon von einer Hinter-Welt – Welt plus eventuell Gott als Nebenwelt – aus, und dazu gehören eben auch der Blitz an sich und das objektive Universum.

Dieses ist ab-solut, los-gelöst von uns – und deswegen können wir nicht darüber sprechen.

3.1.1. Mythos des Gegebenen oder Naiver Realismus

Das traditionelle Denken entspricht dem „gesunden Menschenverstand“ und ist etwas für „Praktiker“, die „mit beiden Beinen im Leben stehen“, so daß sie keine Philosophie benötigen. Ihre Überzeugungen sind „erdverbunden“ oder „realistisch“ – aber nicht verständlich und schon gar nicht selbstverständlich, wie sich allmählich zeigen sollte.

Winfried Sellars nannte die Annahme, daß irgendetwas einfach vorhanden ist, den „Mythos des Gegebenen“ und allgemein wird sie in der Philosophie als „Naiver Realismus“ bezeichnet. Der Praktiker, der „mit beiden Beinen im Leben steht“, ist naiv, wenn er glaubt zu wissen, wo er steht.

Wer widersprechen möchte, soll bitte erklären, was es bedeutet, daß Seiende „einfach vorhanden“ oder „wirklich“ sind. Kant jedenfalls hat zugegeben, daß er es nicht kann, denn andernfalls müßte die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellen.

Die Tradition sieht das anders und denkt ungerührt vorkantisch weiter:

Es gibt diese Urbilder und – vollkommen unabhängig, das heißt, getrennt davon – noch jene; sie sind uns vorgegebene Einzeldinge, zwischen denen keine Zusammenhänge bestehen. Was ein Tisch ist, hängt nicht davon ab, ob Stühle existieren; und rot ist rot – auch ohne grün.

 

Das heißt ganz deutlich:

In dem Satz „Das Urbild X ist  vorhanden“ wissen wir vielleicht sehr genau, was X bedeutet die Sonne oder Stühle, den Eiffelturm bzw. den obigen Dreckhaufen beispielsweise –, haben aber keine Ahnung, was mit „ist vorhanden“ ausgedrückt werden soll.

Und eben deswegen bleiben wir auf der „Vorder“-Seite, das heißt, bei dem X, das wir verstehen, bei unseren Wissungen also.

Daß der Tisch vor mir existiert oder wirklich ist, verstehe ich; es bedeutet, daß ich ihn beispielsweise sehe, darauf schreiben, mich daran stoßen und ihn betasten kann. Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen – durch alle möglichen Wahrnehmungen.

Wer glaubt, daß ein Tisch auch außerhalb des Bewußtseins existieren oder wirklich sein kann, soll uns bitte erklären, was er damit meint. Unsere Wahrnehmungen wie soeben kann er hierbei jedoch nicht benutzen, denn die befinden sich im Bewußtsein.

 

Gäbe es uns nicht, wäre die Welt der Seienden exakt die gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit des Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede einzelne Ameise ist millionenfach wichtiger für ihren Haufen als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, Minderwertigkeitskomplexen oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, dann hängt das mit Sicherheit auch an ihren persönlichen Lebensumständen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, erscheint der Gedanke, das traditionelle Denken könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht völlig abwegig zu sein.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“.

„Masse von geistig Behinderten“ klingt nicht sehr ermutigend, aber wenn wir uns umschauen – bis in die Universitäten hinein –, wo noch ernstlich gedacht und das Erbe der Aufklärung hochgehalten wird, muß man Henry nicht unbedingt widersprechen. 

 

Auch Jacques Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich; ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im traditionellen Denken befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden diesem Ansatz zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Robert Spaemann und Reinhard Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ bezüglich unseres Lebens sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies – dem traditionellen Denken zufolge – nicht auch für die Welt gelten? Wozu der Aufwand mit den unermeßlichen Distanzen – wenn es angeblich nur um uns geht?

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (Blaise Pascal).

 

„Aber es könnte doch auch sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns geben kann?“

Natürlich darf man das nicht ausschließen; diese Denk-Möglichkeit allein genügt jedoch ebensowenig wie der Glaube daran. Wer hiermit argumentieren möchte, sollte nachzuweisen versuchen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – physikalisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

3.1.2. Urbilder – wissen, was wir nicht wissen

Das Denken bei den Urbildern beginnen zu wollen, ist meines Erachtens ein Unding, denn damit beansprucht man, zu wissen, was man nicht weiß. Das ist irre; die Urbilder sind uns nicht bekannt; die Tradition glaubt aber trotzdem, mit ihnen unser Nachdenken beginnen zu können.

 

Vielleicht kann ich Ihnen den Gedanken, um den es mir hierbei geht, am besten anhand der traditionellen Frage nach dem Guten vermitteln. Das traditionelle Denken weiß zwar, was es geben muß – das Gute –, aber (zunächst einmal) nicht, was das ist oder worin sein Inhalt besteht; es glaubt also, ganz gezielt nach dem fragen zu können, was es nicht weiß.

Das ist kein Erkennen, sonden nur ein Suchen, bei dem wir ganz genau wissen, was wir suchen. Wir haben den Schlüssel verlegt, ein Name fällt uns nicht ein, oder wir haben ein Geburtsdatum vergessen; in jedem Fall wissen wir bereits, was wir suchen – haben es lediglich im Moment nicht parat.

Aber irgendwo muß der Schlüssel liegen; irgendetwas muß das Gute sein!

 

Dieses Suchen hat aber auch nicht das Geringste mit einem Vorgreifen ins Unbekannte zu tun, mit Erstmaligen, Erkunden oder Forschen, so daß es ganz konsequent ist, wenn Platon dieses Finden – nicht als ein Abbilden, sondern – als ein Wiedererinnern der Seele an ihr vorgeburtliches Leben versteht. Sie kramt erfolgreich in ihren Erinnerungen nach dem, was sie bereits einmal wußte und nur vergessen hat, um es wieder holen – wiederholen – zu können.

Ein solches Denken erfolgt völlig zeitlos; es geschieht nichts Neues, sondern es wird nur – bei erfolgreichem Suchen – wiederholt. Wann und von wem gesucht wird, ist dann natürlich auch gleichgültig; immer wenn die Wahrheit gefunden wird, muß es die gleiche sein.

Unter diesen Voraussetzungen läßt sich nicht nur keine Genese denken, sondern ist auch keine erforderlich; hier gibt es nichts zu generieren, denn alles ist bereits fertig.

Im Sinne des Zitats von Picasso aus der „Intention“ ersetzen wir das Modell des zeitlosen Suchens durch eines des zeitlichen (Er-)Findens – oder eben Generierens.

 

Die Physiker haben sich nicht daran erinnert, daß es Quarks gibt und sie daraufhin (erfolgreich) gesucht, sondern etwas Neues konstruiert, das noch nie existierte. Die großen Wissenschaftler sind so kreativ wie Künstler, schaffen Neues, und weder bilden sie nur Altes ab noch erinnern sie sich wieder daran. Bei Goethe erscheint uns das wohl allen als selbstverständlich; warum trauen wir es Gödel nicht zu?

Daran zeigt sich erneut, daß wir mit unserem Ansatz nicht beanspruchen, mehr zu wissen als die Tradition; im Gegenteil, es ist viel weniger, weil wir nicht – schon im voraus – wissen, was wir noch nicht wissen; das wird sich vielmehr immer erst in der absolut offenen Zukunft zeigen.

Letztlich ist das aber weder bescheiden noch demütig, sondern meines Erachtens nur der ganz normale Verzicht auf Größenwahn.

 

Mit welchem Recht sagen wir, es gäbe das Gute, wir wissen lediglich noch nicht, was das ist? Solange damit keinerlei Wissungen verbunden sind, handelt es sich nicht um das Gute, sondern lediglich um das Wort „Gute“.

Läßt sich zu Worten das richtige Wissen bestimmen? Wie unterscheiden wir es vom falschen?

 

Wieso kann man – bereits vor und unabhängig von allem Wissen – sagen, daß es das Gute gibt, aber das Etug nicht?

Sie wissen nicht was „Etug“ bedeutet?

Genau so verhielt es sich bei „Gute“ ebenfalls, bis unsere Vorfahren sich dafür etwas einfallen lassen haben; beispielsweise den Altruismus oder die Nächstenliebe. Nachdem sie geeignete Ideen gefunden hatten, konnten sie diese als Abbild des angeblich erkannten Guten ausgeben; für das zuvor leere Wort „Gute“ war nun eine Bedeutung „gefunden“.

Tatsächlich war sie natürlich erfunden und wurde lediglich als gefundene behauptet.

Lassen Sie sich also auch bei „Etug“ einfach etwas einfallen; dann behaupten Sie, Etug sei ein Urbild und Ihr Einfall – den Sie natürlich als Einfall bestreiten müssen – das Abbild von ihm.

 

„Ich weiß nicht(s); aber das, was ich nicht weiß, ist das Gute.“

Das entspricht der sauberen Definition aller Urbilder; das traditionelle Denken glaubt, mit ihnen zu wissen, was es nicht weiß.

In der nachstehenden Darstellung sollte dies deutlich zum Ausdruck kommen:

Wir wissen nicht, was das Gute ist.

Aber wir wissen, daß es das Gute ist.

Wir wissen, was wir nicht wissen.

Das ist kein Widerspruch, sondern meines Erachtens eine Anmaßung.

 

Wir können den Glauben an Urbilder somit als einen fünfstufigen Prozeß darstellen:

1. Den Beginn bildet ein Wort; „Gute“ in unserem Beispiel.

2. Es besitzt eine Bedeutung.

3. Diese besteht im Guten als Urbild.

4. Das gilt es, durch adäquates Abbilden zu erkennen.

5. Haben wir das getan, ist Wahrheit erkannt und bekannt, worin das Gute besteht.

 

Das ist die traditionelle Variante, die wir ablehnen und umformulieren:

1. Den Beginn bildet ein Wort.

2. Es besitzt eine Bedeutung, wenn es Wirklichkeiten benennt, Anschauungen benamt oder Wissungen bezeichnet

3. Das ist alles aber nur möglich, wenn die bedeuteten Entitäten bereits gegeben sind.

4. Urbilder sind nicht gegeben und können somit auch weder abgebildet noch erkannt werden.

5. Eine Wahrheit der Objekte oder von ihnen lehnen wir ab.

 

„Es gibt nur Erfindungen oder Konstruktionen“ wäre falsch, aber alle Wissungen sind Erfindungen oder Konstruktionen.

Eine Erfindung der Tradition besteht darin, diejenige der Urbilder als Entdeckungen auszugeben.

„Und auf einer solchen Grundlage soll unser Leben erfolgen?“

Natürlich nicht; um dieses „Nein“ zu verstehen, sind zwei Antworten notwendig.

 

Ihre Frage setzt das traditionelle Denken voraus. Allein ihm zufolge „leben“ wir in der Welt mit ihren Urbildern und auf deren Grundlage. Wenn sie bloße Erfindungen darstellen würden, wäre ein solches „Leben“ natürlich ausgeschlossen.

 

Leben wir dagegen unserem Ansatz entsprechend in Gott und bringen  die Wissungen selbst hervor, ist es nicht nur widerspruchsfrei, sie als Erfindungen oder bloße Konstruktionen zu betrachten, sondern das paßt sogar sehr gut:

Wir zimmern uns selbst ein Weltbild zurecht, sind aber nicht die Schöpfer von Wirklichkeit. Letztere wandert im Explikationismus von der objektiven Welt in das subjektive Leben. Dann dient das Weltbild „nur“ noch der Orientierung, und wir sollten uns bemühen, eines zu (er)finden, das unserem Leben möglichst viel Fülle und Wahrheit verleiht.

3.1.3. Aufpaltung in Ur- und Abbild

„Gäbe es keine Urbilder, wäre auch kein Affizieren möglich; aber daß Licht die Stäbchen und Zäpfchen unserer Netzhaut oder Wein die Geschmacksknospen der Zunge affiziert, werden Sie doch kaum bestreiten wollen.“ 

Je nachdem, wie Sie es meinen; das Wort „affizieren“ ist zweideutig, und wir müssen seine beiden Bedeutungen sauber unterscheiden.

 

Der Wein affiziert die Geschmacksknospen unserer Zunge, und großartigen Weinkennern ist es dadurch eventuell möglich, Rebsorte, Herkunft und Jahrgang zu bestimmen.

Leider gehöre ich diesen Autoritäten nicht an, habe damit aber trotzdem keinerlei Schwierigkeiten mit diesem Satz, denn er enthält nichts, was sich außerhalb meines Bewußtseins – bzw. der traditionellen Psyche – befindet. Das Beispiel ist so herrlich unproblematisch, weil es gar nichts mit unserer Fragestellung zu tun hat.

 

 

Urbild   Urbild                                                   
Wein   Wein      
Ι   Ι

 

Hinterwelt

 

 

traditioneller Ansatz

abbilden   „affizieren“
       
Abbild   Urbild   Rebsorte  
Wein — affizieren → Geschmacksknospen — erkennen → Herkunft metaph. Explikationismus
        Jahrgang  
           

Abbildung 3.1.3.

 

Die Tradition benötigt noch ein ganz anderes „Affizieren“, und das können wir nicht glauben, weil es unverständlich ist:

Der wirkliche oder urbildliche Wein – den wir als Sehung bzw. Abbild (im Glas) vor Augen haben (1. Spalte) – affiziert unsere urbildlichen Geschmacksknospen (3. Spalte).

 

„Der Unterschied zwischen der ersten und dritten Spalte irritiert mich!

Auf unsere Ur-Geschmacksknospen wirkt der Ur-Wein, so daß wir auch ihn selbst schmecken (3).

Ich weiß nicht, was auf meine Ur-Sehzellen wirkt, sehe aber angeblich nur das Abbild des Ur-Weins (1).“

 

Auf dieses Problem waren wir doch schon mehrfach gestoßen; wir sehen das Stuhl-Abbild und setzen uns auf den Ur-Stuhl; sehen das Steak-Abbild, essen aber das Ur-Steak. Immer geht es darum, daß wir wie selbstverständlich mit der wirklichen Welt und ihren Seienden umgehen – nur beim Sehen nicht; lediglich hier treten bloß deren Abbilder auf.

Aber das haben wir uns selbst eingebrockt; es gibt Abbildungen und keine Abschmeckungen, Absitzungen oder Abessungen; nicht einmal Abtönungen, obwohl wir uns diese ganz gut vorstellen können.

„Weshalb spielt das Sehen so eine Sonderrolle?“

Es ist nicht nur eine; wir müssen mindestens zwei Sonderrollen des Sehens unterscheiden, die sich freilich gegenseitig stabilisieren wenn nicht sogar puschen.

 

Zum einen wird unser WELTBILD sehr stark vom Sehen geprägt. Das resultiert aus dem traditionellen Außen-Innen-Dualismus, der sich schwerlich anders als visuell und damit „räumlich“ veranschaulichen läßt.

Das sehen (!) Sie an dem „veranschaulichen“ soeben und ließe sich nahezu beliebig fortsetzen: „Aufklärung“, „erhellen“ oder „verdunkeln“, „Lichtung“, „Einsicht“, „versehen“, „Unverborgenheit“, „ans Licht bringen“, „hellsichtig“, „Erleuchtung“, „Blickwinkel“, „Perspektive“, „Horizont“ . . .

 

Zum anderen – und das ist tatsächlich etwas ganz anderes – gibt es nur ein Abbilden, und allein beim Sehen stoßen wir auch, wie oben bereits angeführt, auf die Abbilder in der Psyche. Natürlich ist das kein Zufall; aber wir sollten die Übereinstimmung dieser beiden Seiten nicht als selbstverständlich hinnehmen, denn man könnte Abbilder ja beispielsweise auch riechen.

Aber beim Riechen benötigen wir sie nicht; nur beim Sehen. Warum?

 

Die Sehungen befinden sich immer dort, das heißt, irgendwo im „Raum“.

Um die Sprengkraft dieser scheinbar banalen Feststellung ermessen zu können, betrachten wir ein Beispiel von Heinrich Rombach:

„Wir sehen nicht den Baum dort, sondern wir sehen dort den Baum“.

Dort ist kein Baum – denn der existiert gar nicht –, sondern eine Baum-Sehung; und dort befindet sie sich, weil es sich um eine Sehung handelt. Das Sehen erzeugt Gegen-stände, die uns in Distanz ent-gegen-stehen und sich deshalb immer dort oder im „Raum“ befinden (müssen).

Anders erklärt: Das „dort“ gehört zum Sehen und nicht zum (inexistenten) Baum.

Ganz anders verhält es sich dagegen bei den sonstigen Wahrnehmungen, etwa bei den Hörungen, die stets hier erfolgen, uns somit durch Mark und Bein gehen oder zum rhythmischen Bewegen animieren können. Wir hören das Baum-Rauschen hier, auch wenn die Baum-Sehung – im visuell dominierten WELTBILD – 50 m entfernt ist.   

 

Nun sollte die Sonderrolle von Ur- bzw. Abbildern verständlich werden:

Dort ist eine Baum-Sehung und nur eine Baum-Sehung.

Ich als Subjekt bin hier, und da sich meine Psyche „in“ mir befindet, muß sie auch hier sein.

Also benötigen wir traditionell zwei Bäume; den Ur-Baum dort, im „Raum“ oder außen, und sein Abbild hier, nicht im „Raum“ bzw. innen.

Bei der Wein-Schmeckung, Stuhl-Setzung oder Steak-Essung stellt sich dieses Problem kaum, weil alles hier erfolgt.

 

Damit verstehen wir wahrscheinlich besser, was die Tradition tut.

1. Sie orientiert sich einseitig am Sehen.

2. Die Sehung befindet sich dort.

3. Ich bin mit meiner Psyche hier.

4. Damit erweist sich eine Verdopplung als unvermeidlich.

5. Die Sehung wird als Gesehenes – zum Seienden oder Urbild – projiziert.

6. In er Psyche bleibt das Original, das nun „Abbild“ heißt.

7. Was beim Sehen nachvollziehbar ist, geschieht unreflektiert mit allen Wahrnehmensformen.

8. So entsteht die objektive Welt als Gesamtheit der dinghaften Seienden im „Raum“.

 

Wir gehen einen anderen Weg und „geben den restlichen Wahrnehmungen Recht“. Bei ihnen besteht kein Grund zum Aufspalten – und wir tun dies auch bei den Sehungen nicht. Es gibt immer nur die Wahrnehmungen, und diese befinden sich – weder außen noch innen, sondern – im Bewußtsein.

Bei uns lautet die entsprechende Aufzählung also folgendermaßen:

1. Wir behandeln alle Wahrnehmensformen gleich.

2. Die Sehung befindet sich dort.

3. Wäre sie nicht in meinem Bewußtsein, wüßte ich nicht(s) von ihr.

4. Die Frage einer „Verdopplung“ stellt sich gar nicht; was soll das sein?

5. Die Sehung befindet sich im „Raum“, so daß er dem Bewußtsein angehören muß.

6. Im Bewußtsein ist der „Raum“ und darin die Sehung.

7. Alle Wahrnehmungen sind im Bewußtsein, aber nur die Sehungen im „Raum“.

8. So entsteht das subjektive Weltbild, zu dem die Gesamtheit der dinghaften Seienden im „Raum“ gehört.

 

„Darf ich bitte einmal an einem anderen Beispiel rekapitulieren?

Irgendwann sieht ein Baby erstmals sein Bett; das existiert in der Welt schon sehr lange und erscheint nun in der Baby-Psyche als Abbild. Daran kann sich das Baby nicht stoßen, sehr wohl aber am wirklichen Bett in der Welt.

Das Sehen ist also auf die Abbilder gerichtet und das Tasten auf die Urbilder. Wir sehen in der Psyche, woran wir uns stoßen – stoßen dort aber natürlich nicht an. Das ist wie bei einem Chirurg, der mit Hilfe eines Monitors operiert; letzteres tut er natürlich am wirklichen Körper, aber alles Visuelle auf dem Monitor sind bloße Abbildungen davon.“

 

Ihr Modell mit dem Chirurg stimmt nicht; aber vielleicht gibt es auch gar keines, weil das traditionelle Denken an dieser Stelle einfach unsinnig ist.

Ob nun mit oder ohne Monitor; in beiden Fällen existieren nur Sehungen, das heißt, Abbilder. Daß wir eine kleine Schrift sowohl mit bloßem Auge als auch mit Lupe lesen können, hat mit unserem Problem nichts zu tun. Letzteres entsteht erst durch die Tatsache, daß der Chirurg am wirklichen Körper operiert, obwohl er nur – wie auch immer – ein Abbild von ihm sieht.

 

„Natürlich; der Körper und das Bett bzw. ihre Abbilder gehören zwei völlig verschiedenen Sphären an. Jene befinden sich in der Welt und diese in der Psyche. Aber die Tatsache, daß das Baby sieht, woran es sich stößt, beweist doch, daß zwischen diesen beiden Sphären ein Abbild-Verhältnis besteht.“

Wieso glauben Sie, das Baby würde sehen, woran es sich stößt?

In der Psyche haben wir zwei Sehungen, den Körper und das Bett, aber keinen Stoß.

Letzterer gehört der Welt an, aber die kennt keine Sehungen.

Die beiden Sphären bleiben sauber getrennt; der Stoß wird nicht gesehen, und die Sehungen stoßen nicht aneinander; es gibt keinerlei Wechselwirkung.

 

„Und trotzdem operiert der Chirurg!?“

Nur der traditionelle; obwohl das natürlich tödlich sein muß.

Der postmoderne Chirurg operiert an dem Körper, den er sieht – der Körper-Sehung –, denn alles gehört ohne jede Spaltung seinem Bewußtsein an.

3.2. Welt oder WELTBILD und Kosmos oder KOSMOSBILD

Wenn wir das Wort „Welt“ hören, denken wohl die meisten von uns spontan an den physikalischen Kosmos. Daran zeigt sich, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte an das WELTBILD der exakten Wissenschaften angepaßt haben. Vielleicht wundern Sie sich sogar über das Thema dieses Abschnitts: „Worin soll denn der Unterschied zwischen Welt und Kosmos bestehen?“

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig darüber spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos – als einem Universum –, sondern in einem Multiversum leben – Kosmen gewissermaßen.

Derartige Fachsimpeleien sind nur möglich, wenn man daran im Sinne von Seienden glaubt. Das ist zum Glück nicht unser Problem; ich meine etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil.

 

Das physikalische KOSMOSBILD stellt nur einen winzigen Teil des WELTBILDS dar.

Überlegen Sie sich bitte einmal in Ruhe, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren KOSMOSBILD auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen KOSMOSBILD existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich mittels der Physik vollständig beschreiben läßt. Das ist bereits bei Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen nicht-physikalischen Zweck besitzen. Es bleiben uns im wesentlichen nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

Anders formuliert: Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihr WELTBILD auf das physikalischen KOSMOSBILD reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er keine physikalische Kategorie darstellt. Physiker finden (hoffentlich) Sinn in ihrer Arbeit, aber niemals im KOSMOSBILD.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz-weiß überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es – wir tun es ja.

 

Nun sollte die obige Überschrift verständlich werden:

Unser WELTBILD besitzt nicht nur die vier Dimensionen der „Raum“-„Zeit“, sondern potentiell unendlich-viele und ist unabsehbar reichhaltig oder vielfältig. Das KOSMOSBILD mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn es „raum“-„zeitlich“ praktisch grenzenlos ist, bleibt das KOSMOSBILD gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination des WELTBILDS nahezu vernachlässigbar.

Unbestreitbar bedeutet unser Rendezvous auch eine Ortsveränderung, aber daß es nur das ist, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.

Das WELT- enthält das KOSMOSBILD, geht aber in potentiell unendlich-vielen Dimensionen darüber hinaus.  Allein das traditionelle Denken im modernen Abendland glaubt, mit der Physik sowohl den Nabel als auch die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß deren „Weltformel“ als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft werden kann.

 

„Aber diese nicht-physikalischen Partial-WELTBILDER, die Sie angedeutet haben, spielen doch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir das WELTBILD der Moderne so einseitig entwickelt haben. Überlegen Sie sich bitte einmal, was wir alles über unser KOSMOSBILD erzählen können, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-WELTBILDER des Schönen, Friedlichen, Religiösen oder Gebens entwickelt sind.

3.2.1. Zirkel der Wissungen

Wieso sollen Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im Kosmos enthalten sein?“

Das „nicht“ war falsch; sie befinden sich auch, aber nicht nur im Kosmos.

Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die (auch) die Physiker zuständig sind, und hierdurch gehören diese Gegenstände dem „raum“-„zeitlichen“ Kosmos an.

Das bestreite ich keineswegs; aber damit handelt es sich noch nicht um Reißzwecken, Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweiligen noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den Kosmos – denn die Physik kennt keine Zwecke – und reichen in andere Dimensionen hinein.

 

„Dann ist es einfach nur sehr unglücklich daß wir den Kosmos wahrnehmen können, aber Zwecke nicht; so übersehen wir die anderen Dimensionen.“

Ich fürchte, hinter diesem Satz verbirgt sich ein schwerer Denkfehler, den wir unbedingt verstehen müssen, um nicht laufend von ihm irregeleitet zu werden.

Natürlich ist es überaus wichtig, was wir sehen; ich betone ja ununterbrochen, daß wir unser Nachdenken nur bei den Wahrnehmungen sinnvoll ansetzen können; es gibt keine fundamentaleren Wissungen.

Das ist aber nur die eine Seite; die andere – ebensowichtige – besteht darin, daß auch Wahrnehmungen keineswegs objektiv, sondern bereits von unserem subjektiven Weltbild geprägt sind, denn wir interpretieren die Anschauungen zu den oder als Wahrnehmungen.

 

Ein konkretes Beispiel dürfte uns weiterhelfen:

Daß wir schwimmen, aber nicht fliegen können, ist nichts Objektives, sondern folgt allein aus unserem Weltbild.

In anderen Kulturen ist das Fliegen durchaus denkbar; die Schamanen etwa unternehmen Seelenreisen, aber vielleicht entfällt bei ihnen dafür das Schwimmen.

 

„Was soll das Nicht-Fliegen-Können denn mit unserem Weltbild zu tun haben? Das Fliegen funktioniert nicht, weil wir – völlig unabhängig von jedem Weltbild – keine Flügel besitzen!“

Genau das ist der Denkfehler, um den es mir geht:

Wieso bildet die Überzeugung, flügellos zu sein, keinen Teil unseres Weltbilds? Sie glauben es doch ganz fest! Warum soll das Weltbild erst bei den Vorstellungen beginnen, die hinreichend kompliziert oder nicht mehr selbstverständlich sind?

Wir sind restlos überzeugt, keine Flügel zu haben, weil das zu einem festen Bestandteil unseres Weltbilds gehört!

 

„Nein; daß wir keine Flügel haben, sehen wir.“

Da gebe ich Ihnen Recht; aber wir sehen nichts ohne unser Weltbild; die Wahrnehmungen liefern uns keine nackten Fakten oder puren Tatsachen, sondern sind durch die Brille Weltbild geformt und können dieses somit (im allgemeinen) nur bestätigen. Die Wahrnehmungen zeigen uns ohne Flügel, weil wir überzeugt sind, keine zu besitzen – und umgekehrt.

Wirklich keine Flügel könnten wir nur als Seiende für den Nous haben.

 

Traditionell gibt es eine Einbahnstraße, die bei der Welt beginnt; sie ermöglicht die Wahrnehmungen, aus denen wir unsere Vorstellungen gewinnen, und deren Gesamtheit stellt das Weltbild dar.

 

Welt   →   Wahrnehmungen   →   Vorstellungen   →   Weltbild

 

Speziell für unser Beispiel könnte das so lauten:

Subjekte sind Seiende in der Welt und haben keine Flügel. Das ist leicht ersichtlich; dadurch wissen wir von dieser Flügellosigkeit, und sie wird zu einem Teil des Weltbilds.

 

Bei uns verkompliziert sich diese Einbahnstraße zu einem Kreis, denn (nur) so ist das Canceln der Welt widerspruchsfrei denkbar.

 

 

Weltbild +   = Wahrnehmungen Vorstellungen Weltbild +  
                   
      Anschauungen               Anschauungen
                   
      „flügellose Menschen“               „flügellose Menschen“

 

Abbildung 3.2.1.

 

 . . . das Weltbild, das dann wiederum durch Interpretieren die Wahrnehmungen der Anschauungen mitbestimmt. Über die Vorstellungen beeinflussen diese erneut das Weltbild, das dann wiederum die Wahrnehmungen der Anschauungen mitbestimmt . . .

Es gibt keine Verankerung in den Seienden einer Welt oder wo auch immer, so daß durch den Zirkel alles anders werden kann – und nachweislich wird.

 

In beiden Ansätzen stimmt die wahrgenommene Flügellosigkeit mit der Überzeugung des Weltbilds überein.

Traditionell enspricht dem aber eine simple Feststellung.

Bei und nicht, weil das Weltbild keine Abbildungen der Welt – mit unserer angeblichen Flügellosigkeit – enthält, sonndern aus einer zeitlichen Genese hervorgeht, in der sich Wahrnehmungen und Weltbild gemeinsam entwickelt und wechselseitig überformt haben.

3.2.2. Es gibt kein unbewußtes oder bewußtloses Handeln

„Es ist unfaßbar, aber nehmen wir einmal an, Sie hätten Recht:

Wir können nicht fliegen, weil unser Weltbild besagt, daß wir nicht fliegen können.

Kämen im Weltbild also die Begriffe trinken oder schlafen nicht vor, könnten wir auch nicht trinken bzw. schlafen?“

Ja; zwingend; „trinken“ und „schlafen“ wären dann nicht einmal Worte sondern nur Geräusche.

 

So seltsam, wie Ihnen das im ersten Moment erscheinen mag, ist es gar nicht; erinnern Sie sich bitte an den engen Zusammenhang zwischen Welt und Weltbild innerhalb der Gegenwart, den wir oben aufgezeigt hatten.

Tradition:

Wir können keinen Mars sehen, wenn er in der Welt nicht existiert.

Unser Ansatz:

Wir können keinen Mars sehen, wenn er im Weltbild nicht existiert.

Nur weil – wie ich glaube – unsere Version stimmt, kann die Tradition gar nicht merken, daß ihre falsch ist; das Weltbild genügt, wir benötigen keine Welt.

Ausnahmslos alle Wissungen gehören dem Weltbild an; ist letzteres nicht der Fall, kann es also keine Wissung sein. Wie wollen Sie etwas sehen, was Sie gar nicht kennen? Wenn Sie „es“ sehen, übersehen Sie es, denn Sie können doch gar nicht feststellen, daß Sie es sehen.

 

„Ich verstehe; Säuglinge trinken und schlafen nicht!“

Das war wohl spitz gemeint, stimmt aber dennoch, denn niemand tut etwas, ohne daß ihm dies bewußt wird. Ihre Katze frißt kein Whiskas und läuft auch nicht über die Tastatur des Laptops. Sie tut das nur in Form Ihrer Wahrnehmungen, die an Ihr Weltbild gebunden sind und nichts mit der Katze zu tun haben.

Meine Begründung ist einfach und uns im Prinzip bereits bekannt:

Das Tun gehört zum Leben und ist eine spezielle Erlebung. Die gibt es aber nur, durch unser Beschreiben, denn dieses konstituiert die Erlebungen erst; das Leben besteht nicht aus ihnen. Da das Tun also beschrieben werden muß, um ein Tun sein zu können, gibt es kein bewußtloses oder unbewußtes Tun.

 

Zwei Bemerkungen scheinen mir angebracht.

Zunächst bildet die Bewußtheit gewiß eine kontinuierliche Skale, die bei Null beginnt.

Nun dürfen wir aber nicht schlußfolgern: Also gibt es es doch ein Tun mit der Bewußtheit Null, und das ist dann natürlich bewußtlos oder unbewußt.

Vielmehr lassen sich Tun und Bewußtheit nicht voneinander trennen, so daß mit dieser auch jenes zu Null wird

Des weiteren sind natürlich rückblickende oder nachträgliche Einsichten möglich:

„Da muß ich doch meinen Schlüssel vorhin eingesteckt haben.“

Das ist die nachträgliche Interpretation eines Früher, zu dem es niemals ein Jetzt gab; wir haben den Schlüssel ja nie eingesteckt, denn das würde heißen: mit Bewußtsein eingsteckt.

 

An dieser Stelle kommt nahezu reflexartig der Einwand:

Natürlich weiß die Katze nicht, daß sie Whiskas frißt oder über die Tastatur läuft – aber sie tut es doch.

Meines Erachtens  nicht; wer so argumentiert, kehrt anhand der beiden Seienden Whiskas-Fressen und Über-die-Tastatur-Laufen zum traditionellen Denken zurück (und müßte eigentlich mit dem Lesen nochmals von vorn beginnen . . .).   

 

„Wenn ‚Pünktchen Anton tötet‘, weil sie ihm – ohne es auch nur zu ahnen – versehentlich Gift verabreicht, hat sie Anton also gar nicht umgebracht; Unwissenheit schützt also vor Strafe!“

Ich glaube, Ihr Satz enthält zwei Fehler; zunächst der kleinere.

Wenn „Pünktchen Anton tötet“, weil sie ihm – ohne es auch nur zu ahnen – versehentlich „Gift verabreicht“, hat sie ihn nicht nur nicht getötet, sondern ihm auch kein Gift verabreicht; alles andere wäre logischer Nonsens.

Aber Unwissenheit schützt nicht vor Strafe, denn den Richter interessiert diese Logik nicht und das darf sie auch nicht, weil man sich damit immer herausreden könnte; keiner schaut in ein fremdes Bewußtsein hinein.

3.2.3. Sterne erzeugen

Traditionell Denkende gehen von der Welt aus, weil sie glauben, – auf welchem Wege auch immer – die Seienden erkannt zu haben. Ihr Weltbild zerfällt dann in zwei relativ sauber getrennte Teile; einer enthält die Wissungen von der Welt, und der andere besteht aus Wissungen ohne Referenten.

Die Unterscheidung ist fundamental, und beide Seiten sind (gleich) wichtig; auch die Wissung beispielsweise, daß es keinen King Kong oder Teufel in der Welt gibt, beeinflußt unser Leben.

 

Es liegt mir fern, das Bestehen dieser zwei Sphären anzuzweifeln; ich möchte sie nur ohne alles Brimborium auf ihren sinnvollen Kern reduzieren, und der ist höchst einfach:

1. Das eigene Weltbild enthält alle unsere gegenwärtigen Vorstellungen.

2. Wir untereilen sie in geglaubte, angenommene oder akzeptierte auf der einen Seite und nicht-geglaubte, abgelehnte bzw. bestrittene auf der anderen.

3. Der Gedanke, jener Seite den Namen „Welt“ zu verleihen, besitzt innerhalb der Gegenwart keinerlei Konsequzen, und deshalb handelt es sich auch lediglich um eine „Taufe“.

4. Ob wir eine Welt als Täufling erfinden, ist für die Gegenwart ebenfalls völlig belanglos.

5. Tun wir das jedoch, so existiert eine Welt hinter unseren Wissungen, und wir müssen ihr auch – willkürlich(e) – Eigenschaften hinzu-erfinden.

6.  Es versteht sich von selbst, daß unsere Wahl an dieser Stelle das Später grundlegend (mit)bestimmt. 

 

Nelson Goodman folgt etwa diesem Sprachspiel und schreibt in seinem Buch „Vom Denken und anderen Dingen“ unter der Überschrift „Sterne-Erzeugen“ auf Seite 69:

„Wir können die Sonne stillstehen lassen, nicht wie Josua, sondern wie Bruno. Wir erzeugen einen Stern so, wie wir ein Sternbild erzeugen, indem wir die Teile zusammensetzen und die Grenzen markieren.

Kurz, Sterne erzeugen wir nicht so, wie wir Ziegelsteine erzeugen; nicht bei jedem Erzeugen geht es darum, Schlamm zu formen. Die Welterzeugung, die hier hauptsächlich zur Debatte steht, ist ein Erzeugen nicht mit den Händen, sondern mit dem Denken oder vielmehr mit Sprachen oder anderen Symbolsystemen. Doch wenn ich sage, daß Welten erzeugt werden, meine ich es buchstäblich.“

 

Goodman meint nicht, daß zwischen der Erzeugung von Sternen und Ziegelsteinen ein prinzipieller Unterschied besteht; alle Welterzeugungen erfolgen primär geistig „mit Sprachen oder anderen Symbolsystemen“. Bei den Ziegelsteinen benötigen wir zusätzlich noch die Hände, um aus Schlamm Quader zu formen; aber:

Ziegelsteine, Hände, formen, Schlamm und Quader gibt es – wie Sterne – ebenfalls nicht ohne Symbolsysteme; weder Wissungen noch Erlebungen sind ohne sie möglich. Mitunter müssen wir auch noch etwas Praktisches leisten, aber das kommt nur additiv zu dem immer erforderlichen Geistigen hinzu. Wir greifen nicht nach Urbildern, sondern müssen Begriffe erzeugen; wir können weder trinken noch schlafen ohne ein Weltbild, in dem diese Vorstellungen existieren.

Am Ende haben wir wirklich Ziegelsteine mit den Händen aus Schlamm geformt; aber selbst das Formen gibt es – wie das Essen oder Schlafen – nicht ohne Symbolsysteme. Wir müssen das Formen, den Schlamm, die Hände und Ziegelsteine also erst geistig erzeugen, um dann leiblich mit den Händen Schlamm zu Ziegelsteinen formen zu können.

3.3. Wissen from now on vom Wissen so far

Unser Weltbild enthält vieles, was gar nicht existiert; nein: was wir nicht glauben; Einhörner, Nymphen und Zwerge beispielsweise.

„Und da Sie die Welt ablehnen, können Sie den umgekehrten Überschuß wohl nicht einmal denken; es gibt doch auch sehr vieles, was wir noch nicht wissen und was somit auch nicht zu unserem Weltbild gehört.“

Nennen Sie mir bitte einmal ein Beispiel für diesen „umgekehrten Überschuß“.

„Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, ob es dunkle Energie gibt und worin genau sie besteht.“

Das sind offene Fragen, die nichts mit einer angeblichen Welt zu tun haben, sondern sich aus Ihrem Weltbild ergeben. So wie sie nur sagen können, daß es keine Einhörner, Nymphen und Zwerge gibt, weil sie diese aus Ihrem Weltbild kennen, können Sie auch nur aus eben diesem Grund nach der dunklen Ernergie fragen.

Wissen wir, was X ist – und sagen also nicht einfach „blablabla“ –, dann muß X zu unserem Weltbild gehören; alles andere ergibt sich daraus und bedarf keiner Welt.

 

Ich versuche noch einmal anders, Ihnen zu helfen.

Gäbe es eine Welt, könnten wir das Bereits-von-ihr-Gewußte und das Noch-nicht-von-ihr-Gewußte unterscheiden.

Aber exakt diese Einteilung ist auch ohne Welt möglich; wir müssen dazu lediglich die irreführenden Bezeichnungen ändern und erhalten dann Bereits-Gewußtes bzw. Nocht-nicht-Gewußtes.

Nun fehlt der Referent; aber ersteres benötigt auch keinen, sondern ist ganz einfach das (Wissen oder) Gewußte.

Im zweiten Fall können wir nicht so vorgehen, weil Noch-nicht-Gewußtes ohne Referent alles Noch-nicht-Gewußte und damit unendlich oder ein Unbegriff wäre. Aber das ist kein Problem; hierbei ersetzen wir die fehlende Welt durch das Gewußte und erhalten das Noch-nicht-vom Gewußten-Gewußte

 

Diese Überlegung verdanke ich Josef Mitterer in seinem „Jenseits der Philosophie“.

Das Gewußte bildet bei ihm das Wissen so far.

Das Noch-nicht-vomGewußten-Gewußte besteht im Wissen from now on.

In der Zeit verschiebt sich die Grenze; das Wissen from now on wird immer wieder zum Wissen so far. Das gegenwärtige Wissen from now on, ist in der Zukunft Wissen so far, von dem wir dann from now on wieder wissen (können).

 

„Also können Wissungen doch Referenten besitzen!“

Jein; nur in dem Maße, wie wir es bereits eingesehen hatten:

Vorstellungen von Wissungen sind auch nur Vorstellungen.

Im Sprachspiel Mitterers gibt es Wissungen from now on von den Wissungen so far oder neue von alten Wissungen bzw. geerstmaligte von wiederholten.

 

„Damit verstehe ich auch besser, was Sie oben zum Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart gesagt hatten; es spielt stets auf mindestens vier Ebenen. Bei den Zeugenaussagen zu einem Verkehrsunfall finden wir beispielsweise:

1. Den wirklichen Unfall; er gehört der Vergangenheit an und ist nicht mehr.

2. Die Anschauungen – „verletzte Körper“ und „kaputte Autos“ –, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hereinragen.

3. Meine eigenen Erinnerungen im gegenwärtigen Früher; die Wissungen so far.

4. Die zusätzlichen Informationen zum Unfall oder auch Korrekturen meiner Erinnerungen, die sich beispielsweise aus der Gerichrtsverhandlung ergeben. Das sind die Wissungen from now on von den Wissungen so far, und sie gehören ebenfalls dem gegenwärtigen Früher an.“

 

Ja; wobei wir natürlich niemals entscheiden können, ob Sie vielleicht hätten „sturer“ bleiben und ihre Wissungen so far nicht durch die die Wissungen from now on korrigieren lassen sollen.

3.4. Subjekte als Individuen

Die Tradition unterscheidet an ihren Seienden zwischen Subjekten und Objekten; zu ersteren gehören Menschen und vielleicht auch Tiere, Pflanzen oder Roboter. Die Worte ‚“Subjekte“‚ oder gar „Personen“ stehen mitunter sehr hoch im Kurs, und es wird häufig Wert darauf gelegt, daß wir es, etwa bei ethischen Fragen, – nicht mit bloßen Objekten, sondern – mit Subjekten zu tun haben.

Aber das ist lediglich ein belangloser Streit um Worte, denn diese angeblichen Subjekte sind im Kern ebenfalls nur Objekte, da sie von den Körpern her oder gar als Körper verstanden werden.

 

Weil es theologisch – und häufig auch philosophisch – unhaltbar zu sein scheint, (zumindest menschliche) Subjekte als bloße Körper zu betrachten, stattet man sie gegebenenfalls mit einem Innen aus – Seele, Psyche, Geist . . . –, so daß die traditionellen Subjekte als Individuen in der Einheit von Körper und Innen bestehen. Paradigmatisch können wir hierbei an René Descartes erinnern, der diese Denkform mit res extensa sowie (allein beim Menschen) res cogitans sauber „more geometrico“ zu begründen versuchte.

Im mittelalterlichen Theater nannte man ein solches Vorgehen den „deus ex machina“. „Wir haben ein Problem; es geht nicht weiter, so daß eine Rettung erfunden werden muß.“ „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“

Aber mit diesem Innen haben wir wohl mehr Probleme geschaffen als gelöst; drei von ihnen seien kurz angedeutet:

 

Zunächst steht das traditionelle Denken vor der Schwierigkeit, klären zu müssen, wie und wo ein „räumlich“-materieller Körper mit einem un-„räumlich“-immateriellen Innen wechselwirken soll. René Descartes entschied sich – nicht begründet, sondern verzweifelt – für die Zirbeldrüse (Epiphyse) als dasjenige Organ, in dem seine beiden Substanzen angeblich aufeinandertreffen (können).

Dieses Körper-Innen-Problem ist meines Erachtens prinzipiell unlösbar; mit dem traditionellen Denken entfällt es jedoch zum Glück.

 

Des weiteren sind uns die Innen anderer Individuen natürlich völlig verschlossen oder unzugänglich, so daß wir bei allen Tieren, bei Embryonen oder Komatösen, Pflanzen und vielleicht sogar Robotern vor der Frage stehen, ob sie tatsächlich ein Innen besitzen. 

Eine begründete Antwort scheint ausgeschlossen zu sein, obwohl sie insbesondere an den Grenzen des Lebens überaus wichtig wäre. Ab wann gehört zu einer befruchteten Eizelle ein Innen, und wann dürfen wir die Herz-Lungen-Maschine guten Gewissens abschalten? Müssen wir beim Herztod bleiben, oder dürfen wir – um Organtransplantationen zu ermöglichen – zum Hirntod wechseln?

 

Auch diese Fragen lassen sich partout nicht begründet beantworten; meines Erachtens jedoch lediglich, weil sie völlig falsch gestellt sind.

Wer glaubt, daß eine befruchtete Eizelle lebt, ist Materialist, weil er das Leben mit komplexer Biochemie gleichsetzt. Natürlich könnte es dennoch richtig sein; ich verstehe meine Aussage nicht als Gegenargument, sondern schreibe dies nur so deutlich, weil die Annahme, die befruchtete Eizelle sei bereits ein Mensch, sogar in kirchlichen Kreisen heute noch sehr gängig ist. Natürlich fühlt man sich dann gemüßigt, eine unsterbliche Geist-Seele hinzuzuerfinden.

Aber damit verabschieden wir uns von jedem vernünftigen gesellschaftlichen Dialog. Daß Joseph Smith das Buch Mormon aus den ihm von einem Engel gereichten Goldplatten übersetzt haben soll, die – wie die unsterblichen Geist-Seelen – leider unauffindbar sind, muß ja auch nicht jeder glauben.

 

Und schließlich, das dritte Problem, sind unsere Körper unabhängig voneinander; jeder von ihnen steht (bei gesunden Erwachsenen) – nicht nur im engeren Sinne des Wortes – auf eigenen Beinen und ist autonom.

Natürlich brauchen wir uns auf der Ebene des Tausches bzw. der Hilfeleistung, aber eben auch nur dort und nicht im Kern oder in der Tiefe unserer Existenz. Körper hängen nicht irgendwie zusammen, sondern sind völlig getrennt voneinander; hier endet mein Körper und dort beginnt der Ihrige; wir haben primär nichts miteinander zu tun. Und wer auf dem Markt des Handels nichts bieten kann, mit dem haben wir auch sekundär nichts zu tun.

Daß Sie mein Buch lesen, finde ich sympathisch von Ihnen, verbindet unsere Gedanken, aber nicht uns selbst als Individuen; Sie bleiben Sie, und ich bleibe ich.

Ein eventuell hinzugefügtes Innen ändert daran nicht nur nichts, sondern potenziert den Körper-Individualismus eher noch.

Das macht zum einen die heutige Vormachtstellung der Ökonomie verständlich – denn sie ist die Wissenschaft von unseren einzigen Verbindungen –, verunmöglicht zum anderen aber jegliche Ethik.

Hans Jonas schrieb in diesem Zusammenhang, daß der Kapitalismus „aus der Todsünde der Völlerei eine sozialökonomische Tugend“ gemacht habe.

 

Solange wir Subjekte als Individuen denken, das heißt, von ihren getrennten Körpern her – einerlei ob nun mit oder ohne Innen, bleiben nur moralische Appelle, die bei der – hoffentlich – weiterhin abnehmenden Angst vor Hölle, Tod und Teufel immer weniger fruchten werden.

Eine „Moral“, die auf Angst basiert, ist keine Moral, sondern Unterdrückung.

Anders geht es jedoch traditionell nicht, weil sich keine Ethik – des Miteinanders, der Gemeinschaft, Intersubjektivität oder gar Einheit – auf der Grundlage eines Weltbilds entwickeln läßt, das mit seinen getrennten Individuen jeglicher Ethik hohnspricht.

 

„Er ist wie Du“; das mag ja richtig sein; aber daraus folgt nicht unbedingt, daß ich „den Nächsten liebe wie mich selbst“, sondern möglicherweise nur, daß wir dann eben beide sehen müssen, wo wir bleiben, und vielleicht nicht einmal im gleichen Boot sitzen, sondern gegeneinander rudern.

Man könnte denken, Margaret Thatcher hätte das begriffen: „Ich kenne keine Gesellschaft; ich kenne nur Individuen!“

Das muß nicht das letzte Wort bleiben; tut es aber, solange wir die Subjekte als (getrennte) Individuen mißverstehen.

 

Letztere verbindet nichts miteinander außer – gegebenenfalls bestehender – gemeinsamer Interessen. Existiert mehr zwischen ihnen, hören die „Individuen“ auf, Individuen zu sein – so daß eine begründete Ethik möglich wird, die auf alle Appelle verzichten kann, weil offensichtlich ist, daß wir uns selbst schaden, wenn wir anderen nicht gerecht werden.

Daß dies tatsächlich stimmt, haben wir wohl alle schon des öfteren erfahren; beispielsweise mit jedem Geschenk, das von Herzen kommt. Aber warum ziehen wir nicht die logische Konsequenz daraus, daß demzufolge unser Verständnis der Subjekte als Individuen falsch sein muß?

Weil wir nur innerhalb unseres Weltbilds denken können; darin sind die Subjekte nun einmal Individuen, und alles andere ist im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar.

 

Es geht hier also nur scheinbar um moralische Fragen. Wenn wir das Gute im Sinne des ethisch Richtigen nicht denken können, existiert es für uns gar nicht.

Natürlich ist „Liebe“ immer richtig – aber doch nur in dem Maße, wie es lediglich ein leeres Wort darstellt. Sowie wir in einer konkreten Situation fragen, was es bedeutet bzw. was aus Liebe zu tun ist, gehen die Überzeugungen zumeist gehörig auseinander, weil jeder nur innerhalb seines Weltbilds denken kann.

3.5. Widerspruch des traditionellen Ansatzes

Der traditionelle Ansatz enthält einen gravierenden Widerspruch, der leicht ersichtlich wird, wenn wir dieses Denken beim Wort nehmen und auf uns selbst anwenden:

Auch wir Menschen gehören – als Körper – zu den Seienden, und das heißt dem traditionellen Denken zufolge, daß wir auch uns selbst so erkennen (können), wie wir wirklich sind.

 

Somit verfügen wir auf der einen Seite (1) beispielsweise über spezielle – eben menschliche – Sinnesorgane und unterscheiden uns in ihnen teilweise sehr stark von Tieren; denken wir insbesondere an Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe oder Delphine. Ganz abgesehen von Kultur, Sprache, Zeitgeist und vielen anderen möglichen – zumindest nicht völlig absurden – Einflüssen ergibt sich allein aufgrund der Sinnesorgane eine ganz spezielle Wahrnehmungsweise. Wir können nur sehen, wie es der menschliche Sehapparat gestattet, und besitzen zum Beispiel keine Facettenaugen.

Das bedeutet aber, daß wir sämtlichen Abbildungen der physikalischen Urbilder – und damit all unseren Wahrnehmungen – notwendigerweise einen menschlichen (Sinnes-)Stempel aufprägen. So sehen wir die Welt; Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe und Delphine bilden die objektiven – und damit auch für sie existierenden – Urbilder zwangsläufig ganz anders ab; eben mit ihrem differenten (Sinnes-)Stempel.

Der traditionelle Ansatz zwingt uns also, zwischen der Wirklichkeit der Urbilder und ihren vielfältigen Erscheinungsweisen in den Psychen – der Menschen und Tiere – zu unterscheiden.

 

Auf der anderen Seite (2) erhebt das traditionelle Denken aber den Anspruch, die Urbilder – nicht durch eine menschliche (Sinnes-)Brille verzerrt, sondern – mit Hilfe des Nous so sehen zu können, wie sie wirklich sind; originalgetreu.  

„Experten“ vermögen es also, die sinnlichen Erscheinungen zu durchdringen und zur ungetrübten Schau der Urbilder vorzustoßen. Dieser Glaube an eine „rein geistige Erkenntnis“ ist zwar so alt wie die Philosophie – führt uns aber dennoch auf einen Widerspruch; dies gilt insbesondere für alle, die (an) die traditionelle Evolution glauben und damit die Menschen den Tieren nicht absolut überordnen möchten:

 

Das adäquat abgebildete Urbild menschlicher Körper (2) verunmöglicht durch seine daraus ersichtlichen speziellen Sinnesorgane (1) das adäquate Abbilden (2) – aller Urbilder und damit insbesondere dasjenige – der menschlichen Körper.

Oder kürzer: Unsere „adäquate Erkenntnis der menschlichen Körper“ (2) beweist durch die dabei erkannten speziellen Sinnesorgane (1), daß sie keine adäquate Erkenntnis der menschlichen Körper (2) sein kann.

 

Dieser Widerspruch wird weitestgehend ignoriert, überspielt oder vielleicht auch gar nicht gesehen.

Der traditionelle Ansatz behauptet zwar, die uns vorgegebene Wirklichkeit der physikalischen Urbilder würde in den individuellen Psychen der Menschen – mittels ihrer Sinnesorgane – abgebildet. Tatsächlich dürften die Sinnesorgane für die Erkenntnis der „gesunden“ Erwachsenen aber überhaupt keine Rolle spielen. Die Vertreter dieses Ansatzes gehen doch naiv-realistisch davon aus, die Wirklichkeit der Urbilder selbst – und keine bloße menschliche Sinnesperspektive davon – zu erkennen. Nur letzteres wäre jedoch möglich, würden wir unser Wissen tatsächlich durch Abbilden mittels der Sinnesorgane erlangen.

 

Aber auf die widersprüchliche Behauptung, die physikalischen Urbilder adäquat, das heißt, so wie sie wirklich sind, abbilden zu können, kann das traditionelle Denken auch nicht verzichten, weil es sich sonst in einem heillosen Tohuwabohu verfangen würde:

Entsprächen unsere Wahrnehmungen nämlich der menschlichen Sinnesperspektive, so existierte für uns kein urbildlicher Hund H, sondern nur ein menschlicher Sinnesperspektiv-Hund H(M); das heißt das, was ein Hund für Menschen wäre.

 

H ?      H(M)                             

Und wenn letzterer vor unseren Augen eine „menschliche Sinnesperspektiv-Katze K(M)“ jagen würde, wüßten wir weder wer das tut – der Hund H ist uns unbekannt – noch was er sieht, denn dies könnte ja nur die hündische Sinnesperspektiv-Katze [K(M)](H) sein; das also, was für uns eine Katze ist in Hunde-Perspektive.

 

  H(M)   jagt           K(M)                                                      
H ? jagt [K(M)](H) ?  

Wir könnten nicht nur nicht wissen, was Hund und Katze sind, sondern es bliebe uns sogar völlig verborgen, was Menschen sind, denn auch sie sehen wir doch allein in der menschlichen Sinnes-Perspektive.

 

M  ?       M(M)                                

Aus dem Menschen würde das, was der Mensch für den Menschen ist. Aber letzteren kennen wir ja nicht, so daß wir diese Ersetzung wiederholen müßten und damit niemals fertig würden.

 

M   →   M(M)   =   M[M(M)]   =   M{M[M(M)]}   =   . . .

 

„Damit sind wir wieder bei dem Problem, mit dem Sie mich oben bereits überrascht hatten:

Nicht nur Hunde, Katzen und uns Menschen, sondern auch Jagen und Sehen kann höchstens ein Außenstehender schauen. Die Tradition „löst“ das Problem, indem sie es ignoriert bzw. ihren Nous einspannt.

Aber wie wollen Sie dieser Schwierigkeit beikommen?“

Ganz einfach indem wir bei den Wissungen bleiben und keine Referenten dazu erfinden.

Nur zur Erinnerung:

Wir kennen weder das Subjekt A noch das Objekt B und können somit unsere Wissungen auch nicht als zweipolige – AA oder AB – verstehen.

 

Gianni Vattimo nennt ein solches Vorgehen – und damit seinen eigenen Ansatz – „schwaches Denken“.

Es ist nicht schwach im Sinne von ungenau, unlogisch oder fehlerhaft, sondern in seinem selbstverständlichen „Verzicht auf starke Ansprüche“.

Ich würde dieses „starke“ gerne durch „quasi-göttliche“ ersetzen, weil sich die traditionellen Ansprüche nicht ohne ein Sein-wie-Gott erfüllen lassen.

3.5.1. Zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen

In diesem Abschnitt wiederhole ich lediglich nochmals mit anderen Worten, weil es mir sehr wichtig zu  sein scheint, daß dieser traditionelle Widerspruch gesehen und beachtet wird. Er resultiert offensichtlich aus der Unvereinbarkeit zweier gegensätzlicher Betrachtungsweisen.

 

Die erste von ihnen, die „sinnliche“ Perspektive, geht davon aus, daß wir keine Halbgötter sind, sondern ganz normale Menschen, die – wie die Tiere – über spezifische Sinnesorgane verfügen sowie in einem bestimmten Hier und Jetzt leben. Daraus resultieren ganz spezielle Wahrnehmungen; mit differenten Sinnesorganen an einer anderen „Raum“-„Zeit“-Stelle hätten wir davon abweichende.

Diese Betrachtungsweise nimmt unsere Endlichkeit ernst und beschränkt sich auf das tatsächlich Gegebene. Wir besitzen Wissungen, und die andern sich im Verlaufe unseres Lebens stetig; sie werden kontinuierlich korrigiert, überformt oder aufgehoben. Mehr steht uns nicht zur Verfügung; wie sollten wir also Urbilder erkennen können? Weshalb sollten unsere Bilder in deren Abbildern bestehen? Und wann tun sie das gegebenenfalls? Mit 10 Jahren wahrscheinlich noch nicht und mit 90 bereits nicht mehr; sind 36 Jahre ein gutes Alter?

 

Franz Rosenzweig formulierte dies im „Stern der Erlösung“ wunderschön:

„Daß die Philosophie, wenn sie wahr sein soll, vom wirklichen Standpunkt des Philosophierenden aus erphilosophiert sein muß, . . . Es gibt keine andere Möglichkeit, objektiv zu sein, als daß man ehrlich von seiner Subjektivität ausgeht. . . . Die eigenen Augen sind gewiß nur die eigenen Augen; es wäre aber schildbürgerhaft zu glauben, daß man sie sich ausreißen muß, um richtig zu sehen.“ 

 

Bei der zweiten, „geistigen“ Betrachtungsweise kann ich vielleicht doch noch einen hilfreichen Gedanken hinzufügen.

En passant hatten wir angedeutet, daß zwei völlig verschiedene Dinge sauber unterschieden werden müssen.

Auf der einen Seite haben wir das traditionelle Abbilden, das im Kern auf Aristoteles zurückgeht und zu dem natürlich auch die sinnliche Betrachtungsweise gehört. Praktisch ist im gesamten Buch nur davon die Rede, weil wir die physikalischen oder dinghaften Seienden als die eigentlichen „Problemfälle“ in den Mittelpunkt unserer Überlegungen stellen. 

Auf der anderen Seite können wir beispielsweise die Planeten jedoch nicht nur sinnlich wahrnehmen, sondern auch geistig erkennen. Das ist Platon zufolge nur möglich, weil alle zehn an der Idee des Planeten teilhaben, die sich in einem Ideenhimmel befindet.

Aristoteles widerspricht hierin seinem Lehrer, bestreitet diese weltlose Existenz der Ideen und steckt sie als Wesen-tliches in die Planeten hinein.

 

Platon würde uns erstaunt ansehen, wieso wir von einem traditionellen Widerspruch ausgehen; und das wohl mit Recht – bei seiner Variante.

Aber kaum einer von uns glaubt letztere bzw. einen Ideenhimmel noch; bilden die sinnlichen Wahrnehmungen jedoch unsere einzige geistige Verbindung mit der Wirklichkeit, dann scheint mir der traditionelle Widerspruch unvermeidlich.

3.5.2. Die Frage nach dem Sinn

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und das subjektive Leben ebenso sinnlos ist wie die objektive Welt. Ich hoffe, behaupte aber nicht, daß es Sinn gibt, und möchte lediglich herausarbeiten, daß es im traditionellen Ansatz keinen geben kann.

Das ist zwar kein logischer Widerspruch, aber eine – meines Erachtens – inhaltlich völlig unannehmbare Absurdität. Wenn ein Denken zu Konsequenzen führt, die für mich unglaubwürdig sind, dann muß ich einen solchen Ansatz ablehnen – freilich nicht ohne den Versuch, seine Schwachstellen aufzuzeigen.

 

Um das prinzipielle Fehlen von Sinn im traditionellen Denken zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben Alle Urbilder sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „weiß ich schon“. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte Welt, insbesondere also auch ihre spätere Entwicklung, ist dem Nous präsent und damit für uns erreichbar. Im Zustand der Vollendung oder absoluten Wahrheit, weiß also jedes Individuum schon zuvor, was es in Kürze tun wird, und tut es dann natürlich auch; andernfalls hätten der Nous sich getäuscht oder wir uns verrechnet.

Anschaulich gesprochen müssen die Subjekte dann so entlang des gewußten „Zeit“-Strahls „leben“, wie der Lokführer den gesehenen Schienen folgen muß.

Das entsprechende Bild in unserem Ansatz wäre eine Straße, auf der kontinuierlich Abzweigungen auftreten, wir weitergehen müssen – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, aber bei keiner Gabelung wissen, wohin sie – in der Zukunft – führen wird.

 

Nein; das war falsch.

Auch dieser Straßen-Baum existiert ohne Welt natürlich nicht; jeder Weg ist möglich, weil er erst entsteht, indem wir ihn gehen. Irgendeinen müssen wir wählen, denn Nicht-Leben ist unmöglich.

 

Ob sich das traditionelle Denken vor seiner Vollendung mit der Freiheit vereinbaren läßt bzw. wie dies gegebenenfalls möglich sein könnte, ist zum Glück nicht unser Problem. 

Deutlich scheint mir aber zu sein, daß das „Leben“ des „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) sinnlos ist, weil es – wie bei einem Roboter – nur noch im „Leben“, wie es „gelebt“ werden muß, besteht.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren vorzubereiten.  

 

Auch diese Absurdidät entfällt bei uns.

Zum einen leben wir nicht in ein – perfekt bekanntes – Später, sondern in die absolute Offenheit der Zukunft hinein.

Und zum anderen haben wir uns immer etwas zu sagen, weil wir über unser subjektives Leben sprechen und nicht von angeblich für alle gleichen objektiven Seienden der Welt. Dadurch kann uns jeder Andere stets persönliche Erlebungen vermitteln, die uns unzugänglich sind, weil wir – nicht sein, sondern – nur das eigene Leben leben.

3.6. Es gibt kein Abbilden

Möchte man der Tradition folgend unsere Wahrnehmungen mittels der Urbilder erklären, so gibt es zwei Möglichkeiten; die Wahrnehmungen könnten selbst die Urbilder sein oder bereits deren Abbilder

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß weder ein Abbilden noch Abbilder vorkommen; beide sind völlig unnötig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es mit den Ab- und das andere Mal mit den Urbildern. Wir müssen dem traditionellen Denken zufolge aber abgebildet haben; erinnern sie sich an das Baby oben, das zum ersten Mal den Mond sieht, der schon sehr lange existiert.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Denkrichtung um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

Wer ganz fest an das Abbilden glaubt und keinerlei Probleme damit hat, sollte vielleicht noch Folgendes berücksichtigen:

Die Signale, die beispielsweise vom Seh- oder Hörnerv übertragen werden, sind völlig identisch. Sie bestehen – nicht in kleinen Bildchen bzw. Tönchen, sondern – in übereinstimmenden Impulsfolgen, deren Frequenz sich mit der Erregungsstärke erhöht, die aber weder mit den Augen noch mit den Ohren etwas zu tun haben; sie sind sinnesunspezifisch.

Allein diese Erkenntnis der Sinnesphysiologie läßt das traditionelle Abbilden kaum noch als Selbstverständlichkeit erscheinen.

 

„Ich fühle mich ausgetrickst! Sie haben Recht, aber wahrscheinlich nur wegen Ihrer sauberen Alternative, die Wahrnehmungen seien entweder Ur- oder Abbilder. Wo steht denn das?

Zugegeben; wir erfahren die Urbilder nicht direkt – aber doch mittelbar: Fast alle Menschen stimmen in der Beschreibung unserer Wahrnehmungen überein; jeder sieht dort die Sonne, hier den Laptop usw. Das läßt sich doch am einfachsten so erklären, daß wir sie als Abbilder ihnen vorgegebener Urbilder verstehen.

In diesen Abbildern erkennen wir also zugleich – wenn auch nur indirekt oder mittelbar – die Urbilder.“

 

Das „am einfachsten“ ist zweifellos richtig und Ihr Argument scheint auch sehr stark zu sein, verliert aber bei genauerem Hinschauen weitgehend an Überzeugungskraft:

Wir sind uns bezüglich der Wahrnehmungen weitgehend einig und ich versuche, dies schrittweise mittels der Anschauungen zu erklären; Sie tun es anhand der Urbilder. Das sind aber keineswegs zwei Möglichkeiten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen, denn meine Anschauungen gehören dem Bewußtsein an, Ihre Urbilder sind außen.

Woher wissen Sie dann überhaupt von ihnen?

„Durch die Abbilder.“

Fein; das heißt, wir erklären die Abbilder durch Urbilder, von denen wir ohne die Abbilder gar nichts wüßten.

 

Das ist ein perfekter Zirkelschluß, auf den wir freilich bereits gestoßen waren.

Von den Urbildern wissen wir allein durch die Abbilder.

Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch den Donner.

Donar macht uns den Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meines Erachtens pure Erfindungen.

 

Daß die Tradition Urbilder zum Verständnis der Wahrnehmungen benötigt, weil ihr keine andere Erklärung der Intersubjektivität zur Verfügung steht, beweist doch nicht die Richtigkeit dieser Überlegung. Denknotwendigkeit kann auch aus mangelnder Phantasie, Desinteresse oder Denkfaulheit resultieren, hatten wir oben formuliert.

Beides – Urbilder und Donar – sind Versuche, etwas verständlich zu machen; sie mögen ihre Zeit und wohl auch ihr Recht gehabt haben. Aber wenn wir ihre Schwachstellen erkennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten. 

3.6.1. "Unphilosophische" Hilfestellung

Was ich bisher in diesem dritten Teil geschrieben habe, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen, fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich jetzt nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig, darf aber nicht zu dem Gedanken verleiten, daß sich dort an sich, völlig unabhängig von uns und unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare Sonne befindet.

Dort ist aus unserer Sicht eine unsagbare räumliche Anschauung lokalisiert, die durch unser Weltbild zur Sonne werden kann – ebensogut aber beispielsweise auch zum Re. Das Weltbild ordnet die Anschauung gewissermaßen in seine eigenen Strukturen ein und verleiht ihr insbesondere eine Position im „Raum“.

 

Zuvor befand sich die Anschauung zwar auch dort, aber das betraf nur eine „raum“-lose Lageschreibung relativ zu uns. das ist kein Widerspruch; es gibt das Räumliche auch ohne Raum.

Wir räkeln uns am Morgen im Bett, atmen tief durch, spüren unser Herz schlagen, machen Gymnastik, schreiben mit der rechten Hand, genießen das räumliche Wohlbehagen in der Badewanne, erfahren Orgasmen räumlich und empfinden Schmerzen, die stechen, pochen, schlagen oder ausstrahlen können.

All das erfolgt zwar räumlich, ist aber gewiß weder (drei-)dimensional noch im „Raum“. Unser Kopf ist das natürlich; nicht jedoch der „schwere Kopf“ wegen gestern Abend; er entspricht eher einem „dimensionslosen räumlichen Schwabbern“ (Hermann Schmitz).

Patienten mit Phantomgliedern hat man geschickt so nahe an eine Wand gesetzt, daß die fehlende Extremität diese hätte durchbohren müssen. Das räumliche Phantomglied hat dies tatsächlich getan – könnte es aber nicht, wenn es „räumlich“ wäre.

Veranschaulichen kann ich Ihnen das alles nicht, weil Raum und Zeit „unvorstellbar“ sind; würde es mir gelingen, wären wir zwangsläufig bereits bei „Raum“ und „Zeit“.

 

Wer traditionell denkt, benötigt zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder wahrnehmbare Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild). Wir sehen aber nie doppelt und haben somit auch keine Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein Abbild der Sonne ausweist. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das – inexistente, jedoch traditionell notwendige – Abbilden überspielt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn die Ur-Sonne nicht dort wäre, und das Abbilden ist der Weg, der von ihr zur Wahrnehmungs-Sonne führt. Jene wurde zwar niemals gesehen, sondern lediglich – als einfachste Erklärung – erfunden, aber alle traditionell Denkenden sprechen von ihr.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

„Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Sie behaupten die Sonne als Wahrnehmung von der Sonne, ohne daß diese ominöse Sonne selbst eine Wahrnehmung darstellen würde, und obwohl sie nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um diese erklären zu können.

Wie auch immer das Verhältnis dieser beiden SONNEN gedacht werden mag: Die Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das durch nichts zu rechtfertigen ist.

 

„Doch, die Existenz der Sonne läßt sich rechtfertigen; denn durch diese ‚Erfindung‘ – wie Sie es leider nennen – können wir die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens erklären. Bei Ihnen muß sie dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Nein; das muß Sie nicht. Wir haben bereits damit begonnen, die Sonne als Wahrnehmung von „vorn“ oder von uns her zu verstehen; schließlich ist sie ja auch unsere Wahrnehmung – und keine von der Sonne.

Und zudem müßten Sie erklären, woher Ihre Sonne kommt – wenn sie nicht „vom Himmel gefallen sein“ soll –, denn erst dann hätte die physikalische Theorie des Sehens etwas zum Sehen. Sie erklären die Wahrnehmungs-Sonne sehr einfach, und dann kommt das Problem; wir lassen den Zwischenschritt weg und versuchenen gleich, letzteres zu lösen.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere; daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erfahren, resultiert nicht aus der angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

Letzter Versuch – analog zum „Baby im Bett“:

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäume einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden sind wir dort.

Nach diesem Modell werden Ur- und Abbilder wohl zumeist gedacht. Aus der Ferne hatten wir nur ein Abbild, und wenn wir am Ziel sind, . . .

– . . .  ist das Abbild, das wir in unserer Psyche sehen, zwar viel größer geworden, bleibt aber natürlich ein Abbild.

– . . . können wir in dem Turm hinaufsteigen und unseren Namen einritzen; in das Urbild selbstverständlich, denn beim rein geistigen Abbild innen ist das ja wohl unmöglich.

3.6.2. Physikalische "Abbild"- sind lediglich Kopier-Theorien

„Daß es kein Abbilden geben soll, will ich nicht glauben. Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild erfährt der Optiker, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut kopiert wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre Kopie erfährt der Optiker, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren philosophischem Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine Kopie auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von soeben – zu Sonnen-Sehungen abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den „Raum“ vom Straßenrand in die Augenhöhle kopieren lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

„Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu letzterem sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Theorie – sehen wir nichts.

Das hatten wir bereits einmal:

Sie sehen nicht, weil Ihre Augen offen sind, sondern Sie sehen nicht, weil sie geschlossen sind; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 

„Aber es gibt doch sogar Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es schräg ins Wasser taucht, als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein traditionelles Urbild, sondern auch bereits ein Abbild. Sie sehen ihn doch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in Ihrer Psyche befinden. Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also traditionell zwischen zwei Abbildern – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb der Psyche – und deswegen erreichen wir sie nicht.

 

Außerdem benötigen wir gar keine Wahrnehmungstheorien; es gibt zwar Wahrnehmungen, jedoch weder Wahrnehmende noch Wahrnehmen. Deswegen existieren notwendige Voraussetzungen der Wahrnehmungen, aber keine hinreichenden.

Das – dem Ursprung entstammende – Leben ist primär, und darin treten Wissungen auf, aber weder sind wir Subjektivitäten Wissende noch führt ein verbales Wissen von uns zu den Wissungen. Alles was wir denken oder sagen (können), gehört bereits den Wissungen an.

Wir leben nicht einmal, so wie traditionell Menschen „leben“, sondern das (substantivische) Leben besteht in der untrennbaren Einheit von Subjektivität und verbalem Leben. In dieser Einheit treten Wissungen auf, als wären sie „vom Himmel gefallen“.

3.6.3. Verstehungen ohne Verstandene und Wahrnehmungen ohne Wahrgenommene

„Ich kann Ihnen nicht gut widersprechen; aber das liegt vielleicht auch daran, daß Ihre Überlegungen etwas abstrakt sind. Würden Sie uns bitte einmal zeigen, wie Verstehungen ohne Verstandene oder Wahrnehmungen ohne Wahrgenommene überhaupt möglich sein können.“

 

Ja; sehr gerne.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen oder originell sind –, so denken Sie vielleicht, Sie hätten mich (richtig) verstanden. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.  

 

Bei den Wahrnehmungen verhält es sich natürlich analog, aber hier müssen wir vielleicht noch höllischer aufpassen, um uns nicht in den eigenen Redewendungen zu verhaspeln:

Nehmen Sie als Beispiel den Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Baum wahr“. Er wird im allgemeinen so verstanden, daß dort ein Baum steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Baum das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Baum.

 

Die Formulierung „Ich nehme einen Baum wahr“ läßt sich also fast nur traditionell und damit falsch verstehen – im Sinne einer Verdopplung zu zwei BÄUMEN –; sie besagt dann, daß wir einen Baum wahrnehmen und als Baum-Wahrnehmung abbilden.

Wo soll sich denn dieser wahrgenommene Baum befinden?

„Im Wald natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern problematisch, weil wir unseren BAUM-Disput von soeben nun als WALD-Disput fortsetzen müssen:

Es gibt zwei WÄLDER; den wahgenommenen Wald und die Wahrnehmung Wald. Der Baum steht im Wald; beides sind Wahrnehmungen. Der Baum kann nur im Wald sein; das wäre zwar konsequent, aber keine Antwort, weil ich dann meine Urbild-Frage entsprechend wiederholen würde.

 

So entstehen theoretisch zwei Reihen:

Baum, Wald, Landschaft . . . „Raum“

Baum, Wald, Landschaft . . . „Raum

Wir streichen die zweite vollständig, indem wir uns Kant anschließen.

Zum einen gibt es für ihn (zwar noch ein Ding an sich, aber) keine Seienden – Baum, Wald, Landschaft . . . „Raum“ –, sondern nur Erscheinungen – Baum, Wald, Landschaft.

Zum anderen stellt der Raum (allerdings ohne Anführungsstriche) lediglich eine Anschauungsform unseres Bewußtseins dar. Und das können wir ganz wörtlich nehmen:

Nur für Anschauungen im engeren Sinne – nicht für Anhörungen beispielsweise – gibt es einen Raum, denn allein die Anschauungen befinden sich in einem relativen Dort.

3.6.4. Bewußtsein

Das traditionelle Innen erfährt eine mehr oder weniger stetige Entwicklung zur modernen Psyche, bei der wir das angebliche Abbilden betont haben. Unser Übergang zum Bewußtsein führt diese Kontinuität jedoch nicht fort, sondern bedeutet einen radikalen Bruch.

Er folgt daraus, daß wir bei den Wahrnehmungen beginnen und hiermit insbesondere ihre Einheit anerkennen.

Die Tradition tut dies bei den Sehungen nicht, sondern spaltet sie in Ur- sowie Abbild – im engeren Sinne –  auf. Dadurch entsteht das angebliche Außen der Welt als Sphäre des Gesehenen, während sich innen die vollständigen Sehungen befinden, die aber als bloße Abbilder mißverstanden werden.

Wir bleiben bei der Einheit aller Wahrnehmungen, wie sie auch traditionell beispielsweise in der Identität des Gehörten mit der Hörung oder Getasteten mit der Tastung zum Ausdruck kommt, und sie – diese Einheit von Außen sowie Innen – befindet sich im Bewußtsein.

Damit bestreiten wir nicht dessen Außerhalb, sondern lediglich, daß sich dort die Welt befindet; sie entfällt vollständig, weil sie nur durch eine visuelle Verdopplung erfunden wurde.

 

Wir fassen im Bewußtsein alles uns aktual Gegebene oder daraus Abgeleitete zusammen; das Leben und die Wissungen bzw. – anders unterteilt – das Be- und Gewußte. Damit ist klar, daß es sich beim Bewußtsein nicht um ein Gefäß, sondern nur um –  „dessen“ – Inhalt handeln kann. Was auch immer wir fühlen, wahrnehmen, ahnen, empfinden, denken, spinnen oder erinnern muß unserem Bewußtsein angehören – andernfalls würde es für uns gar nicht existieren.

Wenn ich – vielleicht versehentlich – schreibe, X sei im Bewußtsein, dann läßt sich das immer noch richtig verstehen, nämlich analog dazu, wie sich die 3 in der Menge der natürlichen Zahlen befindet.

 

Insbesondere auch der eigene Körper kann natürlich nur zum Bewußtsein zählen. Darin zeigt sich unser Bruch mit der Tradition besonders deutlich, so daß Sie hier vielleicht auch Schwierigkeiten haben, denn:

Nahezu automatisch sowie völlig problemlos versetzen wir uns in die Schau des Nous und „sehen“ vom Nirgendwo und -wann aus, wie acht Milliarden Menschen sehr gezielt handeln; einerlei ob nun mit- oder gegeneinander. Dieses Zusammenspiel läßt sich fantastisch erklären, wenn wir jedem Körper ein Innen zuordnen, in dem sein Besitzer die anderen Menschen abbilden und sein eigenes Verhalten daran ausrichten kann.

Diese Vorstellung ist eine fromme Illusion – völlig unabhängig davon, was „gesehen“ wird –, und unser Ansatz besteht in dem Versuch, ohne sie auszukommen. Er bedingt im gegenwärtigen Zusammenhang unter anderem, daß es keine Bewußthaber gibt; weder Körper noch Gehirne oder was auch immer kommen als Träger des Bewußtseins infrage.

 

Mitunter haben wir die Vorstellung Gehirn, und ein Chirurg eventuell auch die entsprechende Wahrnehmung; beide sind nur im Bewußtsein möglich und andere Gehirn-Varianten existieren nicht, so daß sich ergibt:

Ohne Bewußtsein kein Gehirn!

Mit dieser Behauptung stehen Sie wohl ein bißchen allein da . . .; alle anderen (n-1) Menschen würden Ihre Aussage umkehren:

Ohne Gehirn kein Bewußtsein!

Ich glaube, daß beides stimmt, bin mir aber sogar recht sicher, daß meine Version die grundsätzlichere ist.

 

„Ohne Bewußtsein kein Gehirn“ muß richtig sein, weil per definitionem ohne Bewußtsein gar nichts für uns existieren würde; also auch kein Gehirn.

Die Umkehrung, ohne Gehirn kein Bewußtsein, ergibt sich dagegen nicht rein analytisch, sondern stimmt nur im Rahmen spezieller Weltbilder. Ich bestreite sie also nicht – und habe selbst ein Weltbild, in dem auch diese Umkehrung gilt –, sondern weise nur auf ein Zweifaches hin:

Zum einen gibt es ein „so ist das in der Welt“ für uns gar nicht, sondern nur ein „so ist das in meinem Weltbild“.

Da zum anderen die Wissungen keine Referenten besitzen und „Wissungen“, die wir nicht verstehen, keine Wissungen sind, sind sie gar nichts. Für ein kleines Kind ist es also weder wahr noch falsch, daß das Bewußtsein notwendigerweise an ein Gehirn gebunden ist, sondern einfach nur null und nichtig.

 

„Aber aus dem Nicht-Wissen des Kleinkinds folgt doch kein Nicht-Sein!“

Was verstehen Sie unter Nicht-Sein?

„Daß weder eine Wahrnehmung noch eine Vorstellung vorliegt.“

Das sind aber Wissungen, so daß aus dem Nicht-Wissen des Gehirns sehr wohl auch dessen Nicht-Sein folgt.

3.6.5. Außerhalb des Bewußtseins

Außerhalb des Bewußtseins befinden sich keine (traditionellen) Gewußten, Seienden oder Urbilder, sondern dort ist unter anderem der Ursprung.

Wir haben das Bewußtsein mit der Gegenwart identifiziert, so daß der Begriff des Außerhalb recht unglücklich ist, weil er räumliche Assoziationen weckt – statt zeitlicher; Nicht-Gegenwart wäre, klingt aber nicht gut. Hierzu gehören die Vergangenheit als das Woher der Anschauungen und Begriffe sowie die Zukunft als gewaltiges Fragezeichen.

 

„Müßten sich außerhalb meines Bewußtseins nicht all die fremden Bewußtseine befinden?“

Dieser Gedanke wirkt in der Tat sehr verführerisch; ich halte ihn aber dennoch für falsch.

Wir hatten meines Erachtens gute Gründe, das Bewußtsein mit der Gegenwart gleichzusetzen, wollten dabei jedoch die eine total intersubjektive Zeit einführen und nicht für jede Subjektivität eine andere. Wenn das richtig war, gibt es eine Gegenwart – und somit auch nur ein Bewußtsein.  

Das gilt für alle Subjektivitäten, aber sie befinden sich nicht nebeneinander im „Raum“ oder nacheinander in der „Zeit“, sondern das eine Bewußtsein bildet die Gegenwart und alle anderen gehören der Vergangenheit an.

 

Unser Bewußtsein wird kontinuierlich anders, weil  alle anderen Subjektivitäten darauf einwirken, wir es selbst durch unser Leben umgestalten und dabei unter anderem auch die Grenze zum Ursprung verschieben können. Das Bewußtsein wird also ganz massiv auch von seinem Außerhalb beeinflußt, letzteres bleibt aber dennoch völlig unzugänglich.

Eine Atombombe, die angeblich dort explodiert und wirkt, tut uns nicht nur nicht weh, sondern ist für uns inexistent, weil wir gar nichts davon erfahren. Zwischen ihr, einer nicht-explodierten Atombombe und gar keiner besteht kein Unterschied; deswegen das „angeblich“ im letzten Satz. Schmerzen und Schrecken sind – wie alles – entweder im Bewußtsein oder für uns gar nicht. (Nur so konnte Wolfgang Giegerich sinnvoll eine „Psychoanalyse der Atombombe“ schreiben.)

 

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert. Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine bestimmte Idee, die mich seit über 45 Jahren bewegt; das Buch stellt den Status quo ihrer Entfaltung dar.

Dieser Grundgedanke ist weder groß noch sonderlich intelligent; ich bin lediglich hinreichend stur, um all die Jahre nicht von den zwei nachstehenden Überzeugungen abzulassen. Heideggers Satz „Jeder Denker denkt nur einen einzigen Gedanken“ hat mich darin bestärkt; bei mir lautet er:

 

1. Vom Außerhalb unseres Bewußtseins können wir absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen „Blablabla“, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

 

2. Wir haben also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich unser Leben auf dieses Außerhalb des Bewußtseins auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in unser Bewußtsein einfällt.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihres Bewußtseins,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– sind möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechenden Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem „Blablabla“ entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige „Blablaba“ von allen falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich um religiöse, wissenschaftliche, esoterische oder sonstige Überzeugungen handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren Wahrheit durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich  anders als „Ungläubige“.

 

„Bezüglich dieses Schwarzen Lochs denkt er traditionell, kennt diese Vorstellung und projiziert sie als Seiendes ins Außen.

Aber Sie tun doch das Gleiche insbesondere beim Ursprung. Worin soll hier der prinzipielle Unterschied bestehen?“

Diese Frage können Sie sich selbst beantworten, indem Sie einfach ganz konsequent denken und auf alle philosophischen Glaubensbekenntnisse zu verzichten versuchen:

 

Wir haben nur unser Bewußtsein; alles daran möchten wir, so gut es möglich ist, einsehen.

Für die Wissungen steht uns hierfür unser Weltbild zur Verfügung; jede von ihnen läßt sich mit Hilfe aller anderen Wissungen – mehr oder weniger vernünftig – erklären, so daß die Wissungen ein sich selbst tragendes halbwegs stabiles System bilden – eben das Weltbild.

Dieses gehört aber nicht dem Bewußtsein an, denn als Ganzes ist es uns niemals gegeben; lediglich jede einzelne aktual(isiert)e Wissung aus ihm.

Das Weltbild ist also in unserem Ansatz einerseits unbedingt erforderlich und kann sich andererseits aber trotzdem nur außerhalb des Bewußtseins befinden. Die Sphäre, der es angehört, besteht per definitionem im Symbolischen, und dieses gehört als Woher der Begriffe zur Vergangenheit.

 

Verallgemeinert heißt das:

Wir haben ein Problem; das ist nur im Bewußtsein möglich, und allein dort kann es auch gelöst werden. Aber die Lösung selbst muß sich nicht im Bewußtsein befinden, sondern kann Entitäten außerhalb desselben erforderlich machen – wie wir es oben beim Ursprung und nun beim Symbolischen gesehen haben.

Diesen Denkweg

– vom Problem zu seiner Lösung innerhalb des Bewußtseins

– mit einem Problemlösungs-Erfordernis im Außerhalb

betone ich so, weil er nichts mit dem traditionellen Projizieren und Abbilden  zu tun hat.

Darin besteht der prinzipielle Unterschied, nach dem Sie gefragt hatten.

Ein Problemlösungs-Erfordernis außerhalb des Bewußtseins kann natürlich nicht kontrolliert und damit weder bewiesen noch widerlegt werden. Es besteht also lediglich die Möglichkeit, daß es – aufgrund einer besseren Lösung im Bewußtsein – ganz hinfällig oder durch ein anderes Problemlösungs-Erfordernis ersetzt wird.  

 

Auch traditionell Denkende haben ein Problem in ihrem Bewußtsein:

„Wie wollen wir die Wahrnehmungen konsistent erklären?“

Ihre Lösung könnte im außerbewußten Problemlösungs-Erfordernis Urbilder bestehen.

„Gehen wir davon aus, daß diese existieren, lassen sich unsere Wahrnehmungen fantastisch als Abbildungen erklären.“

Solange der traditionelle Ansatz so verstanden würde, bestände kein wesentlicher Unterschied gegenüber dem unsrigen, der – mittels exakt der gleichenLogik – zum Ursprung und Symbolischen führt.

 

Aber die Tradition geht (fast) immer noch einen Schritt weiter.

Sie betrachtet die Urbilder nicht als subjektives Problemlösungs-Erfordernis, sondern als objektive Wirklichkeit; gibt sie nicht als sinnvolle Erfindungen zu, sondern stellt sie als grandiose Entdeckungen dar;  projiziert, behauptet jedoch abgebildet zu haben.

Nur diesen Schritt kritisiere ich; ohne ihn entfällt aber jeglicher Wahrheitsanspruch und die traditionelle Lösung gilt nur unter Vorbehalt. Bei Donar hat sich bereits eine bessere duchgesetzt, und wir schlagen eine Variante für die Urbilder vor.

 

„Die Gläubigen lösen ihre Schwierigkeiten durch das außerbewußte Problemlösungs-Erfordernis Gott?“

Eben nicht! Wir versuchen es und benötigen deshalb den Ursprung.

Der traditionelle Gott ist zumeist eine naive Projektion und kein außerbewußtes Problemlösungs-Erfordernis.

3.7. Hinterwelten

Die Welt ist eine Hinterwelt, denn sie entsteht, indem Sehungen als referentiell aufgefaßt, die angeblich Gesehenen nach außen projiziert und die Sehungen als deren Abbildungen behauptet werden.

Nichts kann außen abgebildet werden – selbst wenn es dort existieren würde –, weil das Außen für uns unerreichbar ist.

Aber jede Wissung kann als angebliches Urbild in das Außen projiziert und damit hinterwäldlerisch werden.

 

Was Ludwig Feuerbach in seiner Religionskritik bei Gott richtigerweise erkannt hat, gilt natürlich ebenso für Materie, Energie, Urknall, Evolution oder was auch immer.

Hinterwäldlerisch wird unser Denken nicht durch die speziellen Entitäten, sondern allein durch den Ort, an den wir sie stellen. Wer eine objektive Realität im Außen annimmt, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der den Teufel dort glaubt; jede Welt ist eine Hinterwelt.

 

„Dann gehören der Ursprung, fremde Bewußtseine sowie das Symbolische bei Ihren zur Hinterwelt?“

Nein; wir benötigen sie lediglich zur Problemlösung, und da sie keine Wissungen darstellen, können diese Entitäten weder Referenten besitzen noch projiziert sein.

Nehmen Sie Gott als deutlichstes Beispiel. Er muß aus meiner Sicht existieren, weil uns in meinem Weltbild das Leben oder Bewußtsein gegeben ist und ich eine „Gabe ohne Geber“ (Jean-Luc Marion) unmöglich konsistent denken kann. Er ist keine Feuerbachsche Vorstellung, die ich ins Außerhalb projiziere.

 

„Und warum können wir nicht die traditionellen Seienden als Gabe verstehen – mit der Evolution als Geber?“

Weil sie keine Gabe darstellen, das heißt, uns nicht gegeben, sondern außerhalb des Bewußtseins sind.

Wer jedoch die Evolutionstheorie innerhalb seines Weltbilds für eine sehr gute Betrachtungsweise hält und deswegen eine Evolution glaubt, mag dies bitte weiterhin tun; Weltbilder können doch ohne Welt gar nicht falsch sein. Wer so denkt, löst sein Problem, wie wohl die Gegenwart entstanden sein mag, durch das Außerhalb-Erfordernis Evolution.

Falsch wird meines Erachtens jedoch alles – aber eben auch erst dann –, wenn in einem weiteren Schritt diese Evolution zur Hinterwelt gemacht wird, indem das subjektive Außerhalb-Erfordernis Evolution – „Ich kann es mir gar nicht besser erklären!“ – zur objektiven Wirklichkeit erhoben wird, die man behauptet, erkannt zu haben

Hierzu gehören die Welten der wissenschafts- oder fortschrittsgläubigen Fundamentalisten ebenso wie diejenigen der religiösen.

 

Der entscheidende Punkt ist also nicht, ob jemand eine Welt glaubt; das hängt vom Weltbild ab. Zu meinem gehört keine; aber das ist bei Ihnen vielleicht ganz anders.

Wichtig ist vielmehr der Zusammenhang, wie ich ihn soeben angedeutet habe:

Er muß beim subjektiven Weltbild beginnen und kann dann gegebenenfalls auch zu dessen Welt führen; zur Welt des Weltbilds.

Wogegen ich mich die ganz Zeit wende ist lediglich die Umkehrung dieses Zusammenhangs; wir erkennen keine vorgegebene objektive Welt, die bei hinreichend schlauen Menschen zum wahren Weltbild führt; es gibt kein Bild der Welt.

3.7.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Wissungen auftreten (können) und noch niemandem Urbilder begegnet sind, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften (an) Urbilder und projizieren somit nicht zuletzt ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß unsere Forschung die neutrale Abbildung der Welt sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen Weltbild mit seinem Glauben an die hinterwäldlerische Welt einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme. Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder verantwortungslos.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser „Fortschritt“ immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neue stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres „Lebens“ durch die Forschung immer stärker zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben können.

3.7.2. Wahrheit und Überzeugung

Verzichten wir auf die Hinterwelt, können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger mit Recht und Erfolg an ihrem jeweiligen subjektiven Weltbild, von dem sie überzeugt sind, orientieren.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es die eine wirkliche Welt gäbe?

 

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der Weltbilder, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und alle „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Krieg, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur der künstlichen Intelligenz usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die „Aufklärung“, können uns aber partout kein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück wünschen, wenn wir subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Da subjektive Weltbilder keine Bilder von einer objektiven Welt sind, können sie auch weder wahr noch unwahr sein. Sie dienen uns „nur“ zur Orientierung, und wir kennen sicherlich alle zahlreiche Menschen, bei denen wir uns wundern, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich auch diesen Menschen mit uns.

Vielleicht sind wir felsenfest von unserem Weltbild überzeugt; dies kann sich jedoch nicht auf seine Wahrheit beziehen, denn wir wüßten gar nicht, worin eine solche bestehen sollte. Unsere Überzeugung besitzt vielmehr die Form, daß wir bei bestem Willen nicht anders denken können; aufgrund unseres bisherigen Lebens mit all seinen Erlebungen müssen wir unsere Welt so sehen.

Wer die seinige anders versteht, soll uns bitte erklären, wie ihm das möglich ist. Wir wären ihm dankbar dafür, weil es zumindest unseren Horizont erweitern und vielleicht sogar unser Weltbild korrigieren würde.

Das entspricht exakt Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“; er behauptet keineswegs, die Wahrheit zu besitzen, sondern lediglich, zwingend so denken zu müssen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge; während der Wahrheits-Anspruch hinsichtlich eines Weltbilds stets leer ist, resultieren die Überzeugungen aus unserem wirklichen Leben und bilden einen integralen Teil von uns selbst.

 

Zusammengefaßt:

Traditionell glaubt man, das Weltbild würde von einer objektiv-realen Welt abhängen.

Wir gehen hingegen davon aus, daß es das Resultat unserer eigenen Vergangenheit darstellt. Hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unser Weltbild gewiß ein recht anderes.

 

„Daß Weltbilder weder wahr noch unwahr sein sollen, will mir nicht in den Kopf; ‚entweder wahr oder unwahr‘ stellt doch eine vollständige Alternative dar; tertium non datur.“

Ihr Einwand ist konstruktiv, trifft aber nicht ganz:

Es gibt keine vollständige Alternative für alles. Gerade oder ungerade bildet ebenfalls eine vollständige Alternative, aber – nicht für alles, Stühle oder Revolutionen beispielsweise, sondern – lediglich für die ganzen Zahlen.

Zu jedem „tertium non datur“ gehört also sein Anwendungsbereich, und für die Alternative von wahr bzw. unwahr besteht dieser – zumindest in unserem gegenwärtigen Zusammenhang – per definitionem in der Menge der Aussagen.

Mit diesem „weder wahr noch unwahr“ behaupte ich also lediglich, daß die Inhalte unserer Überzeugungen keine Aussagen sein können. 

 

„Das wird ja immer verrückter! ‚Der Eiffelturm befindet sich in Paris‘ stellt für Sie also keine Aussage dar?“

Natürlich ist das eine Aussage, aber zugleich ein schlechtes Beispiel; besser wäre:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß sich der Eiffelturm in Paris befindet.

Das ist zwar ebenfalls eine Aussage, aber deren Wahrheit bzw. Unwahrheit bezieht sich – nicht auf Paris und den Eiffelturm, sondern – darauf, ob ich wirklich überzeugt bin, auf meine Wahrhaftigkeit also – und nicht auf den Inhalt dieser Aussage. Bei der Wahrhaftigkeit geht es, mit anderen Worten, nicht darum, was ich glaube, sondern allein darum, ob ich das Ausgesagte wirklich glaube.

Nochmals anders formuliert:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß X“ ist also eine Aussage und somit entweder wahr oder unwahr. Das bezieht sich aber nur auf den Halbsatz vor dem Komma, und ist völlig unabhängig von X.

An extremeren Beispielen wie „Ich glaube nicht, daß morgen die Welt untergeht„, wird deutlich, daß sich dies im traditionellen Denken ganz analog verhält. Hier spürt man förmlich, daß es um mein Überzeugt-Sein und nicht um den Weltuntergang als dessen Inhalt geht.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen am Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich glaube, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit einmal als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns dann für diese kleinkarierte „Wahrheit“ schämen werden.

Das sagte beispielsweise Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht: „Das soll ich sein?“

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

 

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – letztlich langweilige – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotzdem umwerfen wird.

Es würde mich entsetzlich enttäuschen, wäre Gott nicht viel mehr und noch ganz anderes eingefallen als mir.

 

„Aber wenn unsere Vorstellungen niemals ein Wovon oder einen Referenten besitzen und somit notwendigerweise weder wahr noch unwahr sind, kann es auch im Alltag, vor Gericht oder bei wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nicht um die Wahrheit gehen.

Worum streiten wir dann eigentlich häufig so erbittert?“ 

Zwei verschiedene Antworten scheinen mir hierbei wichtig zu sein

 

Wir können um die besseren Überzeugungen streiten. Das sind diejenigen, mit deren Hilfe wir uns im Leben angemessener – nicht orientieren können, sondern orientieren zu können glauben. Dabei geht es nicht nur um die Mittel für bestimmte Zwecke oder Ziele, sondern auch um diese selbst, denn nichts ist uns irrtumsfrei vorgegeben.

Ob unsere Orientierungen gut sind, wissen wir – wenn überhaupt – bestenfalls rückblickend im Nachhinein. Aber selbst dann häufig nicht, weil die Frage „Was wäre geworden, wenn . . .?“ zumeist schwerlich beantwortet werden kann.

 

Eine zweite Möglichkeit verdeutlichen wir uns am besten durch Zeugenaussagen bei Vekehrsunfällen, Diebstählen oder ähnlichen Delikten.

Die Betroffenen schildern hierbei nicht ihre gegenwärtigen Vorstellungen von den vergangenen Erfahrungen, denn Vorstellungen besitzen kein Wovon. Wenn sie ganz wahrhaftig sind, stellen die Zeugen ihre das Delikt betreffenden Überzeugungen dar; mehr geht gar nicht. Wer glaubt zu sagen, wie es wirklich war, ist im günstigsten Falle naiv.

Das ist für traditionell Denkende zwar problematisch, weil damit die „Wahrheitsfindung“ auf einen Mehrheitsbeschluß hinausläuft und folglich aber auch gar nichts mehr mit der angeblich objektiven Wahrheit der Welt zu tun hat. Aber von der Tendenz her wäre es ermutigend, könnten wir uns von der Wahrheit zur Wahrhaftigkeit, vom Gehorsam zur Freiheit und vom Absolutismus zur Demokratie bewegen.

 

„Das geht aber nicht bei der Kirche, denn sie gründet sich auf Christus ; er ist selbst die Wahrheit, so daß demokratische Strukturen hier nichts zu suchen haben . . .“

. . . sagen die Vertreter der Institution.

Dann sollten sie einfach ernstnehmen, daß die Kirche den Leib Christi bildet, und Christus sowohl wahrer Gott als auch wahrer Mensch gewesen ist. Wird letzteres bei der Kirche als seinem Leib unterschlagen, könnten böse Menschen auf die Idee kommen, es gänge lediglich um das Aufrechterhalten der eigenen Macht, die als Gehorsam oder Dienst vertuscht werden soll.

3.7.3. Objektivität der Wissenschaft

„Ohne Welt oder Hinterwelt gibt es aber auch keine Objektivität der Wissenschaften?“

Vorsicht; dieser Begriff ist zweideutig!

Erkenntnistheoretisch haben Sie natürlich Recht; die traditionelle objektive Wahrheit läßt sich nicht halten, wenn die Materie im Meßbaren besteht und ihre Existenz somit daran gebunden ist, daß wirklich gemessen wird.

 

Die berechtigte Forderung nach der wissenschaftlichen Objektivität ist eine ganz andere, nämlich rein ethische

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; schade! Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

 

Die Physiker insbesondere sprechen nicht über eine objektive, sondern über eine partiell intersubjektive Realität oder Materie. Sie sind nicht hinterwäldlerisch, sondern haben einen gemeinsamen Gegenstand, den sicherlich nicht jeder mag, zu dem man aber einen Zugang finden kann, der intersubjektiv leicht kontrollierbar ist und die „Einheit der Physik“ (Carl Friedrich von Weizsäcker) ermöglicht.

Ganz analog verhält es sich natürlich bei den anderen exakten Wissenschaften und auf etwas niedrigerem Niveau auch bei Fußball, Wetter oder Mode, bei Klatsch und Tratsch.  

Darüber können wir mit vielen sprechen; mit einigen über Wichtigeres – hierzu gehören nicht zuletzt die großen Romane oder Biographien – und nur mit sehr wenigen Menschen über existenzielle, philosophische oder gar religiöse Fragen.

Wenn es ganz ernst wird, fürchte ich, werden wir sehr allein sein und uns wünschen, daß es wenigstens noch einen Menschen gäbe, dem wir uns anvertrauen können.

 

Wir hatten oben bereits gesehen, daß die Schöpfung unserem Ansatz zufolge in der Freiheit bestehen dürfte;  wenn das stimmt, müßte sich letztlich alles um sie drehen.

Das paßt zusammen: Sämtliche Seiende – völlig einerlei, ob sie nun der Philosophie, Theologie oder Naturwissenschaft zugehören – wären Vorgaben, die wir zur Kenntnis nehmen und denen wir uns unterordnen müßten; sie würden unsere Freiheit begrenzen.

Ich bestreite damit nicht die – Existenz der – Naturgesetze, sondern sage lediglich, daß sie weder Seiende noch Grenzen darstellen. Vielmehr handelt es sich um die Möglichkeit von Voraussagen, die wir zum Handeln nutzen können und ohne die sich Freiheit praktisch nicht denken läßt. Wissen wir partout nicht, was geschehen wird, ist gezieltes Wirken ausgeschlossen.  

Freiheit hat also meines Erachtens herzlich wenig mit einer „Einsicht in die Notwendigkeit“ – insbesondere – uns begrenzender Naturgesetze zu tun; verstehen wir Hegel so, interpretieren wir  ihn gewiß falsch. Vielmehr gehören die Naturgesetze zu den notwendigen Voraussetzungen unseres freiheitlichen – nicht Denkens, aber – Handelns.

3.7.4. Immanenz und Transzendenz

Bei unserem Ansatz sollten wir uns hinsichtlich der Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz bereits weitgehend einig sein:

 

1.     Transzendenz

                Gott

1.1.  transzendente Transzendenz              

        Ursprung   ∋   Zukunft  

1.2.  immanente Transzendenz

                Leben

 

2.     Immanenz

                Genese der Anschauungen und Begriffe

2.1.  Erkennungen

        Anschauungen und Begriffe

2.2.  Vergangenheit

        Woher der Anschauungen und Begriffe   

 

Das Bewußtsein habe ich blau und sein Außerhalb rot dargestellt.

Da ausnahmslos alles aus dem Ursprung hervorgeht, muß die Zukunft als absolut offene ihm angehören.

Die Erkennungen und ihr Woher bilden gemeinsam deren Genese.

 

Traditionell besteht die Immanenz im Außen, in der Welt der Seienden, so daß für die Transzendenz im Prinzip zwei Möglichkeiten bestehen.

Zum einen könnte sie im Sinne der obigen Neben-Welt ebenfalls diesem Außen angehören. Ob sie dann – wie beispielsweise im Mittelalter das Jenseits der Himmelsglocke – anschaulich als ein Ganz-Außen vorgestellt wird, ist völlig belanglos, veranschaulicht aber sehr schön unseren Begriff der Neben-Welt.

Zum anderen wäre die Transzendenz auch als ein Ganz-Innen tief in der eigenen Psyche möglich.

 

„Wenn traditionell Denkende die Transzendenz als ein Ganz-Außen verstehen, kommen sie natürlich nicht über eine bloße Hinterwelt hinaus., denn sie vergrößern ihre Welt lediglich um die Neben-Welt. Damit erweitern sie nur das Glaubensbekenntnis, das sie mit der Welt bereits  abgegeben haben. Im Himalaya gibt es Yetis und über dem Sternenzelt wohnt Gott; da besteht kein wesentlicher Unterschied.

Entscheiden sich die traditionell Denkenden jedoch für das Ganz-Innen als Sitz der Transzendenz, so läßt sich Ihre variable Einteilung Gottes in Ursprung und Leben meines Erachtens auch dort unterbringen.

Müssen Sie da eigentlich etwas dagegenhaben?“

 

Gegen dieses Ganz-Innen kann man natürlich nichts haben, einfach weil es nicht konkret genug ist. Aber wenn Sie möchten, daß es sich „in“ den Körpern befindet, wäre ich schon sehr dagegen und könnte zur Begründung nahezu unseren gesamten bisherigen Text wiederholen.

Der diesbezüglich entscheidende Punkt scheint mir jedoch der folgende zu sein:

Das traditionell-moderne Weltbild benötigt keinen Gott und könnte vom überzeugtesten Atheisten entworfen sein. Wir ignorieren das, bleiben dabei, fragen woher die zugehörige Welt stammt und werden plötzlich munter: Gott! 

Wer kann soviel kindliche Naivität heute noch verkraften?

 

Ein solcher Dualismus von Immanenz und Transzendenz ist meines Erachtens (reiner Deismus und damit) völlig unchristlich, denn dann müßte der Schöpfung – wie beim Demiurgen – eine eigene Wirklichkeit zukommen.

Christlich besitzt sie diese nicht, was wohl mit der „Schöpfung aus dem Nichts“ zum Ausdruck gebracht werden soll. Es ist also nur konsequent, wenn wir die – Wirklichkeit der – Welt ablehnen und nach einem Weltbild suchen, in dem die Immanenz nur so in Einheit mit der Transzendenz gedacht werden kann, daß die Immanenz aus der Transzendenz hervorgeht und in ihr verbleibt.

Deswegen benötigen wir nicht nur eine immanente Transzenzdenz, sondern sie muß zudem noch mit unserer gesamten Wirklichkeit zusammenfallen.

3.8. Sprachverhexung des Denkens

Die Überschrift dieses Kapitels könnte von Ludwig Wittgenstein stammen; er meinte damit, daß die Sprache uns häufig irreleitet, weil wir ihren Regeln folgen (müssen) und damit rein grammatische Sachverhalte fälschlicherweise als philosophische mißverstehen. Philosophieren besteht seines Erachtens wesentlich darin, gegen diese Sprachverhexung unseres Denkens anzugehen – in einem Kampf, der wohl niemals gewonnen werden kann.

 

Ein Paradebeispiel für diese Verwechslung von Grammatik und Philosophie hängt eng mit dem Begriff des Subjekts zusammen.

Auf der einen Seite steht die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur der indoeuropäischen Sprachen, derzufolge normalerweise jeder Satz ein grammatisches Subjekt verlangt.

Das Subjekt stellt jedoch auch einen Grundbegriff der modernen Philosophie dar, aber dabei handelt es sich natürlich um ein ganz anderes Subjekt; die beiden haben rein gar nichts miteinander zu tun. In „der Wind weht“ fungiert  der Wind als grammatisches Subjekt, aber wohl keiner von uns wird in ihm ein philosophisches sehen wollen, wie es pausbäckig in Kinderbüchern auftritt.

 

Um das Problem im Hinblick auf unsere weiteren Überlegungen zu konkretisieren, schauen Sie jetzt bitte einmal auf Ihren Laptop. Diese Situation können wir beschreiben durch:

Laptop-Sehung; es gibt philosophisch nur eine einzige Entität – eben die Laptop-Sehung.

Aber so denken oder reden wir nicht; die Sprache verlangt einen ordentlichen Satz:

„Ich sehe (den) Laptop“.

Die Grammatik verleitet uns also zu philosophischen Fehlern; auf einmal gibt es unabhängig voneinander sowohl ein Ich und einen Laptop als auch den Akt des Sehens zwischen beiden; aus Eins macht die Sprache Drei.

Das inhaltlich Richtige – die philosophische Laptop-Sehung – wird durch die (Verhexung der) Sprache in drei Bestandteile verwandelt, denn wir benötigen grammatisch Subjekt, Prädikat und Objekt. 

 

Das traditionelle Denken überrascht um so mehr, je intensiver wir versuchen, uns hineinzudenken:

Das einzig Gegebene oder Unbestreitbare tritt in den Hintergrund, wird als sekundär betrachtet und durch zwei Erfindungen – das Ich sowie den Laptop – ersetzt.

Damit stehen die Vertreter dieses Ansatzes vor dem Riesenproblem, wieso das Ich eigentlich von dem Laptop wissen kann, und lösen es durch Abbilden.

Indem

– ein konstruiertes Ich

– einen konstruierten Laptop

– angeblich abbildet,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – der Laptop-Sehung.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß es kein Abbilden gibt.

Nun sehen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen.

Natürlich müssen wir letzteres – konkret also die Laptop-Sehung – noch besser verstehen; aber ein Anfang ist ja bereits gemacht: Sie stellt eine Wahrnehmung dar, die wir mittels unseres Weltbilds aus den Anschauungen gewinnen.

 

„Womit wir wieder bei Ihrem Lieblingsthema wären, daß es ohne den Nous weder ein Ich oder einen Laptop noch das Sehen gibt.“

Natürlich; aber ich würde ganz gerne „Ihr Lieblingsthema“ durch „traditionelles Grundproblem“ ersetzen.

Daß wir wie der Nous denken und seine Sprache sprechen, sind ja nur die beiden Seiten einer Medaille, die sich wechselseitig bedingen. Die Medaille ist die Hybris, und ich fürchte, sie bildet eine der Hauptursachen für die Schwierigkeiten, vor denen wir heute allenthalben stehen.

Viele glauben, mit oder in der Moderne hätten wir die traditionelle Ontologie überwunden, weil kaum noch von Seienden, Gott oder dem Sein die Rede ist. Wir haben jedoch nur die Worte gestrichen bzw. ausgewechselt, ohne das Denken wesentlich zu andern. Deswegen scheint mir die bereits erwähnte Überzeugung Heideggers treffender, daß sich die traditionelle Metaphysik in unserer Moderne erst vollendet.

Sie sowie der mit ihr verbundene Wahrheitsanspruch vieler Menschen – und eben gerade nicht die Abkehr von Tradition und Glauben – führte zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Die beiden Weltkriege wurden in erster Linie von den traditionell-philosophisch gebildetsten christlichen Völkern geführt.     

3.9. Zwei Brücken zum besseren Verständnis

Ich hatte oben bereits einmal versucht, Ihnen fast ohne Philosophie zu einer philosophischen Einsicht zu verhelfen, und wiederhole dies nun auf zwei Wegen.

Zum einen mittels der Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften, weil diese beiden Begriffe sehr einfach und dadurch auch allgemein bekannt sind.

Zum anderen denke ich an den Gestaltkreis Viktor von Weizsäckers, der sicherlich nicht jedem von uns präsent, dafür aber meines Erachtens enorm lehrreich ist.

3.9.1. Primäre und sekundäre Eigenschaften

Ohne die „Neue Wissenschaft“ hätte es keine Moderne gegeben, und ob jene sich im 17. Jahrhundert ohne den Anspruch, letztlich „alles“ erklären zu können, – gegen die immer noch hoch im Kurs stehende Aristotelische Physik – durchgesetzt hätte, ist zumindest fraglich. Natürlich ist der Anspruch, alles zu verstehen, wahnwitzig; im Gegenteil: die Physik versteht nahezu von nichts etwas, wie wir oben gesehen hatten; beispielsweise nichts von Farben, Tönen, Stimmungen oder Gefühlen, so daß für die Protagonisten der Moderne letztlich nur ein Ausweg blieb:

Sie mußten das Wirkliche auf das der neuen Physik Zugängliche zusammenstutzen und alles Nicht-Physikalische als angeblich Unwirkliches zum Verschwinden bringen.

Dieser unbrauchbare „Rest“ kam in die Psychen, und damit entwickelten sie sich während der Moderne immer mehr zu „Abfallbehältern“ (Hermann Schmitz), in denen alles untergebracht wurde, was bei der allein entscheidenden Erkenntnis der physikalischen Urbilder nicht unterzubringen war.

 

So entstand die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften.

Erstere sollen sowohl wirklich außerhalb wie auch – bei adäquater Abbildung – unwirklich innerhalb unserer Psyche existieren. Form, Größe, Anzahl und Festigkeit – diese rein physikalisch-mathematisch-geometrischen Kategorien – bilden Paradebeispiele hierfür. Das traditionelle Abbild-Modell wurde also auf die primären Eigenschaften eingeschränkt

Die sekundären Eigenschaften existieren dagegen nur innerhalb der Psyche als unwirkliche. Sie werden folglich nicht abgebildet, sondern – beim Abbilden der primären Eigenschaften – von oder in der Psyche erst erzeugt, indem diese – aus uns unerfindlichen Gründen – beispielsweise von äußeren Schallwellen zu inneren Tönen, von Lichtstrahlen zu Farben oder von Molekülarten zu Geschmacks- und Geruchsvarianten übergeht.

 

Unser Verzicht auf die Welt, könnten wir also einen Zusammhang herstellen, geht noch einen Schritt weiter:

Galilei strich nur ihre sekundären Eigenschaften, und wir canceln alle; für uns gibt es außerhalb des Bewußtseins auch keine primären Eigenschaften (mehr).

Anders formuliert sind sämtliche Eigenschaften ausnahmslos sekundär, weil sie nur noch innen existieren. Damit wird „sekundär“ jedoch gleichbedeutend mit „alle“, so daß der Begriff seinen unterscheidenden Sinn verliert und gestrichen werden kann.

 

Das bedeutet:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß er gesehen wird.

Es gibt kein Meeresrauschen, ohne daß es gehört wird.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß sie gefühlt wird.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß sie gezählt oder berechnet wird.

Es gibt keine Materie, ohne daß sie gemessen wird.

Es gibt keinen Geist, ohne daß er erlebt wird.

 

Ich glaube jedoch, wir müssen sogar noch einen Schritt weitergehen als in diesen Beispielen.

Wenn kein Klingeln existiert, ohne daß es gehört wird, bedeutet dies, daß das Klingeln mit dem Hören zusammenfällt; das Klingeln ist das Gehört-Werden.

Der Satz „Es hat geklingelt, aber ich habe es nicht gehört“ ist unverständlich, denn er macht das Klingeln zu einem Seienden, das besteht, auch ohne gehört zu werden.

Die Umkehrung „Ich habe es klingeln hören, aber es hat gar nicht geklingelt“ ist dagegen als rückblickende Korrektur eines Irrtums möglich: Ich dachte, es hätte geklingelt, vor der Türe war aber niemand. Der Irrtum bestand dann jedoch nicht im Klingeln, sondern im Klingeln-gehört-Haben.

 

Das Duften ist das Gerochen-, und das Leuchten das Gesehen-Werden

„Ja; aber dann schauen wir genauer hin und sehen die Rosen bzw. Glühwürmchen!“

Dieser Einwand entspricht genau dem oben Gemeinten, dem traditionell-modernen Übergang vom sekundären Gerochen-Werden zu den primären Rosen resp vom sekundären Gesehen-Werden zu den primären Glühwürmchen. Er ist fest in unsere Sprache eingebaut, und deswegen fällt es uns so schwer, ihn zu überwinden.

 

Machen wir etwas langsamer, so erkennen wir nicht gleich Rosen bzw. Glühwürmchen, sondern in beiden Fällen zunächst einmal rein sinnliche Anschauungen; duftende bzw. leuchtende.

Eine duftende Anschauung läßt sich aber vom Duften gar nicht unterscheiden, so daß beides zum Gerochen-Werden dazugehört.

Eine leuchtende Anschauung entspricht dem Leuchten und damit dem Gesehen-Werden.

Verblieben wir hierbei, wären sämtliche Eigenschaften sekundär, wie wir es oben für unseren Ansatz beschrieben haben. Es gibt nur Gerochen-, Gesehen-, Geschmeckt-, Gespürt-Werden usw.; ohne uns wäre nichts. 

Wir bringen das Gerochen-Werden auf den Begriff Rosen und das Gesehen-Werden wird zur Glühwürmchen-Wahrnehmung, aber damit bleiben wir natürlich in unserem Bewußtsein, weil das alternativlos ist.

 

Bei Alternativlosigkeit gibt es immer Widerspruch!

Er kommt – natürlich – von der Tradition; sie gibt uns zwar darin Recht, daß wir tatsächlich Rosen riechen und Glühwürmchen sehen, erklärt deren Zustandkommen aber von „hinten“:

„Die Rosen und Glühwürmchen, von denen wir alle gemeinsam richtigerweise sprechen“, meint die Tradition, „stellen Abbilder von objektiven Ur-Rosen bzw. Ur-Glühwürmchen dar – was auch ihre primären Eigenschaften erklärt – und sind nicht aus dem subjektiven Angeschaut-Werden abgeleitet“.   

In dem neuen Begriff des Angeschaut-Werdens habe ich das Gerochen-, Gesehen-, Geschmeckt-, Gespürt-Werden usw. zusammengefaßt; wir dürfen ihn also nicht visuell engführen. Obwohl sich eine solche unerwünschte Assoziation massiv aufdrängt, bleibe ich dabei, weil es natürlich die Anschauungen sind –  einschließlich ihres Duftens, Leuchtens, Klingelns usw. –, die – nicht angeschaut werden, denn dazu müßten sie unabhängig von uns existieren, sondern – im Angeschaut-Werden bestehen, aufgehen oder enthalten sind.

3.9.2. Funktions- oder Gestaltkreis

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam aus dem Umkreis der Biologie von verschiedenen Seiten eine Idee auf, die uns helfen kann, eine mögliche Blockade gegen die Annahme, es gäbe keine Welt, zu lockern. Ich meine die Umwelten des Merkens und Wirkens, wie wir sie etwa bei Jacob Johann von Uexküll, Arnold Gehlen, Hans Volkelt oder Viktor von Weizsäcker finden.

Eine Zecke beispielsweise merkt nur Wärme und Feuchtigkeit; das ist ihre Merk-Umwelt. Läuft eine Katze an der Zecke vorbei, sieht sie diese natürlich nicht, denn in ihrer Merk-Umwelt kommen weder Katzen noch Sehungen vor. Die Zecke merkt bestenfalls, daß es etwas wärmer und feuchter wird, so daß sie sich eventuell fallen läßt. Diese – häufig wohl erfolglose – Reaktion bildet die gesamte Wirk-Umwelt, und die Verbindung der beiden Umwelten wird zumeist „Funtions-“ oder bei von Weizsäcker „Gestaltkreis“ genannt:

Das Merken führt zum Wirken; dann wartet die Zecke, bis sie wieder etwas merkt, und das genügt offensichtlich zum Überleben – sonst gäbe es keine Zecken.

Eine Spinne merkt die Vibrationen ihres Netzes und wirkt darauf, indem sie die gegebenenfalls verursachende Fliege frißt. Sieht sie die gleiche Fliege jedoch in einer anderen Situation, greift die Spinne nicht an, sondern reißt vor der Fliege aus.

 

Lesen wir dergleichen ein erstes Mal, so überrascht es uns wahrscheinlich kaum; daß Zecken und Fliegen nur ein sehr eingeschränktes Anschauungs- sowie Reaktionsvermögen besitzen, war zu erwarten. Aber ich fürchte, mit dieser simplen Disqualifizierung verfehlen wir die eigentliche Pointe.

Tierische Umwelten enthalten nur Anschauungen; dort ist nichts auf den Begriff gebracht, so daß weder Wahrnehmungen noch Vorstellungen bestehen und damit auch kein Umwelt-Bild möglich ist.

Während es für uns keine Welt, aber Weltbilder gibt, existieren für Tiere Umwelten ohne Umwelt-Bilder.

Aber dann ist dieses „für Tiere“ natürlich falsch, weil dann für Tiere auch kein „für Tiere“ besteht. „Für Spinnen“ gibt es keine Spinnen, Netze oder Fliegen, und in Hassos Umwelt läuft kein Hund durch den Garten.

 

Das Merken führt zum Wirken, und dieses löst – nach einer Zeit des Wartens – wieder ein erneutes Merken aus. Zwischen den beiden Umwelten muß also jeweils ein reflektorischer Zusammenhang bestehen, aber es ist kein geistiger. Einzelnen Sinnesinseln der Merk-Umwelt stehen ebensolche Reaktionen der Wirk-Umwelt gegenüber

Und schließlich sind die beiden Umwelten auch keineswegs vorhanden; sie bestehen nicht, sondern entwickeln sich partiell aus dem aktualen Angeschaut-Werden

 

Sehen wir Hasso durch den Garten laufen, wirkt dies freilich ganz anders. Aber er läuft gar nicht durch den Garten, denn für Hasso gibt es keinen.

Oswald Schwemmer schreibt in seiner „Kulturellen Existenz des Menschen“:

„Natürlich erinnert sich unser Hund an uns, auch wenn wir lange weggeblieben sind. Und in diesem Sinne identifiziert er uns auch. Aber diese Identität ist keine Gegenstandsidentität. Wie Beobachtungen und Versuche zeigen, bleibt dieses Wiedererkennen eingebunden in die Wahrnehmungs- und Handlungssituationen, in die der Hund gerät.

Der Garten, den er täglich durchstreift, wird sich für ihn nie in einem Überblick seiner Wege zeigen. Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf und erlauben ihm nie, sie zu überblicken oder gar in einem Schema festzuhalten. Sie bleiben Momente seines Erlebens, aus dem und über das er sich nicht hinausheben kann.“

Seine Umwelten bilden sich bei Hassos Durchstreifen des „Gartens“ erst heraus und haben folglich mit dem Garten in unserem Weltbild nicht viel zu tun. Hasso lebt – aber weder im geistigen Garten noch in einer sinnlichen Umwelt –, sondern er erzeugt letztere aktual, indem er lebt.

 

Anders als Hasso, Zecken und Spinnen reagieren wir zumeist nicht spontan oder blind auf unsere sinnlichen Merkungen. Wir ordnen sie vielmehr in unser Weltbild ein und überlegen, wie wir – in seinem Rahmen – am besten wirken oder agieren sollten.

Anschaulich bedeutet dies, daß wir unser Weltbild zwischen die Merk- und Wirk-Umwelt schalten und damit deren reflektorische Verbindung teilweise ersetzen. Die beiden Umwelten waren zuvor und bleiben auch jetzt „nur“ bewußt. Entsprechend unseres Denkschemas, die unbestreitbaren Anschauungen durch Wissungen zu ergänzen, gehören zu unserem Weltbild nun Umwelt-Wissungen.

Damit erzeugen wir das, was Schwemmer in seinem Zitat „Identität“ nennt:

„Die Identität eines Gegenstands verläßt dagegen diese Grenzen einander folgender Situationen. Der Gegenstand . . . behält seine Identität auch im Wechsel der Situationen. Ja, mehr noch und wesentlicher:

Eben durch die Identität spannen die Gegenstände sozusagen ein Netz auf, das Netz des Weltbilds. . . . Außerhalb der wechselnden Situationen haben wir uns ein in sich gefügtes und geordnetes Gegenstands-Weltbild geschaffen, in dem wir uns selbst angesiedelt haben . . .“

 

Unabhängig von der konkreten Form unserer Umwelt-Wissungen sind sie keine von der Umwelt; weder von der Merk- noch von der Wirk-Umwelt.

Wir können also insbesondere die Auswirkungen unseres Lebens nicht wissen

Sie besitzen zwei Seiten, denn diese Auswirkungen erfolgen

– für uns selbst aus unserer Gegenwart in die eigene Zukunft hinein und

– für alle anderen Subjektivitäten aus ihrer Vergangenheit in ihre Gegenwart hinein.  

3.10. Menschen – Tiere – Roboter

Arnold Gehlen zufolge ist es der „Geist des Menschen“, der den Umwelten die Weltbilder hinzufügt.

Er ermöglicht es, daß wir nicht stets auf Durchgang geschaltet sind– wie die Tiere – und somit dieses Merken automatisch jenes Wirken auslöst. Vielmehr konstruieren wir uns ein Weltbild; dann merken wir nicht nur – warm und feucht etwa –, sondern haben beispielsweise eine Katzen-Wahrnehmung und können entscheiden, ob wir sie füttern, streicheln oder zum Nachbarn jagen.

Für die Tradition kann das freilich nur die Wahrnehmung von einer Katze – als Urbild in der Welt  – sein.

Damit wird der meines Erachtens richtige Verlauf total auf den Kopf gestellt:

Aus dem Merken der „Zecke“ ohne Katze ist eine Katze geworden, die auch ohne alles Merken in der Welt vorhanden ist.

 

„Unsere Roboter entsprechen den Tieren und haben somit auch keinen Geist; die ‚Künstliche Intelligenz‘ hat also nichts mit ihm zu tun.“

Ich kann letzteres gar nicht dick genug unterstreichen, halte aber Ihre Parallele zwischen Robotern und Tieren für völlig daneben.

Um das sauber und verständlich klären zu können, müssen wir wieder auf unser gewohntes Denkschema zurückgreifen.

Das (substantivische) Leben bildet die einzige uns gegebene Wirklichkeit; das gilt meinem Weltbild zufolge für jede Subjektivität und ihr Bewußtsein; ob sie das weiß und glaubt oder überhaupt wissen und damit auch glauben kann, spielt keine Rolle; so ist mein Weltbild eben, und nur von ihm kann ich ausgehen.

Wenn das (substantivische) Leben in der Einheit von Subjektivität und verbalem Leben besteht, können Menschen und Tiere nicht leben. Beide stellen notwendige Ersatz-Begriffe aus unserem Weltbild dar; über Menschen und Tiere können wir gut sprechen, aber sie vertreten die intendierte oder angezielte Wirklichkeit nur; sie treffen sie nicht und sind auch keine Wissungen von ihr.

Aber immerhin sind Menschen und Tiere Ersatzbegriffe, die auf die Wirklichkeit verweisen, während dies bei Robotern nicht der Fall ist; sie meinen oder „vor“ ihnen steht nichts. Alle drei stellen Wissungen dar und gehören unserem Weltbild an – andernfalls könnten wir nicht darübersprechen –, aber bei den Robotern ist das auch schon alles. 

Deswegen haben Roboter mit Tieren so wenig zu tun wie die Küntliche Intelligenz mit dem Geist – nämlich gar nichts.

 

Für Roboter und alle anderen Wissungen, die keinen Ersatz für die Wirklichkeit darstellen, kann nichts existieren.

Das Betätigen des Lichtschalters ist ein Input und das Angehen der Lampe bildet den zugehörigen Output des Stromkreises, aber für ihn gibt es beide nicht. Die beiden Puts haben mit dem Merken bzw. Wirken „der Tiere“ nichts zu tun, denn – im Gegensatz zu den Anschauungen soeben – kommen sie gar nicht vor. Für den Rasen-Roboter, hatten wir oben gesagt, endet auch keine Wiese. Er empfängt einen Input, aber es ist keiner für ihn, sondern er geht ohne jegliches Zur-Kenntnis-Nehmen durch den Roboter hindurch. 

Heidegger bringt ein schönes Beispiel, um das Gemeinte zu verdeutlichen:

„Der Tisch berührt die Wand nicht, an die wir ihn lehnen.“

Heidegger meint keineswegs, daß immer ein kleiner Spalt bleibt; der wäre vielleicht physikalisch interessant, aber nicht philosophisch. Er will vielmehr sagen, daß es für Wände keine Tische gibt, für Tische keine Wände – und für Roboter gar nichts.

Alle „leblosen“ Dinge stehen teilnahmslos oder apathisch nebeneinander, ohne sich zu berühren, das heißt, ohne sich gegenseitig zu registrieren; sie sind absolut getrennt voneinander. Fällt ein Dachziegel auf die Asphaltstraße, tut ihr das nicht nur nicht weh, sondern auch sonst nichts.

Für die Straße existiert keine Delle; die hat sie nur für uns, und daraus trinken können auch „Tiere“. Saugt eine Pumpe das  Wasser  ab, ist gar nichts – außer dieser Wissung von uns.

 

Natürlich spreche ich hier nur von meinem Weltbild – „nur“; wovon sonst?  –, und wir wissen alle, daß auch ganz andere Varianten möglich sind.

Haut eine Zweijährige den Tisch, an dem sie sich gestoßen hat, dann bildet Tisch in ihrem Weltbild einen Ersatzbegriff für die Wirklichkeit des Lebens. Die Kleine weiß das natürlich nicht, spürt es aber anhand ihres eigenen Lebens. Und wenn sie ihre Puppe füttert, gleitet auch letztere in diese Stellvertreterfunktion.

Das Gegenteil geschieht bei Descartes; er streicht den Lebenshinweis bei den Tieren und macht sie damit zu Robotern.

„Also war Ihr Anfang dieses Absatzes ‚Natürlich spreche ich hier nur von meinem Weltbild‘ falsch, denn soeben haben Sie vom Weltbild einer Zweijärigen bzw. Descartes‘ gesprochen.“

Nein; was ich zu fremden Weltbildern sage oder von ihnen zu wissen glaube, bildet doch ebenfalls nur einen Teil meines eigenen Weltbilds. Das können Sie endlos scheinbar hin und her denken; es ist kein Hin und Her, sondern wir kommen nicht aus dem eigenen Weltbild heraus.

3.11. Interpretationen als lebensnotwendige Vorurteile

Aristoteles entwickelte den Hylemorphismus, um die vielen qualitativ hoch- bzw. minderwertigen Substanz-Arten der antiken Seins-Pyramide einheitlich erklären zu können. Seine Grundidee besteht darin, „Materie“ – nicht unsere physikalische; deswegen die Anführungsstriche – zu formen, wobei das Resultat – die geformte „Materie“ – stets

– entweder als Substanz dienen, Akzidenzien aufnehmen und mit ihnen Seiende bilden kann  

– oder nochmal als „Materie“ fungiert und geformt wird.

 

Theoretisch beginnend beim asymptotischen Grenzfall einer absolut unbestimmten und damit undenkbaren „materia prima“ – für uns: „Materie“(0) – entsteht in Einheit mit einer entsprechenden Form(0) die einfachste Substanz, die Substanz(0).

Zusammen mit ihren Akzidenzien(0) bildet sie einerseits sehr bescheidene Seiende(0).

Andererseits kann die Substanz(0) jedoch auch als „Materie“(1) fungieren, die  von der bereits etwas anspruchsvolleren Form(1) nochmals, nun zur Substanz(1) geformt wird, die mit den Akzidenzien(1) die Seienden(1) konstituiert.

Substanz(1) dient aber möglicherweise auch als „Materie“(2) . . .,, so daß schrittweise immer bestimmter oder „seiender“ werdende Substanzen und „Materien“ entstehen, aus denen letztlich die Seins-Pyramide in ihrer Aristotelischen Form errichtet werden kann.

 

Ich schreibe das, nicht weil wir es benötigen, sondern weil das Formen von „Materie“ ein sehr eingängiges und verführerisches Modell darstellt, dem man leicht verfallten kann.

Unser fundamentales Denkschema hat damit aber auch gar nichts zu tun, und wir formen weder Transzendentalien noch Anschaungen.

Sie entsprechen natürlich der Aristotelischen „Materie“, werden aber nicht geformt, sondern interpretiert.  Zwei unterschiede sind hierbei fundametal.

Zum einen geschieht bei uns mit dieser „Materie“ absolut nichts; die Transzendentalien bzw. Anschauungen bleiben völlig ungeandert das, was sie vor unserem Interpretieren waren, denn wir können weder das Wirkliche noch das Unbestreitbare korrigieren.

Zum anderen sind die Interpretationen Vorstellungen oder Begriffe (bei den Anschauungen) und damit rein geistig, so daß sie gar nicht zu der „Materie“ passen. Sie können sie nur interpretieren; weder stellen sie Wissungen von jener dar noch ist eine Identität mit ihr möglich. Die Interpretationen ersetzen die Transzendentalien bzw. Anschauungen, wenn wir denken möchten, denn das ist mit diesen unmöglich.

Das „Leben“ ist nicht das Leben, formt es nicht und stellt auch kein Wissen von ihm dar.

Eigentlich absurd – aber wir haben gegenwärtig keine bessere Ersatz-Wissung. Sollten wir eine finden, ersetzen wir den alten Begriff „Leben“ durch den neuen Begriff „Leben“ und verstehen dann vielleicht auch manches besser.

 

Ich erwähne noch ein paar Beispiele, die mir persönlich geholfen haben; vielleich tun sie es bei Ihnen auch.

In „exakt der gleichen Situation“, in der die Ägypter ihren Gott Re wahrnahmen, sehen wir unsere Sonne; deswegen ist es nicht exakt die gleiche Situation.

 

Georg Picht verweist auf seine Türklinke, um sofort rückzufragen:

Was heißt hier „Türklinke“? Ja, auch; im partiellen Denk-Horizont der Wohnungseinrichtung. Im Horizont der klassischen Mechanik hätten wir jedoch einen Hebel und im Horizont der Geschichte vielleicht eine Antiquität. Die „Türklinke“ kann als Sicherheitsrisiko, Ärgernis oder Erinnerungsstück verstanden werden, als Quietschquelle oder Spielzeug für die Enkel, als Unfall- oder Reparaturschwerpunkt usw.

„Sie“ ist an sich nichts von alledem und auch nichts anderes, weil „sie“, ohne zu einer Wahrnehmung auf den Begriff gebracht oder interpretiert worden zu sein, gar kein Etwas darstellt.

 

Kenneth Gergen illustriert unsere Überlegungen an folgendem Beispiel:

Wenn wir sehen, wie Moritz seinen Garten umgräbt, entspricht dies bereits einer ganz speziellen Interpretation. Vielleicht gräbt er aber auch gar nicht um, sondern sucht nach einem Schatz; ist verarmt und muß Kartoffeln anbauen; hat eine Wette verloren; braucht körperlichen Ausgleich; will seine Frau beeindrucken oder die Nachbarin; vielleicht probiert Moritz auch nur, ob er der Anstrengung noch gewachsen ist; will etwas verstecken, hat etwas versteckt oder sucht es – eine Leiche vielleicht . . .

 

Das läßt sich verallgemeinern:

Wenn jemand sagt „So ist es“, korrigieren wir in Gedanken „So kann man es also auch sehen“. Und laufend werden wir überrascht, welche verrückten Varianten dabei noch auftreten mögen.  

 

„Fossilien“, als letztes Beispiel, können nicht die Wirklichkeit der Evolution beweisen, denn es sind gar keine Fossilien, sondern unbestreitbare Anschauungen, die wir in dem Maße als Fossilien verstehen, wie unser Weltbild evolutiv geprägt ist. Daß diese Interpretation dann in das Weltbild paßt, ist tautologisch und nicht beweiskräftig.

Lassen Sie sich das bitte auf der Zunge zergehen: Nicht führen uns die Fossilien zur Evolution; vielmehr bringt die Evoltionstheorie die Fossilien hervor.

Glaubten wir statt ihrer die Deutschen Heimatsagen, lägen in der Erde keine Fossilien, sondern die Knochen der Riesen, von denen wir natürlich auch immer schon wußten, daß sie in dieser Gegend gehaust haben müssen.

Die eine bekannte Theorie ist so rund wie die andere, denn unrunde setzen sich nicht durch und gehen zumeist verloren, bevor sie überliefert werden können.

 

Unsere divergierenden Überzeugungen sind nur möglich, weil es keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten – als Wahrnehmungen – gibt, sondern „nur“ Interpretationen. Ein Mensch ohne Weltbild kann nichts wissen, muß allein mit den Anschauungen leben – und benötigt somit jemanden, der ihn in jeder Hinsicht versorgt.

Unsere Interpretationen lassen sich demzufolge auch sinnvoll als „lebensnotwendige Vorurteile“ (Hans-Georg Gadamer) verstehen. Letztere verdienen ihren negativen Beigeschmack lediglich dann, wenn wir unbelehrbar oder so stur sind, daß wir jede  Wahrnehmung zu einer bloßen Bestätigung uminterpretieren, um Recht zu haben

Der „hinterhältige“ Nachbar besitzt dann kaum noch eine Chance; was auch immer er tut, wird uns seine Hinterhältigkeit bestätigen: „Hab ichs nicht gesagt!“

So ist meines Erachtens auch unser Weltbild entstanden, von dessen Wahrheit im Sinne eines adäquaten Bildes der Welt wir möglicherweise felsenfest stur überzeugt sind – weil immer alles paßt passend gemacht wird.

3.12. Änderungen und Anderungen

Ich stehe noch in einer Bringschuld, die nun beglichen werden soll.

Ganz zu Beginn hatte ich die zwei Begriffe der Änderung und Anderung eingeführt, mich aber außerstande gesehen sie, dort bereits sauber zu definieren.

 

Änderungen sind solche von Wissungen und setzen etwas konstant Bleibendes voraus.

Das besteht traditionell in den Substanzen. Äpfel ändern ihre Akzidenzien – Farbe, Größe, Form usw. –, die angeblich von einer unzugänglichen Apfel-Substanz zusammengehalten werden.

Da wir die Wirklichkeit von Änderungen natürlich nicht bestreiten (können), die Substanzen jedoch als hinterwäldlerisch aufgeben müssen, benötigen wir etwas anderes Konstantes, und das besteht in den Wissungen selbst.

 

„Ich glaube, jetzt verrennen Sie sich.

Es gibt kein Wissen von Äpfeln, so daß die traditionellen Äpfel für uns nur Wissungen sein können; Wahrnehmungen oder Vorstellungen. Die Substanz entfällt vollständig, und die Akzidenzien sind veränderlich, so daß sie bei uns zu veränderlichen Wissungen werden.

Das kann ich alles nachvollziehen; aber nun sagen Sie, Wissungen wären konstant. Beides zugleich geht jedoch nicht; entweder veränderlich oder konstant.“

 

Doch; es geht; und wir bestätigen dies mit nahezu allen Sätzen über Änderungen.

Immer handeln sie davon, daß etwas sich ändert; das heißt, daß es sich ändert.

Ändern kann sich nur, was sich zugleich treu bleibt.

Eine Farbe, die sich sich ändert, bleibt eine Farbe; die grüne Farbe des Apfels wird zur roten.

Eine Länge, die sich sich ändert, bleibt eine Länge; lediglich ihr Meßwert wird ein anderer.

Dabei habe ich keine Spezialfälle oder eine „ausgezeichnete Ebene“ gewählt, um Recht zu haben; denn wir könnten das nahezu beliebig fortsetzen:

Ein Rot, das sich sich ändert, bleibt ein Rot; aus ziegel- wird karminrot.

Ein Meßwert, der sich sich ändert, bleibt ein Meßwert; aus 72 werden 73 cm.

Wissungen, können wir also zusammenfassen, bestehen diesbezüglich in der Einheit von Konstanz und Änderung.

 

Die Aussage, daß sich etwas andert, ist dagegen widersprüchlich. Wenn alles anders wird, gibt es kein konstantes „sich“, das sich treu bleibt. Ohne „sich“ kann aber auch keine Wissung – als Einheit von Konstanz und Änderung – vorliegen, wir wir soeben gesehen haben, so daß die Anderungen nicht – wie die Änderungen – innerhalb von Wissungen erfolgen können.

Sondern? Was wird dann anders?

Die Wissungen; sie andern sich nicht, sondern aus diesen werden jene Wissungen; während Änderungen intra-wissentlich erfolgen, sind Anderungen inter-wissentlich. Vor der Anderung haben wir A geglaubt, und danach erscheint uns B ≠ A als überzeugender.

 

Je nachdem, welche Bedeutung den beteiligten Wissungen in unserem Leben zukommt, können Anderungem einen extremen Umbruch darstellen, der im negativen Fall als existenzielle Zerstörung oder im positiven wie eine wunderbare Erleuchtung erfahren wird.  

Dazwischen in dem gemäßigteren Übergangsbereich bestehen nun zwei Möglichkeiten, unser Leben zu verstehen; die alte Wissung aus der Zeit vor der Anderung und die neue oder geanderte. So entstehen automatisch Pro und Contra unter uns Menschen; die einen erkennen deutlich den Fort- und die anderen ebenso markant den Rückschritt, so daß Auseinandersetzungen bei wahrscheinlich vielfältigen Anderungen schon vorprogrammiert sind.

 

Damit können wir leicht den Bogen zu unserem Regallager schlagen und verstehen nun vielleicht auch besser, wie es zeitlos-statisch sein kann, obwohl ihm sämtliche Änderungen innerhalb unseres Weltbilds angehören: Sie existieren nur in Einheit mit der Konstanz – des Regallagers.

Anderungen finden hingegen keinen Platz darin, sondern entsprechen dem Übergang zu einem neuen Weltbild bzw. Regalllager.

3.12.1. Aufgeklärter Glaube

Wir müssen nochmals auf einen wichtigen Punkt des letzten Abschnitts zurückkommen.

Wenn Wissungen geandert werden, bestehen häufig zwei Möglichkeiten, unser Leben zu verstehen; anhand der alten noch ungeanderten Wissung A oder mit Hilfe der neuen bereits geanderten Wissung B. Das kann zum „Widerstreit“ (Jean-François Lyotard) führen, so daß wir vor der Frage stehen, wie er sich vermeiden läßt.

Eine Möglichkeit besteht darin, die beiden widerstreitenden Interpretationen A und B in einer integraleren aufzuheben.

„Das geht nicht, wenn sie sich widersprechen.“

Doch; das geht, denn sie widersprechen sich nur, sofern beide zugleich gelten sollen.

Die gesuchte integralere Wissung besteht – wie jede andere auch – in der Einheit von Konstanz und Änderung. Wir benötigten also eine konstante Größe K, deren Änderung der Anderung von A zu B entspricht; damit wäre diese Anderung in eine Änderung von K umgewandelt. 

 

Betrachten wir als Beispiel die entsprechenden drei möglichen Betrachtungsweisen der religiösen Umwälzungen in Europa beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.

Neben der alten sowie neuen Interpretation ist dazu noch die „ganz neue“ integralere erforderlich; dazu greifen wir erneut auf Gianni Vattimos „schwaches Denken“ zurück.

 

Alte Interpretation – Vom Glauben zu seinem Verfall – Anderung(1)

„Dieser historische Wandel läßt sich nur als Rückschritt oder Niedergang verstehen. Im MIttelalter herrschte der wahre Glaube und bestimmte das Leben des Einzelnen ebenso wie das der Gesellschaft. Die angebliche Aufklärung stellt in Wirklichkeit eine Verdunklung dar; die Menschen glauben nicht mehr – wodurch auch immer –, und damit rutscht alles Grundlegende weg; Wahrheit, Sinn, Werte, Ordnung, Liebe usw.“

(Die Krönung dieser Position, die mir selbst des öfteren in Gesprächen entgegengebracht wurde, besteht wohl in dem Gedanken, daß „wieder einmal ein Krieg kommen muß, der die Menschen Gottesfurcht und Beten lehrt“.)

 

Neue Interpretation – Von der Dunkelheit zur Aufklärung – Anderung(2)

Der überzeugte Atheist, Fortschritts- oder Wissenschaftsgläubige sieht sich in seinem modernen Weltbild bestätigt, das nun endlich zum Durchbruch gelangt.

„Die Aufklärung bringt Licht in das Dunkel des Mittelalters; Aberglaube, Priesterbetrug, dumme Märchen und unbegründete Ängste finden endlich ein Ende. Immer mehr Probleme lassen sich (rational) lösen, so daß wir unser Leben selbst in die Hand nehmen und einer großen Zukunft entgegengehen werden. Es erscheint die Morgenröte eines neuen Horizonts; alles wird besser; erstmalig atmen die Menschen Freiheit; der Fortschritt führt zur Aufklärung – und umgekehrt.“

 

Ich halte beide widerstreitenden Positionen für falsch und möchte sie in einer Änderung aufheben.

Die Geschichte, die vom mittelalterlichen Glauben zur modernen Aufklärung führte, läßt sich zum Glück nicht rückgängig machen – selbst wenn jemand dies wollte –, weil sie zeitlich und damit irreversibel ist.  Aber wir können den Widerstreit überwinden, indem wir eine geeignete Wissung K suchen, deren Änderung die beiden einander widersprechenden Anderungs-Interpretationen integriert.

Die erstrebte Wissung muß, mit anderen Worten, einen so großen Horizont besitzen, daß bei ihr eine bloße Änderung genügt, um das Gleiche zu erreichen, wofür im bisherigen diskretisierteren – oder kleinkarierteren – Denken die Anderung vom mittelalterlichen Glauben zur modernen Aufklärung nötig war.

Diese beiden Standpunkte sind in der Form unvereinbar; ließen sie sich jedoch als Phasen der Veränderung einer konstanten Wissung verstehen, könnten sie sich versöhnen lassen.

 

Wir nennen die gesuchte Wissung K „aufgeklärter Glaube“; das wäre auch als Buchtitel gut gewesen. Aber entscheidend ist ohnehin nicht die Bezeichnung, sondern der Inhalt, das heißt, die Wissung selbst.

Der aufgeklärte Glaube hat sich in der Geschichte vom mittelalterlichen Glauben zur modernen Aufklärung geändert. Das bedeutet ein Zweifaches; wir müssen

– den mittelalterlichen Glauben als die Aufklärung des Mittelalters und

die moderne Aufklärung als den Glauben der Moderne verstehen.

 

Rein formal sollte das nachvollziehbar sein; und auch inhaltlich finde ich es großartig:

Im Mittelalter wurde beispielswise auf die Frage, ob die Menschen Gottes Ebenbild sind, wohl fast nur bejahend geantwortet; so redete man eben und hat das „Glauben“ genannt. Praktisch wurde mit diesen Ebenbildern Gottes trotzdem nicht sehr zimperlich umgegangen; Kriege, Folter, Hinrichtungen, Plünderungen, Ungleichheiten, Massenelend, Ausbeutung . . .

Gegenwärtig verstehen wir immer weniger, was eine Gottesebenbildlichkeit des Menschen überhaupt sein soll, aber wir haben dafür einige Errungenschaften, die alle Möchte-gern-Demokraten zumindest öffentlich bekunden müssen: Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit jedes Einzelnen, Gleichberechtigung, das Verbot von Folter sowie Todesstrafe, die Verurteilung sämtlicher willkürlichen Privilegien, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die Ablehnung jeglichen Stammesdenkens in Politik, Religion oder Kultur usw.

 

Aus einer frommen Theorie ist politische Praxis – oder zumindest schon eimal: Korrektheitgeworden, und was kann sich ein aufrichtiger Christ mehr wünschen, als daß sein aufgeklärter Glaube – wie der Sauerteig, das Salz oder Licht auf dem Berg – die Geschichte oder Gesellschaft durchdringt?

Natürlich verändert sich der aufgeklärte Glaube dabei – das war ja unsere Grundidee.

„Sollen doch ruhig alle denken, das habe nichts mit meinem Glauben zu tun oder sei gar dessen Ende; mir genügt sein Erfolg. ‚Nicht wer Herr, Herr sagt, sondern wer den Willen meines Vaters tut . . .‘; und der besteht darin, daß alle Menschen das Leben in Freiheit und Fülle haben.“

3.12.2. Atheistische Mystik

Wer konkret danach sucht, findet erstaunlich viele Beispiele überzeugter und bekennender Atheisten, die von umstürzenden, sie aus der – zumindest alltäglichen – Bahn werfenden Erfahrungen berichten. Ich verweise diesbezüglich auf Heiner Schwenkes „Transzendente Begegnungen“ und wähle zwei Autoren als Beispiele, die hinsichtlich ihres Bekenntnisses zum Atheismus über jeden Zweifel erhaben sind.

 

Michael Schmidt-Salomon, Mitbegründer und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, schildert in „Jenseits von Gut und Böse“:

„Die Farben leuchteten kräftiger als je zuvor, die Düfte der Pflanzen . . . stiegen betörend in meine Nase. Noch bemerkenswerter war, daß diese starken äußeren Sinneseindrücke begleitet wurden von einem Gefühl größter innerer Ruhe . . . Die Grenze zwischen mir und der Außenwelt schien völlig aufgehoben zu sein . . .“, so daß sich „. . . mein Ich verflüchtigte.“

 

Bei André Comte-Sponville, einem ehemaligen Philosophie-Professor an der Sorbonne, können wir in „Woran glaubt ein Atheist?“ lesen:

„Der Sternenhimmel über mir, unermeßlich, unergründlich. strahlend, und in mir nur dieser Himmel, dessen Teil ich war. . . . wie eine Offenbarung, nur ohne Gott. . . . Endlich hatte ich begriffen, was das Heil ist . . . ich hatte es empfunden, gefühlt, erfahren und mußte deshalb nicht weiter danach suchen.“

 

Es sind wie stets zwei gegensätzliche Anderungs-Interpretationen möglich.

Die christliche könnte etwa lauten:

„Diese verbohrten Atheisten leugnen Gott sogar noch, wenn sie ihn selbst erfahren haben; Paulus war einsichtig, sie sind wie vernagelt!“

Das atheistische Pendant dazu wäre:

„Wir Menschen können offensichtlich Dinge erfahren, die weit über das Gewohnt-Alltägliche hinausgehen. Ich hatte das nicht erwartet, bin aber natürlich offen und lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Warum die Gläubigen immer gleich mit ihrem Gott anfangen, wenn etwas Phantastisches geschieht, verstehe ich freilich nicht. Wahrscheinlich hängt es mit ihrer Tradition zusammen, in der Gott ja oft genug als Lückenbüßer für unbeantwortbare Fragen oder unerklärliche Phänomene herhalten mußte – und die sie nun konsequent fortsetzen:

‚Endlich haben wir die Stelle, an der Gott wirklich in Erscheinung tritt!'“   

 

Innerhalb einer integraleren Wissung, die beide Positionen übergreift und somit auf bloße Änderungen zurückführt, würde ich ungefähr formulieren:

Einem Maulwurf sind höchstwahrscheinlich nur sehr eingeschränkte Anschauungen möglich. Daran gemessen befinden wir Menschen uns in einer erheblich besseren Position, aber auch unsere Anschauungen sind endlich. Wie begrenzt, läßt sich natürlich nicht einschätzen, weil uns der Maßstab oder Vergleich dazu eo ipso fehlen muß. Wir können aber nicht ausschließen, daß uns Anschauungen möglich sind, die weit über die alltäglich gewohnten und dadurch bekannten hinausgehen.

Die Grenze, die unsere bisherigen Anschauungen von den noch möglichen trennt, hat absolut nichts mit Gott zu tun – die Atheisten sind im Recht.

Ohne Gott würden wir jedoch nicht leben und gäbe es somit überhaupt keine Anschauungen – „die Christen sind im Recht“.

Dummerweise muß ich diese Anführungsstriche setzen, denn die meisten Gläubigen sehen es ja leider gar nicht so, sondern verteidigen vehement die Grenze innerhalb der Anschauungen, weil sie irrtümlicherweise glauben, Gott nur jenseits von ihr finden zu können. 

 

„Ich verstehe; so können Sie aber nur denken, weil Sie in unseren bisherigen Wahrnehmungen keine von einer uns vorgegeben Welt sehen. Wer dies dagegen mit der Tradition glaubt, muß auch die von Ihnen angedeutete Grenze ernstnehmen, denn eventuell zukünftige Wahrnehmungen ganz anderer Art können dann keine von dieser Welt sein, sondern müssen tatsächlich irgendwie mit Gott zusammenhängen.

Sehr schön; ich halte dagegen bereits hier tollere Wahrnehmungen für möglich, die durch ein integraleres Weltbild zustandekommen. Das ist ein schönes Beispiel dafür, daß unser Canceln der Welt keine neuen Probleme schafft, sondern bereits bestehende löst.

3.13. Integralität als Lebensdienlichkeit

Carl Friedrich von Weizsäcker schrieb einmal sinngemäß:

Wenn wir ein Problem nicht lösen können, liegt das lediglich daran, daß wir unfähig sind, es als Aufgabenstellung hinreichend genau zu formulieren. Eine exakte Beschreibung des Problems wäre zugleich die Arbeitsanleitung für seine Lösung.  

Ich bin mir nicht sicher, ob von Weizsäcker damit Recht hat, und benutze seinen Gedanken deswegen auch nicht; aber er illustriert sehr schön, worum es mir an dieser Stelle geht:

Unser Denken und gezieltes Handeln sind an das eigene Weltbild gebunden; darin ist uns nicht alles möglich, aber außerhalb davon gar nichts. Ließe sich das Weltbild erweitern, würde dies natürlich auf unsere Vorstellungs- und Handlungsmöglichkeiten durchschlagen.

 

„Genau darin besteht der Sinn unserer Forschung; das wissenschaftliche Weltbild wird immer umfangreicher.“

Das tut es natürlich, war aber damit nicht gemeint; mir geht es nicht um quantitative Steigerungen oder die Größe des Weltbilds, sondern um seine Sichtweise, um die Art des Hinschauens. Die Chemie läßt sich nicht auf Physik reduzieren, hatten wir oben bereits geschrieben und ergänzen nun: weil sie ganzheitlicher ist. Diese Reihe der immer integraler werdenden Wissungen läßt sich stilisiert fortsetzen:

Physik – Chemie – Biologie – Medizin – Psychologie – . . . – Geisteswissenschaften – . . . – Kunst – . . . – Religion 

Die Wissungen werden integraler, indem wir immer stärker vom Erklären zum Beschreiben übergehen, kausale Ursachen durch freiheitliche Gründe ersetzen und damit zu dichteren Horizonten oder Zusammenhängen wechseln.

„Dichter“ bedeutet dabei, daß nun eine konstante Wissung K existiert, durch deren bloße Änderungen wir das einheitlich darstellen können, was bei einer weniger dichten oder diskretisierteren Betrachtungsweise unverbunden auseinanderfiel und einfach anders wurde

Unser Übergang von unzusammenhängenden oder gar einander widersprechenden Wissungen, die „sich“ andern, zu sich ändernden ist also ein Verdichten oder Integrieren. Diese Möglichkeit zur Integration kennt kein Ende.

Daraus erklärt sich meines Erachtens der schier unvermeidliche Gedanke, es müsse noch „eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit“ geben, die Transzendenz, das Jenseits oder ganz Andere.

 

Das tradiionelle Denken kennt mit seiner Welt kein solches, potentiell unendliches Integrieren, denn es stößt bei ihr an unverrückbare Grenzen, so daß beispielsweise Gott am „Jüngsten Tag“ persönlich – die alte Welt vernichten und – „alles neu machen“ muß.

Mir schwebt eher ein Mittelweg vor.

Auf der einen Seite war diese traditionelle Konsequenz soeben teilweise richtig; wir können beispielsweise nicht für das Heil der Verstorbenen sorgen. Wenn Gott letztlich nicht selbst alles gut macht, – wie versprochen – die volle Verantwortung übernimmt und sogar den Tod besiegt (hat), wird nicht alles gut.

Auf der anderen Seite soll das Reich Gottes jedoch hier und jetzt bereits durch uns beginnen und sich somit schon in diesem Leben möglichst vieles zum Positiven andern. Das läßt sich traditionell – bei einer fest vorgegebenen Welt – nicht einmal denken geschweige denn realisieren.

In unserem Ansatz wird beides möglich; je integraler das eigene Weltbild ist, um so lebensnaher bzw. menschlicher können wir denken sowie handeln und damit Gott vielleicht die eine oder andere Verantwortung abnehmen. Wir würden dann vielleicht nicht immer mehr von dem produzieren, was keiner braucht, sondern sowohl anders als auch anderes.

 

Das Integrieren ist ein Vereinen, das wir auch als ein weiteres Verschieben der Grenze innerhalb Gottes vom Leben zum Ursprung oder von der immanenten zur transzendenten Transzendenz verstehen können.

Während sich das Spekulieren oder Fabulieren über die Transzendenz traditionell als alternativlos erweist – was bleibt uns denn anders übrig? –, können wir verlustlos darauf verzichten, denn es besteht die Möglichkeit, mehr von ihr in unser Leben hineinnehmen und verläßlich beschreiben zu können, so daß auch die Theologie endlich zu einer Erfahrungswissenschaft wird.

 

Unserem Weltbild kommt keine Abbildfunktion zu, so daß es auch nicht wahr sein kann. Das ist ungewohnt – aber großartig:

Es geht weder um eine Welt noch um unser Weltbild als solches, sondern allein um unser Leben.

Damit letzteres gelingt, bedarf es einer guten, das heißt, lebensdienlichen Orientierung anhand eines möglichst integralen Weltbilds – als Mittel zum Zweck –, das unter anderem unser Verständnis fördert, das Leben erfüllt, Hoffnung schenkt, und Intersubjektivität ermöglicht.

 

„Dann kann unserem Weltbild also doch Wahrheit zukommen; wir müßten sie nur als Lebensdienlichkeit verstehen?“

Das gefällt mir aus mindestens zwei Gründen nicht.

Zum einen vergeht das Weltbild ebenso, wie es entstanden ist. Der traditionelle Gedanke, Wahrheit müsse etwas Bleibendes sein, ist ja nicht so einfach von der Hand zu weisen; nur seine dortige Umsetzung mißfällt mir. Ich bin jedoch überzeugt, daß unsere Existenz – als Einheit von Leben und Sterben – nicht vergeht und möchte den Wahrheitsbegriff deshalb darauf beziehen.

Zum anderen entspricht das Weltbild eher dem Gewissen. Letzteres hat zwar „immer Recht“, aber wir sprechen dennoch kaum von seiner Wahrheit – weil es vorgegeben ist –, sondern eher von derjenigen unseres Tuns, wenn es dem Gewissen folgt.

4.1. Vorstellungen

Vorstellungen sind „zeitliche“ bzw. zeitlose, rein geistige und dadurch natürlich unwirkliche Wissungen, die keinen Referenten besitzen und in der Einheit von Begriff und Ausmalung bestehen. Wir können sie anschaulich in ein Regallager mit drei „räumlichen“ Dimensionen und einer „zeitlichen“ Richtung einsortieren.

Für uns ist das aber nicht mehr die Schau des Nous, sondern die Summe unserer subjektiven Vorstellungen, und in diesem Sinne ist nichts gegen ein solches Regallager einzuwenden.

Vorstellungen sind nicht nur unwirklich, sondern wir können sogar jede von ihnen bestreiten und damit sagen: Mit Sicherheit wird das niemals zu einer Wahrnehmung für mich werden.

Anders formuliert bedeutet dies, daß uns alle Vorstellungen vor die Entscheidung stellen, ob wir sie entweder glauben, annehmen bzw. akzeptieren oder nicht-glauben, ablehnen resp. verneinen.

Und schließlich bilden unsere Vorstellungen – durch die darin enthaltenen Begriffe – als Weltbild eine integrale Einheit, die sich auf zwei Weisen zeigt.

 

Zum einen sind die Vorstellungen wie bei einem Netzwerk alle untereinander verbunden und tragen sich gegenseitig. „Wird nur eine von ihnen anders“, so wirkt sich das – zumindest ein klein wenig – auf alle übrigen Vorstellungen aus, so daß gar nicht nur eine von ihnen anders werden kann.

Schon um nach einer Vorstellung fragen zu können, benötigen wir andere; und noch offensichtlicher wird dies beim Antworten. Prinzipiell kann jede unserer Vorstellungen hinterfragt werden, aber nicht alle zugleich, weil sie für die Antworten erforderlich sind. Die integrale Einheit der Vorstellungen – unser Weltbild – muß also stets hinreichend stabil bleiben, sonst sind sie alle weg – da sie sich ohne Wovon nur gegenseitig tragen und somit die Welt ersetzen (müssen).

 

Zum anderen ist das Netzwerk der Vorstellungen in sich (ab)geschlossen; sie genügen sich selbst. Was auch immer wir mit ihnen tun – Überlegen, Erklären, Aufzeigen oder Interpretieren zum Beispiel –, führt wieder zu Vorstellungen und niemals aus ihrer Einheit heraus.

Nichts ermöglicht es uns, den Zusammenhang oder Kreis der Vorstellungen zu verlassen.

„Doch; das Zeigen zum Beispiel. Wir müssen die Frage, was ein Baum ist, nicht – wie Sie hier unüberlegt voraussetzen – mittels anderer Vorstellungen sprachlich beantworten, sondern können auch ganz einfach auf einen Baum zeigen.“

Nein; Entschuldigung, aber Ihre Tradition glaubt unüberlegt, auf Ur-Bäume zeigen zu können. Wir sind bescheidener und begnügen uns damit, daß es möglich ist, auf Baum-Wahrnehmungen zu verweisen. Diese gibt es aber ohne – den Baum-Begriff bzw. – die Baum-Vorstellung gar nicht, so daß wir mit unserem Zeigen keineswegs aus dem Weltbild ausbrechen, sondern es sogar beim Zeigen benötigen.

 

Diesen integralen Zusammenhang habe ich vor Augen, wenn wir Vorstellungen als nur unterschieden betrachten.

Er fehlt bei den traditionellen Seienden vollkommen, und deswegen betrachten wie sie als getrennt – nicht als unterschieden. Auch auf diesen Punkt waren wir oben schon enmal zu sprechen gekommen:

Es gibt diese Seienden und – vollkommen unabhängig davon oder rein willkürlich – noch jene; sie sind uns vorgegebene zusammenhanglose Einzeldinge. Was ein Tisch ist, hängt nicht davon ab, ob Stühle existieren; und rot ist rot – auch ohne grün.

1000 Seiende entsprechen somit 1000 einzelnen Überraschungen. Natürlich mag, wer Seiende glaubt, auch noch 100 urbildliche Zusammenhänge zwischen ihnen behaupten; aber damit weist er mir keinen Denkfehler nach, sondern erhöht lediglich die Anzahl der Seienden auf 1 100.

Wenn eine Brücke zwei Ufer verbindet, sind traditionell drei getrennte Seiende vorhanden, und die entsprechenden Vorstellungen bleiben als deren Abbilder unabhängig voneinander.

4.1.1. Vorstellungen als Denkwerkzeuge

Vorstellungen sind Denkwerkzeuge; sie können weder wahr noch unwahr und weder richtig noch falsch sein, sondern sind lediglich mehr oder weniger fruchtbar, nützlich, sinnvoll oder elegant. Für das, was uns wichtig ist, müssen wir die geeigneten Denkwerkzeuge selbst kreieren, wie ich dies – wohl zu Ihrem Leidwesen – im Buch häufig versuche. 

„Wer weiter denkt, hat Recht“ (Georg Picht), und gut sind diejenigen Denkwerkzeuge, die uns dabei helfen, das heißt, unsere Überlegungen erleichtern, abkürzen, in die gewünschte Richtung führen oder weitere Möglichkeiten eröffnen und Sackgassen vermeiden.

Das war natürlich immer schon so, auch in der gesamten Tradition. Aber wenn die Denkwerkzeuge so geschickt gewählt sind, daß man mit ihnen gut zurecht- und vorwärtskommt, kann sich schon die Überzeugung einschleichen, ein Endziel – in Form der Urbilder – und damit die ewige Wahrheit erreicht zu haben, das heißt, nie mehr weiterdenken oder neu interpretieren zu müssen.

Das schließt freilich nicht aus, daß wir trotzdem versuchen, mit ungeeigneten Denkwerkzeugen die falschen Probleme zu lösen – ohne es zu bemerken.

 

„Sie betreiben Ihre Haarspalterei also, um möglichst vielen Denkfehlern vorzubeugen?“

Unter anderem auch das; Philosophieren ist Hegel zufolge die „Anstrengung des Begriffs“ (im genitivus subjectivus sowie objectivus); was sollte es auch anders sein können? Und diese „Haarspalterei“ lohnt sich, wenn sie hilft, Fragen – nicht nur richtig zu beantworten, sondern – im Sinne eines reicheren Lebens erst einmal richtig zu formulieren.

Die Tradition beantwortet zahllose Fragen auf geniale Weise, die aber heute nicht mehr von Interesse sind, niemand stellt oder auch nur versteht; ohne Fragen sind jedoch selbst die tollsten „Antworten“ keine Antworten mehr.

Noch für Martin Luther war die Frage „Wie bekomme ich einen barmherzigen Gott?“ ein Herzensanliegen; kennen Sie viele Menschen, die heute von dieser Sorge gequält werden?

 

Ich behaupte keineswegs, den optimalen Weg für den Übergang vom traditionellen zu unserem Ansatz gefunden zu haben. Aber selbst wenn es so wäre, ließen sich stetige Korrekturen an denjenigen Vorstellungen, die am Anfang unserer Überlegungen standen, prinzipiell nicht vermeiden:

Alle Vorstellungen hängen – über die Begriffe – voneinander ab; wird eine von ihnen überarbeitet, so wirkt sich dies letztlich auf sämtliche anderen (zumindest ein klein wenig) aus. Aber wir tun die ganze Zeit nichts anderes, als Vorstellungen zu canceln, kreieren und korrigieren, so daß am Ende alle eine andere Bedeutung haben werden als zu Beginn.

Nachdem wir an A, B und C explizit gearbeitet und sie dadurch in A‘, B‘ bzw. C‘ umgeformt haben, müssen wir notwendigerweise auch D, das bisher vielleicht gar keine Rolle spielte, korrigieren, denn es paßt nicht mehr – nein: noch nicht – zu A‘, B‘ und C‘.

 

Wir arbeiten an unseren Vorstellungen, können das aber nur mittels eben dieser Vorstellungen.

Bildlich ausgedrückt entspricht das dem Umbau eines Schiffes auf hoher See, das heißt, ohne Trockendock. Aus dem Schiff „traditioneller Ansatz“ soll am Ende das Schiff „metaphysischer Explikationismus“ werden. In der Übergangszeit benötigen wir aber wenigstens noch ein Wrack, das zwar keines von beiden, aber doch seetauglich genug ist, um nicht vor lauter umbaubedingten Ungenauigkeiten, Fehlstellen, Zweideutigkeiten und Widersprüchen unterzugehen. 

Dieses Untergehen habe ich versucht zu vermeiden, indem wir sehr häufig – ausgehend vom jeweils gegenwärtigen Wrack – das nicht mehr existierende Schiff dem noch nicht existierenden gegenüberstellen.

 

Wenn Sie nach dem Durcharbeiten dieses Buches so denken wie zuvor, war Ihre Mühe vergebens und Sie hätten die investierte Zeit wesentlich besser nutzen können.

Deswegen lese ich kaum Arbeiten, die mir Recht geben; eine in diesem Sinne angepaßte Literatur-Auswahl mag psychologisch verstanden angenehm sein und guttun, ist aber ebenso langweilig wie sinnlos, weil sie mich keinen Deut weiterbringt. Sie gibt mir lediglich Recht; mir geht es aber um Verstehen und weder um Bestätigung noch darum, Recht zu haben.

Die ersten Vorstellungen ermöglichen uns einen Start; wir denken mit ihrer Hilfe und gelangen zu weiteren Vorstellungen, denken mit ihrer Hilfe und gelangen . . . Am Ende benutzen wir zwar möglicherweise immer noch die gleichen Worte, um unsere Vorstellungen zu bezeichnen, aber letztere haben sich kontinuierlich geandert.

 

Ein Buch, dessen Ende begrifflich völlig zum Anfang paßt, entspricht einem zeitlosen Kreis und kann bestenfalls unterhaltsam sein. Wir versuchen, ihn durch eine Spirale zu ersetzen, deren Hub in Richtung der Zeit weist.

Sie hatten zu Beginn bestimmte Vorstellungen beispielsweise von Subjektivitäten, Gott oder Wirklichkeit. Beide Worte benutzen wir auch am Ende dieses Buches noch, aber mit einer – hoffentlich – anderen Bedeutung.

Begriffe müssen für eine bestimmte Dauer konstant bleiben, um wiederholt werden – und damit überhaupt Begriffe sein – zu können. Aber diese Konstanz stellt immer nur eine Näherung dar, und ihre Dauer ist teilweise kürzer als die Zeit, die Sie benötigen, um das Buch zu lesen.

 

Wolfgang Welsch formuliert diese Zusammenhänge folgendermaßen:

„Es ist das Eigentümliche philosophischer Reflexionen, daß sie ihre Ausgangsbegriffe in Bewegung, oft gar in Taumel versetzen und zum Umschlag bringen. ‚Dialektik‘ war von Platon bis Adorno das Wort dafür. Wer . . . identisch durchzuhaltende Bestimmungen zu geben vermöchte, könnte sich die Überlegungen und sollte den anderen seinen Vortrag ersparen.“

4.1.2. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein

Die Behauptung, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, stellt traditionell kein (gutes) Argument dar.

Die Welt ist vorgegeben und zeigt sich uns.

Wir denken, und daraus ergibt sich unter anderem auch, was sein kann sowie nicht sein kann.

Sehen wir an der Welt, was unserem Denken zufolge nicht sein dürfte, ergibt sich zwingend:

Wir haben uns nach der Welt zu richten und müssen folglich falsch gedacht haben.

Natürlich wird hierbei – wie selbstverständlich – vorausgesetzt, daß die Welt widerspruchsfrei ist; aber weshalb eigentlich? Was hat die Wirklichkeit einer angeblichen Welt mit den Gesetzen der Logik zu tun? Sind das nicht zwei verschiedene paar Schuhe? Warum soll richtiges Denken der Welt ent- und unrichtiges ihr widersprechen?

 

Zum Glück müssen wir derartige – sinnleere – Fragen nicht beantworten; bei den entsprechenden in unserem Ansatz ist das relativ unproblematisch: 

Wir bauen – nicht zuletzt durch eigenes Denken – an einem subjektiven Weltbild. Das ist mit Sicherheit nicht widerspruchsfrei, und dies zu glauben, wäre naiv. Ergeben sich Probleme, müssen es – wie bei der Traditon – natürlich selbstverschuldete sein; wir können aber – entgegen der Traditon – sowohl an der einen wie auch an der anderen Seite des Widerspruchs korrigieren, denn ohne Welt gibt es keine, die über jeden Zweifel erhaben wäre.   

 

Mein Lieblings-Beispiel stellt in diesem Zusammenhang das Theodizee-Problem dar; es meint den Widerspruch zwischen der Liebe sowie Allmacht Gottes auf der einen Seite und dem (menschlichen) Leid auf der anderen. Wenn beide Seiten adäquat abgebildet sind – Gott also wirklich lieb und allmächtig ist, während wir tatsächlich leiden (können) –, muß ihre Widersprüchlichkeit aus einem Denkfehler resultieren, den es zu korrigieren gilt.

Leibniz beispielsweise tut dies durch die Annahme, Gott habe in seiner Liebe und Allmacht die „beste aller möglichen Welten“ geschaffen; mehr oder Größeres – und damit insbesondere Leidfreieres – konnte er gar nicht bewirken.

Wer das glaubt, erlebt vielleicht keinen Widerspruch mehr, fragt sich aber möglicherweise, ob diese beste aller möglichen Welten nötig gewesen wäre oder Gott nicht besser auf seine Schöpfung hätte verzichten sollen..

 

Ich bin dagegen überzeugt, daß prinzipiell unlösbare Probleme stets aus unseren falschen Prämissen resultieren. Wir produzieren die Vorstellungen – Voraussetzungen, Theorien, Paradigmen oder Weltbilder – doch selbst; entstehen bei ihrer Anwendung unlösbare  Probleme, so müssen wir unsere Erzeugnisse korrigieren, denn sie stellen lediglich – mehr oder weniger willkürliche – Denkwerkzeuge dar.

Es nützt nichts, richtig zu denken, wenn wir dabei falsch beginnen oder ungeschicktes Werkzeug benutzen. 

Was nicht sein darf – Widersprüche beispielsweise –, kann also nur sein, wenn wir irgendwo Fehler begehen.   

 

Die Gravitationskraft beispielsweise ist keine Sache, die von uns erkannt wurde, sondern eine Vorstellung, die Newton erfunden hat, um damit zu arbeiten. Führt sie zu Widersprüchen, können wir diese Vorstellung einfach also wieder aufgeben – was Albert Einstein getan hat. Die Erde als Scheibe bildet ein bekannteres Beispiel, und als Kugel ist sie eines, das viele von uns noch nicht glauben wollen.

So verhält es sich meines Erachtens auch beim Theodizee-Problem; wir können es nicht lösen. Aber keineswegs, weil es zu schwierig, sondern weil es falsch gestellt ist und bei einer verbesserten Begrifflichkeit gar nicht auftritt.

In diesem Sinne würde ich anstelle von Leibniz beim Theodizee-Problem daher ungefähr Folgendes vorschlagen:

 

Der wahre Gott ist weder lieb noch allmächtig.

Diese Eigenschaften gehören lediglich zur Gottes-Vorstellung in unserem Weltbild; wir verfügen gegenwärtig über keine bessere Interpretation oder kein adäquateres Verständnis des wahren Gottes, und viele Gläubige – verschiedener Religionen – können damit auch recht gut leben.

Aber wer eine Identität Gottes mit diesem Bild behauptet, beraubt ihn seiner Wirklichkeit und macht ihn zu einem unwirklichen Götzen. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, daß viele Fragen bei einer solchen Gottes-Vorstellung unbeantwortet bleiben müssen, und dazu gehört nicht zuletzt das Theodizee-Problem.

 

Meine Antwort ist zweigeteilt.

Zum einen kann Gott in unserem Leben erfahren werden; und mehr, als daß wir daraufhin (an) einen liebenden und allmächtigen Gott glauben, ist vielleicht weder möglich noch nötig. Wem das geschenkt wurde, der hat keinerlei Schwieirigkeiten mehr mit dem theoretisch-abstrakten Theodizee-Problem.

Zum anderen dürfen wir aber trotzdem nicht behaupten „so ist es“, sondern sollten lediglich leben, als wäre es so. Setzen wir dagegen voraus, Gott sei wirklich lieb und allmächtig, stellt sich das unlösbare Theodizee-Problem.

 

Der „Missionsauftrag“ der Christen besteht weder darin, orthodoxe Lehren zu verkünden, noch darin, orthopraxe Riten zu vollziehen, sondern sie sollen „nur“ ihren Mitmenschen helfen, einen liebenden und allmächtigen Gott erleben und glauben zu können.

In dem Maße, wie sie das selbst erlebt haben und glauben, benötigen sie freilich auch keinen Missionsauftrag, denn „wovon mir das Herz voll ist, läuft mir der Mund über“; alles darüber Hinausgehende halte ich für Götzendienst.

4.1.3. Glauben oder Nicht-Glauben

„Bei jeder Vorstellung entscheiden wir also über ihre Relevanz, und Feldhasen beispielsweise gibt es für mich, weil ich (an) sie glaube?“

Nein; das ist nicht ganz exakt – und macht Ihre Aussage damit sinnleer:

Daß „es Feldhasen gibt“, stellt eine traditionelle Formulierung dar, die wir nicht verstehen (können) und deshalb nicht benutzen. Wenn Sie damit meinen, Feldhasen könnten einmal zu einer Wahrnehmung für Sie werden, bin ich natürlich einverstanden

 

Solange wir leben werden uns Vorstellungen angeboten – berichtet, gelehrt oder erzählt –, und bei jeder von ihnen bestimmen wir selbst darüber, ob wir sie glauben sollten.

Letzteres trifft freilich kaum auf Kinder zu; ihnen werden nicht nur die Vorstellungen – als existierend bzw. nicht-existierend – vorgegeben sondern auch ihre Wahrnehmungsmöglichkeiten, und sie sind darauf angewiesen, ihren Erziehern vertrauen zu können. Aber nach und nach entscheiden sie selbst; nicht nur was sie glauben bzw. nicht-glauben, sondern auch wer ihre Freunde sind, welche Bücher sie lesen, wohin sie gehen oder was sie lernen möchten – und damit indirekt auch über die Vorstellungen, die ihnen angeboten werden können.

 

Ich glaube das Nas-, aber nicht das Einhorn; letzteres gilt natürlich auch für die vielen bereits kritisierten traditionellen Vorstellungen wie Welt, Seiende, Abbilden oder Psyche.

Als Kinder standen wir bei Rotkäppchen, dem Klapperstorch und Gespenstern vor dem entsprechenden Problem und haben entschieden, daß es diese für uns nicht gibt:

Solche kindlichen Fragen stehen natürlich nicht mehr an; aber wie verhält es sich etwa bei den täglichen Nachrichten; was glauben wir, und was sind „Märchen für Erwachsene“, „Fake News“ oder „alternative Fakten“?

Existieren Higgs-Teilchen, Alternativlosigkeit, Gerechtigkeit, ungedopte Radprofis, ein friedlicher Islam, wahre Aussagen der Pharma- oder Automobilindustrie, gewaltfreie Religionen, das Bernsteinzimmer, nicht-korrupte Bereiche der FIFA, eine herrschaftsfreie Kirche, die nordkoreanische Wasserstoffbombe, ein Ursprung, das Coronavirus oder die menschliche Vernunft?

„Rückfälle“ sind selbstverständlich auch bei uns nicht ausgeschlossen; unsere Entscheidungen können – nach beiden Richtungen – korrigiert werden. In der Jugend hatten wir Gott oder ein Leben nach dem Tod vielleicht brüsk abgelehnt und an Säkularisierung sowie Fortschritt geglaubt – aber ganz so sicher sind wir uns dessen heute möglicherweise auch nicht mehr.

 

Traditionell denken die Menschen irrtümlich, sie glaubten, was richtig ist; aber wir müssen uns leider alle mit dem bescheiden, was zu glauben wir für richtig halten.

Wir orientieren uns natürlich sowohl an den angenommenen als auch an den abgelehnten Vorstellungen, das heißt, am vollständigen Weltbild. Glauben wir nicht, daß es eine Erderwärmung gibt, leben wir subjektiv ohne eine solche und wahrscheinlich anders als überzeugte Klimaschützer.

Für unser Weltbild sind wir selbst verantwortlich; es könnte ganz anders sein. Nur traditionell gibt es Ausreden, denn die so Denkenden können sich hinter ihren Seienden verstecken und mit ihnen entschuldigen.

4.1.4. Glauben im weiteren und engeren Sinne

„Sie benutzen den Begriff des Glaubens theoretisch bei jeder Vorstellung und damit inflationär, so daß er mit seiner eigentlichen christlichen oder auch nur allgemeinen religiösen Bedeutung gar nichts mehr zu tun hat. Ich kann zum Beispiel nicht in diesem Sinne (an) Feldhasen glauben, denn die gehören ganz simpel in die Zoologie.“ 

Tun sie das wirklich? Warum soll es nicht Subjektivitäten geben, denen der Feldhase heilig ist?

Ich akzeptiere beispielsweise Pharaonen, Kühe, Bücher, Kardinäle, Berge, Kirchen und Donar-Eichen; manches davon wird von dem einen oder anderen gewiß nicht nur anerkannt, sondern auch  für heilig gehalten. Wir stehen nicht vor der traditionellen – und damit unverständlichen – Frage, was wirklich heilig ist, sondern entscheiden lediglich darüber, was uns heilig ist.

Meine persönliche Antwort ist sehr einfach: Keinerlei Wissungen können mir heilig sein, weil sie ausnahmslos Konstruktionen von uns darstellen; sie als heilig zu betrachten, halte ich daher für Götzendienst. Vom Papst als „Heiligem Vater“ zu sprechen, dürfte ebenso unbiblisch wie unchristlich sein.

 

„Sie interpretieren, deuten oder verstehen den einen wahren Gott also beispielsweise mitttels des Begriffs der Dreifaltigkeit, und der gehört notwendigerweise zu Ihrem Weltbild – andernfalls wäre eine solche Auffassung ausgeschlossen.

Das entspricht Ihrem explizierenden Denkschema, aber ich kann absolut nicht sehen, wie eine solche Herangehensweise uns weiterhelfen kann. Auf der einen Seite haben wir den heiligen Gott, auf der anderen die unheilige Dreifaltigkeit, und die beiden tangieren sich nicht einmal denn:

Gott ist nicht dreifaltig, sondern wirklich, und die Dreifaltigkeit stellt eine unwirkliche Konstruktion der abendländischen Theologie dar; die beiden können also gar nicht zusammenkommen.“

 

Das war meines Erachtens gut, und ich kann Ihnen nur zustimmen. Aber aus Ihren Überlegungen folgt nicht zwingend, daß unser Nachdenken über die Dreifaltigkeit sinnlos ist.

Um letztere zu verstehen, müssen wir auch wissen, was beispielsweise Ein-, Zwei- oder Vierfaltigkeit bedeuten würde.

Die Begründung ist einfach: Wir verstehen doch die Aussage p höchstens in dem Maße, wie uns auch non-p klar ist. Wer nicht weiß, was nicht-dreifaltig ist, kann also auch dreifaltig nicht verstehen, denn mit der Annahme speziell der Dreifaltigkeit Gottes, meinen wir doch, daß ihm all die anderen Faltigkeiten nicht zukommen.

 

Diese n-Faltigkeiten verstehen wir anhand irgendwelcher Theorien; bei der Dreifaltigkeit besteht die übliche Version kurzgefaßt darin, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist drei Personen eines Wesens sind.

Natürlich kann das Resultat unserer Bemühungen nur in Vorstellungen bestehen, aber sie sind nicht alle gleichwertig, sondern unterstützen unsere Suche nach Gott mehr oder weniger intensiv. Diese Hilfe nimmt zwei Formen an.

Zum einen können wir unser eigenes Leben nur in dem Maße selbst entdecken, wie wir es mittels der Vorstellungen zu Erlebungen beschreiben. Daß sich die einen Theorien dazu besser eignen als die anderen – weil sie „tiefer graben“ –, versteht sich wohl von selbst. Der „Mensch als nackter Affe“, „Zwischenstufe der Evolution“ oder „Produkt von Zufall und Notwendigkeit“ beispielsweise bringen uns diesbezüglich wahrscheinlich kaum weiter.

Zum anderen ist die Grenze, die innerhalb Gottes das Leben vom Ursprung scheidet, verschieblich, und wo sie sich gegenwärtig befindet, hängt allein von unserem Weltbild ab. Gotteserfahrungen sind nur als eigene Erlebungen denkbar; das heißt, ob, auf welche Weise und wie intensiv wir Gott erfahren können, hängt wesentlich von unserem Wektbild ab.

 

Die n-Faltigkeitstheorien sind also nur in dem Maße sinnvoll, wie sie uns bei diesem Beschreiben sowie Explizieren helfen. Das heißt, sie müssen auf unsere Erlebungen durchschlagen; andernfalls stellen sie einen Unterschied dar, der keinen Unterschied macht – und damit irrelevant ist.

So geht es mir bei der obigen traditionellen Version; und das kann auch gar nichts anders sein, weil sie nur von Gott an sich handelt und unsere Erlebungen darin gar nicht vorkommen.

Können wir nicht sagen, mit anderen Worten, welche Erlebungen bei einem ein-, zwei- oder vierfaltigen Gott anders wären, ist seine Dreifaltigkeit bedeutungslos. Was soll denn der Glaube, Gott sei dreifaltig, für einen Sinn haben, wenn wir den Wechsel zu einem andersfaltigen gar nicht bemerken könnten? Worin unterscheiden sich derartige „Glaubenswahrheiten“ von Märchen oder Esoterik?

 

„Saulus hat sich meines Wissens nicht sehr intensiv mit hilfreichen Gottes-Wissungen beschäftigt; das würde Ihren Überlegungen zufolge massiv gegen sein Damaskus-Erlebnis sprechen.“ 

Sie haben vollkommen Recht mit dieser Schlußfolgerung, aber ich zweifle die Bekehrung zum Paulus dennoch in keiner Weise an; das tut wohl niemand, der sich ein wenig damit bechäftigt hat (Cristian Lehnert, „Korinthische Brocken“).

Im Zentrum unserer Überlegungen stehen für mich die Fragen nach dem Woher, Sinn und Inhalt des Glaubens. Worum geht es in der Theologie? Warum beschäftigen wir uns mit diesem Inhalt? Und wieso dringt er scheinbar zwangsläufig auch immer wieder in die Philosophie ein?

Mir geht es um unsere Möglichkeiten und Grenzen; die entsprechenden Fragen hinsichtlich Gottes sind mir zu  schwer. Mich muß nur interessieren, was ich selbst tun kann; alles andere überlasse ich sehr gerne dem Chef.

4.1.5. Was wir nicht glauben, exstiert für uns nicht

„Ihr Ansatz ist nobelpreisverdächtig; wenn ich gegen den Teufel bin, ihn ablehne oder nicht daran glaube, existiert er für mich nicht! Damit lösen Sie schlagartig alle Welt- – Pardon – Lebensprobleme auf einmal; wenn wir nicht daran glauben, gibt es beispielsweise auch keinen Klimawandel. Sie sollten als Berater zu Donald Trump gehen!

Akzeptieren Sie eigentlich Ihre Sterblichkeit? Oder lieber doch nicht?“

Das war ein wenig zu spitz von Ihnen; ich nehme nichts zurück!

 

Angenommen mir widerfahren ganz schlimme Dinge; ich ertrinke in den steigenden Weltmeeren und werde danach am Spieß gebraten. Aber wenn für mich weder Klimaerwärmung noch Teufel existieren, können sie unmöglich die Ursachen meines Leidens sein.

Nochmals mit anderen Worten, weil es so sehr gegen den Strich gedacht ist:

 

Auf der einen Seite folgt unser Nicht-Fliegen-Können – keineswegs aus der Wirklichkeit einer angeblichen Welt, sondern – aus dem Weltbild; und es kann auch nur daraus resultieren, weil allein im Weltbild Bedingungen formulierbar sind; zum Beispiel: Ohne Flügel kann niemand fliegen.

Existiert im Weltbild gar kein Teufel, kann er mich also auch unmöglich grillen.

 

Auf der anderen Seite folgt daraus absolut nichts hinsichtlich meines Leben, denn das ist primär und hängt nicht von den bestehenden Wissungen ab.

Ich bestreite also keineswegs die Möglichkeit von entsetzlichem Elend, sondern lege nur Wert auf die Selbstverständlichkeit, daß eine „Erklärung“, die ich ablehne oder nicht verstehe, für mich keine Erklärung sein kann. Eine Erklärung für mich muß eine Erklärung für mich sein, so daß auch nur ich selbst darüber urteilen kann, ob es eine ist.

 

Vielleicht habe ich auf das falsche Pferd – sprich: die falschen Überzeugungen – gesetzt; das ist natürlich stets möglich.

Aber ich kann das nicht daran merken, daß in dem Beispiel soeben „tatsächlich der Teufel kommt“. Was muß denn kommen oder zu Wahrnehmungen werden, damit der Teufel kommt? Genügt der Pferdefuß, oder sind Widderhörner und Gestank ebenso notwendig?

 

„So geht es meines Erachtens nicht.

Sie sprechen beim Abendessen in München zufällig mit Thomas Müller, wissen aber nicht, daß er es ist, weil sie keinen Fußball mögen. Wollen Sie etwa bestreiten, trotzdem Thomas Müller begegnet zu sein?“  

Das will ich in der Tat!

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einer Ihnen unbekannten Gegend spazieren, und erfahren hinterher, daß es dort von Skorpionen oder Vogelspinnen wimmelt; deswegen waren Sie so schön allein. Die nachträgliche Mitteilung verwandelt dieses Stück Lebensraum total; die landschaftliche Idylle wird zur schrecklichen Todeszone, die Sie niemals freiwillig aufsuchen würden.

 

Traditionell besteht eine „Einbahnstraße“; es ist schon immer oder an sich eine Todeszone, aber ihnen fehlte diese Information; zum Glück ging alles gut, und nun wissen Sie, wie es wirklich ist.

Wir geben lediglich den Gegenverkehr frei:

Für Sie war es eine Idylle, und erst das nachfolgende Gespräch machte daraus eine Todeszone.

Vielleicht sehen Sie morgen den Oberförster dort beim Schmetterlinge Fangen, und er erzählt Ihnen auf Ihre Nachfrage hin, daß die Einheimischen keine Touristen mögen. „Das ist alles Unsinn mit den giftigen Tieren“; aber er ist auch nicht böse, daß es hier so idyllisch bleibt, und da sollen die Einheimischen ruhig weiter schwindeln.  

Die letzten Interpretationen sind immer nur die – vorerst – letzten, und wir verzichten einfach darauf, aus ihnen die wirkliche Welt zusammenzupuzzeln. Unsere subjektives Weltbild befindet sich im Entstehen und Vergehen, solange wir leben; und wer das weiß, hält es natürlich auch nicht für wahr.

 

Wir sind überzeugt, daß es in dieser Gegend keine Giftschlangen gibt, und gehen entsprechend locker spazieren. Plötzlich schmerzt uns der rechte Fuß, uns wird leicht übel und wir sehen am Knöchel zwei blutige Punkte. Paradigmatisch sind zwei Reaktionen möglich:

 

Wir bleiben bei unserer Überzeugung, daß hier keine Giftschlange herumkriecht; dann kann uns logischerweise auch keine gebissen haben. Und das hat sie tatsächlich auch nicht, denn was gar nicht existiert, kann nicht beißen.

Die Annahme, es sei in Wirklichkeit doch eine Giftschlange gewesen und wir wären nur zu verbohrt, das einzusehen, ist traditionell möglich, aber nicht bei uns. Was heißt „in Wirklichkeit“, wenn diese im Leben und nicht (mehr) in der Welt besteht?

 

Natürlich können wir stets umdenken und unsere  Orientierungsbasis korrigieren; ob es ein Verbessern ist, kann immer erst diie Zukunft zeigen.

Nehmen wir also örtliche Giftschlangen in unser Weltbild auf. Der bisherige Verzicht darauf war – nicht falsch im traditionellen Sinne, aber – vielleicht ungeschickt, und wäre ja auch beinahe schiefgegangen.

Auch ganz ohne Welt kann uns also das Schicksal, die Realität oder Härte des Lebens treffen.

Sie zeigt sich nicht im (mechanischen) Widerstand, denn das ist lediglich eine Eigenschaft wie die Farbe. Nicht im Widerstand, sondern im Widerspruch erfahren wir die Härte des Lebens, das heißt, wenn sich unsere Erwartungen nicht erfüllen. Da diese aber in Wissungen des Später bestehen, kann uns die Realität nur als Nicht-Wissen begegnen.

 

Auf Ihr Beispiel übertragen:

Es gibt keinen Thomas Müller an sich, sondern nur die entsprechenden Wahrnehmungen. Ich erlebe, was ich eben erlebe, und habe bei dem Abendessen in München – nicht Thomas Müller kennengelernt, sondern – vielleicht einen sympathischen Urbayer; und das ist vollkommen unabhängig davon, ob ich hinterher erfahre, wer das „wirklich“ war.

 

Nun zu Ihrem „Joker“, der Sterblichkeit; sie ist kein Joker, denn sie gehört zum Leben, und das wird von uns gelebt – ganz ohne Akzeptieren oder Ablehnen; unsere Stellungnahmen, von denen gegenwärtig die Rede ist, beziehen sich doch nur auf die Vorstellungen..

Beispielsweise glaube ich diesbezüglich (an) die Nahtoderfahrungen, von denen seit Raymond Moodys Buch „Life after Life“ 1975 immer detaillierter berichtet wird. Dagegen lehne ich eine Fahrt über den Hades ebenso ab wie eine traditionelle Hölle oder unsterbliche Geist-Seele.

Zur wirklichen Sterblichkeit gehören dagegen Erlebungen, die sich aus unserer Beschreibung des Lebens ergeben können; etwa Endlichkeit, Kontingenz, Verletzlichkeit – und auch Dankbarkeit, denn:

Selbst Urlaub, Sonne, schneebedeckte Berge und blaues Meer, Gänsebraten, erfreuliche Fußballweltmeisterschaft, erstklassiger Cognac und großartiger Sex für immer und ewig muß doch furchtbar sein

4.1.6. Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben

In unserem bisherigen Leben ist uns vieles erzählt, gelehrt und vielleicht auch indoktriniert worden; wir haben zahllose Filme gesehen, Gespräche geführt, Bücher gelesen oder Tagungen besucht usw. Auf diesen und anderen Wegen ist uns eine Unmenge an Vorstellungen angeboten worden. Sehr viele haben wir angenommen, und zahlreiche davon sind uns auch wichtig. Andere haben wir abgelehnt, weil sie entweder belanglos zu sein schienen oder wir – nach unserem damaligen Dafürhalten – überzeugt waren, sie könnten uns nicht helfen.

 

Wer (an) eine stoffliche „Materie“ glaubt, besitzt wahrscheinlich ein Weltbild, bei dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Das ist völlig legitim; freilich ebenso bei seinem eventuellen Gegenüber, der (an) Engel glaubt und wahrscheinlich ebenfalls ein Welt(bild) besitzt, bei dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Gewiß könnten beide in einem guten Gespräch sehr viel voneinander lernen. Es ist vielleicht sogar tragisch, daß es dazu im allgemeinen nicht kommt, weil wir einen solchen Gedanken-Austausch zumeist als sinnlos erachten und diejenigen Gesprächspartner bevorzugen, die uns Recht geben; freilich ohne davon viel zu profitieren.

 

In dem Maße, in dem wir uns mit Geschichte, New-Age, Parapsychologie oder Science-Fiction, fremden Kulturen, Religionen und Weltbildern beschäftigt haben, ahnen wir, daß uns möglicherweise erschreckend viele Vorstellungen „vorenthalten“, das heißt, niemals angeboten wurden. Wahrscheinlich kennen wir nur einen verschwindend geringen Bruchteil der insgesamt in der Menschheitsgeschichte kursierenden Vorstellungen und würden vielleicht viele von ihnen liebend gerne annehmen – wenn sie uns denn bekannt wären.

Natürlich kann ich Ihnen kein eigenes Beispiel für eine Denkmöglichkeit nennen, die mir selbst niemals angeboten wurde. Aber mein Ansatz im vorliegenden Buch stellt für Sie möglichweise eine Vorstellung dar, die Ihnen bisher noch nicht begegnet ist.

 

Es besteht also mit Sicherheit ein Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben – ein Jenseits unseres Weltbilds –, über dessen Größe wir, wenn es uns denn bekannt sein könnte, vielleicht erschrecken würden.

Möglicherweise sind unsere bekannten Vorstellungen – gemessen an diesen nicht-angebotenen oder jenseitigen – entsetzlich; naiv, unmenschlich oder böse. Das würde freilich bedeuten, daß wir in unserem Leben versuchen (müssen), mit ungeeigneten Mitteln die falschen Probleme zu lösen – weil wir von den geeigneten Mitteln für die richtigen Probleme nichts ahnen.

Wir können auch nicht sinnvoll fragen, ob wir für die vor uns stehenden Probleme das richtige Weltbild besitzen, denn unsere Schwierigkeiten sind diejenigen unseres Weltbilds, so daß sich mit ihm zugleich Probleme und Lösungsmöglichkeiten andern würden.

 

Ob wir eine Vorstellung abgelehnt haben oder ob sie uns nie angeboten wurde und wir sie somit gar nicht kennen, macht einen Riesenunterschied, denn nur jene gehört zu unserem Weltbild und gestaltet es folglich mit.

Denken Sie zum Verdeutlichen vielleicht an Beispiele wie Freiheit, Gleichheit oder Demokratie. Ich bin überzeugt, daß diese Vorstellungen in der Geschichte weitestgehend fehlten. Der Gedanke, daß die Menschen sich demütig untergeordnet hätten, obwohl sie sich Freiheit, Gleichheit und Demokratie vorstellen konnten und somit geahnt haben, daß dergleichen möglich sei – aber eben nicht für sie –, scheint mir nahezu als absurd.

Deswegen führen Diktaturen – „Die Farm der Tiere“, „1984“ oder „LTI“ – „Neusprech“ ein:

Es ist höchst uneffektiv, alles Systemkritische zu verbieten; die Endlösung besteht vielmehr darin, es undenkbar zu machen – indem die erforderlichen Vorstellungs-Möglichkeiten sprachlich gecancelt werden.

4.1.7. Nicht der wahre Glaube hilft, sondern das Helfende zu glauben ist richtig

Viele Menschen orientieren sich an Zielen, Idealen, Verrücktheiten, Hypes, Göttern oder Götzen, die es – unseres Erachtens – gar nicht gibt. Hinter den Vorstellungen muß also nichts stehen, damit diese ihrer Orientierungs-Funktion gerecht werden können.

Pardon; das war natürlich Unsinn:

Hinter den Vorstellungen steht nie etwas, weil sie kein Wovon besitzen.

Auch wir orientieren uns an Zielen, Idealen, Verrücktheiten, Hypes, Göttern oder Götzen, die für Andere möglicherweise nicht nachvollziehbar sind.

 

Orientierungen können – als Vorstellungen ohne Wovon – weder wahr noch unwahr sein, sehr wohl aber hilfreich bzw. auch nicht.

Richtig war unser Glaube an eine bestimmte Orientierung, wenn er geholfen hat.

„Dein Glaube hat Dir geholfen“ stimmt also immer – sofern er geholfen hat; das gilt völlig unabhängig von seinem Inhalt. Dann – haben wir nicht das Wahre oder auch nur Richtige geglaubt, sondern – war es richtig, das zu glauben.

Ob es richtig war, erfahren wir freilich nur, indem wir uns probeweise auf die infrage stehenden Vorstellungen einlassen, das heißt, sie glauben, um uns daran orientieren und die Probe aufs Exempel machen zu können.

Das ist meines Erachtens großartig; niemand besitzt den wahren Glauben. Wir können uns nur immer wieder glaubend auf das Leben oder die Gegenwart einlassen – und werden sehen, wohin das führt, das heißt, ob unser (verbales) Glauben in diesem Fall richtig war.

Es geht um Vertrauen zu Gott und nicht um den Besitz der Wahrheit.

 

Daß nicht der richtige Glaube hilft, sondern das helfende Glauben richtig ist, klingt sehr pragmatisch.

Zunächst wende ich mich damit gegen einen Glauben, der wahr sein soll, obwohl er all unseren Erlebungen widerspricht; das führt notwendigerweis zur Jenseits-Vertröstung, die meines Erachtens zumindest mit dem christlichen Glauben kaum etwas zu tun hat. Glaube und Erlebung müssen eng miteinander verbunden sein; da können wir gewiß sehr viel von den asiatischen Religionen lernen.

Die Theologie ist entweder eine Erlebungswissenschaft oder gar keine. „Die Gläubigen sollen nicht über einen transzendenten Gott spekulieren, sondern ihre Gotteserfahrungen bezeugen“ (Carl Friedrich von Weizsäcker).

 

Des weiteren ist dieses Denken nicht pragmatisch, weil es völlig offenläßt, ob ich mir meine gewünschten Erlebungen tatsächlich hätte wünschen sollen oder ob ich nicht viel zu kurz gesprungen bin und wesentlich „mehr“ hätte möglich sein können.

„Ich wünschte mir Reichtum und Berühmtheit; vielleicht wäre es besser gewesen, glücklich und zufrieden werden zu wollen.“

Mit anderen Worten:

Wenn das Glauben hilft, ist es tautologisch, daß das Glauben geholfen hat.

Fraglich bleibt jedoch, ob es damit bei dem geholfen hat, was gut für uns gewesen wäre.

4.2. Signifikate

Erschrecken Sie nicht; das Wort klingt vielleicht schlimm, der Begriff, den es bezeichnet, ist jedoch recht unproblematisch. Bei den Signifikaten habe ich bisher des besseren Verständnisses wegen eine kleine Unsauberkeit inkauf genommen, die aber kaum zu Denkfehlern geführt haben dürfte und nun ausbügelt werden soll:

Fast immer wenn bisher von Begriffen die Rede war, hätten wir diese durch Signifikate ersetzen müssen.

4.2.1. Signifikate – Begriffe und Nicht-Begriffe

In Gesprächen, beim Lesen oder Zuhören haben wir häufig das Gefühl, falsch, ungenügend, ungenau oder gar nicht zu verstehen. Dann fragen wir eventuell nach, was das ist, und bekommen eine andere Verstehung angeboten. Ein Spiel, das sich – theoretisch – beliebig lange wiederholen kann; insbesondere auch deshalb, weil sein Abbruch durch Zeigen, wie wir im letzten Kapitel gesehen haben, ausgeschlossen ist.

Praktisch sind wir aber zumeist mit einer bestimmten Antwort zufrieden, weil wir glauben, nun die richtige oder endgültige Verstehung zu besitzen.

Diejenigen Vorstellungen, die unsere Rückfragen in diesem Sinne beenden, bestehen, Josef Simon folgend, per definitionem in der Einheit von Begriff und Ausmalung.

Tun sie das nicht und veranlassen uns zum Weiterfragen, so handelt es sich um Nicht-Begriffe mit ihrer Ausmalung. 

 

Nun können wir die Signifikate sauber einführen und fassen dazu in ihnen Begriffe und Nicht-Begriffe zusammen, wobei erstere gewissermaßen unsere subjektiven Fundamental- oder Lieblings-Signifikate darstellen, mit deren Hilfe wir alle anderen – die Nicht-Begriffe – sehr gut erklären können.

Die Tradition schließt daraus fälschlicherweise, mit den Begriffen die Urbilder erreicht zu haben. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob wir glauben, etwas verstanden zu haben, oder uns blind einreden, Seiende abzubilden.

 

Für die Signifikate gelten natürlich stets die logischen Denkgesetze und es können noch inhaltliche hinzukommen.

Letztere sind recht subjektiv; was dem einen als zwingend erscheint, muß einen anderen gar nicht einleuchten.

Bei den logischen Gesetzen besteht dagegen Einigkeit, weil sie von jeglichem Inhalt absehen und damit so allgemein oder vorstellungsunabhängig sind, daß sie „in allen möglichen Welten gelten müssen“.

Unser Professor wollte zum Beispiel erklären, daß die Implikation rein logisch p → q nur falsch ist, wenn p zutrifft, aber q trotzdem nicht.

„Wenn die Erde eine Kugel ist, schneit es heute.

Die Erde ist eine Kugel, und trotzdem schneit es heute nicht; also ist dieser Satz falsch.“

Inhaltlich geht es fast nicht unglücklicher; aber das spielt für die Logik überhaupt keine Rolle – was ich damals aber nicht verstand und mich ratlos zurückließ. 

 

Den mir des öfteren entgegengebrachten Vorwurf, ich wäre zu logik-gläubig, kann ich damit in aller Form zurückweisen:

Ich weiß sehr wohl, daß die Wirklichkeit nicht der Logik gehorcht, und habe das auch niemals behauptet. Weder auf das Leben mit seinen Erlebungen noch auf den Ursprung läßt sich die Logik anwenden, denn sie kennen gar keine Signifikate und sind damit alogisch

Aber dort, wo wir es eindeutig mit Signifikaten zu tun haben, wird es – nicht nur a-, sondern – unlogisch und damit sinnleer, wenn wir die Gesetze der Logik ignorieren. Auf der Grundlage eines Widerspruchs kann man mittels der Implikation p → q nämlich alles beweisen, weil sie bei falschem p stets wahr ist.

Wenn wir also argumentieren – wozu uns keiner zwingt –, sollten wir uns um ein sauberes Denken bemühen.

 

Hegel zufolge gibt es zwei Arten des Denkens.

Die eine von ihnen ist rein signifikativ, das heißt, sie verzichtet auf jede Ausmalung und damit Veranschaulichung. Aber denken können wir trotzdem; das Verständnis ist nur etwas abstrakter oder formaler und fällt uns deswegen vielleicht schwerer; Paradebeispiele bilden natürlich die Mathematik, Logik oder Theoretische Physik und eventuell die Informatik.

Bei der zweiten Art des Vorstellens, dem „gemischten“, sind dagegen die veranschaulichenden Ausmalungen nicht nur erlaubt, sondern eventuell sogar erforderlich. Das ist einfacher, und darum denken wir fast immer so; viele Menschen können (und wollen) es gar nicht anders.

Damit verbindet sich jedoch keinerlei Kritik; das rein signifikative Denken ist nicht höherwertiger als das ausmalende. Gute Bauern, Handwerker, Gärtner, Architekten, Künstler oder Designer kann es ohne die kreative Kraft der Ausmalungen gar nicht geben.

 

Logisch-inhaltliches Vorstellen ist natürlich sowohl rein signifikativ als auch „gemischt“ möglich, aber bei dem nur logischen Denken sollten wir die Ausmalungen vermeiden; jedenfalls dürfen sie uns in keiner Weise beeinflussen.

Das ist sehr schwer zu erreichen; David Hilbert, ein britischer Mathematiker, hatte jedoch eine brillante Idee, die uns dabei helfen kann.

Selbst im Halbschlaf wissen wir noch spontan, daß zwei Punkte eine Gerade oder drei Punkte bzw. eine Gerade plus einen Punkt außerhalb von ihr eine Ebene bestimmen usw. Wir haben das weder auswendig gelernt noch rein logisch überlegt, sondern entnehmen es unmittelbar unseren Ausmalungen von Punkt, Gerade und Ebene; das ist aber keine Mathematik bzw. Geometrie.

Für diese müßten wir unsere Bilder unterdrücken; das ist jedoch nahezu unmöglich – solange wir bei den Worten „Punkt“, „Gerade“ und „Ebene“ bleiben. Da die Worte jedoch belanglos sind und es allein um die logischen Zusammenhänge geht, ersetzte Hilbert diese Worte durch „Schornsteinfeger“, „Liebe“ bzw. „Bierseidel“. Auch sie assoziieren natürlich Ausmalungen, aber kaum hilfreiche

Wer jetzt noch aus den geometrischen Axiomen ableiten kann, daß zwei Schornsteinfeger eine Liebe oder drei Schornsteinfeger bzw. eine Liebe plus einen Schornsteinfeger außerhalb von ihr einen Bierseidel bestimmen usw., betreibt Mathematik und denkt rein logisch.

„Rein geistig“ würde nicht genügen, denn das gilt auch bei ausgemalten Signifikaten. 

 

Wozu ist Hegels Einteilung in reines und ausmalendes Denken für uns wichtig? Weshalb erwähne ich sie überhaupt?

Weil wir vieles anschaulich nicht denken können; einen endlichen Kosmos, das Nichts, den Ursprung, eine vierte Dimension, gekrümmte „Räume“, das Leben oder Subjektivitäten. Das scheitert aber nur an unseren Ausmalungen, und die sind absolut nicht denk-notwendig. Verzichten wir auf sie – auf das „Unvorstellbare“ also –, lösen sich die Widersprüche möglicherweise auf.

Erst wenn sie das trotzdem nicht tun, müssen wir falsch gedacht haben.

4.2.2. Vorstellungen als Einheit von Intension und Extension

„Ich fürchte, Sie wollen hier ein brisantes Problem überspielen.

Wir können die Vorstellungen nur sinnvoll in Signifikat und Ausmalung zerlegen, wenn beide Teile wiederum Vorstellungen bilden, das heißt, Signifikate sind oder zumindest enthalten. Nun ist Ihre Aufspaltung jedoch eine in Signifikat und Nicht-Signifikat, so daß Sie uns prinzipiell nicht sagen können, worin der zweite Bestandteil bestehen soll.“

 

Ihr Einwand ist sehr berechtigt, resultiert aber lediglich daraus, daß in unseren Überlegungen noch zwei Wissungen, nämlich Intension und Extension, fehlen.

Erstere entspricht (bei Kant) dem Inhalt und letztere dem Umfang einer Vorstellung; Gottlob Frege spricht stattdessen  von ihrem Sinn bzw. ihrer Bedeutung.

Zum Beispiel bildet 〉die Planeten unseres Sonnensystems〈 eine Vorstellung. Nun könnten wir einen ganzen Vortrag über ihre Intension halten; da würden wir alles aufzählen, was ein Ding zum Planeten unseres Sonnensystems macht – aber nicht die Planeten selbst. Denn die Reihe Merkur, Venus, Erde . . . bildet die Extension der Vorstellung 〉die Planeten unseres Sonnensystems〈.

 

Natürlich müssen sowohl die Intension als auch die Extension – ganz im Sinne Ihres Einwands – wiederum Vorstellungen sein, aber das sind neue, die mit unserer Ausgangsvorstellung nichts mehr zu tun haben.

Das ganze Procedere ließe sich also für diese Vorstellungen wiederholen; wir würden dabei aber nichts Neues lernen und können nun wohl bereits verstehen, wie sich der Widerspruch, den Sie zurecht bemängelt haben, auflöst:

Jede Vorstellung besteht in der Einheit von Intension sowie Extension – die natürlich beide wiederum Vorstellungen bilden, denn andernfalls wären „Intension“ bzw. „Extension“ nur leere Worte. 

Die uns interessierende Extension kann

(1) sowohl Vorstellungen enthalten – wie in unserem Planeten-Beispiel –

(2) als auch Nicht-Vorstellungen – etwa die Ausmalungen.

 

 

Vorstellung                  
– Planet    
– Ausmalung
   
Intension der Vorstellung
Extension der Vorsstellung
Vorstellungen  
Inhalt oder Sinn Umfang oder Bedeutung    
  Vorstellungen     Nicht-Vorstellungen   
   
– hinreichend großer Stein, der . . . Merkur, Venus, Erde . . . —————    
– rein subjektives Bild, das . . . ————— Bild(1), Bild(2), . . .    

 

Abbildung 4.2.2.

 

Es gibt keine Vorstellung, die nicht in der Einheit von In- sowie Extension besteht. Die Vorstellungen Eiffelturm und Marsmensch haben die Extension 1 bzw. 0, aber auch das sind natürlich Extensionen. 

„Ich kann mir doch beliebig viele Eiffeltürme oder Marsmenschen vorstellen!“

Da haben Sie Recht . . .

Traditionell wird richtigerweise gesagt, daß es nur einen Eiffelturm und gar keine Marsmenschen gibt, weil man fälschlicherweise von Seienden ausgeht. Deren angebliches Vorhandensein haben wir durch ihre Wahrnehmbarkeit ersetzt . . .

Ja; so läßt sich das sinnvoll weiterführen:

Es handelt sich zwar um die Extension der Vorstellungen, aber bestimmen können wir diese Extension trotzdem nur anhand der potentiellen Wahrnehmungen dieser Vorstellungen. Wir legen unsere Hand dafür ins Feuer, daß wir immer nur einen Eiffelturm und niemals einen Marsmenschen wahrnehmen werden.

 

„Dann war es auch kein Zufall, daß Sie immer nur von Vorstellungen gesprochen haben; darin sind die Signifikate als Vorstellungen ohne Ausmalungen integriert, und die Wahrnehmungen haben Sie absichtlich ausgeblendet?“ 

Ja; natürlich; bei letzteren wird stets eine spezielle Anschauung mittels eines Signifikats zu einer oder als eine bestimmte Wahrnehmung interpretiert. Sie sind wichtig für die Extenson der Vorstellungen, besitzen aber selber keine Extension.

4.2.3. Relativität von Signifikat und Horizont

Wir können unser Weltbild als Pendant zur traditionellen Seins-Pyramide verstehen und wie diese in zahllosen Ebenen anordnen, die wir allgemein mit . . . (n-1), n, (n+1) . . .durchnumerieren.

Der entscheidende Unterschied besteht natürlich darin, daß die traditionellen Seienden immer vorhanden sind, während die Signifikate jeweils erst im Bewußtsein aktualisiert werden müssen, um „vorhanden“ zu sein.

Nun können wir aber nicht jedes beliebige Signifikat einfach so aktualisieren, sondern dazu  muß uns sein geistiges Umfeld bekannt sein. Nur wer zumindest ein wenig von der klassischen Mechanik weiß, kann auch verstehen, was ein Massenpunkt ist; und ohne alle Kenntnisse der Quanten- und Relativitätstheorie bleibt uns der Urknall ebenfall nahezu verschlossen.

Während es traditionell nur Seiende gibt, scheinen bei uns diesbezüglich zwei verschiedene Entitäten nötig zu sein; die aktualisierten Signifikate und deren geistiges Umfeld als Ermöglichung, das wir im weiteren als Horizont darstellen werden.  

 

Um das Signifikat(n-1) zu verstehen, ist ein darüber hinausgehender Horizont(n) erforderlich.

Horizonte sind keine Signifikate, sondern ermöglichen sie lediglich und werden folglich auch aktual nicht gewußt.

Aber im Rahmen eines umfassenderen Horizonts(n+1) können wir auch den Horizont(n) von soeben wissen, das heißt, zu einem Signifikat(n) werden lassen.

Das bedeutet freilich, daß auch das am Beginn stehende Signifikat(n-1) als ungewußter Horizont(n-1) für eingeschränktere Signifikate(n-2) dienen können muß.

 

Unsere Befürchtung, zwei verschiedene Entitäten zu benötigen, war also unbegründet. Signifikat und Horizont bilden lediglich Relativbegriffe; jedes Signifikat kann zum Horizont und jeder Horizont zum Signifikat werden.

Freilich mit zwei Ausnahmen:

Es gibt notwendigerweise einen größten Horizont, den wir prinzipiell nicht wissen können. Dazu bedürfte es eines noch umfassenderen Superhorizonts; aber dann wäre eben er dieser größte, den wir nicht mehr wissen können.

Die zweite Ausnahme bildet, wie zu erwarten war, das kleinste Signifikat.

Während das größte natürlich subjektiv sein muß – weil jeder etwas anderes weiß – ist dieses kleinste Signifikat intersubjektiv, und wir kennen es alle. Im traditionellen Substanz-Denken entspricht es den wirklichen Atomen oder kleinsten Teichen. Bei uns werden aus den Seienden Wissungen und die kleinste Wissung ist das Bit, die Maßeinheit der Informatik bzw. des Wissens.

 

Diese einfache oder Ur-Alternative bildet einen Grundbegriff in der Physik Carl Friedrich von Weizsäckers. Sein Ansatz ist phantastisch; er geht nicht empirisch vor, sondern fragt, welche Voraussetzungen oder Möglichkeits-Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es überhaupt (Physik bzw.) Signifikate geben kann. Aus ihnen sollte sich Carl Friedrich von Weizsäcker zufolge die „Weltformel“ als Grundgleichung der Physik herleiten lassen.

(Eine auch für Laien recht gut lesbare Darstellung finden Sie bei Thomas Görnitz in seinem Buch „Quanten sind anders“.)

Dieser Gedanke verallgemeinert Überlegungen Kants, ist genial, und wir könnten ihn (wenn er nicht zu schwierig wäre) innerhalb unseres Ansatzes nahezu ohne alle Abstriche weiterverfolgen – freilich mit einer auf den ersten Blick wohl überraschenden Konsequenz:

Weil die Voraussetzungen oder Möglichkeits-Bedingungen für die Signifikate natürlich von – den Horizonten in – dem jeweiligen Weltbild abhängen, muß dies also auch für die Physik gelten; ein anderes Weltbild führt zu einer anderen Physik.

Aristoteles war folglich nicht notwendigerweise weniger weit in seinem Denken als Newton oder Einstein, sondern hat lediglich die Physik eines anderen – seines antiken – Weltbilds entwickelt. 

 

Aber um das zu erkennen, hätten wir die Physik Carl Friedrich von Weizsäckers natürlich nicht benötigt:

Sämtliche Signifikate hängen vom Weltbild ab; wie könnte es dann bei den physikalischen anders sein?

Wundern dürfte sich darüber eigentlich nur, wer (an) eine objektiv-reale Welt glaubt, die dann natürlich nur von der einen wahren Physik adäquat wiedergegeben werden müßte.

4.2.4. Näherungsweise Konstanz der Weltbilder und Signifikate

Traditionell gibt es Seiende, aber keine Zeit, so daß jene automatisch konstant sein müssen.

Aber das kann uns gleichgültig sein; wir nehmen die Zeit ernst; dadurch werden Seiende ausgeschlosse, und eine Konstanz ist höchstens noch näherungsweise möglich.

Da wir jedoch die Wissungen als Einheit von Konstanz und Änderung erkannt haben, muß es diese näherungsweise Konstanz tatsächlich geben.

Anschaulich können wir sie als eine solche des Weltbilds verstehen, denn andernfalls wäre jedes Orientieren, Denken, Planen oder Erinnern ausgeschlossen; was wir heute sagen, würde morgen schon nicht mehr stimmen, und wir versänken im Chaos.

Diese näherungsweise Konstanz der Weltbilder ist eigentlich selbstverständlich, ergibt sie sich doch einfach schon daraus, daß wir uns als Kind, Jugendlicher oder junger Erwachsener jeweils anhand unterschiedlicher Weltbilder orientiert haben und keinen Grund sehen können, weshalb gerade das letzte Weltbild wahr sein und ewig gelten soll. Damit wir nichts mehr lernen müssen und auf „stur“ schalten können?  

Mit dieser näherungsweisen Konstanz ist natürlich auch schon ein fortlaufender Streit auf vielen Gebieten vorprogrammiert, denn stets werden die Konservativen auf die erforderliche Konstanz des Weltbilds pochen und die Progressiven seine ebenso notwendigen Anderungen betonen.

 

Beachten Sie bitte, daß diese Konstanz nichts mit der Unveränderlichkeit zu tun hat; Wissungen müssen (näherungsweise) konstant in der Zeit und können unveränderlich in der „Zeit“ sein.

Ein Gerichtsurteil aus der Vergangenheit wird in der Gegenwart noch verstanden, weil unser Weltbild dafür hinreichend konstant ist. Ihm zufolge ist der Ort des Grenzzauns unveränderlich, während wir seine Farbe ändern dürfen.

Das Signifikat Blitz ist ebenso konstant wie das Signifikat Energie; daß für letztere ein Erhaltungssatz gilt, hat hiermit nichts zu tun, denn der bezieht sich auf die „Zeit“. Bei der Zeit geht es hingegen darum, daß ich diese Sätze auch in meiner Jugend schon hätte schreiben können. Nicht weil ich damals „schon so schlau“ war, sondern weil die dafür benötigten Signifikate in der Zwischenzeit hinreichend konstant geblieben sind.

Wie gut eine Näherung ist, hängt von der Zeit ihres Gebrauchs ab. Ihren Höchstwert bildet Henri Bergson folgend die Dauer; sie entspricht der Verfallszeit des Weltbilds bzw. einzelner seiner Signifikate.

 

Nun sollte der Unterschied zwischen Konstanz und Unveränderlichkeit deutlich werden:

Die Schildkröte bleibt unverändert an ihrem Ort sitzen, und der ICE rast durch das Land.

Die Signifikate, die ich jetzt benutzt habe, sind seit geraumer Zeit näherungsweise konstant und werden es wahrscheinlich auch noch eine Zeit noch bleiben.  

Wir können, mit anderen Worten, sowohl „zeitlich“ Unveränderliches als auch Veränderliches in der Zeit  wiederholen; immer wieder stehen bzw. fahren Autos, bleiben Äpfel grün oder werden rot; immer wieder geht die Sonne auf, starten Flugzeuge, kommt Weihnachten usw.

Unsere Konstanz bildet die Voraussetzung der Wiederholbarkeit – von Änderungen sowie Nicht-Änderungen. Solange Signifikate hinreichend konstant sind – während der Dauer also –, können wir sie wieder aus ihrem Speicher holen – wieder-holen. Werden die Anderungen zu groß, verstehen wir das alte Weltbild nicht mehr, so daß weder seine Änderungen noch seine Nicht-Änderungen mehr möglich sind.

 

Deswegen stellt es einen gewaltigen Fehler der Traditon dar, die – Wirklichkeit der – Zeit an bloße Änderungen – der Planetenstellungen oder Uhrzeiger – binden zu wollen.

Änderungen gibt es doch nur einheitlich mit der Konstanz in Wissungen.

Wegen der Zeit gilt letztere jedoch nur näherungsweise.

Die Tradition leugnet diesen approximativen Charakter, macht damit die Dauer zur Ewigkeit und bestreitet so die – Existenz – der Zeit.

Es bleiben nur die Änderungen zurück, die als Abbild – des Vergehens – der „Zeit“ verstanden werden, so daß diese problemlos gemessen werden kann.

Die (wirkliche) Zeit vergeht nicht, sondern stellt ein „Zeitigen“ (Martin Heidegger) dar, das wir als Einheit von Erstmaligen und Wiederholen verstehen können; das Zeitigen macht nach und nach alles neu oder anders. 

So wie Änderungen und Nicht-Änderungen ein Gegensatzpaar innerhalb der „Zeit“ bilden, gilt Entsprechendes für Anderung und Konstanz in der Zeit.

4.2.5. Identität der Signifikate

Die Identität wird zumeist in der Form A = A dargestellt, und es fällt uns wohl nicht ganz leicht, mit dieser „Formel“ einen vernünftigen Sinn zu verbinden. Kann das denn mehr als eine bloße Tautologie sein?

Ja; das ist es, denn

– das eine „A“ ist nicht „identisch“ mit dem anderen, sondern ist identisch das andere oder

– das eine „A“ gleicht nicht dem anderen, sondern ist gleich dem anderen.

Zwillinge sind zwei – wie ähnlich sie einander auch sein mögen –; aber zwei A kann es gar nicht geben, weil „das eine“ identisch „das andere“ ist.

Hier steht ein Baum und dort auch; „hier steht ein A und dort auch“ geht jedoch nicht. Hier steht das A und dort auch – das gleiche; es sind nur verschiedene Orte, Schreibarten, Pixel oder ähnliches. Im ganzen Buch steht nur ein einziges A, weil es kein zweites gibt: A = A

Können Sie es jetzt ein klein wenig anders lesen?

 

Alle Signifikate müssen in diesem Sinne identisch sein, weil wir sonst gar nicht denken könnten. Es gibt zum Beispiel nur ein einziges Signifikat Stern; Stern = Stern. Wo und wann auch immer wir einen – in unserem Regallager – lokalisieren, es ist stets der gleiche, weil „es nur einen Stern gibt“.

Würde das Wort „Stern“ an verschiedenen Stellen und zu unterschiedlichen Terminen Nicht-Identisches bedeuten, könnten wir es als „ungeeignet“ streichen. Signifikate müssen identisch sein, um als Signifikate fungieren zu können.  

Ihre Identität bildet damit eine notwendige Voraussetzung jeglichen Denkens.  

 

Die Identität wird zumeist so erklärt, daß die Signifikate an jedem Ort und zu jedem Termin gleich sind; Identität würde somit Nichtvarianz innerhalb der gesamten „Raum“-„Zeit“ bedeuten. Schon vor 1000 Jahren war ein Baum ein Baum, und auch auf dem Jupiter ist ein Atom ein Atom. Bäume kann es dort nicht geben; eben gerade weil ein Baum ein Baum – und damit insbesondere dasselbe wie heute auf der Erde – sein muß. 

Auf der einen Seite ist diese Erklärung zwar richtig und stimmt mit unserer Intention überein.

Auf der anderen Seite können wir sie aber nicht so formulieren, weil dabei „Raum“ und „Zeit“ als Urbilder vorausgesetzt werden; nur dann läßt sich sinnvoll sagen, die Signifikate seien innerhalb der „Raum“-„Zeit“ überall und immer gleich. Für uns gehören sie jedoch ebenfalls zu den Signifikaten, und wir können somit auch die Identität von „Raum“ und „Zeit“ nicht einfach voraussetzen, sondern müssen sie erst herleiten.

 

Die Signifikate sind tatsächlich in der gesamten „Raum“-„Zeit“ identisch; aber nicht weil die Signifikate an allen Orten und zu allen Terminen gleich sind, sondern weil wir nur mittels der per definitionem als identisch vorausgesetzten Signifikate di