Gliederung

0.Intention1.Einführung1.1."Methode"1.2.Von der objektiven Welt zu subjektiven Weltbildern1.2.1.Abbilden oder Konstruieren1.2.2.Drei Arten von Subjektivität1.2.3.Psychisch "Kranke" und wir1.2.4.Traditioneller Dualismus von Außen und Innen1.3.Religiöser Hintergrund1.3.1.Gott denken1.3.2.Gott als subjektive Verstehenshilfe1.3.3.Schöpfung als Selbst-Hingabe Gottes1.4.Philosophischer Hintergrund1.4.1.Weltbilder ohne Welt1.4.2.Wozu benötigt der religiöse Glaube Philosophie?1.5.Grundgedanke des Buches1.5.1.Wissungen als Wahrnehmungen oder Vorstellungen1.5.2.Wissungen als Begriffe oder Gestalten1.5.3.Gott und die Welt1.5.4."Wort Gottes"1.5.5.Das Bewußtsein und sein Außerhalb1.6.Vier Ansätze – Unterschiede und Gemeinsamkeiten1.6.1.Radikaler Konstruktivismus1.6.2.Neuer Realismus1.6.3.Metaphysischer Explikationismus1.7.Zusammenfassung2.Genese des Geistes2.1.Das traditionelle Denken2.1.1.Von der Vorantike zur Antike2.1.2.Antike und Mittelalter2.1.3.Moderne2.1.4.Der Tod Gottes2.2.Voraussetzungen des traditionellen Denkens2.2.1.Metaphysik der Präsenz2.2.1.1.Aufklärung über die "Aufklärung"2.2.2.Erklärung der Wahrnehmungen von "vorn" bzw. "hinten"2.2.3."Subjekt" ist gleich (menschlicher) Körper plus Innen2.2.4.Von Dingen zu Funktionen2.2.4.1.Substanz und Akzidens2.2.4.2.Problemstellung2.2.4.3.Relationen ohne Relata2.2.4.4.Funktionen von Funktionen von . . .2.2.5.Wirklich- und Real-Sein sind keine Eigenschaften2.2.6.Verdrängen der Endlichkeit2.2.6.1.Existenz als Einheit von Leben und Sterben2.3.Postmoderne2.3.1.Ursprung – Existenz – Weltbild2.3.2.Autoritäten und "Experten"2.3.3.Exaktheit ohne Sicherheit2.3.4.Genese und Geltung2.3.5.Nihilismus2.4.Wahrheit der (eigenen) Existenz2.4.1.Wahrheit im Hier und Jetzt – subjektiv und situational2.4.2.Vom Nirgendwo und -wann zum Hier und Jetzt2.4.3.Unbedingtheit – ohne Gleichmacherei2.4.4.Gewissen2.4.5.Theodizee2.4.6.Jenseits von Orthodoxie und Orthopraxie2.5.Zusammenfassung3.Vom traditionellen zu unserem Ansatz3.1.Seiende oder Urbilder3.1.1.Mythos des Gegebenen oder Naiver Realismus3.1.2.Urbilder – wissen, was man nicht weiß3.1.3.Keine Aufpaltung in Ur- und Abbild3.2.WELT und KOSMOS3.3.WELT und WELTBILD3.3.1.Zirkel aus Wahrnehmungen, Erkennungen und Welt(bild)3.3.2.Immanenz und Transzendenz3.4.Vom Vorhanden-Sein zum Gezeitigt-Werden der Wirklichkeit3.5.Wissen (from now on) vom Wissen so far3.6."Subjekte" als Individuen3.7.Wissungen und Erfahrungen3.8.Widerspruch des traditionellen Ansatzes3.8.1.Zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen3.8.2.Die Frage nach dem Sinn3.9.Es gibt kein Abbilden3.9.1."Unphilosophische" Hilfestellung3.9.2.Physikalische "Abbild"- sind lediglich Kopier-Theorien3.9.3.Verstehungen ohne Verstandene und Wahrnehmungen ohne Wahrgenommene3.9.4.Wissungen ohne Gewußte3.9.5.Bewußtsein3.9.6.Außerhalb des Bewußtseins3.10.Hinterwelten3.10.1.Wissenschaft und Hinterwelt3.10.2.Wahrheit und Überzeugung3.10.3.Objektivität der Wissenschaft3.11.Sprachverhexung des Denkens3.12.Zwei Brücken zum besseren Verständnis3.12.1.Primäre und sekundäre Eigenschaften3.12.2.Funktions- oder Gestaltkreis3.12.2.1.Umwelten und Gestalten3.13.Von der Aristotelischen "Materie" zu unseren Gestalten3.14.Interpretationen als lebensnotwendige Vorurteile3.15.Änderungen und Anderungen3.15.1.Aufgeklärter Glaube3.15.2.Atheistische Mystik3.16.Integralität als Lebensdienlichkeit3.17.Subjekte und Menschen oder "Subjekte"4.Zwei ZEITEN4.1.Drei Formen von Erlebungen4.2.Überprüfbare Antizipationen4.3.Wirklichkeits- und Orientierungsfunktion4.4.Geistige Stabilität in der "Zeit"4.5.Modal-Zeit4.6.Kein Dualismus4.7.Zeitlosigkeit der "Zeit"4.7.1.Reversibilität4.7.2.Determination4.7.3.Unvergänglichkeit4.8.Zeitlichkeit der Zeit4.8.1.Modi und tempi4.8.2.Wasser ohne Ufer4.8.3.Historischer Konsens4.8.4.In Geschichten verstrickt4.8.5.Wirklichkeit des Glaubens4.8.6.Gegenwärtigkeit der Subjekte4.8.7.Erstmaligen und Wiederholungen4.8.9.Beispiel für das Ineinander der beiden ZEITEN4.8.10.Sitz im Leben4.9.Setzungen4.9.1.Weltbild im weiteren und im engeren Sinne4.9.2.Wahrer und gesetzter Gott4.10.Subjekte4.10.1.Gestalt und Auffassung4.10.2.Der Leib als eigene Gestalt4.10.3.Andere Subjekte4.10.4.Selbst verschuldete Erlösungsbedürftigkeit4.10.5.Subjekte gehören weder dem"Raum" noch der "Zeit" an4.11.Sagungen4.11.1.Benamen von Gestalten4.11.2.Beschreiben von Erfahrungen4.12.Genese4.12.1.Selbst-Genese oder -Widerspruch?4.12.2.Systemisches Denken4.12.3.Genese aus dem Nichts4.12.4.Fakten oder Placebos4.12.5.Wirklichkeit und Orientierung bezüglich des Embryos4.12.6.Genese ohne Geltung4.12.7.Salto mortale des Denkens4.13.Matrixdarstellung der Zeit4.13.1.Kontinuität des Bewußtseins4.13.2.Die Zeit als Abstand der Subjekte4.13.3.Die "Zeit" als erste Näherung der Zeit5.Einzelprobleme6.Zwei LEBEN7.Meister Eckhart und der Metaphysische Explikationismus7.1.Tropenontologie und Strukturenrealismus7.1.1.Wissenschaftliches und alltägliches Denken7.2.Abschied vom Sein7.2.1.Wirklichkeit gibt es nur in der ersten Person Singular7.2.2.Der Inhalt des Jetzt8.Zusammenfassung

0. Intention

„Das Gegenteil von Liebe ist nich Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig erst von der primitiven Gegenwart und sodann von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„Was oben war, das wurde innen.“

Meister Eckhart

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Wo Kirche ist, ist Krise . . .

Weil ihre Identität nicht in ihr selbst liegt, weil sie das nicht hat, weil das, was sie formt, noch aussteht. Jesus nennt es das Reich Gottes. Es steht aus. Es ist eine Bewegung dorthin.“

Christian Lehnert

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens.“

Martin Heidegger

 

„Laß mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Klaus Hemmerle

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Davon bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich das erkenne. . . . nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft.“

Meister Eckhart

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Die Zeit ist zeitlos.“

A. M. Klaus Müller

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen. Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.

Johannes Soukup

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heilslehre noch um das richtige Weltbild, sondern „nur“ um die Einstellung, die meines Erachtens erforderlich ist, wenn wir im Pluralismus der Postmoderne friedlich zusammenleben und einander verstehen wollen.

Dafür ist es notwendig, andere und bisweilen völlig fremde Weltbilder oder Religionen nicht nur mehr oder weniger desinteressiert zu akzeptieren – was fälschlicherweise häufig „Toleranz“ genannt wird, aber lediglich unsere Gleichgültigkeit wiedergibt –, sondern sie im Herzen als die ehrliche Überzeugung anderer Menschen zu respektieren.

Der Gedanke, letztere könnten Recht haben, ist jedoch nur möglich, wenn wir jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren eigenen Überzeugungen ablösen:

„Ich kann das aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nicht anders sehen – aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso. Helft mir bitte, neue Erfahrungen sammeln oder bisherige Denkfehler überwinden zu können. Ich bin dankbar, wenn Ihr mir zeigt, daß und warum ich im Unrecht bin; ich will nicht Recht haben, weil es mir um die Wahrheit geht.“

Menschen ohne Überzeugungen sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner – ebenso wie diejenigen, die ihre Überzeugungen blind für wahr halten, statt für sie zu argumentieren.

 

Weit entfernt von einem der Postmoderne häufig – aber zumindest bei mir gewiß zu unrecht – unterstellten Relativismus fragen wir also entschieden nach einer erhofften Wahrheit, die ich als unabweisbar für ein sinnvolles Leben erachte. Offen bleiben dabei jedoch nicht nur die Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“, sondern zunächst einmal die noch grundlegenderen Fragen „Gibt es Wahrheit überhaupt?“ und „Wo könnten wir sie gegebenenfalls suchen?“.

Den bisherigen Ausführungen zufolge ist lediglich klar:

Nicht in den Weltanschauungen oder Religionen; sie sind bloßes Menschenwerk, und das ist niemals wahr.

Meines Erachtens gehört die Wahrheit einer grund-legenderen Wirklichkeit an, nach der jene nur ohnmächtig suchen und von der sie nur hilflos stammeln (können). Wenn die Weltanschauungen und Religionen das vergessen und sich selbst zu wichtig nehmen, werden sie zum Götzendienst.

 

Um an – den Fragen nach – der Wahrheit arbeiten zu können, bedarf es der Anstrengung und des Mutes, selbst zu denken; wir dürfen letzteres weder den Wissenschaften noch Religionsgemeinschaften, „Experten“ oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein. Verantwortung läßt sich nicht delegieren, und zu ihr gehört ganz wesentlich auch die Entscheidung darüber, was wir glauben, annehmen oder für wahr halten.

Ohne eigene Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

In sehr einfachen Worten kann ich den wesentlichen Inhalt der nachstehenden Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen zusammenfassen:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Wohl viele von uns fühlen sich fast beleidigt, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“. Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß sehr vieles für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem ich mich 100%-ig anschließe.

 

Die zum metaphysischen Explikationismus hinführenden Teile 1. bis 3. habe ich, um Ihnen den Zugang zum eigentlichen Thema zu erleichtern, so geschrieben, daß sie auch einzeln verständlich sein sollten. Geht es einmal nicht mehr weiter, wird damit auch ein abwechselndes Lesen möglich.

1. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen höchstens zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nichts mit Wahrheit zu tun haben müssen.

 

Es basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel – bei hinreichend vielen Menschen – gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele von uns die Lösung der stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg (zu) der Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne; den meisten von uns geht es heute zum Glück besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens. Ich habe in diesem Satz ganz bewußt kein „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Einschränkungen meiner Überzeugung bzw. meinem christlichen Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben in seiner Fülle erfahren und genießen.

Das bezieht sich nicht nur auf ein angebliches Jenseits, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet das ent- und unterscheidend Christliche. Weshalb das Leben – bei einem allmächtigen guten Gott – dennoch für entsetzlich viele Menschen ein „Jammertal“ darstellt, verstehe ich absolut nicht und gehört zu den Fragen, die ich im „Jüngsten Gericht“ Gott stellen möchte.  

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“: „Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, den Inhalt oder Sinn des Lebens. Viktor E. Frankl faßte seine therapeutischen Erfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß, wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt.  

Ich bleibe also mit der Tradition dabei, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

 

Die Differenz ist wichtig, denn wir können das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche Millionäre sind nichts Besonderes.

Es gibt also ein Leben ohne – die Frage nach seinem – Warum, aber es gibt keines ohne ein Wie. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

In unserem Buch geht es allein um das Warum oder den Sinn des Lebens; sein Wie kann ich Ihnen gar nicht schön genug wünschen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler – Bruno Latour ist mir persönlich der wichtigste unter ihnen – sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen oder Vulkanausbrüche allein. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um ihre Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts; das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie entweder jeden Schritt als folgerichtig erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachvollziehen oder – mit guten Gründen – ablehnen; ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken oder Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

Winston Churchill sagte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl; Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß es ohne eigene Anstrengung auch keine Erfüllung geben kann.

1.1. "Methode"

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten Deiner Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“; darin besteht Georg Picht zufolge das Philosophieren.

 

Ich glaube zwar nicht (an) die eine objektive Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „die bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist, aber es gibt unsere subjektive Vernunft, die auf den Erfahrungen des eigenen Lebens basiert.

Über einen höheren Maßstab verfügen wir nicht; wir sind Menschen im Hier sowie Jetzt und keine allgegenwärtig-ewigen Götter.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Wir sind „verdammt zur Freiheit“ (Jean-Paul Sartre), denn auch Nicht-Entscheiden bzw. denken, glauben oder wissen zu lassen, ist gegebenenfalls unsere freie Entscheidung.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit als ebenso willkürlich oder beliebig wie fruchtlos.

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

 

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um ihre Aufhellung bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Dreifaltigkeit“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Rätseln als auch von Geheimlehren. Letztere bilden unnötige Märchen für Erwachsene und werden nur erzählt und nicht erfahren – aber vielleicht trotzdem naiv geglaubt. Geheimnisse werden dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender oder eben geheimnisvoller, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse; dafür sind sie zu primitiv.

Die Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offenbarer sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu bewahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

1.2. Von der objektiven Welt zu subjektiven Weltbildern

Ich schreibe dieses Online-Buch, weil dahinter eine Hoffnung steht, die mir heute von kaum zu überschätzender Bedeutung zu sein scheint:

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen – im weitesten Sinne – überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik usw.

Wäre das überhaupt alles möglich, wenn die eine wirkliche Welt mit ihren Seienden existieren würde? Müßten sich dann nicht sehr viele dieser schwerlich miteinander zu vereinbarenden Überzeugungen von selbst ad absurdum führen – einfach weil sie mit der Welt kollidieren?

 

Mit anderen Worten:

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer solchen wirklichen Welt zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen.

Das sind Vorstellungen im Bewußtsein, die irrtümlich als Abbilder der Welt geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern kaum die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ geführt werden.

Dahinter steckt selbstredend der Fortschrittsmythos als die große moderne „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die – wie könnte es auch anders sein – geradewegs zu uns als der absoluten Krone der Schöpfung – pardon: Evolution – führt und die wir deshalb nur allzugerne glauben.

 

Ich bin dagegen fest überzeugt, daß wir nicht die herr(scher)liche Ausnahmekultur sind und hinter unserer angeblich objektiv-realen Welt ebenfalls nur ein Weltbild steht – wie bei allen anderen Weltbildern auch. Jedes von ihnen hat seine Vor- und Nachteile; weder sind sie alle gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befindet sich ein wahres Weltbild darunter, . . .

 . . weil es keine objektive Welt gibt.

Mit unserem Verzicht auf letztere stehen wir in der Nachfolge beispielsweise von David Hume, George Berkeley, Arthur Schopenhauer, Ernst Mach oder Johannes Volkelt, folgen aber nicht ihnen, sondern recht weitgehend der „Radikalen Lebensphänomenologie“ von Michel Henry, Renaud Barbaras und Marc Richir.

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ eine Hinführung zu diesem sehr avantgardistischen, das traditionelle Denken total sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere (exakt-)wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

Nach einigen tastenden Ausbruchsversuchen in der Zwischenzeit bin ich also „reumütig“ zu meinen früheren Wurzeln zurückgekehrt. 

 

Veranschaulichen wir uns die gewaltige Differenz zwischen dem traditionellen und unserem Denken einstweilen nur an einer zwar sehr einfachen, aber deutlichen Konsequenz:

Wenn ein Subjekt stirbt, gibt es traditionell einen Körper weniger in der objektiv-realen Welt, was darin freilich auch nicht die geringste Rolle spielt. Selbst wenn wir Menschen ausstürben, hätte dies für den physikalischen Kosmos praktisch keine Konsequenzen, würde von ihm gar nicht bemerkt und noch weniger betrauert.

Ohne Welt kann in ihr auch kein Körper verschwinden; er entzieht sich aber trotzdem; wo?

Natürlich dort, wo er sich zuvor befunden hat, nämlich allein im Bewußtsein der dem verstorbenen Subjekt nahestehenden zurückbleibenden Subjekte.

Wir sehen absolut noch nicht, wie sich das – ohne Welt – konsistent denken lassen soll, können aber bereits hoffen, daß bei einer solchen Konzeption der Subjekte und ihres Lebens eine positive Antwort auf die „Frage nach dem Wozu“ (Robert Spaemann und Reinhard Löw), Warum oder Sinn unseres Lebens möglich wird; auf der Basis einer objektiv-realen Welt halte ich das für nahezu ausgeschlossen.

 

Damit kann ich auch bereits ein wenig andeuten, was der Titel unseres Buches meint.

„Explikationismus“ soll zum Ausdruck bringen, daß keinerlei Seiende existieren – weder geschaffene noch evolvierte –, sondern alles erst von uns Subjektivitäten zeitlich im Bewußtsein expliziert oder generiert werden muß.

Wir benötigen aber noch ein erklärendes Prädikat, denn wesentliche Teile von Hegels recht anderer Philosophie kursieren unter der Überschrift „Erkenntnistheoretischer Explikationismus“. Da die Ontologie die Lehre von den – meines Erachtens inexistenten – Seienden ist, kommt „ontologisch“ als Erklärung nicht infrage, und so ergab sich relativ zwingend die Bezeichnung „Metaphysischer Explikationismus“.

„Philosophie der Orientierung“ hätte ebenfalls sehr gut gepaßt, aber diesen Namen nutzt bereits Werner Stegmaier für seinen eigenen, dem unsrigen aber teilweise recht nahestehenden Ansatz.  

1.2.1. Abbilden oder Konstruieren

„Das scheint ja ziemlich mystisch zu werden bei Ihnen; wenn es keine Welt geben soll, wüßte ich ganz gerne, wo wir – angeblich – leben“, könnten Sie jetzt einwenden wollen.

„Was Sie soeben angedeutet hatten, war nur ein billiger Trick, den Ihnen hoffentlich die wenigsten Leser abnehmen:

Wir können unmöglich allein im Bewußtsein unserer Mit-Subjekte leben, weil dann alle Subjekte gemeinsam im Nichts schweben oder gemeinsam einem einzigen Baron Münchhausen entsprechen müßten.“

 

Auf dieses Schweben im Nichts kommen wir bald zurück, und es wird überhaupt nicht mystisch, sondern sogar stringenter als viele der angeblichen wissenschaftlichen Selbstverständlichkeiten. Ihr Einwand wirkt auf den ersten Blick wie ein Totschlag-Argument – aber nur, weil Sie unausgesprochen voraussetzen, wir seien unser Körper, vielleicht insbesondere unser Gehirn.

In diesem Falle würde ich Ihnen natürlich Recht geben; dann wäre die Welt sein bzw. unser Lebensraum.

 

Rein formal ist das freilich unsinnig: Wenn ich selbst „mein“ Körper bin, kann er keinen Besitzer haben, der von seinem Körper spricht, denn dieser „Besitzer“ ist ja der Körper. Entweder handelt es sich um meinen Körper – dann kann ich nicht er sein –, oder ich bin „mein“ Körper – dann kann es nicht mein Körper sein.

Das ist natürlich kein Argument für meine Position und soll auch nicht so verstanden werden, sondern uns nur helfen zu verstehen, was wir selbst sagen. 

 

Der Körper gehört traditionell zur Welt in Raum und Zeit; nichts liegt mir ferner, als das zu bestreiten.

Sind wir nicht unser Körper, so wäre die Annahme, wir würden in der Welt leben, jedoch eine willkürliche Behauptung. Wieso müssen wir dort leben, wo sich unser Körper befindet, wenn wir nicht dieser Körper sind?

Sollen wir dagegen „unser“ Körper sein, so wäre dies erst aufzuzeigen; evident oder selbstverständlich ist es nicht.

Vorerst kennen wir also keinerlei Argument für die traditionelle Annahme, in der Welt zu leben.

 

Bei der häufig anzutreffenden und auch von mir mitunter benutzten Formulierung, unsere Weltbilder seien Konstruktionen, bitte ich, Folgendes zu beachten:

Viele von uns werden sagen „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ (Friedrich Nietzsche) oder „irgendetwas konstruiert“; das behaupte ich auch nicht.

Konstruktion bildet für uns einfach den Gegenbegriff zu Abbildung und soll lediglich zum Ausdruck bringen:

Jedes subjektive Weltbild stellt zum einen ein Original dar, das irgendwie hergestellt, erschlossen oder ausgedacht – eben konstruiert – worden sein muß.

Zum anderen benötigt jedes Weltbild – im Gegensatz zur Welt – einen Besitzer, der es hat. Ob er persönlich an der Genese beteiligt war, also mit-konstruiert hat, können wir dabei auf sich beruhen lassen; das spielt keine Rolle und behaupte ich auch nicht.    

 

Traditionell Denkende könnten etwa formulieren:

1. Andere Kulturen haben die objektive Welt schlecht abgebildet.

2. Dadurch sind sie zu einem falschen Weltbild gelangt.

3. Nur wir bilden die Welt adäquat ab.

4. Allein unser Weltbild gibt somit Wissen von der Welt wieder.

5. Es kann nur ein wahres Weltbild geben, das somit intersubjektiv sein muß.

 

Wir würden etwa folgendermaßen korrigieren:

1. Worin unterscheiden sich Konstruieren und (hinreichend) schlechtes Abbilden?

2. Ohne objektive Welt gibt es weder wahre noch falsche Weltbilder.

3. Wir vermeiden den überheblichen Bruch der Tradition; alle Kulturen konstruieren.

4. Kein Weltbild stellt Wissen von einer Welt dar – weil es keine gibt.

5. Alle Weltbilder sind subjektiv; das schließt zufällige Intersubjektivität natürlich nicht aus.

1.2.2. Drei Arten von Subjektivität

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjekten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als alle Differenzen. Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden.

Mit „medial“ meine ich, daß unsere Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität oder andere Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene allen Subjekten gemeinsame – und damit total intersubjektive – Wirklichkeit würde von keinem einzigen Weltbild adäquat beschrieben werden und wäre somit natürlich insbesondere nicht unser physikalischer Kosmos.

 

Die traditionelle Welt ist nicht total intersubjektiv, sondern objektiv, weil sie gar keine Welt für uns, sondern eine Welt an sich darstellt, die keine Zuschauer oder Betrachter benötigt. Schaut sie einer an, so ist das völlig belanglos und berührt sie gar nicht; die Welt wäre ohne Beobachter die gleiche.

In unserem Ansatz ist dagegen (zumindest vorerst) ausnahmslos alles subjektiv, aber wir müssen drei Arten von Subjektivität unterscheiden.

Die Weltbilder sind rein subjektiv;  jedes Subjekt besitzt (möglicherweise) das seinige.

Unser Zusammenleben beweist, daß Wissungen – das substantivische Wissen – partiell intersubjektiv sein können.

Und die fragliche Wirklichkeit „hinter“ allen Weltbildern betrachten wir als total intersubjektiv.

 

„Nein; ohne Objektivität geht es nicht; stände dort nicht objektiv dieser Baum, könnten wir ihn nicht beide wahrnehmen.“

Nein; daß wir ihn beide wahrnehmen, beweist – nicht die Objektivität eines angeblichen Baumes, sondern – lediglich die partielle Intersubjektivität unserer Baum-Wahrnehmungen, des Einzig-Gegebenen also.

Daraus als Erklärung einen zwar nicht-gegebenen, aber objektiven Baum abzuleiten, ist die traditionelle Schlußfolgerung, die ich für falsch halte.

 

Somit läßt sich bereits ein wichtiger Grundgedanke unseres Ansatzes formulieren:

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjekte verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der Welt. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an letztere aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, nach einer solchen alle Subjekte tragenden und verbindenden Wirklichkeit zu suchen.

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahre Sprache. Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ausdehnen oder weiterführen:

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse können nicht wahr sein, denn selbst sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit noch zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu der erhofften total intersubjektiven Wirklichkeit –, um alle nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht; sie möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder offenbaren, sind sie aber nicht selbst.

 

Die Wahrheit – um die wir uns bemühen – ist absolut und nicht relativ; sehr wohl gilt letzteres aber für all das, was von den verschiedensten Seite in Geschichte und Gegenwart als Wahrheit behauptet wurde, wird oder werden kann; jeder, der sie bereits zu haben glaubt, ist Relativist.

Speziell Christen dürften hierüber nicht erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: „Das Wort ist Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.

1.2.3. Psychisch "Kranke" und wir

Wir befinden uns somit alle in der Situation der psychisch „Kranken“:

Daß sie mit einem ganz speziellen subjektiven Weltbild zurechtkommen müssen, erkennen wir – vielleicht unter viel Bedauern – an, bestreiten es aber bei uns selbst.

„Nein; das können Sie keinesfalls so einfach gleichsetzen! Wir sehen doch bei den psychisch ‚Kranken‘, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit der wirklichen Welt steht.“

Tut mir leid, aber das sehen wir nicht, sondern lediglich, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit unserem Weltbild steht.

 

Zweifellos besteht zwischen unserem Weltbild und der psychischem Gesundheit ein relativ enger Zusammenhang; andernfalls wären Seelsorge oder Psychotherapie weder möglich noch nötig. Wer mit seinem Weltbild sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrem Weltbild oder seinetwegen leiden. Sie können ihr befreienderes Weltbild mit den Leidenden teilen, es ihnen mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Weltbilder sollen die Fülle des Lebens ermöglichen, Ängste verringern, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber da sie ohne Welt prinzipiell nicht wahr sein können, weist weder die „Gesundheit“ auf ein wahres noch die „Krankheit“ auf ein unwahres Weltbild hin. 

 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in der „Gesundheit“ – niemand weiß, was das sein soll –, sondern allein darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten als „krank“ zu betrachten und gegebenenfalls deren Weltbilder als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, erklären wir das eigene Weltbild zur Wahrheit, behaupten eine entsprechende objektiv-reale Welt dahinter und glauben selbst (an) unsere Konstruktion.

 

Vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise sperren wir gerade die Falschen weg; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

Für unsere nahezu als selbstverständlich geltende Überzeugung, das adäquate(re) Weltbild zu besitzen, dürften fünf Gründe besonders wichtig sein:

 

1. Zunächst möchten wir ganz einfach unser Weltbild als adäquates Bild von der Welt verstehen. Wer weiß nicht allzugern, „wie es wirklich ist“?

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen oder sportlichen Massenveranstaltungen mitunter ungeschminkt erleben.

 

3. Unsere Technik bildet die Anwendung der exakten Wissenschaften, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die Welt adäquat wiedergeben.

In diesem Satz ist ein Denkfehler enthalten; richtiggestellt müßte er fortgesetzt werden mit den Worten „. . . wenn es letztere gäbe“.

Sie werden im allgemeinen unterschlagen, weil die Existenz der Welt als selbstverständlich gilt. Wäre dem so, würde die Technik tatsächlich die Richtigkeit der exakten Wissenschaften beweisen; das scheint mir nahezu unbestreitbar.  

 

Aber was ändert unsere Klausel daran?

Existierte die Welt, wären unserem Handeln eindeutige Grenzen vorgegeben; „wenn Du das machst, knallt es“.

Ohne Welt könnten diese grenzen viel weiter sein, so daß wir nahezu alles machen können; auch einen „Himmel“ oder eine „Hölle auf Erden“. Dann bestätigt die erfolgreiche Technik aber gar nichts, sondern umgekehrt wäre es erstaunlich und wir würden uns wundern, wenn irgendetwas nicht möglich sein sollte

Ohne Welt fehlt, mit anderen Worten, der Kontrollmechanismus für alle denkbaren, weil widerspruchsfreien Weltbilder. Deren logisch saubere Konsequenzen müssen richtig sein, weil sie selbst den Weltbildern angehören; diese werden durch die Technik also nicht bestätigt, sondern weiterentwickelt.

Wie lange haben andere Kulturen mit ihren „falschen“ Weltbildern teilweise existiert; das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ Weltbild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

 

„Das mag theoretisch richtig sein; praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

Und es wollte auch keiner!

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man wollen kann, hängt doch vom Weltbild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht, und wir wollen ihn gar nicht. Wenn die Ägypter unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, muß der Gedanke, hinfliegen zu wollen, einfach als absurd erscheinen.

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

 

4. Viele Vorstellungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit müsse etwas mit Wahrheit zu tun haben, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen ist alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser subjektives Weltbild gebunden; Denken heißt, sich innerhalb von ihm zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht zum eigenen Weltbild gehört oder sich aus ihm ergibt, ist uns zugänglich.

 

Sämtliche Schlüsse oder Begründungen müßten also den Vermerk tragen „im Rahmen meines Weltbilds“, denn sie setzen dieses als unhinterfragbares Nonplusultra voraus. Unser Weltbild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist. A muß und B kann nicht sein – in meinem Weltbild; letzteres, aber keine angebliche Welt, liefert die einzige Begründung.

Solange es keine Widersprüche enthält, führt natürlich kein Gedanke aus dem Weltbild heraus; das hat aber auch gar nichts mit seiner Bestätigung zu tun, sondern ist tautologisch.

 

5. Und schließlich suchen wir nach Gemeinschaft; was schon viele glauben, wird spontan favorisiert. Wir wollen von der Mehrheit denken lassen; das kann sie aber nicht; zu denken vermag nur der Einzelne.

1.2.4. Traditioneller Dualismus von Außen und Innen

Ganz tief in unserem Denken wurzelt eine so fundamentale Grundentscheidung, daß wir sie kaum noch als solche erkennen:

Es gibt traditionell eine äußere Wirklichkeit – die Welt –, die aus irgendwelchen Seienden besteht – Sonne, Mond und Sternen beispielsweise –, unabhängig von uns ist und es auch sein muß, denn sie existierte – der Evolutionstheorie zufolge – schon lange vor uns. An den Seienden unterscheiden wir Subjekte und Objekte. Diese entsprechen bloßen Körpern, und jene besitzen zusätzlich noch ein Innen.

Letzteres durchlief im Abendland unter den verschiedensten Namen – als Seele, Geist., Psyche, res cogitans usw. – eine wechselvolle Geschichte. Sie muß uns zunächst nur dahingehend interessieren, daß diesem Innen – zumindest in der Moderne – insbesondere die Aufgabe zukommt, die Wirklichkeit der äußeren Welt zu repräsentieren, darzustellen oder abzubilden.

Damit erhalten wir einen „lupenreinen Außen-Innen-Dualismus“, wie wir ihn wohl alle von René Descartes her mit res existensa und – allein beim Menschen – res cogitans kennen. Alles außer diesen Innen gehört zur ausgedehnten Wirklichkeit der Welt; natürlich auch die menschlichen Körper.

 

 

Außen                            
Welt  
Seiende  
Objekte   Subjekte  
     Dinge oder Körper im weiteren Sinne        (menschliche) Körper im engeren Sinne
 
ausgedehnt oder räumlich   ausgedehnt oder räumlich  
wirklich   wirklich  
                                                          Innen            
      unausgedehnt oder unräumlich    
      unwirklich    
         
      Abbilder der Seienden    
       

 

Abbildung 1.2.4.

 

Aber so lupenrein wie soeben dargestellt ist dieser Dualismus doch nicht; das zeigt sich leicht bei einem etwas gründlicherem Nachdenken:

Vor 10 Jahrmilliarden gab es der Evolutionstheorie zufolge noch kein Innen. Gehen wir einmal von dieser Annahme aus, so ist es jedoch nicht gerechtfertigt, später irgendwann das Innen einfach hinzuzufügen. Denn es handelt sich hierbei keineswegs um eine rein additive Ergänzung, weil mit den Abbildern notwendigerweise auch das Abbilden zur Welt hinzukommen muß.

Daß wir letzteres nicht einfach in der Welt integrieren können, läßt sich sehr anschaulich verdeutlichen, wenn wir die Welt ohne Innen als nullte Näherung betrachten und sukzessive oder iterativ zu verbessern versuchen.

 

                                                     Wirklichkeit°   =   „Welt“ ohne Innen

                                                     Wirklichkeit¹   =   Wirklichkeit°   +   Erkennen der Wirklichkeit°

                                                     Wirklichkeit²   =   Wirklichkeit¹   +   Erkennen der Wirklichkeit¹

                                                     Wirklichkeit³   =   Wirklichkeit²   +   Erkennen der Wirklichkeit²

. . . . . . .

 

„Und das hört nie auf?“

Natürlich nicht; wir holen die Wirklichkeit nicht ein, sondern „kommen immer“ oder „ursprünglich zu spät“ (Jacques Derrida), weil auch das Erkennen der Wirklichkeit wirklich erfolgen muß, um tatsächlich ein Erkennen zu sein.

Zugleich können wir an dieser mathematischen Spielerei – Spielerei „ja“, Humbug „nein“ – ein wenig erahnen, weshalb der Glaube, irgendwann durch „Super-Hyper-Quanten-Computer“ einmal alles wissen zu können, unglaublich naiv ist:

1.3. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches; wir haben nur die Alternative zwischen einem stets ergebnisoffenen Selbst-Denken – sprich: Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon sagen kann, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, weiß nicht, was Denken bedeutet und ist Ideologe.

Mich interessiert absolut nicht, wer irgendwas, sondern höchstens, was irgendwer sagt; würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial. Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner Wahrheit näher zu kommen.

In Büchern finden wir keine Wahrheiten, sondern bestenfalls Denkanstöße; auch beim eigenen Schreiben versuche ich, mir dessen stets bewußt zu sein.

 

Hochkomplexe Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erleben; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, dann ist es keine Liebe. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist nicht rein, sondern gar nichts.

Auf der einen Seite darf keine Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also insbesondere nicht im Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten bestehen – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise etwa in der Schöpfungs- oder Weihnachtsgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich auch niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden. Das bedeutet insbesondere, daß er sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

Stellen aus „Heiligen Schriften“ sind dabei nicht besser als solche aus profanen, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht eo ipso für den Glauben, aber – theologisch ja ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen und hermeneutischen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda).

Theologisch sind die Aussagen des „Lehramts“ ebenfalls lediglich Meinungen, die man in einer Demokratie natürlich haben darf. Einen Mehrwert würden auch sie – wie sämtliche Meinungen – erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft oder saubere Begründung erhalten. Daß sich dies beim „Lehramt“ anders verhalten soll, scheint mir nicht unbedingt zwingend aus dem Evangelium hervorzugehen; denken wir nur an den Streit zwischen Petrus und Paulus.

Wenn Johannes Paul II und einzelne seiner Nachfolger beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertraten, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereiten sie ihrer kirchlichen Institution größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn die kann nicht nach – x-beliebigen – Meinungen fragen.

 

Die Ergebnisse, zu denen der Theologe gelangt, sollten ihm helfen, seinen Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene Inhalte anzunehmen resp. abzulehnen. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, „gefühlt“ und ge(g)eifert.

Nur wer selbst denkt, kann irren; das ist also eine Auszeichnung. Sie macht den Denkenden niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn diese resultieren aus einem – Häretiker- bzw. Ketzer-Sein- – Wollen und nicht aus dem Denken.

1.3.1. Gott denken

Beachten Sie bitte, daß ich vom Verstehen gesprochen und nicht gesagt habe, wir könnten nur glauben, was wir sehen. Ein solcher Standpunkt wäre an Ignoranz oder Naivität kaum zu überbieten, denn wir sehen fast nichts von dem, dessen Existenz wir wohl alle glauben: Sprachen, Zahlen, Erinnerungen, Liebe, Raum und Zeit oder den Erdmittelpunkt.

Daraus folgt wieder eine wichtige Unterscheidung:

Daß in der Eucharistiefeier angeblich die Hostie zum Leib Christi gewandelt wird, kann ich natürlich nicht sehen; das ist jedoch völlig belanglos und stellt unmöglich ein Gegenargument dar.

Aber es gibt ein anderes: Was Substanzen sein sollen, ist heute unverständlich; darauf kommen wir im zweiten Teil ausführlich zurück. Weiß ich aber nicht, was eine Substanz ist, kann ich die Wandlung unmöglich als Transsubstantiation verstehen.

Möchte ich dennoch glauben – können –, daß es sich bei der Hostie nach der Wandlung um den Leib Christi handelt, muß ich mich also um eine andere Variante bemühen, dies intellektuell redlich nachzuvollziehen.    

 

„Das ist Hochmut! Sie können doch Gott nicht denken oder verstehen!“

Das stimmt, wenn Sie einen Gott an sich meinen, der einer uns unzugänglichen absoluten Transzendenz angehört, der ganz Andere ist und von dem wir folglich nur wissen können, wie bzw. was er nicht ist. Die Negative Theologie auf die Spitze getrieben ist nicht negativ, sondern nichtig, denn ein „nein, nein, nein“ kann nicht zu einem positiven und damit glaubbaren Gott führen.

Eine solche Argumentation ist jedoch belanglos, weil sie aber auch gar nichts mit Gott zu tun hat, sondern wortwörtlich auf jeden Teufel oder Lefeut übertragen werden könnte. Mir geht es aber gerade darum, was Gott von ihnen unterscheidet. Einen Gott, von dem wir nichts wissen, können wir unmöglich glauben – ganz einfach, weil es dann nichts zum Glauben gibt.

 

Ich hätte mich kürzer fassen können:

Es ist tautologisch, daß wir nur über das eigene Weltbild bzw. seine Inhalte sprechen können, über unsere Selbstverständlichkeiten, Annehmungen oder Ablehnungen.

Wenn wir also (an) eine Transzendenz glauben und verstehen möchten, was wir selbst sagen, kann diese nicht das ganz Andere sein, sondern muß sie notwendigerweise unserem Weltbild angehören. Höchstens innerhalb desselben läßt sich also sinvoll zwischen Immanenz und Transzendenz unterscheiden.

Wir können nur in der Form, auf die Weise und in dem Maße  (an) Gott glauben, wie wir ihn verstehen. Alles andere ist „kultisches Gerede“ (Gotthold Hasenhüttl) und bezeugt weder einen tiefen Glauben noch achtenswerte Demut, sondern vielleicht nur Desinteresse. Bei dem, was uns tatsächlich wichtig ist, nehmen wir uns auch die Zeit, um intensiv darüber nachzudenken. 

Wenn für Albert Einstein beispielsweise Gott derjenige ist, „der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart“, und nicht ein „Gott, der sich mit Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, dann kann er auch nur an diesen Gott glauben bzw. nicht-glauben; er hat doch gar keinen anderen in seinem Weltbild.

 

„In seinem Weltbild nicht, aber in Wirklichkeit; an diesen wahren Gott glaube ich – auch ohne ihn zu verstehen!“

Das ist sehr gut möglich:

Jeder Christ kann natürlich einfach glauben, demütig, fromm, zufrieden, dankbar sowie voller Hoffnung sein und versuchen, ein gottgefälliges Leben zu führen; aber das vermag natürlich ein Jude, Atheist, Hindu, Buddhist oder Muslim ebenso.

Das „unterscheidend Christliche“ kann dagegen nur in dem Maße auftreten, wie es verstanden wird, denn Unterscheiden setzt Wissen voraus. Wer nicht weiß, worin A besteht, kann es nicht von non-A unterscheiden. Von kultischem Gerede abgesehen existiert der Unterschied zwischen dem christlichen und beispielsweise buddhistischen Glauben also nur in dem Maße, wie er verstanden wird.

„Letzterer kennt keinen Gott.“

Ja; aber was kennen die Christen, wenn sie nicht wissen, wer oder was Gott ist?

 

Damit sind wir wieder bei meinem Anliegen:

Würde das „unterscheidend Christliche“ hinreichend gut verstanden, kämen wir hoffentlich zu der Einsicht, daß es gar kein unterscheidend Christliches, sondern das entscheidend Menschliche ist. Das entspräche dann Ihrem wahren Gott sowie meiner total intersubjektiven Wirklichkeit, und wir wären uns weitgehend einig.

1.3.2. Gott als subjektive Verstehenshilfe

Typisch für kultisches Gerede sind etwa Sätze der Form: „Ich glaube, daß Gott dreifaltig ist, kann es aber nicht verstehen, weil es sich um ein Geheimnis handelt.“ Das geht völlig daneben, weil dieser Satz zumindest zwei gravierende Fehler enthält:

Zum einen den soeben genannten; was wir nicht verstehen, können wir auch nicht glauben.

Und zum anderen ist die Dreifaltigkeit kein Geheimnis; sie kann lediglich dazu werden und tut dies genau in dem Maße, wie wir uns darum bemühen, sie zu verstehen; dann – als gewordenes Geheimnis – können wir sie auch glauben

 

„Ist das noch katholisch?“

Das interessiert mich nicht; mir geht es um die Wahrheit und nicht um irgendein Katholisch-Sein – was auch immer das bedeuten mag. Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, nicht aber „ich bin Katholik“. Ich bin nicht Christus, aber wir sollten ihm nachfolgen und nicht katholisch sein; „pharisäisch“ hätte das damals wohl geheißen.

Das bedeutet meines Erachtens, bei keiner Antwort auf die Frage nach Gott stehenzubleiben, um sich von ihr den weiteren Blick verstellen zu lassen. Vielmehr geht es darum, die gefundenen Antworten als eine Durchgangsstufe zu verstehen, die neue Fragen aufwerfen und Denk-Möglichkeiten oder -Horizonte eröffnet. Wer nach dem „Denken“ nicht mehr Fragen hat als zuvor, hat nicht gedacht.

Ludwig Wittgenstein formuliert das so:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“

 

Christen gehen davon aus, daß Gott ihnen im Leben hilft; vielleicht auch beim Denken. Ich bin einverstanden, lege aber großen Wert darauf, meine Zustimmung auf den Akt des Denkens zu beschränken und nicht auf seine Inhalte zu übertragen:

Gott führt uns – als Heiliger Geist – vielleicht zu ungeahnten Einsichten, überraschenden Zusammenhängen und genialen Theorien; viele Koryphäen werden das aus ihrer eigenen Erfahrung relativ problemlos bestätigen.

Aber als Bestandteil von Überlegungen – Grund, Ursache, Ziel, Medium oder was auch immer – kann Gott uns unmöglich helfen, denn er ist unbegreiflich. Sämtliche Erklärungen, die durch seine Einbindung leichter oder verständlicher werden, als sie es ohne Gott sind, müssen also falsch sein. Das Unbegreifliche kann uns nicht helfen, irgendetwas zu durchschauen.

„Gelingt es uns doch“, haben wir Gott als allmächtigen Zauberer mißbraucht, um die Lücken oder mangelnde Stringenz unseres Denkens zu überspielen. Da man mit einem solchen Gott natürlich alles „erklären“ kann, läßt sich mit ihm gar nichts erklären.

 

Wir müssen in diesem Zusammenhang zwei Betrachtungsweisen unterscheiden.

Als objektive Begründung oder Sinngebung sind Aussagen der Form „Das war Gott“, „hat er so gewollt“ oder „ist seine Strafe“ nicht nur leeres kultisches Gerede, sondern zumindest bei der Interpretation persönlicher Katastrophen durch Außenstehende meines Erachtens sogar pervers.

Gibt dagegen jemand seine eigenen Erfahrungen mit diesen Worten wieder, dann ist das etwas völlig anderes; er erklärt nichts und möchte das auch gar nicht, sondern versucht, sein Leben zu verstehen. Dagegen ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern der Versuch, es zu tun, wäre geradezu bösartig, weil er wiedergefundenen Seelenfrieden zerstören könnte.

Wer den Tod eines nahen Menschen ebenso wie das Hören von Musik oder das Betrachten eines Sonnenaufgangs – nicht im Kopf, sondern – in seinem Herzen als Gotteserfahrung erleben kann, ist doch nur zu beneiden.

Aber kein Außenstehender darf oder kann uns vorgeben, was wir wie zu erfahren haben.

 

In diesem Sinne versuche ich, alle leeren Behauptungen, Widersprüche, Belanglosig- und Unsinnigkeiten zu vemeiden; auch oder vielleicht besonders diejenigen, die in einem „frommen“ Sprachgebrauch alltäglich sind. Denn in diesen Fällen wird häufig etwas „geglaubt“, nicht nur bevor es verstanden wird, sondern was gar nicht verstanden werden kann.

Daß ich etwas für falsch, belanglos oder unsinnig halte, ist jedoch allein mein Problem.

Wer mir also widersprechen und gern eine „frömmere“ Sprache haben möchte, soll bitte das Buch beiseite legen und liebend gerne an seinen Überzeugungen festhalten. Ich möchte niemandem seinen Seelenfrieden rauben, der ihn besitzt – darin besteht vielleicht das, was mit „Sünde“ gemeint sein könnte –, sondern lediglich einigen von den vielen helfen, die ihn wegen eines überholten „Denkens“ längst verloren haben.

 

Daß die Kirchen leer(er) werden, liegt gewiß daran, daß die Menschen nicht mehr glauben wollen. Aber zu dieser meistens vorwurfsvoll gemeinten Binsenweisheit hätte ich zwei kritische Einwende:

Haben die Menschen im MIttelalter geglaubt? Gab es damals Alternativen zum „Glauben“? Kann man überhaupt glauben, ohne ein hinreichend entwickeltes Freiheitsverständnis zu besitzen, das zumindest in der katholischen Kirche heute noch weitestgehend fehlt?

Des weiteren können wir nur das ehrlich wollen, was uns tatsächlich als wünschenswert erscheint. Wird die „Frohe Botschaft“ für uns tatsächlich als Frohe Botschaft erkenntlich, wollen wir sie natürlich. Heißt sie jedoch nur so, und es ist nicht das drin, was außen draufsteht, dann ist der Vorwurf, die Menschen wollten nicht mehr glauben, höchst fragwürdig. Warum sollten sie auch?

Damit meine ich natürlich nicht nur die individual-ethisch verengte – insbesondere sexuelle – Droh-Botschaft, sondern viel mehr noch die weitgehende Beschränkung auf eine binnenkirchliche Sondersprache. Letztere gehört zwar – noch – zum Deutschen, bleibt aber „Kirchenlatein“, das weder mit der Sprache der Arbeiter noch mit der der Intellektuellen in Verbindung steht. (Gut lesbar und empfehlenswert ist ist in diesem Zusammenhang „Phrase unser“ von Jan Feddersen und Philipp Gessler.)   

1.3.3. Schöpfung als Selbst-Hingabe Gottes

Die Schöpfungs- entspricht der Weihnachtsgeschichte; beide sind sehr schön und vielleicht sogar unüberbietbar – für Kinder. Aber als verbindliche Glaubensvorgabe infantilisierend und damit für einen mündigen Christen beleidigend. Die Alternative, die ein aufgeklärter Erwachsener guten Gewissens und intellektuell redlich glauben kann, besteht jedoch auch nicht in der meines Erachtens ebenso unzumutbaren Evolution.

Ich versuche, die exakten Wissenschaften ernstzunehmen, sehe in ihnen aber nicht den Königsweg zur Wahrheit, sondern versuche sie so in mein Weltbild zu integrieren wie andere Denkweisen auch; nicht nur geisteswissenschaftliche, sondern beispielsweise religiöse, mythische oder künstlerische.

Wir müssen uns meines Erachtens beim Verständnis der Schöpfung vollkommen von jedem Handeln, Machen oder Schaffen Gottes trennen, weil alle derartigen verbalen Vorstellungen notwendigerweise an die „Zeit“ gebunden sind, aber diese selbst zur Schöpfung gehören muß.

Gott schafft nicht in der „Zeit“, sondern ermöglicht auch sie erst.

(Bei wichtigen Begriffen, die traditionell eine ganz andere Bedeutung besitzen als bei uns, versehe ich ihre Bezeichnungen mit Anführungstrichen; Großbuchstaben integrieren beide Varianten. Zeit ist also die ZEIT im metaphysischen Explikationismus, und „Zeit“ die traditionelle ZEIT.)

 

Als Alternative gehen wir besser von dem grund-legenden Versuch aus zu verstehen, „warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts“ (Martin Heidegger).

Eine Theologie ohne Philosophie war immer problematisch; zumindest heute ist sie völlig ausgeschlossen, weil unsere Wirklichkeit nicht (mehr) in getrennte Ressorts zerfällt, denen dann die einzelnen Wissenschaften zugeordnet werden könnten. Wie sollten wir insbesondere Gott am Menschen vorbei verstehen? Theologie ist ohne Anthropologie ausgeschlossen.

Unser diesbezügliches Konzept für das vorliegende Buch besteht darin, Gottes Schaffen der Welt durch die Hingabe seiner selbst zu ersetzen.

 

Meine „Hingabe“ ist unüblich; zumeist steht dafür „Offenbarung“; Gott offenbart sich selbst. Wir wollen also mit Reinhard Hoeps die „Schöpfung als Offenbarung“ verstehen. Aber aus wenigstens zwei Gründen finde ich meine Wortwahl besser:

Zum einen assoziieren wir bei „Offenbarung“ sehr schnell, daß uns etwas von oder über Gott mitgeteilt wurde. Aber das wäre vollkommen daneben und führt nicht zuletzt zu der katastrophalen Irrlehre, die Offenbarung sei ein Wissensschatz, den die  Kirche unberührt durch die – Wirren der – Zeit zu bewahren habe. Wohin ein solches Mißverständnis führen kann, erleben wir zur Zeit an einer Kirche, die  nur noch mit sich selbst beschäftigt ist und damit ihren Auftrag verrät.

Zum anderen verweist die Hingabe zugeich auf Gabe und damit einen Begriff, der in unserem Ansatz von fundamentaler Bedeutung ist.

 

„Würden Sie sagen, die Erlösung entspräche als Menschwerung Gottes einer Selbst-Hingabe, könnte ich das spontan nachempfinden; aber bei der Schöpfung wird das schon schwieriger. Wieso soll Gott sich dabei etwas vergeben?“

Bitte begnügen Sie sich vorerst mit einer lediglich anschaulichen und deshalb noch unbefriedigenden Antwort:

Gott ist allgegenwärtig, das heißt, es gibt keinen leeren Platz neben ihm und damit auch keinen für eine eventuelle Schöpfung. Die jüdische Mystik löst das Problem in ihrer Kabbala durch einen Selbstverzicht Gottes, den Zimzum. Gott schafft in sich Platz für seine Schöpfung; ohne eine solche Selbstbeschränkung, -verleugnung oder „-hingabe“ (Jean-Luc Marion) wäre die Schöpfung nicht möglich.

 

 

Gott               
Transzendenz  
Sich-selbst-Hingeben oder -Offenbaren
 
noch nicht angenommene Selbst-Hingabe           bereits angenommene Selbst-Hingabe   
 
transzendente Transzendenz      → immanente Transzendenz
 
Ursprung       eigenes Leben  
aktual unendlich       potentiell unendlich  

 

Abbildung 1.3.3.

 

Wir leben nicht in der Welt – das ist ausgeschlossen, weil es keine gibt –, sondern in Gott.

Wir leben nicht, weil er uns einmal erschaffen hat, sondern weil wir ständig oder gegenwärtig durch ihn, mit und aus ihm leben.

 

Wollen wir Gott als Sich-Hingeben verstehen, so setzt dies freie Subjekte voraus, denn eine Gabe muß in Freiheit angenommen werden, um eine Gabe sein zu können; eine Zwangs-„Gabe“ ist keine Gabe, sondern eine Vergewaltigung. Natürlich läßt sich auch die Freiheit wiederum nur als Gabe – der Gottesebenbildlichkeit – verstehen; auf diesen Zirkel kommen wir im siebenten Teil zurück (Kurt Wolf, „Philosophie der Gabe“).

Gott kann sich uns also nur in dem Maße schenken, wie wir ihn in Freiheit annehmen; er hält sich nicht partiell zurück, sondern wir lehnen ihn größtenteils ab.

 

Damit entsteht – durch uns – eine Grenze innerhalb Gottes oder der Transzendenz.

Auf ihrer Außenseite haben wir den Ursprung als die (noch) transzendente Transzendenz; nicht weil Gott sich verbirgt, unbegreiflich ist, uns überstrahlt oder was alles so in diesem Zusammenhang gesagt wird, sondern ganz einfach, weil wir ihn nicht weiter wollen.

Die immanente Transzendenz entspricht unserem eigenen Leben, und das ist derjenige Bruchteil des sich vollkommen verschenken wollenden Gottes, den wir ihm eingeräumt haben.

 

„Wenn ich den Bogen zum soeben Gehörten schlage, bedeutet dies, daß Sie von Ihrem Weltbild sprechen, und die transzendente bzw. immanente Transzendenz der dortigen Transzendenz bzw. Immanenz entsprechen?

Damit würde auch verständlich, daß wir auf Gott weder zugehen können – zum Beispiel mit dem Versuch, ihn zu erkennen – noch brauchen;  wir dürften ihm nur den Zutritt nicht verweigern.“

Richtig; die Frage „Was ist der Ursprung?“ läßt sich prinzipiell nicht beantworten; zu meinem Weltbild gehört lediglich, daß es ihn gibt – und geben muß, wie später noch deutlich werden soll.

Traditionell entspricht dem die Unterscheidung zwischen Sein, Existenz oder Daß auf der einen Seite und Wesen, Essenz bzw. Was auf der anderen. Ohne den Ursprung würde mein Weltbild widersprüchlich oder unhaltbar; mit einem gewußten Ursprung freilich ebenfalls.

 

Die Grenze innerhalb Gottes, die unser Leben vom Ursprung trennt, ist also verschiebbar; wir allein bestimmen darüber, wo sie sich befindet, und die Frohe Botschaft besteht meines Erachtens in der Zusage, daß sie von Gott aus völlig verschwinden kann – und soll.

„Dann sind wir Gott?“

Nein; aber daß die Menschwerdung Gottes einer Vergöttlichung des Menschen entspricht, ist ein uraltes scholastisches Topos. Dabei wird jedoch die Differenz nicht eingeebnet, denn es existiert – ganz einseitig – nur ein Geber, von dem alles ausgeht; er will uns vergöttlichen. Wollten wir werden wie Gott, wäre dies kontraproduktiv und würde zum glatten Gegenteil führen.

Im Bild kommt diese Asymmetrie in der Unterscheidung zwischen dem aktualen und potentiellen Unendlich zum Ausdruck; sobald die beiden Begriffe konkret benötigt werden, kommen wir darauf zurück.

1.4. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens; das Studienfach „Philosophie“ gehört in die Geistes-, Kultur- oder Ideengeschichte, und die ist höchstens am Rande unser Thema.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. 

Bemerkungen der Form „man weiß, daß . . .“, „wie X. Y. gezeigt hat“ oder „im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

Ich schreibe das Buch außerhalb des Elfenbeinturms für Nachdenkliche und Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

„Experten“ werden sicherlich viele Einwände, Lücken, Unsauberkeiten, Fehler, Wiederholungen usw. finden können; wegen der intendierten Spannweite meiner Überlegungen halte ich das jedoch nicht für kritisch, sondern für selbstverständlich.

Historisch habe ich im Detail gewiß häufig Unrecht; aber mir geht es nur holzschnittartig um die große Linie, weil mehr als sie für die 99,9% philosophischer Laien unter uns weder zumutbar noch notwendig ist.

Inhaltlich bemühe mich sehr stark um eine stringente und möglichst „wasserdichte“ Gedankenführung. Da ich das analytische oder strukturierte Denken letztlich auch als meine Stärke betrachte, würden mich Fehler in diesem Zusammenhang ernstlich grämen.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). 

Ich versuche das und stelle dazu nochmals zwei mir sehr wichtige und für unseren Ansatz charakteristische Punkte heraus:

Auf der einen Seite steht bei all unseren Überlegungen die Frage nach der Wirklichkeit bzw. Wahrheit im MIttelpunkt. Hier habe ich trotz ausführlichem Suchens – wie oben bereits angedeutet – nichts Besseres gefunden als die Lebensphänomenologie von Michel Henry, Renaud Barbaras und Marc Richir. Es gibt meines Erachtens nur eine Wirklichkeit, und das ist Gott bzw. das Leben, weil sich dieses von jenem nicht trennen läßt.

Auf der anderen Seite scheinen mir die drei genannten Autoren bei der Frage nach der Welt nicht ganz konsequent oder ein wenig „feige“ zu sein. Auf den Schultern von Riesen stehend hoffe ich, diesbezüglich ein wenig weiterzukommen.

 

Weitere mir wichtige Autoren sind unter anderem Kurt Appel, Michel Bitpol, Stanley Cavell, Ernst Cassirer, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Meister Eckhart, Paul Feyerabend, Michel Foucault, Wolfgang Giegerich, René Girard, Michael Hampe, Martin Heidegger, Carl Gustav Jung, Immanuel Kant, Jacques Lacan, Bruno Latour, Emmanuel Levinas, Jean-Luc Marion, Josef Mitterer, A. M. Klaus Müller, Thomas Nagel, Friedrich Nietzsche, Mario Perniola, Georg Picht, Gerold Prauss, Thomas Pröpper, Matthieu Ricard, Heinrich Rombach, Richard Rorty, Hartmut Rosa, Hermann Schmitz, Josef Simon, Georg Spencer-Brown, Werner Stegmaier, Peter Strasser, Magnus Striet, Charles Taylor, László Tengelyi, David Tracy, Shizuteru Ueda, Gianni Vattimo, Carl Friedrich sowie Viktor von Weizsäcker und Ludwig Wittgenstein.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme; auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen und sich als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals darauf gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen oder atheistischen Ansätzen – im Sinne eines „anderen Atheismus“ (Gregor Maria Hoff) – teilweise sehr nahesteht. 

Aber das wissen wir natürlich erst, nachdem wir selbst gedacht haben, und steht nicht in unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wurde, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

1.4.1. Weltbilder ohne Welt

Die großen Theologen sind sich nahezu unisono darin einig, daß Gott seine Schöpfung nicht gebraucht, sondern in absoluter Freiheit hervorgebracht hat. Nur von ihr her läßt sich auch unsere Gottesebenbildlichkeit verstehen; Gott wollte freie Gegenüber, um sich ihnen schenken und sie damit vergöttlichen zu können.

Dazu „mußte“ uns Gott seine Freiheit vermitteln; ob wir sie tatsächllich besitzen, ist eine ganz andere Frage, die wir (im siebenten Teil) an uns selbst stellen müssen und die erst einmal nichts mit Gott zu tun hat; er wollte eine maximale Freiheit für seine Geschöpfe.

Dann durfte er freilich keine Welt schaffen, denn eine solche objektiv-reale Vorgabe ließe sich hinsichtlich der Freiheit nur als Grenze verstehen. Unser Freiheits-Spielraum wäre – völlig unnötig – auf das begrenzt, was die Welt gestattet, und wir könnten uns hinter ihr verstecken oder mit ihr entschuldigen: „Dafür bin ich nicht verantwortlich; das warst Du.“

Ohne Welt sind wir für „alles“ verantwortlich und bestimmen auch über unser Glauben, Wissen und Denken, das sich nicht unfrei einer angeblich vorgegebenen Welt anpassen muß; entweder größtmögliche Freiheit oder Welt.

 

„Hätten Sie vielleicht ein Beispiel dafür?“

Natürlich; nehmen wir an, Gott hätte eine Welt geschaffenen, zu ihr gehörte die Erde und sie sei eine Kugel. Sind diese Fakten einmal bekannt, besteht natürlich theoretisch trotzdem die „Freiheit“ zu sagen, was wir wollen; aber ganz abgesehen davon, daß das nicht lebensdienlich wäre, müßten wir lügen, Tatsachen ignorieren, mathematisch umdeuten – zum Beispiel die Voll- in eine Hohlkugel – oder dergleichen. Um zu überleben, hätten wir uns aber letztlich irgendwie der Welt – durch den Versuch, sie adäquat abzubilden, – unterzuordnen, wie es die modernen Wissenschaften gegenwärtig von sich glauben.  

„Und Sie behaupten dagegen, daß ohne Welt auch keine Erde existiert und sich die Frage nach deren Gestalt somit gar nicht stellt?“

Nein; natürlich nicht.

 

Zu jeder Subjektivität – sie entspricht dem traditionellen Subjekt – gehört bei uns ein bestimmtes Weltbild, und dieses besteht in der Gesamtheit der von dieser Subjektivität geglaubten Vorstellungen.

Könnten Sie da mitgehen?

„Ja; ich sehe keinen Widerspruch, würde lediglich nicht von einem bestimmten Weltbild sprechen, weil dies den Anschein erweckt, es könnte sich bei jeder Subjektivität um ein anderes handeln.“

Und woher wissen Sie, daß es sich nicht tatsächlich so verhält?

„Ich kann das natürlich umöglich kontrollieren, weil mir nur mein eigenes Weltbild bekannt und damit jeder Vergleich ausgeschlossen ist; aber es wissen doch alle, daß nur eine Welt existiert und somit ein einziges Weltbild richtig ist.“

Damit sind wir bei meiner Antwort.

 

Unsere erste wesentliche Korrektur am traditionellen Denken besteht darin, das prinzipiell Unerkennbare auch nicht zu behaupten – obwohl „es alle wissen“.

Jede Subjektivität besitzt ihr Weltbild.

Zusätzlich verfügen wir über Wahrnehmungen.

Diese sind einerseits zwingend oder unbestreitbar, das heißt, im Gegensatz zu den Vorstellungen, die unser Weltbild konstituieren, lassen sie sich nicht intellektuell redlich leugnen.

Andererseits bleiben die Wahrnehmungen – wiederum im Gegensatz zu den Vorstellungen des Weltbilds – an die Aktualität oder Gegenwärtigkeit des Wahrnehmens gebunden.

Natürlich sind auch die Vorstellungen nur, wenn bzw. indem wir sie uns vorstellen; das ist aber keine Erkenntnis, sondern lediglich eine Tautologie. Der Unterschied gegenüber den Wahrnehmungen besteht darin, daß die Vorstellungen unseres Weltbilds (im Prinzip) immer möglich sind oder – solange unser Weltbild besteht – kontinuierlich wiederholt werden könnten.

 

Allein dadurch wird der Begriff des Weltbilds möglich. Er besteht in der Gesamtheit unserer potentiellen Vorstellungen; „potentiellen“ weil sie nicht alle gegenwärtig realisiert werden können, obwohl sie realiserbar wären.

Dieser Unterschied entfällt bei den Wahrnehmungen; hier sind nur diejenigen realisierbar, die auch realisiert werden können.

Die Wahrnehmung Eiffelturm ist in München nicht ralisierbar; seine Vorstellung natürlich problemlos.

Gibt es aber keine potentiellen Wahrnehmungen – weil diejenigen, die realisert werden können, nicht über die realisierbaren hinausgehen –, können wir auch nicht sinnvoll von der Welt sprechen:

Der Überschuß unserer Vorstellungen über die aktualen bildet gemeinsam mit letzteren das subjektive Weltbild.

Ein Überschuß unserer Wahrnehmungen über die aktualen oder zumindest aktual möglichen existiert nicht – aber genau das wäre die Welt.   

 

Daraus ergibt sich unmittelbar eine zweite Konsequenz.

Die Tradition denkt von der Welt mit ihren Seienden her, und die Subjekte sind dementsprechend auch nur spezielle Objekte. Sie zeichnen sich angeblich durch den Besitz eines Innen aus, das aber stets nebulös bleiben muß, weil es im Körper nicht auffindbar und somit nur postuliert ist; da kann natürlich jeder seine eigenen Vorstellungen entwickeln.  

Wir kehren die traditionelle Denkrichtung um, beginnen bei den Subjektivitäten und müssen – im Verlaufe unserer weiteren Überlegungen – sowohl die Weltbilder als auch die Wahrnehmungen aus jenen herleiten.

 

„Gegen Ihre Argumentation kann ich nicht viel einwenden, aber zwei Fragen drängen sich natürlich auf:

Woher kommen die Weltbilder, wenn sie keine Bilder von einer Welt sein können?

Was nehmen wir in den Wahrnehmungen wahr, wenn es nichts zum Wahrnehmen gibt?

Ohne Welt können unsere Weltbilder nicht wahr sein; was bewahrt uns vor ihrer Beliebigkeit?“

 

Bei der ersten Frage können wir uns kurzfassen.

Die Weltbilder werden uns gelehrt; in Elternhaus, Schule, Freundeskreis usw. Wir haben sie, mit anderen Worten, nicht einer Welt abgeschaut, sondern erzählt bekommen oder erlesen.

 

Daraus ergibt sich unmittelbar meine zweite Antwort.

Denken wir mit der Tradition von der Welt her, hat es keinen Einfluß auf unsere Wahrnehmungen, ob wir bestimmte Vorstellungen glauben oder nicht; die Seienden werden abgebildet; Punkt.

Setzen wir jedoch bei den Subjektivitäten an, wird unser eigenes Für-wahr-halten entscheidend. Wer glaubt, daß es Hexen gibt, sieht sie vielleicht auch wirklich oder kann sie gar angreifen und verbrennen. Die Anhänger von Verschwörungstheorien legen subjektive „Beweise“ für ihre Vorstellungen vor, und Millionen von Menschen haben schon UFO’s beobachtet.

 

Unsere Vorstellungen entsprechen den Formen, in denen wir wahrnehmen; das wäre wieder die traditionelle Essenz, das Wesen oder Was.

Daß wir wahrnehmen – die Existenz oder das Sein der Wahrnehmungen –, kann nur in der uns zugänglichen Wirklichkeit, das heißt im eigenen Leben bestehen.

 

Zu Ihrer letzten Frage:

Es liegt nur bei uns, ob wir in unserer „grenzenlosen“ Freiheit beispielsweise die Erde als Kugel, Hohlkugel oder Scheibe betrachten; letzteres wie etwa die Mitglieder der Flat Earth Society. Ohne Welt kann nichts unrichtig sein, höchstens nutzlos, unpraktisch, umständlich, häßlich, ungeschickt und dergleichen; die traditionelle Wahrheit – nämlich diejenige der Objekte – verliert sich im Pragmatischen.

Mir geht es um eine subjektive Wahrheit; das ist jedoch keine relativierte traditionelle Wahrheit – wie sie zumeist irrtümlich verstanden wird –, sondern eine der Subjektivitäten und damit eine völlig andere. Mit ihr wird unser Weltbild – zwar niemals wahr, aber – überaus wichtig, denn es bildet die einzige Grundlage für unsere Orientierung – hin zu einem wahren Leben.

Deswegen hatte ich oben geschrieben, „Philosophie der Orientierung“ wäre auch eine geeignete Bezeichnung für unseren Ansatz. 

1.4.2. Wozu benötigt der religiöse Glaube Philosophie?

„Das ist vielleicht der rechte Ort für eine Frage, die mir schon lange am Herzen liegt:

Wollen Sie noch mehr erreichen oder geht es Ihnen nur um den religiösen Glauben? Seinetwegen wäre doch sicherlich kein so großer philosophischer Aufwand nötig.“

Es geht mir allein um den religiösen Glauben, denn ein wirkliches Mehr kann es – wenn wir ihn recht verstehen – meines Erachtens gar nicht geben, aber dafür ist heute ein gewaltiger philosophischer Aufwand erforderlich.

 

Wer es vermag, einfach nur so zu glauben, kann dies natürlich bei jedem beliebigen Weltbild tun; andere mögen das von außen als schizophren erleben, er selbst vielleicht nicht. 

Aber es gibt Weltbilder – zu denen insbesondere die heute üblichen Spielarten des Materialismus zählen –, die so rund, perfekt oder abgeschlossen zu sein scheinen, daß Gott sowie der Glaube an ihn – vielleicht nicht unmöglich, aber – mit Sicherheit völlig unnötig sind. Natürlich bestehen auch hier noch ungezählte offene Fragen – die vielleicht nach und nach noch beantwortet werden können –, aber keine prinzipielle Fraglich- oder Fragwürdigkeit.

In den Worten von Charles Taylor:

„. . . daß das Aufkommen des neuzeitlichen Säkularismus . . . mit der Entwicklung einer Gesellschaft zusammenfällt, in der ein völlig selbstgenügsamer Humanismus zum erstenmal in der Geschichte zu einer in vielen Kreisen wählbaren Option wird. Unter Humanismus verstehe ich in diesem Zusammenhang eine Einstellung, die weder letzte Ziele, die über das menschliche Gedeihen hinausgehen, noch Loyalität gegenüber irgendeiner Instanz jenseits dieses Geschehens akzeptiert.

Diese Beschreibung trifft auf keine frühere Gesellschaft zu.“

 

Die Brights – „Lichtgestalten der Aufklärung“ – wie beispielsweise Richard Dawkins, Daniel Dennett, Michel Onfray, Michael Schmidt-Salomon oder Gerhard Vollmer engagieren sich vehement für ein solches in sich geschlossenes transzendenzfreies Denken, obwohl es meines Erachtens dem wissenschaftlichen Stand(ard) des ausgehenden 19. Jahrhunderts entspricht.

In unseren Kirchen dagegen interessieren prinzipielle Fragen leider kaum noch. Sie sind zum einen mit ihren organisatorischen Problemen ausgelastet, und zum anderen haben sich die Kirchen nach einem jahrhundertelangen weltanschaulichen Rückzugsgefecht, bei dem sie scheinbar stets auf eindeutig verlorenem Posten standen, philosophisch so weit zurückgezogen, daß sie unangreifbar geworden sind.

Natürlich haben sie dann auch nichts Wesentliches mehr zu sagen; das ist lediglich die unvermeidliche Kehrseite der Unangreifbarkeit. Die Kirchen haben sich in einem schiedlich-friedlichen Nebeneinander eingerichtet, vermeiden jede weltanschauliche Auseinandersetzung und erheben lediglich den Anspruch, durch die Offenbarung noch etwas Zusätzliches zu wissen und damit dem im wesentlichen akzeptierten exakt-wissenschaftlichen Gesamtbau – der Brights – eine schöne Krone aufsetzen zu können.

 

Die einzig vernünftige Reaktion darauf kann eigentlich nur so lauten

Dieses schmückende Beiwerk erfüllt zwar auch nicht den geringsten Sinn, aber wer will, mag es halt glauben.

Das „Ockhamsche Rasiermesser“ – ein heuristisches Forschungsprinzip, das immerhin der Scholastik entstammt – muß Gott bei unserem materialistischen Weltbild als völlig unnötig wegschneiden, denn es verlangt „höchstmögliche Sparsamkeit bei der Benutzung von erklärenden Theorien“.

Schon Pierre-Simon Laplace konnte Napoleon Bonaparte bestätigen, daß er „die Hypothese Gott nicht benötige“. Verinnerlichen wir uns das bittte: Laplace hat weder gelogen noch sich getäuscht; bereits vor 200 Jahren brauchte er keinen Gott für seinen Ansatz.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, und dabei wird es auch bleiben, bis wir die gegenwärtig bestimmenden Weltbilder überwunden haben. 

 

Solange wir also nicht zeigen, daß

unser traditionell-moderner philosophischer Ansatz völlig unbegründet ist,

– er sowohl Fehler als auch ungerechtfertigte Voraussetzungen enthält, 

dieses Denken mit der heutigen Wissenschaft – insbesondere der Relativitäts- sowie Quantentheorie – unvereinbar ist und

– dafür sinnvolle weitaus bessere Alternativen zur Verfügung stehen,

beantworten wir mit unserer Verkündigung lediglich Fragen, die kaum noch jemand stellt, stellen will oder gar müßte.

(Auch) deswegen werden die Kirchen leer und nicht, weil „es den Menschen zu gut geht“.

 

Ich kenne zahllose intelligente Atheisten, denen in ihrem Weltbild nichts fehlt.

Und wer darauf mit dem Hinweis reagiert „ja, solange es ihnen gut geht; warte nur ab, wenn sie einmal schwer krank sind oder im Sterben liegen“, wirbt meines Erachtens nicht gerade für den Glauben. Was ist denn das für ein Glaube, der erst attraktiv wird, wenn wir leiden? Kann er dann mehr als pure Jenseitsvertröstung sein?

Der Glaube soll natürlich auch Trost spendenauch –, und das tut er en passant, wenn der Glaube das gesamte Leben aufwertet, weil letzteres durch ihn insgesamt als tiefer und reicher – nicht schöngeredet, sondern – erfahren wird.

1.5. Grundgedanke des Buches

Der Glaube an die eine objektive Welt wurde nahezu allen von uns seit der Kindheit indoktriniert und ist damit zu einer so festen Überzeugung geworden, daß wir kaum auf die Idee kommen, ihn anzuzweifeln. Aber dieser Glaube ist keineswegs selbstverständlich und läßt sich problemlos durch den Übergang zu einem jeweils subjektiven Weltbild ersetzen.

Als Resultat unseres bisherigen Lebens verfügen wir über ein solches; es entspricht dem Status quo sämtlicher Mitteilungen, die uns bisher erreicht haben, verarbeitet und nicht wieder vergessen wurden. Einiges davon glauben wir, und dadurch wird dieser akzeptierte Bereich des Weltbilds für uns zum Wahrnehmnbaren.

 

In den aktualen Wahrnehmungen treffen wir auch im metaphysischen Explikationismus auf wirkliche, reale oder dinghafte Objekte. Wir wissen absolut noch nicht, wie sie zustandekommen; klar ist bisher lediglich, daß sie aus den Subjektivitäten in derem jeweiligen Bewußtsein hervorgehen müssen.

Die Tradition kann das nicht nachvollziehen, weil sie von einer angeblichen Welt und nicht von den Subjektivitäten her denkt. Deshalb muß sie diese Objekte – die als solche ungeandert beibehalten werden – von der Gegenseite aus interpretieren; dann erscheinen sie aber irrtümlicherweise nicht als Konstruktionen der Subjektivitäten, sondern als Abbildungen von Seienden. Einerseits ändert sich gar nichts – die Objekte – und andererseits alles – die Betrachtungsweise.

 

Häufig fügt man traditionell die Nicht-Seienden zu den Seienden der Welt hinzu und erweitert letztere damit zu den Urbildern. Aber auch sie müssen abgebildet werden, denn ansonsten wären es keine Urbilder, sondern reine Phantastereien.

Wir können uns die Problematik der Nicht-Seienden leicht an der Idee der Gerechtigkeit in einer Diktatur verdeutlichen. Einerseits ist hier kein Urbild vorhanden, das sich abbilden ließe; andererseits muß es aber existieren, wenn die Gerechtigkeit im Sinne des Sokrates ein – Paradebeispiel von – Urbild sein soll.

Traditionell gibt es im Weltbild also eine Dreiteilung – Seiende, Nicht-Seiende und Phantastereien –, so daß es stets fraglich bleibt, ob Grenzfälle wie Osterhasen und Weihnachsmänner, Marsmenschen oder Yetis zu den Nicht-Seienden oder zu den Phantastereien gehören.

Aber uns kann das gleichgültig sein, weil wir beide ebenso ablehnen wie die Seienden. Die Wissungen von ihnen und ihrer Welt gehören zu unserem Weltbild, und nur weil sie das tun, können wir „nein“ zu ihnen sagen. 

 

„Es gehört folglich auch zum Weltbild, ob eine Welt angenommen wird oder nicht. Sie sind also nicht offen für sämtliche Weltbilder, sondern nur für diejenigen, denenzufolge es keine Welt gibt. Aber was ist denn an einer Welt so schlimm?“

Daß wir ihr Sein nicht verstehen; niemand weiß, was die Aussage „Es gibt eine Welt“ bedeuten soll.

„Doch; daß die Welt vorhanden ist.“

Und was meinen Sie damit? 

„Daß sie existiert oder wirklich besteht.“

Damit haben Sie nichts erklärt, sondern lediglich andere synonyme Worte eingeführt, die ebenso nichtssagend sind. Eine Welt, von der wir sagen, sie sei gegeben, existent, wirklich, vorhanden oder bestehend, schwebt frei im Nichts – ich hatte Ihnen oben versprochen, darauf zurückzukommen – und kennt weder ein Warum noch Woher oder Wohin.

Die Moderne versucht, diese Fragen innerweltlich zu beantworten – heute insbesondere mit der Evolutionstheorie. Aber das geht natürlich nicht, weil sich damit nur dieser Welt-Zustand auf jenen zurückführen läßt, das Woher und Wohin der Welt als ganzer jedoch gar nicht in den Blick kommt. Wenn die Welt „vom Himmel gefallen“ sein soll, dann benötigen wir eben ihn; aus nichts wird auch nichts.

 

Um dieses Schweben der Vorhandenheit im Nichts zu „erden“, haben wir – nicht für die Welt, sondern für das Leben – Gott bzw. die Transzendenz eingeführt und können damit das Leben der Subjektivitäten im Ursprung grundlegen oder fundamentieren.

Das soll beileibe kein Gottesbeweis sein, denn so verhält es sich nur in meinem Weltbild, das heißt, ich bekomme es nicht anders hin, das Leben widerspruchsfrei zu denken. Deswegen interessiert mich ganz gewaltig, ob noch andere Möglichkeiten bestehen; bekannt ist mir keine, und ich bezweifle sie auch sehr stark.

Sollte das zutreffen,hätten wir eine saubere Definition Gottes:

Er ist derjenige, ohne den gar nichts wäre, das heißt, Gott bildet die Antwort auf Heideggers Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“.

Unsere Definition wäre zwar sauber – Daß –, sagt aber leider trotzdem absolut nichts über Gott – Was –; er könnte auch ein Teufel sein – mit einer ihm entsprechenden Schöpfung. Wir wüßten dann genau, worüber wir nicht sprechen können, das heißt, wovon wir nichts wissen.

1.5.1. Wissungen als Wahrnehmungen oder Vorstellungen

Traditionell gibt es nur eine (Art von) Wirklichkeit, denn zwischen Subjekten und Objekten besteht kein prinzipieller Unterschied; beide sind Seiende.

Im metaphysischen Explikationismus kommt ebenfalls nur eine (Art von) Wirklichkeit vor; freilich mit einer ganz anderen Begründung: Es existiert nur ein einziger Geber oder Ursprung, so daß die gesamte Wirklichkeit aus ihm hervorgehen muß.

Das Leben der Subjektivitäten entspricht der immanenten Transzendenz oder demjenigen Teil Gottes, den wir bereit waren, uns geben zu lassen. Hier ist die Wirklichkeit also offensichtlich diejenige Gottes. 

Dieses wirkliche Leben kann kontur- oder formlos erfolgen, wofür das Dösen oder gegenstandslose Meditieren Paradebeispiele bilden. Bei den Strukturen, die das Gegenstück dazu  bilden, sprechen wir von Wissungen. Anschaulich stelle ich mir das Leben als kontinuierlichen Fluß vor, in dem die Wissungen einzelnen Strudeln, Wirbeln oder Stromschnellen entsprechen.

 

Nun müssen wir aber mindestens zwei Arten von Wissungen unterscheiden. Neben den wirklichen Wahrnehmungen stehen die unwirklichen Vorstellungen.

In unserem Bild gehören jene zum Wasser des Flußes, und diese entsprechen der darin enthaltenen Luft. Auch das Vorstellen gehört zum Leben – Fluß – und ist somit wirklich, aber alle Vorstellungen sind unwirklich. Traditionell ausgedrückt steht bei ihnen einem wirklichen Daß oder Sein ein unwirkliches Was oder Wesen gegenüber.

Damit können wir die Abbildung 1.3.3. zu der nachstehenden weiterentwickeln.

 

 

Gott oder Transzendenz                                                            
(einzige) Wirklichkeit unwirklich  
         Ursprung             → eigenes Leben    
        Fluß    
aktual unendlich       potentiell unendlich    
           
        – Subjektivität    
        Wissungen  
        Strudel, Wirbel oder Schromschnellen  
        – Wahrnehmungen          Vorstellungen          
        Wasser Luft  

 

Abbildung 1.5.1.-1

 

Wir ersetzen also die Realität Welt – die lediglich in einem angeblichen Vorhanden-Sein besteht und damit einem Schweben im Nichts entspricht – durch die Wirklichkeit Gottes, in die unser Leben hineingenommen ist.

Aber das war letztlich bereits klar, weil wir nicht in der Welt, sondern in Gott leben.

 

Noch ein Hinweis zu den Vorstellungen könnte hilfreich sein.

Sie sind als solche unwirklich; dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Feld- oder Osterhasen handelt.

 

 

  Feldhasen Osterhasen                                                                         
Wahrnehmungen wirklich wirklich    im Bewußtsein
Vorstellungen unwirklich unwirklich    im Bewußtsein
Seiende oder . . . an sich ———– ———–    in der Welt

 

Abbildung 1.5.1.-2

 

Wahrnehmungen sind wirklich; da ich aber nicht an Osterhasen glaube, können sie für mich unmöglich zu Wahrnehmungen werden. Kommt mir morgen beim Spaziergang ein Hase entgegen mit einem angemalten Ei unter der linken Vorderpfote und den Pinsel in der rechten, bleibt mir wohl der Mund offen – und ich korrigiere wahrscheinlich meine bisherige Überzeugung.

Für uns gibt es nur Wissungen. Das ist natürlich auch traditionell so; der Unterschied besteht lediglich darin, daß wir es dabei bewenden lassen und nicht behaupten, Seiende oder Feld- bzw. Osterhasen an sich abgebildet zu haben.

1.5.2. Wissungen als Begriffe oder Gestalten

Der Baum und das Haus dort mit der Frau davor sind einerseits Wahrnehmungen, speziell Sehungen und damit wirklich.

Andererseits soll es sich nicht um Seiende handeln; aber worin besteht eigentlich der Unterschied?

Seiende werden – ich wiederhole mich – von der Welt her gedacht, haben folglich absolut nichts mit mir zu tun und existieren also insbesondere auch noch, wenn ich die Augen schließe – sowohl in wörtlicher als auch in übertragener Bedeutung.

Als meine Sehungen hängen der Baum, das Haus und die Frau jedoch von mir ab; schließe ich die Augen, sind sie weg. Das versteht sich von selbst und ist nur total unsinnig, solange wir die drei Sehungen als Seiende mißverstehen.

Der Regenbogen bildet ein schönes Beispiel, um uns zu verdeutlichen, was für alle Sehungen gilt. Schließen wir die Augen, sehen wir ihn nicht nur nicht mehr – andernfalls wäre es ein seiender Regenbogen –, sondern ist er vollkommen weg – der sinnliche Regenbogen.

 

Um dieses selbstverständliche, aber ungewohnte Zwischenergebnis noch ein bißchen besser verstehen und händeln zu können, führen wir die Gestalten als Pendant zu den Begriffen ein.

Im letzten Abschnitt hatten wir unser Leben als stetigen Fluß mit seinen Wissungen als Wirbeln, Strudeln, oder Stromschnellen veranschaulicht und dabei die wirklichen Wahrnehmungen von den unwirklichen Vorstellungen unterschieden.

„Senkrecht“ dazu, das heißt, unabhängig davon teilen wir die Wissungen nun in geistige Begriffe und sinnliche Gestalten ein.

 

Bemühen wir unseren Geist, führt das zu Begriffen.

Der letzte Satz war nicht sehr klug, läßt sich aber gut übertragen:

Bemühen wir unsere Sinne, führt das zu Gestalten; aber wir müssen es eben auch tun; bei geschlossenen Augen gibt es keine Sehungen.

Ich habe absichtlich „Geist“ und nicht „Gehirn“ geschrieben; absichtlich „Sinne“ und nicht „Sinnesorgane“, denn ohne Seiende können wir auch weder Gehirne noch Sinnesorgane voraussetzen. Das sind Objekte, und wir haben noch keine Ahnung, worin diese bestehen und wie sie zustandekommen; dann können wir aber auch nicht darüber sprechen oder sie gar zum Erklären benutzen.

Geist und Sinne stellen keine Objekte, sondern subjektive Vermögen dar – unter anderem auch zur Bildung von Objekten; ohne jene gäbe es diese nicht.

 

Begriffen fehlt jegliche Sinn- oder Anschaulichkeit; sie sind abstrakt, gehorchen allein der Logik, bilden darin einen integralen Zusammenhang und treten fast nur in der Mathematik auf.

Die Gestalten stellen das glatte Gegenteil dar; einzelne reine Formen ohne alle logischen Verbindungen.

Beides kommt so in unserem Leben kaum vor; Begriffe sowie Gestalten gehen in Wirklichkeit kontinuierlich ineinander über und stellen die beiden asymptotischen Grenzfälle der Wissungen dar, wie sie uns als Wahrnehmungen oder Vorstellungen begegnen.

 

Wissungen bestehen somit in der Einheit von Gestalt und Begriff.

An jenen haben wir  die wirklichen  Wahrnehmungen von den unwirklichen Vorstellungen unterschieden. Soll die Einheit der Wissungen einzeln auf die Wahrnehmungen sowie Vorstellungen übertragen werden, müssen wir auch an den Gestalten und Begriffen jeweils die wirklichen von den unwirklichen Varianten unterscheiden, so daß sich die nachfolgende Abbildung ergibt. 

 

 

Anschauungen Auffassungen Wahrnehmungen                                                                
      wirklich  
         
Ausmalungen Bedeutungen Vorstellungen  
      unwirklich  
         
Gestalten   Begriffe Wissungen  
sinnlich   geistig    

 

Abbildung 1.5.2.

 

Wirklich und unwirklich können nicht ineinander übergehen, denn sie widersprechen sich; was sollte halbwirklich bedeuten? Aber zwischen sinnlich und geistig ist in beiden Fällen jede Kombination möglich, weil sie additiv erfolgt.

Ausnahmslos alle unsere Wissungen ordnen sich in diesem Raster ein; entweder in der oberen oder in der unteren Hälfte.

Wahrnehmungen bestehen in der Einheit von Auffassung und Anschauung, Vorstellungen in der von Bedeutung und Ausmalung.

1.5.3. Gott und die Welt

„Ich verstehe; wir treten also alle von vorn an unsere Wissungen heran, während die Tradition irrtümlich glaubt – anschaulich gesprochen –, von hinten zu kommen

Aber ein Problem habe ich trotzdem noch. Ohne Seiende können weder die Gläubigen von einem wirklichen Gott noch die Physiker über die Materie an sich sprechen; sie haben alle nur ihre subjektiven Wissungen und jonglieren mit ihnen herum.“

Das stimmt; ich ignoriere den Überschuß – Gottes bzw. der Materie – nicht, der sich angeblich jenseits unserer Wissungen befindet, sondern will zeigen, daß ein solches Surplus völlig sinnleer ist und damit ersatzlos gestrichen werden kann. 

 

Über Gott und die Welt reden wir nicht nur häufig in einem Atemzug, sondern sie werden traditionell zumeist auch nach exakt dem gleichen Schema gedacht, nämlich als objektiv-real. Es gibt Gott ebenso an sich wie die Welt oder beide sind „einfach vorhanden“. Das muß die Frage provozieren, worin sie sich – von leeren Worten abgesehen – eigentlich unterscheiden.

Bei einem solchen Denken meines Erachtens gar nicht; Gott wird zu einer Nebenwelt und in dieser Nicht-Funktion mehr als überflüssig. Warum soll unsere Welt nicht ohne Nebenwelt bestehen können? Nahezu zwingend müssen denkende Menschen einen solchen Gott ablehnen.

Wir natürlich erst recht; es wäre nicht nur inkonsequent sondern geradezu absurd, einen objektiv-realen Gott als Nebenwelt beizubehalten, wenn wir sogar gute Gründe haben, die Welt selbst zu canceln.

Nach diesem  Vorspann können wir konkret auf Ihr Problem eingehen.

 

Es gibt weder eine objektiv-reale Materie noch einen solchen Gott, so daß wir auch von beiden keine Wissungen besitzen können.

Natürlich verfügen wir über Materie-Wissungen; aber das sind keine Wissungen von der Materie – weil sie nicht vorhanden ist –, sondern die Wissungen bilden selbst die Materie; es sind Wissungen namens „Materie“.

Es versteht sich zwar von selbst; aber der Deutlichkeit sei wiederholt:

Natürlich verfügen wir über Gottes-Wissungen; aber das sind keine Wissungen von Gott – weil er nicht vorhanden ist –, sondern die Wissungen bilden selbst Gott; es sind Wissungen namens „Gott“.

Ohne Welt und Gott an sich können unsere Wissungen keine Referenten oder kein Wovon besitzen.

 

Im Verlaufe unseres Lebens entwickeln sich die eigenen Wissungen in einem kontinuierlichen Bildungsprozeß jeweils aus den ihnen vorausgehenden. Somit stellt für mich beispielsweise eine Gottes- eindeutig keine Materie-Wissung dar; aber daß Gott keine Materie sein soll, verstehe ich nicht.

Was sind Gott bzw. Materie jenseits meiner Wissungen?

Wer mir diese Frage „beantwortet“, macht Gott und die Materie notwendigerweise zu Wissungen von mir – und beantwortet sie somit nicht.

 

Diese Gedanken waren nicht neu, sondern nur in einer anderen Sprache als bisher formuliert.

Wir hatten doch schon mehrfach betont, daß wir nur über unser Weltbild bzw. die darin enthaltenen Vorstellungen nachdenken und reden können. Sprechen wir also über Gott oder die Materie, dann kann dies nur der Gott resp. die Materie unseres Weltbilds sein, und das sind die Gottes- bzw. Materie-Vorstellungen.

 

„Und wenn wir alle – vielleicht in der Zukunft einmal – über Weltbilder ohne die Vorstellungen Gott sowie Materie verfügen, gibt es beide nicht mehr? Durch bloße Gehirnwäsche oder Sprachmanipulationen lassen sie sich also abschaffen?“

Bei der Materie „ja“; ob sie existiert oder nicht, hängt  nur von unseren Weltbildern ab. Hopiindianer beispielsweise haben keine Materie, denn „haben“ bedeutet, daß  sie diese zumindest vorstellen und vielleicht auch wahrnehmen können müßten; gestattet dies ihr Weltbild nicht, existiert auch keine Materie.

 

Gott läßt sich dagegen nicht abschaffen, denn er ist derjenige, ohne den es gar nichts gäbe; also auch kein Abschaffen.

Natürlich ist auch diese Wissung an mein Weltbild gebunden und allein innerhalb von ihm möglich; wir verfügen über nichts anderes.

Beide Aussagen zusammen entsprechen dem Ouroboros, der mythischen Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt:

Gott existiert (für mich) nur durch mein und in meinem Weltbild; W → G.

Ohne Gott gibt es – gar nichts, insbesondere also auch – kein Weltbild; GW.

Das ist rein logisch kein Widerspruch, sondern ein Zirkel – eben der Ouroboros –, der weder Anfang noch Ende besitzt; wir benötigen das Weltbild für Gott, und Gott (unter anderem auch) für das Weltbild.

 

Wir müssen sowohl in diesen Zirkel hinein- als auch wieder aus ihm herauskommen; mit ersterem haben wir begonnen:

Zum einen muß Gott existieren – sein Daß –, weil es sonst auch absolut nichts anderes gäbe; er trägt sich selbst und ermöglicht die Schöpfung als seine Selbsthingabe.

Zum anderen können wir prinzipiell nichts von Gott wissen – sein Was –, weil er nicht objektiv-real vorhanden ist und somit als Referent oder Wovon des Wissens fungieren kann, sondern wir nur über Gottes-Wissungen bzw. Wissungen namens „Gott“ verfügen, die an unser Weltbild gebunden und damit selbstverständlich falsch sind. 

1.5.4. "Wort Gottes"

„Viele Christen verstehen die Bibel in einem engeren Sinne als das Wort Gottes. Wenn ich Sie recht verstehe, ist das aber ausgeschlossen, denn auch dort können – wie in jeder Schrift – nur menschliche Wissungen aufgezeichnet sein.“

Dem stimme ich 100%-ig zu und bin mir auch sehr sicher, daß die allermeisten denkenden Theologen das heute so sehen.

 

Gott hat sich uns selbst geschenkt und nicht (nur) irgendetwas mitgeteilt, das Menschen dann – mehr oder weniger wörtlich – als Bibel aufgeschrieben haben. Bei sehr vielen Stellen insbesondere im Alten Testatment wäre es mir ehrlich gesagt auch höchst unangenehm, wenn das von Gott stammen sollte; Rache, Totschlag, Frevel, Zorn, Eifersucht . . .

Letztlich so normal wie die heutige Physik entstanden ist, müssen wir uns das meines Erachtens auch bei der Bibel vorstellen. Es geht hierbei lediglich um viel Wichtigeres; nicht um irgendwelche Dinge, sondern um uns selbst und unser Leben.

Im Verlaufe der Geschichte Israels haben die Menschen versucht, ihre entscheidenden Erfahrungen mit dem Leben, mit Liebe, Leid und Tod, Sehnsucht oder Erfüllung zu reflektieren. Über Jahrhunderte hinweg haben sie ihre Überlegungen weitererzählt, später auch aufgeschrieben, sich widersprochen, korrigiert, gestrichen oder erneut aufgenommen und erweitert.

So ist im Laufe der Zeit eine Ideensammlung entstanden, der man ihre wechselvolle Genese ansieht. Es handelt sich hierbei also nicht um einen festen widerspruchsfreien Kanon, sondern um ein Zeugnis für das menschliche Ringen um eine adäquate Vorstellung vom Dies- und Jenseits.

Die Bibel ist nicht Gottes letztes Wort; vielmehr gibt sie den Staus quo menschlichen Reflektierens vor 2000 Jahren wieder, und letzteres setzt sich zum Glück seitdem – als Theologie oder auch mit unseren Überlegungen hier – fort.

 

Schauen Sie sich als Paradebeispiele hierfür das Buch Hiob oder den Propheten Amos an und beachten Sie einfach, daß JHWH ursprünglich nur der Gott von ein paar unbedeutenden Nomaden war, die kaum ein Leben nach dem Tod kannten.

Nicht zuletzt die Erfahrungen der Menschen im Umfeld des Juden Jesus von Nazareth führten nochmals zu einem gewaltigen Umdenken – zumindest bei einem sehr kleinen Teil der Israeliten:

„Ob die Gottes-Vorstellung, die sich bei uns bisher herausgebildet hat, vielleicht doch auf alle Menschen bezogen werden muß?“ „Wir sehnen uns unter der Römischen Besatzung nach Gerechtigkeit; die gibt es aber nicht ohne ein Leben nach dem Tod.“ „Dieser Jesus sagt eigentlich das, was wir alle erhoffen; wenn man ihm nur glauben könnte . . .“ „Eigentlich zu schön, um wahr zu sein!“

„Probieren wir einfach einmal, ob unser Leben mit dieser Gottes-Vorstellung – wenn wir sie denn glauben können – erfüllter und lebenswerter wird.“

 

„Ich verstehe; Ihr Gott ist eine wundervolle Projektion, die Sie sich nur allzugerne als Wirklichkeit wünschen würden.“

Natürlich ist er das auch; ich will nicht wahrhaben oder glauben müssen, daß die Erniedrigten dieser Erde einfach Pech gehabt und zur falschen Zeit am falschen Ort gelebt haben sollen.

Evidenterweise kann niemand wissen, ob es einen solchen Gott der Gerechtigkeit gibt; „‚Gott‘ ist ein Sehnsuchts- oder Hoffnungswort“ (Magnus Striet).  Aber aus der Tatsache, daß er auch eine Projektion oder Wunschvorstellung wäre, folgt doch nicht, daß er nur das sein kann und somit eine Illusion sein muß. Warum soll es gegen die Existenz Gottes sprechen, daß sie mit unserer Hoffnung übereinstimmt?

Wenn Sie möchten, daß Ihr Zug pünktlich ankommt, bedeutet dies doch auch nicht, daß er mit Sicherheit Verspätung hat. Es gibt die Erfüllung von Wünschen; natürlich wissen wir immer erst hinterher, ob sie in einem konkreten Fall eintritt.

 

„Ohne Gottes-Wissungen der Menschen könnte sich in der Geschichte kein ‚Wort Gottes‘ herausgebildet haben. Wir wissen aber gar nicht, ob Gott überhaupt existiert. Die Gottes-Wissungen sind also einerseits unbestreitbar notwendig, stellen aber andererseits – Ihren eigenen Worten zufolge – keinen Gottesbeweis dar.

Was erfahren wir  Menschen also in den sogenannten Gottes-Wissungen?“

Wir erfahren darin „nur“ unser subjektives Leben – aber in einer absoluten Geborgenheit oder Hoffnung, die von manchen Menschen als Gottes-Wissungen interpretiert werden.

1.5.5. Das Bewußtsein und sein Außerhalb

Wir hatten oben den traditionellen Außen-Innen-Dualismus besprochen und angemerkt, daß sein Innen im Verlaufe der abendländischen Geschichte recht unterschiedliche Namen an- und Aufgaben übernommen hat.

Für uns ist dieser Dualismus indiskutabel; ohne das Außen der Welt und Gottes entfällt auch das Innen. Unser Bewußtsein stellt folglich keine erneute Namensänderung dar, sondern meint etwas völlig anderes; nämlich: 

Alles, was es in irgendeiner Form für uns gibt; das Bewußtsein ist das subjektive Ganze oder die persönliche Totalität. Es besteht im eigenen Leben mit der dazugehörigen Subjektivität sowie allen Wissungen die – als unwirkliche Vorstellungen – über das Leben hinausgehen.

Ausgehend von Abbildung 1.5.1.-1 können wir uns das leicht veranschaulichen.

 

 

Gott  
wirklich unwirklich
        subjektives Bewußtsein
Ursprung     → eigenes Leben  
        Subjektivität Wissungen
          Wahrnehmungen Vorstellungen
          Auffassungen   ↔   Anschauungen Bedeutungen   ↔   Ausmalungen

 

Abbildung 1.5.4.

 

Das Bewußtsein umfaßt also alles, was uns gegeben ist – das unverfügbare Leben –, sowie das, was wir daraus machen. Unsere Erinnerungen, Fakten, Pläne oder Witze gehören ebenso dazu wie jegliches Wohl- bzw. Unwohlfühlen, unser schlechtes Gewissen, jede Freude und Sympathie, alles Leiden oder Ängstigen. 

Zu allem, was sich außerhalb befindet, besitzen wir keinen Zugang; so ließe sich das Bewußtsein negativ definieren.

 

„Sie behaupten also nicht, daß kein Außerhalb unseres Bewußtseins existiert, sondern lediglich, daß wir es prinzipiell nicht erreichen können?“

Richtig; wir wissen, daß sich zumindest der Ursprung sowie alle anderen Bewußtseine außerhalb des unsrigen befinden (müssen), wissen aber nicht, was sie sind oder worin sie bestehen; sie alle bilden für uns eine Terra incognita. 

Wir können weder von ihr noch von einem Übergang in das eigene Bewußtsein wissen, denn unsere Wissungen beginnen frühestens nach ihm. Wir haben beispielsweise Wahrnehmungen, aber kennen nichts Wahrgenommenes; beim Lesen ergeben sich Ihnen Verstehungen – ohne Verstandenes.

 

Beachten Sie bitte den Unterschied: Wir bestreiten die Existenz von Urbildern, anerkennen aber natürlich sowohl die fremden Bewußtseine als auch den Ursprung; nur wissen können wir von beiden nicht(s).

Wer davon ausgeht, das Außerhalb seines Bewußtseins auch nur im geringsten zu erkennen,

– verwickelt sich in den Widerspruch, Wissen von etwas zu beanspruchen, von dem er prinzipiell nicht(s) wissen kann, und

– macht damit dieses Außerhalb zu einer Hinterwelt:

„Es ist uns zwar nicht zugänglich, aber ich Pfiffikus kenne es trotzdem.“

Verrückt; niemand kann das verstehen oder hat es jemals verstanden, und dennoch denken fast alle Menschen in unserer Nähe so!

 

Letztlich entspricht unser Übergang vom traditionellen Denken zum metaphysischen Explikationismus einer „Kopernikanischen Wende“, die noch über diejenige von Kant hinausgeht. Haben Sie diesen „Seitenwechsel“ einmal bewältigt, werden Sie sich rückblickend wundern, wie Sie jemals anders – und so gutgläubig – denken konnten.

 

 

           Außen    
        traditionelles Denken
  Innen                                                                                   
     
  Abbilder der Seienden    
  „Ich Pfiffikus erkenne das!“    
  – Welt    
  – Gott    
  Seiende    

 

Abbildung 1.5.5.-1

 

 

            Außerhalb des Bewußtseins      
        metaphysischer Explikationismus
  Bewußtsein                                                                                                      
       
  – Leben
   
  wirklich    
  — Subjektivität    
  — Wahrnehmungen
   
       
  – Vorstellungen    
  unwirklich    
  ?    
  – Ursprung    
  – alle anderen Bewußtseine    

 

Abbildung 1.5.5.-2

 

Ich weiß, daß alle Vergleiche hinken, aber mitunter ist ein schlechtes Beispiel viellleicht doch besser als gar keines.

Manche von uns denken vielleicht, und wir alle können uns wohl vorstellen, es gäbe ein Reich der Zahlen im Außerhalb des Bewußtseins. Irgendwelche pfiffigen Mathematiker müßten trotzdem Wege gefunden haben, damit wir von diesen Zahlen wissen können. Dann wäre das „von“ angebracht; die Zahlen würden die Referenten oder das Wovon unserer diesbezüglichen Wissungen bilden. Letztere befinden sich im Bewußtsein, aber die Zahlen selbst sind es nicht.

Bekommen wir etwas über sie erzählt, könnte es theoretisch bei der Vorstellung bleiben, die Zahlen befänden sich in einem eigenen Reich außerhalb unseres Bewußtseins und wir sprächen lediglich darüber. Aber wenn wir selbst rechnen, überlegen und beweisen, spüren wir förmlich, daß wir unmittelbar mit den Zahlen selbst umgehen und sie sich folglich in unserem Bewußtsein befinden müssen.   

 

Was bei Zahlen wohl recht gut nachvollziehbar ist, gilt meines Erachtens ganz allgemein:

Wir wissen nicht von den Zahlen, sondern die Zahlen bilden selbst sowohl die Wissungen als auch das Gewußte.

Wir wissen nicht von den Planeten, sondern die Planeten bildet selbst sowohl die Wissungen als auch das Gewußte.

Der Glaube, die Wissungen vom Gewußten unterscheiden zu können oder gar zu müssen, ergibt sich relativ zwingend aus dem traditionellen Denken, das davon ausgeht, bei den angeblichen Seinden zu beginnen. Dann bilden letztere anfangs natürlich das Ungewußte, das durch unsere Wissungen nach und nach zum Gewußten wird

Ohne die Seienden fällt das Gewußte nicht weg, sondern mit den – eo ipso gewußten – Wissungen zusammen.

1.6. Vier Ansätze – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Gegenwärtig sind – mit dem Radikalen Konstruktivismus (2) sowie dem Neuen Realismus (4) – zwei philosophische Strömungen en vogue, die wie unsere eigenen Gedanken (3) aus der Überzeugung resultieren, daß der traditionelle Ansatz (1) inkonsistent und unhaltbar – zumindest: geworden – ist.

Sein Außen-Innen-Dualismus trennt sauber zwischen den Seienden und ihren Abbildern – aber gerade dieses saubere Trennen bildet einen offensichtlichen Fehler, weil damit das Abbilden, das heißt, der Übergang von Außen nach Innen vollkommen fehlen muß; dafür ist weder außen noch innen Platz..

Sprechen wir von Abbildern, deren Entstehung völlig ignoriert wird – sie sind ebenso einfach vorhanden wie die Seienden selbst –, kann es beim traditionellen Denken nicht mit rechten Dingen zugehen:

Die Welt schwebt im Nichts, ihr Abbilden kommt nicht vor – und trotzdem befinden sich innen die Wissungen als Abbilder von der Welt. Woher kommen sie? Wie, durch wen, wann und wo erfolgt das doch notwendige Procedere des Übergehens? Keine von diesen Fragen kann das traditionelle Denken auch nur sinnvoll stellen, weil es nur ein Entweder-Innen-oder-Außen kennt.

 

Die Rolle des notwendigen Zauberers übernimmt der Nous; das ist der erkenntnistheoretische Gott der Philosophen. Wir werden recht ausführlich auf ihn und seine Funktion zurückkommen (müssen), behalten aber bitte schon einmal im Hinterkopf, daß das traditionelle Modell (1) ohne ihn prinzipiell nicht möglich ist:

Wer ihm entsprechend denkt, glaubt (an) den Nous; dabei spielt es keine Rolle, ob er das weiß oder will; er tut es – sonst könnte er sein Wissen nicht erklären. 

Markus Gabriel spricht deshalb von einem Ansatz „ohne Zuschauer“. Die traditionellen Subjekte existieren nur als Seiende mit Innen, schauen aber nicht zu – sprich: bilden nicht ab –, sondern erhalten ihre Wissungen – auf welchen Wegen auch immer –  vom Nous..

 

Im mataphysischen Explikationismus (3) befinden sich die Subjektivitäten jeweils im eigenen Bewußtsein; andernfalls gäbe es uns – für uns selbst – gar nicht.

Die traditionellen Subjekte leben dagegen alle außen in der Welt, und das Weltbild in ihren subjektiven Innen wird als angebliches Abbild von dieser Welt behauptet. Begründen ließe sich eine solche Annahme jedoch nur, wenn uns die Seienden sowohl als Ur- wie auch als Abbilder vorliegen würden und wir sie auf ihre Übereinstimmung hin überprüfen könnten

Das ist offensichtlich nicht der Fall; wir „sehen nicht doppelt“, was dafür aber erforderlich wäre.   

Die Tradition ignoriert dieses Dilemma, indem sie sowohl

– die Existenz von äußeren Ur- und inneren Abbildern als auch

– deren Übereinstimmung

einfach postuliert und damit die eine Wahrnehmung, die wir tatsächlich jeweils haben, wahlweise

– das eine Mal als Urbild der Welt und

– das andere Mal als Abbild im Innen deklariert.

 

Was ist hieran falsch?

Nicht die Übereinstimmung; wir hatten gerade gesehen, daß Wissung und Gewußtes tatsächlich zusammenfallen. Aber sie stimmen vollkommen überein und nicht nur inhaltlich; nicht befindet sich innen und außen die gleiche Form, sondern es gibt kein Innen oder Außen. Das Wissen ist das Gewußte und repräsentiert es nicht nur.

Was wir in unserem Ansatz als „Baum-Sehung“ bezeichnen, um das Ganze an einem Beispiel zu veranschaulichen, wird also traditionell zunächst in Baum plus Sehung zerlegt, damit auf Außen sowie Innen verteilt und dann als bloße Übereinstimmung der inneren Sehung mit dem äußeren Baum ausgegeben, die angeblich durch das Abbilden erzielt wurde.

 

„Und damit wird auch verständlich, welcher Weg vom traditionellen Denken zu dem unsrigen führt:

Wir belassen es bei der Wahrnehmung – der Baum-Sehung zum Beispiel –, verdoppeln sie nicht in Ur- sowie Abbild und müssen dann natürlich auch keine Übereinstimmung willkürlich behaupten. Die Wahrnehmung befindet sich weder außen noch innen – denn diese Unterscheidung existiert nicht mehr –, sondern im Bewußtsein.“

Sehr schön; da jedoch selbst diese fälschliche Verdopplung nur bei den (wirklichen) Wahrnehmungen – aber partout nicht bei den unwirklichen Vorstellungen – behauptet werden kann, wird auch nochmals deutlich, daß die Welt selbst innerhalb des traditionellen Denkens erflunkert ist:

Die Wahrnehmungen lassen sich nicht also solche, sondern nur als Vorstellungen grenzenlos – zum Weltbild –  extrapolieren.

 

Der Radikale Konstruktivismus (2) streicht mit uns die objektive Welt und benötigt somit ebenfalls keinen Nous.

Aber im Gegensatz zu uns behält er formal den traditionellen Dualismus bei, so daß davon nur die Innen-Seite übrigbleibt. Da sich die Welt bzw.  Wirklichkeit jedoch nicht ersatzlos streichen läßt – bei uns tritt das Leben an deren Stelle –, müssen sie dem Innen angehören und somit eine reine Konstruktion darstellen; deswegen „radikaler Konstruktivismus“.

Ein solcher Ansatz, innerhalb des traditionellen Dualismus die Außenseite zu canceln, führt natürlich zu ernstlichen Problemen:

Dem Radikalen Konstruktivismus fehlt der Konstrukteur, denn dieser kann unmöglich der von ihm selbst konstruierten Welt oder Wirklichkeit angehören. Das entspräche dem Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht.

Wir haben diese Schwierigkeit nicht, denn unsere Konstrukteure sind die Subjektivitäten, die in Gott leben und somit keine Welt benötigen.

1.6.1. Radikaler Konstruktivismus

Unser Ansatz stimmt mit dem Radikalen Konstruktivismus darin überein, daß in beiden Fällen keine objektive Welt existiert; damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Es sind vor allem zwei Probleme, die der Radikale Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann und wegen derer ich glaube, ihn ablehnen zu müssen.

 

Der erste Punkt betrifft die Stellung oder Rolle des Gehirns.

Wenn die subjektive Welt eine Konstruktion darstellt, bedarf sie eines Konstrukteurs. Dieser kann aber nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich. 

Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er – ganz auf der Linie der „Neurophilosophie“: Ich = Gehirn – das Gehirn zum Konstrukteur erklärt. Abgesehen von der fundamentalen Frage, woher seine Vertreter das wissen wollen, wenn alles andere eine bloße Konstruktion ist und auch das Gehirn kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Konstrukteur“ trägt, entstehen natürlich zahllose weitere Probleme.

Eines davon resultiert ganz simpel daraus, daß es sehr viele Gehirne gibt. Als Konstrukteur benötige ich natürlich nur mein eigenes; sind die fremden Gehirne ebenfalls wirklich oder nur konstruiert? 

Schwierig gestaltet sich offensichtlich auch die Grenzziehung. Wo endet der Konstrukteur, und beginnt die Konstruktion? Wie gehen die beiden ineinander über? Wohin gehören das Zentralnervensystem, die Sinnesorgane und die Gliedmaßen?

 

Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das Gehirn ganz traditionell als Seiendes denkt und auch denken muß, um einen Konstrukteur – für die gesamte restliche subjektive Welt – zu gewinnen. Bei seiner Sichtweise reduziert sich die traditionelle Welt also auf das eigene (?) Gehirn.

Unser Ansatz ist radikal(er); darin spielt das Gehirn keine Sonderrolle, die Welt verschwindet vollständig, und sämtliche Gehirne gehören ganz normal den weltbild-abhängigen Wissungen zu.

 

Die zweite Schwierigkeit, die ich – und wohl auch seine Vertreter selbst – mit dem Radikalen Konstruktivismus haben, besteht darin, daß der Übergang von der angeblich objektiv-realen Welt zu einer bloß subjektiv-konstruierten den gewaltigen Unterschied zwischen wirklichen Wahrnehmungen und unwirklichen Vorstellungen nicht einfach ignorieren kann. Vor der Wahrnehmung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir – mit Recht –; die entsprechende Vorstellung ruft bestenfalls ein wohliges Gruseln hervor.

Im Radikalen Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergebens nach einer befriedigenden Lösung dieses Problems gesucht.

Wir werden es nach und nach mittels der Gestalten lösen, die bei keinem der drei anderen Ansätze eine Rolle spielen.

1.6.2. Neuer Realismus

Der – sich als Gegenentwurf zum traditionellen Denken (1) und Radikalen Konstruktivismus (2) verstehende – Neue Realismus (4) geht zumindest in Deutschland wesentlich auf Markus Gabriel zurück, der durch seine Bücher „Warum es die Welt nicht gibt“, „Ich ist nicht Gehirn“, „Der Sinn des Denkens“ sowie „Die ewige Wahrheit und der Neue Realismus“ auch breiteren Leserkreisen bekannt wurde. Bezüglich der Tatsache, daß es die Welt nicht gibt, stimme ich natürlich mit Gabriel überein, aber sein Denkweg ist ein ganz anderer. 

 

Das traditionelle Denken (1) interessiert sich nur für die Welt ohne zuschauende Subjekte; deswegen ist dort der Nous erforderlich. Damit es mit rechten Dingen zugehen kann, müssen die Subjekte zuschauen, das heißt, die traditionelle Welt – nicht nur bewohnen, sondern auch – abbilden.

Gabriel ergänzt die traditionelle Welt also um dieses Abbilden. Das ist das Neue an seinem Realismus (4), der um 1912 in den USA aufkam, aber danach schnell wieder vergessen wurde.

Die Subjekte sind bei ihm nicht nur potentielle Zuschauer (1), die lediglich wissen – ohne zu verstehen, wie das überhaupt möglich sein kann –, sondern auch wirklich abbilden (4), so daß Gabriels Welt die traditionelle integriert und zu einer Welt mit zuschauenden Zuschauern wird:

Gabriels Welt   =   { traditionelle Welt + Erkennen der traditionellen Welt }

(Die geschwungenen Klammern bedeuten bei mir stets die Einheit der darin enthaltenen „Bestandteile“.)

 

Nochmals in anderen Worten:

Gabriels Welt umfaßt die Seienden mit all ihren Wechselwirkungen, und zu letzteren gehört insbesondere unser Abbilden der Welt. Das wird also nicht – wie traditionell üblich – aus der Welt herausgenommen und damit zur Zauberei, sondern allen anderen Wechselwirkungsarten gleichgestellt, die doch ganz selbstverständlich zur Welt gehören:     

Niemand wird beispielsweise bestreiten, daß Massen sich anziehen (oder etwas Äquivalentes tun), und diese Wirkung ist natürlich ebenso wirklich wie die Massen selbst.

Und ganz analog ist Gabriel überzeugt, daß das Abbilden der Objekte durch die Subjekte ebenso wirklich ist wie die Seienden selbst und folglich auch zur Welt gehören muß

 

„Eine geniale Idee!“

Ja; das war auch mein erster Gedanke; aber nach einigen Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, daß sie nicht genial, sondern ganz einfach falsch ist.

„Was soll oder kann daran überhaupt falsch sein?“

Der Ausganspunkt oder Beginn dieser Überlegungen!

Daß ein Subjekt ein Objekt wahrnimmt, kann nur eine sinnvolle Aussage darstellen, wenn beide Seiende verständlich sind. Worin besteht die Bedeutung von Subjekt und Objekt? 

„Das weiß doch jeder; soll ich Ihnen das jetzt tatsächlich erklären?“

Nein; so meine ich das nicht; wir haben ein bestimmtes WELTBILD, und auf dessen Grundlage können wir natürlich alle zugehörigen Begriffe erläutern.

 

Mir geht es jedoch um etwas anderes, nämlich um die traditionelle Vorstellung der Seienden in der objektiven Welt. Das Subjekt(A) nimmt dort das Objekt(B) wahr, und dies führt zu der Wahrnehmung(AB). Ersteres kann sich natürlich auch selbst wahrnehmen, beispielsweise im Spiegel; das Resultat wäre dann die Wahrnehmung(AA).

Nun sollte deutlich werden, wo ich hin will:

Wie gelangen wir zu Gabriels Ausgangspunkt? Einerlei ob wir vom Wahrnehmen, Verstehen, Denken oder Vorstellen ausgehen – stets müssen die Ergebnisse zweipolig sein, das heißt, die Form AB bzw. AA besitzen.  

Das war der Sinn meiner Frage nach der Bedeutung von dem Subjekt und Objekt. Alles Einpolige – das Subjekt(A) ebenso wie das Objekt(B) – ist uns unzugänglich. Weil wir angeblich das SubjektA) sind, können wir nicht wissen, was das ist. Wir müssen uns erst betrachten oder wissen; aber das führt niemals zu A, sondern notwendigerweise zu A-betrachtet-A bzw. A-weiß-A.

Nur der Nous vermag es, weil er nicht nur die mittelbare Wahrnehmung(NA) hat – analog zu unserer indirekten Wahrnehmung(AA) –, sondern das Subjekt(A) direkt schaut.

 

Darin besteht das Problem des Beobachters, das uns durch die Kybernetik zumindest seit den 40-er Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt ist, aber von der Tradition weitestgehend übersehen oder ignoriert wird. Sie schiebt diese Rolle dem Nous zu. Er gehört nicht zur Welt, kann sie dadurch von außen oder – als Gott – sogar von oben schauen, völlig problemlos sowohl das Subjekt(A) als auch das Objekt(B) identifizieren und feststellen, wie dieses von jenem wahrgenommen wird.

Damit sollte einleuchten, inwiefern das traditionelle Denken ohne den Nous nicht möglich ist:

Es beginnt mit den Seienden, die allein er wissen kann.

 

Wenn also Gabriel sagt, das Abbilden der Objekte durch die Subjekte sei ebenso wirklich wie die Seienden selbst und müsse folglich auch zur Welt gehören, sieht er tatsächlich etwas Richtiges, jedoch auf der Grundlage einer Voraussetzung, die nur für den Nous, aber nicht für uns erfüllt ist.

Das Abbilden der „Objekte“ durch die „Subjekte“ ist in der Tat ebenso wirklich wie die „Seienden“ selbst; aber dabei handelt es sich nicht um Seiende, weder um Objekte noch um Subjekte.

Wer den Nous vermeiden will, kann nicht bei Seienden beginnen, weil er ohne ihn nicht weiß, wovon er spricht.

 

Das ist meines Erachtens ein sehr schönes Beispiel für Wittgensteins Leiter.

Die Tradition hat das Abbilden vergessen; der Neue Realismus fügt es hinzu, steigt die Leiter hinauf – und müßte dann merken:

Wenn wir das Abbilden berücksichtigen, gibt es keine Seienden (mehr), weil alles mit allem zusammenhängt. Die Leiter, die uns zu dieser Einsicht verholfen hat, wird nutzlos; wir werfen sie weg und beginnen von vorn – ganz anders.

1.6.3. Metaphysischer Explikationismus

Wir verstehen unseren Ansatz (3) als Gegenposition zum Radikalen Konstruktivismus (2) sowie zum Alten (1) und Neuen Realismus (4).

Der Radikale Konstruktivismus hat keinen Konstrukteur und kann nicht erklären, was Wahrnehmungen von Vorstellungen unerscheidet.

Der Alte und Neue Realismus gehen von den Seienden der Welt (sowie Gott) aus.

Wir versuchen, allen drei Mankos zu begegnen, indem wir als einzige den Außen-Innen-Dualismus hinter uns lassen und die Gestalten einführen.

 

Das traditionelle Denken beginnt „zu früh“; es glaubt, von Seienden ausgehen und daraus die Wahrnehmungen ableiten zu können. Aber in Wirklichkeit ist das nicht nur unmöglich, sondern auch unnötig, denn die Wahrnehmungen sind das – erste – uns Gegebene.

Wir sind keine Götter und verstehen daher auch nicht, was Seiende sind. Damit fehlt uns aber nichts, denn ein Vor-aller-Wahrnehmung kann uns unmöglich begegnen; was uns widerfährt, sind – niemals Seiende, sondern – „immer schon“ Wahrnehmungen; weder A noch B, vielmehr entweder AA oder AB.

Der alte (1) und neue Realismus (4) behaupten somit die Existenz von etwas, das wir nicht nur prinzipiell nicht finden, sondern nicht einmal suchen können, das somit einer Hinterwelt angehören muß und wir zum Glück auch nicht brauchen.

Die Wahrnehmungen bilden das Primäre, und das können sie nur, weil sie sich nicht aus der Wechselwirkung von Seienden ergeben. Was sollen Seiende eigentlich sein?

 

Versuchen wir noch, unsere Gestalten wenigstens ein bißchen verständlich und ihre Notwendigkeit plausibel zu machen. 

Am wolkenlosen Mittagshimmel sehen wir alle einen helleuchtenden konturlosen Kreis; das ist eine Gestalt; speziell eine Anschauung, weil sie wirklich ist.

Für uns stellt sie die Sonne dar, und wir verstehen darunter eine Wahrnehmung oder Einheit aus Anschauung und Deutung – { Anschauung + Deutung } –, von der wir sehr viel erzählen können; über Gaskugeln, Kernfusion, Wasserstoff oder Helium usw.

Eine andere Möglichkeit kennen wir von den alten Ägyptern; unsere Sonne war bei ihnen bekanntlich der Gott Re – und damit eine ganz andere Wahrnehmung – bei der gleichen Gestalt bzw. Anschauung.

Die aufklärerische Überzeugung, die Ägypter seien naiv gewesen, denn es ist tatsächlich die Sonne und nicht der Re, bildet in Wirklichkeit das Naive, weil man bei ihr – natürlich ebenso wie bei der gegenteiligen Annahme – Seiende glauben muß, denn ohne letztere besitzt dieses „tatsächlich“ keinen Sinn. Wir können nur sagen, was wir bzw. die Ägypter wahrnehmen; für Seiende ist der Nous zuständig.

Schicken wir also eine Rakete zur Sonne resp. zum Re um nachzuschauen, „wer Recht hat“. Nach einem hinreichend langem Flug würde die Rakete unserer Interpretation zufolge zerschmelzen und verglühen. Aber etwas Ähnliches hätten die alten Ägypter wohl auch prophezeit, denn man schießt nicht ungestraft Raketen auf einen Gott. Das hätten sie niemals getan; ebenso wie es für uns absurd wäre, die Sonne anzubeten.

 

Ich habe das sehr breit ausgeführt; weil es mein Lieblingsbeispiel darstellt, aber auch weil daran die Bedeutung der Anschauungen sehr schön verständlich wird.

Die Sonne gehört unserem modernen Weltbild an und der Re dem ägyptischen der Pharaonenzeit. Ziehen wir die rein geistigen Interpretationen oder Auffassungen von den Wahrnehmungen Sonne bzw. Re ab, so ist nicht alles weg, sondern es bleibt eine rein sinnliche Anschauung übrig, eine wirkliche Gestaltung. 

Schaut Hasso zu ihr hin, sieht er weder die Sonne noch den Re, sondern lediglich eine – wenn auch andere – Anschauung. („Schaut Hasso“ ist natürlich falsch, weil er keine Subjektivität, sondern lediglich ein Subjekt sein kann; das korrigieren wir der Einfachehit halber erst später.) 

 

Mittels des eigenen Weltbilds werden die Anschauungen auf den Begriff gebracht und damit zu Wahrnehmungen. Das Weltbild entspricht einer Brille, durch die wir auf die rein sinnlichen Anschauungen sehen, so daß aus ihnen die Wahrnehmungen als sinnlich-geistige Einheiten hervorgehen.

Die Gestalten sind zwar diskret wie die Begriffe, aber dennoch unsagbar. Wir können ihnen natürlich einen Namen geben – so wie Moritz „Moritz“ heißt –, aber Namen sagen uns nichts und machen deswegen die Gestalten auch nicht sagbar; Namen gehören nicht zur Sprache.

Um die Gestalten sprachlich darstellen zu können, müssen sie auf den Begriff gebracht und zu Wahrnehmungen werden.

 

Damit kann ich einen Fehler von soeben korrigieren:

Auch der helleuchtende konturlose Kreis am wolkenlosen Mittagshimmel ist natürlich schon keine Gestalt mehr, sondern bereits eine Wahrnehmung; andernfalls hätten Sie mich doch gar nicht verstehen können.

Dort befindet sich in Wirklichkeit die Anschauung K3j47; sie wird auch von Hasso gesehen, und in unserem Weltbild wird daraus die Sonne.

1.7. Zusammenfassung

In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte zusammenfassend wiederholt, damit die Studierenden sich das neue Wissen gut einprägen können. Bei uns geht es jedoch nicht um ein Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Andern von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe, nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Denkniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen.

Wo befinden wir uns? Weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erwartet uns nun? 

 

Sowohl der traditionelle als auch unser Ansatz unterscheiden zwischen Innerem und Äußerem, aber die beiden Einteilungen haben nahezu nichts miteinander zu tun.

Traditionell stellt man sich vor, das allumfassende Ganze – wie der, mit dem und durch den Nous – von Außen sehen zu können. Dann liegen die Seienden der Welt (sowie Gottes als Nebenwelt) vor uns ausgebreitet, und sämtliche Subjekte besitzen jeweils ihr eigenes Innen. Zu ihnen gehören auch wir, so daß sich die Gesamtschau, die ich soeben andeuten wollte, in unserem Innen befinden muß; eine Vorstellung der Totalität in mir.

Ich halte das nicht nur für absolut unverständlich, sondern mehr noch für größenwahnsinnig und unterteile deshalb völlig anders; in das jeweils eigene Bewußtsein und sein Außerhalb. Ohne Kontakt zum Nous entgeht uns die Totalität, so daß sich der Bewußtseins-„Inhalt“ wirklich auf den Bewußtseins-„Inhalt“ beschränkt. Das stellt keine leere oder tautologische Formulierung dar, denn traditionell verhält es sich ja ganz anders; dort gehört zum Innen-Inhalt eine Vorstellung vom allumfassenden ganzen Außen.    

 

Damit entfällt auch die Zuordnung des Inneren zu einem Körper, so daß es  für uns keine Subjekte gibt. Man muß die Objekte von außen sehen, um ihnen – gegebenenfalls – ein Innen zuordnen zu können.

Das ist bei uns ausgeschlossen, alle (bekannten) Objekte gehören dem Bewußtsein an, und dieses hat folglich keinen Besitzer; es gibt keinen „Bewußthaber“ (Hermann Schmitz).

Das Bewußtsein ist natürlich kein Gefäß, sondern nur „Inhalt“ und besteht im kontinuierlich-bewußten Fluß unseres Lebens sowie den darin enthaltenen diskret-gewußten Wissungen. Sie besitzen – ohne Welt – keine Referenten, und eben deswegen beschränkt sich der Bewußtseins-„Inhalt“ tatsächlich auf den Bewußtseins-„Inhalt“.

 

An die Stelle der traditionellen Subjekte treten bei uns die Subjektivitäten; weder existieren sie noch sind sie – als Lebend(ig)e – die Subjekte des Lebens. Vielmehr ergeben sich die Subjektivitäten erst aus dem oder durch das Leben, Das hat zwei fundamentale Konseqenzen.

Zum einen ist der Satz „Die Subjektivitäten leben“ falsch, denn es gibt nur die unzerlegbare Einheit aus Subjektivität und verbalem Leben, die wir als substantivisches Leben zusammenfassen.

 

(substantivisches) Leben   =   { Subjektivität + verbales Leben }

 

Zum anderen mögen beliebig viele Leben existieren; davon haben wir keine Ahnung, denn erst der Zugang zum Leben macht es durch diesen Zugang zu dem unsrigen und damit subjektiven:

Ohne Leben keine Subjektivität, und ohne Subjektivität kein subjektives Leben (mit seinen entsprechenden Wissungen).

 

Daß Außerhalb des Bewußtseins ist uns absolut unzugänglich. Es umfaßt den Ursprung sowie die fremden Bewußtseine. Jener ist unbestreitbar, weil es uns sonst gar nicht gäbe, und diese müssen wir anerkennen, um uns selbst keine (solipsistische) Sonderrolle zuzuschreiben; sämtliche Subjektivitäten stehen gleichwertig nebeneinander.

Aber nicht wie die Subjekte; wir schauen keine einzige Subjektivität, sondern sind lediglich „unsere“ Selbsterfahrung. Die Anführungsstriche sind wichtig, denn wir erfahren uns nicht selbst, sondern werden erst durch oder als die Selbsterfahrung konstituiert, so daß sie noch nicht die unsrige sein kann.

Daß jedes andere Bewußtsein für uns prinzipiell unerreichbar ist, besagt keineswegs, daß nicht beliebig große Übereinstimmungen mit ihm bestehen können; sie sind lediglich unkontrollierbar; wir können sie weder sinnvoll behaupten noch bestreiten.

Ich weiß nicht, ob Moritz denkt wie ich; aber aufgrund seines Redens und Handelns, die ich in meinem Bewußtsein erlebe, – wo auch sonst? – müßte man es fast annehmen.

 

Alle Subjektivitäten leben in, aus, durch und mit Gott.

Jede von ihnen bestimmt selbst darüber (mit), wieviel sie von Gott (er)lebt bzw. ihr als Ursprungs-„Rest“ entgeht.

Nun ist einerseits klar, daß sie nicht in der Welt leben können, weil keine vorhanden ist.

Andererseits folgt daraus, daß die Subjektivitäten auch nicht in „Raum“ und „Zeit“ leben können. Traditonell gehören beide zur Welt; für uns stellen sie jedoch nur Wissungen dar, die einen Teil unseres Weltbilds bilden, so daß wir mit, aber nicht in ihnen leben.

Ohne Welt und Nebenwelt besitzen Wissungen keine Referenten.

Vielleicht wird diese Aussage in der Gegenrichtung sogar verständlicher:

Die Tradition verdoppelt die Wissungen grundlos in Wissungen sowie Gewußte, erfindet damit die Welt (mit der Nebenwelt) als Gesamtheit der letzteren und (er)klärt im weiteren alles von dieser ihrer Erfindung her. 

 

In beiden Ansätzen gibt es nur eine (Art von) Wirklichkeit.

Traditionell besteht sie im angeblichen Vorhanden-Sein einer Erfindung. Alle innerweltlichen „Erklärungen“ dieser Wirklichkeit bewegen sich eo ipso in ihrem Rahmen – und können folglich nichts erklären.

Ohne eine sich selbst tragende oder begründende Urwirklichkeit bleibt das Schweben im Nichts unvermeidlich. Dewegen habe ich Gott bzw. die Transzendenz einführen müssen und nicht, weil ich „gläubig“ bin; ich möchte lediglich keinen offensichtlichen Unsinn schreiben.

Wenn Sie ein anderes Fundament finden, lassen Sie es mich bitte wissen; ich wäre begeistert.

 

Die Wirklichkeit Gottes überträgt sich auf uns; das reicht bis zu den Wahrnehmungen, in denen wir das eigene Leben durch die Brille unseres Weltbilds sehen. Auch daß wir Vorstellungen haben, gehört notwendigerweise zu unserem Leben, aber sie selbst sind unwirklich; in ihnen zeigt sich keine Wirklichkeit sondern ein Ensemble von Möglichkeiten.

Deswegen stellt sich uns letztlich bei jeder einzelnen Vorstellung die Frage, ob wir sie glauben oder nicht-glauben, annehmen bzw. ablehnen; Erdhörnchen „ja“, Erdmännchen „nein“.

Letzteres bedeutet, wir halten es für ausgeschlossen, daß die betreffende Vorstellung jemals zu einer Wahrnehmung für uns werden könnte. Auch in Zukunft wird diese Vorstellung nie unser wirkliches Leben treffen.

Im Falle eines „ja“ liegen keine so eindeutigen Verhältnisse vor, weil nicht alles, was wir glauben, auch wahrnehmbar sein muß; der Erdmittelpunkt beispielsweise. Aber wer die Erde als Vollkugel denken möchte, muß ihn mitglauben.

2. Genese des Geistes

Wer bisher kaum darüber nachgedacht hat, stellt sich Geschichte wohl recht problemlos als eine Aufeinanderfolge der Ereignisse vor, die „seit Beginn der Welt“ sukzessive zu uns geführt haben. Natürlich ahnen wir, daß nur ein paar geschichtliche Leuchttürme davon überliefert sind, nahezu alles unbekannt bleibt und wir so gut wie gar nichts wissen. Aber das ändert unsere Sichtweise nicht; theoretisch, so glauben wir, ließen sich die riesigen (Fast-nur-)Lücken durch historische Forschungen immer weiter auffüllen. 

 

Nach unseren Überlegungen im ersten Teil ist ein solches Geschichtsverständnis freilich unhaltbar geworden: Die Historiker haben Vorstellungen, aber nicht von der Vergangenheit, sondern von nichts – weil Wissungen keine Referenten besitzen. Vorstellungen sind Vorstellungen – ohne Wovon.

Damit bestreite ich nicht, daß es eine Geschichte oder Vergangenheit gegeben hat – das wäre ja widersinnig –, sondern lediglich unsere Gewißheit, sie zu kennen. Die Vergangenheit ist vergangen; wie sollte eine Übereinstimmung mit ihr aufgezeigt oder widerlegt werden?

Die Vorstellungen der Historiker beziehen sich nicht auf die Geschichte oder Vergangenheit, sondern bilden selbst die Historie bzw. das Früher. Vielleicht stimmen diese mit jenen überein, aber das läßt sich weder sinnvoll behaupten noch bestreiten, denn für eine Überprüfung kommen wir immer schon zu spät; die Vergangenheit ist bereits weg. 

Ohne sie gäbe es gar kein Früher; sie ist notwendig dafür. Das wird besonders daran deutlich, daß ohne die Vergangenheit natürlich ebensowenig ein Jetzt oder Später existieren würden, denn in ihr verlief die Geschichte, die die gesamte Gegenwart mit ihren drei Tempi hervorgebracht hat. Sogar das gegenwärtige Später resultiert aus der Vergangenheit, und diese muß das gegenwärtige Früher nicht stärker tangieren als das gegenwärtige Später.

 

„Ich habe Schwierigkeiten damit, Ihnen zu folgen.

Sie hatten uns im ersten Teil erklärt, daß die Tradition völlig unbegründet die Wissungen in Wissungen und Gewußte verdoppelt, letztere also nur erfindet und damit eine Welt hervorzaubert, an deren Vorhandensein sie dann selbst glaubt.

Nun befinden wir uns an einer sehr ähnlichen Stelle, aber Sie argumentieren ganz anders:

Die Hintoriker haben Wissungen und verdoppeln sie unbegründet in Wissungen und Gewußte. Sie erfinden jedoch nichts – denn die Geschichte bzw. Vergangenheit existierte tatsächlich –, sondern dürfen lediglich nicht behaupten, daß ihre Gewußten mit der wirklichen Geschichte übereinstimmen.

Mich befriedigt nicht, daß es sich erst so verhält und dann wieder anders.“

 

Das tut es auch; der Deutlichkeit halber unterteile ich sauber:

1. In beiden Fällen werden die Wissungen grundlos verdoppelt und Gewußte erfunden.

2. Diese bilden bei unseren obigen Überlegungen die Welt; das Pendant dazu existiert gar nicht; nennen wir es „X“.

3. Wir nehmen stets die Wissungen – des Weltbilds – ernst, aber nicht die angeblichen Gewußten, Welt bzw. X; beide stellen lediglich Erfindungen dar.

4. Das gilt natürlich nicht für die Vergangenheit oder Geschichte; sie waren wirklich – haben aber nichts mit X zu tun.

5. Da das traditionelle Denken glaubt, von der Welt ausgehen zu können, diese aber nur einer Verdopplung der Wissungen entspringt, kennt es auch nur die Tempi – Früher, Jetzt sowie Später – der Wissungen und weiß nichts von der Zeit.

6. Diese wird von den Modi Vergangenheit, Gegenwart sowie Zukunft gebildet und ist die Zeit, in der wir – in Gott – leben.

7. Es ist immer Gegenwart; das stellt weder eine Behauptung noch eine Erkenntnis dar, sondern soll als Tautologie verstanden werden; die Gegenwart bildet die „seiende“ Zeit in deren Werden.

8. Damit müssen auch sämtliche Wissungen gegenwärtig sein, und sie sind ebenso „zeitlich“ – früher, jetzt bzw. später – wie „räumlich“ – hier oder dort.

9. Wir könnten also sämtliche „zeitlichen“ und „räumlichen“ Prädikate mit einem Index „g“ für „gegenwärtig“ versehen. Er würde uns daran erinnern, daß sich ihre Bedeutungen kontinuierlich andern, ist aber selbstverständlich, so daß wir ihn weglassen.

10. Damit läßt sich der Wechsel vom traditionellen zu unserem Denken als Übergang der Wirklichkeit von einer zeitlosen Welt zu einem zeitlichen Leben verstehen.  

     

„Ich erahne die Richtung Ihrer Antwort und hoffe, wir kommen noch ausfürlich darauf zurück; das war eher eine äußerst kurze Zusammenfassung.

Aber vielleicht sollten Sie bereits an dieser Stelle ein Wort zu den historischen Zeugnissen sagen, deren Existenz sich doch kaum bestreiten läßt.“

Doch; ein bißchen schon.

Die Historiker finden Schriftrollen, Tonscherben, Schädelknochen, Grabbeigaben, Schmuckstücke usw. als „Zeugnisse der Vergangenheit“. Aber selbst diese – als primitiv und selbstverständlich erscheinende – Aufzählung kann bereits falsch sein, denn das sind möglicherweise keine Zeugnisse der Vergangenheit, sondern bereits deren Interpretationen mittels unseres gegenwärtigen Weltbilds. Vielleicht gab es in der angeblich bezeugten Vergangenheit gar keinen Schmuck, sondern nur Schutz gegen bösen Zauber und gefährliche Verwünschungen.

„Das dort“, diese unsagbare Anschauung – oder wirkliche Gestalt – bildet natürlich ein Zeugnis der Vergangenheit; aber als Schmuck tut sie es eventuell bereits nicht mehr. Indem wir die Anschauungen auf den Begriff bringen oder ihnen ein Auffassung verleihen, werden sie zu Wahrnehmungen im Rahmen unseres Weltbilds, und damit gehen die Zeugnisse der Vergangenheit möglicherweise in Früher-Wissungen der Gegenwart über.  

Wir bestreiten also keineswegs, daß die Archäologen Anschauungen finden, sondern geben lediglich zu bedenken, daß deren Wahrnehmung ein Anschauen-als . . . darstellt und damit bereits kein Zeugnis der Vergangenheit mehr sein muß.

 

Das Kriterium historischer Arbeit kann also nicht in der Übereinstimmung der Wissungen mit der Vergangenheit bestehen, sondern lediglich in deren Konsistenz. Die Geschichtswissenschaftler bemühen sich um ein Früher, das unser Jetzt in möglichst jeglicher Hinsicht gut verstehen läßt und optimale Möglichkeiten für das Später eröffnet.

„Am rundesten wird das Ganze“, müßten sie sagen, „wenn wir uns die Historie folgendermaßen vorstellen“; und dann folgt ihr gegenwärtiger Konsens. Sie dürften jedoch nicht behaupten, daß es so gewesen sei, denn das sind lediglich leere, weil prinzipiell unüberprüfbare Worte.  

 

Für eine gute Interpretation kann es nötig sein, historische Anderungen zu akzeptieren.

„Anderungen“ ist kein Schreibfehler, sondern Absicht. Änderungen erfolgen an etwas Konstantem; Anderungen bedeuten dagegen, daß alles anders wird und somit nichts Konstantes existiert, woran eine bloße Änderung möglich wäre.

Ein Apfel ändert seine Farbe und Größe, bleibt aber Apfel; wird er jedoch zur Birne, handelt es sich um eine Anderung. Natürlich machen Äpfel und Birnen soetwas nicht, aber daraus folgt kaum, daß auch in der Historie keine Anderungen auftreten können. 

In ihr – zwischen früher und später also – gibt es sowohl Änderungen als auch Anderungen.

 

In der Vergangenheit ereignete sich eine Genese des Geistes, die zu unserem gegenwärtigen Weltbild führte. Heinrich Rombach spricht vom „Leben des Geistes“ oder von seiner „Fundamentalgeschichte“; wer dergleichen ablehnt, hat ein Erklärungsproblem, denn Weltbilder sind weder einfach vorhanden noch fallen sie vom Himmel.

Und vom Früher können sie nicht herrühren, denn das gehört selbst zum gegenwärtigen Weltbild.

Vergangene geistige Epochen sind als solche tatsächlich vergangen im Sinne von unwiderbringlich weg. Nicht nur wollen oder können wir nicht mehr so denken, sondern wir wissen gar nicht, wie „so denken“ gehen würde, um es wollen zu können.

Das ist bei Anschauungen anders; mit ihnen ragt die Vergangenheit als Vergangenheit in unsere Gegenwart herein und ist nicht einfach weg.

Während die Auffassungen überformt oder aufgehoben werden, könnten wir auch formulieren, bleiben die Anschauungen unverformt bzw. aufbewahrt.

 

 

Zukunft ?    
      zeitliche Genese  
  — Änderungen und Anderungen →   |  
  früher jetzt später „zeitliche“ Wissungen                          
Gegenwart   Wahrnehmungen   |    
    =      
    Anschauungen + Auffassungen  
        zeitliche Genese  

 

Vergangenheit

  Anschauungen     |  
früher jetzt später Wissungen    

 

Abbildung 2.-1

 

Die Historiker bringen die Anschauungen auf den Begriff oder verleihen ihnen eine Auffassung und dringen so mit den resultierenden Wahrnehmungen möglicherweise – aber unkontrollierbar – auch mehr oder weniger tief in die Vergangenheit ein, indem sie ein gegenwärtiges Früher mit seinen Änderungen und Anderungen konstruieren.  

Das haben viele, zum Teil große Denker – von August Comte über Ernst Cassirer bis Ken Wilber – versucht und dabei zwischen zwei und acht größere Anderungen des Geistes unterschieden, die sich teilweise (Jean Gebser, Pierre Teilhard de Chardin) auch noch auf das Später beziehen.

Aber nochmals:

Die Geschichtsphilosophen sprechen nicht von der Vergangenheit – oder vorsichtiger: dürften zumindest nicht behaupten, es zu tun –, sondern entwerfen ein Früher, das sich als passable Hinführung zum Jetzt verstehen läßt.

Für unser Anliegen genügen diesbezüglich die letzten drei Jahrtausende der abendländischen Geschichte.  Wir unterteilen sie in (I) Vorantike, (II) Antike mit Mittelalter, (III) Moderne sowie (IV) Postmoderne und versuchen, die drei historischen Anderungen zwischen diesen Geistesformationen möglichst anschaulich darzustellen.

 

In der nachstehenden Tabelle habe ich teilweise ein wenig vorgegriffen, damit Sie die neuen Gedanken möglichst leicht einordnen können

 

 

traditionelles Denken unser Ansatz
I II III IV
         Vorantike         Antike und Mittelalter           Moderne                Postmoderne     
       
objektive Welt objektive Welt objektive Welt subjektive Weltbilder
Seiende Seiende Seiende ————
———— ———— ———— Gestalten
? Außen-Innen-Dualismus Außen-Innen-Dualismus weder Außen noch Innen
 ganzheitliches Subjekt Subjekt mit Seele
Subjekt mit Psyche
Subjektivität mit Bewußtsein

 

Abbildung 2.-2

2.1. Das traditionelle Denken

Das traditionelle Denken bestimmt unsere jüngste Geschichte bis in die Moderne hinein und wird im Kern durch zwei simple, lange Zeit als selbstverständlich erachtete Vorausetzungen chrakterisiert.

Es geht zum einen davon aus, daß eine objektive Welt unabhängig von uns dauerhaft in „Raum“ und „Zeit“ existiert. Das ist alles andere als selbstverständlich; in Kulturen ohne eine solche Stabilität müssen die Menschen am Morgen vielleicht bestimmte Riten zelebrieren, damit die Sonne – nicht wieder aufgeht, sondern – erneut wiedergeboren wird. Die Bestandteile dieser Welt sind die Seienden, die wir oben in (Nur-)Objekte und die Körper der Subjekte aufgeteilt haben.

Zum anderen ergibt sich aus dieser an sich seienden Welt unmittelbar der traditionelle Wahrheitsbegriff als adäquate Repräsentation oder Wiedergabe der Seienden. Dort befindet sich wirklich die Sonne; dies zu erkennen, ist wahr; wer dagegen behauptet, das sei der Gott Re – oder was auch sonst noch –, spricht die Unwahrheit.

 

Vor – der Philosophie des Subjekts in – der Moderne waren die Menschen zumeist überzeugt, den Seienden selbst oder unmittelbar zu begegnen. Mit der Moderne geht der direkte Kontakt dadurch immer stärker in einen bloß indirekten über, daß die Menschen vermehrt glauben, die Urbilder in ihrer subjektiven Psyche abzubilden und somit zumeist nur noch deren Abbildern zu begegnen.

Diesen Unterschied überspielen wir laufend und wohl zumeist, ohne ihn zu bemerken.

 

Im Zimmer steht beispielsweise ein wirklicher Ur-Stuhl als Seiendes der Welt; daß wir ihn sehen, bedeutet, daß unsere Psyche ein adäquates Abbild von ihm enthält. Wir treten näher heran, aber das ändert nichts an unserer Überlegung. Bis wir uns darauf setzen – dann ist es plötzlich der Ur-Stuhl selbst und nicht mehr nur sein geistiges Abbild, denn darauf kann man sich nicht setzen. 

Wir sehen zwar nur ein Abbild des Steaks, essen aber gewiß letzteres selbst. Wann springen die Abbilder in die Urbilder über?

Das Urbild Mond existiert schon sehr lange; ein Baby sieht es irgendwann zum ersten Mal aus seinem Kinderwagen, und dann läßt sich dieses Sehen schwerlich anders als ein Abbilden des präexistenten – vom Anblick durch das Baby völlig unbeeindruckten – Ur-Mondes verstehen.

 

Damit sind wir wieder bei dem Vorgehen, das uns jetzt schon mehrfach begegnet ist:

Die Tradition spaltet unsere tatsächliche Wahrnehmung – obwohl wir nicht doppelt sehen – in das äußere Ur- sowie innere Abbild auf – Gewußtes bzw. Wissung –,  behauptet die Identität beider und benutzt – zumeist stillschweigend – jeweils die passende Seite

Das ist zum Glück nicht unser Problem; es entfällt bei uns, weil wir die Wahrnehmungen gar nicht erst aufspalten, um die beiden Seiten dann wieder vereinen zu müssen. Aber wir verstehen recht gut, daß traditionell eine solche Schwierigkeit auftreten muß:

Das Auf-den-Stuhl-Setzen oder Steak-Genießen existieren wirklich und gehören somit zur Welt; das Sehen, Wissen, Erkennen oder Abbilden von Stuhl, Steak bzw. Mond dagegen nicht. Wer nicht  mehr (an) den Nous glauben kann oder will, muß das Sehen, Wissen, Erkennen und Abbilden also schlichtweg ignorieren.

 

Ich habe den Begriff der Seienden bewußt sehr dinghaft, körperlich, physikalisch oder materiell eingeführt, und wir werden uns auch ausschließlich auf derartige Seiende beschränken.

Traditionell gibt es jedoch sehr viele philosophische Richtungen, die zusätzlich auch von rein geistigen Seienden ausgehen. Ein Paradebeispiel bildet der Platonismus; wir haben wohl alle schon gehört, daß darin etwa mit der Idee der Gerechtgkeit oder den Transzendentalien – des Einen, Wahren, Guten und Schönen – auch nicht-sinnliche Seiende vorkommen.

Die lassen wir vollständig weg, weil es uns weder um die traditionelle Philosophie geht noch um Fragen, die Sie kaum bedrängen, sondern nur um offensichtliche Probleme. Sage ich Ihnen, daß das Eine meines Erachtens nicht existiert, geben Sie mir vielleicht Recht, um das Thema zu beenden; es spielt bei Ihnen wahrscheinlich ohnehin kaum eine Rolle. Behaupte ich dagegen, daß es den Mond nicht gibt und die Erde keine Kugel ist, erreiche ich gewiß Ihre Aufmerksamkeit; in welcher Form, ist natürlich noch offen:

Entweder Sie schalten Ihren Laptop aus; „Blödsinn“!

Oder Sie versuchen zu verstehen, wie ein Mensch auf so spleenige Behauptungen kommen kann.    

 

Damit werden auch die traditionellen Nicht-Seienden uninteressant, so daß wir für unsere Belange die Urbilder mit den Seienden identifizieren können.

Steht im Vordergrund, daß vom Original die Rede ist – und nicht nur von den Abbildern in der Psyche –, dann sprechen wir von Urbildern; soll dagegen ihre Existenz betont werden, ist der Begriff der Seienden besser geeignet.

2.1.1. Von der Vorantike zur Antike

Vor 3000 Jahren (I) betrachteten sich die Menschen in den Metropolen des heutigen Griechenlands als Ein- oder Ganzheiten, wie dies bei den Juden noch zu Zeiten Jesus‘ der Fall war. Hier wird bereits deutlich, daß sich die Genese des Geistes kaum auf die „Zeit“ abbilden läßt und ihre Formationen somit primär vom Inhalt her verstanden werden müssen.

Im fünften Jahrhundert vor Jesus (II) erfanden die Griechen die Seele als ihr Innen; „erfanden“, nicht „entdeckten“. Sie verstanden sich nun nicht mehr als Einheit, sondern die Menschen bestehen dieser Geistesverfassung zufolge aus dem Körper, der irgendwie „innen“ eine Seele enthält. Der Geist gehört entweder zu ihr oder wird als dritter Bestandteil separat gezählt. Dann würde man vielleicht sagen, daß uns die Seele mit den Tieren verbindet und der Geist uns von ihnen unterscheidet.

Der einheitliche lateinische Wortstamm von animal – Tier –, anima – Seele – und animus – Geist – ist gewiß nicht zufällig und spricht sehr stark dafür, daß natürlich keine sauberen Unterscheidungen existieren (können). Dieses Konzept steht ganz  am Beginn des philosophischen Denkens in Griechenland und entspricht folglich nur einem unsicheren Herumtasten.

 

Nochmals zurück zu dem „Erfinden“ soeben:

Die Griechen haben nicht etwas immer schon Bestehendes nun endlich richtig erkannt; „von Anfang an besitzen alle Menschen eine Seele, unsere Vorfahren (I) wußten das lediglich noch nicht“. Vielmehr ist die Seele tatsächlich nur ein Erfindung, die ein anderes Vorstellen und Sprechen erlaubt.

Aber was heißt hier „nur“? Auch die Vorantike, der Staat und Mensch sind „nur“ Erfindungen oder Konstruktionen; was könnten sie auch anders sein ohne Urbilder? Im Verlaufe unserer gemeinsamen Überlegungen soll deutlich werden, daß die Unterscheidung zwischen Erfinden und Erkennen selbst nur eine Erfindung darstellt, die vom traditionellen Denken fälschlicherweise für eine Erkennung gehalten wird.

Unausgesprochen wußten wir das bereits:

Ohne Referenten kann es lediglich Erfindungen geben. Ein „nur“ ist dabei völlig fehl am Platze, denn den vergangenen Erfindungen – die freilich auch ganz anders hätten ausfallen können – verdanken wir unsere gegenwärtigen Wissungen.

 

Nun konnten die Griechen sagen: „Ich bin eine individuelle Seele und habe einen – ihren – Körper; der bin ich jedoch nicht. Ich lebe dort, wo die Seele lebt“ – aber wo ist das?

Als die Juden viel später dieses Menschenbild von den Griechen übernommen hatten, ließ sich zumindest das Leben nach dem Tod anschaulich als dasjenige der reinen Seele bei Gott verstehen.

Auch die Identität eines Menschen wird durch diese Erfindung leicht denkbar; mag doch mit dem Köper pasieren, was will; seine Seele macht den Menschen zu dem, der er ist. Natürlich erkennt man den 80-jährigen Moritz auf seinen Kinderphotos nicht wieder, aber seine identische Seele verbindet ihn mit dem Kleinen und macht ihn für immer und ewig zu Moritz.

Sogar eine Seelenwanderung wird damit leicht verständlich; sie war zuvor unmöglich, weil undenkbar. Das ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie sich durch eine bloße Erfindung – Ackerbau oder Internet ebenso wie Seele – ganz neue gewaltige Denkräume auftun.

2.1.2. Antike und Mittelalter

In der griechischen Antike nannte sich die objektive Welt zwar „Kosmos“, hatte aber mit unserem Kosmos kaum etwas zu tun; „schöne Ordnung“ oder „Schmuck“ wären die treffenderen Bezeichnungen gewesen. Diese antike Welt charakterisierte beispielsweise eine Sphärenharmonie, die sich unter anderem auch in der Musik, Zahlenmystik und Farbenlehre wiederfand. (Platonische) Ideenwelt und Kosmos widersprachen sich damals nicht nur nicht, sondern bildeten das (eine) Arbeitsgebiet der Philosophen.

Anfang und Ende konnten sich die antiken Griechen nicht vorstellen, denn alles lief nach strengen – natürlich antiken – Gesetzen ab und führte somit lediglich zu endlosen Wiederholungen, wie sie im „Zeit“-Kreis zum Ausdruck kamen. Der daraus resultierende Kosmos kann nur eine ewige (schöne) Ordnung darstellen.

Der Körper ist belanglos; allein auf die Seele kommt es an, so daß auch sie ewig sein muß. Ein paar Jahre bleibt sie in ihrem – unserem – Körper eingeschlossen, der teilweise als „Grab der Seele“ betrachtet wurde. Der Tod ist dann ihre Erlösung und führt sie wieder dorthin zurück, wo sie sich bereits vor der Geburt aufhielt. Wird unser Leben in dieser Form als eine strafrechtliche Verbannung der Seele aus dem „Paradies“ verstanden, kann man vielleicht gelassen wie angeblich Sokrates den Schierlingsbecher trinken und auf das eigene Sterben warten. 

 

Diese Welt ging mit dem Wechsel zum Christentum in den Zuständigkeitsbereich der Theologen über, ohne daß hierbei an den Fundamenten des Denkens gerüttelt werden mußte. Weiterhin gab es die objektive Welt; sie hieß nun „Schöpfung“, und aus den ewigen Platonischen Ideen konnten völlig problemlos die ebenso ewigen Schöpfungsgedanken Gottes werden. Es wurden lediglich die Worte gewechselt, ohne das Gedankengebäude in seiner begrifflichen Struktur anzutasten, so daß sich hinsichtlich der uns interessierenden Fragen letztlich nichts geändert hat

Friedrich Nietzsche konnte deshalb sagen, „der christliche Glaube ist Platonismus fürs Volk“; und so wie die Religion von den Kirchen zumeist dargestellt wird, läßt sich dem leider auch heute noch – bald 150 Jahre später – kaum widersprechen.

Aus dem Kreis wurde – durch Schöpfung, Erlösung und Vollendung – zwar ein gerichteter Strahl der „Zeit“; aber das bezieht sich nur auf die endliche Welt und berührt nicht die Ewigkeit Gottes.

 

Das Denken des Mittelalters geht davon aus, daß alles für unser Leben und Heil Notwendige prinzipiell bereits bekannt ist; es steht in den Schriften der bedeutenden Lehrer der Religion, Philosophie oder Weisheit. Deswegen benötigen wir keine neuen Erfahrungen, kann insbesondere die Offenbarung als abgeschlossen betrachtet werden und war das, was sich heute „Forschung“ nennt, praktisch undenkbar.

Alles Wesentliche ist schon in den wichtigen Büchern enthalten, und in sie müssen wir uns vertiefen; Lehre ist Studium der Schriften. „Der Name der Rose“ kommt Ihnen wahrscheinlich wie von selbst in den Sinn. 

Natürlich könnten wir untersuchen, ob es auch Spinnen mit sechs und Insekten mit acht Beinen gibt. Aber das ist völlig ohne Bedeutung, denn wenn es wichtig wäre – etwa für unser Seelenheil –, stände es bereits irgendwo.

 

Für die Schöpfung eines unendlichen Gottes war der Gedanke der schönen Ordnung wohl noch wichtiger als für den griechischen Kosmos.

Man stellte sie sich in Form einer Pyramide vor, in der alle Seienden sortiert nach Gattungen und Arten angeordnet sind. Die uns wohl allen bekannte Begriffshierarchie mit ihren Ober- und Unterbegriffen sowie das traditionelle Verständnis der Definition als Einheit von Oberbegriff und unterscheidenden Charakteristika der Unterbegriffe zeugen noch von einem solchen Denken.

An der Spitze dieser Pyramide steht natürlich Gott selbst als das „vollkommendste“ oder „seiendste Seiende“; Martin Heidegger spricht deshalb auch von einer „Onto-Theologie“. 

2.1.3. Moderne

Das wissenschaftliche Denken der Moderne behält wiederum den Glauben an die eine „Welt“ bei und spricht nun von Materie, Natur, objektiver Realität oder ähnlichem, so daß die neuen „Experten“ in den Naturwissenschaftlern bestehen. Insbesondere natürlich in den Physikern, weil heute noch sehr viele Empiriker annehmen, die Physik sei die grundlegende Naturwissenschaft und Biologie vielleicht sogar Medizin sowie Neurologie ließen sich auf sie reduzieren; eine Ansicht, der selbst Chemiker (wie Hans Primas) schon vor 50 Jahren massiv widersprochen haben.    

Neu ist jedoch, daß die Moderne unsere Unwissenheit entdeckt; es steht nicht alles Wichtige bereits irgendwo, und das, was irgendwo steht, muß weder wichtig noch wahr sein.

„Vor uns liegt ein gewaltiger Berg von offenen Fragen und ungelösten Problemen – sowie eine großartige Zukunft. Wir warten nicht mehr auf das Reich Gottes, sondern schaffen den Himmel auf Erden“; etwa so ließe sich die Aufbruchstimmung der großen Geister zu Beginn der Moderne zusammenfassen.

Das Experiment der „neuen Wissenschaft“ (Roger Bacon) – als kontrollierte „richterliche Befragung der Natur“ (Kant) – führt zusammen mit der Idee des Fortschritts zum Aufbau des wissenschaftlich-technisch(-ökonomisch)en Komplexes.

 

Es versteht sich nahezu von selbst, daß diese beiden Formen des Denkens – die antik-mittelalterliche und die moderne – einander nur voller Unverständnis gegenüberstehen konnten:

„Wir wissen doch bereits alles (Wichtige); wonach suchen die ‚Neuen‘ denn mit ihren Experimenten – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“

„Wieso glauben die ‚Alten‘, daß ihr ‚Wissen‘ etwas mit Wahrheit zu tun hat; sie ’studieren‘ Bücher – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“

Die wissenschaftliche Methode hat sich grundlegend geandert und geht nun von einem Zirkel aus Hypothese plus Experiment aus, um mit seiner Hilfe grenzenlos in das Unbekannte hinein zu forschen.

 

Experimente führen jedoch zu Wahrnehmungen – die wieder neue Experimente veranlassen und gegebenenfalls unser Weltbild korrigieren –, aber nicht mehr zu traditionellen Seienden, so daß deren Pyramide zerbricht. Die Ordnungs-Struktur der Gattungen und Arten entfällt, und es tritt auch keine andere an ihre Stelle; die traditionelle Ordo-„Welt“ ist vorüber.

Das bewirkt unter anderem den Tod des onto-theologischen Gottes; ohne Pyramide bedarf es auch keiner krönenden Spitze mehr; Nietzsche hat Recht mit seinem „Tod Gottes“.

 

Die Abkehr vom traditionellen Denken beginnt im großen Stil jedoch schon mit Kant; er wußte das selbst und betrachtete seine eigene Philosophie daher als eine „Kopernikanische Wende“. Kant gab darin den Anspruch auf, die WIrklichkeit der „Welt“ erreichen zu können, und beschränkte sich auf deren Erscheinungen, das heißt, die Wahrnehmungen.

 

Sein der „Welt“   →   Erscheinen der „Welt“   =   Wahrnehmungen

 

Damit wird der Begriff der Seienden jedoch völlig hinfällig, denn wir können am Erscheinen der „Welt“ nicht dasjenige einzelner Seiender unterscheiden.

 

Erscheinen des Dings an sich   =   Wahrnehmungen   ≠   Erscheinen der Seienden

 

Wieso sollen hinter unseren Wahrnehmungen namens „Jungfrau“, „Mönch“ und „Eiger“ drei getrennte Seiende stehen?

Kant war also nur konsequent, wenn er die traditionelle „Welt“ durch das Ding an sich ersetzte, von dem wir prinzipiell nicht(s) wissen können. Er benötigte es lediglich noch, um die Wahrnehmungen als dessen Erscheinungen erklären zu können, – wofür ihn Fichte, Schelling und Hegel bereits verlachten. „Ding an sich“ war auch für Kant bereits nur ein nichtssagender Name wie „CR7jt“.

 

Wir müssen noch einen Schritt weitergehen.

Kant war fasziniert von der (Newtonschen) Physik seiner Zeit, betrachtete sie als die grundlegende Wissenschaft von der „Welt“, hielt sie für wahr und wollte das begründen. Wie er das versuchte, muß uns nicht interessieren, weil bereits sein Ding an sich kaum noch denkbar ist; aber wir brauchen wieder die „Welt“, denn die Physik bildet für Kant deren fundamentale Wissenschaft.

Dazu genügt es, die traditionelle „Welt“ der Seienden durch eine solche der Wahrnehmungen zu ersetzen. Physiker reden nicht über eine Hinterwelt, sondern untersuchen Wahrnehmungen.

 

 

Tradition Kant wir
     
objektive „Welt“ Ding an sich
————–
Seiende oder Urbilder ————– ————–
Wahrnehmungen der Seienden
Wahrnehmungen des Dings an sich
Wahrnehmungen ohne Referenten
adäquate Abbildungen intersubjektive „Welt“ der Physik subjektive Welten

 

Abbildung 2.1.3.

 

Wir gehen weiter als Kant und streichen auch das Ding an sich. Dann sind die Wahrnehmungen keine Erscheinungen – weil nichts Erscheinendes existiert –, so daß auch kein Grund mehr für ihre Intersubjektivität besteht und wir von subjektiven Welten ausgehen müssen

Am Beispiel Kants wird zugleich sehr schön deutlich, daß der moderne Mensch nicht mehr naiv glauben kann, die Seienden mit Sicherheit ungetrübt in ihrer Wirklichkeit schauen zu können. Die meisten von uns glauben zwar noch an eine urbildliche „Welt“, ahnen aber zugleich auch, daß die Abbilder in unserer Psyche möglicherweise erheblich von den Urbildern abweichen; die antike Ausnahme ist zum Normalfall geworden.

 

Auf die sich hieraus ergebenden Schwierigkeiten hatte ich anhand einfacher Beispiele schon mehrfach hinweisen wollen. Der Gedankengang ist aber so wichtig, daß wir ihn uns nochmals exakt und in einer möglichst zwingenden Darstellung vor Augen führen sollten.

1.   Traditionell existieren Seiende.

2.   Unter Wahrheit versteht man deren adäquate Abbildung.

3.   Die „Subjekte“ sind sich hinsichtlich ihrer Erkenntnis der Seienden nicht immer einig; es gibt mitunter beträchtliche Meinungsverschiedenheiten.  

4.   Damit wird unbedingt eine Sphäre benötigt, in der – auch – die falschen Vorstellungen Platz finden können; das ist die moderne Psyche.

5.   Würden alle „Subjekte“ übereinstimmen, benötigten wir sie nicht, denn das ließe sich durch ein direktes oder unmittelbares Erkennen der Seienden problemlos erklären.

6.   Widersprechen aber einige „Subjekte“ – und wir wollen sie nicht als bösartig hinstellen –, so muß die Tradition das indirekte bzw. mittelbare Erkennen der Seienden über deren Abbilder einführen.

7.   Die betreffenden „Subjekte“ sehen es dann wirklich anders – eben falsch –, weil sie die Urbilder gar nicht erreichen.

8.   Die Tradition kommt also nicht an ihrer Verdopplung in Ur- und Abbilder vorbei.

9.   Unser Mond-Beispiel mit dem Baby im Kinderwagen läßt sich schwerlich anders verstehen.

10. Außen befinden sich  die Seienden und innerhalb der Psyche deren adäquate Kopien oder inadäquate Fehldarstellungen.

11. Diese Möglichkeit, nicht direkt zu den Urbildern durchgestoßen, sondern in der eigenen Psyche bei falschen Abbildern hängengeblieben zu sein, besteht freilich immer .

12.  Damit entfällt jeder Wahrheitsanspruch.

 

Wir stehen nicht vor diesem Problem, weil wir mit der Postmoderne (IV) die Seele (II) bzw. Psyche (III) aufgeben und durch das Bewußtsein (IV) ersetzen, dem eine völlig andere Funktion – als die des Abbildens (III) – zukommt. Sie entspricht weitestgehend dem Leben und ersetzt damit das traditionelle „Innen“ – ohne „Außen“.

Verzichten wir auf die Seienden, sind keine zwei Räume mehr erforderlich – das Außen für jene und das Innen für deren Repräsentationen. Es genügt eine Sphäre, und das ist unser Bewußtsein.

Daß durch das Canceln der Seienden en passant auch die traditionelle Wahrheit entfällt, führt hoffentlich dazu, daß die bisher einander widersprechenden Subjekte sich – nicht mehr in leeren Behauptungen ergehen, sondern – in ihr Bewußtsein vertiefen; noch mehr kann niemand tun.

2.1.4. Der Tod Gottes

„Kommen wir bitte nochmals auf Nietzsche zurück: Kann ein Gott überhaupt sterben?“

Um ihnen möglichst sauber und verständlich antworten zu können, wiederhole ich kurz einige unserer bisherigen Überlegungen:

 

Sämtliche Wissungen müssen zum Weltbbild gehören, weil es als deren Gesamtheit definiert ist; ob wir die Wissungen dann der Immanenz oder Transzendenz zuordnen und worin diese beiden überhaupt bestehen sollen, spielt dabei keine Rolle, denn das hängt ja selbt bereits vom jeweiligen Weltbild ab.

Die geglaubten oder als wahr akzeptierten Wissungen bilden unsere subjektive Welt.

 

Damit haben wir zunächst allein das Weltbild als die Sphäre der Wissungen oder Begriffe erfaßt; es gibt jedoch auch deren „Transzendenz“, nämlich Nicht-Wissungen oder Nicht-Begriffe.

Dazu zählen (unter anderem) innerhalb des Bewußtseins das Leben sowie die Gestalten und in seinem Außerhalb der Ursprung.

„Das verstehe ich nicht; wenn beispielsweise das Leben keine Wissung darstellt, Sie aber behaupten, es befände sich im Bewußtsein, wissen Sie doch gar nicht, was Sie sagen?“

Sehr gut! Leben, Gestalten und Ursprung sind Wissungen, die sich nur auf ein reines Daß beziehen. Ich wollte also zum Ausdruck bringen, daß im Bewußtsein das Leben sowie die Gestalten existieren und außerhalb der Ursprung. Dabei handelt es sich also um drei Begriffe, die wir wissen, ohne von ihnen zu wissen.

Daß sie bestehen, kann also nur irgendwie indirekt erschlossen sein:

Ohne das Leben gäbe es auch uns nicht.

Der Ursprung ist erforderlich, weil sonst gar nichts existieren würde.

Die Gestalten benötigen wir, um zwischen Erkennungen und Wahrnehmungen unterscheiden zu können.

 

Völlig einerlei ob die Transzendenz bzw. Gott nun in expliziten Wissungen oder in der bloßen Wissung ihres resp. seines Daß besteht, in jedem Falle handelt es sich um einen Teil oder zumindest eine Konsequenz des eigenen Weltbilds.

Das gilt insbesondere für unseren Ursprung; wir benötigen ihn unbedingt für unseren Ansatz, haben aber damit – zum Glück – nicht die Existenz Gottes bewiesen

Der Ursprung bildet vielmehr die einzige Stelle, an der – aufgrund dieses Ansatzes – ein wirklicher oder wahrer, das heißt, ungewußter Gott denkbar wäre; jeder gewußte ist eo ipso von uns geschaffen.

 

Von dem einen, wahren und wirklichen Gott wissen wir nichts; nicht einmal, ob er überhaupt existiert. Der Glaube an ihn bringt „lediglich“ die Hoffnung der Menschen auf grenzenloses Heil und absolute Gerechtigkeit zum Ausdruck.

Seinen Tod kann Nietzsche unmöglich erfahren haben, wenn nicht einmal klar ist, ob er überhaupt lebt(e).

Wissen wir das dagegen, muß es sich um einen gewußten Gott handeln, und der kann nachweislich sterben – wie schon so viele vor ihm. Am einfachsten indem wir ihn sterben lassen, das heißt, unsere diesbezüglichen Wissungen nicht mehr glauben und Gott damit aus der Welt heraus und – zumindest vorübergehend – in das Weltbild hinein verlagern, wo sich unter anderem schon Wotan, Zeus oder Baal befinden..

 

Den biblischen oder jüdisch-christlichen Gott verstehe als einen solchen des Lebens und der Freiheit, der Menschen nach seinem Ebenbild – also in Freiheit – will und die Menschen liebt; deswegen hatt er sie geschaffen. Sehr viele von ihnen – ich fürchte: mit Abstand die allermeisten – erfahren das in ihrem Leben kaum, und nicht wenige wünschten sich wohl sogar, nie geboren worden zu sein, oder verzweifeln am Leben.

Der Gott, den ich mir erhoffe, übernimmt die Garantie dafür, daß jeder einmal zu ihm sagen wird: „Ich bin froh, daß Du mich geschaffen hast – ohne jede Rückfrage und mein Einverständnis. Zwischenzeitlich war ich oft vom Gegenteil überzeugt und hätte nicht für möglich gehalten, daß Du das hinbekommst; meine Hochachtung!“

Dann singen wir nicht „Halleluja“ – was für mich ehrlich gesagt eher die Hölle wäre –, sondern unser Leben ist ein einziges „Halleluja“.

 

Wie soll Gott den Menschen – insbsondere den Opfern unter ihnen – „beweisen“, daß am Ende alles gut sein und er sämtliche Tränen abwischen wird? Am besten, indem er sich in ihre Situation begibt, Mensch wird und sich damit selbst diesem Schicksal ausliefert:

„Glaubt mir bitte, daß ich meine Zusage unter allen Umständen halte; ich würde doch niemals Mensch werden, wäre ich mir des guten Ausgangs meines Projekts – der Einheit von Schöpfung, Offenbarung und Vollendung – nicht absolut sicher.

Ihr alle seid letztlich – wie ich selbst – vollkommen geborgen und könnt unmöglich aus Gott herausfallen!“

 

Weil ich Gott so verstehe, stellt die Bibel für mich eine Frohe Botschaft dar; sie verheißt einen Gott, wie ihn beispielsweise Thomas Pröpper in seiner „Theologischen Anthropologie“ darstellt. Zu einem solchen Gott gelangten die Israeliten – einschließlich Jesus von Nazareth – durch ihr Ringen um ein adäquates Verständnis ihrer Lebens- und Geschichtserfahrungen:

„Er hat uns Gerechtigkeit versprochen; die gibt es nicht, ohne ein ewiges Leben, das auch die bereits Verstorbenen integriert. Ein ‚Gott‘, der nicht einmal die Seinen leben läßt, ist gar kein Gott; und einer, der sich nicht um ausnahmslos alle Menschen bemüht, kein gerechter.“

Ob der ersehnte Gott existiert – oder nur eine leere Sehnsuchts-Projektion darstellt –, kann natürlich niemand wissen. Aber wenn nicht, wäre das Leben grausam und die ganze Veranstaltung ein entsetzliches Drama. Dagegen wehre ich mich mit meiner ganzen Existenz, und deswegen glaube ich (an) diese meine subjektive Gottes-Hoffnung.

 

Das seiendste Seiende ist der Gott des griechischen Denkens oder der „Gott der Philosophen“ (Blaise Pascal), und ich bin überzeugt, daß Josef Ratzinger irrt, wenn er gebetsmühlenartig immer wieder betont, dies sei der wahre Gott. Hätte er damit Recht, wäre ich entsetzt und enttäuscht, daß Gott so klein ist, daß wir ihn denken und in unser Weltbild einsortieren können. Selbst wenn dies allein durch die Offenbarung möglich wäre, bleibt alles Wissen von uns abhängig, denn wir können es einfach ablehnen – und Gott ist weg.

Aber er ist zum Glück kein – wenn auch noch so großartiges – Seiendes geworden, sondern Fleisch, und davon haben Ratzingers Griechen nichts verstanden, wie beispielsweise die Verkündigung des Paulus auf dem Areopag zeigt.

Der Gott der Philosophen ist in in der Moderne unhaltbar geworden und somit tatsächlich tot. Natürlich wird noch viel von „seinem Schatten“ (Nietzsche) geredet; da aber das hierfür erforderliche Weltbild von den „Ungläubigen“ nicht mehr geteilt wird, verlieren seine Anhänger den Kontakt zum Leben und werden fundamentalistisch, sektiererisch, rechthaberisch oder zumindest eigenartig. 

 

„Jetzt verstehe ich erst, weshalb Sie oben Wert darauf gelegt haben, das subjektive Weltbild im Sinne der traditionellen Seele zu verstehen:

Wird Gott traditionell als seiend oder dinghaft aufgefaßt, ist er an Seelen gebunden, die wir ebenso zu denken haben; beides ist bei Ihnen aber ausgeschlossen. Deshalb benötigen Sie auch kein Bilderverbot, denn Bilder sind Vorstellungen, und die besitzen bei uns ohnehin keine Referenten.

Gott kann somit nur als Wissung, daß . . . – nicht in dem, sondern – durch das eigene Weltbild Wirklichkeit für uns werden. Das gilt ganz allgemein; Sie versuchen es speziell mittels des Ursprungs.

Und so wie Gott vom Seienden zur transzendenten Transzendenz wird, wandelt sich die Seele vom Seienden zum Weltbild. Letzteres kann natürlich weiterhin eine physikalische Darstellung des Kosmos bilden; dann besteht die Seele eben darin, und das Leben des entsprechenden Subjekts ist höchst einseitig.

Der entscheidende Punkt besteht folglich darin, daß wir mit der subjektiven Seele nichts zusätzlich zum Weltbild einfüren, sondern die Seele das traditionelle Nur-Weltbild umfängt – aber weit darüber hinausgehen kann und sollte.“   

 

Ja; ein entsprechendes Umdenken – um verstanden oder auch nur gehört werden zu können – fehlt leider weitestgehend. Überholte und mehr oder weniger absurd gewordene Gottesvorstellungen – tote Götter also – bestimmen weiterhin wie selbstverständlich das kirchliche Leben.

Das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen:

Nietzsche verkündet den Tod Gottes, der – zumindest nicht unwesentlich – erst durch die toten Götter (in) der Kirche provoziert wird!

Das Paradebeispiel hierfür bildet für mich der Gott des Augustinus und Anselm von Canterbury. Ihm zufolge vererbt sich die Sünde Adams auf die gesamte Menschheit, so daß der Sohn Gottes sterben mußte, damit der Vater – wenigstens einigen von – uns in seiner Barmherzigkeit vergeben kann.

Wir „sollen 7 mal 70 mal verzeihen“ – aber Gott stellt nicht nur Bedingungen, sondern vergibt auch nicht immer, sondern möglicherweise nur den „Auserwählten“ oder „Vorherbestimmten“. Damit bleibt er selbst hinter unseren ethischen Standards zurück, und einen solchen Gott kann ich nicht glauben; auch er ist für mich tot.

 

Außerdem hat Gott meines Erachtens freie Menschen gewollt und geschaffen. Folglich kann er zwar nicht allwissend sein – das wäre unvereinbar mit unserer Freiheit –, aber er muß zumindest damit rechnen, daß seine Geschöpfe ihre Freiheit möglicherweise mißbrauchen werden. Tun wir das, muß der Sohn – Augustinus und Anselm zufolge – entsetzlich leiden, um uns zu erlösen.

Gott ist aber allmächtig, hat keinen Gegenspieler und legte somit ganz allein die Bedingungen seiner Schöpfung fest. Das hat er also in vollkommener Voraussicht so getan, daß es für seinen eingeboren Sohn häßlich werden könnte – und höchstwahrscheinlich auch wird .  . .

 

Nein! Machen wir uns bitte ganz deutlich:

Dieser Gott ist nicht der „eine, wahre und wirkliche“, sondern lediglich die Gottesvorstellung – in der Welt – einiger Kirchenlehrer, die fälschlicherweise häufig mit jenem identifiziert wird, aber nicht nur sterben kann, sondern möglichst bald auch sollte.

Ohne Gottesvorstellungen können wir Menschen gar nicht leben, aber sie sind alle unwirklich – das ist eben die Eigenart von Erkennungen –, es gibt keine wahren darunter und ihr Zusammenspiel mit dem „einen, wahren und wirklichen Gott“ können wir uns an einem bekannten Text von Dietrich Bonhoeffer sehr schön verdeutlichen:

„Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – als ob es Gott nicht gäbe. Und eben dies erkennen wir – vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis.

So führt uns unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigeren Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt! Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.

Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.

2.2. Voraussetzungen des traditionellen Denkens

In der und durch die Moderne findet das traditionelle Denken sein Ende, denn es ist an Voraussetzungen gebunden, von denen einige nicht mehr haltbar sind. Sechs besonders kritische Bedingungen schauen wir uns in den nächsten Abschnitten der Reihe nach an:

1. Metaphysik der Präsenz

2. Existenz einer Hinterwelt

3. „Subjekte“ sind Objekte mit Innen

4. Objekte sind Seiende

5. Wirklichkeit als Eigenschaft

6. Todesverdrängung 

 

„Das bedeutet also, daß insbesondere die modernen Naturwissenschaften sich bereits postmodern orientieren?“

Nein; Anderungen des Denkens erfolgen unvorstellbar langsam; der Geist ist sehr träge, so daß der traditionelle Ansatz auch die Moderne noch ganz entscheidend prägt. Er wurde erstmals von Kant kritisch infrage gestellt sowie später massiv insbesondere von dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling und Hegel – sowie Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein; seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken philosophisch weitestgehend als überholt.

Aber dennoch wird dieser Ansatz außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften sowie der Theologie und im Alltagsdenken – häufig noch heute als eine angeblich unhinterfragbare Selbstverständlichkeit betrachtet und feiert dort fröhliche Urständ.

 

Die Hauptgründe für ein solch „stures“ Festhalten an längst Überholtem – wie Chemiker, die noch an das Phlogiston, und Pysiker, die noch an einen Äther oder den Wärmestoff „Caloricum“ glauben würden, – sind meines Erachtens die folgenden:

1. Der traditionelle Ansatz ist sehr einfach und anschaulich – um nicht zu sagen: primitiv –, weil er der Festkörperphysik oder noch deutlicher einem großen Legobaukasten entspricht.

2. Wer (an) ihn glaubt, braucht nicht nur keine Philosophie, sondern kann nur staunen, daß sich Menschen mit solch „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch alles so klar ist. „Was wollen die eigentlich? Bringt doch bitte nicht alles durcheinander!“

3. Gibt es ernstliche Probleme, kann es also niemals am „Welt“-Bild, sondern muß an unserem Denken innerhalb desselben liegen. Mögliche Alternativen sind völlig unnötig und werden somit auch nicht gesehen oder gar verstanden und einfach ignoriert; „Spinner!“

 

Die aus diesem Festhalten an einem alten Zopf resultierenden Schwierigkeiten – insbesondere der Ökologie, Theologie, Medizin oder Psychologie – müssen dann notwendigerweise gelöst werden, ohne ihre philosophischen Voraussetzungen auch nur in den Blick nehmen, geschweige denn infragestellen zu können. Das ist fatal, weil uns heute ganz andere Denkmöglichkeiten zur Verfügung ständen; wir mauern uns in ein selbstgefertigtes Gefängnis ein und versuchen, die aufkommenden Probleme durch das Stuckatieren der Wände zu lösen.    

Das zeigt sich für mich nicht zuletzt darin, daß wir den christlichen Glauben zwangsläufig auf eine Weise darstellen, die von denkenden Zeitgenossen abgelehnt werden muß. Die Kirchen werden nicht nur leer, weil die Menschen nicht glauben wollen, sondern auch weil sie es in der ihnen angebotenen Form selbst beim besten Willen nicht (mehr) können.

Wir dürfen spezielle zeit- und kulturbedingte Denkform nicht zum Non plus ultra machen, wenn es um die Frage nach der Wahrheit geht, oder gar mit letzterer verwechseln. Auch die Menschen anderer Kulturen suchen nach Wahrheit; der Gedanke, daß sie dazu erst einmal griechische Philosophie studieren müßten, erscheint mir jedoch absurd zu sein.

2.2.1. Metaphysik der Präsenz

Die erste der uns interessierenden Voraussetzungen des traditionellen Denkens thematisiert Jacques Derrida unter der Überschrift „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“ und meint damit den folgenden Widerspruch:

Die „Welt“ ist „räumlich“ und „zeitlich“ praktisch unendlich ausgedehnt; in diesen Weiten des physikalischen Kosmos sind wir Menschen nicht einmal Staubkörner, die fest an ihr kitzekleines Hier und Jetzt gebunden bleiben.

Das ist aber nur die eine Seite; auf der anderen Seite – und völlig unbeeindruckt davon – bilden wir uns ein, nichtsdestotrotz diesen gesamten Kosmos zu kennen. Wir überschauen ihn angeblich von einem Ende zum anderen und von seiner Geburt im Urknall bis zu seinem möglichen Tod, beispielsweise im finalen thermischen Wärmegleichgewicht.

Wie ist das möglich? Wer verhilft uns aus dem winzigen Heimatwinkel heraus zum Wissen des Alls?

Der Nous; entweder er erkennt oder keiner; mit rechten Dingen kann das nicht zugehen.

 

Dem traditionellen Denken in Antike und Mittelalter war das klar, und deshalb haben die damaligen Phiosophen ganz bewußt die Hilfe eines Gottes in Anspruch genommen, der – im Gegensatz zu uns Menschen – den vollständigen „Raum“ und die ganze „Zeit“ überblicken kann, weil er sich außerhalb von ihnen befindet. Bei den Griechen war dies der Nous, und Thomas Nagel nennt dessen Nicht-Perspektive den „Blick von nirgendwo“.

Wer – aber auch nur wer – über einen heißen Draht zum Nous verfügt, weiß alles.

 

Wie soll das bei Vergangenheit und Zukunft überhaupt möglich sein? Jene ist nicht mehr, diese noch nicht und damit absolut offen; da kann auch kein Gott helfen.

Die Tradition bekommt das hin und beansprucht, auch von ihnen zu wissen. Aber dann muß notwendigerweise die „Vergangenheit“ noch und die „Zukunft“ schon erreichbar sein.

Eine „erreichbare Vergangenheit“ ist jedoch keine Vergangenheit sondern das Früher, und analog dazu bildet eine „erreichbare Zukunft“ keine Zukunft, sondern das Später.  Die Tradition ersetzt also die wirkliche Zeit mit ihren Modi durch eine bloße „Zeit“-Vorstellung, die die Tempi enthält.

 

Der gewaltige Unterschied läßt sich leicht veranschaulichen.

Wir leben in der Zeit, und das bedeutet, daß die Zukunft letztlich als absolut offener oder unverfügbarer Adventus auf uns zukommt. Wir haben zwar Mittel und Wege gefunden, um die Brutalität dieses Widerfahrens zumeist ein wenig abzumildern, aber das bleibt letztlich Kosmetik.

Die „Zeit“ entspricht dagegen dem Anschauen eines bereits völlig fertiggestellten – und durch unsere Forschung immer bekannter werdenden – Films. Die gerade aktuale Szene ist das Jetzt, der Teil davor entspricht dem Früher und derjenige, der erst noch in den Projektor hineinlaufen muß, stellt das Später dar.

Damit wird leicht erklärbar, daß wir zwar immer nur das Jetzt sehen, der Nous aber natürlich die gesamte Filmrolle überschauen kann. Ich müßte wohl kaum erwähnen, daß die Ewigkeit (Gottes) häufig in dieser Form gedacht wird.

Das ist alles schön anschaulich, hat aber mit unserem wirklichen Leben nichts zu tun, sondern besteht lediglich in unwirklichen Vorstellungen – und die besitzen keinen Referenten. 

 

Der Nous hilft uns also nicht, das Leben zu verstehen, sondern nur der Tradition, ihre Vorstellungen zu ordnen.

Mit seinem Blick von nirgendwo und -wann schaut er ausnahmslos alles von einem Ende bis zum anderen und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die vollständige Vorstellungs-„Welt“ liegt vor dem Nous ausgebreitet und ist für ihn präsent; deswegen „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“.

 

Uns muß nicht interessieren, wie die Tradition den Nous und unseren Kontakt mit ihm erklärt, weil wir beide nicht benötigen. Aber es sollte deutlich geworden sein, daß jeder, der „ganz normal“ oder naiv-realistisch die „Welt“ zu (er)kennen meint, für sich selbst diese göttliche Schau beansprucht – ob er das nun weiß bzw. will oder nicht, ist dabei völlig einerlei.

„Ich kenne die Wahrheit“ ist traditionell äquivalent mit „Ich stehe auf du und du mit einem (zumindest) Halbgott“.

Das traditionelle Denken enthält Michel Foucault zufolge einen „Willen zum Wissen“, der scheinheilig als „Wille zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber einen „Willen zur Macht“ darstellt.

Das wird spätestens in der Moderne überdeutlich, wenn sich herausstellt, daß die Objekte des Wissens keine Seienden, sondern Handlungsanleitungen sind. Wer letztere beherrscht, kann unendlich viel machen – und was sonst ist Macht?

Reden wir hier noch von Wahrheit, so ist das entweder naiv oder bösartig.

2.2.1.1. Aufklärung über die "Aufklärung"

Durch den heißen Draht zum Nous ist unsere menschliche Position dem traditionellen Denken zufolge sogar noch viel besser als diejenige eines eventuellen Schöpfer-Gottes: Wir wissen mit ihm – schauen ihm gewissermaßen über die Schulter –, sind jedoch nicht verantwortlich; gemacht hat er es – oder wer auch immer; jedenfalls wir nicht.

Ebenbild „ja“, Mitverantwortung „nein“.

Im traditionellen Denken kommt also ganz massiv ein – verantwortungsloses – Sein-Wollen-wie-Gott zum Ausdruck. Das hat aber meines Erachtens kaum etwas mit Hochmut oder „Sünde“ zu tun, sondern vielmehr mit Denkfehlern und einer unglaublichen erkenntnistheoretischen Naivität.

Wir beleidigen Gott damit auch nicht – was wäre denn das für ein Gott, den wir beleidigen könnten? –, sondern machen nur uns und vielleicht auch ihm das Leben unnötig schwer. Gott ist nicht gekränkt, aber eventuell verzweifelt; „wozu habe ich ihnen bloß meine Vernunft gegeben?“

 

Nach der „Aufklärung“ sprechen wir natürlich nicht mehr von einem Gott oder Nous; sie heißen jetzt – insbesondere bei Descartes, Kant, Hegel und selbst Husserl noch – „Vernunft“ oder „transzendentales Subjekt“. Die Moderne hat den Gott der Philosophen lediglich umgetauft und sich damit unter dem Etikett „Aufklärung“ erschlichen, dem traditionellen Ansatz noch lange Zeit relativ unbemerkt treu bleiben zu können

Aber wo „Aufklärung“ drauf steht, muß keine drin sein; „das moderne Denken ist angewandte griechische Götterlehre“ (Georg Picht). Die für uns notwendige Aufklärung über die „Aufklärung“ bestände darin, dies zu verstehen, das heißt, nicht länger den absurd-mittelalterlichen Absolutheitsanspruch des religiösen Glaubens durch den absurd-modernen der exakten Wissenschaften zu ersetzen – und damit dem alten Gott im neuen Mäntelchen weiterhin dienen zu können.

Beide Totalitarismen verweigern das eigene Denken und sind damit gleich unaufgeklärt; auch „die Wissenschaft denkt nicht“ (Martin Heidegger).

 

Wir müssen (an) den Gott der Philosophen glauben, um die moderne Wissenschaft für wahr halten zu können, denn ohne ihn ließe sich gar nicht erklären, wie wir zu unseren Ergebnissen gelangen sollten.

Diese göttliche Schau heißt nun (im wesentlichen) „Theoretische Physik“. Sie soll die „Welt“ in ihrer gesamten „räumlich“-„zeitlichen“ Erstreckung als mathematisch-naturwisenschaftliche Unverborgenheit aus ihrer sinnlichen Verborgenheit befreien. Wir denken, berechnen oder veranschaulichen nacheinander, lassen unseren Blick über die „Welt“ schweifen und können dabei prinzipiell jede „Raum“-„Zeit“-Stelle beliebig genau inspizieren.

Rein praktisch bekommen wir es (noch) nicht hin, jedes Ereignis der vierdimensionalen „Raum“-„Zeit“ auszurechnen; und schon gar nicht in Echtzeit. Aber ob wir das schon können oder nicht, ist zunächst einmal sekundär; theoretisch ist es möglich, und das kann es nur sein, weil letztlich ausnahmslos alles prinzipiell in einer  „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“ vor dem geistigen Auge ausgebreitet liegt.

Der Nous schaut es locker, und wir rechnen angestrengt; aber mit der heute leider noch fehlenden „Weltformel“ werden wir ihm vielleicht schon ziemlich nahekommen . . .

 

Anschaulich gesprochen entspricht die traditionelle „Welt“ demzufolge einem großen Regallager mit drei „räumlichen“ Dimensionen und einer „zeitlichen“ Ausdehnung. So wie rechts und links, oben und unten sowie hinten und vorn gibt es eben auch früher und später; das Jetzt gehört zur Mitte, und ausnahmslos alles ist im Prinzip stets präsent.

Dort befindet sich die Geburt des Sirius, hier oben ist der Bauernkrieg und da hinten rechts wird das letzte Dieselauto verschrottet. Die „Welt“ ist eine Gesamtheit von vierdimensional einsortierten Ereignissen.

In einem statischen oder zeitlosen Lager kann man nicht leben, sondern nur Vorstellungen oder Verstehungen wandern lassen; beispielsweise von rechts nach links oder vom Später ins Früher.

2.2.2. Erklärung der Wahrnehmungen von "vorn" bzw. "hinten"

Mit ihren objektiven Seienden kann die Tradition unsere unbestreitbare Intersubjektivität natürlich phantastisch durch adäquates Abbilden  erklären. Nur diejenigen, denen das mißlingt, sind anderer Meinung und können mit gutem Recht von den besser Abbildenden korrigiert werden. Hierin besteht ja auch das häufigste und scheinbar stärkste Argument gegen unseren Verzicht auf Urbilder.

Das haben wir entkräftet, indem wir die Seienden durch Gestalten ersetzen. Sie bilden „Vor-Seiende“, aus denen beispielsweise die Sonne, aber eben auch der Re werden kann, wenn sie – in einem oder durch ein Weltbild – auf den Begriff gebracht werden. Aber vor ihrer Auffassung gehören die Gestalten keiner Welt an und sind somit auch nicht im „Raum“ (und in der „Zeit“).

 

„Aber Moritz befindet sich doch hier und die Sonne dort.

Das ist richtig, aber diese Adverben beziehen sich auf die relative Position von Moritz bzw. der Sonne; dazu sind wir als Bezugspunkt erforderlich, ist aber kein „Raum“ nötig; hier und dort gibt es auch ohne „Raum“, jedoch nicht ohne uns

(Die Newtonsche Physik geht von absoluten Begriffen aus; ein bestimmtes Ereignis besitzt in der „Welt“ die Koordinaten x, y, z und t. Im Unterschied hierzu gelten „ich“ und „du“, „dieses“ sowie „jenes“, „hier“, „dort“, „heute“ oder „morgen“ usw. als indexikalische bzw. deiktische Angaben. Die Gestalten, könnten wir damit zusammenfassen, lassen sich nur indexikalisch oder deiktisch charakterisieren.)

„Ich verstehe; ohne Seiende wird alles nur durch eine Welt bestimmt und (das Dinghafte) muß damit auch deren ‚Raum‘ angehören. Das tun die unbestimmten Gestalten nicht; wir können jedoch trotzdem darauf zeigen, beziehen uns hierbei aber nicht auf eine ‚Raum‘-Stelle, sondern auf ein ‚raum‘-loses Dort relativ zu uns.“ 

 

Ja; und deswegen können wir die Gestalten auch nicht als potentielle Wahrnehmungen definieren; das wäre bestenfalls für Seiende richtig.

Die traditionellen Seienden bilden – gegebenenfalls – das Wahrgenommene; im einfachsten Fall das Gesehene. Schließen wir die Augen, sind natürlich die Sehungen weg, aber das wirkt sich in keiner Weise auf die Seienden aus; insbesondere verschwinden sie nicht ebenfalls.  

Die Gestalten entfallen dagegen beim Schließen der Augen zusammen mit den Sehungen; erinnern Sie sich bitte an den Regenbogen oben. Deswegen war es ganz richtig zu sagen, bei uns gäbe es keine Gesehenen; auch die Gestalten sind keine.

 

Um das besser zu verstehen, müssen wir beim Realen beginnen; bisher ist uns von ihm lediglich bekannt, daß es die Gestalten ermöglicht. Und dies geschieht, ergänzen wir nun, in einem zweistufigen Akt.

Das Reale ist weder sinnlich noch geistig; was „real“ positiv bedeutet, wird später noch deutlich werden. An dieser Stelle genügt es uns zu wissen, daß das Reale durch die Sinnlichkeit zu Gestalten wird. Da sich offensichtlich auch weltlose Babys und Tiere an Gestalten orientieren, entspricht dieser Wechsel vom Realen zu den Gestalten einer – auch zeitlich – ersten Stufe.

Die zweite besteht im Übergang von den Gestalten zu den Wahrnehmungen, und das ist ein Vergeistigen des rein Sinnlichen, sein Auffassen oder Auf-den-Begriff-Bringen mittels des subjektiven Weltbilds.

 

Wir erklären die Wahrnehmungen also von „vorn“, indem deutlich werden soll, wie sie durch unser Wahrnehmen konstituiert oder konstruiert werden.

Die Tradition bemüht sich kaum um das Wahrnehmen, sondern rechtfertigt die Wahrnehmungen gewissermaßen von „hinten“, das heißt, mittels einer Hinterwelt der Seienden oder Urbilder im doppelten Sinne. Aber eine „Erklärung“, bei der es nicht mit rechten Dingen zugeht, ist keine Erklärung, denn auf diese Weise läßt sich alles „erklären“.

Die traditionelle Hinterwelt umfaßt notwendigerweise

– die Seienden – Objekte sowie „Subjekte“ – der „Welt“,

– den Nous bzw. seine Schau der ewigen Präsenz und

– unseren Zugang zum Nous.   

 

Natürlich ist der Glaube an eine solche Hinterwelt widerspruchsfrei.

Aber in dieser Feststellung drückt sich kein Lob aus, sondern vielmehr die Tatsache, daß nichts an der Hinterwelt wirklichkeitsnahe genug ist, um überhaupt Widerspruch erregen zu können.

 

Ich habe mich soeben auf das visuelle Wahrnehmen beschränkt, um verständlicher zu sein, dabei aber dennoch auch einen groben Fehler begangen:

Beim Übergang vom Realen zu den Gestalten gibt es noch keinerlei Sinnesorgane; wir haben keine Augen und schon gar keine, die geschlossen werden könnten. Mitten im Konstitutionsprozeß der Wahrnehmungen – und damit sämtlicher Wissungen – können wir doch nicht bereits ein paar von ihnen als bekannt voraussetzen und benutzen; sie werden doch gerade erst hergestellt.

Die Tradition „löst“ dieses Problem, indem sie die Existenz der Seienden einfach behauptet. Das ist keine Lösung; aber wir begehen einen völlig analogen Fehler, wenn wir von „vorderen Seienden“ ausgehen. Das ist der Preis, den wir für den notwendigen Verzicht auf Referenten zahlen müssen. 

 

Sinnesorgane existieren nur als Wissungen; wir besitzen kein Wissen von ihnen.

Damit kann es sie also unmöglich geben, bevor wir verstanden haben, was Wissungen sind, denn:

Sinnesorgane müssen Wissungen sein; ist jedoch unklar, worin letztere bestehen – machen wir die Sinnesorgane zu Seienden.

Seiende, wird damit deutlich, sind Entitäten, von denen wir möglicherweise belieb viel wissen; es gibt ganze Bücher allein über das Auge. Aber was sie eigentlich sein oder welche Form des Seins sie besitzen sollen, fragt die Tradition gar nicht – das übernimmt der Nous.

2.2.3. "Subjekt" ist gleich (menschlicher) Körper plus Innen

In unserem Ansatz gibt es natürlich auch die menschlichen Körper ausschließlich als Wissungen, das heißt, als Wahrnehmungen oder Erkennungen.

Subjekte – wir – sind dagegen diejenigen, die alle diese Wissungen besitzen. Das mag zwar eine saubere Definition darstellen, aber bei den so verstandenen Subjekten können wir trotzdem nicht unsere Überlegungen beginnen, weil wir sie selbst nicht wissen.

 

Die Tradition macht es sich auch da wieder (zu) einfach; natürlich sind ihr die menschlichen Körper ebenfalls nur als Wissungen gegeben, und auch sie versteht uns als die Wissenden. Aber dann riskiert die Tradition einen Zirkel:

Einige Wissungen – ihre „Subjekte“ – fungieren zusätzlich als Wissende.

Das ist ein logischer Fehler; also muß man bestreiten, so zu denken.

Dazu werden seiende „Subjekte“ erfunden, die

– keine bloßen Wissungen darstellen,

– aus Körper und Innen zusammengesetzt sind,

– deren Körper angeblich der „Welt“ – unseres Erachtens aber einer Hinterwelt – angehören und

– in ihrem Innen – der Seele, Psyche, unsterblichen Geist-Seele oder ähnlichem – unter anderem das Wissen enthalten, in dem sie eigentlich bestehen.

 

„Das ist mir zu theoretisch; denken Sie bitte einmal ganz normal wie jeder vernünftige Mensch:

Dort steht Moritz mit seinem Fußball; Moritz hat ein Innen und der Fußball nicht. So einfach geht das!“

Nein; das tut es eben nicht!

Das traditionelle Denken kann durch nichts gerechtfertigt werden; es stellt eine bloße, aber immerhin widerspruchsfreie Erfindung dar.

Was Sie soeben gesagt haben, widerspricht sich jedoch sogar; es ist also „noch schlimmer“ als das traditionelle Denken und muß falsch sein

 

Nach traditionellem Verständnis sind Sie ein „Subjekt“, und in Ihrem Innen befinden sich die beiden Wahrnehmungen Moritz sowie Fußball. Keine von beiden kann ein Innen besitzen, denn Moritz und sein Fußball sind doch bereits Wahrnehmungen – von Ihnen –, und Wahrnehmungen können nichts wahrnehmen.Dazu brauchten sie wieder ein Innen, in dem sich Wahrnehmungen befinden, die über ein Innen verfügen, in dem sich . . .

Die Tradition muß diese theoretisch endlose Kette begrenzen und tut dies nach ihrem ersten Glied:

Nur urbildliche „Subejekt“ haben ein Innen; darin befinden sich Wissungenund Schluß; Ihr Moritz kommt dafür ebenso bereits zu spät wie sein Fußball.

Das bedeutet, daß es traditionell nicht ohne Urbilder und Hinterwelt geht.  

 

 

traditioneller Ansatz   unser Ansatz
       
„Welt“
Welt
   
Urbilder   ————
             Objekte            
„Subjekte“   =   Objekte
————
———— +   Innen
————
  ————   Bewußtsein
   
  Wissungen   =   Abbilder   →   „Welt“-Bild
– Wissungen   =   Bilder   →   Weltbild
  ————   – (ich als) Subjekt
  ————   – . . . . . . . . . .

 

Abbildung 2.2.3.

 

Ihr Fehler, der zum Widerspruch führte, bestand also in der Annahme, dort den Ur-Moritz zu sehen; er könnte natürlich ein Innen besitzen. Sie sehen aber nur die Abbilder, denn diese befinden sich ja bereits in Ihrem Innen.

Im üblichen Verständnis des traditionellen Denkens addieren sich also meines Erachtens sogar zwei Fehler:

Zum einen wird ignoriert daß wir selbst „Subjekte“ sein müßten, so daß sich sämtliche Wissungen in unserem Innen befinden und damit nur Abbildungen sein können; der Ur-Moritz mit seinem Ur-Fußball ist – nicht für den Nous, aber für uns – unsichtbar. 

Zum anderen sind „Subjekte“ lediglich Wissungen, und die können nichts wissen. Wir dürfen den obigen Zirkel nicht überspielen, sondern müssen ihn vermeiden und versuchen dies, indem die Wissungen dem Bewußtsein ungewußter Subjekte angehören.

 

Menschliche Körper sehen ebensowenig wie beispielsweise Fersehkameras oder Roboter. Läuft einer von letzteren auf die Wand zu, kommen die von ihm nach vorn ausgesandten Wellen sehr schnell zurück, und als Reaktion darauf ändert der Roboter seine Bewegungsrichtung. Der Input führt vollautomatisch und ohne jegliches Bild von der Wand zum passenden Output.

Das wird beim Rasenroboter besonders deutlich, wenn der Input im Anstoßen oder Leitungssignal besteht; für den Roboter endet kein Rasen. Der automatische Blitzer sieht nicht, daß der Verkehrssünder zu schnell fährt, sondern schießt ohne jede Wahrnehmung ein Bild – weder für sich noch für menschliche Körper, sondern für Subjekte.

 

Wir – Sie und ich – können beide nur bei den uns gegebenen – selbstverständlich unterschiedlichen – Wahrnehmungen beginnen, um daraus das eigene WELTBILD aufzubauen. Was wir hiervon glauben, gerinnt uns zur WELT.

Traditionell betrachten Sie Ihre geglaubten Wissungen zusätzlich als Abbilder und suchen hinter ihnen die darin erscheinenden Urbilder; „gelingt es“ Ihnen, gelten diese Wissungen als wahr. Für zwei total verschiedene Arten von Entitäten benötigen Sie auch zwei differente Sphären; die Hinterwelt für die Ur- und Ihr Innen für die Abbilder.

Ich bin dagegen postmodern mit meinen Wissungen zufrieden, suche nichts dahinter, erkläre keine von ihnen als wahr und brauche somit auch nur einen Bereich. Da für mich weder Ur- noch Abbilder existieren, entfällt nicht nur die Hinterwelt, sondern auch die Innen scheiden aus; an deren Stelle tritt das Bewußtsein.

2.2.4. Von Dingen zu Funktionen

Vor der Moderne (I und II) verstand es sich von selbst, daß Seiende existieren und diese eine dinghafte Form besitzen; „Sonne, Mond und Sterne“ hatten wir oben einführend geschrieben.

Die Objekte der exakten Naturwissenschaften sind natürlich niemals Seiende gewesen; ihre Vertreter erforschen keine Hinterwelt. Aber im Verlaufe der Moderne wird zunehmend deutlicher, daß ihre Objekte auch nicht in Dingen, sondern in Relationen bestehen, denn nur sie lassen sich durch Naturgesetze wiedergeben.

Ernst Cassirer hat diese Anderung als Übergang vom traditionellen Substanz- zum postmodernen Funktionsdenken“ in das Zentrum seiner Arbeiten gestellt, und auch Heinrich Rombachs Lebenswerk kreist wesentlich um die mit diesem Wechsel von der Substanz – über das System – zur Struktur verbundenen Fragen oder Probleme sowie Möglichkeiten und Chancen.

 

Versuchen wir zunächst, die entsprechenden Gedanken ein wenig nachzuvollziehen.

Die moderne Wissenschaft versteht sich nicht als Buchwissen, hatten wir  bereits gesehen, sondern als Forschung, das heißt, als eine hochorganisierte Kombination von intelligenten Hypothesen und sie kontrollierenden Experimenten – innerhalb eines dafür erforderlichen ökonomischen, politischen und sozialen Umfelds.

Aber was ist überhaupt empirisch? Das heißt, was läßt sich experimentell bestätigen oder widerlegen?

Weder was die WELT im Innersten zusammenhält noch Dinge, sondern höchstens Voraussagen über spätere Ereignisse.

 

„Weil sich die Raumstation jetzt in dieser Position befindet und auf bestimmte Weise bewegt, müßte sie morgen um 20 Uhr exakt an jener Stelle zu sehen sein.“

Das dürfen wir jedoch nicht als eine Aussage über die Raumstation mißverstehen; es hat mit ihr überhaupt nichts zu tun. Würden wir sie durch ein Fußballstadion oder Atomkraftwerk ersetzen, würde sich physikalisch nicht das Geringste ändern; Dinge sind keine Gegenstände der modernen Wissenschaft.

Sie kommen zwar ununterbrochen vor, aber weder wird an Dingen geforscht noch wissenschaftlich von ihnen geredet – weil beides unmöglich ist.  

 

Damit gräbt sich die Moderne freilich ihr eigenes Grab. Sie war mit dem Anspruch angetreten, die Frage nach der Wirklichkeit der „Welt“ nun endlich auf dem richtigen Weg und mit adäquaten Mitteln – Hypothese und Experiment – zu beantworten. Nun sehen wir, daß eine solche Forschung – natürlich nicht zu Seienden, aber auch – nicht zu Dingen, sondern zu Relationen führt; die Suche nach der wirklichen „Welt“ erkennt sich in der modernen Wissenschaft selbst als Irrtum.

Die ersten Naturwissenschaftler, die das hautnah erfahren mußten, waren die Quantentheoretiker. Deren Forschungsergebnisse führen zu der Alternative: entweder objektive „Welt“ oder Quantentheorie.

Albert Einstein ist sicherlich die tragische Figur dieses Konflikts; obwohl er sich mit seinen beiden Relativitätstheorien nahezu im Alleingang bereits einen Riesenschritt vom Glauben an eine solche „Welt“ – absolut in „Raum“ und „Zeit“ – entfernt hatte, zog  er  bei der Quantentheorie dann die Reißleine und versuchte leider bis zu seinem Lebensende, den traditionellen Glauben zu retten.

 

„Ich stehe aufseiten Einsteins; wenn Sie damit Recht hätten, daß es keine objektive ‚Welt‘, sondern nur subjektive Welten geben soll, sehe ich mit oder wegen der Materie eine gewaltige Schwierigkeit auf uns zukommen.

Traditionell stellt die Materie überhaupt kein Problem dar; sie bildet den Stoff, aus dem der physikalische Teil der ‚Welt‘ – der Kosmos – besteht oder aufgebaut ist. Für die ‚Welt‘ der Mathematik beispielsweise, ist kein solches Material erforderlich; weder Zahlen noch geometrische Körper bestehen aus irgendetwas.

Wenn wir jedoch in Ihrem Sinne von einer Vielzahl subjektiver Welten, speziell Kosmen ausgehen, führt die entsprechende Überlegung auf Widersprüche.

Zur Verdeutlichung wähle ich ein konkretes Beispiel, etwa den Pluto. In der einen Welt kommt er Ihnen zufolge vor, in der anderen nicht. Daß er in ersterer existiert, bedeutet, daß es sich  um einen wirklichen, das heißt, materiellen Pluto handeln muß. In der zweiten Welt gibt es ihn und seine Materie nicht, so daß wir zu einer absurden Annahme gezwungen sind:

Der subjektive Glaube an die Existenz des Pluto muß dessen Materie erzeugen, und der entsprechende Nicht-Glaube sie vernichten.

Das halten bestimmt sogar Sie für unsinnig!“

 

Aber sicher; die von Ihnen aufgezeigte Konsequenz ist natürlich untragbar.

Sie ergibt sich aber auch nur, weil Sie einen Denkfehler begangen haben.

Traditionell bildet die Materie den Stoff, aus dem die Seienden des Kosmos als des physikalischen Teils der „Welt“ bestehen. Mit diesen Seienden entfällt für uns natürlich auch ihre Materie. Weder müssen noch können wir die sinnleere Frage „Was ist das, was nicht – bzw. nur in der Hinterwelt – existiert?“ beantworten.

Damit ist Ihr Widerspruch aufgelöst; die traditionelle Materie entfällt.

Die physikalische natürlich nicht; von ihr sprechen wir ja gerade im Zusammenhang mit den Relationen.

 

„Sie bestreiten also, daß der EIFFELTURM aus Eisen besteht?“

Natürlich nicht; er besteht selbstverständlich aus Eisen.

Aber der Eiffelturm ist erstens kein Seiendes, so daß das Eisen – aus dem er nachweislich besteht – zweitens auch keine traditionelle Materie sein kann.

Wir benötigen also ein anderes Wort und wählen dafür „Stoff“.

Eisen ist der Stoff, aus dem die Wissung Eiffelturm besteht, und diese Wissung Stoff bildet eine spezielle Eigenschaft des Eiffelturms. Er besitzt unter anderem eine bestimmte Höhe, Farbe, Schwingungsfrequenz oder -weite und ist eisern. So wie es hölzerne Kugeln sowie silberne Ketten gibt, existieren eben auch eiserne Türme.

2.2.4.1. Substanz und Akzidens

„Einverstanden; der Eiffelturm besteht aus Eisen; das ist ein Stoff und damit eine bloße Eigenschaft, aber keine Materie – und all das sind ’nur‘ Wissungen. Ist Substanz noch etwas anderes?“

 

Der Glaube an Substanzen ist ein – äußerst hartnäckiges, aber nichtsdestotrotz unhaltbares – Relikt der Aristotelischen Philosophie.

Stellen wir uns ein Ensemble von Eigenschaften oder Akzidenzien wie rot, rund, weich, süß und saftig vor. Derartige bloße Bündel begegnen uns jedoch nie, sondern wir nehmen sie immer nur in einer festen Kombination – beispielsweise – als Apfel wahr. Aber was soll das sein – ein „Apfel“?

Er kann nicht nur ein bestimmtes Potpourri von Akzidenzien sein, belehrt uns Aristoteles, weil letztere nicht frei herumschweben. Sie können nur auftreten, wenn diese Eigenschaften von einer Substanz getragen, gehalten oder vereint werden. Substanzen ohne Akzidenzien sind widerspruchsfrei denkbar, weil jene das Primäre darstellen; aber die sekundären Akzidenzien benötigen eine Basis, von oder an der sie die Eigenschaften darstellen (können). 

Und die traditionellen (dinghaften) Seienden sind nichts anderes als die untrennbaren Einheiten einer speziellen Substanz und ihrer Akzidenzien.

 

„Ich verstehe; in unserem Apfel-Beispiel bilden rot, rund, weich, süß sowie saftig die Akzidenzien, und das Fruchtfleisch ist die Substanz, die sie trägt.“

Entschuldigung; aber wenn Sie es so denken, verstehen Sie nicht . . .

Das Fruchtfleisch sehen wir doch; es ist der Stoff, aus dem der Apfel besteht – wie oben der Eiffelturm aus Eisen – und stellt folglich nur eine weitere Eigenschaft von ihm dar; er ist rot, rund, weich, süß, saftig und fruchtfleischig. Damit haben wir immer noch keine Substanz, denn sie kann nicht sinnlich sein, weder gesehen, noch getastet oder gefühlt werden, weil es andernfalls keine Substanz, sondern wiederum nur eine Eigenschaft wäre.

 

„Das leuchtet mir jetzt ein; aber worin besteht dann die Apfel-Substanz?“

Es gibt keine, denn sämtliche Substanzen entfallen für uns mit den traditionellen Seienden.

Fassen wir die drei scheinbar ähnlichen Begriffe nochmals zusammen, um sauber mit ihnen arbeiten zu können:

Stoffe bilden das Woraus-des-Bestehens und stellen lediglich spezielle Eigenschaften dar. Äpfel sind rot, rund, weich, süß, saftig und fruchtfleischig; die traditionelle Frage, was Äpfel unabhängig von ihren Eigenschaften – an sich, wirklich oder in ihrem Wesen – sind, halte ich für hinterwäldlerisch. Verständlich ist lediglich, woran wir sie erkennen – an ihren Eigenschaften natürlich; „an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“.

Die Seienden lassen sich traditionell auf zwei Weisen als Einheit darstellen.

Zum einen durch Substanz sowie Akzidens – Seiendes   =   { Substanz + Akzidens }.

Und zum anderen mittels Form und Materie – Seiendes   =   { Form + Materie }.

Damit sollte endgültig deutlich sein, daß es für uns weder Substanz noch Materie geben kann.

2.2.4.2. Problemstellung

Wenn Substanz und Materie keine Eigenschaften sind – sondern nur deren Träger –, können wir sie nicht erfahren; selbst Aristoteles zufolge bleibt das ausgeschlossen. Also ist es auch völlig widerspruchsfrei möglich, sie zu streichen.

„Substanz oder Materie werden vom Denken gefordert, so daß es sie geben muß; ob wir sie erfahren oder nicht, ist dann letztlich belanglos.“

Nein; sie werden nicht vom Denken gefordert, sondern nur von einem ganz speziellen, dem traditionellen eben. Trennen wir uns von ihm, entfallen sie.

 

Damit folgen wir, wie bereits erwähnt, den exakten Wissenschaften und ihrer modernen Interpretation beispielsweise durch Ernst Cassirer oder Heinrich Rombach, derzufolge die Gegenstände der Forschung nicht mehr als Dinge, sondern nur noch als Relationen verstanden werden können.

„Ich erkenne eine leicht masochistische Ader an Ihnen, denn Sie stürzen sich von einem hoffnungslos erscheinenden Problem ins nächste.

Wenn ich es recht verstehe, behaupten Sie nun, die Gegenstände der exakten Naturwissenschaften seien Relationen, und die allgegenwärtigen Dinge – Raumstationen, Fußballplätze oder Atomkraftwerke beispielsweise – kämen in der Forschung überhaupt nicht vor. Das würde freilich bedeuten, daß wir diese Relationen ohne Dinge bzw. Relata – das heißt, ohne ihr Wozwischen – denken müßten.

 

Haben wir mit A und B beispielsweise zwei Relata, so sind – für normal denkende Menschen – die beiden Relationen A → B und A ← B natürlich problemlos denkbar; die Anziehung zweier Massen etwa oder das Größenverhältnis von Planeten.

Sie wollen uns nun plausibel machen, daß diese Relationen auch ohne A sowie B möglich sind; einfach so – → – und – ← – ?“  

Das war – von dem Masochismus-Verdacht abgesehen – sehr gut von Ihnen; und als Nebenprodukt meiner Antwort werden wir gleich noch erkennen, worin die – nicht traditionell-aristotelische, sondern – postmodern-physikalische Materie besteht.

2.2.4.3. Relationen ohne Relata

Stellen Sie sich vor, die Nachrichtensprecherin teilt heute Abend als wissenschaftliche Sensation mit, daß morgen ab 6 Uhr schlagartig alle Dinge im physikalischen Kosmos – einschließlich unserer Körper – nur noch halb so groß sein werden (in jeder der drei Dimensionen). 

Sie würden es wahrscheinlich nicht glauben, sondern auf den Kalender schauen, ob heute vielleicht der 1. April ist. Aber selbst wer die Nachricht für richtig hält, hätte keinerlei Grund zu erschrecken:

Wenn ausnahmslos alles auf  die Hälfte seiner Länge schrumpft, merken wir es ja gar nicht; morgen früh um 6 Uhr geschieht also mit Sicherheit absolut nichts Feststellbares. Daß ich 1,70 Meter groß bin, bedeutet, daß meine Länge – heute wie morgen – das 1,7-fache von derjenigen des Zollstocks beträgt, und dabei bleibt es völlig unabhängig davon, ob die Nachricht stimmt oder nicht.   

 

Es gibt, mit anderen Worten, keine Längen, sondern nur Längenverhältnisse.

Das ist zwingend und einsichtig; nun geht es zwar ebenso zwingend, aber überraschender weiter:

Wenn Längen gar nicht existieren, können wir Längenverhältnisse nicht als die Verhältnisse zwischen Längen verstehen – letztere entfallen ja notwendigerweise, wie wir gerade gesehen haben.

Sehr schön: 

Es gibt keine Dinge oder Relata, sondern nur Relationen.

Wenn Relata gar nicht existieren, können wir Relationen nicht als die Verhältnisse zwischen Relata verstehen – letztere entfallen ja notwendigerweise, wie wir gerade eingesehen haben.

 

Wenn sich morgen um 6 Uhr auf keinen Fall etwas tut, ist die Behauptung der Schrumpfung natürlich sinnleer. Warum geben wir uns überhaupt mit solchem Unsinn ab? „Natürlich schrumpft der Kosmos nicht, sondern bleibt stets so, wie er immer ist – auch morgen um 6 Uhr!“

Moment; läßt sich die Schrumpfung nicht feststellen, muß dies natürlich auch für die Nicht-Schrumpfung gelten. Das heißt die Behauptung der letzteren – und damit wahrscheinlich Ihre bisher selbstverständliche Annahme – ist ebenso sinnleer:

Der Kosmos kann weder schrumpfen noch konstant bleiben, weil er gar keine Größe besitzt – dergleichen gar nicht existiert – und folglich weder groß noch klein ist. Es gibt nur Größenverhältnisse innerhalb des Kosmos. Er ist groß und eine Nußschale klein – im Verhältnis zu unserem Körper.

 

Dieses Ergebnis ist auch theologisch unheimlich spannend und war teilweise bereits den führenden mittelalterlichen Denkern bekannt:

Wer sich den Schöpfer anschaulich außerhalb seiner „Welt“-Schöpfung vorstellen möchte, steht beispielsweise vor der Frage, wieviel von seinem „Raum“ der allgegenwärtige Gott für die Schöpfung opfern mußte, Viel, wenig oder gar nichts – wenn die „Welt“ keine Größe besitzen kann?

 

Wir haben weder einen Denkfehler begangen – glaube ich – noch phantasiert oder spekuliert, sondern lediglich am Beispiel der Länge aufgezeigt, daß die exakten Naturwissenschaften nur vom Gemessenen oder von Meßgrößen sinnvoll sprechen können. Weniger anschaulich ließe sich das Entsprechende auch für alle anderen physikalischen Größen wie Massen, Geschwindigkeiten, Ladungen, Gewichte, Kräfte, Dichten usw. verdeutlichen. Sie existieren alle nicht einzeln, positiv, substanziell oder an sich, sondern lediglich relational.

Die exakten Wissenschaften betrachten das Meßbare als ihren Gegenstand, messen es und wandeln das Meßbare damit in Gemessenes um. Definieren wir diesen Gegenstand als Materie, so besteht sie im Meßbaren, das die gemessenen Relationalen ermöglicht.

Wir messen dann nicht an der Materie – denn sie ist kein Stoff –, sondern die Materie selbst, das Meßbare eben.

 

Damit liegen nun sogar vier Begriffe vor, die sehr oft durcheinandergeworfen werden:

1. Der Stoff bildet als Woraus des Bestehens eine spezielle Eigenschaft von Wissungen und stellt natürlich auch selbst eine Wissung dar.

2. Die (physikalische) Materie ist das Meßbare; wird sie bzw. es gemessen, entstehen Relationen ohne Relata. Der Eifelturm kann nicht aus Materie bestehen, vielmehr ist er ganz einfach 300 mal so groß wie ein Zollstock; auch materiell ist er nicht, sondern eisern.

3. Die Aristotelische Materie existiert für uns nicht; sie bildet in Einheit mit der Form die Seienden.

4. Auch die Substanz spielt bei unseren Überlegungen keine positive Rolle; sie gilt traditionell als Träger der Akzidenzien und führt gemeinsam mit ihnen zu den Seienden.

 

Die Physiker sprechen also weder davon, was die WELT im Innersten zusammenhält oder woraus sie besteht, noch haben sie alles meßbar gemacht, sondern beschränken sich beruflich auf die Materie als das Meßbare.

Gegen eine solche Physik ist absolut nichts einzuwenden; warum sollten wir uns nicht auch um das Meßbare bemühen?

Lebensfremd und -feindlich ist dagegen der Physikalismus, der zum einen die „Welt“ auf die Materie bzw. das Meßbare reduziert und zum anderen gar noch unsere spezielle Physik als die einzigmögliche ausgibt

Wären die menschlichen Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste oder Wünsche bei der Genese der modernen Wissenschaft von Belang gewesen, hätten wir wohl eine ganz andere Physik. Vielleicht würden wir dann nicht zum Mond fliegen und es gäbe möglicherweise auch keine Wasserstoffbomben, aber mit Sicherheit müßten nicht Millionen kleiner Kinder sinnlos sterben oder in unvorstellbarem Elend leben.

 

Daß eine solch „bescheidene“ Physik trotzdem zur Leitwissenschaft der Moderne werden konnte, resultiert natürlich aus ihren unbestreitbaren technischen Erfolgen.

Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit; als mindestens ebenso entscheidend erscheinen mir auch die Angst der anderen Wissenschaften – und sonstiger Bereiche der Gesellschaft – „zurückzubleiben“, ihr Buhlen um Anerkennung und das Streben nach der physikalischen Exaktheit.

Letzteres bedeutet jedoch, die eigene Sache zu verraten. In dem  Maße, in dem andere Wissenschaften diese Genauigkeit zu erreichen versuchen – nicht selten, indem sie abenteuerliche Berechnungen an- und die unsinnigsten Statistiken aufstellen –, wechseln sie zum Meßbaren und werden damit selbst Physik.

 

„Hierbei kann ich mitgehen, aber daß es keine Dinge oder Relata, sondern nur Relationen geben soll, leuchtet mir schwerlich ein:

Ein Meter ist ein Meter und 24 Stunden sind 24 Stunden; das gibt es doch beides!“

Was Sie ausdrücken, sind – mit Verlaub – nichtssagende Floskeln, an die wir uns gewöhnt haben, die aber inhaltsleer – und eben deswegen nichtssagend – sind. Um letzteres zu ändern, benötigen wir wirkliche Zollstöcke bzw. Uhren.

Befinden sich zwei identisch gefertigte Zollstöcke an verschiedenen Orten, können wir ihre Längen nicht mehr vergleichen. „Ein Meter ist ein Meter“ wird also unsicher und der Allgemeinen Relativitätstheorie zufolge häufig sogar falsch. Zum Überprüfen müßten wir die Zollstöcke unmittelbar aneinanderhalten – und dann ist es nur noch ein Zollstock.

Was bei Längen aber immerhin noch möglich ist, scheidet bei „Zeiten“ vollkommen aus:

Wir können den 13. August nicht an den 3. Oktober halten, so daß ich Ihren Satz „24 Stunden sind 24 Stunden“ gar nicht verstehe. 

2.2.4.4. Funktionen von Funktionen von . . .

Traditionell Denkende fragen als Philosophen was das Gute, als Physiker was Energie, oder als Mathematiker was beispielsweise die 16 ist; insbesondere letztere Frage sollte uns helfen, den neuen Gedanken von Relationen ohne Relata noch etwas plausibler zu machen.

Es gibt beliebig viele Antworten; 16 ist das Quadrat von 4, 5² – 3², die Quadratwurzel aus 256, der (ganzzahlige) Nachfolger von 15, der asymptotische Grenzwert von 15,9, 15,99, 15,999 . . . usw.

Wir können die Zahl 16 also auf die verschiedensten Arten erklären – aber stets nur unter Verwendung anderer Zahlen. Wir sehen keinen Weg, die 16 „von außerhalb“ zugänglich zu machen; mit Hilfe von Farben, Gegenständen, zahllosen Wortspielen oder was auch immer.

Läßt sich jedoch die 16 nur durch ihre Relationen zu anderen Zahlen erklären – für die dann natürlich exakt das Gleiche gilt –, müssen Zahlen Relationen von Relationen von . . . sein. Wir unterbrechen diese Kette an einer beliebigen Stelle und bezeichnen die Unterbrechung als „Zahl“.

Mit anderen Worten bedeutet dies, daß Zahlen nicht existieren oder vorhanden sind; es gibt keine Zahlen, sondern sie entstehen bzw. werden aktualisiert durch unser Rechnen, Zählen, Vergleichen und ähnliches. Zahlen besitzen weder ein Sein im traditionellen Sinne noch eine Essenz oder ein Wesen.

 

Das tut den meisten von uns wohl nicht sonderlich weh, weil wir Zahlen ohnehin nur als Konstruktionen verstehen, was bei komplexeren mathematischen Objekten wie imaginären Größen, Matrizen oder Tensoren wohl noch deutlicher wird.

Bei der Gerechtigkeit und Energie scheint das ganz anders zu sein; es wirkt nahezu absurd, daß sie in Relationen von Relationen von . . . bestehen sollen.

Aber weshalb eigentlich?

Gerechtigkeit und Energie sind in unserem Ansatz keine Seienden, sondern lediglich Wissungen oder Begriffe. Wollen wir erklären, worum es sich bei ihnen handelt, tun wir das mittels anderer Begriffe, die wir wiederum mittels weiterer Begriffe darstellen könnten, usw. Energie ist „. . . Erhaltung . . .“, und unter Erhaltung verstehen wir „. . .“.

Aus den Zahlen werden nun Begriffe; verallgemeinern wir die Relationen im gleichen Sinne zu Funktionen, so ergeben sich die Begriffe als Funktionen von Funktionen von . . .

 

„Ich fürchte, jetzt tricksen Sie.

Bei Zahlen und Begriffen mögen Ihre unendlichen Verweisungen gerechtfertigt sein, weil wir sie nur denken oder vorstellen können.

Aber Energie und Gerechtigkeit nehmen wir auch wahr; letztere beispielsweise in Gerichtsprozessen, bei politischen Demonstrationen oder dem Auftreten tapferer Persönlichkeiten. Sie muß es also geben, denn da helfen keine Furnktionen von Funktionen von . . .“

 

Nein; da muß ich Ihnen widersprechen.

Zum einen können wir auch Zahlen wahrnehmen. Damit meine ich natürlich nicht, daß Sie das Zeichen „3“ als eine 3 erkennen; das ist kein Wahrnehmen, sondern ein Lesen. 

Hat jedoch ein dreijähriger Knirps drei Äpfel, drei Bausteine und drei Smarties vor sich auf dem Tisch liegen, weil wir ihm die 3 verständlich machen wollen, dann denkt er nicht über Zahlen nach, sondern nimmt die 3 wahr – oder eben auch nicht. Bei dem Gefühl, der eigenen Fußballmannschaft fehle ein Spieler, wird die 10 wahrgenommen; sehen wir die gelben Säcke vor dem Haus, so nehmen wir vielleicht auch wahr, daß es vier sind, und es wäre widersprüchlich zu sagen, ich sehe die Churfirsten, aber nicht, daß es sich um sechs Stück handelt.

 

Zum anderen glaube, daß wir bei den Wahrnehmungen noch ein wenig weiterkommen, wenn wir bei Wilhem Diltheys Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ansetzen und sie versuchen weiterzudenken. Ihm zufolge geht es bei jenen um Erklären und bei diesen um Verstehen.

Diese Gegenüberstellung zeugt noch von ihrem traditionellen Hintergrund; für uns ist sie unangemessen, weil sich die beiden Tätigkeiten nicht entsprechen:

Beim Erklären bildet das Subjekt den Absender; es geht von ihm aus, und das Ankommen wird nicht thematisiert.

Beim Verstehen stellt das Subjekt hingegen umgekehrt den Adressaten dar; es geht nur um seine Verstehungen und nicht um ihr Woher.

 

Um eine sinnvollere Gegenüberstellung zu erreichen, ersetzen wir das Verstehen durch Beschreiben; die Naturwissenschaften erklären und die Geisteswissenschaften beschreiben, aber beide fungieren gemeinsam als Absender

Gänge es nur um die Wissenschaften, müßte uns das gar nicht interessieren; durch unsere Umformulierung, können wir das Verstehen / Beschreiben jedoch unvorstellbar erweitern. Wer beschreibt denn nicht – außer den Naturwissenschaften?

Alle Darstellungen sind somit exaktwissenschaftliche Erklärungen oder – künstlerische, belletristische, alltägliche, sportliche, religiöse usw. – Beschreibungen und die einen gehen kontinuierlich in die anderen über.

 

Wir können uns also eine kontinuierliche Skale des Darstellens vor Augen führen.

Den einen Grenzfall, das reine Beschreiben, gibt es gar nicht, weil wir zu jedem Beschreiben Begriffe benötigen und somit immer zumindest ein Hauch von Erklären enthalten ist. Aber mehr eben nicht, so daß beispielsweise auch Gesten, Musik oder Gedichte die Funktion des Beschreibens übernehmen können. 

Der andere Grenzfall des reinen Erklärens ist natürlich möglich.

Und damit sind wir endlich beim zweiten Teil meiner Antwort.

Auf dieser Seite hilft kein Zeigen; wir können nur erklären; wird es nicht verstanden, müssen wir weiter-erklären und weiter-erklären und . . . So entstehen die Funktionen von Funktionen von . . .

Wir müssen also erklären, bis keine Rückfrage mehr kommt, während die Tradition glaubt zu erklären, bis sie die Seienden erreicht hat und damit das Rückfragen definitiv zur Ruhe kommt.

 

2.2.5. Wirklich- und Real-Sein sind keine Eigenschaften

Eine der Voraussetzungen des traditionellen Denkens ist meines Erachtens schlichtweg falsch. Ich meine damit die Annahme, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellen würde.

Was bedeutet das überhaupt?

Krokodile und Drachen haben einen Schwanz; das gehört natürlich zu ihren Eigenschaften.

Krokodile gibt es, Drachen nicht; auch dies versteht die Tradition – für uns wahrscheinlich völlig überraschend – als Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen.

Beide besitzen somit traditionell (unter anderem diese) zwei Eigenschaften; Krokodile – Schwanz und Wirklichkeit – sowie Drachen – Schwanz und Nicht-Wirklichkeit.

Hier müssen wir  unbedingt widersprechen; Wirklichkeit und Nicht-Wirklichkeit können keine Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen sein, denn sie haben mit diesen Tieren überhaupt nichts zu tun.

 

Was verbindet die Tatsache, daß es Löwen gibt, mit den Löwen?

Nichts, denn wir müssen ihre Eigenschaften im Vorhinein kennen, um auf deren Grundlage dann entscheiden zu können, ob Löwen wirklich sind – im Sinne von: zur Wirklichkeit gehören oder existieren.

Kants Beispiel in diesem Zusammenhang besteht in der Frage, ob 100 Taler, die ich nicht besitze, etwas anderes sind als 100 Taler, die ich habe?

Wenn wir von den Talern reden – und nicht von mir –, besteht kein Unterschied.

 

Hiermit entfällt auch eine sehr weit verbreitete (naive) Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Wirklichkeit eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser „vollkommene“ Gott, der nicht existiert; letzterer kann somit auch nicht vollkommen sein. Definieren wir Gott jedoch „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“ (Anselm), muß die Existenz also zu ihm gehören, so daß es Gott mit Sicherheit gibt.

 

„Das wirkt sehr spitzfindig und wie an den Haaren herbeigezogen; ich kann mir kaum vorstellen, daß ein solcher Gottesbeweis heute noch jemanden anspricht. Aber abgesehen davon bin ich mir doch recht sicher, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellt.

Träume ich von Wasser oder stelle es mir vor, dann ist das Wasser unwirklich; sonst könnten Menschen in der Wüste nicht verdursten; Vorstellen geht ja wohl immer. Wirkliches Wasser ist dagegen solches, das man tatsächlich trinken kann.“

 

Nein; das ist falsch; es gibt kein wirkliches und unwirkliches Wasser.

Beim Trinken handelt es sich nicht um wirkliches Wasser, sondern wirklich um Wasser.

Im Traum handelt es sich nicht um unwirkliches Wasser, sondern nicht wirklich um Wasser.

„Jetzt werden Sie auch noch so spitzfindig wie Ihr Anselm; ‚es gibt wirklich Wasser, aber kein wirkliches Wasser‘; ich sehe dazwischen, ehrlich gesagt, keinen Unterschied!“

Das ändert sich wahrscheinlich sehr schnell, wenn wir das Wasser durch Arsen ersetzen.

Ich verstehe nicht, was wirkliches bzw. unwirkliches Arsen sein soll; Arsen ist Arsen. Aber ich sehe einen großen Unterschied dazwischen, ob Ihnen jemand wirklich Arsen in das Bier gekippt oder ob er es nicht wirklich getan hat.

 

Wir dürfen das Wirklich-Sein – von Gott und damit vom Ursprung sowie Leben – nicht als Eigenschaft interpretieren, denn es ermöglicht alles erst, so daß ohne diese Wirklichkeit gar nichts existieren würde, von dem sie eine Eigenschaft sein könnte.

Das gilt auch für das Real-Sein des Realen, aber das läßt sich wohl leichter begründen und verstehen

 

Durch die Sinnlichkeit werden aus dem Realen die real-sinnlichen Gestalten, so daß sich die Wahrnehmungen als real, sinnlich und geistig erweisen.

Die Erkennungen sind dagegen weder real noch sinnlich, sondern rein geistig.

Man könnte vielleicht sinnvoll darüber streiten, ob nicht Feldhasen real und Osterhasen irreal sein müßten; dann würde es sich beim Real- bzw. Irreal-Sein möglicherweise doch um Eigenschaften handeln.

Aber diese Frage erübrigt sich, weil für uns beide nicht existieren; wir kennen nur Feld- sowie Osterhasen-Wahrnehmungen und Feld- bzw. Osterhasen-Erkennungen. Völlig unabhängig von der Hasensorte sind alle Wahrnehmungen real und sämtliche Erkennungen irreal.

 

Ersteres gilt, weil wir mit-wahrnehmen, daß „mehr dahintersteckt“; Wahrnehmungen weisen über sich hinaus.

„Und das hat die Tradition dazu bewogen, Urbilder in der Hinterwelt als Wahrgenommene zu erfinden?

Sehr richtig; im Gegensatz zum Radikalen Konstruktivismus bestreiten wir nicht den fundamentalen Überschuß der Wahrnehmungen über die Erkennungen, sehr wohl aber, daß wir, um ihn erklären zu können, etwas Sinnleeres erfinden müssen.

2.2.6. Verdrängen der Endlichkeit

Es gibt meines Erachtens noch eine sechste Voraussetzung, die fest in das traditionelle Denken eingebaut ist, nämlich das Verdrängen unserer eigenen Endlichkeit, Kontingenz oder Vulnerabilität. Wollte man es herauspräparieren, würde dieser Ansatz in sich zusammenbrechen; insofern gehört auch das Verdrängen der Endlichkeit zu seinen notwendigen Voraussetzungen. Michaela Neulinger stellt mein Anliegen in ihrem Buch „Zwischen Dolorismus und Perfektionismus“ sehr schön dar; der Tradition geht es allein um letzteren.

Dieses Verdrängen zeigt sich darin, daß die Zeit geleugnet wird, weil angeblich jede Wahrheit zeitlosig-ewig sein muß. 

Martin Heidegger zufolge hat das traditionelle Denken „das Sein vergessen“; wir würden ergänzen „und die Zeit“. Damit rücken nicht nur Leben sowie Sterben, sondern auch wir Subjekte in unserer Individualität  in weite Ferne und können gar nicht thematisiert werden, weil dies nur zeitlich möglich wäre.

 

Schauen wir möglichst vorurteilsfrei auf das Leben oder die Geschichte, finden wir theoretisch Verletzbarkeit, Bedürftigkeit, Sterblichkeit sowie viele weitere Einschränkungen; praktisch entsetzlich viel Leid, Elend, Gewalt, Terror, Schmerz, Ungerechtigkeit usw.

Michel Henry faßt diese Situation zusammen, indem er vom „Leben des Fleisches“ oder „im Fleisch“ spricht. Am besten lassen wir hierbei alle anschaulichen Vorstellungen bezüglich des Fleisches beiseite und verstehen es lediglich als Fachbegriff für die pathische Endlichkeit, Bedürftigkeit, Verwundbarkeit oder Kontingenz unseres Lebens.

Wir kennen nur ein Leben im Fleisch, und auch „das Wort ist Fleisch geworden“.

 

Die Tradition setzt zwar ihr Denken wie wir bei den Wahrnehmungen an – und ich könnte mir im Moment auch gar nicht vorstellen, welche andere Möglichkeit überhaupt noch sinnvoll infrage käme –, wendet sich aber dann nahezu ausschließlich der „Hinter“-Seite zu – den zeitlos-ewigen Urbildern.

Aber wir leben auf der „Vorder“-Seite der Wahrnehmungen, denn es ist unser Leben, das sie hervorbringt.

Für eine Philosophie, die ihren Namen „Liebe zur Weisheit“ verdient, müßten also wir Subjekte mit unserem Leben im Mittelpunkt stehen. Das gilt sogar noch für die Theologie, denn auch darin geht es um uns und nicht um Gott oder gar die Frage nach seiner Existenz. Eine „Theologie“ ohne eine völlig integrierte Anthropologie, ist keine Theologie, sondern Hinterwelt-Gerede.

Die Tradition mißversteht das vollkommen und geht davon aus, daß wir „Subjekte“ unsere höchste Vollendung in der adäquten Erkenntnis der Seienden, das heißt, in einer Schau der zeitlos-ewigen Wahrheit erreichen. Sie interessiert sich nicht für uns, sondern degradiert uns zu Pseudo-Objekten, deren Hauptaufgabe im Abbilden der Urbilder besteht.

 

Vielleicht geht es um den Menschen, aber nicht um mich; um Gesetze, Werte oder Gebote, jedoch nicht um das Gewissen; um das Urbild Leid – ohne unser Leiden.

Deswegen ist das traditionelle Denken auf den Geist fixiert und kopflastig, so daß es das fleischliche Leben in der Zeit gar nicht sehen kann. Dazu paßt, daß Gott als ab-soluter Geist verstanden wird und der Geist uns Menschen von den Tieren unterscheidet.

Gänge es um uns, so dürfte nur von Bedeutung sein, was Subjekte erleben und insbesondere erleiden. Es müßte dann beispielsweise völlig bedeutunglos sein, ob und wie Kriege begründet bzw. gerechtfertigt werden, worin ihre Ziele bestehen, ob sie „alternativlos“ oder gar „heilig“ sind. Die richtige Kriegs-Theorie ist traditionell immer wichtiger als ihr Opfer.

Natürlich war die NS-Zeit nur „ein Fliegenschiß in der deutschen Geschichte“ – sofern man allein auf ihre 12 Jahre schaut. Entscheidend hätte aber zu sein, was die betroffenen Subjekte erlitten haben. Da sie ausnahmslos fleischlich sind, müßte alles wirklich Wichtige im Lichte dieser pathischen Endlichkeit oder Vulnerabilität gesehen werden.

2.2.6.1. Existenz als Einheit von Leben und Sterben

Wir sind keine Sklaven, deren Lebenssinn darin besteht, die ewig-wahren Urbilder adäquat abzubilden. Die traditionell-klassische Begründung versteht sich nahezu von selbst:

Nur wer weiß, worin beispielsweise die Gerechtigkeit besteht, kann ein gerechtes Leben führen. Letztlich ließe sich also sogar behaupten – und wird tatsächlich behauptet –, wir würden das alles für unsere eigene Glückseligkeit tun.

Nur wenn wir diesen Abbildungszwang überwinden, gibt es Freiheit und ist ein subjektives Gewissen sowohl nötig als auch möglich, denn dieses besteht nicht in der Ermahnung, ewigen objektiven Wahrheiten zu folgen, sondern in der Hilfe, den eigenen zeitlichen subjektiven Lebensweg zu finden.

 

Völlig unabhängig von der Frage, ob ewige Wahrheiten in der Zeit überhaupt möglich sind oder nicht einen Widerspruch in sich darstellen, ist das traditionelle Denken heute meines Erachtens total daneben. Wer mit offenen Augen lebt, kann Karl Marx nur Recht geben, daß „es nicht darauf ankommt, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern“.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin mir völlig sicher, daß zweieinhalb Jahrtausende philosophischen und theologischen Denkens die Welt verandert und etwas bewirkt haben; ohne sie gäbe es wohl auch in der westlichen Hemisphäre weder Freiheit noch Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte.

 

Aber all das verdanken wir doch dem subjektiven Denken ungezählter Individuen, die  den Mut und die Kraft aufgebracht haben, selbst zu denken.

Dieser wirkliche Fortschritt im „Bewußtsein der Freiheit“ (Hegel) ist doch nicht derjenige von Philosophie oder Theologie auf dem Weg zu ihrem ursprünglichen Ziel, nämlich die ewigen Wahrheiten über Gott und die „Welt“ zu erkennen. Ganz deutlich formuliert haben wir beispielsweise die Ideen der Demokratie, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung oder Gewissensfreiheit nicht durch die, sondern trotz der Institution katholische Kirche gefunden.

Wer das für übertrieben hält, braucht sich nur ein klein wenig beispielsweise mit dem Antimodernistenstreit zu beschäftigen. Es liegt nicht lange zurück, daß ein Papst „Gewissenfreiheit als Teufelszeug“ abtun und den „Glauben als Gehorsam-Sein“ darstellen konnte.

 

Das traditionelle Denken kennt keine Zeit, und was es als solche mißversteht ist eine zeitlose „Zeit“, die sich kaum von der ebenso zeitlosen Ewigkeit unterscheidet. Daß jene das Abbild von dieser sein soll, trifft den Nagel auf den Kopf:

Die Ewigkeit ist eine „Zeit“ ohne Änderungen, und die „Zeit“ eine Ewigkeit mit (bloßen) Änderungen.

Im Verleugnen der Zeit kommt die Verdrängung des Sterbens zum Ausdruck, die uns bereits bei Sokrates begegnete:

Wenn es letztlich um die Seele und ihr ewiges Leben geht, ist unser irdisches Leben natürlich relativ unwichtig, und sein Fleisch muß uns tatsächlich kaum interessieren. Es dient nur als Vorstufe für das eigentliche Leben, so daß es vor allem gilt, dieses zu erreichen.

 

Mit dem Ernstnehmen der Zeit eröffnet sich die Riesendifferenz zwischen unserer Gegenwart und einer absolut offenen Zukunft. „Zeit“ und Ewigkeit fallen daran gemessen – in einer Metaphysik der Präsenz – praktisch zusammen.

Wir tun alles, um uns dieser absoluten Offenheit nicht stellen zu  müssen.

Spätestens hier wird deutlich, daß es bei unseren Überlegungen nicht um eine abstrakte Theorie geht oder bloße Denkfiguren, die man halt so oder so sehen kann. Nicht wenige „Experten“, insbesondere etwa die Transhumanisten, träumen bereits davon, in absehbarer Zeit das Sterben – und damit die absolute Offenheit der Zukunft – beseitigen zu können.

 

Ich bin dagegen überzeugt, und wir werden ausführlich darauf zurückkommen, daß Leben und Sterben eine integrale Einheit bilden. Per definitionem besteht sie in der Existenz. Immer, wenn bisher vom Leben die Rede war, müßten wir es also in dieser oder als diese Einheit verstehen und durch Existenz ersetzen.

Wer das Sterben besiegt, muß dann notwendigerweise auch das Leben besiegen, das heißt, es auf das „Leben“ von Robotern und Zombies reduzieren. Das ist der Weg der modernen Wissenschaftsgläubigkeit; Michel Henry zufolge führt er in die „Barbarei“.

Gott hat nach christlichem Verständnis nicht das Sterben besiegt – wer dergleichen behaupten wollte, dürfte noch keinen Friedhof besucht haben –, sondern „nur“ den Tod.

Der – unbesiegte – Tod wäre das Ende der Existenz; Christen hoffen, daß es ihn – trotz des unbestreitbaren Sterbens – nicht gibt.

2.3. Postmoderne

Wir haben gesehen, daß sich viele Denker der Moderne recht inkonsequent verhalten.

Auf der einen Seite glauben sie noch an Dinge und möchten damit das traditionelle Denken von Seienden fortsetzen.

Auf der anderen Seite wissen sie aber oder könnten es zumindest, daß die Gegenstände der modernen Wissenschaft – und damit der Triebkraft der Epoche – längst keine Dinge mehr sind. Aus ihnen ist die Materie als das Meßbare geworden, und die Messung führt zwangsläufig zu Funktionen von Funktionen von . . ., speziell zu Relationen ohne Relata.

 

Auch die „Welt“ könnte natürlich beliebige Relationen enthalten, freilich nur solche zwischen Relata; und so denkt auch die gesamte Tradition. Es gibt ihr zufolge zum Beispiel die Relata Sonne und Erde mit ihren zugehörigen Größen. Deren Verhältnis sowie die wechselseitige Anziehung der beiden Gestirne bilden Relationen

Fehlen jedoch die Relata – Sonne, Erde und Größen im Beispiel –, ist auch keine „Welt“ mehr möglich, denn reine Relationen sind nicht vorhanden, haben keinen Bestand, liegen nicht vor oder existieren nicht an sich.

„Sondern?“

Sie werden gemessen; reine Relationen gibt es nur als Meßergebnisse oder sind Meßgrößen; das heißt, wenn niemand mißt, existieren sie auch nicht – ganz im Sinne der Quantentheorie.

 

„Und Ihre subjektiven Welten resultieren also daraus, daß jeder etwas anderes mißt?“

Nein; natürlich nicht; eine solche Vorstellung wäre vollkommen daneben.

 

Wir haben doch jetzt nur von der Materie gesprochen und erkannt, daß sie – kein Stoff, sondern – das Meßbare ist. Aber dieses vielleicht überraschende Ergebnis ändert ja nichts daran, daß die Relationen weiterhin denjenigen Bereich der Welt mit der größten intersubjektiven Übereinstimmung bildet. Wir messen folglich alle weitgehend das Gleiche, und soviel Intersubjektivität gibt es nirgendwo sonst.  

Aber daß die Relationen an das Messen gebunden und damit Meßgrößen sind, hätten wir wohl nicht erwartet. Solange keiner mißt oder gar messen kann, gibt es also auch keine Relationen.

 

Um zu verstehen, wieso unsere Weltbilder subjektiv sind, dürfen wir natürlich nicht bei dem am meisten Intersubjektiven beginnen. Den Ausgangspunkt unseres Denkens, hatten wir oben erkannt, stellen – nicht speziell die Relationen, sondern – allgemein die Wahrnehmungen dar. Sie sind bei uns allen unterschiedlich, weil jeder ein anderes Leben lebt, und daraus ergeben sich die subjektiven Weltbilder

Natürlich stehen wir mit einem solchen Denken – das sich rückblickend als recht zwingend herausstellt, nachdem man in seine Spur gefunden hat – vor einer gewaltigen Aufgabe, denn es gilt, die „Selbstverständlichkeiten der Jahrtausende“ (Edmund Husserl) infrage zu stellen.

 

„Darf ich bitte einmal für mich rekaputilieren.

Traditionell beginnt alles ‚zeitlich‘ mit der ‚Welt‘, explizit vielleicht mit dem Urknall. Daraus entwickelt sich das ‚Leben‘, und insbesondere wir ‚Subjekte‘ gelangen zu der Fähigkeit, die ‚Welt‘ adäquat abzubilden.

Bei Ihnen beginnt dagegen alles zeitlich mit dem Leben; zu ihm gehört insbesondere eine Genese, die zu den subjektiven Weltbildern und ihren Welten führt. Für die meisten von uns gehört dazu heute die ‚zeitliche‘ Urknalltheorie, die – als Vorstellung ohne Referent – natürlich die Genese nicht beschreiben kann, sondern lediglich von ihr hervorgebracht wurde.

In der subjektiven Welt als dem Resul einer Genese, die von unserem Leben – besser: unserer Existenz – erst ermöglicht wird, können wir natürlich nicht leben bzw. existieren. Dieser Welt gehört lediglich unser Körper an, worauf Sie eingangs bereits hingewiesen hatten.

Und das tut er real als Wahrnehmung oder nicht-real als Erkennung – zumeist aber gar nicht.

Damit habe ich noch Schwierigkeiten; mein Körper ist doch immer vorhanden.“ 

 

Ihr Körper ist nicht immer vorhanden, sondern gar nicht, weil es bei uns keinerlei Vorhanden-Sein gibt; das könnte sich nur auf Seiende beziehen. Weder stehen Sie immer vor dem Spiegel, um Ihren Körper wahrzunehmen, noch stellen Sie sich ihn ununterbrochen vor; also ist er auch nicht stets gegeben bzw. in Ihrem Bewußtsein.

Ob er vorhanden ist oder nicht, können wir gar nicht feststellen; das sieht bestenfalls der Nous, und er macht Ihren Körper im Falle eines „ja“ zu einem Seienden. Uns ist dieses Gerede zu hinterwäldlerisch, wir streichen es und gehen mit Ihrem Körper so um, wie dies die Tradition mit allen momentanen Eindrücken und Einfällen tut:

Wir können uns nur mit ihnen beschäftigen, wenn wir sie haben. 

Ihren Körper haben Sie auch – dann und wann – als Wahrnehmung bzw. Erkennung.

 

„Und was tue ich zwischen diesen ‚dann und wann‘?“

Leben oder existieren – ohne auf Ihren Körper zu achten.

„Aber ohne irgendein Fühlen oder Sich-Fühlen kann es mich doch gar nicht geben!“

Das ist richtig und hat mit Ihnen als Subjekt und Ihrem Leben zu tun – aber nicht mit Ihrem Körper, denn Sie sind kein „Subjekt“; dann wären Sie in der Tat immer vorhanden.

 

„Sie hatten oben plausibel gemacht, daß die Annahme, es gäbe nur Funktionen von Funktionen von . . . widerspruchsfrei denkbar ist. In diesem Abschnitt haben wir uns jedoch – ich nehme an, der besseren Verständlichkeit halber – auf den Spezialfall von Relationen ohne Relata beschränkt. Das sind Meßgrößen, das heißt, die Relationen existieren nicht, wenn keiner sie mißt.

Dann gibt es zwar Materie – obwohl sie kein Stoff ist –, denn sie stellt lediglich das Meßbare dar – potentielle Relationen also –,  aber diese müssen erst verwirklicht werden, und das geschieht im Meßprozeß.

Gilt Entsprechendes für alle Funktionen, so daß die Relationen auch diesbezüglich nur einen Spezialfall darstellen?“

 

Ja; natürlich; das geht doch gar nicht anders; sämtliche Wissungen sind Funktionen von Funktionen von . . . Das heißt, es gibt keinen Halt von der Referenten-Seite her, weil sie einfach fehlt. Eine „Wissung“, die kein Subjekt besitzt, kann also unmöglich eine Wissung sein; „nicht-wahrgenommene Wahrnehmungen“ und „nicht-erkannte Erkennungen“ sind eindeutiger Nonsens – wie „nicht-gemessene Meßgrößen“. 

Aber aus Ihrer Frage lernen wir etwas ganz Wesentliches:

Das Reale ermöglicht in unserer Sprache die Gestalten und unter anderem bei Cassirer die Funktionen.

Die Materie ermöglicht die Relationen.

Demzufolge stimmen also die Funktionen mit unseren Gestalten überein, und die Materie bildet einen Spezialfall des Realen.

Durch letzteres kann es Gestalten geben und durch die Materie insbeondere relationale Gestalten.

2.3.1. Ursprung – Existenz – Weltbild

Das mittelalterliche Denken war (in unserer Sprache) von der Triade Gott – Mensch – „Welt“ geprägt.

Die Moderne verabschiedet sich nach und nach davon, indem sie zunächst diesen Gott, dessen Existenz die Tradition sogar glaubt, beweisen zu können, streicht. Wir hatten oben schon klären wollen, weshalb ích persönlich damit nicht die geringsten Schwierigkeiten habe; das wäre ohnehin nicht mein Gott. 

„Sie wünschten sich also auch keinen Gottesbeweis?“

Natürlich nicht!

Kant hat man den „Alleszermalmer“ genannt, nicht zuletzt, weil er unter anderem zeigte, daß Gottesbeweise – natürlich ebenso wie -widerlegungen – prinzipiell unmöglich sind; beiläufig werden wir ebenfalls zu diesem Ergebnis gelangen. Das ist aber kein Unglück, sondern ein Geschenk, für das jeder überzeugte Christ dankbar sein sollte:

Was ist denn das für ein Gott, den ich mit meinem bißchen Vernunft beweisen kann? Wenn er sich meinen Gedankengängen fügen muß, kann es nicht weit her sein mit ihm!

 

Ich halte diese Argumentation für zwingend, und das Thema ist damit für mich persönlich beendet; ein bewiesener „Gott“ ist kein Gott. Wer dies nicht so sehen kann, sollte sich bitte vor Augen führen, welche Konsequenzen ein bewiesener allmächtiger Gott hätte:

Zum einen gäbe es keine Glaubensfreiheit, weil der Beweis uns die Chance nehmen würde, die Existenz Gottes leugnen zu können. Damit entfällt zudem die Möglichkeit, Gott zu lieben, weil dies ebenfalls Freiheit voraussetzt. Eine erzwungene Liebe ist ebenso absurd wie ein bewiesener Gott.

Zum anderen wäre er in seiner Allmacht ein Tyrann. Vollkommen unabhängig davon, ob er „lieb“ ist oder nicht; das bewiesene Seiner-Macht-total-ausgeliefert-Sein hat nichts mit Vater- bzw. Sohnschaft zu tun. (Auf „philosophisch“ wäre so ein Gott ontologisch ein Tyrann, selbst wenn er ontisch lieb ist.)

 

Hätte die katholische Kirche Kant nicht auf den Index gesetzt, sondern stattdessen zum Diskurs eingeladen, um mögliche Mißverständnisse zu beseitigen und voneinander zu lernen, wäre sie vielleicht auch heute noch ein ernstzunehmender Gesprächspartner in unserer Gesellschaft. Wer jedoch den Dialog verweigert, indem er nicht bereit ist mitzudenken und die Moderne als ein Schreckgespenst darstellt, hat darauf keinen Anspruch und disqualifiziert sich selbst.

Die Mahnung „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren“, sollte die Kirche nicht nur anderen unter die Nase reiben, sondern auch auf sich selbst anwenden. Daß während der Corona-Krise eine Mehrzahl der Deutschen die Fußball-Bundesliga für systemrelevanter hält als die Kirche, sollte ihr schon zu denken geben.

 

Kommen wir auf unsere Triade zurück.

An die Stelle der einen objektiven „Welt“ tritt bei uns natürlich das eigene subjektive Weltbild.

Um sauber denken zu können, darf jedoch selbst der Mensch als Mittelglied nicht stehenbleiben, weil sein Körper sowohl zu ihm als auch zum Weltbild gehört und somit zweifach enthalten wäre. Wir ersetzen ihn durch das Leben, das es aber nur in Einheit mit dem Sterben und somit als Existenz gibt.

Tritt an die Stelle des traditionellen Gottes unser Ursprung, so vermeiden wir auch auf dieser Seite jede (mengentheoretische) Überlappung und gelangen damit zur postmodernen Triade Ursprung – Existenz – Weltbild, die wir mit Georg Picht als „Einheit der Zeit“ zu verstehen versuchen.

2.3.2. Autoritäten und "Experten"

Die Postmoderne geht – mit der Moderne – von unserem prinzipiellen Nicht-Wissen aus, hält dieses aber – entgegen der Moderne – für unüberwindbar. Das ergibt sich bereits aus unseren bisherigen Überlegungen, denn die Geschichte kann nicht mehr glaubwürdig als Fortschritt in dem Sinne interpretiert werden, daß unser Wissen eine angeblich objektive „Welt“ immer besser wiedergibt. 

Aus Sicht der Postmoderne sind die beiden traditionellen Denkformen gleichermaßen naiv. Die religiöse des Mittelalters, weil sie die Wahrheit als bereits von Gott offenbart glaubt, und die wissenschaftliche Denkform der Neuzeit, weil sie die Wahrheit durch ihr Sein-Wollen-wie-Gott selbst zu finden meint.

Hier sehen wir wieder, daß der traditionelle Ansatz ohne Gott und seine ewige Schau einfach nicht funktioniert. Antike sowie Mittelalter haben das gewußt und jeweils auf ihre Weise anerkannt; die Moderne will es nicht wahrhaben und bedarf daher des Etikettenschwindels vom „Gott der Philosophen“ oder „Nous“ zur „objektiven Vernunft“ bzw. dem „transzendentalen Subjekt“.

 

Die Postmoderne wird häufig verunglimpft, weil sie die Existenz einer traditionellen absoluten Wahrheit bestreitet. Ich stimme der letzteren Einschätzung restlos zu, werte sie aber durch und durch positiv. Auf meine Begründung waren wir bereits oben im Zusammenhang mit der Todesverdrängung gestoßen:

Endlich geht es nicht mehr um irgendwelche angeblichen Seienden – sondern um uns und das eigene Leben.

Wer das als „lächerliches Lacancan und Derridada“ (Klaus Laermann) verhöhnt, verbleibt beim sinnlaeren Tradidada.

Erst seit Kant werden die Grundprobleme der Philosophie zur Frage nach dem Menschen; das ist aber bereits der Beginn vom Ende des traditionellen Ansatzes. Kant faßt dessen drei philosophische Kernthemen „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“ in der Frage „Was ist der Mensch?“ zusammen.

Das wäre vor Kant wohl unmöglich gewesen, und unter diesem Aspekt bildet er für mich den Beginn der Postmoderne. In ihr sind wir nicht mehr Abbildungsknechte, sondern können als Krone der Schöpfung Selbstzweck sein.  

 

Solange die Seienden einer „Welt“ geglaubt werden, können sich sogenannte „Experten“ immer wieder anmaßen, diese zu kennen, damit die Wahrheit zu wissen und so als die notwendigen Vermittler zu fungieren, von denen alle anderen – die nicht (ein)geweihten „Laien“ – abhängig sind.

Das betrifft die Philosophen der Antike ebenso wie die Theologen des Mittelalters sowie die Naturwissenschaftler der Moderne. Ein Denken in den Kategorien von „Experten“ und „Laien“ kann nur zum Machtmißbrauch in seinen verschiedensten Formen führen und macht insbesondere die Gemeinschaft der Christen zu einer unchristlichen Klerikerkirche.

„Experten“ dienen sich häufig durch geschmeidiges Anpassen in einer Instituion hoch, hätten aber womöglich außerhalb von ihr keine (Karriere-)Chancen – und ahnen das vielleicht auch; da hilft nur noch Mitspielen und Ja-Sagen.

 

In diesem Zusammenhang kommt von traditionell denkenden Christen häufig der Einwand, daß doch „nicht jeder seinen persönlichen Vogel zum Heiligen Geist“ machen könne.

Das ist völlig richtig, und deswegen verzichte ich zum einen bei meinen Ausführungen auf jeglichen Wahrheitsanspruch; ich habe lediglich Freude am eigenen Denken und will Sie zu letzterem anstiften.

Zum anderen würde ich aber auch rückfragen: Natürlich „nicht jeder„; aber darf überhaupt irgendjemand seinen persönlichen Vogel zum Heiligen Geist machen? Welcher „Experte“? Und mit welchem Recht? Warum dieser und nicht jener?

Ich stehe – als krummes Holz – zu meinem persönlichen Vogel bzw. meiner subjektiven Überzeugung, denn der Glaube soll freimachen und verbietet mir damit jegliche „demütige“ Unterordnung, die – durch Unwahrhaftigkeit erkauft – meinen aufrechten Gang behindert.

Damit sage ich nichts gegen Demut, aber sie kann sich meines Erachtens nur auf Gott und darf sich nicht auf „Experten“ beziehen.  

 

Vielen gelten meine Überlegungen als zu schwierig; dazu würde ich ein Zweifaches sagen:

Zum einen wird kaum jemand außer den Verschwörungstheoretikern bestreiten, daß das Leben recht kompliziert ist. Können wir ehrlich erwarten, daß sich der Glaube als einfacher erweist?

Natürlich darf ich ganz kindlich darauf vertrauen, in Gottes Hand absolut geborgen zu sein; wie auch immer das Leben mich beutelt. Dann bin ich ein großer Zeuge des christlichen Glaubens; das ist mehr als beeindruckend und aller Achtung wert. Aber wenn wir nur noch Zeugen haben, wissen wir bald nicht mehr, was sie eigentlich bezeugen und weshalb.

Zum anderen ist mir auch völlig klar, daß sich unsere Überlegungen in diesem Buch nicht für die kirchliche Verkündigung eignen; so kann kein Pfarrer außerhalb einer Studentengemeinde predigen.

Daraus folgt aber nicht im geringsten, daß irgendwelche „Experten“ etwas Einfaches, leicht Verständliches und möglicherweise sogar Unvernünftiges – wie die Augustinus-Anselmsche Satisfaktionslehre – zu dem einzig wahren Glaubensinhalt hochstilisieren dürfen, dem sich alle unterzuordnen haben.

Ich darf stets – allen „Experten“ zum Trotz – sagen, warum ich dies und jenes weder glauben kann noch will.

Nein; das war falsch: Ich darf nicht nur, sondern muß; allein so ist Schöpfung-Offenbarung-Vollendung als Selbstmitteilung Gottes möglich. „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“

 

Ein Ziel der Aufklärung sollte also unter anderem darin bestehen, deutlich zwischen Autoritäten und „Experten“ zu unterscheiden.

Ohne Autoritäten geht es gar nicht, weil wir – allein schon aus Zeitgründen – sehr vieles einfach glauben müssen, ohne es verstehen oder gar nachprüfen zu können. Aber diese Autoritäten sind keine „Experten“, die den „Laien“ etwas voraushaben, das letzteren – aufgrund fehlender Initiationen oder Weihen – prinzipiell unzugänglich bleiben muß. Vielmehr können die Autoritäten – im Gegensatz zu den „Experten“ – erklären, wie sie zu ihrem Wissen gelangen; es handelt sich nicht um Zauberei, sondern um nachvollziehbare Fähigkeiten.

Ist dieser Zugang einsichtig, besteht das Anerkennen der Autoritäten ganz einfach in unserer Selbsteinschätzung, diese Möglichkeiten zum Wissen offensichtlich nicht so großartig verwirklichen zu können wie sie. Der eine kann dieses gut, der andere jenes, und die meisten von uns haben wohl kaum ernstliche Schwierigkeiten damit, das anzuerkennen.

Aber wer sich auf irgendwelche Geheimnisse oder dergleichen beruft, ist natürlich keine Autorität und sollte nicht als „Experte“ anerkannt, sondern als Schwindler, Scharlatan, Schmarotzer oder Betrüger durchschaut werden.

2.3.3. Exaktheit ohne Sicherheit

In der Renaissance des 16. Jahrhunderts war das Geistesleben – nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung der griechischen Antike – in vielerlei Hinsicht erstaunlich tolerant; sie gilt nicht zufällig als das Zeitalter des Humanismus.

Was sich dann in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Herzen Europas abspielen sollte, war für die Gebildeten dieser Zeit kaum vorstellbar und führte zu einem gewaltigen Umdenken. Nach den Wirren des 30-jährigen Krieges ging es stärker denn je um Sicherheit, damit sich dergleichen möglichst nie wiederholen möge, und diese Sicherheit hoffte man, durch Gewißheit der Wahrheit zu erlangen.  

Glaube und Religion hatten soeben sehr deutlich gezeigt, daß sie dazu nicht nur nicht fähig sind, sondern eher die Unsicherheit und den Unfrieden schüren, so daß man nun nach einem denkerischen Weg zur Wahrheit suchte.

 

Das ist ganz grob der geistige Hintergrund, der zur Moderne führte; zur Philosophie René Descartes‘, die „more geometrico“ Wahrheit, Gewißheit und damit Sicherheit garantieren sollte, sowie zu den „neuen Wissenschaften“ (Francis Bacon).

Dieser Aufbruch in die Moderne war mit einem festen Glauben an die Logik und Mathematik als den entscheidenden Werkzeugen verbunden, denn „das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben“ (Galileo Galilei). Da schwerlich exaktere Wissenschaften denkbar sind, kam es zu einer unglücklichen Vermischung:

Das Streben nach Sicherheit wurde fälschlicherweise mit dem nach Exaktheit identifiziert.

 

Die aufgeklärten Postmodernen wissen heute, daß keine Sicherheit existiert; die Medien bestätigen es uns tagtäglich. Weder der Glaube des Mittelalters noch das Wissen der Moderne können uns die erwünschte Sicherheit schenken; sämtliche Orientierungspunkte erweisen sich letztlich als ungewiß.

Die Sicherheit ist eine Illusion, von der wir uns trennen müssen.

Aber das darf unseren Willen zur Exaktheit nicht beeinträchtigen, denn die beiden haben nichts miteinander zu tun.

 

Ich vermag nicht zu sehen, was gegen das Bemühen um Genauigkeit sprechen könnte. Was soll gut sein an diffusem Denken, analogen Schlüssen oder ungefährem Wissen? Ich bekenne mich nicht nur zu meinem Exaktheitswillen, sondern bin fest überzeugt, daß er unserer Gesellschaft gegen das allgegenwärtige Gewäsch und Getwitter, gegen Wichtigtuerei und simplen Unsinn wie „fake news“ oder „alternative Fakten“ gut zu Gesicht stünde.

Das bedeutet jedoch in keiner Weise, daß ich die modernen exakten Wissenschaften zum Königsweg der Erkenntnis erkläre; haben Sie bis hierher gelesen, erübrigt es sich wohl, das nochmals explizit zu erwähnen.

Es gibt religiöse und Liebeserfahrungen sowie solche von Freude oder Traurigkeit, wir können Schmerzen und Orgasmen erleben, Glück, Sinnlosigkeit und Spiritualität. Für die meisten von uns ist das alles viel wichtiger als die Wahrnehmungen der exakten Wissenschaften, und letztere verstehen absolut nichts von jenen Erfahrungen.

Unser Leben ist ambig, voller Geheimnisse sowie Unberechenbarkeiten und spricht dem Glauben, es exakt-wissenschaftlich erklären zu wollen, Hohn.

Aber vollkommen unabhängig davon können unsere Beschreibungen des Lebens doch gar nicht zu exakt ausfallen; was sollte „zu exakt“ denn überhaupt bedeuten? Je prägnanter die Beschreibungen gelingen, desto besser können wir uns und unser Leben in ihnen wiederfinden.

 

Für das eingefleischte Vorurteil, daß sich mit steigender Exaktheit der Horizont des Denkens verringern würde, habe ich noch nirgends eine Begründung gefunden und fürchte, es ist eher eine Entschuldigung des eigenen Versagens.

Exakte Geisteswissenschaften führen nicht zur Physik, sondern zu einer besseren Beschreibung.

Mein Anliegen besteht ganz einfach darin, daß wir uns nicht mit nebulösen Begriffen und einer schwammigen Sprache abfinden; vielleicht auch noch glauben, es gänge nicht anders, oder gar stolz darauf sind, auf diesem Wege angeblich tiefer zu schauen als die Physiker, die doch „nur an der Oberfläche kratzen“.

Natürlich tun sie nicht mehr, denn ihr Gegenstand, das Meßbare ist zumeist existenziell belanglos. Und hoffentlich denken Geisteswissenschaftler tatsächlich tiefer, aber doch nicht dadurch, daß sie auf Exaktheit verzichten (wollen).  

Wir müssen uns bemühen nicht nur um eine exakte Philosophie, Theologie und Psychologie, sondern sogar um eine exakte Belletristik. Das ist keine, die Zahlen oder Statistiken benutzt, sondern eine solche, die den Nagel auf den Kopf, das heißt, unser Leben trifft.

 

„Daß in Philosophie, Theologie und Psychologie der Exaktheitswille eine größere Rolle spielen sollte, wünsche ich mir auch; sie möchten ja schließlich als Wissenschaften anerkannt werden. Aber bei der Belletristik kann ich Ihren diesbezüglichen Wunsch nicht gut nachvollziehen; sind exakte Erzählungen nicht ein Widerspruch in sich?“ 

Nein; in den bedeutenden Romanen und Biographien geht es letztlich um die Wirklichkeit unserer Existenz. Die großen Schriftsteller beschreiben sie phantastisch genau – und zusammen mit ihrer Sprachbegabung macht das diese Autoren erstklassig.

Sie können natürlich allein ihr eigenes Leben beschreiben – denn auch sie kennen kein anderes –; aber weil sie das so exakt tun und dadurch die uns gemeinsame Tiefe erreichen, finden auch wir uns in ihren Beschreibungen selbst wieder.

„Oh Gott; woher kennt der mich denn?“ In dem  Maße, wie uns diese Frage überkommt, hat uns die Belletristik nicht nur gut unterhalten – was natürlich ebenfalls sehr wichtig sein mag –, sondern auch weitergebracht.

 

Der Horizont unserer Überlegungen oder Beschreibungen wird nicht durch ihre Genauigkeit und Folgerichtigkeit begrenzt, sondern durch unser Weltbild, denn nur in seinem Rahmen können wir uns geistig bewegen.

Die traditionelle „Welt“ ist „sehr stark an der Physik der Festkörper orientiert“ (Hermann Schmitz); dann können wir aber auch nicht erwarten, innerhalb eines solchen „Welt“-Bilds viel vom Leben zu verstehen. Demzufolge muß der Horizont unserer Beschreibungen sehr bescheiden sein – „selbst bei noch so diffusem Denken“.

2.3.4. Genese und Geltung

Die ewigen Wahrheiten nehmen in der Moderne die Form von Naturgesetzen an, weil sie sich nicht mehr auf Dinge – oder angebliche Seiende – beziehen, sondern auf relationen ohne Relata.

Das klingt wohl im ersten Moment widersprüchlich: „Wie kann etwas Ewiges eine neue Form annehmen?“ Um an dieser Stelle einen Schritt weiterzukommen, betrachten wir die Unterscheidung zwischen Genese und Geltung.

 

Auf der einen Seite haben wir (1) die Genese des Weltbilds in der (wirklichen) Zeit.

Das gilt zum einen in dem großen geschichtlichen Rahmen, mit dem wir diesen zweiten Teil begonnen hatten. Hierzu gehört, daß „alles seine Zeit hat; es gibt die Zeit“ beispielsweise der Substanzen oder der Relationen. Daß letztere existieren, wußte natürlich auch Aristoteles schon, aber er hat ihnen keine besondere Bedeutung beigemessen und konnte Relationen ohne Relata wohl kaum denken; für ihn mußten die Objekte in substanziellen Seienden bestehen.

Zum anderen ereignet sich die Genese eines Weltbilds bei jedem Subjekt im Laufe seines Lebens; das Weltbild, das wir als Kind hatten, gehört unserer Vergangenheit an.

Spielerisch – aber auch nicht viel mehr – könnten wir dort von Phylo- und hier von Ontogenese sprechen.

 

Auf der anderen Seite geht es darum, (2) ob die Produkte der Genese auch tatsächlich gelten; es kann sich doch auch um bloße Wahnideen wie beispielsweise den Faschismus, Irrlehren oder Vorurteile handeln. Beim Verständnis dieser Geltung müssen wir jedoch zwischen (a) dem traditionellen und (b) unserem postmodernen Denken unterscheiden.

 

(2a) Was die Genese hervorgebracht hat gilt, wenn es wahr ist. Dann spiegelt es einen Teil der wirklichen „Welt“ wider, und das gilt für alle „Zeiten“; traditionelle kann nur ewigliche Geltung bedeuten.

Die vorantiken Menschen wußten diesem Denken zufolge beispielsweise noch nicht, daß alle „Subjekte“ und damit auch sie selbst ein Innen haben. Uns ist das – durch die Genese des Denkens – klar geworden; und es gilt, weil damit alle „Subjekte“ adäquat beschrieben werden. Wer ihnen ein Innen abspricht, täuscht sich – für immer und ewig.

 

(2b) Bei uns gibt es keine objektive „Welt“; daß etwas gilt, kann somit nicht bedeuten, daß es „wirklich wahr ist“, sondern lediglich, daß wir es subjektiv für wahr halten.

Jedes Subjekt entscheidet also für sich selbst darüber, was es als gültig erachtet; jeder von uns bestimmt selbst, was er glaubt bzw. annimmt oder nicht-glaubt resp. ablehnt. Was wir glauben, gilt für uns und gehört zu unserer subjektiven Welt.

 

„Das ist wieder graue Theorie von Ihnen; würde tatsächlich jedes Subjekt selbst darüber entscheiden, was es als gültig erachtet, entstände ja ein entsetztliches Tohuwabohu!“

Ich fürchte, die graue Theorie vertreten Sie in dem Fall.

(2b) beschreibt nicht, wie es in der Postmoderne, sondern wie es immer ist.

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Natürlich geben die wenigsten Menschen ehrlich zu, daß sie das glauben, was Ihnen am besten gefällt, am wahrscheinlichsten erscheint, den größten Nutzen verspricht, Sicherheit verleiht, Geld, Macht, Gemeinschaft und Ansehen verheist oder wie die Versprechungen alle lauten mögen.

(2b) verhält sich zu (2a) also wie Ehrlichkeit zu – nicht Lüge, sondern – Selbstbetrug oder Irrtum.

Die meisten Menschen begründen ihren Glauben todernst-ehrlichen Gesichts mit der traditionellen Wahrheit und wollen nur sagen, – daß sie wissen – wie es wirklich ist.  

 

Nun können wir auf die Problematik zurückkommen, mit der wir diesen Abschnitt begonnen haben.

Traditionell handelt es sich tatsächlich um einen Widerspruch. Vielleicht braucht die Genese sehr lange, bis sie das Gültige hervorbringt; aber ist das einmal erreicht, dann gilt diese Wahrheit für alle Ewigkeit. Sie mag wieder verlorengehen, etwa weil die betreffende Kultur ausstirbt; aber das bezieht sich nur auf das Vorliegen und nicht auf die Gültigkeit der Wahrheit.  

Vielleicht wird sie erneut generiert oder auch nicht; aber durch eine ihr widersprechende Wahrheit ersetzt werden, kann sie niemals, weil die Wahrheit ewig sein muß.

 

Bei unserem Ansatz bedeutet es dagegen nicht nur keinen Widerspruch, zu verschiedenen – geschichtlichen oder subjektiven – Zeiten Differentes zu glauben, sondern das ist es doch auch, was wir zum Glück tagtäglich erleben:

Die Glaubungen oder Annehmungen entsprechen den gegenwärtigen Überzeugungen, und ließen die sich nicht andern – weil alle beratungsresistent sind –, könnten wir auf die meisten Gespräche verzichten.

 

„Sie versuchen, sich freundlich auszudrücken; früher nannte man das ’stur‘ . . . Wo befindet sich die ‚goldene Mitte‘ zwischen Beratungsresistenz und Gleichgültigkeit?“

Ich glaube, Ihre Frage ist falsch gestellt, weil es weder um Widersprechen noch um Einlenken und auch keinen Kompromiß zwischen ihnen geht. Wenn Sie in einer Diktatur aufgewachsen sind, spielt es für Sie auch nur eine sehr geringe Rolle, wieviele Menschen Ihnen widersprechen.

Ich meine etwas anderes, nämlich den „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas); allein darum darf es gehen. Und die Frage, welches das bessere Argument ist, kann nicht von außen, sondern muß selbst aus der Argumentation heraus beantwortet werden. Das ist genau in dem Maße möglich, wie beide Parteien nicht Recht haben, sondern der Wahrheit dienen wollen.

2.3.5. Nihilismus

Das traditionell-moderne Denken hat heute natürlich den „gesunden Menschenverstand“ auf seiner Seite. Aber ich bin überzeugt, daß dies nur aus der zweieinhalbtausendjährigen Vorherrschaft des Glaubens an Seiende resultiert.

Heidegger geht noch weiter und sieht in dieser Tradition, das heißt, im Verständnis

– der Existenz als angeblichem Vorhanden-Sein der Seienden sowie

– der Wahrheit als lediglich behaupteter Übereinstimmung mit ihnen

die Ursache des Nihilismus, der sich folglich in der Moderne vollendet.  

Im glatten Widerspruch dazu wird der Vorwurf des Nihilismus jedoch oft als – erhofftes – Totschlagargument gegen die Postmoderne benutzt; aber wie ich überzeugt bin, völlig zu unrecht.

 

Nihilismus kann nicht bedeuten, daß traditionelle Werte ignoriert und durch andere ersetzt werden. Woher wollen wir denn wissen, daß die alten Werte besser sind als die neuen?

Meines Erachtens besteht der Nihilismus vielmehr – nahezu gegensätzlich – darin, daß die traditionellen Werte beibehalten werden, obwohl wir ihre Falsch-, Leer- und Verlogenheit erkennen (könnten).

Genau das geschieht – Martin Heidegger folgend – in der Moderne; alle Substanzen verflüchtigen sich, aber die Traditionalisten wollen ihr zeitloses Substanz-Denken nicht aufgeben. Die traditionellen Antipoden Wissenschaft und Religion sind sich – vielleicht nur – darin völlig einig, daß es ihnen um ewige letzte Wahrheiten geht; was der einen die Weltformel, sind der anderen die Dogmen.

 

Die Postmodernen – zumindest diejenigen, zu denen ich mich bekenne – geben dieses traditionelle Denken auf und suchen nach einem Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis, das – nicht nur blind behauptet und geglaubt, sondern – intellektuell redlich verstanden werden kann.  

Allein damit läßt sich der Nihilismus der Moderne überwinden.

Dann sind sich natürlich nicht alle einig.

Aber waren sie das denn in der Vergangenheit? Handelte es sich nicht eher um eine Friedhofsruhe, bei der die Mächtigen bestimmt haben, was als wahr zu gelten hat?

Nicht nur Wissenschaft und Religion werden unterschiedliche Auffassungen vertreten, sondern auch innerhalb von beiden kommt hoffentlich der Widerstreit auf, ohne den ein selbstbestimmtes Leben gar nicht möglich ist.

 

Nachdenkliche und für den eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments offene Menschen, die ehrlich ihre Überzeugung vertreten, sind also niemals Nihilisten; weder die Konservativen noch die Progressiven.

Wer jedoch nicht selbst denkt und damit auch den besten Argumenten abhold sein muß, aber trotzdem mit überzeugtem Tonfall redet, drischt nur leere Phrasen – und das ist nihilistisch, weil keine Überzeugung dahinterstehen oder es nicht aus dem Herzen kommen kann.

Von der Phallokratie zur Gleichberechtigung, vom Eurozentrismus zur Globalität, vom „Experten“ zur Autorität, vom Ressortdenken zur Vernetzung, von der Rechthaberei zum Zuhören-Können, von der Wahrheit zur Wahrhaftigkeit und damit sowohl von der Diktatur zur Demokratie als auch von der Egomanie zur Toleranz und vom Dogma zum Denken – alles das sind Entwicklungen, die nichts mit dem Nihilismus, aber sehr viel mit der Postmoderne zu tun haben.

2.4. Wahrheit der (eigenen) Existenz

Daß man traditionell glauben muß, die Wahrheit sei für alle Menschen die gleiche, völlig unabhängig davon, wann und wo sie leben, ergibt sich zwingend aus dem Außen-Innen-Dualismus, der nahezu unhinterfragt bleibt und damit die als selbstverständlich erscheinende Basis der gesamten philosophisch-theologischen Tradition bildet.

Die Wahrheit besteht darin, die Objekte des Außen oder der „Welt“ im Innen adäquat wiederzugegeben.

Dann spielt es selbstverständlich überhaupt keine Rolle, in welchem Innen oder durch welches „Subjekt“ das gescheht; da etwas Objektives dargestellt wird, müssen alle wahren Repräsentatonen übereinstimmen. Natürlich sind gemeinsame Irrtümer möglich, aber keine verschiedenen Wahrheiten.

 

Bei einem solchen Verständnis ist die Wahrheit keine der Objekte, sondern lediglich eine solche von ihnen; nicht sie selbst sind wahr bzw. unwahr, sondern lediglich unsere Wissungen von ihnen. Kein Objekt X kann, mit anderen Worten, wahr sein, worin auch immer X bestehen mag; es gibt keine Wahrheit des X.

Traditionell existiert also

– Wahrheit zwar nur im Hinblick auf Objekte; jedoch trotzdem

– keine Wahrheit der Objekte, sondern

– lediglich eine Wahrheit unserer Abbildung von Objekten.

 

„Aber es gibt doch zum Beispiel auch  wahre Freunde?“

Ja, natürlich; das wahre Glück, wahre Menschen, Liebe oder Freude usw; aber dieses „wahre“ hat mit dem traditionellen Wahrheits-Verständnis als adäquater Abbildung von Objekten nichts zu tun und könnte zum Beispiel durch „echt“ oder „wie man es sich wünscht“ bzw. „vorstellt“ ersetzt werden.

Daß die diesbezüglichen Vorstellungen erheblich auseinandergehen können, wissen wir alle. Aber genau dies dürfte bei der Wahrheit nicht der Fall sein, womit Ihr Einwand entkräftet sein sollte.

 

Je länger ich darüber nachdenke, desto unglaublicher erscheint mir dieses Wahrheits-Verständnis; inzwischen ist es nahezu unfaßbar:

1. X muß ein Objekt sein, um überhaupt mit der Wahrheit in Verbindung gebracht werden zu können.

2. Aber wahr ist es selbst trotzdem niemals.

3. Diese Auszeichnung kann höchstens seinen Abbildungen in den Innen zukommen.

4. Dann existiert dort eine Wahrheit von den Objekten oder über sie

5. Das ist keine Objekt-, sondern eine Wissen-vom-Objekt-Wahrheit.

Darin besteht der Preis, den wir dafür zu zahlen haben, daß die Wahrheit unabhängig von uns „Subjekten“ sein soll.

 

Mir ist er viel zu hoch!

Das wird auch an den sich daraus ergebenden Konsequenzen deutllich.

Eine erste besteht darin, daß ein Bekenntnis wie „Gott ist die Wahrheit“ völlig absurd wäre, denn sie könnte nur richtig sein, wenn Gott in einer adäquaten Erkennntis von Objekten bestehen würde – nichts anderes meint die traditionelle Wahrheit.

Des weiteren geben wir den interessierenden Objekten vielleicht ehrfurchtseinflößende Namen und sprechen von „Subjekten“, „individuen“, „Personen“, „Seelen“, „Geist“ oder eben auch „Gott“. Aber nichtsdestotrotz bleiben es notwendigerweise Objekte, denn andernfalls gäbe es nicht einmal eine Wahrheit von ihnen oder über sie.

 

Ich möchte die „objektive“ Wahrheit der Abbildung durch die subjektive Wahrheit der – natürlich eigenen – Existenz ersetzen. Was das genau bedeutet, kann erst nach und nach verständlich werden; begnügen wir uns bitte vorerst mit einem einfachen Beispiel.

Ohne Substanzen läßt sich die Transsubstanziation nicht (mehr) intellektuell redlich denken, so daß sie für uns hinfällig wird. Wer die Hostie in der Eucharistiefeier dennoch als Leib Christi verstehen möchte, muß sich also einen besseren Denkweg einfallen lassen.

Die traditionelle Wahrheit über die Objekte führt zum Streit der Konfessionen: Ist die Hostie der Leib Christi oder bedeutet sie ihn? Weder . . ., noch . . .; es geht nicht um bloße Zeichen, aber auch nicht um Zauberei, bei der sich Jochen Hörischs Frage „Hat’s geklappt?“ aus „Brot und Wein“ aufdrängt.

 

Das halte ich alles für Scheinprobleme, weil es bei der Wahrheit der Existenz nicht um die Hostie geht, sondern allein um mich. Und so war es vom II. Vatikanum auch gemeint:

Die Katholiken legen stellvertretend für sich selbst symbolisch eine Hostie in die Opferschale. Bei der Wandlung geschieht entweder mit ihnen etwas oder gar nichts – auch nicht mit der Hostie. Das paßt wunderbar zusammen, denn der Leib Christi besteht in der Kirche als der Gemeinschaft aller Getauften und – hoffentlich auch in der Eucharistiefeier wieder – Gewandelten.

Die diesbezügliche Wahrheit meiner Existenz wäre ein Ich-erfahre-Christus. Das kann ich mir aus ganzem Herzen sowie intellektuell redlich wünschen – und mehr ist weder möglich noch nötig. 

Die Meßfeier ist ein Angebot der Kirche, das nachweislich schon vielen Menschen geholfen hat, zu dieser Wahrheit zu gelangen. Und letztere ist gewiß nicht dran gebunden, den Leib Christi hinunterzuschlucken.

2.4.1. Wahrheit im Hier und Jetzt – subjektiv und situational

Die Wahrheit ist für uns keine von Objekten, sondern eine solche der Existenz, und das kann nur unsere eigene Existenz sein, denn zu einer anderen haben wir keinen Zugang.

Daß eine solche Wahrheit subjektiv und situativ sein muß, versteht sich von selbst; das Gewissen weist uns in ihre Richtung; mich in diese und Sie in jene. Nun sind wir aber keine Subjekte an sich, sondern befinden uns stets in einer bestimmten Situation oder einem einmaligen Hier und Jetzt; niemals im „Vakuum“. Hier habe ich dieses zu tun, dort jenes; das eine Mal sollte ich A sagen, ein anderes Mal non-A.

 

Dabei geht es nicht (nur) um Trivialitäten der Art, daß wir mitunter Hunger haben und eben machmal auch nicht.  Einsichtiger dürfte mein Anliegen jedoch schon bei der Frage werden, ob es wahr ist, daß „1 + 1 = 2“ gilt. Die Antwort lautet weder „ja“ noch „nein“ – denn beides wäre traditionell gedacht –, sondern hängt unter anderem auch davon ab, wer mich fragt:

Tun dies beispielsweise unsere Enkel im Kita-Alter, so stimme ich ihnen natürlich spontan zu; sie sollen doch wegen ihres Großvaters keine Schwierigkeiten in der Schule bekommen.

Zu Ihnen muß ich dagegen sagen, daß „1 + 1 = 2“ nicht wahr ist, sondern innerhalb einer speziellen, der Peanoschen Algebra aus deren Axiomen hergeleitet werden kann. Aber es gibt noch viele andere Algebren; in derjenigen von George Boole beispielsweise läßt sich „1 + 1 = 1“ deduzieren.

Würde ich zu Ihnen sagen, daß „1 + 1 = 2“, könnten Sie zum einen mit Recht beleidigt sein, weil ich Sie wie unsere Enkelkinder behandle, und zum anderen wäre es eine Lüge.

Letztere besteht nicht, wie die Tradition meint, darin, die Unwahrheit zu sagen; das könnte doch nur, wer die Wahrheit kennt – und somit keiner von uns. Zu lügen bedeutet vielmehr, unwahrhaftig zu sein, das heißt, etwas anderes zu sagen als das, was wir selbst glauben oder wovon wir gar überzeugt sind.

Wahrhaftig sein kann – theoretisch – jeder; aber mehr als wahrhaftig zu sein, vermag niemand.

 

Die Algebren sind alle nicht wahr, sondern in den verschiedenen Situationen unseres Lebens mehr oder weniger nützlich. Ein guter Mathematiker kennt möglichst viele Mathematiken und besitzt ein Fingerspitzengefühl dafür, wann er welche von ihnen benutzen muß, um seine Probleme zu lösen. Die „Wahrheit“ der Mathematiken zeigt sich in ihrer Anwendbarkeit oder Nützlichkeit; ohne Boolsche Algebra hätten wir beispielsweise keine Digitalrechner.

Mit ein bißchen Phantasie fallen uns auch durchsichtige Beispiele ein:

Eine Wolke und noch eine Wolke kann wieder eine Wolke sein; etwas Wahres und noch etwas Wahres ergibt auch Wahres, oder eine Geschichte und noch eine Geschichte bilden wieder eine Geschichte.

 

Unsere exakten Naturwissenschaften können ebenfalls nicht nach der Wahrheit unserer Existenz fragen, denn sie sind im Kern – und mit Recht – alle empirisch ausgerichtet, das heißt, sie sollen durch das Experiment kontrollierbar sein. Das ist aber höchstens bei (einigen) Voraussagen über später zu erwartende Wahrnehmungen möglich.

Die „Wahrheit“ der exakten Naturwissenschaften besteht in der unbestreitbar großartigen und hilfreichen Richtigkeit derartiger Prognosen, die zwar unsere Freiheit mit-ermöglicht, aber nichtsdestotrotz nur sehr wenig mit – der Wirklichkeit – unserer Existenz zu tun hat.

2.4.2. Vom Nirgendwo und -wann zum Hier und Jetzt

Darin, daß für uns aus der Wahrheit von den Objekten die Wahrheit der (eigenen) Existenz wird, kommt natürlich der bereits mehrfach angedeutete Wechsel unseres Standorts zum Ausdruck, der wohl den Kernpunkt des gesamten Ansatzes bildet, aber vielleicht nun erst richtig verstanden werden kann. Ich nehme daher bewußt einige Wiederholungen inkauf.

 

Die Tradition maßt sich einen Blick auf die gesamte objektive „Welt“ an; als würden wir nicht selbst hinzugehören und könnten von außerhalb darauf schauen.

Dieser Standort – Thomas Nagels „Blick von nirgendwo“ – ist keine Erfindung der Moderne, sondern entstammt der griechischen Götterlehre. Dort war es der Nous, der das Ganze schaute, und aus ihm ist Pascals „Gott der Philosophen“ geworden. Ohne ihn gäbe es weder die „Welt“ – denn sie ist das vor ihm, aber eben auch nur vor ihm Präsentenoch unsere Naturwissenschaft, denn sie entspricht der Schau des Nous mit den Mitteln der Moderne.

Er übersieht also – in unserem Bild mit dem Projektor – die gesamte völlig fertige Filmrolle, während wir an das wandernde Jetzt mit seinem kleinen Ausschnitt des Films gebunden sind.

Für uns Menschen kann die „Welt“ – von diesem winzigen Stückchen abgesehen – also nur insoweit existieren, wie wir Anteil am Nous haben; ohne einen heißen Draht zu ihm läßt sich seine Schau nicht nachvollziehen. Weitestgehend wird natürlich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in diesem Sinne interpretiert.

 

Ignorieren Sie das bitte nicht als „frommes Gerede“ und „heute gegenstandslos“ oder dergleichen; daß es so einfach nicht mehr geht, weiß ich auch.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit; die andere Hälfte besteht darin, daß das Problem tatsächlich existiert – auch in der Moderne noch. Solange das traditionelle Denken nicht aufgeben wird – unser Vorschlag –, benötigt es den Nous oder einen äquivalenten Ersatz.

Wie sollen wir Menschen, die an einer winzigen Stelle der „Raum“-„Zeit“ leben, sonst zu einer Schau des Ganzen gelangen können?

Unsere Antwort ist klar: „gar nicht“, aber sie setzt den Mut voraus, die „Welt“ zu canceln.

Wer sie beibehalten möchte und die Unterstützung durch einen Gott dabei für wenig hilfreich hält, hat ein Problem.

 

Den Nous glauben wir zwar offiziell nicht mehr, aber die Tradition geht ungebrochen davon aus, seine Schau in der modernen oder als moderne Wissenschaft praktizieren zu können.

Jeder, der traditionell denkt, beansprucht für sich einen Zugang zum Nous; daß er das nicht weiß oder vehement bestreiten würde, ist dafür belanglos. Verzichtet er tatsächlich auf diese (un)heimliche Verbindung – muß er das traditionelle Denken aufgeben.

Jedes „Ich weiß die ‚Welt'“ können wir durch ein „Ich bin (fast) der Nous“ ersetzen, und die moderne Wisenschaft ist angewandte griechische Götterlehre, hatten wir bereits gesagt. Eine wirkliche Aufklärung würde bedeuten, das einzusehen – statt sich überheblich für intelligenter als die gläubigen Denker der Antike und des Mittelalters zu halten.

 

Wir verzichten auf ein solches Sein-Wollen-wie-Gott, beschränken uns auf die dann allein verbleibende „subjektiv-menschliche Perspektive im Hier und Jetzt“ (Georg Picht) und streichen die übliche Perspektive der dritten Person – denn das ist die des Nous.

Einfach erklärt bedeutet dies:

Der heutigen Physik zufolge leben wir angeblich in einer „raum“-„zeitlich“ praktisch unendlich ausgedehnten „Welt“; freilich nur an einer winzig kleinen Stelle davon.

In einem ersten Schritt nehmen wir an, daß das stimmt. Dann können wir natürlich auch nur die winzig kleine Umgebung dieses Hier und Jetzt untersuchen.   

Damit stellt sich in einem zweiten Schritt freilich die Frage, wieso das mit der „Welt“ überhaupt stimmen kann. Woher will die Physik davon wissen, wenn es – natürlich – keinen Nous gibt?

Pointiert ausgedrückt:

Wenn die Physik Recht hätte mit ihrer „Welt“, wäre sie nicht möglich.

 

Dieser Wechsel vom Sein-Wollen-wie-Gott zum Anerkennen von Endlichkeit oder Kontingenz des eigenen Lebens und seiner Wahrnehmungen wird von den Traditionalisten häufig als Hybris, als Überheblichkeit gegenüber Gott, dargestellt; darüber kann ich mich nur wundern:

Es geht meines Erachtens in der Tat um Größenwahn sowie Allmachtsphantasien auf der einen Seite und Bescheidenheit oder Demut auf der anderen. Aber die Tradition scheint mir mitunter die beiden Seiten zu verwechseln.

2.4.3. Unbedingtheit – ohne Gleichmacherei

„Durch Ihren Verzicht auf das Sein-Wollen-wie-Gott wird jedes Sprechen von einer angeblich absoluten oder ewig-objektiven Wahrheit hinfällig. Dann dürfte es aber automatisch auch keinen Relativismus mehr geben, denn dieser bildet doch nur die Kehrseite dieser angemaßten Absolutheit?“

 

Nein; das glaube ich nicht; auf eine solche Gedankenführung treffen wir zwar recht häufig, aber damit werden die wirklichen Verhältnisse meines Erachtens zu stark trivialisiert. 

Mein Ablehnen der absoluten Wahrheit führt des öfteren sinngemäß zu der Entgegnung „also kann sich jeder seine eigene Wahrheit zusammenbasteln“. Diese Schlußfolgerung ist jedoch sogar rein logisch falsch, denn der traditionelle Absolutheitsanspruch der Wahrheit besitzt zwei völlig verschiedene Seiten, die leider häufig vermengt werden.

 

Zum einen enthält er die Forderung der Unbedingtheit, der ich 100%-ig beipflichte.

Wir können uns überhaupt nichts zusammenbasteln; die Wahrheit hängt nicht von uns und unserem Leben ab, sondern umgekehrt sollten wir beide an der Wahrheit ausrichten. Letztere entsteht nicht durch uns, sondern existiert für uns; die Wahrheit ist uns vor- oder aufgegeben und nicht nachgeordnet; darin besteht der Sinn des Gewissens.

 

Zum anderen ist mit der absoluten Wahrheit fast immer die – von dieser Unbedingtheit völlig unabhängige – Überzeugung verbunden, die Wahrheit müsse für alle „Subjekte“ die gleiche sein.

Nur von dieser zweiten Annahme habe ich mich oben dezidiert trennen wollen.

Gott spricht uns nicht an mit „Hallo, ihr Menschen alle„, sondern sagt „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ – und jeder von uns besitzt einen anderen.

 

Wir können – ohne Außen-Innen-Dualismus – problemlosdie absolute Intersubjektivität der traditionellen Wahrheit aufgeben und zugleich ihre Unbedingtheit beibehalten. Vielleicht sollten wir dann der Deutlichkeit halber nicht mehr von einer absoluten Wahrheit sprechen, aber mit Relativismus hat das keineswegs zu tun.

„Bei dem subjektiven Vorgegeben-Sein bleiben Sie also auch . . .

Aber weshalb soll ich mich überhaupt an einer mir angeblich vorgegebenen Wahrheit ausrichten? Wer verlangt denn das? Und mit welchem Recht?

Keiner verlangt etwas von uns, und niemand hätte das Recht dazu!

Die uns vorgegebene unbedingte Wahrheit weist meines Erachtens die Richtung zur Fülle der eigenen Existenz; folgen wir ihr, tun wir dies nur uns selbst zuliebe – um mehr zu leben.

Natürlich ist damit auch nochmals gesagt, daß wir den zweiten der beiden obigen Punkte aufgeben müssen: Soll die uns vorgegebene unbedingte Wahrheit zur Fülle der Existenz führen, kann sie natürlich nur bei jedem Subjekt eine andere sein.

 

Unsere Wahrheit ist zwar „nur“ subjektiv sowie situational, aber möglicherweise sehr eindeutig.

Ich muß hier und jetzt so handeln; das sagt mir mein Gewissen, weil alles andere Lüge, Feigheit, Bereicherung, Rechthaberei, Verrat, Anpassung, Rache, Duckmäusertum, . . . kriecherei oder noch Schlimmeres wäre. Das möchte ich alles nicht, und daraus ergibt sich meine Entscheidung für die unbedingte – subjektiv-situative – Wahrheit.

Aber ich besitze mein Gewissen, und Sie haben das Ihrige.

2.4.4. Gewissen

„Sie streichen die traditionelle ‚Welt‘ mit ihren Seienden, und damit fehlt jegliche Ausrichtung. Als Ersatz – weil es ganz so wohl doch nicht geht – führen Sie das subjektive Gewissen ein.

Sie brauchen das; aber was soll das überhaupt sein, ein ‚Gewissen‘, und woher nehmen Sie es?“

 

Ich fürchte, Sie sind durch die Ihnen sicherlich bekannten transzendenten Erklärungen des Gewissens als „Stimme Gottes“ ein wenig voreingenommen. Wie sollte man diese von den vielen anderen Stimmen in uns unterscheiden? Die Psychologen schreiben ganze Bücher darüber – ohne diese Frage beantworten zu können bzw. wollen.

Verstehen Sie unter Gewissen ganz einfach Verantwortungsbewußtsein, so haben die meisten Menschen – Atheisten wie Gläubige – damit wohl kaum Probleme; wir spüren häufig sehr genau, worin hier und jetzt unsere Aufgabe bestehen würde. Interpretieren Christen dieses „Du solltest jetzt aber .. .“ subjektiv als Stimme Gottes, dann sollten wir ihnen das ebensowenig auszureden versuchen, wie sie es uns als objektive Tatsache einreden können. Wem wäre damit gedient?

 

Tausend Aspekte spielen in das Gewissen bzw. Verantwortungsbewußtsein hinein und tragen zu seiner Entstehung bei; Erziehung, Freunde, Umfeld, Zeitgeist, Bildung, Religion, Literatur, Internet, Comics usw.

Traditionell denkende Christen könnten sich jetzt entsetzt abwenden und fragen, was das Gewissen als „Einfalltor Gottes in unsere Existenz“ mit Comics zu tun haben soll. Ich halte diese Entgegensetzung für grundfalsch; wer Gott als allgegenwärtig glaubt, dem stellt sich eine solche Frage gar nicht.

Wieso soll er uns nicht sogar durch Religionskritiker erreichen, die insbesondere anregen, selbst zu denken? „Die haben ja Recht; was kannst Du da eigentlich noch dagegen sagen?“ Ich persönlich bin überzeugt, durch Ludwig Feuerbach, Friedrich Nietzsche oder Sigmund Freud wesentlich mehr gelernt zu haben als durch das Wiederholen von frommen Floskeln, die ich schon in der Kindheit gehört habe.

 

„Ja; da könnte ich mitgehen; aber dann bleibt noch ein anderes Problem, das nur bedingt mit dem Gewissen zusammenhängt:

Wir (müssen) entscheiden, und das Gewissen sagt uns, wie das geschehen sollte, denn es stehen – einfach formuliert – gute und böse Möglichkeiten zur Auswahl. Woher kommen die letzteren? Für unsere Entscheidungen, sind natürlich wir selbst zuständig – aber doch nicht für das Angebot.

Diese Frage nach dem Woher des Bösen kann die Tradition absolut nicht beantworten. Da bei Ihnen Gott jedoch keine „Welt“ schaffen mußte, steht die Frage ganz anders.“

Das Böse kommt weder von Gott, noch benötigen wir dafür einen Teufel oder etwas Ähnliches, sondern seine Herkunft erklärt sich viel einfacher, nämlich rein logisch.

 

Alle Wissungen sind negierbar; das heißt, wer A weiß, kennt auch non-A. Oder besser formuliert: Wir wissen A nur in dem Maße, in der Form oder unter dem Aspekt, wie uns auch non-A bekannt ist.

Was wir beispielsweise unter der Wissung Menschen verstehen, hängt davon ab, worin wir ihre Negation sehen. Nicht-Menschen können zum Beispiel Tiere sein, Maschinen, Götter, Barbaren, Geister, Engel und Unter- oder Übermenschen. Mit jeder dieser verschiedenen Negationen verbindet sich auch eine andere Menschen-Wissung.

 

Es kann sie gegenwärtig nur geben, weil diese Wissung in der Vergangenheit irgendwann geerstmaligt wurde; sonst stände sie uns nicht zur Verfügung, denn abbilden können wir sie ohne Seiende nicht. Wegen ihrer Negierbarkeit kann die Wissung Menschen aber gar nicht geerstmaligt werden ohne denjenigen der Nicht-Menschen; Mensch und Nicht-Mensch entstehen notwendigerweise zugleich und gemeinsam. 

Kommen wir auf Ihre Frage zurück.

Selbst das Gewissen kann wegen dieser Negierbarkeit das Böse nicht „unerwähnt“ lassen. Es vermag nicht zu sagen „tue A“, ohne hiermit „tue non-A nicht“ zu verbinden – und uns somit auch auf die Möglichkeit von non-A „hinzuweisen“.

 

Mit anderen Worten:

Hätte Gott die „Welt“ geschaffen, gäbe es nur das Gute – in Form der Seienden.

Hat er aber nicht; das Gute mußte also in der Vergangenheit – von den Subjekten selbst – geerstmaligt werden. Das ist jedoch prinzipiell unmöglich, ohne zugleich und in Einheit damit auch das Nicht-Gute oder Böse hervorzubringen.

2.4.5. Theodizee

Mir gefällt unser letztes Ergebnis, aber damit sind wir natürlich mit der Theodizee nicht fertig geworden; sie stellt wohl das schwierigste Problem des christlichen Glaubens dar:.

Wie kann ein allmächtiger lieb(end)er Gott das unfaßbare Leid in seiner Schöpfung zulassen!? Wo war er bei den Tragödien von Lissabon, Auschwitz, Bhopal, Ruanda oder Fukushima?

Die Tradition weiß keine vernünftige Antwort und erfindet deshalb die absurde Satisfaktionstheorie, die Gott reinwaschen soll. In seiner Schöpfung war „alles gut“, und das unendliche Leid wird den Menschen in die Schuhe geschoben, für die Adam und Eva stellvertretend stehen.

Das ist unmenschlich, eines Gottes nicht würdig und dürfte niemand glauben; Sippenhaft gilt sogar uns „sündigen“ Menschen als himmelscheiendes Unrecht. Und dann sollen wir einen Gott verehren, der das praktiziert? Ich kann mich vor keinem Gott verbeugen, der unter meinen eigenen ethischen Standards steht; das wäre Götzendienst.

  Ein solches Gottesbild schreit nach einem Umdenken; um dieses einigermaßen sauber leisten zu können, müssen wir zwei Probleme deutlich auseinanderhalten.

 

Auf der einen Seite stellt sich die Frage nach der Herkunft des Bösen.

Es existiert, weil es sonst auch kein Gutes gäbe, wie ich im letzten Abschnitt verdeutlichen wollte. Gegen logische Gesetze wie die Negierbarkeit der Begriffe kann auch ein allmächtiger Gott nichts ausrichten.

Ein ähnliches Argument kennt auch die Tradition:

Gott mußte das Böse schaffen, damit wir – durch den Unterschied – das Gute als Gutes erkennen können. Hier geht es also nicht um das Sein – wie bei uns –, sondern nur um das Erkennen und deshalb überzeugt die traditionelle Variante nicht jeden Gläubigen:

„Ich hätte ganz gerne auf diese Erkenntnis verzichtet . . .“

Bei uns ist dagegen das Sein des Guten an dasjenige des Bösen gebunden.

 

Auf der anderen Seite stehen wir vor dem unermeßlichen Leid sehr vieler Menschen. Wir können gar nicht stark genug betonen, daß es sich hierbei tatsächlich um eine ganz andere Seite handelt, weil die theologische Tradition zumeist beides ungehörig vermischt.

Es gibt Leid auch ohne alles Böse, und vieles Gute ist sehr leidvoll.

Warum das Böse und das Leid gerne zusammengenommen werden, hatten wir oben bereits gesehen: Für das Böse sind die Menschen verantwortlich, und wenn sich das als Grund des Leids verstehen läßt, war in Gottes Schöpfung alles gut und frei von Leid.

 

Ich wehre mich gegen jede Theorie, die Gott von seiner Verantwortung entlasten möchte und dafür Sündenböcke sucht. Er ist und bleibt der Chef; der Schöpfer muß auch der Vollender sein.

Das anzuerkennen, bedeutet, ihm zuzutrauen, daß er nicht nur den Tod besiegt, sondern auch dafür sorgen kann und wird, daß am Ende „alles gut ist“. Die Theodizee endet für mich nicht mit einer Theorie, sondern in dieser Hoffnung. „Gott“ wird damit zu einem Sehnsuchtswort, demzufolge Gott allen Subjekten zuspricht:

„Vollkommen unabhängig von deinem Weltbild, für das ich nicht verantwortlich bin, garantiere ich dir, daß du – möglicherweise allen Erfahrungen zum Trotz – einmal ganz glücklich sein und deine Geburt nicht bereuen wirst.“ 

Jedes Dahinter-Zurückbleiben Gottes wäre für mich eine Riesenenttäuschung.

2.4.6. Jenseits von Orthodoxie und Orthopraxie

„Mit einem solchen Verständnis des christlichen Gewissens sprechen Sie sich allerdings gegen jegliche Orthodoxie und Orthopraxie aus.“

Natürlich; es geht im Glauben ebensowenig um ein Das-war-schon-immer-so wie um ewige Wahrheiten, sondern allein um eine Hilfe für unser Leben in der Zeit. Aber genau deswegen muß ich Ihnen auch ein wenig widersprechen:

Es gibt kein christliches, sondern lediglich ein menschliches Gewissen. Christen sollen nicht irgendetwas tun was für Anders- oder Ungläubige unnötig wäre. Gottesdienst bezieht sich niemals direkt auf Gott, sondern ist ausnahmslos Dienst an Menschen (Tieren, Pflanzen usw.). Ein „Gottesdienst“, der – am Menschen vorbei – unmittelbar auf Gott gerichtet wird, ist Götzendienst, denn Gott benötigt nichts, und das Einzige, was er will, ist das Heil seiner Geschöpfe

Von Nächstenliebe können wir nur sprechen, mit anderen Worten, wenn der Nächste um seiner selbst willen geliebt wird; weder weil Gott es geboten hat, noch um „in den Himmel zu kommen“; ersteres wäre wiederum Götzendienst und letzteres Heilsegoismus.

 

Orthodoxie meint, daß bestimmte Sätze, Aussagen, Geschichten oder Dogmen als wahr geglaubt werden sollen, und Orthopraxie bedeutet analog, daß bestimmte Forderungen, Normen, Werte oder Gebote einzuhalten seien.

Beides halte ich für unvereinbar mit der Freiheit als dem Ziel der Schöpfung; „der Glaube wird Euch freimachen“ und nicht in ein Prokrustesbett zwingen. Augustinus‘ „Liebe und tu, was du willst“ greift dies perfekt auf.

„Das geht überhaupt nicht; haben Sie eine Ahnung, was da manche tun würden!“

Ihr Einwand verrät Sie:

Mir ging es darum, was uns das subjektive Gewissen sagt, und besser als in der Form „liebe zuerst und tue das, was du dann wollen kannst,“ gelingt das kaum.

Sie scheinen dagegen weniger das Gewissen und dafür mehr die Kontrolle darüber im Sinne zu haben . . .

 

„Müssen Sie als Kathoilk nicht beispielsweise jeden Sonntag in die Kirche gehen?“

Nein; das muß ich nicht, denn es ist kein Gottesdienst im soeben erläuterten Sinne der Nächstenliebe; wäre es das, müßten Sie auch gehen.

Daß der sonntägliche Gottesdienstbesuch als Kirchengebot gilt, entstammt einer Zeit, in der die Kirche noch glaubte, ihren Schäfchen vorschreiben zu können – wenn nicht gar: zu müssen –, wie sie ihr Leben zu gestalten haben. Eine solche Sichtweise wäre vielen Kirchenvertretern wohl heute noch recht, aber es hat mit Sicherheit ein Umdenken eingesetzt. Einige von ihnen haben inzwischen den „Glaube als Option“ (Hans Joas) begriffen; das heißt, sie sehen ihre Aufgabe darin, den Menschen ein Angebot zu machen, das deren Leben schöner, erfüllter oder glücklicher – ganzheitlich heiler – werden lassen kann.

Und daß der sonntägliche Gottesdienst bei relativ vielen Menschen in diesem Sinne wirken dürfte, halte ich für unbestreitbar. Tut er das nicht, muß ich weder trotzdem hingehen noch in der Entwicklung meines Lebens stagnieren, sondern kann mir eine andere Option suchen, die mich weiterbringt.

 

Der religiöse Glaube hat mit den beiden Orthos meins Erachtens lediglich in dem Sinne zu tun, daß er uns davon befreien will, damit wir mehr leben oder möglichst viel von der Fülle des Lebens erfahren können.

Das geschieht, wenn wir „zu einem Gefühl des Erfülltseins gelangen“ (Matthieu Ricard) oder uns „in Resonanz“ (Hartmut Rosa) bzw. „im Flow“ (Mihály Csíkszentmihályi) „mit dem Leben“ befinden; Mario Perniola spricht in diesem Zusammenhang vom „katholischen Fühlen“, meint damit aber nichts Konfessionelles.

2.5. Zusammenfassung

Wenn traditionell Denkende der Moderne Bezeichnungen benutzen, gibt es drei Möglichkeiten, worauf sich diese beziehen können:

– Seiende oder Gewußte in der objektiven „Welt“

– Wissungen in der subjektiven Psyche

– Begriffe in der Sprache

 

Bei uns wäre die entsprechende Zusammenstellung noch einfacher, da die erste Variante entfällt; bei der zweiten müssen wir nur die Psyche durch das Bewußtsein ersetzen.

– ——-

– Wissungen im subjektiven Bewußtsein

– Begriffe in der Sprache

 

Zwischen Begriffen und Wissungen besteht ein gewaltiger Unterschied.

Letztere sind daran gebunden, gegenwärtig gegeben oder in unserem Bewußtsein aktualisiert zu sein; eine „Wissung“, die wir nicht haben, ist keine Wissung.

Das ist bei Begriffen anders, denn sie gehören nicht dem Bewußtsein, sondern der Sprache an und sind folglich auch mit dieser näherungsweise konstant.

Kommen „Begriffe“ in unser Bewußtsein, dann tun sie das als Wissungen und nicht als Begriffe.

Bei diesem Aktual(isiert)-Werden müssen wir zwischen Erkennungen und Wahrnehmungen differenzieren.

 

Jene bestehen in der Einheit von Begriff und Ausmalung. Damit folgen wir in etwa Kant, ersetzen lediglich seine „Anschauung“ durch „Ausmalung“, weil mir das treffender erscheint. Wir zerlegen die Erkennungen damit in einen intersubjektiv-sprachlichen Begriff und eine rein subjektiv-anschauliche Ausmalung.

Nur der intersubjektiv-sprachliche Begriff läßt sich bezeichnen, so daß ich Sie zum Beispiel bitten kann, sich den Mond vorzustellen. Dann denken – oder begreifen – wir beide den gleichen Begriff und malen ihn uns irgendwie unterschiedlich aus.

Die Ausmalung können wir nicht bezeichnen und damit auch nicht kommunizieren.

„Sie tun es doch gerade mit Hilfe des Wortes ‚Ausmalung‘.“

Nein; natürlich stellt auch Ausmalung einen Begriff dar, den wir mit „Ausmalung“ bezeichnen; andernfalls wäre es sinnleer, eine Erkennung als Einheit von Begriff und Ausmalung zu definieren. Aber das ist ein Sammel-Begriff, den wir am besten als Irgendeine-Ausmalung oder Ausmalung-überhaupt wiedergeben. Die jeweilige konkrete Ausmalung – Ihres bzw. meines Mondes im Beispiel – ist als solche weder bezeichen- noch kommunizierbar. 

 

Begriffe, läßt sich also zusammenfassen, sind schmucklos-abstrakte näherungsweise konstante „Erkennungen“, und Erkennungen bestehen in anschaulich-ausgemalten aktual(isiert)en „Begriffen“.

Verzichten wir auf dieses Ausmalen – das ja stets mehr oder weniger intensiv erfolgt –, so handelt es sich um – aktual(isiert)e – Erkennungen, die inhaltlich mit den Begriffen zusammenfallen, aber dem Bewußtsein angehören. Wir könnten von reinen „Begriffen“ sprechen, wie sie insbesondere in der Mathematik genutzt werden.

 

Bei den Wahrnehmungen können wir uns nun kürzer fassen; hier gibt es keine subjektiv-willkürlichen Ausmalungen, sondern an deren Stelle treten die uns vorgegebenen Gestalten bzw. Funktionen, die den Begriff als Auffasung erhalten und dadurch zu den Wahrnehmungen „auf den Begriff gebracht“ werden.

 

Bei uns werden also immer nur Begriffe unmittelbar bezeichnet, was sich aber indirekt auf die Wissungen überträgt, weil sie ausnahmslos Begriffe enthalten.

 

 

in der Sprache im Bewußtsein  
nicht gegeben gegeben  
näherungsweise konstant aktual(isiert)  
abstrakt anschaulich  
     
  Wahrnehmungen                                                              
                     Gestalten  
       
  Erkennungen  
Begriffe   Ausmalung  
   
  reine „Begriffe“  
            Ausmalung
 
       

Abbildung 2.5.

 

„Damit verstehe ich jetzt auch allmählich, was ich oben noch nicht gut nachvollziehen konnte:

Traditionell denkende Christen glauben, von den Seienden der ‚Welt‘ und damit Gottes – angeblich – guter Schöpfung  ausgehen zu können, finden aber auch das unbestreitbare Böse vor und stehen folglich vor dem wahrscheinlich unlösbaren Problem seiner Herkunft. ‚Wer war das?‘

Sie beginnen dagegen bei den Wissungen, die nicht von der ‚Welt‘ her, sondern aus der Vergangenheit kommen. Gegenwärtig können sie also nur existieren und wiederholt werden, wenn sie in jener geerstmaligt wurden.

Konstant müssen die Begriffe sein, um wiederholt werden zu können; das funktioniert aber nur näherungsweise, weil sich die Sprache andert.

Aus dem traditionell-zeitlosen Abbilden wird also Ihr postmodern-zeitliches Erstmaligen und Wiederholen; Zeitigen wäre ein geeigneter reiner „Begriff“.

Da Wissungen eo ipso negierbar sind – woran auch (ein) Gott wohl nichts ändern kann, denn andernfalls wären es keine Wissungen mehr –, läßt sich das Gute somit ohne sein entsprechendes Böses nicht zeitigen, weder erstmaligen noch wiederholen.

 

Und damit wird zugleich verständlich, wieso Sie widerspruchsfrei auf die ‚Welt‘ verzichten können:

Die Gestalten bilden den Hintergrund für die verschiedensten Welten. Aus ein und derselben Gestalt machen die alten Ägypter ihren Re und wir unsere Sonne.

Aber warum soll sich nicht kontrollieren lassen, wer Recht hat?“

Ihre Frage ist falsch gestellt; ich bestreite nicht die Kontrollierbarkeit des Rechts, sondern dieses selbst; ohne Seiende kann keiner Recht haben.

 

Die Wahrnehmungen Re und Sonne sind einerseits weder wirklich noch real – sondern nur sinnlich und geistig.

Andererseits ergeben sie sich dennoch zwingend – innerhalb der jeweiligen Weltbilder.

Am besten charakterisieren wir sie vielleicht als „ableitbar“. So wie Rechenregeln aus den mathematischen Axiomen folgen, ergeben sich unsere Wissungen recht eindeutig aus dem jeweiligen Weltbild.

Daß andere Prämissen zu differenten Ergebnissen führen, versteht sich von selbst.

3. Vom traditionellen zu unserem Ansatz

Dieser dritte Teil hat zwei Aufgaben.

Zum einen wollen wir erkennen, weshalb der traditionelle Ansatz meines Erachtens auch bei bestem Willen nicht konsistent – also gar nicht – gedacht werden kann. Bevor es tatsächlich um unser eigenes Denken, den metaphysischen Explikationismus, geht, soll damit nochmals deutlich werden, wovon wir uns trennen möchten und weshalb.

Zum anderen dient uns der traditionelle Ansatz jedoch nicht nur als Negativfolie, vor deren Hintergrund unsere Überlegungen – wie ich glaube als Verbesserungen – gerechtfertigt werden können. Es soll zugleich erkenntlich sein, in welche Richtung dieses Denken überwunden werden kann.

 

„Ist das wirklich nötig? Sollten wir diesen Umweg nicht besser weglassen und uns von Anfang an auf das konzentrieren, was es neu zu verstehen gilt? Sehr viel Zeit habe ich nicht . . .“

Das ist kein Umweg; unsere Vorfahren waren doch nicht dümmer als wir; sie haben versucht, ganz stringent zu denken. Wenn Sie dabei trotzdem Fehler begangen haben, sind das Fallgruben auch für uns, denn mehr als der Versuch, selbst zu denken, ist auch uns nicht möglich. Wir kommen also nur weiter, wenn wir diese Fallgruben wissen und dadurch umgehen können, so daß wir erst in spätere stürzen.

Ein postmodernes Denken ist nicht möglich, ohne das ihm vorausgehende hinreichend verstanden zu haben, Wir lassen – wie „versprochen“ – alle geschichtlichen Details auf sich beruhen und wenden uns nur ganz pauschal gegen die traditionelle Überzeugung, in der einen objektiven „Welt“ zu „leben“, weil sie meines Erachtens sowohl philosophisch unhaltbar als auch theologisch mehr als problematisch ist.

 

Diese „Welt“ besteht in der Gesamtheit der Seienden oder Urbilder, die wir in Objekte und „Subjekte“ unterteilt haben, wobei letztere im Kern – nämlich mit ihrem (menschlichen) Körper – ebenfalls zu den Objekten zählen und durch ein Innen ergänzt werden.

Seiende als solche können wir nicht wissen; hierzu müssen sie zunächst in unsere(r) Psyche abgebildet werden; darin besteht der traditionelle Zugang zu den Urbildern in der Moderne.

Wir haben uns von Anfang an auf die dinghaften Seienden wie Sonne, Mond und Sterne konzentriert. Das bedeutet jedoch keine Einschränkung, weil unsere Intention darauf zielt, alle Seienden „abzuschaffen“. Gelingt dies bei den dinghaften, dürften die meisten von uns kaum Schwierigkeiten mit rein geistigen Urbildern wie Gerechtigkeit, Gesund- oder Geradheit haben.  

 

Aus diesem Grund habe ich auch die Platonischen Ideen völlig übergangen, die „noch schlimmer“ als die Urbilder sind. Nur für diejenigen unter Ihnen, die sie vermissen, ein paar Gedanken, um den Zusammenhang mit unseren Überlegungen herzustellen.

Wir können die Ideen gar nicht deutlich genug von den Urbildern oder Seienden unterscheiden. Zum einen gehören sie nicht der „Welt“, sondern einem transzendenten Ideenhimmel an, der uns nicht weiter interessieren muß. Zum anderen sind die Urbilder in der „zeitlichen“ „Welt“ veränderlich, wärend die Ideen als ewig identisch gelten; darauf geht natürlich die traditionelle Vorstellung zurück, auch die Wahrheit müsse „zeit“-los sein.  

(Zumindest der späte) Platon geht davon aus, daß zur Vielfalt übereinstimmender dinghafter Urbilder eine Idee gehört; die des Planeten beispielsweise zu allen Planeten oder die des Tischs zu sämtlichen Tischen. Die Seienden haben Anteil an ihrer Idee, und nur durch diese Teilhabe können sie das Bestimmte sein, was sie sind.

Entsprechendes gilt auch für die geistigen Urbilder; Sokrates kann zum Beispiel nur gerecht sein, weil er Anteil an der Idee der Gerechtigkeit besitzt.

 

 

Platonische Ideen im Ideenhimmel Urbilder in der „Welt“ Abbilder in der Psyche                           
Ermöglichung der Urbilder Verwirklichende der Ideen
   
Wesen, Essenz, Daß Anteil-Habende Wissungen im Bewußtsein  
„zeit“-los „zeitlich“ zeitlich und „zeitlich“  
       
– Ideen der Dinge – Dinge — Wahrnehmungen  
    — Erkennungen  
       
– Ideen der geistigen Urbilder – geistige Urbilder Wahrnehmungen  
    – Erkennungen  

 

Abbildung 3.

 

Das Zusammenspiel von Ideen und Seienden läßt sich natürlich sehr schön zu einem Kreis vervollständigen:

Methexis: Alle Seienden haben Teil an ihrer Idee, ohne die sie nicht dieses Seiende sein oder das entsprechende Wesen besitzen könnten.

Parousia: Als das Wesen ihrer Seienden treten die „zeit“-losen Ideen in die „zeitliche“ „Welt“ ein

 

3.1. Seiende oder Urbilder

Seiende sind der Tradition zufolge auf allen Gebieten möglich.

Roger Penrose beispielsweise nimmt an, daß es Zahlen auch ohne uns Menschen oder vielleicht „schon immer“ gibt; er kennt sie jetzt und muß die Zahlen folglich irgendwie entdeckt haben.

Mehr als dieses Uns-ursprünglich-vorgegeben- und Nun-auch-erkannt-Sein meinen wir mit Entdecken nicht; Abbilden, Repräsentieren, Darstellen, Finden oder Wiedergeben – des immer schon Bestehenden – wären für uns also völlig synonyme Begriffe.

 

Wer glaubt, daß es auf die Frage, was ein wirklicher Freund sei, eine wahre Antwort gibt, muß letztere als ein Abbild des Freund-Urbilds verstehen. Entsprechendes gilt für Platons Paradebeispiel der Gerechtigkeit oder die sogenannten Transzendentalien das Wahre, das Gute und das Schöne. 

Wenn Sokrates sagte, der Gerechte habe Teil an der (Idee der) Gerechtigkeit, dann mußte er – Sokrates – diese Idee irgendwie erkannt haben. Wahrscheinlich nicht durch ein Abbilden im engeren Sinne; aber in unserem weiteren Sinne muß auch das Teilhaben ein solches sein.

Halten wir einen Willen Gottes für relevant in unserem Leben, so müssen wir ihn abbilden; solange er nur in Gott ist, kennen wir ihn nicht.

Gelten uns – physikalische, juristische oder göttliche – Gesetze als wahr, so sind sie bereits aus dem jeweiligen Gesetzeshimmel heraus abgebildet.

 

Mit den physikalischen Urbildern wenden wir uns bewußt dem harten Kern des traditionellen Denkens zu, bei dem die subjektiven Überzeugungen am wenigsten differieren dürften.

Zum einen bilden die physikalischen Urbilder sicherlich diejenigen, die sich am einfachsten verstehen lassen. Dort befindet sich der wirkliche Mond; weil wir hinschauen und gesunde Augen haben, sehen wir ihn. Dieses Sehen ist ein ganz vordergründiges Abbilden wie das Photographieren; das Photo im Album entspricht dem Abbild in unserer Psyche.

Zum anderen drängen sich die physikalischen Urbilder am meisten auf. Ob es wirklich die Idee des Schmutzes gibt, dürften sich die wenigsten von uns bereits einmal gefragt haben; aber den Dreckhaufen dort in seiner Realität zu leugnen, ist schon von einem anderen Kaliber.

Und schließlich bilden die physikalischen Urbilder den Kosmos als die „Welt“ im engeren Sinne, als das folglich, was den meisten von uns zuerst einfällt, wenn von der „Welt“ die Rede ist. Abgesehen von einzelnen Ausnahmen wie Blitzen etwa sind die meisten dieser Urbilder recht stabil, was uns noch stärker an ihre von uns unabhängige Existenz glauben läßt.

Sterne sind völlig unabhängig von uns; Häuser, Autos oder Kunstwerke müsen wir zwar erst herstellen, aber dann existieren auch sie an sich. Bäume wuchsen bereits und produzierten schon Sauerstoff, als es noch lange keine Menschen gab. Wenn sie umfallen, gibt es einen lauten Knall, auch wenn keiner ihn hört.

 

Die Frage, was ein ungehörter Knall sein soll, müssen wir zum Glück nicht beantworten – denn wir bestreiten seine Existenz; freilich ebenso wie diejenige eines ungesehenen Blitzes.

An diesen zwei Beispielen können wir uns den grund-legenden Denkfehler des traditionellen Ansatzes bereits sehr schön verdeutlichen:

Natürlich ist ein ungehörter Knall ein Widerspruch in sich, weil der Knall eine Hörung darstellt; so habe ich auch den ungesehenen Blitz gemeint. Aber bei ihm würden traditionell Denkende bereits nicht mehr mitgehen: „Ein Blitz ist doch keine reine Sehung, sondern auch eine Erwärmung, Erschreckung und vielleicht noch viel mehr.“

Einverstanden; ich muß dem nicht widersprechen, sondern lediglich ausführlicher formulieren:

Ein ungesehener, ungefühlter, nicht-erschreckender und . . . Blitz ist ein Widerspruch in sich, weil der Blitz eine Sehung, Fühlung, Erschreckung oder . . . -ung darstellt.

 

Diese Aufzählung wird immer länger und komplizierter; wir bleiben aber trotzdem dabei, weil mir ein solches Denken alternativlos zu sein scheint. Deswegen treten bei uns nur Wissungen auf; Wahrnehmungen bzw. Erkennungen.

Die Tradition sieht das anders und glaubt, die Seiten wechseln zu können; sie kommt nicht mehr von „vorn“, hatten wir oben geschrieben, sondern versucht es von „hinten“. Wir wollen in diesem Teil nochmals verdeutlichen, daß und weshalb dieses Bemühen keinen Erfolg verspricht.

3.1.1. Mythos des Gegebenen oder Naiver Realismus

Das traditionelle Denken entspricht dem „gesunden Menschenverstand“ und ist etwas für „Praktiker“, die „mit beiden Beinen im Leben stehen“, so daß sie keine Philosophie benötigen. Ihre Überzeugungen sind „erdverbunden“ oder „realistisch“ – aber nicht verständlich und schon gar nicht selbstverständlich, wie sich bald zeigen sollte.

Winfried Sellars nannte die Annahme, daß irgendetwas einfach vorhanden ist, den „Mythos des Gegebenen“ und allgemein wird sie in der Philosophie als „Naiver Realismus“ bezeichnet. Der Praktiker, der „mit beiden Beinen im Leben steht“, ist naiv, wenn er glaubt zu wissen, wo er steht.

Wer widersprechen möchte, soll bitte erklären, was es bedeutet, daß Seiende „einfach vorhanden“ oder „wirklich“ sind. Kant jedenfalls hat zugegeben, daß er es nicht kann, denn andernfalls müßte die Wirklichkeit eine Eigenschaft darstellen.

Die Tradition sieht das anders und denkt ungerührt vorkantisch weiter:

Es gibt diese Urbilder und – vollkommen unabhängig, das heißt, getrennt davon – noch jene; sie sind uns vorgegebene Einzeldinge, zwischen denen keine Zusammenhänge bestehen. Was ein Tisch ist, hängt nicht davon ab, ob Stühle existieren; und rot ist rot – auch ohne grün.

 

Das heißt ganz deutlich:

In dem Satz „Das Urbild X ist  vorhanden“ wissen wir vielleicht sehr genau, was X bedeutet die Sonne oder Stühle, den Eiffelturm bzw. unseren Dreckhaufen beispielsweise –, haben aber keine Ahnung, was mit „ist vorhanden“ ausgedrückt werden soll.

Und eben deswegen bleiben wir auf der „Vorder“-Seite, das heißt, bei dem X, das wir verstehen, bei unseren Wissungen also.

 

Gäbe es uns nicht, wäre die „Welt“ der Urbilder exakt die gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit des Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede einzelne Ameise ist millionenfach wichtiger für ihren Haufen als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, Minderwertigkeits- oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, dann hängt das mit Sicherheit auch an ihren persönlichen Lebensumständen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, erscheint der Gedanke, das traditionelle Denken könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht als völlig abwegig.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“. 

 

Jacques Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich; ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im traditionellen Denken befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden diesem Ansatz zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Robert Spaemann und Reinhard Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ bezüglich unseres Lebens sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies – dem traditionellen Denken zufolge – nicht auch für die „Welt“ gelten? Wozu der Aufwand? Die unermeßlichen Distanzen – wenn es angeblich nur um uns geht?

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (Blaise Pascal).

 

„Aber es könnte doch auch sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns geben kann?“

Natürlich darf man das nicht ausschließen, aber diese Denk-Möglichkeit genügt ebensowenig wie der Glaube daran; wer hiermit argumentieren möchte, sollte nachweisen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – philosophisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

3.1.2. Urbilder – wissen, was man nicht weiß

Das Denken bei den Urbildern beginnen zu wollen, ist meines Erachtens ein Unding, denn damit beansprucht man doch, das bereits zu wissen, was man – angeblich – noch gar nicht weiß. 

Das ist irre:

„Die Urbilder sind uns nicht gegeben; wir beginnen aber trotzdem mit ihnen – dem Ungewußten – unser Nachdenken.“

 

Vielleicht kann ich Ihnen den Gedanken, um den es mir geht, am besten anhand der traditionellen Frage nach den Transzendentalien – beispielsweise dem Guten – vermitteln. Das traditionelle Denken weiß, was es geben muß – das Gute –, aber (zunächst einmal) nicht, was das ist oder worin sein Inhalt besteht; es glaubt also, ganz gezielt nach dem fragen zu können, was es nicht weiß. Das entspricht einem Suchen, ohne zu wissen, wonach gesucht wird.

Mit welchem Recht sagen wir, es gäbe das Gute, wir wissen lediglich noch nicht, was das ist? Solange damit keinerlei Wissungen verbunden sind, handelt es sich nicht um das Gute, sondern lediglich um das Wort „Gute“.

Läßt sich zu Worten das richtige Wissen bestimmen? Wie unterscheiden wir es vom falschen?

 

Wieso kann man – bereits vor und unabhängig von allem Wissen – sagen, daß es das Gute gibt, aber das Etug nicht?

Sie wissen nicht was „Etug“ bedeutet?

Genau so verhielt es sich bei „Gute“ ebenfalls, bis unsere Vorfahren sich dafür etwas einfallen lassen haben; beispielsweise den Altruismus oder die Nächstenliebe. Nachdem sie geeignete Antworten gefunden hatten, konnten sie diese als Abbild des angeblich erkannten Guten ausgeben; für das zuvor leere Wort „Gute“ war nun eine Bedeutung „gefunden“.

Tatsächlich war sie natürlich erfunden und wurde lediglich als gefundene behauptet.

Lassen Sie sich also auch bei „Etug“ einfach etwas einfallen, dann behaupten Sie, Etug sei ein Urbild und Ihr Einfall – den Sie natürlich als Einfall bestreiten müssen – das Abbild von ihm.

 

Ich weiß nicht(s); aber das, was ich nicht weiß, ist das Gute.

Das entspricht der „sauberen“ Definition aller Urbilder; das traditionelle Denken glaubt, mit ihnen zu wissen, was es nicht weiß.

Aber ihre „Sauberkeit“ beruht auf der Widersprüchlichkeit dieser Definition, die in der nachstehenden Formulierung deutlich zum Ausdruck kommen sollte:

Wir wissen nicht, was das Gute ist.

Aber wir wissen, daß es das Gute ist.

Wir wissen, was wir nicht wissen.

Der letzte Satz ist nicht unsinnig; Sie müssen lediglich das „was“ betonen.

 

Wir können den Glauben an Urbilder somit als einen fünfstufigen Prozeß darstellen:

1.    Den Beginn bildet ein Wort; „Gute“ in unserem Beispiel.

2.    Wir behaupten, es besäße eine Bedeutung und

3.    diese bstände im Guten als Urbild.

4.    Das gilt es nun zu erkennen, indem wir es abbilden.

5.a) Wir haben adäquat abgebildet, das heißt, Wahrheit erkannt und wissen nun worin das Gute besteht.

 

Das ist die traditionelle Variante, die wir ablehnen und dazu den fünften Punkt umformulieren:

5.b) Wir haben nichts abgebildet, sondern uns etwas ausgedacht und damit auch keine Wahrheit erkannt; vielmehr behaupten wir die erfundene Wissung als Abbildung des Guten.

 

Es gibt nur Erfindungen.

Eine spezielle Erfindung der Tradition besteht darin, ihre Erfindungen – der Urbilder – als Entdeckungen auszugeben.

„Und auf einer solchen Grundlage soll unser Leben erfolgen . . .?“

Das wäre in der Tat unmöglich, solange wir mit der Tradition glauben, in der „Welt“ zu leben; dann müßten wir sie natürlich in ihrer Wahrheit erkennen.

Im Explikationismus wandert letztere von der objektiven „Welt“ in das subjektive Leben. Dann dient das Weltbild „nur“ der Orientierung, und wir sollten uns bemühen, eines zu erfinden, das unser Leben möglichst intensiv sowie wahr sein läßt.

 

Ich wiederhole nochmals mit einfacheren Worten, weil mir diese widersprüchliche Definition der Urbilder als eminent wichtig erscheint.

Das traditionelle Abbilden ist in Wirklichkeit kein Erkennen, sonden nur ein erfolgreiches Suchen, bei dem wir ganz genau wissen, was wir suchen.

Wir haben den Schlüssel verlegt, ein Name fällt uns nicht ein, oder wir haben ein Geburtsdatum vergessen; in jedem Fall wissen wir bereits, was wir suchen – haben es lediglich im Moment nicht parat.

Dieses Suchen hat aber auch nicht das Geringste mit einem Vorgreifen ins Unbekannte zu tun, mit Erstmaligen, Erkunden oder Forschen, so daß es ganz konsequent ist, wenn Platon dieses Finden – nicht als ein Abbilden, sondern – als ein Wiedererinnern der Seele an ihr vorgeburtliches Leben versteht. Sie kramt erfolgreich in ihren Erinnerungen, nach dem, was sie bereits einmal wußte und nur vergessen hat, um es wiederholen zu können.

 

Ein solches Denken erfolgt völlig zeitlos; es geschieht nichts Neues, sondern es wird nur – bei erfolgreichem Suchen – wiederholt. Und wann von wem gesucht wird, ist auch gleichgültig; immer wenn die Wahrheit gefunden wird, muß es die gleiche sein; von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Unter diesen Voraussetzungen läßt sich nicht nur keine Genese denken, sondern ist auch keine erforderlich; hier gibt es nichts zu generieren, denn alles ist bereits fertig.

Im Sinne des Zitats von Picasso aus der „Intention“ ersetzen wir das Modell des zeitlosen Suchens durch eines des zeitlichen Findens – oder eben Generierens.

 

Die Physiker haben sich nicht daran erinnert, daß es Quarks gibt und sie daraufhin (erfolgreich) gesucht, sondern etwas Neues konstruiert, das noch nie existierte. Die großen Wissenschaftler sind so kreativ wie Künstler, schaffen Neues, und weder bilden sie nur Altes ab noch erinnern sie sich wieder daran. Bei Goethe erscheint uns das allen als selbstverständlich; warum trauen wir es Gödel nicht zu?

Daran zeigt sich erneut, daß wir mit unserem Ansatz nicht beanspruchen, mehr zu wissen als die Tradition; im Gegenteil, es ist viel weniger, weil wir nicht – schon im voraus – wissen, was wir noch nicht wissen; das wird sich vielmehr immer erst in der Zukunft zeigen.

Letztlich ist das aber weder bescheiden noch demütig, sondern meines Erachtens nur der ganz normale Verzicht auf Größenwahn.

3.1.3. Keine Aufpaltung in Ur- und Abbild

„Gäbe es keine Urbilder, wäre auch kein Affizieren möglich; aber daß Licht die Stäbchen und Zäpfchen unserer Netzhaut oder Wein die Geschmacksknospen der Zunge affiziert, werden Sie doch kaum bestreiten wollen.“ 

Je nachdem, wie Sie es meinen; das Wort „affizieren“ ist zweideutig, und wir müssen seine beiden Bedeutungen sauber unterscheiden.

 

Der Wein affiziert die Geschmacksknospen unserer Zunge, und großartigen Weinkennern ist es dadurch eventuell möglich, Rebsorte, Herkunft und Jahrgang zu bestimmen.

Leider gehöre ich diesen Autoritäten nicht an, habe damit aber trotzdem keinerlei Schwierigkeiten, denn in dem Satz steht nichts, was sich außerhalb meines Brwußtseins – bzw. der traditionellen Psyche – befinden soll. Das Beispiel ist so unproblematisch, weil es gar nichts mit unserer Fragestellung zu tun hat.

 

 

Urbild   Urbild                                                   
Wein   Wein      
Ι   Ι

 

Hinterwelt

 

 

traditioneller Ansatz

abbilden   „affizieren“
       
Abbild   Urbild   Rebsorte  
Wein — affizieren → Geschmacksknospen — erkennen → Herkunft metaph. Explikationismus
        Jahrgang  
           

Abbildung 3.1.3.

 

Die Tradition benötigt noch ein ganz anderes „Affizieren“, und das können wir nicht glauben, weil es unverständlich ist:

Der wirkliche oder urbildliche Wein – den wir als Sehung bzw. Abbild (im Glas) vor Augen haben (1. Spalte) – affiziert unsere urbildlichen Geschmacksknospen (3. Spalte).

 

„Der Unterschied zwischen der ersten und dritten Spalte irritiert mich!

Auf unsere Ur-Geschmacksknospen wirkt der Ur-Wein, so daß wir auch ihn selbst schmecken (3).

Ich weiß nicht, was auf meine Ur-Sehzellen wirkt, sehe aber angeblich nur das Abbild des Ur-Weins (1).“

 

Auf dieses Problem waren wir doch schon mehrfach gestoßen; wir sehen das Stuhl-Abbild und setzen uns auf den Ur-Stuhl; sehen das Steak-Abbild, essen aber das Ur-Steak. Immer geht es darum, daß wir wie selbstverständlich mit der wirklichen „Welt“ und ihren Seienden umgehen – nur beim Sehen nicht; hier treten lediglich deren Abbilder auf.

Aber das haben wir uns selbst eingebrockt; es gibt Abbildungen und keine Abschmeckungen, Absitzungen oder Abessungen; nicht einmal Abtönungen, obwohl wir uns diese ganz gut vorstellen können.

„Weshalb spielt das Sehen so eine Sonderrolle?“

Es ist gar nicht nur eine; wir müssen mindestens zwei Sonderrollen des Sehens unterscheiden, die sich freilich gegenseitig stabilisieren wenn nicht sogar puschen.

 

Zum einen wird unser WELTBILD sehr stark vom Sehen geprägt. Das resultiert aus dem traditionellen Außen-Innen-Dualismus, der sich schwerlich anders als visuell und damit „räumlich“ veranschaulichen läßt.

Das sehen (!) Sie an dem „veranschaulichen“ soeben und ließe sich nahezu beliebig fortsetzen: Aufklärung, erhellen oder verdunkeln, Lichtung, Einsicht, versehen, Unverborgenheit, ans Licht bringen, hellsichtig, Erleuchtung, Blickwinkel, Perspektive, Horizont . . .

 

Zum anderen – und das ist tatsächlich etwas ganz anderes – gibt es nur ein Abbilden, und allein beim Sehen stoßen wir auch, wie oben bereits angeführt, auf die Abbilder in der Psyche. Natürlich ist das kein Zufall; aber wir sollten die Übereinstimmung dieser beiden Seiten nicht als selbstverständlich hinnehmen, denn man könnte Abbilder ja beispielsweise auch riechen.

Aber beim Riechen benötigen wir sie nicht; nur beim Sehen. Warum?

 

Die Sehungen befinden sich immer dort, das heißt in diesem Fall, irgendwo im „Raum“.

Um die Sprengkraft dieser scheinbar banalen Feststellung ermessen zu können, betrachten wir ein Beispiel von Heinrich Rombach:

„Wir sehen nicht den Baum dort, sondern wir sehen dort den Baum“.

Dort ist kein Baum – denn der existiert gar nicht –, sondern eine Baum-Sehung; und dort befindet sie sich, weil es sich um eine Sehung handelt. Das Sehen erzeugt Gegen-stände, die uns in Distanz ent-gegen-stehen und sich deshalb immer dort oder im „Raum“ befinden (müssen).

Anders erklärt: Das „dort“ gehört zum Sehen und nicht zum Baum.

Ganz anders verhält es sich dagegen bei den sonstigen Wahrnehmungen, etwa bei den Hörungen, die stets hier erfolgen, uns somit durch Mark und Bein gehen oder zum rhythmischen Bewegen animieren können. Wir hören das Baum-Rauschen hier, auch wenn die Baum-Sehung – in der visuell dominierten WELT – 50 m entfernt ist.   

 

Nun sollte die Sonderrolle von Ur- bzw. Abbildern verständlich werden:

Dort ist eine Baum-Sehung und nur eine Baum-Sehung.

Ich als „Subjekt“ bin hier, und da sich meine Psyche „in“ mir befindet, muß sie auch hier sein.

Also benötigen wir zwei Bäume; den Ur-Baum dort, im „Raum“ oder außen, und sein Abbild hier, nicht im „Raum“ bzw. innen.

Bei der Wein-Schmeckung, Stuhl-Setzung oder Steak-Essung stellt sich dieses Problem kaum, weil alles hier erfolgt.

 

Damit verstehen wir wahrscheinlich besser, was die Tradition tut.

1. Sie orientiert sich einseitig am Sehen.

2. Die Sehung befindet sich dort.

3. Ich bin mit meiner Psyche hier.

4. Damit erweist sich eine Verdopplung als unvermeidbar.

5. Die Sehung wird zum Seienden oder Urbild stilisiert.

6. In die Psyche kommt ihr Abbild.

7.Was beim Sehen nachvollziehbar ist, geschieht unreflektiert mit allen Wahrnehmensformen.

8. So entsteht die „Welt“ als Gesamtheit der dinghaften Seienden im „Raum“.

 

Wir gehen den entgegengesetzten Weg und „geben den anderen Wahrnehmungen Recht“. Bei ihnen besteht kein Grund zum Aufspalten – und wir tun dies auch bei den Sehungen nicht. Es gibt immer nur die Wahrnehmungen, und diese befinden sich – weder außen noch innen, sondern – im Bewußtsein.

Bei uns würe die entsprechende Aufzählung also folgendermaßen lauten:

1. Wir behandeln alle Wahrnehmensformen gleich.

2. Die Sehung befindet sich dort.

3. Wäre sie nicht in meinem Bewußtsein, wüßte ich nicht(s) von ihr.

4. ————-

5. Die Sehung befindet sich im „Raum“, und der gehört dem Bewußtsein an.

6. ————-

7. Alle Wahrnehmungen sind im Bewußtsein, aber nur die Sehungen im „Raum“.

8. So entsteht die Welt als Gesamtheit der potentiellen Wahrnehmungen.

 

„Darf ich bitte einmal an einem anderen Beispiel rekapitulieren?

Irgendwann sieht ein Baby erstmals sein Bett; das existiert in der „Welt“ schon sehr lange und erscheint nun in der Baby-Psyche als Abbild. Daran kann sich das Baby nicht stoßen, sehr wohl aber am wirklichen Bett in der „Welt“.

Das Sehen ist also auf die Abbilder gerichtet und das Tasten auf die Urbilder. Wir sehen in der Psyche, woran wir uns stoßen – stoßen dort aber natürlich nicht an. Das ist wie bei einem Chirurg, der mit Hilfe eines Monitors operiert; letzteres tut er natürlich am wirklichen Körper, aber alles Visuelle auf dem Monitor sind bloße Abbildungen davon.“

 

Ihr Modell mit dem Chirurg stimmt nicht; aber vielleicht gibt es auch gar keines, weil das traditionelle Denken an dieser Stelle einfach unsinnig ist.

Ob nun mit oder ohne Monitor; in beiden Fällen existieren nur Sehungen, das heißt, Abbilder. Daß wir eine kleine Schrift sowohl mit bloßem Auge als auch mit Lupe lesen können, hat mit unserem Problem nichts zu tun. Das entsteht erst durch die Tatsache, daß der Chirurg am wirklichen Körper operiert, obwohl er nur ein Abbild von ihm sieht.

 

„Natürlich; der Körper und das Bett bzw. ihre Abbilder gehören zwei völlig verschiedenen Sphären an. Jene befinden sich in der „Welt“ und diese in der Psyche. Aber die Tatsache, daß das Baby sieht, woran es sich stößt, beweist doch, daß zwischen diesen beiden Sphären ein Abbild-Verhältnis besteht.“

Wieso glauben Sie, daß das Baby sieht, woran es sich stößt?

In der Psyche haben wir zwei Sehungen, den Körper und das Bett, aber keinen Stoß.

Letzterer gehört der „Welt“ an, aber die kennt keine Sehungen.

Die beiden Sphären bleiben sauber getrennt; der Stoß wird nicht gesehen, und die Sehungen stoßen nicht aneinander; es gibt keinerlei Wechselwirkung.

 

„Und trotzdem operiert der Chirurg!?“

Nur der traditionelle; obwohl das natürlich tödlich sein kann.

Der postmoderne Chirurg operiert an dem Körper, den er sieht, denn alles gehört ohne jede Spaltung seinem Bewußtsein an.

3.2. WELT und KOSMOS

Wenn wir das Wort „Welt“ hören, denken wohl die meisten von uns spontan an den physikalischen KOSMOS. Daran zeigt sich, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte an das WELTBILD der exakten Wissenschaften angepaßt haben. Vielleicht wundern Sie sich sogar über das Thema dieses Abschnitts: „Worin soll denn der Unterschied zwischen WELT und KOSMOS bestehen?“

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig darüber spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen KOSMOS – als einem Universum –, sondern in einem Multiversum leben – Kosmen gewissermaßen.

Derartige Fachsimpeleien sind nur möglich, wenn man daran im Sinne von Seienden glaubt. Das ist zum Glück nicht unser Problem; ich meine etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil.

 

Der physikalische KOSMOS bildet nur einen winzigen Teil der WELT.

Überlegen Sie sich bitte einmal in Ruhe, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren KOSMOS auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen KOSMOS existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich mittels der Physik vollständig beschreiben läßt. Das ist bereits bei Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen nicht-physikalischen Zweck besitzen. Es bleiben uns im wesentlichen nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

Anders formuliert: Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihre WELT auf den physikalischen KOSMOS reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er keine physikalische Kategorie darstellt. Physiker finden (hoffentlich) Sinn in ihrer Arbeit, aber niemals im physikalischen KOSMOS; sie arbeiten auch nicht darin, sondern ihre Körper bewegen sich lediglich dort.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz-weiß überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es – wir tun es ja.

 

Nun sollte die obige Überschrift verständlich werden:

Unsere WELT besitzt nicht nur die vier Dimensionen der „Raum“-„Zeit“, sondern potentiell unendlich-viele und ist unabsehbar reichhaltig oder vielfältig. Der physikalische KOSMOS mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er „raum“-„zeitlich“ praktisch grenzenlos ist, bleibt der KOSMOS gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination unserer WELT nahezu vernachlässigbar.

Unbestreitbar bedeutet unser Rendezvous auch eine Ortsveränderung im KOSMOS; aber daß es nur das ist, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.

Die WELT enthält den KOSMOS, geht aber in potentiell unendlich-vielen Dimensionen darüber hinaus.  Allein das moderne Abendland geht davon aus, im KOSMOS sowohl den Nabel als auch die Einheit der WELT gefunden zu haben, so daß die „Weltformel“ der Physiker als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft werden kann.

 

„Aber diese nicht-physikalischen Partial-WELTEN, die Sie angedeutet haben, spielen doch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv mit der „Welt“ so verhält, sondern weil wir unsere spezielle WELT der Moderne so einseitig entwickelt haben. Überlegen Sie sich bitte einmal, was wir alles über den KOSMOS erzählen können, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-WELTEN des Schönen, Friedlichen, Religiösen oder Gebens entwickelt sind.

3.3. WELT und WELTBILD

Traditionell Denkende gehen von der „Welt“ aus, weil sie glauben, – auf welchem Wege auch immer – die wirklichen Seienden erkannt zu haben. Ihr „Welt“-Bild zerfällt dann angeblich in zwei relativ sauber getrennte Teile; einer enthält das Wissen von der „Welt“, und der andere besteht  aus Wissungen ohne Referenten.

Beide sind (gleich) wichtig; unser Leben kann natürlich nicht von etwas bestimmt werden was wir gar nicht wissen und damit in unserem WELTBILD nicht vorhanden ist. Aber es muß nicht zur WELT gehören; auch das Wissen beispielsweise, daß es keinen Teufel gibt, kann unser Leben stark beeinflussen.

Den Schwachpunkt des traditionellen Ansatzes bildet in dieser Hinsicht offenbar der Glaube an die – Wirklichkeit der – „Welt“. Keiner weiß, wie er dazu gelangt ist; wenn wir beginnen, ernstlich nachzudenken, liegt dieser nahezu unerschütterliche Glaube immer schon vor.

 

Die Tradition argumentiert also mit der „Welt“ und von ihr her, ohne die entsprechende Überzeugung begründen zu können. Fragen wir ihre Vertreter danach, werden sie uns antworten, sie hätten die „Welt“ wahrgenommen oder abgebildet.

Wahrscheinlich glauben sie das auch selbst, aber getan haben sie es nie – weil es nicht geht: 

Selbst wenn außerhalb unserer Psyche Seiende existiert würden, gäbe es für uns keinen Weg zu ihnen, um sie wahrnehmen bzw. abbilden zu können; deswegen der Nous.

 

Dieses Problem ist aber selbstverschuldet; es läßt sich leicht vermeiden, indem wir die Denkrichtung umkehren und vom Weltbild auf die Welt schließen.

Damit entfällt die dubiose Vorgeschichte, in der wir zur wirlichen „Welt“ gelangt sein sollen und die stets bereits der Vergangenheit angehört; gegenwärtig wissen wir natürlich die wirkliche „Welt“ immer schon – „wann“ auch immer diese Gegenwart ist.

Für uns gibt es damit nur einen einzigen kontinuierlichen Prozeß ohne alle Brüche und Dunkelheiten:

Stets haben wir Wissungen mitgeteilt bekommen – durch Eltern, Freunde, Schule usw. –, so daß unser Weltbild allmählich immer umfangreicher wurde. Einiges hat uns gefallen, manches widersprach sich, dies fanden wir belanglos und jenes abstoßend. So haben wir sortiert und entschieden, was wir glauben bzw. was nicht

Ersteres bildet unsere Welt; bzw. deren Status quo, denn im Prinzip andert sich nichts an diesem Geschehen, solange wir leben. Weltbild und Welt werden natürlch nicht immer größer und faszinierender, aber immer anders und „am Ende“ vielleicht auch wieder sehr klein und bescheiden.

Wir können uns das auch leicht veranschaulichen.

 

 

          traditioneller Ansatz          Metaphysischer Explikationismus                               
    WELTBILD          
             
„Welt“ der Seienden  → Wissungen Ich glaube das Welt  
                                      
     

Außerhalb des

Bewußtseins

         

 

Abbildug 3.3.

 

„In anderen Worten waren wir darauf schon zu sprechen gekommen. Sie sagten unter anderem, daß bei uns die Welt eine echte Teilmenge des Weltbilds darstellt und dies möglich ist, weil beide aus dem gleichen Holz geschnitzt sind.

Aber können wir dann überhaupt noch davon ausgehen, daß – wie beim traditionellen Denken – der referente Teil des Weltbilds den Wissungen von der Welt entspricht?“

Darauf muß ich Ihnen zwei ganz unterschiedliche Antworten geben.

 

Zunächst ein eindeutiges „Nein“.

Es gibt kein Wissen von der WELT im Sinne der Tradition; natürlich auch bei ihr selbst nicht. Dort behauptet man lediglich, der referente Teil des „Welt“-Bilds bestehe aus derartigen Wissungen.

 

Nun ein nicht ganz so deutliches „Ja“, ohne der ersten Antwort zu widersprechen:

Wir haben Wissen vom gesamten WELTBILD und nicht nur von der WELT.

Das WELTBILD stellt einen integralen Zusammenhang dar, der über die WELT hinausreicht und in dem jede Wissung mit jeder zusammenhägt; andert sich „eine“ von ihnen, wird letztlich das gesamte WELTBILD korrigiert. Dieses Wissenskontinuum besteht ausschließlich in Wissungen von Wissungen, aber Wissungen von Wissungen sind – nichts Potenziertes oder dergleichen, sondern – auch nur einfache Wissungen, weil sie alle auf einer Ebene liegen und keine Wissenspyramide mit Ober- bzw. Unterbegriffen bilden.

Wir könnten also, mit anderen Worten, auch sagen, es gäbe im Weltbild außerhalb der Welt Wissungen von deren Wissungen. Das ist richtig, aber nicht wichtig, denn Weltbild und Welt unterscheiden sich nicht durch ihre Qualitäten, sondern durch unseren Glauben.

 

„Ich verstehe beide Antworten, bin aber dennoch unzufrieden.

Google liefert uns Wissen von der Sonne; schauen wir mittags zum Himmel, sehen wir die Sonne selbst. Da hilft Ihre ganze Integralität der Wissungen nicht weiter; zum  einen sind Google- und Himmel-Sonne zwei völlig verschiedene Entitäten, und zum anderen werden sie doch kaum bestreiten wollen, daß die Google-Sonne traditionelles Wissen von der Himmel-Sonne darstellt.“

Das war super von Ihnen. Es tut mir fast leid, daß Ihre Überlegungen mindestens zwei Fehler enthalten.

 

Der erste besteht darin, daß es weder eine Google- noch eine Himmel-Sonne gibt; jene ist eine Sonnen-Erkennung und diese  eine  Sonnen-Wahrnehmung, denn die Sonne stellt für uns kein Seiendes dar, sondern eine Wissung.

Ich habe stur darauf gepocht, daß im metaphysischen Explikationismus keinerlei Referenten existieren, um zunächst einmal Struktur in unsere Überlegungen zu bekommen. Ist das einigermaßen gelungen, können wir ein wenig relativieren, daß sich die Erkennungen durchaus sinnvoll als Wissen von den Wahrnehmungen verstehen lassen. 

Aber wir hatten trotzdem nichts falsch gemacht, denn die Wahrnehmungen werden durch die Genese immer anders und sind somit keine traditionellen Referenten. Die Erkennungen können Wissen von ihnen bilden, wobei sich beide sychron andern.

Und zudem – Ihr zweiter Fehler – haben die real-sinnlich-geistigen Wahrnehmungen als „Gewußtes“ absolut nichts mit der rein geistigen Welt zu tun; wir verfügen – ab sofort – über Wissen von den Wahrnehmungen, aber trotzdem nicht von der Welt

3.3.1. Zirkel aus Wahrnehmungen, Erkennungen und Welt(bild)

„Die subjektiven WELTEN gehen unermeßlich weit über den physikalischen KOSMOS hinaus, haben Sie gesagt; nicht quantitativ, sondern dimensional. Aber worin bestehen diese WELTEN?

Vielleicht kann ich noch konkreter fragen: Wieso sollen Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im KOSMOS enthalten sein?“

 

Das „nicht“ war falsch; sie befinden auch, aber nicht nur im KOSMOS.

Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die (auch) die Physiker zuständig sind, und hierdurch gehören diese Gegenstände dem „raum“-„zeitlichen“ KOSMOS an.

Das bestreite ich keineswegs; aber damit handelt es sich noch nicht um Reißzwecken, Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweiligen noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den KOSMOS – denn die Physik kennt keine Zwecke – und reichen in andere Dimensionen hinein.

 

„Dann ist es einfach nur sehr unglücklich daß wir den Kosmos sehen können, aber Zwecke nicht.“

Ich fürchte, hinter dieser Überlegung verbirgt sich ein schwerer Denkfehler, den wir unbedingt verstehen müssen, um nicht laufend von ihm irregeleitet zu werden.

Natürlich ist es überaus wichtig, was wir sehen; ich betone ja ununterbrochen, daß wir unser Nachdenken nur bei den Wahrnehmungen sinnvoll ansetzen können. Es kommt nichts Grund-legenderes „vor“ ihnen, worauf wir auch oder gar noch besser bauen könnten.

Das ist aber nur die eine Seite; die andere besteht darin, daß Wahrnehmungen keineswegs objektiv, sondern bereits von unserem subjektiven Weltbild geprägt sind, denn wir bringen die Gestalten auf den Begriff oder geben ihnen eine Auffassung, bevor und damit sie zu denk- sowie sagbaren Wahrnehmungen werden.

 

Ein konkretes Beispiel dürfte uns weiterhelfen:

Daß wir schwimmen, aber nicht fliegen können, folgt allein aus unserem Weltbild.

In anderen Kulturen ist das mit dem Fliegen nicht so absurd; die Schamanen etwa unternehmen Seelenreisen  aber vielleicht entfällt bei ihnen das Schwimmen.

 

„Was soll das Nicht-Fliegen-Können denn mit unserem Weltbild zu tun haben? Das Fliegen geht nicht, weil wir – völlig unabhängig von jedem Weltbild – keine Flügel besitzen!“

Genau das ist der Denkfehler, um den es mir geht:

Wieso bildet die Überzeugung, flügellos zu sein, keinen Teil unseres Weltbilds? Sie glauben es doch ganz fest! Warum soll das Weltbild erst bei den Vorstellungen beginnen, die hinreichend kompliziert oder nicht mehr selbstverständlich sind?

Wir sind felsenfest überzeugt, keine Flügel zu haben, weil das zu unserem Weltbild und als Überzeugung sogar zur Welt gehört!

 

„Nein; daß wir keine Flügel haben, sehen wir.“

Ja; das sehen wir; aber wir sehen nichts ohne unser Weltbild; die Wahrnehmungen liefern uns keine nackten Fakten oder puren Tatsachen, sondern sind durch die Brille Weltbild geformt und können dieses somit (im allgemeinen) nur bestätigen. Die Wahrnehmungen zeigen uns ohne Flügel, weil wir überzeugt sind, keine zu besitzen.

Wirklich keine Flügel könnten wir nur als Seiende haben.

(Diese Stelle zeigt uns besonders deutlich, wie schwer es fällt, das traditionelle Denken hinter sich zu lassen. Sie sollten vielleicht nicht weiterlesen, bevor Ihnen der Abschnitt gut verständlich ist.)

 

Traditionell gibt es eine Einbahnstraße, die bei der „Welt“ beginnt; letztere ermöglicht die Wahrnehmungen, aus denen wir unsere Erkennungen gewinnen und deren Gesamtheit das „Welt“-Bild darstellt.

 

„Welt“   →   Wahrnehmungen   →   Erkennungen   →   „Welt„-Bild

 

Speziell für unser Beispiel könnte das so lauten:

„Subjekte“ sind Seiende in der „Welt“ und haben keine Flügel. Das ist leicht ersichtlich; dadurch wissen wir von dieser Flügellosigkeit, und sie wird zu einem Teil unseres „Welt“-Bilds.

Alle „Subjekte“ der „Welt“ bilden zu den verschiedensten „Zeiten“ die (im wesentlichen) gleiche „Welt“ ab. Da unsere unsere Vorfahren zum Glück nicht so schlau waren wie wir, gibt es viele falsche Abbildungen; nun wird es natürlich etwas langweiliger, weil der gesamte Erkenntnisprozeß durch die stabileWelt“ am Beginn der Einbahnstraße fest verankert ist.

 

Im Metaphysischen Explikationismus wird aus der Einbahnstraße ein Kreis.

 

. . .   →   Welt(bild)   →   Wahrnehmungen   →   Erkennungen   →   Welt(bild)   →   . . .

 

Ich habe hierbei der Kürze halber „Welt und Weltbild“ zu „Welt(bild)“ zusammengefaßt.

„Das ist doppelt gemoppelt; die Welt ist doch bereits im Weltbild enthalten.“

Das ist richtig hinsichtlich der reinen Wissungen; nicht aber, wenn wir unseren Glauben daran berücksichtigen. Im Falle eines „Ja“ entsteht die Welt, während das Weltbild selbst diese Einteilung noch gar nicht kennt bzw. diesbezüglich neutral ist.  

 

Das Welt(bild) ermöglicht Wahrnehmungen; aber nicht durch Abbilden, sondern durch Konstruieren. Über die Erkennungen beeinflussen sie das Welt(bild), das wiederum auf die Wahrnehmungen einwirkt.

Daß  Subjekte keine Flügel haben, ergibt sich aus unserem Weltbild, und wir können das sogar sehen, weil es – als Überzeugung – auch zu unserer Welt gehört.

Es gibt keine Verankerung, sondern durch den Zirkel kann immer alles anders werden; die Flügellosigkeit ist nicht in Stein gemeiselt – was aber auch nur zeitbedingt wäre – und die Zukunft absolut offen.

3.3.2. Immanenz und Transzendenz

Die meisten von uns  kennen die Unterscheidung von Diesseits oder Immanenz und Jenseits bzw. Transzendenz; aber läßt sich mit diesen beiden Begriffen überhaupt etwas Sinnvolles ausdrücken?

Für eine verständliche Antwort müssen wir deutlich zwischen dem traditionellen und unserem Denken unterscheiden.

 

Bei ersterem besteht die Immanenz im Außen, in der „Welt“ der Objekte, so daß für die Transzendenz im Prinzip zwei Möglichkeiten bestehen. Sie könnte sowohl ein Ganz-Außen darstellen – wie beispielsweise im Mittelalter das Jenseits der Himmelsglocke – als auch ein Ganz-Innen, tief in der eigenen Psyche.

Bei unserem Ansatz gibt es sogar drei Varianten, die Transzendenz zu denken.

 

(1)   Sie gehört dem Außerhalb des Bewußtseins an.

(1a) Würden wir trotzdem Wissen davon beanspruchen, wäre die „Transzendenz“ lediglich eine Hinterwelt, die dem obigen Ganz-Außen entspricht, so daß diese Interpretation für uns entfällt.

(1b) Bei einer wirklichen Transzendenz müssen wir folglich auf alles Wissen verzichten und gelangen damit zu dem, was wir mit „Ursprung“ benennen.

 

(2)   Die Transzendenz befindet sich im Bewußtsein.

(2a) Eine gewußte „Transzendenz“ innerhalb des Bewußtseins ist keine Transzendenz, sondern ein Teil des Welt(bild)s; sie ist für uns ebenso ausgeschlossen wie jegliches Wissen außerhalb des Bewußtseins.

(2b) Das Unterscheiden ist sowohl sinnlich als auch geistig möglich; ersteres führt zu Gestalten und letzteres zu Wissungen. Die Transzendenz kann nicht sinnlich sein, so daß es bei ihr kein Unterscheiden ohne Wissen gibt.

Berücksichtigen wir beide Zwischenresultate – die Transzendenz (2b) muß ungewußt sein, ohne Wissen existiert aber auch kein gesitiges Unterscheiden –, ist es also nicht möglich, von zwei Transzendenzen auszugehen.

(2b) muß folglich (1b) entsprechen, das heißt, die eine Transzendenz befindet sich als Ursprung (1b) außerhalb des Bewußtseins und ragt als Leben (2b) herein. Diese Transzendenz in der Immanenz gelangt um so stärker zur Fülle des Lebens, je mehr (vom) Ursprung wir in unser Bewußtsein gelangen lassen.

 

 

Transzendenz / Immanenz   gewußt?  
    „ja“ „nein“  
  „ja“ ———– Weltbild Leben Gestalten  
innerhalb des Bewußtseins?           Immanenz
  „nein“ ———– ———– Ursprung u. a. andere Bewußtseine
 
        Gott    

Abbildung 3.3.1.

 

„Das hat mir sehr geholfen, um besser zu verstehen, wo Sie eigentlich hinwollen. 

Wenn traditionell Denkende die Transzendenz als ein Ganz-Außen verstehen, kommen sie natürlich nicht über eine bloße Hinterwelt hinaus., denn sie vergrößern ihre „Welt“ lediglich um eine Über-„Welt“. Damit erweitern sie nur das Glaubensbekenntnis, das sie mit der „Welt“ bereits  abgegeben haben. Im Himalaya gibt es Yetis und über dem Sternenzelt den Himmel; da besteht kein wesentlicher Unterschied.

Entscheiden sich die traditionell Denkenden jedoch für das Ganz-Innen als Sitz der Transzendenz, so läßt sich Ihre variable Einteilung Gottes in Ursprung und Leben meines Erachtens auch dort unterbringen.

Müssen Sie da eigentlich etwas dagegenhaben?“

 

Die Psyche befindet sich „im“ Körper, was jedoch unmöglich „räumlich“ verstanden werden kann; sie gehört irgendwie zu ihm, so daß von daher absolut nichts dagegenspricht, die durch ihre Körper getrennten Psychen in der Tiefe über das Leben zu dem einen Ursprung zusammenzuführen.

Das ist sicherlich ohnehin die Form, in der sich heute die meisten Gläubigen die Transzendenz veranschaulichen und bei der es von dieser Seite her – mit „Gott in den ‚Subjekten'“ – auch keinerlei Probleme geben dürfte.

Aber damit blieben wir hinsichtlich der Immanenz 100%-ig beim traditionellen Ansatz, hätten all unsere diesbezügliche Kritik vergessen und nur die „Form“ der Psyche korrigiert bzw. in den Ursprung „verlängert“.

 

Ihre Frage war also sehr hilfreich:

Als Untertitel habe ich für das Buch „Den Glaube heute denken . . .“ gewählt.

Um dies zu können, müssen wir vielleicht nichts an unseren Vorstellungen der Transzendenz, aber nahezu alles bei denen der Immanenz andern.

„Nein; damit widersprechen Sie sich selbst. Warum sollen wir, um den Glauben denken zu können, unser „Welt“-Bild korrigieren, wenn bei der Transzendenz möglicherweise keinerlei Anderungen erforderlich sind, es aber beim Glauben allein um die Transzendenz geht?“    

 

Weil ich überzeugt bin, daß es gar keine Immanenz ohne Transzendenz geben kann, die beiden also nicht – mehr oder weniger separat – nebeneinanderstehen. Dieses dualistische Modell führt zum Beispiel auf das unsinnige Scheinproblem, wie Gott die „Welt“ erschaffen hat; – gar nicht. Ein solches Denken ist völlig unchristlich, denn dann müßte der Schöpfung – wie beim Demiurgen – eine eigene Wirklichkeit zukommen. Sie bezieht letztere jedoch lediglich von Gott, was mit der „Schöpfung aus dem Nichts“ zum Ausdruck gebracht werden soll.

Wir müssen das WELT(BILD) also so andern, daß die WELT oder Immanenz nur in Einheit mit der Transzendenz gedacht werden kann, daß jene aus dieser hervorgeht und in ihr verbleibt.

Damit bestreite ich natürlich den letzten Halbsatz Ihrer Frage.

Das Thema hatten wir aber auch bereits; die Theologie ist – keine Lehre von Gott, sondern – im Kern philosophische Anthropologie.

3.4. Vom Vorhanden-Sein zum Gezeitigt-Werden der Wirklichkeit

Wir hatten schon des öfteren erwähnt oder zumindest angedeutet, daß die Traditon. die Zeit nahezu vollständig ignoriert. Was sie an deren Stelle setzt – die „Zeit“ –, hat mit der Zeit nichts zu tun, heißt nur so, ist aber total zeitlos.

Was bedeutet das?

 

Wir hatten die „Welt“ im zweiten Teil als Regallager beschrieben. Damit sollte unter anderem veranschaulicht werden, daß neben den drei „räumlichen“ Koordinaten zwar auch eine „zeitliche“ existiert, diese aber jenen vollkommen entspricht und insbesondere ebenso zeitlos ist.

In der „Welt“, würde man denken, geschieht etwas, kann gelebt, geliebt und gelitten werden; im Regallager nicht; dort sind lediglich Dinge nach einem festen Schema einsortiert. Und weil letzteres das vierdimensionale der „physikalischen „Raum“-„Zeit“ ist, sprechen wir bei den Dingen von Ereignissen

Daß hier nichts, sondern lediglich Ereignisse katalogisiert werden, sollte deutlich zum Ausdruck kommen, wenn wir sagen, daß die traditionelle „Welt“ aus Sicht des metaphysischen Explikationismus ein bloßes Regallager darstellt.

 

Darin könnte es beispielsweise an zwei verschiedenen Orten zu unterschiiedlichen Terminen geblitzt haben; sagen wir bei x, y, z(1) und t(1) sowie bei x, y, z(2) bzw. t(2). Es besteht auch nicht der geringste Grund, hier von Zeit zu sprechen; das sind ganz simpel zwei Ereignisse an ihren vierdimensionalen „Raum“-„Zeit“-Punkten und nicht mehr. Bloße Fakten oder nackte Tatsachen, aus denen die „Welt“ nach traditionellem Verständnis ja besteht.

Diese beiden Ereignisse sind getrennt; der eine Blitz hat mit dem anderen nichts zu tun.

Nun werden die zwei Ereignisse verbunden, indem wir die Blitze durch ein Auto ersetzen, das sich bei t(1) am Ort x, y sowie z(1) befindet, weiter fährt und zum Termin t(2) den Ort x, y sowie z(2) erreicht. Der Ort des Autos ist zwar veränderlich; aber durch den Übergang von Blitzen zum Auto haben wir doch keine Zeit eingeführt.

 

Was sollte das sein? Kam von irgendwo eine Erklärung oder gar Definition?

Es gibt Änderungen, und die erfolgen ebenso zeitlos wie einzelne Blitze.

Die Tradition glaubt das nicht und bezeichnet bestimmte Änderungen – insbesondere der Planetenstellung oder des Uhrzeigers – als ‚“Zeit“‚. Das ist keine Definition, sondern eine bloße und höchst unnötige Verdopplung der Worte; ‚“Zeit“‚ und „Veränderung“ sind synonym.

Die traditionelle Selbstverständlichkeit, daß alle Veränderungen in der „Zeit“ erfolgen, ist dann falsch und könnte besser durch „alle Veränderungen sind Veränderungen“ ersetzt werden.

 

Im Regallager gibt es keine Zeit, und sie ist auch nicht nötig. An seinen vierdimensionalen Stellen können Ereignisse stattfinden, die untereinander möglicherweise beliebig kompliziert verbunden sind, so daß gegebenenfalls hochkomplexe Änderungen erfolgen – und mehr auch nicht.

In absoluter Statik sind sämtliche Inhalte des Regallagers vorhanden, und Vorhanden-Sein bedeutet Erkannt-, das heißt, Vorgestellt- oder Verstanden-Sein.

Auch die Tradition geht vom Vorhanden-Sein aus, bezieht das aber auf die Urbilder in der „Welt“ – und kann somit nicht erklären, was sie mit ihrer Vorhandenheit meint.

Wir können das; freilich um den Preis, daß die objektiv-reale „Welt“ der Tradition dafür zum bloßen Regallager unserer Vorstellungen (oder Verstehungen) wird.

 

Dieses Ergebnis ist fundamental:

Die traditionell geglaube „Welt“ wird im Metaphysischen Explikationismus zu einem bloßen Regallager. Gemeinsam ist beiden die Vorhandenheit ihrer Inhalte; das sind dort die wirklichen Seienden, bei uns jedoch bloße Erkennungen – Vorstellungen oder Verstehungen –, die

rein geistig,

– damit unwirklich,

zeitlos statisch und

an die Aktualisierung gebunden sind;

All das ist völlig unabhängig davon, um welche Erkennungen es sich handelt, ob sie sich ändern oder nicht sowie von der Wortart – Substantiv oder Verb –, durch welche sie bezeichnet werden.

 

Heidegger modifizierend könnten wir sagen, die Tradition betrachtet „die Vorhandenheit als den Horizont der Wirklichkeit“ – und geht damit häufig sogar von einem vorhandenen Gott aus –, kann das aber nicht gut erklären, weil sie „das Sein vergessen“ hat.

Für uns „bildet die Zeit den Horizont der Wirklichkeit“; um das zu verstehen, müssen wir uns später die Genese als das Werden und Vergehen der Wirklichkeit in der Zeit anschauen. Hierbei geht es also darum, das Vorhanden-Sein der Wirklichkeit durch ihr Gezeitigt-Werden zu ersetzen.

3.5. Wissen (from now on) vom Wissen so far

Das Weltbild geht möglicherweise weit über die Welt hinaus, und dieser Überschuß beinhaltet alles, was wir nicht glauben; Einhörner, Nymphen und Zwerge beispielsweise. Daß wir es trotzdem wissen müssen, versteht sich von selbst, denn andernfalls könnten wir den Überschuß auch nicht nicht-glauben; Annehmen wie Ablehnen sind an Wissen gebunden.

„Ich finde, so einseitig können Sie das nicht stehenlassen, weil auch umgekehrt die Welt das Weltbild überschreitet. Sie beinhaltet doch vieles, was wir noch nicht wissen und was somit auch nicht zu unserem Weltbild gehören kann.“ 

Nennen Sie bitte einmal ein Beispiel für diesen Überschuß.

„Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, ob es dunkle Energie gibt und worin genau sie besteht.“

Das ist richtig; wir könnten uns jetzt sehr ausführlich über dieses Thema unterhalten – aber lediglich, weil es einen Teil des Weltbilds darstellt. Die Fragen gehören bereits zu ihm, nur noch nicht sämtliche Antworten.

 

Das läßt sich verallgemeinern:

Einerlei ob wir meinen, X gehöre zur Welt bzw. es gehöre nicht dazu:

Wissen wir, was X ist – und sagen also nicht einfach „blablabla“ –, dann muß X zu unserem Weltbild gehören, so daß letzteres innerhalb der Wissungen nur einseitig über die Welt hinausgehen kann; ich bleibe meiner Überzeugung.

Das ist traditionell natürlich ganz anders; hier übertrifft auch die „Welt“ mit ihren noch unerkannten Substanzen und Akzidenzien das zugehörige „Welt“-Bild.

 

„Rein logisch kann ich Ihnen nicht widersprechen; aber wenn die Welt nicht über das Weltbild hinausgehen kann, bedeutet dies doch Folgendes:

Wir entdecken heute etwas Neues – zum Beispiel bisher unbekannte Elementarteilchen –; das kann jedoch kein Wissen von der Welt sein soll, denn andernfalls hätte diese gestern – vor der Entdeckung also – unser Weltbild transzendieren müssen, was Sie ausschließen. Das glaube ich nicht und mißfällt mir auch.“

Ihre Ideen sind zwar zumeist falsch, aber immer sehr belebend!

Sie begehen den traditionellen Denkfehler schlechthin, nämlich das Vergessen der Zeit.

 

Wenn die „Welt“ zeitlos vorhanden ist und wir entdecken etwas Neues, muß es zuvor schon zur „Welt“ gehört haben; das entspricht ihrer traditionellen Argumentation.

Bei uns istj edoch keine Welt vorhanden, sondern wir erklären einen Teil des Weltbilds zur Welt. Diese kann also jenes nicht übertreffen; die beiden bleiben immer sychron und können gemeinam anders werden.

Nun ist aber das Welt(bild) niemals gegeben; es besteht in der Gesamtheit der Wissungen – aber diese stellt nicht wiederum eine Wissung dar, sondern vielleicht deren – eo ipso ungewußten – Horizont.

Um zu verstehen, was beim Entdecken von Neuem geschieht, müssen wir uns also – von diesen Ganzheiten ab- und – den (aktualisierten) Wissungen selbst zuwenden.

 

Ohne Zeit gibt es nur Vorhandenheit, und da lassen sich unter anderem alte von neuen Wissungen unterscheiden.

In der Zeit ist nichts vorhanden, sondern es existiert lediglich was – aktualisiert, das heißt – aktual gezeitigt wird. Hinsichtlich der Wissungen besteht das Zeitigen in der Einheit von Wiederholen und Erstmaligen.

Aus den traditionell alten Wissungen werden damit für uns wiederholte und aus den neuen geerstmaligte.

Damit können wir Ihre obige Äußerung von Mißgefallen positiv aufgreifen:

Entdecken wir Neues, so handelt es sich tatsächlich nicht um Wissen von der „Welt“.

Aber wir können dieses statisch-zeitlose in unser dynamisch-zeitliches Denken übersetzen:

Die geerstmaligten – „neuen“ – Wissungen bilden Wissen von den wiederholten – „alten“ – Wissungen.

 

Ganz in diesem Sinne verstehe ich den Ansatz von Josef Mitterer in seinem „Jenseits der Philosophie“.

Die „alten“ oder wiederholten Wissungen bilden bei ihm das Wissen so far.

Die „neuen“, erst noch zu erstmaligenden Wissungen sind das Wissen from now on.

In der Zeit verschiebt sich die Grenze; das Wissen from now on wird immer wieder zum Wissen so far. Das gegenwärtige Wissen from now on, ist in der Zukunft Wissen so far, von dem wir dann from now on wieder wissen (können).

 

Auf diese Form des Wissens (from now on) vom Wissen so far waren wir oben bereits einmal gestoßen. Das war bei meinem „Eingeständnis“, daß es doch „Referenten“ gibt, denn wir können die Erkennungen sinnvoll als Wissen von den Wahrnehmungen verstehen.

Nun sehen wir, daß dies lediglich einen Speziallfall der gegenwärtigen Überlegungen darstellt; insbesondere lassen sich auch umgekehrt Wahrnehmungen from now on – wie beispielsweise Neuentdeckungen – als Wissen von Wissungen so far verstehen.

 

„Aber alle sind aus dem gleichen Holz geschnitzt – wie Welt und Weltbild.

Wenn sich die Wissungen jedoch als ‚sehr so far‘ erweisen, kann leicht der Eindruck entstehen, es müsse sich um etwas Massiveres aus einem ganz anderen Holz handeln, und dieser Täuschung erliegt die Tradition.“

Damit vergißt sie die Zeit nicht, sondern glaubt, sie ausschalten zu können.

„Wieso ‚glaubt‘? Sie schaltet sie aus.“

Nein; ausschalten läßt sich nur das Zeitigen der Wissungen, und das wirkt sich negativ auf unser Leben aus, weil es unnötig eingeengt, simplifiziert oder verarmt – aber nicht ausgeschaltet – wird; wir leben auch wirklich, wenn wir glauben, es gäbe keine Zeit.

3.6. "Subjekte" als Individuen

Die Tradition unterscheidet an ihren Urbildern zwischen „Subjekten“ und Objekten; zu ersteren gehören Menschen und vielleicht auch Tiere, Pflanzen oder Roboter. Die Worte ‚“Subjekte“‚ oder gar „Personen“ stehen mitunter sehr hoch im Kurs, und es wird häufig Wert darauf gelegt, daß wir es, etwa bei ethischen Fragen, – nicht mit bloßen Objekten, sondern – mit „Subjekten“ zu tun haben.

Aber das ist lediglich ein belangloser Streit um Worte, denn diese angeblichen „Subjekte“ sind im Kern ebenfalls nur Objekte, da sie von den Körpern her oder gar als Körper verstanden werden.

 

Weil es theologisch – und häufig auch philosophisch – unhaltbar zu sein scheint, (zumindest menschliche) „Subjekte“ als bloße Körper zu betrachten, stattet man sie gegebenenfalls mit einem Innen aus – Seele, Psyche, Geist . . . –, so daß die traditionellen „Subjekte“ als Individuen in der Einheit von Körper und Innen bestehen. Paradigmatisch können wir hierbei an René Descartes erinnern, der diese Denkform mit res extensa sowie (allein beim Menschen) res cogitans sauber „more geometrico“ zu begründen versuchte.

Im mittelalterlichen Theater nannte man ein solches Vorgehen den „deus ex machina“. „Wir haben ein Problem; es geht nicht weiter, so daß eine Rettung erfunden werden muß.“ „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“

Aber mit diesem Innen haben wir wohl mehr Probleme geschaffen als gelöst; drei von ihnen seien kurz angedeutet:

 

Zunächst steht das traditionelle Denken vor der Schwierigkeit, klären zu müssen, wie und wo ein „räumlich“-materieller Körper mit einem „unräumlich“-immateriellen Innen wechselwirken soll. René Descartes entschied sich – nicht begründet, sondern verzweifelt – für die Zirbeldrüse (Epiphyse) als dasjenige Organ, in dem seine beiden Substanzen angeblich aufeinandertreffen (können).

Dieses Körper-Innen-Problem ist meines Erachtens prinzipiell unlösbar; mit dem traditionellen Denken entfällt es jedoch zum Glück.

 

Des weiteren sind uns die Innen anderer Individuen natürlich völlig verschlossen oder unzugänglich, so daß wir bei allen Tieren, bei Embryonen oder Komatösen, Pflanzen und vielleicht sogar Robotern vor der Frage stehen, ob sie tatsächlich ein Innen besitzen. 

Eine begründete Antwort scheint ausgeschlossen zu sein, obwohl sie insbesondere an den Grenzen des Lebens überaus wichtig wäre. Ab wann gehört zu einer befruchteten Eizelle ein Innen, und wann dürfen wir die Herz-Lungen-Maschine guten Gewissens abschalten? Müssen wir beim Herztod bleiben, oder dürfen wir – um Organtransplantationen zu ermöglichen – zum Hirntod wechseln?

 

Auch diese Fragen lassen sich partout nicht begründet beantworten; meines Erachtens jedoch lediglich, weil sie völlig falsch gestellt sind.

Wer glaubt, daß eine befruchtete Eizelle lebt, ist Materialist, weil er das Leben mit komplexer Biochemie gleichsetzt. Natürlich könnte es dennoch richtig sein; ich verstehe meine Aussage nicht als Gegenargument, sondern schreibe dies nur so deutlich, weil die Annahme, die befruchtete Eizell sei bereits ein Mensch, sogar in kirchlichen Kreisen heute noch sehr gängig ist. Natürlich fühlt man sich dann gemüßigt, eine unsterbliche Geist-Seele hinzuzuerfinden.

Aber damit verabschieden wir uns von jedem vernünftigen gesellschaftlichen Dialog. Daß Joseph Smith das Buch Mormon aus den ihm von einem Engel gereichten Goldplatten übersetzt haben soll, die – wie die unsterblichen Geist-Seelen – leider unauffindbar sind, muß ja auch nicht jeder glauben.

 

Und schließlich, das dritte Problem, sind unsere Körper unabhängig voneinander; jeder von ihnen steht (bei gesunden Erwachsenen) – nicht nur im engeren Sinne des Wortes – auf eigenen Beinen und ist autonom.

Natürlich brauchen wir uns auf der Ebene des Tausches bzw. der Hilfeleistung, aber eben auch nur dort und nicht im Kern oder in der Tiefe unserer Existenz. Körper hängen nicht irgendwie zusammen, sondern sind völlig getrennt voneinander; hier endet mein Körper und dort beginnt der Ihrige; wir haben primär nichts miteinander zu tun. Und wer auf dem Markt des Handels nichts bieten kann, mit dem haben wir auch sekundär nichts zu tun.

Daß Sie mein Buch lesen, finde ich sympathisch von Ihnen, verbindet unsere Gedanken, aber nicht uns selbst als Individuen; Sie bleiben Sie, und ich bleibe ich.

Ein eventuell hinzugefügtes Innen ändert daran nicht nur nichts, sondern potenziert den Körper-Individualismus eher noch.

Das macht zum einen die heutige Vormachtstellung der Ökonomie verständlich – denn sie ist die Wissenschaft von unseren einzigen Verbindungen –, verunmöglicht zum anderen aber jegliche Ethik.

 

Solange wir SUBJEKTE als Individuen denken, das heißt, von ihren getrennten Körpern her – einerlei ob nun mit oder ohne Innen, bleiben nur moralische Appelle, die bei der – hoffentlich – weiterhin abnehmenden Angst vor Hölle, Tod und Teufel immer weniger fruchten werden.

Eine „Moral“, die auf Angst basiert, ist keine Moral, sondern Unterdrückung.

Anders geht es jedoch traditionell nicht, weil sich keine Ethik – des Miteinanders, der Gemeinschaft, Intersubjektivität oder gar Einheit – auf der Grundlage eines „Welt“-Bilds entwickeln läßt, das mit seinen getrennten Individuen jeglicher Ethik hohnspricht.

 

„Er ist wie Du“; das mag ja richtig sein; aber daraus folgt nicht unbedingt, daß ich „den Nächsten liebe wie mich selbst“, sondern möglicherweise nur, daß wir dann eben beide sehen müssen, wo wir bleiben, und vielleicht nicht einmal im gleichen Boot sitzen, sondern gegeneinander rudern.

Man könnte denken, Margaret Thatcher hätte das begriffen: „Ich kenne keine Gesellschaft; ich kenne nur Individuen!“

Das muß nicht das letzte Wort bleiben; tut es aber, solange wir die SUBJEKTE als (getrennte) Individuen mißverstehen.

 

Letztere verbindet nichts miteinander außer – gegebenenfalls bestehender – gemeinsamer Interessen. Existiert mehr zwischen ihnen, hören die „Individuen“ auf, Individuen zu sein – so daß eine begründete Ethik möglich wird, die auf alle Appelle verzichten kann, weil offensichtlich ist, daß wir uns selbst schaden, wenn wir anderen nicht gerecht werden.

Daß dies tatsächlich stimmt, haben wir wohl alle schon des öfteren erfahren; beispielsweise mit jedem Geschenk, das von Herzen kommt. Aber warum ziehen wir nicht die logische Konsequenz daraus, daß demzufolge unser Verständnis der SUBJEKTE als Individuen falsch sein muß?

Weil wir nur innerhalb unseres „Welt“-Bilds denken können; darin sind die „Subjekte“ nun einmal Individuen, und alles andere ist im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar.

 

Es geht hier also nur scheinbar um moralische Fragen. Wenn wir das Gute im Sinne des ethisch Richtigen nicht denken können, existiert es für uns gar nicht.

Natürlich ist „Liebe“ immer richtig – aber doch nur in dem Maße, wie es lediglich ein leeres Wort darstellt. Sowie wir in einer konkreten Situation fragen, was es bedeutet bzw. was aus Liebe zu tun ist, gehen die Überzeugungen zumeist gehörig auseinander, weil jeder nur innerhalb seines Weltbilds argumentieren kann.

3.7. Wissungen und Erfahrungen

Eigentlich könnten wir den traditionellen Ansatz guten Gewissens abhaken, weil sich meines Erachtend bereits deutlich gezeigt hat, daß er inkonsistent ist. Wir bleiben aber noch ein Stückchen dabei; nicht nur, um weitere seiner problematischen Konsequenzen zu erkennen, sondern mehr noch um zu sehen, wie sie sich vermeiden lassen.

 

Hackt beispielsweise ein Individuum Holz, so müssen wir folgende Entitäten unterscheiden:

Es gibt objektiv-urbildlich einen Körper, das Holz, eine Axt und die Handlung des Hackens.

Sowohl der Akteur selbst als auch ein anderes Individuum können dieses Geschehen wahrnehmen. Dann befinden sich Abbilder von Körper, Holz, Axt und Handlung als Wahrnehmungen in dem betreffenden Innen; das subjektive Wahrnehmen ist theoretisch ein Abbilden des objektiv Urbildlichen – aber keiner weiß so recht, wie und wo es praktisch erfolgen soll.

Wir können uns obiges Geschehen aber auch vorstellen oder denken. Dann bestehen – ausschließlich – Bilder von Körper, Holz, Axt und Handlung als Vorstellungen in unserem Innen.

Der Akteur kann also gewissermaßen „dreifach hacken“; zunächst wirklich in der „Welt“, des weiteren schaut er sich dabei in seinem Innen möglicherweise selbst zu, und schließlich kann er es sich dort auch vorstellen – vielleicht abweichend ohne Verletzung.

Der Außenstehende wüßte dagegen ohne sein Sehen nicht(s) von diesem Holz Hacken.

 

Nicht alles, was sich in den Innen befindet, müssen adäquate Abbilder sein; wir können uns beispielsweise auch  täuschen oder absichtlich phantasieren.

Bei den versehentlich falschen Abbildern sprechen wir von Irrtümern, Fehlern, Ungenauigkeiten oder ähnlichem. „Ich hatte mir den Ayer Rocks nicht so gewaltig vorgestellt.“ Natürlich gehen diese Täuschungen kontinuierlich in die absichtlichen Phantastereien wie Pegasus, Yeti, Osterhase oder Klapperstorch über.

 

Unter Erfahrungen werden häufig Wahrnehmungen speziell in den Naturwissenschaften verstanden; darauf müssen wir also nicht extra eingehen, die sind bereits integriert.

Aber es gibt auch noch ganz andere Erfahrungen, nämlich im Sinne von Fühlungen – wie Sehnsucht, Freude, Langeweile, Orgasmen  oder Sympathie beispielsweise –, die selbst traditionell nicht als Abbilder objektiver Urbilder verstanden werden und dies auch nicht müssen, weil hierbei die mittels der Urbilder erklärbare Intersubjektivität entfällt.

Solche Erfahrungen sind rein subjektiv; daß zufällig andere Subjekte gleichzeitig mit mir Kopfschmerzen oder Angst haben können, widerspricht dem nicht.

Beim Begriff der Erfahrungen beschränken wir uns im weiteren auf derartige Fälle und schließen die exakt-wissenschaftlichen aus.

 

Erfahrungen sind nicht nur keine Wissungen, sondern zwischen beiden besteht der folgende gewaltige Unterschied.

Bei ersteren sind Irrtümer ausgschlossen; auch deswegen können sich Erfahrungen nicht als Abbildungen verstehen lassen.

Wissungen müssen dagen stets falsch sein können; die Möglichkeit von Fehlern gehört zu ihrem Begriff dazu; garantiert richtiges „Wissen“ ist kein Wissen. 

Darauf wies schon Wittgenstein in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ hin. Er ging dort insbesondere auf Schmerzen ein und schrieb explizit, daß wir die erfahren oder haben, aber nicht wissen – weil eine Täuschung ausgeschlossen ist. 

 

Alle Erfahrungen, hatten wir schon gesagt, gehören bei uns dem Leben an; sie stellen Lebens-Erfahrungen dar; keine vom Leben – Referenten gibt es nicht –, sondern im Leben. Die Erfahrungen sind vollständig in das Leben integriert und damit sowohl zeitlich als auch kontinuierlich  wie dieses.

Damit existieren keine einzelnen Erfahrungen – wie Wissungen –, so daß das Leben auch nicht aus ihnen bestehen kann.

Aber wir  können unser – eo ipso eigenes – Leben beschreiben, und dieses Beschreiben stellt nicht das Leben als Ganzes vor Augen – das ist „unbeschreiblich“ –, sondern erzeugt einzelne unserer Erfahrungen. Das Beschreiben des Lebens ist die Herstellung von Lebens-Erfahrungen.

 

In den Erfahrungen wird das Leben jedoch einerseits nicht auf den Begriff gebracht, denn dann würde es sich um Wissungen handeln.

Andererseits gibt es – wegen des erforderlichen Beschreibens – dennoch ohne Wissungen auch keine Erfahrungen.

Damit spreche ich weder Babys noch Tieren ab, daß sie beispielsweise „Schmerzen“ haben, das heißt, leiden oder sich unwohl fühlen, sondern sage lediglich, daß Schmerzen, die zusammen mit Wissen auftreten, andere Schmerzen sind als die „Schmerzen“ ohne letzteres. Diese können – unter anderem auch – keine Schmerzen sein, weil „Schmerzen“ ohne sämtliche Wissungen gar nichts Bestimmtes sind – im Gegensatz zu Erfahrungen.

Schon das Wissen, daß nicht „alles nur noch Schmerz ist“, andert die Situation für uns Erwachsene wohl grundlegend.   

 

Fassen wir die Wissungen mit den Erfahrungen zu den Erlebungen zusammen, so bestehen diese traditionell also aus

– adäquaten Abbildungen.

– Täuschungen oder Phantasiegestalten und

– urbildfreien Erfahrungen.

 

Bei uns entfällt die erste Zeile und somit zugleich der negative Touch der zweiten; das sind dann ganz neutral Bilder oder eben Wissungen. Dafür kommen die Gestalten zu den Erlebungen hinzu, so daß wir die nachstehende Tabelle erhalten.

Das Rote bezieht sich nur auf die Tradition, und das Blaue betrifft allein unseren Ansatz

 

 

    Reales   Symbolisches
Außerhalb Bewußtsein
Außen oder „Welt“ Innen oder Psyche
         
„Leben“ Leben        
  „∋“ „∋“  
  Erlebungen
Gewußtes     Wiss(ung)en
  bewußt bewußt gewußt
  kontinuierlich diskret diskret
  zeitlich „zeitlich“ „zeitlich“
        Erkennungen
  Erfahrungen
Gestalten Wahrnehmungen Verstehungen Vorstellungen
       
        Denkungen Anschauungen
  leiblich real u. sinnlich real, sinnlich u. geistig geistig geistig

 

Abbildung 3.7.

 

Meine Wortbildungen mit der Endung „-ungen“ wirken sicherlich oft etwas gewaltsam. Aber sie sind sehr hilfreich; wir erkennen daran stets, daß von der subjektiven Bild-Seite die Rede ist.

Ihre objektive Gegenseite gibt es nur traditionell; sie umfaßt angeblich das Erlebte, Verstandene, Vorgestellte usw

Schwierigkeiten treten in diesem Sprachspiel nur beim Gewußten auf, weil sich jede Wissung – wie wir oben gesehen hatten – auch als Wissung von Wissungen verstehen läßt. Deswegen werden auch Wissungen stets gewußt – im Gegensatz zum „nur“ Bewußten, den Gestalten sowie dem Leben.

Das Bewußtsein bildet die Einheit von – in diesem SinneGe- und Bewußtem; seine Bezeichnung ist einseitig und damit nicht ganz glücklich, aber historisch so gewachsen.  

 

Das Reale und Symbolische sind unbewußt; wir kommen auf beide noch ausführlich zu sprechen.

Die Verstehungen erklären sich von selbst; zum Beispiel kommen jetzt irgendwelche bei Ihnen an. Wir fassen sie mit den Vorstellungen zu den Erkennungen und diese mit den Wahrnehmungen zu den Wissungen zusammen.

Denkungen sind spezielle Erkennungen, nämlich solche ohne Ausmalungen. 

3.8. Widerspruch des traditionellen Ansatzes

Der traditionelle Ansatz enthält einen gravierenden Widerspruch, der leicht ersichtlich wird, wenn wir dieses Denken beim Wort nehmen und auf uns selbst anwenden:

Auch wir Menschen gehören – als Körper – zu den Seienden, und das heißt dem traditionellen Denken zufolge, daß wir auch uns selbst so erkennen (können), wie wir wirklich sind.

 

Somit verfügen wir auf der einen Seite (1) beispielsweise über spezielle – eben menschliche – Sinnesorgane und unterscheiden uns in ihnen teilweise sehr stark von Tieren; denken wir insbesondere an Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe oder Delphine. Ganz abgesehen von Kultur, Sprache, Zeitgeist und vielen anderen möglichen – zumindest nicht völlig absurden – Einflüssen ergibt sich allein aufgrund der Sinnesorgane eine ganz spezielle Wahrnehmungsweise. Wir können nur sehen, wie es der menschliche Sehapparat gestattet, und besitzen zum Beispiel keine Facettenaugen.

Das bedeutet aber, daß wir sämtlichen Abbildungen der physikalischen Urbilder – und damit all unseren Wahrnehmungen – notwendigerweise einen menschlichen (Sinnes-)Stempel aufprägen. So sehen wir die Welt; Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe und Delphine bilden die objektiven – und damit auch für sie existierenden – Urbilder zwangsläufig ganz anders ab; eben mit ihrem differenten (Sinnes-)Stempel.

Der traditionelle Ansatz zwingt uns also, zwischen der Wirklichkeit der Urbilder und ihren vielfältigen Erscheinungsweisen in den Psychen – der Menschen und Tiere – zu unterscheiden.

 

Auf der anderen Seite (2) erhebt das traditionelle Denken aber den Anspruch, die Urbilder – nicht durch eine menschliche (Sinnes-)Brille verzerrt, sondern – so sehen zu können, wie sie wirklich sind; originalgetreu.  

„Experten“ vermögen es also, mit Hilfe des Nous die sinnlichen Erscheinungen zu durchdringen und zur ungetrübten Schau der Urbilder vorzustoßen. Dieser Glaube an eine „rein geistige Erkenntnis“ ist zwar so alt wie die Philosophie – führt uns aber dennoch auf einen Widerspruch; dies gilt insbesondere für alle, die (an) die traditionelle Evolution glauben und damit die Menschen den Tieren nicht absolut überordnen möchten:

 

Das adäquat abgebildete Urbild menschlicher Körper (2) verunmöglicht durch seine daraus ersichtlichen speziellen Sinnesorgane (1) das adäquate Abbilden (2) – aller Urbilder und damit insbesondere dasjenige – der menschlichen Körper.

Oder kürzer: Unsere „adäquate Erkenntnis der menschlichen Körper“ (2) beweist durch die dabei erkannten speziellen Sinnesorgane (1), daß sie keine adäquate Erkenntnis der menschlichen Körper (2) sein kann.

 

Dieser Widerspruch wird weitestgehend ignoriert, überspielt oder vielleicht auch gar nicht gesehen.

Der traditionelle Ansatz behauptet zwar, die uns vorgegebene Wirklichkeit der physikalischen Urbilder würde in den individuellen Psychen der Menschen – mittels ihrer Sinnesorgane – abgebildet. Tatsächlich dürften die Sinnesorgane für die Erkenntnis der „gesunden“ Erwachsenen aber überhaupt keine Rolle spielen. Die Vertreter dieses Ansatzes gehen doch naiv-realistisch davon aus, die Wirklichkeit der Urbilder selbst – und keine bloße menschliche Sinnesperspektive davon – zu erkennen. Nur letzteres wäre jedoch möglich, würden wir unser Wissen tatsächlich durch Abbilden mittels der Sinnesorgane erlangen.

 

Aber auf die widersprüchliche Behauptung, die physikalischen Urbilder adäquat, das heißt, so wie sie wirklich sind, abbilden zu können, kann das traditionelle Denken auch nicht verzichten, weil es sich sonst in einem heillosen Tohuwabohu verfangen würde:

Entsprächen unsere Wahrnehmungen nämlich der menschlichen Sinnesperspektive, so existierte für uns kein urbildlicher Hund H, sondern nur ein menschlicher Sinnesperspektiv-Hund H(M); das heißt das, was ein Hund für Menschen wäre.

 

H ?      H(M)                             

Und wenn letzterer vor unseren Augen eine „menschliche Sinnesperspektiv-Katze K(M)“ jagen würde, wüßten wir weder wer das tut – der Hund H ist uns unbekannt – noch was er sieht, denn dies könnte ja nur die hündische Sinnesperspektiv-Katze [K(M)](H) sein; das also, was für uns eine Katze ist in Hunde-Perspektive.

 

  H(M)   jagt           K(M)                                                      
H ? jagt [K(M)](H) ?  

Wir könnten nicht nur nicht wissen, was Hund und Katze sind, sondern es bliebe uns sogar völlig verborgen, was Menschen sind, denn auch sie sehen wir doch allein in der menschlichen Sinnes-Perspektive.

 

M  ?       M(M)                                

Aus dem Menschen würde das, was der Mensch für den Menschen ist. Aber letzteren kennen wir ja nicht, so daß wir diese Ersetzung wiederholen müßten und damit niemals fertig würden.

 

M   →   M(M)   =   M[M(M)]   =   M{M[M(M)]}   =   . . .

 

„Damit sind wir wieder bei dem Problem, mit dem Sie mich oben bereits überrascht hatten:

Nicht nur Hunde, Katzen und uns Menschen, sondern auch Jagen und Sehen kann höchstens ein Außenstehender schauen. Die Tradition „löst“ das Problem, indem sie es ignoriert bzw. ihren Nous einspannt.

Aber wie wollen Sie dieser Schwierigkeit beikommen?“

 

Ganz einfach; wir beginnen mit dem Leben, und aus ihm heraus werden Wahrnehmungen sowie Erkennungen möglich. Sie stellen Wissungen ohne Referenten dar – so daß insbesondere kein Nous erforderlich ist, der uns beispielsweise verrät, was Menschen, Hunde und Katzen angeblich in ihrer seienden Wirklichkeit sind.

Die Menschen-Wissung etwa ist ganz harmlos sowie absolut unphilosophisch und führt uns nicht auf das traditionelle Riesenproblem:

„Was sind bloß Menschen?“

Das weißt Du doch – mit Deiner Menschen-Wissung.

 

Gianni Vattimo nennt dies – und damit seinen eigenen Ansatz – „schwaches Denken“.

Es ist nicht schwach im Sinne von ungenau, unlogisch oder fehlerhaft, sondern in seinem selbstverständlichen „Verzicht auf starke Ansprüche“.

Ich würde dieses „starke“ gerne durch „quasi-göttliche“ ersetzen, weil sich die traditionellen Ansprüche nicht ohne ein Sein-wie-Gott erfüllen lassen.

3.8.1. Zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen

In diesem Abschnitt wiederhole ich lediglich nochmals mit anderen Worten, weil es mir als unglaublich erscheint, daß der traditionelle Widerspruch kaum beachtet wird. Er resultiert offensichtlich aus der Unvereinbarkeit zweier gegensätzlicher Betrachtungsweisen.

 

Die erste von ihnen, die „sinnliche“ Perspektive, geht davon aus, daß wir keine Halbgötter sind, sondern ganz normale Menschen, die – wie die Tiere – über spezifische Sinnesorgane verfügen sowie in einem bestimmten Hier und Jetzt leben. Daraus resultieren ganz spezielle Wissungen; mit differenten Sinnesorganen an einer anderen „Raum“-„Zeit“-Stelle hätten wir davon abweichende Wahrnehmungen.

Diese Betrachtungsweise nimmt unsere Endlichkeit ernst und beschränkt sich auf das tatsächlich Gegebene. Wir besitzen Wissungen, und die andern sich im Verlaufe unseres Lebens stetig; sie werden kontinuierlich korrigiert, überformt oder aufgehoben. Mehr steht uns nicht zur Verfügung; wie sollten wir also Urbilder erkennen können? Weshalb sollten unsere Bilder in deren Abbildern bestehen? Und wann tun sie das gegebenenfalls? Mit 10 Jahren wahrscheinlich noch nicht und mit 90 bereits nicht mehr; sind 36 Jahre ein gutes Alter?

 

Franz Rosenzweig formulierte dies im „Stern der Erlösung“ wunderschön:

„Daß die Philosophie, wenn sie wahr sein soll, vom wirklichen Standpunkt des Philosophierenden aus erphilosophiert sein muß, . . . Es gibt keine andere Möglichkeit, objektiv zu sein, als daß man ehrlich von seiner Subjektivität ausgeht. . . . Die eigenen Augen sind gewiß nur die eigenen Augen; es wäre aber schildbürgerhaft zu glauben, daß man sie sich ausreißen muß, um richtig zu sehen.“ 

 

Bei der zweiten, „geistigen“ Betrachtungsweise kann ich vielleicht doch noch einen hilfreichen Gedanken hinzufügen.

En passant hatten wir angedeutet, daß zwei völlig verschiedene Dinge sauber unterschieden werden müssen.

Auf der einen Seite haben wir das traditionelle Abbilden, das im Kern auf Aristoteles zurückgeht und zu dem natürlich auch die sinnliche Betrachtungsweise gehört. Praktisch ist im gesamten Buch nur davon die Rede, weil wir die physikalischen oder dinghaften Seienden als die eigentlichen „Problemfälle“ in den Mittelpunkt unserer Überlegungen stellen. 

Auf der anderen Seite können wir beispielsweise die Planeten jedoch nicht nur sinnlich wahrnehmen, sondern auch geistig erkennen. Das ist Platon zufolge nur möglich, weil alle zehn an der Idee des Planeten teilhaben, die sich in einem Ideenhimmel befindet.

Aristoteles widerspricht hierin seinem Lehrer, bestreitet diese „welt“-lose Existenz der Ideen und steckt sie als Wesen-tliches in die Planeten hinein.

 

Platon würde uns erstaunt ansehen, wieso wir von einem traditionellen Widerspruch ausgehen; und das wohl mit Recht – bei seiner Variante.

Aber kaum einer von uns glaubt letztere bzw. einen Ideenhimmel noch; bilden die sinnlichen Wahrnehmungen jedoch unseren einzigen Zugang zu den Wissungen, dann scheinen mir die obigen Überlegungen als gerechtfertigt.

   Daß unser (postmoderner) Verzicht auf ein Sein-Wollen-wie-Gott von den Traditionalisten als Hybris mißverstanden werden kann, gehört für mich zu den großen Verwunderungen meines Lebens.

3.8.2. Die Frage nach dem Sinn

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und das subjektive Leben ebenso sinnlos ist wie die objektive „Welt“. Ich hoffe, behaupte aber nicht, daß es Sinn gibt, und möchte lediglich herausarbeiten, daß es im traditionellen Ansatz keinen geben kann.

Das ist zwar kein logischer Widerspruch, aber eine – meines Erachtens – inhaltlich völlig unannehmbare Absurdität. Wenn ein Denken zu Konsequenzen führt, die für mich unglaubwürdig sind, dann muß ich einen solchen Ansatz ablehnen – freilich nicht ohne den Versuch, seine Schwachstellen aufzuzeigen.

 

Um das prinzipielle Fehlen von Sinn im traditionellen Denken zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben Alle Urbilder sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „weiß ich schon“. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte „Welt“, insbesondere also auch ihre spätere Entwicklung, ist dem Nous präsent und damit für uns erreichbar. Im Zustand der Vollendung oder absoluten Wahrheit, weiß also jedes Individuum schon zuvor, was es in Kürze tun wird, und tut es dann natürlich auch; andernfalls hätten der Nous sich getäuscht oder wir uns verrechnet.

Anschaulich gesprochen müssen die „Subjekte“ dann so entlang des gewußten „Zeit“-Strahls „leben“, wie der Lokführer den gesehenen Schienen folgen muß.

Das entsprechende Bild bei uns wäre eine Straße, auf der kontinuierlich Abzweigungen auftreten, wir weitergehen müssen – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, aber bei keiner Gabelung wissen, wohin sie – in der Zukunft – führen wird.

 

Nein; das war falsch.

Auch dieser Straßen-Baum existiert ohne „Welt“ nicht; es gibt nur eine Fläche, auf der jeder Weg möglich ist. Irgendeinen müssen wir gehen; dieser Weg bildet unser Leben, und die Fläche besteht in der Freiheit.

 

Ob sich das traditionelle Denken vor seiner Vollendung mit der Freiheit vereinbaren läßt bzw. wie dies gegebenenfalls möglich sein könnte, ist zum Glück nicht unser Problem. 

Deutlich scheint mir aber zu sein, daß das „Leben“ des „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) sinnlos ist, weil es – wie bei einem Roboter – nur noch im „Leben“, wie es „gelebt“ werden muß, besteht.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren vorzubereiten.  

 

Auch diese Absurdidät entfällt bei uns.

Zum einen leben wir nicht in ein – meinetwegen perfekt bekanntes – Später, sondern in die absolute Offenheit der Zukunft hinein.

Und zum anderen haben wir uns immer etwas zu sagen, weil wir über unser subjektives Leben sprechen und nicht von angeblich für alle gleichen objektiven Seienden der „Welt“. Dadurch kann jeder Andere stets persönliche Erlebungen vermitteln, die uns unzugänglich sind, weil wir – nicht sein, sondern – nur das eigene Leben leben.

3.9. Es gibt kein Abbilden

Möchte man der Tradition folgend unsere Wahrnehmungen mittels der Urbilder erklären, so gibt es zwei Möglichkeiten; die Wahrnehmungen könnten selbst die Urbilder sein oder bereits deren Abbilder

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß weder ein Abbilden noch Abbilder vorkommen; beide sind völlig unnötig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es mit den Ab- und das andere Mal mit den Urbildern. Wir müssen dem traditionellen Denken zufolge aber abgebildet haben; erinnern sie sich an das Baby oben, das zum ersten Mal den Mond sieht, der schon sehr lange existiert.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Denkrichtung um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

Wer ganz fest an das Abbilden glaubt und keinerlei Probleme damit hat, sollte vielleicht noch Folgendes berücksichtigen:

Die Signale, die beispielsweise vom Seh- oder Hörnerv übertragen werden, sind völlig identisch. Sie bestehen – nicht in kleinen Bildchen bzw. Tönchen, sondern – in übereinstimmenden Impulsfolgen, deren Frequenz sich mit der Erregungsstärke erhöht, die aber weder mit den Augen noch mit den Ohren etwas zu tun haben; sie sind sinnesunspezifisch.

Allein diese Erkenntnis der Sinnesphysiologie läßt das traditionelle Abbilden kaum noch als Selbstverständlichkeit erscheinen.

 

„Ich fühle mich ausgetrickst! Sie haben Recht, aber wahrscheinlich nur wegen Ihrer sauberen Alternative, die Wahrnehmungen seien entweder Ur- oder Abbilder. Wo steht denn das?

Zugegeben; wir erfahren die Urbilder nicht direkt – aber doch mittelbar: Fast alle Menschen stimmen in der Beschreibung unserer Wahrnehmungen überein; jeder sieht dort die Sonne, hier den Laptop usw. Das läßt sich doch am einfachsten so erklären, daß wir sie als Abbilder ihnen vorgegebener Urbilder verstehen.

In diesen Abbildern erkennen wir also zugleich – wenn auch nur indirekt oder mittelbar – die Urbilder.“

 

Ihr Argument scheint sehr stark zu sein, verliert aber bei genauerem Hinschauen weitgehend an Überzeugungskraft:

Wir sind uns bezüglich der Wahrnehmungen weitgehend einig und ich versuche, dies schrittweise mittels der Gestalten zu erklären; Sie tun es anhand der Urbilder.

Aber woher wissen wir eigentlich von den Urbildern? Doch allein durch ihre Abbilder.

Das heißt, wir erklären die Abbilder durch Urbilder, von denen wir ohne die Abbilder gar nichts wüßten.

 

Das ist ein perfekter Zirkelschluß, auf den wir freilich bereits gestoßen waren.

Von den Urbildern wissen wir allein durch die Abbilder.

Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch den Donner.

Donar macht uns den Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meines Erachtens pure Erfindungen.

 

Daß wir Urbilder zum Verständnis der Wahrnehmungen benötigen, weil uns keine andere Erklärung ihrer Intersubjektivität zur Verfügung steht, beweist doch nicht die Richtigkeit dieser Überlegung. Denknotwendigkeit kann auch aus mangelnder Phantasie, Desinteresse oder Denkfaulheit resultieren, hatten wir oben formuliert.

Beides – Urbilder und Donar – sind Versuche, etwas verständlich zu machen; sie mögen ihre Zeit und wohl auch ihr Recht gehabt haben. Aber wenn wir ihre Schwachstellen erkennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten. 

3.9.1. "Unphilosophische" Hilfestellung

Was ich bisher in diesem dritten Teil geschrieben habe, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen, fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich jetzt nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig, darf aber nicht zu dem Gedanken verleiten, daß sich dort an sich, völlig unabhängig von uns und unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare Sonne befindet.

Dort ist aus unserer Sicht eine unsagbare Gestalt lokalisiert, die durch unser Weltbild zur Sonne werden kann – ebensogut aber beispielsweise auch zum Re. Das Weltbild ordnet die Gestalt gewissermaßen in seine eigenen Strukturen ein und verleiht ihr insbesondere eine Position im „Raum“. Zuvor befand sich die Gestalt zwar auch dort, aber das betraf nur eine „raum“-lose Lageschreibung relativ zu uns. Das ist ungewohnt, jedoch weder eigenwollig noch konstruiert; um mit der rechten Hand schreiben zu können, bedarf es auch keines „Raumes“.

 

Wer traditionell denkt, benötigt zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder wahrnehmbare Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild). Wir sehen aber nie doppelt und haben somit auch keine Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein Abbild der Sonne ausweist. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das – niemals auftretende – Abbilden als Selbstverständlichkeit voraussetzt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie – die zweite Sonne – nicht dort wäre, und das Abbilden ist der notwendige Weg, der von dieser zu jener führt.

Die abzubildende Sonne ist erfunden und wurde niemals gesehen, aber alle traditionell Denkenden sprechen von ihr.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

„Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Sie behaupten die Sonne als Wahrnehmung von der Sonne, ohne daß diese ominöse Sonne selbst eine Wahrnehmung darstellen würde, und obwohl sie nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um diese erklären zu können.

Wie auch immer das Verhältnis dieser beiden SONNEN gedacht werden mag: Die Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das durch nichts zu rechtfertigen ist.

 

„Doch, die Existenz der Sonne läßt sich rechtfertigen; denn durch diese ‚Erfindung‘ – wie Sie es leider nennen – können wir die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens erklären. Bei Ihnen muß die Wahrnehmung Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Nein; das muß Sie nicht. Wir haben bereits damit begonnen, allmählich zu verstehen, wie die Sonne als Wahrnehmung möglich ist.

 

Im Gegenteil; Sie müßten verständlich machen, woher Ihre Sonne kommt – wenn sie nicht „vom Himmel gefallen sein“ soll –, denn erst dann hätte die physikalische Theorie des Sehens etwas zum Sehen. 

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere; daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erfahren, resultiert nicht aus der angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

Letzter Versuch – analog zum „Baby im Bett“:

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäume einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden sind wir dort.

Nach diesem Modell werden Ur- und Abbilder wohl zumeist gedacht. Aus der Ferne hatten wir nur ein Abbild, und wenn wir am Ziel sind, . . .

– . . .  ist das Abbild, das wir in unserer Psyche sehen, zwar viel größer geworden, bleibt aber natürlich ein Abbild.

– . . . können wir in dem Turm hinaufsteigen und unseren Namen einritzen; in das Urbild selbstverständlich, denn beim rein geistigen Abbild innen ist das ja wohl unmöglich.

3.9.2. Physikalische "Abbild"- sind lediglich Kopier-Theorien

„Daß es kein Abbilden geben soll, will ich nicht glauben. Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild erfährt der Optiker, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut kopiert wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre Kopie erfährt der Optiker, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren philosophischem Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine Kopie auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von soeben – zu Sehungen – der Sonne in dem Fall – abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den „Raum“ vom Straßenrand in die Augenhöhle kopieren lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

„Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu letzterem sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, muß sie noch lange keine Theorie des Sehens sein, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Theorie – sehen wir nichts.

Sind nur sie erfüllt, sehen wir jedoch auch nichts.

 

Diesen notwendigen Voraussetzungen werden häufig die hinreichenden gegenübergestellt. Das Anliegen, das darin zum Ausdruck kommt, teile ich zwar 100%-ig, halte seine Darstellungsweise aber für unglücklich.

Es gibt nicht eine zweite Art von Voraussetzungen für unsere Sehungen, um bei diesem Beispiel zu bleiben, sondern die Sehungen müssen ermöglicht werden, und das geschieht durch das Leben. Da letzteres aber kontinuierlich ist, läßt es sich nicht durch eine endliche Anzahl diskreter hinreichender Voraussetzungen ausdrücken.

Wir können, mit anderen Worten, aufzählen, unter welchen Bedingungen das Sehen nicht möglich ist, weil es sich hierbei um einzelne, diskrete notwendige Voraussetzungen (in) der WELT handelt.

Aber das Pendant, „unter welchen Bedingungen das Sehen möglich ist“, läßt sich nicht mittels hinreichender Voraussetzungen (in) der WELT angeben, weil es im Leben selbst besteht.

3.9.3. Verstehungen ohne Verstandene und Wahrnehmungen ohne Wahrgenommene

„Ich kann Ihnen nicht gut widersprechen; aber das liegt vielleicht auch daran, daß Ihre Überlegungen etwas abstrakt sind. Würden Sie uns bitte einmal zeigen, wie Verstehungen ohne Verstandene oder Wahrnehmungen ohne Wahrgenommene überhaupt möglich sein können.“

 

Ja; sehr gerne.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen oder originell sind –, so denken Sie vielleicht, Sie hätten mich (richtig) verstanden. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.  

 

Bei den Wahrnehmungen verhält es sich natürlich analog, aber hier müssen wir vielleicht noch höllischer aufpassen, um uns nicht in den eigenen Redewendungen zu verhaspeln:

Nehmen Sie als Beispiel den Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Baum wahr“. Er wird im allgemeinen so verstanden, daß dort ein Baum steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Baum das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Baum.

 

Die Formulierung „Ich nehme einen Baum wahr“ läßt sich also fast nur traditionell und damit falsch verstehen – im Sinne einer Verdopplung zu zwei BÄUMEN –; sie besagt dann, daß wir einen Baum wahrnehmen und als Baum-Wahrnehmung abbilden.

Wo soll sich denn dieser wahrgenommene Baum befinden?

„Im Wald natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern problematisch, weil wir unseren BAUM-Disput von soeben nun als WALD-Disput fortsetzen müssen:

Es gibt zwei WÄLDER; den wahgenommenen Wald und die Wahrnehmung Wald. Der Baum steht im Wald; beides sind Wahrnehmungen. Der Baum kann nur im Wald sein; das wäre zwar konsequent, aber keine Antwort, weil ich dann meine Urbild-Frage entsprechend wiederholen würde.

 

So entstehen theoretisch zwei Reihen:

Baum, Wald, Landschaft . . . „Raum“

Baum, Wald, Landschaft . . . „Raum

Wir streichen die zweite vollständig, indem wir uns Kant anschließen.

Zum einen gibt es für ihn keine Seienden – Baum, Wald, Landschaft . . . „Raum“ –, sondern nur Erscheinungen – Baum, Wald, Landschaft –, und zum anderen stellt der „Raum“ lediglich eine Anschauungsform im engeren Sinne, das heißt, eine Form der Sehungen dar.

3.9.4. Wissungen ohne Gewußte

Es gibt also in der Tat Verstehungen ohne Verstandene oder Wahrnehmungen ohne Wahrgenommene; allgemein: Wissungen ohne Gewußte.

„Jein; zumindest bei den Vorstellungen kann ich Ihnen nicht gut folgen; wir können doch völlig problemlos eine Vorstellung von X haben, wobei als Referent X nahezu alles infrage kommt; das Leben oder der Eiffelturm beispielsweise.“

 

Beginnen wir mit letzterem und wiederholen:

Eine „Vorstellung vom Eiffelturm“ ist keine Vorstellung vom Eiffelturm, sondern die Vorstellung Eiffelturm oder namens „Eiffelturm“. Was soll „Vorstellung vom Eiffelturm“ eigentlich bedeuten, wenn es den Eiffelturm nur als Wissung gibt?

Die Vorstellung von der Vorstellung Eiffelturm ist natürlich die Vorstellung Eiffelturm. 

Und die Vorstellung von der Wahrnehmung Eiffelturm ist ebenfalls unsere subjektive Vorstellung Eiffelturm.

Wir können die Argumentation auf ausnahmslos alle Wissungen übertragen.

 

Zum Leben:

Natürlich können wir sagen, wir hätten eine Vorstellung vom Leben; aber weshalb soll die Vorstellung von X – nur weil wir sie „Vorstellung von X“ nennen – etwas mit X zu tun haben? Hat unsere Vorstellung von Gott etwas mit Gott zu tun? 

Die „Vorstellung von X“ ist keine Vorstellung von X, sondern eine solche, die wir „X“ nennen. Gibt es X – wie im Falles des Lebens –, so muß die Vorstellung „X“ überhaupt nichts mit X zu tun. Existiert dagegen überhaupt kein X – wie beim Teufel –, so erübrigt sich die Frage nicht, sondern wir haben die Vorstellung namens „X“ benötigt, um entscheiden zu können, daß es X nicht gibt. 

 

„Das würde jedoch bedeuten, daß sämtliche „Wissungen“ auch ohne Gewußte Wissungen wären; ein absurder Gedanke!“

Nein; das ist er nicht einmal im traditionellen Denken – und dort ist vieles absurd.

Wissen wir zum Beispiel nicht, was Marsmenschen sind, können wir ihre Existenz weder sinnvoll anerkenen noch ablehnen; wir benötigen dazu unbedingt die Wissung Marsmenschen.

Sprechen wir letzteren ihre Wirklichkeit ab, so entfallen die Marsmenschen als Gewußte; aber hört die Wissung Marsmenschen damit etwa auf, eine Wissung zu sein? 

 

Stellen Sie sich vor, bei einem gemeinsamen Essen erklärt Ihnen ein Ausländer ganz stolz, was er alles schon von der europäischen Kultur gelernt hat. Er weiß sogar bereits, daß der Osterhase die Babys bringt und der Klapperstorch die Eier.

Vielleicht fühlen Sie sich bemüßigt, ihn aufzuklären; aber was heißt hier „aufklären“?

Sie glauben natürlich keine der beiden Varianten – und besitzen dennoch an dieser Stelle einen Wissensvorsprung gegenüber Ihrem Gesprächspartner. Das wäre unmöglich, gäbe es keine Wissungen ohne Gewußte.

3.9.5. Bewußtsein

Das traditionelle Innen erfährt eine relativ stetige Entwicklung zur modernen Psyche, bei der wir das angebliche Abbilden betont haben, aber unser Übergang zum Bewußtsein führt diese Kontinuität nicht fort, sondern bedeutet einen radikalen Bruch.

Er folgt daraus, daß die Einheit der Wahrnehmungen beim Sehen in Ur- sowie Abbild – im engeren Sinne –  aufgespaltet wird und erst dadurch das Außen als Sphäre speziell des Gesehenen entsteht; so kommt es zur „Welt“. Ohne Urbilder entfällt sie und damit auch ihr Innen. Wir bleiben bei der Einheit der Wahrnehmungen, wie sie auch traditionell beispielsweise in der Identität des Gehörten mit der Hörung oder Getasteten mit der Tastung zum Ausdruck kommt, und sie – diese Einheit von „Außen“ sowie „Innen“ – befindet sich im Bewußtsein.

Damit bestreiten wir nicht sein Außerhalb, sondern lediglich, daß sich dort die (visuelle) Welt befinden kann.

 

Wir fassen im Bewußtsein alles uns Gegebene zusammen; das Leben und die Erlebungen bzw. – anders unterteilt – das Be- und Gewußte. Damit ist klar, daß es sich beim Bewußtsein nicht um ein Gefäß, sondern nur um –  „dessen“ – Inhalt handeln kann. Was auch immer wir fühlen, wahrnehmen, ahnen, empfinden, denken, spinnen oder erinnern muß unserem Bewußtsein angehören – andernfalls würde es für uns gar nicht existieren.

Wenn ich – vielleicht versehentlich – schreibe, X sei im Bewußtsein, dann läßt sich das immer noch richtig verstehen, nämlich analog dazu, wie sich die 3 in der Menge der natürlichen Zahlen befindet.

 

Insbesondere auch der eigene Körper kann natürlich nur zum Bewußtsein zählen. Darin zeigt sich unser Bruch mit der Tradition besonders deutlich, so daß Sie hier vielleicht auch Schwierigkeiten haben, denn:

Nahezu automatisch sowie völlig problemlos versetzen wir uns in die Schau des Nous und „sehen“ vom Nirgendwo und -wann aus, wie acht Milliarden Menschen sehr gezielt handeln; einerlei ob nun mit- oder gegeneinander. Dieses Zusammenspiel läßt sich fantastisch erklären, wenn wir jedem Körper ein Innen zuordnen, in dem sein Besitzer die anderen Menschen abbilden und sein eigenes Verhalten daran ausrichten kann.

Diese Vorstellung ist eine fromme Illusion – völlig unabhängig davon, was „gesehen“ wird –, und unser Ansatz besteht in dem Versuch, ohne sie auszukommen. Er bedingt im gegenwärtigen Zusammenhang unter anderem, daß es keine „Bewußthaber“ (Hermann Schmitz) gibt; weder Körper noch Gehirne oder was auch immer kommen als Träger des Bewußtseins infrage.

 

Mitunter haben wir die Erkennung Gehirn, und der Chirurg eventuell auch die entsprechende Wahrnehmung; beide sind nur im Bewußtsein möglich und „andere Gehirne“ existieren nicht, so daß sich ergibt:

Ohne Bewußtsein kein Gehirn!

Mit dieser Behauptung stehen Sie wohl ein bißchen allein da . . .; alle anderen (n-1) Menschen würden Ihre Aussage umkehren:

Ohne Gehirn kein Bewußtsein!

Ich glaube, daß beides stimmt, bin mir aber sogar recht sicher, daß meine Version die grundsätzlichere ist.

 

„Ohne Bewußtsein kein Gehirn“ muß richtig sein, weil per definitionem ohne Bewußtsein gar nichts für uns existieren würde; also auch kein Gehirn.

Die Umkehrung, ohne Gehirn kein Bewußtsein, ergibt sich dagegen nicht rein analytisch, sondern stimmt nur im Rahmen spezieller WELT(BILD)ER. Ich bestreite sie also nicht – und habe selbst ein WELT(BILD), in dem auch diese Umkehrung gilt –, sondern weise nur auf ein Zweifaches hin:

Zum einen gibt es ein „so ist das in der ‚Welt'“ für uns gar nicht, sondern nur ein „so ist das in meinem WELT(BILD)“; oben bezog sich das auf unsere Flügellosigkeit und nun betrifft es die Abhängigkeit des Bewußtseins vom Gehirn.

Da zum anderen die Wissungen keine Referenten besitzen und „Wissungen“, die wir nicht verstehen, keine Wissungen sind, sind sie gar nichts. Für ein kleines Kind ist es also weder wahr noch falsch, daß das Bewußtsein notwendigerweise an ein Gehirn gebunden ist, sondern einfach nur null und nichtig.

 

„Aber aus dem Nicht-Wissen des Kleinkinds folgt doch kein Nicht-Sein!“

Doch; das tut es!

Sie hätten Recht mit Ihrem Einwand, wenn das Sein ein objektiv-referentielles wäre; das ist es aber nur traditionell.

Das Wissen ist natürlich zunächst einmal subjektiv; sowohl für uns wie für die Tradition. Letztere glaubt jedoch, das korrigieren zu können, indem das Wissen angeblich durch adäquates Abbilden an den objektiven Seienden normiert wird.

Wir bedürfen dagegen keiner leeren Worte, sondern durch unser Daran-Glauben wird das Wissen ganz einfach zum subjektiven Sein, während das Nicht-Wissen eo ipso weder angenommen noch abgelehnt werden kann und somit automatisch zum Nicht-Sein führt; sogar zu einem absoluten und nicht nur – vielleicht irrtümlich – abgelehnten.

3.9.6. Außerhalb des Bewußtseins

Außerhalb des Bewußtseins befinden sich keine (traditionellen) Gewußten, sondern die anderen Bewußtseine sowie der Ursprung und eventuell weitere Größen, die uns noch nicht vertraut sind.

Natürlich kann unser Bewußtsein in der Zeit anders werden, so daß Elemente seines bisherigen Außerhalb ihm dann zukommen; aber das Außerhalb als solches ist uns natürlich nicht zugänglich.

Eine Atombombe, die angeblich dort explodiert und wirkt, tut uns nicht nur nicht weh, sondern ist für uns inexistent, weil wir gar nichts davon erfahren. Zwischen ihr, einer nicht-explodierten Atombombe und gar keiner besteht kein Unterschied; deswegen das „angeblich“ im letzten Satz. Schmerzen und Schrecken sind – wie alles – entweder im Bewußtsein oder für uns gar nicht. (Nur so konnte Wolfgang Giegerich sinnvoll eine „Psychoanalyse der Atombombe“ schreiben.)

 

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert. Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine bestimmte Idee, die mich seit 45 Jahren bewegt; das Buch stellt den Status quo ihrer Entfaltung dar.

Dieser Grundgedanke ist weder groß noch sonderlich intelligent; ich bin lediglich hinreichend stur, um all die Jahre nicht von den zwei nachstehenden Überzeugungen abzulassen. Heideggers Satz „Jeder Denker denkt nur einen einzigen Gedanken“ hat mich darin bestärkt.

1. Vom Außerhalb unseres Bewußtseins können wir absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen „Blablabla“, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

2. Wir haben also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich unser Leben auf dieses Außerhalb des Bewußtseins auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in unser Bewußtsein einfällt.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihres Bewußtseins,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechenden Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem „Blablabla“ entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige „Blablaba“ von allen falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich um religiöse, wissenschaftliche, esoterische oder sonstige Überzeugungen handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren Wahrheit durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich  anders als „Ungläubige“.

 

„Bezüglich dieses Schwarzen Loches denkt er traditionell, . . .

. . . und Sie tun das Gleiche insbesondere bei den anderen Bewußtseinen und dem Ursprung.

Worin soll hier der prinzipielle Unterschied bestehen?“

Diese Frage können Sie sich selbst beantworten, indem Sie einfach ganz konsequent denken und auf alle philosophischen Galubensbekenntnissen zu verzichten versuchen:

 

Wir haben nur unser Bewußtsein; alles daran möchten wir, so gut es möglich ist, einsehen.

Für die Wissungen steht uns diesbezüglich unser WELT(BILD) zur Verfügung; jede von ihnen läßt sich mit Hilfe aller anderen Wissungen – mehr oder weniger vernünftig – erklären, so daß die Wissungen ein sich selbst tragendes halbwegs stabiles System bilden – eben das WELT(BILD).

Dieses gehört aber nicht dem Bewußtsein an, denn als Ganzes ist es uns niemals gegeben; lediglich jede einzelne aktual(isiert)e Wissung aus ihm.

Das WELT(BILD) ist also in unserem Ansatz unbedingt erforderlich und kann sich trotzdem nur außerhalb des Bewußtseins befinden. Die Sphäre, der es angehört, definieren wir als das Symbolische, so daß dieses nun die dritte notwendige Entität bildet, die uns nicht gegeben sein kann.

 

Wir haben ein Problem; das ist nur im Bewußtsein möglich, und allein dort kann es auch gelöst werden. Aber die Lösung selbst muß nicht dem Bewußtsein angehören, sondern kann Entitäten außerhalb desselben erforderlich machen – wie wir es bei dem Ursprung sowie den anderen Bewußtseinen und nun beim Symbolischen erlebt haben.

Diesen Denkweg vom Problem zu seiner Lösung innerhalb des Bewußtseins mit einem Problemlösungs-Erfordernis im Außerhalb betone ich so, weil er nicht zu Projektionen führen kann, und das allein ist entscheidend.

Das Problemlösungs-Erfordernis außerhalb des Bewußtseins kann prinzipiell nicht kontrolliert werden. Es besteht also lediglich die Möglichkeit, daß es aufgrund einer besseren Lösung im Bewußtsein ganz hinfällig oder durch ein anderes Problemlösungs-Erfordernis ersetzt wird.  

 

Auch traditionell Denkende haben ein Problem in ihrem Bewußtsein:

„Wie wollen wir die Wahrnehmungen konsistent erklären?“

Ihre Lösung besteht in der Abbildtheorie; konkret also im außerbewußten Problemlösungs-Erfordernis Urbilder.

Solange dieser Ansatz so verstanden wird, besteht absolut kein wichtiger Unterschied gegenüber dem unsrigen, der zu Ursprung, anderen Bewußtseinen sowie dem Symbolischen führt.

 

Aber die Tradition geht fast immer noch einen Schritt weiter.

Sie betrachtet die Urbilder nicht als subjektives Problemlösungs-Erfordernis, sondern als objektive Wirklichkeit; gibt sie nicht als notwendige und sinnvolle Erfindungen zu, sondern stellt sie als Entdeckungen dar;  projiziert, behauptet jedoch abzubilden.

Nur diesen Schritt kritisieren wir; ohne ihn entfällt jeglicher Wahrheitsanspruch und sämtliche Lösungen gelten nur unter Vorbehalt bis möglicherweise bessere gefunden werden – bei denen wir eventuell das Außerhalb wieder benötigen oder vielleicht auch nicht mehr.

 

Der Solipsismus erscheint mir als absurd; das ist ein Problem in meinem Bewußtsein, das mich zwingt, außerhalb von ihm andere Bewußtseine zu lokalisieren.

Ich habe weder mich noch mein Leben oder Bewußtsein selbst hervorgebracht, und meine Eltern können es auch nicht getan haben, denn sie existieren nur in meinem Bewußtsein. Damit muß ich also aus oder durch irgendetwas im Außerhalb leben und benötige deswegen dort den Ursprung.

Die Existenz unserer WELT(BILD)ER kann ich nicht guten Gewissens leugnen; aber sie selbst sind niemals gegeben, sondern nur minikleine „Stückchen“ davon in Form einzelner Wissungen.

3.10. Hinterwelten

„Welt und Hinterwelt bilden eine Einheit, denn „beide“ entstehen, indem wir irgendwelche Wissungen als referentiell behaupten, sie damit nach außen projizieren und vorgeben, mit ihnen Seiende abgebildet zu haben.

Nichts kann außen abgebildet werden – selbst wenn es dort existieren würde.

Aber jede Wissung kann als angebliches Urbild projiziert und damit hinterwäldlerisch werden.

 

Was Ludwig Feuerbach in seiner Religionskritik bei Gott richtigerweise erkannt hat, gilt natürlich ebenso für Materie, Energie, Urknall, Evolution oder was auch immer.

Hinterwäldlerisch wird unser Denken nicht durch die speziellen Entitäten, sondern allein durch den Ort, an den wir sie stellen. Wer eine objektive Realität im Außen annimmt, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der den Teufel dort glaubt; die „Welt“ ist eine Hinterwelt.

Traditionell Denkende sprechen von einer „Welt“, die wir als Hinterwelt zu durchschauen versuchen.

 

„Dann gehören der Ursprung, fremde Bewußtseine sowie das Symbolische bei Ihren zur Hinterwelt?“

Nein; wir benötigen sie lediglich zur Problemlösung, und da sie keine Wissungen darstellen, können diese Entitäten weder Referenten besitzen noch Projektionen sein.

Nehmen Sie Gott als deutlichstes Beispiel. „Er muß aus meiner Sicht existieren“, weil uns in meinem Welt(bild) das Leben oder Bewußtsein gegeben ist und ich eine „Gabe ohne Geber“ (Jean-Luc Marion) unmöglich konsistent denken kann. 

 

Beim traditionell-modernen Ansatz – dem heute üblichen physikalischen „Welt“-Bild also – fungiert die stoffliche Materie nicht als Gabe, so daß seine Vertreter lediglich noch herausbekommen müßten, woher sie stammt.

Die Gabe besteht vielmehr immer im Leben oder Bewußtsein; dadurch wird nicht nur jedes Welt(bild) erst ermöglicht, sondern spielen unsere Überlegungen auch auf einer Metaebene über den verschiedenen Welt(bild)ern. 

 

Wer beispielsweise die Evolutionstheorie für eine sehr gute Erklärung der Welt-Entstehung hält und deswegen eine Evolution glaubt, mag dies bitte weiterhin tun; Weltbilder können doch ohne „Welt“ gar nicht falsch sein. Wer so denkt, löst sein Problem, wie wohl die Welt entstanden sein mag, durch das Außerhalb-Erfordernis Evolution.

Falsch wird meines Erachtens jedoch alles – aber eben auch erst dann –, wenn in einem weiteren Schritt die Welt zur „Welt“ und damit Hinterwelt gemacht wird, indem das subjektive Außerhalb-Erfordernis Evolution zur objektiven Wirklichkeit erhoben wird, die man behauptet, erkannt zu haben

Hierzu gehören die „Welten“ der wissenschafts- oder fortschrittsgläubigen Fundamentalisten ebenso wie diejenigen der religiösen.

3.10.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Wissungen auftreten (können) und noch niemandem Urbilder begegnet sind, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften (an) Urbilder und projizieren somit nicht zuletzt ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß unsere Forschung die neutrale Abbildung der „Welt“ sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen „Welt“(-Bild) mit seinem Glauben an die hinterwäldlerische „Welt“ einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme. Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder verantwortungslos.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser „Fortschritt“ immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neue stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres „Lebens“ durch die Forschung immer stärker zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben können.

3.10.2. Wahrheit und Überzeugung

Verzichten wir auf die Hinterwelt, können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger mit Recht und Erfolg an ihrem jeweiligen subjektiven WELT(BILD), von dem sie überzeugt sind, orientieren.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es die eine wirkliche „Welt“ gäbe?

 

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der WELT(BILD)ER, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und alle „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Krieg, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur der künstlichen Intelligenz usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die „Aufklärung“, können uns aber partout kein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück wünschen, wenn wir subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Da subjektive Weltbilder keine Bilder von einer objektiven „Welt“ sind, können sie auch weder wahr noch unwahr sein. Sie dienen uns „nur“ zur Orientierung, und wir kennen sicherlich alle zahlreiche Menschen, bei denen wir uns wundern, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich auch diesen Menschen mit uns.

Vielleicht sind wir felsenfest von unserem Welt(bild) überzeugt; dies kann sich jedoch nicht auf seine Wahrheit beziehen, denn wir wüßten gar nicht, worin eine solche bestehen sollte. Unsere Überzeugung besitzt vielmehr die Form, daß wir bei bestem Willen nicht anders denken können; aufgrund unseres bisherigen Lebens mit all seinen Erlebungen müssen wir unsere Welt so sehen.

Wer die seinige anders versteht, soll uns bitte erklären, wie ihm das möglich ist. Wir wären ihm dankbar dafür, weil es zumindest unseren Horizont erweitern und vielleicht sogar unser Welt(bild) korrigieren würde.

Das entspricht exakt Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“; er behauptet keineswegs, die Wahrheit zu besitzen, sondern lediglich, zwingend so denken zu müssen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge; während der Wahrheits-Anspruch hinsichtlich eines Weltbilds stets leer ist, resultieren die Überzeugungen aus unserem wirklichen Leben und bilden einen integralen Teil von uns selbst.

 

Zusammengefaßt:

Traditionell glaubt man, das „Welt“-Bild würde von einer objektiv-realen „Welt“ abhängen.

Wir gehen hingegen davon aus, daß es das Resultat unserer eigenen Vergangenheit darstellt. Hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unser (Welt)bild gewiß ein recht anderes.

 

„Daß Weltbilder weder wahr noch unwahr sein sollen, will mir nicht in den Kopf; ‚entweder wahr oder unwahr‘ stellt doch eine vollständige Alternative dar; tertium non datur.“

Ihr Einwand ist konstruktiv, trifft aber nicht ganz:

Es gibt keine vollständige Alternative für alles. Gerade oder ungerade bildet ebenfalls eine vollständige Alternative, aber – nicht für alles, Stühle oder Revolutionen beispielsweise, sondern – lediglich für die ganzen Zahlen.

Zu jedem „tertium non datur“ gehört also sein Anwendungsbereich, und für die Alternative von wahr bzw. unwahr besteht dieser – zumindest in unserem gegenwärtigen Zusammenhang – per definitionem in der Menge der Aussagen.

Mit diesem „weder wahr noch unwahr“ behaupte ich also lediglich, daß die Inhalte unserer Überzeugungen keine Aussagen sein können. 

 

„Das wird ja immer verrückter! ‚Der Eiffelturm befindet sich in Paris‘ stellt für Sie also keine Aussage dar?“

Natürlich ist das eine Aussage, aber zugleich ein schlechtes Beispiel; besser wäre:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß sich der Eiffelturm in Paris befindet.

Das ist zwar ebenfalls eine Aussage, aber deren Wahrheit bzw. Unwahrheit bezieht sich – nicht auf Paris und den Eiffelturm, sondern – darauf, ob ich wirklich überzeugt bin, auf meine Wahrhaftigkeit also – und nicht auf den Inhalt dieser Aussage. Bei der Wahrhaftigkeit geht es, mit anderen Worten, nicht darum, was ich glaube, sondern allein darum, ob ich das Ausgesagte wirklich glaube.

Nochmals anders formuliert:

Ich bin überzeugt oder glaube ganz fest, daß X“ ist also eine Aussage und somit entweder wahr oder unwahr. Das bezieht sich aber nur auf den Halbsatz vor dem Komma, und ist völlig unabhängig von X.

An extremeren Beispielen wie „Ich glaube nicht, daß morgen die Welt untergeht„, wird deutlich, daß sich dies im traditionellen Denken ganz analog verhält. Hier spürt man förmlich, daß es um mein Überzeugt-Sein und nicht um den Weltuntergang als dessen Inhalt geht.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen am Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich glaube, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit einmal als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns dann für diese kleinkarierte „Wahrheit“ schämen werden.

Das sagte beispielsweise Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht: „Das soll ich sein?“

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

 

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – letztlich langweilige – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotzdem umwerfen wird.

Es würde mich entsetzlich enttäuschen, wäre Gott nicht viel mehr und noch ganz anderes eingefallen als mir.

 

„Aber wenn unsere Vorstellungen niemals ein Wovon oder einen Referenten besitzen und somit notwendigerweise weder wahr noch unwahr sind, kann es auch im Alltag, vor Gericht oder bei wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nicht um die Wahrheit gehen.

Worum streiten wir dann eigentlich häufig so erbittert?“ 

Zwei verschiedene Antworten scheinen mir hierbei wichtig zu sein

 

Wir können um die besseren Überzeugungen streiten. Das sind diejenigen, mit deren Hilfe wir uns im Leben angemessener – nicht orientieren können, sondern orientieren zu können glauben. Dabei geht es nicht nur um die Mittel für bestimmte Zwecke oder Ziele, sondern auch um diese selbst, denn nichts ist uns irrtumsfrei vorgegeben.

Ob unsere Orientierungen gut sind, wissen wir – wenn überhaupt – bestenfalls rückblickend im Nachhinein. Aber selbst dann häufig nicht, weil die Frage „Was wäre geworden, wenn . . .?“ zumeist schwerlich beantwortet werden kann.

 

Eine zweite Möglichkeit verdeutlichen wir uns am besten durch Zeugenaussagen bei Vekehrsunfällen, Diebstählen oder ähnlichen Delikten.

Die Betroffenen schildern hierbei nicht ihre gegenwärtigen Vorstellungen von den vergangenen Erfahrungen, denn Vorstellungen besitzen kein Wovon. Wenn sie ganz wahrhaftig sind, stellen die Zeugen ihre das Delikt betreffenden Überzeugungen dar; mehr geht gar nicht. Wer glaubt zu sagen, wie es wirklich war, ist im günstigsten Falle naiv.

Das ist für traditionell Denkende zwar problematisch, weil damit die „Wahrheitsfindung“ auf einen Mehrheitsbeschluß hinausläuft und folglich aber auch gar nichts mehr mit der angeblich objektiven Wahrheit der „Welt“ zu tun hat. Aber von der Tendenz her wäre es ermutigend, könnten wir uns von der Wahrheit zur Wahrhaftigkeit, vom Gehorsam zur Freiheit und vom Absolutismus zur Demokratie bewegen.

 

„Das geht aber nicht bei der Kirche, denn sie gründet sich auf Christus ; er ist selbst die Wahrheit, so daß demokratische Strukturen hier nichts zu suchen haben.“

. . . sagen die Vertreter der Institution. Dann sollten sie einfach ernstnehmen, daß die Kirche den Leib Christi bildet, und Christus sowohl wahrer Gott als auch wahrer Mensch gewesen ist. Wird letzteres bei seinem Leib unterschlagen, könnten böse Menschen auf die Idee kommen, es gänge lediglich um das Aufrechterhalten der eigenen Macht, die als Gehorsam oder Dienst vertuscht werden soll.

3.10.3. Objektivität der Wissenschaft

„Ohne ‚Welt‘ oder Hinterwelt gibt es aber auch keine Objektivität der Wissenschaften?“

Vorsicht; dieser Begriff ist zweideutig!

Erkenntnistheoretisch haben Sie natürlich Recht; die traditionelle objektive Wahrheit läßt sich nicht halten, wenn die Materie im Meßbaren besteht und ihre Existenz somit daran gebunden ist, daß wirklich gemessen wird.

 

Die berechtigte Forderung nach der wissenschaftlichen Objektivität ist eine ganz andere, nämlich rein ethische

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; schade! Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

 

Die Physiker insbesondere sprechen nicht über eine objektive, sondern über eine partiell intersubjektive Realität oder Materie. Sie sind nicht hinterwäldlerisch, sondern haben einen gemeinsamen Gegenstand, den sicherlich nicht jeder mag, zu dem man aber einen Zugang finden kann, der intersubjektiv leicht kontrollierbar ist und die „Einheit der Physik“ (Carl Friedrich von Weizsäcker) ermöglicht.

Ganz analog verhält es sich natürlich bei den anderen exakten Wissenschaften und auf etwas niedrigerem Niveau auch bei Fußball, Wetter oder Mode, bei Klatsch und Tratsch.  

Darüber können wir mit vielen sprechen; mit einigen über Wichtigeres – hierzu gehören nicht zuletzt die großen Romane oder Biographien – und nur mit sehr wenigen Menschen über existenzielle, philosophische oder gar religiöse Fragen.

Wenn es ganz ernst wird, fürchte ich, werden wir sehr allein sein und uns wünschen, daß es wenigstens noch einen Menschen gäbe, dem wir uns anvertrauen können.

 

Wir hatten oben bereits gesehen, daß die Schöpfung unserem Ansatz zufolge in der Freiheit bestehen dürfte;  wenn das stimmt, müßte sich letztlich alles um sie drehen.

Das paßt zusammen: Sämtliche Seiende – völlig einerlei, ob sie nun der Philosophie, Theologie oder Naturwissenschaft zugehören – wären Vorgaben, die wir zur Kenntnis nehmen und denen wir uns unterordnen müßten; sie würden unsere Freiheit begrenzen.

Ich bestreite damit nicht die – Existenz der – Naturgesetze, sondern sage lediglich, daß sie weder Seiende noch Grenzen darstellen. Vielmehr handelt es sich um die Möglichkeit von Voraussagen, die wir zum Handeln nutzen können und ohne die sich Freiheit praktisch nicht denken läßt. Wissen wir partout nicht, was geschehen wird, ist gezieltes Wirken ausgeschlossen.  

Freiheit hat also meines Erachtens herzlich wenig mit einer „Einsicht in die Notwendigkeit“ – insbesondere – uns begrenzender Naturgesetze zu tun; verstehen wir Hegel so, interpretieren wir  ihn gewiß falsch. Vielmehr gehören die Naturgesetze zu den notwendigen Voraussetzungen unseres freiheitlichen – nicht Denkens, aber – Handelns.

3.11. Sprachverhexung des Denkens

Die Überschrift dieses Kapitels könnte von Ludwig Wittgenstein stammen; er meinte damit, daß die Sprache uns häufig irreleitet, weil wir ihren Regeln folgen (müssen) und damit rein grammatische Sachverhalte fälschlicherweise als philosophische mißverstehen. Philosophieren besteht seines Erachtens wesentlich darin, gegen diese Sprachverhexung unseres Denkens anzugehen – in einem Kampf, der wohl niemals gewonnen werden kann.

 

Ein Paradebeispiel für diese Verwechslung von Grammatik und Philosophie hängt eng mit dem Begriff des Subjekts zusammen.

Auf der einen Seite steht die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur der indoeuropäischen Sprachen, derzufolge normalerweise jeder Satz ein grammatisches Subjekt verlangt.

Das „Subjekt“ stellt auch einen Grundbegriff der modernen Philosophie dar, aber dabei handelt es sich natürlich um ein ganz anderes „Subjekt“; die beiden haben rein gar nichts miteinander zu tun. In „der Wind weht“ fungiert  der Wind als grammatisches Subjekt, aber wohl keiner von uns wird in ihm ein philosophisches sehen wollen, wie es pausbäckig in Kinderbüchern auftritt.

 

Um das Problem im Hinblick auf unsere weiteren Überlegungen zu konkretisieren, schauen Sie jetzt bitte einmal auf Ihren Laptop. Diese Situation können wir beschreiben durch:

Laptop-Sehung; es gibt philosophisch nur eine einzige Entität – eben die Laptop-Sehung.

Aber so denken oder reden wir nicht; die Sprache verlangt einen ordentlichen Satz:

„Ich sehe (den) Laptop“.

Die Grammatik verleitet uns also zu philosophischen Fehlern; auf einmal gibt es unabhängig voneinander sowohl ein Ich und einen Laptop als auch den Akt des Sehens zwischen beiden; aus Eins macht die Sprache Drei.

Das inhaltlich Richtige – die philosophische Laptop-Sehung – wird durch die (Verhexung der) Sprache in drei Bestandteile verwandelt, denn wir benötigen grammatisch Subjekt, Prädikat und Objekt. 

 

Das traditionelle Denken überrascht um so mehr, je intensiver wir versuchen, uns hineinzudenken:

Das einzig Gegebene oder Unbestreitbare tritt in den Hintergrund, wird als sekundär betrachtet und durch zwei Erfindungen – das Ich sowie den Laptop – ersetzt.

Damit stehen die Vertreter dieses Ansatzes vor dem Riesenproblem, wieso das Ich eigentlich von dem Laptop wissen kann, und lösen es durch Abbilden.

Indem

– ein konstruiertes Ich

– einen konstruierten Laptop

– angeblich abbildet,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – der Laptop-Sehung.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Im letzten Kapitel sollte deutlich werden, daß es kein Abbilden gibt.

Nun sehen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen.

Natürlich müssen wir letzteres – konkret also die Laptop-Sehung – noch besser verstehen; aber ein Anfang ist ja bereits gemacht: Sie stellt eine Wahrnehmung dar, die wir mittels unseres Weltbilds gewinnen.

 

„Womit wir wieder bei Ihrem Lieblingsthema wären, daß es ohne den Nous weder ein Ich oder einen Laptop noch das Sehen gibt.“

Natürlich; aber ich würde ganz gerne „mein Lieblingsthema“ durch „traditionelles Grundproblem“ ersetzen.

Daß wir wie der Nous denken und seine Sprache sprechen, sind ja nur die beiden Seiten einer Medaille, die sich wechselseitig bedingen. Die Medaille ist die Hybris, und ich fürchte, sie bildet eine der Hauptursachen für die Schwierigkeiten, vor denen wir heute allenthalben stehen.

Viele glauben, mit oder in der Moderne hätten wir die traditionelle Ontologie überwunden, weil kaum noch von Seienden, Gott oder dem Sein die Rede ist. Wir haben jedoch nur die Worte gestrichen bzw. ausgewechselt, ohne das Denken wesentlich zu andern. Deswegen scheint mir die bereits erwähnte Überzeugung Heideggers treffender, daß sich die traditionelle Metaphysik in unserer Moderne erst vollendet.

Sie sowie der mit ihr verbundene Wahrheitsanspruch einzelner Menschen – und nicht die Abkehr von der Tradition bzw. dem Glauben – führte auch zu Auschwitz und Hiroshima.     

3.12. Zwei Brücken zum besseren Verständnis

Ich hatte oben bereits einmal versucht, Ihnen fast ohne Philosophie zu einer philosophischen Einsicht zu verhelfen, und wiederhole dies nun auf zwei Wegen.

Zum einen mittels der Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften, weil diese beiden Begriffe sehr einfach und dadurch auch allgemein bekannt sind.

Zum anderen denke ich an den Gestaltkreis Viktor von Weizsäckers, der sicherlich nicht jedem von uns präsent, dafür aber meines Erachtens enorm lehrreich ist.

3.12.1. Primäre und sekundäre Eigenschaften

Ohne die „Neue Wissenschaft“ hätte es keine Moderne gegeben, und ob jene sich ohne den Anspruch, letztlich „alles“ erklären zu können, – gegen die immer noch hoch im Kurs stehende Aristotelische Physik – durchgesetzt hätte, ist zumindest fraglich. Natürlich ist der Anspruch, alles zu verstehen, wahnwitzig; im Gegenteil: die Physik versteht von nahezu nichts etwas, wie wir oben gesehen hatten; beispielsweise nichts von Farben, Tönen, Stimmungen oder Gefühlen, so daß für die Protagonisten der Moderne letztlich nur ein Ausweg blieb:

Sie mußten das Wirkliche auf das der Physik Zugängliche zusammenstutzen und alles Nicht-Physikalische als angeblich Unwirkliches zum Verschwinden bringen.

Dieser unbrauchbare „Rest“ kam in die Psychen, und damit entwickelten sie sich während der Moderne immer mehr zu „Abfallbehältern“ (Hermann Schmitz), in denen alles untergebracht wurde, was bei der allein entscheidenden Erkenntnis der physikalischen Urbilder nicht unterzubringen war.

 

So entstand die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften.

Erstere sollen sowohl wirklich außerhalb wie auch – als adäquate Abbildung – unwirklich innerhalb unserer Psyche existieren. Form, Größe, Anzahl und Festigkeit – diese rein physikalisch-mathematisch-geometrischen Kategorien – bilden Paradebeispiele hierfür. Das traditionelle Abbild-Modell wurde also auf die primären Eigenschaften eingeschränkt

Die sekundären Eigenschaften existieren dagegen nur innerhalb der Psyche als unwirkliche. Sie werden folglich nicht abgebildet, sondern – beim Abbilden der primären Eigenschaften – von oder in der Psyche erst erzeugt, indem diese – aus uns unerfindlichen Gründen – beispielsweise von äußeren Schallwellen zu inneren Tönen, von Lichtstrahlen zu Farben oder von Molekülarten zu Geschmacks- und Geruchsvarianten übergeht.

 

Unser Verzicht auf jegliche „Welt“ bzw. Hinterwelt, könnten wir also einen Zusammhang herstellen, geht noch einen Schritt weiter:

Galilei strich nur ihre sekundären Eigenschaften, und wir canceln alle; für uns gibt es außerhalb des Bewußtseins auch keine primären Eigenschaften (mehr).

Anders formuliert sind sämtliche Eigenschaften ausnahmslos sekundär, weil sie nur noch innen existieren. Damit wird „sekundär“ jedoch gleichbedeutend mit „alle“, so daß der Begriff seinen unterscheidenden Sinn verliert und gestrichen werden kann.

 

Das bedeutet:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß er gesehen wird.

Es gibt kein Meeresrauschen, ohne daß es gehört wird.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß sie gefühlt wird.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß sie gezählt oder berechnet wird.

Es gibt keine Materie, ohne daß sie gemessen wird.

Es gibt keinen Geist, ohne daß er erlebt wird.

 

Ich glaube jedoch, wir müssen sogar noch einen Schritt weitergehen als in diesen Beispielen.

Wenn kein Klingeln existiert, ohne daß es gehört wird, bedeutet dies, daß das Klingeln mit dem Hören zusammenfällt; das Klingeln ist das Gehört-Werden.

Der Satz „Es hat geklingelt, aber ich habe es nicht gehört“ wird damit unverständlich, denn er macht das Klingeln zu einem Seienden, das besteht, auch ohne gehört zu werden.

Die Umkehrung „Ich habe es klingeln hören, aber es hat gar nicht geklingelt“ ist dagegen als rückblickende Korrektur eines Irrtums möglich: Ich dachte, es hätte geklingelt, vor der Türe war aber niemand. Der Irrtum bestand dann jedoch nicht im Klingeln, sondern im Klingeln-gehört-Haben.

 

Ein gegenwärtiger Irrtum ist in unserem Ansatz immer ein Widerspruch in sich; nur nachträglich kann eine Wahrnehmung korrigiert werden freilich im allgemeinen durch eine andere Wahrnehmung.

Wenn ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich nicht, denn es fehlt jegliches Kriterium, um dies zu feststellen zu können. Vielmehr versucht er – wie selbstverständlich –, das Wasser zu trinken. Mißlingt ihm das, besteht darin ein Kriterium, anhand dessen er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß.

 

Das Duften ist das Gerochen-, und das Leuchten das Gesehen-Werden

„Ja; aber dann schauen wir genauer hin und sehen die Rosen bzw. Glühwürmchen!“

Dieser Einwand entspricht genau dem oben Gemeinten, dem traditionell-modernen Übergang vom sekundären Gerochen-Werden zu den primären Rosen resp vom sekundären Gesehen-Werden zu den primären Glühwürmchen. Er ist fest in unsere Sprache eingebaut, und deswegen fällt es uns so schwer, ihn zu überwinden.

 

Machen wir etwas langsamer, so sehen wir nicht gleich Rosen bzw. Glühwürmchen, sondern in beiden Fällen zunächst einmal Gestalten.

Letztere sind aber ebenso sinnlich wie das Duften bzw. Leuchten.

Wir könnten also auch sagen:

Die duftende Gestalt bildet zusammen mit ihrem Duften eine Einheit, und diese besteht im Gerochen-Werden.

Die leuchtende Gestalt bildet zusammen mit ihrem Leuchten eine Einheit, und diese besteht im Gesehen-Werden.

Dann wären sämtliche Eigenschaften sekundär sowie sinnlich und damit an uns gebunden; es gibt sie, weil wir leben.

 

Die Tradition geht freilich einen anderen Weg.

Sie bestreitet unsere Einheiten und bringt stattdessen in einem ersten Schritt die Gestalten als Rosen bzw. Glühwürmchen auf den Begriff. Das sind zwar Wissungen, die sich aber immer noch in unserem Bewußtsein befinden. 

Der zweite Schritt besteht darin, diese Wissungen ins Außerhalb zu projizieren. Dadurch werden sie zu Seienden mit einem eigenen Sein, die aber noch als Außerhalb-Erfordernisse verstanden werden könnten.

Zur Hinterwelt oder „Welt“ werden sie erst, indem die Tradition behauptet, die primären Eigenschaften bzw. Seienden erkannt oder abgebildet zu haben; damit werden sie als primäre Eigenschaften völlig von uns abgelöst.

Die Tradition kehrt unsere Erklärung von „vorn“ in eine von „hinten“ um.

 

Dem metaphysischen Explikationismus zufolge bildet das Leben die Voraussetzung für ausnahmslos alles, was uns widerfahren kann oder was wir wissen können; ohne Leben wäre gar nichts. Wir müssen demzufolge auch alle Komponenten des Bewußtseins so aus dem Leben herleiten, daß ihre Existenz einsichtig wird; für die Wissungen haben wir das soeben nochmals angedeutet.

Die Tradition setzt dagegen bei den Seienden an, braucht somit weder uns noch das Bewußtsein oder gar unser Leben und steht dadurch insbesondere vor der – in unserem Ansatz völlig unverständlichen – Frage, wie sich all das aus den ursprünglich primitiven Seienden etwa des Urknalls entwickeln konnte.

Wir beginnen mit dem Bewußtsein, das durch seine Genese die gegenwärtige Form angenommen hat. Darin können wir beispielsweise über die Evolutionstheorie nachdenken, aber niemals kann ein Evolution zum Bewußtsein führen, denn das wäre nur hinterwäldlerisch möglich.

Aus der traditionellen Evolution der „Welt“, die unter anderem auch die Entstehung der Innen erklären müßte – was sich natürlich als höchst problematisch herausstellt –, wird bei uns die völlig bruchlose Genese des Bewußtseins.

3.12.2. Funktions- oder Gestaltkreis

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam aus dem Umkreis der Biologie von verschiedenen Seiten eine Idee auf, die uns helfen kann, eine mögliche Nicht-Existenz der „Welt“ zumindest einmal in Erwägung zu ziehen und nicht von vornherein als unsinnig oder absurd abtun zu müssen. Ich meine die Umwelten des Merkens und Wirkens, wie wir sie etwa bei Jacob Johann von Uexküll, Arnold Gehlen, Hans Volkelt oder Viktor von Weizsäcker finden.

Eine Zecke beispielsweise merkt nur Wärme und Feuchtigkeit; das ist ihre Merk-Umwelt. Läuft eine Katze an der Zecke vorbei, sieht sie diese natürlich nicht, denn in ihrer Merk-Umwelt kommen weder Katzen noch Sehungen vor. Die Zecke merkt bestenfalls, daß es etwas wärmer und feuchter wird, so daß sie sich eventuell fallen läßt. Diese – häufig wohl erfolglose – Reaktion bildet die gesamte Wirk-Umwelt, und die Verbindung der beiden Umwelten wird zumeist „Funtions-“ oder bei von Weizsäcker „Gestaltkreis“ genannt:

Das Merken führt zum Wirken; dann wartet die Zecke, bis sie wieder etwas merkt, und das genügt offensichtlich zum Überleben – sonst gäbe es keine Zecken.

Eine Spinne merkt die Vibrationen ihres Netzes und wirkt darauf, indem sie die gegebenenfalls verursachende Fliege frißt. Sieht sie die gleiche Fliege jedoch in einer anderen Situation, greift die Spinne nicht an, sondern reißt vor der Fliege aus.

 

Lesen wir dergleichen ein erstes Mal, so überrascht es uns wahrscheinlich kaum; daß Zecken und Fliegen nur ein sehr eingeschränktes Wahrnehmungs- sowie Reaktionsvermögen besitzen, war zu erwarten. Aber ich fürchte, mit dieser simplen Disqualifizierung verfehlen wir die eigentliche Pointe.

Zunächst dürfen wir uns nicht vorstellen, daß sich die Umwelten der Tiere innerhalb unserer WELT befinden; auch wenn sie vieleicht nur einen sehr kleinen Bereich davon ausfüllen würden. Diese Variante scheidet vollkommen aus, weil es keine WELT ohne das Symbolische gibt; die Umwelten müssen „sprachlos“ sein, so daß wir sie uns nicht als Nischen in der WELT vorstellen dürfen.

Das Merken führt zum Wirken, und dieses löst – nach einer Zeit des Wartens – wieder ein erneutes Merken aus. Zwischen den beiden Umwelten muß also jeweils ein reflektorischer Zusammenhang bestehen, aber es ist kein geistiger. Einzelnen Sinnesinseln der Merk-Umwelt stehen ebensolche Reaktionen der Wirk-Umwelt gegenüber

Und schließlich sind die beiden Umwelten auch keineswegs vorhanden; sie bestehen nicht an sich, sondern können nur vom Leben her verstanden werden, weil sie aktual aus dem sinnlich Gegebenem resultieren. 

 

Sehen wir Hasso durch den „Garten“ laufen, wirkt dies freilich ganz anders. Aber er läuft gar nicht durch den Garten, denn für Hasso gibt es keinen.

Oswald Schwemmer schreibt in seiner „Kulturellen Existenz des Menschen“:

„Natürlich erinnert sich unser Hund an uns, auch wenn wir lange weggeblieben sind. Und in diesem Sinne identifiziert er uns auch. Aber diese Identität ist keine Gegenstandsidentität. Wie Beobachtungen und Versuche zeigen, bleibt dieses Wiedererkennen eingebunden in die Wahrnehmungs- und Handlungssituationen, in die der Hund gerät.

Der Garten, den er täglich durchstreift, wird sich für ihn nie in einem Überblick seiner Wege zeigen. Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf und erlauben ihm nie, sie zu überblicken oder gar in einem Schema festzuhalten. Sie bleiben Momente seines Erlebens, aus dem und über das er sich nicht hinausheben kann.“

Seine Umwelten bilden sich bei Hassos Durchstreifen des „Gartens“ erst heraus und haben folglich mit unserem Garten in der WELT nicht viel zu tun hat. Hasso lebt – aber weder im Garten noch in einer WELT oder seinen Umwelten –, sondern er erzeugt letztere aktual, indem er lebt.

3.12.2.1. Umwelten und Gestalten

Anders als Zecken, Spinnen und Hunde reagieren wir zumeist nicht spontan oder blind auf unsere sinnlichen Merkungen. Wir ordnen sie vielmehr in unsere WELT ein und überlegen, wie wir – im Rahmen unseres WELT(BILD)S – am besten agieren sollten.

Anschaulich bedeutet dies, daß wir unser WELT(BILD) zwischen die Merk- und Wirk-Umwelt schalten, wodurch diese beiden verschwinden und selbst zu einem Teil unserer WELT werden. Daraus ergeben sich einige Konsequenzen, die Ihnen sicherlich bereits in den Sinn kamen.

 

1. Die Umwelten der Tiere entsprechen offensichtlich unseren Gestalten.

Sie sind rein sinnlich; bestehen nicht, sondern entstehen durch das aktuale Sinnliche selbst und bleiben somit unwiderruflich an das Leben gebunden.

Die Umwelten befinden sich also nicht in unserer WELT, sondern kommen „früher“ und gehören zu deren Voraussetzung; ohne Umwelten bzw. Gestalten keine WELT.

 

2. Dann ist der erste Punkt natürlich bereits falsch formuliert, denn es gibt ohne Sprache keine Umwelten der Tiere, weil hier keinerlei Wissungen existieren – auch Tiere nicht.

Ich hätte also im vorigen Abschnitt nicht von Zecken und Katzen oder Spinnen und Fliegen bzw. Hasso sprechen dürfen, sondern . . .?

Das Vorsprachliche ist – ohne Referenten – vorsprachlich im Sinne von außersprachlich oder unsagbar.

Für Zecken gibt es keine Zecken.

Für Menschen gibt es Menschen – aber es sind zwei verschiedene:

Für Menschen-Subjekte gibt es – neben allen anderen Wissungen – auch Menschen-Wissungen.

 

3. Die Auswirkungen gehen – prinzipiell unabsehbar – über die Wirkungen hinaus.

Das Merken bildet mit den Merkungen zusammen die Merk-Umwelt, und analog dazu fassen wir das Wirken mit den Wirkungen zur Wirk-Umwelt zusammen. Aber diese beiden sind sind nicht symmetrisch, denn das Wirken führt auch zu Auswirkungen in anderen Gestaltkreisen, von denen das betreffende „Tier“ überhaupt nichts merkt.

 

 

Funktions- oder Gestaltkreis                                        
Merk-Umwelt   Wirk-Umwelt  
Merken Merkungen Wirken Wirkungen  
  ————     Auswirkungen   in anderen Gestaltkreisen
           
Bewußtsein  
Adventus   Effektus  
Leben Wahrnehmungen WELT(BILD) Leben Wahrnehmungen   (≠)   Intendierungen
  ————     Auswirkungen   in anderen Bewußtseinen

 

Abbildung 3.12.2.1.

 

4. Bei uns Menschen wird der reflektorische Übergang zwischen den beiden Umwelten partiell durch einen anhand des WELT(BILD)S reflektierten ersetzt.

Aus den Merkungen bzw. Wirkungen der „Tiere“ werden dadurch unsere Wahrnehmungen und das Merken sowie Wirken gehören dem Leben an. Die Merk-Umwelt entspricht dem auf uns zukommenden Adventus, und die Wirk-Umwelt dem von uns ausgehenden Effektus.

Daß wir die Auswirkungen unseres Lebens prinzipiell nicht wahrnehmen können, weil sie sich in anderen Bewußtseinen zeigen, versteht sich von selbst. Aber bei uns Menschen kommt noch das weitere Problem hinzu, daß selbst die eigenen Wahrnehmungen des Effektus nicht mit unseren Intendierungen übereinstimmen müssen. 

 

5. Arnold Gehlen zufolge ist es der „Geist des Menschen“, der diese Anderung bewirkt.

Er ermöglicht es, daß wir nicht – wie die Tiere oder Roboter – stets auf Durchgang geschaltet sind und somit dieses Merken automatisch jenes Wirken auslösen. Vielmehr konstruieren wir uns eine WELT; dann merken wir nicht nur – warm und feucht –, sondern haben beispielsweise eine Katzen-Wahrnehmung und können entscheiden, ob wir sie füttern, streicheln oder zum Nachbarn jagen.

 

6. Der Geist des Menschen erfindet die Identität, die den Gestalten (noch) nicht zukommt.

In den Worten Schwemmers:

„Die Identität eines Gegenstands verläßt dagegen diese Genzen einander folgender Situationen. Der Gegenstand . . . behält seine Identität auch im Wechsel der Situationen. Ja, mehr noch und wesentlicher:

Eben durch die Identität spannen die Gegenstände sozusagen ein Netz auf, das Netz der Welt. . . . Außerhalb der wechselnden Situationen haben wir uns eine in sich gefügte und geordnete Gegenstands-Welt geschaffen, in der wir uns selbst angesiedelt haben . . .“

 

Beim „Tier“ beginnt die Erkenntnis mit der sinnlichen Merkung.

Im Rahmen unseres WELT(BILD)S konstruieren wir Menschen daraus eine Katzen-Wissung.

Für die Tradition kann das nur die Wissung von einer Katze – als Urbild in der „Welt“  – sein.

Damit wird der meines Erachtens richtige Verlauf total auf den Kopf gestellt:

Aus dem Merken der „Zecke“ ohne Katze ist eine Katze geworden, die auch ohne alles Merken vorhanden ist.

 

„Wenn es für ‚Tiere‘ kein WELT(BILD) gibt, verstehe ich nicht, wieso ein Schaf offensichtlich furchtbar erschrickt, wenn es zum ersten Mal in seinem Leben einen Wolf sieht. Es kann doch dann unmöglich wissen, wer oder was vor ihm steht.“

Ihr Einwand ist verständlich, weil wir einen in diesem Zusammenhang wichtigen Punkt noch gar nicht berührt haben:

Es gibt nicht nur den Begriff Wolf – mit allen sich daraus ergebenden Arten von Wissungen –, sondern auch das Bild Wolf.

 

Bilder in diesem Sinne haben – trotz der Wort-Assoziationen – nichts mit dem WELT(BILD) zu tun und dürfen somit insbesondere nicht im Sinne der – Ausmalungen von – Vorstellungen verstanden werden, denn auch letztere sind ja an Begriffe gebunden.

Alle Bilder sind sinnlich, aber ich würde nicht jede sinnliche Kleinigkeit zum Bild stilisieren.

Gäbe es keine Bilder, könnten wir nicht mit unseren Tieren zusammenleben. Haben Sie sich beispielsweise nie gewundert, warum Katzen oder Hunde uns ins Gesicht – und nicht auf die viel günstiger lokalisierte Kniescheibe – schauen? Natürlich sehen sie weder Gesichter noch Kniescheiben, sondern neben sinnlichen Kleinigkeiten auch Bilder – „Gesichter“ und „Wölfe“.

3.13. Von der Aristotelischen "Materie" zu unseren Gestalten

Die Umwelten der „Tiere“ entsprechen unseren Gestalten, und wir können an ihnen ein wenig lernen, wie letztere zu verstehen sind.

Aber auch die traditionelle Denkweise kennt Entitäten, die den Gestalten sehr nahezukommen scheinen. Ein Paradebeispiel bildet der Hylemorphismus oder Form-„Materie“-Dualismus, der auf Aristoteles zurückgeht und demzufolge sich die Substanzen der Seienden jeweils aus zwei Komponenten – eben Form und „Materie“ – zusammensetzen.

Theoretisch beginnend beim asymptotischen Grenzfall einer absolut unbestimmten und damit undenkbaren „materia prima“ entsteht in Einheit mit einer entsprechenden Form die einfachste mögliche Substanz; sagen wir die Substanz(0).

Zusammen mit ihren Akzidenzien(0) bildet sie einerseits sehr bescheidene Seiende(0).

Andererseits kann die Substanz(0) jedoch auch als „Materie“(1) für eine bereits etwas anspruchsvollere Form(1) und damit auch Substanz(1) sowie entsprechende Seiende(1) dienen.

Substanz(1) fungiert möglicherweise als „Materie“(2) . . .,, so daß schrittweise immer bestimmter oder „seiender“ werdende Substanzen und „Materien“ entstehen, aus denen letztlich die Seins-Pyramide in ihrer Aristotelischen Form errichtet werden kann.

Die Anführungsstriche sollen darauf hinweisen, daß die Aristotelische „Materie“ aber auch gar nichts mit unserer physikalischen Materie als dem Inbegriff des Meßbaren zu tun hat. Insbesondere fungiert jene als objektive Realität, während unsere gemessen werden und somit (inter)subjektiv sein muß.

 

Das Aristotelische Konzept können wir so zusammenfassen:

Die Form führt in Einheit mit der „Materie“ zu den Substanzen, die als Träger der Akzidenzien dienen und gemeinsam mit ihnen die Seienden bilden.

Wir können ähnlich formulieren:

Die Erkennungen bringen die Gestalten auf den Begriff und wandeln sie um zu Wahrnehmungen.

Es ist zwingend, daß wir die Seienden und nicht die Substanzen als Pendant der Wahrnehmungen wählen müssen, da die Substanzen ja nur die Träger der Akzidenzien und selbst absolut unwahrnehmbar sind. Zudem bestätigt sich wieder, daß die Seienden lediglich die traditionelle Verdopplung der Wahrnehmungen bilden.

 

Die Parallele fällt ins Auge, aber der Unterschied natürlich ebenfalls:

Aristoteles benötigt keinen Ursprung und auch nichts, was aus ihm hervorgeht. Er denkt wie die gesamte Tradition ausschließlich von den Seienden her und will sie mittels „Materie“, Form, Substanz und Akzidenzien verständlich machen. Dann kommen wir auch noch vor – freilich nur als „Subjekte“ und damit als spezielle Seiende.

 

Für eine Theologie, die sich dem anschließt, sehe ich tatsächlich nur die beiden Möglichkeiten, die sie im Mittelalter bzw. der Moderne durchgespielt hat.

Gott könnte zum einen die Spitze der Seinspyramide bilden. Diese onto-theologische Variante scheint mir bereits in der Moderne nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehbar zu sein, wie ich oben andeuten wollte.

Zum anderen bildete sich dafür mit der Idee der Entwicklung – insbesondere bei Hegel und Darwin – der Gedanke heraus, die Wirkung Gottes auf den Anfangspunkt als Schöpfung zu beschränken oder wenigstens zu konzentrieren. Warum mir auch diese – zumeist als „deistisch“ bezeichnete – Variante als absurd erscheint, soll im fünften Teil deutlich werden.    

 

Wir können also sehr sinnvoll und anschaulich sagen, daß die Gestalten von den Erkennungen zu den Wahrnehmungen geformt werden; eine bessere oder prägnantere Formulierung finde ich kaum. Aber nichtsdestotrotz muß ganz klar sein, daß unsere Überlegungen nahezu gar nichts mit dem Aristotelischen Form-„Materie“-Dualismus zu tun haben

3.14. Interpretationen als lebensnotwendige Vorurteile

Ich erwähne noch ein paar Beispiele, um Ihnen ein adäquates Verstehen zu erleichtern.

Das Prinzip ist stets das gleiche: Das Welt(bild) formt die Gestalten oder Umwelten – aber nicht die Aristotelische „Materie“ – zu den Wahrnehmungen.

In „exakt der gleichen Situation“, in der die Ägypter ihren Gott Re wahrnehmen, sehen wir unsere Sonne. Deswegen sind die Anführungsstriche erforderlich; weil die Ägypter automatisch den Re wahrgenommen haben, war es nicht exakt die gleiche Situation.

Eine Situation vor den Wahrnehmungen – in den puren Gestalten oder Umwelten – muß es natürlich geben, aber wir können nicht darüber nachdenken oder sprechen. Sie läßt sich zwar – nichtssagend – benamen, aber nicht bezeichnen, weil noch keine Wissungen bestehen. In dem Maße, wie wir zu ihnen finden, entziehen sich die Gestalten bzw. Umwelten.

 

Georg Picht verweist auf seine Türklinke, um sofort rückzufragen:

Was heißt hier „Türklinke“? Ja, auch; im partiellen Denk-Horizont der Wohnungseinrichtung. Im Horizont der klassischen Mechanik hätten wir jedoch einen Hebel und im Horizont der Geschichte vielleicht eine Antiquität. Die „Türklinke“ kann ein Sicherheitsrisiko, ein Ärgernis oder Erinnerungsstück sein, eine Quietschquelle oder Spielzeug für die Enkel, ein Unfall- oder Reparaturschwerpunkt usw.

„Sie“ ist an sich nichts von alledem und auch nichts anderes, weil „sie“, ohne zu einer Wahrnehmung auf den Begriff gebracht worden zu sein, gar kein Sie darstellt.

 

Kenneth Gergen illustriert unsere Überlegungen an folgendem Beispiel:

Wenn wir sehen, wie Moritz seinen Garten umgräbt, entspricht dies bereits einer ganz speziellen Wahrnehmung. Vielleicht gräbt er aber auch gar nicht um, sondern sucht nach einem Schatz; ist verarmt und muß Kartoffeln anbauen; hat eine Wette verloren; braucht körperlichen Ausgleich; will seine Frau beeindrucken oder die Nachbarin; vielleicht probiert Moritz auch nur, ob er der Anstrengung noch gewachsen ist; will etwas verstecken, hat etwas versteckt oder sucht es – eine Leiche vielleicht . . .

 

Das läßt sich verallgemeinern:

Wenn jemand sagt „So ist es“, korrigieren wir in Gedanken „So kann man es also auch sehen“. Und laufend werden wir überrascht, welche verrückten Varianten dabei noch auftreten mögen.  

 

Fossilien, als letztes Beispiel, beweisen nicht die Wirklichkeit der Evolution, sondern wir nehmen Fossilien in dem Maße wahr, wie unser WELT(BILD) von der Evolutionstheorie geprägt ist, weil es dann geeignete Gestalten zu Fossilien formt.

Daß Fossilien die Evolution „beweisen“, versteht sich von selbst – denn es ist tautologisch –, wenn die Fossilien das Resultat der Evolutionstheorie sind.

Lassen Sie sich das bitte auf der Zunge zergehen: Nicht führen uns die Fossilien zur Evolution; vielmehr bringt die Evoltionstheorie aus den Gestalten die Fossilien hervor.

Glaubten wir statt der Evolutionstheorie die Deutschen Heimatsagen, würden von unserem Weltbild keine Fossilien geformt, sondern die Knochen der Riesen, von denen wir natürlich auch immer schon wußten, daß sie in dieser Gegend gehaust haben müssen.

Die eine bekannte Theorie ist so rund wie die andere; unrunde Theorien setzen sich nicht durch und gehen verloren, bevor sie überliefert werden.

 

Unsere divergierenden Überzeugungen sind nur möglich, weil es – als Wahrnehmungen – keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten, sondern „nur“ Interpretationen gibt. Ein Mensch ohne WELT(BILD) kann nichts wissen, muß allein mit den Gestalten leben – und benötigt somit jemanden, der ihn in jeder Hinsicht versorgt.

Unsere Interpretationen lassen sich demzufolge auch sinnvoll als „lebensnotwendige Vorurteile“ (Hans-Georg Gadamer) verstehen. Letztere verdienen ihren negativen Beigeschmack lediglich dann, wenn wir unbelehrbar oder so stur sind, daß wir jede  Wahrnehmung zu einer bloßen Bestätigung uminterpretieren, um Recht zu haben

Der „hinterhältige“ Nachbar besitzt dann kaum noch eine Chance; was auch immer er tut, wird uns seine Hinterhältigkeit bestätigen: „Hab ichs nicht gesagt!“

So ist meines Erachtens auch unser „Welt“-Bild entstanden, von dessen Wahrheit im Sinne eines adäquaten Bildes von der „Welt“ wir möglicherweise felsenfest stur überzeugt sind – weil immer alles paßt vom „Welt“-Bild passend gemacht wird.

3.15. Änderungen und Anderungen

Ich stehe noch in einer Bringschuld, die nun beglichen werden soll.

Ganz zu Beginn hatte ich die zwei Begriffe der Änderung und Anderung eingeführt, mich aber außerstande gesehen sie, dort bereits sauber zu definieren.

 

Änderungen sind solche von Wissungen und setzen etwas konstant Bleibendes voraus.

Das besteht traditionell in den Substanzen. Äpfel ändern ihre Akzidenzien – Farbe, Größe, Form usw. –, die angeblich von einer unzugänglichen Apfel-Substanz zusammengehalten werden.

Da wir die Wirklichkeit von Änderungen natürlich nicht bestreiten (können), die Substanzen jedoch als hinterwäldlerisch aufgeben müssen, benötigen wir etwas anderes Konstantes, und das besteht in den Wissungen selbst.

 

„Ich glaube, jetzt verrennen Sie sich.

Es gibt kein Wissen von Äpfeln, so daß die traditionellen Äpfel für uns nur Wissungen sein können; Wahrnehmungen oder Verstehungen. Die Substanz entfällt vollständig, und die Akzidenzien sind veränderlich, so daß sie bei uns zu veränderlichen Wissungen werden.

Das kann ich alles nachvollziehen; aber nun sagen Sie, Wissungen wären konstant. Beides zugleich geht jedoch nicht; entweder veränderlich oder konstant.“

 

Doch; es geht; und wir bestätigen dies mit nahezu allen Sätzen über Änderungen.

Immer handeln sie davon, daß etwas sich ändert; das heißt, daß es sich ändert.

Ändern kann sich nur, was sich zugleich treu bleibt.

Eine Farbe, die sich sich ändert, bleibt eine Farbe; die grüne Farbe des Apfels wird zur roten.

Eine Länge, die sich sich ändert, bleibt eine Länge; lediglich ihr Meßwert wird ein anderer.

Dabei habe ich keine Spezialfälle oder eine „ausgezeichnete Ebene“ gewählt, um Recht zu haben; denn wir könnten das nahezu beliebig fortsetzen:

Ein Rot, das sich sich ändert, bleibt ein Rot; aus ziegel- wird karminrot.

Ein Meßwert, der sich sich ändert, bleibt ein Meßwert; aus 72 werden 73 cm.

Wissungen, können wir das zusammenfassen, bestehen in der Einheit von Konstanz und Änderung.

 

Die Aussage, daß sich etwas andert, ist dagegen widersprüchlich. Wenn alles anders wird, gibt es kein konstantes „sich“, das sich treu bleibt. Ohne „sich“ kann aber auch keine Wissung – als Einheit von Konstanz und Änderung – vorliegen, wir wir soeben gesehen haben, so daß die Anderungen nicht – wie die Änderungen – innerhalb von Wissungen erfolgen können.

Sondern? Was wird dann anders?

Die Wissungen; sie andern sich nicht, sondern aus diesen werden jene Wissungen; während Änderungen intra-wissentlich erfolgen, sind Anderungen inter-wissentlich. Vor der Anderung haben wir A geglaubt, und danach erscheint uns B ≠ A als überzeugender.

 

Je nachdem, welche Bedeutung den beteiligten Wissungen in unserem Leben zukommt, können Anderungem einen extremen Umbruch darstellen, der im negativen Fall als existenzielle Zerstörung oder im positiven wie eine wunderbare Erleuchtung erfahren wird.  

Dazwischen in dem gemäßigteren Übergangsbereich bestehen nun zwei Möglichkeiten, unser Leben zu verstehen; die alte Wissung aus der Zeit vor der Anderung und die neue oder geanderte. So entstehen automatisch Pro und Contra unter uns Menschen; die einen erkennen deutlich den Fort- und die anderen ebenso markant den Rückschritt, so daß Auseinandersetzungen bei wahrscheinlich vielfältigen Anderungen schon vorprogrammiert sind.

 

Damit können wir leicht den Bogen zu unserem Regallager schlagen und verstehen nun vielleicht auch besser, wie es zeitlos-statisch sein kann, obwohl ihm sämtliche Änderungen unseres (Welt)bilds angehören: Sie existieren nur in Einheit mit der Konstanz – des Regallagers.

Anderungen finden hingegen keinen Platz darin, sondern entsprechen dem Übergang zu einem neuen Welt(bild) bzw. Regalllager.

3.15.1. Aufgeklärter Glaube

Wir müssen nochmals auf einen wichtigen Punkt des letzten Abschnitts zurückkommen.

Wenn Wissungen geandert werden, bestehen häufig zwei Möglichkeiten, unser Leben zu verstehen; anhand der alten noch ungeanderten Wissungen A oder mit Hilfe der neuen B. Das kann zum „Widerstreit“ (Jean-François Lyotard) führen, so daß wir vor der Frage stehen, wie er sich vermeiden läßt.

Eine Möglichkeit besteht darin, die beiden widerstreitenden Interpretationen A und B in einer integraleren aufzuheben.

„Das geht nicht, wenn sie sich widersprechen.“

Doch; das geht, denn sie widersprechen sich nur, sofern beide zugleich gelten sollen.

Die gesuchte integralere Wissung besteht – wie jede andere auch – in der Einheit von Konstanz und Änderung. Wir benötigten also eine konstante Größe K, deren Änderung dem Übergang von A zu B entspricht; damit wäre diese Anderung in eine Änderung von K umgewandelt. 

 

Betrachten wir als Beispiel die entsprechenden drei möglichen Betrachtungsweisen der religiösen Umwälzungen in Europa beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.

Neben der alten sowie neuen Interpretation ist dazu noch die „ganz neue“ integralere erforderlich; dazu greifen wir erneut auf Gianni Vattimos „schwaches Denken“ zurück.

 

Alte Interpretation – Vom Glauben zu seinem Verfall – Anderung(1)

„Dieser historische Wandel läßt sich nur als Rückschritt oder Niedergang verstehen. Im MIttelalter herrschte der wahre Glaube und bestimmte das Leben des Einzelnen ebenso wie das der Gesellschaft. Die angebliche Aufklärung stellt in Wirklichkeit eine Verdunklung dar; die Menschen glauben nicht mehr – wodurch auch immer –, und damit rutscht alles Grundlegende weg; Wahrheit, Sinn, Werte, Ordnung, Liebe usw.“

(Die Krönung dieser Position, die mir selbst des öfteren in Gesprächen entgegengebracht wurde, besteht wohl in dem Gedanken, daß „wieder einmal ein Krieg kommen muß, der die Menschen Gottesfurcht und Beten lehrt“.)

 

Neue Interpretation – Von der Dunkelheit zur Aufklärung – Anderung(2)

Der überzeugte Atheist, Fortschritts- oder Wissenschaftsgläubige sieht sich in seinem modernen „Welt“-Bild bestätigt, das nun endlich zum Durchbruch gelangt.

„Die Aufklärung bringt Licht in das Dunkel des Mittelalters; Aberglaube, Priesterbetrug, dumme Märchen und unbegründete Ängste finden endlich ein Ende. Immer mehr Probleme lassen sich (rational) lösen, so daß wir unser Leben selbst in die Hand nehmen und einer großen Zukunft entgegengehen werden. Es erscheint die Morgenröte eines neuen Horizonts; alles wird besser; erstmalig atmen die Menschen Freiheit; der Fortschritt führt zur Aufklärung – und umgekehrt.“

 

Ich halte beide widerstreitenden Positionen für falsch und möchte sie in einer Änderung aufheben.

Die Geschichte, die vom mittelalterlichen Glauben zur modernen Aufklärung führte, läßt sich zum Glück nicht rückgängig machen – selbst wenn jemand dies wollte –, weil sie zeitlich und damit irreversibel ist.  Aber wir können den Widerstreit überwinden, indem wir eine geeignete Wissung K suchen, deren Änderung die beiden Anderungs-Interpretationen integriert.

Die erstrebte Wissung muß, mit anderen Worten, einen so großen Horizont besitzen, daß bei ihr eine bloße Änderung genügt, um das Gleiche zu erreichen, wofür im bisherigen diskretisierteren – oder kleinkarierteren – Denken die Anderung vom mittelalterlichen Glauben zur modernen Aufklärung nötig war.

Diese beiden Standpunkte sind in der Form unvereinbar; ließen sie sich jedoch als Phasen der Veränderung einer konstanten Wissung verstehen, könnten sie sich versöhnen lassen.

 

Wir nennen die gesuchte Wissung K „aufgeklärter Glaube“; das wäre auch als Buchtitel gut gewesen. Aber entscheidend ist ohnehin nicht die Bezeichnung, sondern der Inhalt, das heißt, die Wissung selbst.

Der aufgeklärte Glaube hat sich in der Geschichte vom mittelalterlichen Glauben zur modernen Aufklärung geändert. Das bedeutet ein Zweifaches; wir müssen

– den mittelalterlichen Glauben als die Aufklärung des Mittelalters und

die moderne Aufklärung als den Glauben der Moderne verstehen.

 

Rein formal sollte das nachvollziehbar sein; und auch inhaltlich finde ich es großartig:

Im Mittelalter wurde beispielswise auf die Frage, ob die Menschen Gottes Ebenbild sind, wohl fast nur bejahend geantwortet; so redete man eben und hat das „Glauben“ genannt. Praktisch wurde mit diesen Ebenbildern Gottes trotzdem nicht sehr zimperlich umgegangen; Kriege, Folter, Hinrichtungen, Plünderungen, Ungleichheiten, Massenelend, Ausbeutung . . .

Gegenwärtig verstehen wir immer weniger, was eine Gottesebenbildlichkeit des Menschen überhaupt sein soll, aber wir haben dafür einige Errungenschaften, die alle Möchte-gern-Demokraten zumindest öffentlich bekunden müssen: Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit jedes Einzelnen, Gleichberechtigung, das Verbot von Folter sowie Todesstrafe, die Verurteilung sämtlicher willkürlichen Privilegien, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die Ablehnung jeglichen Stammesdenkens in Politik, Religion oder Kultur usw.

 

Aus einer frommen Theorie ist politische Praxis – oder zumindest schon eimal: Korrektheitgeworden, und was kann sich ein aufrichtiger Christ mehr wünschen, als daß sein aufgeklärter Glaube – wie der Sauerteig, das Salz oder Licht auf dem Berg – die Geschichte oder Gesellschaft durchdringt?

Natürlich verändert sich der aufgeklärte Glaube dabei – das war ja unsere Grundidee; aber:

„Sollen doch ruhig alle denken, das habe nichts mit meinem Glauben zu tun oder sei gar dessen Ende; mir genügt sein Erfolg. ‚Nicht wer Herr, Herr sagt, sondern wer den Willen meines Vaters tut . . .‘; und der besteht darin, daß alle Menschen das Leben in Fülle haben.“

3.15.2. Atheistische Mystik

Wer konkret danach sucht, findet erstaunlich viele Beispiele überzeugter und bekennender Atheisten, die von umstürzenden, sie aus der – zumindest alltäglichen – Bahn werfenden Erfahrungen berichten. Ich verweise diesbezüglich auf Heiner Schwenkes „Transzendente Begegnungen“ und wähle zwei Autoren als Beispiele, die hinsichtlich ihres Bekenntnisses zum Atheismus über jeden Zweifel erhaben sind.

 

Michael Schmidt-Salomon, Mitbegründer und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, schildert in „Jenseits von Gut und Böse“:

„Die Farben leuchteten kräftiger als je zuvor, die Düfte der Pflanzen . . . stiegen betörend in meine Nase. Noch bemerkenswerter war, daß diese starken äußeren Sinneseindrücke begleitet wurden von einem Gefühl größter innerer Ruhe . . . Die Grenze zwischen mir und der Außenwelt schien völlig aufgehoben zu sein . . .“, so daß sich „. . . mein Ich verflüchtigte.“

 

Bei André Comte-Sponville, einem ehemaligen Philosophie-Professor an der Sorbonne, können wir in „Woran glaubt ein Atheist?“ lesen:

„Der Sternenhimmel über mir, unermeßlich, unergründlich. strahlend, und in mir nur dieser Himmel, dessen Teil ich war. . . . wie eine Offenbarung, nur ohne Gott. . . . Endlich hatte ich begriffen, was das Heil ist . . . ich hatte es empfunden, gefühlt, erfahren und mußte deshalb nicht weiter danach suchen.“

 

Es sind wie stets zwei gegensätzliche Anderungs-Interpretationen möglich.

Die christliche könnte etwa lauten:

„Diese verbohrten Atheisten heute leugnen Gott sogar noch, wenn sie ihn selbst erfahren haben; Paulus war einsichtig, sie sind wie vernagelt!“

Das atheistische Pendant dazu wäre:

„Wir Menschen können offensichtlich Dinge erfahren, die weit über das Gewohnt-Alltägliche hinausgehen. Ich hatte das nicht erwartet, bin aber natürlich offen und lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Warum die Gläubigen immer gleich mit ihrem Gott anfangen, wenn etwas Phantastisches geschieht, verstehe ich freilich nicht. Wahrscheinlich hängt es mit ihrer Tradition zusammen, in der Gott ja oft genug als Lückenbüßer für unbeantwortbare Fragen oder unerklärliche Phänomene herhalten mußte – und die sie nun konsequent fortsetzen:

‚Endlich haben wir die Stelle, an der Gott wirklich in Erscheinung tritt!'“   

 

Innerhalb einer integraleren Wissung, die beide Positionen übergreift und somit auf bloße Änderungen zurückführt, würde ich ungefähr formulieren:

Einem Maulwurf sind höchstwahrscheinlich nur sehr eingeschränkte Wahrnehmungen möglich. Daran gemessen befinden wir Menschen uns in einer erheblich besseren Position, aber auch unsere Wahrnehmungen sind endlich. Wie begrenzt, läßt sich natürlich nicht einschätzen, weil uns der Maßstab oder Vergleich dazu eo ipso fehlen muß. Wir können aber nicht ausschließen, daß uns Wahrnehmungen möglich wären, die weit über die alltäglich gewohnten und dadurch bekannten hinausgehen.

Die Grenze, die unsere bisherigen Wahrnehmungen von den noch möglichen trennt, hat absolut nichts mit Gott zu tun – die Atheisten sind im Recht.

Ohne Gott würden wir jedoch nicht leben und gäbe es somit überhaupt keine Wahrnehmungen – „die Christen sind im Recht“.

Dummerweise muß ich diese Anführungsstriche setzen, denn die meisten Gläubigen sehen es ja leider gar nicht so (wie ich), sondern verteidigen vehement die Grenze innerhalb der Wahrnehmungen, die von den Atheisten – mit Recht – bestritten wird, weil die Christen irrtümlicherweise glauben, Gott nur jenseits von ihr finden zu können. 

 

„Ich verstehe; so können Sie aber nur denken, weil Sie in unseren bisherigen Wahrnehmungen keine von einer uns vorgegeben ‚Welt‘ sehen. Wer dies dagegen mit der Tradition glaubt, muß auch die von Ihnen angedeutete Grenze ernstnehmen, denn eventuell zukünftige Wahrnehmungen ganz anderer Art können dann keine von dieser ‚Welt‘ sein, sondern sich nur auf deren Jenseits beziehen.

Sehr schön; ich halte dagegen bereits hier tollere Wahrnehmungen und damit Anderungen der Welt für möglich, die durch integralere Wissungen zugänglich werden. Ein gewußtes Jenseits gehört notwendigerweise zum Weltbild, und wir bestimmen darüber, ob es auch – als integralere Wissung – zu einem Teil der Welt werden kann.

3.16. Integralität als Lebensdienlichkeit

Carl Friedrich von Weizsäcker schrieb einmal sinngemäß:

Wenn wir ein Problem nicht lösen können, liegt das lediglich daran, daß wir unfähig sind, es als Aufgabenstellung hinreichend genau zu formulieren. Eine exakte Beschreibung des Problems wäre zugleich die Arbeitsanleitung für seine Lösung.  

Ich bin mir nicht sicher, ob von Weizsäcker damit Recht hat, und benutze seinen Gedanken deswegen auch nicht; aber er illustriert sehr schön, worum es mir an dieser Stelle geht:

Unser Denken und gezieltes Handeln ist an das eigene Welt(bild) gebunden; darin ist uns nicht alles möglich, aber außerhalb davon gar nichts. Ließe sich das Welt(bild) erweitern, würde dies natürlich auf unsere Vorstellungs-, aber ,möglicherweise auch auf die Handlungsmöglichkeiten durchschlagen.

 

Anderungen hatten wir oben als den diskontinuierlichen Übergang von der Wissung A zur Wissung B eingeführt. Das läßt sich leicht sinnvoll verallgemeinern:

„Am Rand“ unseres subjektiven Welt(bild)s sind Anderungen von der Wissung A in das Nicht-Wissen möglich.

Das nützt uns wenig; finden wir jedoch eine konstante Wissung K, deren Änderung im Übergang von der Wissung A zum bisherigen Nicht-Wissen besteht, resultiert ein integraleres Welt(bild), mittels dessen nicht nur unsere Wissungen, sondern vielleicht auch unsere Handlungsmöglichkeiten weiter reichen als bisher.

Wissungen und damit auch Welt(bild)er können also mehr oder weniger integral sein

 

„Das hätten Sie wesentlich einfacher ausdrücken können, denn genau das tun die Astrophysiker, indem sie immer weiter in den ‚Welt‘-‚Raum‘ vordringen.“

Nein; das tun sie nicht, denn dieses Vordringen ist rein quantitativ und dafür sind keine integraleren Wissungen erforderlich; die Physiker wissen immer mehr, verbleiben aber auf ihrem bescheidenen qualitativen Level. Dieses wird nur höher, wenn die – verallgemeinert vielleicht – Diskrepanz zwischen A und B in den Änderungen der Wissung K aufgehoben wird.

Diese Möglichkeit zur Integration kennt kein Ende.

Daraus erklärt sich meines Erachtens der schier unvermeidliche Gedanke, es müsse noch „eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit“ geben, die Transzendenz, das Jenseits oder ganz Andere.

 

Diese Sprechweise kommt jedoch einem Rückfall in das tradiionelle Denken schon wieder sehr nahe. Dieses kennt kein Integrieren und steht damit vor einer festen Grenze, so daß beispielsweise Gott am „Jüngsten Tag“ persönlich „alles neu machen“ muß.

Mir schwebt eher ein Mittelweg vor.

Auf der einen Seite war diese traditionelle Konsequenz soeben teilweise richtig; wir können beispielsweise nicht für das Heil der Verstorbenen sorgen. Wenn Gott nicht selbst alles gut macht und – wie versprochen – die volle Verantwortung übernimmt, wird nicht alles gut.

Auf der anderen Seite soll das Reich Gottes jedoch hier und jetzt bereits durch uns beginnen und sich somit schon im Diesseits möglichst vieles zum Positiven andern. Das läßt sich traditionell – bei einer fest vorgegebenen „Welt“ – nicht einmal denken geschweige denn realisieren.

In unserem Ansatz wird beides möglich; je integraler das eigene Welt(bild) ist, um so lebensnaher bzw. menschlicher können wir denken sowie handeln und damit Gott die eine oder andere Verantwortung abnehmen.

 

Natürlich benötigen wir dann auch keine Spekulationen oder Behauptungen mehr bezüglich der Transzendenz. Stattdessen genügt es, von letztere ein weiteres Stückchen in die Immanenz zu integrieren, damit jeder selbst die neuen Qualitäten wahrnehmen kann und die Theologie endlich zu einer Erfahrungswissenschaft wird.

Sehr einfach formuliert: Für 2050 wird durch ganzheitlichere Wissungen etwas denk- und vielleicht sogar machbar, was wir zuvor anhand von diskretisierteren Wissungen für unmöglich halten mußten oder möglicherweise nicht einmal erahnen konnten.

 

Unserem Welt(bild) kommt keine Abbildfunktion zu, so daß es auch nicht wahr sein kann. Das ist ungewohnt – aber großartig:

Es geht nicht um unser Wissen, sondern um unser Leben.

Damit letzteres gelingt, bedarf es einer guten, das heißt, lebensdienlichen Orientierung – anhand eines möglichst integralen, das heißt, verständnisfördernden und lebenssteigernden Welt(bild)s.

3.17. Subjekte und Menschen oder "Subjekte"

„Wir wissen 1000 Dinge beispielsweise von Sokrates. Wenn Wissungen jedoch keine Referenten besitzen, sondern selbst das Gewußte bilden – im Gegensatz zum ’nur‘ Bewußten –, dürfte es solches Wissen  aber doch gar nicht geben?“

Das ist richtig; gibt es auch tatsächlich nicht. Um diese unglaubliche Antwort leichter akzeptieren zu können unterscheiden wir im weiteren das Subjekt Sokrates von dem gleichnamigen Menschen, bei dem sein Körper möglicherweise irgendwie durch ein Innen ergänzt wird.

 

Das Subjekt Sokrates befindet sich außerhalb unseres Bewußtseins, kann nicht abgebildet werden und stellt somit keinen Referenten dar. Einen Zugang zu ihm findet nur das Subjekt Sokrates selbst, das heißt, wir müßten es selbst sein, um das Subjekt Sokrates ereichen zu können.

Der Sokrates in unserem Bewußtsein ist eine Wissung – konkreter: Erkennung – und kann nur im Menschen bestehen. Alle derartigen Wissungen sind allein die unsrigen, die sich nicht auf einen vorgegebenen Sokrates beziehen, sondern einen Menschen namens „Sokrates“ konstituieren oder konstruieren. Das ist unser Sokrates, und von einem anderen wissen wir nichts einen anderen gibt es für uns nicht.

Er „lebte“ vor 2500 Jahren in Athen als freier Bürger. Inhaltlich bestehen keinerlei Differenzen gegenüber der Tradition; ich kann  mir doch nicht anmaßen, die Historiker zu korrigieren, sondern nehme mir lediglich das Recht heraus, zwischen dem Menschen und dem Subjekt namens „Sokrates“ zu unterscheiden.

Letzteres „lebte“ nicht vor 2500 Jahren in Athen, sondern lebt „immer“ in Gott.

Ich glaube, daß das wahr ist, während sämtliche Sokrates-Wissungen unserem Welt(bild) angehören und somit nicht wahr sein können, sondern lediglich der Orientierung dienen. 

 

Das alles wäre vielleicht viel übersichtlicher, würden wir zwei verschiedene Namen benutzen. So ist es glücklicherweise – aber gewiß nicht zufällig – bei Jesus bzw. Christus.

Auf der einen Seite haben wir den Menschen Jesus von Nazareth und auf der anderen das für uns unerreichbare Subjekt Christus

Für Jesus gilt Entsprechendes, wie wir soeben vom Menschen Sokrates gesagt haben; das sind lediglich unsere Erkennungen. Zur Welt gehören diejenigen von ihnen, die wir halt glauben; daran orientieren wir uns möglicherweise, aber wahr sein können sie natürlich alle nicht.

 

„Damit sagen Sie also, daß unter anderem auch die Frage, ob Jesus tatsächlich Wunder gewirkt hat, ein Scheinproblem darstellt. Die einen glauben es eben – als Teil ihrer Welt –, und die anderen nicht.“

Jesus konnte keine Wunder wirken.

Diese Antwort ist nicht anmaßend, sondern zwingend; sie resultiert ganz einfach daraus daß keine Wissung irgendetwas kann: Sie läuft, arbeitet oder schläft nicht; handelnde Wissungen sind ein Unding. Wenn Jesus eine Wissung ist, kann er keine Wunder vollbringen.

 

Aber bleiben Sie bitte ganz ruhig; wir sind noch nicht fertig.

Bei unserem Ansatz stehen die Wissungen im Zentrum – weil ihre Referenten fehlen –, und stets geht es um die Frage, ob wir sie glauben oder nicht. Betrachten wir den Satz:

„Die Wissung Jesus wirkt Wunder.“

Nachdem die Wissung verstanden ist, können wir sie entweder annehmen oder ablehnen.

Aber verstehen läßt sie sich auf zwei recht verschiedene Arten je nachdem, wieweit sich die Bedeutung von „Die Wissung“ erstreckt.

(1) [Die Wissung Jesus] wirkt Wunder.

(2) [Die Wissung (Jesus wirkt Wunder)].

Ich hätte auch schreiben können:

(1) Die Wissung namens „Jesus“ wirkt Wunder.

(2) Die Wissung namens „Jesus wirkt Wunder“

Oder:

(1) Jesus tut es.

(2) E geschieht im Umfeld von Jesus.

 

Bisher hatten wir nur die erste Interpretation vor Augen; sie ist unsinnig, und damit können wir sie auch nicht glauben.

Nun wechseln wir vom handelnden Jesus (1) – der unmöglich ist – zum jesuanischen Handeln (2); das heißt, die Wissung muß nichts mehr tun, sondern besteht in einem bestimmten Tun. Das entspricht dem Übergang zu einer integraleren Wissung; sie ist verständlich sowie widerspruchsfrei – Weshalb sollte ein spezielles Handeln keine Wissung sein können? – und damit glaubbar.

 

„Darf ich bitte einmal in meinen eigenen Worten rekapitulieren?

Daß Jesus handelte, ist eine Wissung, die sich aus zwei Komponenten zusammensetzt, denn „Jesus“ ist ebenso eine Wissung wie „handelte“; deswegen diskretisiert – und widersprüchlich, weil Wissungen nicht handeln können.

Das jesuanische Handeln bildet dagegen nur eine, nicht-diskretisierte Wissung; wir können sie nicht sinnvoll in „jesuanische“ und „Handeln“ zerlegen.

Integrieren bedeutet also, kleinkariert-zerstückelte Wissungen in einen einheitlicheren Zusammenhang zu stellen. Damit entfallen die traditionellen „Subjekte“ – Jesus bzw. der Mensch namens ‚Sokrates‘.

Ich kann also intellektuell redlich und guten Gewissens glauben, daß das jesuanische Handeln mit Wundern verbunden war.“

 

Ja; und damit habe ich keinerlei Schwierigkeien; nicht zuletzt aus den folgenden beiden Gründen:

Was ist zum  einen die Verwandlung von Wasser in Wein gegen das „Schaffen“ von Wasser und Wein? Auf den irrigen Gedanken, (nur) ersteres sei ein Wunder, kann doch lediglich kommen, wer schon lange nicht mehr glaubt, daß ausnahmslos alles aus Gott hervorgeht.

Und zum anderen ist einem solchen Denken zufolge auch die Geburt eines Babys kein Wunder – weil es dabei „ganz normal zugeht“. Natürlich wirkt die Frau ebensowenig ein Wunder wie Jesus, aber das Ganze können wir dennoch als Wunder erleben.

 

Und vielleicht ahnen Sie auch schon den entscheidenden Unterschied; es ist derjenige, auf den letztlich alle unsere Überlegungen hinauslaufen.

Das Handeln der „Subjekte“ – das „Leben“ also – besteht in unwirklichen Wissungen, die sich entlang des „Zeit“-Strahls entfalten; auf ihm gibt es keinerlei Wirklichkeit.

Aber wir müssen dieses diskretisierte Geschehen in der „Zeit“ von seinem Hervorgehen als integrales Ganzes unterscheiden.

 

 

          wirklich integrale Erfahrungen  
                                                      
früher jetzt später unwirklich diskretisierte Wissungen  
    |          
    |          
    Gott          

4. Zwei ZEITEN

Wir sind es gewohnt, sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft recht locker und unreflektiert von „der Zeit“ zu sprechen. Daraus ergeben sich meines Erachtens viele unnötige Probleme sowie mitunter ein großes Tohuwabohu. Wir versuchen, die Thematik ein wenig analytischer zu strukturieren, und unterscheiden dazu vorerst drei verschiedene ZEITEN.

 

1. Physikalische „Zeit“

Der traditionelle Kosmos besteht aus Seienden im „Raum“, die sich „zeitlich“ verändern.

Wir sagen stattdessen, daß die Inhaltsseite der Wissungen in der Einheit von Identität und Veränderung besteht.

In beiden Fällen läßt sich also der Begriff des Ereignisses einführen; das ist das kosmische Geschehen bzw. der Inhalt der Wissungen an dem vierdimensionalen „Raum“-„Zeit“-Punkt mit den Koordinaten x, y, z und t.

Häufig genügt eine grobere Einteilung; dann wird der Parameter t durch die Tempi früher, jetzt bzw. später ersetzt.

 

Unter diesem Blickwinkel entspricht die „Welt“ resp. die Inhaltsseite der Wissungen einem gewaltigen Regallager, in dem alle uns bekannten Ereignisse systematisch eingeordnet sind. Zu ihren drei „räumlichen“ Koordinaten kommt noch die physikalisch-„zeitliche“ hinzu.

Dort ist das Ereignis „Entstehung der Erde“, hier oben befindet sich der Spartakusaufstand, links daneben die Geburt von Sokrates, drüben erwarte ich meinen 75. Geburtstag und dort hinten den Tod des letzten Bengal-Tigers.

 

Die physikalische „Zeit“ ist verräumlicht und somit insbesondere reversibel. Das kommt nicht zuletzt in den physikalischen Gleichungen zum Ausdruck, die sich alle (im Prinzip) nicht ändern, wenn wir darin t durch -t ersetzen. Es spielt also, mit anderen Worten, keine Rolle, ob wir in das Früher oder in das Später hineinrechnen; die Physiker tun völlig symmetrisch das eine ebenso wie das andere. 

Das bedeutet ein Zweifaches.

Zum einen folgen die verschiedenen t-Werte nicht nach- oder aufeinander, sondern liegen nebeneinander wie die räumlichen Koordinaten.

Zum anderen sprechen wir zwar vom „Zeit“-Strahl und versehen ihn passenderweise mit einem Pfeil, aber das ist doch bei den „räumlichen“ Koordinaten auch nicht anders und bedeutet immer nur:

„Hier geht es in Richtung der größeren Werte.“

 

2. Traditionelle „Zeit“

Viele  Geisteswissenschaftler kritisieren an der physikalischen „Zeit“, daß sie reversibel ist und sich aus einzelnen „Zeit“-Punkten zusammensetzt. (Die Physiker können auf letzteres wegen ihrer Differentialgleichungen nicht verzichten.)

Beides ist unvernünftig, und deswegen wird häufig die traditionelle „Zeit“ favorisiert, die im Verhältnis zur physikalischen lediglich die Tempi früher(i), jetzt(i) sowie später(i) kennt – keinen Parameter t – und von deren irreversiblem Nacheinander ausgeht. Ich halte diese Kritik für völlig berechtigt, bestreite lediglich, daß die traditionelle „Zeit“ die wirkliche ist. 

Wenn deren Tempi irreversibel sind, müssen wir sie natürlich von den reversiblen der physikalischen „Zeit“ unterscheiden; deswegen der Index „i“.

 

3. Modal-Zeit

Die Modal-Zeit bildet für uns die wirkliche oder Lebens-Zeit und bezieht ihren Namen daher, daß wir sie anhand der Modi Vergangenheit, Gegenwart sowie Zukunft zu verstehen versuchen. Unser Leben kann nicht „zeitlich“ sein – weder physikalisch noch traditionell –, denn wir werden auch älter, wenn wir bestreiten, „älter“ zu werden, oder gar nichts von der „Zeit“ wissen (wollen).

Da sämtliche Wissungen zeitlos sind, muß im Umkehrschluß alles Zeitliche „unvorstellbar“ sein. Das bereitet uns Probleme, und dazu kommt noch erschwerend, daß die – Wirklichkeit der –  Zeit von nahezu der gesamten Tradition übersehen oder geleugnet wird.

 

Heidegger beendete sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ mit der suggestiven Frage:

„Offenbart sich die Zeit selbst als Horizont des Seins?“

Die Wortwahl – „des Seins“ – verrät noch Heideggers traditionell-zeitlosen Hintergrund, so daß ich ihm ein wenig anders antworte:

Die (Modal-)Zeit offenbart sich selbst als Horizont des Lebens.

 

Damit, unser Leben an die Stelle von Heideggers Sein zu setzen, glaube ich fest, nicht etwas Willkürliches zu tun, sondern strikt seiner Intention zu folgen:

Er wirft der Tradition vor, sie hätte „das Sein vergessen“ und sich fast nur um die Seienden bemüht. Das sind bei ihr aber die Gewußten, so daß das Vergessen des Seins tatsächlich demjenigen des Bewußten – und damit des Lebens – entspricht.

Wir berücksichtigen es nicht nur, sondern bei uns tritt das Zeitlos-Gewußte sogar hinter das zeitlich-bewußte Leben zurück.

4.1. Drei Formen von Erlebungen

Wir haben die Vorstellungen mit den Verstehungen zu den Erkennungen zusammengefaßt. Was verbindet die zwei und worin unterscheiden sie sich vonenander?

Sie differieren in ihrer – zumindest gefühlten – Herkunft; bei den Vorstellungen glauben wir, sie kämen aus uns selbst, während die Verstehungen von einem anderen Subjekt herzurühren scheinen, das mit uns spricht oder dessen Geschriebenes wir lesen.

Das Ergebnis ist aber praktisch das gleiche, so daß beide – lax ausgedrückt – lediglich rein geistige „Vorstellungen“ sind; weder wirklich noch real.

 

Sämtliche Erkennungen – einschließlich der Denkungen – gehören der physikalischen „Zeit“ an. Dabei geht es weniger um deren Punkt-Kontinuum, als vielmehr um ihre Reversibilität.

Innerhalb unserer gesamten WELT können wir mit den Erkennungen völlig problemlos jede „Raum“-„Zeit“-Stelle erreichen; genau dies soll unser Bild der WELT als Regallager ja veranschaulichen. Wir lassen den Blick schweifen, wohin wir wollen; entlang der t-Achse ebenso wie längs der „räumlichen“ Koordinaten.

Soll auch das WELTBILD integriert werden, genügt es, das Regallager um leere Lagerplätze zu erweitern; dann entspricht es dem WELT(BILD).

 

Die Wahrnehmungen scheinen sich von den Erkennungen unter anderem durch ihre Irreversibilität zu unterscheiden.

Daß Wasser stets den Berg hinunter fließt, ist zwar nur ein Kalauer, bringt aber genau das zum Ausdruck, was für sämtliche Wahrnehmungen gilt: Wurden sie gefilmt, wir schauen uns dies später an und sollen entscheiden, ob der Film vorwärts oder rückwärts läuft, bestehen (zumeist) keinerlei Schwierigkeiten.

Wir können uns problemlos vorstellen, wie das Wasser nach oben läuft, sehen werden wir es aber nie.

Damit drängt sich der Gedanke auf, die Wahrnehmungen der traditionellen „Zeit“ zuzuordnen; wir werden aber bald erkennen, daß jene nicht irreversibel sind und diese widersprüchlich ist.

 

 

Erlebungen                                                                         
  Wissungen  
Erfahrungen Wahrnehmungen Erkennungen                                                
 
       (Modal-)Zeit      
    traditionelle „Zeit“   
  physikalische „Zeit“   
(teilweise) Raum (teilweise) „Raum“ (teilweise) „Raum“  
 
Gott WELT WElT(BILD)  

 

Abbildung 4.1.

 

Zu allen Wissungen, sowohl zu den Erkennungen als auch zu den Wahrnehmungen – selbst bei denjenigen des eigenen Körpers – stehen wir in einer gewissen Distanz; das bin nicht ich.

Von den Erfahrungen können wir uns dagegen unmöglich distanzieren, weil sie integral zu unserem Leben gehören. Da sie unbestreitbar sind, ist es ja – wie wir oben gesehen hatten – bereits falsch zu sagen, wir wüßten sie; schon das wäre zu viel Distanz: Wir haben sie.

Deswegen sind die Erfahrungen modal- oder lebens-zeitlich bzw. einfach zeitlich.

   

Viele Wissungen gehören dem „Raum“ und alle zusammen der (einen oder anderen) „Zeit“ an.

Für Kant sind das Anschauungsformen, die unabhängig von den Erfahrungen sein oder „vor“ ihnen kommen müssen – „a priori“ nannte er das –, weil sie die Erfahrungen erst ermöglichen; ohne Anschauungsformen gäbe es keine.

In diesem Satz habe ich Kants Sprachspiel übernommen, das dem unsrigen widerspricht; wir müßten übersetzen:

Für Kant sind das Anschauungsformen, die unabhängig von den Wissungen sein oder „vor“ ihnen kommen müssen – „a priori“ nannte er das –, weil sie die Wissungen erst ermöglichen; ohne Anschauungsformen gäbe es keine.

 

Da können wir nicht mitgehen, weil „Raum“ sowie „Zeit“ für uns selbst Wissungen darstellen; natürlich ganz spezielle und besonders wichtige – aber dennoch nur Wissungen.

Spätestens an dieser Stelle sollte verständlich werden, weshalb wir nicht in „Raum“ und „Zeit“ leben können: Wir müssen doch erst einmal leben, damit die beiden nach und nach für uns entstehen können.

 

Wir leben in Raum und Zeit; daß diese sich in Gott bzw. der Transzendenz befinden müssen, folgt zwingend, wenn wir plausibel machen können, in Gott zu leben.

Daß es einen Raum in Gott geben soll, berührt Sie höchstwahrscheinlich eigenartig. Es ist aber zwingend, wenn wir in Gott leben, denn unser Leben ist nur räumlich möglich – freilich ohne jeden „Raum“:

Wir räkeln uns am Morgen im Bett, atmen tief durch, spüren unser Herz schlagen, machen Gymnastik, genießen das räumliche Wohlbehagen in der Badewanne, erfahren Orgasmen räumlich, empfinden ein Schmerzen, das stechen, pochen, schlagen oder ausstrahlen kann; und der schwere Kopf wegen gestern Abend ist ein einziges räumliches Schwabbern.

Veranschaulichen kann ich Ihnen das alles nicht, weil Raum und Zeit „unvorstellbar“ sind; würde es mir gelingen, wären wir zwangsläufig bereits bei „Raum“ und „Zeit“.

 

Kommen wir, um das Thema ein wenig abzurunden, nochmals auf Kant zurück.

Er brauchte sein Apriori; die Anschauungsformen kommen nicht nur vor aller Erfahrung, sondern sind bei ihm – obwohl nicht angeboren – auch für alle Menschen gleich. Das war Kant wichtig, weil er glaubte, mit diesem Fundament die Newtonsche Physik grundlegen zu können; darin bestand letztlich sein Ziel:

Es gab bereits für Kant keine Seienden mehr, sondern wir kennen ihm zufolge nur Erscheinungen. Die können nicht objektiv sein; aber wenn sie total intersubjektiv sind – bei allen Menschen übereinstimmen –, genügt das vollkommen, um das Funktionieren der Physik zu begründen. 

 

Für uns sind „Raum“ und „Zeit“ tatsächlich nur Wissungen; exotische Beispiele belegen diese Denkmöglichkeit zur Genüge, indem sie zeigen, daß „Raum“ und „Zeit“ auch in ganz anderen Wissungen als den von uns gewohnten bestehen könnten.  

Die Erdscheibe mit der Himmelsglocke darüber und möglicherweise der Hölle darunter bildet einen speziellen „Raum“. Weder ist das Unsinn noch muß es ins Chaos führen; die Menschen haben beispielsweise die zu diesem „Raum“ gehörige Nautik so hoch entwickelt, daß sie nahezu auf der gesamten Erdscheibe gezielt segeln konnten. 

Viele Kulturen haben geglaubt, daß ihr „Raum“ bei den Säulen des Herkules (Gibraltar) endet.

Die Griechen konnten die „Zeit“ bekanntlich als Kreis denken, dessen Umfang Platon das „Große Jahr“ nannte; nach dieser Spanne (von knapp 26 000 Erdenjahren) soll sich alles exakt wiederholen.

Manche Naturvölker unterscheiden „zeitlich“ nur zwischen Präsenz und Absenz. Die Ahnen sind dann nicht bereits tot – weil sich das dual gar nicht denken läßt –, sondern nur abwesend; dadurch wird es beispielsweise möglich, sie bei Stammesfeierlichkeiten durch ein festliches Ritual wieder anwesend werden zu lassen.  

4.2. Überprüfbare Antizipationen

Wir teilen die Erkennungen anhand ihrer Tempi ein und definieren dazu drei neue Begriffe. Die früheren Erkennungen bilden die Historie, die jetzigen die Situation und die späteren das Futur.

 

Die Erkennungen der Historie können als solche niemals überprüft werden. Das heißt, solange sie sich nicht widersprechen, sind diese Erkennungen nicht kontrollier- und damit auch weder widerleg- noch nachweisbar; wir können sie lediglich blind annehmen oder ablehnen, behaupten oder bestreiten – bzw. nicht-verstehen.

Das gilt sogar für unsere eigenen Erinnerungen.

Natürlich können historische Erkennungen im Rahmen unseres WELTBILDS jetzt oder später zu Konsequenzen führen, die möglicherweise überprüfbar sind; aber jene selbst sind es niemals.

Zum Beispiel ist die Behauptung, unter Berlin hätten vor Jahrmillionen riesige Wälder existiert, als solche prinzipiell nicht überprüfbar; einfach weil sie der Historie angehört. Zu unserem WELTBILD gehört jedoch die Theorie, daß wir – sofern das richtig ist – unter Berlin Kohle finden müßten. Wir wollen das überprüfen und graben; unser Ergebnis besteht darin, daß die „Summe“ aus dem historischen Wissen und der zugehörigen WELTBILD-Theorie entweder stimmen kann – sofern Kohle gefunden wird – oder nicht. 

 

Auch in unserer Situation sind die meisten Erkennungen nicht überprüfbar, nämlich alle dejenigen, die sich unserem Beobachtungsbereich entziehen; zum Beispiel weil sie (zu) weit entfernt sind.

Aber nichtsdestotrotz bildet das Jetzt natürlich den einzigen Tempus, in dem die Wahrnehmungen überhaupt kontrolliert werden können.

 

Zum Futur gehören unter anderem unsere Antizipationen – Prognosen, Voraussagen, Ahnungen, Hoffnungen, Erwartungen oder Befürchtungen usw. Nur ein Bruchteil von ihnen läßt sich überprüfen, nämlich bestenfalls diejenigen Antizipationen, deren gegenwärtiges Später in der Zukunft einmal zum Jetzt werden wird. Ist dies der Fall, können wir dann feststellen, ob die Wahrnehmungen den ehemaligen Antizipationen entsprechen.

Würden letztere nicht sehr häufig durch unsere Wahrnehmungen bestätigt oder verifiziert, könnten wir wohl kaum überleben.

Aber es gibt natürlich auch Enttäuschungen, Frust, Ernüchterungen, Widerlegungen oder Falsifizierungen und sogar Wahrnehmungen, die wir gar nicht in diesen geläufigen Kategorien fassen können, weil sie unser WELT(BILD) als den Horizont des Erkennbaren sprengen.

 

Bringen wir die Antizipationen sauber auf den Begriff, entstehen Naturgesetze.

Letztere fragen nicht danach, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ oder worin die Wirklichkeit besteht; das kann eine empirische Wissenschaft gar nicht, weil sie ihre diesbezüglichen Antworten nicht überprüfen könnte. Letzteres geht tatsächlich nur bei Voraussagen, die, wenn die entsprechende Zeit gekommen ist, verifiziert oder falsifiziert werden können.

Deswegen sind die (meisten) Grundgleichungen der Physik Differentialgleichungen bezüglich der „Zeit“: Wurden Anfangs- und Randbedingungen sauber präpariert, können wir – solange sich an letzteren nichts ändert – verbindlich voraussagen, was später passieren wird.    

Einfacher formuliert:

Deswegen besitzen die meisten physikalischen Gesetze die Form: „Wenn Du die Ausgangssituation X herstellst, geht es mit dem Ablauf Y weiter. Dabei spielt es keine Rolle, wer Du bist; aber irgendeiner muß es schon tun.“

Das gilt sogar in der Astrophysik; sie ist nur dadurch ausgezeichnet, daß sich das Herstellen einer Ausgangssiuation in diesem Fall auf das Formen des Realen im Hinschauen beschränkt. Wer anders formt, gelangt zu differenten Voraussagen.

 

Wir wissen nicht, warum sich der Mond bewegt, können aber voraussagen, wie er sich – von dem jetzt bekannten Anfangszustand aus – weiterbewegen wird. 

Wir wissen nicht, was Gravitation ist, können aber sagen, wie schnell eine Rakete sein muß, um die Erd-Gravitation zu überwinden.

Wir wissen nicht, was Kräfte sind, können aber kontrollieren, wie sie wirken. (Daß Kräfte keine Selbstverständlichkeit darstellen, obwohl jeder von uns sie laufend zu erfahren glaubt, wird insbesondere an der Physik von John Archibald Wheeler deutlich, in der keinerlei Kräfte [mehr] vorkommen.)

Wir wissen nicht, was Masse ist und können sie nicht sehen – aber messen.

 

Mittels unserer Wahrnehmungen orientieren wir uns anhand des WELT(BILD)S. So ähnlich hatten wir uns schon des öfteren ausgedrückt; aber das war noch sehr grob, und wir justieren ein wenig nach:

Mittels unserer jetzigen Wahrnehmungen orientieren wir uns anhand dessen, was das WELT(BILD) für das Später voraussagt.

Wenn in 30 Minuten der Zug abfährt, muß ich langsam loslaufen.

Geht morgen die Welt unter, haben wir heute noch einige Apfelbäumchen zu pflanzen.

Gehe ich zu diesem Italiener, schmeckt mir die Pizza höchstwahrscheinlich.

Wenn ich im Februar nach Andalusien möchte, sollte ich langsam ein Reisebüro aufsuchen.

Betrachte ich die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, wäre ein Abitur gewiß nicht schlecht.

Man weiß nicht, was kommt; ich versichere mich lieber privat.

Hätte ich früher gewußt, was mich das im Alter kosten wird, hätte ich es nicht getan.

4.3. Wirklichkeits- und Orientierungsfunktion

Anhand unserer überprüfbaren Antizipationen pendeln wir innerhalb unseres WELT(BILD)S zwischen jetzt und später; dabei sind das Frühere sowie das Unerreichbare des Jetzt oder Später als solche uninteressant.

Das sollte im letzten Abschnitt anhand der Beispiele deutlich werden; aber nun kommt eine ganz entscheidende Ergänzung:

Dies gilt nur hinsichtlich unserer Orientierung

 

Was uns wirklich widerfährt, steht auf einem ganz anderen Blatt und hat mit dem WELT(BILD) überhaupt nichts zu tun. Einschränkungslos alles Vorstell- und Unvorstellbare vermag uns zu begegnen; wir können doch unmöglich wissen, was sein kann und was nicht.

 

Diese Differenz versteht sich letztlich von selbst und bedürfte eigentlich keiner Begründung; wir können sie aber liefern:

Unsere Orientierung erfolgt anhand des WELT(BILD)S, und das kennt nur „zeitliche“ Wissungen.

Aber darin – bzw. in der WELT – leben wir nicht; die Wirklichkeit unseres Lebens ist eine völlig andere, was sich unter anderem darin zeigt, daß sie zeitlich erfolgt und prinzipiell nicht gewußt werden kann – sondern gelebt wird und werden muß.

 

Traditionell fallen die beiden Funktionen zusammen, weil die „Subjekte“ in der „Welt“ „leben“, an der sie sich zugleich orientieren. Diese Überzeugung ist meiner Meinung nach also nicht nur unbegründet, sondern sogar widersprüchlich.

Deshalb brechen wir die Funktions-Einheit der „Welt“ auf und unterscheiden zwischen der zeitlichen Wirklichkeits-Funktion Gottes bzw. der Transzendenz und der „zeitlichen“ Orientierungs-Funktion des WELT(BILD)S.

 

Warum klappt es gegenwärtig so phantastisch, wenn wir uns zu einem bestimmten Termin treffen möchten?

Weil die dazu erforderliche „Zeit“ ein phantastisches Orientierungs-Mittel darstellt; vergleichbar mit anderen äußerst hilfreichen Wissungen.

Warum klappt es irgendwann überhaupt nicht mehr, wenn wir uns zu einem bestimmten Termin treffen möchten?

Weil die dazu erforderliche „Zeit“ absolut nichts mit der Wirklichkeit unseres Lebens zu tun hat.

Wir planen in und mit dem „zeitlichen“ WELT(BILD), leben aber zeitlich in, mit und aus Gott.

 

„Sie beschränken sich nicht nur auf uns Subjekte und lassen damit ja die meisten abendländischen Mystiker noch hinter sich:

Was wirklich ist, weiß ich nicht, und was ich weiß, ist nicht wirklich . . .“

Das war partout nicht meine Absicht; ich versuche nur ernstzunehmen, daß es keine Referenten gibt; dann fallen Wirklichkeit und Wissungen bzw. Wirklichkeit und Orientierung natürlich auseinander. Die buddhistische Philosophie geht wohl schon sehr lange von einer solchen Trennung aus, und insbesondere die Kyoto-Schule des 20.Jahrhunderts stellt sie meines Erachtens sehr deutlich in den Mittelpunkt ihres Denkens. 

 

Vielleicht bietet sich hier der einfachste Zugang zu unserem Ansatz:

Schwerlich können wir ernstlich bestreiten zu leben; es gibt also soetwas wie Wirklichkeit.

Und ebenso sicher scheint mir auch zu sein, daß wir über – eine Unmenge von – Wissen verfügen. 

Der metaphysische Expliaktionismus stellt einen Versuch dar, diese beiden Seiten ernstzunehmen ohne sie aufeinander zu beziehen und damit Wissen von der Wirklichkeit vorauszusetzen.

4.4. Geistige Stabilität in der "Zeit"

Die Wirklichkeit unseres Lebens – jedes Subjekt müßte für sich selbst sagen: meines Lebens – erfolgt per definitionem im Jetzt; es bildet die Sphäre unseres Lebens. Dann gehören notwendigerweise die völlig distanzlosen Erfahrungen sowie das Reale ebenfalls dem Jetzt an; auch das Sinnliche ist unmittelbar an das Leben gebunden.

Wir können uns an allen Wissungen orientieren, aber sie sind nicht gleichwertig, sondern mit den Erkennungen und Wahrnehmungen liegen zwei prinzipiell verschiedene Arten vor, die etwa mit Hypothese und Erprobung überschrieben werden könnten:

Wir erproben die hypothetischen Erkennungen mittels der Wahrnehmungen.

Das ist fundamental:

Wir behaupten nicht wie die Tradition, die Erkennungen mit angeblichen Seienden abzugleichen, sondern schauen, ob sich die zu erwartenden Wahrnehmungen tatsächlich einstellen. Tun sie das nicht, gilt es, unsere Erkennungen zu korrigieren; so entsteht die Spirale der Forschung als die kontinuierliche Arbeit an den Wissungen.

 

Die Erkennungen sind rein geistig und damit mehr oder weniger willkürlich konstruiert oder erfunden.

Bei den Wahrnehmungen hingegen bildet dieses Geistige nur eine Komponente, die wir im weiteren als „Auffassung“ bzeichnen.

Das ist die Auffassung – nicht des Realen, sondern – einer bestimmten Gestalt des Realen, die von diesem ermöglicht wird. Eine unsagbare sinnliche Gestalt erhält eine geistige Auffassung – zum Beispiel als Re oder Sonne – und wird damit zur Wahrnehmung Re bzw. Sonne, die für die Erprobung ausschlaggebend ist bzw. diese erst ermöglicht.

Alles rein Geistige, das heißt, die Erkennungen und Auffassungen bilden das Imaginäre. Als reine Konstruktion kann es sowohl zum Jetzt unseres Lebens zählen als auch beliebig darüber hinausgehen in das Früher oder Später.

Das gilt natürlich ausschließlich für das (rein) geistige Imaginäre; weder das leibliche Wirkliche noch das sinnliche Reale sind in irgendeinem Nicht-Jetzt möglich.

Damit bewegen wir uns auf das folgende Zwischenergebnis zu, das bereits ein wenig vorgreift.

 

 

Bewußtsein            
     
Leben Wissungen   
  Wahrnehmungen                 Erkennungen                 
  „Erprobung“ „Hypothese“  
  Gestalt
Auffassung    
   
  Reales Imaginäres  
  Ermöglichung der Gestalten Gesamtheit des Geistigen  
   leiblich   sinnlich geistig  
jetzt jetzt früher, jetzt oder später  
räum- oder unräumlich „räum-“ oder „unräumlich“ —————–  
zeitlich —————– „zeitlich“  

 

Abbildung 4.4.

 

Das Reale bleibt auf das Jetzt beschränkt, aber die ihm beigelegte Auffassung ist „zeitlich“, kann somit über das Jetzt hinausgehen und tut dies zumeist auch. Bei einem „modernen“ Donner nicht, aber der ist völlig untypisch. Machen wir ihn zu Donar, dann existiert dieser als Gott – nicht sinnlich-real, aber – geistig-imaginär über das Jetzt hinaus.

Halten wir ganz deutlich fest:

Nicht das Reale, aber seine Auffassung – zum Beispiel als Re oder Sonne – reicht von Blitzen und ähnlichen Ereignissen abgesehen fast immer über das Jetzt hinaus. Das „Haus“ wäre gar kein Haus und der „Baum“ kein Baum, würden wir nicht

– ihnen diese speziellen Auffassungen verleihen und ineins hiermit

– dafür sorgen, daß sie diesen Auffassungen entsprechend über das Jetzt hinaus geistig stabil sind. 

 

Die Stabilität der WELT ist also keine substanzielle oder stoffliche, sondern eine rein geistige.

Dann wirkt es auch nicht mehr ganz so absurd, daß wir sie „geschaffen“ haben sollen; schließlich können wir doch denken und glauben, was auch immer uns gefällt.

 

Beim „Raum“ sind die entsprechenden Überlegungen ein wenig komplizierter.

Erkennungen sind ausnahmslos un-„räumlich“, weil Geistiges nicht räumlich sein kann. Natürlich können wir „Räumliches“ erkennen – eine Kiste zum Beispiel –, aber dadurch wird die Erkennung nicht „räumlich“; die Vorstellung Nässe ist doch auch nicht feucht.

Die Schwierigkeiten entstehen durch die Wahrnehmungen, weil diese zum einen wie die Sehungen „räumlich“ sein können, aber nicht  müssen; wie Hörungen oder Riechungen zumeist.

Zum anderen war diese Formulierung unsauber: Selbst Sehungen befinden sich nicht vollständig im „Raum“; vielmehr gilt dies nur für ihre sinnliche Komponente.

 

„Da finde ich allerdings schon, daß der traditionelle Ansatz mit den Seienden wesentlich übersichtlicher ist und gar nicht erst auf solche Probleme führt . . .“

Das stimmt nicht; er steht exakt vor den gleichen Schwierigkeiten.

Die Seienden bilden lediglich die traditionelle Lösung dieser Probleme; letztere werden aber gar nicht aufgezeigt, sondern einfach überspielt.

 

Die Tradition kennt kein Reales; es wird von Anfang an durch die Seienden ersetzt.

Damit müßte sich meines Erachtens zwingend die Frage aufdrängen, was diese Seienden tun, wenn keiner sie beobachtet. „Was macht beispielsweise Ihre Badewanne während Sie schlafen?“. Jede widerspruchsfreie Antwort wäre möglich – und natürlich prinzipiell unwiderlegbar –, so daß sich an dieser Stelle ein gewaltiges Reich unkontrollierbarer Phantasie auftut.

Deswegen scheint diese Frage „verboten“ zu sein und wird praktisch nicht gestellt.

 

Da das Reale mit dem Sinnlichen zusammenfällt, bleibt es an unsere Wahrnehmungen gebunden. Wir sehen den realen „Mond“ heute und erwarten ihn morgen an einer bestimmten Stelle. Die Frage, was er zwischenzeitlich getan hat, ist sinnleer – weil es ihn da nicht gab; das Reale existiert nur in der oder durch die Wahrnehmung.

Wir schauen uns den realen „Eiffelturm“ an, schließen die Augen – und er ist weg. Er ist tatsächlich weg, und es entspricht einer – wenn auch sehr einfachen – wissenschaftlichen Vorhersage, daß der reale „Eiffelturm“ beim Öffnen der Augen wieder erscheinen wird

Mit anderen Worten:

Zwar werden die Antizipationen sowohl traditionell als auch explikationistisch an den Wahrnehmungen überprüft, aber dennoch besteht ein gewaltiger Unterschied. Dort sind es die Wahrnehmungen von an sich existierenden Seienden, und bei uns diejenigen des Realen, das zum einen ohne uns gar nicht existieren würde und zum anderen durch uns auch zu differenten Wahrnehmungen werden könnte

 

„Ja; damit sehe ich jetzt auch ein, weshalb es keine irreversiblen Wahrnehmungen gibt, wie Sie oben kurz angedeutet hatten.

Tatsächlich entspricht das reale ‚Wasser‘ dem realen ‚Mond‘ in Ihrem Beispiel. Der entscheidende Unterschied besteht lediglich darin, daß Sie von zwei Wahrnehmungen ausgegangen sind, zwischen denen vielleicht ein ganzer Tag liegt. Bei den angeblichen irreversiblen Wahrnehmungen fehlt dagegen dieser ‚zeitliche‘ Abstand; es handelt sich aber trotzdem um ein Wechselspiel von Antizipation und Kontrolle, das aber zu einer einheitlichen ‚irreversiblen Wahrnehmung‘ verschmilzt.

Es bleibt also richtig, daß Wasser stets nach unten fließt; aber das kann keine irreversible Wahrnehmung sein, weil das Reale nur im Jetzt existiert und somit immer wieder erwartet werden muß – auch wenn wir unseren Blick nicht abwenden.“

4.5. Modal-Zeit

Wir leben im Jetzt, antizipieren das Später, und sehr häufig, jedoch nicht immer stimmen unsere Prognosen. An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, daß für die unvermeidlichen Abweichungen zwei völlig verschiedene Begründungen möglich sind.

Denk- oder Rechenfehler fallen uns sicherlich als eine erste Möglichkeit ein.

Aber dabei setzen wir unreflektiert voraus, in das Später hinein zu leben, was absolut nicht selbstverständlich ist:

Wenn sich die Antizipationen des Später nicht erfüllen, ist das nur dann erstaunlich – und deutet auf Denk- oder Rechenfehler hin –, wenn wir tatsächlich in das Später hinein leben.

Was die Physiker für das Früher ausrechnen, tritt auch nicht ein. „Natürlich“ nicht, weil wir nicht in das Früher hinein leben; aber wer sagt denn, daß wir in das antizipierte Später hinein leben? Weshalb gerade dorthin, wofür spezielle Erwartungen und Befürchtungen oder Rechenergebnisse existieren?

 

Das Später besteht in Wissungen, und die haben – ohne Referenten – ebensowenig mit unserem Leben zu tun, wie das Früher.

Wir leben im Jetzt und weder in das Früher noch in das Später hinein.

„Sondern?“

Wir wissen das nicht, können es auch prinzipiell nicht wissen und nennen das unbekannte Wohin unseres Lebens im weiteren „Zukunft“; es entspricht einem großen Fragezeichen und ist absolut offen.

Damit erhalten wir nachstehendes Bild.

 

 

Zukunft                                                                                
 
Gegenwart  
Früher Jetzt Später  
    Leben      
    Reales      
Imaginäres   Imaginäres   Imaginäres  
         
Vergangenheit  

 

Abbildung 4.5.

 

Die Gegenwart umfaßt alle drei Tempi; das Jetzt ist leiblich-wirklich, sinnlich-real und auch geistig-imaginär; für die bloßen Konstruktionen des Früher und Später kann dagegen nur letzteres gelten.

Wir wissen nicht, worin die Zukunft besteht; es könnte uns freilich auch völlig gleichgültig sein, wäre sie nicht das, was einmal zur Gegenwart werden wird. Sie kommt adventisch auf uns zu, es gibt kein Entkommen oder Ausreißen vor ihr – und dennoch bleibt die Zukunft absolut offen.

 

Logisch sauber müßten wir also formulieren:

1. Wäre „Zukunft“ nur ein Wort, könnten wir nur (für uns) Belangloses dazu sagen; zum Beispiel, daß es aus sieben Buchstaben besteht.

2. Dieses Wort erhält als Zukunft einen Sinn oder eine Bedeutung, nämlich das, was einmal Gegenwart sein wird.

3. Nun erst läßt sich sinnvoll sagen, daß wir von dieser Zukunft absolut nichts wissen können; wissen wir „sie“, handelt es sich um das Später.

 

Entsprechend besteht die Vergangenheit natürlich in dem, was einmal Gegenwart war – und nicht mehr ist.

Was wir von ihr zu wissen glauben, sind die Wissungen, die das Früher oder die Historie bilden und zu den insbesondere unsere Erinnerungen gehören – alle ohne Referenten. Möglicherweise bestehen Übereinstimmungen zwischen dem Früher und der Vergangenheit; aber wie wollen wir das feststellen – oder bestreiten –, wenn die Vergangenheit nicht mehr existiert?

4.6. Kein Dualismus

Damit haben wir zwei ZEITEN; auf der einen Seite die Lebens- bzw. Modal-Zeit – oder einfach die Zeit – und auf der anderen die (physikalische) „Zeit“. Ich müßte wohl kaum erwähnen, daß darin unser Aufbrechen der „Welt“ in ihre Wirklichkeits- sowie Orientierungs-Funktion zum Ausdruck kommt.  

„Und die traditionelle „Zeit“ der Früher(i), Jetzt(i) bzw. Später(i) können wir streichen, weil es keine irreversiblen Wahrnehmungen gibt?“

Dieses Argument würde nicht ausreichen; wir annulieren sie aber tatsächlich, denn die traditionelle „Zeit“ ist widersprüchlich:

Was soll die Aussage, die traditionelle „Zeit“ sei irreversibel, bedeuten, wenn wir völlig frei – und damit insbesondere auch reversibel – ganz beliebig zwischen ihren Tempi wechseln können? Wir springen völlig problemlos vom Später(i) der ersten bemannten Marslandung in das Früher(i) des Otto Lilienthal. 

Tempi, zwischen denen wir uns frei bewegen können, beweisen eben damit, daß sie reversibel sind und damit einem bloßen Regallager – nämlich dem der „Raum“-„Zeit“ – angehören.

 

Für das traditionelle Denken stellt seine „Zeit“ einen Kompromiß dar, der durch die vorausgesetzte Funktions-Einheit erforderlich wird:

Wir sind ihm zufolge einerseits „Subjekte“, die in der „Welt“ „leben“.

Andererseits läßt sich die Irreversibilität unseres Lebens schwerlich leugnen.

Also muß die traditionelle „Zeit“, in der wir als „Subjekte“ innerhalb der „Welt“ „leben“, notwendigerweise irreversibel sein.

Mit den Urbildern bedeutet das – sehen wir einmal von allen anderen Schwierigkeiten ab – auch keinen Widerspruch, weil dann sie irreversibel sind, und nicht die Wissungen. Aber bei uns wird aus den Seienden die Inhaltsseite der Wissungen, so daß die traditionelle „Zeit“ als widersprüchlich entfallen muß.

 

„Das bedeutet, daß Sie einen lupenreinen dualistischen Ansatz vertreten? Bei Ihnen gibt es nicht zwei Substanzen wie bei Descartes, sondern das zeitliche Leben und die ‚zeitlichen‘ Wissungen.“

Nein; das tue ich durch die Wahrnehmungen nicht; sie bilden das Scharnier oder die Nahtstelle. Auf der einen Seite haben wir tatsächlich das zeitliche Leben; das sehen Sie richtig. Aber ihm steht auf der anderen Seite das „zeitliche“ Imaginäre gegenüber.

Und dazwischen befinden sich die Wahrnehmungen. Sie sind zugleich durch das Reale mit dem Leben jetzt und durch die Auffassung mit dem Imaginären „zeitlich“.

 

Das bedeutet ein Zweifaches.

Zum einen sind die Wahrnehmungen durch das Reale unbestreitbar. „Nehmen wir ein Auto wahr“ und zweifeln seine Existenz an, war es keine Auto-Wahrnehmung (1).

Zum anderen gilt außerdem: „Nehmen wir ein Auto wahr“ und können dabei nicht mit-wahrnehmen, daß es über das Jetzt hinaus existiert oder Bestand hat, war es ebenfalls keine Auto-Wahrnehmung (2).

Wahrnehmungen besitzen also ein unbestreitbares Mehr oder einen Überschuß im Verhältnis zu den Erkennungen. Aber – im Gegensatz zur Tradition – schlußfolgern wir daraus kein Wahrgenommenes, sondern begnügen uns mit dem Realen (1), dem wir selbst mittels unserer Auffassung (2) ein ganz bestimmtes Nicht-Jetzt verleihen, was stets auch ganz anders möglich wäre.   

 

Pointiert ließe sich sagen:

Die Tradition glaubt, mit ihren Wahrnehmungen im Jetzt Seiende abzubilden, die auch über dieses Jetzt hinaus vorhanden sind.

Wir gehen davon aus, mit unseren Wahrnehmungen im Jetzt Reales aufzufassen, indem wir ihm sowohl eine spezielle Form als auch eine zugehörige Existenz im Nicht-Jetzt verleihen.

„Dieses Reale dort“ beispielsweise lebt als Re ewig, während es als Sonne entstehen und vergehen muß.

4.7. Zeitlosigkeit der "Zeit"

„Die ‚Zeit‘ ist zeitlos“ (A. M. Klaus Müller), synchron, gleichzeitig oder verräumlicht.

Sie entspricht dem Denken Newtons und wird von ihm wie von nahezu der gesamten vorkantischen Tradition als absolut verstanden. Somit ist sie nicht nur objektiv, sondern sogar unhinterfragbar; selbst die Schöpfung konnte diesem Denken zufolge nur innerhalb der bereits bestehenden „Zeit“ erfolgen.

Viele (Kreationisten) fragen noch heute, wann die Schöpfung geschah, und Luther soll auf die Frage, was Gott zuvor machte, sehr unwirsch geantwortet haben: „Er hat sich die Hölle ausgedacht für alle, die so dumme Fragen stellen.“

 

Die Zeitlosigkeit bedeutet, daß der Parameter t einer „Raum“-Koordinate entspricht; ansonsten könnten die Physiker nicht von der vierdimensionalen „Raum“-„Zeit“ und wir nicht von einer WELT als Regallager ausgehen. Der Westfälische Frieden befindet sich dort oben-hinten-rechts-damals, der letzte Baum wird dort drüben verdorren und mein Körper ist hier und jetzt.

Dabei ist es wichtig zu beachten, daß die „Zeit“ in beiden uns interessierenden Ansätzen möglich ist.

Traditionell haben wir den einen ewig-identischen substanziellen „Zeit“-Strahl, an dem sich der akzidentielle Paramer t entlangbewegt. Letzterer steht für die Änderungen, und Anderungen sind in einer aus Substanzen und Akzidenzien bestehenden „Welt“ ausgeschlossen; sie „macht keine Sprünge“.

Für uns stellt auch die „Zeit“ lediglich eine Wissung dar, die eine „objektive“ Inhalts- und eine subjektive Geltungs-Seite besitzt. Ihr Inhalt besteht – wie immer – in der Einheit von Identität und Veränderung; Strahl und Parameter in diesem Fall.

 

Die „Zeit“ vergeht nicht; das ist eine völlig sinnleere Formulierung; was macht sie beim „Vergehen“?

Unbestreitbar ändert sich nahezu alles in unserem Bewußtsein oder wird anders, und für die Gesamtheit dieser Variationen sagt der Volksmund denn mehr ist es nicht –, daß die „Zeit“ vergeht

Mehr ist es nicht; aber wir argumentieren häufig so, als wäre es mehr:

„Ich muß sterben, weil sich alles ändert“ wirkt nicht sehr überzeugend.

„Ich muß sterben, weil die ‚Zeit‘ – und damit eben auch die meinige – vergeht“ klingt schon etwas bedeutungsschwerer.

 

Die heutige Physik entspricht nicht mehr der von Newton; die Spezielle Relativitätstheorie behält – im Gegensatz zur Allgemeinen – den „Zeit“-Strahl zwar noch bei, erkennt ihn jedoch bereits als subjektiv. Das bedeutet, daß die „Zeit“ nur existert, wenn sie von einem Subjekt – dem physikalischen Beobachter – registriert wird, und stellt dann dessen subjektive „Zeit“ dar. Aus dem absoluten Urbild der Tradition ist im 20. Jahrhundert eine Meßgröße geworden – und die gibt es nur, wenn Subjekte wirklich messen.

Daß diese Einsicht in der Physik gewachsen ist, die sich doch ursprünglich als die grundlegende Wissenschaft von der „Welt“ als objektiver Realität verstanden hat, ist schon bemerkenswert.

Die „objektive“ Physik lehrt uns, daß es keine objektive „Zeit“ geben kann.

 

Diese Subjektivität der „Zeit“ bedeutet unter anderem auch, daß Relativitäts- und Evolutionstheorie schwerlich vereinbar sind, denn letztere benötigt eine objektive Newtonsche „Zeit“:

In wessen subjektiver „Zeit“ sollte die Evolution denn erfolgen? Wie konnte sie überhaupt möglich gewesen sein, als es noch keine Subjekte und damit – unserer Physik zufolge – gar keine (Meßgröße) „Zeit“ gab?

 

Den einfachsten Weg, sich als Nicht-Physiker von der Richtigkeit dieser kursorischen Bemerkungen zu überzeugen, bilden wahrscheinlich die Ausführungen zu Einsteins Lichtuhr, die im Internet leicht zu finden sind. Sie setzen kaum physikalische Kenntnisse voraus und sind daher für jedermann gut überprüfbar.

Die Lichtuhr ermöglicht ein sehr sauberes eigenes Denken; aus ihr geht auch das eher populärwissenschaftliche Zwillingsparadoxon hervor, das zwar zur Illustration und Begeisterung gut geeignet ist, aber kaum dem Verstehen dienen dürfte.

 

In den nächsten Abschnitten betrachten wir drei wichtige Eigenschaften der „Zeit“ genauer, nämlich ihre Reversibilität, Determination und Unvergänglichkeit.

4.7.1. Reversibilität

Immer wenn uns sowohl die Ausgangs- als auch die Randbedingungen eines Prozesses hinreichend bekannt sind, können wir voraussagen, wie sich sein Zustand in Abhängigkeit vom Parameter t verändern wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese beiden Bedingungen von selbst erfüllt sind – wie häufig in der Kosmologie – oder durch experimentelles Präparieren nachgeholfen werden muß.

Dieses „in Abhängigkeit vom Parameter t“ ist hierbei völlig neutral oder rein mathematisch und „lebensfremd“ zu verstehen. Uns liegen irgendwelche Größen A(t) vor – Orte, Geschwindigkeiten bzw. Massen beispielsweise –, die von der Zeit abhängen, so daß sich aus jedem t- ein entsprechender A-Wert ergibt.  

Insbesondere ist es völlig gleichgültig, ob wir für t positive oder neagtive Zahlen einsetzen. Was haben physikalische Gleichungen mit unserem Leben oder der Zeit zu tun? Nichts!

Natürlich können wir für positive t-Werte „Später“ und für negative „Früher“ sagen – oder umgekehrt –; aber es ist doch nicht erstaunlich, sondern selbstverständlich, daß die Lösungen der physikalischen Gleichungen reversibel sind. Würden wir sie in einem Film darstellen, wäre also nicht ersichtlich, ob er „vorwärts“ oder „rückwärts“ läuft – weil beides ununterscheidbar und damit sinnleer ist. 

 

Selbstverständlich „bewegen wir uns“ in der „Zeit“ ebenso reversibel wie im „Raum“, weil wir uns ja gar nicht darin bewegen – das heißt: nicht darin leben. Wir lassen nur unsere (Verstehungen sowie) Vorstellungen durch das Regallager schweifen, und das geht natürlich nach früher oder später ebenso wie nach links bzw. rechts. 

Die Wissenschaften helfen uns – wie viele andere Denkwerkzeuge auch – bei diesem Schweifen-Lassen, indem sie zahllose Zusammenhänge zwischen den einzelnen Erkennungen unseres WELT(BILD)S herstellen und damit unter anderem Antizipierungen ermöglichen, die von zukünftigen Wahrnehmungen eventuell bestätigt werden.

 

Von zukünftigen – nicht von späteren; es gibt keine späteren Wahrnehmungen, denn sie gehören stets dem – gegenwärtigen – Jetzt an.

„Aber das Später wird doch einmal zum Jetzt.“

Nein; das würde es nur, wenn wir in der „Zeit“ leben würden, das heißt, vom Jetzt in das Später hinein.

Das tun wir aber nicht, sondern unser Leben erfolgt vom Jetzt in die Zukunft hinein; sie wird also zum Jetzt. Aus der Zukunft wird das Jetzt in einer Gegenwart, die – wie stets – mit ihrem imaginären Früher sowie Später über dieses Jetzt hinausgeht.

Das Später kann, mit anderen Worten, unmöglich zum Jetzt werden, weil das gegenwärtige Später – natürlich ebenso wie das Früher – immer erst aus dem gegenwärtigen Jetzt hervorgeht, das heißt, in ihm konstruiert oder entworfen werden muß.

 

„Dann sind auch die Erinnerungen kein abgesunkenes Jetzt, denn konsequenzerweise kann letzteres nur zur Vergangenheit werden?“

Richtig; und die Erinnerungen sind ebenso wie die Erwartungen gegenwärtige Projektionen aus dem Jetzt heraus in das Früher bzw. Später.

Wir stellen uns die beiden ZEITEN also am besten als eine Bewegung von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft vor, von der stets nur die Gegenwart existiert. In deren Jetzt spielt sich alles Wesentliche ab, und insbesondere werden hier die Imaginationen Früher sowie Später erzeugt.

4.7.2. Determination

Ob die „Welt“ – insbesondere unser Gehirn – determiniert ist, stellt gegenwärtig ein sehr aktuelles Problem dar. Besonders seit den Experimenten von Benjamin Libet in den 80-er Jahren bejahen viele „Neurophilosophen“ diese Frage und bestreiten damit zumeist auch die Möglichkeit der menschlichen Freiheit.

Aber dieser Konflikt ist an das traditionelle Denken gebunden und existiert in dem unsrigen gar nicht, weil er eine „Welt“ mit objektiv-realen, das heißt urbildlichen Gehirnen voraussetzt.

 

Daran glauben wir zwar nicht, aber natürlich gibt es auch bei uns die Determination, die freilich nur für Antizipationen von Interesse ist.

Determinierte Voraussagen sind solche, auf deren Richtigkeit wir jede Wette eingehen können und für die wir bereit sind, unsere Hand in’s Feuer zu legen. Man muß kein Physiker sein, um zu prophezeien, daß das Wasser mit Sicherheit nach unten fließen wird.

Zeigen sich stockdunkle Wolken am Horizont, kommt wahrscheinlich Regen. 

Erhitze ich Wasser in Meeresspiegelhöhe, kocht es bestimmt bei 100°C.

Die Determination hat also nichts mit der traditionellen „Welt“ oder Urbildern zu tun, sondern mit Prognostizierbarkeit, und ist gleichbedeutend mit (praktisch) absoluter Gewißheit unserer Antizipationen:

Determination bedeutet sicheres Wissen bezüglich des gegenwärtigen Später.

 

Mit anderen Worten:

Bei uns sind keine objektiv-realen Änderungen (in) der „Welt“ determiniert, sondern lediglich spezielle, nämlich zukünftig nachprüfbare Antizipationen.

Das Wort „determiniert“ mag dann irreführend sein; es meint lediglich, daß zukünftige Wahrnehmungen absolut sicher vorausagbar sind. 

Hier treffen wir wieder auf den wichtigen Funktions-Unterschied:

Rein Geistiges verbindet innerhalb der Gegenwart das Jetzt mit dem determinierten Später.

Aber die determinierte Wahrnehmung tritt aus der Zukunft in das Jetzt ein.

 

Zwischen Determination und Freiheit besteht damit offensichtlich auch bei uns ein sehr enger Zusammenhang; freilich ganz anders, als man dies im traditionellen Ansatz verstehen mußte:

Ohne Welt(bild) gäbe es gar keine Freiheit, weil gezieltes Handeln unmöglich wäre. Je sicherer die Voraussagen sind, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit dafür, daß unsere Antizipationen zutreffen.

Wäre alles determiniert, entfiele unsere Freiheit also nicht nur nicht, sondern wäre sie sogar maximal, weil – solange wir keine Denkfehler begehen – sämtliche Antizipationen mit Sicherheit bestätigt würden. Die Determination beschränkt nicht das Leben, sondern bereichert es durch die Sicherheit der Voraussagen.

Das Verhältnis zwischen Freiheit und Determination kehrt sich bei uns gegenüber dem traditionellen Ansatz vollständig um, weil die Freiheit dem Leben – und damit der Wirklichkeit selbst – angehört, während die Determination lediglich im Weltbild erfolgt  – und somit der Freiheit dient.

4.7.3. Unvergänglichkeit

Daß die „Zeit“ vergeht – zu schnell, zu langsam oder überhaupt –, hören wir laufend, aber es ist bedeutungslos; der „Raum“ vergeht doch auch nicht, und was unterscheidet die beiden wesentlich voneinander?

Würde die „Zeit“ vergehen, müßte das Früher vergangen und damit weg sein. Aber das ist es nicht; vielmehr besteht das Früher in unseren historischen Vorstellungen, zu denen nicht zuletzt die eigenen Erinnerungen gehören, und all dies geht immer wieder neu aus dem gegenwärtigen Jetzt hervor.

 

Bei der Zeit sehe ich leider kein theoretisches Argument, warum sie nicht vergehen und die Vergangenheit nicht vergangen sein soll – aber ein ethisches:

Die Geschichte bildet meines Erachtens eine entsetzliche Folge von Leid, Elend, Verzweiflung, Angst, Sorge, Schmerz, Terror, Armut und ähnlichem. Mir – wahrscheinlich auch uns – geht es daran gemessen hier und jetzt unverdientermaßen gut. Wäre alles vergänglich und einfach irgendwann einmal aus, brauchten wir persönlich uns nicht zu beschweren; es war schön (genug), und wir könnten ehrlichen Herzens „Danke“ sagen.

Aber wegen der Überzahl derer, die das – weitestgehend sogar ohne eigenes Verschulden, doch selbst das ist letztlich gleichgültigtotal anders sehen müssen, nur als „Humus der Geschichte“ (Theodor W. Adorno) dienen und ihre Geburt verfluchen, wäre es grausam, wenn die Zeit einfach vergehen würde.

„Pech gehabt; zur falschen Zeit am falschen Ort . . .“; das darf nicht sein!

 

Unsere Hoffnung auf Wiedergutmachung und Gerechtigkeit müßte deutlich über die eigene Schuld hinausgehen, um ohne schlechtes Gewissen leben zu können; in einer vergehenden Zeit ist das jedoch ausgeschlossen. Hier herrscht ein absolutes Vergessen; die Vergangenheit wäre irgendwann einmal vergangen oder einfach weg, als hätte sie niemals existiert.

Jedes Sorgen oder Bemühen, alle Freuden und Leiden wären bald null und nichtig. Keiner denkt noch an die 99,99% der Menschen, die keinen Weg in die Geschichtsbücher gefunden haben. Und geht es den restlichen 0,01% besser?  Was haben sie selbst von ihrer „Berühmtheit“? Nichts!

 

Die häufigste „Lösung“ dieses Problems besteht in der Erfindung einer zeitlosen Ewigkeit als Hinterwelt

Aber das ist keine Lösung; nicht nur wegen der Hinterwelt, sondern auch weil wir die Zeitlosigkeit mit der „Zeit“ bereits haben. Letztere unterscheidet sich lediglich dadurch von der Ewigkeit, daß diese nicht einmal Änderungen kennt, die es in der „Zeit“ noch gibt. Das zeigt sich möglicherweise sogar an den zahllosen langweilig-frustrierenden Darstellungen des „Himmels“. Kann es erstrebenswert sein, ewig „Halleluja“ zu singen?

Das ist nicht bösartig oder despektierlich von mir. Ich stelle nur fest, daß in der „Hölle“ zumeist einiges los ist; denken Sie beispielsweise an Aligheri Dantes „Göttliche Komödie“ oder Hieronymus Boschs Zeichnungen. Kennen Sie als Pendant dazu eine Präsentation des „Himmels“, die vor Leben strotzt?

 

Wir versuchen eine Lösung ohne Vergessen:

Die Zeit darf nicht vergehen, sondern muß eine „aufhebende“ (Hegel) Zeit sein; „nichts, was vergangen ist, vergeht“ (Georg Picht).

4.8. Zeitlichkeit der Zeit

Die (Modal-)Zeit bildet als Lebens-Zeit den Horizont unseres Lebens oder besser der Existenz. Wir hatten letztere als Einheit von Leben und Sterben eingeführt; ihr Ende wäre der Tod, aber der christliche Glaube geht davon aus, daß es ihn nicht gibt. Täuscht er sich darin, ist alles Unfug, denn die Nicht-Existenz des Todes bildet das Non pus ultra dieses Glaubens. Stimmt es jedoch, kann uns absolut nichts, nicht einmal das Sterben, aus – dem Horizont – der Zeit und damit Gottes herausführen.

Die Zeit ist zeitlich bzw. diachron und irreversibel. Wir können sie uns nicht vorstellen, weil sämtliche Wissungen zeitlos sein müssen, und versuchen, sie als aufhebend zu denken.

„Jetzt widersprechen Sie sich aber; wenn alle Wissungen zeitlos sind sind, muß dies auch für die Denkungen gelten;, ob die Erkennungen ausgemalt sind, ist doch völlig belanglos.“

Sie haben Recht; anschauliche Erkennungen der Zeit sind ausgeschlossen, weil sie „unvorstellbar“ ist.

(Abstrakte) Denkungen kommen jedoch wegen der eo ipso zeitlichen Zeit ebenfalls nicht infrage.

Das bedeutet jedoch keineswegs, daß wir schweigen müssen. Die Zeit ist wie das Leben sowie Reale keine Wissung, und folglich besteht nur die Möglichkeit, sie zu beschreiben. Dabei versuchen wir, eine aufhebende Zeit zu vermitteln.

 

Der Begriff der Aufhebung stammt von Hegel und verbindet drei Bedeutungen, die wir alle zusammendenken müssen.

Der erste Sinn von Aufhebung besteht im Beenden; eine Straßensperre oder ein Gesetz werden aufgehoben; die Straße ist wieder frei bzw. das Gesetz gilt nicht mehr. In diesem Sinne ist die Vergangenheit als Vergangenheit aufgehoben oder beendet.

Aufheben bedeutet jedoch zugleich Aufbewahren; die Vergangenheit ist nicht vergangen oder einfach weg, sondern in der Gegenwart aufgehoben im Sinne von aufbewahrt. Wir erfahren die – Resultate der – Vergangenheit als Gegenwart.

Und schließlich enthält das Aufheben noch die Bedeutung des Empor- oder auf eine höhere Stufe Hebens. (Die korrespondierende negative Seite des Nieder- oder auf eine tiefere Stufe Absinkens gehört als Möglichkeit natürlich stets dazu; auch wenn sie in den Assoziationen zu „Aufhebung“ fehlt.)

 

Verdeutlichen wir uns, was die Aufhebung der Vergangenheit bedeutet, nochmals am Welt(bild).

Die einen glauben als Resultat ihres bisherigen Lebens an Orakel, Horoskope oder Pendel, die anderen an die Wissenschaften. Ich will keineswegs behaupten, hierzwischen bestände kein gewaltiger Unterschied, sondern nur darauf hinweisen, daß alle diese Beispiele ebenso wie sämtliche weiteren denkbaren Orientierungsgrundlagen

– der Vergangenheit entstammen, aber dennoch

– keinerlei Wissungen von der Vergangenheit enthalten und natürlich auch

– absolut nichts zur Zukunft sagen können.

Daran orientieren wir uns gegenwärtig; Punkt. Das ist das, was wir glauben, weil wir es für richtig halten – dies zu glauben.

 

Wir Subjekte stehen also vor dem Problem, angesichts einer ebenso unbestreitbaren wie unbekannten Zukunft – in der Gegenwart – leben und damit auch entscheiden zu müssen. Letzteres freilich nur auf der Grundlage von aus der Vergangenheit herüberreichenden Überzeugungen, die weder wahr noch unwahr sein und somit keine Sicherheit verleihen können.

Diese Unsicherheit halten wir ganz schlecht aus – und deswegen hat das traditionelle Denken eine objektiv-reale „Welt“ erfunden. Wieso uns diese Erfindung – in dem Maße, wie wir sie glauben – Sicherheit verleihen kann, läßt sich durch folgende Überlegung einsehen.

 

Im Später bzw. Futur fassen wir unsere antizipativen Vorstellungen oder Wissungen zusammen, und diese besitzen kein Wovon; das betrifft beispielsweise die Planung eines Hausbaus oder des nächsten Urlaubs.

Etwas ganz anderes stellt die Zukunft dar; sie kommt adventisch auf uns und es gibt kein Entkommen vor ihr. Die Zukunft ist das einzige „Urbild“ im Sinne unserer Definition; wir wissen ganz sicher, daß, aber absolut nicht, was sie ist.

Die Zukunft existiert nicht nur, sondern steht unmittelbar vor uns – und wir haben trotzdem keine Ahnung davon; die Zukunft entspricht einem großen unausweichlichen Fragezeichen. Wollte ich Ihnen jetzt etwas nennen, das gewiß dazugehört, würde ich mir selbst widersprechen und die Zukunft mit dem Später verwechseln.

Diese beängstigende Unsicherheit wäre beseitigt, wenn wir die Wissungen des Später oder Futur als solche von der Zukunft verstehen könnten. Und der Weg zu dieser Interpretation besteht im traditionellen Glauben an die „Welt“.   

 

Die hierzu gehörige Begründung ist nicht schwer:

Wenn es eine objektiv-reale „Welt“ gibt, kommt in der „Zukunft“ die „Welt“ in der Gestalt auf uns zu, die sie später angenommen haben wird.

Je genauer wir also ausrechnen, wie sich die „Welt“ verändern wird, um so genauer wissen wir, was uns „zukünftig“ widerfährt. Aber was heißt hier „Zukunft“ bzw. „zukünftig“:

Die veränderte spätere „Welt“ kommt auf uns zu, so daß die Zukunft als solche ent- und mit dem Später zusammenfällt.

 

So viel Naivität oder Blauäugigkeit ist unfaßbar und läßt sich vielleicht wirklich nur mit Angst vor dem Tod erklären:

Mit ihrem Glauben an die „Welt“ beschränkt die Tradition die absolute Offenheit der Zukunft auf das, was sie gegenwärtig – im Rahmen ihres „Welt“-Bilds – für möglich hält!

„Dadurch endet bei Ihnen im Anschluß an Jacques Derrida die traditionelle ‚Metaphysik der Präsenz‘ – von dem Früher, Jetzt sowie Später der ‚Welt‘. Sie wird ersetzt durch eine Metaphysik der Gegenwart, weil immer nur sie ist; die Vergangenheit nicht mehr und Zukunft noch nicht.“

 

Ja; ein wenig vorgreifend können wir das auch folgendermaßen recht einsichtig formulieren:

Die (räumlich-)zeitliche Genese bringt in jeder Gegenwart ein subjektives WELT(BILD) mit seinem „Raum“ sowie seiner „Zeit“ hervor, und unsere Orientierung daran beeinflußt den weiteren Verlauf dieser irreversiblen Genese. Sie führt in eine offene Zukunft hinein und hebt dabei kontinuierlich die Vergangenheit – vorübergehehnd erst einmal – in der Gegenwart auf, so daß letztlich nichts, was vergangen ist, vergeht und alles einmal als „Einheit der Zeit“ (Georg Picht) in der Zukunft aufgehoben sein wird.

4.8.1. Modi und tempi

Mittels der drei Modi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft versuchen wir, uns der Zeit anzunähern. Das geht jedoch auf keinen Fall, indem wir anstelle der Tempi nun die Modi nacheinander anordnen; dann hätten wir lediglich Worte ausgetauscht, aber nicht das Denken geandert.

 

Würden das Später und die Zukunft vollkommen auseinanderfallen, könnten wir nicht überleben. Wir planen unsere Termine, Gespäche oder Partys, Beruf und Urlaub häufig langfristig voraus, und für ein paar Jahrzehnte funktioniert das ja im allgemeinen auch recht gut. Aber irgendwann nicht mehr; es geht immer mehr schief; wir wollten zum Bergsteigen fahren und brechen uns die Beine.

Spätestens dann merken wir den Unterschied zwischen der Zukunft unseres Lebens und dem Später unseres Welt(bild)s. Auch in letzterem gibt es Beinbrüche – andernfalls wären sie auch im Leben nicht möglich; uns kann ja nichts widerfahren, was es gar nicht gibt –, aber wir hatten den Unfall nicht erwartet.   

Pointiert zusammengefaßt:

Wir besitzen kein Wissen von der Zukunft, sondern nur das Später als Wissen.

Was aber kommt, ist nicht das Später, sondern die Zukunft.

Eine Zeit lang passen die beiden häufig so gut zusammen, daß wir die Zeit leugnen und unbemerkt durch die „Zeit“ ersetzen können; die beiden gehen hinreichend d’accord. Irgendwann trennen sich ihre Wege jedoch; unsere Antizipationen werden sinnlos und verschwinden schließlich ganz – weil sich die Zukunft von ihnen ablöst.

 

Im Gegensatz dazu läßt sich eine Differenz zwischen dem Früher und der Vergangenheit natürlich niemals feststellen, weil letztere unerreichbar ist.

Wir haben immer nur das – eo ipso gegenwärtige – Früher; das bedeutet freilich, daß auch jede Annahme seiner Übereinstimmung mit der Vergangenheit völlig willkürlich oder aus der Luft gegriffen ist.

Selbst wenn unsere Erinnerungen – zufällig und unkontrollierbar – die adäquate Interpretation der Vergangenheit im Lichte des gegenwärtigen Welt(bild)s darstellten, würden wir die Vergangenheit mit ihnen verfehlen, weil wir dieses Welt(bild) damals – als diese Vergangenheit noch Gegenwart war – natürlich nicht besaßen.

Als Kinder hatten wir beispielsweise Angst, und das ist etwas ganz anderes als unser gegenwärtiges Wissen, daß wir Angst hatten. Diese Differenz zeigt sich auch deutlich an den früheren „Goldenen Zeiten“, von denen ältere Menschen oft schwärmen, obwohl sie mit deren Vergangenheit möglicherweise sehr wenig gemein hatten.

Die „False Memories“ bilden seit über 100 Jahren einen spannenden Gegenstand der psychologischen Forschung. Von Jean Piaget und Oliver Sacks beispielsweise ist bekannt, daß sie sich ganz genau an einschneidende Erlebnisse in ihrer Kindheit erinnerten. Als ihnen bewiesen wurde, daß nichts davon jemals stattgefunden hatte, wirkte sich das in keiner Weise auf ihre Erinnerungen aus; sie blieben „stur“.

 

Es läßt sich, mit anderen Worten, niemals begründen, daß unsere Erinnerungen oder das Früher Wissen von der Vergangenheit seien. Natülich gilt das ebenso für die gegenteilige Annahme, also das vollständige Auseinanderfallen von Wissen und Wirklichkeit.

Auf der einen Seite steht die unbestreitbare Vergangenheit, und auf der anderen Seite haben wir das Früher in Form der historischen Vorstellungen. Mehr gibt es hier nicht zu sagen; das sind tatsächlich zwei unüberbrückbare Seiten; wir besitzen keinerlei Möglichkeiten, sie zu verbinden, weil es kein Erinnertes gibt.

Sicherlich wird die Historie nicht vollständig von der Vergangenheit abweichen und damit partiell „richtig“ sein; aber da wir prinzipiell nicht feststellen können, wo Berührungspunkte bestehen, hilft uns diese Mutmaßung auch nicht weiter.     

 

Historiker haben nicht die Aufgabe, herauszubekommen, wie die Vergangenheit wirklich war; wer das möchte, verlangt Unmögliches. Vielmehr vermitteln die Historiker einen Konsens, wie wir – im Rahmen des gegenwärtig allgemein anerkannten Welt(bild)s – die frühere Historie sehen sollen.

Nach allen Revolutionen werden die – nicht Geschichts-, sondern – Historiebücher neu geschrieben. Die Vergangenheit ist natürlich die gleiche geblieben – aber sie kommt ja ohnehin nicht vor –, und das Früher ist plötzlich revolutionär anders geworden.

4.8.2. Wasser ohne Ufer

Jedes hinreichend weit entwickelte Welt(bild) dürfte Erinnerungen und Erwartungen enthalten. Speziell bei dem unsrigen lassen sich beide unvorstellbar weit in Richtung Historie, Situation bzw. Futur ausdehnen, weil wir mittels der Naturgesetze das Früher, Jetzt und Später bis in fernste „Räume“ und „Zeiten“ – nicht be-, sondern – errechnen, das heißt, als Welt(bild) in das Nichts hinein projizieren können. 

Diese Historie hat es nie gegeben; wir wissen nicht von ihr, sondern konstruieren sie. Analog verhält es sich natürlich mit dem Futurum; das erwarten bzw, befürchten wir – wird aber nur partiell eintreten. Die Sonne als Roter Riese beispielsweise kann uns völlig gleichgültig sein, denn sie hat nichts mit unserer Zukunft zu tun.

 

Solange wir leben, wird unser Welt(bild) natürlich immer anders; es ist also ZEITLICH in einem doppelten Sinne:

Zum einen umfaßt es in Form der Wissungen die gesamte „Zeit“ vom Früher über das Jetzt bis zum Später; Historie, Situation und Futur.

Und zum anderen hat das Welt(bild) sich – in Form einer Genese – als Resultat unseres bisherigen zeitlichen Lebens und damit der gesamten Vergangenheit herausgebildet. Ausnahmslos alle Erlebungen entstammen ihr; sie wurden überformt, und vieles von dem, was wir einmal geglaubt haben oder wovon wir sogar überzeugt waren, bildet nur noch in Form seiner Konsequenzen einen Teil der Gegenwart; sie ist aufgehobene Vergangenheit.

Völlig problemlos setzt sich diese Entwicklung unseres Weltbilds natürlich fort, solange wir leben.

 

Als einer sehr schönen Möglichkeit, den mir als wesentlich erscheinenden Punkt zu verdeutlichen, können wir von Heraklits Erkenntnis ausgehen, daß „man nicht zweimal in das gleiche Wasser steigen kann“.

Die Interpretation ist wohl eindeutig; der Fluß des Wassers steht für das angebliche Vergehen der „Zeit“. Zu diesem Bild gehören jedoch auch die beiden Ufer, denn zum einen gibt es ohne sie gar keinen Fluß, und zum anderen steigen wir von ihnen aus in das Wasser.

 

Daß wir die Zeit ernstnehmen, bedeutet, unser Heraklit-Zitat korrigieren zu müssen:

Wir steigen auch nicht einmal in das Wasser, sondern befinden uns immer schon darin. Es gibt nur Wasser und – ohne Ufer – nicht einmal einen Fluß; das ozeanische Wasser versinnbildlicht das zeitliche Leben.

Darin entstehen und vergehen immer wieder zeitlose Eisstückchen oder auch -berge, die für unsere Welt(bild)er stehen, an denen wir uns im uferlosen Wasser orientieren können – und müssen, denn wir haben nichts anderes.

 

Damit sollte eine wichtige Anderung, die den Übergang zu unserem Denken entscheidend charaktierisiert, deutlich werden:

Die Tradition geht von dem zeitlos-ewigen Rahmen der Urbilder aus. Er entspricht den beiden Ufern, zwischen denen der Fluß unseres „Lebens“ fließt. Darin wiederholt sich natürlich keine Situation exakt; Heraklit hat Recht, aber mit Zeit hat das noch nichts zu tun. Woher soll die auf einmal kommen, bei fest vorgegebenen Rahmenbedingungen?

Letztere fehlen bei uns vollständig; das Primäre besteht im Leben. Darin schaffen wir uns selbst für eine bestimmte Dauer relative Orientierungshilfen; mehr ist ohne urbildliche Ufer nicht möglich.

Natürlich gibt es noch den Ursprung; aber als impliziter – zwar wirklich, jedoch nicht gegeben – stellt er keine Orientierungshilfe dar; dazu müßte er erst durch unser Leben zu den Erfahrungen expliziert werden, so daß er das Welt(bild) verandern kann.

4.8.3. Historischer Konsens

Wir müssen uns orientieren (können) und tun dies anhand unseres gegenwärtigen Welt(bild)s, zu dem neben den Erinnerungen und Erwartungen beispielsweise auch unsere historischen, politischen, religiösen, metaphysischen oder wissenschaftlichen Überzeugungen gehören.

Die Frage, ob sie wahr sind, ist nicht nur irrelevant, sondern sogar unverständlich; wenn die Überzeugungen helfen, unsere Wünsche zu erfüllen, waren es dafür die richtigen. Fraglich bleibt allein, ob auch unsere Wünsche die richtigen waren oder wir zu kurz gegriffen haben.

Gegenwärtig besitzen wir irgendwelche Überzeugungen; bei mir sind es unter anderem diejenigen, die ich Ihnen hier zu vermitteln versuche. Freilich in der Hoffnung, daß ich in 10 Jahren ein anderes Buch schreiben würde, in dem das vorliegende positiv aufgehoben ist. 

 

In der Vergangenheit ist das gegenwärtige Welt(bild) entstanden, und in der Zukunft wird es sich weiterhin andern; wohin, wissen wir nicht.

In jeder Gegenwart schauen wir ebenso zurück wie voraus; es gibt keine Zukunfts-, sondern lediglich Später-Forscher. Ihr Pendant bilden die Historiker, die über das Früher ihres jeweiligen Welt(bild)s sprechen und sich vielleicht darauf einigen, wie sie es gemeinam sehen wollen oder sollten.

Das „Früher, wie es wirklich einmal war,“ besteht in der Vergangenheit und ist in der Gegenwart aufgehoben, aber als Vergangenheit – nichts.

 

Ich habe beispielsweise die Erinnerung, daß mir im letzten Sommerurlaub nach einer bestimmten Speise schlecht geworden ist. Diese Erinnerung dient mir als Orientierung, und ich verzichte seitdem lieber darauf, das Gericht nochmals zu probieren.

Und das, obwohl ich weiß, daß die betreffende Erinnerung gar keine an meine Vergangenheit darstellen muß. Ich lebe so, will die „Richtigkeit“ gar nicht nachprüfen und komme mit dieser „Ungewißheit“ ganz gut zurecht. So funktioniert Vorbeugung ja immer; wir orientieren uns an unserem Wissen und nicht an dessen angeblichem Wovon.

Worin sollte eine solche Überprüfung auch bestehen können? Und wie kann sie überhaupt möglich sein, wenn die Vergangenheit als solche nicht existiert?

 

Aus dem Nichts der Vergangenheit als solcher müßten Erinnerungen und damit Gegenwart werden. Aber wie soll das gehen? Wir können wegen der Irreversibilität der Zeit nicht in die Vergangenheit eintauchen; wohin sollten wir dabei auch tauchen?

Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit, nämlich diejenige, mit anderen Subjekten zu sprechen, deren diesbezügliche Erinnerungen in einem Zusammenhang mit den meinigen stehen könnten.

Ich bemühe mich also um Tagebuchaufzeichnungen, Gespräche mit den anderen Gästen von damals, Hinweise des Kochs und Gärtners, der Krankenhausmitarbeiter, Tafel oder Kripo usw. Wenn alles, was ich dabei erfahre, gut zusammenpaßt, ineinanderspielt und sich gegenseitig trägt, entsteht für mich eine historische Vorstellung, die vertrauenserweckend und einigermaßen belastbar ist.

Ich habe Historiker gespielt und einen Konsens bezüglich meines subjektiven Früher gefunden; wenn alle Beteiligten es gemeinsam so sehen, treten keine Widersprüche auf – und mehr geht gar nicht.

 

In diesem Sinne würde ich mir auch den Umgang mit der „Auschwitz-Lüge“ wünschen.

Nicht behaupten, daß es wirklich so war; das ist immer sinnlos – weil unverständlich. Wir verfügen jedoch über abertausende Anhaltspunkte im weitesten Sinne, die alle so gut zusammenpassen, ineinanderspielen und sich gegenseitig tragen, daß wir als Historiker gar nicht anders können, als uns gemeinschaftlich zu erinnern

Da hätte die – Erfindung einer – „Paris-Lüge“, derzufolge die Französische Revolution nie stattgefunden haben soll, wohl viel bessere Chancen, sich durchzusetzen.

4.8.4. In Geschichten verstrickt

„Wenn Sie Recht hätten, wäre die Frage danach, was wirklich einmal war, bereits falsch gestellt, denn sie läßt sich nicht sinnvoll beantworten.“

Völlig richtig; es geht nicht um irgendeine Welt mir ihren angeblichen Fakten, sondern allein um unser Leben, und das kann keine zeitlos-diskreten Fakten enthalten, weil es zeitlich-kontinuierlich ist.

 

Daß wir nahezu 100%-ig vom Gegenteil überzeugt sind, liegt allein daran, daß wir über unser Leben weder nachdenken noch sprechen können, ohne es zu beschreiben. Das geschieht anhand der Lebens-Erfahrungen, die zugleich Welt-Sachverhalte sind

Unser Leben wäre zwar ohne seine Beschreibungen gar nicht möglich, denn es kann weder ohne Reflektieren noch ohne Kommunizieren gelingen; nichtsdestotrotz müssen wir diese beiden Seiten aber deutlich voneinander unterscheiden.

Einerseits bildet das Beschreiben einen integralen Teil des Lebens und steht ihm nicht als Fremdes gegenüber.

Andererseits beschreiben wir ausschließlich Lebens-Erfahrungen – und das sind notwendigerweise auch Sachverhalte in der WELT.

 

Dadurch bestehen die Beschreibungen unseres Lebens in Geschichten, die zugleich in der WELT spielen. Wir sind „in Geschichten verstrickt“ (Wilhelm Schapp), weil wir zwar in der zeitlichen Geschichte leben, unser Leben aber nur mit Hilfe von Fakten der „zeitlichen“ Historie beschreiben können.

Daraus folgert die Tradition irrtümlich, daß wir in der „Welt“ „leben“ müßten, wobei dieses „Leben“ in der erzählten „zeitlichen“ Reihenfolge von Fakten besteht.

Mit anderen Worten:

Nicht die Angabe, beispielsweise an dem und dem Tag geboren zu sein, ist falsch, sehr wohl aber die Vorstellung, unser Leben setze sich aus derartigen Fakten zusammen. Sie entstehen erst durch die Geschichten, mittels derer wir unser faktenloses Leben denken, beschreiben oder darstellen.

Ein fremdes Subjekt kann viel mehr meiner Lebens-Fakten wissen als ich selbst; mit meinem Leben hat das nichts zu tun.

 

„Damit stoßen wir  erneut auf die Einsicht, daß es auch irrelevant sein muß, ob Jesus tatsächlich Wunder gewirkt hat.“

Natürlich; ich finde die Vorstellung, daß Gott ein paar Wunder wirken muß, damit seine Geschöpfe an ihn glauben, entsetzlich. Wäre das tatsächlich notwendig, kann seine Offenbarung nicht viel wert sein – jedenfalls weniger als die Wunder. Wer ihretwegen die „Offenbarung“ verkündet, verkündet keine Offenbarung, sondern erzählt Geschichten über die Sachverhalte in seiner subjektiven Welt, und die sind niemals sonderlich interessant oder wichtig.

 

Die Krönung eines solchen Denkens besteht vielleicht darin zu zeigen, daß Gottes Handeln „durchaus mit den Naturgesetzen vereinbar“ ist. In diese Richtung denkt beispielsweise Frank J. Tipler, Professor für mathematische Physik in New Orleans.

In seinem Buch „Die Physik der Unsterblichkeit“ will er letztere beweisen, und in der „Physik des Christentums“ zeigt Frank J. Tipler, daß durch die – uns heute leider noch versagte – „Bündelung eines Neutrinostrahls tatsächlich die Möglichkeit besteht, daß Jesus die Schwerkraft überwunden hat und über das Wasser gelaufen ist, wenn er einen solchen Strahl unter seinen Füßen erzeugen konnte“.

Das Wunder besteht also darin, daß Gott uns 2000 Jahre voraus ist; Wahnsinn! Wer dann nicht an ihn glaubt . . .

 

Die Wunder-Geschichten, die wir gegebenenfalls erzählen, entstammen einer diesseitigen „Gegenwelt“ (Heinrich Rombach), die uns irritieren und staunen lassen soll, damit wir uns dessen bewußt werden, wie primitiv unsere Welt ist, auf die wir möglicherweise so stolz sind.

Bei Friederike von Bünau habe ich im Vorwort zu ihrem Buch „Wunder“ eine sehr schöne Darstellung gefunden:

„Von jeher lassen sich Wunder nur anschauen, nicht durchschauen. Das macht ihren Zauber. Sie hüten ein Geheimnis, das dem Menschen verschlossen bleibt, ihn in seinem Inneren aber tief berührt. In seinen Ängsten vor Krankheit und Tod, seinem Ausgeliefertsein und seiner Machtlosigkeit ebenso wie in seinen Wünschen nach dem Großen, dem Möglichen und Unmöglichen, seinen Hoffnungen.

Das Wunder läßt Fragen offen, und es lädt zum Weiterfragen ein.“

 

Aber – möchte ich unbedingt ergänzen – es hat

– entweder ebenso wenig mit Gott zu tun wie die außergewöhnlichen Erfahrungen oben,

– oder ebenso viel wie alles – weil ohne Gott gar nichts wäre –,

denn wir können weder auf ihn noch auf sein Wirken zeigen.

4.8.5. Wirklichkeit des Glaubens

„Bei den Wundern kann ich mitgehen; die Offenbarung muß uns begeistern; tut sie das nicht, sind auch die unterstreichenden Wunder unnötig. Das Spektakuläre ist entweder die Offenbarung selbst oder gar nichts.

Aber eine prinzipiell unerreichbare Vergangenheit hätte doch für den christlichen Glauben Konsequenzen, die weit über die biblischen Wundergeschichten hinausgehen. Nehmen wir als Beispiel Maria; können Sie ihr „ja“ als eine bloße Geschichte abtun, die halt von der Kirche erzählt wird? Andere schildern, Nero habe Rom angezündet; das sind alles historische Geschichten, die unser Früher konstituieren, aber nichts mit der Vergangenheit zu tun haben (müssen).“

 

Ich sehe da keine Schwierigkeiten und versuche, meine Position anhand der Exerzitien des Ignatius zu erläutern.

Ihnen folgend sollen wir uns vorstellen, die drei göttlichen Personen schauen in ihrer Dienstbesprechung sorgenvoll auf die Erde mit ihren verrückt gewordenen Menschen. „Einer von uns muß hin, um ihnen zu helfen.“ Christus erklärt sich bereit, hat aber ein Problem: „Wie komme ich da runter? Da müßte eine Frau bereit sein, mich zur Welt zu bringen.“

„Gott sei Dank; Maria übernimmt das . . .“

. . . und wir sind fein raus! Wir danken und verehren Maria, haben aber mit den Ganzen eigentlich nichts zu tun.

 

Das ist die offizielle Version. Wer an ihr festhalten möchte, muß meine Überlegungen zur ZEIT natürlich ablehnen; es kann nicht sein, daß in der Kirche nur Geschichten erzählt werden.

Ich sehe letzteres ebenso, versuche dieses Problems jedoch anders zu lösen:

Nich behaupten, das mit Maria sei wirklich so gewesen – in einer Vergangenheit, die mit dem Früher zusammenfällt –, sondern selbst eine Maria werden.

Dazu müssen wir kein Baby bekommen, das als Sohn Gottes behauptet wird; vielmehr gilt es zu akzeptieren, daß Gott in dieser WELT nur durch uns wirken und allein so das Reich Gottes hier schon senfkornhaft beginnen kann.

 

Dorothee Sölle formulierte das Gemeinte unter Berufung auf Bonhoeffer folgendermaßen:

„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Christus hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Christus hat kein Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“

 

Im christlichen Glauben geht es um die Wirklichkeit; aber die können wir niemals wissen, denken oder sagen, sondern nur leben.

In unserem Ansatz ist keine einzige Aussage wirklich, sondern allein Gott, und dadurch wird unser Leben ebenfalls wirklich, weil es aus Gott hervorgeht. Somit kann es auch wahr oder unwahr sein – was bei leblosen Sätzen ausgechlossen ist.

„Der Satz ‚Maria ist die Mutter Gottes‘ muß also falsch sein?“

Nein; er ist unwirklich und damit weder wahr noch falsch.

Aber in einer konkreten Situation kann es sehr wohl wahr bzw. falsch sein, diesen Satz zu sagen, denn – im Gegensatz zu bloßen Sätzen – gehört das Sagen zum Leben.

Emmanuel Levinas thematisierte entsprechende Überlegungen sehr stark als den Unterschied zwischen Sagen und Gesagtem.

4.8.6. Gegenwärtigkeit der Subjekte

Betrachten wir als Beispiel die lockere Aussage, daß unsere Kindheit und Jugend der Vergangenheit angehören; sie kann auf zweierlei Weise verstanden werden.

Meinen wir mit Kindheit und Jugend – wie üblich – unsere Erinnerungen oder diesbezüglichen Früher-Vorstellungen, so stimmt die Aussage nicht, denn das sind Wissungen der Gegenwart Das Paradebeispiel bildet unsere Biographie; darin beschreiben wir unser Leben mit Fakten unseres gegenwärtigen Welt(bild)s; von der Vergangenheit kann sie also nichts enthalten.

Nehmen wir letztere dagegen ernst, dann ist unsere obige „Aussage“ zwar nicht falsch, aber auch keine Aussage, weil wir nicht wissen, was mit „Kindheit“ bzw. „Jugend“ gemeint sein könnte.

 

Das können wir scheinbar auch noch ganz anders erklären:

Subjekte sind nicht stabil, identisch, konstant oder wie auch immer wir ihre häufig erwünschte Unveränderlichkeit verstehen wollen, weil sie in der Zeit leben. Die Körper werden anders, und von einer unsterblichen Seele wissen wir nichts.

Sind die Subjekte jedoch ebenso zeitlich wie ihr Leben, können sie auch nicht – wie identisch Bleibende – zeitliche Lebensphasen durchlaufen, denn dies würde doch voraussetzen, daß wir gegenwärtig diejenigen sind, die wir in der Vergangenheit schon waren und in der Zukunft immer noch sein werden. Es gibt also weder unsere Kindheit oder Jugend noch unser Alter – weil dieses „unser(e)“ fehlt.

Das resultiert zwingend, weil immer nur die Gegenwart ist; auch für die Stabilität der „Subjekte“ wird die Metaphysik der Präsenz mit ihrem Nous benötigt.

 

Die Gegenwart ist natürlich immer die unsrige, denn wir leben in ihr. Aber wir gehen nicht über die Gegenwart hinaus oder überragen sie nicht in die Vergangenheit bzw. Zukunft hinein – weil die beiden gar nicht „neben“ der Gegenwart existieren. Vielmehr gehört jedes Subjekt nur seiner Gegenwart an.

Meine Vergangenheit könnte es jedoch nur geben, wenn ich „stabil“ wäre, so daß dasjenige Subjekt, das gegenwärtig mit Recht „meine Gegenwart“ sagt, bereits in der Vergangenheit existierte und damals „meine Gegenwart“ hätte sagen können.

Entsprechend für die Zukunft; wenn ich als Subjekt mich nicht in sie hinein erstrecke, kann ich in der Zukunft auch nie von meiner Gegenwart sprechen.

 

„Ich erinnere mich aber noch recht gut an meinen Schulanfang; also muß es ihn – in der Vergangenheit – gegeben haben.“  

Nein; das stimmt nicht.

Sie leben in der Gegenwart und nur in der Gegenwart, wie ich gerade verdeutlichen wollte.

Zu Ihnen gehört Ihr Körper; auch das ist also nur gegenwärtig möglich.

Aber diese Gegenwart ist „zeitlich“ ausgedehnt, und dadurch gibt es diesen Körper – im Rahmen Ihres Welt(bild)s – kontinuierlich früher, jetzt und irgendwie auch später.

„Ihr Schulanfang“ war also

– weder in der Vergangenheit 

– noch der Schulanfang von Ihnen als Subjekt, sondern

– im Früher

– der Schulanfang Ihres Körpers.

 

Traditionell garantiert ein Innen die Identität der „Subjekte“ in der „Zeit“; was mit dem Körper geschieht, ist daran gemessen relativ belanglos.

Bei uns gibt es dagegen keine Identität der Subjekte, denn sie leben nur gegenwärtig; das entspricht der Wirklichkeits-Funktion.

Aber um ihr Leben gestalten zu können, benötigen die Subjekte einen „Vertreter“ im Welt(bild), der die Orientierungs-Funktion übernimmt. Das tut der eigene Körper, der folglich in der „Zeit“ (quasi-)kontinuierlich vorhanden sein muß. deshalb konnten wir soeben vom Schulanfang Ihres Körpers sprechen.

Sie hatten keinen Schulanfang, weil Sie in der Vergangenheit  noch gar nicht existierten. Damit bestreite ich nicht den „Schulanfang“, sondern gebe nur zu bedenken, daß dieses Wort

– seinen Sinn lediglich aus Ihrem gegenwärtigen Welt(bild) beziehen und

– sich damit nicht auf „Ihren Schulanfang“ beziehen kann, folglich

– nichts mit Ihren Lebens-Erfahrungen zu tun hat, sondern nur

– den Geschichten angehört, in die Sie verstrickt sind.

 

Nochmals zur Verdeutlichung:

Ihr Körper stellt über Jahrzehnte der „Zeit“ hinweg einen integralen Teil Ihrer gegenwärtigen Welt dar. Letztes Wochenende befand er sich vielleicht in Hamburg, zu den letzten Sommerferien auf Island und beim Schulanfang in seinem Geburtsort.

Innerhalb Ihrer Regallager-Welt existieren auf der Früher-Seite also viele Punkte und Linienstückchen mit mehr oder weniger großen Unterbrechungen, die verschiedene „Raum“-„Zeiten“ Ihres Körpers und damit seine (Quasi-)Kontinuität wiedergeben.

4.8.7. Erstmaligen und Wiederholungen

Hinter den Wahrnehmungen steht zum einen immer ein Überschuß, der bei den Erkennungen fehlt. Die Tradition sieht dieses Mehr in den Urbildern, die wir durch das Reale ersetzt haben. Zum anderen hat sich gezeigt, daß zwischen Wahrnehmungen und Erkennungen ein Zirkel besteht:

Einerseits sind die Wahrnehmungen primär, und die Erkennungen leiten sich aus ihnen ab.

Andererseits benötigen wir letztere, um das Reale auf den Begriff zu bringen, so daß es ohne die Erkennungen gar keine Wahrnehmungen geben würde.

Stehen wir damit vor dem Henne-Ei-Problem?

Nein, denn es löst sich auf durch unsere Unterscheidung zwischen Erstmaligen und Wiederholungen.

 

Wir  stehen am Bahnhof, warten auf den Zug und haben bestimmte Vorstellungen bezüglich seiner Ankunft. Sie können nicht erstmalig sein; Vorstellungen sind immer Wiederholungen. Das gilt natürlich keineswegs subjektiv; uns können laufend Dinge durch den Kopf gehen, auf die wir bisher noch nie gekommen waren. Aber die dafür erforderlichen Begriffe müssen immer schon vorliegen oder gespeichert sein, um in unseren aktualen Vorstellungen von dort wieder-ge-holt werden zu können.  

Es gibt keine Vorstellungen ohne Vorstellen bzw. keine Wiederholungen ohne Wiederholen. Aber das ist wohl unwichtig, hat meines Erachtens nichts mit Philosophie, sondern nur mit Grammatik zu tun, und dieses Vorstellen resp. Wiederholen gehören einfach zum Leben.

 

Nun kommt der Zug, und das kann heißen, daß unsere diesbezüglichen Erwartungen vollkommen bestätigt werden; dann sind auch die Wahrnehmungen bloße Wiederholungen, die wir abhaken und in unser ungeandertes Welt(bild) einordnen können.

Traditionell m es so sein, nachdem die Urbilder adäquat erkannt sind; mehr ist ja gar nicht möglich. Bei uns aber schon; das Reale kann in zahllosen Formen auf den Begriff gebracht werden, so daß ein Mehr immer möglich ist.

Das Reale gestattet es also, daß die Wahrnehmungen über bloß bestätigende Wiederholungen hinausgehen und zu einem erstmaligen Wahrnehmen – des Realen – führen.

„Wie ruhig dieser Zug fährt; ein technisches Wunderwerk“ kann nur andeuten, was ich meine. Ein Beispiel für das Erstmaligen verbietet sich von selbst, denn es kann nur ein wiederholtes sein.

 

Wichtig ist, daß wir soeben lediglich vom dem verbalen Erstmaligen gesprochen haben; es gibt keine Erstmaligungen im Sinnes des substantivischen Erstmaligen, denn das wären – Wahrnehmungen und damit – bereits Wiederholungen. Sie werden stets gewußt, während das verbale Erstmaligen prinzipiell unwißbar ist.

„Aber irgendwann hat es doch auch die Wahrnehmung Corona-Virus zum ersten Mal gegeben, und weshalb sollen wir nicht herausfinden können. wann das war?“

Sie haben 100%-ig Recht; sprechen aber von etwas ganz anderem:

Die Mediziner und Virologen beschäftigen sich mit Corona und finden dabei natürlich auch den angeblich ersten Fall; das ist eine Wissung im historischen Früher der Welt des betreffenden Forschers .  

Aber das hat mit dem verbalen Erstmaligen nichts zu tun, denn dieses geschieht stets durch ein Subjekt – in diesem Fall den betreffenden Erkrankten – in seinem Leben oder als integraler Teil desselben und ohne alle Wissungen – weil sie vom Leben gar nicht möglich sind.

 

Verallgemeinert bedeutet dies (in Anlehnung an „Differenz und Wiederholung“ von Gilles Deleuze):

1. Das substantivische Erstmalige gehört somit der „Zeit“ an und ist nur darin erstmalig.

2. Zeitlich handelt es sich um eine Wiederholung.

3. Es ergibt sich, indem wir innerhalb der Wiederholungen „zeitlich“ bis zur ersten von ihnen zurück denken.

4. Das verbale Erstmaligen erfolgt dagegen im zeitlichen Leben.

5. Es erstmaligt oder ermöglicht also nicht das Erstmalige, sondern die Wiederholungen.

6. Ohne sie gäbe es auch kein Erstmaliges.

 

„Beim Letztmaligen verhält es sich völlig analog; irgendwann wird eine Wissung das letzte Mal genutzt. Das nutzende Subjekt weiß das nicht, und die Historiker stellen lediglich rückblickend fest, daß die Wissung nicht mehr auftritt.“

Ja; das ist natürlich richtig. Ich spinne den Gedanken noch ein wenig weiter, betrachte seine Fortsetzung aber nur als anregende Idee zum Selbst-Denken und werde sie nicht weiter berücksichtigen: 

Ohne Wiederholungen können wir weder das Erst- noch das Letztmalige wissen.

Daraus folgt aber keineswegs, daß sie nicht existieren.

Es wäre also logisch widerspruchsfrei denkbar, daß Erst- und Letztmaliges zusammenfallen.

Dieses prinzipiell Unwißbare bildet per definitionem das Einzige.

 

Damit hätten wir ein abstraktes Verständnis des Einzigen, das dem Einzelnen der Tradition entspricht; insbesondere sind beide unsagbar. Ihr Allgemeines findet sein Pendant in unseren Wiederholungen.

„Es ist erstaunlich, wie viele abstrakt-blutleere traditionelle Annahmen einen vernünftigen Platz im Leben erhalten, indem Sie die unwirkliche Schau des ewigen Nous durch die Wirklichkeit der Zeit ersetzen.“ 

4.8.9. Beispiel für das Ineinander der beiden ZEITEN

Unsere gegenwärtigen Gedankengänge sind recht unüblich; konkretisieren wir sie deshalb an einem sehr einfachen Beispiel.

Es ist jetzt 12ºº, die Glocken läuten, Sie lesen hier im Buch, haben das Welt(bild)(12), so daß alles, was dazugehört, den Index „12“ bekommt, und heute Abend 21ºº möchten Sie Fußball sehen.

Aber nicht alles Gegenwärtige muß jetzt(12) sein; Sie können Ihre Gedanken im Welt-Regallager(12) vom Urknall(12) bis zum „Jüngsten Tag“(12) schweifen lassen und sich damit die gesamte „Zeit“(12) (sowie den „Raum“(12)) vergegegenwärtigen. Dazu gehört auch die Erwartung(12) des Fußballspiels(12) heute Abend(12) und die Vorfreude(12) darauf. 

Das Fußballspiel(21) selbst, das Sie in der Zukunft gegebenenfalls wirklich sehen werden, ist nicht das erwartete Fußballspiel(12) – in dem Dortmund natürlich gewinnt –; aber von jenem wissen Sie nichts, denn es liegt noch in der Zukunft.

Damit wollte ich die untere Hälfte der nachstehenden Tabelle beschreiben.

 

 

  früher(21) jetzt(21)                                                 
Gegenwart(21)   Fußballspiel(21) Weltbild(21)  
  Lesen(21) Erinnerung(21)    
Vergangenheit Lesen(12)      
       
Zukunft   Fuballspiel(21)    
  jetzt(12) später12)    
Gegenwart(12) Erwartung(12) Fußballspiel(12) Weltbild(12)  
  Lesen(12)      

 

Abbildung 4.8.8.

 

Kommen wir nun zur oberen Hälfte.

Es ist 21 Uhr, und darin besteht nun das Jetzt(21); freilich ein etwas anderes, als es das Später(12) war, weil wir zwischendurch gelebt haben und sich damit unter anderem auch unser Welt(bild) vom Welt(bild)(12) zum Welt(bild)(21) geandert hat. Ausnahmslos alles, was nun zur Gegenwart gehört, muß folglich den Index „21“ tragen.

Wir sehen – zwar wie erwartet, aber – nicht das erwartete Fußballspiel(12), sondern das nicht voraussehbare Fußballspiel(21) im neuen Weltbild(21). Das Lesen(12) gehört dagegen der Vergangenheit an, aber zum gegenwärtigen Früher(21) zählt das Lesen(21) als Erinnerung(21). Weder dieses Früher(21) noch das Lesen(21) hat es freilich jemals gegeben; ebensowenig wie das Fußballspiel(21) das erwartete Fußballspiel(12) sein kann.

 

„Ich habe eine (für den Leser nicht unbedingt notwendige) Idee!

Sie sind der Einfachheit und Übersichtlichkeit halber von zwei festen Terminen ausgegangen. Dazwischen liegen 9 Stunden, 9 x 60 Minuten, 9 x 60 x 60 Sekunden usw. Verfeinern wir die Rasterung in diesem Sinne immer weiter, so entsteht eine ’stroboskopische Beleuchtung‘. 

(Man versteht darunter extrem kurze und sehr dicht aufeinanderfolgende Lichtblitze. Wir kennen das alle vom Film; Autoräder beispielsweise scheinen sich trotz der Vorwärtsbewegung rückwärts zu drehen. Die Räder haben zwar zwischen zwei aufeinanderfolgenden  Bildern fast eine volle Umdrehung in der richtigen Richtung ausgeführt; aber unser Bewußtsein überspielt den Sprung oder die fehlende Kontinuität leichter durch eine angeblich geringe Rückwärtsbewegung.)

Damit erhalten wir einen Zusammenhang zwischen den beiden ZEITEN:

Ihre zwei „Zeiten“ – „Zeit“(12) und „Zeit“(21) – sind zeitlos, weil sie langen Tangentenstückchen an der Kurve der Zeit entsprechen. Jetzt erhöhen wir „stroboskopisch“ die Anzahl dieser Tangentenstückchen und verringern dafür entsprechend ihre Länge. Im Grenzfall unendlich vieler „Strecken“ der Länge 0 geht dann die „Zeit“ asymptotisch in die Zeit über.“

 

Ihre Idee klingt im ersten Moment gut, enthält aber zumindest zwei gravierende Fehler.

Zum einen läßt sich die Zeit nicht veranschaulichen; sie entspricht einem Wasser ohne Fluß. Insbesondere genügt es also nicht, den Strahl der „Zeit“ durch eine krumme Kurve zu ersetzen, da für die „Zeit“ nur die Länge von Bedeutung ist und somit jede kreuzungsfreie Linienführung möglich wäre.

Zum anderen stellt Ihr Beleuchten auch kein gutes Modell dar, weil es nicht nur darum geht, etwas prinzipiell Vorhandenes sichtbar zu machen. Die Zwischen-„Zeiten“ müssen erst hergestellt werden, indem wir in ihnen zu Wahrnehmungen gelangen, in denen sich Leben und Welt treffen. Dann lassen sich auch Geschichten darüber erzählen, wie wir es soeben für 12 Uhr und 21 Uhr getan haben.

4.8.10. Sitz im Leben

„Das Beispiel war schön und hat mir auch geholfen, Sie besser zu verstehen; nichtsdestotrotz bleibt es zu theoretisch. Mir fehlt noch irgendwie der Sitz Ihrer Überlegungen in meinem alltäglichen Leben.

Wann springt zum Beispiel die Gegenwart(12) in die Gegenwart(21)?“

 

Wir leben nicht in der „Zeit“, aber sämtliche Denkungen, Planungen, Erinnerungen, Widerlegungen usw. gehören ihr an, weil sie alle innerhalb des eo ispo („räumlichen“ und) „zeitlichen“ WELTBILDS spielen müssen.

Das gilt ebenso für das Handeln oder die Handlungen, die wir als Wissungen erleben; wir können sowohl Handlungs-Wahrnehmungen als auch -Erkennungen von unserem eigenen oder fremden Körpern haben.

 

Damit sollte nochmals deutlich werden, was wir unter dem „Leben“ verstehen; zwei Punkte sind dafür entscheidend:

Zum einen „leben“ „Subjekte“, wobei diese – menschliche oder tierische – Körper sein können, aber natürlich auch Roboter. Und im verbalen „Leben“ fassen wir alle diesbezüglichen Wissungen zusammen; also nicht nur die Denkungen, Planungen, Erinnerungen, Widerlegungen usw., sondern auch das Handeln bzw. die Handlungen.   

Zum anderen ist das alles ohne Leben und damit ohne Bewußtsein für uns ausgeschlossen, denn es könnte sich nur um Urbilder handeln. Wir benötigen also noch das Leben mit seinem Bewußtsein, in dem dieses „Leben“ in Form von Wissungen enthalten ist.

 

Stimmt beispielsweise der Satz „Moritz denkt nach“, so denkt Moritz nicht unbedingt nach, sondern wir erleben in unserem Bewußtsein, daß Moritz möglicherweise nachdenkt.

Der Name „Moritz“ benamt die Gestalt Moritz, und ob die wirklich nachdenkthängt von uns ab.

Machen wir die Moritz-Gestalt zu einer Körper-Wahrnehmung, dann tut sie es nicht, denn weder Körper noch Wahrnehmungen können nachdenken.

Anerkennen wir dagegen die Moritz-Gestalt als den Leib des uns unzugänglichen Subjekts namens „Moritz“, dann ist es auch möglich, daß Moritz nachdenkt. 

 

„Damit wird der Fehler, den die Tradition Ihres Erachtens begeht, sehr schön verständlich. Sie kennt nur den ersten der beiden Punkte und muß folglich die Wahrnehmungen – irgendwie – als wirklich betrachten. Dazu erfindet die Tradition Seiende, aber deren Abbilder sind natürlich nicht wirklich; daraus resultieren die vielen Unsauberkeiten, die wir uns im dritten Teil angeschaut hatten.“

Sehr schön; und weil die Tradition unseren zweiten Punkt ignoriert, nicht sieht oder versteht, benötigt sie weder die Zeit noch das Bewußtsein und kennt auch kein Leben. Ihr Innen hat mit unserem Bewußtsein nichts zu tun, sondern ist – hinsichtlich der Wahrnehmungen – lediglich die Schau des Nous. 

Aber daraus ergibt sich natürlich, daß dieser Zusammenhang einen sehr guten Einstieg in den „Metaphysischen Explikationismus für Fortgeschrittene“ bietet; hierauf kommen wir im siebenten Teil zurück.

 

Zu unserem Leben gehören also das Wahrnehmen sowie Erkennen, zusammengefaßt das verbale Wissen und speziell das Vorstellen; alle diese Tätigkeiten sind zeitlich. Wir beherrschen aber nicht nur diese Betätigungen, die zu Wissungen führen, sondern können auch wirklich „handeln“.

Natürlich ist Handeln dann falsch, weil wir das soeben mit den Handlungen zu einer bloßen Wissung erklärt haben. Das wirkliche zeitliche „Handeln“ definieren wir deshalb als Tun.

Das Wirken faßt schließlich das „zeitliche“ Handeln – Wissung – mit dem zeitlichen Tun – Leben – zusammen.

 

Dieser lange Vorspann mit seinen neuerlichen Begriffsdefinitionen war leider erforderlich, um Ihnen vernünftig antworten zu können.

Zunächst ist Ihre konkrete Frage falsch gestellt; wir leben  nicht in der „Zeit“, so daß auch kein „Wann“ existiert. Natürlich gebe ich zu, daß meine Ausdrucksweise mit Gegenwart(12) bzw. Gegenwart(21) dann ebenfalls inkonsistent war; weder kommen die darin enhaltenen „Zeit“-Punkte in der Zeit vor, noch sind zwei Gegenwarten denkbar.

 

Zum Sitz im Leben.

Wir können sinnvoll drei Lebensweisen hervorheben.

Ich schreibe ganz bewußt nicht „unterscheiden“, denn das wäre falsch; Unterscheidungen betreffen das Wissen und haben mit dem Leben nichts zu tun. Letzteres bildet ein Kontinuum, an dem wir Schwerpunkte hervorheben können.

Ein geeignetes Bild wäre die glattweise Tischdecke, die keine Unterscheidungen kennt und sich an den verschiedensten Stellen mit zwei Fingern ergreifen und anheben läßt; stets kommt – auf verschiedene Weise – die gesamte Tischdecke mit.

Drei solcher „Angriffspunkte“ meine ich; zu unserem zeitlichen Leben gehören

Erleben,

Widerfahren und

Tun.  

Wir können nicht sagen, das Erleben sei aktiv sowie das Widerfahren passiv und beide unterschieden sich vom Tun. Es gibt tatsächlich keine Unterscheidungen sondern lediglich Schwerpunktsetzungen oder „Angriffspunkte“, weil stets die gesamte Tischdecke angehoben wird bzw. jedes Erleben auch ein Widerfahren und ein Tun ist.

 

Bei der nachfolgenden Formulierung lehne ich mich an Karl Heinz Witte an:

Das lebensentscheidende Wirken wird zwar – „zeitlich“ – geplant, angezielt oder erwogen, ereignet sich jedoch im zündenden Moment – zeitlich –, ohne es in der „Zeit“ eintakten zu können.

Nach langem – „zeitlichen“ – Hin und her greife ich – zeitlich – zum Telefon, um mich zu erklären; schicke ich eine Bewerbung ab oder gestehe meine Liebe ein. Das Vor- und Nachbereiten werden – „zeitlich“ – kontinuierlich durchegarbeitet, der entscheidende Moment geschieht jedoch – zeitlich – in einem Lebens-Sprung oder in einem ‚Kick‘, der – „zeitlich“ – geübt, aber nicht herbeigezwungen werden kann, wie viele Fußballtragödien zeigen.

4.9. Setzungen

Daß wir nur über das nachdenken oder sprechen können, was wir wissen, ist tautologisch, und diesbezüglich gibt es auch keinen Dissens zwischen uns und den Traditionalisten. Letztere fügen dieser Selbstverständlichkeit lediglich noch die leere Behauptung hinzu, ihr Wissen entstamme nicht dem subjektiven Bewußtsein, sondern einer objektiven Abbildung, besitze somit einen Referenten und sei folglich Wissen von Seienden.

„Und wenn wir auf diese Amaßung verzichten, ändert sich zunächst einmal lediglich, daß wir von unserem Wissen total überzeugt sein können und auch dürfen, es jedoch trotzdem nicht als wahr auszugeben haben.“ 

Ja; das hat aber auch noch Konsequenzen in einer Hinsicht, die wir bisher nicht beachtet haben.

 

Wir alle können sagen „Ich besitze Wissen vom Merkur; zum Beispiel weiß ich, daß es der sonnennächste Planet ist“, aber die Interpretationen dieses Satzes gehen auseinander.

Traditionell besagt er: Es gibt einen Planeten namens „Merkur“, der sich im Sonnensystem ganz innen befindet.

Für uns ist kein dingliches oder substanzielles Sonnensystem mit einem Merkur vorhanden; dennoch können auch wir von ihm wissen, räumen dabei aber ein, daß der Merkur selbst nur Wissen darstellt. Wir verzichten also darauf, an irgendeiner Stelle aus dem Wissen herauszuspringen in eine angebliche Wirklichkeit als dem Wovon dieses Wissens. Sprechen wir vom Merkur, so schildern wir unser Wissen, belassen es dabei und behaupten nichts darüber hinaus.

In diesem Sinne geben wir auch gerne zu, Wissen vom Merkur zu besitzen, denn Wissen von Wissen ist eben auch nur Wissen. Wenn ich immer betont habe, das Wissen besitze bei uns keinen Referenten, dann war das also richtig, und wir bleiben auch dabei:

Es gibt kein Wissen von Nicht-Wissen, und Wissen von Wissen ist – referenzloses – Wissen.

 

Sollte Ihnen beim Lesen soeben die Unterscheidung von Mitterer zwischen Wissen so far und Wissen from now on in den Sinn gekommen sein, wäre das großartig; er denkt wohl ganz in diesem Sinne:

Das Wissen so far steht für die traditionellen Seienden und bei uns für das zweite „Wissen“ in „Wissen von Wissen“

Das Wissen from now on entspricht dem traditionellen Wissen – von den Seienden – bzw. dem ersten „Wissen“ unseres „Wissen von Wissen“.

Wir verfügen über Wissen from now on vom Wissen so far.

 

Die Gesamtheit unseres Wissens scheint also ein sich selbst tragendes oder stabilisierendes Gerüst zu bilden, das dann natürlich subjektiv und rein geistig sein muß. Es besitzt auf den ersten Blick kein Fundament und ist nirgends arretiert, sondern schwebt vollkommen frei. Wo sollte es sich ohne jegliche Referenten befestigen lassen?

Das ist einfach und selbstverständlich: Jede Frage kann nur subjektiv sowohl innerhalb des Wissens gestellt als auch beantwortet werden. Wer etwas anderes behauptet, springt aus dem integralen Wissenszusammenhang heraus und beansprucht, eine objektive Glaubensforderung zu erheben, der sich alle fügen müssen.

Dieses Imperium des Wissens bildet den Horizont alles Erkenn-, Wahrnehm- oder Sagbaren und damit unser Weltbild; es kann für uns nichts außerhalb von ihm geben.

 

„Aber so einfach geht das doch nicht. Angenommen in Ihrem Weltbild kommt – aus welchen Gründen auch immer – der Teufel nicht vor. Daraus zu folgern, daß es keinen gibt, erinnert mich an kleine Kinder, die ihre Augen schließen, um sich zu verstecken . . .“

Nein; das stimmt nicht; in Ihrer Argumentation stecken meines Erachtens zumindest zwei Denkfehler:

Zum einen setzen Sie den Teufel als Seiendes voraus; nur dann kann es ihn auch für mich geben, ohne daß ich ihn kenne.

Zum anderen schließe ich aus der Nicht-Existenz des Teufels in meinem Weltbild keineswegs, daß es ihn nicht gibt, denn was in meinem Weltbild nicht enthalten ist, kann auch in meinen Schlußfolgerungen nicht vorkommen.

Ein X, das in meinem Weltbild „fehlt“, fehlt nicht.

„Das heißt, je dümmer ich bin, um so weniger vermisse ich?“

Ich habe ein bißchen Hemmungen, mit „ja“ zu antworten; aber haben Ihnen Ihre Lebenserfahrungen etwas anderes gelehrt?

4.9.1. Weltbild im weiteren und im engeren Sinne

„Jetzt bringen Sie mich völlig durcheinander; laufend habe ich von Ihnen gehört, daß wir von Gott, dem Ursprung, Leben und Realen nicht(s) wissen können. Und nun soll es für uns plötzlich nichts anderes als Wissen geben. Vielleicht legen Sie sich einfach fest . . .“

Nein; das ist nicht erforderlich, denn es stimmt beides. Um das zu verdeutlichen, unterscheiden wir drei Arten des Wissens.

 

Zur ersten Art gehört der Merkur; allgemein handelt es sich hierbei um Wissen, von dem wir wissen, und das bildet den „Normalfall“.

 

Auch das Leben und das Reale sind ganz bestimmte Wissungen –  andernfalls könnten wir statt ihrer auch blablabla sagen. Das Leben ist weder das Reale noch ein Kochtopf; aber es sind Wissungen, von denen wir nichts wissen.

Wir wissen bei ihnen, wovon wir nichts wissen.

Das deutlichste Beispiel hierfür – auf das wir im nächsten Teil zu sprechen kommen werden – bildet das Unbewußte; es ist notwendig oder wird eingeführt, um bestimmte Zusammenhänge und Verhaltensweisen zu erklären, die sonst völlig unverständlich blieben. Wir wissen also vielleicht, woher es kommt und wohin es führt, dem Namen entsprechend jedoch nichts von ihm.

 

Absichtlich habe ich im letzten Absatz Gott und den Ursprung weggelassen.

Für unsere Überlegungen ist das Wissen Gott sowie Ursprung ebenso notwendig wie die Wissungen Leben, Reales und Unbewußtes; ich kann auf keinen dieser Begriffe verzichten, ohne daß mein ganzes Weltbild zusammenbricht.

Aber das ist eben nur ein rein logisches Erfordernis. Natürlich ist es auch Theorie, daß aus nichts nichts wird; deswegen hätten wir Gott und den Ursprung auch bei unserer zweiten Art des Wissens mit aufführen können. Bei ihnen genügt die Logik oder Theorie jedoch nicht, sondern sie müssen wirklich alles in die Zeit rufen – andernfalls könnten wir jetzt nicht darüber nachdenken.

Einfacher gesagt:

Ohne das Leben, Reale und Unbewußte wäre mein Weltbild falsch.

Ohne Gott und den Ursprung wüßte ich nichts davon.

 

Bei allen drei Arten sprechen wir weiterhin von Wissen; ohne Seiende oder Referenten ist es synonym mit dem Begriff.

Gott und der Ursprung bilden per definitionen Setzungen, und unsere Wissungen beschränken wir von nun an auf die ersten beiden Arten des Wissens.

 

 

Weltbild i. w. S.                                       
(substantivisches) Wissen  
     
  Weltbild i. e.S.  
Setzungen Wissungen  
theoretisches Erfordernis theoretisches Erfordernis  
wirkliche Ermöglichung ——————  
Wissen von
Wissen von Wissen von Wissen  
       
Gott, Ursprung Leben, Reales, Unbewußtes Merkur ud fast alles andere  

 

Abbildung 4.9.1.

 

Ein wenig können wir uns das Gemeinte noch an der Mathematik verdeutlichen.

Wer lediglich die geometrischen Axiome kennt, weiß noch nichts von Punkt, Gerade oder Ebene; keine ihrer Eigenschaften ist ihm gegeben; er kennt nur die definierten Begriffe selbst; die Axiome sind „Setzungen“.

Von unseren „richtigen“ Setzungen unterscheidet sie freilich, daß wir die Konsequenzen oder Ableitungen der Axiome bestimmen und damit zu den Eigenschaften von Punkt, Gerade oder Ebene gelangen können, womit  sich die „Setzungen“ als Wissungen entpuppen.

 

„Und wieso benötigen wir auf einmal zwei Weltbilder?“

Dasjenige von ihnen, das wir oben als den größten Horizont aller Denkbarkeit erklären wollten, ist im nun das Weltbild i. w. S.; es umfaßt in unserem Fall auch die Setzungen Gott und Ursprung.

Durch sie ermöglicht oder unter deren Voraussetzung sind jedoch ungezählte verschiedene Weltbilder i. e. S. möglich; beispielsweise können wir uns die Erde als Kugel, Scheibe oder Hohlkugel denken. Beim Weltbild i. e. S. fehlt also das Unbedingte, ohne das – meines Erachtens – gar nichts wäre; darüber können wir reden, über die Setzungen nicht.

 

Nun ist auch meine unklare Ausdrucksweise von oben nicht mehr nötig:

Es gibt natürlich kein selbsttragendes oder freischwebendes Weltbild. Selbst wenn alles logisch sauber und konsistent gedacht wäre, würde es wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Wirklichen Halt – das heißt: Halt in der Wirklichkeit – verleihen dem Weltbild allein die Setzungen; sie stellenfür unser Weltbild i. e. S. „Fundamente“ dar.

 

Nichtsdestotrotz bilden die Setzungen im Sinne von Vattimos „schwachem Denken“ – keine wirklichen, sondern – nur scheinbare Fundamente, da ihre unbedingte Notwendigkeit nicht objektiv behauptet wird. Vielmehr bekenne ich persönlich nur:

Für mein Weltbild i e. S. sind die Setzungen unbedingt erforderlich, das heißt, müssen sie wirklich sein. Ich muß sie nicht wissen; aber wenn sie fehlen würden, hätte sich auch alles andere erübrigt.

Die Setzungen des Weltbilds i. w. S. sind also notwendige Prämissen für mein Weltbild i. e. S.

Natürlich kann ich das nur sagen, nachdem oder weil ich jenes weiß; keiner spricht über sein Nicht-Wissen. Unser Weltbild i. w. S. ist also an Voraussetzungen gebunden, die sich jedoch erst aus ihm selbst ergeben und deren Erfülltsein wir nur erhoffen können.

4.9.2. Wahrer und gesetzter Gott

Gott setzen wir durch die Definition, daß er derjenige ist, ohne den gar nichts wäre; er stellt unsere Antwort auf die Grundfrage dar: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?

Damit wissen wir nichts von Gott, sondern kennen lediglich das X, von dem wir nichts wissen. Gott ist kein Seiendes, sondern das – soeben formulierte – Wissen so far, zu dem uns jedes Wissen from now on fehlt.

Ich halte das für philosophisch sauber; wir haben mit dem Woher-von-Allem Gott als eine spezielle Setzung definiert und so ein Weltbild i. w. S. entworfen, das unübersehbar viele Weltbilder i. e. S. ermöglicht; nämlich alle diejenigen, die auf Urbilder verzichten.

Wer letztere favorisiert, benötigt natürlich auch keinen Gott; in einer fertigen „Welt“ kommt ihm keine Aufgabe mehr zu. Deswegen ist der Gottesglaube im Rahmen des traditionellen „Welt“-Bilds allein wegen des „Jenseits“ relevant; wer dessen Existenz bestreitet, weiß auch mit Gott nichts anzufangen.

 

Ich wollte sehr deutlich zum Ausdruck bringen, daß wir mit unserem Ablehnen der Urbilder oder Seienden etwas – für mich – überaus Zwingendes getan haben. Damit bricht die traditionelle Wirklichkeit weg, an deren Stelle die Setzung Gott tritt; und treten muß, um nicht bloße – wenn auch noch so brillante – Luftschlösser als Weltbilder i. e. S. zu bauen.

Damit stellt der Metaphysische Explikationismus meines Erachtens tatsächlich einen Versuch dar, den Glauben heute zu denken. Und Heideggers Ergänzung „Denken ist Danken“ kann ich aus tiefster Überzeugung zustimmen. Viele mögen sie vielleicht für zu pathetisch halten, ich möchte dagegen einfach nur ernstnehmen, daß „Vernunft“ von „Vernehmen“ kommt und Descartes sich mit seinem „ich denke“ durchaus getäuscht haben könnte.

 

(Christlich) Glaubende gehen davon aus, daß Gott – keine bloße Setzung darstellt, sondern – wirklich existiert und sich uns in der Geschichte geoffenbart hat. 

Wissen die Glaubenden dadurch, daß Gott existiert?

Nein, natürlich nicht; daß weiß niemand; weder der Papst noch irgendein Theologe.

Durch das, wovon die Glaubenden annehmen, es als die geschichtliche Offenbarung Gottes verstehen zu dürfen, ist eine ganz spezielle Hoffnung entstanden, die mit Recht „Frohe Botschaft“ genannt werden kann und für die die Kirche (ein)stehen müßte:   

Gott liebt ausnahmslos und ohne alle Vorbedingungen sämtliche Menschen (gleich); er will ihre Freiheit und ihr vollkommenes Heil – in jeglicher Hinsicht und ohne alle Abstriche. Deswegen hat er sie in Freiheit geschaffen – daher die Gottes-Ebenbildlichkeit – und aus Liebe die Garantie dafür übernommen, daß ausnahmslos jeder Mensch „rückblickend“ einmal glücklich und dankbar sein wird, geboren worden zu sein.

 

„Mit Ihrer Allversöhnungslehre kann ich nicht viel anfangen; das Neue Testament ist doch voller moralischer Appelle von Jesus. Und was für welcher; denken Sie allein an die Bergpredigt!“

Ja; aber da stellt sich doch die Frage, wie wir sie zu verstehen haben.

Aus den verschiedensten Gründen glaubt die Kirche leider heute noch allzuoft, diese moralischen Appelle als Einlaßbedingung für das Reich Gottes darstellen zu dürfen oder gar zu müssen. Es ist wohl für viele Menschen sehr schwierig, die eigene (schwindende) Macht nicht zu mißbrauchen. 

Für mich schildert Jesus dagegen sehr einfach – aber ebenso weise – die Voraussetzungen dafür, daß dieses Reich Gottes hier und jetzt schon senfkornhaft beginnen kann; eine Lebens-Empfehlung also und keine Gehorsamkeits-Forderung; es geht ihm um Naherwartung und nicht um Jenseitsvertröstung; er will für uns die Fülle des Lebens, nicht seine Begrenzung.

 

Nun haben wir aber keine zwei „Götter“, sondern ich kann nicht umhin, sie zusammenzudenken.

Meine Setzung Gottes als der Ohne-ihn-wäre-gar-nichts bildet das Wissen so far für den christlichen Gott als dem Wissen from now on. Ohne jenen wüßte ich gar nicht, wer diese großartigen Eigenschaften der unbedingten Menschenliebe und -freiheit besitzen soll – weil ich keinen Urbild-Gott in der Hinterwelt erfinden will.

Beide „Götter“ entsprechen „nur“ Hoffnungen.

 

Die meinige erweist sich freilich als nur klein und letztlich unwichtig; ist der von mir gesetzte Gott unwirklich, wird mein umfassendes Weltbild falsch und damit jedes darin enthaltene hinfällig, aber das ist nicht schlimm.

Ich kann ehrlichen Herzens sowie nach bestem Wissen und Gewissen mit meinem Weltbild i. w. S. leben sowie auch dem einen anderen helfen; mehr können und sollen Weltbilder wohl gar nicht leisten. „Nur wer strebend sich bemüht . . .“; das versuche ich.

 

Die christliche Hoffnung ist dagegen gewaltig; sie erwartet eine universale Gerechtigkeit, derzufolge sich das biblische „und siehe, es war gut“ allen zwischenzeitlichen Unkenrufen zum Trotz doch noch bestätigt.

Das ist fundamental, und daran hängt meines Erachtens alles; mit einem Unglücklichen, der seine Geburt verflucht, ist Gottes Projekt gescheitert.

Daran gemessen bin ich liebend gerne bereit anzuerkennen, mich mit meiner Setzung Gottes als Universal-Quelle getäuscht zu haben; diese Spezialisierung ist letztlich völlig belanglos. Aber meinen Grundgedanken, unmöglich bei Seienden beginnen zu können und deswegen Gott unbedingt – irgendwie sinnvoll – setzen zu müssen, bin ich nicht bereit aufzugeben.

4.10. Subjekte

Subjekte sind keine Setzungen; nicht weil wir auch von ihnen wüßten, sondern weil sie umgekehrt gar nicht zum Wissen zählen.

„Sie behaupten damit, Gott stehe ihm näher als die Subjekte?“

Ja; und das muß er auch; wäre Gott keine Setzung, käme er gar nicht vor, weil wir nicht Gott sind.

Aber Subjekt bin ich, und deshalb trete ich auch ohne alles Wissen in Erscheinung.

 

Um an dieses Subjekt-Sein heranzuführen, gehen wir von Thomas Nagels Frage aus: „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“

Natürlich weiß er das nicht, denn dazu müßte man zumindest Fledermaus sein.

Aber selbst das ist noch falsch, denn wir wissen auch nicht, wie es ist, Mensch zu sein; bestenfalls wie es ist, ich zu sein.

Das stimmt jedoch immer noch nicht:

Wir wissen auch nicht, wie es ist, ich zu sein, sondern sind, wie es ist, ich zu sein.

Damit gelangen wir zu einem ersten Zwischenergebnis:

Ich (als) Subjekt bin, wie es ist, ich zu sein.

 

Dieser Übergang zur ersten Person Singular ergibt sich recht zwingend, da wir vom wirklichen Sein und nicht bloßen Wissen sprechen; Sie müßten also entsprechend für sich selbst formulieren. Unsere eigenen Überlegungen können wir diesbezüglich auch noch einen Schritt weiterführen.

Das Leben ist subjektiv, und wir haben es bisher, ohne explizit darauf hinzuweisen, stets substantivisch verstanden, so daß es durch „ich lebe“ ersetzt werden könnte. Das scheint trivial, ist es jedoch nicht:

Ohne Ich gibt es natürlich kein verbales Leben, aber ohne verbales Leben auch kein Ich.

Das Ich als Subjekt und das verbale Leben bilden die beiden untrennbaren Seiten der einen Medaille des substantivischen Lebens.

 

Ich zu sein, bedeutet folglich zu leben. Ersetzen wir in unserem Nagelschen Ergebnis das „ich zu sein“ in diesem Sinne, so ergibt sich:

Ich (als) Subjekt bin, „wie es ist, zu leben“; damit wird auch nochmals verständlich, daß ohne verbales Leben auch kein Subjekt existiert.

Es ist somit kein Wer oder Was, sondern ein Wie; das Wie – „wie es ist, zu leben“.

Aus meinem verbalen Leben ergibt sich nicht, daß ich mich so und so – gut oder schlecht – fühle. Das wäre falsch, weil darin das Ich bereits vorausgesetzt wird, das doch durch das verbale Leben erst zustandekommt.

Vielmehr resultiert aus meinem verbalen Leben ein Ich (als) Subjekt, das im Sich-Fühlen besteht; genau zu diesem Ergebnis gelangt auch Michel Henry.

Ich (als) Subjekt bin das „wie es ist, zu leben“ oder das Sich-Fühlen durch das verbale Leben.

 

Dieser Gedankengang ist wohl ein wenig schwierig, weil – ohne substanziell-dinghaftes Subjekt – sehr ungewohnt; aber wir müssen ihn gut verstehen:

Das substantivische Leben entspricht nicht nur rein formal einer Medaille, weil es keine Vorder- ohne ihre Rückseite geben kann und umgelekrt; vielmehr handelt es sich um eine integrale inhaltliche Einheit.

Es gibt mich nicht als Subjekt, und dann lebe ich auch noch, sondern dieses „es gibt“ besteht allein im verbalen Leben; ich lebe nur; mein Sein oder Existieren ist mein verbales Leben.   

Und dieses erzeugt mich Subjekt als ein Sich-Fühlen oder „wie es ist, zu leben“.

Wir können trotzdem sinnvoll von meinem verbalen Leben sprechen, solange auch deutlich wird, daß es sich beim Ich entsprechend um dasjenige dieses verbalen Lebens handelt.

4.10.1. Gestalt und Auffassung

Wir müssen mit den Gestalten einen weiteren neuen Begriff einführen. Zum einen um bei unserem Verständnis der Subjekte weiterzukommen, und zum anderen um den gravierenden Unterschied zwischen Wahrnehmungen und Erkennungen – Verstehungen bzw. Vorstellungen – erklären zu können.

Die Gestalten bilden das sinnliche Pendant zu den geistigen Wissungen.

Aber damit ist erst etwas gesagt, wenn wir „sinnlich“ und „geistig“ verstehen.

 

Wissungen sind stets rein subjektivund das ist mit „geistig“ gemeint.

Ersteres überrascht Sie wahrscheinlich. Daß eine Wissung nur mir bekannt ist, bildet doch eher die Ausnahme; sind wir uns nicht alle weitgehend einig? Wissen nicht die meisten Menschen das Gleiche wie ich? Wir lesen doch beispielsweise ähnliche Zeitungen.

Das ist alles richtig, widerspricht aber nicht meiner Behauptung, daß Wissungen rein subjektiv sind, denn alles soeben Angeführte sind ja selbst nur Wissungen. Es wäre jedoch inkonsistent, die – Eigenschaften von – Wissungen mittels Wissungen definieren und daraus ableiten zu wollen, daß sie partiell intersubjektiv sind.

Unsere Wissungen sind als solche für alle anderen Subjekte unzugänglich; keines von ihnen kommt heran und könnte die Wissungen bestätigen oder widersprechen.

 

Dies ist erst bei unseren Äußerungen möglich oder allgemeiner bei den sinnlichen Gestalten; letztere sind partiell intersubjektiv.

Wir können uns beispielsweise gemeinsam etwas anschauen. Natürlich stimmen die Beschreibungen der einzelnen Subjekte nicht überein; jedes von ihnen sieht etwas anderes und erlebt es auf sein Art, aber daß auch eine intersubjektive Gemeinsamkeit oder Übereinstimmung besteht, ist wohl unbestreitbar.

Bei einem Fußballspiel sind die einen begeistert und finden es sehr schön, die anderen gehen traurig-entsetzt nach Hause; aber daß sie gemeinsam 22 Menschen über den Rasen laufen sahen, bestreitet niemand.

 

„Das heißt, Sie verlegen das traditionelle Abbilden von den Seienden auf die Gestalten?“

Nein; ich hätte das Abbilden nicht so massiv kritisiert, wenn wir es nun selbst noch benötigen würden. Es muß entfallen, weil es mit Ur- und Abbild – einerlei ob nun bei den Seienden oder Gestalten – einen qualitativen Unterschied setzt.

Den haben wir nicht, weil wir die Sinnlichkeit nicht durch Abbilden, sondern aus den Gestalten selbst erklären:

Sie sind subjektiv wie Wissungen, besitzen aber – im Gegensatz zu diesen – zusätzlich einen partiell intersubjektiven Kern, den wir jedoch – nicht als das allen Subjekten vorgegebene Urbild – sondern von den Gestalten her als deren mengentheoretischen Durchschnitt verstehen.

Allein dadurch kann intersubjektiv synonym mit real werden; kein Abbild ist real.

 

Die nachstehende Abbildung soll unsere Überlegungen am einfachsten Modell, in dem zwei Subjekte eine Gestalt wahrnehmen, verdeutlichen.

 

 

Gestalt für Subjekt(1)   Gestalt für Subjekt(2)     Wissung für Subjekt(1)                           
=   =   =  
subjektive Gestalt(1)   subjektive Gestalt(2)   subjektive Wissung(1)  
+   +      
intersubjektive Gestalt(12) = intersubjektive Gestalt(12)   ————-  
→    sinnlich   =   real
  →    geistig   =   imaginär
 

 

Abbildung 4.10.1.

 

Die dritte Spalte zeigt das entsprechende Bild für die Wissungen.

Die Gestalten erweisen sich somit als sinnlich, weil sie partiell intersubjektiv sind – nicht umgekehrt. Was anders sollte Sinnlichkeit auch bedeuten, wenn wir kein Abbilden und schon gar keines mittels der Sinnesorgane kennen?

Weil den Wissungen die Intersubjektivität fehlt, bleiben sie rein geistig.

Interessant finde ich auch, daß unser „partiell“ doppelsinnig ist, aber beide Bedeutungen eine Einheit bilden:

Gestalten existieren nicht für alle Subjekte – partiell(1) – und sind auch nicht vollständig intersubjektiv – partiell(2). Die Veränderung der beiden Partialitäten erfolgt natürlich gegenläufig; je mehr Subjekten sich eine Gestalt zeigt, um so kleiner wird im allgemeinen der verbleibende intersubjektive Kern.

 

Ich hatte jetzt Schwierigkeiten, mich sauber auszudrücken, denn Gestalten sind zwar sinnlich, aber sie werden nicht wahrgenommen; ja mehr noch: Sie können nicht wahrgeommen werden, weil sie rein sinnlich sind.

Wahrnehmungen besitzen stets auch eine geistige Komponente oder bilden ein Etwas. Wir können den Gestalten Namen geben, aber die besagen nichts, denn die Gestalten sind nichts – Bestimmtes. Wir fassen sie als etwas Bestimmtes auf und machen sie damit zu Wahrnehmungen.

Letztere bestehen also in der Einheit von sinnlicher Gestalt und geistiger Auffassung. Wir zählen die Wahrnehmungen der Einfachheit mit zu den Wissungen, versuchen aber stets daran zu denken, daß sie mit der Gestalt eine sinnliche Komponente enthalten.

 

„Hätten Sie vielleicht einmal ein Beispiel für Gestalten – außer Ihrem Noch-nicht-Sonne-oder-Re?“

Ja; oben hatte ich einmal geschrieben: „Die Historiker finden Schriftrollen, Tonscherben, Schädelknochen, Grabbeigaben, Schmuckstücke usw. als ‚Zeugnisse der Vergangenheit‘.“

„Zeugnisse der Vergangenheit“ ist falsch; sowie die Historiker die Fundstücke im Rahmen ihres Welt(bild)s interpretiert haben, sind es Zeugnisse des Früher.

Was die Historiker gefunden haben, sind Gestalten, die sie aber nicht bezeichnen können, ohne sie als Zeugnisse der Vergangenheit zu zerstören.

 

„Gestalten sind also Wahrnehmungen vor der Auffassung?“

Jein; Sie haben mich wohl verstanden und meinen das Richtige – aber so formulieren sollten Sie es trotzdem nicht.

Wir dürfen nicht bei der Sonne oder den Schriftrollen beginnen und uns dann dumm stellen. So – falsch – wird auch häufig die Materie erklärt: „Schau Dir die Kugel an und streiche alles Kugelige; was dann bleibt, ist ihre Materie.“

Das Auffassen bedeutet, daß die betreffende Gestalt als Wahrnehmung in unsere Welt projiziert wird. Aber bei einer Projektion geht ganz viel verloren, weil die unterschiedlichsten Gestalten zur gleichen Wahrnehmung führen. Das Wahrnehmen erfolgt also irreversibel; streichen wir die Auffassung, kehren wir nicht von der Wahrnehmung zur Gestalt zurück.

 

Ich halte Ansätze wie den Radikalen Konstruktivismus, die glauben, das Reale negieren zu können, für falsch. Zweieinhalb Jahrtausende hat die Tradition versucht, es irgendwie als substanziell oder materiell seiend zu denken, aber das ist freilich nicht zwingend.

Unter den Titeln „Strukturenrealismus“ oder „Tropenontologie“ mehren sich in den letzen Jahren Versuche, das Reale als Strukturen bzw. Tropen zu verstehen.Die Strukturen entsprechen den Relationen oder Funktionen von oben und die Tropen unseren Gestalten.

Wir kommen im siebenten Teil auf die damit zusammenhängenden Fragen zurück und können sie dann wohl auch verständlich beantworten.

4.10.2. Der Leib als eigene Gestalt

„Ihre Herleitung war vielleicht ganz stringent, und ich widerspreche Ihnen keineswegs, bin aber auch nicht ganz zufrieden.

Die integrale Einheit des „ich Subjekt lebe“ tritt an die Stelle des Lebens bzw. des bewußt oder explizit gewordenen Gottes. Wir wissen also rein formal, wo sie in unsere bisherigen Überlegungen einzuordnen ist; aber nichtsdestotrotz schwebt das „ich lebe“ irgendwie in der Luft.

Klar ist auch noch, daß sämtliche Erlebungen daran gebunden oder davon abhängig sind, aber mir fehlt der Zusammenhang des „ich lebe“ mit speziellen Erlebungen; irgendwie muß es doch auch mit dem eigenen Körper korrellieren.“

 

Sie haben vollkommen Recht; das steht noch aus. Auch wenn es Sie vielleicht schon nervt, beginne ich am besten wieder mit dem Nous, um Ihnen meine diesbezüglichen Gedanken plausibel zu machen.

Er schaut von außen und sieht mich als Körper in der „Welt“.

Aus dem Nous wird bei uns das „ich lebe“; das haben Sie ganz richtig erkannt; sämtliche Erlebungen sind daran gebunden oder davon abhängig. Wir müßten noch weiter ausholen; alles „Tun“ und „Erleiden“ oder „Widerfahren“, jede „Aktivität“ bzw. „Passivität“ sind in dem „ich lebe“ enthalten.

Dabei sind die Anführungsstriche aber entscheidend, denn ohne sie wäre unsere Aufzählung falsch. Innerhalb des „ich lebe“ gibt es zum Beispiel noch keinen Unterschied zwischen aktiv und passiv. Ausnahmslos alle „Facetten“ des Lebens gehören ihm an – aber noch als ununterschiedene Nicht-Facetten; unterschieden werden sie erst mittels des Weltbilds innerhalb der Erfahrungen.

 

Der Nous sieht meinen Körper; was zeigt sich dem „ich lebe“ an dessen Stelle? Mein Körper – einfach so dahingesagt – kann es nicht mehr sein, denn von ihm existieren ja mindestens drei Arten.

 

1. Der Leib

Das Reale haben wir als die Ermöglichung der Gestalten eingeführt; letztere sind diskret, rein sinnlich oder unwißbar und damit an das Jetzt gebunden.

Die Gestalten bilden die reale Komponente der Wahrnehmungen, das heißt, alles, was wir wahrnehmen, ist eine – mit einer Auffassung versehene – Gestalt.  Beim Eiffelturm beispielsweise betrachten wir eine zwar ganz bestimmte, aber dennoch unsagbare Gestalt, die wir als Eiffelturm auffassen.

Das „ich lebe“ kann auch sich selbst wahrnehmen, und der Gestalt, auf die es dabei trifft, geben wir den Namen „Leib“. Ein Adjektiv wie „eigener“ oder ähnlich ist nicht erforderlich, da es nur den eigenen Leib, aber niemals einen fremden gibt.  

 

2. Körper-Wahrnehmungen

Fügen wir den nichtssagenden Gestalten eine Auffassung hinzu, so entstehen daraus Wahrnehmungen.

Durch ihre sinnliche Gestalt sind Wahrnehmungen an das Jetzt gebunden, und durch ihre geistige Auffassung gehen sie notwendigerweise darüber hinaus. Das gilt selbst beim Blitz noch; ging ihm keine Aufladung der Atmosphäre zuvor und folgt ihm kein Donner nach, war es auch kein Blitz.

Nehmen wir den eigenen Körper wahr, fassen wir den Leib somit als Körper auf.

Bei fremden Körpern fehlt uns lediglich der Name für die darin enthaltene Gestalt.

 

3. Körper-Erkennungen

Alle Erkennungen können Ausmalungen enthalten, in diesem Fall sind das Ausmalungen der Gestalt; aber das ist keine Gestalt; der Hut eines Menschen ist auch kein Mensch. Andernfalls wären die Erkennungen weder rein geistig noch „zeitlich“ unabhängig vom Jetzt.

 

Zurück zum roten Faden:

Während der Nous meinen Körper sieht, zeigt sich dem „ich lebe“ auf sich selbst gerichtet zunächst einmal der Leib.

Daß er dann 1000 verschiedene Auffassungen erhalten und beispielsweise als Kaiser von China wahrgenommen werden kann, ist eine ganz andere Frage, die sich möglicherweise anschließt.

Das leibliche „ich lebe“ ist zwar nur jetzt, aber trotzdem „immer“. Darin besteht kein Widerspruch; innerhalb einer „Zeit“ gehört es nur dem Jetzt an, aber es ist – in wechselnden „Zeiten“ – immer jetzt. Das „ich lebe“ erfolgt kontinuierlich, wird nicht unterbrochen, kennt keine Pausen und setzt auch während des Schlafes oder der Ohnmacht nicht aus – andernfalls wären wir tot –; dann fehlt lediglich das Bewußtsein.

Es ist das jeweilige Jetzt in den verschiedensten „Zeiten“ – oder das Jetzt der Zeit.

 

Dieses „ich lebe“ kann sich uns auch dann und wann als veränderliche diskrete Gestalt sinnlich zeigen; dann sprechen wir vom Leib.

Das traditionelle Pendant wäre etwa:

Ich habe stets ein Innen oder lebe immer in der „Zeit“ und nehme manchmal zusätzlich meinen Körper wahr.

Letzteres müssen wir nicht bestreiten; aber „vor“ unserem Körper kommt der Leib, und den können wir auf ganz verschiedene Weise als Körper auffassen.

4.10.3. Andere Subjekte

Wenn ich als Subjekt das Resultat des verbalen Lebens bin, also erst aus ihm hervorgehe, kann ich nicht nur von meinem Leben sprechen, sondern umgekehrt bin ich auch das Subjekt des Lebens. Darin besteht die integrale Einheit des substantivischen Lebens, mit der wir begonnen hatten.

Aber daraus folgt natürlich auch, daß wir keinerlei Zugang zu anderen Einheiten besitzen; wir können weder andere Subjekte noch andere Leben irgendwie erreichen.

Damit behaupten wir keineswegs, daß unsere Leben voneinander abgeschottet seien und sämtliche Wechselwirkungen zwischen ihnen entfallen würden; das wäre ja ein absurder und völlig realitätsfremder Gedanke. Ich kann beispielsweise einem anderen Subjekt Schmerzen zufügen.

Aber genau das ist es ja:

Ich kann einem anderen Subjekt Schmerzen zufügen, beispielsweise indem ich seinen Körper malträtiere. Mein Leben wirkt sich auf das der anderen Subjekte aus, aber ich habe weder zu letzteren noch zu ihrem Leben einen Zugang. Hätte der Folterer ihn, wäre er keiner.

 

„Damit behaupten Sie also, sämtliche anderen Subjekte seien für mich prinzipiell unerreichbar; in jeglicher Form. Dann bin ich selbst für mich das einzige Subjekt, daß es nachweislich gibt. Welches Argument wollen Sie dann gegen meinen Glauben, ich sei das einzige Subjekt überhaupt, eigentlich noch vorbringen?“ 

Keines!

Man nennt ein solches Weltbild „solipsistisch“. Das Wort leitet sich vom lateinischen „solus“ – „allein“ – ab; ein Solipsist versteht sich als das einzige Subjekt, das es gibt.

Die Annahme, ich sei  ein Solipsist, ist natürlich nicht verifizierbar; aber auch weder widersprüchlich noch empirisch falsifizierber. Mir wird – unseren obigen Ausführungen zufolge – mit Sicherheit niemals ein anderes Subjekt begegnen und damit meinen Solipsismus widerlegen.

Es gibt meines Erachtens keine Argumente gegen ihn; wer so denken möchte, mag dies tun; aber mir ist kein überzeugter Solipsist bekannt.

 

„Das wäre ja auch zu komisch; weshalb sollte ein Solipsist seine Überzeugung publik machen?“

Ich fürchte, so simpel ist das nicht. Vergleichen Sie uns bitte einmal mit dem Solipsisten.

Wir begegnen niemals anderen Subjekten – er auch nicht. 

Wir benehmen uns trotzdem (zumindest im allgemeinen) so, als würden wir anderen Subjekten begegnen, – weshalb sollte der Solipsist das nicht auch tun?

 

„Weil er gar keinen Grund dafür sieht!

Wir begegnen zwar keinen anderen Subjekten, können ihnen aber wehtun; und dieses Argument entfällt bei dem Solipsisten.“

Sie haben Recht; der Solipsist besitzt keinerlei Grund, „uns“ seine Überzeugung mitzuteilen. Aber durch meinen Fehler haben wir doch etwas gelernt:

Es bestehen wohl in der Tat keine erkenntnis-theoretischen Gründe gegen den Solipsismus, sehr wohl aber moralisch-praktische

 

„Einverstanden; mir können zwar nie andere Subjekte begegnen, aber ihre Gestalten; das heißt genauer: Die „Leiber“ der Subjekte in derjenigen Form, die diese Gestalten eben für mich oder in meinem Bewußtsein annehmen. Und durch das Vorkommen der Subjekte als Gestalten in den ihnen fremden Bewußtseinen wird auch die Wechselwirkung unserer Leben verständlich.“

Prinzipiell gebe ich Ihnen Recht; lediglich die Formulierung „andere Subjekte . . . ihre Gestalten“ würde ich ändern; aber das hat weitreichende Folgen.

 

Ich besitze einen Leib, aber andere Subjekte haben keine Gestalt für mich. Vielmehr begegnen mir fremde Gestalten, und bei jeder von ihnen stehe ich vor der Frage:

Mache ich sie zu einer bloßen Wahrnehmung – mittels welcher Auffassung ist dann außerdem noch offen –, oder sehe ich in dieser Gestalt den Leib eines fremden „ich lebe“?

Auch hier ergibt sich also wieder:

Wir stehen nicht – wie oben bereits erkannt – vor der erkenntnis-theoretischen Frage, hinter welchen Gestalten sich in Wirklichkeit ein Subjekt verbirgt – analog zur Tradition: Welcher Körper besitzt ein Innen? –, sondern entscheiden derartige Fragen in unserem Leben laufend ganz praktisch – moralisch oder eben auch nicht.

 

Beachten Sie bitte auch, daß wir an dieser Stelle nahezu konträr zur Tradition denken.

Sie macht aus (menschlichen) Körpern „Subjekte“, indem ihnen ein Innen hinzugefügt wird, während für uns die Alternative entweder Körper(-Wahrnehmung) oder Subjekt lautet.   

 

„Sie hatten oben einmal ausgeführt, daß Körper nichts sehen; ebensowenig wie Roboter und Fernsehkameras; das verstehe ich jetzt erst richtig:

Machen wir eine fremde Gestalt zur Wahrnehmung – einerlei ob nun Körper, Roboter oder Fernsehkamera –, ordnen wir sie in unsere Welt ein und nehmen sie damit aus dem Leben heraus; dann ist klar, daß dort auch nicht(s) gesehen wird.

Anerkennen wir in dieser Gestalt dagegen den Leib eines anderen „ich lebe“, so erklären wir sie zum Träger von Erlebungen.  

Aber die Zuordnung muß nicht stimmen . . .“

Nein; natürlich nicht; daß uns ein körperlich gestylter Roboter oder ein technisch verkleideter Mensch täuschen können, hebt doch unseren „Dualismus“ von Leben oder Welt bzw. „ich lebe“ oder Wahrnehmung nicht auf, und allein um ihn geht es; nicht um den Aussschluß von Irrtumsmöglichkeiten.

4.10.4. Selbst verschuldete Erlösungsbedürftigkeit

„Theoretisch stehen wir damit bei jeder Gestalt – außer dem (eigenen) Leib – vor der Frage, ob wir sie als Wahrnehmung auffassen oder hinter ihr den Leib eines anderen Subjekts anerkennen. Gut bzw. ethisch richtig kann nur letzteres sein; aber damit entsteht ein Problem:

Als Wahrnehmungen gliedere ich die Gestalten in meine Welt ein und mache sie mir damit verfügbar.

Anerkenne ich dagegen die fremden Subjekte, die sich mir in den Gestalten zeigen, schließt dies mein Verfügen-Können aus. Dann ‚komme ich zwar in den Himmel‘ – aber sofort, weil ich bei so viel Rücksichtnahme nicht überlebensfähig bin.“

 

Das war sehr schön; ich pflichte Ihnen vollständig bei und sehe keine Möglichkeit, den Widerspruch aufzulösen. (Für eine wesentlich umfangreichere Auseinandersetzung mit der Frage des Verfügen-Dürfens verweise ich Sie auf die beiden Bücher von Hartmut Rosa „Resonanz“ sowie „Unverfügbarkeit“.) Aber vielleicht kommen wir anhand dieses Problems in einer ganz anderen Richtung einen Schritt weiter.

Es ist hoffentlich bereits deutlich geworden, daß ich die traditionelle Ersünden- sowie Erlösungslehre für absurd und unchristlich halte. Davon nehme ich nichts zurück; aber trotzdem ist das nur die eine Seite. Auf der anderen Seite bin ich jedoch auch fest überzeugt, daß wir nicht hinter das einmal erreichte theoretische Niveau zurückfallen dürfen; das gilt in allen Wissenschaften; weshalb sollte es ausgerechnet in der Theologie anders sein?

 

Deshalb glaube ich auch relativ viel von der klassischen Theorie, nämlich daß wir

– erlösungsbedürftig sind,

– durch eigenes Verschulden und

– uns nicht (mehr) selbst retten können.

 

Ihre obige Schwierigkeit bildet ein Beispiel für diese Erlösungsbedürftigkeit; ich fürchte, wir würden problemlos noch das eine oder andere finden.

 

Um unsere eigene Schuld handelt es sich, weil ein offensichtlicher Widerspruch im Weltbild auftritt, und das hat nicht Gott geschaffen, sondern haben wir selbst uns ausgedacht.

Die Frage, ob das alles etwas mit Sünde zu tun hat, können wir gegenwärtig auf sich beruhen lassen, denn ihre Beantwortung hängt davon ab, was unter Sünde verstanden werden soll. Ich tendiere eher zu einem „nein“, weil es ohne Glauben an Gott wohl schwerlich einen vernünftigen Begriff der Sünde geben kann. Setzen wir jedoch Schuld mit Sünde gleich, sind demzufolge alle Atheisten unschuldig – und das wäre mir denn doch nicht ganz recht . . .

 

Dafür, daß wir uns nicht mehr selbst retten können, stellt Ihr Problem wohl kein zwingendes Beispiel dar; möglicherweise erreichen wir wider alle Erwartungen mit viel Vernunft ein Weltbild, in dem sich Ihr Widerspruch auflöst. Aber selbst wenn uns das gelingt, stellt sich natürlich die Frage, wieviel „wir“ in unserer Vernuft steckt. Wer sie als unsinnig abtut, muß auch die Möglichkeit einer Offenbarung bestreiten.

Im Kapitel 4.13. „Matrixdarstellung der Zeit“ soll unter anderem deutlich werden, wieso wir eine Erlösung aus eigener Kraft meines Erachtens definitiv ausschließen können.

4.10.5. Subjekte gehören weder dem"Raum" noch der "Zeit" an

„Ich sehe noch ein schwieriges Problem auf Sie zukommen.

Die fremden Gestalten gehören dem sinnlich-realen Jetzt an, das ohne Geistiges noch mit der Gegenwart zusammenfällt. Machen wir sie zu Wahrnehmungen, so bedeutet dies unter anderem, daß wir den ehemaligen Gestalten einen Ort im ‚Raum‘ sowie einen Termin in der ‚Zeit‘ zuordnen und sie damit in unser Welt-Regallager einordnen.  

Sehen wir in diesen Gestalten jedoch die Leiber von fremden ‚ich lebe‘, so gehören diese nicht unserer Welt an, das heißt, ihre Subjekte lassen sich nicht in der ‚Raum‘-‚Zeit lokalisieren; sie leben weder irgendwo noch -wann.“

 

Das sehe ich ebenso, aber gerade nicht als Problem, sondern als (seine) Lösung.

Ganz zu Beginn hatten wir doch schon gesagt, daß Subjekte nicht in der Welt, sondern in Gott bzw. dem Ursprung leben; natürlich gibt es dort keine „Raum“-„Zeit“. Subjekte leben tatsächlich weder irgendwo noch -wann.

 

„Nein; ich Subjekt lebe um das Jahr 2000 in Mitteleuropa; das lasse ich mir nicht nehmen!“

Pardon, aber Sie leben gegenwärtig in Gott und sind das Subjekt Ihres – mir absolut unzugänglichen – „ich lebe“. Sie erleben den (eigenen) Leib, können ihn – wie eine fremde Gestalt – zur Körper-Wahrnehmung machen und damit in Ihre Welt einordnen. Dann kommt tatsächlich heraus „um das Jahr 2000 in Mitteleuropa“, aber das betrifft doch nicht Sie als Subjekt, sondern lediglich Ihren Körper.

 

„Wenn Sie damit Recht hätten und Subjekte tatsächlich nicht „zeitlich“ lokalisierbar wären, könnten wir sie beispielsweise auch nicht in Vor- und Nachfahren einteilen.“

Sehr schön; wir Subjekte leben alle in Gott und wechselwirken miteinander. Dabei können wir nicht ausschließen, daß sich unser Leben auf dasjenige aller anderen Subjekte auswirkt; insbesondere ist eine Einschränkung auf die „Nachfolger“ ausgeschlossen – weil es keine Nachfolger gibt.

Die traditionelle Erbsündenlehre mit der zugehörigen Erlösungstheorie halte ich, wie bereits erwähnt, für absurd; aber im Rahmen unseres Ansatzes wird eine universale Urschuld nicht nur einsichtig, sondern auch sehr leicht denkbar.

 

„Nein; jetzt merke ich, daß es doch nicht geht; Sie hatten mich ganz durcheinandergebracht.

Um auf ein Subjekt schließen zu können, benötige ich seinen ‚Leib‘ als fremde Gestalt. Diese kann mir aber nur gegeben sein, wenn das zugehörige ‚ich lebe‘ zugleich mit mir in der Gegenwart existiert. Gehört sein Subjekt dagegen meiner Vergangenheit an – und ist also ein Vorgänger im weitesten Sinne –, kann mir auch keine Gestalt von ihm gegeben sein.

Es gibt somit doch Vor- und Nachfahren!“

 

Ihr Argument ist nicht stringent, weil es einen Zirkelschluß enthält.

Zum einen können wir nicht ausschließen – wie Sie es aber tun –, daß alle Subjekte synchron oder gleichzeitig miteinander in der Zeit leben. In der Vergangenheit gab es dann keine anderen Subjekte, sondern ebenfalls alle; es ist das, was für uns gemeinsam einmal Gegenwart war.

Zum anderen können wir den Leib eines anderen „ich lebe“ zwar in den fremden Gestalten anerkennen, und allein darauf hatten wir uns bisher beschränkt. Aber das ist doch nur der auffälligste Punkt, an dem uns die anderen Subjekte praktisch ins Auge springen.

Verweisen nicht alle Gestalten mehr oder weniger stark auf die anderen Subjekte? Denken Sie insbesondere an diejenigen, die wir – in unserer Wahrnehmung – zu Kunst, Handwerk, Wissenschaft, Religion, Alltag usw. machen. Finden die Archäologen Tonscherben, dann stehen nicht nur Gefäße dahinter, sondern auch Subjekte. Jede Melodie oder Schrift werweist ebenso auf ihre Zeit wie auf ihre Subjekte. Alle Sinngestalten sind solche von Subjekten, denn nur für sie gibt es Sinn.

 

„Wir könnten das konstruktiv und völlig problemlos auf die gesamte Kultur übertragen, . . .“

. . . und die Natur bildet denjenigen Bereich, – nicht bei dem das unmöglich ist, sondern – bei dem uns dies auf der Grundlage des gegenwärtigen Weltbbilds absolut nicht überzeugend gelingt. Natürlich verweisen uns die Alpen nicht auf Subjekte; aber dafür kommen ja ohnehin nur die Gestalten infrage, und als solche sind es noch keine Alpen.

4.11. Sagungen

Die Überschrift klingt wieder befremdlich, aber ich möchte, durch diese einheitlich-monotone Wortbildung auch Anstoß zum Innehalten geben. Levinas unterscheidet Sagen und Gesagtes; letzteres besteht als Resultat des Sagens in unseren Sagungen.

Daß es etwas für uns gibt, bedeutet, daß wir es – denken und – sagen können.

 

 

Ursprung Leben Reales Imaginäres                                        
benannt benannt benannt bezeichnet  
=  
Setzung Erfahrungen Gestalten Wissungen  
———- beschreibbar benambar bezeichenbar  
implizit explizierbar      
         
ursprünglich jetzt oder gegenwärtig jetzt oder gegenwärtig „zeitlich“  
kontinuierlich kontinuierlich diskret diskret  
vorbewußt bewußt bewußt gewußt  
transzendent leiblich sinnlich geistig  
wirklich wirklich real unwirklich und irreal  

 

Abbildung 4.11.

 

Unproblematisch sind allein die beiden Grenzfälle; der Ursprung, von dem wir gar nichts, und das Imaginäre, von dem wir alles wissen.

Dazwische liegen das Leben und das Reale; auch von ihnen wissen wir nichts, aber sie enthalten – mit den Erfahrungen bzw. Gestalten – Elemente, die uns zugänglich sind. Erfahrungen können beschrieben oder expliziert und Gestalten mit einem Namen versehen werden.

 

Wissen, von dem wir wissen, wird bezeichnet; das gilt also auch für das Imaginäre; das Wissen from now on bezieht sich auf das Wissen so far.

Wissen, von dem wir nicht wissen – Gott, Leben und Reales –, wird benannt; es ist lediglich Wissen so far oder besteht allein in diesen Begriffen.

Sowohl das Bezeichnen als auch das Benennen erfolgen durch Worte; das führt unmittelbar zu und wird deutlich an dem „Mechanismus“, daß das Wort „X“ stets den Begriff bzw. das Wissen X bezeichnet bzw. benennt; „Sonne“ beispielsweise die Sonne und „Leben“ das Leben.  

 

Der Einfachheit halber benennen wir das Wissen Gott zumeist durch das Wort „Gott“, aber dieser Gleichklang verführt sehr häufig dazu, nicht deutlich zwischen den beiden völlig differenten Größen zu unterscheiden.

Gott bildet für uns eine Setzung, deren Benennung letztlich sehr gleichgültig ist. „Sehr“ und nicht „absolut“, weil wir mit Benennungen auch bestimmte Assoziationen verbinden, die sich rein psychologisch auswirken können.

Andere Subjekte mögen unsere Setzung kritisieren und vielleicht sogar Alternativen vorschlagen; das wäre der Idealzustand, der uns alle weiterbringen würde.

Stimmen sie uns jedoch zu, sollten sie auch keine größere Diskussion wegen der Benennung auslösen; im Gegensatz zur Setzung kann sie – wohl ungeschickt, aber – nicht falsch sein. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob wir den Ohne-ihn-ist-gar-nichts als „Gott“, „Ursprung“, „JHWH“, „Jehova“ oder „Allah“ benennen.

Wer wegen der „richtigen“ Benennung streitet und vehement für „X“ eintritt, verteidigt lediglich seine Hinterwelt, denn ihm liegt am Herzen, X und nicht Y adäquat abgebildet zu haben.

 

„Worum handelt es sich, wenn ich etwas erzähle und dabei ein Ihnen unbekanntes Fremdwort benutze, beispielsweise ‚Paralipomenon‘? Entspricht das einem Benennen oder Benamen?“

Weder noch; das ist ein Bezeichnen. Sie zielen damit auf eine Leerstelle oder potentielle Wissung in meinem Welt(bild), die sich durch Rückfragen im allgemeinen leicht füllen läßt. Der Platz ist bereits vorhanden oder durch all die anderen Begriffe vorbereitet; ich wußte lediglich nicht, daß das Paralipomenon an seine Stelle gehört.

4.11.1. Benamen von Gestalten

Wir erkennen gemeinsam mit vielen Tieren sinnliche Gestalten und benamen sie; „Moritz“ ist zum Beispiel der Name der Moritz-Gestalt. Das spielt sich vollständig innerhalb des Realen ab, aber dieses selbst zeigt sich uns nicht; das Reale besteht nicht aus oder in Gestalten, sondern bildet deren Ermöglichung.

Namen sind absolut inhaltsleer; wenn sie Gestalten benamen, dürfen sie auch nichts sagen, denn Gestalten besitzen keinerlei geistige Bestimmungen; zum Beispiel ist die Moritz-Gestalt kein Junge. Es wäre auch falsch zu denken, daß wir sie – die Moritz-Gestalt – jeden Morgen auf dem Schulweg treffen. Das ist nur bei Schulkindern möglich, und auch das sind Gestalten nicht; wir können sie als solche auffassen bzw. wahrnehmen – aber dann sind die Gestalten weg.

 

„Das gefällt mir nicht; mein Fiffi steht fast täglich am Zaun, erwartet mich und freut sich, daß ich nach Hause komme, obwohl er nicht weiß, daß und wann ich arbeite.“

Ich glaube, daß wir beide richtig liegen.

Ihr Beispiel ist ebensowenig bestreitbar wie eine Unmenge anderer.

Aber um das zugeben zu können, muß ich meines Erachtens nichts zurücknehmen. Es gibt nicht nur so einfache Raum-Gestalten wie Pünktchen, sondern auch Zeit-Gestalten, die freilich unanschaulicher sind. Die Musik bildet sicher ein Paradebeispiel dafür, und der Tanz ist eine Raum-Zeit-Gestalt.

Wenn ich das so richtig sehe, freut sich Ihr Fiffi regelmäßig auf sie, und wir können trotzdem dabei bleiben, nichts von Gestalten zu wissen, weil sie rein sinnlich oder real sind. Erinnern Sie sich bitte daran, was wir oben von dem Hasso gesagt haben, der seinen Garten durchstreift:

Dabei tut sich ihm die Umwelt erst auf, weil sie eine Raum-Zeit-Gestalt bildet und nicht – wie bei uns – als „Raum“-Modell oder Regallager fertig vor ihm steht.

 

Leere oder nichtssagende Namen können natürlich nur willkürlich sein; werdenden Eltern ist der Name ihres Babys nicht gleichgültig, aber alle Vorschläge sind gleich gültig. Wenn Sie mit jemandem sprechen, der Moritz nicht kennt, versteht er alles, was Sie sagen – außer „Moritz“; Namen stellen eine bloße Übereinkunft dar.

Jedoch selbst wenn sich sehr viele Subjekte auf einen Namen einigen, wird er dadurch nicht Teil der Sprache, denn diese setzt keine Einigung voraus, sondern bewirkt sie; Namen gehören nicht zur Sprache.

 

Fromme Christen berichten mitunter, ihnen wäre zum Beispiel Maria erschienen; in Medjugorje vielleicht. Ein gläubiger Hindu würde bei der „gleichen“ Erscheinung möglicherweise von Ganga sprechen; beide mit dem übereinstimmenden Argument: „Wer soll es denn sonst gewesen sein?“

Drei Interpretationen von „Maria“ bzw. „Ganga“ scheinen möglich, aber meines Erachtens scheitern sie alle, so daß ich bei derartigen Berichten sehr skeptisch bin.

Werden „Maria“ bzw. „Ganga“ als Namen verstanden, kann das nicht stimmen, denn keiner weiß, wie die beiden Frauen ausgesehen haben; das heißt, es ist unmöglich, ihre Gestalt wiederzuerkennen. „Das ist Moritz“ kann auch niemand sagen, der ihn noch nie gesehen hat.

Sollen „Maria“ bzw. „Ganga“ dagegen Bezeichnungen sein, so beziehen sie sich auf die Erkennungen in den jeweiligen Welt(bilder)n und sind damit aus zwei Gründen falsch.

Zum einen wisen wir wieder nicht, wie die Frauen ausgesehen haben, und zum anderen gibt es in den Welt(binder)n keine Subjekte; weder Maria noch Ganga.

Subjekte schließlich sind zwar keine Geister, aber unsichtbar wie diese. Das ist nicht mystisch; haben Sie sich als Subjekt des „ich lebe“ schon einmal gesehen?

 

„Wenn wir ganz normal im Alltag sagen „Das ist Moritz“, worauf beziehen wir uns dann eigentlich?“

Unbedingt auf die Gestalt und nahezu immer auch auf unsere Wissungen.

Ohne erstere geht es gar  nicht, denn seine Gestalt macht Moritz wieder-erkennbar.

Aber wenn wir die Gestalt erleben, ist es nahezu unmöglich, nur sie zu erleben; als Junge, Schulkind, Deutscher usw. ordnen wir Moritz nahezu automatisch in unser Welt(bild) mit seinen Wissungen ein.

4.11.2. Beschreiben von Erfahrungen

Im Gegensatz zum vorbewußten Ursprung ist uns das Leben – als bewußt – gegeben. Das heißt, wir erfahren es, aber das Leben bildet ein Kontinuum und enthält keine diskreten Bestandteile, die wie die Gestalten des Realen benamt oder wie die Wissungen des Imaginären bezeichnet werden könnten. 

Da jedoch höchstens Diskretes denk-, wiß- oder sagbar ist, müssen wir dieses innerhalb des Lebens erst erzeugen, um letzteres beschreiben zu können. Das Erzeugen nennen wir im weiteren „Explizieren“ und seine Resultate – die Explikationen – bestehen in den Erfahrungen. Wir explizieren das Leben also zu den Erfahrungen, um sie – und damit mittelbar das Leben – beschreiben zu können.

 

„Hierbei erhebt sich allerdings die Frage, ob wir in zwei Stufen das Leben zunächst explizieren, um es danach zu beschreiben, oder ob einstufig das Explizieren mit dem Beschreiben zusammenfällt.“

Sehr schön; aber indirekt haben wir diese Frage bereits beantwortet:

Sowohl das Explizieren als auch das Beschreiben des Lebens gehören ihm selbst an; wir beschreiben unser Leben nicht von außen, sondern indem wir leben oder als integraler Bestandteil davon. Wenn aber unser Leben ein Kontinuum bildet, das keine Diskretisierungen kennt, können wir auch das Explizieren und Beschreiben nicht als Zweierlei betrachten, das aufeinander folgt.

Zu unserem Leben gehört, daß wir es zu Erfahrungen explizieren (können), indem wir diese und damit mittelbar auch das Leben beschreiben.

 

   Das Explizieren des Lebens

= das Beschreiben der Erfahrungen

= das Erzählen von Geschichten

= die Darstellung von Tatsachen in unserer Welt

= das Wiß-, Denk- und Sagbar-Machen des Lebens

 

Die Erfahrungen bilden – anschaulich, aber falsch formuliert – den mengentheoretischen Durchschnitt zwischen unserem Leben und unserer Welt. Falsch ist das, weil sich Lebens-Wirkliches und Geistig-Unwirkliches nicht schneiden können; sie haben nichts gemein. Die Geschichten verbinden die beiden Seiten, die ansonsten disjunkt wären; deswegen sind wir – wie oben ausgedrückt – in Geschichten verstrickt; ohne sie wüßten wir absolut nichts von unserem Leben.

Einerseits besteht letzteres nicht aus Erfahrungen und geht deswegen auch nicht in den erzählten Geschichten auf.

Wollen wir aber andererseits etwas Sinnvolles über unser Leben sagen, so muß dieses notwendigerweise auch der Welt angehören – denn nur in ihr gibt es (geistigen) Sinn – und damit in deren von den Geschichten geknüpften Verbindungen mit dem Leben stehen.

 

Das Beschreiben geschieht scheinbar mit Hilfe von Worten, aber nur vordergründig; tatsächlich beschreiben wir mittels unserer Vorstellungen; und die werden – durch Worte – bezeichnet.

Wer über differente Vorstellungen verfügt, kann sein Leben auch anders beschreiben.

Die Vorstellungen sind zwar nur unwirklich, aber ohne sie gäbe es auch keine Beschreibungen unseres wirklichen Lebens.

Ist ein junger Mann frisch verliebt, beschreibt er seine Angebetete vielleicht als „Flamme“, „Sonnenschein“ oder „Goldstückchen“. 

Beim Bezeichnen sind wir direkt auf den entsprechen Begriff bzw. die Wissung gerichtet; „Flamme“ bezeichnet beispielsweise die Flamme im Kamin.

Der junge Mann will nicht sagen, daß seine Geliebte im Kamin, sondern vielmehr in seinem Herzen brennt. Sie bildet die Flamme seines neu gefundenen Lebens, und das versucht er darzustellen.

 

„Jetzt macht es bei mir ein wenig Klick:

Wer sein Leben anders beschreibt, lebt auch anders, weil dieses Beschreiben mittels der eigenen Vorstellungen bereits einen integralen Teil des Lebens bildet.“

Sehr schön; dieses Beschreiben kann in gewaltigen epischen Werken erfolgen; Marcel Prousts autobiographischer Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wäre ein Paradebeispiel hierfür.

Aber das ist nur das eine Extrem; das andere besteht in den Fakten wie Geburtsdatum, Schulanfang usw., mit deren Hilfe wir unser Leben – zwar nicht sonderlich gut, aber – auch beschreiben können und die häufig mit ihm verwechselt werden.

Zwischen diesen beiden Extremen befinden sich unsere alltäglichen Beschreibungen, in denen wir von Wetter, Gesundheit, Essen usw. sprechen.

 

Wir können nur das – eo ipso eigene – „ich lebe“ beschreiben; das gilt natürlich auch für Marcel Proust und alle anderen Schriftsteller. Lernen wir beim Lesen Fakten, die in der Beschreibung eines anderen Lebens eine Rolle spielen, dann mag das ganz interessant sein, hilft uns aber kaum weiter. 

Viel wichtiger wäre es hingegen, sich selbst in den schriftstellerischen Werken wiederzufinden und dadurch das eigene Leben mit anderen Augen als bisher sehen zu können.

4.12. Genese

Die Genese tritt im metaphysischenen Explikationismus an die Stelle der traditionellen Schöpfung bzw. Evolution und besteht in einem zeitlichen Werden von – ja wovon eigentlich?

Dieses Frage überrascht Sie möglicherweise, weil Ihnen ihre Antwort als selbstverständlich erscheint: Es ist natürlich das Bewußtsein, das sich allmählich herausbildet und einer genetischen Entwicklung unterliegt. Einem solchen Denken zufolge liegt stets das gegenwärtige Bewußtsein als Status quo vor, ein vergangenes ging ihm voraus und ein zukünftiges wird ihm folgen.

 

Ich bin überzeugt, daß dieses Bild falsch ist, weil es die Zeit wie die „Zeit“ versteht, lediglich die Tempi durch Modi ersetzt und ein unverstandenes Vergehen hinzufügt.

Diese Begründung könnten wir auch so formulieren:

Die angedeutete „Genese“ ist keine Genese, sondern lediglich eine Evolution, weil sie von der Vorausssetzung ausgeht, wir könnten von außen auf das Bewußtsein schauen und seine Entwicklung beschreiben. Das ist aber ausgeschlossen, denn wir gehören selbst unserem Bewußtsein an und erleben es somit nur von innen.

Dann müssen wir uns ein anderes Modell überlegen; das Bewußtsein in drei zeitlichen Versionen nacheinander scheidet aus, weil es widersprüchlich ist, diese innerhalb des Bewußtseins vorauszusetzen.

 

Können wir die Genese nicht von außen feststellen, muß sie sich innen abspielen, um vernünftig darüber sprechen zu können.

Verstehen Sie diesen Satz nicht falsch; er besagt keineswegs: Ich möcht