Gliederung

0.Intention1.Einführung1.1."Methode"1.2.Das Bewußtsein und sein Außerhalb1.2.1.Subjektivistische Wende1.3.Der Ursprung – das Bewußtsein und dessen Außerhalb1.4.Welt und Kosmos1.5.Subjekte1.5.1.Die traditionellen Subjekte1.5.2.Unsere postmodernen Subjekte1.6.Religiöser Hintergrund1.7.Philosophischer Hintergrund1.8.Subjektive Weltbilder statt einer objektiven Welt1.8.1.Konsequenzen aus unserem Verzicht auf die Welt1.8.2.Drei Arten von Subjektivität1.8.3.Psychisch "Kranke" und wir1.9."Unphilosophische" Hilfestellung2.Der traditionelle Ansatz, unsere Kritik daran und die Richtung einer möglichen Alternative2.1.Urbild – Abbilden – Abbild2.1.1.Im Zirkelschluß zu den Seienden2.1.2.Das Sein der Seienden2.1.3.Zirkel der Wahrnehmungen2.1.4.Es gibt kein Abbilden2.1.5.Physikalische "Abbild"-Theorie2.1.6.Die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken2.1.7.Implizit oder explizit, diskretisiert oder integral2.1.8.Integrieren und Diskretisieren2.1.9.Irreversibilität des Diskretisierens2.2.Hinterwelten2.2.1.Wissenschaft und Hinterwelt2.2.2.Wahrheit und Überzeugung2.2.3.Wahrheit und Richtigkeit2.2.4.Wissen from now on vom Wissen so far2.3.Der Gott der Philosophen2.3.1.Ontologie der Präsenz2.3.2.Geistige und sinnliche Erkenntnis2.3.3.Primäre und sekundäre Wahrnehmungen2.3.4.Ich Subjekt als "Solipsist"2.3.5.Meine eigene subjektive Welt2.3.6.Funktions- oder Gestaltkreis2.4.Die Genese des Weltbilds und der Signifikate2.4.1.Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis2.4.2.Signifikanten bewirken Verstehungen2.5.Zusammenfassung2.5.1.Unsere "Axiome"2.5.2.Streichen "des Nichts"2.5.3.Welt – Bewußtsein – Psyche

0. Intention

„Das Gegenteil von Liebe ist nich Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!

Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.

Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“

Erich Mühsam

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Entgegensetzung der fest gewordenen Subjektivität und Objektivität ist aufzuheben und das Gewordensein der intellektuellen und reellen Welt als ein Werden, ihr Sein als Produkt, als ein Produzieren zu begreifen. . . Alle Unterscheidungen werden dabei ver-rückt; diese Tätigkeit ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, das Fixe zu verflüssigen. . . Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Dasein.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

 

„Laßt Ideen sterben statt Menschen.“

Karl Popper

 

„Physikalische Objekte sind gelegen kommende Vermittler – nicht durch Definition aufgrund von Erfahrung, sondern einfach als nicht reduzierbare Setzungen, epistemologisch den Göttern Homers vergleichbar. . . . Der Mythos der physikalischen Objekte ist den meisten anderen Mythen darin überlegen, daß er sich als wirksamer erweist, dem Fluß der Erfahrungen eine handliche Struktur aufzuprägen.“ 

Willard Van Orman Quine

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig . . . von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„Was oben war, das wurde innen.“

Meister Eckhart

 

„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren.

Es heißt so leben, wie es unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“

Emmanuel Célestin Suhard

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Ohne Mythus aber geht jede Kulur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Man muß die Erklärung geben, die akzeptiert wird. Darauf kommt es beim Erklären an.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Wo Kirche ist, ist Krise . . .

Weil ihre Identität nicht in ihr selbst liegt, weil sie das nicht hat, weil das, was sie formt, noch aussteht. Jesus nennt es das Reich Gottes. Es steht aus. Es ist eine Bewegung dorthin.“

Christian Lehnert

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens.“

Martin Heidegger

 

„Laß mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Klaus Hemmerle

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.

Upton Sinclair

 

„Davon bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich das erkenne. . . . nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft.“

Meister Eckhart

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Die Zeit ist zeitlos.“

A. M. Klaus Müller

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen.

Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.“

Johannes Soukup

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heils- oder Geheimlehre noch um das richtige Weltbild, sondern „nur“ um die Einstellung, die meines Erachtens erforderlich ist, wenn wir in dem – erst an seinem Anfang stehenden – Pluralismus der Postmoderne friedlich oder menschlich zusammenleben sowie einander verstehen wollen.

Dafür ist es notwendig, andere und bisweilen völlig fremde Weltbilder oder Religionen nicht nur mehr oder weniger desinteressiert zu akzeptieren – was fälschlicherweise häufig „Toleranz“ genannt wird, aber lediglich unsere Gleichgültigkeit wiedergibt –, sondern sie im Herzen als die ehrliche Überzeugung anderer Menschen zu respektieren.

 

Der Gedanke, letztere könnten tatsächlich Recht haben, ist ernstlich jedoch nur möglich, wenn wir jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren eigenen Überzeugungen ablösen:

„Ich kann das aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nicht anders sehen – aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso. Helft mir bitte, neue Erfahrungen sammeln oder bisherige Denkfehler überwinden zu können. Ich bin dankbar, wenn Ihr mir zeigt, daß und weshalb ich es falsch sehe; ich will nicht Recht haben, weil es mir um die Wahrheit geht, die niemand haben kann.“

Menschen ohne Überzeugungen sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner – ebenso wie diejenigen, die ihre Überzeugungen blind für wahr halten, statt für sie zu argumentieren.

 

Weit entfernt von einem der Postmoderne häufig unterstellten Relativismus fragen wir also entschieden nach einer erhofften Wahrheit, die ich als unabweisbar für ein sinnvolles Leben erachte. Offen bleiben dabei jedoch nicht nur die Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“, sondern zunächst einmal die noch grundlegenderen Fragen „Gibt es Wahrheit überhaupt?“ und „Wo könnten wir sie gegebenenfalls suchen?“.

Meines Erachtens nicht in den Weltanschauungen, Wissenschaften oder Religionen; sie alle sind bloßes Menschenwerk, und das ist niemals wahr. Es muß damit freilich auch nicht unwahr sein, sondern kann sich jenseits von wahr sowie unwahr befinden und beide Begriffe gar nicht tangieren; tertium datur.

Ich hoffe auf die Wahrheit einer grund-legenderen Wirklichkeit, nach der in den genannten und allen anderen menschlichen Institutionen höchstens ohnmächtig gesucht wird und nach der sie bloß hilflos tasten können. Wenn die Weltanschauungen, Wissenschaften und Religionen das vergessen und sich selbst zu wichtig nehmen, werden sie zum Götzendienst.

 

Um an – den Fragen nach – der Wahrheit arbeiten zu können, bedarf es sowohl der „Anstrengung des Begriffes“ (Hegel) als auch des Mutes, selbst zu denken; wir dürfen letzteres weder den Wissenschaften noch Religionsgemeinschaften, „Experten“ oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein. Unsere Verantwortung läßt sich nicht delegieren, und zu ihr gehört nicht nur, was wir tun, sondern ganz wesentlich auch die Entscheidung darüber, was wir wissen, glauben, annehmen oder für wahr halten wollen.

Ohne eigene Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

In sehr einfachen Worten kann ich den wesentlichen Inhalt der nachstehenden Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen zusammenfassen:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Wohl viele von uns dürften sich fast beleidigt fühlen, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen, und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“. Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem ich mich 100%-ig anschließe.

1. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen jedoch zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nicht der Wahrheit entsprechen müssen, so daß wir allen Grund haben, bescheiden und offen zu sein sowie den Anderen, so wie er ist, zu akzeptieren.

Das bedeutet keineswegs, daß sämtliche Kritik entfällt; sehr wohl aber, daß wir verinnerlichen:

Meine Kritik ist nur meine Kritik; subjektiv und fehlbar; ebenso unsicher wie mein gesamtes Weltbild und meine angebliche Autonomie.

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel – bei hinreichend vielen Menschen – gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele von uns die Lösung der stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg zur Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Vielen von uns geht es heute zum Glück besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens. Ich habe in diesem Satz ganz bewußt kein „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Einschränkungen meiner Überzeugung bzw. meinem Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner Fülle; es ist Selbstzweck – und kein bloßes Mittel wofür auch immer.

Das bezieht sich nicht nur auf ein angebliches Jenseits, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet das ent- und unterscheidend Christliche. Zu der Frage, weshalb die Erde – bei einem allmächtigen guten Gott – dennoch für entsetzlich viele Menschen in der Geschichte ein „Jammertal“ darstellt, hoffe ich, mit diesem Buch einen kitzekleinen Antwortversuch beisteuern zu können. Nichtsdestotrotz bleibt es wahrscheinlich dabei, daß ich auch diese Frage im „Jüngsten Gericht“ gerne an Gott richten möchte.  

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“: „Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, seinen Inhalt oder Sinn. Viktor E. Frankl faßte die eigenen therapeutischen Erfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt“.  

Ich bleibe also mit der Tradition dabei, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – zumeist entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

 

Die Differenz ist wichtig, denn wir können das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche Millionäre sind nichts Besonderes.

Es gibt also ein Leben ohne – die Frage nach seinem – Warum, aber es gibt keines ohne ein Wie. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

In unserem Buch geht es allein um das Warum oder den Sinn des Lebens; sein Wie kann ich Ihnen gar nicht schön genug wünschen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde (mit)bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen, entweder jeden Schritt als folgerichtig erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachvollziehen zu können oder – mit guten Gründen – abzulehnen; ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken oder Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

Winston Churchill sagte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl, und Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß es ohne eigene Anstrengung auch keine Erfüllung geben kann.

1.1. "Methode"

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“; darin besteht Georg Picht zufolge das Philosophieren.

 

Ich glaube zwar nicht (an) die eine objektive (Welt-)Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „die bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist, aber es gibt unsere subjektive (Individual-)Vernunft, die auf den eigenen Lebenserfahrungen basiert.

Über einen höheren Maßstab verfügen wir nicht; wir sind Menschen im Hier und Jetzt, aber keine allgegenwärtig-ewigen Halbgötter.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Ich wiederhole mich bewußt:

Über einen höheren Maßstab als unsere (Individual-)Vernunft verfügen wir tatsächlich nicht, so daß es mir auch nicht um eine aus uns selbst kommende Autonomie gehen kann; wir stehen – nur optisch, aber – in der Wirklichkeit nicht auf eigenen Beinen. Mit der gleichen Überzeugung wie oben setze ich also Kants Zitat fort:

Ignorare aude; habe ebenfalls den Mut, Deine eigene Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Unverfügbarkeit usw. anzuerkennen. Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht – und bist damit abhängig; Selbstbestimmung ist etwas anderes als Autonomie.

 

Beide Aussagen zusammengenommen bedeutet, daß wir  uns – nicht uns selbst, sondern – einem Anderen verdanken, aber dieses – diese oder dieser – Andere ein Geheimnis bleiben wird, solange wir leben.

Viele bestreiten das vollkommen; andere erkennen es zwar beredt an, kennen den Anderen aber recht gut und können uns viel über ihn erzählen. Dann ist das „Geheimnis“ jedoch kein Geheimnis mehr, so daß zwischen diesen beiden selbstgefälligen Standpunkten kein allzu großer unterschied besteht:

Die einen sagen, dort ist nichts; die anderen erklären uns dieses Nichts – und bestreiten das Geheimnis damit ebenfalls.

Wir bemühen uns um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der in dem Bemühen besteht, das Geheimnis als solches deutlich werden oder aufleuchten zu lassen. Sehr schön und leicht schreiben dazu Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly in „Alles, was leuchtet“.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, daß wir „zur Freiheit verdammt“ seien; aber richtig bleibt hieran, daß auch „Nicht-Entscheiden“ – im Sinne von andere für uns denken, glauben oder wissen zu lassen – ein freies Entscheiden darstellt.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit stets als willkürlich oder beliebig.

Das bedeutet freilich nicht, daß ein derartiges Gedöns keine Konsequenzen hätte. Wäre dem so, könnten wir es als belanglos auf sich beruhen lassen, aber alle politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, daß zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

 

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Transzendenz“, „Subjekt“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Rätseln als auch von Geheimlehren. Letztere bilden unnötige Märchen für Erwachsene und werden nur erzählt und nicht erfahren – aber vielleicht trotzdem naiv geglaubt. Geheimnisse werden dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender – eben geheimnisvoller –, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie sind nur (von uns) konstruiert und damit für letztere zu primitiv.

Die – nicht Konstrukteure, sondern – Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offenbarer sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

1.2. Das Bewußtsein und sein Außerhalb

Wir hatten soeben nur gesagt, worin das uns prinzipiell Unzugängliche nicht besteht; und worin besteht es? Worüber können wir prinzipiell nicht sprechen?

Für eine positive Antwort beginnen wir bei den un(ab)zählbar vielen Dingen, die uns in irgendeiner Form zugänglich sind. Wir spüren, fühlen, ahnen, befürchten und wünschen, verfügen über Erinnerungen, Wissungen, Überzeugungen und Phantasterein oder kennen Schmerzen, Orgasmen, Witze, Hiobsbotschaften usw.

 

Ausnahmslos alles uns aktual oder gegenwärtig Gegebene betrachten wir im weiteren per definitionem als Bewußtsein. Wir bestreiten damit keineswegs das Außerhalb von ihm, sondern anerkennen lediglich, keinerlei Zugang zu ihm zu besitzen. Vielleicht in Zukunft; aber dann handelt es sich eben um das Bewußtsein und nicht mehr um sein Außerhalb.

Das Bewußtsein ist kein schwieriger Begriff; versuchen Sie bitte nur das zu hören, was ich tatsächlich sage:

 

Es geht uns zum einen nicht um die Subjekt- oder Bewußtseinsphilosophie der Moderne, sondern allein darum, daß wir mit unserem gemeinsamen Denken irgendwo beginnen müssen und dies natürlich nur bei dem uns aktual Gegebenen möglich ist. Dazu geben wir letzterem einen Namen – „Bewußtsein“ –, und mehr ist nicht geschehen.

Das Bewußtsein wird in der Zeit kontinuierlich anders, aber es bleibt natürlich dabei, daß jegliches Denken, Erforschen oder Hinterfragen immer nur bei dem bereits Vorliegenden beginnen kann, so daß das gegenwärtige Bewußtsein stets den Ausgangspunkt allen weiteren Überlegens bilden muß – und nicht nur jetzt zu Beginn des Buches.

 

Zum anderen stellt sich uns die Frage nach dem Woher des Bewußtseins gar nicht; es wäre schlicht widersprüchlich, ergründen zu wollen, woher die Voraussetzung allen Ergründens kommt.

Mit anderen Worten: Das Bewußtsein läßt sich nicht nach demjenigen „hinter“-fragen, was „vor“ ihm liegt, weil alle Fragen und Antworten notwendigerweise aus dem Bewußtsein her-„vor“-gehen und damit „nach“ ihm kommen.

 

Zum Bewußtsein zählen natürlich unsere Sorgen, Ängste und Erinnerungen, alle Freuden und Leiden, das momentane Wohl- oder Unwohlfühlen und nicht zuletzt sämtliche Wissungen, die wir eben gegenwärtig haben.

Damit soll auch nochmals deutlich werden, daß es sich beim Bewußtsein nicht um ein Gefäß, sondern nur um –  „dessen“ – Inhalt handeln kann. Was auch immer wir fühlen, wahrnehmen, ahnen, empfinden, denken, spinnen oder erwarten muß unserem Bewußtsein angehören – andernfalls würde es für uns gar nicht existieren.

Wenn ich – vielleicht sogar versehentlich – schreibe, das Wissen oder irgendein X sei im Bewußtsein, dann läßt sich das trotzdem richtig verstehen, nämlich analog dazu, wie sich die 3 in der Menge der natürlichen Zahlen befindet – obwohl sie selbst dazugehört und offensichtlich nur gefäßloser Inhalt existiert.

 

In diesem Sinne sollten Sie unseren Begriff des Bewußtseins als alternativlos verstehen. Sicherlich hätten wir zu seiner Bezeichnung ein anderes Wort wählen können – „Psyche“, „Ausgangspunkt“, „Mehr-habe-ich-nicht“ oder „Das-ist-alles“ –; allein darüber ließe sich auch sinnvoll streiten.

Somit ist die Eingangsfrage bereits beantwortet:

Es muß dann tautologisch sein (weißer Schimmel, runde Kugel . . .), daß uns das Außerhalb des Bewußtseins nicht gegeben ist und wir folglich auch nicht darüber nachdenken oder sprechen können. Wäre das möglich, handelte es sich nicht um sein Außerhalb, sondern um das Bewußtsein selbst.

 

Jedes Subjekt besitzt sein Bewußtsein und ist damit ein „Bewußthaber“ (Hermann Schmitz). Kein anderes Subjekt kann in unser Bewußtsein schauen, und umgekehrt sind natürlich die fremden Bewußtseine auch uns prinzipiell unzugänglich.

Zu unserem Bewußtsein kann zum Beispiel auch die Vorstellung Gehirn gehören – und bei einem Neurologen eventuell sogar die entsprechende Wahrnehmung –; aber beide sind eo ipso nur im Bewußtsein möglich, denn außerhalb desselben existiert (für uns) gar nichts, so daß sich ergibt:

Ohne Bewußtsein kein Gehirn!

 

„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, bevor ich Ihnen hineinrede:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz „AD“ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie sich – nennen wir es einmal vorsichtig: – ‚etwas überraschend‘ ausdrücken; wie soeben gerade.

Mit Ihrer Behauptung ‚ohne Bewußtsein kein Gehirn‘ stehen Sie wohl ein bißchen allein da; die „restlichen“ (n-1) Menschen würden Ihre Aussage umkehren:

Ohne Gehirn kein Bewußtsein!

 

Ich glaube, daß beides stimmt, und bin mir sogar recht sicher, daß meine Version die grundsätzlichere ist . . .; aber trotzdem herzlich willkommen; Sie haben uns noch gefehlt!

Ohne Bewußtsein kein Gehirn“ muß richtig sein, weil per definitionem ohne Bewußtsein gar nichts für uns existieren würde; also auch kein Gehirn. Ist es gegeben, kann sich das Gehirn folglich unmöglich außerhalb des Bewußtseins befinden.

Die Umkehrung „ohne Gehirn kein Bewußtsein“ ergibt sich dagegen nicht rein analytisch, das heißt, aufgrund unserer Definitionen, sondern stimmt nur im Rahmen spezieller Weltbilder.

 

Ich bestreite Ihre Aussage also nicht – und habe selbst ein Weltbild, in dem diese Umkehrung gilt –, sondern weise nur auf ein Zweifaches hin:

Zum einen gibt es ein „so ist das in der Welt“ für uns gar nicht, sondern höchstens ein „so ist das in meinem Weltbild„.

Da zum anderen „Wissungen“, die wir nicht verstehen, keine Wissungen darstellen, sind sie gar nichts; vielleicht Sätze oder auch nur Geräusche bzw. Geschmiere. Für kleine Kinder ist es also weder wahr noch falsch, daß das Bewußtsein notwendigerweise an ein Gehirn gebunden sein soll, sondern einfach null und nichtig; ebenso wie wahrscheinlich für skalpjagende Indianer.

Sie alle sind nicht dumm, sondern besitzen lediglich kein bzw. ein uns fremdes Weltbild.

 

Unser Bewußtsein wird kontinuierlich anders und dabei sicherlich auch ganz massiv von seinem Außerhalb beeinflußt; letzteres bleibt aber dennoch per definitionem völlig unzugänglich. Wir erleben die Wechselwirkung der beiden Seiten sofern oder indem sie unser Bewußtsein erreicht – und natürlich umgekehrt auch von ihm ausgeht.

Eine Atombombe, die angeblich in seinem Außerhalb explodiert und wirkt, tut uns nicht nur nicht weh, sondern ist für uns inexistent, weil wir gar nichts davon erfahren. Zwischen ihr, einer nicht-explodierten Atombombe und gar keiner besteht kein Unterschied; deswegen das „angeblich“ im letzten Satz. Schmerzen und Schrecken sind – wie alles – entweder im Bewußtsein oder (für uns) gar nicht. (Nur so konnte Wolfgang Giegerich sinnvoll eine „Psychoanalyse der Atombombe“ schreiben.)

 

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert. Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit über 45 Jahren – provoziert durch meine Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie – bewegt; das Buch stellt den Status quo ihrer Entfaltung dar.

Dieser Grundgedanke ist weder groß noch sonderlich intelligent; ich bin lediglich hinreichend stur, um all die Jahre nicht von den zwei nachstehenden Überzeugungen abgelassen zu haben. Heideggers Satz „Jeder Denker denkt nur einen einzigen Gedanken“ hat mich darin bestärkt; bei mir lautet er:

 

1. Vom Außerhalb unseres Bewußtseins können wir absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen Blablabla, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

Natürlich kann es unvorstellbar große Konsequenzen für unser Leben zur Folge haben, ob wir im Außerhalb des Bewußtseins entweder A oder non-A glauben. Aber nichtsdestotrotz läßt sich die entsprechende Annahme absolut nicht begründen. 

 

2. Wir haben also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich unser Leben auf das Außerhalb des Bewußtseins auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in unser Bewußtsein einfällt; erst wenn es sich bereits darin befindet, ist uns das Resultat zugänglich.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihres Bewußtseins,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechenden Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem Blablabla entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige Blablaba von allen falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, esoterische oder sonstige Blablablas handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren Wahrheit durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“. Verschwörungstheorien sind zwar hinterwäldlerisch – aber bei dem einen oder anderen wirksam. 

 

AD: „Sie würden diesbezüglich also vorschlagen, nichts zu glauben, wofür keine Anzeichen im eigenen Bewußtsein sprechen?“ 

Ich würde Ihnen nur allzugerne zustimmen; aber leider ist die Wirklichkeit komplizierter, als Sie – Ihrer Frage entsprechend – zu vermuten scheinen:

Was wir glauben, obwohl es sich angeblich noch im Außerhalb unseres Bewußtseins befindet, wandert durch eben diesen Glauben natürlich in sein Innerhalb und bestimmt allmählich sogar unsere Erfahrungen mit. Es gibt keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten – wie es sich die moderne Wisenschaft am Beginn ihrer Entwicklung erträumt hatte –, sondern all unsere Erfahrungen sind abhängig vom eigenen Weltbild.

Wirkt letzteres nur hinreichend lange, erhalten wir irgendwann den empirischen Beweis dafür, daß beispielsweise die „Verschwörungstheorie“ doch keine Verschwörungstheorie, sondern eine hellsichtige Diagnose der Wirklichkeit war.

1.2.1. Subjektivistische Wende

AD: „Sie haben versucht anzudeuten, weshalb wir das Bewußtsein angeblich weder hinterfragen noch verstehen können. Aber zum einen kann ich Ihnen dabei schlecht folgen, und zum anderen fragen doch zahllose Autoren – wie zum Beispiel Michel Bitbol – ganz explizit ‚Was ist das Bewußtsein?‘.

Machen die einen Fehler oder Sie?“

Nein; weder . . . noch . . .; es geht vielmehr um einen neuen Ansatz, der sich Guido Rappe folgend – und im Anschluß an Kants „kopernikanische Wende“ – als „subjektiviistische Wende“ verstehen läßt:

 

Traditionell stehen – entsetzlich pauschal geredet und stark vergröbernd – Materialisten oder Realisten auf der einen Seite den Spiritualisten bzw. Idealisten auf der anderen gegenüber. Jene halten den Stoff, die Dinge oder Atome für das Entscheidende resp. eventuell sogar Einzig-Wirkliche, und diese geistige Größen. Am besten können wir uns letztere vielleicht am Beispiel Platons veranschaulichen; ihm zufolge existieren in irgendeinem Ideen-Himmel die Urbilder; beispielsweise diejenigen der Gerechtigkeit, des Guten, Wahren, Schönen oder Einen.

Diese beiden Denkrichtungen stellen einerseits einander widersprechende Extreme dar – „alles Materie“ contra „nur Geist“ –, zwischen denen beliebig viele Zusammensetzungen oder Mischungen nicht nur denkbar sind, sondern in der Philosophiegeschichte auch tatsächlich vertreten wurden.  

Aber andererseits stimmen sie in einer anderen Hinsicht völlig überein:

Stets wird bei diesen Anschauungen die Wirklichkeit – welche Form auch immer sie nun besitzen mag – als bereits fertig oder uns vorgegeben betrachtet; sie wird nicht durch bzw. mit uns, sondern ist immer schon auch ohne uns.

 

Davon, das heißt, von der gesamten Kontinuität zwischen Realismus und Idealismus trennen wir uns und wechseln mit der subjektivistischen Wende von einer Philosophie des Seins zu einer solchen des Werdens.

Idealisten haben naturgemäß wenig Schwierigkeiten mit ihrer Erklärung des Bewußtseins, da es so geistig ist wie die gesamte Wirklichkeit. Es kann beispielsweise in unserem Anteil an letzterer bestehen, der sich eventuell aus einer Gottesebenbildlichkeit des Menschen ergibt. 

Das ist für die Realisten wesentlich schwieriger; wie gelangen wir vom materiellen Gehirn zum geistigen Bewußtsein? Dieses Problem wird heute zumeist bagatellisiert oder vielleicht auch kaum gesehen, erscheint mir persönlich aber gewaltig bis prinzipiell unlösbar zu sein.

Wir stehen zum Glück nicht davor, sondern gehen von einer werdenden Wirklichkeit aus, die – mit uns und dem eigenen Bewußtsein – aus dem Nichts generiert wird und sich explizierend entfaltet.

 

Damit hört das Bewußtsein auf, der Gegenbegriff zum Körper zu sein; es faßt – ganz im Sinne des vorigen Abschnitts – lediglich alles Gegebene zusammen. Jenseits von sowohl Monismus als auch Dualismus haben wir damit kein Körper-Bewußtsein-Problem zu lösen, so daß insbesondere auch Seele und Geist entfallen, die traditionell anstelle des Bewußtseins stehen. 

Alle diese Entitäten werden durch einen Ausgang vom bewußten Leib oder leiblichen Bewußtsein ersetzt, der in der Philosophie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Rolle spielt. Besonders wichtige Autoren sind in diesem Zusammenhang meines Erachtens Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz, Wolfgang Böhme und Guido Rappe.

 

AD: „Ich verstehe; die zweieinhalb Jahrtausende abendländischer Philosophiegeschichte werden ganz entscheidend vom Widerstreit zwischen Idealismus und Materialismus geprägt. Ihre Vertreter können schwerlich bestreiten, daß wir Menschen oder Subjekte über ein Bewußtsein verfügen, so daß beide Seiten jeweils vor zwei erheblichen Problemen stehen:

Die Idealisten müssen erklären, woher der Geist stammt und dann aus ihm das Bewußtsein ableiten. Letzteres dürfte sich möglicherweise als recht problemlos erweisen, da das Bewußtsein bereits als geistig verstanden wird. 

Das Ursprungsproblem der Materialisten ist natürlich keinen Deut kleiner; woher kommt die Materie? Und wie sich aus ihr Bewußtsein entwickeln soll, ist eine zweite völlig ungeklärte Frage.“

 

Diesen Gedanken kann ich aufgreifen:

Wir erleben zwar seit Jahrzehnten einen Neuro-„Philosophie“-Boom, der so tut, als habe er eine wissenschaftliche Antwort auf diese Frage und könne damit den abendländischen Dualismus zugunsten eines materialistischen Monismus überwinden. Aber daran stimmt nahezu gar nichts; viele Neuro-„Philosophen“ kennen die Wissenschaftsgeschichte kaum, argumentieren damit häufig treuherzig-naiv und legen zumeist lediglich Glaubenbekenntnisse ab, so daß ihre „schlechte Wissenschaft zu einer schlechten Religion“ (Guido Rappe) wird.

Wir befinden uns mit unserem Ansatz jenseits von Idealismus sowie Materialismus und beginnen mit dem Bewußtsein. Damit entfällt das Umwandlungsproblem – vom Geist bzw. der Materie in das Bewußtsein – und wir müssen „nur“ noch die (erste) Frage nach seinem Woher beantworten.

1.3. Der Ursprung – das Bewußtsein und dessen Außerhalb

Wenn wir vom Außerhalb des Bewußtseins hören, kommt uns vielleicht als erster Gedanke in den Sinn, es müsse sich dabei um Unbekanntes handeln, das vielleicht zukünftig zumindest stückchenweise noch erfahren werden kann. Unreflektiert steckt dahinter wohl die Vorstellung, das Bewußtsein befinde sich „räumlich“ neben seinem Außerhalb; schon das Wort „Außerhalb“ deutet ja auf ein solches Nachbarschafts-Bild hin.

Ich bin jedoch überzeugt, daß es vollkommen falsch ist und durch ein Verhältnis der Ermöglichungdes Bewußtseins durch sein Außerhalb – ersetzt werden muß.

 

Woher kommt mein Bewußtsein?

Ich kann nicht ehrlich glauben, es selbst hervorgebracht zu haben; weder bin ich ein Gott noch der Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Wenn unser Bewußtsein ausnahmslos alles aktual Gegebene umfaßt, ist meines Erachtens nur eine einzige sinnvolle Antwort möglich:

Unser subjektives Bewußtsein kann nur aus seinem Außerhalb hervorgehen, während dieses sich selbst trägt.  

 

Um einzusehen, daß eine solche Aussage nicht absurd sein muß, wenden wir uns kurz dem mathematischen Unendlich zu.

Traditionell gilt das weitgehend als unproblematisch; es ist ganz simpel die Negation des Endlichen. Natürlich gibt es unendlich viele Zahlen, „Raum“ sowie „Zeit“ können unendlich ausgedehnt sein, und selbstverständlich ist Gott für die Gläubigen unendlich groß, weise, gerecht usw. 

Dagegen war zumeist auch klar, daß die Anzahl der Sandkörner an der Ostsee zwar gewaltig, aber nur endlich ist; im Prinzip lassen sie sich zählen, und irgendwann wird man einmal fertig damit.

 

Wir können das Unendliche jedoch nicht einfach als Negation des Endlichen verstehen, sondern unterscheiden (zumindest) das aktuale vom potentiellen Unendlich.

Was letzteres bedeutet, veranschaulichen wir uns am besten anhand der natürlichen Zahlen. Das sind Denk-Werkzeuge; nutzen wir sie nicht, liegen sie nicht irgendwo – beispielsweise im Werkzeugkasten „Zahlenreich“ – herum, sondern sie existieren nur auf Abruf; wenn wir aktual zählen oder rechnen. Geschieht das nicht, bleiben die Zahlen unbewußt; dann bestehen sie nur potentiell.

Wir können zählen, solange wir wollen; niemals wird eine Grenze oder letzte Zahl erreicht, an der wir „anstoßen“, aber nichtsdestotrotz bleiben die Zahlen immer endlich. Diese beiden Eigenschaften faßt unser Begriff zusammen:

Aktual endlich – wie lange auch immer wir rechnen oder zählen –, jedoch potentiell unendlich – ohne Grenze.

 

Unendlich viel „größer“ – die Mathematiker sagen dafür „mächtiger“ – als das potentielle ist das aktuale Unendlich. Wie sollen wir das verstehen? Mehr als immer weiter zählen zu können, ist doch gar nicht möglich? Doch!

Wenn wir vom potentiellen Unendlich etwas wegnehmen oder subtrahieren, wird es kleiner bzw. weniger; anschaulich gesprochen ist der verbleibende Rest nur noch so groß, als hätten wir beim Zählen schon früher aufgehört. Das scheint uns selbstverständlich, weil wir es ausnahmslos mit Endlichem bzw. potentiell Unendlichem zu tun haben. Wir baggern am Ostseestrand einen Kubikmeter Sand weg; der fehlt dann natürlich.

Beim aktual Unendlichen verhält es sich anders; ihm kann beliebig – potentiell unendlich – viel entnommen werden; es behält exakt seine aktual unendliche Mächtigkeit, verliert nichts und wird nicht schwächer, ärmer oder gar alle.

 

aktuales Unendlich   –   1 000 . . . 000   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

aktuales Unendlich   –   potentielles Unendlich   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

X   –   potentielles Unendlich   =   X  

 

Es ist wohl schon deutlich, wie wir dieses mathematische Modell nutzen können:

Das Bewußtsein entspricht dem potentiellen und sein Außerhalb dem aktualen Unendlich. Die beiden stehen weder „räumlich“ nebeneinander noch verhalten sie sich zueinander wie das bereits bzw. noch nicht Gegebene, sondern ihr Wechselspiel erfolgt zeitlich und ist wesentlich komplexer.

 

Um es bereits ein wenig zu verstehen, führen wir den Begriff des Ursprungs ein; er ist synonym mit den Begriffen Gott oder Transzendenz; am anschaulichsten wäre vielleicht Quell aller Wirklichkeit – der eigenen sowie jeder fremden.

In unseren obigen drei Gleichungen entspricht der Ursprung stets der rechten Seite; beispielsweise also dem X.

Nehmen wir mit unserem endlichen Bewußtsein B potentiell unendlich viel von ihm weg – linke Seite –, fehlt dem Ursprung absolut nichts: X – B = X

Vielleicht leidet Gott empathisch mit uns, wenn wir unglücklich sind – das wäre eine ganz andere Frage, die uns jetzt nicht interessiert –, aber Gott leidet nicht dadurch, daß jeder von uns als sein eigenes Bewußtsein aus ihm hervorgeht.

 

 

Ursprung                                                                                       
Gott  
Transzendenz  
Quell der Wirklichkeit  
X  
       
Außerhalb des Bewußtseins Bewußtsein  
aktual unendlich potentiell unendlich  
X – B
B
 

Abbildung 1.3.

 

Diese Zeichnung ist problematisch, denn allem Augenschein zum Trotz müssen die beiden gelb unterlegten Flächen – X sowie X – B – übereinstimmen:

Nur wenn das Außerhalb unseres Bewußtseins mit Gott zusammenfällt, können wir zum einen unsere Behauptung, in Gott zu leben, wörtlich aufrechterhalten.

Zum anderen ist unser Bewußtsein nur in der oder durch die Wirklichkeit Gottes denkbar; es gibt keine andere Quelle.

Gott muß also nicht nur selbst das Außerhalb unseres Bewußtseins bilden, sondern zugleich auch dessen Innerhalb ermöglichen.

 

Wir können dieses Problem auch so formulieren:

Gott ist allgegenwärtig, das heißt, es gibt keinen leeren Platz neben ihm und damit auch keinen für unser Bewußtsein.

Die jüdische Mystik löst das Problem in ihrer Kabbala durch einen Selbstverzicht Gottes, den Zimzum. Gott schafft in sich selbst Platz für uns; ohne eine solche Selbstbeschränkung, -verleugnung, -erniedrigung oder -hingabe wären wir nicht möglich.

Theologisch muß zu dieser Kenosis natürlich auch irgendwie die Menschwerdung Gottes gehören; wir werden versuchen, (sie) in diesem Sinne weiterzudenken.

1.4. Welt und Kosmos

Wenn wir das Wort „Welt“ hören, denken wohl die meisten von uns spontan an den physikalischen Kosmos. Daran zeigt sich, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte an das Denken der exakten Wissenschaften angepaßt haben. Vielleicht wundern Sie sich sogar über das Thema dieses Abschnitts: „Worin soll denn der Unterschied zwischen Welt und Kosmos bestehen?“

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig darüber spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos – als einem Universum –, sondern in einem Multiversum leben – Kosmen gewissermaßen.

Ich meine jedoch etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil.

 

Der physikalische Kosmos stellt nur einen winzigen Teil der Welt dar.

Überlegen Sie sich bitte einmal in Ruhe, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren Weltbild auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen Kosmos existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich mittels der Physik vollständig beschreiben läßt. Das ist bereits bei Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen Zweck besitzen, aber Zweck keine physikalische Kategorie darstellt, das heißt, der Physiker als Physiker nicht verstehen kann, was ein Zweck sein soll.

Es verbleiben somit nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

AD: „Wieso sollen Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im Kosmos enthalten sein?“

Das „nicht“ war falsch; pardon; sie befinden sich auch, aber nicht nur im Kosmos.

Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die (auch) die Physiker zuständig sind, und hierdurch gehören diese Gegenstände dem „raum“-„zeitlichen“ Kosmos an.

Das wollte ich keineswegs bestreiten; aber damit handelt es sich noch nicht um Reißzwecken, Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweils noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den Kosmos – denn die Physik kennt keine Zwecke – und reichen in andere Dimensionen hinein.

Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern, korrigiere ich mich also, reichen auch in den Kosmos hinein, gehen aber über ihn hinaus; er ist – anschaulich gesprochen – zu eng für sie.

 

Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihr Weltbild auf seine physikalischen Komponenten reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er ebenfalls keine physikalische Kategorie darstellt. Auch Physiker finden keinen Sinn im Kosmos; hoffentlich bei ihrem Arbeiten, aber das erfolgt nicht im Kosmos.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es – wir tun es ja weitestgehend.

 

Nun sollte die obige Überschrift verständlich werden:

Unsere Welt besitzt nicht nur die vier Dimensionen der „Raum“-„Zeit“, sondern potentiell unendlich viele und ist unabsehbar reichhaltig oder vielfältig. Der Kosmos mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er „raum“-„zeitlich“ praktisch grenzenlos ist, bleibt der Kosmos gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination der Welt nahezu vernachlässigbar.

Unbestreitbar bedeutet unser Rendezvous auch eine Ortsveränderung, aber daß es nur das ist, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.

Die Welt enthält den Kosmos, geht aber in potentiell unendlich vielen Dimensionen darüber hinaus.  Allein das traditionelle Denken im modernen Abendland glaubt, mit der Physik sowohl den Nabel als auch die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß deren „Weltformel“ angeblich als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft wird; es könnte aber bestenfalls eine Kosmosformel sein.

 

AD: „Aber diese nicht-physikalischen Partial-Welten, die Sie angedeutet haben, spielen doch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir das Weltbild (in) der Moderne und damit unser Denken so einseitig entwickelt haben. Überlegen Sie sich bitte einmal, was wir alles über unseren Kosmos erzählen könnten, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – unter anderem das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-Welten beispielsweise des Schönen, Friedlichen, Religiösen und der Gabe oder Stille entwickelt sind.

Bei dem Wort „Krieg“ assoziieren die meisten Menschen heute Waffen(-Systeme); müßte uns nicht als erstes das Leid der Betroffenen in den Sinn kommen?

1.5. Subjekte

Bei beiden Ansätzen, das heißt, sowohl für die Tradition als auch in unserer Form der Postmoderne können wir die Subjekte auf die gleiche Weise definieren:

Sie sind als Bewußthaber die Träger der Bewußtseine; jedes Subjekt besitzt ganz allein für sich sein eigenes, subjektives Bewußtsein.

 

Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Die Tradition weiß bei den Subjekten recht genau, wovon sie spricht – nämlich von Körpern, die ein Bewußtsein haben –, und zweifelt höchstens in Einzelfällen, ob das vorliegende Exemplar nun wirklich zu den Subjekten gehört oder nicht; Hasso, der Patient an der Herz-Lungen-Maschine, eine befruchtete Eizelle oder der Roboter „Tiktok“. 

Wir haben dagegen nicht die geringste Ahnung davon, worin Subjekte als Bewußthaber bestehen, und wissen somit lediglich, was wir nicht wissen.

 

Das ist wie bei Gott oder jedem sonstigen Geheimnis:

Es zu wissen, heißt lediglich, daß seine Benennung – beispielsweise „Gott“, „Ursprung“, „Transzendenz“ oder „Quell der Wirklichkeit“ also – bekannt ist. Wir können es leugnen oder – durch „Superschlauheit“ – als Geheimnis zerstören, aber nicht lüften; es ist nicht herauszubekommen, wer oder was der Ursprung ist. 

Auch Subjekt oder Bewußthaber fungieren in diesem Sinne bei uns nur als Benennungen. Vielleicht kommt heraus, daß wir uns – durch die Nähe zu oder als Ebenbilder von Gott – selbst ein Geheimnis sind, wie die Mystiker häufigt gesagt haben.

 

Ich kann als Subjekt – völlig unabhängig davon, wer oder was ich bin – nur dem eigenen Bewußtsein angehören.

Von dessen Außerhalb weiß ich partout nichts.

Natürlich können wir uns dort alles Mögliche und Unmögliche vorstellen; zum Beispiel daß A dem Außerhalb angehöre – wofür auch immer dieses A nun stehen mag.

Zum einen ist das eine Vorstellung A innerhalb unseres Bewußtseins.

Zum anderen bildet das Außerhalb unserem Ansatz zufolge nicht nur die Wirklichkeit, sondern sogar deren (einzigen) Quell. Wir denken uns dieses Außerhalb also nicht aus; es ist uns zwar nicht gegeben, aber vorgegeben und läßt uns keinerlei Freiheitsgrade.

Absolut nichts verbindet folglich die Vorstellung A mit dem Außerhalb. Warum sollte sich jene also auf dieses beziehen?

 

AD: „Damit haben Sie gezeigt, daß das Bilderverbot unnötig ist. Nicht wir sollen, sondern wir können uns kein Bild von Gott machen; auch Vorstellungen oder Begriffe sind Bilder in diesem Sinne.“

Ja; aber wir müssen den Gedanken noch ein wenig verallgemeinern, denn in einer weniger frommen Formulierung gilt er für alles jenseits der Wissungen:

Sie befinden sich eo ipso in unserem Bewußtsein. Die Tradition geht davon aus, daß sich die Wissungen auf die Wirklichkeit beziehen können, und letztere in diesem Fall das Gewußte, den Referenten oder das Wovon der Wissungen bildet.

Das halte ich für grundfalsch; es gibt nichts Gewußtes, keine Referenten oder kein Wovon, denn sie entsprächen dem Blablabla, das wir oben besprochen hatten.

 

Nochmals:

Was verbindet die Vorstellung A im Bewußtsein mit der Wirklichkeit in dessen Außerhalb?

AD: „Unser Denken oder die Kraft des Geistes.“

Das behauptet die Tradition; ich bezweifle es sehr stark, denn auch das Denken oder die Geisteskraft sind an unser Bewußtsein gebunden und können diese Verbindung somit nicht herstellen.

 

Die Tradition weiß, wer die Bewußtseine besitzt: die entsprechenden Körper; menschliche, tierische und vielleicht sogar pflanzliche.

Was dieses „besitzt“ bedeuten soll, weiß sie jedoch kaum und hilft sich damit, das Bewußtsein als das Innen der Körper zu bezeichnen – womit freillich gar nichts gesagt wird. Diese Schwierigkeit ist als Leib-Seele- oder Körper-Bewußtsein-Problem bekannt. Ich bin überzeugt, daß es – durch den Körper als Bewußthaber – falsch gestellt und deshalb unlösbar ist; zum Glück tritt es bei uns nicht auf.

 

Hier liegen die Verhältnisse umgekehrt; wir kennen die Bewußthaber nicht, wissen aber, worin das Bewußthaben besteht:

Das Bewußtsein ist

– das Hier und Jetzt, für das wir Verantwortung tragen;

– die Situation, zu der wir uns verhalten;

– die Frage, auf die wir antworten;

– die Talente, die wir verwalten, oder

– die Gabe, die wir – so oder so – weitergeben.

Bewußthaben heißt dann, Diener des Bewußtseins zu sein.

1.5.1. Die traditionellen Subjekte

Die Tradition lehnt sich sehr stark an die Sprache an und betrachtet alles, was ist, – grammatisch richtig – als Seiendes; mehr müssen wir hinter diesem Begriff nicht suchen. Ihr zufolge besteht die Wirklichkeit in oder aus den Seienden.

Die Subjekte bilden einen Teil von ihnen; den anderen und größeren stellen die Objekte. Zu ersteren gehören Menschen und vielleicht auch Tiere, Pflanzen oder Roboter. Die Worte ‚“Subjekte“‚ oder gar „Personen“ stehen mitunter hoch im Kurs, und viele legen Wert darauf, daß wir es bei ethischen Fragen nicht mit bloßen Objekten, sondern mit Subjekten zu tun haben

Aber das ist allzuhäufig nur ein belangloser Streit um Worte, denn diese angeblichen Subjekte sind im Kern ebenfalls nur Objekte, da sie als Körper bzw. von ihnen her verstanden werden; wie wir soeben gesehen hatten.

 

Weil es theologisch – und häufig auch philosophisch – unhaltbar zu sein scheint, (zumindest menschliche) Subjekte als bloße Körper zu betrachten, stattet man sie gegebenenfalls mit einem Innen aus – Seele, Psyche, Geist . . . –, so daß die traditionellen Subjekte als Individuen in der Einheit von Körper und Innen bestehen. Paradigmatisch können wir hierbei an René Descartes denken, der dieses Modell mit res extensa sowie (allein beim Menschen) res cogitans „more geometrico“ sauber zu begründen versuchte.

Im mittelalterlichen Theater nannte man ein solches Vorgehen den „deus ex machina“:

„Wir haben ein Problem; es geht nicht weiter, so daß eine Rettung erfunden werden muß.“

 

Wir werden für diese Erfindung stets den Begriff des Bewußtseins benutzen, weil damit – anders als bei Geist bzw. Seele oder Psyche – sämtliche hochtrabenden resp. frommen Assoziationen entfallen, die in unserem Zusammenhang eher in die Irre führen würden.

Mit dem Innen oder Bewußtsein hat die Tradition jedoch mehr Probleme geschaffen als gelöst; drei von ihnen seien kurz angedeutet:

 

Zunächst steht das traditionelle Denken vor der Schwierigkeit, klären zu müssen, wie und wo ein „räumlich“-materieller Körper mit einem un-„räumlich“-immateriellen Innen wechselwirken soll. René Descartes entschied sich – nicht begründet, sondern verzweifelt – für die Zirbeldrüse (Epiphyse) als dasjenige Organ, in dem seine beiden Substanzen angeblich aufeinandertreffen (können).

Dieses Körper-Bewußtsein-Problem ist meines Erachtens prinzipiell unlösbar; mit dem traditionellen Denken entfällt es jedoch zum Glück, wie wir bald sehen werden.

 

Des weiteren sind uns die Bewußtseine anderer Individuen natürlich völlig verschlossen oder unzugänglich, so daß wir bei allen Tieren, bei Embryonen oder Komatösen und vielleicht sogar Pflanzen vor der Frage stehen, ob sie ein Innen besitzen. 

Irgendwann in der Zukunft könnten wir gar unsicher werden, ob ein Mensch oder Roboter vor uns steht. Hat letzterer vielleicht auch ein Bewußtsein? Ist er dann gar ein Mensch?

Begründete Antworten scheinen ausgeschlossen zu sein, obwohl sie insbesondere an den Grenzen des Lebens überaus wichtig wäre. Ab wann gehört zu einer befruchteten Eizelle ein Innen, und wann dürfen wir die Herz-Lungen-Maschine guten Gewissens abschalten? Müssen wir beim Herztod bleiben, oder dürfen wir – um Organtransplantationen zu ermöglichen – zum Hirntod wechseln?

 

Auch diese Fragen lassen sich partout nicht begründet beantworten; meines Erachtens jedoch lediglich, weil sie völlig falsch gestellt sind.

Wer glaubt, daß eine befruchtete Eizelle lebt oder gar einen Menschen darstellt, ist Materialist, weil er das Leben mit komplexer Biochemie gleichsetzt. Das könnte dennoch richtig sein; ich verstehe meine Aussage nicht als Gegenargument, sondern schreibe dies nur so deutlich, weil die Annahme, die befruchtete Eizelle sei bereits ein Mensch, sogar in kirchlichen Kreisen heute noch sehr gängig ist. Natürlich fühlt man sich dann gemüßigt, eine unsterbliche Geist-Seele hinzuzuerfinden.

Aber damit verabschieden wir uns von jedem vernünftigen gesellschaftlichen Dialog. Daß Joseph Smith das Buch Mormon aus den ihm von einem Engel gereichten Goldplatten übersetzt haben soll, die – wie die unsterblichen Geist-Seelen – leider unauffindbar sind, muß ja auch nicht jeder glauben.

 

Und schließlich, das dritte traditionelle Problem in diesem Zusammenhang, sind unsere Körper unabhängig voneinander; jeder von ihnen steht (bei gesunden Erwachsenen) – nicht nur im engeren Sinne des Wortes – auf eigenen Beinen und ist autonom.

Natürlich brauchen wir uns auf der Ebene des Tausches bzw. der Hilfeleistung, aber eben auch nur dort und nicht im Kern oder in der Tiefe unserer Existenz. Körper hängen nicht irgendwie zusammen, sondern sind völlig getrennt voneinander; hier endet mein Körper und dort beginnt der Ihrige; wir haben primär nichts miteinander zu tun. Und wer auf dem Tauschmarkt nichts bieten kann, mit dem haben wir auch sekundär nichts zu tun.

Ein eventuell hinzugefügtes Bewußtsein ändert daran nicht nur nichts, sondern potenziert den Körper-Individualismus eher noch.

Das macht zugleich die heutige Vormachtstellung der Ökonomie verständlich, denn sie ist die Wissenschaft von unseren einzigen Verbindungen. Hans Jonas schrieb in diesem Zusammenhang, daß „der Kapitalismus aus der Todsünde der Völlerei eine sozialökonomische Tugend“ gemacht habe.

 

Solange wir Subjekte als Individuen denken, das heißt, von ihren getrennten Körpern her – einerlei ob nun mit oder ohne Innen, bleiben hinsichtlich einer „Ethik“ nur moralische Appelle, die bei der – hoffentlich – weiterhin abnehmenden Angst vor Hölle, Tod und Teufel immer weniger fruchten werden.

Eine „Ethik“, die auf Angst basiert, ist aber ohnehin keine Ethik, sondern Unterdrückung.

Anders geht es jedoch traditionell nicht, weil sich keine Ethik – des Miteinanders, der Gemeinschaft oder gar Einheit – auf der Grundlage eines Weltbilds entwickeln läßt, das mit seinen völlig getrennten Subjekten jeglicher Intersubjektivität hohnspricht.

 

„Er ist wie Du“; das mag ja richtig sein; aber daraus folgt nicht unbedingt, daß ich „den Nächsten liebe wie mich selbst“, sondern möglicherweise nur, daß wir dann eben beide sehen müssen, wo wir bleiben, und vielleicht nicht einmal im gleichen Boot sitzen, sondern gegeneinander rudern.

Man könnte denken, Margaret Thatcher hätte das begriffen: „Ich kenne keine Gesellschaft; ich kenne nur Individuen!“

Das muß nicht das letzte Wort sein; ist es aber, solange wir die Subjekte als Individuen mißverstehen.

 

Letztere verbindet nichts miteinander außer – gegebenenfalls bestehender – gemeinsamer Interessen. Existiert mehr zwischen ihnen, hören die „Individuen“ auf, Individuen zu sein – so daß eine begründete Ethik möglich wird, die auf alle Appelle verzichten kann, weil offensichtlich ist, daß wir uns selbst schaden, wenn wir anderen nicht gerecht werden.

Daß dies tatsächlich stimmt, haben wir wohl alle schon des öfteren erfahren; beispielsweise bei jeder Gabe, die von Herzen kommt. Aber warum ziehen wir daraus nicht die logische Konsequenz, daß demzufolge unser Verständnis der Subjekte als Individuen falsch sein muß?

 

Weil wir nur innerhalb unseres Weltbilds denken können; darin sind die Subjekte nun einmal Individuen, und alles andere ist im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar.

Deswegen müssen wir den traditionellen Ansatz zumindest in dieser Hinsicht hinter uns lassen.

Es geht hier also nur scheinbar um moralische Fragen. Wenn wir das Gute im Sinne dessen, wofür wir verantwortlich sind, nicht – in irgendeiner Form – denken können, existiert es für uns gar nicht.

Natürlich ist „Liebe“ immer richtig; wer würde es wagen, das zu bestreiten? Aber sowie wir in einer konkreten Situation fragen, was das hier und jetzt bedeutet bzw. was unter den gegebenen Umständen aus Liebe zu tun ist, gehen die Überzeugungen zumeist gehörig auseinander – auch weil jeder nur innerhalb seines Weltbilds denken kann.

1.5.2. Unsere postmodernen Subjekte

Wir behaupten nicht einfach, daß es irgendwelche Körper – im weitesten Sinne – gäbe, die ein Bewußtsein besitzen; dieser Satz ist nicht nur unüberprüfbar, sondern sogar unverständlich; was bedeutet „besitzen“ in dem Zusammenhang? Wir wissen nur, daß Körper entweder im Bewußtsein oder gar nicht sind. 

 

Das Bewußtsein wird kontinuierlich anders; nichts bleibt, wie es war, so daß wir auch nicht den geringsten Grund haben, von einem identischen Bewußthaber oder Subjekt auszugehen. Das wäre einer bzw. eines, bei dem ich gegenwärtig der gleiche bin, der ich bereits in der Vergangenheit war und in der Zukunft sein werde.

Aber wir müssen noch einen Schritt weitergehen:

Die soeben negativ beantwortete Frage, ob wir in der Zeit identisch seien, setzt doch immer schon voraus, daß wir überhaupt kontinuierlich in der Zeit existieren, das heißt, daß es uns bereits in der Vergangenheit gab und in der Zukunft noch geben wird. Nur wenn das so wäre, ließe sich nach unserer Identität fragen; das hatten wir übersehen und das Pferd gewissermaßen vom Schwanz her aufzäumen wollen.

 

Ich weiß keine Antwort; und wenn sich Vergangenheit sowie Zukunft außerhalb des Bewußtseins befinden, können wir auch keine wissen.

Solange uns jedoch jegliches Argument für unsere Kontinuität fehlt, dürfen wir sie auch nicht voraussetzen, so daß  die nachgeordnete Identitäts-Frage erst recht hinfällig wird. Wir behaupten natürlich auch nicht das Gegenteil, nämlich eine Diskontinuität des Subjekts, sondern sparen die Frage ehrlicherweise einfach aus.

 

Die gegenwärtigen Subjekte sind die Träger ihres gegenwärtigen Bewußtseins – und weitergehende Aussagen können wir nicht rechtfertigen.

Ich kann also beispielsweise nicht sinnvoll von meinem Bewußtsein in der Vergangenheit oder Zukunft sprechen. Wenn es mich dort vielleicht gar nicht gibt – weil ich nur in der Gegenwart und nicht „immer“ in der Zeit existiere –, mag es in Vergangenheit und Zukunft sehr wohl Bewußtseine geben, aber es können – ohne mich – unmöglich die meinen sein. 

„Mein“ Bewußtsein außerhalb der Gegenwart hat also nichts mit mir zu tun; es ist ebenso ein anderes Bewußtsein wie das gegenwärtige von Ihnen oder jedes andere fremde Bewußtsein.

Subjekte, könnten wir unsere Definition also verfeinern, sind eo ipso gegenwärtige Bewußthaber.

 

AD: „Es gibt keine Kontinuität – geschweige denn Identität – der Subjekte; einverstanden. Im Bewußtsein wird auch laufend alles anders; existiert aber dennoch wenigstens eine Kontinuität des Bewußtseins?“

Jein; die „Kontinuität des Bewußtseins“ ist meines Erachtens keine des Bewußtseins, sondern eine unserer – darin enthaltenen – Wissungen.

Stellen Sie sich vor, wir würden gekidnappt, betäubt und in einem anderen Erdteil ausgesetzt. Kämen wir wieder zu uns, würde die „Kontinuität des Bewußtseins“ ausbleiben, weil keinerlei Erinnerungen an das oder Bestätigungen von dem Früher existierten, um uns unsere jetzige Situation zu erklären.

Unser gegenwärtiges Bewußtsein wäre nicht kontinuierlich mit „unserem“ vergangenen Bewußtsein verbunden, weil sämtliche in beiden übereinstimmenden Wissungen fehlten.

 

Ein ganz klein wenig Philosophiegeschichte darf – und muß vielleicht – doch sein:

In der Postmoderne ist sehr viel die Rede vom „Ende“, „Abschied“ oder „Tod des Subjekts“.

Sofern damit das traditionelle gemeint ist, kann ich dem nur beipflichten. Wir werden bald sehen, weshalb sämtliche Seienden – die Objekte ebenso wie die Subjekte – undenkbar geworden sind. Das heißt, ich halte nicht die Subjekte – im Unterschied zu den Objekten – für absurd, sondern das ganze traditionelle Denken mit seinen Seienden.

Deswegen bemühen wir uns um ein anderes, postmodernes Subjekt, das nicht im übertragenen Sinne stirbt, sondern im wörtlichsten Sinne lebt.

1.6. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches; wir haben nur die Alternative zwischen einem stets ergebnisoffenen Selbst-Denken – sprich: Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon sagen kann, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, weiß nicht, was Denken bedeutet und ist Ideologe.

Mich interessiert absolut nicht, wer irgendwas, sondern höchstens, was irgendwer sagt. Würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial.

Ich lese keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner Wahrheit näher zu kommen.

In Büchern finden wir keine Wahrheiten, sondern bestenfalls Denkanstöße; auch beim eigenen Schreiben versuche ich, mir dessen stets bewußt zu sein.

 

Hochkomplexe oder abstrakte Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erleben; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, dann ist es keine Liebe. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist nicht rein, sondern gar nichts.

Auf der einen Seite darf keine Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also beispielsweise nicht mit dem Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten gleichgesetzt werden – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs- oder Weihnachtsgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden. Das bedeutet insbesondere, daß er sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

Stellen aus „Heiligen Schriften“ sind dabei nicht besser als solche aus profanen, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht für den Glauben, aber – theologisch ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen und hermeneutischen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda), in denen zum Beispiel steht: „Wenn Du den Buddha siehst, töte ihn.“

 

Theologisch sind die Aussagen des „Lehramts“ für mich ebenfalls nur Meinungen, die man in einer Demokratie natürlich haben darf. Einen Mehrwert würden auch sie – wie sämtliche Meinungen – erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft, saubere Begründung, Zeitgemäßheit oder ähnliches erhalten. Daß sich dies beim „Lehramt“ anders verhalten soll, scheint mir nicht gerade aus dem Evangelium hervorzugehen; denken wir nur an den Streit zwischen Petrus und Paulus.

Wenn Johannes Paul II und einzelne seiner Nachfolger beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertraten bzw. vertreten, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereiten sie zwar ihrer kirchlichen Institution größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn der sind bloße Meinungen gleichgültig.

 

Die Ergebnisse, zu denen der Theologe gelangt, sollten ihm helfen, seinen Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene Inhalte anzunehmen und zu leben resp. abzulehnen und zu ignorieren. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, ge(g)eifert und „gefühlt“.

Nur wer selbst denkt, kann irren; das ist also eine Auszeichnung. Das Irren macht den Denkenden niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man nicht durch Denken, sondern nur durch ein Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen.

1.7. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach (wie Mathematik oder Ökonomie) ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. Bemerkungen der Form „wie man weiß . . .“, „es ist allgemein bekannt, daß . . .“ oder „. . . im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). 

Ich versuche, das zu beherzigen, und schreibe das Buch für Nachdenkliche oder Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

Es hilft Ihnen nichts, wenn ich aufzähle, welche Denker mir besonders viel gegeben haben. Wesentlich aussagekräftiger dürften dagegen einige wesentliche Namen sein, mit denen Sie vielleicht chrakteristische Intentionen verbinden können.

Aufseiten der Subjekte und ihres Lebens verdanke ich Michel Henry, Emmanuel Levinas und Guido Rappe sehr viele Gedanken, für deren Formulierung mir allein sowohl die Einsicht als auch der Mut gefehlt hätten. Bezüglich der Objekte greife ich aus dem gleichen Grund insbesondere auf Gotthard Günther, Jacques Lacan, Josef Mitterer, Charles Sander Peirce, Josef Simon, George Spencer-Brown und (den späten) Ludwig Wittgenstein zurück. Im Zusammenspiel beider Seiten scheint es mir möglich, die traditionelle Subjekt-Objekt-Spaltung – vielleicht nicht zu überwinden, aber zumindest – ein wenig abzufedern.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme. Auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen, aber diese nicht einfach wiederholen, sondern sich als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals darauf gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, jüdischen oder atheistischen Ansätzen – letzteren freilich nur im Sinne eines „anderen“, das heißt durchdachten „Atheismus“ (Gregor Maria Hoff), wie wir ihn möglicherweise von Albert Camus, Martin Heidegger, Bruno Latour, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk oder Martin Walser kennen, – teilweise sehr nahesteht. 

Aber das wird uns natürlich erst deutlich, indem wir selbst denken, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

1.8. Subjektive Weltbilder statt einer objektiven Welt

Ich schreibe dieses Online-Buch, weil dahinter eine Hoffnung steht, die mir heute von kaum zu überschätzender Bedeutung zu sein scheint:

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen – im weitesten Sinne – überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Aliens, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik, ewige Wahrheiten, Zufall usw.

Vieles davon widerspricht sich natürlich gegenseitig; aber ganz abgesehen davon:

Könnten denn Menschen mit so vielen völlig differenten Glaubensbekenntnissen leben, wenn es die eine ojektiv-reale Welt gäbe? Dann verhielte es sich in Wirklichkeit so und so – aber nichtsdestotrotz glauben wir nahezu, was auch immer uns in den Sinn kommt?

 

Mit anderen Worten:

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer solchen wirklichen Welt zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen. Das sind Vorstellungen im Bewußtsein, die nur irrtümlich als Abbilder der Welt geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern kaum die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ geführt werden.

Diese heute weit verbreitete Einstellung halte ich jedoch selbst für einen Mythos; es ist derjenige vom Fortschritt als der großen modernen „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die – wie könnte es auch anders sein – natürlich uns zur absoluten Krone der Schöpfung Evolution macht und deshalb nur allzugerne geglaubt wird.

 

Ich bin dagegen fest überzeugt, daß wir keine Ausnahmekultur sind und unsere angeblich objektiv-reale Welt ebenfalls nur einem Weltbild entspricht – wie bei jedem anderen auch. Alle Weltbilder haben ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie nahezu gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befindet sich ein wahres Weltbild darunter, das die objektiv-reale Welt adäquat wiedergibt – weil sie gar nicht existiert.

Mit unserem Verzicht auf die Welt stehen wir in der Nachfolge beispielsweise von David Hume, George Berkeley, Arthur Schopenhauer, Ernst Mach oder Johannes Volkelt, folgen aber weder ihnen noch Ernst von Glasersfelds Radikalen Konstruktivisten oder den Neuen Realisten um Markus Gabriel, sondern meinen vier oben bereits genannten Lieblingsautoren.

 

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ eine Hinführung zu deren sehr avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere (exakt-)wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten davon könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

Nach einigen tastenden Ausbruchsversuchen in der Zwischenzeit bin ich also „reumütig“ zu meinen früheren Wurzeln zurückgekehrt. 

 

Traditionell Denkende könnten formulieren:

1. Andere Kulturen haben die Welt schlecht abgebildet.

2. Dadurch sind sie zu einem falschen Weltbild gelangt.

3. Nur wir – soweit uns das bekannt ist – bilden die Welt adäquat ab.

4. Allein unser Weltbild gibt somit Wissen von der Welt wieder.

5. Es kann nur ein wahres Weltbild geben, das somit objektiv sein muß.

6. Ohne vorgebene Welt (und vielleicht einen seienden Gott) gibt es auch keine Wahrheit.

7. Letztere besteht in der adäquaten Repräsentation der Welt (und vielleicht Gottes).

8. Sie ist also für sämtliche Menschen immer und überall die gleiche.

 

Wir würden etwa folgendermaßen korrigieren:

1. Worin unterscheidet sich Konstruieren von (hinreichend) schlechtem Abbilden?

2. Ohne Welt gibt es weder wahre noch falsche Weltbilder.

3. Wir vermeiden den überheblichen Bruch unserer Tradition; alle Kulturen konstruieren.

4. Kein Weltbild stellt Wissen von einer Welt dar – weil es keine gibt.

5. Alle Weltbilder sind subjektiv und können partiell intersubjektiv sein.

6. Ohne Gott gibt es gar nichts; aber eine Welt ist auch für die Wahrheit nicht erforderlich.

7. Meine Wahrheit besteht darin, hier und jetzt dem eigenen Leben gerecht zu werden.

8. Sie ist also – mit der traditionellen Wahrhet – unbedingt, aber – im Gegensatz zu ihr – subjektiv und situationsabhängig.

1.8.1. Konsequenzen aus unserem Verzicht auf die Welt

Veranschaulichen wir uns die gewaltige Differenz zwischen dem traditionellen und unserem Denken einstweilen an einer zwar sehr einfachen, aber deutlichen Konsequenz:

Wenn ein Subjekt stirbt, gibt es traditionell einen Körper weniger in der Welt, was darin freilich auch nicht die geringste Rolle spielt. Selbst wenn wir Menschen ausstürben, hätte dies für den physikalischen Kosmos praktisch keine Konsequenzen, würde von ihm gar nicht bemerkt und noch weniger betrauert.

 

Ohne Welt – in unserem Ansatz also – können in ihr auch keine Körper verschwinden; sie entziehen sich aber trotzdem; wo?

Natürlich dort, wo sie sich zuvor befunden haben, nämlich allein im Bewußtsein der den Verstorbenen nahestehenden zurückbleibenden Subjekte.

 

Wir sehen absolut noch nicht, wie sich eine weltlose Wirklichkeit konsistent denken lassen soll; ich hoffe aber, daß bei einer solchen Konzeption der Subjekte eine positive Antwort auf die „Frage nach dem Wozu“ (Robert Spaemann und Reinhard Löw), Warum oder Sinn unseres Lebens möglich wird.

Auf der Basis einer objektiv-realen Welt halte ich das für nahezu ausgeschlossen.

 

AD: „Ja; das wäre gewiß positiv; wird jedoch ohne Welt nicht alles möglich? Jeder denkt, was er will; oder auch gar nicht, aber das ist ohnehin alles belanglos.“

Dieser skeptische Einwand trifft mich nicht.

Sie setzen mit der Tradition unausgesprochen voraus, daß die Wahrheit unserer Wissungen durch den Vergleich mit der Welt festgestellt wird. Nun nehmen wir letztere weg – und damit scheinbar nicht nur alle Kontrollmöglichkeiten, sondern die Wahrheit selbst.

Aber Ihre Voraussetzung stimmt nicht; noch nie hat jemand seine Wissungen mit der Welt verglichen. Zum einen wüßten wir gar nicht, wie das überhaupt möglich sein sollte – man kann auch nicht Äpfel und Birnen zusammenzählen –, und zum anderen wurde die Existenz der Welt immer nur behauptet.

Es lassen sich lediglich Wissungen untereinander vergleichen; diese mit jener; die Wissung Erdkugel mit der Wissung Erdscheibe; Äpfel mit Äpfeln. Die Moderne hat nicht erkannt, daß die Erde eine Kugel ist, sondern diese Wissung der Scheiben-Wissung vorgezogen.

 

AD: „Aber wir sehen doch zum Beispiel von der Raumstation aus, daß die Erde tatsächlich eine Kugel ist!“

Nein; das kann prinzipiell niemand feststellen; von woaus auch immer.

Die Spiegelung an der Kugel ist eine konforme Abbildung der Mathematik oder Geometrie, die das Innere einer Kugel in ihr Äußeres transformiert und umgekehrt. Tun wir das bei unserer Erde, gelangt deren Stofflichkeit nach außen und das Weltall mit seinen Sternen wird zu ihrem Innen; deswegen „Hohl-“ oder „Innenwelttheorie“.

Man kann relativ leicht zeigen, daß ausnahmslos alle Experimente bei beiden Modellen zu den gleichen Ergebnissen führen – einfach weil die Experimente ebenfalls gespiegelt werden können. Die Winkel bleiben identisch, Geraden gehen in Geraden über usw. Hier liegen also nicht zwei verschiedene Wirklichkeiten vor, sondern lediglich zwei mathematische Darstellungsweisen einer unbekannten Wirklichkeit, die völlig gleichwertig sind, so daß nicht zwischen ihnen entschieden werden kann.

Vor 100 Jahren behaupteten sogenannte „Hohlwelttheoretiker“ daß die Erde wirklich das Weltall enthielte. Das stimmt dann natürlich nicht; sie betrachteten ihre Wissungen irrtümlich als solche von der Wirklichkeit.

Aber wenn wir die gegenteilige Überzeugung teilen, begehen wir natürlich den gleichen Fehler – nur auf der anderen Seite.

(Für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema empfehle ich zm Beispiel Roman Sexl, einen leider sehr früh vestorbenen Theoretischen Physiker aus Österreich.)

 

Zurück zum roten Faden:

Unsere Wissungen besitzen keine Ursachen, so daß auch unter diesem Aspekt die Welt nicht benötigt wird.

Wir entscheiden das „richtig“ bzw. „unrichtig“ der Wissungen nicht anhand von Ursachen, sondern aus Gründen, und die entspringen unserer Vernunft.

„Ich bin für die Wissung A, weil das besser zur Wissung B paßt“, „weil non-A widersprüchlich wäre“, „weil ich bei C ganz ähnlich denke“, „weil dadurch auch D verständlich wird“, „weil das logisch ganz sauber ist“ usw.

So versuchen wir, ein möglichst kohärentes Weltbild zu erzielen, in dem jeder Grund von anderen Gründen gestützt wird, so daß das gesamte Weltbild sich selbst zu tragen scheint.

Seine Übereinstimmung mit einer angeblichen Welt wurde und wird 1000-fach behauptet, ist aber nie festgestellt worden, weil das unmöglich wäre, selbst wenn die Welt existieren würde. 

 

Ohne Welt gibt es auch keinen gegenwärtigen Irrtum, denn er wäre widersprüchlich:

Wir können nicht von bestimmten Wissungen überzeugt sein und zugleich wissen, daß sie nicht stimmen. Eventuelle Fehler werden erst rückblickend deutlich, nachdem uns andere Wissungen eines Besseren belehrt haben.

Wenn beispielsweise ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich nicht, denn es fehlt jeglicher Maßstab, um dies feststellen zu können; er sieht Wasser; Punkt! Wüßte er, daß es sich um eine Fata Morgana handelt, würde er kein Wasser sehen, sondern vielleicht Steine.

Aus seinem Weltbild folgt, daß er Wasser trinken und damit sein Leben retten kann; also versucht er das wie selbstverständlich.

Mißlingt es ihm, besteht darin eine neue Erfahrung, anhand derer er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß; Fehler gibt es lediglich rückblickend.

 

Bei der häufig anzutreffenden und auch von mir genutzten Formulierung, unsere Weltbilder seien Konstruktionen, bitte ich, Folgendes zu beachten:

Viele von Ihnen werden sagen „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ (Friedrich Nietzsche) oder „irgendetwas konstruiert“; das behaupte ich auch nicht.

Konstruktion bildet für uns einfach den Gegenbegriff zur Abbildung – einer angeblichen Welt – und soll lediglich zum Ausdruck bringen:

Subjektive Weltbilder repräsentieren zum einen nichts ihnen Vorgegebenes, sondern stellen Originale dar, die also irgendwie hergestellt, erschlossen oder ausgedacht – eben konstruiert – worden sein müssen.

Zum anderen benötigt jedes Weltbild – im Gegensatz zur Welt – einen Besitzer, den Weltbildhaber. Ob er persönlich an der Entstehung seines Weltbilds beteiligt war, also mit-konstruiert hat, können wir dabei auf sich beruhen lassen; das spielt keine Rolle und behaupte ich auch nicht.   

„Das ist kostruiert“ heißt also lediglich, es wurde nicht abgebildet, ist primär und nicht sekundär.

 

AD: „Sie werfen den Traditionalisten vor, sie könnten nicht begründen, daß unsere Wahrnehmungen in Abbildungen von Seienden bestehen sollen und würden das nur behaupten. Aber können Sie rechtfertigen, daß es sich bei den Wahrnehmungen um Konstruktionen handelt?“

Ihre Argumentation klingt zwingend, enthält aber meines Erachtens einen Denkfehler.

 

Ich beginne mit einem simplen Beispiel.

Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven essen zu können; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, beschreibt ein Mythos, verdanken wir der Göttin Athene, die die Menschen die erforderliche Aufbereitung der Oliven gelehrt hat.

Wer diese Erklärung für wahr hält, dem kommt sehr wohl eine Begründungspflicht zu.

Wer die Argumentation nicht glaubt, steht jedoch keineswegs vor der Aufgabe, sie zu widerlegen. Müssen wir uns denn um die Privatmeinung von Frau Müller kümmern? Warum denn gerade um sie? Herr Meyer sagt auch etwas.

 

Der Athene-Mythos entspricht dem traditionellen Glauben an abbildbare Seiende; wer ihn für wahr hält, möge seine Überzeugung bitte begründen.

Mit meinem „Konstruieren“ vertrete ich noch keine anderslautende, aber ebenso konkrete Müller-Meinung, sondern betone lediglich, mich von dem traditionellen Ansatz zu distanzieren; ich glaube weder an Athene noch an Seiende. Das bedarf keiner Rechtfertigung, sonder dafür genügt es, mich um eine andere Erklärung zu bemühen.

1.8.2. Drei Arten von Subjektivität

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjekten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als alle Differenzen. Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden.

Mit „medial“ meine ich, daß unsere Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität, Wissungen oder andere Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene allen Subjekten gemeinsame – und damit total intersubjektive – Wirklichkeit würde von keinem einzigen Weltbild adäquat beschrieben werden und wäre somit natürlich insbesondere nicht unser physikalischer Kosmos.

 

Die traditionelle Welt ist nicht total intersubjektiv, sondern objektiv, weil sie gar keine Welt für uns, sondern eine Welt an sich darstellt, die keine Zuschauer oder Betrachter benötigt. Schaut sie einer an, so ist das völlig belanglos und berührt sie gar nicht; die Welt wäre ohne Beobachter – von deren Körpern abgesehen – die gleiche.

In unserem Ansatz ist dagegen ausnahmslos alles subjektiv, aber wir müssen drei Arten von Subjektivität unterscheiden:

 

1. Das Bewußtsein ist rein subjektiv; jedes Subjekt besitzt nur das seinige und verfügt über keinerlei Zugang zu einem anderen Bewußtsein.

Natürlich können die Inhalte verschiedener Bewußtseine übereinstimmen; aber da das von niemandem festgestellt oder gar bewirkt werden kann, ist eine solche Kongruenz völlig irrelevant, hat nichts mit Intersubjektivität zu tun und kann nicht einmal unter „Zufall“ abgebucht werden – weil sie niemals und nirgends in Erscheinung tritt.

 

2. Unser Zusammenleben beweist, daß eine partielle Intersubjektivität möglich sein muß; wir können uns teilweise verständigen.

Innerhalb des Bewußtseins bleibt dies ausgeschlossen, da es rein subjektiv ist; als Sphäre der partiellen Intersubjektivität kommt somit nur das Unbewußte infrage.

 

3. Die totale Intersubjektivität betrifft allein die erhoffte grund-legende Wirklichkeit, die sich außerhalb sowohl des Bewußtseins als auch des Unbewußten befindet.

 

Somit läßt sich bereits ein wichtiger Grundgedanke unseres Ansatzes formulieren:

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjekte verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der Welt. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an letztere aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, sinnvoll nach einer solchen alle Subjekte tragenden und vereinenden, das heißt, total intersubjektiven Wirklichkeit zu suchen.

 

Die traditionell angenommene Welt kann diese Aufgabe nicht erfüllen, weil sie nur an sich, aber nicht für uns, objektiv und nicht (total) intersubjektiv ist. Daß sie uns hervorgebracht haben soll, ist kein Beweis des Gegenteils, sondern – anerkanntermaßen – Zufall.

Diese Welt schert sich nicht um uns; wir müssen sie ganz ohne ihre Hilfe möglichst adäquat abbilden, um darin überleben zu können, so daß das Ergebnis in Kampf und Konkurrenz besteht.

Ließe sich vernünftigerweise anders als sozial-darwinistisch oder „kapitalistisch“ denken, wenn wir das Zufallsprodukt einer Welt wären, die uns absolut gleichgültig gegenübersteht? Für die zwischen Mondmagma und uns Menschen kein prinzipieller Unterschied existiert?

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahren Sprachen.

 

Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ernstnehmen und verallgemeinern:

Wahre Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse existieren ebensowenig, denn auch sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit noch zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu der erhofften total intersubjektiven Wirklichkeit –, um alle nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht; sie möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder repräsentieren, sind sie aber nicht selbst.

 

Die Wahrheit – um die wir uns bemühen – ist absolut und nicht relativ.

Alle „Wahrheiten“, die man haben kann, die von den verschiedensten Seiten in Geschichte und Gegenwart als Wahrheiten behauptet wurden oder werden, müssen relativ, weil medial bedingt sein. Jeder, der fest an dergleichen glaubt, ist Relativist – und dabei vom glatten Gegenteil überzeugt.

Speziell Christen sollten hierüber nicht erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: „Das Wort ist Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.

1.8.3. Psychisch "Kranke" und wir

Ohne Welt befinden wir uns alle in der Situation eines psychisch „Kranken“:

Daß er mit einem ganz speziellen subjektiven Weltbild zurechtkommen muß, erkennen wir bei ihm – vielleicht unter großem Bedauern – an, bestreiten aber, daß es uns ebenso geht.

AD: „Nein; das läßt sich keinesfalls so einfach gleichsetzen! Wir sehen doch bei psychisch ‚Kranken‘, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit der wirklichen Welt steht.“

Tut mir leid, aber das sehen wir prinzipiell nicht, sondern höchstens, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit unserem eigenen Weltbild steht – das wir möglicherweise als adäquates Abbild einer angeblichen Welt mißverstehen.

 

Zweifellos gibt es einen relativ engen Zusammenhang zwischen unserem Weltbild und der psychischem Gesundheit; andernfalls wären Seelsorge oder Psychotherapie weder möglich noch nötig.

Wer mit seinem Weltbild sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrem Weltbild oder seinetwegen leiden. Sie können ihr befreienderes Weltbild mit den Leidenden teilen, es ihnen mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Weltbilder sollen die Fülle des Lebens ermöglichen; Ängste verringern, Hoffnung wecken, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber da sie ohne Welt prinzipiell nicht wahr sein können, weist weder die „Gesundheit“ auf ein wahres noch die „Krankheit“ auf ein unwahres Weltbild hin. 

 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in der „Gesundheit“ – niemand weiß, was das sein soll –, sondern allein darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten als „krank“ zu betrachten und gegebenenfalls deren Weltbilder als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, erklären wir das eigene Weltbild zur Wahrheit, behaupten eine entsprechende objektiv-reale Welt dahinter und glauben selbst (an) unsere Konstruktion.

 

Vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise sperren wir gerade die Falschen weg; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

Für unsere nahezu als selbstverständlich geltende Überzeugung, das adäquate(re) Weltbild zu besitzen, dürften fünf Gründe besonders wichtig sein:

 

1. Zunächst möchten wir ganz einfach unser Weltbild als adäquates Bild von der Welt verstehen. Wer weiß nicht allzugern, „wie es wirklich ist“?

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt sogar eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen oder sportlichen Massenveranstaltungen mitunter ungeschminkt erleben.

 

3. Unsere Technik bildet die Anwendung der exakten Wissenschaften, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die Welt adäquat wiedergeben.

In diesem Satz ist ein Denkfehler enthalten; richtiggestellt müßte er fortgesetzt werden mit den Worten „. . . wenn es letztere gäbe“.

Sie werden im allgemeinen unterschlagen, weil die Existenz der Welt als selbstverständlich gilt. Wäre dem so, würde die Technik tatsächlich die Richtigkeit der exakten Wissenschaften beweisen; das scheint mir nahezu unbestreitbar.  

 

Aber was ändert unsere Klausel daran?

Existierte die Welt, wären unserem Handeln eindeutige Grenzen vorgegeben; „wenn Du das machst, knallt es“.

Ohne Welt könnten diese Grenzen viel weiter sein, so daß nahezu alles möglich sein müßte, was sich in unserem Weltbild als widerspruchsfrei erweist; auch einen „Himmel“ oder eine „Hölle auf Erden“. Dann bestätigt die erfolgreiche Technik aber gar nichts, sondern umgekehrt wäre es verwunderlich, wenn irgendetwas nicht machbar sein sollte – obwohl es doch keinen Widerspruch enthält. 

Ohne Welt fehlt, mit anderen Worten, der Kontrollmechanismus für alle denkbaren Weltbilder. Deren logisch saubere Konsequenzen müssen richtig sein, weil sie selbst den Weltbildern angehören; diese werden durch die Technik also nicht bestätigt, sondern weiterentwickelt.

Wie lange haben andere Kulturen mit ihren „falschen“ Weltbildern teilweise existiert? Das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ Weltbild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

 

AD: „Das mag theoretisch richtig sein, praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

Und vielleicht wollte es auch keiner!

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man wollen kann, hängt doch vom Weltbild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht, und wir wollen ihn gar nicht. Wenn die Ägypter beispielsweise unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, muß der Gedanke, hinfliegen zu wollen, einfach als absurd erscheinen.

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

 

4. Viele Vorstellungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit müsse etwas mit Wahrheit zu tun haben, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen ist alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser subjektives Weltbild gebunden; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht zum eigenen Weltbild gehört oder sich aus ihm ergibt, ist uns zugänglich.

 

Sämtliche Schlüsse oder Begründungen müßten also den Vermerk tragen „im Rahmen meines Weltbilds“, denn sie setzen dieses als unhinterfragbares Nonplusultra voraus. Unser Weltbild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist. A muß und B kann nicht sein – in meinem Weltbild; letzteres, aber keine angebliche Welt, liefert die einzige Begründung.

Solange es keine Widersprüche enthält, führt natürlich kein Gedanke aus dem Weltbild heraus; das hat aber auch gar nichts mit seiner Bestätigung zu tun, sondern ist tautologisch.

 

5. Und schließlich suchen wir nach Gemeinschaft; was schon viele glauben, wird spontan favorisiert.

Wir wollen gerne von der Mehrheit denken lassen; das kann sie aber nicht; zu denken vermag nur der Einzelne.

1.9. "Unphilosophische" Hilfestellung

Was ich in diesem ersten Teil geschrieben habe, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig und verführt zu dem Gedanken, daß sich dort an sich, das heißt, völlig unabhängig von unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare Sonne befindet.

 

Wer so und damit traditionell denkt, benötigt also zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder wahrnehmbare Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht; ohne Sonne keine Sonne.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild).

Einerseits müßte das zwingend sein.

Andererseits sehen wir aber nie doppelt, so daß uns immer nur die Wahrnehmung Sonne gebeben ist. Niemand hat jemals die Sonne gesehen; wir schauen zu ihr hin, kommen aber „immer schon zu spät“ für sie, denn es zeigt sich uns „bereits“ die Sonnen-Wahrnehmung.

Somit haben wir insbesondere keine Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein (adäquates) Abbild der Sonne ausweist. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das problematische Abbilden überspielt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn die Ur-Sonne nicht dort wäre, und das Abbilden ist der Weg, der von ihr zur Wahrnehmungs-Sonne führt. Jene wurde zwar niemals gesehen, sondern lediglich – als einfachste Erklärung der Sonne – erfunden, aber alle traditionell Denkenden sprechen von ihr.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

AD: „Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Sie behaupten die Sonne als Wahrnehmung von der Sonne, ohne daß diese ominöse Sonne selbst eine Wahrnehmung darstellen würde, und obwohl sie nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um diese erklären zu können.

Wie auch immer das Verhältnis dieser beiden SONNEN gedacht werden mag: Die Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das durch nichts zu rechtfertigen ist.

 

AD: „Doch, das ist es, denn durch die ‚Erfindung‘ der Sonne – wie Sie es leider nennen – läßt sich die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens wunderbar erklären. Bei Ihnen muß die Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Das ist sie nicht; natürlich habe ich noch verständlich zu machen, wie die Wahrnehmung Sonne entstehen kann; aber dafür müssen die traditionell Denkenden erklären, wo ihre Sonne herkommt. Erst dann können sie mit ihrer Hilfe die Wahrnehmungs-Sonne ableiten. Vor einem Herkunfts-Problem stehen wir also beide.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere, weil es etwas prinzipiell Unerreichbares oder nur Gedachtes voraussetzt. Daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erleben, resultiert nicht aus einer angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

AD: „Ich verstehe Sie leider immer noch nicht.

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäumen einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden sind wir dort. Während des Weges liegt höchstens die Sicht auf den Turm vor, das heißt, ein Abbild von ihm. Angekommen am Ziel haben wir den Turm selbst, können in ihm als dem Urbild hinaufsteigen und unseren Namen einritzen; beim Bild geht beides nicht.“

Das war alles richtig, hat aber mit unserem Problem nichts zu tun; Ihr Beispiel bietet kein Modell für das traditionelle Denken in Ur- und Abbild. Der entscheidende Unterschied besteht darin, daß am Ziel angekommen der wirkliche Turm ebenso Ihrem Bewußtsein angehört wie vorher bereits der Blick auf ihn; Urbilder dagegen befinden sich immer im Außerhalb des Bewußtseins.  

 

Der Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Turm wahr“ wird im allgemeinen so verstanden, daß dort an sich ein Turm steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Turm das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Turm.

Die Formulierung „Ich nehme einen Turm wahr“ läßt sich also fast nur traditionell und damit falsch verstehen – im Sinne einer Verdopplung zu zwei TÜRMEN –; sie besagt dann, daß wir einen Turm wahrnehmen und als Turm-Wahrnehmung abbilden.

Wo soll sich denn dieser wahrgenommene Turm befinden?

AD: „Auf dem Berg natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern problematisch, weil wir unseren TURM-Disput von soeben nun als BERG-Disput fortsetzen müßten:

Es gibt zwei BERGE; den wahrgenommenen Berg und die Wahrnehmung Berg. Der Turm steht auf dem Berg und beides sind Urbilder; der Turm steht auf dem Berg, und beides sind Abbilder . . .

 

Nehmen wir noch die Verstehungen als Beispiel, weil sie vielleicht einfacher sind; sie benötigen kein Verstandenes.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen oder originell sind –, so denken Sie vielleicht, Sie hätten mich (richtig) verstanden. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.  

2. Der traditionelle Ansatz, unsere Kritik daran und die Richtung einer möglichen Alternative

Unter traditionell verstehen wir jedes Denken, das von einer uns vorgegebenen Welt ausgeht, wie auch immer sie philosophisch erklärt werden mag. Ihre Bestandteile sind die Seienden, und wir stehen notwendigerweise vor der Aufgabe, sie hinreichend genau zu erkennen, denn andernfalls könnten wir gar nicht (über)leben.

Die Erkenntnis der Seienden gilt diesem Ansatz – der Adäquationstheorie – zufolge als Wahrheit; unsere wahren Wissungen sind Darstellungen der Seienden als dem Wißbaren. Deswegen werden letztere auch häufig als Urbilder und unsere Wissungen als (deren) Abbilder verstanden.

 

Der traditionelle Ansatz bestimmt den Mainstream der letzten zweieinhalb Jahrtausende des abendländischen Denkens.

Innerhalb der Philosophie wurde er von Kant und dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling und Hegel – kritisch infragegestellt sowie später insbesondere von Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead. Seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken bei den Philosophen weitestgehend als unhaltbar, und ich kenne gegenwärtig keinen Großen unter ihnen, der (an) eine objektiv-reale Welt glaubt.

Aber dennoch dominiert dieser Ansatz außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften sowie der Theologie und im Alltagsdenken – häufig noch heute als eine angeblich unhinterfragbare Selbstverständlichkeit und feiert dort fröhliche Urständ.

 

Bei der katholischen Kirche besteht der Hauptgrund für dieses Zurückbleiben meines Erachtens darin, daß sie sich spätestens seit dem „Alleszermalmer“ Kant im wesentlichen vom philosophischen Denken verabschiedet hat und zumeist nur noch versucht, sich apologetisch gegen die – „Diktatur des Relativismus“ (Josef Ratzinger) in der – Moderne zu verteidigen. Daß die Kirche leider heute noch weitgehend glaubt, sich so verhalten zu müssen, resultiert freilich aus einem Mißverständnis:

Sie betrachtet die ihr anvertraute Offenbarung Christi – die in seiner Fleischwerdung besteht – irrtümlich als einen in sprachlicher Form übermittelten Glaubensschatz (Depositum fidei), der möglichst buchstabengetreu – ohne „auch nur ein Jota“ daran zu ändern – unversehrt durch die Wechsel der Geschichte hindurch zu bewahren ist.   

 

Wer traditionell denkt – das heißt offiziell: naiv-realistisch –, braucht keine Philosophie und kann nur staunen, weshalb sich Menschen mit solch „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist: Was wollen diese ‚Philosophen‘ eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt.“

Der entscheidende Gedanke, daß das eigene Weltbild möglicherweise nicht den Zugang zur Welt eröffnet, sondern umgekehrt den Horizont darstellt, der das Denken begrenzt und gefangenhält, vermag bei dieser Grundeinstellung gar nicht aufzukommen.

 

Weil das traditionelle Denken so massiv von der griechischen Antike über das christliche Mittelalter bis tief in die Moderne hineinreicht, verstehen wir unseren abweichenden Ansatz als einen der Postmoderne. Das ist heute ein schillernder Begriff, in den auch vieles hineingelegt wird, was ich für unsinnig halte, mir nicht zusagt oder gar widerspricht; zum Beispiel, daß es postmodern keine Wahrheit geben soll.

Ich bitte Sie deshalb, bei diesem Begriff nur das zu assoziieren, was wir uns gemeinsam erarbeiten. Es kann bei einem sinnvollen Diskurs niemals um die Worte gehen; sie bilden nur das Medium, bei dem wir nicht stehenbleiben dürfen, sondern das wir zum damit Gemeinten durchschreiten müssen.

Sie interpretieren mich nur gut, wenn Sie versuchen, mich besser zu verstehen als ich selbst dies tue; dann fallen Ihnen mitunter auch geeignetere Worte ein, um das von mir Intendierte befriedigend darzustellen.

 

Gäbe es uns nicht, wäre die Welt der Seienden exakt die gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit des Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede einzelne Ameise ist millionenfach wichtiger für ihren Haufen als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

 

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, Minderwertigkeitskomplexen oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, dann hängt das mit Sicherheit auch an ihren persönlichen Lebensumständen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, muß der Gedanke, das traditionelle Denken könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht völlig abwegig sein.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“.

„Masse von geistig Behinderten“ klingt nicht sehr ermutigend; aber wenn wir uns umschauen – bis in die Universitäten hinein –, wo heute noch ernstlich gedacht und – die Karriereleiter ignorierend – das Erbe der Aufklärung hochgehalten wird, muß man Henry nicht unbedingt widersprechen.

Das ist eine „Postmoderne“, von der wir wohl nicht viel zu erwarten haben.

 

Auch Jacques Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich; ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im traditionellen Denken befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden diesem Ansatz zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Spaemann und Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ subjektiv sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies nicht auch für die Welt gelten? Wozu der Aufwand mit den unermeßlichen Distanzen – wenn es dem christlichen Glauben zufolge (nur) um uns als der Krone der Schöpfung geht?

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (Blaise Pascal).

 

AD: „Aber es mag doch auch sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns überhaupt geben kann?“

Natürlich darf man das nicht ausschließen; diese Denk-Möglichkeit allein genügt jedoch ebensowenig wie der Glaube daran. Wer hiermit argumentieren möchte, sollte nachzuweisen versuchen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit tatsächlich so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – physikalisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

Anton Friedrich Koch unternimmt gegenwärtig einen neuen Anlauf in dieser Richtung; auch er ist nicht sonderlich leicht zu lesen.

2.1. Urbild – Abbilden – Abbild

Der Mond existiert schon sehr lange; ein Baby sieht ihn irgendwann zum ersten Mal aus seinem Kinderwagen, aber davon merkt der Mond natürlich nichts; die Wechselwirkung der beiden ist total einseitig.

Läßt sich dieses Geschehen dann vernünftiger als mittels eines Abbildens beschreiben? Der Mond ist seit Jahrmillionen ein wißbares Seiendes, das potentiell als Urbild zur Verfügung steht; nun kommt auch unser Baby, erkennt ihn und erzeugt damit ein Abbild des Mondes in seinem Bewußtsein.

 

Wer glaubt, daß es auf die Frage, was ein wirklicher Freund sei, eine allgemeingültige wahre Antwort gibt, muß letztere als ein Abbild des Urbilds Freund verstehen. Halten wir einen Willen Gottes für relevant in unserem Leben, so müssen wir ihn abbilden; solange er nur in Gott ist, können wir ihm weder folgen noch widersprechen, weil wir ihn gar nicht kennen. Gelten uns – physikalische, juristische oder göttliche – Gesetze als wahr, so sind sie notwendigerweise bereits aus dem jeweiligen Gesetzeshimmel heraus abgebildet.

 

AD: „Ich verstehe gar nicht, wo Sie hier ein Problem sehen. Das Abbilden ist doch auch außerhalb der Philosophie die normalste Sache der Welt; denken wir nur an das Photographieren oder Beschreiben, an Landkarten oder Veranschaulichungen.“

Ich korrigiere Sie ein klein wenig; „Das Abbilden ist nur außerhalb der Philosophie die normalste Sache der Welt . . .“.

Denn in diesem Fall gehören „Ur-“ und „Abbild“ unserem Bewußtsein an; beim Photographieren können wir beispielsweise das aufgenommene Gesicht unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen; beide sind uns gegeben, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt. Das Original und sein Bild; dem Künstler steht ein Mensch gegenüber und er malt dessen Porträt.

 

Innerhalb der Philosophie, bei unserem Problem also, liegt dagegen im Bewußtsein stets nur eine Seite vor; ein Bild, das lediglich als Abbild behauptet wird. Wir sehen dabei nicht doppelt, sondern denken uns das Urbild nur, um von seinem Außerhalb des Bewußtseins her die Entstehung dieses Bildes erklären zu können, womit wir es zu einem angeblichen Abbild machen.

Deswegen habe ich „Ur-“ und „Abbild“ oben mit Anführungsstrichen versehen; das sind ganz andere Begriffe, die wir nicht mit unseren philosophischen vermischen dürfen. Das Photo und Porträt stellen keine Abbilder dar, und das Original bzw. der Mensch ist kein Urbild.

 

AD: „Natürlich sehen wir in unserem Fall nicht doppelt; der wirkliche oder seiende Mond ist ‚unsichtbar‘, weil er sich außerhalb des Bewußtseins befindet; aber unsere Vernunft verlangt ihn.“

Aber sie verlangt ihn doch nur, um die sichtbare Mond-Wahrnehmung verstehen zu können; natürlich ist eine Erklärung für letztere unbedingt notwendig, aber, wie wir sehen werden, kann sie auch ganz anders erfolgen.

Insbesondere dürfen wir nicht allein wegen der Mond-Wahrnehmung einen Ur-Mond erfinden, mit dessen Hilfe wir dann die Mond-Wahrnehmung erklären, ohne die es den Ur-Mond gar nicht gäbe.

2.1.1. Im Zirkelschluß zu den Seienden

AD: „Aber kann es denn sein, daß die traditionell Denkenden das nicht bemerken:

Sie erklären die Abbilder durch Urbilder, deren Erfindung die Abbilder selbst angestoßen haben; ein schönerer Zirkel ist doch kaum denkbar!“

 

Das scheint mir überaus wichtig zu sein:

Von den Urbildern wissen wir allein durch die Abbilder.

Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch den Donner.

Donar macht uns den Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meines Erachtens pure Erfindungen.

 

Beide – Urbilder und Donar – stellen Versuche dar, etwas verständlich zu machen; sie mögen ihre Zeit und vielleicht auch ihr Recht gehabt haben. Aber wenn wir ihre Schwachstellen erkennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten. 

Und zu diesen Schwachstellen gehört die Annahme, daß Denknotwendigkeit etwas mit Wahrheit, Evidenz, Selbstverständlichkeit oder zumindest Richtigkeit in der Welt zu tun habe.

Wie könnte sie das denn überhaupt? Was verbindet die Logik mit einer materiellen Welt?

Nichts, denn das Denken erfolgt innerhalb der Wissungen und spielt somit nur innerhalb des Weltbilds. Demnach zeigt uns die Denknotwendigkeit ganz einfach dessen Begrenztheit oder unsere Engstirnigkeit, aber keine „Wahrheit der Welt“, denn letztere kommt beim Denken gar nicht vor. 

 

AD: „Dann stellen die angeblichen Seienden also lediglich Projektionen derjenigen Wissungen dar, (an) die die traditionell Denkenden fest glauben oder von deren Existenz außerhalb ihres Bewußtseins sie überzeugt sind?“

Genau; was Ludwig Feuerbach in seiner Religionskritik bei Gott richtigerweise erkannt hat, gilt natürlich nicht nur bei ihm, sondern für alle Seienden außerhalb unseres Bewußtseins; einerlei ob wir offiziell von dem Urknall, der Materie, Energie, Evolution oder Welt sprechen.

 

Die traditionellen Seienden müssen Projektionen darstellen, weil sie sich außerhalb unseres Bewußtseins befinden. Dort sind sie uns nicht zugänglich – welche andere Bedeutung sollte dieses „außerhalb“ sonst besitzen? –, so daß die Seienden insbesondere auch unmöglich abgebildet werden können.

Trotzdem – welch Wunder! – behauptet die Tradition, über derartige Abbilder zu verfügen.

 

Da scheint mir unsere Interpretation wesentlich stringenter, weil (widerspruchsfrei) denkbar zu sein:

Die „Abbilder“ sind keine Abbilder, sondern Wissungen, (an) die wir subjektiv fest glauben; wir können kaum anders, als sie uns außerhalb des Bewußtseins vorzustellen.

Und die „Urbilder“ sind keine Urbilder, sondern die Projektionen dieser Überzeugungen.

Denn alles kann aus dem Bewußtsein herausprojiziert, aber nichts von Außerhalb hereingeholt werden.

 

AD: „Die unseres Erachtens unbedingt notwendigen Wissungen projizieren wir demzufolge als angebliche Seiende in die Welt?“

Ja; nur ein Detail würde ich korrigieren wollen:

Nicht „in die“, sondern „als“ Welt; sie besteht ja nicht, und dann kommen die Projektionen hinzu, sondern die Welt ist nichts anderes als deren Gesamtheit.

 

Wohin wir projizieren, sollte oben bereits deutlich geworden sein:

In das Außerhalb des Bewußtseins, das wir oben mit Gott, dem Ursprung oder der Transzendenz identifiziert hatten und vielleicht am besten als Quell der Wirklichkeit verstehen.

Wir projizieren die Wissungen, derer wir uns sicher sind, möglicherweise in dieses Nichts des Denkens, und die Tradition glaubt irrtümlich, sie dort als Seiende abgebildet zu haben.

2.1.2. Das Sein der Seienden

AD: „Wir wissen also sehr genau, was angeblich außerhalb unseres Bewußtseins existiert, weil wir es selbst hinausprojiziert haben.“

Ihr Resümee zeigt, daß Sie mich im vorigen Abschnitt gut verstanden haben. So sollten Sie vorübergehend denken; aber es stimmt nicht ganz, denn das war nur ein Zwischenschritt, und wir müssen noch weitergehen.

 

Den Tisch, an dem ich gegenwärtig sitze, gibt es; er existiert oder ist wirklich. Das bedeutet beispielsweise, daß ich darauf schreiben oder essen, mich daran stoßen, ihn sehen, betasten, umwerfen und zersägen kann. Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen – durch alle möglichen Tisch-Erfahrungen hindurch.

Damit lassen sich zwei Fragen sauber beantworten:

(1) Zum einen wissen wir, wovon die Rede ist; es geht um unsere – aktualen oder potentiellen – Tisch-Erfahrungen.

(2) Und zum anderen wird damit zugleich deutlich, worin deren Wirklichkeit besteht – ganz einfach im Erfahren-Werden. Erfahrungen sind nicht vorhanden und gibt es auch nicht, sondern werden entweder erfahren oder existieren nicht.

 

Die Tradition gibt diese Wirklichkeit des Erfahrens zwar zu, bezieht sie jedoch lediglich auf die Abbilder der Seienden. Bei letzteren selber sind beide Fragen, die den unsrigen soeben entsprechen, noch offen:

(1) Was sind überhaupt die Seienden?

(2) Worin besteht ihre Wirklichkeit?

 

Frage (1) haben wir im vorigen Abschnitt provisorisch mit der Projektion unserer fest geglaubten Wissungen beantwortet. Nun sehen Sie wahrscheinlich bereits, weshalb das (noch etwas) falsch war:

Unsere Wissungen basieren auf Tisch- oder anderen Erfahrungen, aber die können natürlich nicht in das Außerhalb projiziert werden, denn dort gibt es keine.

Die Tradition behauptet dort keine Tisch-Erfahrungen, sondern den Tisch an sich bzw. sonstige Seiende und steht damit vor den beiden Fragen von soeben.

Ich formuliere sie in der originalen Begrifflichkeit; die müssen Sie jedoch weder verstehen noch sich einprägen, denn ohne Seiende ist für uns natürlich auch deren Beschreibung hinfällig.

 

(1) Alle Seienden besitzen der Tradition zufolge eine Essenz, ein Wesen oder Was.

In unserem Beispiel ist das die Tischheit, dasjenige also, was ein Seiendes zum Tisch macht.

(2) Alle Seienden sind – wie ihre Bezeichnung schon sagt –; sie verfügen also über eine Existenz, ein Sein oder Daß

Der urbildliche Tisch ist.

Ich habe, um ehrlich zu sein, noch nie eine befriedigende Erklärung gefunden, was dieses „ist“ bedeuten bzw. worin das Sein der Seienden bestehen soll. Zumeist laufen die Beschreibungen auf bloße Wiederholungen, Beteuerungen oder Verstärkungen hinaus:

Der urbildliche Tisch ist „ganz sehr wirklich“ oder ähnlich.

 

AD: „Ich würde sagen, daß er vorhanden ist.“

Damit hätten wir das fünfte Wort, das in in diesem Zusammenhang immer angeführt wird . . .

Aber Worte sind keine Antwort, sondern diese bestände höchstens in der Bedeutung der Worte. Eine solche können sie aber nur erhalten, indem wir einen Zusammenhang mit dem Inhalt unseres Bewußtseins herstellen, was in dessen Außerhalb aber prinzipiell ausgeschlossen ist. 

 

Sowohl wir als auch die Tradition können keine der beiden Fragen beantworten.

Dann war es natürlich auch völlig unbegründet, im Außerhalb unseres Bewußtseins von einem Tisch zu sprechen. Warum denn gerade Tisch – und nicht Stuhl oder Teppich? Was unterscheidet einen Tisch, der uns in keiner Weise gegeben ist, von einem ebensolchen Stuhl? Was macht jenen zum Tisch und diesen zum Stuhl – ohne alle Wissungen?

Die Tisch-Erfahrung macht die Tisch-Erfahrung zu einer Tisch-Erfahrung, aber doch kein unsichtbares angebliches Seiendes, nur weil es mit „Tisch“ benannt wird.

 

Damit bestätigt sich unsere obige Idee, alle Vorstellungen oder Namen bezüglich des Außerhalbs zu vermeiden und völlig nichtssagend, leer oder neutral von der Transzendenz bzw. dem Nichts zu sprechen

2.1.3. Zirkel der Wahrnehmungen

AD: „Traditionell sind die Vorstellungen solche vom Weltbild und die Wahrnehmungen entsprechend von der Welt. Letzteres geht bei uns nicht, so daß die Wahrnehmungen in der Luft hängen. Wie denken Sie sich deren Verhältnis zu den Vorstellungen und zum Weltbild?“ 

 

Diese Frage ist sehr dringlich; um sie beantworten zu können, benötigen wir die „Bausteine“ oder „Bestandteile“ des Weltbilds, sein „Woraus“ gewissermaßen, und müssen zugleich die Bedeutung meiner Anführungsstriche verstehen.

Die „Komponenten“ unseres Weltbilds bestehen in Begriffen und Bildern, denn wir können in beiden denken. Es gibt nicht nur ein Begriffs-, sondern auch ein „Bildvermögen“ (Fichte); jenes entspricht der Ratio und dieses der „Einbildungskraft“ (Kant); beide zusammen bilden vielleicht den Verstand, während die Vernunft ihn umgreift und noch ganz andere Vermögen kennt.

Vieles Vernünftige ist alogisch; damit meine ich, daß es von der Logik gar nicht tangiert wird und somit jenseits von logisch oder unlogisch liegt. Mein mir äußerst wichtiger „Glaube an die – Kraft der – Ratio“ verlangt also nur, daß ich logische Fehler wie Widersprüche, unbegründete oder Fehlschlüsse nicht hinnehmen möchte. Dagegen liegt es mir jedoch völlig fern, alles in das Prokrustesbett der Logik hineinpressen zu wollen.

 

Der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas) zeigt, daß Bilder und Begriffe partiell intersubjektiv sein müssen; sie bilden die entsprechende Komponente unserer Wissungen.

Wir fassen die Bilder und Begriffe zu den symbolischen Elementen zusammen; aus ihnen besteht bei uns das Weltbild analog dazu, wie sich die traditionelle Kosmos-Welt aus den – freilich ganz anderen, nämlich seienden – chemischen Elementen aufbaut.

Die reine Subjektivität unseres Weltbilds widerspricht nicht der partiellen Intersubjektivität seiner „Bestandteile“, weil jeder von uns eine eigene Auswahl unter ihnen trifft. Mit dem einen können wir interessiert über Sport und mit dem anderen angenehm über Politik sprechen.

 

Unser Weltbild besitzt keine Komponenten – deswegen die Anführungsstriche –, weil es eine untrennbaren Ein- oder Gesamtheit seiner (symbolischen) Elemente darstellt. Daß es als Intersubjektives nur unbewußt sein kann, wußten wir bereits.

Dann muß dies natürlich auch für seine Elemente gelten; Bilder und Begriffe sind unbewußt.

Das Weltbild vermag auch nicht bewußt zu werden; zum einen wäre es als Bewußtes (i. w. S.) nicht mehr intersubjektiv, und zum anderen ist es viel zu umfangreich um gleichzeitig gegeben sein zu können.

Das Weltbild wird in den Vorstellungen – von ihm – bröckchenweise gewußt, und wir können stundenlang reden, um immer wieder andere „Teile“ davon zu schildern.

 

Mit dem Verzicht auf die Welt lösen wir uns vom „Mythos des Gegebenen“ (Winfried Sellars), demzufolge Seiende vorliegen (müssen).

Damit wird nicht jegliche Wahrnehmung unmöglich, sondern lediglich ihre traditionelle Interpretation als Abbild. Unsere alternative Erklärung der Wahrnehmungen verschieben wir auf den dritten Teil; aber soweit sie Ihre Frage betrifft, können wir jetzt schon antworten:

Traditionell ist die durch ihre Wahrnehmungen gegebene Welt primär, und das adäquate Weltbild wird ganz anschaulich als sekundäres Abbild von ihr behauptet, so daß eine „Einbahnstraße“ von der Welt zum Weltbild führt.

 

Erstere haben wir nicht mehr, aber unsere Wahrnehmungen sind unbestreitbar – wenn auch noch unverstanden. Allein aus ihnen läßt sich also das Weltbild herleiten, so daß einerseits das Weltbild – wie bei der Tradition – nach den Wahrnehmungen kommt.

Andererseits können wir jedoch nicht nur nicht ausschließen, sondern es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß sich das Weltbild auf die Wahrnehmungen auswirken wird. Haben wir 1000 physikalische Experimente durchgeführt, ist unser Weltbild höchstwahrscheinlich ein anderes geworden, und das wird Folgen für unsere weiteren Wahrnehmungen haben. Während einer Liebes- oder nach einer Nahtoderfahrung sehen wir „die Welt mit anderen Augen“.

 

Damit wird das einseitige „Fahrverbot“ der Tradition aufgehoben:

Das Weltbild beeinflußt die Wahrnehmungen, aus denen es selbst erst hervorgegangen ist, so daß wir sinnvoll von einem Zirkel der Wahrnehmungen sprechen können.

AD: „Genau diesen Zirkel haben Sie oben der Tradition zum Vorwurf gemacht . . .“

Nein; nicht den Zirkel, denn der ist unvermeidlich; auch die Tradition kommt also nicht an ihm vorbei. 

Ich werfe ihr vielmehr vor, daß sie ihn bestreitet, um vom Abbilden sprechen und damit – ihre traditionelle Form von – Wahrheit behaupten zu können.

2.1.4. Es gibt kein Abbilden

Die Tradition geht davon aus, unsere Wahrnehmungen mittels der entsprechenden Seienden vernünftig erklären zu können. Wir bezweifeln das, lassen uns aber einmal darauf ein und sehen dann zwei verschiedene Möglichkeiten:

Die Wahrnehmungen könnten selbst die Urbilder sein oder bereits deren Abbilder

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß wir weder ein Abbilden noch Abbilder benötigen; beide sind völlig überflüssig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal mit den Urbildern. Wir müssen dem traditionellen Denken zufolge aber abgebildet haben; erinnern sie sich an das Baby oben, das zum ersten Mal den Mond sieht, der schon sehr lange existiert.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Logik um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

AD: „Ja; aber unser Baby-Mond-Problem haben wir trotzdem zu lösen . . .; und wie sollte das gehen ohne Abbilden?“

Wenn es kein Abbilden gibt, brauchen wir auch keinen Ur-Mond mehr; aber mit der Welt und ihren Seienden ist der ohnehin bereits weg. Was bleibt uns dann überhaupt noch?

Die Mond-Sehung, -Wahrnehmung oder -Erfahrung; etwas ausführlicher: das  Den-Mond-Sehen, -Wahrnehmen bzw. -Erfahren.

 

Das klingt häßlich – was jedoch relativ belanglos ist –, läßt sich aber gut verstehen:

Schauen Sie jetzt bitte einmal auf Ihren Laptop. Diese Situation können wir beschreiben durch:

Laptop-Sehung bzw. Den-Laptop-Sehen; es gibt philosophisch nur diese eine einzige Entität.

Ranulph Glanville formuliert mein Anliegen so: „Es gibt nichts Gewusstes ohne einen Wisser; es gibt nichts, was wir wissen könnten, ohne uns, die es wissen.“

 

Aber so denken oder reden wir nicht; die Sprache verlangt einen ordentlichen Satz:

„Ich sehe (den) Laptop“.

Die Grammatik verleitet uns also zu philosophischen Fehlern; auf einmal gibt es unabhängig voneinander sowohl ein Ich als auch einen Laptop und den Akt des Sehens zwischen beiden.

Aus Eins macht die Sprache Drei; das inhaltlich-philosophisch Richtige – die Laptop-Sehung bzw. das Den-Laptop-Sehen – wird durch die Sprache in drei Bestandteile verwandelt, denn wir benötigen grammatisch Subjekt, Prädikat und Objekt. 

 

Ludwig Wittgenstein spricht in diesem Zusammenhang von der „Sprachverhexung unseres Denkens“. Wir müssen den sprachlichen Regeln folgen und mißverstehen damit häufig rein grammatische Sachverhalte als inhaltliche. Das Philosophieren besteht nach Meinung Wittgensteins wesentlich darin, gegen diese Sprachverhexung anzugehen – in einem Kampf, der wohl niemals gewonnen werden kann.

Ein Paradebeispiel für die Gefahr, Philosophie und Grammatik zu verwechseln, bilden natürlich die Begriffe Subjekt und Objekt, weil sie in beiden Disziplinen fundamental sind.

Auf der einen Seite steht die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur der indoeuropäischen Sprachen, derzufolge jeder vollständige Satz ein grammatisches Subjekt verlangt.

Das Subjekt stellt auf der anderen Seite auch einen Grundbegriff der modernen Philosophie dar; aber dabei handelt es sich natürlich um ein ganz anderes Subjekt; die beiden haben rein gar nichts miteinander zu tun. In „der Wind weht“ fungiert  der Wind als grammatisches Subjekt, aber keiner von uns wird in ihm ein philosophisches sehen wollen, wie es pausbäckig in Kinderbüchern auftritt.

 

Zurück zu unsere Beispiel:

Das einzig Gegebene und Unbestreitbare – die Laptop-Sehung bzw. das Den-Laptop-Sehen – entfällt und wird durch zwei Größen ersetzt – das Ich sowie den Laptop –, die in diesem Zusammenhang gar nicht vorkamen und somit als Erfindungen zu betrachten sind. Es war eine Sehung, und auf einmal gibt es ein Ich mit seinem Laptop.

Damit stehen die Vertreter dieser Theorie vor dem Riesenproblem, wieso das Ich eigentlich von dem Laptop wissen kann – und lösen es durch Abbilden:

Indem

– ein erfundenes Ich

– einen erfundenen Laptop

– angeblich abbildet,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – der Laptop-Sehung bzw. dem Den-Laptop-Sehen.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß kein Abbilden existiert.

Nun sehen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen und es dabei bewenden lassen. Die Abbildtheorie stellt einen philosophischen Nonsens dar, der an Unlogik kaum zu überbieten ist.

 

Zu Ihrer Frage zurück:

Für uns gibt es weder ein Baby noch einen Mond an sich, sondern nur eine Mond-Sehung. Sie erfolgt irgendwann im Leben – nicht: „des Babys“, denn Wissungen können unmöglich leben – erstmalig und wiederholt sich dann nahezu beliebig oft.

Bei einem solchen Ansatz sehe ich weder unlösbare Probleme noch müssen wir etwas erfinden.

2.1.5. Physikalische "Abbild"-Theorie

AD: „Daß es kein Abbilden geben soll, will ich nicht glauben. Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen. Das ist erneut das Mißverständnis, das uns schon zweimal – bei Ihrem Turm und meinem Photo – begegnet ist:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut „abgebildet“ wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre „Abbildung“ nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren philosophischem Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine „Abbildung“ auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von oben – zu Sonnen-Sehungen abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den „Raum“ vom Straßenrand in die Augenhöhle „abbilden“ lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

AD: „Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu letzterem sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Theorie – sehen wir nichts.

Sie sehen, nicht weil Ihre Augen offen sind, sondern Sie sehen nicht, weil sie geschlossen sind; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 

AD: „Aber es gibt doch sogar Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es schräg ins Wasser taucht als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern entspricht dem Turm oder Photographierten. Sie sehen ihn doch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in Ihrem Bewußtsein befinden. Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also zwischen „Abbild“ und „Urbild“ – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb des Bewußtseins – und deswegen erreichen wir sie nicht.

2.1.6. Die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und das subjektive Leben ebenso leer ist wie die objektive Welt. Ich hoffe, daß sich unser Leben als sinnvoll erweist, und möchte lediglich herausarbeiten, daß mir dies im traditionellen Ansatz ausgeschlossen zu sein scheint.

Damit beweisen wir natürlich nicht seine Unrichtigkeit, aber wenn das Denken zu Konsequenzen führt, die unglaubwürdig sind, stellt dies unser Weltbild infrage, denn das ist ja „Schuld“ daran, weil wir allein in ihm oder auf seiner Grundlage denken (können).

 

Um die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben Alle Seienden sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „weiß ich doch schon“. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte Welt, insbesondere also auch ihre weitere Entwicklung, wäre den letzten Menschen bekannt, und sie befänden sich im Zustand der Vollendung oder absoluten Wahrheit. Jeder wüßte schon zuvor, was alle später tun werden, und sie tun es dann natürlich auch – Rechenfehler einmal ausgeschlossen.

Anschaulich gesprochen würden die Menschen dann so entlang des gewußten „Zeit“-Strahls „leben“, wie der Lokführer den gesehenen Gleisen folgt.

 

Dieser weichenlosen Schienenführung der Tradition entspricht in unserem Ansatz eine Straße, die sich laufend verzweigt. Auch wir müssen weitergehen  – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, wissen aber niemals, wohin die gewählte Straße – in der Zukunft – führen wird; es gibt keinerlei Hinweisschilder.

Nein; das war falsch!

Dieser Straßen-Baum entspräche natürlich ebenfalls einer Welt; es wäre lediglich – entgegen der traditionell-vollendeten – eine unbekannte Welt. Daß bei uns auch das Straßennetz nicht existiert, bedeutet, daß alle Wege möglich sind, weil sie erst durch unser Gehen entstehen.

Jeder von uns erzeugt sich selbst seinen Weg; dabei können wir einander gewiß sowohl helfen als auch schaden. Aber selbst die Hilfe besteht niemals darin, die Richtung vorzugeben, indem wir die Freiheit der Anderen beschneiden (wollen).

 

Der traditionelle Ansatz kann meines Erachtens die Freiheit nicht denken, weil seine Subjekte im wesentlichen (menschliche) Körper und damit Objekte sind; sie lassen sich durch keinerlei Innen zu Trägern von Freiheit aufpeppen.

Aber unabhängig davon ist das „Leben“ des „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) sinnlos, weil es – wie bei einem Roboter – nur noch unfrei oder – durch die Gleise – fremdbestimmt abläuft.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren vorzubereiten.  

 

Auch diese Absurdidät entfällt bei uns.

Zum einen leben wir nicht in ein bekanntes Später, sondern in die absolute Offenheit der Zukunft hinein.

Und zum anderen haben wir uns immer etwas zu sagen, weil wir über unser subjektives Leben sprechen und nicht von objektiven Seienden. Dadurch kann uns jeder Andere stets persönliche Erfahrungen vermitteln, die uns unzugänglich sind, weil wir – nicht sein, sondern – das eigene Leben leben.

2.1.7. Implizit oder explizit, diskretisiert oder integral

Carl Friedrich von Weizsäcker sagte einmal sinngemäß:

Wenn wir eine Schwierigkeit nicht bewältigen können, liegt das lediglich daran, daß wir unfähig sind, sie als Aufgabenstellung hinreichend genau zu formulieren. Eine exakte Beschreibung des Problems wäre zugleich die Arbeitsanleitung für seine Lösung.  

Ich bin mir nicht sicher, ob von Weizsäcker damit Recht hat, und benutze seinen Gedanken deswegen auch nicht; aber er illustriert sehr schön, worum es mir an dieser Stelle geht:

Unser Denken und Handeln sind an das eigene Weltbild gebunden; darin ist uns nicht alles möglich, aber außerhalb davon gar nichts. Ließe sich das Weltbild erweitern, würde dies natürlich auf unsere Vorstellungs- und Handlungsmöglichkeiten durchschlagen.

Wittgenstein paraprasierend könnten wir sagen:

Die Grenzen unseres Weltbilds sind die Grenzen unseres Denkens, Wissens, Verstehens und (beabsichtigen) Handelns.

 

AD: „Genau darin besteht ja auch der Sinn unserer Forschung; das wissenschaftliche Weltbild wird immer umfangreicher.“

Das tut es natürlich, habe ich aber damit nicht gemeint; mir geht es nicht um Steigerungen oder die Größe des Weltbilds, sondern um seine Sichtweise, um die Art des Hinschauens.

Bis in die 70-er Jahre des vorigen Jahrhunderts glaubten die meisten Chemiker, daß sich ihre Wissenschaft mittels der Quantentheorie prinzipiell auf Physik reduzieren ließe. Bei den anderen Naturwissenschaftlern herrschten häufig die entsprechenden Überzeugungen.

Diesbezüglich kam es bereits zu einer weitgehenden Wende; viele Denker anerkennen heute, daß die Wissungen etwa in der Reihe „Physik – Chemie – Biologie – Medizin – Psychologie – . . . – Geisteswissenschaften – . . . – Kunst – . . . – Religion“ immer integraler oder ganzheitlicher werden (könnten bzw. sollten). 

 

Was mit Integralität gemeint ist, läßt sich vielleicht am besten folgendermaßen verdeutlichen:

Es ist nicht erst kalt, und dann steigt die Temperatur, sondern ursprünglich existiert gar keine Temperatur, so daß es weder warm noch kalt sein kann.

Ohne Licht ist es weder hell noch dunkel.

Ohne Farben ist alles weder farbig noch schwarz-weiß.

Ohne ästhetisches Urteilsvermögen gibt es weder schön noch häßlich.

Ohne Lebensweisheit können wir weder krank noch gesund sein.

Ohne Anrede existieren weder Antworten noch Nicht-Antworten.

Integralität meint, daß auf dieser Leiter der Qualitäten – die von der Physik vielleicht zur Kunst oder zu den Hochreligionen führt – eine relativ hohe Sprosse erreicht ist.

 

Wir verstehen das wohl alle, weil es sich dabei um eigene Lebens-Erfahrungen handelt.

Aber die Physiker als solche, haben keine Ahnung davon, was mit derartigen Qualitäten gemeint sein könnte – weil diese jenseits Ihrer Wissenschaft liegen. Wenn die Physiker uns erklären, was Temperatur ist, sprechen sie von der mttleren kinetischen Energie mikroskopischer Bewegungen, und wir staunen, weshalb es gerade wärmer werden soll – und nicht weicher, lauter oder poröser beispielsweise –, wenn diese Energie steigt.

Sämtliche Gegenstände der Physik sind gegenüber den aufgeführten Beispielen sehr wenig integral; dafür sagen wir auch, sie seien (stark) diskretisiert. Die exakten Naturwissenschaften sind alle analytisch oder eben diskretisierend, denn sie versuchen, ihre Gegenstände zu verstehen, indem sie diese in diskrete Einzelteile zerkleinern, zerlegen und zerhacken.

 

AD: „Ursprünglich herrschte also das Chaos oder ein großes Tohuwabohu, und dafür könnten wir in Ihrem neuen Sprachspiel vom Grenzfall totaler Diskretisierung sprechen. Dann setzte eine Entwicklung zu immer größerer Integralität ein, in der wir uns noch heute befinden, während insbesondere die exakten Naturwissenschaften mehr oder wenniger hinterherhinken?“

Ein wenig muß ich Sie wohl korrigieren:

 

 

Ursprung Gegenwart  
Tohuwabohu, Chaos   Weltbild                       
implizit — Explizieren explizit    
    diskret(isiert) integral(isiert    

Abbildung 2.1.7.

 

Sowohl diskretisiert als auch integral sind Eigenschaften eines Weltbilds und treffen somit nur unsere Gegenwart, aber nicht das Tohuwabohu oder Chaos des Ursprung, das nichts Einzelnes oder keine Etwasse – keine traditionellen Essenzen, Wesen oder Dasse – kennt.

Das Weltbild kann sehr einfach sein wie die Physik, so daß praktisch nur deren primäre, primitive oder armselige Eigenschaften auftreten können, während alles Farbige, Frohe, Schöne oder Musische feht.

Ein integral(er)es Weltbild gestattet viel mehr und ist beispielsweise offen für – das Unerwartete von – Chemie, . . . Geschichte, Biographie, Liebe, Freundschaft, Philosophie, Religion, Kunst usw.

 

Der Ursprung kann absolut nicht diskretisiert sein, denn dazu müßte er erst expliziert werden.

Letzteres erfolgt also quer zu unserer Unterscheidung in integral bzw. diskret und führt vom impliziten Ursprung, den wir uns am besten als kontinuierlich oder fluid, das heißt, ohne jegliche Form und Struktur vorstellen, zum expliziten – integral(isiert)en oder diskret(isiert)en – Weltbild.

2.1.8. Integrieren und Diskretisieren

Traditionell denkende Philosophen oder Theologen schütteln häufig verständnislos den Kopf, wenn Physiker behaupten, Farben wären Wellenlängen, Töne Schwingungen und Wärme sei lediglich die Intensität der mikroskopischen Bewegung.

Soweit können wir uns den Geisteswissenschaftlern nur anschließen; Physiker, die das wirklich glauben, verwechseln Farben, Töne bzw. Wärme mit ihren jeweiligen Meßgrößen und sind damit natürlich ebenso im Unrecht, wie wenn wir die physikalische oder historische „Zeit“ als die wirkliche bzw. geschichtliche Zeit betrachten würden.

 

Die traditionell denkenden Geisteswissenschaftler meinen jedoch fast immer noch etwas anderes – und diesbezüglich müssen wir ihnen widersprechen:

Sie wollen zugleich zum Ausdruck bringen, daß es – entgegen dem tatsächlich naiven Denken der Physiker –  Farben, Töne sowie Wärme wirklich gibt und stilisieren diese damit zu Urbildern; aber darin besteht lediglich eine „integralere Naivität“.

Natürlich entzaubern, primitivieren oder verarmseligen die Physiker Farben, Töne und Wärme zu ihren Meßgrößen; aber sie diskreditieren keine Urbilder.

Der Unterschied zeigt sich deutlich wenn wir diese Meßgrößen wieder verzaubern, anreichern oder aufwerten wollen. Dann ist theoretisch nicht bei Farben, Tönen und Wärme – als den angeblich wirklichen Urbildern – Schluß, sondern sie bilden nur Durchgangsstadien in einem prinzipiell offenen oder unabschließbaren Integrations-Prozeß.

Die Tradition mißversteht unsere gegenwärtig integralsten Erfahrungen als – eine Abbildung der – Urbilder. Warum aber gerade diese Erfahrungen und nicht die physikalischen oder noch völlig ausstehende?

 

Wir können also immerfort – potentiell unendlich weit – integrieren; von Wellenlängen über die Farben hinaus zu . . . oder von Schallwellen über Töne, Musik und Symphonien in Richtung von . . . 

Natürlich ist mir unbekannt, was wir oberhalb der bereits von uns erreichten Integrationsstufe zu erwarten haben. Einen kleinen Schritt in diese Richtung stellen vielleicht die synästhetischen Erfahrungen dar.

Vielleicht ahnt die Tadition auch richtigerweise, daß sich das Gute, Wahre und Schöne ebenfalls dort befinden müßten und bei noch stärkerem Integrieren in dem Einen treffen würden. Aber das darf kein Spekulieren über hinterwäldlerische „Transzendentalien“ sein, sondern muß zur Erfahrung werden.

 

In der Gegenrichtung diskretisieren die Physiker Farben über die Wellenlängen in . . . und Symphonien über die Musik, Töne und Schallwellen hinab zu . . .; das entspricht natürlich einer Verarmung oder Bagatellisierung des Lebens. Wir müssen nicht sonderlich sensibel sein, um diese heute allerorten zu bemerken. 

Die nächsten Belanglosigkeitsebenen können wir natürlich wiederum nicht wissen und erfahren sie hoffentlich auch in Zukunft nicht. Aber der asymptotische Grenzfall, zu dem das vollständige Diskretisieren theoretisch führen würde, ist wohl eindeutig:

 

Im traditionellen Substanz- oder Materie-Denken endet das Diskretisieren der Seienden bei den unteilbaren „Atomen“.

Dergleichen haben wir nicht; an ihre Stelle treten die unteilbaren (symbolischen) Elemente, und sie bestehen in Bits oder einfachen Alternativen; den Maßeinheiten der Informatik.

In der Physik Carl Friedrich von Weizsäckers bilden sie als Ur-Alternativen die entscheidenden Bauteilchen. Sein Ansatz ist phantastisch; von Weizsäcker geht nicht empirisch vor, sondern fragt, welche Voraussetzungen oder Möglichkeits-Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es überhaupt Physik bzw. exakte Wissungen geben kann.

Dieser Gedanke verallgemeinert Überlegungen Kants und gipfelt darin, daß sich aus den notwendigen Voraussetzungen der Physik ihre Grundgleichungen herleiten lassen:

Wenn es überhaupt Physik geben kann, dann muß sie so aussehen!

(Eine auch für Laien recht gut lesbare Darstellung finden Sie bei Thomas Görnitz in seinem Buch „Quanten sind anders“.)

 

Ich hatte oben geschrieben:

„Aber der asymptotische Grenzfall, zu dem das vollständige Diskretisieren theoretisch führen würde, ist wohl eindeutig.“ Dieses „theoretisch führen würde“ müssen wir noch verstehen:

Mit dem einseitigen Diskretisieren banalisieren, verarmen oder pauperisieren wir nicht nur unser Weltbild, sondern damit auch das eigene Leben, das ja von unserem Weltbild abhängt, weil wir uns allein an ihm orientieren können. Unser Leben ist aber an eine hinreichende Mindestfülle gebunden; wird es zu primitiv, hört es auf, – zumindest menschliches – Leben zu sein.

Das geschieht jedoch schon lange, bevor wir alle Wissungen zu bloßen Bits degeneriert und uns damit ein absurdes Weltbild geschaffen haben. 

Zusammengefaßt folgt also, daß sich unsere subjektiven Wissungen stets irgendwo mittendrin befinden. Es bleibt viel Luft sowohl – zu den Bits – nach unten als auch – zum Einen(?) – nach oben.

2.1.9. Irreversibilität des Diskretisierens

Die exakten Erfahrungswissenschaften sind ausnahmslos analytisch; sie diskretisieren – sezieren, zerhacken und zerlegen – größere in kleinere Einzelteile.

Solange wir an eine Baukasten-Welt glauben, ist dies natürlich die unüberbietbare Erkenntnismethode schlechthin; je stärker wir auseinandernehmen, um so einfacher und durchschaubarer werden die Bausteine. Seit den alten Griechen suchen die Menschen nach den Atomen, Genen oder Memen, auf deren Grundlage sich dann alles einfach erklären läßt. 

Und danach setzen wir es eben wieder zusammen; das Integrieren bildet lediglich die Umkehrung des Diskretisierens. Das stellt überhaupt kein Problem dar; wir machen einfach alles „rückwärts“ – wie damals als Kinder mit dem Baukasten.

Geht mitunter etwas schief – was wohl kaum jemand bestreiten wird –, liegt es also nicht am theoretischen Grundkonzept, sondern lediglich an dessen praktischer Umsetzung; wir müssen demzufolge noch viel konsequenter, sauberer und gezielter analysieren bzw. diskretisieren.

 

Lassen wir jedoch die Baukasten-Welt hinter uns, besteht diese Umkehrbarkeit möglicherweise nicht mehr. Dann ist unser Zerlegen vielleicht kein sorgsam-reversibles, sondern ein zerstörerisch-irreversibles Auseinandernehmen.

Selbst wenn wir integrieren wollten, ist dann völlig unklar, was dafür zu tun wäre. Ohne Baukasten-Welt können wir beliebig diskretiseren, aber nicht integrieren; allein ersteres ist noch verfügbar.

Unser wissenschaftlicher Fortschritt kann dann also nur in die Richtung einer größeren Diskretisierung weisen. Sicherlich können dies heute viele Menschen sofort intuitiv nachvollziehen, weil sie eine Verarmung ihrer Erlebungen feststellen, und manche sogar kaum noch eine Chance sehen, diesem starken Trend etwas entgegenzusetzen. Die Anzahl unserer Probleme nimmt ständig zu, und wirkliche Lösungen – statt bloßer Oberflächen-Kosmetik – sind kaum in Sicht.

Daß wir ständig mehr wissen und zum Beispiel einen immer größer werdenden Kosmos beobachten können, widerspricht dem nicht. Dieser Fortschritt hat nichts mit Integrieren zu tun, sondern besteht aus Wiederholen sowie Diskretisieren und setzt lediglich das Immer-wieder-Gleiche millionenfach fort.

 

Meines Erachtens wäre es wichtig, diese intuitive Einsicht auch theoretisch reflektieren zu können.

Das ist jedoch in unserem traditionell-modernen Weltbild unmöglich, weil es von einem Baukasten ausgeht und das Integrieren dann ja tatsächlich ganz einfach die Umkehrung des Diskretisierens bildet. Wer von einem solchen Weltbild überzeugt ist, muß unsere gegenwärtigen Überlegungen notwendigerweise für falsch halten.

Um einzusehen, – nicht daß ich Recht habe, sondern – daß es sich tatsächlich wie angedeutet verhalten könnte, benötigen wir also ein integraleres Weltbild ohne feste Bausteine. Als Beispiel wähle ich wieder das Physik-Modell von Weizsäckers.

 

Ihm zufolge besteht beispielsweise Holz nicht aus Molekülen; das Denkwerkzeug des Stoffes bzw. Bestehens-aus läßt sich in seinem Weltbild nicht anwenden; vielmehr stellt Holz von Weizsäcker gemäß eine Ganzheit dar.

Mit ihr können wir alles Mögliche tun; beim Zersägen beispielsweise bleibt es Holz, und beim Verbrennen wird es zu Asche. Im physikalisch-chemischen Labor lassen sich auch Moleküle daraus gewinnen; aber das ist analog zum Verbrennen:

So wie Holz in Asche umgewandelt werden kann, wird es nun zu Molekülen.

Am Ende ist in beiden Fällen das Holz weg – wir haben entweder Asche oder Moleküle –, aber das Holz besteht ebensowenig aus Molekülen wie aus Asche, und ein Rückweg existiert auch weder hier noch da; das Analysieren oder Diskretisieren erfolgt in diesem Modell irreversibel.

 

Ganzheiten bestehen nicht aus irgendetwas – deswegen Ganzheiten –, und wir können Verschiedenes mit ihnen anfangen; um so mehr, je integraler sie sind.

Holz-Moleküle sind – wie Asche – diskretisiertes Holz; sie eröffnen uns weniger Handlungsmöglichkeiten, sind aber natürlich ebenfalls immer noch Ganzheiten; es gibt – ganz untraditionell – nichts anderes.

 

Nun könnten wir fortfahren und sinngemäß wiederholen:

Moleküle bestehen nicht aus Atomen . . .

Atome bestehen nicht aus Kern und Elektronenhülle . . . usw.

Deswegen wissen die analysierenden Erfahrungswissenschaftler zwar immer mehr, aber nur von immer primitiver werdenden Ganzheiten. Sie können dicke Bücher über Quarks schreiben; das sind jedoch Vorstellungen, die im Leben eines Nicht-Physikers auch nicht die geringste Rolle spielen.

Dagegen verstehen die Diskretisierer beruflich nichts von Schönheit, Harmonie oder Stille, weil ihnen das zu integral ist und erst noch analysiert werden müßte.

 

Wissen wir nicht, wie das Integrieren funktioniert, können wir es nicht herbeiführen, sondern entweder wird es uns geschenkt – oder es bleibt aus. Bezüglich unseres Verhaltens bestehen somit  zwei Möglichkeiten.

Wir können dafür sorgen, daß uns schwerlich etwas Integraleres widerfahren oder geschenkt werden kann; etwa indem wir keine Zeit, sondern stets nur Streß haben, unachtsam sind, wenig Empathie aufbringen oder immer schon alles wissen und gar nicht zuzuhören brauchen bzw. auf Prinzipien bestehen und es an Offenheit fehlen lassen.  

Die zweite Variante besteht darin daß wir versuchen uns zu öffnen oder aufnahmebereit zu sein. Wege, die das ermöglichen können, gibt es wohl so viele wie Menschen; jeder muß selbst den seinen finden.

 

Einige dieser Wege sind öffentlich oder zumindest allgemein bekannt, weil sie bereits sehr vielen Menschen geholfen haben, ihr Leben integraler zu gestalten. Dazu  zählen nicht zuletzt die Angebote des Spiels oder der Muße sowie die vielfältigen Möglichkeiten der Kunst, Religion und Therapie; aber auch die Geisteswissenschaften sollten ihre Aufgabe meines Erachtens nicht zuletzt in diesem Sinne verstehen und auch therapeutisch wirken.

Wie konsequent auch immer wir den Weg des Uns-Öffnen-Wollens gehen und vielleicht offizielle Angebote nutzen:

Daß uns etwas geschenkt wird, haben wir nicht selbst in der Hand, weil es gegebenenfalls unser Weltbild sprengen und in eine integralere Richtung leiten würde – was wir schwerlich selbst tun können.

 

Erleben wir ein integraleres Weltbild, spricht die Philosophie vielleicht von Erleuchtung, die Kunst vom Durchbruch, der Glaube von Gnade und die Therapie von Befreiung.

Wäre das Integrieren verfügbar – zum Beispiel weil das traditionell-moderne Baustein-Weltbild richtig ist –, bräuchten wir diese Begriffe nicht, denn dann würden wr es einfach machen.

2.2. Hinterwelten

AD: „Wenn die Seienden der Tradition nicht einmal Projektionen darstellen, sondern bloße Erfindungen sind, die sich Zirkelschlüssen verdanken, müßte ihre Welt doch einer bloßen Hinterwelt entsprechen?“ 

Ja; und das vollkommen unabhängig davon, worin diese Seienden angeblich bestehen. Wer an ihrer Stelle eine objektiv-reale Materie sucht, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der dort den Teufel glaubt; jede Welt ist eine Hinterwelt.

Hierzu gehören also insbesondere die Überzeugungen der wissenschaftsgläubigen Fundamentalisten ebenso wie diejenigen der religiösen.

 

Aber gerade deswegen sollten wir etwas sauberer formulieren:

Die Tradition unterscheidet zwischen Transzendenz und Immanenz oder Jenseits und Diesseits bzw. Gott und Welt. Wenn die Hinterwelt alle Seienden umfassen soll, ist das Wort unglücklich gewählt und müßte besser „Hinter-(Gott und Welt)“ heißen. Das klingt furchtbar, und wir bleiben deshalb bei der alten Benennung, haben aber bitte stets im Hinterkopf:

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer); er existiert ebensowenig wie die Welt und bildet – wenn dennoch behauptet – mit ihr gemeinsam die Hinterwelt.

 

AD: „Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entität fest überzeugt sein, denn ich würde damit hinterwäldlerisch werden und mich von jedem vernünftigen Diskurs verabschieden?“

Nein; das wäre ja furchtbar, würden wir dergleichen (Absurditäten) behaupteten!

 

Wir könnten uns beispielsweise ganz sicher sein, daß es eine Welt mit Evolution gibt, Gott und der Teufel existieren oder die Erdscheibe von einem Elefanten auf der Schildkröte getragen wird. Es existiert wohl gar nichts Widerspruchsfreies, das wir nicht für selbstverständlich halten dürften.

Die Begründung für unseren vielleicht ganz festen Glauben müßte dabei jedoch sinngemäß stets lauten:

Aus meinem Weltbild ergibt sich zwingend, daß es sich so verhält; ich kann gar nicht anders denken, will ich nicht unvernünftig sein, mich absichtlich dumm stellen oder selbst belügen. Ich beanspruche keine Wahrheit – und wüßte auch gar nicht, was das überhaupt sein soll –, sondern bin „nur“ wahrhaftig; mehr vermag niemand.

Das wäre Martin Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“; bei unseren obigen Überlegungen entspricht es der traditionell verbotenen „Fahrtrichtung“ vom Weltbild zu den Wissungen.

 

Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Wahrhaftigkeit.

Dann sind wir absolut nicht hinterwäldlerisch, wie „hinterwäldlerisch“ auch immer unsere Überzeugungen sein mögen. Wir beschreiben doch lediglich, was in unserem Bewußtsein vor sich geht und wessen wir uns damit ganz sicher sein können. Ein Außerhalb davon mit eventuellen Seienden kommt gar nicht vor und damit auch keine Hinterwelt.

Ein solches Denken ist alles andere als traditionell; das wird es erst, wenn die gleichen Überzeugungen als Abbildungen behauptet werden. Dann sagen wir nicht mehr „so sehe ich es“, sondern daraus wird ein „so ist es“.

 

 AD: „Jein; ich glaube Ihre Überlegungen zu verstehen, halte sie aber für inkonsistent:

Das Weltbild beispielsweise spielt darin eine große Rolle; es befindet sich als Unbewußtes per definitionem im Außerhalb und gehört somit der Hinterwelt an.

Wahrscheinlich werden Sie mir entgegnen, es nicht abgebildet, sondern auf logischem Wege als notwendig erschlossen zu haben. Aber worin soll der Unterschied hierzwischen und einem ‚vernünftigen Abbilden‘ bestehen? Jeder traditionell Denkende wird wohl ebenfalls behaupten, seine Seinden ‚auf logischem Wege als notwendig erschlossen zu haben‘.“

 

Vom Vorwurf der Inkonsistenz abgesehen würde ich alles akzeptieren außer „. . . und gehört somit einer Hinterwelt an„.

Um mich möglichst deutlich ausdrücken zu können, unterscheiden wir hinsichtlich des Außerhalbs drei Denkmöglichkeiten:

 

1. Traditionalisten projizieren ihre Überzeugungen – nicht: Erfahrungen – in das Außerhalb des Bewußtseins und erzeugen damit eine Hinterwelt von Seienden. Sie bestreiten das aber und behaupten stattdessen, diese Seienden dort mehr oder weniger adäquat abgebildet zu haben.

 

2. Das glatte Gegenstück wäre die Annahme, es gäbe gar kein Außerhalb.

 

3. Wir versuchen einen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen.

Es gibt ein Außerhalb des Bewußtseins, das jedoch nichts mit einer Hinterwelt und angeblichen Seienden zu tun hat.

Ist das überhaupt möglich? Was sollte die beiden denn wesentlich voneinander unterscheiden? 

 

Ich beantworte diese Fragen beispielhaft anhand des Weltbilds, weil mir das am verständlichsten zu sein scheint.

Wir denken über das Weltbild nach, was natürlich nur innerhalb des Bewußtseins möglich ist, und erkennnen dabei unter anderem, daß es nicht bewußt sein kann.

 

 

und sich somit im Außerhalb befinden muß. Wir projizieren es somit als Weltbild aus unserem Bewußtsein heraus in dessen Außerhalb; dort befindet sich das  Weltbild.

Die Tradition tut keineswegs das Gleiche, denn sie projiziert das – möglicherweise identische – Weltbild nicht als solches, sondern als Welt nach außen.

Zum einen kann sich dort kein Weltbild befinden, und zum anderen bilden wir der Tradition zufolge auch nicht dieses, sondern die Welt ab.

 

Das traditionelle „dort befindet sich die Welt“ ist problemlos möglich; die meisten unserer Zeitgenossen denken ja so.

Unser Pendant „dort befindet sich das Weltbild“ scheint dagegen sehr schwieirig zu sein; wie soll außerhalb des Bewußtseins unser Weltbild auftreten können?

Eine Lösung sehe ich schon:

Während sich die traditionelle Welt immer und völlig unabhängig von uns dort befindet, gilt dies für das Weltbild nur, sofern und solange wir es dort denken. Unsere postmoderne Projektion des Weltbilds bleibt also an den Akt des Überlegens oder Projizierens gebunden; endet er, ist mit ihm auch seine Projektion weg; wie bei einem Beamer.

Dagegen kann traditionell der Projektionsakt gar nicht vorkommen, weil er ja geleugnet wird; es besteht nur die Dauer-Projektion, die als abbildbare Welt behauptet wird. 

 

Diese Stelle ist überaus wichtig:

In unserem Ansatz wird ein Außerhalb des Bewußtseins möglich, das nicht hinterwäldlerisch ist. Es läßt sich sauber denken, wenn diese Projektion – nicht wie  die traditionelle auf „immer und ewig“ gestellt wird, sondern – an das aktuale Projizieren, Vorstellen oder Denken des Außerhalb gebunden bleibt und mit ihm wieder verschwindet.

Dann haen wir nicht abgebildet, weil dort gar nichts Abbildbares vorhanden ist.

 

Die nachstehende Abbildung sollte sich nun von selbst erklären; ihre Pfeile geben die jeweilige Denkrichtung wieder.

 

 

Traditionelles Denken
Postmodernes Denken
 
Wißbares            
Seiende            
Urbilder            
Dies- und Jenseits
  Bilder vom Dies- und Jenseits
  Weltbild
   
Hinterwelt Hinterweltbild   Unbewußtes    
objektiv   objektiv und subjektiv
  subjektiv    
       
Abgebildetes Abbilder Vorstellungen    
Gewußtes   Wissungen mit Wovon   Wissungen ohne Wovon
   
       
   
Projektionen Projiziertes
fest Geglaubtes
   

Abbildung 2.2.

 

AD: „Bei Ihnen gibt es keine Hinterwelt, weil Sie nicht einmal ein Welt haben?“

Ja; so ungefähr ließe sich das vielleicht formulieren. Bei uns gibt es weder eine Welt im Sinne des Diesseits noch ein entsprechendes Jenseits. Aber wir können das wohl einfacher und verständlicher ausdrücken:

Alles uns gegenwärtig aktual Gegebene bildet das Bewußtsein. Dazu gehören auch die Wissungen, die bei uns ohne Referenten in seinem Außerhalb sind. Das Weltbild befindet sich zwar dort, stellt aber keinen Referenten dar, weil es nicht als unabhängig von unseren Vorstellungen behauptet wird.

Sie beziehen sich nicht auf das Außerhalb, sondern enthalten oder sind es.

Damit kommen wir natürlich in keiner Weise aus unserem Bewußtsein heraus, so daß sein Außerhalb für uns zur Transzendenz wird

 

Wir dürfen uns also insbesondere nicht vorstellen, außerhalb unseres eigenen Bewußtseins befänden sich die anderen Subjekte mit ihren jeweiligen Bewußtseinen und – je nach Einstellung – möglicherweise auch noch Gott.

Wer so denkt, schließt sich der Tradition an, verleiht seinen Vorstellungen Referenten und bastelt sich mit ihrer Hilfe ein Außerhalb zusammen, in dem dann wieder ein Dies- und (eventuell) ein Jenseits voneinander unterschieden werden können. 

2.2.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Wissungen auftreten (können) und noch niemandem Hinterwäldlerisches begegnet ist, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften (an) Urbilder und projizieren somit nicht zuletzt ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß das Ziel unserer Forschung die neutrale Abbildung der objektiven Realität sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen Denken mit seinem Glauben an die Hinterwelt einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme. Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder verantwortungslos.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser Fortschritt immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neue stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres Lebens immer stärker zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben können.

 

AD: „Ohne Hinterwelt oder zumindest das traditionelle Diesseits gibt es aber auch keine Objektivität der Wissenschaften?“

Vorsicht; dieser Begriff ist zweideutig!

Erkenntnistheoretisch haben Sie natürlich Recht; die traditionelle objektive Wahrheit läßt sich nicht halten ohne – den Glauben an – eine Hinterwelt.

 

Die berechtigte Forderung nach der wissenschaftlichen Objektivität ist jedoch eine ganz andere, nämlich rein ethische

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; schade! Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

2.2.2. Wahrheit und Überzeugung

Verzichten wir auf die Hinterwelt, können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger mit Recht und Erfolg an ihrem jeweiligen subjektiven Unbewußten, von dem sie überzeugt sind, orientieren.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es die eine wirkliche Hinterwelt gäbe?

 

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der Unbewußten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und sämtliche „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Krieg, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur der künstlichen Intelligenz usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die „Aufklärung“ – zu der hier ein kitzekleiner Baustein beigesteuert werden soll –, können uns aber partout kein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück wünschen, wenn wir subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Das subjektive Unbewußte kann weder wahr noch unwahr sein, so daß es uns mit seinen Wissungen „nur“ zur Orientierung dienen kann. Bei zahlreichen Menschen werden wir uns wundern, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich umgekehrt auch ihnen mit uns.

Vielleicht sind wir felsenfest von unserem Unbewußten überzeugt; dies kann sich jedoch nicht auf seine Wahrheit beziehen, denn wir wüßten gar nicht, worin eine solche bestehen sollte. Unsere Überzeugung besitzt vielmehr die Form, daß wir bei bestem Willen nicht anders denken können; aufgrund unseres bisherigen Lebens sind unsere Überlegungen zwingend.

 

Sie ergeben sich also nicht aus der Erkenntnis angeblicher Seiender, sondern aus unserer eigenen Vergangenheit; in ihr hat sich unser gegenwärtiges Unbewußtes herausgebildet, in dem und mittels dessen wir nun denken. Hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unser Unbewußtes gewiß recht anders.

Das entspricht natürlich wieder Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“; er behauptete keineswegs, die Wahrheit zu besitzen, sondern lediglich, seine Wissungen ernstnehmen und nicht unwahrhaftig sein zu wollen.

Das sind zwei völlig verschiedene Dinge; ohne abbildbares Dies- oder Jenseits wird jeder traditionelle Wahrheits-Anspruch hinfällig.

 

AD: „Daß die subjektiven Unbewußten weder wahr noch unwahr sein sollen, will mir nicht in den Kopf; ‚entweder wahr oder unwahr‘ stellt doch eine vollständige Alternative dar; tertium non datur.“

Ihr Einwand ist konstruktiv, trifft aber nicht ganz:

Es gibt keine vollständige Alternative für alles. Gerade oder ungerade bildet ebenfalls eine vollständige Alternative, aber – nicht für alles, Stühle oder Revolutionen beispielsweise, sondern – lediglich für die ganzen Zahlen.

Zu jedem „tertium non datur“ gehört also sein Anwendungsbereich, und für die Alternative von wahr bzw. unwahr besteht dieser – zumindest in unserem gegenwärtigen Zusammenhang – per definitionem in der Menge der Aussagen.

Mit diesem „weder wahr noch unwahr“ behaupte ich also lediglich, daß die Inhalte unserer Überzeugungen keine Aussagen sein können. 

 

AD: „Das wird ja immer verrückter! ‚Der Eiffelturm befindet sich in Paris‘ stellt für Sie also keine Aussage dar?“

Natürlich ist das eine Aussage; aber an ihr wird nicht deutlich, was sie mit Ihren Überzeugungen zu tun hat; besser wäre:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß sich der Eiffelturm in Paris befindet.

Das ist zwar ebenfalls eine Aussage, aber deren Wahrheit bzw. Unwahrheit bezieht sich – nicht auf Paris und den Eiffelturm, sondern – darauf, ob ich wirklich überzeugt bin, auf meine Wahrhaftigkeit also – und nicht auf den Inhalt dieser Aussage. Bei der Wahrhaftigkeit geht es, mit anderen Worten, nicht darum, was ich glaube, sondern allein darum, ob ich das Ausgesagte wirklich glaube.

Nochmals anders formuliert:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß X“ ist also eine Aussage und somit entweder wahr oder unwahr. Das bezieht sich aber nur auf den Halbsatz vor dem Komma, und ist völlig unabhängig von X.

An extremeren Beispielen wie „Ich glaube nicht, daß morgen die Welt untergeht„, wird deutlich, daß sich dies im traditionellen Denken ganz analog verhält. Hier spürt man förmlich, daß es um mein Überzeugt-Sein und nicht um den Weltuntergang als dessen Inhalt geht.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen zu Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich glaube, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit einmal als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns dann für diese kleinkarierte „Wahrheit“ schämen werden.

Das sagte beispielsweise Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht: „Das soll ich sein?“

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

 

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – langweilige – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotzdem umwerfen wird, zumindest hoffe ich das ganz stark.

Es würde mich fuchtbar enttäuschen, wäre Gott nicht viel mehr und total anderes eingefallen als mir.

2.2.3. Wahrheit und Richtigkeit

AD: „Aber wenn unsere Wissungen niemals ein Wovon oder einen Referenten besitzen und somit notwendigerweise weder wahr noch unwahr sind, kann es auch im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nicht um die Wahrheit gehen.

Worum streiten wir dann eigentlich häufig so erbittert?“ 

 

Entschuldigung; auf diesen Punkt waren wir theoretisch bereits zu sprechen gekommen; aber das war wohl zu kurz, um es angemessen verarbeiten zu können.

Wir hatten oben über das ABBILDEN gesprochen und dabei dasjenige in der Philosophie vom sonstigen „Abbilden“ unterschieden. Letzteres ist völlig unproblematisch; hierzu gehören Ihr Beispiel vom Turm in der Einführung und das meinige mit Gesicht und Photo davon.

Beide sind nicht Ur– und Abbild in unserem philosophischen Sinne, sondern Turm und Blick darauf bzw.  Original und Photo. Diese Art von „Abbilden“ läßt sich sogar beliebig oft wiederholen. Beschreiben wir den Blick darauf bzw. das Photo, ergibt sich ein „Abbild“ vom „Abbild“ des „Urbilds“.

In dem Sinne können Vorstellungen natürlich auch „Referenten“ haben, das heißt, Vorstellungen von Wissungen – von Erfahrungen oder (anderen) Vorstellungen – sein. Das „Abbild“ vom „Abbild“ vom . . . des „Urbilds“ ist auch nur ein Bild. Und ebenso ist die Vorstellung von der Vorstellung von . . . der Wissung ganz einfach eine Vorstellung. Wir springen damit also nicht aus unseren Wissungen oder dem eigenen Bewußtsein heraus.

Ich will Ihnen weder das Original noch den Turm wegnehmen.

 

Das ist jedoch bei Ur- und Abbild völlig anders. In diesem Falle beansprucht die Tradition, das Bewußtsein verlassen und über sein Außerhalb sprechen zu können. Diese – dort gefundenen – Referenten sind hinterwäldlerisch, das heißt, sie müssen für uns entfallen.

Auch traditionell gibt es hier natürlich kein Wiederholen des Abbildens, weil mit Bewußtsein bzw. Hinterwelt die Orte von Ab- und Urbild eineindeutig fixiert sind.

Wir verschärfen diese Einschränkung gegenüber dem „Abbilden“ lediglich noch und streichen auch das einmalige Abbilden.

 

Wenn Sie sagen, daß mein Tisch vier Beine besitzt, dann ist das eine Beschreibung von ihm und somit ein „Abbild“ vom „Urbild“. Beide befinden sich im Bewußtsein, und nichts ist einfacher, als Ihre Aussage zu kontrollieren.

Aber die Tradition hat die Wahrheit als die Übereinstimmung von Ur- und Abbild ohne Anführungsstriche definiert.

Dann war das mit den vier Tischbeinen soeben natürlich nicht wahr; einigen wir uns auf „richtig“, kann ich Ihnen endlich folgendermaßen antworten:

 

Im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen geht es tatsächlich nicht um Wahrheit, sondern nur um Richtigkeit.

Ich möchte letztere mit diesem „nur“ keinesfalls diskreditieren; die Richtigkeit ist in unserem Leben unvorstellbar wichtig; aber nichtsdestotrotz besitzt die Wahrheit nochmals eine ganz andere Dimension, weil sie über unser Leben hinausführt.

 

Aber damit sind wir noch nicht fertig; neben der von mir bestrittenen traditionellen Wahrheit sowie der soeben eingeführten Richtigkeit gibt es noch die postmoderne Wahrheit, die mir persönlich am Herzen liegt.

Sie ist natürlich subjektiv – weil jeder nur über sein eigenes Bewußtsein verfügt –, und bei der postmodernen Wahrheit geht es um die besseren Überzeugungen. Das sind diejenigen, mit deren Hilfe wir uns im Leben angemessener – nicht orientieren können, sondern orientieren zu können glauben. Das betrifft nicht nur die Mittel für bestimmte Zwecke oder Ziele, sondern auch diese selbst, denn nichts ist uns zweifelsfrei vorgegeben.

Ob unsere Orientierungen gut sind, wissen wir – wenn überhaupt – bestenfalls rückblickend im Nachhinein. Aber selbst dann häufig nicht, weil die Frage „Was wäre, wenn . . .?“ zumeist schwerlich zu beantworten ist.

2.2.4. Wissen from now on vom Wissen so far

Unser Weltbild enthält vieles, was gar nicht existiert; nein: vieles, woran wir nicht glauben; Einhörner, Nymphen und Zwerge beispielsweise.

„Und da Sie die Welt ablehnen, können Sie den umgekehrten Überschuß wohl nicht einmal denken:

Es gibt auch vieles, was wir noch nicht wissen und was somit auch nicht zu unserem Weltbild gehören kann.“

Nennen Sie mir bitte einmal ein Beispiel für diesen „umgekehrten Überschuß“.

„Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, ob es dunkle Energie gibt und worin genau sie besteht.“

Das sind offene Fragen innerhalb unseres Weltbilds, die nichts mit einer angeblichen Welt zu tun haben. So wie sie nur sagen können, daß es keine Einhörner, Nymphen und Zwerge gibt, weil sie diese aus Ihrem Weltbild kennen, können Sie auch nur aus eben diesem Grund nach der dunklen Energie fragen.

Kennen wir X – und sagen also nicht einfach „blablabla“ –, dann muß X zu unserem Weltbild gehören; unabhängig davon, was wir von X wissen oder nicht wissen; dafür bedarf es keiner Welt.

 

Ganz ohne Welt enthält unser Weltbild also sowohl Wissungen als auch deren Referenten.

Gäbe es jene, könnten wir Bereits-von-der-Welt-Gewußtes und Noch-nicht-von-der-Welt-Gewußtes unterscheiden.

Aber exakt diese Einteilung ist auch ohne Welt möglich; wir müssen dazu lediglich die nichtssagenden – weil hinterwäldlerischen – Worte „von-der-Welt“ streichen und erhalten dann Bereits-Gewußtes bzw. Nocht-nicht-Gewußtes.

Nun fehlt der Referent; aber der erste Ausdruck benötigt auch keinen, sondern besteht ganz einfach in unseren Wissungen als dem Gewußten.

Im zweiten Fall können wir nicht so vorgehen, weil Noch-nicht-Gewußtes ohne Referenten Alles-noch-nicht-Gewußte und damit (potentiell) unendlich oder ein Unbegriff wäre. Aber das ist kein Problem; hierbei ersetzen wir die Welt als Referenten durch unsere Wissungen und erhalten das Noch-nicht-von-den-Wissungen-Gewußte

 

Ich halte diese Überlegung für sehr stark und kann das auch so locker schreiben, weil ich sie Josef Mitterer in seinem „Jenseits der Philosophie“ verdanke.

Unsere Wissungen bilden bei ihm das Wissen so far.

Das Noch-nicht-von-den-Wissungen-Gewußte besteht im Wissen from now on.

Im Sprachspiel Mitterers gibt es Wissungen from now on von den Wissungen so far oder neue von alten Wissungen bzw. geerstmaligte von wiederholten. Mit der Zeit verschiebt sich die Grenze; das Wissen from now on wird immer wieder zum Wissen so far, und das gegenwärtige Wissen from now on, ist in der Zukunft Wissen so far, von dem wir dann from now on wieder wissen.

 

AD: „Jetzt verstehe ich erst, daß die Wissungen auch ohne Welt einen Referenten besitzen können!“

Ja; aber – und das ist ebenso wichtig – nur in dem Sinne, wie wir es bereits eingesehen hatten: Vorstellungen von Wissungen – und nichts anderem – sind auch nur Vorstellungen.

2.3. Der Gott der Philosophen

Traditionalisten erheben den Anspruch, mehr oder weniger viel vom Diesseits und eventuell auch vom Jenseits, das heißt, von unserer gesamten Hinterwelt zu wissen. Wie machen sie glaubhaft, daß ihnen das gelingt? 

Sie können das natürlich nicht aus eigener Kraft, geben die Betreffenden auch in dem Maße zu, wie sie ernstlich darüber nachgedacht haben; niemandem ist das Außerhalb seines Bewußtseins zugänglich. Das traditionelle Wissen wird ihnen durch eine fremde Hilfe verfügbar gemacht, so daß unsere Hinterwelt für die Traditionalisten auch keine Hinterwelt ist, sondern ein aufgeschlagenes Buch, in dem sie lesen können.

 

In der Antike übernahm der Gott der Philosophen – der griechische Nous – diese Hilfestellung, der im Mittelalter dann von der Theologie übernommen und zumeist nicht sauber vom christlichen Gott unterschieden wurde.

Der Nous befindet sich außerhalb nicht nur von Dies- und Jenseits, sondern auch von „Raum“ und „Zeit“, so daß er augenblicklich alles zugleich schauen kann und somit allwissend ist. Von Ewigkeit zu Ewigkeit und von einem Ende des Alls zum anderen liegt die gesamte Wirklichkeit vor dem Nous ausgebreitet.

Zu ihm haben wir Menschen auf irgendeine Weise Kontakt; christlich wird unsere Gottesebenbildlichkeit häufig in diesem Sinne verstanden. Aber ganz gleich wie; durch unsere Verbindung mit dem Nous wird verständlich, daß wir Menschen von Dingen wissen können, die uns aus eigener Kraft absolut unzugänglich wären.

 

Ignorieren Sie das bitte nicht einfach als „frommes Gerede“ und „heute gegenstandslos“ oder ähnlich; daß es so einfach nicht mehr geht, weiß ich auch.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit; die andere Hälfte besteht darin, daß zwar der Nous erfunden wurde, aber nicht das Problem. Das stand damals wirklich an und tut dies heute noch; wir können es nur mit dem Nous nicht mehr (glaubwürdig) lösen. Solange das traditionelle Denken nicht aufgegeben wird – das wäre mein Vorschlag –, benötigt es den Nous oder einen äquivalenten Ersatz.

 

In der Moderne verblaßte einerseits der Gottesglaube; andererseits war auch ihren großen Denkern diese Problematik des menschlichen Wissens stets bewußt. Was tun?

Die „Lösung“ bestand darin, den göttlichen Nous in die allgemein-menschliche objektive Vernunft umzutaufen. Nun brauchen wir keinen Gott mehr, sondern der Mensch an sich tritt an seine Stelle; nicht Sie oder ich; kein individueller Mensch, vielmehr der  Mensch als Mensch überhaupt, das „transzendentale Subjekt“ Kants.

AD: „Den verstehe ich nicht . . .“

Das transzendentale Subjekt ist der Täger der Vernunft und die beiden ersetzen gemeinsam den Nous, der als Gott aus taktischen Gründen geopfert wird, obwohl das transzendententale Subjekt mit seiner Vernunfter exakt dessen Funktion übernimmt.

 

Der „Blick von nirgendwo“ (Thomas Nagel) und nirgendwann ist natürlich weiterhin unbedingt notwendig; ohne ihn wäre die gesamte moderne Wissenschaft unmöglich. Aber er verlagert sich mit der Moderne vom Nous auf uns Menschen, und jeder, der im Sinne der Tradition etwas Wahres zu sagen glaubt, nimmt diesen Blick für sich in Anspruch; ob er das nun weiß und will oder nicht, spielt keine Rolle.

Mit Hilfe des Nous bzw. der Vernunft schauen wir im Blick von nirgendwo und -wann, das heißt, von „ganz außen“ in Gedanken auf uns selbst, wie wir die Welt wahrnehmen. Das läßt sich kaum beser erklären als durch die traditionelle Sicht vom Subjekt:

Dort laufen menschliche Körper herum und handeln ganz überlegt; das ist nur möglich, wenn sich darin jeweils ein Bewußtsein befindet, in dem das betreffende Subjekt – die Einheit von Körper und Bewußtsein – sich und alles andere abbildet.

 

AD: „Das sind jedoch nur Vorstellungen von uns selbst über uns selbst, die viele Menschen zwar für sehr vernünftig und überzeugend halten, aber das ist noch kein Argument für ihre Wahrheit.“

Natürlich nicht; jetzt schwenken Sie auf meine Position ein: Da für uns auch der Nous und das transzendentale Subjekt mit seiner Vernunft lediglich Vorstellungen sind, bildet dieses ganze Gedankengebäude tatsächlich nur eine gewaltige Konstruktion von uns – und die glaube ich nicht mehr.

Wer am traditionellen Denken festhalten möchte, muß den Nous oder einen gleichwertigen Ersatz als wirklich akzeptieren.

2.3.1. Ontologie der Präsenz

Das Außerhalb des Bewußtseins haben wir uns bisher – wie ich annehme – immer zeitgleich mit letzterem und folglich räumlich vorgestellt; aber das ist nicht zwingend.

Die Gegenwart, hatten wir oben gesehen, umfaßt das Bewußtsein sowie das Unbewußte. Dann befinden sich Vergangenheit und Zukunft zwangsläufig nicht im Bewußtsein, sondern gehören zu seinem Außerhalb und bilden dessen zeitliche Komponente.

 

Wissen läßt sich weder ein räumliches noch ein zeitliches Außerhalb.

Damit der Nous bzw. das transzendentale Subjekt mit seiner Vernunft – und damit letztlich natürlich wir – alles wissen können, muß die Tradition also die Vergangenheit sowie Zukunft unterdrücken und die gesamte Zeit als scheinbare Gegenwart darstellen; anders bekommt man die Zeit nicht in das Bewußtsein.

Darin besteht der Grundgedanke von Jacques Derrida, wenn er die traditionelle Philosophie als eine „Ontologie der Präsenz“ bezeichnet.

Eine „gegenwärtige oder präsente Vergangenheit“ ist jedoch keine Vergangenheit sondern das Früher, und analog dazu bildet eine „gegenwärtige oder präsente Zukunft“ keine Zukunft, sondern das Später.

Die Tradition muß somit – um alles wissen zu können – die wirkliche Zeit mit ihren Modi durch eine gegenwärtige „Zeit“ ersetzen, die lediglich die Tempi enthält und folglich zeitlos-präsent ist.

 

Der gewaltige Unterschied zwischen den beiden ZEITEN läßt sich leicht veranschaulichen.

Wir leben in der Zeit, und das bedeutet, daß die Zukunft als absolut offener oder unverfügbarer Adventus auf uns zukommt. Wir haben zwar Mittel und Wege gefunden, um die Brutalität dieses Widerfahrens für eine geraume Zeit im allgemeinen ein wenig abzumildern, aber das bleibt letztlich zeitlich begrenzte Kosmetik.

Die „Zeit“ entspricht dagegen dem Anschauen einem bereits völlig fertiggestellten Films; es ist alles schon entschieden, das Spätere wissen wir nur noch nicht.. Die gerade aktuale Szene ist das Jetzt, der Teil davor entspricht dem Früher und derjenige, der erst noch in den Projektor hineinlaufen muß, stellt das Später dar.

Damit wird verständlich, daß wir zwar immer nur das Jetzt sehen, der Nous aber die gesamte Filmrolle schauen kann – nachdem die Tradition in ihrer Ontologie der Präsenz die Zeit zur Gegenwart und damit zeitlos gemacht hat.

Eine „zeitlose Zeit“ (A. M. Klaus Müller) setzt – gemssen am Nous – dumme Subjekte voraus.

 

Das traditionelle Denken enthält Michel Foucault zufolge einen „Willen zum Wissen“, der scheinheilig als „Wille zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber Nietzsches „Willen zur Macht“ darstellt.

Das wird spätestens in der Moderne überdeutlich, weil sich nun endgültig herausstellt, daß die Objekte des Wissens keine Seienden, sondern Handlungsanleitungen sind. Wer letztere beherrscht, kann unendlich viel machen – und was soll Macht anderes sein?

Reden wir hier noch von Wahrheit, so ist das entweder naiv oder bösartig.

 

Viele glauben, mit oder in der Moderne hätten wir das traditionelle Denken überwunden, weil kaum noch von Seienden, Gott oder dem Sein die Rede ist. Wir haben jedoch nur die Worte ausgewechselt, ohne das Denken wesentlich zu andern. Deswegen scheint mir Heideggers Diagnose, daß sich das traditionelle Denken in der Moderne erst vollendet, schwerlich von der Hand zu weisen zu sein.

Dieses Denken sowie der mit ihm verbundene Wahrheitsanspruch seiner Vertreter – und eben gerade nicht die Abkehr von Tradition und Glauben – führte zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Die beiden Weltkriege wurden in erster Linie von den traditionell-philosophisch gebildetsten christlichen Völkern geführt.   

2.3.2. Geistige und sinnliche Erkenntnis

Die Tradition nimmt an, daß Seiende existieren, die sich in Objekte und Subjekte aufteilen, wobei letztere – oder zumindest einige von ihnen, nämlich die menschlichen Subjekte – dadurch charakterisiert sind, daß sie im Prinzip alle Seienden adäquat abbilden können. Bestände diese Möglichkeit einer exakten Erkenntnis nicht, ließe sich schwerlich von Seienden ausgehen, denn woher wollte man dann von deren Existenz und Wesen(tlichem) wissen?

Wir können diesen allgemeinen Zusammenhang insbesondere auch auf die Selbsterkenntnis menschlicher Subjekte anwenden; Sie, Moritz oder ich bilden auch uns selbst ab.

 

Dann erkennen wir uns als den eigenen Körper, zu dem unser Bewußtsein zählt; daß sich dieses in jenem befinden soll, ist gewiß mehr als problematisch, können wir aber generös auf sich beruhen lassen.

Wichtig ist jedoch, daß zum Körper spezielle – menschliche – Sinnesorgane gehören. Das bedeutet, daß wir sämtlichen sinnlichen Abbildungen der Seienden notwendigerweise einen menschlichen (Sinnes-)Stempel aufprägen; so sehen wir Menschen die Welt.

Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe und Delphine bilden die objektiven – und damit auch für sie existierenden – Urbilder zwangsläufig ganz anders ab; eben mit ihrem differenten (Sinnes-)Stempel. Ganz abgesehen von Kultur, Sprache, Zeitgeist und vielen anderen möglichen – zumindest nicht völlig absurden – Einflüssen ergibt sich somit allein aufgrund der Sinnesorgane eine ganz spezielle Wahrnehmungsweise.

Wir können nur sehen, wie es der menschliche Sehapparat gestattet, und besitzen zum Beispiel keine Facettenaugen.

 

Das bedeutet noch keinen Widerspruch zwischen ungestempelt-adäquater und gestempelt-inadäquater Erkenntnis; die Situation läßt sich retten. indem wir die erstere als geistige von der letzteren als sinnlicher Abbildung unterscheiden.

Die geistige Erkentnis bedarf keiner Sinnesorgane und kann somit die für die Tradition erforderliche adäquate Darstellung der Seienden übernehmen, die keinen Stempel „menschlich“ tragen darf, sondern objektiv sein muß.

Die sinnliche Erkenntnis kann dagegen nur gattungsspezifisch sein und somit die Seienden nicht in Wirklichkeit erreichen.

Gehen wir also davon aus, daß Seiende prinzipiell nur rein geistig adäquat erkannt werden können, tritt keinerlei Widerspruch auf. Das sinnliche Wahrnehmen prägt zwar notwendigerweise allem einen menschlichen (Sinnes-)Stempel auf, aber der gehört nicht zur eo ipso geistigen Erkenntnis der Seienden, sondern ist letzlich belangloses Beiwerk; Akzidentielles und keine Einsicht in das Wesen(tliche). 

 

Es gibt also beispielsweise einen wirklichen Hund H; was das ist, wissen wir jedoch nicht, weil wir ihn nicht rein geistig erschlossen haben. Ich wüßte auch gar nicht, wie man das machen könnte; Sie?

Was zum Frühstück möglicherweise durch unseren Garten läuft, ist aber ohnehin kein solcher Hund H, sondern lediglich ein menschlicher Sinnesperspektiv-Hund H(M); das heißt die Wahrnehmung, wie ein Hund den Menschen erscheint.

Und wenn er vor unseren Augen eine „menschliche Sinnesperspektiv-Katze K(M)“ jagen würde, wüßten wir weder wer das tut – der Hund H ist uns unbekannt – noch was er sieht, denn dies könnte ja nur die hündische Sinnesperspektiv-Katze [K(M)](H) sein; das also, was für uns eine Katze ist [K(M)], aber halt in Hunde-Perspektive [K(M)](H).

 

Wenn Sie jetzt das Gefühl haben, die geistige Erkenntnis sei ziemlich unverständlich und vielleicht – hoffentlich – sogar unnötig, mit der sinnlichen könne man aber ganz gut zurechtkommen, muß ich Sie enttäuschen; die ist auch nicht so ohne:

Die Signale, die beispielsweise vom Seh- oder Hörnerv übertragen werden, sind völlig identisch. Sie bestehen – nicht in kleinen Bildchen bzw. Tönchen, sondern – in übereinstimmenden Impulsfolgen, deren Frequenz sich mit der Erregungsstärke erhöht, die aber weder mit den Augen noch mit den Ohren etwas zu tun haben; sie sind sinnesunspezifisch.

Allein diese Erkenntnis der Sinnesphysiologie läßt das sinnliche Abbilden der Tradition kaum noch als Selbstverständlichkeit erscheinen.

2.3.3. Primäre und sekundäre Wahrnehmungen

Mit dem nachlassenden Gottesglauben stand die Moderne also vor folgendem Problem.

Die sinnliche ist keine objektiv-wirkliche, sondern lediglich eine subjektiv-menschliche Erkenntnis.

Zur traditionellen Wahrheit führt uns nur das rein geistige Wissen, das jedoch an  – den Glauben an – einen (Ersatz-)Gott gebunden ist. Die großen Philosophen (Leibniz, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Whitehead) versuchten, die Schwierigkeit mittels teilweise sehr komplexer Theorien zu lösen. Die meisten Naturwissenschaftler verstanden weder jene noch diese, suchten nach einfacheren oder vordergründigeren Antworten und wechselten deshalb von der Vernunft zum Verstand:

Dazu unterschieden sie an den sinnlichen Wahrnehmungen (bzw. Eigenschaften), zwischen primären sowie sekundären, strichen die geistigen vollständig und ersetzten im Sinne nachstehender Tabelle:

 

 

antik-mittelalterliche Tradition   Zwischenschritt   moderne Tradition
         
geistige Wahrnehmungen —————   primäre Wahrnehmungen
sinnliche Wahrnehmungen – primäre Wahrnehmungen   sekundäre Wahrnehmungen
    – sekundäre Wahrnehmungen    

Abbildung 2.3.3.

 

Die primären Wahrnehmungen stehen in keinerlei Zusammenhang mit den geistigen.

Das ist ein Riesenverlust und keine Lösung; das traditionelle Denken ist unabdingbar an irgendeine Form von Nous gebunden. Natürlich benötigen wir ihn nicht für das Weltbild und die Wissenschaft der Moderne, sehr wohl aber für unseren Anspruch, die beiden hätten etwas mit der Welt zu tun.

 

Jeder, der traditionell denkt, beansprucht für sich einen Zugang zum Nous; daß er das nicht weiß oder vehement bestreiten würde, ist dafür belanglos. Verzichtet er tatsächlich auf diese (un)heimliche Verbindung – muß er den ganzen Ansatz aufgeben.

Jedes „Ich weiß von der Welt“ oder „kenne die Wahrheit“ können wir durch ein „Ich bin (fast) der Nous“ ersetzen, und die moderne Wisenschaft ist angewandte griechische Götterlehre (Georg Picht). Eine wirkliche Aufklärung würde bedeuten, das einzusehen – statt sich überheblich für intelligenter als die gläubigen Denker der Antike und des Mittelalters zu halten.

Wenn die Physik Recht hätte mit ihrer Welt, wäre sie ohne (Ersatz-)Nous nicht möglich.

Dies bestreiten zu wollen, ist unaufgeklärt; das bedeutet nicht, daß wir zu Antike und Mittelalter zurückkehren müssen; eine Alternative besteht darin, den modernen Glauben aufzugeben und zur Postmoderne zu wechseln.

 

Unser Verzicht auf diese Form von Gottesebenbilldlichkeit sowie den anmaßenden Besitz von Wahrheit und damit einhergehend unser Wechsel vom Sein-Wollen-wie-Gott zum Anerkennen von Endlichkeit oder Kontingenz des eigenen Lebens und seiner Wissungen wird von den Traditionalisten häufig als Hybris, als Überheblichkeit gegenüber Gott, dargestellt; darüber kann ich mich nur wundern:

Es geht meines Erachtens in der Tat um Größenwahn sowie Allmachtsphantasien auf der einen Seite und Bescheidenheit oder Demut auf der anderen. Aber die Tradition scheint mir mitunter die beiden Seiten zu verwechseln.

 

Die primären Wahrnehmungen sollen sowohl wirklich außerhalb wie auch – bei adäquater Abbildung – unwirklich innerhalb unseres Bewußtseins existieren. Form, Größe, Anzahl und Festigkeit – diese rein physikalisch-mathematisch-geometrischen Kategorien – bilden Paradebeispiele hierfür. Das traditionelle Abbild-Modell wurde also auf die primären Wahrnehmungen eingeschränkt

Die sekundären Wahrnehmungen existieren dagegen nur innerhalb des Bewußtseins als unwirkliche. Sie werden folglich nicht abgebildet, sondern – beim Abbilden der primären Wahrnehmungen – von oder in dem Bewußtsein erst erzeugt, indem diese – aus uns unerfindlichen Gründen – beispielsweise von äußeren Schallwellen zu inneren Tönen, von Lichtstrahlen zu Farben oder von Molekülarten zu Geschmacks- und Geruchsvarianten übergeht.

 

Unser Verzicht auf die Welt, könnten wir also einen Zusammhang herstellen, geht noch einen Schritt weiter:

Galilei strich nur ihre sekundären Wahrnehmungen, und wir canceln alle; für uns gibt es außerhalb des Bewußtseins auch keine primären Wahrnehmungen (mehr).

Anders formuliert sind sämtliche Wahrnehmungen ausnahmslos sekundär, weil sie nur noch innen existieren. Damit wird „sekundär“ jedoch gleichbedeutend mit „alle“, so daß der Begriff seinen unterscheidenden Sinn verliert und gestrichen werden kann.

 

Das bedeutet:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß er gesehen wird.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß sie gefühlt wird.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß sie gezählt oder berechnet wird.

Es gibt keine Materie, ohne daß sie gemessen wird.

Es gibt keinen Geist, ohne daß er erlebt wird.

 

Das wußten wir bereits; es existieren weder Regenbogen noch Laptops, sondern nur die entsprechenden Sehungen.

„Der Regenbogen“ – den es ja gar nicht gibt – „leuchtet“; also ist dieses „Leuchten“ das Gesehen-Werden und das „Drücken eines Widerstands“ lediglich das Gefühlt-Werden.

Wenn kein Läuten existiert, ohne daß es gehört wird, bedeutet dies, daß das Läuten das Gehört-Werden ist.

Der Satz „Es hat geläutet, aber ich habe es nicht gehört“ ist unverständlich, denn er macht das Läuten zu einem Seienden, das besteht, auch ohne gehört zu werden.

Die Umkehrung „Ich habe es läuten hören, aber es hat gar nicht geläutet“ ist dagegen als rückblickende Korrektur eines Irrtums möglich: Ich dachte, es hätte geläutet, vor der Türe war aber niemand. Der Irrtum bestand dann jedoch nicht im Läuten, sondern im Läuten-gehört-Haben.

 

Traditionell unterscheiden wir also die Klingel, ihr Läuten und unser Hören; die ersten beiden befinden sich außerhalb des Bewußtseins und letzteres ist darin.

Wir leugnen keine dieser drei Komponenten, sondern

machen lediglich die Klingel sowie das Läuten zu Wissungen und

lokalisieren damit alle drei innerhalb unseres Bewußtseins.

2.3.4. Ich Subjekt als "Solipsist"

Ich glaube weder an den Gott der Philosophen noch an eine allgemein-menschliche oder objektive Vernunft. Dann entfällt auch der Blick von nirgendwo und -wann, so daß das Diesseits sowie das Jenseits tatsächlich zu einer Hinterwelt werden.

 

AD: „Ja; aber Ihr obiges Tier-Problem bleibt trotzdem bestehen. Es gibt zwar keine Seienden und damit auch den Hund H nicht, aber die menschlichen, hündischen oder kätzischen Sinnes-Stempel bestehen doch weiterhin.

Und das müssen wir sogar noch deutlich verallgemeinern:

Jedes Subjekt besitzt immer nur seine eigene Perspektive, die nicht nur gattungsspezifisch ist, sondern zahllosen weiteren Beeinflussungen unterliegt; Geschlecht, Kultur, Zeit, Alter, Sprache, Gesundheitszustand usw.“  

 

Das klingt sehr überzeugend, aber ich sage trotzdem „nein“ dazu:

Ohne den Blick von nirgendwo und -wann gibt es keine geistige Erkenntnis; insoweit sind wir uns einig. Aber wenn wir auf diese Schau verzichten müssen, existieren doch (menschliche) Subjekte ebensowenig wie Hunde; wir sehen doch auch uns selbst nicht von außen!

Allein der Nous(-Ersatz) erkennt Subjekte; wir erfahren lediglich Körper, und die Tradition glaubt, menschliche Körper seien – von einem eventuell noch fehlenden Innen abgesehen – Subjekte. Ich behaupte nicht, daß diese Voraussetzung völlig unbegründet sei, lege aber Wert auf eine saubere Darstellung:

 

1. Ich erlebe mich selbst als Subjekt, das einen Körper besitzt.

Mit letzterem verbindet mich eine „Einbahnstraße“, das heißt, ich weiß stets genau, welche meiner Wissungen der eigene Körper ist.

Eine Beziehung in der umgekehrten Richtung scheidet aus, weil wir ihren Zielpunkt nicht fassen können. Von meinem Körper zu „mir“ mag ja richtig sein, aber wem oder was entspricht dieses „mir“? Wer, wo bzw. wann bin ich als Subjekt? Sind diese Orts- resp. „Zeit“-Angaben bei einem Subjekt eigentlich sinnvoll? Was ist denn das überhaupt – ein Subjekt?

 

2. Können wir nicht einmal bei uns selbst den Rückweg vom eigenen Körper zu uns nachvollziehen, läßt es sich meines Erachtens kaum rechtfertigen, fremde (menschliche) Körper – mit einem Bewußtsein zu versehen und – als Subjekte zu betrachten.

Jedes Subjekt kann nur von sich selbst wissen, daß es ein Subjekt ist, aber niemals von anderen; ein Bewußtsein wird nur von innen erlebt, und das ganz allein.

 

Das ist möglicherweise die wichtigste Stelle des ganzen Buches; lesen Sie bitte nicht weiter ohne das Gefühl, mich verstanden zu haben.

Der Nous sieht von „ganz außen“ die verschiedenen Subjekte mit all ihren Eigen- und Besonderheiten.

Wir befinden uns nicht in dieser ausgezeichneten Lage, sondern besitzen nur einen Zugang zu unserem eigenen Bewußtsein. Alle anderen Bewußtseine sind prinzipiell unerreichbar oder transzendent, und wir wissen bisher weder, was – in unserem Ansatz – ein Subjekt ist, noch, wie es mit seinem Bewußtsein zusammenhängt.

Wieso sollten wir dann irgendeinen Körper oder was auch immer als Bewußthaber betrachten? 

 

AD: „Sie hatten uns oben am Beispiel des Weltbilds erklärt, daß ein Außerhalb des Bewußtseins möglich ist, das keiner Hinterwelt angehört. Die Lösung besteht darin, daß die entsprechende Entität erst oder nur durch das Reflektieren über sie entsteht und mit ihm wieder verschwindet. Sie stellt also weder einen Referenten dar noch wird sie abgebildet.   

Jetzt denken Sie über andere Subjekte sowie deren Bewußtseine nach – und behaupten plötzlich deren Transzendenz. Das Weltbild ist doch auch nicht transzendent, sondern höchst immanent von uns erzeugt!“

 

Ich freue mich, daß Ihnen dieser prinzipielle Unterschied aufgefallen ist!

Der Begriff des Weltbilds gehört ganz wesentlich zu meinem Weltbild. Das ist keine Selbstverständlichkeit; wer beispielsweise traditionell denkt, benötigt ihn für sein Weltbild nicht, denn er glaubt, gar keines zu haben und einfach von der – Wirklichkeit der – Welt zu sprechen.

Langer Rede kurzer Sinn: Weltbilder gehören nur zu meinem Weltbild, und ohne dieses würden sie gar nicht existieren. Soetwas kann unmöglich Teil der Transzendenz sein, denn die stellen nicht wir her.

 

Andere Subjekte mit ihren Bewußtseinen gehen eindeutig nicht aus uns hervor

Natürlich läßt sich deren Existenz überhaupt bestreiten; die entsprechende Sichtweise nennt man Solipsismus; sie ist natürlich weder – logisch oder empirisch – widerleg- noch beweisbar. (Das Wort leitet sich vom lateinischen „solus“ – „allein“ – ab; ein Solipsist versteht sich als das einzige Subjekt, das es gibt.)

Will ich kein Solipsist sein, muß ich also blind glauben, daß andere Bewußthaber existieren. Bleiben wir konsequent dabei, daß Wissungen keine (außerhalb der letzteren befindlichen) Referenten besitzen, entfällt notwendigerweise sämtliches Wissen von anderen Subjekten und deren Bewußtseinen – und exakt das meint Transzendenz.

 

Ging es also dort um die Äbhängigkeit einer bloßen Theorie  vom Weltbild, so sprechen wir hier vom Ursprung der Wirklichkeit, der völlig unabhängig von uns ist und – ohne den Nous – transzendent sein muß.

Wo sollten wir denn einen anderen Bewußthaber auch nur suchen, wenn uns lediglich das eigene Bewußtsein gegeben ist?

AD: „Ich dachte, Sie sind verheiratet . . .“

Ja; aber ich erfahre mein Frau als Körper; wieso soll sie bzw. er ein Subjekt sein?

AD: „Und Sie spüren nicht, daß mehr dahintersteckt?“

„Dahinter“ schon, aber nicht „darin“.

 

AD: „Wenn ich kein Solipsist sein will, muß ich die – freiwillig geglaubten – anderen Subjekte mit ihrem jeweiligen Bewußtsein also völlig außerhalb meines eigenen Bewußtseins ansiedeln . . .“

Ja; vielleicht kann man das so formulieren, aber ich würde unbedingt ergänzen:

. . . jedoch nicht als andere Subjekte mit ihrem jeweiligen Bewußtsein, denn das wären ja bereits – irgendwelche, wenn auch noch so diffuse – Vorstellungen, sondern als reine, das heißt, absolut vorstellungsfreie Transzendenz; es gibt keine Referenten.

 

Ich glaube nicht an den Nous oder irgendwelche Ersatzkonstruktionen für ihn; dann gibt es natürlich auch keine geistige Erkenntnis.

Aber ohne sie, können wir zusammenfassen, entfällt die sinnliche Erkenntnis ebenfalls, denn daß angeblich noch andere Subjekte existieren und artspezifische Sinneswahrnehmungen besitzen, stellt doch selbst eine geistige Erkenntnis dar. Wie sollen wir denn innerhalb unseres Bewußtseins darauf kommen (können)?

AD: „Wir müssen die Unterscheidung zwischen ’sinnlich‘ und ‚geistig‘ also vollkommen aufgeben . . .“

. . . oder von ihrer traditionellen Bedeutung in eine neue umdenken.

 

„Sinnlich“ meint bei uns nicht (mehr) das, was sich einer Fledermaus, Biene oder Zecke zeigt, denn wir erfahren davon nichts und können also auch nicht wirklich darüber nachdenken, so daß alle zugehörigen Begriff pure Erfindungen sein müssen, die wir folglich ersatzlos streichen dürfen.

Nur für uns selbst gibt es Sinnlichkeit; unser Erleben ist sinnlich; die daraus resultierenden Erfahrungen sind sowohl sinnlich als auch geistig, und die Vorstellungen rein geistig.

Aber was es für uns Subjekte nachweislich gibt, können wir doch nicht sinnvoll in bloßen Wissungen wie zum Beispiel Fledermäusen, Bienen oder Zecken suchen.   

 

AD: „Und auch nicht in Ihrer Frau . . .

Daß für sie Sinnliches existiert, wäre also eine rein geistige Vorstellung von Ihnen als Subjekt?“

Ja; aber meines Erachtens eine falsche, weil meine Frau als Körper eine Wissung von mir als Subjekt darstellt, die sowohl sinnlich als auch geistig sein, aber nichts Sinnliches oder Geistiges besitzen kann.

 

Für diesen Fehler, mit den herkömmlichen Begriffen begonnen zu haben und sie dann wegen ihrer Fehler korrigieren zu müssen, schäme ich mich nicht; Irrwege dieser Art sind bei einer Denk-Bewegung unvermeidbar. Ludwig Wittgenstein beschreibt das so:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“

 

Franz Rosenzweig formuliert unseren Verzicht auf den Nous und die sich daraus ergebende „Objektivität der Subjektivität“ in seinem „Stern der Erlösung“ wunderschön:

„Daß die Philosophie, wenn sie wahr sein soll, vom wirklichen Standpunkt des Philosophierenden aus erphilosophiert sein muß, . . . Es gibt keine andere Möglichkeit, objektiv zu sein, als daß man ehrlich von seiner Subjektivität ausgeht. . . . Die eigenen Augen sind gewiß nur die eigenen Augen; es wäre aber schildbürgerhaft zu glauben, daß man sie sich ausreißen muß, um richtig zu sehen.“ 

2.3.5. Meine eigene subjektive Welt

AD: „Ich traue mich fast nicht zu fragen; haben Sie möglicherweise noch einen zweiten Wittgensteinschen Leiter-Fehler begangen . . .?“

Ja; leider; es wahr falsch, die – Existenz jeglicher – Welt zu bestreiten!

Wir müssen das nachträglich einschränken auf diejenige Welt, für deren Erkenntnis ein Gott oder etwas Göttergleiches benötigt wird, das heißt, die objektive-reale Welt, die abgebildet werden kann bzw. muß

 

Aber – nun müssen Sie für sich selbst sprechen – ich kann nicht ernstlich bestreiten, daß zu mir Subjekt eine eigene, subjektive – eben: meine – Welt gehört.

Es wäre unsauber zu formulieren, jedes Subjekt hätte seine subjektive Welt; wir verstehen doch gar nicht, was „jedes Subjekt“ bedeuten soll, wenn das Außerhalb unseres Bewußtseins keine anderen Subjekte, sondern nur die Transzendenz umfaßt.

Die „logische Selbstverständlichkeit“, daß A, wenn es existiert und sich nicht in M befindet, non-M angehören muß, ist nur in unserem Weltbild evident und keineswegs zwingend auf die Transzendenz übertragbar.  

 

Welche Eigenschaften besitzt meine Welt und worin unterscheidet sie sich insbesondere von der traditionellen?

 

1. Ausnahmslos alle exakt-wissenschaftlichen Aussagen bleiben weiterhin richtig.

Das ist letztlich eine Binsenweisheit, denn sie sind doch das Ergebnis von wiederholbaren Experimenten. Dafür ist natürlich kein Gott erforderlich, sondern den braucht erst und nur, wer die exakt-wissenschaftlichen Aussagen als Abbildungen der traditionellen Welt behauptet.

Anschaulich gesprochen verbindet der Nous nicht uns mit der Wissenschaft, sondern diese mit der objektiven Welt; somit können wir bei all unseren exakten Wissungen bleiben.

 

2. In unserer Welt gibt es – im Gegensatz zur traditionellen – keine Subjekte.

Das war auch bereits klar; wir leben – mit oder anhand, aber – nicht in der Welt, sondern in Gott.

 

3. Die traditionelle Welt besteht aus Materie oder anderen Substanzen – und die unsrige?

Selbstverständlich gehören die Wahrnehmungen zur Welt; damit beenden wir die traditionelle Schwierigkeit, entscheiden zu müssen, ob es sich bei ihnen um Ur- oder Abilder handelt. 

Aber das kann nicht alles sein; von einer Welt können wir nur sinnvoll sprechen, wenn sie über die Aktualität der Wahrnehmungen hinausgeht. Worin?

Vielleicht könnte man mit den „Vorstellungen von möglichen Wahrnehmungen“ antworten wollen. Aber das muß falsch sein, denn bei ihnen handelt es sich auch nur um Vorstellungen, und die können nicht der Welt angehören. 

 

Wir versuchen es mit den Konsequenzen unserer Wahrnehmungen – mit ihnen selbst, und nicht mit den Vorstellungen davon.

Sehe ich meine Frau den Raum verlassen, muß sie sich nebenan befinden; zur Vorderseite gehört ein ganzes dreidimensionales Haus, das wir aktual nicht wahrnehmen; kommt Post, existiert notwendigerweise ein Absender; der Zauberer kann uns nur irritieren, weil er für uns eine Welt erzeugt, von der er dann zeigt, das sie nicht existiert; die Frau ist doch nicht zersägt – wie ich es als Konsequenz meiner Wahrnehmungen eigentlich erwartet hatte.

Meine subjektive Welt besteht also aus den eigenen Wahrnehmungen und ihren Konsequenzen.

 

4. Das Weltbild ist nach wie vor ein Bild von der Welt.

Es umfaßt drei verschiedene Arten von Vorstellungen; solche von den Wahrnehmungen bzw. ihren Konsequenzen sowie alle Vorstellungen, denen keine Referenten oder Vorgestellten in unserer Welt entsprechen. Sei es, weil wir absichtlich phantasieren oder das angeblich Vorgestellte nicht – als Teil der Welt – glauben.

 

5. An der Intersubjektivität ändert sich gar nichts; sie ist weiterhin eine der Begriffe bzw. des Weltbilds und muß unbewußt sein, weil sie natürlich in keinem subjektiven Weltbild in Erscheinung treten kann.

Traditionell ergab sich die Intersubjektivität en passant aus dem adäquaten Abbilden der objektiven Welt; bei uns zeigt sie sich dagegen nur untergründig in der mehr oder weniger begrenzten Möglichkeit unserer Verständigung.

 

AD: „Ich verstehe; wir können über alles sprechen – nicht was in der objektiv-realen Welt, sondern –, was in unseren beiden subjektiven Weltbildern enthalten ist; zum Beispiel über Yetis. Ob sie tatsächlich meiner Welt angehören, entscheide allein ich, und entsprechend Sie bei Ihrer subjektiven Welt.“

Sehr schön; traditionell führt der Denkweg von der einen Welt zu den – durch Fehler, differente Interessen oder Schwerpunke  – verschiedenen Weltbildern, und bei uns von letzteren zu den subjektiven Welten.

2.3.6. Funktions- oder Gestaltkreis

AD: „Wenn es die traditionelle Welt nicht gibt und die subjektive vom Weltbild abhängt, können Babys und Tiere also keine Welt besitzen.“

Was Sie meinen, ist wohl völlig richtig, aber nicht hinreichend genau fomuliert.

Wir hatten oben festgestellt, daß nicht nur Fledermäuse, Bienen oder Zecken, sondern sogar meine Frau Wissungen und damit für mich Subjekt entweder sinnlich oder geistig sind, aber nichts Sinnliches bzw. Geistiges besitzen können. Keiner Wissung kommt ein Weltbild oder ein Welt zu.

Beide gibt es nur innerhalb von Bewußtseinen; letztere sind an Bewußthaber gebunden, und dafür kommen nur Subjekte infrage.

 

Diese sind aber – außer mir selbst – alle transzendent und reichen bestenfalls als Körper-Wissungen in mein Bewußtsein herein.

Nun haben wir endlich Ihre Babys oder Tiere erreicht und können sauber formulieren:

Es gibt möglicherweise transzendente Subjekte, die die Babys bzw. Tiere in ihrem Bewußtsein jeweils als den eigenen Körper erfahren. Diese Subjekte sind uns absolut unzugänglich – eben transzendent –, weil kein Weg von den – auch uns – gegebenen Körpern zu ihnen führt.

Wir kennen sie also nicht, können aber davon ausgehen, daß diesen Subjekten ohne Sprache kein Weltbild und – damit auch – keine Welt zukommt.

 

Traditionell sagt man, der Hund weiß offentlich, was eine Katze ist, nur nicht, daß sie mit „Katze“ bezeichnet wird; andernfalls würde er sie nicht so gerne jagen. Aber darin kommt ein Fehlverständnis der Sprache zum Ausdruck:

Sie besteht aus Begriffen und nicht aus Bezeichnungen; das heißt, dem Hund fehlen nicht nur die Worte, sondern eine ganze Welt, in der oder durch die allein es Hunde und Katzen geben könnte; keine Welt – keine Tiere.

 

 

 

 

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam aus dem Umkreis der Biologie von verschiedenen Seiten eine Idee auf, die uns helfen kann, das welt(bild)lose Leben ein wenig zu verstehen. Ich meine die Umwelten des Merkens und Wirkens, wie wir sie etwa bei Jacob Johann von Uexküll, Arnold Gehlen, Hans Volkelt oder Viktor von Weizsäcker finden.

Eine „Zecke“ beispielsweise merkt nur Wärme und Feuchtigkeit; das ist ihre Merk-Umwelt. Läuft eine „Katze“ an der „Zecke“ vorbei, sieht sie diese natürlich nicht, denn in ihrer Merk-Umwelt kommen weder Katzen noch Sehungen vor. Die „Zecke“ merkt bestenfalls, daß es etwas wärmer und feuchter wird, so daß sie sich eventuell fallen läßt. Diese – häufig wohl erfolglose – Reaktion bildet die gesamte Wirk-Umwelt, und die Verbindung der beiden Umwelten – zumeist „Funtions-“ oder bei von Weizsäcker „Gestaltkreis“ genannt – ergibt das Leben der „Zecke“:

 

Das Merken führt zum Wirken; dann wartet die „Zecke“, bis sie wieder etwas merkt, und das genügt offensichtlich zum Überleben – sonst gäbe es keine Zecken.

Eine Spinne merkt die Vibrationen ihres Netzes und wirkt darauf, indem sie die gegebenenfalls verursachende Fliege frißt. Sieht sie die gleiche Fliege jedoch in einer anderen Situation, greift die Spinne nicht an, sondern reißt vor der Fliege aus.

Mit den Anführungszeichen wollte ich Sie daran erinnern, daß es für „Spinnen“ keine Spinnen, Netze oder Fliegen gibt, für „Zecken“ weder Zecken noch Katzen und daß in Hassos Funktionskreis kein Hund durch den Garten läuft.

 

Lesen wir dergleichen ein erstes Mal, so überrascht es uns wahrscheinlich kaum; daß Zecken und Fliegen nur ein sehr eingeschränktes Anschauungs- sowie Reaktionsvermögen besitzen, war zu erwarten. Aber ich fürchte, mit dieser simplen Disqualifizierung verfehlen wir die eigentliche Pointe:

Tierische Funktionskreise enthalten nur Gestalten, das heißt, sie sind Gestalt-Kreise in unserem Sinne. Dort ist nichts auf den Begriff gebracht, so daß weder Wahrnehmungen noch Vorstellungen bestehen und damit auch kein Welt- – sprich: Funktionskreisbild – möglich ist.

 

Das Merken führt zum Wirken, und dieses löst – nach einer Zeit des Wartens – wieder ein erneutes Merken aus. Zwischen den beiden Umwelten muß also jeweils ein reflektorischer Zusammenhang bestehen, aber es ist kein reflektierter oder geistiger. Einzelnen Sinnesinseln der Merk-Umwelt stehen ebensolche Reaktionen der Wirk-Umwelt gegenüber, die von jenen provoziert werden.

Und schließlich sind die beiden Umwelten auch keineswegs vorhanden; sie bestehen nicht, sondern entwickeln sich partiell aus dem aktualen Angeschaut-Werden; der Funktionskreis ist kein Seiendes. 

 

Wir sagen richtigerweise, daß Hasso durch den Garten läuft, haben dabei aber – entgegen der Tradition – im Hinterkopf, daß wir nicht von Hasso und dem Garten als Seienden, sondern „nur“ von unseren Wissungen sprechen. Laptop-Wahrnehmung statt Laptop, Hasso-Wissung statt Hasso; ein Hasso oder Garten an sich kommen bei uns gar nicht vor.

Dann kann Hasso – ohne Welt – auch nicht durch den Garten laufen.

Oswald Schwemmer schreibt in seiner „Kulturellen Existenz des Menschen“:

„Natürlich erinnert sich unser Hund an uns, auch wenn wir lange weggeblieben sind. Und in diesem Sinne identifiziert er uns auch. Aber diese Identität ist keine Gegenstandsidentität. Wie Beobachtungen und Versuche zeigen, bleibt dieses Wiedererkennen eingebunden in die Wahrnehmungs- und Handlungssituationen, in die der Hund gerät.

Der Garten, den er täglich durchstreift, wird sich für ihn nie in einem Überblick seiner Wege zeigen. Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf und erlauben ihm nie, sie zu überblicken oder gar in einem Schema festzuhalten. Sie bleiben Momente seines Erlebens, aus dem und über das er sich nicht hinausheben kann.“

Seine Umwelten bilden sich bei Hassos Durchstreifen des „Gartens“ erst heraus und haben folglich mit dem Garten in unserer Welt nicht viel zu tun. Hasso lebt – aber weder im Garten noch in einer Umwelt –, sondern er erzeugt letztere aktual, indem er lebt.

 

Anders als Hasso, Zecken und Spinnen reagieren wir zumeist nicht spontan oder blind auf unsere sinnlich-bewußten Merkungen oder Gestalten. Wir bringen sie vielmehr auf den Begriff, ordnen sie in unser Weltbild ein und überlegen, wie wir – in seinem Rahmen – am besten wirken oder agieren sollten.

Anschaulich bedeutet dies, daß wir unsere Welt sowie das Bild davon zwischen die Merk- und Wirk-Umwelt schalten und damit deren reflektorische Verbindung teilweise ersetzen.

Damit erzeugen wir das, was Schwemmer in seinem Zitat „Identität“ nennt:

„Die Identität eines Gegenstands verläßt dagegen diese Grenzen einander folgender Situationen. Der Gegenstand . . . behält seine Identität auch im Wechsel der Situationen. Ja, mehr noch und wesentlicher:

Eben durch die Identität spannen die Gegenstände sozusagen ein Netz auf, das Netz der Welt. . . . Außerhalb der wechselnden Situationen haben wir uns eine in sich gefügte und geordnete Gegenstands-Welt geschaffen, in der wir uns selbst“ – ich ergänze: als Körper – „angesiedelt haben . . .“

2.4. Die Genese des Weltbilds und der Signifikate

AD: „Was Sie jetzt zitiert haben, ‚Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf . . .‘, ist natürlich schwer zu verstehen. Woher stammen die Wege, um sich auf einmal zeigen zu können?

Die Frage brennt mir schon lange auf den Nägeln; seit Sie von Gestalten sprechen.

 

Die Tradition geht von Seienden aus und betrachtet deren Sein häufig relativ unreflektiert als angeblich (selbst)verständliches Vorhanden-Sein.

Das verwerfen Sie als hinterwäldlerisch-leere Behauptung und ersetzen die Seienden durch Gestalten. Deren Sein ist kein unverstandenes Vorhanden-, sondern ein unmittelbares Gegeben- oder Bewußt-Sein.

Die traditionellen Wahrnehmungen gelangen angeblich durch das Abbilden der Seienden in das Bewußtsein; oben wollten Sie zeigen, daß diese Vorstellung mehr als problematisch ist. Aber ganz abgesehen davon stellt sich die entsprechende Frage doch auch bei uns und bedarf noch einer Antwort:

Wie kommen die Gestalten in unser Bewußtsein? Wenn Sie jetzt mit ‚Abbilden‘ anfangen, brauche ich nicht weiterzulesen . . .“

Ich werde mich hüten!

Es sollte deutlich werden, daß das Abbilden einen Unbegriff darstellt, völlig unabhängig davon, was angeblich abgebildet weren soll.

 

Was Sie gesagt haben, stimmt; mir hat besonders gefallen, wie Sie die zwei wichtigen Fragestellungen unterscheiden:

Zunächst geht es um das Sein; aus dem nichtssagenden Vorhanden- wird bei uns ein erlebtes Bewußt-Sein.

Damit bleibt jedoch hinsichtlich der Frage nach dem Woher der Seienden bzw. Gestalten alles offen; bei ersterem kann es uns auch gleichgültig sein, bei den Gestalten müssen wir klären, wie sie in unser Bewußtsein gelangen (können)

 

Sämtliche Wissungen gehören der „Zeit“ an, und mittels der Kausalität wird verständlich, wie sie auseinander hervorgehen. Das hatten wir bereits ausgeführt, ist aber nur die eine Seite; es gibt noch eine zweite:

Die Wissungenaber auch nur sie – befinden sich in der „Zeit“, so daß wir darin insbesondere niemals auf Gestalten treffen. Diese sind nicht „zeitlich“ und können folglich auch nicht kausal durch Wissungen bewirkt werden.

Es führt kein Weg von Wissungen zu Gestalten; nur die Einbahnstraße in der Gegenrichtung existiert; sie besteht im Auf-den-Begriff-Bringen-Wollen oder Explizieren.

 

Wenn Gestalten entstehen und vergehen, obwohl sie nicht in der „Zeit“ sind, müssen sie zeitlich sein.

Die Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft noch nicht; von der Zeit verbleibt nur die Gegenwart, die sich aus dem Unbewußten sowie dem Bewußtsein zusammensetzt. 

In letzterem befinden sich die Gestalten, die somit der Vergangenheit oder dem Unbewußten entstammen müssen.

 

Das ist unser Stand der Dinge; im vorliegenden Kapitel versuchen wr, diesbezüglich ein wenig weiterzukommen.

2.4.1. Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis

Unsere Wissungen gehören dem Bewußtsein an, sofern sie – aber das ist tautologisch – aktualisiert sind.

Andenfalls befinden sich die Wissungen in Form – einer Einheit – der Begriffe innerhalb des Unbewußten oder Weltbilds.

AD: „Aber wo ist das Unbewußte bzw Weltbild?“

In der Sprache; um das zu verstehen, wenden wir uns kurz Wittgenstein zu.

 

Wohl eines seiner populärsten philosophischen Ergebnisse besteht in der Erkenntnis, daß es „keine Privatsprachen geben kann“. Weshalb?

Weil sie widersprüchlich wären.

Woher will ich morgen noch wissen, was ich heute wie bezeichnet hatte?

AD: „Indem ich es aufschreibe.“

Das hätten wohl die meisten von uns geantwortet, stimmt aber trotzdem nicht.

 

Sie notieren sich, heute den Eimer mit „Eimer“ und den Remie mit „Remie“ bezeichnet zu haben. Dann stehen morgen auf  Ihrem Zettel diese beiden Worte; aber was sie damit heute bezeichnet hatten – den Eimer bzw. Remie selbst – müssen Sie im Bewußtsein haben, denn das steht nicht auf Ihrem Zettel und kann es auch unmöglich.  

Bei dem Eimer merken wir das nicht, weil er (bereits) der intersubjektiven Sprache angehört; bei dem noch „privatsprachlichen“ Remi aber sehr wohl: „Was war das doch gleich?“

Jetzt müßte deutlich werden: Was Sie gestern mit „Remie“ bezeichnet hatten, befindet sich möglicherweise heute noch in ihrem Bewußtsein, ist aber unkontrollierbar; wie wollen Sie das nachprüfen? Sie können nur glauben, daß Ihre Erinnerung adäquat ist – denn es gibt kein Erinnertes.

 

Das können und sollten wir verallgemeinern:

Die Bezeichnungen haben zwar Bestand und sind kontrollierbar – aber leider völlig uninteressant; es geht allein um das Bezeichnete oder Verstandene und eventuell auch Geglaubte. Somit ist eine „ewige Wahrheit“ höchstwahrscheinlich keine ewige Wahrheit, und demzufolge kann auch es keine Heiligen Schriften geben, sondern bestenfalls Heilige Verstehungen sowie Reaktionen.

Aber das wußten wir bereits, denn deswegen ist das Wort Fleisch geworden.

Die angeblichen Heiligen Schriften dürfen uns also nicht zur Buchstabentreue verführen, die sich nicht traut, „auch nur ein Jota hiervon“ zu korrigieren. Wer so „denkt“, denkt nicht und verfehlt massiv die Wahrheit, die er zu haben glaubt; er hat sie im Buch – denn nur dort kann man sie haben –, lebt sie aber nicht.

Und wer völlig „unheilige Schriften“ studiert – etwa so, wie es Albert Schweitzer mit dem Werk Nietzsches getan hat –, kann dabei zu sehr tiefen Einsichten gelangen; jedoch nur, weil das Wort tatsächlich Fleisch geworden ist

 

Völlig unabhängig davon, ob die Bezeichnungen nun in Büchern stehen oder nicht, gehören ihre Bedeutungen allein unserem Bewußtsein an. Wir sprechen miteinander und korrigieren sie dabei wechselseitig, so daß sich die Bedeutungen, die für die einzelnen Subjekte bestehen, aneinander abschleifen und „Mittelwerte“ entstehen, die sich in der Zeit mehr oder weniger schnell und unmerklich andern.

Das führt weder zur „richtigen Sprache“ noch zur „wahren Bedeutung“, sondern lediglich zu einer intersubjektiven Einigung; mehr haben, aber brauchen wir auch nicht. Wer dieses „Sprachspiel“ nicht  mitspielt, kommt nicht der Wahrheit näher, sondern wird unverständlich.

Georg Picht meint unter anderem exakt dies, wenn er die Sprache als das „kollektive Gedächtnis der Menschheit“ betrachtet; ich würde gerne übersetzen das „intersubjektive Gedächtnis der Subjekte„.

 

So weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist der Gedanke nicht:

Bis Sie diesen Satz gelesen hatten, war Ihnen die Vorstellung Sirius nicht aktual gegeben.

Das ist jetzt der Fall; ich konnte sie ganz leicht mittels des Wortes „Sirius“ hervorkitzeln. Das geht aber nur, wenn oder weil sie sich zuvor bereits an einem anderen, Ihnen zwar unbekannten jedoch zugänglichen oder verfügbaren Ort befand.

Wenn aber das absichtliche Auslösen von Vorstellungen stets mit Hilfe der sie bezeichnenden Worte erfolgen kann, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dieser Ort müsse die Sprache sein

 

AD: „Bisher war mir sonnenklar, daß das Gedächtnis mit irgendwelchen Speicherprozessen im Gehirn zusammenhängt. Nun streichen Sie diese für mich anschaulich-verständliche Vorstellung und ersetzen sie durch die abstrakt-unverständliche Sprache. Hätten Sie vielleicht ein Beispiel, an dem ich mir das ein wenig plausibilisieren kann?“

Natürlich; das Fundament der empirischen Wissenschaften besteht zweifellos in ihren nachprüfbaren Voraussagen; beispielsweise daß es am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa zu einer totalen Sonnenfinsternis kommen wird.

Das ist freilich traditionell formuliert, als wären Sonnenfinsternisse Seiende, die es einfach so gibt, auch ohne gesehen zu werden.

Wir müßten also etwas vorsichtiger übersetzen, daß am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa eine Wahrnehmung namens „totale Sonnenfinsternis“ möglich sein soll.

 

Diese Voraussage vertrauen wir der Sprache an, und jeder, der einen Zugang zu letzterer besitzt, kann die Antizipation am 22. 2. 2222 überprüfen. Die Zeit bis dahin wird also von der Sprache überbrückt; die Physiker, die die Voraussage getroffen haben, sind dann schon lange tot.

AD: „Wobei sich Ihr letzter Halbsatz als völlig belanglos erweist, wenn das Speicherorgan ohnehin in der Sprache und nicht im Gehirn besteht.“

Sehr schön; aber letzteres ist trotzdem unbedingt erforderlich, weil wir – in unserem Weltbild – ohne Gehirn keinen Zugang zur Sprache hätten. 

 

AD: „Einverstanden; aber damit haben Sie meine obige Frage noch nicht befriedigend beantwortet.

Die – nicht-aktual(isiert)en – Wissungen befinden sich im Weltbild, dieses gehört der Sprache an, und die Sprache ist . . .“

. . . nirgends, denn als Sprache gibt es sie gar nicht.

 

Die Sprache ist nur „ihr“ Gebrauch, das heißt, sie existiert lediglich in dem oder durch das zeitliche Sprechen und Verstehen.

Würden wir alle die Sprache nicht mehr nutzen, wäre sie einfach weg. Indem wir unseren Kindern das Sprechen und Verstehen lehren, teilen wir ihnen nur sekundär Bezeichnungen mit; das Vokabeln-Lernen stellt in diesem Zusammenhang ein unglückliches Modell dar.

Primär erhalten wir die Sprache, indem wir sie nutzen und weitergeben, das heißt, unseren Kindern einen Zugang zu ihr bzw. zum intersubjektiven Gedächtnis in Form ihres ersten kleinen Weltbilds vermitteln.

Letzteres ist natürlich subjektiv, weil jedes Subjekt seinen eigenen Zugang zur intersubjektiven Sprache besitzt.

 

Wilhelm von Humboldt formuliert das von mir Gemeinte folgendermaßen:

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, daß man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht . . .

Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia) . . .

Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als Sprache ansehen.“

2.4.2. Signifikanten bewirken Verstehungen

Für uns gibt es – außerhalb der Wissungen – kein Gewußtes und damit insbesondere nichts Verstandenes.

Die Tradition sieht das freilich anders und geht vom Verstandenen bzw. Erst-noch-zu-Verstehenden aus, das ihr zufolge in den Zeichen besteht. Konsequenterweise versucht sie also, auch die Sprache von den Zeichen her zu erklären, und betrachtet letztere als Einheiten aus einem bezeichnenden Wort (im einfachsten Falle) sowie der von ihm bezeichneten Wissung; dem Wort „Sonne“ zum Beispiel entspricht die Wissung Sonne.

Wir bestreiten diesen Zeichenbegriff in keiner Weise, sehr wohl aber, daß sich auf seiner Basis die Sprache verstehen läßt.

 

Unsere Begründung ist einfach:

Nicht nur das Bezeichnete, sondern auch das Bezeichnende sind notwendigerweise Wissungen; ein „Wort“, das wir nicht wissen, ist kein Wort.

Wissungen existieren jedoch ausschließlich in unserem Bewußtsein. Verstehen wir Sprache als das, was erst zu Verstehungen führt oder diese bewirkt, können darin also Bezeichnende und somit auch vollständige Zeichen nicht auftreten.

Ungewußte „Bezeichnende“ sind keine Bezeichnenden; wir definieren sie als Signifikanten, und schließen uns damit unter anderem Ferdinand de Saussure sowie Jacques Lacan an.

 

AD: „Die Bezeichnung tut nichts zur Sache; Ihre „ungewußten Signifikanten“ sind per definitionem unverständlich und können uns somit auch nicht weiterhelfen.“

Doch; diesen Punkt hatten wir schon des öfteren: Signifikanten ist ein Sammelbegriff; würden wir ihn nicht verstehen, hätten Sie damit Recht, daß er vollkommen sinnlos wäre und verlustlos durch „blablabla“ ersetzt werden könnte.

Wir müssen ihn also kennen, aber das gilt nicht für die einzelnen Signifikanten, die unter diesen Sammelbegriff fallen.  

 

Um ihn zu verstehen, stellen wir uns bitte zunächst vor, angestrengt und erfolgreich einem schwierigen Vortrag zu lauschen oder beim Lesen eines spannenden Buches völlig fasziniert zu sein. Unsere ganze Konzentration gilt dann dem Inhalt, und solange sie anhält, bewegen wir uns von Verstehung zu Verstehung, das heißt, von Wissung zu Wissung.

Etwas anderes existiert für uns gar nicht; es gibt kein Verstandenes im Sinne von dem, was der Referent sagen bzw. der Autor schreiben wollte; weder Worte noch Sätze; nicht einmal Stimmen oder Geräusche bzw. Texte und Druckerschwärze. All das tritt nur in dem Maße in Erscheinung, wie wir unkonzentriert vom Thema abschweifen – oder das Aufgezählte selbst zum Thema wird..

Obwohl also allein Verstehungen bzw. Wissungen bei uns ankommen, wird wohl niemand bestreiten wollen, daß sie irgendwie vom Vortragenden bzw. Autor provoziert sind.

Aber wie macht er das?

 

Als zweites Beispiel skypen wir miteinander. Ich will Ihnen etwas sagen, und bei mir existieren nur diese mitzuteilenden Vorstellungen; Sie haben dagegen lediglich ihre Verstehungen.

Welche Verbindung besteht zwischen diesen beiden Seiten? Was führt von meinen Vorstellungen zu Ihren Verstehungen? Von meinen Wissungen zu den Ihrigen?

AD: „Alles was ich höre oder sehe; Ihre Worte, Gesten, Mimik, Erregung usw.“

Das wäre die traditionelle Antwort; sie bezieht sich aber auf eine Frage, die keiner gestellt hat:

Uns interessiert nicht, wie die einen Wissungen in der „Zeit“ kausal die anderen hervorbringen, vielmehr wollten wir erkennen, wie Wissungen überhaupt – notwendigerweise aus Nicht-Wissungen – entstehen. Diese Frage ist primär; erst wenn wir die Wissungen verstehen, können wir uns um deren Mit- oder Nacheinander bemühen. 

 

Es gibt, mit anderen Worten, auf der einen Seite ein beliebig komplexes Zusammenspiel der Wissungen, das nicht zuletzt von den Einzelwissenschaften untersucht wird; hierzu habe ich (leider) nichts beizusteuern.

Auf der – ganz – anderen Seite und völlig unabhängig davon müssen wir erklären, wie die Vorstellungen des Autors oder Vortragenden, die sich nur in dessen Bewußtsein befinden, zu – möglicherweise sehr differenten – Verstehungen im Bewußtsein der Leser bzw. Zuhörer führen (können).

 

Der Autor schreibt und der Vortragende spricht; wie bei allen Subjekten reichen auch deren Handlungen in ihren Auswirkungen nicht nur über das subjektive Bewußtsein, sondern auch über die eigene Gegenwart hinaus und in fremde Gegenwarten hinein. Das scheint mir unbestreitbar zu sein; wir kennen möglicherweise – eo ipso im subjektiven Bewußtsein – sehr genau die von uns beabsichtigten Wirkungen; aber die Auswirkungen im eigenen Bewußtsein können ganz anders und die in fremden Bewußtseinen gar nicht bekannt sein

Wir können also nicht ausschließen, daß möglicherweise jedes Subjekt in die Gegenwart jedes anderen Subjekts hineinwirkt und das Zusammenspiel all dieser Einflüsse sich sowohl im Unbewußten als auch im Bewußtsein des jeweils betrachteten Subjekts auswirkt.

 

In unserem Beispiel erzeugt der Autor bzw. Vortragende im Unbewußten des Lesenden resp. Zuhörenden die (oben eingeführten) Signifikanten, und diese bewirken – in Abhängigkeit vom jeweiligen Weltbild – im Bewußtsein bestimmte Verstehungen.

So wird nicht zuletzt auch verständlich, daß das gleiche Buch bzw. der gleiche Vortrag zu den unterschiedlichsten Verstehungen führen kann; mit Recht, denn alle haben gut zugehört.

 

Relativ häufig wird sehr anschaulich erklärt, worin Signifikanten angeblich bestehen; aber das stimmt nicht, wenn hierbei Wissungen geschildert werden. „Gewußte Signifikanten“ sind keine Signifikanten, sondern Wissungen, so daß ich Ihnen auch kein Beispiel für Signifikanten nennen kann. Das war doch soeben mein Problem; ich wollte Ihnen etwas nahebringen, was mir als zwingend notwendig erscheint, sich aber als prinzipiell Unwißbares trotzdem nicht greifen läßt.

Alles Be-greifbare kommt immer schon oder ursprünglich zu spät, weil es bereits kein Bewirken mehr, sondern schon Bewirktes ist.

Unrichtig ist dann natürlich auch die ebenfalls des öfteren anzutreffende, auf Ferdinand de Saussure zurückgehende Behauptung, Zeichen beständen in der Einheit von Signifikant und Signifikat; ein Lautbild oder Wort ist kein Signifikant, sondern eine Wissung.

2.5. Zusammenfassung

In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte zusammenfassend wiederholt, damit die Studierenden sich das neue Wissen gut einprägen können.

Bei uns geht es jedoch nicht um ein Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Andern von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe; nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Denkniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen.

Wo befinden wir uns? Weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erwartet uns nun? 

 

Die meisten von uns sind sich wohl sehr sicher, daß wir in einer uns vorgegebenen Welt leben und sie auch eine hinreichend adäquate Vorstellung von ihr besitzen.

Diese traditionelle Welt entspricht dem Wißbaren bzw. – nach und nach immer besser – Gewußten; bei unseren Vorfahren vor Jahrtausenden handelte es sich im Kern bereits um die gleiche Welt, aber sie haben nur sehr wenig von ihr verstanden. Von ihrer Wissenschaftsgläubigkeit  hängt es ab, wie nahe sich heute die modernen Traditionalisten der vollkommenen Erkenntnis wähnen.

 

Die einfachste Denk-Möglichkeit besteht offensichtlich darin, sich die Welt wie bei einem Lego-Baukasten als aus Einzelteilen zusammengesetzt vorzustellen. Das wird für viele Menschen in ihrem Alltag eine Selbstverständlichkeit sein, über die sie gar nicht nachgedacht haben, und stellt auch innerhalb der Naturwissenschaften noch eine weit verbreitete Ansicht dar.

Freilich ist sie nicht selbstverständlch; es gibt wohl keine großen Philosophen, die von einer so primitiven Lego-Welt ausgingen bzw. -gehen. Ihre Theorien sind zumeist viel komplizierter. Nicht aus Wichtigtuerei, dem Drang nach Originalität oder anderen unnötig-dummen Gründen, sondern weil 1000 Argumente gegen eine simple Lego-Welt sprechen, bei der man sagt „Es gibt:“ und dann einfach aufzält.

Gerold Prauss bündelt diese Argumente, die natürlich auf die Subjekt-Objekt-Problematik hinauslaufen, bereits im Titel seiner vierbändigen monumentalen Kant-Interpretation „Die Welt und wir“.

Platon, Aristoteles, René Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead wären diesbezüglich wichtige Meilensteine einer Philosophiegeschichte, die immer weiter von Lego-Steinchen wegführte, weil sie die – Wirklichkeit der – Zeit entdeckte, so daß der zeitlose Baukasten immer absurder wurde.

 

Wir haben als Ausgangpunkt der vorliegenden Überlegungen unsere eigenen Erfahrungen gewählt; nicht weil sie wahr, sondern weil sie unhinterfragbar sind. Erfahrungen können – nachträglich oder – nur durch weitere Erfahrungen korrigiert werden. Das ist immer wieder oder ein Leben lang möglich, aber wohl alternativlos.

Wer einen anderen Beginn für unser Denken vorschlagen möchte – die Materie, Naturgesetze bzw. Sprache, den Willen Gottes oder was auch immer –, müßte uns erklären, wie er diese Wissungen gewonnen hat. Und da, wollte ich soeben sagen, kommt er wohl wiederum nicht an der Erfahrung vorbei.

 

Das sieht auch die Tradition so, hält aber diesen Ansatz nicht durch.

Natürlich, meint sie, müssen wir die Seienden erst einmal erfahren bzw. wahrnehmen. Aber nachdem das geschehen ist, können wir einen Schritt weitergehen und müssen nicht immer wieder bei Null beginnen. Jetzt wissen wir die Seienden und starten unser Reflektieren im weiteren gleich bei ihnen; sie werden nun zum neuen, denkfreundlicheren Ausgangspunkt. 

Bei einem solchen Vorgehen stellt sich mir ganz einfach die Frage, wie lange wir wahrnehmen müssen, bis unsere Wahrnehmungen den Seienden entsprechen, das heißt, sie hinreichend genau abbilden, so daß keine nachträglichen Korrekturen mehr zu erwarten sind.

Letztlich, könnten wir also sagen, leugne ich nur das Ende oder die Vollkommenheit unserer Erfahrungen – und verbleibe deshalb bei ihnen.

 

Zu den sich daraus ergebenden – zeitbedingten – Wissungen zählen unter anderem politische, gesellschaftliche, ethische, sportliche, religiöse sowie alltäglich-praktische, und ich sehe keinen Grund, irgendwelche von ihnen aus unseren Überlegungen auszuschließen.

Bei den Beispielen sind jedoch die physikalischen Wissungen von besonderem Interesse, weil sie dem gesunden Menschenverstand die größten Schwierigkeiten bereiten. Daß Wissungen wie Identität, Gerechtigkeit oder Zahlen keine von Seienden in der Welt darstellen, mag ja gut möglich sein; aber bei Sternen, Atomen und sämtlichen Körpern im weitesten Sinne – anorganischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen – erscheint dieser Gedanke (nahezu) als absurd:

Jedes Stück Materie oder Substanz, jedes Ding also, muß doch – scheinbar – ein Seiendes darstellen!

2.5.1. Unsere "Axiome"

Natürlich ist der Begriff Axiom außerhalb der exakten Wissenschaften völlig unangebracht; aber auch dort sollten wir uns bemühen, möglichst sauber zu denken. In diesem Sinne möchte ich unsere vier „Axiome“ verstanden wissen.

 

1. Wir können nur innerhalb unseres Weltbilds sinnvoll denken oder sprechen, denn sämtliche Wissungen bilden einen integralen Bestandteil desselben.

 

2. Es gibt eine Wirklichkeit, die mit unserem Weltbild absolut nichts zu tun hat und somit „vor“ ihm kommt oder ursprünglicher ist.

 

3. Wir können nicht begründen, daß unsere Wissungen Referenten außerhalb von sich selbst besitzen oder daß sich das Weltbild  auf die ihm vorgegebene Wirklichkeit bezieht – und müssen folglich auf alle diesbezüglichen Behauptungen verzichten.

 

4. Damit entsteht ein Dualismus; der Wirklichkeit auf der einen Seite steht unser subjektives Weltbild mit seinen „Komponenten“ auf der anderen gegenüber.

 

AD: „Ich verstehe Sie, kann aber nicht recht sehen, wie Ihr Dualismus mit dem traditionellen von Subjekt und Objekt zusammenhängt.“

Da die Tradition angeblich das Kunststück fertigbringt, die – Wirklichkeit der – Seienden außerhalb des Bewußtseins adäquat abzubilden, besteht zwischen Wirklichkeit und Weltbild der Form nach vollkommene Übereinstimmung. Natürlich nur „der Form nach“; die Welt existiert und die Wissungen stellen nur deren geistige Abbilder dar.

Insbesondere die Subjekt-Objekt-Spaltung gehört also der Wirklichkeit an und wird vom Weltbild nur adäquat wiedergegeben.

 

In der nachstehenden Abbildung ist das Bewußtsein jeweils gelb und sein Außerhalb grün unterlegt.

 

Wirklichkeit Weltbild Vergessenes  
       
Welt oder Seiende     traditionell
„Subjekte“ Objekte Wissungen von den Seienden Leben  
———- ———- Wissungen ohne Referenten    
„zeitlich“ „zeitlich“    
         
Transzendenz
    postmodern
– ich als Subjekt und mein (verbales)  Leben Wissungen ohne Referenten ———-  
zeitlich
„zeitlich“
   
– Ursprung      

Abbildung 2.5.1.

 

Der blinde Glaube an Seiende stellt meines Erachtens den einen der beiden traditionellen Hauptfehler dar; der andere besteht darin, das Leben zu vergessen, zu ignorieren oder zu leugnen. Dadurch gibt es auch keine wirklichen Subjekte, so daß wir konsequenterweise von einer „Subjekt“-Objekt- bzw. Objekt-Objekt-Spaltung sprechen müßten.

 

Für uns fällt die Wirklichkeit letztlich mit der Transzendenz zusammen – weil diese den einzigen Quell von jener darstellt –, was aber nicht bedeutet, daß die Transzendenz transzendent bleiben muß. Wenn wir in Gott leben, muß ein (geringer) Teil von ihr zu unserem Leben und damit immanent geworden sein, so daß sich die ursprüngliche Transzendenz aus dem transzendent gebliebenem Ursprung und meinem substantivischen Leben zusammensetzt.

Theologisch entspricht dem die Kenosis, das heißt, die Selbstentäußerung oder -hingabe Gottes, die wir üblicherweise als seine Menschwerdung veranschaulichen, die aber meines Erachtens unserer Vergöttlichung entspricht.

AD: „Dann werden wir also zu Gott?“

Nein; allein er ist der Quell sämtlicher Wirklichkeit und aktual unendlich.

Aber daß Gott uns durch seine Menschwerdung vergöttlichen will, ist ein uraltes scholastisches Topos. Dabei wird jedoch die Differenz nicht eingeebnet, denn – ganz einseitig – geht alle von ihm aus. Wollten wir werden wie Gott, wäre dies kontraproduktiv und würde zum glatten Gegenteil führen.

 

Damit ergibt sich – unserem Dualismus entsprechend – eine tatsächliche Subjekt-Objekt-Spaltung, wobei wir dieses „Objekt“ der Deutlichkeit halber durch „Wissung“ ersetzen:

Die immanente oder transzendente Transzendenz stehen dem Weltbild mit all seinen Wissungen diametral gegeneüber.

 

Das ist einerseits in der Tat ein Dualismus, weil wir mit unserem Weltbild nichts von der Wirklichkeit wissen.

Andererseits besteht natürlich nichtsdestotrotz eine Wechselwirkung, die die beiden Seiten zu einem Zirkel kurzschließt:

Ohne die Transzendenz als den einzigen Quell der Wirklichkeit gäbe es zum einen gar kein subjektives Weltbild.

Zum anderen dient letzteres unserer Orientierung; wir haben oder es gibt dafür gar nichts anderes, so daß auch das Weltbild die Wirklichkeit beeinflußt – ganz ohne sie abzubilden.

2.5.2. Streichen "des Nichts"

AD: „Ich habe ein ganz verrückte Idee . . .

Sie haben relativ ausführlich gezeigt, daß der von der Tradition behauptete Vergleich zwischen unseren Wahrnehmungen und den Seienden nie erfolgt – weil er unmöglich ist – und die Existenz der letzteren nur zur Selbstrechtfertigung postuliert wird. Also können wir die Seienden auch einfach canceln, und keiner merkt es – weil gar nichts geschehen ist.

Das betrifft insbesondere unser Weltbild; es bleibt völlig unverändert, weil wir ja nur etwas streichen, was niemals vorkommt und – Ihrer Überzeugung nach – auch weder benötigt wird noch existiert. Wir behalten also unser altes traditionelles Weltbild und verzichten lediglich auf seine Referenten.

Was ändert sich dann bei uns eigentlich noch gegenüber dem traditionellen Denken?“

 

Dann gibt es also auch weiterhin die traditionellen Subjekte und Objekte; freilich weder als Seiende noch als deren Abbilder, aber als Bilder oder Wahrnehmungen – und damit auch Vorstellungen. Um Verwechslungen möglichst auszuschließen, ersetzen wir sie durch Individuen bzw. Dinge.

Sie gehören als Wissungen zu unserem Weltbild, und ihre Umbenennung verweist lediglich darauf, daß wir zwar noch das traditionelle Weltbild, aber nicht mehr die zugehörige Welt haben.

Obwohl mit letzterer nur „ein Nichts“ gestrichen wurde, ergeben sich wesentliche Korrekturen:

 

1. Unser Weltbild mit seinen Wissungen ist jenseits von wahr und unwahr; die traditionelle Wahrheit entfällt; wir könnten also aufhören, uns ihretwegen zu streiten.

 

2. Ein Weltbild ohne Welt benötigt einen Weltbildhaber, der nicht dem Weltbild angehören kann, sondern wirklich sein und damit – im Sinne unseres Dualismus – einen Teil der Gegenseite bilden muß.

Deswegen kann ich nur in der ersten Person Singular verständlich weitersprechen; Sie müßten natürlich das Entsprechende für sich selbst formulieren.

 

3. Als wirkliches Subjekt habe ich ein Bewußtsein, zu dem neben meinem (verbalen) Leben mein Weltbild gehört, das weitgehendst mit dem traditionellen übereinstimmt.

 

4. Insbesondere umfaßt es die Individuen und Dinge.

a) Ich selbst kann kein Individuum sein, da ich als Subjekt zwar einen Körper besitze, sich darin aber natürlich keine mir unbekannte Psyche befinden kann.

b) Alle anderen „Subjekte“ sind keine Subjekte, sondern gehören als Individuen meinem Weltbild an und befinden sich darin – ganz traditionell – als Einheiten aus Körper und Psyche.

Spätestens hier sollte deutlich werden, weshalb wir stets zwischen Bewußtsein und Psyche unterschieden haben: Den Träger von jenem stelle allein ich als Subjekt dar, während die Psychen den fremden Körpern zugehören

 

5. Damit ergibt sich ein prinzipieller Unterschied zwischen den Perspektiven der ersten und dritten Person:

Jene ist immer nur die meinige und stimmt mit meinem rein subjektiven Bewußtsein überein.

Die Perspektive der dritten Person besteht dagegen in derjenigen des Nous; bei ihr muß ich mich absichtlich „dumm stellen“ und mich selbst – wie alle „Subjekte“ – als ein Individuum betrachten. So sieht es der Nous, denn bei seiner Schau müssen ja alle „Subjekte“ gleichwertig oder austauschbar sein.

 

6. Daß ich für mich selbst ausgezeichnet bin und auch nicht die geringste Vorstellung von anderen Subjekten und deren Leben haben kann, sondern diese für mich ununterschieden in der Transzendenz aufgehen,

– ist zum einen nicht erstaunlich, weil alles mir Zugängliche natürlich zu meinem substantivischen Leben gehört, und

– ergibt sich zwingend aus dem Fehlen sämtlicher Referenten, die aus den Wissungen herausführen. würden.

 

AD: „Und wenn Sie Ihre Frau sehen?“

Dann sehe ich kein wirkliches Subjekt, denn das kann nur in Gott leben und muß somit unsichtbar sein.

Was ich sehe, ist ein Individuum, das zu meinem Weltbild und damit zu meinem Leben gehört.

Weder ist dieses Individuum ein Subjekt noch verbirgt sich eines dahinter; was dahinter steckt, kann – wie immer – höchstens die Transzendenz sein.

2.5.3. Welt – Bewußtsein – Psyche

Dem traditionellen Denken zufolge gibt es Seiende in der Welt, die als Urbilder fungieren; ihre Abbilder befinden sich im Bewußtsein. Die Sehungen Mond(A) und Körper(A) namens „Moritz“ sind also Abbilder der beiden zugehörigen Seienden Moritz(U) bzw. Mond(U) innerhalb meines Bewußtseins.

Nun stelle ich in meinem Bewußtsein fest, daß der Körper(A) namens „Moritz“ den Mond(A) offensichtlich ebenso „sieht“ wie ich; er schaut hin, findet ihn schön und freut sich. Diese Tatsache läßt sich einerseits schwerlich bestreiten, andererseits aber nicht mittels des soeben benutzten Abbildens als Sehen erklären:

Ihm zufolge sieht Moritz(S) den Mond(S) in seinem Bewußtsein, aber nicht der Körper(A) namens „Moritz“ den Mond(A) in meinem.  

 

 

Seiende oder Urbilder Welt  
Moritz(U) und Mond(U)
     
|      
Abbilden      
     
Abbilder
mein Bewußtsein  
Körper(A) namens „Moritz“ und Mond(A)
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Abbilder in die Abbilder(I) Psyche vom Individuum(A) namens „Moritz“
 
Mond(P)
     

Abbildung 2.5.3.-1

 

Das „Sehen“ von dem Körper(A) namens „Moritz“ kann also kein traditionelles Sehen sein. Ich muß zugeben, daß er den Mond(A) „sieht“, und erkläre mir das, indem ich den Körper(A) namens „Moritz“ mittels einer – dann: seiner – Psyche zum Individuum(A) namens „Moritz“ ergänze. In diese kann nun der Mond(A) projiziert werden.

Daß das Individuum(A) namens „Moritz“ den Mond(A) in meinem Bewußtsein „sieht“, bedeutet also, daß ich – im Rahmen meines Weltbilds – den Mond(A) in die Psyche des Individuums(A) namens „Moritz“ projiziere.

 

Was haben wir jetzt eigentlich getan? Wir haben überlegt,

– wie unser Ansatz aussehen würde,

wenn es die traditionelle Welt der Seienden gäbe.

Von diesem Mischmasch ausgehend sind also zwei Richtungen zu seiner Bereinigung angebracht; hin zum traditionellen bzw. zu unserem Denken:

1. Wie ist es möglich, daß ersteres kein Bewußtsein benötigt und mit den Psychen allein auskommt?

2. Was ändert sich an dem obigen Durcheinander, wenn wir die Seienden streichen?

 

Ad 1.

Wir hatten gesehen, daß das Abbilden – theoretisch zwar unbedingt erforderlich ist, aber – tatsächlich nie in Erscheinung tritt. Die Tradition überspielt es dementsprechend auch zumeist und setzt konsequent die Ab- mit den Urbildern gleich. Dadurch kann sie behaupten, unmittelbar von der Welt zu sprechen, so daß der obige Übergang in das Bewußtsein ebenso wie dieses selbst entfällt.

 

 

Abbilder   =   Urbilder
Welt
 
Moritz(A) und Mond(A)   =   Moritz(U) bzw. Mond(U)
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Ur- / Abbilder in die Ur- / Abbilder Psyche von Moritz(A) / Moritz(U)
 
Mond(A)   =   Mond(U)
     

Abbildung 2.5.3.-2

 

Nun sollte endlich auch deutlich werden, weshalb bei uns das Bewußtsein unbedingt benötigt wird:

Natürlich nicht, weil wir das Abbilden ernstnehmen; es gibt keines. Vielmehr, weil unsere Wissungen immer schon den traditionellen Abbildern entsprechen – und das nehmen wir ernst. Die davor liegende Ebene der Seienden in der Welt existiert für uns ja gar nicht; die Tradition geht zwar theoretisch von ihr aus, glaubt aber, sie – aufgrund der Übereinstimmung – mit den bloßen Abbildern bevölkern zu können.

 

Dieser Widerspruch, von Entitäten auszugehen, die dem eigenen Ansatz entspechend nur Abbilder darstellen können, aber diese der objektiv-realen Urbild-Welt zuzuordnen, bildet meines Erachtens den ersten der beiden traditionellen Hauptfehler.

Der zweite besteht in der mißverstandenen Symmetrie aller Subjekte:

Moritz besitzt eine Psyche; da alle Subjekte die gleiche Struktur besitzen müssen, habe ich ebenfalls eine Psyche; Bewußtseine kommen tatsächlich nicht vor.

 

Ad 2.

Diese Gleichwertigkeit sämtlicher Subjekte ist natürlich richtig und gilt selbstverständlich auch bei uns:

1. Alle Subjekte sind Bewußthaber.

2. Aber da ihnen nur das eigene Bewußtsein gegeben ist ist, müssen alle fremden Subjekte transzendent sein.

3. In Abhängigkeit vom subjektiven Weltbild können beliebige Körper – eo ipso außer dem eigenen – als Individuen verstanden und mit einer Psyche im Sinne einer black box versehen werden. 

4. Natürlich sind das nicht die Körper der fremden oder anderen Subjekte; mindestens drei srarke Gründe lassen sich hierfür vorbringen:

a) Woher wollten wir das wissen?

b) „Fremde“ oder „andere Subjekte“ sind innerhalb der Transzendenz völlig sinnleere Worte.

c) Sämtliche  Körper gehören meinem Weltbild an und können somit niemals die Körper „fremder“ oder „anderer Subjekte“ sein.

 

Wir streichen, exakt formuliert, also nicht mit der Tradition das Abbilden unter Beibehaltung der Urbilder, sondern letztere, so daß das Abbilden automatisch entfällt und die „Abbilder“ keine Abbilder mehr darstelllen.

 

 

Wissungen
mein Bewußtsein  
Körper namens „Moritz“ und Mond
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Wissungen in die Wissungen(I) Psyche vom Individuum namens „Moritz“
 
Mond
     

Abbildung 2.5.3.-3

 

Bei Schriften zu dieser Thematik müssen wir genau auf die dortige Wortwahl achten.

Unser Begriff des Bewußtseins begegnet relativ selten; die meisten Autoren mogeln sich wie oben beschrieben über das Abbilden hinweg und beanspruchen, bei den Seienden (in) der Welt zu beginnen. Tatsächlich positionieren sie jedoch fälschlicherweise diejenigen Entitäten, die sie ihrem eigenen Ansatz zufolge nur als Abbilder verstehen dürften, in der Welt

„Welt-Abbild“ wäre also ehrlicher; das entspricht unserem Weltbild, das wir aber nicht als Bild von der Welt verstehen.

 

In der Literatur tritt somit nahezu ausschließlich das auf, was wir unter Psyche verstehen, aber mitunter auch „Bewußtsein“ genannt wird.

Da wir uns hier bereits innerhalb des Weltbilds bewegen – ganz anderes als bei unserem Bewußtsein –, hängt es auch von jenem ab, ob wir die Psyche überhaupt benötigen und welche Form sie gegebenenfalls besitzen muß.

In unserem Dualismus gehört das Bewußtsein zur Wirklichkeit und die Psyche zum Weltbild.