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„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.
Ich wollte damit keineswegs sagen, der Glaube an den Kausalnexus sei ein Aberglaube unter mehreren, sondern es ging mir darum, daß jeder Aberglaube eben nichts anderes ist als der Glaube an den Kausalnexus.“
Ludwig Wittgenstein
„Es gibt viele Wege, auf denen das, was ich vergeblich zu sagen versuche, vergeblich zu sagen versucht werden kann.«
Samuel Beckett
Johann Wolfgang von Goethe
„Sollten die Gesetze des (bisherigen) Denkens niederbrechen, dann wird es die tiefste Wandlung im intellektuellen Leben des Menschen geben, verglichen mit welcher die Kopernikanische und die Einstein’sche Revolution nur Scheinschlachten sind.“
Oliver Leslie Reiser
„Die Welt ist ein erstaunlicher Ort, und der Gedanke, daß wir über die wichtigsten Werkzeuge verfügen, die nötig sind, um sie zu verstehen, ist heute nicht glaubwürdiger als zu Aristoteles‘ Zeiten.“
Thomas Nagel
„Die Vorstellung eines Seienden ist
– weder ein Seiendes
– noch dessen Ab-bildung, sondern
– – ganz wie der Name sagt – eine Vorstellung und damit
– eine simple Ein-bildung, sofern wir mehr als unsere Konstruktion oder Erfindung darin sehen.“
Johannes Soukup
„Der vernünftige Glaube weiß, daß er ein Glaube ist.“
Rainer Forst
„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Haß, sondern Gleichgültigkeit.“
Elie Wiesel
„Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“
Max Weber
„Das nicht erforschte Leben ist es nicht wert, gelebt zu werden.“
Sokrates
„Es ist eine furchteinflößende, eine ehrfürchtige Wahrheit, daß die Anerkennung der Andersheit der anderen, unserer unausweichlichen Trennung, die Bedingung menschlichen Glücks darstellt. Gleichgültigkeit ist die Verleugnung dieser Bedingung.“
Stanley Cavell
„Keiner kann sagen, was er meint, obwohl jeder nur das sagt, was er meint.“
Bruno Liebrucks
„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!
Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.
Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“
Erich Mühsam
„Der Perspektivismus bildet keine Relativität des Wahren, sondern ganz im Gegenteil die Wahrheit des Relativen.“
Gilles Deleuze und Felix Guattari
„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“
Albert Camus
„Wir müssen entweder lernen, als Brüder miteinander zu leben, oder wir gehen als Narren unter.“
Martin Luther King
„Ich suche nicht – ich finde.
Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.
Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“
Pablo Picasso
„Wir sind alle als Originale geboren – wie kommt es, daß so viele von uns als Kopien sterben?“
Edward Young
„Ich erkenne meine Verwandtschaft“ (mit allen Wesen), „ich bin nichts als ein Vermögen, ihnen Widerhall zu geben, sie zu verstehen und zu antworten.“
Maurice Merleau-Ponty
„Der philosophische Diskurs ist die Musik des Denkens.“
Georg Steiner
„Was mich betrifft, so bezweifle ich, daß der Mensch jemals eine völlige religiöse Unabhängigkeit und eine vollkommene politische Freiheit ertragen kann, und ich bin geneigt zu denken, daß er, ist er frei, gläubig sein muß.“
Alexis de Tocqueville
„. . . wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern . . .“
Samuel Beckett
„Die Geschichte ist nämlich nicht, wie es die herrschende Ideologie gern sieht, die Hingabe des Menschen an die lineare, kontinuierliche Zeit, sondern die Befreiung des Menschen von ihr.“
Giorgio Agamben
„Theologie verliert ihr Thema, wenn sie nicht mit dem völlig Verändernden zu tun hat.“
Gerhard Ebeling
„Wir befinden uns in einer summenden Welt, inmitten einer Demokratie von Mitgeschöpfen; wohingegen die orthodoxe Philosophie, in welcher Gestalt auch immer, uns nur zwischen einsame Substanzen stellen kann, die alle scheinhafte Erfahrungen machen.“
Alfred North Whitehead
„Das Wahre ist Prüfstein sowohl seiner selbst als auch des Falschen.“
Baruch de Spinoza
„Der Mensch ist nicht so sehr von Dämonen besessen als von Automatismen beherrscht. Nicht böse Geister setzen ihm zu, es sind Routinen und Trägheiten, die ihn zu Boden drücken und deformieren. Was seine Vernunft trübt, sind nicht zufällige Irrtümer und okkasionelle Wahrnehmungsfehler – es ist die ewige Wiederkehr der Klischees, die wahres Denken und freies Wahrnehmen verunmöglichen.
Die alltägliche Meinung ist eine Pest, an der man zwar nicht stirbt, die aber doch von Zeit zu Zeit ganze Gemeinwesen vergiftet. Phrasen, die in den Körper abgesunken sind, erzeugen ‚Charaktere’. Sie formen Menschen zu lebenden Karikaturen der Durchschnittlichkeit, sie machen aus ihnen fleischgewordene Plattitüden.“
Peter Sloterdijk
„Der Weg entsteht im Gehen.“
Antonio Machado
„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“
Ludwig Wittgenstein
„Wer wirklich Sehen lernt, nähert sich dem Unsichtbaren.“
Paul Celan
„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“
Klaus Hemmerle
„Die Entgegensetzung der fest gewordenen Subjektivität und Objektivität ist aufzuheben und das Gewordensein der intellektuellen und reellen Welt als ein Werden, ihr Sein als Produkt, als ein Produzieren zu begreifen. . . Alle Unterscheidungen werden dabei ver-rückt; diese Tätigkeit ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, das Fixe zu verflüssigen. . . Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Dasein.“
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
„Nur was wir akzeptieren, kann sich verändern.“
Carl Gustav Jung
„Als wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir die Anstrengung.“
Mark Twain
„Je mehr ich den sogenannten Erfolg zu schmecken bekomme, desto gründlicher werde ich mir der Nichtigkeit der eigenen Existenz bewußt. Denn diese wird zu einer Funktion des Erfolgs.“
Theodor Adorno
„Wissenschaft ist die organisierte Abwehr der Frage nach dem Sinn des Lebens.“
Norbert Bolz
„Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Erlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun.“
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer
„Bewahre dir in allen Dingen die Freiheit des Geistes und sieh zu, wohin er dich führt!“
Ignatius von Loyola
„Die wichtige Frage bezüglich der Tiere ist doch nicht, ob sie denken oder sprechen können; entscheidend ist vielmehr allein, ob sie leiden können.“
Jeremy Bentham
„Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen; ein Werdender wird immer dankbar sein.“
Johann Wolfgang von Goethe
„Glauben ist das Bemühen um die eine Wahrheit – und nicht ihr Besitz.“
Johannes Soukup
„Nicht das Interesse an Wahrheit oder Wissen schwand, sondern die Überzeugung griff um sich, daß Wahrheit sich nur dem Zugreifen und nicht dem Zuschauen erschließen würde.“
Hannah Arendt
„Die Wissenschaft versteht es bestens, metaphysische Annahmen zu zerstören; aber sie liefert keinen Ersatz dafür.“
Francisco Varela
„Ein frommes und gottgefälliges Leben besteht darin, sich der wahren menschlichen Weisheit, das heißt, des Nichtwissens im Wissenmüssen des Guten bewusst zu sein.“
Hans-Georg Gadamer
„Ein Wort muß man nicht ‚verstehen‘. Man kennt es, oder man kennt es nicht.“
Philipp Wegener
„Wir müssen uns wohl von dem naiven Realismus, nach dem die Welt an sich existiert, ohne unser Zutun und unabhängig von unserer Beobachtung, irgendwann verabschieden.“
Anton Zeilinger
„Sprechen wir sinnvoll von Realität, so sprechen wir von Realität; spricht niemand von Realität, so ist von Realität nicht die Rede.“
Carl Friedrich von Weizsäcker
„In dem Maße, wie wir uns bemühen zu verstehen, um weniger glauben zu müssen, vertieft sich der Glaube.“
Johannes Soukup
„Ich möchte ein Buch schreiben, das die Menschen verwirrt, . . . und das sie dahin führt, wo hinzugehen sie niemals eingewilligt hätten.“
Antonin Artaud
„Ich beginne zu glauben, daß die einzige wirkliche Sünde der Selbstmord ist oder das Faktum, nicht wir selbst zu sein.“
George Tyrell
„Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, daß er hineinschlüpfen kann – und nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.“
Max Frisch
„Die Welt bietet nicht Wahrheiten, sondern Liebesmöglichkeiten.“
Albert Camus
„Wer glaubt, die Wahrheit zu besitzen, hat lediglich aufgehört, nach ihr zu suchen.“
Johannes Soukup
„Glaube, der nicht Erkenntnis ist, aus Erkenntnis kommt und auf Erkenntnis beruht, ist ohne Kontakt zur Wirklichkeit. Glaube ohne Kontakt zur Wirklichkeit ändert an der Wirklichkeit des Glaubenden nichts. Er ist ohne soteriologische Kraft.“
Johannes Fischer
„Jeder tue das Seine, der Leser aber das Meiste.“
Søren Kierkegaard
„Welchen Sinn hätte unser ganzes Sein, wenn nicht den, daß in uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem zum Bewußtsein gekommen wäre? An diesem Sich-bewußt-werden des Willens zur Wahrheit geht von nun an – daran ist kein Zweifel – die Moral zugrunde: jenes große Schauspiel in hundert Akten, das den nächsten zwei Jahrhunderten Europas aufgespart bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch hoffnungsreichste aller Schauspiele.“
Friedrich Nietzsche
„Physikalische Objekte sind gelegen kommende Vermittler – nicht durch Definition aufgrund von Erfahrung, sondern einfach als nicht reduzierbare Setzungen, epistemologisch den Göttern Homers vergleichbar. . . . Der Mythos der physikalischen Objekte ist den meisten anderen Mythen darin überlegen, daß er sich als wirksamer erweist, dem Fluß der Erfahrungen eine handliche Struktur aufzuprägen.“
Willard Van Orman Quine
„Denken ist Schöpfung, nicht Wille zur Wahrheit.“
Gilles Deleuze
„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig . . . von der satzförmigen Rede des Menschen.“
Hermann Schmitz
„‚Alles klar‘ oder ‚kein Problem‘ – beide Formeln sind zutiefst unwahr . . .
Die Rätselhaftigkeit ist unsere fundamentale Wahrheit; alles übrige ist Interpretation . . .
Zu wissen, was man nicht wissen kann, ist ein bedeutendes Stück Erkenntnis – denn es ermöglicht Toleranz, Kommunikation und Frieden.“
Heinz Robert Schlette
„Nichts fordert so viel Treue wie lebendiger Wandel.“
Johann Baptist Metz
„Die Sprache ‚vermittelt‘, wenn man so sagen will, zunächst nur in dem Sinne zwischen dem Menschen und seiner Welt, daß sie diese seine Welt überhaupt erst als eine solche für ihn entstehen läßt. In diesem Sinne ist die ‚Welt‘ immer schon sprachlich vermittelte Welt.“
Theodor Bodammer
Existieren heißt Differieren; die Differenz ist in gewissem Sinne das Wesen der Dinge.“
Gabriel Tarde
„Wer existiert, ist beständig im Werden und versetzt sein Denken ins Werden. . . Wer ein objektives Christentum und nichts anderes hat, der ist eo ipso ein Heide, denn das Christentum ist gerade eine Sache des Geistes, der Subjektivität und Innerlichkeit.“
Søren Kierkegaard
„Definierbar ist nur das, was keine Geschichte hat.“
Friedrich Nietzsche
„Die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre.“
Joseph Ratzinger
„Freiheit ist heute die Aufgabe und Chance der Kirche.“
Hermann Krings
„Es gibt keinen Rückzugsort des Christen von der Welt, weder äußerlich noch in der Sphäre der Innerlichkeit. Jeder Versuch, der Welt auszuweichen, muß früher oder später mit einem sündigen Verfall an die Welt bezahlt werden.“
Dietrich Bonhoeffer
„Man vergisst immer wieder, auf den Grund zu gehen, und setzt die Fragezeichen nicht tief genug.“
Ludwig Wittgenstein
„Wir verstecken uns, wenn wir das Denkbare nicht denken.“
Carl Friedrich von Weizsäcker
„Christlicher Glaube richtet sich nicht auf Sätze und Lehren, sondern auf die Wirklichkeit, von der Sätze und Lehren handeln.“
Thomas von Aquin
„Kunst ist Magie – befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“
Theodor Adorno
„Das Eigenartige am Schicksal ist, daß es auf keine Seite der Trennung zwischen Ich und Nicht-Ich richtig paßt.“
Jonathan Lear
„Je begreiflicher uns das Universum wird, um so sinnloser erscheint es auch.“
Steven Weinberg
„Leuten, die an Esoterik glauben, sage ich: Studiert Quantenmechanik, das ist noch viel seltsamer, aber im Gegensatz zu euren Behauptungen experimentell bewiesen!“
Anton Zeilinger
„Ich glaube keiner Theorie, sondern ich benutze sie nur. Ich benutze von der Theorie jeweils das Teilstück, das mir hilft, . . . solange es mir hilft.“
Eckard Sperling
„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren.
Es heißt so leben, wie es unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“
Emmanuel Célestin Suhard
„Die gegenwärtige, weit verzweigte Realismus-Debatte wirft manche Rätsel auf, deren größtes sein könnte, warum sie überhaupt geführt wird.“
Peter Janich
„Um der Zukunft willen vernichten wir alles, was der Zukunft eine Chance ließe.“
Friedrich-Wilhelm Marquardt
„Nicht nur Gott kennen wir allein durch Jesus Christus, auch uns selbst kennen wir nur durch ihn. Ohne Jesus Christus wüßten wir weder, was unser Leben noch was unser Tod noch was Gott ist noch was wir selber sind.“
Blaise Pascal
„Die Kunst gibt nicht das Sichbare wieder, sondern macht sichtbar,“
Paul Klee
„Es ist immer etwas Lächerliches im philosophischen Diskurs, wenn er von außen den anderen vorschreiben und vorsagen will, wo ihre Wahrheit liegt und wie sie zu finden ist.“
Michel Foucault
„Das Wort ist ans Wort gebunden; niemals jedoch an Dinge.“
Edmond Jabès
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“
William Faulkner
„Es gehört schon zu den Widersprüchen des Menschen, daß er welche zu haben glaubt.“
Jean Paul
„Das Bild des Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Er entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und den Mitmenschen, über Lebensstimmung und Wahl der Aufgaben.“
Karl Jaspers
„Der Auferstehungsglaube ist nicht die ‚Lösung‘ des Todesproblems.“
Dietrich Bonhoeffer
„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“
Salvador Dali
„Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“
Friedrich Nietzsche
„Wer mehr sieht, hat Recht; . . . aber nur der, der mehr sieht, sieht, daß er mehr sieht.“
Heinrich Rombach
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, daß etwas gut ausgehen wird, sondern daß es Sinn hat – unabhängig davon, wie es ausgehen wird.“
Václav Havel
„Meine Philosophie lautet, daß alles viel komplizierter ist, als man gemeinhin glaubt.“
Kwame Anthony Appiah
„Ich bin kein Revolutionär, aber ich bin der Meinung, daß die Kirche im besten Sinne des Wortes unterwandert werden muß, und zwar durch eine größere Wahrheit, durch die ursprüngliche Wahrheit, und daß das Gebäude der Kirche, um dieser Wahrheit Rechnung zu tragen, irgendwann nachgeben muß, um so diese Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen.
Das kann keine andere als die Wahrheit Jesu Christi sein.“
Eugen Biser
„Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt.“
Oscar Wilde
„Ohne Mythus aber geht jede Kultur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“
Friedrich Nietzsche
„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“
Fulbert Steffensky
„In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. . . Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld.“
Friedrich Dürrenmatt
„Kommunikation ist ein produktives Mißverständnis.“
Jacques Lacan
„Die Philosophie besteht gerade in der Anstrengung, das zu sagen, was sich nicht sagen läßt.
Philosophie ließe, wenn irgend, sich definieren als Anstrengung, zu sagen, wovon man nicht sprechen kann; dem Nichtidentischen zum Ausdruck zu helfen, während der Ausdruck es immer doch identifiziert.“
Theodor Adorno
„Um die Menschen zu lieben, muß man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.“
Jean-Paul Sartre
„Unsere Kultur ermutigt uns nicht, Philosophen zu sein, und dies ist vielleicht die verheerendste Verneinung von Freiheit in unserem Leben.“
William Warren Bartley
„Nein; gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“
Friedrich Nietzsche
„Die großartigste Lehre in beiden Religionen, der jüdischen wie der christlichen, ist – ich berufe mich hier auf ein Wort Schopenhauers – die Lehre von der Erbsünde. Sie hat die bisherige Geschichte bestimmt und bestimmt heute für den Denkenden die Welt. Möglich ist sie nur unter der Voraussetzung, daß Gott den Menschen mit einem freien Willen geschaffen hat.“
Max Horkheimer
„Wir verstehen nicht einmal das Leben – wie können wir den Tod verstehen?“
Konfuzius
„Die meisten Menschen, die sich schämen, mit einem abgelegten Hut oder Mantel zu gehen, laufen freudig mit abgelegten Meinungen herum.“
Sören Kierkegaard
„Wie kann der Mensch sich verstehen, wenn er den Tod nicht versteht?“
Karl Rahner
„Daß es dieser Arbeit in ihrer Dürftigkeit und der Finsternis dieser Zeit bschieden sein sollte, Licht in das eine oder andere Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich; aber freilich auch nicht wahrscheinlich.“
Ludwig Wittgenstein
„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“
Johannes Soukup
„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“
Emmanuel Levinas
„Man muß die Erklärung geben, die akzeptiert wird. Darauf kommt es beim Erklären an.“
Ludwig Wittgenstein
„Die Götter anderer Menschen zu verachten, bedeutet, diese Menschen selbst zu verachten, denn sie und ihre Götter gehören zusammen.“
Sarvepalli Radhakrishnan
„Grundlagenreflexion ist unverzichtbar, solange wir uns selbst fudamental verstehen wollen.“
Uwe Meixner
„Entfremdung ist die freiwillige Unterwerfung unter eine angebliche Objektivität.“
Johannes Soukup
„Wenn ich mich nicht täusche, ist die Innenseite dieser äußeren Reserviertheit nicht nur Gleichgültigkeit, sondern, häufiger als wir es uns zum Bewußtsein bringen, eine leise Aversion, eine gegenseitige Fremdheit und Abstoßung, die in dem Augenblick einer irgendwie veranlaßten nahen Berührung sogleich in Haß und Kampf ausschlagen würde.“
Georg Simmel
„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“ . . . und . . . „Denken ist Danken“.
Martin Heidegger
„Die Macht des Menschen, aus sich zu machen, was ihm beliebt, bedeutet . . . die Macht einiger weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt.“
Clive Staples Lewis
„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“
Josef Simon
„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.
Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“
Joseph Ratzinger
„Exaktheit ist ein Schwindel.“
Alfred North Whitehead
„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“
Ludwig Wittgenstein
„Freiheit ist das Wahrheitskriterium des Christentums.“
Eberhard Jüngel
„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.
Upton Sinclair
„Glaube ist die Unmöglichkeit, unbedeutend zu sein.“
Peter Sloterdijk
„Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere? Millionen Fälle,“
Johann Wolfgang von Goethe
„Wichtig ist nicht, was wir wissen, sondern wie wir leben.“
Johannes Soukup
„Kurz: ‚Substanz‘ ist ein metaphysischer Irrtum, der dadurch entsteht, daß die Struktur von Subjekt-Prädikat-Sätzen auf die Struktur der Welt übertragen wird.“
Bertrand Russel
„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“
Talmud
„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“
Carl Friedrich von Weizsäcker
„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“
Johannes Soukup
„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen.
Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“
Simone Weil
„Wir ertrinken in Informationen, aber uns dürstet nach Wissen.“
Paul Nurse
„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:
Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.
Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“
Huston Smith
„Gott kannst du nicht mit einem anderen reden hören, sondern nur, wenn du der Angeredete bist.“
Ludwig Wittgenstein
„Wir haben nicht zu viel Verstand und zu wenig Seele, sondern wir haben zu wenig Verstand in den Fragen der Seele.“
Robert Musil
„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“
Friedrich Nietzsche
„Wir glauben – nicht, was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.“
Johannes Soukup
„Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, daß sie sie in ein System sperren.“
Robert Musil
„Nur Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“
Heinz von Förster
„Der entscheidende Punkt ist, daß nur der Verzicht auf eine Erklärung des Lebens im üblichen Sinne uns die Möglichkeit schafft, den charakteristischen Merkmalen des Lebens Rechnung zu tragen.“
Niels Bohr
„Glaube ist das Denken eines religiösen Geistes.“
John Henry Newman
„Das schlechthin Unvernünftige – wir zerstören unsere Welt – tritt ein, weil alle vernünftig handeln.“
Thomas Ruster
„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen Parteien, Kirchen oder Völkern die Regel.“
Friedrich Nietzsche
„Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen.
Dabei droht sie uns jedoch, stumm und fremd zu werden.
Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.“
Hartmut Rosa
„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“
Victor Hugo
„Möglicherweise hat nicht die Gesellschaft Gott vergessen, sondern wir Christen haben verlernt, richtig über Gott zu reden.“
Manfred Lütz
„Wir brauchen ein Ministerium für Ruhestörung, das kalkuliert Ärger erzeugt; die Routine zerstört und die Selbstzufriedenheit untergräbt.“
Cyril Dean Darlington
„Du und ich, wir sind nicht zwei.“
Emmanuel Levinas
„Wirklich ist das, wovon wir ausgehen, selbst wenn wir es im einzelnen bezweifeln.“
Bernhard Waldenfels
„Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind, – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat.
Es ist also kein Lehrbuch.
Sein Zweck wäre erreicht, wenn es einem, der es mit Verständnis liest, Vergnügen bereitete. . .
Denn wenn ich auch nur selten ins Schwarze getroffen habe, wird der aufmerksame Leser doch erkennen, nach welchen Zielen ich unablässig geschossen habe.“
Ludwig Wittgenstein.
1. Einleitung in das Buch
Das waren sehr viele Zitate; sie sollten die Richtung andeuten, in die wir uns bewegen werden, und Ihnen damit eine Entscheidung ermöglichen, ob es sich eventuell lohnen könnte, mein Buch zu lesen.
Haben Sie keine Sorge, daß es in diesem Stil – also auch ein wenig langweilig und ermüdend – weitergehen könnte. Ganz im Gegenteil; ich versuche, selbst zu denken, finde das unheimlich spannend, weil man möglicherweise gezwungen wird, einen völlig unbekannten Weg in geistiges Neuland zu wagen, und lade Sie ein, mich dabei zu begleiten.
Wenn Sie Fehler finden, hat sich das Thema für Sie höchstwahrscheinlich erledigt. Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich kurz auf die entsprechenden Schwachstellen hinweisen würden. Ich danke Ihnen schon im Voraus und bitte um Entschuldigung für meine Versehen.
Unter Fehlern verstehe ich insbesondere logische Widersprüche, fehlende Denkmöglichkeiten und ungerechtfertigte Annahmen jeglicher Couleur, also nicht nur wissenschaftliche, sondern auch weltanschaulich-religiöse oder alltägliche.
Keinen Fehler bedeutet es freilich, gegen den Strich zu denken oder vom Zeitgeist mit seinen Plattitüden abzuweichen, von dem also, was „man sagt“ oder „jeder weiß“. Solche „Selbstverständlichkeiten“ interessieren mich nicht im geringsten.
Dabei darf es natürlich nicht um das Widersprechen als Selbstzweck gehen, wie wir es heute in unserer Gesellschaft – mit nahezu beliebigen Begründungen oder auch ganz ohne sie – tagtäglich erleben. Entscheidend ist lediglich, daß Unsinnigkeiten auch dann zu vermeiden sind, wenn sie von vielen Menschen geteilt werden und somit – als ideologisches Bekenntnis – vielleicht einem beliebigen Gruppen- bzw. Korpsgeist entsprechen, wie wir ihn von Diktaturen oder „verschworenen Gemeinschaften“ kennen.
Bloße Ansichten sind belanglos, und eine „Meinungsfreiheit“, derzufolge schließlich jeder sagen darf, was er „denkt“, ist keine Errungenschaft der Demokratie, sondern zerstört sie. Meinungs-Freiheit setzt Meinungs-Bildung im engeren Sinne voraus, und ohne diese wäre es zumeist besser, auf jene zu verzichten.
Die meisten von uns können es sich heute kaum leisten, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, belanglos oder sinnleer herausstellt.
Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst oberflächlich, belanglos und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung und Tips vom Baumarkt oder Finanzberater lesen.
(„Tips“ stimmt; ich halte mich an die alte Rechtschreibung, denn sie wurde gerade überarbeitet, als ich endlich einigermaßen sicher darin war. Die vorreformerische Orthographie ist offiziell auch für Bücher gestattet; sie muß nur konsequent von gestern sein, und dem versuche ich nachzukommen.)
Zahlreiche prominente Wissenschaftler deuten unser Zeitalter als das Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde mitbestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge, Seebeben oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.
Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit den meisten anderen Menschen gegenüber leben zu können und mich nicht nur schämen zu müssen.
Obwohl ich seit bald 50 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, gelingt mir leider immer noch keine leicht verständliche Darstellung, so daß Ihnen die vorliegende gewiß einige Mühe abverlangen wird. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.
Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß
– meine Gedanken zum einen recht ungewohnt sind, weil ich mich nicht von ihrer Exotik verunsichern lasse, sofern sie mir als richtig oder gar relativ zwingend erscheinen, und
– es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden.
Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen,
– entweder möglichst jeden Schritt als folgerichtig zu erkennen und auch – wenn es sein muß zähneknirschend – mitzugehen
– oder ihn aus guten Gründen abzulehnen.
Gute Gründe können freilich nur Gegenargumente, aber nicht widersprechende Meinungen sein. „Ich sehe das anders“ ist nicht nur kein guter Grund, sondern gar keiner.
Ein „ja, aber . . .“ hilft beim Denken nicht weiter; entweder „ja“ oder „nein“; tertium non datur, denn jedes Dritte wäre nur ein fruchtloses Rumgeeiere.
Beim Denken; im Leben ist das zumeist ganz anders.
Weder glaube ich an die Logik, noch bildet sie für mich das Nonplusultra (wie mir mitunter vorgehalten wird); alles Wichtige im Leben oder das, was uns zu Menschen macht, transzendiert die Logik. Damit wird es aber keineswegs unlogisch, sondern befindet sich als Alogisches jenseits der logischen Dimensionen und damit auch jenseits von richtig oder falsch.
Das bedeutet, daß wir das Entscheidende useres Lebens nicht wissen, aussagen oder bezeichnen, sondern höchstens beschreiben und darstellen können. Darin besteht die Aufgabe der Kunst, die also ebenso alogisch ist wie unser Leben. Sie kann letzteres auch tanzen, malen, vertonen oder in Stein meißeln, dies aber weder richtig noch falsch tun, sondern vielleicht ausdrucksstark, überzeugend oder mitreißend.
Wer jedoch nicht „nur“ – mehr oder weniger treffend – beschreiben bzw. ausdrücken, sondern einen Anspruch auf Richtigkeit erheben möchte, muß sich logisch sauber ausdrücken, denn andernfalls kann seine „Aussage“ nicht nur nicht richtig, sondern nicht einmal falsch sein. Eine unlogische „Aussage“ ist weder Aussage noch Kunst und kann weg.
Um das Mitdenken zu erleichtern, versuche ich, alle Gedankengänge möglichst vollständig wiederzugeben. Bei einem Geflecht von Überlegungen ergeben sich daraus zwangsläufig viele Überschneidungen, das heißt, Wiederholungen und somit Redundanz. Die nehme ich bewußt inkauf, und vielleicht kommt Ihnen dieses „schon wieder“ mitunter sogar ganz gelegen.
Hinter mir liegt ein Denkweg, für den ich, wie schon gesagt, Jahrzehnte benötigt habe. Wenn Sie immer noch ein Stückchen brauchen, um ihn nachvollziehen zu können, wäre das meines Erachtens also nicht sonderlich überraschend. Aber vielleicht ist es auch nur halb so schlimm, weil irgendwann der flow einsetzt und Sie dann – ebenso wie es mir erging – gar nicht mehr aufhören wollen oder können.
Betrachten Sie mein Buch als eine „Abkürzung“, mit der ich dem einen oder anderen Leser bzw. Hörer bereits helfen konnte, worüber ich sehr froh und wofür ich sehr dankbar bin.
Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken bzw. Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.
„Herr Müller sagt aber . . .“
Na und? Frau Meier meint auch etwas.
„Prüfet alles und behaltet das Gute„, nicht aber „. . . das, was die Guten sagen“. Denn wer diese sind, müssen wir erst selbst herausbekommen und wissen wir somit bestenfalls nach unserem eigenen Erkennen des Guten.
Ich erlebe sehr häufig, daß diese Prioritäten vertauscht werden; das erleichtert den „Denkern“ nicht nur die Auseinandersetzung, sondern erspart sie ihnen sogar. Genau darin scheint mir jedoch einer der großen Fehler zu bestehen, an denen unsere Gesellschaft heute krankt:
Leider wollen bzw. können sehr viele Menschen nicht selbst denken, sondern möchten lieber gesagt bekommen, was richtig oder gar wahr ist. Ich bin fest überzeugt, daß eine solche Un-Kultur in die Krise führt.
Die Zeit ist zwar irreversibel, das bedeutet jedoch keineswegs, daß die Errungenschaften der Vorfahren zu einem festen Beststand oder Besitz unserer Gesellschaft werden müßten.
Die Aufklärung beispielsweise gehört ins 18. Jahrhundert, aber daraus folgt keineswegs, daß wir aufgeklärt sein müßten. Wer nicht tagtäglich versucht, selbst kritisch zu denken, fällt hinter das Niveau des 18. Jahrhunderts zurück. Unsere persönliche Aufklärung ist keine historische Tatsache, sondern ein Ereignis oder eine Praktik, die nur im jeweiligen Jetzt möglich sind
„Ecclesia semper reformanda“; alle Kirchen und nicht nur sie brauchen eine kontinulierliche Reformation, um nicht in ihren Traditionen zu erstarren oder an ihnen zu ersticken und damit den Glauben und das Denken zu verunmöglichen. Bei den Kirchen ist das besonders problematisch, weil vielen Menschen ihr Glauben sehr wichtig ist und sie – aus Angst ihn zu verlieren – zu einem traditionell-konservativen Denken neigen. Das muß nicht falsch sein, birgt aber immer die Gefahr, in eine sturen Fundamentalismus zu verfallen.
In Philosophie und Theologie geht es nicht um „ewige Wahrheiten“ und weder um Kontemplation noch um Rückschau, sondern darum, neue Begrifflichkeiten zu schaffen, die Antworten auf die spezifischen Probleme der jeweiligen Gegenwart ermöglichen.
Winston Churchill schrieb: „Ein vernünftiger Text soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“
(Ich will mich einerseits nicht mit fremden Federn schmücken und gebe deshalb gerne andere Autoren wieder, wenn ich glaube, daß sie meine Überlegungen besser zum Ausdruck bringen, als ich es vermag.
Andererseits langweilt mich aber das Suchen nach den Quellen, und deshalb „zitiere“ ich zumeist recht locker aus der Erinnerung. Mir geht es also nur um den Inhalt und nicht um die sogenannte „wissenschaftliche Exaktheit“, mit der ich auch sonst wenig anfangen kann. Warum soll „wissenschaftlich“ eo ipso ein positives Prädikat sein? Bedeutet es nicht sehr häufig auch „engstirnig“, „voreingenommen“, „einseitig“ oder „überheblich“?)
Zurück zu Churchill; bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl . . .
Den tapferen Lesern wünsche ich die Erfahrung, daß letztlich wohl nur eigene Anstrengungen vor Langeweile bewahren, zur Sinnfindung beitragen und Erfüllung ermöglichen oder glücklich machen können.
Ich hoffe und glaube sogar ein wenig, daß Sie am Ende nicht das Gefühl haben werden, um Ihre Zeit betrogen worden zu sein. Mir hat sich eine neue Sicht auf mein Leben erschlossen, die ich am besten als „befreiend“ charakterisieren würde, weil sämtliche Denk- und Rede-Zwänge aufgrund angeblicher Evidenz, Logik oder Dogmatik jeglicher Couleur entfallen.
Freiheit bedeutet meines Erachtens, ich selbst sein zu können, weil ich das denken und sagen darf, wovon ich überzeugt bin und was mir am Herzen liegt. Ein um Wahrheit bemühter Widerstreit hilft mir dabei, weil er meine Ansichten – möglicherweise korrigiert, mit Sicherheit aber – schärft.
(Es ist klar, daß jeder von uns diese Gedanken für sich selbst formulieren muß.
Ich werde des öfteren zur ersten Person Singular wechseln, ohne nochmals darauf hinzuweisen. Das resultiert nicht aus einer übersteigerten Egomanie, sondern aus dem Willen, mich möglichst exakt und verständlich auszudrücken; in der Ich-Form ist das häufig leichter möglich.)
Es gibt meines Erachtens kein „so ist es“, sondern lediglich ein „ich kann es mir nach bestem Wissen und Gewissen nicht anders vorstellen“ oder „es entspricht meiner festen Überzeugung“. Wer sie als wahr betrachtet, ist – Sie verzeihen mir bitte – entweder erschreckend anmaßend oder unglaublich einfältig.
Dahinter stecken fundamentale Grundgedanken des gesamten Buches, die wahrscheinlich erst allmählich deutlich und verständlich werden können, die Sie aber möglichst von Anfang an schon ein wenig im Hinterkopf haben sollten.
Fünf Punkte zu „Welt und Wirklichkeit“:
1. Es gibt eine objektive Wirklichkeit, die sich jedoch weder wahrnehmen noch vorstellen oder denken läßt, die nicht gewußt, repräsentiert oder beschrieben und folglich auch nicht kommuniziert werden kann.
Sie äußert sich nur im Aufzeigen von Grenzen und Widerständen; wir können nicht alles tun; unsere eventuell bestehende Freiheit ist mit Sicherheit endlich.
2. Somit entfällt jede objektive Welt, die traditionell den sicheren Ausgangspunkt sämtlicher Überlegungen bildet.
3. Zu jedem von uns gehört jedoch seine subjektive Welt, die jeweils im eigenen Wissen besteht.
Im Sinne von Hans-Georg Gadamer könnten wir sagen:
„Objektive Wirklichkeit, die verstanden werden kann, ist intersubjektives Wissen.“
Die verschiedenen Mischungen jeweils anderen intersubjektiven Wissens – die wissen dies, und jene das – führen zur subjektiven Welt.
4. Wenn sie selbst im Wissen besteht und nicht nur dessen Referenten darstellt, fällt sie mit dem Weltbild zusammen.
5. Welt bzw. Weltbild sind dann keine Beschreibung oder Repräsentation der objektiven Wirklichkeit, sondern nur eine ganz spezielle (partiell) intersubjektive Darstellung bzw. Präsentation.
Dieser Wegfall des „so ist es“ bzw. der objektiven Welt paßt zum christlichen Glauben, der uns freimachen will, um möglichst ohne Hindernisse und Grenzen nach der Wahrheit suchen zu können.
Die Wahrheit setzt Freiheit voraus;
die Freiheit aber nicht Wahrheit, sondern „nur“ das Streben nach ihr; das wußte schon Lessing:
„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte“, würde ich mit Lessing die linke Hand wählen.
Nicht aus gespielter Bescheidenheit oder Demut, sondern wegen meiner tatsächlichen
– Hochachtung vor der Wahrheit und
– Einsicht in die eigene Endlichkeit.
Ich beschreibe Ihnen also nicht – im Sinne eines Ratgebers – den Weg zu Ihrem Glück oder Heil, sondern will Ihnen verständlich machen, daß Sie dafür im wesentlichen selbst zuständig und verantwortlich sind.
Natürlich bleiben die letzten Bedingungen und Umstände unseres Lebens absolut unverfügbar; aber bis wir zu ihnen gelangt sind, türmt sich viel störendes Schein-Wissen auf, das unsere Freiheit begrenzt, weil wir es irrtümlich für unhinterfragbar halten – sei es als Selbstverständlichkeit, Evidenz oder Dogma –, tatsächlich aber überformen könnten und sollten, um freier zu werden.
Unser erster Teil bildet eine Einleitung, deren Sinn darin besteht, Sie mit meinen Grundannahmen sowie dem Flair oder der Atmosphäre des Buches vertraut zu machen und sein Ziel zu verdeutlichen.
Der zweite Teil soll
– Ihnen eine Ahnung vom Gesamtkonzept mit
– seinen wichtigsten Grundbegriffen vermitteln und
– damit eine Ausgangsbasis für unsere weiteren Überlegungen schaffen sowie
– diese ein klein wenig in das geistige Leben der Gegenwart einordnen.
Die hier dargestellten Überlegungen entsprechen dem Gerippe des Ganzen; das Fleisch wird ihm erst im vierten Teil hinzugefügt.
Dazwischen, im dritten Teil, stelle ich das traditionelle abendländische Denken möglichst unvoreingenommen dar und versuche, es sachlich, ohne alle Polemik sowie argumentativ stark zu kritisieren.
Insbesondere soll hierbei erkennbar werden, weshalb ich fest überzeugt bin, daß wir das traditionelle Denken überwinden und nach einer postmodernen Alternative suchen müßten, die weniger
– philosophische Glaubensbekenntnisse und
– Denkfehler enthält.
Mein Vorschlag für eine solche Alternative wird im vierten Teil ausführlich dargestellt, der somit – auch vom Umfang her – den Schwerpunkt unserer Überlegungen bildet.
Die Postmoderne ist ein schillernder Begriff, der häufig stark polarisiert und sehr unterschiedliche Bedeutungen besitzt. Auf diese Vielfalt gehen wir jedoch gar nicht ein; ich stelle Ihnen nur meinen eigenen Ansatz vor, der – neben tausend anderen Varianten – zweifellos auch zur Postmoderne zählt.
Das „Alleinstellungsmerkmal“, das ihn auszeichnet, besteht wie bereits gesagt darin,
– möglichst wenige unbegründete Annahmen zu treffen, das heißt,
– ganz konsequent zu denken und somit
– selbst gespannt darauf sein zu können, wohin eine solche Reise des Geistes führt.
Die schwerwiegendste unbegründete Annahme des traditionellen Denkens besteht in seinem (nahezu) dogmatischen Glauben an die – Existenz von – Seienden. Ich bin felsenfest überzeugt, daß er nicht nur ungerechtfertigt, sondern auch völlig falsch ist und zu den wichtigsten Gründen unserer heutigen Probleme zählt.
Meine Überlegungen waren stets von der Hoffnung getragen, daß wir die vernünftig gestellten Fragen unseres Lebens – nicht zuletzt auch die theologischen – ebenso vernünftig, das heißt, insbesondere ohne willkürliche Dogmen beantworten können (müßten).
Mir geht es insgesamt um ein dogmenfreies Denken. Niemand vermag zu entscheiden, ob dessen gegenwärtige Resultate richtig sind; aber das Ergebnis jedes dogmatischen „Argumentierens“ – mit seinen damit notwendigerweise verbundenen Denkverboten und -(ab)brüchen – ist gewiß falsch.
Wer glaubt, die Wahrheit zu besitzen, hat lediglich aufgehört, nach ihr zu suchen.
Der Deutlichkeit halber füge ich unseren Überlegungen einen Untertitel hinzu, den auch François Jullien für sein Buch „Ressourcen des Christentums“ nutzte:
„Zugänglich auch ohne Glaubensbekenntnis“
1.1. Das traditionelle Denken
Die zweieinhalb tausend Jahre seit Platon geht das abendländische Denken weitestgehend davon aus, daß eine uns vorgegebene und damit objektive Wirklichkeit existiert, deren Bestandteile per definitionem die Seienden bilden. Vor diesem hochtrabend klingenden Wort muß man nicht erschrecken; es ist völlig harmlos:
Was beim Bäcker gebacken wird, bildet Gebäck; was Archäologen finden, gilt als Fundstück; und was für traditionelle Philosophen oder Theologen ist, stellt ein Seiendes dar. Sie könnten also problemlos Tausende von Seienden nennen und müßten dazu lediglich die Dinge aufzählen, von deren Existenz, (Vorhanden-)Sein oder Wirklichkeit Sie überzeugt sind; Gebäck, Fundstücke, Materie, Blitze, Evolution oder Schöpfung, der eigene Körper, Sonne, Mond und Sterne . . .
Für das Alltagsdenken genügt diese Ebene der Seienden. Philosophisch müssen wir aber noch einen Schritt weitergehen und fragen, woher sie kommen bzw. wer oder was sie ermöglicht. Das ist zwingend, denn die Seienden können sich ja nicht selbst hervorbringen; Selbstverursachung gibt es ebensowenig wie die Selbstbewegung eines Perpetuum mobile.
„Gestatten Sie bitte, daß ich mich kurz vorstelle, wenn ich Ihnen schon ins Wort falle:
Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen; wie soeben.“
„Adé“ ist gut . . .; aber trotzdem: Herzlich willkommen!
AD: „Danke!
Ist nicht nahezu die gesamte Theologie des Mittelalters mit Thomas von Aquin an der Spitze davon ausgegangen, daß Gott sich selbst hervorbringt bzw. -gebracht hat und er somit als „causa prima“ dem ersten Beweger des Aristoteles entspricht?“
Sie haben völlig Recht; aber das sind für mich nur leere Worte, weil wir sie natürlich nachplappern, aber keinen zugehörigen Inhalt denken können:
Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, sich erzeugen können?
Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, überhaupt irgendetwas erzeugen können?
Eine „Erklärung“, die ich – auch beim besten Willen – nicht verstehe, ist für mich keine Erklärung – deswegen frage ich weiter und gibt es dieses Buch.
Unsere Moderne „löst“ dieses Problem mittels der Evolution. Aber das ist natürlich keine Lösung, weil sämtliche Evolutionstheorien nur erklären können, wie diese Seienden kausal aus jenen hervorgehen, so daß wir weiterhin vor der Frage nach dem Ursprung der „ersten“ Seienden stehen. „Im Anfang war der Wasserstoff“, meinte Hoimar von Ditfurth und provozierte damit die Frage nach dessen Herkunft: Was existierte in der traditionellen, vergehenden Zeit vor dem Wasserstoff?
Das evolutive Denken führt notwendigerweise auf eine endlose Iteration und damit immer tiefer in das Früher hinein, aber niemals zu einem Ziel. Hegel nannte es deswegen eine „schlechte Unendlichkeit“; sie „löst“ das Probem, indem sie es vor sich her schiebt.
Antik-mittelalterlich ging dem modernen Gedanken einer Evolution die Idee der Schöpfung voraus.
In ihrer traditionellen Form ist sie aus heutiger Sicht ebenso unhaltbar wie die Evolutionstheorie, weil wir unsere Frage nach dem Woher – mit der soeben angedeuteten Logik – natürlich auch auf den Schöpfer anwenden könnten bzw. müßten und damit über den Schöpfer des Schöpfers des Schöpfers . . . wiederum auf eine unendliche Iteration stoßen würden.
Die Annahme, Gott existiere ewig, hilft uns kaum weiter, denn sollte ein solcher Gedanke nicht ohnehin unverständlich sein – „Was bedeutet Ewigkeit überhaupt?“ –, ließe er sich auch gleich auf die Welt selbst beziehen, so daß jegliche Schöpfung unnötig wäre. Die Überzeugung, daß zwar Gott, aber nicht die Welt ewig sein könne, entbehrt jeglicher Grundlage; wir haben die entsprechenden Worte lediglich so im Ohr, weil sie schon sehr lange gedankenlos geplappert werden.
Damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück:
Die Seienden bilden die uns zugängliche immanente Welt, in der wir leben, und bedürfen eines Grundes, der sie ermöglicht, trägt, hervorbingt oder einfach sein läßt, denn aus Nichts kann auch nichts werden. Diese fundamentalere Ebene können wir prinzipiell nicht wahrnehmen, weil es sich andernfalls nicht um eine fundamentalere Ebene, sondern erneut um Seiende handeln würde; wir hätten nichts gewonnen und müßten unsere Suche nach dem Grund von vorn beginnen.
Er läßt sich also nur denken oder muß rein geistig sein und entspricht damit einer Überwelt oder Transzendenz. Ich kann nicht sehen, wie sie sich dieser Gedanke innerhalb des traditionellen Denkens vernünftig vermeiden lassen könnte.
Die Überwelt bzw. Transzendenz bestand bei Platon und anderen antiken Denkern in den ewigen Ideen. Möglicherweise sind Ihnen die klassischen Transzendentalien – die Ideen des Einen, Wahren und Guten – oder die besonders populären Ideen der Gerechtigkeit und Schönheit geläufig.
Sie haben alle nichts damit zu tun, wie wir heute den Begriff der Ideen nutzen. Aus den objektiven transzendenten Fundamenten der Welt sind in der Zwischenzeit die subjektiven menschlichen (Schnaps-)Ideen geworden.
Der prinzipielle Unterschied zwischen Seienden und Ideen läßt sich recht gut anhand des Mythos vom Erbauen der Welt durch den Demiurgen verstehen:
Ihm waren dazu die ewig identischen Ideen als „Bauplan“ vorgegeben; jede von ihnen bildet ein Singularetantum wie Durst, Haft oder Nähe beispielsweise.
Auf Grundlage der einen Idee des Planeten konnte der Demiurg nun beliebig viele Planeten als Seiende hervorbringen, deren sekundäre Eigenschaften nahezu beliebig waren, die aber alle in ihrem Planet-Sein – mit der Idee des Planeten und damit notwendigerweise auch untereinander – übereinstimmten.
Die unsichtbaren Ideen und nur sie ermöglichen in diesem Denken die (gegebenenfalls) sichtbaren Seienden; keine Schönheitskönigin ohne die Idee der Schönheit.
Das halten wir fest:
| objektive Wirklichkeit | |||
| Transzendenz | Immanenz | ||
| Ermöglichung der Welt | objektive Welt |
||
| Seiende | |||
| – Gott | |||
| – Ideen | = { Essenz, Wesen oder Was + | ||
| + Existenz, Sein oder Daß } | |||
| – . . . . . . | |||
| objektive Welt, die über | objektive Realität | ||
| den (physikalischen) Kosmos | (physikalischer) Kosmos | ||
| hinausgeht | Körper | ||
| zum Beispiel: | |||
| Mathematik oder Musik | |||
| nur denkbar | denk- (und wahrnehmbar) | denk- und wahrnehmbar | |
| rein geistig | geistig (und sinnlich) | materiell | |
| nicht in Raum und Zeit |
in Raum und Zeit | ||
Abbildung 1.1.
(Geschwungene Klammern bedeuten bei uns stets die Einheit der beiden Seiten, die zwischen ihnen stehen.)
„Körper“ verstehen wir im weitest möglichen Sinne, so daß alle festen materiellen Dinge, die natürlichen – leblosen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen – ebenso wie die künstlichen Körper dazugehören. (Daß es rein physikalisch zum Beispiel auch Felder, Flüssigkeiten und Gase gibt, spielt für unsere Überlegungen keine Rolle; wir streben keine Vollständigkeit an.)
Die Körper bilden die objektive Realität oder den (physikalischen) Kosmos.
Die Immanenz oder objektive Welt der Seienden geht jedoch weit darüber hinaus, denn Farben, Töne oder Zwecke beispielsweise sind gewiß weltlich-immanente, aber keinesfalls physikalische Kategorien. Die Physik kennt diesbezüglich lediglich Wellenlängen bzw. Frequenzen, versteht aber Reißzwecken bereits nicht mehr, da sie einen Zweck erfüllen, der keine physikalische Kategorie darstellt. Der Kosmos ist als solcher notwendigerweise zwecklos.
Erweitern wir auch die objektive Welt noch um die Transzendenz, die jene erst ermöglicht, so entsteht die gesamte oder vollständige objektive Wirklichkeit der Tradition, die uns als Ausgangspunkt für alles Weitere dient.
Hier deutet sich bereits ein Problem an, das die gesamte christliche Theologie durchzieht:
Ich habe die Seienden ganz bewußt nur rechts bei der Immanenz oder Welt aufgeführt, weil die Transzendenz bzw. Überwelt unterschiedlich gedacht werden kann:
Die Antike entschied sich, wie ich soeben zeigen wollte, weitgehend für ein Reich der Ideen.
Die christliche Theologie
– hat solche Gedanken jedoch zumeist von sich gewiesen,
– die Transzendenz mit Gott identifiziert und
– diesen nahezu ausnahmslos als – höchstes oder „seiendstes“ – Seiendes dargestellt.
Martin Heidegger sprach diesbezüglich von einer „Onto-Theologie“. Sie krankt meines Erachtens ganz entscheidend daran, daß darin kein prinzipieller Unterschied zwischen Gott und Mensch besteht, denn beide sind Seiende mit nur noch quantitativen Unterschieden; Gott ist ein Übemensch, und der Mensch ein Untergott.
Nur onto-theologisch kann man über die Gedanken oder Absichten, den Willen und das Handeln Gottes sprechen.
Wer dies alles ablehnt, ist allein deswegen noch kein Atheist, sondern vertritt möglicherweise nur eine andere Philosophie und hält vielleicht allein die Annahme, Gott sei ebenfalls nur ein – wenn auch besonderes – Seiendes, für falsch.
Das meinte Dietrich Bonhoeffer, als er sagte „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“.
Für uns stellt sich die Frage „Onto-Theologie – ‚ja‘ oder ’nein‘?“ jedoch gar nicht, weil wir sämtliche Seienden ablehnen.
1.1.1. Immanenz und Transzendenz
AD: „Sie hatten uns oben versprochen, möglichst auf jeden unbegründeten Gedanken zu verzichten – und nun kommt aus heiterem Himmel plötzlich Gott ins Spiel, mit dem die meisten Leser wahrscheinlich nicht viel anfangen können. Das klingt hinterwäldlerisch und ist es wohl auch . . .“
Sofern Sie damit lediglich sagen wollen, wir wüßten nicht, worin die Transzendenz besteht und ob man das überhaupt wissen kann, gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Aber die Schlußfolgerungen, die sich daraus für mich ergeben, zielen scheinbar eher in die entgegengesetzte Richtung als bei Ihnen:
Ich halte die Frage, woher die Welt stammt, weder für dumm oder naiv noch für uninteressant. Oben sollte kurz angedeutet werden, daß sie bis heute nicht befriedigend beantwortet werden konnte. Nahezu alle uns bekannten Kulturen haben sich an ihr abgearbeitet und nicht zuletzt deshalb häufig einen Gott bzw. Himmel, ein Reich der Ahnen, Paradies oder Jenseits postuliert; die Namen tun nichts zur Sache.
Wir können eine solche Transzendenz vorerst weder erklären noch beschreiben. Aber gerade wenn ich, wie Sie formuliert haben, „möglichst auf jeden unbegründeten Gedanken verzichten“ möchte, darf ich die Existenz einer solchen Transzendenz auch nicht leugnen, denn das wäre ebenfalls ein unbegründeter Gedanke.
Die Existenz des Unbekannten muß offenbleiben wie dieses selbst und darf nur in dem Maße bejaht oder verneint werden, wie wir auch das ehemals Unbekannte verstanden haben; nur so ist ein seriöses Entscheiden möglich.
Der dem entgegengerichtete Satz „Was ich nicht verstehe, kann unmöglich existieren“ zeugt weder von Bescheidenheit noch von Intelligenz.
Vielleicht zeigt sich bald, daß die Frage nach dem Woher der objektiven Welt tatsächlich dumm, weil falsch gestellt ist. Aber auch das müßte sich erst im Gefolge unserer Überlegungen ergeben und kann von einem philosophischen, das heißt, offenen Denken unmöglich vorausgesetzt werden.
AD: „So verstanden, würde ich mit Ihnen d’accord gehen.
Aber die alten Griechen konnten es gar nicht so verstehen, weil sie einen ewig-identischen Kosmos vorausgesetzt haben, womit sich die Frage nach seinem Entstehen erübrigte.“
Das ist richtig; ich habe meine letzten Gedanken der Einfachheit halber etwas unsauber formuliert und korrigiere mich nun:
Unabhängig von der sekundären Frage, ob die Welt einen Anfang (und ein Ende) besitzt oder nicht, muß es einen Grund für ihre Existenz geben, und er ist es letztlich, wonach wir suchen. Dieser Grund hat aber auch gar nichts mit der Ursache – für den zeitlichen Anfang – der Welt zu tun. Er ist das Primäre, und ohne den transzendenten Grund gibt es keine immanente Welt – weder mit noch ohne Anfang oder Ende.
Der Unterschied zwischen Ursache und Grund sowie die Bedeutung des letzteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, daß dem traditionellen Denken zufolge ohne den Grund auch keine Wahrheit existieren würde.
Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu können, mußte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Maßstab – des Bauplans –, ist keine begründete Wertung möglich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Façon: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.
Nach traditionellem Verständnis kann es ohne die Ideen also auch keine Wahrheit geben.
Sokrates stellte für Platon die personifizierte – Idee der – Gerechtigkeit dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich – wie auch immer er dies bewerkstelligt haben mag –, und die Ähnlichkeit der beiden Seiten bestätigte ihm seine diesbezügliche Einschätzung des Sokrates.
Die Ideen sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge natürlich auch für die materiellen Körper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise könnte es letztere nicht geben; sie nimmt in den Planeten konkrete Gestalt an oder verkörpert sich darin – ganz ähnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.
Platon war diesbezüglich so konsequent, daß er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls würden diese Dinge ja seines Erachtens gar nicht existieren; aber durch die entsprechenden Ideen gibt es nun – analog zur Gerechtigkeit – sogar wahre Bettgestelle und wahren Schmutz bzw. Kot.
Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der „wahren Liebe“, dem „wahren Freund“ oder „Helden“ hallt dieses antik-mittelalterliche Denken noch heute nach.
Von besonderem Interesse für unsere weiteren Überlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.
Bei den Ideen der Transzendenz können wir uns diesbezüglich kurzfassen: Sie sind – wie der traditionelle Gott – gar nicht in der Zeit und müssen somit identisch sein. Die Gerechtigkeit beispielsweise ist eine ewige Idee; sie bildet für Sokrates und Mutter Theresa exakt das gleiche Ideal.
Die Seienden können sich offensichtlich verändern; Moritz wächst, das Wasser fließt, oder die Sonne geht auf und unter.
An dieser Gegenüberstellung wird bereits recht deutlich daß wir Identität und Unveränderlichkeit sauber voneinander unterscheiden müssen:
Erstere kommt der traditionellen Transzendenz zu; ihre Zeitlosigkeit befindet sich jenseits von Änderungen oder Nicht-Änderungen.
Die Seienden gehören dagegen der vergehenden Zeit an. Das bedeutet, daß sie sich ändern können – aber natürlich keineswegs müssen. Tun sie es nicht, werden die Seienden dadurch jedoch nicht identisch, sondern sie sind einfach nur unveränderlich. Das ist partout nichts Besonderes, sondern lediglich der asymptotische Grenzfall einer Änderung mit dem Wert 0.
Ein Apfel wird rot oder bleibt grün; gewiß ist er nicht ewig-identisch.
Die Immanenz kann nicht identisch, und die Transzendenz nicht unveränderlich sein. Wer letzteres von Gott annimmt, denkt ihn nach dem Modell eines Granitblocks.
1.1.2. Die Korrektur des traditionellen Denkens in der Moderne
Mit der Aufklärung, spätestens im 18. Jahrhundert nahm die Einsicht, daß das traditionelle Denken die Transzendenz als Grund der Immanenz notwendigerweise erforderlich macht, immer stärker ab. Die Moderne leugnet zunehmend die (Wirklichkeit der) Ideen und gerät damit in einen inneren Widerspruch, weil sie immer noch weitestgehend von einem unerschütterlichen Glauben an die Seienden beseelt ist. Die Moderne will Seiende, aber keine Ideen; erstere müssen also auch ohne letztere denkbar – gemacht – werden.
In Antike und Mittelalter wurden die Seienden zumeist als Einheit von
– Essenz, Wesen oder Was auf der einen Seite und
– Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen verstanden.
Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst; definieren wir ein Seiendes als das, was ist, dann muß die Existenz natürlich dazugehören. Fehlt sie, handelt es sich nicht um Seiende, sondern um Nicht-Seiende, das heißt, um reine Essenzen, Wesen oder Wasse.
Und worin diese bestehen, wissen wir auch bereits:
Das sind die Baupläne, nach deren Vorlage der Demiurg die Seienden erstellt hat; sie fallen also exakt mit seinen einmaligen Ideen zusammen:
Ideen = Essenzen, Wesen oder Wasse
Das ist sogar sehr anschaulich; vom Typ 08/15 können beliebig viele Exemplare installiert werden.
Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars‘ besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verkörpern. Im Gegensatz zu seiner Idee
– existiert der Mars also in Raum und Zeit, so daß wir ihn zum Beispiel sehen können, und
– verfügt er über viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften wie Masse, Größe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.
Unsere Sonne könnte tausend Planeten haben; sie alle wären Realisierungen oder Verweltlichungen der einen Idee des Planeten.
Die Moderne cancelt die notwendigerweise rein geistigen Ideen, weil sie nicht immanent erfahren, sondern nur als transzendent gedacht und damit geglaubt oder behauptet werden können. Sie ersetzt die göttlichen Ideen durch unsere Begriffe, um die weiterhin erwünschten Seienden zu retten. Diese bestehen nun in der rein immanenten Einheit von
– Begriff auf der einen Seite und
– Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen.
Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber wir wissen, was es nicht gibt; die Idee bzw. der Begriff des Yetis wurde vom Demiurgen nicht umgesetzt.
Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental und hat gewaltige Konsequenzen:
Aus den transzendent-vorgegebenen Ideen wurden die immanent-verfügbaren Begriffe. Jene entsprachen Idealen und ermöglichten dadurch nicht nur die Seienden, sonden zudem begründbare Urteile.
Die Idee des Menschen beispielsweise drückte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie ursprünglich – von wem auch immer – einmal gedacht waren. Der Begriff des Menschen dagegen ist ein bloßes Denkwerkzeug und drückt absolut nichts aus.
Ohne die transzendenten Ideen bleibt aus Sicht der Traditionalisten nur eine „Diktatur des Relativismus“.
AD: „Das leuchtet mir alles ein und war auch sehr hilfreich; aber darf ich bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zurückkommen. Wie sollen wir überhaupt von ihnen wissen können? Das Wahrnehmen scheidet – wenn es sie gar nicht gibt – naturgemäß aus, und vorstellen läßt sich (fast) ‚alles‘.
‚Ich weiß, was nicht existiert‘ ist meines Erachtens widersprüchlich, und Nicht-Seiendes damit ein Unbegriff.
‚Natürlich‘ gibt es keine Einhörner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierhörnern? ‚Jeder weiß‘, daß Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal über Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind ‚offensichtlich‘ Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .“
Sie haben meines Erachens 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tatsächlich bloße Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich beliebig vergrößern läßt. Aber damit regt sich natürlich ein – für das traditionelle Denken – schlimmer Verdacht:
Wieso sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Genügt die Annahme der Existenz oder der Glaube daran tatsächlich, um aus Erfindungen Realität bzw. aus Phantasiegestalten Wirklichkeitsformen werden zu lassen? Wenn Einhörner imaginär sind, weshalb sollten dann Nashörner real sein?
AD: „Weil jeder von uns schon Nashörner gesehen hat, aber noch niemand Einhörner.“
Letzteres nehmen Sie freilich nur an, und zu ersterem:
Ich bin mir sehr sicher, daß viele unserer Vorfahren die Erdscheibe, Hexen, Besessene, Wunder oder den König von Gottes Gnaden nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben – obwohl wir sie heute alle unter den Nicht-Seienden einordnen würden.
AD: „Stimmt; sowohl die Unterteilung in Seiende bzw. Nicht-Seiende als auch ihre Wahrnehmbarkeit können höchstens als zeit- und subjektabhängig verstanden werden.“
AD: „Aber wollen Sie damit etwa sagen, daß unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen besteht? Daß Leben, Liebe, Leid und Tod bloße Narrationen sind, die wir auch beliebig hätten uminterpretieren, vermehren bzw. uns ersparen können?“
Nein; natürlich nicht; Ihre Schlußfolgerung, daß sich derartiges bei mir ergeben müßte, wirkt zwar sehr stringent, enthält aber einen gewaltigen Denkfehler:
Ich bin tatsächlich überzeugt, daß es keine Seienden gibt, sondern die angeblichen „Seienden“ bloße – mehr oder weniger willkürliche – Konstruktionen darstellen; exakt wie die Nicht-Seienden. Aber da mir die traditionelle Ansicht fernliegt, die Wirklichkeit bestehe in oder aus den Seienden, folgt daraus postmodern absolut nicht, daß unsere Wirklichkeit konstruiert ist.
Außerdem wäre diese Annahme ja widersprüchlich, weil das Konstruieren der – angeblich nur konstruierten – Wirklichkeit selbst wirklich sein müßte.
Mit anderen Worten:
Wenn Sie die Wirklichkeit traditionell mit den Seienden identifizieren, müssen Sie sich natürlich dagegen verwahren, letztere als bloße Konstruktionen zu betrachten, weil ansonsten Ihre Wirklichkeit weg wäre.
Ich dagegen kann die Seienden problemlos als Konstruktionen auffassen, weil meine Wirklichkeit eine ganz andere ist.
In der Moderne kam es noch zu einer zweiten wichtigen geistesgeschichtlichen Korrektur:
Seiendes ist nicht gleich Seiendes; die Subjekte können auch als Seiende ihren Status radikal ändern, und das geschah etwa parallel zur Auflösung der Ideen.
Die vormodernen Subjekte verstanden sich im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Sie wurden – ohne zu wissen, warum und wofür – in eine vorgegebene Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was.
Der Sinn ihres Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – im Jenseits einmal dafür belohnt zu werden
Philosophisch könnte man sagen: Das waren zwar Subjekte im Nominativ; sie besaßen „selbstverständlich“ eine Seele und wurden – wie alle Seienden – substanziell oder identisch gedacht. Aber dennoch waren sie nicht autonom; weder standen sie auf eigenen Beinen noch spielte ihre Freiheit eine sonderliche Rolle, und als Selbstbestimmung war sie schon gar nicht zu denken.
Das änderte sich in der Moderne grundlegend.
Die Subjekte
– blieben zwar weiterhin Seiende,
– wurden aber autonomer, souveräner oder unabhängiger,
– erfuhren sich zunehmend als frei, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich und
– verstanden sich häufig als autark im Sinne von „auf den eigenen Beinen stehend“.
Auch das gehört zur „Aufklärung“, steht aber zumeist nicht so stark im Focus wie das Abwenden von der Transzendenz. Besondern wichtige Denker auf diesem Weg waren Descartes, Kant, Hegel und Husserl.
Die daraus resutierende Philosophie wird zumeist als eine solche des Subjekts bzw. des Bewußtseins bezeichnet, und der „Tod des Subjekts“ im 20. Jahrhundert läutete bereits ihr Ende ein.
Wir können natürlich ebenfalls nicht bei einem solchen Denken stehenbleiben, weil seine Subjekte weiterhin Seiende darstellen. Um den prinzipiellen Bruch, den wir an dieser Stelle beabsichtigen, zum Ausdruck zu bringen, sprechen wir bei unseren „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten.
Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele; vielmehr sind die Subjektivitäten solche im Dativ oder Akkusativ:
– Nicht „ich handle“, „denke“ oder „weiß“, sondern
– „mir geht nahe“, „mich betrifft“ oder „berührt“.
Und wenn mir nichts nahegeht, mich nichts betrifft, berührt oder interessiert – gibt es mich nicht. Ich bin kein autarkes Subjekt, sondern entstehe erst durch „mein“ Antworten.
Ich tue das vielleicht in Freiheit und
– bin darin – mit der Philosophie des Subjekts – autonom, selbstbestimmend oder eigenverantwortlich, jedoch
– – entgegen der Philosophie des Subjekts – nicht autark, sondern
– abhängig davon, daß mir gegeben wird, um antworten zu können.
Ich bin nur in dem Maße, wie ich mein Leben
– als ein Antworten und damit
– in seiem Verantwortlich-Sein verstehe.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß die „Philosophie“ und „Theologie der Gabe“ nach dem „Tod des Subjekts“ einen beachtlichen Aufschwung erfahren haben.
Mein Leben soll ihnen zufolge ein Geschenk sein.
Aber das Beschenkt-Werden ist keine Einbahnstraße, die geradlinig zu mir führt, sondern das Geschenk erreicht mich nur in dem Maße, wie ich mich beschenken lasse.
Damit haben wir bereits die beiden Punkte erreicht, die meines Erachtens den Kerngedanken der Religion bilden:
1. Das Leben ist absolut unverfügbar.
Wir müssen – bzw. die Religion will – uns von der Illusion befreien,
– das Leben in den Griff bekommen,
– selbst gestalten oder
– uns verdienen zu müssen;
– wir brauchen uns nicht zu rechtfertigen.
Über nichts von dem,
– was im Leben wichtig ist oder
– uns zu Menschen macht
– Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Dankbarkeit, Schönheit usw. im Sinne einer allseitigen Resonanz –,
können wir verfügen. Widerfährt es uns dennoch, zeigt sich darin
– immanent unsere Menschenwürde und
– transzendent unser Bejaht-, Gewollt- oder Angenommen-Sein.
2. Alle Hochreligionen wissen zudem, daß es ein absolutes „Du sollst“ gibt. So gewiß das ist, so umstritten sind freilich die Forderungen, die für verschiedene Religionen oder auch einzelne Menschen hinter diesem „Du sollst“ stehen.
Ich persönlich glaube an eine theoretisch sehr einfache – praktisch freilich möglicherweise höchst schwierige – Lösung:
Irgendwo geschriebene Gebote gelten für mich niemals unbedingt; was haben sie denn überhaupt mit mir zu tun? Weshalb soll ich mich nach diesem Gebot richten und nicht nach jenem – vielleicht gegensätzlichem?
Das Maximale, was ich tun kann, besteht darin zu versuchen,
– im Hier und Jetzt
– das eigene Gewissen zu erkennen und
– ihm zu folgen.
Es ist völlig einerlei, ob irgendwo steht „Du sollst jedem, der unter die Räuber gefallen ist, helfen“.
Zu einem wirklichen „Ich soll“ wird es einzig und allein dadurch, daß mein Gewissen es mir sagt. Und das Ihm-Folgen entspricht dem Einwilligen in mein Beschenkt-werden – mir selbst zuliebe.
Mit anderen Worten:
Das Gewissen sagt mir nicht den allgemeinen Willen Gottes, sondern den subjektiven Weg zu meinem persönlichen Heil, das Gott mir schenken will.
AD: „Das sind für Sie (die) zwei Kerngedanken der Religion; aber ich weiß überhaupt noch nicht, was letztere überhaupt sein soll.“
In der Religion geht es um das Erfahren der Transzendenz, nicht aber um diese selbst, denn eine Transzendenz, „die es gibt, gibt es nicht“. Ich unterscheide zwei Formen des Erfahrens:
Zum einen erleben wir meines Erachtens alle ganz massiv, die Endlichkeit unseres Wirklichkeits-Bilds und damit
– die Grenzen von Sinn,
– Widerstände und
– Scheitern.
Zum anderen erfahren wir wohl ebenfalls alle, den Anspruch, der
– von der Transzendenz ausgeht,
– mich persönlich anspricht und
– zum Antworten auffordert.
In dem Maße, wie ich bereit bin, diesem Anspruch gerecht zu werden, andert sich mein Wirklichkeits-Bild.
Das veranschaulichen wir uns am besten durch eine verschiebliche Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz. Es gibt kein Überschreiten, denn das wäre Wissen von der Transzendenz, das sie zu einem Referenten machen würde. Aber unser Wirklichkeits-Bild kann integraler werden, indem es „Teile“, die bisher der Transzendenz angehörten, in sich aufnimmt.
Daß sich mein Wirklichkeits-Bild andert, und nicht ändert, wie ich soeben geschrieben hatte, war kein Lapsus, sondern zwingend:
Nur Wissungen können sich ändern, aber unser Wirklichkeits-Bild zählt nicht zu den Wissungen, sondern bildet deren Horizont. Wissungen sind also innerhalb von ihm möglich; das Wirklichkeits-Bild selbst entsteht durch eine Genese, in deren Verlauf es sich andert.
1.1.3. Zwei Betrachtungsweisen der Seienden
Natürlich gibt es auch Blitze, Explosionen, Unfälle und viele andere „Dinge“, die gar keine richtigen Dinge darstellen, weil sie nur von kurzer Dauer sind.
Traditionell Denkende setzen jedoch hinreichend viele Seiende als stabil voraus und nehmen an, daß ein paar kurzlebige Seiende nicht zum Chaos führen oder Orientierung, Ordnung, Gesetzlichkeit und andere Strukturen in unserer Welt verunmöglichen.
Nun kommt ein Gedanke, der Ihnen bisher wahrscheinlich kaum begegnet ist, obwohl ich ihn für fundamental halte:
Die Tradition müßte, um ihren eigenen Ansatz (widerspruchsfrei) denken zu können, konsequent zwei Argumentationen für ihre Seienden unterscheiden, tut dies aber praktisch nicht.
Der erste Zugang hängt unmittelbar mit unseren Wahrnehmungen zusammen; wir sehen den Mond, hören die Glocken und riechen das Parfüm. Die Seienden sind bei dieser Herangehensweise zwingend erforderlich, denn ohne Mond, Glocken oder Parfüm wären der Tradition zufolge unsere Wahrnehmungen nicht möglich.
Letztere ergeben sich aus dem Wechselspiel oder Zusammenwirken von uns und den Seienden. Wir leisten möglicherweise beide einen Beitrag dazu, kennen ihn aber nicht, denn gegeben ist allein das daraus resultierende Endergebnis; die Wahrnehmung also.
Beispielsweise habe ich oder befindet sich dort eine Baum-Wahrnehmung.
Ich — mein Beitrag → Baum-Wahrnehmung ← Baum —
Auf der rechten Seite hat es keinen Sinn, den unbekannten Beitrag des Baumes von letzterem selbst zu unterscheiden, weil wir den Baum ebenfalls nicht wissen; wir wollen ihn ja durch unsere bzw. seine Wahrnehmung erst kennenlernen.
Wir wissen weder meinen Beitrag, noch den Baum, und beide bleiben prinzipiell unbestimmbar, weil die Frage nach ihnen einer mathematischen Aufgabe der Form entspricht:
Die Summe zweier Zahlen ergibt Hundert; wie heißen die beiden Zahlen?
Dieser Argumentationsgang, können wir damit zusammenfassen,
– zeigt, daß Seiende traditionell zwingend erforderlich sind, um wahrnehmen zu können,
– führt aber zwangsläufig nicht zum Ziel.
Die Tradition
– braucht ihre Seienden unbedingt,
– weiß aber nicht, was das sein soll, und
– kann sie prinzipiell nicht bestimmen.
Es ist natürlich ein schwerer Schlag für das traditionelle Denken, die eigenen Grundbegriffe nicht verstehen zu können. Deshalb hat man nach einem Ausweg gesucht, und der sieht – gewiß stark vereinfacht – etwa folgendermaßen aus:
Die Gleichung mit zwei Unbekannten ließe sich vermeiden, wenn wir einen neutralen Beobachter hätten, der
– die Wirklichkeit ohne eigenen Beitrag wahrnimmt,
– ihr also nichts hinzuzufügt oder entnimmt und
– uns seine – dann natürlich adäquate – Schauung mitteilt.
Im Beispiel: Dort befindet sich seine Baum-Schauung.
neutraler Beobachter — sein Beitrag → Baum-Schauung ← Baum —
Der Beitrag des neutralen Beobachters zu ihr ist 0, so daß diese Baum-Schauung mit dem Baum als Seienden zusammenfällt; verallgemeinert erkennt der neutrale Beobachter die Seienden.
Die alten Griechen haben diese übermenschliche Aufgabe konsequenterweise einem Gott anvertraut. Der wurde bei ihnen häufig „Nous“ genannt; bei Pascal wird hieraus der „Gott der Philosophen“, in der Moderne die Vernunft, und Thomas Nagel, ein noch lebender amerikanischer Philosoph, sieht darin den „Blick von nirgendwo„.
Dieser Name ist gut gewählt, weil jeder konkrete Ort des Nous mit einer entsprechenden Perspektive verbunden wäre, und
– genau sie ist das, was uns Menschen
– gemeinsam mit unseren speziellen Sinnesorganen
am Erkennen der Seienden hindert. Noch deutlicher wäre „Blick von nirgendwo und -wann“.
Bestände die Möglichkeit einer solchen Schau, wäre die Tradition aller Sorgen ledig; wir können die Seienden von uns aus zwar definitiv nicht bestimmen, uns aber mit dem Nous arrangieren.
Und jetzt folgt die postmoderne Enttäuschung:
– Der Blick von nirgendwo ist uns selbst nicht möglich und
– den Nous oder Gott der Philosophen bzw. eine entsprechende Vernunft gibt es nicht.
Wer von Seienden spricht, weiß also nicht, was er sagt.
AD: „Aus Sicht der Postmoderne, wohlgemerkt!“
Nein; das glaube ich nicht. Wir haben lediglich das ernstgenommen, was die Tradition selbst zu ihrem eigenen Ansatz sagt und somit auch von ihr selbst kommen müßte.
Uns unterscheidet von diesem Denken lediglich, daß wir
– eine Alternative dazu sehen,
– die traditionelle Lösung also nicht auf Teufel komm raus verteidigen müssen und somit
– ehrlich ihre Fehler oder Widersprüche zugeben können.
„Wie sonst sollte denn das Wahrnehmen möglich sein?“ . . . „Na bitte!“
AD: „Natürlich gibt es weder den Nous noch andere Götter; aber der Blick von nirgendwo (und -wann) erschien mir bisher immer als völlig unproblemarisch.“
Ich bestreite auch nicht, daß wir uns einen Blick von außen leicht vorstellen können; nahezu „alles“ läßt sich phantasieren; weshalb gerade das nicht? Mir geht es allein darum, daß aus dem Ausmalen eines solchen Blicks absolut nichts folgt, denn er
– ist frei erfunden – wir befinden uns weder nirgendwo noch nirgendwann – und
– zeigt uns folglich
— nicht die objektive Welt, sondern lediglich
— die eigene Vorstellung von ihr.
Wir können uns ausmalen, wie eine Schildkröte im Meer des Nichts schwimmt, auf der ein Elefant steht und die Erdscheibe trägt. Aber selbstverständlich glauben wir solchen Unsinn nicht.
Selbstverständlich? Warum glauben wir dann unseren eingebildeten Blick von nirgendwo? Wieso ist das kein Unsinn? Was hat eine vollkommen willkürliche, weil durch nichts auch nur andeutungsweise kontrollierbare Vorstellung mit Wirklichkeit, Richtigkeit oder gar Wahrheit zu tun? Weshalb nennen wir eine subjektive Einbildung „objektive Welt“?
AD: „Ich muß Ihnen im Namen der modernen Physik widersprechen!
Mit dem antiken Nous oder Pascals Gott der Philosophen kann man sehr schön erklären, was Nagel mit seinem Blick von nirgendwo meint, und daß uns Menschen eine solche Schau bis vor wenigen Jahrzehnten verwehrt bleiben mußte.
Das hat sich jedoch im 20. Jahrhundert geändert. Wir müssen nicht länger in die Haut des Nous schlüpfen, um seine (Nicht-)Perspektive einnehmen zu können, sondern erreichen sie mittels der heutigen Physik. Auf ihrer Grundlage wird der Blick von nirgendwo für uns zu einem Rechenergebnis.“
Es tut mir leid, aber ich muß Ihnen im Namen des gesunden Menschenverstands widersprechen!
Wir lesen häufig, daß die Naturgesetze unabhängig von Raum und Zeit oder in der gesamten Raum-Zeit identisch seien. Das kann gewiß richtig verstanden werden, aber die Formulierung und ihr Zusammenhang mit dem restlichen Text führen häufig auf eine völlig falsche Spur:
Die Wissenschaft hat nicht erkannt oder herausbekommen, daß die Naturgesetze überall und immer die gleichen sind – und das kann sie auch nicht, weil es prinzipiell unmöglich ist.
Wir können Narurgesetze immer nur hier und jetzt überprüfen, so daß lediglich der erdnahe Raum infrage kommt.
Ob sie im Später gelten, muß völlig offenbleiben; woher sollten wir das wissen (können)?
Vor 500 Jahren gab es noch gar keine Naturgesetze in unserem Sinne, so daß sie insbesondere auch niemand kontrollieren konnte.
Begründet können die Physiker also höchstens sagen, daß ihre Naturgesetze in einer recht kleinen Region der Raum-Zeit nachweislich identisch sind; die letzten 300 Jahre im erdnahen Raum. Das ist sehr erfreulich, denn andernfalls gäbe es gar keine Physik.
Freilich ist ihr Anwendungsbereich damit sehr beschränkt, und vielen Forschern dürfte er zu klein sein:
„Mich würde der Sirius interessieren und wie es vor 1000 Jahren war.“
Schade; das ist leider unmöglich; es besteht kein Weg zu Zielen, die über das physikalische Hier und Jetzt, in dem wir experimentieren, messen und überprüfen können, hinausreicht.
Natürlich ließe sich wild drauflos spekulieren; unseren Vorstellungen sind, wie oben bereits erwähnt, kaum Grenzen gesetzt, aber damit wechseln wir auch schnell und prinzipiell unkontrollierbar von der physikalischen in die Märchenwelt.
Zum Beispiel könnten wir – ohne erkennbaren Widerspruch – annehmen, die Naturgesetze wären in der gesamten Raum-Zeit identisch.
Nicht „im gesamten Kosmos“, denn der existiert ja noch gar nicht:
– Er ist, wie Sie ganz richtig sagten, ein Rechenergebnis.
– Das ergibt sich nur, wenn wir rechnen.
– Um dies zu können, müssen wir jedoch zuvor festlegen, (an) welche Naturgesetze wir glauben.
Auch eine totale Identität der Naturgesetze anzunehmen, ist natürlich Willkür, aber vielleicht die geringst-mögliche oder fairste.
Für diese übliche Voraussetzung spricht rein fachlich kein einziger Grund.
Aber ohne irgendeine mehr oder weniger willkürliche Festlegung könnten wir nicht weit rechnen und würde die Physik zu einer Art von Heimatkunde.
Auf der Grundlage der gewählten Naturgesetze berechnen wir also verschiedene kosmische Seiende. Welcher Zusammenhang zwischen diesen und ihren Wahrnehmungen besteht, weiß niemand, wie zuvor deutlich werden sollte.
Das bedeutet aber doch, daß wir die Berechnungen der Seienden auch nicht mittels unserer Beobachtungen am Himmel kontrollieren können.
Vergleichbar sind nur diese Rechenergebnisse mit jenen, und daß sie übereinstimmen, ist keine Grund zur Begeisterung, sondern eine Selbstverständlichkeit; alles andere wäre das Ende der Mathematik.
Ob unsere Rechenergebnisse
– überhaupt noch einen Wirklichkeitsbezug besitzen und
– worin er gegebenenfalls bestehen könnte,
ist völlig offen; das weiß meines Erachtens niemand.
Bei der Urknalltheorie beispielsweise erkenne ich nur einen psychologischen Wirklichkeitsbezug; sie bildet, Georg Picht zufolge, den „Weltentstehungs-Mythos des Atomzeitalters“.
Es begann mit dem little bang von Hiroshima und Nagasaki, ist aber auch sonst ein Zeitalter der Explosionen; Bevölkerungszahlen, Wissungen, Informationen, Verfügbarkeiten, Fördermengen, Ansprüche, Geschwindigkeiten, Erwartungen, Produktionsraten usw. schnellen plötzlich in die Höhe. Damit einher gehen Zerstörungen beispielsweise von Lebensgrundlagen, Geborgenheiten, Sinnbezügen, Traditionen, Religionen, Werten, Sprachen, Minderheiten, Tieren oder Pflanzen.
Kann es uns überraschen, daß die Menschen einer solchen Zeit glauben, sich einem großen Knall verdanken zu müssen?
Die Urknalltheorie ist natürlich eine physikalische, aber ihre Akzeptanz wird nicht von einer angeblichen objektiven Realität her verständlich, sondern meines Erachtens allein psychologisch:
Das ist unsere Theorie, denn sie entspricht – besser vielleicht: entsprach – dem kollektiven Bewußtsein der Gesellschaft.
Ich bleibe also dabei; es gibt keinen Nous, und er läßt sich auch weder durch die Vernunft noch die Theoretische Physik ersetzen. Das bedeutet jedoch:
1. Die Tradition kann tatsächlich ohne sich zu widersprechen die (Existenz von) Seienden behaupten, aber das sind reine Erfindungen oder willkürliche Setzungen.
Wir verfügen über Baum-Wahrnehmungen, haben aber trotzdem keine Ahnung davon, was ein Baum sein soll oder könnte.
2. Gewußte Seiende sind zudem noch widersprüchlich, weil sie
– sich notwendigerweise außerhalb der Psyche befinden müssen und
– angeblich trotzdem gewußt werden.
Wir wollten zeigen, daß sich diese beiden Prämissen widersprechen.
3. Vorstellen können wir uns „alles“, aber daraus folgt nichts; insbesondere kein Wissen von Seienden.
Die Tradition weiß nicht, was ein Seiendes namens „Baum“ ist, braucht es aber, um unsere unbestreitbaren Baum-Wahrnehmungen erklären zu können.
Die Aussage, etwas Bestimmtes zu benötigen, was prinzipiell nicht gewußt werden kann, liegt unter der philosophischen Gürtellinie. Die großen Nachfolger Kants haben ihn massiv kritisiert, weil er genau das von seinem „Ding an sich“ annehmen mußte.
Ein „unbestimmbares Seiendes“ ist kein Seindes, sondern . . .?
Ich fürchte, wir finden auch durch sehr angestrengtes Nachdenken keine vernünftige Antwort, und werde deshalb in den nächsten Abschnitten einen scheinbaren Umweg über drei Beispiele einschlagen.
AD: „Darf ich bitte zuvor noch eine Frage einwerfen:
Wir können ja auch uns selbst wahrnehmen; wie muß Ihre Veranschaulichung von soeben bei mir selbst aussehen? Was steht rechts?“
Ich — mein Anteil → Ich-Wahrnehmung ← ? —
Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten, glaube aber fest, daß es vielleicht auch sonst niemand vermag, weil an dieser Stelle meines Erachtens der Grundfehler oder -widerspruch des traditionellen Denkens zum Ausdruck kommt.
Um ihn zu korrigieren, wechseln wir nach und nach zur Postmoderne; dort sind wir aber noch nicht.
Gegenwärtig
– folge ich dem traditionellen Ansatz als wäre er selbstverständlich oder alternativlos und
– gebe mein Bestes, (angeblich) um ihn zu retten,
– bis ich Sie hoffentlich irgendwann überzeugen kann:
„Es geht tatsächlich nicht; geben wir es endlich auf!“
1.2. Bewußtseinswandel
Ich verstehe die geistigen Turbulenzen der Gegenwart zu einem nicht unerheblichen Teil als Symptome eines epochalen Bewußtseinswandels, der uns – sofern wir ihn bewältigen – vom traditionellen Denken zum postmodernen führen könnte.
Ersteres geht, wie soeben dargestellt, davon aus, daß eine uns vorgegebene objektive Wirklichkeit existiert, während die Postmoderne – wie wir sie im vorliegenden Buch verstehen – dieses philosophische Glaubensbekenntnis ablehnt. Ich bin aus den verschiedensten Gründen – die alle noch zu besprechen sind – fest davon überzeugt, daß sich die Tradition hier im Unrecht befindet. In Verlaufe der Moderne sind die Ideen bereits weitgehendst verschwunden, und mit der Postmoderne folgen ihnen meines Erachtens die Seienden nach.
Vielen Menschen graut vor einem solchen Bewußtseinswandel; ich sehne ihn jedoch herbei und hoffe auf sein Gelingen. Zwei Argumente für meine positive Sicht dürften jetzt schon deutlich sein:
Zunächst wird unsere Zukunft – sofern wir sie denn erleben – zutiefst pluralistisch ausfallen und damit ein hohes Maß an Toleranz erfordern, was sich jedoch kaum mit dem Glauben an eine objektive Wirklichkeit vereinbaren läßt.
Wer diese zu wissen glaubt, wird sehr leicht jede Gemeinschaft spalten, weil er zu unterscheiden vermag zwischen Irrenden – Ungebildeten, Bösen, Häretikern, Feinden, . . . – und seinesgleichen, den „Rechtgläubigen“ oder besser „Rechtwissenden“.
Spalten kann sogar ausschließlich derjenige, der die Wahrheit zu besitzen meint.
Wer sich „nur“ um sie bemüht, versteht nicht
– sich selbst als Ritter der Wahrheit und
– die anderen als Irrende.
Vielmehr sind auch sie Suchende wie er; natürlich auf einem anderen Weg, aber zum gleichen Ziel.
Wer sich um die Wahrheit bemüht, unterteilt nicht in richtig bzw. falsch oder wahr resp. unwahr, sondern weiß, daß er von jedem anderen lernen kann, weil alle Leben unterschiedlich und sämtliche Erfahrungen einmalig sind.
Hätte ich Ihr Leben gelebt, wäre es nicht besser verlaufen, sondern ich wäre Sie.
Viele traditionell denkende Konservative würden dies als „Relativismus der Wahrheit“ oder „Diktatur des Relativismus“ abschmettern. Das beeindruckt mich aber gar nicht, weil ihr eigener „rechtgläubiger“ Standpunkt – mit dem Anspruch, die Wahrheit zu besitzen – in meinen Augen größenwahnsinnig oder zumindest ausgesprochen überheblich ist.
Was hat die Hochachtung vor der Wahrheit – die ich 100%-ig teile – mit der Anmaßung zu tun, sie zu besitzen?
Muß ich das, was ich begehre, bereits haben, oder darf ich es nicht haben, um es begehren zu können? Können wir uns ernstlich Schokolade wünschen, während sie sich bereits im Mund befindet?
Des weiteren – mein zweites Argument für die Hoffnung auf einen Bewußtseinswandel hin zur Postmoderne – ist alles Entscheidende im Leben oder das, was uns letztlich zu Menschen macht – Wahrheit, Verantwortung, Empathie, Verständnis, Bildung, Glaube könnten wir den obigen Beispielen noch hinzufügen –, an Freiheit gebunden.
Sie würde durch die Existenz einer objektiven Wirklichkeit jedoch willkürlich und völlig unnötig begrenzt.
Dann könnte der Glaube beispielsweise keine Berge versetzen.
Wer behauptet, der Glaube könne es, obwohl er eine objektive Realität annimmt oder sie gar für selbstverständlich hält, legt kein beeindruckendes Zeugnis ab, sondern redet einfach Unsinn. Bei einem objektiv-realen Berg aus Dreck hilft kein Glauben, sondern nur Baggern.
Unser Ansatz ließe sich somit recht treffend als ein „Versuch zur Philosophie der Freiheit“ verstehen. Ich möchte ernstnehmen, daß der Glaube Berge versetzen kann, und sehe in der postmodernen Philosophie eine Möglichkeit, dies sauber denken zu können und keine leeren Phrasen dreschen zu müssen.
Für die Seienden können wir nicht verantwortlich sein, denn sie sind unverfügbar vorgegeben; bestenfalls liegt der Umgang mit ihnen in unserer Hand.
Entfallen die Seienden, verschwindet diese Grenze; wir können uns weder dahinter verstecken noch damit entschuldigen:
„Du hast nicht getötet; aber in diesem Fall wäre das deine Aufgabe gewesen, um größeres Unheil zu verhindern!“
Wir sind für unser gesamtes Leben verantwortlich; es gibt postmodern keine Entschuldigungen (mehr). Das macht das Leben nicht unbedingt leichter, verhindert aber ein selbstgenügsames Einrichten zum Beispiel im angeblich „gottgefälligen Trott“.
Vielleicht gehört es sogar zu den wichtigsten Inhalten des christlichen Glaubens, daß auch der frömmste Trott niemals gottgefällig sein kann, weil es um die Zukunft geht, in der alles neu werden soll.
AD: „Schauen wir bitte noch einmal kurz zurück; ich vermag nicht einzusehen, wieso die Toleranz kaum mit dem Glauben an eine objektive Wirklichkeit vereinbar sein soll.“
Wer ihn teilt, muß wahre oder richtige Aussagen prinzipiell für möglich halten, nämlich diejenigen, welche die objektive Wirklichkeit der Seienden adäquat wiedergeben.
Wird der Glaube an deren Existenz weitgehend geteilt, kann somit jeder – Philosoph, Verschwörungstheoretiker, Naturwissenschaftler, Theologe, Stammtischler, Politiker, Esoteriker . . . – wiederspruchsfrei behaupten, über wahre oder richtige Beschreibungen zu verfügen. Begründungen sind völlig unnötig, denn mit dem Totschlag-„Argument“ „So ist es – basta“ wird jedes konstruktive Gespräch jäh abgebrochen.
Irgendwie muß es einem solchen Denken zufolge ja sein, und der Sprecher beansprucht lediglich, von den Seienden ein genaueres Wissen als wir zu besitzen. Hut ab!
Es gibt kein zwingendes Argument gegen die Richtigkeit der Behauptung „So ist es – basta“, denn
– die vorausgesetzte objektive Wirklichkeit schließt nicht aus, daß es tatsächlich gerade so ist, und
– da der Sprecher bei seinen Aussagen über die Seienden notwendigerweise auf sämtliche vernünftigen Begründungen verzichten muß, existiert auch nichts, was man widerlegen könnte.
Natürlich sind dann tausend verschiedene und sogar gegensätzliche „So ist es“ möglich; der Redner behauptet einfach nur eines von ihnen.
Ist er stur, sind wir mit unserem Latein am Ende; wir glauben ihm zwar nicht – können aber trotzdem nach Hause gehen. Das wird daran am deutlichsten, daß sein „Argument“ bei jedem „so“ erfolgreich vorgebracht werden kann.
In der Postmoderne kann es dagegen nicht speziell „so“ sein, weil es gar nicht irgendwie ist.
Aus dem traditionellen „So ist es – basta“ wird postmodern ein „Ich bin der Überzeugung, daß es sich folgendermaßen verhält“. Dafür kann man geradestehen und insbesondere nach einer Begründung gefragt werden.
Bei jener Behauptung dagegen ist man nur der Schlaumeier, der nichts zu verantworten hat und vielleicht ob seines Wissens bestaunt werden will.
AD: „Dagegen kann ich nicht viel vorbringen . . .
Angenommen Sie hätten Recht, und es gäbe keine Seienden. Wie erklären Sie sich dann unsere felsenfeste Überzeugung, überall welche – also Seiende(u) – zu sehen?“
Wir kennen nur eine einzige Theorie des Sehens. Ihr zufolge existieren Seiende; eines von ihnen bin ich, und ein anderes sehe ich gerade. Gemäß der geläufigen Wahrnehmungs-Theorie treffen einige der von diesem Seienden ausgehenden Lichtstrahlen auf meine Pupille, und so wird das Sehen möglich.
Das heißt,
– wir verfügen unbestreitbar über Sehungen.
– Da wir diese jedoch nur mittels der Seienden(u) erklären können,
– sind wir überzeugt, in den Sehungen oder durch sie Seiende zu erfahren.
„Wie sollen meine Sehungen denn anders zustande gekommen sein? Na bitte!“
Bräuchten wir für unsere Erklärung Musen oder Halbgötter, würden die Sehungen eben deren Existenz „beweisen“.
Das „zwingende Argument“ ist also gar kein Argument, sondern pure Alternativlosigkeit – und resultiert damit aus mangelnder Phantasie, Denkfaulheit, Desinteresse oder ähnlichem.
Bei einem Argument verfügen wir über
– mehrere Denkmöglichkeiten und
– möglichst starke Gründe, deretwegen wir uns für eine von ihnen entscheiden „müssen“. Jürgen Habermas nannte das „den zwanglosen Zwang des besseren Arguments“.
Ob das dann der richtige Grund ist, bleibt dabei völlig offen, denn
– zum einen braucht es einen solchen gar nicht zu geben, und
– zum anderen muß der richtige Grund auch im Falle seiner Existenz nicht den Denkmöglichkeiten unseres Wirklichkeits-Bilds angehören.
Immer wenn wir sagen „Das weiß doch jeder . . .“, „Das ist unmöglich . . .“ oder „absurd . . .“, kann doch vernünftigerweise nur gemeint sein „. . . im Rahmen meines Wirklichkeits-Bilds„. Wer das verinnerlicht hat, urteilt vorsichtiger und vielleicht sogar seltener. Aus dem traditionellen „so ist es“ wird postmodern ein „so sehe ich es“.
AD: „Ich kann partout nicht nachvollziehen, wieso sich unser Denken nur auf das Wirklichkeits-Bild und nicht auf die Wirklichkeit selbst beziehen soll:
Mit dem Wort ‚Löwe‘ beispielsweise bezeichne ich doch keine Vorstellung in meinem Wirklichkeits-Bild oder meiner Psyche, sondern ein Tier in der Savanne.“
Jetzt sagen Sie das Gegenteil von dem, was Sie im letzten Abschnitt schon einmal eingesehen hatten – dachte ich zumindest:
Sie können keinen seienden Löwen in der seienden Savanne meinen, denn
– Löwe(b) und Savanne(b) sind inexistent und
– von Löwe(u) sowie Savanne(u) wissen Sie nichts.
Ich hatte oben en passant die Wissungen eingeführt.
Erschrecken Sie nicht wegen dieses unüblichen Wortes; es steht für das ganz normale Wissen. Wir brauchen es jedoch zusätzlich, um eine möglichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu können. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers „Schwarzwald-Deutsch“, erfolgt aber relativ zwingend und unabhängig von ihm.
Wortpaare wie „Wahrnehmungen – Wahrgenommene“ oder „Vorstellungen – Vorgestellte“ usw. besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik möchte ich unter anderem um das Paar „Wissungen – Gewußte“ erweitern.
Der zweite wichtige Grund ist ein grammatischer:
Wissung gestattet nicht nur die Pluralbildung „Wissungen“, sondern verweist auch – anders als das Wissen – eindeutig auf seine substantivische oder nicht-verbale Bedeutung:
Wir wissen Wissungen.
Ihrem Selbstverständnis zufolge weiß die Tradition nicht nur Wissungen, sondern solche
– von den Seienden, so daß diese
– das Gewußte bilden müßten.
Im letzten Abschnitt haben wir dem jedoch widersprochen:
– Seiende(b) gibt es gar nicht, und
– von den Seienden(u) können wir nichts wissen, so daß auch für die Tradition nur verbleibt:
Wir wissen Wissungen.
AD: „Ich übersetze: ‚Wir wissen, aber wir wissen (von) nichts.‘ Ich fürchte, hier steigen Ihre letzten gutwilligen Leser aus . . .“
Das wäre sogar ein bißchen nachvollziehbar . . .
Ich löse deshalb jetzt mein Versprechen ein, die besonders schwierigen Teile unserer letzten Überlegungen anhand von drei Beispielen noch einmal etwas konkreter zu wiederholen.
1.2.1. Unbestimmte Seiende(u) als Ensemble von potentiellen Wahrnehmungsmöglichkeiten
Die meisten unserer Zeitgenossen gehen davon aus. daß Galilei den Streit mit der Kirche über die Bewegung von Erde und Sonne für sich entschieden hätte. Das stimmt so nicht; im Nachhinein können wir vielmehr erkennen, daß dem Ganzen ein kolossales Mißverständnis zugrunde lag.
Es bestand darin, daß beide Seiten glaubten, von Seienden(b) zu sprechen; konkret von einem absoluten Raum, in dem sich Sonne(b) und Erde(b) zu einem bestimmten Zeitpunkt(b) jeweils an einem definierten Ort(b) befinden.
Wer so denkt, muß ja annehmen, daß sich theoretisch
– beide Himmelskörper(b) bewegen könnten,
– dies gegebenenfalls auf bestimmten Bahnen(b) tun und
– die dadurch entstehenden Entitäten ebenfalls als Seiende(b) aufzufassen wären, die
– alle vom Nous geschaut werden.
Dann läßt sich sehr wohl sinnvoll darüber streiten, um welche Bahnkurven(b) es sich hierbei handelt; eine solche Auseinandersetzung ist sogar notwendig, denn schließlich geht es um die Richtigkeit der Bibel(b) bzw. Naturwissenschaft(b).
Aber das ist letztlich „Windhauch“, Schall und Rauch; weshalb, sollte oben bereits deutlich geworden sein.
Um die Problematik unserer Wahrnehmungen – und nicht derjenigen des Nous – am Galliei-Prozeß aufzuzeigen, gehen wir von der heutigen Physik, insbesondere der Speziellen Relativitätstheorie aus. Sie hält mit nahezu der gesamten Moderne weiterhin an den Seienden(u) fest.
Insbesondere Ernst Cassirer hat den Übergang von den Seienden(b) zu ihnen als Wechsel vom Substanz- zum Funktionsdenken und damit als eine erkenntnistheoretische Wende beschrieben.
Der Raum verliert dabei seinen Status als Behälter und wird zum bloßen Zwischenraum, der die Seienden lediglich voneinander trennt und zueinander in Beziehung setzt.
Ohne einen solchen festen Hintergrund kann es jedoch keine absoluten Orte mehr geben, so daß auch die beiden Bahnkurven(b) von Sonne und Erde entfallen.
An deren Stelle tritt die Relativbewegung(u) zwischen Sonne und Erde, die wir selbst wahrnehmen können und für die kein Nous mehr erforderlich ist.
Die moderne Physik emanzipierte sich von der mittelalterlichen Philosophie also nicht zuletzt dadurch, daß sie Schritt für Schritt auf die (eingebildete) Hilfe des Nous verzichtete. Die abermillionenfache praktische Bestätigung der Physik können wir als zusätzliches Argument für unsere Kritik an den Seienden betrachten.
In einem absoluten Raum(b) wäre es zum Beispiel möglich, daß die Sonne(b) im Punkt (x,y,z) ruht und die Erde(b) auf einer ganz bestimmten Ellipse(b) um die Sonne(b) kreist, die sich in einem der beiden Brennpunkte(b) befindet. Ein solches statisches oder stabiles Bild können wir eindeutig darstellen, wiederholen, angeben, aufbewahren und bezeichnen.
All das ist bei der Relativbewegung(u) zwischen Sonne und Erde ausgeschlossen.
Das wird überdeutlich, wenn wir versuchen, das ihr entsprechende Bild zu zeichnen. Was soll denn hierbei dargestellt werden, wenn wir von dieser Relativbewegung(u) – wie von allen Seienden(u) – prinzipiell nichts wissen können?
AD: „Einverstanden;
– wir wissen einerseits nicht, was die Relativbewegung(u) zwischen Sonne und Erde ist, aber
– andererseits muß sie etwas Bestimmtes sein, denn sie läßt sich zum Beispiel von der Relativbewegung(u) zwischen Erde und Mond unterscheiden.
Die beiden Relativbewegungen(u) entsprechen also nicht den Autos auf dem Nürburgring, müssen aber dennoch so konkret sein, daß sie nicht gegeneinander ausgetauscht werden können.“
Unsere Astronomen beobachten Abertausende von Himmelskörpern auf ihren Bahnen. Was sind das für Objekte? Seiende(b), Seiende(u) oder etwas Drittes?
Seiende(b) gibt es ohne den Nous gar nicht.
Seiende(u) scheiden aus, weil wir nicht(s) von ihnen wissen; dann können es insbesondere keine Himmelskörper auf bestimmten Bahnkurven sein.
Die Astronomen beobachten also
– spezielle Nicht-Seiende
– auf bestimmten nicht-seienden Bahnen.
Im Anschluß an Bruno Latour nennen wir diese speziellen Nicht-Seienden „Aktanten“.
Die meisten Astronomen beobachten auf der Erde; einige haben alles auch schon vom Mond aus gesehen; freilich die gleichen Aktanten, aber natürlich auf anderen Bahnen; und über Sateliten oder Weltraumsonden ergeben sich nochmals differente Bahnkurven für diese Aktanten.
Damit haben wir unsere Lösung:
Die Relativbewegung zwischen Sonne und Erde
– ist eine unbestimmte Bahnkurve(u).
– Sie besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „Relativbewegung zwischen Sonne und Erde“ infrage kommen.
– Diese entsprechen den Blicken von irgendwo (von der Erde, dem Mond, den Satelliten oder Weltraumsonden),
– und sind für alle Orte möglich.
AD: „Galilei bevorzugte die Sonne als Bezugspunkt, und die Kirche fand eine unbewegliche Erde besser. Newton hätte sich höchstwahrscheinlich für den gemeinsamen Schwerpunkt von Sonne und Erde entschieden, weil der unbeschleunigt ist – sofern wir weiterhin alle anderen Himmelskörper vernachlässigen.
Dadurch entstehen Bahnkurven, die zwar sehr unterschiedlich sind, sich jedoch als Realisierungen aus dem gleichen potentiellen Ensemble Bahnkurve(u) nicht widersprechen können.“
Der scheinbar unlösbare Widerspruch vor 400 Jahren entstand nur dadurch, daß man diese Wahrnehmungs-Bahnkurven der Aktanten irrtümlich als Bahnkurven(b) von Seienden(b) aufgefaßt hat.
Mit dem besten Gewissen der Welt können Sie also heute noch die Erde als ruhenden Aktanten betrachten. Dann fällt die gesamte Relativbewegung dem Sonnen-Aktanten zu, und es gibt durchaus Fragestellungen, bei denen diese Perspektive hilfreich ist; zum Beispiel wenn Sie Ihren Kindern den Sonnenauf- oder -untergang erklären wollen.
Auch in diesem Zusammenhang wird die Galileische Sichtweise – natürlich nicht falsch, aber – unnötig kompliziert:
„Hier drüben befindet sich die Erdkugel; die dreht sich um eine körpereigene Achse, und dadurch geht die Sonne, ‚auf der wir hier stehen‘, dort auf oder unter.“
Das verstehen wahrscheinlich nur sehr schlaue Kinder.
Zur Verallgemeinerung unseres Beispiels orientieren wir uns an ihm:
Die Relativbewegung zwischen Sonne und Erde
– ist eine unbestimmte Bahnkurve(u).
– Sie besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „Relativbewegung zwischen Sonne und Erde“ infrage kommen.
Damit ergibt sich:
X(u)
– ist ein unbestimmtes Seiendes(u).
– Es besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „X“ bzw. X-Wahrnehmung infrage kommen.
Schauen wir uns als zweites Beispiel nochmals den Grund an, weshalb die Tradition die Seienden(u) überhaupt eingeführt hat; ich wiederhole kurz:
Daß ich eine Tower-Wahrnehmung habe, erklärt die Tradition damit, daß
– ich vor dem ungewußten Tower(u) stehe,
– dadurch eine Wahrnehmung von ihm haben kann,
– aber zu ihr möglicherweise selbst eine unbekannten Komponente beisteuere, die
– zusammen mit dem Tower(u) als Resultat zu meiner Tower-Wahrnehmung führt.
Der Tower(u)
– ist ein unbestimmtes Seiendes(u).
– Es besteht in der Gesamtheit aller potentiellen Wahrnehmungen,
– die für eine wirkliche Wahrnehmung namens „Tower“ bzw. Tower-Wahrnehmung infrage kommen.
Versuchen wir die denkbaren Fälle möglichst systematisch darustellen:
Gibt es den Tower(u) überhaupt?
1. „nein“
Das wäre die Position des Radikalen Konstruktivismus; unsere Tower-Wahrnehmung bildet eine reine Konstruktion.
2. „ja“
Ist der Tower(u) etwas Bestimmtes?
2.1. „nein“
Das entspricht Kants Überzeugung; wir benötigen den „Tower(u)“, aber es ist kein Tower(u), sondern das undefinierte „Ding an sich“.
2.2. „ja“
Glaubt man, den Tower(u) zu wissen?
2.2.1. „nein“
Von dieser Antwort war ich beim Erklären natürlich immer schon ausgegangen; das ist der transzendentale Konstruktivismus.
2.2.2. „ja“
Damit kommen wir zum naiven Realismus, der
– den Tower(u) mit seiner Wahrnehmung identifiziert oder
– den eigenen zu ihr Beitrag willkürlich wegerklärt.
Daß dies lediglich vier Eckpunkte sind, zwischen denen alle möglichen Übergänge bestehen, müßte ich wahrscheinlich nicht eigens erwähnen.
AD: „Und niemand weiß, wie es wirklich ist . . .“
Doch; ich bin überzeugt, daß unsere Position richtig ist, weil die Seienden(u) ohne willkürliche Zusatzannahmen tatsächlich nicht bestimmt werden können.
Wir ziehen daraus die Konsequenz, das traditionelle Denkmodell vollständig zu überwinden und hinter uns zu lassen.
Alle anderen Annahmen versuchen dagegen – mehr oder weniger deutlich –, an ihm festzuhalten.
1.2.2. Hohlwelttheorie
Potentielle Wahrnehmungen sind keine Wahrnehmungen, sondern höchstens ihre Ermöglichung. Sie bleiben irgenwo versteckt und warten möglicherweise darauf, verwirklicht oder eben wahrgenommen zu werden. Aber wo warten sie, das heißt, wie können wir sie entdecken und „einschalten“?
Ludwig Wittgenstein veranschaulichte das Problem anhand der Kippbilder. Wir haben beispielsweise den Hasen vor uns und können – in diesem Fall meistens relativ leicht – zur Ente wechseln und umgekehrt.
Das funktioniert praktisch auf Knopfdruck. Als wesentlich schwieriger, aber nicht prinzipiell anders müssen wir uns den Wechsel beispielsweise vom naiven Realismus zum Radikalen Konstruktivismus vorstellen:
Wir
– haben in beiden Fällen exakt die gleichen Wahrnehmungen,
– bei nahezu gegensätzliche Theorien.
Und weil die Wahrnehmungen trotz der unterschiedlichen Theorien übereinstimmen,
läßt sich innerhalb der letzteren auch keine richtige Theorie herausfinden;
– das ist keine Unfähigkeit unsererseits, sondern
– es gibt keine richtigen bzw. falschen Theorien.
AD: „Natürlich gibt es falsche Theorien!“
Entschuldigung; das war zu forsch; ich korrigiere mich:
Die Tradition hat eine Theorie entwickelt, um unsere Wahrnehmungen zu erklären. Sie funktioniert, und damit ist diese Theorie richtig. Möglicherweise existieren einige Theorien,die
– das gleiche Ziel verfolgt,
– es aber nicht erreicht haben.
Sie sind falsch, und damit wird zugleich verständlich, daß wir sie nicht kennen.
Innerhalb dieser richtigen traditionellen Wahrnehmungstheorie
– bleiben aber Fragen offen oder
– können wir einigen notwendigen Parametern keinen bestimmten Wert zuordnen, weil
– die Theorie mit ganz verschiedenen Werten gleich gut funktioniert.
An dieser Stelle oder in dem Zusammenhang gibt es keine falsche Theorie; sie ist mit jedem der zugelassenen Parameter „richtig“.
AD: „Das war hilfreich; danke!
Ich habe des öfteren schon – auch in anspruchsvollen Büchern – gelesen, die Menschen hätten früher andere Wahrnehmungen besessen. Wenn ich Sie recht verstehe, stimmt das nicht; die Menschen haben ihre – gleichen – Wahrnehmungen lediglich anders interpretiert oder mit anderen zugelassenen Parametern versehen.“
Davon bin ich überzeugt
Mein schönstes Beispiel, um es zu verdeutlichen, bildet die Hohlwelttheorie.
Unter diesem Titel wird sehr viel Unsinn verbreitet; nicht zuletzt im Internet. Für eine sachliche Information würde ich Ihnen Roman Sexl empfehlen, der bis zu seinem frühen Tod als Professor für Theoretische Physik an der Universität seiner Heimatstadt Wien arbeitete.
Der Kerngedanke der Hohlwelttheorie besteht in der Spiegelung oder Inversion an der Kugel. Dabei wird jedem Punkt in ihrem Inneren eineindeutig ein solcher im Äußeren zugeordnet; auf folgende Weise:
1. Man zeichnet einen Strahl vom Mittelpunkt der Kugel bis ins Unendliche.
2. Die beiden Punkte eines Paares liegen jeweils auf dem gleichen Strahl.
3. Ihre Abstände vom Mittelpunkt seien r(i) bzw. r(a) und der Kugelradius betrage R.
4. Es gilt die Beziehung r(i) x r(a) = R².
Nähert sich r(a) also von außen der Kugel, tut dies r(i) von innen; entfernt sich r(a) ins Unendliche, erreicht r(i) den Kugelmittelpunkt.
Diese Abbildung zählt zu den konformen Transformationen und besitzt bemerkenswert einfache Eigenschaften. So bleiben etwa sämtliche Winkel erhalten, und eine Gerade im Außenraum wird im Inneren zum Kreis; die Tangente beispielsweise zu einem Kreis mit dem Radius ½R durch den Kugelmittelpunkt.
Am meisten überrascht Sie wahrscheinlich, daß dieser Abbildung zufolge jede noch so kleine endliche Kugel ebenso viele Punkte enthalten muß, wie ihr unendliches Außen. Wenn beide Bereiche sich punktweise aufeinander abbilden lasen, dabei kein innerer Punkt mehrfach benutzt und kein äußerer ausgelassen wird . . .
Identifizieren wir die mathematische Kugel mit der Erde, so geht deren Oberfläche in sich selbst über; bei r(i) = R muß dies auch für r(a) gelten.
Wir stehen auf der konvexen, von uns weggebogenen Seite dieser Oberfläche; unter uns liegt der Dreck und über uns befinden sich die Vögel, Wolken, Flugzeuge oder Sterne.
Spiegeln wir nun die Erd-Kugel, so muß an dem letzten Satz praktisch nur ein Wort geändert werden:
Wir stehen auf der konkaven, auf uns zugebogenen Seite dieser Oberfläche; unter uns liegt der Dreck und über uns befinden sich die Vögel, Wolken, Flugzeuge oder Sterne.
Empirisch ändert sich absolut nichts. Es gibt kein Experiment, mit dessen Hilfe entschieden werden könnte, auf welcher Seite der Erdoberfläche wir uns befinden.
Demzufolge habe ich soeben auch einen Fehler begangen in der Hoffnung, Sie würden mich durch ihn erst einmal besser verstehen:
Es war natürlich falsch zu schreiben „Wir stehen auf der konvexen . . . Seite dieser Oberfläche“. Das entzieht sich keineswegs nur unserem Wissen, sondern stimmt auch nicht.
„Überzeugte“ Hohlwelttheoretiker gehen von der gegenteiligen Annahme aus, wir würden innerhalb der Erd-Kugel leben; aber „das eine“ ist so falsch wie „das andere“ – denn es gibt nur eines.
Wo keine Entscheidung möglich ist, macht der „Unterschied“ keinen Unterschied, und so existiert auch keiner.
Die Hohlwelt ist das Paradebeispiel für ein Kippbild; uns fehlt lediglich der Schalter, so daß wir immer nur die Dreckkugel-Version erleben.
In der gekippten Hohlwelt-Version hätten wir exakt die gleichen Wahrnehmungen, wären aber überzeugt, uns innen zu befinden; lediglich die Theorien, unsere Denkungen oder Vorstellungen also, wären anders.
(Versuchen Sie bitte die Analogie zur Wahrnehmungstheorie von soeben zu erkennen; sie ist natürlich der springende Punkt unserer drei Beispiele.)
Wir sagen so schnell dahin, die Menschen glaubten früher, auf einer Scheibe zu leben. Auch das geht wieder zu weit; weil sich das Auf-der-Scheibe nicht vom Unter-der Scheibe unterscheiden läßt; die zugehörige Abbildung ist zu simpel, um sie zu beschreiben.
AD: „Aber es fällt doch alles nach unten!“
Jein; es fällt alles, und darin besteht die identische Wahrnehmung – vor und nach der Spiegelung.
Aber das Unten gehört bereits zur Theorie, die keinen Einfluß auf die Wahrnehmungen besitzt.
Es gibt nur
– ein Kugel- bzw. Scheibenmodell mit jeweils
– einer Wirklichkeit, aber zwei
– gegensätzlichen Theorien, Wissungen, Vorstellungen oder Denkungen, die
— scheinbar alles auf den Kopf stellen,
— tatsächlich jedoch keinen Einfluß auf die Wirklichkeit (der Wahrnehmungen) besitzen.
1.2.3. Wirklichkeit, Wissen und Wirklichkeits-Modell
Wir hatten uns drei Modelle als Beispiele angeschaut; das unendlichfache Wahrnehmungsmodell sowie das zweifache Scheiben- und Kugel-Modell. Das Wort „Modell“ führt sehr schnell zu der Assoziation „Denk-Modell“, die aber hier nicht angebracht ist.
AD: „Wieso nicht? Wir denken doch innerhalb dieser Modelle und können auch gar nicht anders; es gibt kein Denken außerhalb oder unabhängig von Modellen.“
Daß wir nur in Modellen denken können, ist natürlich 100%-ig richtig. Aber das darf nicht zu dem Vorurteil führen, das Denken käme als Geistiges vor dem Erleben oder Wirklichen. Viele traditionelle „Selbstverständlichkeiten“ gehen davon aus; zum Beispiel die Unterscheidung von Theorie und Praxis oder der Form-Materie-Dualismus.
Für uns kommt das Denken nicht vor der Wirklichkeit – als wäre es unwirklich –, sondern gehört ihr an; es bildet selbst eine Schicht der Wirklichkeit, und deshalb sollten wir besser von Wirklichkeits-Modellen sprechen. Ihre Einheit oder Gesamtheit bildet unser Wirklichkeit-Bild.
Es geht aber letztlich nicht um die Worte, sondern um die Inhalte, deren Verständnis von den Bezeichnungen höchstens unterstützt werden kann und natürlich auch soll.
Entscheidend ist jedoch, daß unsere Wirklichkeits-Modelle zwei Ebenen besitzen; unten eine der Wissungen und oben eine der Wahrnehmungen. In jenen fassen wir die Denkungen und Vorstellungen zusammen; bei den Wahrnehmungen versteht es sich von selbst, daß sie die Sehungen, Hörungen, Fühlungen usw. umfassen.
Aber noch nicht selbstverständlich ist es wohl, daß wir die Wahrnehmungen – wenn Sie wollen: die Erfahrungen oder Erlebungen – mit der Wirklichkeit identifizieren müssen.
Traditionell stimmt das nicht; da ist die Wirklichkeit (im allgemeinen) stabil, und wir nehmen einmal dieses und einmal jenes wahr. Aber wenn unserer Kritik entsprechend die Wahrnehmungen keine von den Seienden bilden können, weil
– die Seienden(b) inexistent und
– die Seienden(u) unbekannt sind,
müssen wir
– die traditionelle Hintergrund-Wirklichkeit streichen und
– die Vordergrund-Wirklichlichkeit der Wahrnehmungen als einzige Wirklichkeit akzeptieren.
Sie haben lediglich von der Wissens-Ebene gesprochen; auf ihr gehen wir völlig d’accord. Aber der Zusammenhang der beiden Ebenen erweist sich als fundamental und hat weitreichende Konsequenzen.
Ich formuliere ihn der Einfachheit halber für das Scheiben- bzw. Kugel-Modell. Können Sie den Gedankengang hierfür nachvollziehen, müßte es Ihnen möglich sein, die Überlegungen auf die unendlichfachen Modelle zu übertregen. Für mich ist es jedoch schwierig, weil sehr umständlich, das in einem halbwegs vernünftigen Deutsch zu leisten.
Für die beiden zweifachen Modelle gelten die folgenden Punkte:
1. Bei den Wissungen bestehen zwei gegensätzliche oder einander widersprechende Möglichkeiten.
Wir leben entweder außer- oder innerhalb der Erd-Kugel; unsere Vorfahren glaubten möglicherweise, sich auf oder unter einer Scheibe zu befinden.
2. Ohne ein bestimmtes Wirklichkeits-Modell (zu wissen und) zu realisieren, gibt es auch dessen (Wahrnehmungen oder) Wirklichkeit nicht.
Adam und Eva konnten nicht im Paradies leben, ohne zu wissen, daß sie im Paradies leben.
Wer dem widerspricht, glaubt (an) eine objektive Wirklichkeit: „Es ist doch so, unabhängig davon, ob ich das weiß oder nicht.“
3. Um ein Wirklichkeits-Modell zu realisieren, müssen wir uns auf eine seiner beiden Möglichkeiten festlegen.
4. Die Wirklichkeit, die sich uns daraufhin zeigt, ist jedoch unabhängig von dieser Wahl.
Wir müssen uns für eine der beiden Wissungen entscheiden; die Wirklichkeit
– bestätigt uns, daß dies gechehen ist,
– enthält aber keinerlei Hinweis auf die gewählte Wissung.
5. Mit unseren Wissungen überbestimmen wir die Wirklichkeit also.
Ohne das Wirklichkeits-Modell gibt es natürlich auch dessen Wirklichkeit nicht. Aber wir nehmen an der Wirklichkeit auch die von uns gewählte Wissung des Modells wahr, die jedoch über seine Wirklichkeit hinausgeht.
Das heißt, wir behaupten einerseits mehr Interpretations-Theorie für unsere Wirklichkeit, als sie tatsächlich enthält bzw. benötigt.
6. Andererseits ist das Wirklichkeits-Modell notwendig für seine Wirklichkeit.
Die Wahrnehmungen sind somit nicht fundamental, kommen aber auch nicht nach der Theorie, sondern entstehen zugleich mit ihr oder durch sie.
Das bedeutet dummerweise, daß uns die Wirklichkeit, wie sie sich in ihrer Allgemeinheit aus dem Wirklichkeits-Modell ergibt, gar nicht bekannt ist. Wir müssen stets überbestimmen, indem notwendigerweise die eine oder andere Wissung hinzugefügt wird, obwohl sie nicht stimmt und ebensogut durch die gegenteilige ersetzt werden könnte.
Die Wirklichkeit reicht, mit anderen Worten, über die Wissungen hinaus oder ist integraler als sie; die Wissungen engen die Wirklichkeit ein, stabilisieren sie dadurch aber natürlich auch; wir wissen die Wirklichkeit zu genau.
Dieses Problem würde sich von selbst auflösen, wenn die Wirklichkeits-Modelle eine hierarchische Struktur besäßen, in der die Wirklichkeit eines Wirklichkeits-Modells zugleich die Wissung des darüber befindlichen integraleren Wirklichkeits-Modells wäre.
Erst jetzt können Sie verstehen weshalb ich in diesem Zusammenhang von „oben“ und „unten“ gesprochen habe. Es geht hierbei weder um eine geistige Überordnung noch um eine zeitliche Priorität, sondern einzig und allein um das Zueinander der Wirklichkeits-Ebenen, und wir könnten jetzt „oben“ durch „integraler“ sowie „unten“ durch „diskretisierter“ ersetzen.
| Wissungen(1) |
||||
| = | ||||
| Wirklichkeit(n+1) | ||||
| Wirklichkeits-Ebene(n+1) | Wirklichkeits-Modell(n+1) | |||
| Wissungen(1) | Wissungen(2) | |||
| = | ||||
| Wirklichkeit(n) | ||||
| Wirklichkeits-Ebene(n) | Wirklichkeits-Modell(n) | |||
| Wissungen(1) | Wissungen(2) | |||
| = | ||||
| Wirklichkeit(n-1) |
||||
Abbildung 1.2.3.
AD: „Darf ich bitte in meinen Worten zusammenfassen:
Ohne das Wirklichkeits-Modell(n) und seine Wissungen gibt es auch keine Wirklichkeit(n).
Während das Modell jedoch eröffnend wirkt und neue Wirklichkeiten bzw. ein Erstmaligen ermöglicht, engen die Wissungen die Wirklichkeiten ein oder fungieren als Bremse.
Erst die Wissungen des integraleren Wirklichkeits-Modells(n+1) lassen uns die Wirklichkeit(n) uneingeschränkt oder in ihrer Fülle und Gesamtheit sehen.“
AD: „Wir befinden uns immer irgendwo in Ihrer Hierarchie, das heißt, in einer Höhe, die niemand angeben kann, und stets geht es weiter nach oben sowie unten.
Gibt es theoretisch zwei letzte Ebenen?“
Nein nur eine; nämlich die unterste. Sie besteht in den Ur-Alternativen der Physik Carl Friedrich von Weizsäckers. Das sind die Nachfolger der traditionellen Atome; aus deren Substanz wurden Wissungen, und dadurch hat sich die Frage nach den nicht weiter teilbaren „Bausteinen“ von selbst beantwortet: Das sind die Bits; noch diskretisierter geht es nicht.
Eine oberste Ebene kann es dagegen prinzipiell nicht geben, denn damit hätten wir wieder Seiende(u), das heißt, eine Wirklichkeit, die wir nicht wissen könnten – ohne zur nächst-höheren Ebene wechseln zu müssen.
AD: „Schade; ich hatte gehofft, daß die Ebenen-Hierarchie oben – vielleicht asymptotisch – ins Reich Gottes übergeht.“
Nein; das halte ich für ausgeschlossen, weil das Reich Gottes kein Ort, oder Zustand ist; weder eine zukünftige Welt noch eine höchste Seinsebene.
Trotzdem trügt Sie Ihr Gefühl meines Erachtens nicht. Für mich besteht das Reich Gottes in der absoluten Offenheit unserer Hierarchie, und die ist tatsächlich „mitten unter uns“. Wir können sie nicht besitzen, herstellen oder verdienen, sondern nur bereit sein, in diese Offenheit einzutreten, das heißt, sich der eigenen Verfügungsmacht entziehen zu lassen.
1.3. Kopernikanische Wende
Die Denkrichtung unserer Überlegungen können wir in einfachen Worten anhand von vier für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen andeuten:
George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“
Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“
Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“
Max Black: „Existierte die Rückseite des Mondes, bevor wir sie gesehen haben?“
Wohl viele von uns dürften sich bei solch naiven Fragen fast beleidigt fühlen und sie natürlich alle mit einem glatten „ja“ beantworten.
Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem wir uns 100%-ig anschließen.
Mir ist bewußt, daß diese „Kopernikanische Wende“ (Kant) natürlich „keineswegs eine Empfehlung für mein Buch darstellt, sondern eher das Gegenteil. Denn Neues will weder der Fachmann noch der Laie. Jener ist froh, wenn er so weitermachen kann, wie er es gelernt hat, . . . und dieser will auch nicht eine neue und revolutionäre Philosophie vorgesetzt bekommen, sondern – wenn überhaupt Philosophie, dann schon – die richtige oder die Philosophie der Gegenwart.“ (Franz Rosenzweig)
Bei beiden Wünschen des Laien muß ich Sie allerdings enttäuschen:
Die richtige Philosophie kann es nicht geben, weil philosophische Fragen keine endgültigen Antworten kennen – genau das macht sie zu philosophischen Fragen: Was einmal definitiv beantwortet sein wird, war schon zuvor keine philosophische Frage.
„Die Meinung, die sich am Ziel glaubt, blockiert das Verstehen“ (Josef Simon) und damit die Wahrheit, würde ich gerne ergänzen.
Ob mein Denken gegenwärtig en vogue ist – der zweite Wunsch soeben –, interessiert mich nicht. Ich möchte – soweit das überhaupt möglich ist – jeglichen Zeitgeist hinter mir lassen; freilich denjenigen, der zur Zeit des Sokrates, Jesus, Thomas oder Newton herrschte, ebenso wie den heutigen.
AD: „Ich glaube, das geht nicht.
Es wäre doch möglich, daß etwas Richtiges und Grundlegendes nur relativ kurzzeitig im kollektiven Gedächtnis der Menschen auftaucht. Wie wollen Sie das dann vom oberflächlichen Zeitgeist unterscheiden?“
Wenn Sie mit Ihrem Verständnis Recht hätten, stände ich tatsächlich vor einem unlösbaren Problem; aber nicht nur ich: Wir alle wären dem Zeitgeist hoffnungslos ausgeliefert, weil „zu seiner Zeit“ natürlich immer (fast) alles für ihn spricht.
Ein Paradebeispiel bildet der Glaube an die exakte Wissenschaft, der bis weit in das 20. Jahrhundert hinein den Zeitgeist so sehr bestimmte, daß wir glaubten, dieser Wissenschaft alle anderen Bereiche der Gesellschaft unterordnen zu müssen.
Meines Erachtens unterscheidet sich der Zeitgeist vom Entscheidenden
– nicht dadurch, daß dieses (zufällig) länger akzeptiert wird als jener
– – was ja bereits eine aufgeklärt-vernünftige Gesellschaft voraussetzen würde –, sondern
– dadurch, daß das Richtige über eine längere Zeit gut begründet werden kann als der Zeitgeist;
– insbesondere auch dann noch, wenn sich der Zeitgeist längst gedreht hat.
Das Richtige braucht den Zeitgeist nicht; aber wir benötigen das Richtige, um den Zeitgeist an seiner Grundlosigkeit als solchen zu erkennen.
Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein Bewußtseinswandel hin zu den negativen Antworten auf die obigen Fragen bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten vier Jahrhunderten ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer ständig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.
Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir glauben, in den exakten Wissenschaften den Königsweg – vielleicht nicht nur zur Richtigkeit, sondern sogar – zur Wahrheit gefunden zu haben.
Die exakten Wissenschaften – für mich persönlich insbesondere die Theoretische Physik und Mathematik – sind großartig und eine unglaubliche Kulturleistung sowie ein Segen für uns alle. Aber zum einen haben sie nichts mit der Wahrheit zu tun, und zum anderen gibt es sehr viele weitere, ebenso bewundernswerte kulturelle Errungenschaften.
Die heute weit verbreitete Annahme, deren Krönung bestände in den exakten Wissenschaften, teile ich nicht. Das bezieht sich insbesondere auf den Reduktionismus, der davon ausgeht, daß sich nahezu alles – Leben, Bewußtsein, Kunst, Sprache, Religion usw. – auf Physik als die fundamentale Naturwissenschaft zurückführen lasse.
Bevor Sie mein Buch jetzt endgültig als „unwissenschaftlich“ beiseite legen, sollten Sie vielleicht einmal in „Geist und Kosmos“ von Thomas Nagel schauen. Obwohl dieses Buch den Untertitel trägt „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“, dürfte es kaum Fachleute geben, die Nagel vorwerfen, er sei unwissenschaftlich.
Und selbst wenn sie es täten: Was spricht gegen gegen „unwissenschaftlich“?
AD: „Das sehe ich nicht ein; wenn die exakte Wissenschaft richtig ist, muß die Nicht-Wissenschaft als deren Negation falsch sein.“
Nein; zum einen verstehen wir noch gar nicht, worin die angebliche Richtigkeit der exakten Wissenschaft genau bestehen könnte, und zum anderen ist Ihre Argumentation zu simpel gestrickt. Wir werden ausführlich darauf zurückkommen, so daß ich Sie bitte vorerst mit einem Beispiel, das auf Ernst von Glasersfeld zurückgeht, abspeisen darf:
Um den vor ihm liegenden Wald zu durchqueren, tastet sich ein Blinder Schritt für Schritt mühsam vorwärts. Auf der Gegenseite angekommen hat er einen Weg gefunden, um sein Ziel zu erreichen. So, wie der Blinde gelaufen ist, geht es also – auch. Es paßte; aber nicht wie der Schlüssel zum Schloß, sondern wie einer von 1000 Dietrichen. Dieser Weg war möglich – 999 andere wären es freilich auch gewesen.
Ihr Fehlschluß besteht also in Folgendem:
Natürlich gilt „Wenn A richtig ist, muß Nicht-A als seine Negation falsch sein“; aber darum geht es an dieser Stelle gar nicht:
Bei uns ist A – der Weg des Blinden – keineswegs richtig, sondern lediglich geeignet, um ein davon unabhängiges Ziel B, die andere Seite des Waldes, zu erreichen. Daraus folgt dann nicht, daß andere Wege ungeeignet sein müßten.
Was hat ein von A unabhängiges B mit dem Negieren von A zu tun?
Verstehen Sie mein Relativieren der exakten Wissenschaften bitte nicht falsch; das ist keine Ungerechtigkeit; ich bin dankbar und froh, heute hier in Mitteleuropa leben zu dürfen, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den meisten von uns geht es zum Glück besser als vielen mittelalterlichen Fürsten. Das betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens; selbst die relative Anzahl der Menschen, die gewaltsam umkommen, nimmt angeblich stetig ab (Thomas Piketty, „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“).
Das entspricht dem Wie unseres Lebens.
Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ bzw. “ jedoch nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle oder Tiefe; das Leben ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.
Es geht nur – im Sinne von „allein“ oder „ausschließlich“ – um unser Leben, weil es unüberbietbar ist.
Wir sollten Theodor Adornos Bonmot „Es gibt kein wahres Leben im falschen“ durch den Hinweis ergänzen, daß aber auch das wahre Leben im falschen beginnen muß.
Unser Leben ist weder Prüfungs- noch Bewährungsort und auch kein Jammertal, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- sowie unterscheidend Christliche. Jesus wurde bekanntlich unter anderem auch vorgeworfen, er sei ein „Säufer und Fresser“.
Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“:
„Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen“ (wollen).
Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das bereits befürchtete „aber nur“ also doch noch – erst die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch sein Wozu oder Ziel, seinen Sinn.
Viktor E. Frankl – der „dritte Wiener Psychotherapeut“ – faßte seine Lebenserfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Wozu zum Leben besitzt, nahezu jedes Wie erträgt“. Aus Frankls Mund hat eine solche Überzeugung für mich Gewicht, denn er überlebte Dachau sowie Auschwitz, wo sein Bruder, seine Frau und Eltern ermordet wurden.
Selbstverständlich können wir das Wozu unseres Lebens – seine mögliche Fülle also oder fromm ausgedrückt das Reich Gottes – völlig ignorieren und mit ungezügeltem Prassen, seichter Unterhaltung bzw. langweiligem Zeitvertreib oder Nicht-Denken in seinem Wie aufgehen.
Aber dieses Wie ist doch nichts anderes als der Status quo unseres Lebens auf dem Weg zu seiner möglichen Erfüllung oder Fülle, seinem Wozu oder Telos. Es ist also weder sekundär noch vermeidbar, sondern – als Beginn im falschen Leben – notwendig.
Meines Erachtens ergeben sich daraus zwei wichtige Konsequenzen:
Zum einen schadet sich selbst oder „ist schön dumm“, wer mit den Status quo seines Lebens zufrieden ist, denn das – Mehr des – Reich Gottes wartet auf ihn. Damit schließt sich der Kreis zu meinem „Trott“ im vorigen Kapitel. Er kann niemals fromm oder gottgefällig sein – weil er gegen mich gerichtet ist.
Zum anderen würde ein Wozu des Lebens ohne Wie erfordern, daß ersteres fertig vom Himmel fiele.
Ich bleibe also – mit der Tradition – dabei, zwischen dem Wie und Wozu des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – entgegen der Tradition –, die beiden voneinander zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen:
Das Wie des Lebens ist – als der Status quo des letzteren – die notwendige Voraussetzung seines eigenen Wozu, der Fülle des Lebens; ohne Wie kein Wozu; ohne Status quo kein Telos; ohne Menschen-Welt kein Gottes-Reich.
In unserem Buch geht es um beides; deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß. Wer das Leben will oder wem es gar – Schiller zum Trotz – als „der Güter höchstes“ gilt, kann in unseren letzten Gedanken einen Vorschlag sehen, wie sich der nicht nur unselige, sondern sogar widersprüchliche Dualismus von Immanenz und Transzendenz oder Diesseits und Jenseits möglicherweise überwinden ließe.
AD: „‚Unselig‘ ist klar, aber wieso ‚widersprüchlich‘?“
Wir können nur in dem Maße von einem Jenseits sprechen, wie es unserem Wirklichkeits-Bild angehört, und müßten demzufolge in letzterem eine Grenze ziehen, die dieses Jenseits vom Diesseits trennt.
Aber was meinen wir dann überhaupt mit diesen Worten? Was ändert sich an der Grenze?
Die meisten der traditionell Gläubigen würden wahrscheinlich antworten, daß dort unser Zugang endet. Vorstellen können wir uns „alles“, die Immanenz wahrnehmen sowie wissen und die Transzendenz – vorstellen halt; das geht ja immer; nützt uns aber nichts.
Eine „Transzendenz“, von der wir nichts wissen können, ist keine Transzendenz, sondern gar nichts.
Wer trotzdem von ihr spricht macht Sie zu einer Hinterwelt.
Unter dieser verstehen wir eine Sphäre
– die uns unzugänglich ist,
– sofern aber dennoch von ihr gesprochen wird.
Ich wiederhole bewußt noch einmal ganz deutlich mein Anliegen:
Die Transzenzdenz muß keine Hinterwelt sein; wir suchen unter anderem auch nach einer Form, in der sie vernünftig – und nicht unselig-hinterwäldlerisch als Gegenstück zur Immanenz – gedacht werden kann.
Die Immanenz kann eine Hinterwelt sein. Sie ist es immer dann, wenn
– Seiende(b) und Seiende(u) vorausgesetzt werden, aber
– nicht zwischen beiden unterschieden wird, sondern
– sie als Seiende miteinander identifiziert werden:
Die Logk, die zur Hinterwelt führt, ist ganz einfach:
– Seiende(b) wissen wir durch den Nous,
– Seiende(u) sind prinzipiell unwißbar, so daß
– wir in den Seienden prinzipiell Unwißbares wissen.
AD: „Einverstanden; und noch eine zweite Frage:
Sie sagten soeben, daß das Reich Gottes ‚ohne sein Wie einfach vom Himmel fallen müßte‘. Na und? Dann fällt es eben.“
Sie haben Recht; die Erfüllung des Lebens könnte theoretisch bereits von Anfang an bestehen, so daß wir direkt in sie hineingeboren und der unglückliche Status quo, das unbefriedigende Wie oder das falsche Leben im falschen entfallen würden.
Warum leben wir Menschen nicht von Anfang an in der Vollendung, dem Paradies oder Reich Gottes?
Auf der einen Seite liegt hier offensichtlich ein brennendes Problem vor: Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, daß die Moderne wesentlich durch den – im Nachhinein als recht naiv erkannten – Glauben mitbestimmt wurde, die Fülle des Lebens für alle zukünftigen Menschen innergeschichtlich verwirklichen zu wollen und zu können; entweder als Kapitalismus oder als Kommunismus.
Auf der anderen Seite kommen selbst von den Christen, denen diese Frage doch auf den Nägeln brennen müßte, diesbezüglich kaum konstruktive Antworten. Die allermeisten von ihnen sehen sogar in ihrem Nicht-Wissen nicht nur keinen Mangel, sondern geradezu einen Gradmesser demütig-ergebener Rechtgläubigkeit:
„Gottes Gedanken sind nicht meine Gedanken.“
„Wer bin ich, daß ich solche Fragen stelle – oder gar zu beantworten versuche?“
Mit einer solchen „Logik“ kann ich absolut nichts anfangen; sie ist mir furchtbar zuwider.
Da das Denken im Suchen nach Wahrheit oder Richtigkeit besteht, über die Gott immer schon verfügt, kann er nicht denken und somit auch keinerlei Gedanken besitzen. Denn andernfalls müßte er doch nach etwas suchen, was er selbst ist oder zumindest hat; er wäre ein Alzheimer-Gott, so daß der „rechtgläubige“ Gedanke von soeben meines Erachtens hinfällig wird.
Mir geht es nicht um fromme Floskeln, sondern um begründbare Aussagen; Christen sollten offen Rechenschaft über ihren Glauben ablegen können und keine Angst vor kritischen Rückfragen haben müssen.
Aber abgesehen von solchen Nebenkriegsschauplätzen schlage ich vor, dieses Problem ganz anders anzugehen:
Bei wichtigen alltäglichen oder wissenschaftlichen Fragen kommt kaum jemand auf den Gedanken, sich mit der Antwort „prinzipiell unlösbar“ abzufinden und sie vielleicht sogar noch durch ein „genau so sollte es doch auch sein“ zu adeln. Läßt sich beispielsweise die Periheldrehung des Merkur mit Newton nicht erklären, finden wir das keineswegs großartig und rechtfertigen es auch nicht damit, daß Gottes (Schöpfungs-)“Gedanken“ nicht unsere Gedanken sind.
Wir bleiben dann keinesfalls bei solch frommen Geschwafel stehen, sondern suchen nach vernünftigen Antworten; in unserem Beispiel gelang Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie bekanntlich der Durchbruch.
Weshalb sollten wir in Philosophie oder Theologie anders vorgehen als in der Physik – und in jedem kritischen Weiterdenken empört einen Häresieverdacht vermuten oder eine Gotteslästerung wittern?
Es ist entsetzlich unbefriedigend, wenn wir die Frage nach dem Warum oder Wozu unseres Erdenlebens nicht vernünftig beantworten können!
Mir schwebt eine dogmenfreie Theologie vor, die die „Dogmen“ nicht ignoriert oder gar leugnet, sondern in der sie keine – als willkürlich erscheinenden – Dogmen mehr sind, über die Nicht-Christen nur verwundert den Kopf schütteln können. Vielmehr müßten die „Dogmen“ als verständliche und möglichst sogar selbstverständliche Resultate aus einem eo ipso begründeten und damit nachvollziehbaren Denken hervorgehen.
Wir werden auf einige Fälle zu sprechen kommen, an denen zumindest deutlich wird,
– wie ich das genau meine und
– daß dieses Ziel nicht illusorisch sein muß.
Ein Beispiel, das in diese Richtung weist, ergab sich bereits:
Daß der Glaube Berge versetzen kann, ist einfach Nonsens, solange wir an einer objektiven Realität festhalten. Sie muß gecancelt werden, wenn wir die Macht des Glaubens als wirklich erachten möchten.
Und auf ein zweites Beispiel kamen wir soeben zu sprechen:
Eine vernünftige traditionelle Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres irdischen Lebens scheint mir sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich zu sein.
Postmodern wäre jedoch beispielsweise die nachstehende Denkrichtung möglich:
Adam und Eva kannten noch keine Sprache; woher sollten die ersten Menschen sie haben? Folglich lebten sie in einer unsagbaren und damit sowohl unwißbaren als auch unverständlichen Wirklichkeit.
Der Bibel zufolge war es das Paradies.
Wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, ist das aus logischen Gründen ausgeschlossen; man kann nicht im Paradies – oder wo auch immer – leben, ohne davon zu wissen oder gar: wissen zu können. Das Baby der besten Eltern der Welt lebt auch „im Paradies“ – und schreit, weint oder ist unzufrieden.
Adam und Eva mußten vom Baum der Erkenntnis essen, damit sie im Paradies leben können; das war keine Sünde, sondern die notwendige Voraussetzung dafür, daß das wahre Leben in einem falschen beginnen kann.
AD: „Ihre dogmenfreie Theologie scheint mir unmöglich zu sein:
Nach christlichem Verständnis kann die Offenbarung der Vernunft zwar nicht widersprechen, jedoch auch nicht mit ihrer Hilfe abgeleitet werden; sonst wäre die Offenbarung ja gar nicht nötig. Wenn Sie keine Dogmen anerkennen, ist aber genau das erforderlich; die Nicht-mehr-Dogmen müßten sich vernünftig ergeben.“
Genau darum geht es mir; die Nicht-mehr-Dogmen müßten sich tatsächlich vernünftig ergeben.
Das widerspricht nicht dem, was Sie, meiner Meinung nach richtig, zur Offenbarung gesagt haben, denn diese besteht nicht in Dogmen, sondern in der Selbstmitteilung Gottes durch seine Menschwerdung.
Die Dogmen haben lediglich die sekundäre Aufgabe, diese Offenbarung verständlich zu machen. Sie sind jedoch reines Menschenwerk und können somit bestenfalls vernünftig sein, denn mehr ist uns gar nicht möglich. Natürlich sollten sie auch vernünftig sein; je mehr die „Dogmen“ dies sind, desto näher kommen wir meiner dogmenfreien Theologie.
Unverständliche Dogmen bestätigen nicht die Geheimnishaftigkeit Gottes, sondern die Grenzen der Theologen.
Es ist mir also vollkommen gleichgültig, ob beispielsweise die Trinität ein Dogma ist oder nicht. Aber für sehr interessant, spannend oder wichtig halte ich die Fragen,
– was mit Trinität gemeint und
– ob sie in dieser Interpretation richtig sein könnte.
Woher sonst sollten wir denn wissen, daß Gott ein Gehemnis ist – wenn nicht durch seine Offenbarung? Wer diese Aufgabe verschwurbelt-unverständlichen Dogmen zuweist, hat meines Erachtens etwas falsch verstanden oder möchte nicht denken.
Die „Dogmen“ können gar nicht deutlich und klar genug sein, um das Geheimnis der Offenbarung verständlicher und hierdurch geheimnisvoller zu machen. Wir
– müßten aufgrund seiner Offenbarung durchschauen können, weshalb Gott ein Geheimnis ist,
– dürften seine Geheimnishaftigkeit nicht bloß behaupten und
– dieses „Wissen“ nicht durch Dogmen unterstreichen,
– deren Aufgabe darin besteht, nicht verstanden werden zu dürfen.
Viele Christen beschränken sich leider hierauf und wundern sich vielleicht auch noch, daß das – mit Recht – immer weniger Menschen interessiert.
1.4. "Methode"
Unsere „Methode“ ist so denkbar einfach, daß ich den Titel mit Anführungszeichen versehen habe. Wir versuchen lediglich konsequent, Kants „sapere aude“ zu befolgen:
„Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“.
In diesem Bemühen sah Georg Picht den Sinn des Philosophierens.
Ich glaube nicht an die eine objektive Vernunft, die der traditionellen Moderne zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich auch noch „die bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – sein soll.
An ihre Stelle tritt meines Erachtens unsere subjektive Vernunft, die auf dem eigenen Wirklichkeits-Bild und damit auf unseren Lebenserfahrungen beruht. Ein objektiverer oder „höherer“ – vielleicht gar absoluter – Maßstab ist uns nicht zugänglich, denn wir sind Menschen, die stets an ihr singuläres Hier und Jetzt gebunden bleiben – ohne Kontakt zu einem angeblichen „Weltgeist“ (Hegel), „transzendentalem Subjekt“ (Kant) oder ähnlichem.
Diese subjektive Vernunft kommt nicht zuletzt auch in den „Wahrheitspraktiken“ (Michael Hampe) zum Ausdruck, die für alle Bereiche unseres Lebens bestehen und häufig deutlich zeigen, was wir in dem betreffenden Funktionssystem intersubjektiv als richtig anerkennen sollten. In der Mathematik zum Beispiel betrifft das die Ableitungen aus den Axiomen, vor Gericht die beeidigten Zeugenaussagen und im Alltag das Wort eines Freundes.
Die Tradition geht im Sinne einer objektiven Vernunft davon aus, daß – gemäß unserem Bild mit dem Blinden – der eine richtige Weg durch den Wald existiert.
Bis zum Mittelalter kannten ihn zumeist nur die jeweiligen Autoritäten; sie galten als Garanten der Wahrheit, so daß diese ihnen einfach geglaubt werden mußte. Die Aufklärung wandte sich mit Recht gegen ein solch naives Nicht-Denken und animierte jeden gesunden Erwachsenen, „sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien“ (Kant), um selbst erkennen, verstehen, argumentieren sowie glauben zu können.
Der aufklärerisch-moderne Traum von einer fundamentalen Wahrheitstheorie für möglichst alle Bereiche sollte zur intersubjektiven Übereinstimmung führen und damit helfen, sinnlose Konflikte wie die Religionskriege des 17. Jahrhunderts und unmenschliche Grausamkeiten in Zukunft zu vermeiden. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als überzogen und wird von der Postmoderne nicht mehr geteilt. Sie verbleibt bei den 1000 funktionierenden Wegen, Dietrichen oder Wahrheitspraktiken, und jeder von uns steht vor der Aufgabe, die seinigen zu finden.
Die Aufklärung besitzt also zwei Aspekte, die wir deutlich auseinanderhalten müssen:
(1) Natürlich hat Kant Recht mit seinem Aufruf, die Verantwortung stets als unsere eigene anzuerkennen. Das betrifft nicht nur alles Tun oder Sprechen, sondern gilt auch für unser Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen anvertraut, entmündigt sich selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.
Reinhard Kreissl fragt in seinem Buchtitel spitz: „Wo lassen Sie denken?“
Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.
Besonders bei weltanschaulich-religiösen Fragen, die schwerlich durch Erfahrungen entschieden werden können, ist das eigene Denken überaus wichtig. Der Verzicht auf letzteres entspricht sonst dem Freifahrtschein, jede willkürliche (widerspruchsfreie) Aussage – und natürlich auch ihr glattes Gegenteil – behaupten zu können, weil eine Überprüfung ausgeschlossen ist.
Wegen eines solchen Fehlens der Falsifizierbarkeit wurden beispielsweise viele Schulen der Tiefenpsychologie von ihren Gegnern nicht als seriös oder gar „wissenschaftlich“ anerkannt. Das gilt natürlich auch für jede Theologie, die sich auf fromme Formulierungen, blinden Glauben, bloße Textstellen oder andere unbegründbare Äußerungen beruft.
(2) Aber da wir „nur“ über eine subjektive Vernunft verfügen, bleibt unser eigenes Denken natürlich individuell und wird somit niemals zu den ursprünglich von der Aufklärung erhofften objektiv-einheitlichen Ergebnissen führen.
Das Denken setzt unter anderem voraus, sich im Streitgespräch „dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas) zu beugen. Das bringt beide Seiten weiter; unabhängig davon, welcher von ihnen dieses Argument entstammt. Der damit einhergehende Verzicht auf willkürlich-beliebige Meinungen bringt zugleich einen Gewinn an Freiheit mit sich, denn letztere besteht
– nicht im Umfang des wählbaren, wenn auch noch so dummen Angebots, sondern
– in der Möglichkeit einer gerechtfertigten, weil wohlüberlegten Wahl.
Freiheit bedeutet, mit anderen Worten,
– argumentativ sauber begründen sowie
– daraufhin entscheiden zu können,
und unsere Fähigkeit zu beiden besteht in der Vernunft.
Sie führt zu einem „Müssen“; „ich ‚muß‘ das jetzt zugeben, sagen, tun oder zumindest überdenken“.
Friedrich Nietzsche konnte deswegen formulieren „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ und meinte damit, daß stets zwingende Gründe für seine Freiheitsentscheidungen vorlagen.
– Eine möglichst saubere Begründung und
– die dadurch „erzwungene“ Entscheidung
bilden die beiden notwendigen Seiten der Freiheit, von denen es die eine niemals ohne die andere gibt, so daß jegliche „freie Wahl“ entfällt.
„Frei wählen“ können wir zwischen Lamm und Rindfleisch; aber das tun vielleicht auch die Katzen.
Da wir über keinen höheren Maßstab als unsere subjektive Vernunft verfügen, kann es mir auch nicht um eine angeblich aus uns selbst kommende Autonomie gehen. Wir stehen – nur optisch, aber – nicht wirklich auf eigenen Beinen; mit der gleichen Überzeugung wie oben setze ich Kants Zitat also fort:
Ignorare aude; „habe zugleich auch den Mut, Deine Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Grenzen usw. anzuerkennen. Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht, bleibst damit abhängig, und die Wirklichkeit geht nicht nur über Dich hinaus, sondern ist letztlich auch unverfügbar.
Deine Selbstbestimmung bedeutet somit keine Autonomie im Sinne von Selbständigkeit, sondern beschränkt sich auf die Dir anvertraute endliche Sphäre der Freiheit.“
Wir bestimmen uns selbst in Freiheit zu dem, der wir dann sein werden; nur so ist ein – mit sich selbst übereinstimmendes, das heißt – kongruentes Selbst möglich. Kein Gott kann das schöpfen; das können wir nur selbst schaffen – aber eben nicht autonom, aus eigener Kraft oder aus uns selbst heraus, sondern allein, weil uns die Freiheit zur Selbstbestimmung geschenkt wird.
Diese Ermöglichung der Freiheit entspricht meines Erachtens der Schöpfung, die traditionell zumeist als ein Machen oder Herstellen von Seienden – insbesondere von uns Subjekten – mißverstanden wird.
Beide Aussagen zusammengenommen – Kants Zitat und seine Fortsetzung durch uns – bedeuten, daß uns eine Freiheit auszeichnet, die wir einem oder einer Ganz-Anderen verdanken.
Die „Atheisten“ lehnen dieses Ganz-Andere häufig aus guten Gründen ab, weil sie eine hinterwäldlerische Vorstellung davon haben, zu der ich ebenfalls nur „nein“ sagen könnte.
Viele „Rechtgläubige“ wissen dagegen nicht nur genau, daß das Andere existiert, sondern kennen es auch sehr gut und können uns viel darüber erzählen; zum Beispiel, daß es „der Andere“ heißen muß.
Völlig unabhängig von derartigen konkreten Inhalten glaube ich das jedoch ebenfalls nicht; es gibt kein Wissen von dem oder der Anderen. Wir bemühen uns deshalb um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der aus dem Ziel resultiert, das Ganz-Andere zugleich
– sowohl in seiner unbedingten Notwendigkeit – als Ursprung des Lebens –
– wie auch als absolutes Geheimnis
deutlich werden zu lassen.
Nichtsdestotrotz ist dieses Buch ein rein philosophisches – auch wenn Gott darin eine wesentliche Rolle zukommt. Es ist freilich nicht der traditionelle (Lückenbüßer-)Gott, mit dem wir aufgrund seiner angeblichen Allmacht und Allwissenheit sämtliche Probleme lösen und Fragen beantworten können. Mit einem Allmächtigen dieser Art läßt sich denkerisch natürlich gar nichts anfangen:
„Kann Gott einen runden Würfel herstellen?“
„Natürlich; was fragst Du überhaupt? Er kann doch alles; daß wir nicht verstehen, wie er das in seiner unendlichen Weisheit macht, liegt an unserer Endlichkeit, in der wir die großartigen Handlungen Gottes niemals erfassen werden. Das betrifft insbesondere auch sein Dulden des Leids in der Welt, die Theodizee-Frage oder den ‚Fels des Atheismus‘ (Georg Büchner). Wir werden in der Ewigkeit einmal sehen, daß Gott alles herrlich für uns gefügt und wahrscheinlich sogar ‚die beste aller möglichen Welten‘ (Leibniz) geschaffen hat.“
Dazu würde ich sagen:
(1) Ein runder Würfel ist logisch widersprüchlich und damit ein Unding, das natürlich auch Gott nicht zu schaffen vermag. Damit haben wir jedoch nicht seine Allmacht widerlegt, sondern lediglich den Bereich vernünftigen Sprechens begrenzt. Es macht keinen Sinn, Gottes Stellung zu Sinnlosem zu erfragen.
(2) Als bedenkenswert erscheint mir dagegen beispielsweise die Frage, ob Gott, der nach christlichem Verständnis selbst die Liebe ist, auch hassen kann oder trotz seiner Allmacht lieben muß? Gilt letzteres, müßte meines Erachtens jede Hölle praktisch ausgeschlossen sein.
(3) Und selbst wenn Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hätte, erhebt sich für mich – angesichts des unvorstellbaren Leids in der Geschichte – die Frage, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, er hätte ganz auf seine Schöpfung verzichtet, denn viele Menschen sehen das eigentliche Problem nicht in ihrem Tod, sondern in ihrer Geburt.
Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – wie wir meinen – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben oder blindlings unser Vertrauen einfordern, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.
Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.
„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, daß wir „zur Freiheit verdammt“ seien; aber richtig bleibt hieran, daß auch das „Nicht-Entscheiden-Wollen“ – demzufolge andere für uns denken, glauben oder wissen – ein freies Entscheiden darstellt, für das wir selbst verantwortlich sind.
Die meisten von uns würden bei größeren Geldgeschäften keinem Fremden blind vertrauen, sondern versuchen, sich möglichst selbst kundig zu machen. Ich schließe mich dem 100%-ig an – und ergänze lediglich, daß mir grundlegende existenzielle, religiöse oder weltanschauliche Fragen mitunter wichtiger sind als finanzielle.
Schlußendlich nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleibt, erweisen sich als unkontrollierbar und damit als willkürlich oder beliebig.
Das bedeutet freilich nicht, daß ein derartiges Gedöns belanglos sei oder keine Konsequenzen hätte. Wäre dem so, könnten wir es generös auf sich beruhen lassen; aber alle politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, daß zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann.
Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.
Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.
Tun wir das nicht, liegen auch keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Transzendenz“, „Dreifaltigkeit“, „Subjekt“, „Leben“, „Tod“ und „Teufel“ oder „das Böse“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht wie selbstverständlich auf andere übertragen:
Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich, denn was mich gar nicht interessiert, ist für mich kein Geheimnis, sondern Peanuts. Die einzige Wirklichkeit, die es für uns gibt, besteht im eigenen Leben, und was dazu keinen Bezug besitzt, kann also auch kein – wirkliches – Geheimnis sein.
Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Rätseln als auch von Geheimlehren.
Letztere bilden Märchen für Erwachsene; versuchen wir ihnen auf die Spur zu kommen, verflüchtigen sie sich zumeist sehr schnell und wir schämen uns vielleicht der Aufmerksamkeit, die wir dem Unsinn zunächst geschenkt hatten.
Geheimnisse sind dagegen umso größer, phantastischer, umwerfender – eben geheimnisvoller –, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen. Sie werden niemals gelöst; das unterscheidet die Geheimisse von bloßen Rätseln und verbindet sie mit philosophischen Fragen.
Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie – sowohl die Wissenschaften als auch ihre Rätsel – sind nur (von uns) konstruiert.
Geheimnisse gehören dagegen zur Wirklichkeit und sind keine bloßen Konstruktionen. Insbesondere das Leben stellt für mich persönlich ein Geheimnis dar, so daß ich unter anderem die Biologie und Medizin nicht als Wissenschaften vom Leben betrachten kann. Wer es tut, verwechselt meines Erachtens die Leibhaftigkeit des Lebens mit bloßen Modellen oder die wirklichen Geheimnisse mit konstruierten Rätseln.
Die Hüter von ersteren müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offener sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.
Geheimnisse verteidigen sich selbst gegen ihre „Entzauberung“ (Max Weber), weil sie bei jedem ernsthaften Versuch, sie aufzudecken, tiefer werden.
AD: „Selbst wenn alles, was Sie in diesem Kapitel gesagt haben, richtig wäre, fürchte ich, daß einige Leser mit Ihrer ‚Methode‘ unzufrieden sind. Es gibt doch beispielsweise ganz verschiedene Denkrichtungen innerhalb der Philosophie; sollten Sie Ihre – wirkliche – Methode darin nicht ein wenig einordnen?“
Ich glaube nicht; eher hätten wir auf diese gesamte Methodendiskussion verzichten sollen, denn sie übersieht meines Erachtens zumeist, daß das Erkennen des Erkennens auch bereits Erkennen – und damit Philosophie – ist. Friedrich Nietzsche verspottete die Denker, die das ignorieren, indem er sie mit Menschen verglich, die ein Streichholz prüfen wollen, bevor sie es benutzen:
„Es ist das Streichholz, das sich selber prüfen will, ob es brennen wird.“
Ohne Bild gesprochen:
Von den Begriffen können wir uns nicht befreien; sie lassen sich nicht zum Gegenstand einer Betrachtung machen, ohne sie dafür im gleichen Moment in Anspruch zu nehmen, so daß in der Philosophie Inhalt und Methode zusammenfallen.
Im Umkehrschluß ließe sich damit freilich auch das gesamte Buch als eine einzige Methodendiskussion verstehen.
AD: „Das leuchtet mir ein; aber darf ich bitte noch einmal zurückgreifen:
Mir ist noch nicht klar geworden, was es bedeutet, daß Ihr Buch, obwohl Gott darin eine – für mich überraschend – große Rolle spielt, wie Sie selbst einräumen, rein philosophisch sein soll.“
Weil ich auch von Gott höchstens das sage, was meiner subjektiven Vernunft entspringt. Sie könnten mich also stets „Warum . . .?“ fragen, denn ich maße mir nicht an, über den „wirklichen Gott“ zu sprechen.
Wir hatten das schon mehrfach:
Der Horizont des für mich Sagbaren besteht in meinem Wirklichkeits-Bild – und insbesondere nicht in der Wirklichkeit.
Peter Knauer drückte das folgendermaßem aus:
„Woran ein guter Theologe nach Gott also am meisten glaubt, das ist die Vernunft.“
AD: „Einvertanden; aber auch Ihre Denkungen oder Vorstellungen sind doch Bilder; Sie ignorieren also das Bilderverbot des Alten Testaments?“
Nein; ganz im Gegenteil; ich versuche, es ernstzunehmen:
Meines Erachtens geht es beim Bilderverbot darum, den wirklichen oder wahren Gott nicht mit unseren subjektiven Vorstellungen oder Überzeugungen zu verwechseln. Deswegen sage ich ganz klipp und klar, daß er im ganzen Buch nicht vorkommt. Ich spreche
– nur von dem mir Sagbaren, und
– das ist allein mein Wissen.
Dieses kann, wie wir oben gesehen haben, keine Referenten besitzen, so daß es insbesondere kein Wissen von Gott gibt. Er kann lediglich selbst eine Wahrnehmung (Erfahrung) oder Wissung, das heißt, eine Denkung oder Vorstellung sein.
Das Bilderverbot mißachten dagegen alle, die glauben, vom wirklichen oder wahren Gott zu sprechen und damit Wissen von ihm zu besitzen.
Zum Beispiel schließe ich – nahezu der gesamten christlichen Tradition zum Trotz – aus, daß Gott sowohl allmächtig wie auch allwissend ist.
Vermag er jederzeit zu tun, was er will, kann Gott nicht schon im Voraus wissen, was geschehen wird; er disponiert ja vielleicht noch um.
Weiß Gott dagegen, was kommen wird, muß er es dabei belassen, kann nichts mehr korrigieren und somit nicht allmächtig sein.
AD: „Das überzeugt mich nicht; Gott weiß doch auch schon immer, wann und wie er eingreift.“
Ja; einverstanden; aber dann muß er sich eben an dieses bereits von ihm selbst korrigierte Wissen halten – an seinen Gegenplan gewissermaßen – und ist folglich wiederum nicht allmächtig.
AD: „Ich fürchte, jetzt denken Sie zu kurz:
Ihre Schußfolgerung stimmt wahrscheinlich – aber nur auf der Grundlage unseres menschlichen Verständnisses von der Allmacht sowie Allwissenheit. Bei Gott sind das ganz andere Kategorien, und an ihnen zerbricht jede menschliche Logik.“
Wenn Sie mit Allmacht bzw. Allwissenheit nicht das meinen, was wir unter diesen Begriffen im „Normalfall“ verstehen, ist mir unklar,
– was Sie mit der Allmacht resp. Allwissenheit Gottes überhaupt sagen möchten und
– weshalb Sie gerade diese Worte benutzen, obwohl Sie deren „normale“ Bedeutung ablehnen.
Wir können über alles nur mittels unserer subjektiven Vernunft reflektieren; göttliches Denken gibt es wahrscheinlich gar nicht, gewiß aber nicht für uns.
Auch von Gott kann ich sinnvoll
– weder etwas Widersprüchliches sagen
– noch etwas, was ich selbst nicht weiß oder verstehe.
Denn zum Glauben gehört meines Erachtens, daß wir zu etwas Verstandenem in einer freien Entscheidung, das heißt, begründet „ja“ sagen. Blinder „Glaube“ ist kein Glaube, sondern häufig nur das Wiederholen leerer Worte. Tertullians „Ich glaube, denn es ist absurd“ scheint mir abwegig zu sein; es wird so viel Absurdes erzählt – das kann man unmöglich alles glauben.
Der hieraus resultierende – wenn Sie wollen: postmoderne – Gott unterscheidet sich natürlich erheblich von dem traditionellen.
AD: „Nein; so geht das nicht. Es gibt weder einen traditionellen noch einen postmodernen Gott, sondern – wenn überhaupt einen, dann – nur den richtigen oder wirklichen, der tatsächlich existiert; allein von ihm können wir sinnvoll sprechen.“
Eine solche Antwort klingt gewiß in den Ohren vieler traditionell oder konservativ eingestellter Christen sehr überzeugend. Trotzdem ist sie falsch, denn der „richtige oder wirkliche Gott, der tatsächlich existiert,“
– ist nicht der wahre Gott, sondern
– der Gott des traditionellen Wirklichkeits-Bilds, in dem er als ein (spezielles) Seiendes vorgestellt wird.
Wer glaubt, von dem einen richtigen und wirklichen Gott an sich zu sprechen, denkt ihn als Seiendes und damit im Rahmen des traditionellen Wirlichkeits-Bilds.
Daß wir nur im Rahmen unseres Wirkliichkeits-Bilds denken und sprechen können, ist tautologisch.
Da dies im Falle des traditionellen Wirklichkeits-Bilds nach zweieinhalb tausend Jahren völlig unauffällig und wie selbstverständlich abläuft, geschieht es zumeist gedankenlos, und deswegen glaubt der Traditionalist, Gott nicht denken zu müssen sondern einfach beim Namen nennen und von ihm sprechen zu können.
Daraus ergibt sich ein wichtiger Unterschied zwischen traditionellen und postmodernen Christen; er besteht im Grad ihrer Demut bzw. umgekehrt im Maße ihres Sein-Wollens-wie-Gott:
Beide sagen, wie sie sich Gott aufgrund ihres gegenwärtigen Wissens denken; das ist alternativlos, denn niemand kann etwas anderes als sein Wissen vorbringen; das gilt selbst beim Lügen noch.
Die traditionell Denkenden ergänzen ihre Schilderung dann lediglich – vielleicht nicht ex-, mit Sicherheit aber implizit – durch den unbescheiden-wahnwitzigen Zusatz, mit ihren Ausführungen den einen wirklichen, richtigen oder existierenden Gott zu beschreiben, . . .
. . . und den postmodern Denkenden bleibt vor Staunen der Mund offen:
„Woher wissen die das?
Wir“, ergänzen sie vielleicht kleinlaut, „sprechen nur von unserem subjektiven Wirklichkeits-Bild, und maßen uns nicht an, damit eine angebliche Wirklichkeit Gottes treffen zu können“.
Unser Wissen entfaltet sich im Verlaufe des Lebens; als Baby wußten wir noch gar nichts, und bis heute haben wir irgendeinen Status quo erreicht. Sollte er auch noch so umfangreich und beeindruckend sein – es handelt sich lediglich um den Status quo einer Genese, die spätestens mit unseren Tod endet, bevor wir „die Wahrheit“ erreicht haben.
Das gilt ganz allgemein, und die postmodernen Christen akzeptieren es deshalb insbesondere auch bei Gott:
Wollen wir tatsächlich etwas Vernünftiges sagen und nicht nur fromm klingende Floskeln produzieren, muß das Wort „Gott“ den Status quo unseres diesbezüglichen Wissens bezeichnen.
Das sagte selbst Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht und sich auf die Schenkel klopft: ‚Das soll ich sein?'“
1.5. Igel und Fuchs
Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert.
Ich behaupte keineswegs, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit fast 50 Jahren umtreibt. Provoziert wurde sie nicht zuletzt durch meine berufliche Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie, und das vor Ihnen liegende Buch stellt im Kern den Status quo dar, den die (nicht-physikalische) Entfaltung dieser Idee bisher angenommen hat.
Wer sich intensiv mit der Quantentheorie beschäftigt, wird meines Erachtens vor die Alternative gestellt, ob er weiterhin an die Existenz einer objektiven Realität glaubt oder die millionenfachen phantastischen experimentellen Bestätigungen der Quantentheorie ernstnimmt. Beides zusammen scheint nicht möglich zu sein; entweder objektive Realität oder Quantentheorie.
(Wenn Sie sich selbst ein Bild davon machen wollen, ob ich das richtig sehe, wären vielleicht die Bücher von Anton Zeilinger sehr geeignet. Insbesondere „Einsteins Spuk“ und „Einsteins Schleier“ hat er für Laien geschrieben. Zeilinger bekam immerhin 2022 den Physik-Nobelpreis; ich empfehle Ihnen also keinen Autor, den Sie leicht als „Bruder im Geiste“ abtun könnten, der mit mir gemeinsam spinnt.)
Albert Einstein hatte sich bekanntlich dafür entschieden, den traditionellen Glauben an die objektive Realität beizubehalten, und leider bis zu seinem Lebensende versucht, Fehler oder widersprüchliche bzw. absurde Konsequenzen der Quantentheorie aufzuspüren.
Ich habe mich als Student auf die Gegenseite geschlagen und gedacht:
Unsere Physik ist die grundlegende Naturwissenschaft, die in der Moderne mit dem Ziel antrat, die objektive Realität zu erkennen. Wenn selbst sie zu dem Ergebnis kommt, daß keinerlei Objektivität existiert, dann gibt es in den anderen wissenschaftlichen Disziplinen oder sonstigen Sphären unseres Lebens wohl erst recht keine.
Aber wieso sind sich die meisten Menschen – mit Einstein – der objektiven Wirklichkeit außerhalb ihres „Innen“ so sicher?
Ich glaube, weil sie gar nicht reflektieren, daß Ihnen dem traditionellen Denken zufolge
– die objektive Wirklichkeit als solche gar nicht zugänglich ist, sondern
– sie diese erst abbilden müssen,
– damit jedoch auch von sich selbst nur ein Abbild besitzen können und folglich
– in ihrem Wirklichkeits-Bild als Abbild unter Abbildern leben, so daß
– die Wirklichkeit gar nicht vorkommt.
Stößt man beiläufig einmal auf diese Problematik, beruhigt die Selbst-Versicherung:
„Ich bewältige meinen Alltag so prima; da kann mir diese ganze philosophische Hinterwelt gleichgültig sein.“
Sollten Ihnen ähnliche „Argumente“ vorschweben, muß ich Sie enttäuschen:
Es ist keine philosophische Hinterwelt mehr; seit Kant haben sich bereits viele Philosophen (und Künstler) von ihr veranschiedet.
Damit sind wir bereits bei meiner Igel-Idee; sie ist nicht sonderlich schlau, pfiffig, spitzfindig oder ausgefallen, sondern ich empfinde sie eher als selbstverständlich:
„Außerhalb meines ‚Innen'“ bedeutet, daß mir dieser Bereich nicht zugänglich oder gegeben ist.
Dann kann ich mich jedoch nicht darauf beziehen und auch absolut nicht(s) davon wissen, so daß keine sinnvollen Gedanken oder Sätze darüber möglich sind. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind willkürlich oder beliebig – weil nicht kontrollierbar –, könnten ebenso völlig widerspruchsfrei durch ihr Gegenteil ersetzt werden und entsprechen somit einem bloßen, sinnleeren Blablabla.
Positiv formuliert lautet meine Grundidee folglich:
Alles sinnvoll Gedachte, Vorgestellte, Erlebte, Geglaubte oder Gefühlte gehört notwendigerweise der eigenen Psyche an. Wer vom Außen zu handeln meint, gibt lediglich seine Vorstellungen von ihm wieder, und die müssen sich natürlich ebenfalls innerhalb der Psyche befinden.
„Außen befindet sich die Materie“ stellt also lediglich die – innerhalb seiner Psyche befindliche – Vorstellung oder Überzeugung eines naiven Physik-Gläubigen dar; wissen kann das natürlich niemand – selbst wenn es so wäre.
Moritz behauptet dagegen, außen lebe der grasgrüne Steinbeißer. Natürlich ist das Quatsch; deswegen hat Moritz auch weniger Fans als unser Physik-Gläubiger. Aber dessen Überzeugung ist keinen Deut intelligenter, aufgeklärter oder vernünftiger, denn wenn wir Moritz‘ grasgrünen Steinbeißer gegen die Materie des Physik-Gläubigen austauschen, ändert sich absolut nichts – außer den Glaubensbekenntnissen unserer beiden Protagonisten.
Natürlich kann sich der Inhalt unserer Psyche vergrößern; aber die Annahme, daß sich dieser Zuwachs zuvor im Außen befunden haben muß,
– gehört selbst zum prinzipiell Unwißbaren und
– ist auch keineswegs logisch zwingend.
AD: „Doch; das ist es!
Wenn ich jetzt etwas weiß, was mir gestern noch unbekannt war, muß es notwendigerweise in den letzten 24 Stunden vom Außen in meine Psyche hineingekommen sein.
Genau so funktioniert doch der wissenschaftliche Fortschritt ganz allgemein. Unsere Psyche und das Außen befinden sich anschaulich gesprochen nebeneinander, und wir verschieben die zwischen beiden bestehende Trennfläche immer weiter nach außen.“
Nein; das glaube ich nicht.
Beethoven hatte irgendwann die großartige Intuition, die zu seiner „Ode an die Freude“ führte. Ist sie in den Tagen zuvor von außen in seine Psyche eingedrungen? Wenn „ja“ – was bedeutet dann „außen“? Wo befand sich die Ode zuvor? Im Musik-Himmel?
Newton griff eines Tages den Gedanken auf, Massen würden sich gegenseitig anziehen. Das war und bleibt eine geniale Idee, auch wenn sich heute praktisch alle Physiker einig sind, daß es keine derartige Gravitationskraft gibt, so daß Newton seinen Gedanken unmöglich der Natur abgelauscht haben kann – wie er wohl selbst glaubte. Die Massenanziehung existierte also nicht bereits außen, so daß Newton sie erkennen, das heißt, irgendwie von außen nach innen abbilden konnte. Er hat diese Idee vielmehr in seiner Psyche erzeugt, geerstmaligt, generiert, erfunden oder konstruiert.
Wie anders hätten auch die Imaginationen der Märchenfiguren, Romanhelden, Götter oder Unterwelten entstehen sollen? Wir halten sie für unwirklich; aber das bedeutet doch, daß sie sich niemals im Außen befanden – und trotzdem waren sie irgendwann „innen“.
Sie wurden alle in geeigneten Psychen geboren. Letztere sind kreativ; sie haben es nicht nötig, ihre Produkte einem angeblichen Außen abzuschauen. Die führenden Wissenschaftler entsprechen den großen Künstlern; beide schaffen Neues; ob das „Quantentheorie“ oder „Faust“ heißt, ändert diesbezüglich nichts.
Der Unterschied wird erst in der zweiten Reihe deutlich; Wissenschaft kann man nachmachen; in ihr läßt sich alles Geerstmaligte wiederholen, so daß nach Einstein Millionen von Physikern die Relativitätstheorie erlernen können und vielleicht besser beherrschen als ihr Erfinder.
Das ist bei der Ode an die Freude offensichtlich wesentlich schwieriger.
Das wäre meine erste Entgegnung auf Ihren Einwand, neues Wissen könne nur durch den Übergang bzw. das Abbilden vom Außen in die Psyche entstehen; eine zweite dürfte jedoch ebenso wichtig sein:
Die Psyche ist kein Innen, weil sie sich nicht im Raum befindet.
Unser Körper ist darin; deswegen können wir ihn zum Beispiel sehen; sein „Innen“ sieht jedoch auch kein Chirurg, weil es ohne Ausdehnung ist. Was keine Ausdehnung besitzt, ist jedoch raumlos oder nicht im Raum und kann somit auch nicht innen sein.
Der Kern befindet sich in der Kirsche, der Käfer in der Schachtel oder das Gehirn im Kopf. Beide Bestandteile eines wirklichen Ineinanders müssen sich im Raum befinden; das Innen ist natürlich kleiner – aber nicht raumlos.
Da unser „Innen“ keine Ausdehnung besitzt oder nicht im Raum lokalisiert ist, kann es auch kein Innen und der Körper nicht relativ dazu außen sein. Wir sprechen wie selbstverständlich von unserem „Innen“, denken aber kaum darüber nach; das „Innen“ ist keineswegs ein Innen.
Etwas Raumloses befindet sich in keinem Worin, weil es in jedem widerspruchsfrei behauptet werden kann.
Damit wird freilich auch Ihr anschauliches Bild hinfällig:
Die Psyche und das Außen befinden sich nicht nebeneinander, so daß auch die trennende Grenzfläche entfällt, denn das sind alles an den Raum gebundene und damit ungeeignete Vorstellungen.
Obwohl mir dies als sehr zwingend erscheint, sehen es viele Menschen offensichtlich ganz anders. Sie
– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außen,
– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und
– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechende Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . .
Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als wahr geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden.
Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige Blablaba von jedem anderen und damit falschen unterscheiden zu können. Hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, politische, esoterische, verschwörungstheoretische oder sonstige Willkürlichkeiten handelt.
Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen – 200 Jahre nach der „Aufklärung“:
Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren Richtigkeit durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig widerspruchsfrei durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!
Was wir vom Außen denken, kann zwar keinen nachweisbaren Anspruch auf seine Richtigkeit erheben, sich aber nichtsdestotrotz ganz massiv auf das „Innen“, das heißt, auf unser Leben auswirken.
Wer annimmt, außen befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2028 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“.
AD: „Ja; aber ein Problem habe ich trotzdem noch:
Solange wir ernstlich miteinander diskutieren, treffen Argumente – Prämissen, Konsequenzen, Begründungen oder Widerlegungen – aufeinander. Hierfür kann es keine Rolle spielen, ob im Außerhalb angeblich eine Wirklichkeit existiert oder nicht, denn argumentativ erreichen wir sie ja ohnehin niemals.
Tangiert diese angebliche Wirklichkeit unsere Gespräche dann überhaupt? Wie soll die willkürliche Antwort auf eine prinzipiell unentscheidbare Frage jemals in einem vernünftigen Diskurs virulent werden können?“
Das wird sie natürlich nicht; da haben Sie völlig Recht.
Aber sämtliche Diskurse können in dem Sinne, wie wir es oben mit dem „So ist es; basta!“ erklärt hatten, ohne alle Vernunft von jedem beendet werden, der den Anspruch erhebt, mehr zu wissen als seine Gesprächspartner.
Daß meine an Holzschnitt- oder eher noch Kettensägekunst erinnernde Darstellungsweise sinnvoll sein kann, versucht Heinzpeter Hempelmann – in einem anderen Zusammenhang, aber ganz in meinem Sinne – zu verdeutlichen:
„Ich rechne damit, daß dieser Text auf ebenso energischen, teilweise empörten Widerspruch stoßen wird wie auf dankbare Zustimmung. Möglicher Hauptangriffspunkt ist die notwendige flächige, weit ausgreifende und nicht um tausend Differenzierungen bemühte Darstellung, die auch als gewalttätig, unfair und ungerecht empfunden werden kann.
Der moderne Diskurs ist gekennzeichnet durch das Bemühen um Differenzierungen. So notwendig diese an ihrem Ort sind, so sehr kann der Diskurs eine im Endeffekt lähmende Wirkung entfalten. Schlicht formuliert: Man sieht vor lauter Bäumen, Ästen und Zweigen den Wald nicht mehr.
Es fehlt zumeist das Gesamtbild, das letztlich handlungsleitend und zielgebend sein muß.
Mein Resultat ist ein Wucht-, aber kein Wut-Text; apodiktisch im Ton, ohne Ausreden und Schminke, sicherlich korrektur- und ergänzungsbedürftig, mindestens aber ein Versuch, verschiedene Gründe zu benennen, warum . . .“
. . . wir uns vom traditionellen Denken mit seiner objektiven Wirklichkeit verabschieden sollten.
Das tun auch die verschiedenen Spielarten des (Radikalen) Konstruktivismus. Mit ihnen hat unser Ansatz aber kaum etwas gemein, und es hilft vielleicht manchem Leser, von vornherein deutlich zu sehen, weshalb wir einen anderen – wenn auch vielleicht noch schwer erkennbaren – Weg einschlagen werden.
Die einzige Übereinstimmung zwischen unserem Ansatz und dem Radikalen Konstruktivismus besteht im Verzicht auf die objektive Wirklichkeit. Aber daraus resultieren bei letzterem zwei Probleme, die der (Radikale) Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann, so daß wir uns von ihm deutlich distanzieren.
Das betrifft zum einen die Stellung oder Rolle des Gehirns.
Wenn die gesamte Wirklichkeit nur eine Konstruktion darstellen würde, hätten wir keinen Konstrukteur, denn dieser kann nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich.
Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er das Gehirn zum Konstrukteur erklärt. Als Rechtfertigung dient ihm hierbei zumeist die angebliche „neurophilosophische Erkenntnis“, unser Ich sei das Gehirn.
Das ist natürlich ganz großer Humbug; die unbestreitbare Aktivität bestimmter Gehirnareale beim Sehen beispielsweise lehrt uns – so gut wie gar nichts über das Sehen, sondern lediglich –, daß es höchstwahrscheinlich nicht funktioniert, wenn die entsprechenden Regionen ausfallen.
„Viele Neurophilosophen“ kennen unsere Geistesgeschichte kaum, argumentieren treuherzig-naiv und legen zumeist nur Glaubensbekenntnisse ab, so daß ihre „schlechte Wissenschaft zu einer schlechten Religion“ (Guido Rappe) verkommt.
Abgesehen von der grundlegenden Frage, woher die Vertreter des Radikalen Konstruktivismus von dem prinzipiellen Unterschied zwischen dem Gehirn als Konstrukteur und der gesamten „restlichen“ Wirklichkeit als dessen Konstruktion wissen (wollen), entstehen natürlich zahllose weitere Probleme.
Eines davon resultiert ganz simpel daraus, daß es zwar sehr viele Gehirne gibt, aber jeder von uns nur sein eigenes als Konstrukteur – für alles andere – benötigt. Das bedeutet beispielsweise, daß Ihr Konstrukteur den Konstruktionen meines Konstrukteurs angehören müßte und umgekehrt; ich bezweifle sehr stark, daß sich dies sauber denken läßt, und noch mehr, daß es richtig sein könnte.
Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das jeweils eigene Gehirn der Subjekte ganz traditionell als objektive Realität denkt und wohl auch denken muß, um einen Konstrukteur für alles andere zu gewinnen.
Wir denken zum einen radikaler; bei uns spielt das eigene Gehirn keine Sonderrolle, sondern gehört ganz normal zum Körper.
Zum anderen distanzieren wir uns ganz massiv von der „Neurophilosophie“:
Ich bin nicht mein Gehirn, sondern
– eine lebende und freie Subjektivität,
– ohne die es gar nichts gäbe; insbesondere auch keine Gehirne.
Meine zweite Schwierigkeit mit dem (Radikalen) Konstruktivismus besteht darin, daß er den gewaltigen Unterschied zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen nicht erklären kann, da beide konstruiert sind. Vor der Wahrnehmung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir jedoch – mit Recht –, während die entsprechende Vorstellung bestenfalls ein wohliges Gruseln hervorruft.
Im (Radikalen( Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergeblich nach einer befriedigenden Begründung dieses Unterschieds gesucht.
AD: „Sie hatten soeben sinngemäß gesagt ‚ohne Leben kein Gehirn‘. Das war wohl ein Versprecher und sollte ‚ohne Gehirn kein Leben‘ heißen?“
Nein; meine Umkehrung war beabsichtigt und ist fundamental für unseren Ansatz.
Traditionell existiert eine objektive Wirklichkeit, und zu ihr zählt insbesondere unser Gehirn. Es gehört zu den notwendigen Voraussetzungen des Lebens, und bei einem solchen Verständnis hätten Sie natürlich Recht.
Aber postmodern denke ich von meinem Leben her, und ohne dieses gibt es gar nichts; auch kein Gehirn.
Der Chirurg hat beim Operieren eine Gehirn-Wahrnehmung.
Die Tradition sagt, das wäre nicht möglich, wenn sich in dem geöffneten Schädel kein Gehirn befände.
Die Postmoderne meint, daß der Chirurg leben muß, um wahrnehmen zu können.
AD: „Komisch; mein subjektives Wirklichkeits-Bild kann noch so exotisch sein; das stört Sie überhaupt nicht. Aber wehe mir, wenn ich annehme, es gelte objektiv oder für alle Subjekte gemeinsam – dann werden Sie munter . . .“
Nein; das stimmt nicht; Sie unterliegen einem Denkfehler; er besteht darin, nicht zwischen „objektiv“ und „vollständig intersubjektiv“ zu unterscheiden.
Die Physiker vereint die Intersubjektivität ihrer fachlichen Überzeugungen. Wählen wir letztere weniger speziell, wird die Anzahl der Menschen, die sich intersubjektiv einig sind, noch größer, und letztlich ist sogar die vollständige Intersubjektivität aller Menschen als ein asymptotischer Grenzfall denkbar:
Alle Subjektivitäten sind sterblich.
Zu einer Objektivität gelangen wir auf diesem Wege jedoch nie, denn sie entspricht dem subjektivitäts-unabhängigem An-sich der Seienden, das mit dem 100%-igen Für-alle-Subjektivitäten aber auch gar nichts zu tun hat:
Nur für die Tradition existiert der Tod an sich; er ist ein Seiendes, und ich gebe liebend gerne zu, keine Ahnung davon zu haben, was das sein soll.
Sie könnten also völlig problemlos von der gleichen subjektiven Wirklichkeit überzeugt sein, wie alle anderen Subjektivitäten auch.
Aber selbst dann kämen keine Seienden vor; nur bei ihnen werde ich „munter“, weil sie widersprüchlich sind: Die Seienden
– existieren angeblich wirklich,
– befinden sich jedoh außerhalb der Psyche und
– werden trotzdem erkannt.
Das ist kein Wunder, sondern Humbug!
1.6. Religiöser Hintergrund
Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse und auch jeder andere Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.
Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches: Wir haben nur die Alternative zwischen einem ergebnisoffenen Denken – dem Streben nach Wahrheit – oder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon weiß, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, versteht nicht, was es bedeutet zu denken, und ist Ideologe.
Mich interessiert demzufolge auch absolut nicht, wer irgendwas sagt, sondern lediglich, welche grundlegenden Antworten irgendwer vernünftig begründet. Würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial als die Einsteinsche.
Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher Couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner eigenen Wahrheit näher zu kommen. Das ist diejenige meines Lebens, und die kann natürlich in keinem Buch stehen; dort gibt es bestenfalls richtige oder hilfreiche Sätze.
Auch bei meinem eigenen Schreiben versuche ich stets, mir dessen bewußt zu sein. Weder will ich Ihnen etwas mitteilen, noch sollen Sie mir glauben; vielmehr möchte ich Sie anregen zum eigenen Fragen, Sich-Orientieren und Weiterdenken.
Hochkomplexe bzw. abstrakte Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erfahren; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.
Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, war es gelogen. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.
Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.
Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in seinen Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verkündigung, gesellschaftlichem Engagement und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist auch nicht rein, sondern rein gar nichts.
Auf der einen Seite darf also keine einzelne Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also beispielsweise nicht mit dem Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten gleichgesetzt werden – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs-, Weihnachts- oder Emmausgeschichte.
Auf der anderen Seite ist natürlich auch niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.
Wer dies jedoch in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden – andernfalls ist es keine Theo-Logie. Das bedeutet insbesondere, daß der Theologie sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.
„Heilige“ Schriften sind dabei nicht bessergestellt als profane, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht für den Glauben, gewiß aber – theologisch ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein passabler Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen, hermeneutischen und sprachlichen Problemen.
Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda), in denen zum Beispiel bezogen auf das Meditieren steht: „Wenn Du den Buddha siehst, töte ihn.“
Theologisch sind die Aussagen des Lehramts für mich ebenfalls nur beliebige Meinungen; einen Mehrwert würden auch sie erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft oder Fruchtbarkeit, saubere Begründung, Kreativität, Zeitgemäßheit und ähnliches erhalten.
Wenn Johannes Paul II beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertritt, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereitet er vielleicht einigen gutgläubigen Christen größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn der sollten meines Erachtens sämtliche bloßen, das heißt, schlecht oder gar nicht argumentierenden Meinungen gleichgültig sein.
Um sie ernstnehmen zu können, müssen Stellungnahmen so begründet werden, daß ich ihre Rechtfertigung verstehen und dieser guten Gewissens zustimmen kann. Eine „Begründung“, die mir nicht einleuchtet, ist keine Begründung, denn im Verstanden-Werden und Nachvollziehen-Können besteht der Sinn aller Erklärungen oder Rechtfertigungen – nicht im bloßen Beteuern ihrer angeblichen Richtigkeit oder gar Wahrheit.
Bleibt es bei einem solchen Beteuern, interessiert mich die Meinung nicht.
Wie anders wollen wir den Glauben von jeglichem Aberglauben unterscheiden?
AD: „Müssen wir das tun? Gott ist in seiner Schöpfung – als Heiliger Geist – gegenwärtig; und ich dachte immer, es sei seine Aufgabe, für den wahren Glauben zu sorgen.“
Vielleicht tut er es auch; aber es gibt das Gotteswort ausschließlich in dem und durch das Menschenwort, denn sonst würden wir absolut nichts davon verstehen.
Der Glaube läßt sich nicht mittels des Verstandes oder seiner Logik und nicht einmal aus der Vernunft herleiten, sondern verdankt sich nach christlichem Verständnis der Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. In dem Maße, wie sie durch das Wirken des Heiligen Geistes – im Menschenwort – bei uns ankommt, sprechen wir vom – eo ipso subjektiven – Glauben.
Er folgt zwar nicht aus dem Verstand oder der Vernunft, widerspricht ihnen aber auch nicht. Jeden „Glauben“, der letzteres tut, weist der Heilige Geist dadurch als Aberglauben aus.
Die Ergebnisse, zu denen die Theologen gelangen, sollten ihnen helfen, ihren Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene – und damit insbesondere auf ihre Widerspruchsfreiheit geprüfte – Inhalte anzunehmen und zu leben resp. abzulehnen und zu ignorieren.
Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.
Deswegen gibt es heute theologisch relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, geeifert und vor allem gefühlt. Der weltweite Aufschwung der Evangelikalen, Frei- oder Pfingstkirchen bestätigt letzteres meines Erachtens.
Damit sage ich nichts gegen deren Gläubige, sondern lediglich wertfrei, daß ihre Ausdrucksform des Glaubens nicht die theologische ist – aber natürlich auch nicht sein muß.
AD: „Von meinem Bauchgefühl her mißfällt mir, daß das Verstehen so eindeutig vor dem Glauben kommen soll. Tertullians ‚Ich glaube, weil es absurd ist‘ erscheint auch mir als eine sehr schwache Argumentation; aber es dürfte ebenfalls wichtig sein, im Sinne von Anselm zu ‚glauben um zu verstehen‘.“
Gut, daß Sie anhand Ihrer Emotionen argumentieren; da kann ich problemlos mitgehen:
Meine Favorisierung des Verstehens bezieht sich ja nur auf die Theologie; hier halte ich es jedoch für fundamental, weil die Wissenschaftlichkeit der letzteren daran gebunden ist. Aber außerhalb der Theologie gilt mit Sicherheit auch, daß der Glaube zum Verstehen führen kann.
AD: „Das entspricht einfach dem Vertrauensvorschuß, den wir dem Überbringer einer Botschaft stets gewähren müssen, um uns überhaupt auf sein Projekt einlassen zu können.
Diese Notwendigkeit ist also nicht glaubensspezifisch; auch Liebe und Freundschaft, Bildung und Erziehung, Wirtschaftskontakte oder sogar Urlaubsreisen gelingen nicht ohne einen Vertrauensvorschuß, der sich bestenfalls im Nachhinein als berechtigt erweisen kann. Wir müssen uns immer erst auf Versprechungen oder Zusagen einlassen, um ihre Zuverlässigkeit überprüfen zu können.“
Das ist richtig; aber die Zuverlässigkeit der Offenbarung ist nicht das Thema der Theologie, sondern um sie – die Zuverlässigkeit – geht es in unserem Leben. Die Theologie hat die Aufgabe, die Offenbarung verständlich zu machen. Diese Vor- oder Zwischenstufe existiert bei Ihren Beispielen gar nicht, weil wir bereits einigermaßen wissen, wovon bei Liebe, Freundschaft, Urlaubsreisen usw. die Rede ist.
Wer nicht selbst denkt, kann keine Überzeugung besitzen, sondern höchstens eine „Autorität“, der er blind und kindisch folgt.
Wer denkt, irrt vielleicht, aber das macht ihn niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man allein durch das Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen.
AD: „Das bezweifle ich; wozu brauchten wir überhaupt Religionen, wenn sich jeder selbst überlegen könnte, was er glauben will?“
Zunächst einmal erscheint es mir als selbstverständlich, nur allein entscheiden zu können, was ich glaube, und mir diesbezüglich von niemandem Vorschriften machen zu lassen; das gilt um so mehr, je existenzieller die jeweiligen Fragen sind.
Zum einen kann doch nur eine tiefe Überzeugung, die wirklich Herzenssache ist, als religiöser Glaube ernstgenommen werden. Und niemand kann anweisen, was mir aus dem Herzen zu kommen hat.
Zum anderen bin ich selbst für meinen Glauben verantwortlich; „Herr Müller hat aber gesagt“ wirkt in diesem Zusammenhang sehr unglücklich.
Ich denke, daß Sie soweit mitgehen; dann wird aber recht deutlich, wie unsinnig die Aufforderung ist:
„Jetzt sage ich Dir, welche Bekenntnisse Du aus tiefstem Herzen glauben mußt.“
So geht es doch nicht; das, wofür ich brenne, kann nur aus mir selbst kommen, denn Glauben läßt sich ebensowenig anordnen wie Lieben, Glücklich-, Spontan-, Frei- oder Dankbar-Sein.
AD: „Traditionell denkende Christen würden Ihnen gewiß widersprechen und als Argument vielleicht das Zitat ‚Der Glaube kommt vom Hören‘ aus dem Römerbrief bemühen.“
Ich stimme Paulus 100%-ig zu und ergänze lediglich, daß es in unserem Leben sehr viel Verschiedenes zu hören gibt und wir deshalb bereits denken müssen, um vernünftig auszuwählen, worauf wir hören wollen, das heißt, was wir gegebenenfalls glauben könnten.
Das mag bei vielen Menschen die Bibel sein, wird es aber nicht notwendigerweise. Jeder von uns muß selbst seinen Weg finden, und dazu gehört vielleicht nicht zuletzt, daß wir auch entscheiden müssen, was wir lesen, das heißt, wovon wir uns die stärksten Impulse für die Gestaltung unseres Lebens versprechen.
Es wäre die eminent wichtige Aufgabe eines postmodernen Lehramts, durch sauberes Argumentieren – statt leeren Machtgehabes – auf eventuelle Denkfehler hinzuweisen, damit sie gegebenenfalls korrigiert werden können. Ein so verstandenes Lehramt wäre nicht nur kein unnötiger Stein des Anstoßes und damit kein Handicap der katholischen Kirche (mehr), sondern eine höchst willkommene, weil wirkliche Lebenshilfe für alle Menschen; und als eine solche verstehe ich den Glauben ganz allgemein:
Er ist meines Erachtens weder eine Theorie noch ein Ge- oder Verbotssystem, sondern Ermöglichung, Unterstützung, Hilfe und Ansporn, um die Fülle eines wahren freiheitlichen Lebens zu erreichen.
Die Postmoderne entbindet das Lehramt offiziell von der „Aufgabe“, eine traditionell verstandene (Glaubens-)Wahrheit durch die Geschichte hindurch bewahren zu müssen. Natürlich nicht, weil das Lehramt der Postmoderne folgen müßte – dann wäre sie das neue „Lehramt“ –, sondern vielmehr weil die Postmoderne zeigt, daß es diese Aufgabe gar nicht geben kann.
Zum einen existiert ohne objektive Wirklichkeit keine traditionelle Wahrheit, und
zum anderen wird sie auch nicht benötigt, um Denkfehler zu erkennen; dafür genügen (möglichst) vorurteilsfreie Gespräche unter Interessierten
AD: „Ich staune, wie Sie als Katholik das traditionelle Lehramt abkanzeln. Woraus resultiert Ihre diesbezügliche Sicherheit?“
Drei Punkte dürften in meiner Antwort besonders wichtig sein:
1. Ich glaube, daß Gott in seiner „Schöpfung“ anwesend ist; diese Präsenz wird „Heiliger Geist“ genannt.
Zum einen weht er dem Johannes-Evangelium zufolge, „wo er will“, und zum anderen bin ich überzeugt, daß Gott trotz seiner Menschwerdung, Selbstmitteilung oder Offenbarung ein Geheimnis bleibt. Dann ist es ebenso absurd wie widersprüchlich, den Heiligen Geist an das Lehramt binden zu wollen. Das läßt sich meines Erachtens weder vor der Vernunft noch aus dem Glauben rechtfertigen.
Ich habe, anders formuliert, keinerlei Schwierigkeiten damit, die Kirche als den Leib Christi zu verstehen. Da wir aber nicht einmal unseren eigenen Leib wissen können – sondern nur den Körper –, scheint mir der Anspruch, beim Leib Christi einteilen zu können, daß beispielsweise Kardinal M. ihm angehöre, der Religionskritiker N. aber nicht, eine unglaubliche Hybris zu sein.
Die Kirche läßt sich nur als Leib Christi verstehen, wenn sie wie Christus selbst unsichtbar ist; nicht er, sondern der Körper namens „Jesus“ ist vor 2000 Jahren durch Galiläa gewandert.
2. Ich halte es für unmöglich, Sinn, Bedeutungen, Inhalte, Werte, Ge- oder Verbote konstant durch eine Geschichte hindurchtragen oder bewahren zu wollen, in der sich alles andere ändert.
Meine Begründung ist denkbar einfach:
Unsere – eo ipso subjektiven – Wissungen bilden eine integrale Einheit, in der sämtliche Wissungen mit allen anderen verbunden sind. Darin kann es prinzipiell keinen Teilbereich eines „Glaubens-Wissens“ geben, der konstant bleibt, während sich alles sonstige Wissen im Verlaufe der Geschichte ändert.
Der traditionelle Versuch, die gewünschte Konstanz durch das Wiederholen der alten Worte zu garantieren, dürfte angesichts der Situation unserer Kirchen als gescheitert gelten. Daß beispielsweise Jesus sich in seinen Gleichnissen häufig auf die Landwirtschaft bezog, ergibt sich allein daraus, daß er von ihr etwas verstand, und hat keine „tiefere“ Bedeutung.
Jesus war
– wahrer Mensch und als solcher muß er – wie jeder von uns –
– ein Kind seiner Zeit gewesen sein.
Das kann wohl nur bestreiten, wer die Menschwerdung leugnet.
3. Wir hätten uns den zweiten Punkt sogar sparen können, denn
– weder ist der Glaube eine Lehre,
– noch geht es darum, das, was sich vor 2000 Jahren in Galiläa ereignete – insbesondere die Worte, die Jesus vielleicht gesprochen hat, – möglichst genau wiederzugeben. Auch das tollste Wissen über den historischen Jesus führt nicht zum Glauben, wie die Leben-Jesu-Forschung zeigt, und hat höchstens am Rande mit ihm zu tun.
Glauben bedeutet meines Erachtens vielmehr, „das eigene Leben im Licht der Möglichkeiten zu betrachten, die die Selbstoffenbarung Gottes uns zur Verfügung stellt; hierdurch wird das gleiche Leben ein ganz anderes“ (Hans-Joachim Höhn).
Damit meine ich ausführlicher Folgendes:
Das Leben eines „Atheisten“ besteht in der Einheit { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken . . . }
Konvertiert er zum Glauben, kommt letzterer nicht noch zu dieser Einheit hinzu
– { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken, Glauben . . . } –,
sondern der Glaube entspricht einem Vorzeichen, das die gesamte Klammer betrifft,
– † { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken . . . } –;
„das gleiche Leben wird ein ganz anderes“.
Mit den nachfolgenden drei Zitaten von Höhn kann ich mich voll identifizieren:
„Wer Theologie studiert, muß lernen, daß Frömmigkeit nicht vor Leichtgläubigkeit schützt. Wer nur etwas bezeugt, ohne davon auch überzeugen zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Den Glauben zu festigen, vermag keine Theologie, der die Frömmigkeit ihres Anstrichs wichtiger ist als ihre wissenschaftliche Redlichkeit.“
„Wie man durch das Medizinstudium nicht gesünder wird, sondern am Ende weiß, was Gesundheit und Krankheit sind – wie man durch ein Jurastudium nicht gerechter wird, sondern am Ende Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß, so wird man durch ein Theologiestudium nicht gottesfürchtiger, sondern lernt zu unterscheiden, wer oder was es in Wahrheit nicht verdient, ‚Gott‘ genannt zu werden, und auf wen man sich stattdessen im Leben und Sterben verlassen sollte.“
„Die Theologie ist nicht dazu da, ihre Adressaten gläubiger zu machen. Sie hat vielmehr jenes Wissen über und vom christlichen Glauben zu vermitteln, das zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll macht. Sie hat zu zeigen, daß man nicht an Gott glauben kann, ohne dabei auf neue Weise ins Nachdenken zu kommen, und daß man beim Nachdenken über erste und letzte Fragen mit guten Gründen auf den Gedanken kommen kann, dabei an Gott zu denken.“
Was Höhn nach meinem Dafürhalten damit meint, „an Gott zu denken“, können wir uns am Beispiel der Dreifaltigkeit gut verdeutlichen.
Ich bestreite sie in keiner Weise, sondern ergänze wiederum nur, was an dieser Stelle zumeist vergessen wird; nämlich, daß ein solcher Glaube unter anderem die Behauptung impliziert, Gott sei weder zwei- noch vierfaltig.
Das sind drei verschiedene Möglichkeiten, von denen nur die „mittlere“ stimmen soll.
Wem die Dreifaltigkeit wichtig ist, der müßte also erklären können, was bei einem zwei- bzw. vierfaltigen Gott an unserem Leben erfahrbar anders wäre. Wenn wir das nonchalant übergehen oder keine vernünftige Antwort auf diese Frage finden, sagt die Aussage, Gott sei dreifaltig, nichts, denn bei einem zwei- oder vierfaltigen Gott wäre alles ebenso.
Das entspricht Gregory Batesons „Unterschied, der keinen Unterschied macht“. Können wir nicht angeben, zu welchem abweichenden Ergebnissen ein zwei- oder vierfaltiger Gott führen würde, macht der Glaube an den dreifaltigen keinen Unterschied, und wir reden nur, ohne etwas zu sagen.
Die philosophisch denkenden Theologen, denen ich am meisten zu verdanken habe, sind vielleicht Kurt Appel, Eugen Biser, Dietrich Bonhoeffer, John D. Caputo, Ingolf U. Dalferth, Eugen Drewermann, Georg Essen, Klaus Hemmerle, Hans-Joachim Höhn, Gregor Maria Hoff, Gordon D. Kaufman, Peter Knauer, Matthias Kroeger, Joachim Kunstmann, Jörg Lauster, Jean-Luc Marion, Meister Eckhart, Dietmar Mieth, Willibald Sandler, Hartmut von Sass, Thomas Schärtl, Klaus von Stosch, Magnus Striet, Miroslav Volf und Jürgen Werbick.
Würden Sie mir die Pistole auf die Brust setzen „Nur einer!“, wäre dies wohl Hartmut von Sass.
Auf die Frage, ob Menschen, denen mein Verständnis des Glaubens, zu komplex ist, auf „die liebe alte Art weiterglauben“ dürften, antworte ich mit Stefan Schütze:
„Sehr gerne; ich habe doch nicht die Absicht, jemandem seinen Glauben wegzunehmen“, mit dem er glücklich und in Frieden leben kann. „Das wäre furchtbar überheblich und absolutistisch. Nur erwarte ich von diesen Gläubigen, daß sie ebenfalls andere Einstellungen akzeptieren und auch ihre Glaubensweise nicht fanatisch, unhinterfragbar oder gar gewalttätig vertreten.“
Ich schreibe dieses Buch nicht für die fraglos Glücklichen, um ihnen völlig unnötige Probleme einzureden, sondern für diejenigen, die Schwierigkeiten mit ihrem Glauben bzw. subjektiven Wirklichkeits-Bild haben und nach intellektuell redlichen Antworten suchen.
Vielleicht ist es hoffnungslos naiv von mir anzunehmen, das gegenwärtige Verdunsten des christlichen Glaubens in Mitteleuropa hätte etwas mit der Form unserer Verkündigung zu tun. Noch gehe ich aber davon aus und suche folglich nach einer Sprache, die Außenstehende bei ihren Lebensproblemen voller Spannung und Neugierde fragen lassen könnte:
„Welche konstruktiven Ideen würden wohl gläubigen Christen in meiner Situation einfallen? Sie müßten theoretisch mehr sehen können als ich, denn, der Glaube besteht nach Höhn angeblich darin, ‚das eigene Leben im Licht der Möglichkeiten zu betrachten, die die Selbstoffenbarung Gottes uns zur Verfügung stellt‘.
Über diese Möglichkeiten verfüge ich leider nicht; lohnt es sich für mich, daß ich mich darum bemühe?“
Der Gott des Lebens muß Freiheit wollen, weil nur mit ihr ein erfülltes Leben möglich ist. Dann existieren jedoch notwendigerweise so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt, und wir sollten einander helfen, daß möglichst jeder von uns den seinen findet.
AD: „Besteht hier nicht ein Widerspruch? Können Sie sich zum Christentum bekennen und gleichzeitig zugestehen, es gäbe so viele Wege zu Gott wie Menschen?“
Ich bin überzeugt, daß sich diese beiden Seiten ergänzen:
Christ-Sein ist eine intersubjektive Lebensform und zwar meines Erachtens eine solche, in der
– das Ziel des Lebens in dessen Fülle oder Tiefe gesucht und dabei
– Jesus Christus als unüberbietbarer Fixpunkt betrachtet wird, weil er
— nicht nur einen Weg zu diesem Ziel aufzeigt oder vorbildlich geht, sondern
— die erforderlichen Wege erst ermöglicht.
Ich veranschauliche mir das Zusammenspiel von intersubjektiver Vorgabe und subjektiver Freiheit, Miroslav Volf folgend, an der musikalischen Improvisation; etwa beim Jazz:
Jeder Musiker spielt zwar frei seine persönliche Musik, aber letztlich macht keiner hemmungslos, was er will, sondern die Einzelinstrumente fügen sich wie von selbst zu einer Harmonie.
Jeder glaubt anders in der gleichen Wirklichkeit und im Bemühen um das gleiche Ziel, die Fülle des Lebens.
Und schließlich bildet der christliche Rahmen kein Gefängnis; ich muß nicht „offiziell“ Christ bleiben, sondern sollte meinem Gewissen folgen – auch wenn es mir beispielsweise rät, mich (in verschiedenen Hinsichten) zum Atheismus oder Buddhismus zu bekennen.
Konfessionen sind bestenfalls sekundär; mir geht es nicht um das Christ- oder gar Katholisch-Sein, sondern um mein Leben und dessen Wahrheit.
1.7. Philosophischer Hintergrund
Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte.
Gilles Deleuze schreibt ganz in meinem Sinne: „Ich gehöre zu einer Generation, einer der letzten Generationen, die man mehr oder weniger mit der Philosophiegeschichte umgebracht hat. Die Philosophiegeschichte übt in der Philosophie eine ganz offenkundig repressive Funktion aus.“
Das entspricht zudem meiner festen Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach (wie Mathematik oder Ökonomie beispielsweise) ohnehin nicht gibt, sondern nur ein (eigenständiges) Philosophieren im Sinne von Selbst-Denken.
Meine gelegentlichen Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen bzw. auch einfach nur andeuten, daß wir beide nicht allein sind, wenn Sie inhaltlich mitgehen.
Bemerkungen der Form „wie man weiß . . .“, „es ist allgemein bekannt, daß . . .“ oder „. . . im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge. Derartige „Hinweise“ deuten einen Unterschied zwischen uns an, auf den ich gerne verzichten möchte.
„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). (Ich will Sie nicht auf den Arm nehmen; die beiden Autoren von „Sein und Struktur“ heißen wirklich so!)
Das versuche ich zu beherzigen und schreibe das Buch für Nachdenkliche oder Suchende; weder für Ignoranten noch für Halbgebildete bzw. Alles- und Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.
Meine wichtigsten Gewährsleute bei den Philosophen sind Georg Bertram, Ernst Cassirer, Isolde Charim, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Paul Feyerabend, Michel Foucault, Hans-Georg Gadamer, Gotthard Günther, Michael Hampe, Martin Heidegger, Michel Henry, Hans Joas, François Jullien, Carl Gustav Jung, Matthias Jung, Immanuel Kant, Julia Kristeva, Jacques Lacan, Bruno Latour, Emmanuel Levinas, Dieter Mersch, Josef Mitterer, A. M. Klaus Müller, Friedrich Nietzsche, Corine Pelluchon, Charles Sanders Peirce, Georg Picht, Paul Ricœur, Heinrich Rombach, Richard Rorty, Hartmut Rosa, Franz Rosenzweig, Josef Simon, George Spencer-Brown, Gianni Vattimo, Carl Friedrich sowie Viktor von Weizsäcker und Ludwig Wittgenstein.
Hätte ich mich wieder zu beschränken, müßte ich wohl eine Erschießung inkauf nehmen; Jacques Derrida, Emmanuel Levinas, George Spencer-Brown, Ludwig Wttgenstein und nach wie vor Michel Henry sind mir besonders wichtig.
Ich entschuldige mich nicht, daß sich unter all meinen „Kronzeugen“ mit Isolde Charim, Julia Kristeva sowie Corine Pelluchon nur drei Frauen befinden; es hat sich ganz einfach so ergeben. Hanna Arendt, Judith Butler oder Natalie Depraz beispielsweise sind für mich phantastische Denker, die ich auch sehr gerne lese, es aber eben nicht in meine Top-50 geschafft haben.
Ich gendere nie und tangiere dieses Thema auch nicht nochmals – weil wir heute meines Erachtens vor wirklich großen Problemen stehen und keine kleinen erfinden müssen –, sondern versichere hiermit allen Frauen, keinerlei Schwierigkeiten mit ihrem Geschlecht zu haben; im Zweifelsfalle fragen Sie bitte meine Gattin.
Vor 15 Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ die Hinführung zu einem etwas avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ ernstnehmen zu können.
Die ersten 100 Seiten davon würde ich Ihnen heute noch guten Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.
Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.
Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme.
Auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen. Sie sollen diese freilich nicht einfach wiederholen – für bloßes Nachplappern ist kein Denken erforderlich und genügt unter Umständen ein Papagei –, sich jedoch als ihre zeitgemäße Interpretation verstehen lassen.
Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür wohl nur zwei Erklärungsvarianten:
Theoretisch könnten wir Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals auf dergleichen gekommen ist.
Ich nenne bereitwillig Namen, um mich nicht mit fremden Federn zu schmücken, „erhebe aber überhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit; und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichgültig ist, ob das, was ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat“ (Wittgenstein).
Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:
Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, jüdischen oder atheistischen Ansätzen teilweise sehr nahesteht.
Bei letzteren denke ich freilich an einen „anderen, das heißt, durchdachten Atheismus“ (Gregor Maria Hoff), wie wir ihn etwa von Albert Camus, Gilles Deleuze, Martin Heidegger, François Jullien, Bruno Latour, Richard Rorty, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk, Martin Walser oder Slavoj Zizek kennen.
Aber unsere subjektive Wirklichkeit wird natürlich erst deutlich, indem wir selbst denken, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Glück nicht festlegt.
Daß wir inmitten eines fundamentalen Bewußtseinswandels leben, dürften die Wenigsten von uns bestreiten wollen; weder seine Protagonisten noch die Skeptiker. Möglich ist ein solcher wohl nur in Zeiten einer Krise, und zu letzterer gehört auch immer, daß nicht klar ist,
– ob sie bestanden wird und schon gar nicht,
– wohin die Krise im positiven Falle führt.
Die Chancen auf ein gutes Ende vergrößern sich vielleicht mit der Anzahl der Menschen, die sich um ein solches bemühen. Ich glaube das jedenfalls, und mein diesbezüglicher Beitrag liegt vor Ihnen. Als Namen für diesen „Versuch zu einer Philosophie der Freiheit“ schwebt mir „transzendentaler Konstruktivismus“ vor.
„Transzendental“ hat nichts mit Transzendenz zu tun, sondern meint (seit Kant) die Frage nach den notwendigen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit empirische Erkenntnisse – unsere Wahrnehmungen ode Erfahrungen also – möglich werden.
Deren notwendige Voraussetzungen können einerseits nicht wieder in Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen bestehen; andernfalls entstünde eine unendliche Kette.
Andererseits müssen sie aber trotzdem mit der Empirie verbunden bleiben; deswegen nicht „transzendent“, sondern „transzendental“.
Der transzendentale Konstruktivismus will zeigen,
– wie all unser Wissen konstruiert wird, so
– daß keine uns fremde objektive Wirklichkeit erforderlich ist, sondern
– eine subjektive Wirklichkeit entsteht,
– für die wir selbst verantwotlich sind.
Das betrifft nicht nur Krieg und Kino, sondern sogar den Kosmos.
1.8. Zusammenfassung
In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte des Inhalts zusammenfassend wiederholt, damit die Studenten sich das neue Wissen fest einprägen können.
Bei uns geht es jedoch nicht um das Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Überarbeiten von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe; nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Reflexionsniveau den bereits zurückgelegten – aber jetzt erst sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen:
Wo befinden wir uns, und weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erweist sich aus dieser neuen Perspektive als falsch an dem alten Weg? Welche überraschenden Möglichkeiten eröffnet der neue?
AD: „Ja; das würde mich auch interessieren . . .
Ich habe ernsthaft versucht, Ihnen zu folgen; das war jedoch ein ziemliches Auf und Ab; gegenwärtig erscheint mir Ihre Idee, die objektive Wirklichkeit canceln zu wollen, wieder einmal als absurd. Sie würden nach der Arbeit die Wohnung nicht finden, könnten keine Freunde wiedererkennen oder wären unfähig, ein bestimmtes Buch im Regal zu suchen.
All das funktioniert doch nur, weil
– die objektive Wirklichkeit der Seienden nicht nur existiert, sondern
– auch hinreichend stabil ist und
– wir ihre gegenwärtig wichtigen Teile in der eigenen Psyche repräsentieren können,
– um uns an diesen Vorstellungen zu orientieren.
‚Die Wohnung befindet sich dort hinten, das ist Moritz, und mein Buch hatte ich gestern hier abgelegt, so daß es noch da liegen müßte.'“
Was hat es mit Ihnen zu tun, daß ich meine Wohnung finde, Freunde wiedererkenne oder ein Buch suche?
AD: „Mit mir gar nichts; warum fragen Sie das?“
Wenn meine subjektiven Intentionen von Ihnen unabhängig sind, verstehe ich nicht, weshalb wir ihret- – also meiner Intentionen – wegen eine objektive Wirklichkeit benötigen sollen.
AD: „Entschuldigung; das war mir auch klar!
Wir brauchen die objektive Wirklichkeit ganz einfach, weil
– es ohne Stabilität nicht geht und
– eine subjektive Wirklichkeit zwar theoretisch genügen würde, aber
– widersprüchlich ist.
Wohl niemand kann sich vorstellen oder gar denken, daß in Paris für mich wirklich der Eiffelturm steht, für Sie aber nicht.“
Doch; jeder, der sich auch nur ein wenig Mühe gibt.
Der Widerspruch, den Sie bei einer stabilen Wirklichkeit sehen, entsteht
– nicht durch diese selbst, sondern
– erst durch die traditionelle Interpretation dieser Wirklichkeit:
Sie gehen von einem an sich oder objektiv in Paris seienden Eiffelturm aus.
Der muß natürlich für uns beide (sowie alle anderen Menschen) dort stehen.
Genau diesen Eiffelturm bestreiten wir jedoch postmodern.
Subjektive Wirklichkeit bedeutet:
Ich bin mir 100%-ig sicher, daß der Eiffelturm in Paris steht; daran orientiere ich mich und dementsprechend fallen meine diesbezüglichen Entscheidungen aus; beispielsweise wenn ich ihn sehen möchte.
Wörtlich nahezu das Gleiche könnte Moritz sagen; er ist felsenfest überzeugt, daß sich der Eiffelturm in London befindet.
Sie geben mir Recht und widersprechen Moritz; damit bin ich einverstanden.
Aber Ihre Begründung ist falsch, wenn Sie dies in der Annahme tun, daß in Paris tatsächlich der objektiv-wirkliche Eiffelturm stände.
Den braucht niemand!
Und es hat ihn auch noch keiner erfahren oder erlebt; weder gesehen noch angegriffen.
AD: „Woher wissen Sie das so genau?“
Weil es absolut unmöglich ist:
Seiende existieren objektiv, an sich oder unabhängig von uns.
Ihre Eiffelturm-Sehung dagegen ist subjektiv, für Sie und abhängig von Ihnen.
Seiende sind keine Wahrnehmungen, und Wahrnehmungen keine Seienden, so daß uns letztere prinzipiell nicht begegnen können.
AD: „Es scheint lediglich so, als ständen sie unmittelbar vor uns, weil wir die Wahrnehmungen nur mittels der Seienden(u) erklären können; das hatten Sie oben schon einmal ausgeführt. “
Es genügt doch vollkommen zu sagen, daß wir beide uns bezüglich des Standorts vom Eiffelturm einig sind oder die gleiche Überzeugung teilen.
Weshalb erklären wir immer wieder den subjektiven Glauben der Mehrheit in unserem Umkreis zur objektiven Wirklichkeit? Darauf zu verzichten, wäre keine Diktatur des Relativismus, sondern ganz im Gegenteil das Ende aller geistigen Diktaturen.
Wenn ich behaupte, meine subjektive Überzeugung entspräche einer objektiven Wirklichkeit,
– wird sie nicht fester oder tiefer, sondern
– ich plappere nur leere Worte – ohne jeglichen Mehrwert.
Mit der „nur“ subjektiven Wirklichkeit
– korrigiere ich also nicht den Grad der Sicherheit, sondern
– beschränke mich lediglch auf das, worüber ich begründet sprechen kann, und
– das ist die Wirklichkeit-für-mich, aber
– keine erfundene Wirklichkeit-an-sich.
Nochmals anders:
Für uns beide steht der Eiffelturm in Paris.
Dann kommen bei Ihnen noch zwei Ergänzungen hinzu, denn Sie setzen voraus:
„Was für mich richtig ist, gilt
– (1) nicht nur für alle Menschen (und Tiere), sondern
– (2) sogar objektiv oder an sich, das heißt, unabhängig von uns Lebewesen.“
Diese zweite Erweiterung verstehe ich nicht, und bei der ersten komme ich Ihnen gleich auf halbem Wege entgegen. Aber die andere Hälfte ist mir ebenso wichtig:
Ich kann und will anderen nicht vorschreiben, wovon sie überzeugt zu sein haben.
Moritz hatte uns oben widersprochen, weil er ganz genau wußte, daß der Eiffelturm in London steht.
Er fährt hin, findet den Eiffelturm nicht und läßt sich eines Besseren belehren:
„Ihr hattet Recht; er steht doch in Paris.“
„London“ wahr falsch; „Paris“ ist richtig.
Weshalb sollte Moritz wegen seines vergangenen Irrtums von der subjektiven Wirklichkeit auf eine objektive umswitchen?
Er hat sich innerhalb seiner subjektien Wirklichkeit getäuscht; das passiert uns nahezu ununterbrochen. Wie oft ändern wir unsere mehr oder weniger gewissen Ansichten? Nach der wievielten Korrektur haben wir endlich die objektive Wirklichkeit erreicht?
Leichtgläubige switchen schnell um, Skeptiker tun sich diesbezüglich etwas schwerer, und Postmoderne tun es nie.
Jeder, der das möchte, kann sich also im postmodernen Modell vorstellen und sogar sauber denken, daß
– für uns beide der Eiffelturm in Paris steht und
– für Moritz nicht.
Der eine sieht in Trump einen egomanen Karrieristen und der andere eine großartige Fügung Gottes, um Amerika wieder christlich zu führen. Der Verzicht auf den objektiven Trump beseitigt den Widerspruch, der für das tradtionelle Denken unaufhebbar sein dürfte.
Sie kennen nur Ihr „Innen“, und ich allein das meinige. Damit ist jeglicher Widerspruch von vornherein ausgeschlossen.
AD: „Ihe Konsequenz lautet wahrscheinlich:
Die Frage, ob der Eiffelturm nun wirklich in Paris steht oder nicht, wird damit hinfällig bzw. zu einem Scheinproblem, das nur durch das traditionelle Denken entsteht, weil es (an) eine objektive Wirklichkeit glaubt.
Ich würde aber gerne dagegenhalten:
Alle, die Paris besucht haben, fahren mit der Gewißheit nach Hause, daß der Eiffelturm dort steht. Die Erklärung, weshalb das bei Paris so ist, aber nicht bei London, Berlin oder Rom, sind Sie uns noch schuldig geblieben.“
Das stimmt und ergibt sich einfach daraus, daß ich glaubte – und auch jetzt noch für richtig halte –, Sie beim traditionellen Modell abholen zu sollen. Das kennt nur zwei Seiten; der objektiven Wirklichkeit stehen die subjektiven Wissungen gegenüber.
Mehr ist freilich auch nicht nötig, weil die vorausgesetzte Objektivität en passant die Intersubjektivität aller richtigen Wissungen garantiert. Würden wir jene ersatzlos streichen, fehlte folglich auch jegliche Intersubjektivität, was unseren täglichen Erfahrungen freilich total zuwiderliefe.
Aber wir verstehen jetzt, weshalb die Intersubjektivität für die Tradition kein besonderes Thema darstellt.
Die Postmoderne kann also vom traditionellen Subjekt-Objekt-Dualismus konsistenterweise nur zu einen Subjektivitäts-Intersubjektivitäts-Denken übergehen. Wir benötigen folglich noch eine Ebene, die bisher gar nicht existierte, aber auch nicht nötig war.
Spätestens Ludwig Wittgenstein führte sie mit seinen Sprachspielen ein. Letztere
– betreffen unser Verstehen bzw. Verständnis,
– sind mehr oder weniger und damit partiell intersubjektiv,
– erweisen sich für eine gewisse Dauer als näherungsweise stabil resp. verläßlich,
– stellen damit eine bestimmte Ordnung dar und
– bestehen aus Aktanten.
Einer von ihnen ist der Eiffelturm, und er gehört – anstelle der objektiven Realität – den verschiedensten Sprachspielen des Reisens, der Geschichte, Statik oder Baukunst usw. an. Der Eiffelturm bildet einen Knotenpunkt im Netz dieser Sprachspiele.
Wer nicht glaubt, daß der Eiffeltum in Paris steht,
– leugnet also keine objektive Realität, sondern
– verläßt unsere Sprachspiel-Gemeinschaft.
Genauer formuliert: Mit ihm können Sie vielleicht noch wunderbar über Fußball und sogar Paris Saint-Germain sprechen, aber kaum noch über die Geschichte oder das Wahrzeichen der Stadt.
AD: „Dann muß man natürlich auch vorsichtig sein mit Äußerungen der Art:
‚Der glaubt, die Erde sei eine Scheibe, . . .‘
Das tut der Spötter ja nur aufgrund seiner Überzeugung:
‚. . . während wir doch alle wissen, daß sie in Wirklichkeit eine Kugel ist.'“
Die Erde
– ist ebensowenig eine Kugel wie eine Scheibe, weil es keine objektive Erde gibt.
– Subjektiv sind beide Wirklichkeitsbilder widerspruchsfrei möglich; sonst hätten sie nicht jahrhundertelang bestehen können.
Ich würde Ihnen jedoch aus rein pragmatischen Gründen empfehlen, gegenwärtig das Kugel-Modell beizubehalten;
– zum einen weil der Scheibenrand wegen seiner Singularitäten mathematisch – wenn überhaupt – wahrscheinlich nur sehr schwierig zu behandeln sein dürfte,
– zum anderen weil Sie dann weiterhin unserer Sprachspiel-Gemeinschaft angehören könnten und
– keine Angst beispielsweise vor Reisen mit der AIDA oder Tiefenbohrungen haben müßten.
2. Hinführung zum Thema
Warum noch eine Hinführung nach der Einführung?
Philosophische Begriffe lassen sich nicht (sauber) definieren wie in der Mathematik oder Physik, und entsprechend verwaschen sind sie eben auch zumeist. Ein Buch auf dieser Grundlage wollte ich nicht schreiben; davon gibt es bereits genug, und sie gefallen mir alle nicht.
Unsere Begrifflichkeit sollte so klar sein, daß die Überlegungen weitestgehend von der Logik bestimmt werden können und nicht Gefühle, Assoziationen, Stimmungen, Metaphern oder ähnliches die führende Rolle übernehmen müssen.
Um einen entsprechenden Rahmen geht es mir in diesem zweiten Teil; erst wenn er vorliegt, können wir hoffentlich
– sowohl das traditionelle Denken sauber kritisieren
– als auch dem entstandenen Knochengerüst das geeignete Fleisch hinzufügen.
Im Widerstreit zwischen Verständlichkeit und Exaktheit schlage ich mich also vorerst auf die Seite der letzteren.
Der vierte Teil soll beide Ziele wieder vereinen, nachdem wir im dritten Teil versuchen, Ihre letzten Zweifel daran zu beseitigen, daß das traditionelle Denken überwunden werden muß, weil es nur ein gewaltiges philosophisches – und damit notwendigerweise auch theologisches –Glaubensbekenntnis darstellt.
Natürlich wurde unseren Vorfahren das traditionelle Denken seit zweieinhalb tausend Jahren von Kindesbeinen an indoktriniert. Aber ich glaube nicht, daß seine Überzeugungskraft, die ja schon an „Selbstverständlichkeit“ oder „Evidenz“ grenzt, allein damit erklärt werden kann. Dieses Denken ist zugleich verführerisch einfach und anschaulich, um nicht zu sagen „kindlich“:
„Wir haben das Ganze doch längst verstanden und müssen nicht mehr darüber nachdenken; es kann alles beim Alten bleiben.“
Solange es das tut, werden wir lediglich an sekundären Symptomen herumbasteln, aber unsere wirklichen Probleme nicht einmal sehen, geschweige denn lösen können.
Wir waren bis zur Korrektur in der Moderne gelangt. Entscheidend ist hierbei, daß der Glaube an die Seienden zwar weiherhin fröhliche Urständ feiert, seine transzendente Ermöglichung durch die antik-mittelalterlichen Ideen aber weggebrochen ist.
Sie werden in der Moderne von den Begriffen abgelöst.
Zum einen ist das jedoch kein adäquater Ersatz, weil letztere lediglich Denkwerkzeuge darstellen, die wir selbst konstruieren, so daß die Begriffe die Existenz der Seienden natürlich nicht erklären können, worin freilich die Hauptaufgabe der Ideen bestand.
Zum anderen stellt unsere Freiheit in der Begriffswahl eine große Gefahr dar:
Differente Begriffe führen zu anderen Wirklichkeits-Bildern; diese bilden jedoch den Rahmen, innerhalb dessen allein wir wahrnehmen und denken können sowie entscheiden müssen. Die Begriffe bzw. das ihnen entsprechende Wirklichkeits-Bild
– sind also nicht nur überaus wichtig, sondern grundlegend oder fundamental für unser Leben,
– können es aber als dessen einzige Orientierungsmöglichkeit auch in eine völlig falsche Richtung leiten.
AD: „Hier zeigt sich überdeutlich, der Vorteil des Glaubens. Die Christen beispielsweise besitzen durch die Offenbarungen ihres Gottes nicht nur noch eine zweite, sondern sogar eine absolut sichere Grundlage zur Orientierung.“
Viele traditionell Gläubige würden Ihnen wohl beipflichten, aber Sie gehen wieder von der oben bereits kritisierten Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz aus:
Sofern Gott überhaupt zu uns spricht, muß er dies zwangsläufig im Menschenwort tun; andernfalls könnten wir ihn nicht verstehen. Ohne eine abgetrennte Sprache gibt es jedoch auch keine zweite Orientierungsmöglichkeit.
Deswegen habe ich von Anfang an das Welt- durch ein Wirklichkeits-Bild ersetzt. Es ist zwar – seiner Bezeichnung zum Trotz – kein Bild von der Wirklichkeit, aber immer vollständig. Das bedeutet keineswegs, daß nichts fehlt, sondern daß nichts fehlen kann, weil es kein Bild eines davon unabhängigen Wovons darstellt.
Wir haben ein übergreifendes Wirklichkeits-Bild, das von unseren sichersten und tiefsten Überzeugungen bis zur totalen Fraglichkeit reicht. Daran orientieren wir uns, denn es ist alternativlos.
2.1. Existenz, Sein oder Daß sind unverständlich
AD: „Wenn die Essenz, das Wesen oder Was der Seienden in der Moderne zu unseren Begriffen wird, kann ich damit ganz gut leben; wieso die Idee der Planeten beispielsweise für deren physikalisch-materielle Realisierung notwendig sein soll, habe ich ohnehin nie verstanden.
Die Existenz, das Sein bzw. Daß benötigen wir postmodern gar nicht (mehr), denn sie gehören lediglich zu den Seienden, die wir streichen. Daß sie traditionell den Nicht-Seienden fehlen, sehe ich auch ein; aber mir ist völlig unklar, was da eigentlich fehlt.“
Da stehen Sie nicht allein; niemand versteht, was Existenz, Sein oder Daß bedeuten sollen.
Im Alltag fällt das natürlich nicht auf; jeder sieht ein, daß wir zum Bäcker gehen müssen, wenn kein Brot mehr im Schrank – vorhanden – ist. Aber die Wirklichkeit der Welt oder die Existenz Gottes sind von einem ganz anderen Kaliber, und da läßt uns der Alltagsverstand im Stich, denn auch einen existierenden Gott würde sich wohl keiner von uns als im Himmel – vorhanden – seiend vorstellen.
Das ist verrückt: Menschen streiten wegen der Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes – und niemand versteht auch nur das, was er selbst sagt!
Seit zweieinhalb tausend Jahren bemühen sich die abendländischen Denker vergeblich darum zu klären, was wir mit „Wirklichkeit“ meinen. Andere Bezeichnungen – wie „Sein“, „Existenz“, „Bestehen“, „Bestehen aus . . .“ oder „. . . in . . .“, „Gegeben-“ bzw. „Vorhandenheit“ usw. – liefern keine Antworten, sondern bezeichnen das Fragliche lediglich um.
AD: „Dietrich Bonhoeffer hätte also nicht sagen dürfen ‚Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht‘, denn dann ist Inexistenz natürlich auch unverständlich?“
Richtig; aber wir müssen einsehen, daß das nichts mit Gott zu tun hat; daß Materie existiert oder auch nicht, versteht ebenfalls niemand.
Viele sehen in Leibniz‘ Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ das Grundproblem des traditionellen Denkens.
Ich glaube jedoch, wir müßten diesbezüglich mindestens eine Ebene tiefer ansetzen:
Was soll es überhaupt bedeuten, daß „etwas ist und nicht vielmehr nichts“?
Nur wer diese Frage beantwortet hat, kann sich sinnvoll der Leibnizschen zuwenden.
Ersteres steht aber noch aus, so daß die Tradition ihre eigene Grundvoraussetzung, daß „die Seienden sind“ (Parmenides), nicht versteht. Sie streitet – seinsvergessen – darüber, welche Seienden sind, ohne überhaupt zu wissen, was Seiende charakterisiert oder zu Seienden macht.
Daß niemand weiß, was Sein, Existenz oder Daß bedeuten, ist für das traditionelle Denken natürlich eine Katastrophe; zum Glück müssen wir das Problem nicht lösen.
Diese Gedanken erfreuten sich keiner sonderlichen Beliebtheit, weil sie nahezu unglaublich sind; ich wiederhole deshalb nochmals so kurz und präzise wie möglich:
Zu den Seienden zählt per definitionem alles, was ist.
Aber sind Gedanken, Zahlen, Leerstellen, Träume, Hoffnungen, Widersprüche, Wassertropfen oder die Nordhalbkugel der Erde?
Derartige Fragen erweisen sich natürlich als brennnend wichtig für die Tradition – lassen sich aber erst beantworten, wenn wir wissen, was „ist“ bedeutet, das heißt, nachdem die Definiton von Sein oder die Frage nach dem „Sinn von Sein“ (Heidegger) beantwortet wurde. Solange das nicht der Fall ist, lautet die „Definition“ von soeben:
Zu den Seienden zählt per definitionem alles, was . . . ?
Wir hatten gesagt, daß in Antike und Mittelalter nicht nur die Essenz des Seienden A, sondern auch seine Existenz anders ist als beim Seienden B. Wenn man so denken kann, daß zu jenem die Existenz(A) ebenso gehört wie die Essenz(A), läßt sich vielleicht auch nachvollziehen, daß die Wirklichkeit(A) eines Seienden A damals zu seinen Eigenschaften zählte.
Krokodile beispielsweise haben 1000 Attribute; eines von ihnen besteht in ihrer Existenz(K) und dadurch sind(K) Krokodile (wirklich).
Drachen besitzen ebenfalls 1000 Eigenschaften, aber das (Vorhanden-)Sein(D) befindet sich nicht darunter; deswegen existieren(D) keine Drachen.
Ein solches Denken ist uns heute wohl kaum noch möglich. Wir kennen weder existierendes noch nicht-existierendes Geld; das wollte Kant mit seinem Beispiel der „100 Taler“ zeigen. Geld ist Geld – unabhängig davon, ob wir es besitzen oder vermissen; das ist unser Problem, und nicht das des Geldes.
Damit entfällt auch eine – vielleicht etwas simple, aber wohl gerade dadurch – weit verbreitete Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):
Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Existenz eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser gleiche „fast vollkommene“ Gott, der lediglich nicht existiert.
Anselm definierte Gott „als das vollkommenste aller Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann„.
Angenommen wir denken uns ein großartiges und absolut perfektes Wesen, das (nahezu) keinen Makel besitzt – bis auf einen einzigen: Es existiert leider nicht.
Dann ist es jedoch nicht das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann, denn das gleiche Wesen wäre auch als existent denkbar.
Gott – als das vollkommenste Wesen, über das hinaus tatsächlich nichts Vollkommeneres gedacht werden kann – muß also notwendigerweise existieren, denn ansonsten wäre er nicht das vollkommenste Wesen.
Natürlich ist das für mich – und hoffentlich auch für Sie – kein Gottesbeweis:
AD: „Wieso nicht?“
Weil wir nicht an Seiende glauben, Anselm aber Gott als – höchstes oder „seiendstes“ – Seiendes voraussetzte.
Das traditionelle Denken „von Jonien bis Jena“ (Franz Rosenzweig), das heißt, von Parmenides bis Hegel sah bzw. sieht das natürlich anders und geht davon aus, daß die Wirklichkeit – die Existenz, das Sein oder Daß – mit dem Denken zusammenfällt.
Parmenides formulierte „denn dasselbe ist Denken und Sein“, während Hegel diese Identität in die Worte „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ faßte.
Höchstens wer derartiges glaubt, kann mit Anselm von der Logik auf die Wirklichkeit schließen.
Wir tun es nicht; das Logische gehört lediglich zu den Wissungen oder Begriffen und ist somit eine bloße Konstruktion. Nicht unbedingt eine subjektive von mir persönlich; mit Sicherheit aber wurden die Wissungen oder Begriffe im Verlaufe der Menschheitsgeschichte generiert und uns als intersubjektives Kulturerbe überliefert. Hans-Georg Gadamer spricht in diesem Zusammenhang von der „Wirkungsgeschichte“.
Dazu kommt außerdem noch, daß mir Anselms Definition ohnehin mißfällt:
Gott stellt nicht „das vollkommenste aller Wesen dar, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“, sondern bestenfalls ein „Wesen“, das vollkommener ist als alles, was gedacht werden kann.
Vielleicht gibt es Gott – das muß prinzipiell offenbleiben –, Seiende aber gewiß nicht, weil sie – im Gegensatz zu Gott – widersprüchlich sind.
Wer also (an) Gott glauben möchte, darf ihn nicht als ein Seiendes denken; das wollte Bonhoeffer sagen.
2.2. Das System des Wissens ist in sich geschlossen
Wir wissen bereits, daß Wissungen postmodern keine Referenten besitzen, werden darin durch unser letztes Ergebnis aber nochmals bestätigt:
Was sollten das für Referenten sein, von denen wir nicht einmal sinnvoll sagen können, daß sie existieren?
AD: „Ich kann es immer noch nicht glauben; Sie wollen ernstlich bestreiten, von tausend Dingen zu wissen?“
Wir wissen beide von Afrika; ich bestreite das natürlich nicht, sondern ergänze lediglich:
Möglich ist das nur, weil Afrika selbst Wissen darstellt.
Ihre „Referenten“ oder „Wovons“ müssen, mit anderen Worten, selbst Wissungen sein.
Damit haben wir „einfache“ Wissungen und Wissungen von Wissungen. Wir wissen beispielsweise die Zahl 4 und von dieser Wissung, daß sie gleich 2 x 2 ist.
Meines Erachtens besteht hier kein Unterschied, der einen Unterschied macht, so daß letztlich alle Wissungen „einfach“ – Wissungen – sind und wir endgültig zusammenfassen können:
Postmodern lassen sich die „Referenten“ der Wissungen nur als weitere Wissungen und niemals als Nicht-Wissungen verstehen. Da jedoch Wissungen von Wissungen auch nur Wissungen sind, können wir der Deutlichkeit halber dabei bleiben:
Postmodern besitzen Wissungen keine Referenten.
Sie bilden somit ein in sich (ab)geschlossenes System, aus dem nichts herausführt.
AD: „Und auch nichts hinein?“
Doch, denn sonst hätte unser Wissens-System ja gar nicht entstehen können. Es verweist zwar auf nichts, entspringt aber keineswegs dem Nichts, sondern muß von unseren Vorfahren generiert worden sein.
Traditionell wissen wir von der Materie und dem Menschen, von der Evolution oder Geschichte sowie von Gott, Tod und Teufel.
Aber postmodern ist Materie nicht das Material, aus dem der Kosmos besteht, die Evolution nicht dessen Entstehung, und die Geschichte umfaßt nicht das Leben unserer Vorfahren; vielmehr sind das alles nur Wissungen – ohne irgendein „. . . von Nicht-Wissungen“.
Wir sprechen also niemals über Dinge, Seiende, Tatsachen, Fakten oder dergleichen, sondern ausschließlich von unsererm gegenwärtigen Wirklichkeits-Bild, von den eigenen Vorstellungen, Überzeugungen, Gewißheiten oder dergleichen.
Ich weiß nicht wer Spartakus „wirklich“ war, sondern für mich ist Spartakus . . .; ich weiß nicht, was Jesus „wirklich“ sagte, sondern meines Erachtens wollte er . . .; ich weiß nicht, ob Buddha „wirklich“ lebte, glaube es aber fest.
Dieses „wirklich“ hat keine Bedeutung, und deswegen ist unser Wirklichkeits-Bild kein Bild von der Wirklichkeit; wir orientieren uns lediglich an ihm.
Daß wir uns bestimmter Teile davon absolut sicher sind, bedeutet
– nicht, daß wir es in diesen Fällen offensichtlich mit Tatsachen zu tun haben, sondern
– daß wir uns immer im Sinne dieser Teile orientieren, wenn sie eine Rolle spielen.
AD: „Das war jetzt in Ihrem Sinne oder postmodern gedacht.
Die Tradition glaubt (an) eine objektive Wirklichkeit und versteht das adäquate Wirklichkeits-Bild dementsprechend als ein exaktes Abbild von ihr.“
Womit sie das Ganze natürlich auf den Kopf stellt:
Es kann kein Abbid geben ohne Urbild.
Der traditionelle Denkweg führt unseres Erachtens
– nicht von der Wirklichkeit zum Bild, sondern
– vom woher auch immer stammenden Bild zur geglaubten oder projizierten „Wirklichkeit“,
– so daß die beiden natürlich stets übereinstimmen müssen.
Indem die traditionell Denkenden sich auf ein Wirklichkeitsbild einigen, machen sie somit ihre „Wirklichkeit“ ganz demokratisch zum Mehrheitsbeschluß.
Ohne Referenten gibt es nur Rundwege innerhalb des Wissens-Systems, aber keine Grenzüberschreitungen.
Aus dem Wissen von der Materie beispielsweise wird das Wissen namens „Materie“ oder das Materie-Wissen, mit dem sich ganze Bibliotheken füllen lassen und mit dessen Hilfe man zum Mond fliegen kann.
Dieser ist eine andere Wissung, die nicht aus Materie besteht, weil Wissungen nicht aus Wissungen bestehen, sondern höchstens Wissungen von Wissungen sein können.
Die biblische Erzählung, daß Adam den Tieren Namen gegeben haben soll, könnte traditionell stimmen, postmodern jedoch nicht.
Stellen wir uns vor, er habe eines der Tiere benannt und sich den Namen vorsichtshalber notiert. Ihn weiß er also morgen noch ganz gewiß, aber sein Wovon, „eines der Tiere“ also, nicht. „Wem hatte ich bloß diesen Namen gegeben?“ Das läßt sich auch nicht notieren. (Meine Argumentation entspricht derjenigen Wittgensteins gegen die Möglichkeit von Privatsprachen .)
Um auch die benannte Seite notieren zu können, muß sie eine Wissung darstellen; Adam hätte also beispielweise alle Löwen „Leu“ nennen können, weil Löwe eine Wissung darstellt, die bereits vor der Namensgebung existierte.
Nun sollte verständlich werden,
– daß Wissungen bzw. deren Bezeichnungen aber auch gar nichts mit Wovons resp. deren Namen zu tun haben,
– weshalb sie nur innerhalb eines in sich geschlossenen Systems auftreten können und als Wissungen
— sowohl bezeichenbar
— wie auch benennbar sind.
AD: „Dieser prinzipielle Unterschied zwischen beiden wird daran besonders deutlich, daß die Wissung A immer mit ‚A‘ bezeichnet wird; die Sonne mit ‚Sonne‘ oder das Wasser mit ‚Wasser‘. Namen sind dagegen willkürlich; wir können die Sonne zum Beispiel ‚Frau Luna‘ nennen und das Wasser ‚Lebenselexier‘ – wenn die Wissungen Sonne sowie Wasser vorliegen.“
2.3. Das traditionelle "Minisystem der Wissungen" aus (Nicht-)Seienden und (In-)Existenz
Mein Leben gibt es natürlich sowohl traditionell als auch postmodern; aber zwischen den beiden Sichtweisen besteht eine fundamentale Diskrepanz.
Traditionell ist mein Leben – entgegen dem in der Öffentlichkeit häufig aufgesetztem Pathos – ausgesprochen bedeutungslos. Letztlich dreht sich alles
– um die objektive Realität des physikalischen Kosmos,
– in der wir pure Nichtse sind,
– deren Aufgabe darin besteht, das zu erkennen und
– die uns zu Sklaven des Wissens macht.
Die – oder zumindest unsere Postmoderne – ist dagegen eine Philosophie der Freiheit.
Wir sollen
– nichts angeblich Vorgegebenes adäquat repräsentieren, sondern
– kreativ und eigenverantwortlich ein wahres Leben führen
– innerhalb eines Freiraums, der nicht unnötig durch irgendwelche Vorgaben eingeengt wird.
AD: „Das kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, daß für uns keine Referenten existieren, von denen es zu wissen gelten könnte.“
Und daß insbesondere unser Leben keinen solchen Referenten darstellt.
Im krassen Gegensatz dazu setzt die Tradition voraus, daß sämtliche Wissungen solche von Seienden darstellen und diese somit die Gewußten bilden.
Wir wissen das schon lange, müssen es aber möglicherweise noch etwas besser verstehen.
Dazu betrachten wir ein Gespräch, in dem der Arzt seinem Patienten mitteilt „Sie leiden an Myopie“.
Myopie ist eine Wissung des Arztes und eventuell auch des Patienten. Das von oder mit dieser Wissung Gewußte besteht in dem Seienden namens „Myopie“.
Teilt der Patient tatsächlich das Wissen seines Arztes, könnte der Dialog beendet sein.
Andernfalls versteht der Patient den Arzt nicht.
Einerseits fehlt ihm dann jegliche Diagnose und er hätte sich den Arztbesuch ersparen können.
Andererseits weiß der Patient aber natürlich trotzdem, daß er an einem Seienden namens „Myopie“ erkrankt ist; das hat der Arzt ihm doch gesagt!
Wenn der Patient
– etwas gesagt bekommt,
– es aber trotzdem nicht weiß,
– muß der Arzt ihm eine Nicht-Wissung gesagt haben, und die ist belanglos.
| Seiendes | Seiendes | |||
| „Sie leiden an Myopie.“ | „Myopie“ | „Myopie“ | ||
| Wissung | Gewußtes | |||
| ↓ | ||||
| → | Ende | „Was ist Myopie?“ | ||
| Seiendes | Seiendes | |||
| „Kurzsichtigkeit“ | „Kurzsichtigkeit“ | „Kurzsichtigkeit“ | ||
| Wissung | Gewußtes | |||
| ↓ | ||||
| → | Ende | „Was ist Kurzsichtigkeit?“ |
Abbildung 2.3.
Was hilft es uns also, wenn ein Seiendes namens „Myopie“ genannt wird?
Gar nichts!
Wenn Myopie bereits eine Wissung darstellt, bildet das „zugehörige“ Seiende eine völlig unnötige „Ergänzung“.
Wissen wir dagegen nicht, was Myopie bedeutet, dann hilft uns der Hinweis, es sei ein spezielles Seiendes, ebenfalls absolut nichts, denn das war von vornherein klar; was anders hätte es denn sein können?
Alles gelb Hinterlegte können wir also einfach verlustlos streichen.
AD: „Seiende sind folglich immer nutzlos . . . Daß wir sie bzw. die Referenten unserer Wissungen streichen, wird sich natürlich in unseren Formulierungen auswirken, dürfte aber inhaltlich gar keine Rolle spielen.“
Damit wird auch einsichtig, daß niemand versteht, was Existenz bzw. Nicht-Existenz bedeuten sollen.
Die Tradition hält die Seienden für existent und die Nicht-Seienden für inexistent.
Wir können jetzt ergänzen, daß aus unserer postmodernen Sicht
– sowohl die Seienden als auch die Nicht-Seienden
– weder existieren noch nicht-existieren.
Die beiden Begriffspaare bilden ein „Minisystem der Wissungen“, das
– natürlich – wie jedes Wissens-System – in sich geschlossen ist und dadurch
– nicht mit dem unsrigen verbunden werden kann.
Von „innen“ ist es zwingend, daß Seiende existieren und Nicht-Seiende nicht-existieren; das sagen ja die sich wechselseitig erklärenden Begriffe.
Aber von „außen“ versteht keiner, wovon dort die Rede sein soll.
AD: „Sie meinen also:
Aus postmoderner Sicht gibt es nur in sich geschlossene Systeme von Wissungen, aber es können mehrere solcher Systeme nebeneinander bestehen; selbst in einer Psyche. Da ihnen die Verbindungen untereinander fehlen (müssen), ist jede Verständigung oder Erklärung zwischen ihnen ausgeschlossen.“
Ja; traditionell Denkende haben ihr subjektives Wissens-System als als das eigentliche Wirklichkeits-Bild und zusätzlich das Mini-System aus (Nicht-)Seienden und (In-)Existenz. Die beiden Paare tragen sich gegenseitig und tun das logisch ganz sauber. Aber wenn wir fragen, was diese Wissungen bedeuten, müßte ein Zusammenhang mit dem „richtigen“ Wirklichkeits-Bild hergestellt werden, und den gibt es nicht.
2.4. Vermögen – Praktiken, Präreflexionen und Wissen
Wir müssen nichts von dem, was ich bisher zum Wissen gesagt habe, zurücknehmen, es aber noch in einen größeren Zusammenhang einordnen. Unsere Fähigkeiten sind doch auch eine Form von „Wissen“; zum Beispiel können wir Fahrrad fahren, uns in der Öffentlichkeit benehmen, Kaffee kochen, Reden halten oder Bücher lesen.
Wenn postmodern unser eigenes Leben die einzige Wirklichkeit bildet, gehören die Fähigkeiten dazu. Wir benötigen sie jedoch nicht alle; daß Moritz auf den Händen laufen kann, ist lustig, aber nicht unbedingt lebensentscheidend. Ob wir die Bockwurst mit Senf essen und regelmäßig Sport treiben, mag für unsere Gesundheit wichtig sein, ist philosophisch jedoch trotzdem eher sekundär.
Fundamental sind für uns die Praktiken.
Wir verstehen darunter nicht jegliches Tun, sondern nur (relativ) intersubjektive wiederholbare Lebens- oder Verhaltensweisen. Sie sind als Gemeinschaftserlebnis möglich; etwa wenn Feste gefeiert, Riten vollzogen, Spiele gespielt, gemeinsam musiziert oder Liturgien begangen werden. Aber diese Synchronie muß nicht sein; auch das (Halten von) Versprechen, das Schwören vor Gericht oder das logische Denken sind Praktiken, die man bejahen bzw. ablehnen kann.
Säuglinge haben Reflexe oder dergleichen, aber bei ihen werden wir kaum von Praktiken sprechen; diese stellen kulturelle Leistungen dar und müssen im Laufe useres Lebens erst erlernt werden. Praktiken sind unbewußte „Wissungen“, die – und das ist fundamental für unsere weiteren Überlegungen – kontinuierlich in die (bewußten) Wissungen übergehen.
Als Oberbegriff für das gesamte Spektrum führen wir die Vermögen ein, so daß Praktiken und Wissen zu deren asymptotischen Genzbegriffen werden.
Die Praktiken entsprechen den gelebten Formen; Gehen, Grüßen, Blickkontakt Halten, Fragen Beantworten oder Gebote Erfüllen zum Beispiel. All das kann praktisch unbewußt erfolgen.
Das andere Extrem bildet das Wissen; es ist begrifflich, sprachlich bzw. reflektiert und besteht in Theorien, Modellen, Dogmen, Erkenntnissen, Gesetzen usw.
Dazwischen befinden sich die Präreflexionen; hierbei sind wir uns der Praktiken, die wir ausführen, zwar bewußt, gehen aber so vollkommen in ihnen auf oder sind so sehr bei der Sache, daß weder die Praktiken reflektiert werden noch wir selbst in Erscheinung treten. Beim Lesen eines Buches zum Beispiel fesselt uns der Inhalt so stark, daß „Ich“, „lesen“ und „Buch“ keine Rolle spielen; wir sind ganz beim Thema.
Jean-Paul Sartre sah in diesem „Bewußtsein für sich“ die Grundlage unseres Lebens. Dem folgen wir jedoch nicht, weil – wie soeben schon angemerkt – nicht jedes Tun einer Praktik entspricht. Das gilt nicht nur für Babys, sondern auch für uns. Praktisch ununterbrochen tun wir irgendetwas, das sich nicht einmal benennen läßt.
Kochen wir beispielsweise Kaffee, so mag das zwar eine Praktik sein; sie ist jedoch mit ganz vielem Unter-Tun verbunden, von dem wir keine Ahnung haben.
AD: „Ich verstehe Ihre Zusammenfassung zu den Vermögen noch nicht; und worin soll die Kontinuität bestehen, die angeblich von den Praktiken zum Wissen führt?“
Praktiken können, müssen jedoch nicht beschrieben werden.
Alle anderen Vermögen(svarianten) sind beschriebene Praktiken.
Diese Beschreibungen können sehr weich erfolgen; damit meine ich das phänomenologische „Zu den Sachen selbst“. Hierbei besteht das Ziel darin, der Praktik gerecht zu werden und ihr möglichst wenig fremde Elemente beizumischen. Solche Beschreibungen sind sowohl sehr großzügig oder locker, aber auch höchst exakt möglich.
Das ist jedoch nicht der springende Punkt. Dieser besteht vielmehr darin, daß wir zum Beschreiben unabdingbar Begriffe benötigen; ansonsten sagen wir nichts und beschreiben damit auch nicht. Diese Begriffe liegen nicht fest; wir können so oder so beschreiben. Je bestimmter und festlegender das geschieht oder je mehr Selbstsicherheit wir dabei an den Tag legen und eine scheinbar exakte Eindeutigkeit vorgaukeln, desto näher ist uns das Wissen.
Aus den Praktiken namens „Gebote erfüllen“, „Versprechen halten“ oder „Gottesdienst feiern“ wird dann beispielsweise die „Einlaßbedingung für das Reich Gottes“. Aber darum ging es überhaupt nicht; entscheidend sind allein die Praktiken.
AD: „Ich hatte jetzt kurz abgechaltet, weil das nicht stimmen kann:
Sie predigen uns die ganze Zeit, daß es in der Postmoderne keine Referenten des Wissens gibt – und nun wissen wir auf einmal von den Praktiken!“
Nein; das tun wir natürlich nicht.
Das Wissen ist keines von den Praktiken, sondern eine spezielle Weise, die Praktiken zu explizieren oder zu artikulieren. Je weiter wir uns dabei auf das Wissen als die zweite Grenze der Vermögen zubewegen, um so größer wird die Anzahl weiterer Darstellungsmöglichkeiten.
Sämtlichee Praktiken lassen sich also immer auch ganz anders beschreiben; das ist nicht widersprüchlich, wäre es aber, wenn wir das Wissen als ein solches von den Praktiken verstehen würden.
Denken Sie zur Veranschaulichung an einen Wanderweg, der für die Praktik steht, und seine Wissens-Markierungen. Es geht allein um den Weg; seine Beschreibungen
– sind lediglich Hilfen, um ihn finden und
– wiederholen zu können,
– stabilisieren den Wanderweg somit,
– wären jedoch auch ganz anders möglich und
– lassen sich folglich austauschen.
AD: „Wenn ich Sie recht verstanden habe, geht es allein um den Vollzug oder das Prozedere der Praktik. Das Beschreiben führt notwendigerweise zu einem bestimmten Wissen; das ist bestimmt nicht willkürlich, aber dennoch auf vielfache Weise möglich. Somit besteht immer die Gefahr,
– aus den Augen zu verlieren, daß es um das Beschreiben einer Praktik geht, jedoch
– nicht um das Wissen und
– schon gar nicht um das spezielle Wissen, das – mehr oder weniger zufällig – zum Beschreiben benutzt wurde, so daß
– fälschlicherweise die Wahrheit der Lebens-Praktik durch die angebliche Richtigkeit des Wissens ersetzt werden kann.
Aber dieser Gefahr kann man doch ganz einfach begegnen, indem wir die Praktiken nicht mehr beschreiben und deutlich sagen, daß es bei ihnen nur um den Vollzug bzw. das aktuale Prozedere geht.“
Das geht nicht, weil eine unbeschriebene „Praktik“ keine Praktik ist.
Stellen Sie sich vor, irgendetwas zu tun, ohne es beschreiben zu können.
Wie wollen Sie das morgen wiederholen und wissen, daß es sich wirklich um eine Wiederholung handelt? (Das wäre Wittgensteins „Privat-Tun-Argument“.)
Wie wollen Sie das anderen vermitteln, damit Ihr Tun zu einer intersubjektiven Praktik wird?
Jede Praktik bedarf (der Präreflexionen und) des Wissens, um eine Praktik sein zu können.
Ich wiederhole mich absichtlich:
Es geht allein um die Praktik; ihre Beschreibungen
– sind lediglich Hilfen, um sie finden und
– wiederholen zu können,
– stabilisieren die Praktik somit,
– wären jedoch auch ganz anders möglich und
– lassen sich folglich austauschen.
Beschreibungen oder Wissungen können nicht wahr sein.
Wer sie glaubt
– verwechselt die mögliche Wahrheit der Praktik mit bloßen Narrativen oder Erzählungen und
– glaubt nicht einmal etwas Richtiges, sondern
– eine bloße Variante der Beschreibungsmöglichkeiten:
„So beschreiben manche, worum es tatsächlich geht; und das sind die Ereignisse, in denen sich die Wahrheit vollzieht; das heißt, in den Praktiken, die nur im Vollzug bzw. als Prozedere auftreten.“
Wenn Sie mich verstanden haben, wird vielleicht zum ersten Mal deutlich, welch gewaltige Bedeutung postmodern (einer Philosophie) der Zeit zukommt.
Der traditionelle, seiende Gott ist ewig identisch. Für uns gibt es dergleichen nicht; wir können nur sagen, daß Wissungen für eine bestimmte Dauer (näherungsweise) konstant sein müssen, denn andernfalls sind es keine Wissungen. Was in fünf Minuten nicht mehr richtig oder falsch ist, war keine Wissung, sondern ein Geistesblitz, den wir nicht stabilisieren konnten.
„Konstante Praktiken“ sind keine Praktiken; in letzteren geschieht etwas, sie ereignen sich, müssen folglich zeitlich sein und können damit prinzipiell nicht gewußt werden.
Wissungen sind keine Vorstellungen von, sondern der Praktiken; sie stellen uns diese vor bzw. dar oder präsentieren – nicht: repräsentieren – sie und können das auf die vielfältigsten Arten tun.
2.5. Die Psyche und der Raum
Unsere Körper gehören zu den materiellen oder physikalischen Seienden der (objektiven) Realität.
Traditionell Denkende gehen zumeist davon aus, daß wir als Subjekte – zumindest im Kern – mit unserem Körper zusammenfallen. Aber der Satz „Ich bin mein Körper“ muß falsch sein, weil
– dieses „mein“ das Ich zum Besitzer des Körpers macht, während
– das „bin“ das gleiche Ich mit dem Körper identifiziert,
so daß der Körper sein eigener Besitzer sein müßte, was offensichtlich Unsinn darstellt. Selbstbesitz gibt es ebensowenig wie Selbstverursachung.
Die übliche „Lösung“ besteht darin, unserem Körper ein „Innen“ hinzuzufügen und die Einheit dieser beiden Seiten mit dem Subjekt zu identifizieren, das nun widerspruchsfrei einen Körper haben kann. Natürlich nicht wie ein Auto oder alle anderen Dinge; wir müßten also zumindest diese beiden Formen des Besitzens voneinander unterscheiden.
Damit ergibt sich eine Zweiteilung in Subjekte und Objekte. Letztere sind nur Körper, und bei uns Subjekten kommt zu diesen – den Seienden i. e. S. – jeweils noch das „Innen“ hinzu.
Daß ich anderer Meinung bin und seinen Ansatz für falsch halte, braucht einen traditionell Denkenden natürlich überhaupt nicht zu interessieren. Aber wenn wir einen Widerspruch in seinem eigenen Modell finden, müßte er es konsequenterweise aufgeben.
Das ist meines Erachtens tatsächlich der Fall; der traditionelle Subjekt-Begriff scheint mir widersprüchlich zu sein.
Eine Voraussetzung für unseren diesbezüglichen „Beweis“ besteht in der Annahme, daß es ohne Sehen keinen Raum gibt; daß unser üblicher Raum ein rein visueller oder Augen-Raum ist. Diesen Gedanken halten Sie höchstwahrscheinlich – gelinde gesagt – für irre. Ich stehe zu ihm, und werde umgehend versuchen, Ihnen meine Gründe plausibel zu machen.
Einer guten Übersichtlichkeit wegen nehmen wir kurz einmal an, das wäre mir bereits gelungen; dann dürfte der nachstehende Gedankengang nicht schwer sein:
Ich bin als Subjekt der Wahrnehmende und insbesondere also der Sehende; der Einfachheit halber beschränken wir uns im Moment darauf. Wie das Auto und alle anderen Dinge kenne ich meinen Körper somit nur als Sehung, was uns zu der folgenden Kette von Schlüssen führt:
– Ohne Subjekt keine Sehung.
– Ohne Sehung kein Raum.
– Ohne Raum kein Körper.
Zusammengefaßt führt dies zu dem Ergebnis:
Ohne Subjekt kein Körper.
Dann stellt es natürlich einen Widerspruch dar, das Subjekt als Einheit aus seinem Körper und welchem „Innen“ auch immer zu definieren:
Man kann den Körper doch nicht als Bauteil des Subjekts benutzen, wenn es ihn erst durch oder nur für das fertige Subjekt gibt; das wäre ein logischer Zirkel.
Ich denke, daß Sie mit meiner Überlegung mitgehen würden, könnten Sie mir glauben, daß es ohne Sehen keinen Raum gibt; diese bisher nur „gesponserte“ Voraussetzung soll nun verständlich werden.
Hierzu denken wir uns in einem Zimmer mit Herd. Er ist aus Eisen und heiß, so daß er unmöglich unserer Psyche angehören kann; das muß der wirkliche Herd sein.
Wir laufen unachtsam durchs Zimmer und stoßen oder verbrennen uns an ihm. Woran genau; am Ur- oder am Abbild des Herds?
Letzteres scheidet sofort aus, weil wir uns an (dem Inhalt) der Psyche weder stoßen noch verbrennen können.
Bleibt nur das Urbild des Herds, an dem sich unser Körper stößt und verbrennt.
Aber auch das ist wieder zweideutig; gilt es für das Ur- oder das Abbild unseres Körpers?
Da sich auch das Abbild des eigenen Körpers nur in unserer Psyche befinden kann, ergibt sich zwingend:
Das Urbild unseres Körpers stößt und verbrennt sich am Urbild des Herds, so das wir erneut keine Abbilder benötigen.
Wir trinken auch kein Abbild des Bieres, riechen kein Abbild des Parfüms, fahren kein Abbild des Autos und bauen kein Abbild des Hauses. Das ist auf der einen Seite alles so selbstverständlich, daß ich mir fast nicht getraue, es hier aufzuzählen.
Und trotzdem beschleicht mich auf der anderen Seite das Gefühl, es tun zu müssen, weil wir (fast) alle überzeugt sind, Abbilder der Seienden in unserer Psyche zu haben.
Wir kommen dem Grund dieses Widerspruchs näher, wenn wir die Bezeichnungen „Ur-“ bzw. „Abbilder“ wörtlich nehmen: Es sind Bilder, und die gibt es nur beim Sehen.
Damit ist unser Problem noch nicht gelöst, aber es wird zunächst einmal nachvollziehbar, daß das Sehen auf der einen Seite ganz allein sowohl dem Berühren, Hören oder Beschnuppern als auch dem Stoßen, Verbrennen, Trinken, Riechen, Fahren, Bauen usw. auf der anderen Seite gegenübersteht:
Die Unterscheidung zwischen Ur- und Abbild
– ist zwar traditionell für das Sehen erforderlich,
– bei allen anderen Tätigkeiten aber nicht nur unnötig, sondern sogar falsch.
Nun müßten wir lediglich noch klären, weshalb es sich so verhält.
Kommen wir dazu auf unseren Herd zurück; wir sehen ihn sowohl traditionell als auch postmodern wirklich dort, und es liegt mir fern, dies zu bestreiten. Ich verstehe diese Sehung lediglich anders als die Tradition:
Sie
– macht den Herd zu einem Seienden,
– das als sekundäre Sehung von uns abgebildet wird,
– wozu die Psyche erforderlich ist.
Wir
– beginnen mit der Herd-Sehung oder betrachten diese als primär,
– mißverstehen sie folglich nicht als Sehung eines – inexistenten – Herdes, sondern
– ordnen sie als unhintergehbar oder ursprünglich ein.
Traditionell befinden sich die physikalisch-materiellen Seienden im Raum; für uns gilt das allein bei den Sehungen.
Deutlich wurde mir dies erstmals durch einen Artikel von Heinrich Rombach, in dem er schrieb:
„Wir sehen nicht den Baum dort, sondern
wir sehen dort“ – alles; zum Beispiel auch diesen Baum.
Das Dort-Sein ist also
– nicht die Eigenschaft des Baumes, sondern
– eine solche der Sehungen.
Sämtliche Sehungen gehören dadurch, daß sie Sehungen sind – aber auch nur dadurch – dem Raum an. Er trennt sie voneinander und ist kein Behälter, sondern der Zwischen-Raum, der die verschiedenen Sehungen auseinanderhält.
Interessanterweise geht dieser Gedanke zumindest bis auf Aristoteles zurück. Bereits er sah den Raum lediglich als Zwischen-Raum; natürlich nicht postmodern zwischen Sehungen, aber immerhin traditionell zwischen Seienden.
Des weiteren wird diese Idee auch von der Urknalltheorie aufgegriffen. Ihr zufolge expandiert der physikalische Kosmos – nicht innerhalb des bereits bestehenden Raumes, sondern – in das Nichts hinein und erzeugt dadurch erst den Raum als Zwischen-Raum, der die Galaxien voneinander trennt.
Der leere Raum ist keineswegs das Nichts. In jenem gibt es etwas – vielleicht eine bestimmte Geometrie mit Abständen, Winkeln und Zusammenhangsverhältnissen beispielsweise –; im Nichts ist nichts.
Es ist darum für mich auch kein Zufall, daß Kant den Raum speziell als Anschauungs– und nicht allgemein als Wahrnehmungsform verstanden hat. Dem Sehen kommt unter all unseren Wahrnehmungen sowohl traditionell als auch postmodern eine Sonderrolle zu:
Traditionell leben die Subjekte als Körper im Raum.
Aber diese Körper sind (materielle) Seiende i. e. S. und gehören einem Raum an, der
– gemeinsam mit ihnen und
– für sie erfunden wurde.
Auf alle Fälle, also auch traditionell gedacht,
– wird der Raum bereits benötigt, und
– für das Sehen werden zudem noch Abbilder gebraucht;
– deswegen ist die Psyche als deren Sphäre erforderlich.
Postmodern beginnen wir mit unseren Wahrnehmungen. Jede Art hat ihre typischen Eigenschaften, und bei den Sehungen gehört – nicht ganz überraschend dazu –, daß sie voneinander getrennt sein müssen; hier befindet sich die Sonnen- und dort die Mond-Sehung. Für diesen Abstand ist der Raum zuständig, den wir nicht als Behälter, sondern als Zwischen-Raum zu verstehen haben.
AD: „Auch bei uns befinden sich alle Körper im Raum, und trotzdem benötigen wir keine Psyche . . .?“
Natürlich sind alle Körper im Raum; das geht ja gar nicht anders. Aber es handelt sich um ganz unterschiedliche Körper bzw. Räume:
– Traditionell um Seiende, denen auch die Subjekte angehören, in einem seienden Raum und
– postmodern um Sehungen im visuellen Raum der Subjektivitäten
Alle Wahrnehmungen befinden sich in der gleichen Sphäre; nennen wir sie die „Wahrnehmungs-Sphäre“. Ihr gehört auch der Raum an, der von den Sehungen konstituiert wird. Zum Ort in der Wahrnehmungs-Sphäre kann also beispielsweise eine Stelle im Farben-Raum ebenso gehören wie eine im Orts-Raum.
Aber eine Subjektivität kann nicht darin sein, weil es die ganz Wahrnehmungs-Sphäre nur für Subjektivitäten gibt.
AD: „Vielleicht haben Sie Recht, aber ein bißchen wundert es mich schon, daß dem Sehen so eine Sonderrolle zukommen soll.“
Der Raum spielt vielleicht gar keine Sonderrolle, sondern ist nur besonders spektakulär, und wir hatten ihn bisher mißverstanden. Natürlich lassen sich Richtungen beispielsweise auch erriechen oder ertasten, aber ich glaube, wir ordnen sie damit nur in den Raum der Sehungen ein. Daß dies überhaupt geht, ist für blinde Menschen natürlich ganz fundamental.
Alle Wahrnehmungs-Formen besitzen ihre Charakteristika. Nur für das Hören gibt es „laut“ oder „leise“, nur für das Berühren „hart“ bzw. „weich“ und allein für das Sehen farbig, „hell“ oder „dunkel“ sowie den notwendigen Raum zwischen zwei Sehungen. Ohne ihn wären es nicht zwei, so wie ein doppelter Kognak auch bloß einer ist.
Kommen wir bitte nochmals auf das widersprüchliche Konzept der Tradition zurück.
Ihr „Innen“ besteht aus zwei Komponenten, der Psyche und dem „Innen des Lebens“.
Zu letzterem gehören insbesondere Gefühle, Triebe, Absichten, Vorstellungskraft, der Wille oder gegebenenfalls auch die Freiheit sowie das Gewissen. Den Begriff „Innen des Lebens“ habe ich bewußt unüblich gewählt; insbesondere Seele wäre natürlich eine wesentlich geläufigere Alternative gewesen. Aber mir geht es stets darum,
– möglichst treffende Bezeichnungen zu finden,die
– kaum unerwünschte Assoziationen begünstigen, was
– mit der Seele geradezu konterkariert würde.
Das zugehörige Außen des Lebens besteht im Verhalten unseres Körpers, der sich mit allen anderen physikalischen Seienden im Raum bzw. Kosmos befindet und dem das gesamte „Innen“ zugeordnet ist.
Die Psyche bildet den zweiten Teil dieses „Innen“. Außen befindet sich – auch bei geschlossenen Augen – der Eiffelturm; öffnen wir sie, entsteht ein Abbild von ihm in unserer Psyche.
Auch sie ist freilich kein Gefäß, sondern die Gesamtheit der Sehungen. Das „in“ soeben war aber trotzdem richtig, weil „Inhalt“ und „Gefäß“ wie bei den Zahlen zusammenfallen. Die 3 befindet sich als „Inhalt“ in der Menge der natürlichen Zahlen; dem „Gefäß“.
Falsche Abbilder sind rein subjektiv; werden sie jedoch immer adäquater oder richtiger, müssen sich die Sehungen der verschiedenen Subjekten einander annähern und damit partiell intersubjektiv werden.
Damit gelangen wir nach dem Dualismus von Subjekt und Objekt unmittelbar zu einem zweiten:
Der objektiv-wirklichen Realität der Seienden im Außen des Kosmos stehen traditionell
die subjektiv-unwirklichen „Innen“ der Subjekte gegenüber.
Aber diese „Innen“ stellen natürlich keine Innen dar, wie wir im ersten Teil schon gesehen hatten; deswegen die Anführungsstriche:
Unser Körper befindet sich im Raum; deswegen können wir ihn zum Beispiel sehen; das zugehörige „Innen“ sieht jedoch auch kein Chirurg, weil es ohne Ausdehnung ist. Was keine Ausdehnung besitzt, ist jedoch raumlos oder nicht im Raum und kann somit auch nicht innen sein.
AD: „Ich gebe Ihnen Recht; es gibt verschiedene Wahrnehmungs-Arten, aber nur für die Sehungen wird die Psyche benötigt. Allein sie werden traditionell als Abbilder verstanden; es gibt kein Abhören, Abtasten oder Abschmecken im philosophischen Sinne, und Politik, Sicherheit oder Kochkunst sind nicht unsere Themen.
In der Postmoderne fällt, wenn ich Ihre bisherigen Andeutungen richtig verstanden habe, auch das Abbilden noch weg.
Aber die Psyche werden wir dennoch nicht los, denn wir brauchen sie noch für unsere Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw.“
Was Sie sagen klingt sehr logisch.
Ich kann Ihnen an dieser Stelle nur unser Endergebnis mitteilen. Auf seine Begründung kommen wir im vierten Teil zurück; dort soll im Anschluß an den späten Wittgenstein deutlich werden, daß nicht nur die Psyche entfällt, sodern wir gar kein „Innnen“ mehr benötigen; dessen Unterscheidung von einem angeblichen Außen ist postmodern hinfällig.
Damit können wir drei Positionen unterscheiden:
1. Die Tradition in ihrem Selbstverständnis
Sie geht davon aus, daß sich
– sämtliche Wahrnehmungen sowie
– alle Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw. in der Psyche befinden.
2. Die Tradition aus unserer Sicht
Wir haben gesehen, daß
– nur bei den Sehungen tatsächlich abgebildet wird und
– eine entsprechende Annahme bei den anderen Wahrnehmungs-Arten
— nicht nur unnötig ist, sondern
— sogar auf Widersprüche führt.
Die Psyche wird folglich für die Sehungen sowie Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw. benötigt.
3. Die Postmoderne
Die
– nur scheinbar selbstverständliche, aber
– in der gesamten abendländischen Geistesgeschichte problematische
Unterscheidung zwischen „Innen“ und Außen entfällt vollständig.
Natürlich sind „innere“ Vorstellungen etwas anderes als „äußere“ Wahrnehmungen, aber nicht weil sie sich in differenten Sphären befinden, sondern ganz einfach, weil sie verschiedene Eigenschaften besitzen.
AD: „Hätten Sie nicht fairerweise einen vierten Punkt „Die Postmoderne aus Sicht der Tradition“ hinzufügen müssen?“
Nein; der wäre widersprüchlich, weil der traditionelle Ansatz, wie sich bald zeigen wird, einen Spezialfall des postmodernen darstellt.
Das wäre so, als wollten Sie sich bei einem Vortrag über die reellen Zahlen auf die natürlichen beschränken.
2.6. Mein Leben als einzige Wirklichkeit
Wir canceln die Seienden, aber natürlich nicht die Wirklichkeit, denn deren Abschaffen müßte ja selbst ein Teil der Wirklichkeit sein und wäre somit widersprüchlich.
Folglich ist für unseren Ansatz eine andere Wirklichkeit nötig. Welche könnte das sein? Stehen wir damit vor einer ähnlichen Frage wie Descartes, als er die Philosophie neu begründen wollte?
Er suchte nach absolut sicherem Wissen, um auf diesem Fundament mit logischer Stringenz und damit unwiderleglich sein geistiges Gebäude errichten zu können. Mit einem solchen Vorhaben können wir uns jedoch partout nicht identifizieren, weil die Richtigkeit unserer logischen Schlußfolgerungen postmodern
– vom jeweiligen Wirklichkeits-Bild abhängt und
– folglich stets subjektiv ist.
Möglicherweise überzeugt mich also mein Gedankengang total, und ich glaube damit, den Stein der Weisen gefunden zu haben, während Sie sich ob meiner Einfalt die Haare raufen. Es gibt keine Logik, die unsere Wirklichkeits-Bilder sprachunabhängig transzendiert; jedes „das ist zwingend“ muß fortgesetzt werden mit „. . . in diesem Wirklichkeits-Bild“.
Das ist der Preis, den wir für unseren Verzicht auf Seiende zahlen (müssen); anders formuliert:
Die Tradition verfügt angeblich über ein unhinterfragbar festes Fundament, indem sie Seiende erfunden hat,die
– vollkommen unabhängig von uns existieren,
– folglich auch nicht mit uns wechselwirken können, aber
– nichtsdestotrotz gewußt werden.
AD: „Das überzeugt mich nicht.
Den Kosmos gab es schon vor mir, denn ich wurde offensichtilch in ihn hineingeboren. Der Mond hat nicht auf mich gewartet; das wäre Ihr ‚vollkommen unabhängig von uns existieren‘. Aber dann lag ich in meinem Wagen, und der Mond schien mir ins Gesicht, so daß wir sehr wohl miteinander wechselwirken konnten.“
Dieser Gedanke wirkt wohl sehr überzeugend, enthält aber dennoch einen Fehler.
Sowohl Mond als auch Mondschein befanden sich vor der Geburt natürlich außerhalb Ihrer Psyche. Nun sagen Sie, für den Mond gelte das weiterhin, aber seine Strahlen kämen in der Psyche an. Das heißt, zwischen dem Mond und Ihnen müßte sein Licht die Grenze Ihrer Psyche passieren.
Wo liegt sie? Was haben diese knapp 400 000 km mit ihr zu tun?
Mit dem Mond muß sich auch der Mondschein – selbst nach Ihrer Geburt – außerhalb der Psyche befinden. Sie kommen als Seiendes zum Kosmos hinzu, sind aber allen anderen Seienden gegenüber so isoliert wie der Mond.
Seiende können nur
– bestimmte Seiende oder
– mit sich selbst identisch sein,
weil sie völlig isoliert oder „allein“ sind.
Die Wirklichkeit, nach der wir suchen und die postmodern an die Stelle der traditionellen Seienden treten soll, kann also kein Wissen sein; auch kein „todsicheres“. Was bleibt uns dann?
Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit; jeder von uns muß für sich selbst antworten:
Mein eigenes Leben.
Das eigene Leben ist für uns unbestreitbare Wirklichkeit, weil wir es selbst leben; vollkommen unabhängig davon, wie wir dies tun.
– Weder ist es Wissen,
– noch kann es Wissen von ihm geben, weil für uns gar keine Referenten existieren; insbesondere also auch keine vom eigenen Leben.
AD: „Aber ich weiß doch von meinem Leben; Geburtstag, Beruf, Wohnort, Partner usw.“
Alles, was Sie in diesem Zusammenhang aufzählen könnten, gehört zu Ihrer Biographie, gewiß aber nicht zu Ihrem Leben. Das sind letztlich zwei völlig verschiedene Dinge:
Mein Leben ist wirklich und prinzipiell unwißbar; es existiert nur in der ersten Person Singular.
Meine Biographie ist unwirklich, besteht allein in Wissungen und kann von jedermann gewußt werden.
AD: „Mit solchen Dualismen habe ich stets Schwierigkeiten.
Die Wirklichkeit meines Lebens kann doch nicht durch einen Cut vom unwirklichen Wissen getrennt sein; insbesondere müssen auch diese beiden Seiten wie soeben der Mond und ich miteinander wechselwirken, um nicht ‚zwei getrennte Welten‘ zu bilden.“
Das ist richtig. Die notwendige Wechselwirkung ergibt sich bei unserem Non-Dualismus daraus, daß es zur Wirklichkeit meines Lebens gehört, selbst über das unwirkliche Wissen zu bestimmen:
Ich entscheide ganz allein, was ich glaube und was nicht oder was ich als richtig bzw. falsch erachte, annehme resp. ablehne.
AD: „Entscheiden kann ich immer nur aktual oder jetzt. Mein Leben geht jedoch sehr weit über das Jetzt hinaus; ich habe früher schon gelebt und tue dies hoffentlich auch später noch (ein Stückchen).
Worin besteht dieser Überschuß meines Lebens im Nicht-Jetzt?“
Vor meiner Antwort muß ich Ihnen ein wenig widersprechen:
Es gibt weder ein früheres noch ein späteres Leben, sondern nur das jetzige.
Das „frühere Leben“ etwa ist vorbei; ich könnte also höchstens noch von ihm wissen, Referenten gibt es jedoch nicht.
AD: „Aber ich erinnere mich doch und weiß zum Beispiel von meinem letzten Geburtstag!“
Nein; Sie wissen nicht von Ihrem letzten Geburtstag – als einem Seienden –, sondern Ihren letzten Geburtstag – als einem Aktanten.
Damit klingt meine Antwort vielleicht schon nicht mehr ganz unvernünftig:
Wir leben allein im Jetzt.
Nicht nur absurd, sondern sogar unmöglich, weil widersprüchlich wird das natürlich, wenn dieses Jetzt der traditionellen vergehenden Zeit angehören soll; das tut es natürlich keineswegs.
Wir leben nicht in ihr, sondern in einer ganz anders strukturierten Zeit, die im vierten Teil zentral werden wird; auch dann erst läßt sich das Jetzt verstehen.
AD: „Ich gehe davon, daß wir diesen Unterschied zwischen Leben und Biographie noch in einen größeren Zusammenhang einordnen werden und somit jetzt noch nicht alles verstehen müssen. Aber ein Gegenargument scheint mir doch an dieser Stelle schon zwingend zu sein:
Die Tradition benötigt eine objektive Realität, die sich praktisch unendlich in Raum und Zeit erstreckt. Das wollen Sie – verlustlos oder ohne alle Einbußen – bei jeder Subjektivität auf deren eigenes Leben reduzieren?“
Der Kosmos als solcher ändert sich beim Übergang von der Tradition zur Postmoderne natürlich nicht; er bleibt so gewaltig wie bisher, denn wir haben nicht vor, die Physik zu korrigieren. Aber trotzdem wird alles anders, weil sich die Funktion des Kosmos ändert:
– Aus der objektiven Realität als dem Worin von mir als Subjekt i. e. S. wird
– das physikalische Wissen von mir als einer Subjektivität.
AD: „Ich verstehe; die Physik interessiert uns gar nicht. Sie besteht in puren Wissungen; die bleiben unangetastet, und wir canceln nur ihre traditionellen Referenten.“
Die von der Physik vorausgesagte Sonnenfinsternis beispielsweise tritt pünktlich ein. Das ist ein Geschehen, das sich 100%-ig innerhalb unserer Wahrnehmungen sowie Wissungen abspielt und diese nicht im geringsten transzendiert. Weder kennt noch braucht die Physik Referenten.
AD: „Das kann ich nachvollziehen, führt aber auf das nächste Problem:
Die Tradition glaubt, wir seien (abgesehen von dem in diesem Zusammenhang belanglosen ‚Innen‘) unser Körper und lebten folglich in der (objektiven) Welt. All das wird postmodern zum Wissen, das ich als Subjektivität besitze.
Damit stellt sich jedoch ganz grund-legend die Frage, wo bzw. worin ich lebe.“
Sie ist falsch gestellt und damit sinnleer.
Es muß nicht alles einen Ort haben; die entsprechende Annahme bildet ein Überbleibsel des traditionellen Denkens, demzufolge der Raum das Gefäß für „alles“ darstellt; selbst Gott mußte oben oder im Himmel und der Teufel unten bzw. in der Hölle sein.
Ich rede mich damit nicht heraus; wir können auch nicht sinnvoll fragen, welche Farbe die Liebe hat, wie schwer die Sonne oder wie groß Gott ist; es gibt nicht nur falsche Antworten, sondern sogar falsche Fragen.
Bei Ihrer Frage können wir sogar recht genau sagen, weshalb sie falsch gestellt ist:
Der Raum entsteht erst durch das Sehen, und dieses kommt allein uns Subjektivitäten zu, so daß wir selbst
– weder im Raum ausgedehnt sein
– noch uns darin befinden und
folglich auch nicht irgendwo leben können.
Traditionell denkende Christen würden Ihre Frage möglicherweise nicht nur als sinnvoll, sondern sogar als einen wunderbaren Anknüpfungspunkt betrachten:
„Wir leben in Gott“.
Ich glaube das auch und widerspreche nicht, möchte aber unbedingt hinzufügen, daß damit die Frage, wo wir leben, gar nicht tangiert geschweige denn beantwortet würde.
Wir können niemals auf eine fachliche Frage mit einem Glaubensbekenntnis antworten.
Daß ich irgendwo nicht weiter weiß, zeigt die Grenzen meines Wirklichkeitsbilds. Aber was hat sie mit Gott zu tun? Dann hätte der Einfältigste den sichersten „Beweis“ für die Existenz Gottes, weil er ihn laufend als Lückenbüßer für die ihm fehlenden vernünftigen Antworten benötigt.
Auch das gilt freilich für jedes Seindes und nicht nur für einen solchen Gott. Das heißt, unser Streichen der Seienden ist kein philosphisches Glaubensbekenntnis, sondern dessen Zurücknahme und damit eine Ent-täuschung der traditionell Denkenden.
AD: „Das ist alles nachvollziehbar, aber ich habe trotzdem noch Bauchschmerzen, wenn Sie die gesamte Wirklichkeit auf das eigene subjektive Leben beschränken, weil es doch in dasjenige vieler anderer Subjektivitäten hineinspielt und umgekehrt.“
Diese Wechselwirkung zwischen den einzelnen Leben besteht natürlich, widerspricht aber der von mir vertretenen reinen Subjektivität jedes Lebens in keiner Weise. Ich kann das am besten anhand eines Gesprächs zwischen uns beiden erklären:
Ich möchte Ihnen etwas mitteilen; worin es besteht, können Sie nicht wissen, denn dieser Inhalt
– gehört nur meiner eigenen Psyche an und
– bewirkt ein ganz bestimmtes Sagen von mir.
Die Tradition geht bis zu dieser Stelle mit, um dann fortzufahren:
Wenn ich etwas sage, Sie darauf antworten usf., entsteht ein Gespräch, das sich aus dem abwechselnd Gesagten zusammensetzt.
Dem widersprechen wir, denn an dieser Stelle wechselt die Tradition – wahrscheinlich ohne es zu merken – zur Schau des Nous. Nur für ihn gibt es dieses und jenes Gesagte, die sich zu einem Gespräch formen, das ein objektiv existierendes Seiendes bildet.
AD: „Wenn ich kurz unterbrechen darf:
Der von Ihnen intendierte Wechsel der Wirklichkeit von der objektiven Welt zum subjektiven Leben entspricht also ganz einfach dem Verzicht auf den Nous sowie jeglichen Ersatz für ihn?“
Ja; aber dieser traditionelle Perspektivenwechsel ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er selbstverständlich zu sein scheint und deswegen zumeist unbemerkt bleibt.
Die Postmoderne erweist sich dagegen als viel sachlicher und verzichtet auf das traditionelle „Sein-Wollen wie Gott“:
Mein Sagen führt bei Ihnen zu Verstehungen – und ich habe keine Ahnung, welche es sind. Unser Verzicht auf den Nous bzw. das Gespräch als Seiendes bedeutet also, daß wir drei verschiedene Entitäten benötigen:
1. Meine Intention
Sie besteht in dem, was ich Ihnen sagen wollte, befindet sich nur in meiner Psyche und zählt zu meinen Wissungen. Es gibt nichts Gesagtes.
2. Ihre Verstehung
Sie bildet das glatte Gegenstück dazu; besteht in dem, was Sie verstanden haben, befindet sich nur in Ihrer Psyche und zählt zu Ihren Wissungen. Es gibt nichts Gehörtes.
3. Mein Sagen
Das ist die einzige Verbindung zwischen meiner Intention und Ihrer Verstehung; von ihr dürfte deutlich sein:
1. Diese Verbindung muß existieren, denn sonst wäre Ihre Verstehung ausgeschlossen.
2. Außerhalb der „Innen“ existieren traditionell nur Seiende, für uns also gar nichts.
3. Mein uns verbindendes Sagen kann folglich nur dem (mengentheoretischen) Durchschnitt unserer beiden „Innen“ angehören.
4. Wir hatten diese jeweils aus der Psyche und dem „Innen des Lebens“ zusammengesetzt.
5. Mein Sagen ist weder eine Wahrnehmung noch eine Wissung und gehört folglich Ihrem und meinem „Innen des Lebens“ an.
6. Deren Durchschnitt ändert jedoch nichts daran, daß ich keinerlei Zugang zu Ihrem Leben habe und widerspricht nicht der Annahme, das eigene Leben bilde meine gesamte Wirklichkeit.
| Ihr „Innen“ | mein „Innen“ | ||||
|
Ihre Psyche |
Durchschnitt |
meine Psyche |
|||
| der beiden „Innen | |||||
| (des Lebens)“ | |||||
| „Innen Ihres Lebens“ | „Innen meines Lebens“ | ||||
Abbildung 2.5.
Zusammengefaßt:
Wir snd miteinander verbunden in unseren „Innen des Lebens“, kennen aber beide nur jeweils den Teil davon, der dem eigenen „Innen“ bzw. Leben angehört.
AD: „Jetzt verstehe ich auch, weshalb unsere Wissungen tatsächlich keine Referenten benötigen:
Wir können uns zwar nicht (mehr) an einer Welt als dem uns vorgegebenen Lebens-Raum orientieren, haben aber trotzdem Verantwortung, Aufgaben oder Ziele. Das sind sogar traditionell Wissungen ohne Referenten; letztere sollen ja erst noch hervorgebracht werden.
Die Kehrseite dieser Medaille besteht freilich darin, daß wir nicht nur für unsere Absichten, sondern für all unsere Wissungen selbst verantwortlich sind; keine von ihnen ergibt sich aus ‚ihrem Referenten‘.“
Und das wird sogar verständlich, wenn wir davon ausgehen können, daß sämtliche Wissungen aus reflexiven oder präreflexiven Absichten hervorgehen und unsere „normalen“ Wissungen somit vergangenen, aber sedimentierten oder aufgehobenen Absichten entsprechen.
2.7. Entweder wahr / unwahr oder richtig / falsch
In der Moderne sind die Ideen zu Begriffen geworden, und damit die ehemaligen Ideale zu bloßen Denkwerkzeugen. Diese sollten nützlich, geeignet, hilfreich, fruchtbar, denkökonomisch oder ähnliches, können aber nicht einmal richtig sein.
Wenn also kritisiert wird, die Moderne kenne keine Wahrheit mehr und damit könne es ihr nur noch um irgendeinen ziellosen Fortschritt oder ähnliches gehen, läßt sich dem schwerlich widersprechen – sofern man den traditionellen Wahrheitsbegriff beibehält.
Das tun wir nicht, denn es
– ist nicht nur keine Selbstverständlichkeit, sondern
– wäre sogar widersprüchlich.
Die Wirklichkeit besteht für mich allein in meinem Leben, und was nicht wirklich ist, kann auch nicht wahr sein; „unwirklich“ und „wahr“ widersprechen sich. Dann stellt es einen Kategorienfehler dar, unsere Wissungen als wahr oder unwahr zu betrachten; sie können lediglich richtig bzw. falsch sein.
AD: „Nein; weil die Wissungen zu meinem Leben gehören, müssen sie mit diesem ebenfalls wirklich – und damit wahr bzw. unwahr – sein.“
Ich glaube, da denken Sie falsch.
Zu einer richtigen Aussage beispielsweise gehören Worte, die – vielleicht passend oder treffend – jedoch niemals richtig sind, obwohl es die richtige Aussage ohne sie nicht gäbe.
Besteht zwischen A und B – konkret: Leben und Wissen – ein entscheidender Unterschied, kommt es sehr leicht zu Mißverständnissen, wenn wir beiden die „gleiche“ Eigenschaft x (wahr) zuordnen, denn durch den Unterschied zwischen A und B ist es dann häufig nicht die gleiche. Benutzen wir jedoch x und ein anderes y, denkt die Sprache für uns mit.
Vor diesem Hintergrund definieren wir:
Mein Leben ist entweder wahr oder unwahr.
Die – ihm eo ipso zugehörenden – Wissungen sind richtig oder falsch. (Selbst das stimmt nicht immer; aber eine genauere Unterscheidung würde an dieser Stelle eher irreführen.)
Das ließe sich auch so formulieren:
Wichtig ist nicht,
– was wir wissen oder
– woran wir uns orientieren, sondern
– allein wie wir leben.
Es gibt demnach keine wahren Aussagen; weder Gesetze – des Rechts, der Mathematik, Logik oder Natur zum Beispiel – noch Dogmen der Theologie bzw. Ethik usw. Sie alle mögen sich als richtig oder falsch erweisen, und was diese Prädikate bedeuten, hängt vielleicht sogar vom Einzelfall, mit Sicherheit aber vom Anwendungsbereich ab. Es versteht sich von selbst, daß der Strafgesetzgebung ein anderer Begriff des Richtigen zugrundeliegen muß als der Mathematik, dem Sport oder Alltag.
AD: „Dann hat also alles, was wir denken oder sagen, nichts mit Wahrheit zu tun?“
Nicht unmittelbar, indirekt schon.
Mein Leben sollte wahr sein, und ist zugleich (für mich) das Einzige, was überhaupt wahr sein kann. Dazu gehört wesentlich mein Tun und speziell das Sagen.
Ist mein Leben wahr, so spielt es zum einen überhaupt keine Rolle, was ich – an bloß Richtigem bzw. Falschem – gedacht, geglaubt oder gewußt habe. Mehr als ein gelungenes, weil wahres Leben ist gar nicht möglich und kann insbesondere nicht durch ein paar richtige Aussagen überboten bzw. von falschen desavouiert werden.
Lebe ich die Liebe, spielt es absolut keine Rolle, ob ich beispielsweise (an) Gott als den Dreifaltigen glaube; letzteres ist nicht wahr, sondern richtig oder falsch – und damit in beiden Fällen nur sekundär.
Zum anderen bleibt aber natürlich auch unbestritten, daß sich meine Wissungen – Denkungen, Glaubungen oder Verstehungen – fundamental auf das Leben auswirken. Ihre Bedeutung
– kann also einerseits kaum überschätzt werden, obwohl
– wir andererseits soeben hoffentlich einsehen konnten, daß es nicht um die Wissungen – Denkungen, Glaubungen oder Verstehungen – als solche geht.
AD: „Das würde freilich bedeuten, daß ich niemals über die Wahrheit bzw. Unwahrheit bezüglich des Lebens einer anderen Subjektivität urteilen kann. Ich weiß doch höchstens ihre Handlungen, und das sind lediglich Wissungen.“
Ja; und dieses „anderen“ könnten wir sogar noch streichen; ich kann es auch bei mir selbst nicht.
Damit bestreite ich keineswegs, über ein unfehlbares Gewissen zu verfügen, lehne aber ganz entschieden die Selbstsicherheit ab, mit der (meines Erachtens zu) viele Zeitgenossen glauben, diese Stimme sauber von allen sonstigen „Einflüsterungen“ unterscheiden zu können.
AD: „Wenn Wissungen Ihnen zufolge gar nicht wahr sein können, akzeptieren Sie also die Relativismus-Vorwürfe der traditionell denkenden Konservativen, den Postmodernen seien sämtliche Aussagen gleich-gültig?“
In keiner Weise; der Fehler liegt aber bei den traditionell denkenden Konservativen, weil sie Aussagen für wahr oder unwahr halten.
Daß Christus uns durch seinen Tod am Kreuz erlöst hat, kann für mich jedoch prinzipiell keines von beiden sein. Das hat aber nichts mit einer „Diktatur des Relativismus“, sondern eher mit dem Bemühen, keinen Unsinn zu reden.
Zudem entspricht eine Aussage dem Gesagten und kommt somit in unserer „Trinität“ – Intention, Sagen, Verstehung – gar nicht vor. Sie ist ein Seiendes, und ich vermag nicht zu sehen, was unser Ablehnen einer Hinterwelt mit Relativismus zu tun haben könnte.
AD: „Ja; viele Beziehungen leiden darunter, daß man sich gegenseitig vorwirft ‚Du hast XYZ gesagt‘! Das ist postmodern ausgeschlossen, weil dieses XYZ nur eine Verstehung, aber kein Gesagtes sein kann.“
Es geht „nur“ um mein Leben, und dazu gehört auch das Sagen; beide sind wahr, sofern ich meinem Gewissen folge oder vorsichtiger: . . . sofern ich versuche, meinem Gewissen zu folgen; aber „Richter ist allein Gott“.
Der Fehler der Traditionell-Konservativen, die den obigen Vorwurf häufig erheben, besteht nicht darin, die Bedeutung von Wahrheit ernstzunehmen. Das tue ich auch, ist mehr als berechtigt und müßte eine Selbstverständlichkeit darstellen; nur Chaoten, Verführer oder Diktatoren dürften dem widersprechen (wollen).
Ihr Hauptfehler besteht vielmehr darin,
– die unumstrittene Wertschätzung und Notwendigkeit der Wahrheit
– mit der Anmaßung ihres Besitzes zu verwechseln und damit
– sein zu wollen wie Gott.
Hier
– wird der Anspruch, den die Wahrhet an uns stellt,
– mit unserem Anspruch auf ihre Verfügbarkeit vertauscht.
Ich bestreite
– zum einen, daß überhaupt irgendein Mensch die Wahrheit haben kann, und
– zum anderen, daß dies nötig wäre, um sie hochschätzen und als fundamental erachten zu können.
Auch Romeo und Julia glauben an die Liebe sowie die Opfer von Diktaturen an die Freiheit. Wer die Wahrheit
– angeblich verehrt oder vielleicht sogar mit Gott in Verbindung bringt und
– als endlicher Mensch trotzdem glaubt, sie zu besitzen,
widerspricht sich selbst, denn er
– muß die angeblich große Wahrheit sehr klein machen,
– um als der Wicht, der er ist, über sie verfügen zu können.
Die Kritiker widersprechen sich auch in einem zweiten Sinne selbst, denn sie verwechseln
– die allgemeine Wahrheit
– mit einem bestimmten und sehr speziellen Wahrheits-Verständnis.
Es ist schon sehr skurril, die Wahrheit
– als ewig gültig zu behaupten und
– ihr Verständnis zugleich an den speziellen Zeitgeist von Antike und Mittelalter zu binden.
Darin besteht ganz simpel ein Denkfehler, und in dessen Korrektur nicht das Ende der Wahrheit.
Zudem halte ich das vormoderne Wahrheits-Verständnis für „unmenschlich“:
Die Anführungsstriche sind wichtig, denn ohne die Idee des Menschen entfällt das Unmenschliche der Tradition ebenso wie ihr Menschliches.
Ein Denkmodell ist „unmenschlich“, wenn auf seiner Grundlage ein anderer die Funktion meines Gewissens übernehmen oder an dessen Stelle treten kann.
Das heißt, wenn irgend jemand beweisen oder auch nur glaubhaft behaupten kann, die objektiv-wirkliche Idee oder das Wesen des Menschen zu kennen, und mir damit vorschreiben darf oder gar soll, wie ich angeblich als wahrer Mensch zu leben habe.
Ich allein bin dafür verantwortlich, daß mein Leben wahr wird. Natürlich kann ich andere um ihren Rat beten. Aber meine Verantwortung endet nirgends; zu ihr gehören also auch meine Entscheidungen, wen ich frage und ob ich den erhaltenen Antworten folge.
Das entspricht vollkommen der Aufgabe des Gewissens, das ohne objektive Wirklichkeit zu unserem einzigen Fixpunkt wird.
Aber mein Gewissen sagt mir selbst und nicht Frau Schulze, was ich tun sollte.
Verstehen wir es ganz „fromm“ als eine Stimme, die letztlich irgendwie von Gott kommt, so kann ich dies höchstens daran erkennen, daß er mir seine Erwartungen selbst persönlich mitteilt und nicht durch Herrn Müller mit freundlichen Grüßen überbringen läßt. Andernfalls könnte sich jeder damit aufspielen, mir den Willen Gottes mitteilen zu dürfen, können oder gar sollen.
Hier liegt, meiner festen Überzeung nach, ein sehr schlimmer Fehler des katholischen Kirchenverständnisses. Das akzeptiert – zum Glück – kein denkender Mensch mehr, sondern ist ein Überbleibsel feudalistischer Gesellschaftsstrukturen.
AD: „Worin das ‚Menschliche‘ bzw. ‚Unmenschliche‘ in einer konkreten Situation besteht, stimmt also in den beiden Modellen möglicherweise sogar überein; mit Sicherheit differieren sie jedoch in ihren Begründungen.“
Das ist richtig; wir sollten die eigene Verantwortung für unser Leben anerkennen und endlich aufhören,
– uns hinter einer angeblichen Idee des Menschen zu verstecken oder
– einer solchen Schablone anzupassen und damit
– falschen Idealen nachzujagen,
– nur um unsere Verantwortung auf das – anhand der Idee bzw. Schablone – Kontrollier-, Überschau- und Machbare begrenzen zu können.
Sie sind Sie, und ich bin ich; uns verbindet keine gemeinsame Idee, sondern wir stellen zwei – nicht nur Einzelne, sondern sogar – Einzige dar. Der Eiffelturm ist ein Einzelner; Sie und ich sind Einzige.
Jedes Subjekt hat die Aufgabe, ganz es selbst zu werden, seine Talente zu entfalten, damit die eigene Einzigkeit auszudrücken und so seine Wahrheit zu finden; eine andere gibt es meines Erachtens nicht.
Jean Paul Sartre faßte dies in die Worte, daß „die Existenz vor der Essenz kommt“.
Nach allem bisher Gesagten gefällt mir seine Formulierung natürlich nicht besonders; aber mit Sartres‘ Intention kann ich mich identifizieren:
Ich lebe und bestimme mich in meiner Freiheit zu einem einzig(artig)en Selbst. So sollte ich nicht sein – von wem auch auch? –, aber damit bin ich identisch, weil ich selbst mich dazu bestimme. Und ich kann nur mit dem identisch sein, wozu ich mich selbst bestimme; ein „fremdbestimmtes Selbst“ ist ein Oxymoron oder logischer Widerspruch.
Gott könnte völlig problemlos Seiende schaffen – aber kein Selbst; würde er es schaffen und nicht ich selbst, wäre es ein Seiendes, aber kein Selbst.
Für die Einzigkeit der Subjektiität bietet weder die moderne noch die vormoderne Tradition Raum.
Unter der Überschrift „Person“ fand dieser Gedanke durch das Christentum Einlaß in die Geschichte:
– „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ und
– sage nicht „Hallo, Menschen“ ließe sich passend ergänzen.
Aber das Konzept der Person konnte sich bisher nicht gegen die starke Tradition der Seienden bzw. des Nous durchsetzen. Wenn sie in der Postmoderne wegfällt, erhält die persönliche Freiheit als eigenverantwortliche Sebstbestimmung hoffentlich eine neue Chance.
Emmanuel Levinas sieht unsere diesbezüglichen Schwierigkeiten vor allem darin begründet, daß der traditionelle Ansatz totalitär ist. Eines seiner beiden Hauptwerke trägt dementsprechend den Titel „Totalität und Unendlichkeit“, wobei der zweite „Begriff“ für den Anderen bzw. die andere Subjektivität steht.
Die Totalität des traditionellen Denkens entspricht der Schau des Nous; sie ist grenzenlos oder vereinnahmt alles, so daß der „Andere“ kein Anderer sein kann, sondern exakt so geschaut wird wie ich.
Nicht „Ich ist ein anderer“ (Arthur Rimbaud), sondern der Andere ist auch nur ein Ich, und wir sind beide jeweils unser Körper.
Das traditionelle Denken
– objektiviert den Anderen ebenso wie mich, das heißt, reduziert uns beide auf bloße Objekte,
– die vielleicht marktschreierisch „Subjekte“ genannt werden, aber
– in Wirklichkeit von der Totalität in ihrer Einzigkeit getötet wurden.
Der „Tod des Subjekts“ ist Levinas zufolge also das Resultat des traditionellen Denkens. Damit steht er zumindest diesbezüglich in der Nachfolge von Heidegger, für den die abendländische Metaphysik mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts möglicherweise ihren „Höhepunkt“ und damit ihr Ende erreicht hat.
Aber wenn Levinas das richtig sieht, ist das geflügelte Wort vom „Tod des Subjekts“ natürlich nicht ganz passend:
Was niemals gelebt hat, kann auch nicht sterben.
Die Tradition kennt kein Leben, sondern benutzt nur pathetisch-hochtönend große Worte, wenn sie behauptet, ihre Subjekte besäßen ein „Innen“ und würden leben.
Ich hoffe, daß die Postmoderne versucht, nach dem „Tod des Subjekts“ das Leben von Subjektivitäten zu denken.
2.8. "Axiomatischer" Ausgangspunkt
Anstelle einer Zusammenfassung dieses zweiten Teils versuche ich Prämissen anzugeben, von denen Sie beim eigenen Überlegen jederzeit ausgehen können, um unseren Ansatz selbständig weiterzudenken.
Das sind keine Axiome; diese kennen wir praktisch nur von der Mathematik her. Dort handelt es sich um willkürliche (widerspruchsfreie) Setzungen, aus denen die verschiedenen Mathematiken hervorgehen.
Von Beliebigkeit oder Willkür kann bei uns und darf in der Philsophie keine Rede sein. Ich habe versucht, Prämissen zu finden,
– die möglichst wenige Glaubenbekenntnisse enthalten und
– deren Konsequenzen den Erfahrungen meines Lebens gerecht werden.
Bessere Kriterien kann ich mir nicht vorstellen.
AD: „Damit gelangen wir wieder an einen Punkt, bei dem ich schon des öfteren nachfragen wollte.
Das Wort „Glaubensbekenntnisse“ kommt bei Ihnen relativ häufig vor; für mich bildet es einen Begriff aus der Sprache der Religion, aber das scheint bei Ihnen keine Rolle zu spielen; Sie glauben auch, daß es keine Seienden gibt.“
Alle – sowohl immanenten als auch transzendenten – Seienden gehören der Hinterwelt an.
Das spricht
– nicht dagegen, zwischen Immanenz sowie Transzendenz zu unterscheiden,
– sehr wohl aber gegen sämtliche Seienden.
Sie alle – und nicht nur die transzendenten Seienden – bilden eine Sphäre,
– die es nur für das traditionelle Denken gibt und
– die man entweder blind glaubt oder eben nicht.
Bei uns geht die Immanenz kontinuierlich in die Transzendenz über, so daß beide sowohl gewußt wie auch geglaubt werden können; es hängt im wesentlichen von uns ab, welchen Begriff wir im Einzelfall jeweils bevorzugen. Ich
– glaube beispielsweise, daß Wissungen keine Referenten besitzen, und
– weiß, daß es ohne Transzendenz auch keine Immanenz geben kann, weil aus nichts auch nichts wird.
AD: „Sie wenden sich gegen den Glauben an Hinterwelten, halten aber den Unterschied zwischen Immanenz und Transzendenz bei. Worin besteht er dann?“
Alle Wissungen sind nicht nur ausnahmslos immanent oder diesseitig, sondern in ihrer Gesamtheit – als Wirklichkeits-Bild – konstituieren sie sogar das Diesseits. „Transzendentes Wissen“ oder die „Transzendenz als Wissen“ sind Un-Begriffe, so daß die Transzendenz nur als integraler Teil unseres eigenen Lebens auftreten kann.
Und hierbei unterscheidet sie sich von der Immanenz durch die ihr fehlende Falsifizierbarkeit; die Transzendenz läßt sich nicht widerlegen. Sollte es im Falle A gelingen, war A nicht transzendent, sondern widersprüchlich.
Die Verifizierbarkeit habe ich zunächst übergangen, weil sie sowohl bei der Immanenz als auch bei der Transzendenz entfällt. Beweisen läßt sich natürlich nichts, denn jeder „Beweis“ ist an die Kontingenz unseres Wirklichkeits-Bilds gebunden, weil wir nur innerhalb von ihm denken können.
AD: „Aber das gilt doch ebenso für die Widerlegung.“
Weitestgehend haben Sie Recht.
Wenn Moritz beispielsweise vor der Alternative steht, daß der Kosmos
– entweder unendlich groß sein
– oder Grenzen besitzen muß,
ergibt sich diese Schlußfolgerung aus seinem Weltbild, das keine gekrümmten Räume kennt. (Denken Sie zur Veranschaulichung an die „Kugeloberfläche“ als einen zweidimensionalen gekrümmten Raum, die dann natürlich keine Kugeloberfläche darstellt:
Dieser Raum ist endlich, obwohl er keine Grenzen besitzt.)
Moritz‘ Überlegung kann – je nach Absicht –
– sowohl als Beweis der Behauptung „Was keine Grenzen hat, muß unendlich sein“
– wie auch als Widerlegung der Annahme „Was endlich ist, muß Grenzen haben“ verstanden werden.
Im Rahmen seines Weltbilds; so symmetrisch verhält es sich jedoch nicht immer, und deswegen haben Sie nur weitestgehend Recht:
Logische Widersprüche sind Widerlegungen, die nicht vom konkreten Weltbild abhängen und somit immer ad absurdum führen. A kann beispielsweise nicht zum gleichen Zeitpunkt die Eigenschaften x und non-x besitzen. Manche Logiker sagen deshalb, ihre Wissenschaft „gelte in allen möglichen Welten“.
Wir glauben in der Immanenz viele Sachverhalte, die notwendigerweise unbewiesen sind, und lehnen eine Unmenge von Angeboten ab, obwohl sie nicht widerlegt wurden; allein schon aus Zeitgründen kommen wir gar nicht anders zurecht. Aber das ist lediglich ein praktisches Problem; wir müssen entscheiden, was uns an der Immanenz wichtig ist.
Bei der Transzendenz stellt sich diese Frage gar nicht; sie – die Transzendenz – kann uns nur en bloc, als Ganzes oder Einheit begegnen; ein bißchen Transzendenz geht nicht.
AD: „Warum nicht?“
Die Tradition geht davon aus, daß
– die Transzendenz beliebig viele Seiende A, B, C, . . . enthält und
– wir ihnen auch Namen verleihen könnten; „Gott“, „Engel sowie „Teufel“ beispielsweise.
Dagegen erhebt die Postmoderne Einspruch:
Zum einen muß notwendigerweise bereits von der Transzendenz wissen, wer dort (mehrere) Seiende lokalisiert.
Zum anderen fügen die Namen diesem Wissen nur dann nichts hinzu, wenn sie völlig nichtssagend sind – „Seindes Nummer 8“ beispielsweise –, was sich bei „Gott“, „Engel“ und „Teufel“ gewiß nicht behaupten läßt.
Die Tradition weiß also von der Transzendenz und muß sich deshalb die Frage gefallen lassen, was diese überhaupt noch von der Immanenz unterscheidet.
Postmodern gibt es
– nicht nur kein Wissen von der Transzendenz – oder wovon auch immer –, sondern auch
– nicht die Transzendenz als Wissen oder Wissen namens „Transzendenz“.
Innerhalb des Nicht-Wissens
– gibt es jedoch keine Negation, so daß
– wir A nicht von B unterscheiden können, denn
– der Unterschied würde voraussetzen, daß A = non-B und B = non-A ist.
Nicht jedes Wissen macht einen Unterschied, aber
es gibt keinen Unterschied ohne Wissen;
Unterschiede sind eo ipso gewußte Unterschiede.
AD: „Aber das würde doch bedeuten, daß der Dalai Lama oder der Papst und ich die gleichen Transzendenz-Erfahrungen hätten?“
Entschuldigung; da habe ich mich mißverständlich ausgedrückt.
Ob und gegebenenfalls wie tief wir die Transzendenz erfahren, hängt von uns selbst bzw. unserem bisherigen Leben ab. Eine Skalierung, die bei 0 beginnen könnte, müßte wohl nach oben offen sein, und da bin ich mir sehr sicher, daß Papst und Dalai Lama weit über mir stehen.
Mein Anliegen soeben bestand jedoch darin, daß – vollkommen unabhängig von diesem Niveau – die Erfahrung der Transzendenz immer nur eine Einheit darstellen kann oder integral bzw. ganzheitlich sein muß.
Nun endlich zu unseren „Axiomen“.
1. Es git keine Seienden.
2. Damit entfallen sämtliche Referenten unserer Wissungen.
3. Ohne alles Wissen von . . . besteht die einzige Wirklichkeit, die es für mich gibt, in meinem Leben, denn für jede Entität gilt:
– Entweder sie gehört zu meinem Leben,
– oder ich weiß von ihr.
4. Mein Leben erstreckt sich nicht in der „vergehenden Zeit“ der Tradition, sondern gehört dem Jetzt der noch unbekannten postmodernen Zeit an.
5. Es gibt das Leben nur als Vollzug oder Ereignis; es ist nicht, sondern geschieht.
6. Die „vergehende Zeit“ vergeht nicht, sondern bildet die Synchronie, mit deren Hilfe wir unsere Aktanten sortieren.
7. Ihr Pendant bildet der Raum, der als Zwischenraum fungiert, um die Sehungen voneinander zu trennen.
8. Wir Subjektivitäten leben somit alle in unserem jeweiligen Jetzt, aber nicht im Raum. Dort vertritt uns lediglich der eigene Körper.
9. Da er erst durch das Sehen entsteht – wie dies möglich ist, bleibt noch offen –, bündeln sich in unserem Körper die für das Sehen notwendigen Voraussetzungen.
10. Sämtliche Wissungen sind immanent.
11. Innerhalb unseres Lebens unterscheidet sich die Transzendenz von der Immanenz durch ihren prinzipiellen Entzug oder ihre Unverfügbarkeit; wir können sie weder beweisen noch widerlegen.
3. Kritik des traditionellen Denkens der Moderne
Der Vollständigkeit und Systematik wegen haben wir bisher sowohl die immanenten nicht-materiellen als auch die transzendenten Seienden mit berücksichtigt; beispielsweise Gerechtigkeit und Schönheit in der Welt oder Gott und den Teufel in der Überwelt. Bei diesem dritten Teil beschränken wir uns jedoch auf die materiellen Seienden des physikalischen Kosmos.
Zum einen kann ich mich dann häufig unkomplizierter, aber trotzdem verständlicher ausdrücken, indem wir beispielsweise einfach von der Materie sprechen, und zum anderen will ich Sie überzeugen, daß keinerlei Seiende existieren. Wenn mir das bei Sonne, Mond und Sternen gelingt, glauben Sie mir vielleicht ohnehin, daß es auch keine ideellen Seienden gibt.
Sämtliche Seienden befinden sich außerhalb der Psyche und können dadurch prinzipiell nicht gewußt werden.
Die Tradition ignoriert letzteres; für sie sind die Seienden wißbar oder bilden das potentiell Gewußte. Zum aktual oder wirklich Gewußten werden sie dadurch, daß wir sie wahrnehmen, das heißt, als sinnliche Abbilder in unserer Psyche darstellen.
Wegen dieses Widerspruchs sprechen wir von einer Hinterwelt: Die Tradition weiß angeblich, was sie ihren eigenen Voraussetzungen zufolge unmöglich wissen kann.
Die Postmoderne löst diesen Widerspruch oder ist nicht mehr hinterwäldlerisch, indem sie ausnahmslos alle Seienden streicht.
Ganz deutlich formuliert, damit tatsächlich sämtliche Mißverständnisse ausgeschlossen sein sollten, heißt das:
– Aus unserer postmodernen Sicht existiert kein seiender Gott,
– aber ebenso natürlich auch kein seiender Kosmos.
Meine Aversionen beziehen sich nicht auf die Transzendenz, sondern auf die Hinterwelt.
Entsprechen die Abbilder ihren Urbildern, müssen sie in den verschiedenen Psychen auch untereinander übereinstimmen und damit intersubjektiv sein.
Die inadäquaten „Abbilder“ sind zwar keine Ab-, sondern lediglich Trugbilder, gehören aber dennoch unserer Psyche an.
Das führt wieder zu meinem Igel-Problem:
Wie sollen wir die Ab- von den Trugbildern unterscheiden, wenn sich die Seienden außerhalb der Psyche befinden und uns dadurch prinzipiell nicht zugänglich sind?
Natürlich existieren ungezählte „Sonder-Bilder“, denn nicht hinter allen Wahrnehmungen stehen Seiende, so daß sie weder Ab- noch Trugbilder darstellen können. Die wenigsten Menschen werden Lichtreflexe, Regenbögen, Schatten, Strömungen, Strudel oder ähnliches in diesem Sinne verstehen.
Aber behaupten läßt sich die Existenz von Seienden natürlich immer; weshalb sollte gerade jene Spiegelung dort keine Abbildung darstellen?
AD: „Weil sie im nächsten Augenblick schon wieder weg ist.“
Also sind Blitze, Explosionen, Meereswellen oder Wirbelstürme auch keine Seienden?
Diese Gedanken nehmen wir konstruktiv in unsere Kritik auf:
Die Existenz von Urbildern als Basis unserer Wahrnehmungen
– läßt sich nicht nur stets behaupten – auch wenn sie nicht vorliegt –, sondern
– wird immer lediglich behauptet – und liegt nie vor.
Es gibt keinerlei Seiende; hinter Baum-Wahrnehmungen ebensowenig wie hinter den zugehörigen Schatten-Wahrnehmungen.
Wir bestreiten natürlich weder die einen noch die anderen Wahrnehmungen; ansonsten könnten Sie mein Buch mit Recht als „Unsinn“ zur Seite legen. Aber ganz so einfach mache ich Ihnen einen gerechtfertigten Aussstieg doch nicht. Ich leugne nur die Existenz der Hinterwelten, die Sie ebensowenig erleben wie ich (aber möglicherweise noch glauben).
Daß wir damit (im vierten Teil) vor der Aufgabe stehen, sowohl die Baum- als auch seine Schatten-Wahrnehmungen ohne urbildliche Bäume bzw. Schatten erklären zu müssen, versteht sich von selbst.
AD: „Beim Schatten muß ich ihnen widersprechen.
Die Tradition benutzt den Ur-Baum natürlich primär, um unsere Baum-Wahrnehmungen zu erklären. Aber zugleich lassen sich doch mit ihm durch seine Unterbrechung der Ur-Lichtstrahlen auch die Baumschatten-Wahrnehmungen verstehen.“
Nein; das wäre meines Erachtens ein, freilich sehr weit verbreiteter, Denkfehler:
Wir erklären kausal, daß der Baum einen Schatten wirft; das ist Naturwissenschaft.
Auf dieser Ebene läßt sich freilich auch der Baum selbst verstehen; er wurde einmal gepflanzt, ist tüchtig gewachsen und dominiert jetzt den Garten.
Das interessiert die Philosophie beides nicht; sie will nicht kausal, sondern prinzipiell erklären; sie sucht hinreichende Gründe, aber keine notwendigen Ursachen.
Werden diese beiden Ebenen vermischt, indem wir vom Ur-Baum zum Baum philosophisch denken und von diesem zu seinem Schatten physikalisch, entsteht ein einziges Tohuwabohu, das mit Denken nicht mehr viel zu tun hat.
Den entsprechenden theologischen Kagorienfehler begehen traditionell eingestellte Gläubige, wenn sie beispielsweise Krankheiten oder Kriege als Strafe Gottes ausgeben und diesen dadurch auf der Ebene eines Virus bzw. Machthabers verorten.
Da die Tradition an den physikalischen Kosmos als eine (erfundene) Hinterwelt glaubt, steht sie vor dem gewaltigen Problem, daß wir Subjekte
– gemessen an diesem Kosmos einerseits pure Nichtse sind,
– andererseits aber in unserem Leben einen Sinn suchen (müssen).
Ich bezweifle ernstlich, daß sich dieser Widerspruch „Sinn tragender Nichtse“ auflösen läßt. Er resultiert einfach daraus, daß von der Tradition
– auch das großartigste Innen als unwirklich erachtet und damit
– dem zwar toten, aber dennoch als wirklich geltenden Kosmos untergeordnet wird.
Mir sind hingegen meine Wünsche, Sorgen, Hoffnungen oder Freuden wesentlich wichtiger als alle Schwarzen Löcher, Roten Riesen, Weißen Zwerge und farbigen Quarks zusammen.
Meine Bauchschmerzen sind zwar „nur“ subjektiv, aber trotzdem wirklich, weil sie mir nahegehen oder mich betreffen.
Daß der Pluto fünf Monde besitzt, ist (möglicherweise) richtig, hat aber mit meinem Leben auch nicht das Geringste zu tun. Was wäre daran anders, wenn er nur vier hätte? Bekäme ich dann Bauchschmerzen?
Die Seienden sind zwar widersprüchlich, aber wir können sehr wohl nachvollziehen, wie die Tradition trotzdem auf die Idee ihrer Existenz kommen konnte:
Meine unbestreitbare Sonnen-Wahrnehmung läßt sich gewiß am einfachsten erklären, wenn wir sie als Abbild einer Ur-Sonne verstehen.
Das überzeugt mich aber gar nicht, denn mit dem gleichen Recht könnten wir auch argumentieren:
Meine unbestreitbare Sonnen-Wahrnehmung wäre ausgeschlossen, wenn ich nicht leben würde; mit dieser Logik müßten wir sie an mein Leben binden.
AD: „Ich verstehe; für Sie sind die Wahrnehmungen grund-legend wichtig, weil bei ihnen noch offen ist, nach welcher Seite sich das Wirklichkeits-Bild entwickelt; etweder zur objektiven Welt hin oder zu meinem subjektiven Leben.“
Die Tradition will ersteres; sie möchte wissen, wie es „wirklich“ oder für den Nous ist; dann sind wir natürlich pure Nichtse im Kosmos. Das führt zu einer entsprechenden Philosophie, die sich maßgeblich in der modernen Physik fortsetzt.
Postmodern bestreiten wir den Kosmos nicht, sondern sagen lediglich, daß er ohne uns nicht möglich wäre; aus den Seienden an sich werden Aktanten für uns.
Damit ändern wir die Form oder Struktur des Kosmos nicht im geringsten; ich habe doch keinerlei Schwierigkeiten mit der modernen Physik oder deren Gesetzen. Natürlich mit ihrer traditionellen Interpretation, derzufolge unsere Physik von einer bloßen Hinterwelt handeln müßte.
Das tut sie natürlich nicht; in ihr kommen nur Wissungen vor, die – wie immer bei uns – keinerlei Referenten besitzen und damit insbsondere auch keine – als Seiende – in der Hinterwelt.
Wir haben bisher immer nur den einen Widerspruch der Tradition betrachtet, daß ihre Seienden
– sich außerhalb der Psyche befinden und
– trotzdem erfahren, wahrgenommen, erkannt oder gewußt werden können.
Es gibt jedoch noch einen zweiten, ebenso eklatanten Widerspruch:
Die Tradition betrachtet die Seienden – all unserem Handeln zum Trotz – im Kern als vorgeben und damit als unverfügbar.
Würde das stimmen,
– könnten wir absolut nichts tun, denn wir handeln ja der Tradition zufolge notwendigerweise an Seienden, und damit
– wäre Freiheit ausgeschlossen.
Ich kann mir dieses hanebüchene Vorurteil nur so erklären, daß ursprünglich die Himmelskörper als Paradebeispiele der Seienden galten; fremde Galaxien sind uns ja heute noch unverfügbar vorgegeben. Beim Mond stimmt dies jedoch bereits nicht mehr; wir haben ihm zum Beispiel schon Bodenproben entnommen.
Die Grenze zwischen Verfügbar- und Unverfügbarkeit der Seienden verschiebt sich also zugunsten der ersteren.
Die Bodenproben stammen selbstverständlich vom Ur-Mond, und im Fernsehen konnten wir Abbilder ihrer Entnahme verfolgen.
Sind die Seienden nicht mehr „ewig“ oder unverfügbar, erhebt sich natürlich die Frage, was sie – außer ihrer unselig-hinderlichen Verdopplung in Ur- und Abbild – überhaupt noch von Aktanten unterscheidet.
3.1. Von der objektiven Welt der Seienden zur subjektiven Welt der Aktanten
Der Übergang vom Mittelalter zur Moderne hat das traditionelle Denken kaum berührt. Die Erde beispielsweise blieb objektiv-real, und es wurde lediglich aus der wirklichen Scheibe eine wirkliche Kugel.
Nun dürfen wir uns freilich nicht vorstellen, die Physiker der beginnenden Moderne hätten das alte Trugbild der Erdscheibe mit der objektiv-realen Erde verglichen, den bisherigen Fehler erkannt und daraufhin das falsche Scheiben-Bild durch das richtige Kugel-Bild ersetzt.
Das ist ausgeschlossen, weil es keine objektiv-reale Erdkugel gibt. Schon zu Beginn des ersten Teils hatten wir gesehen, daß sich die Dreckkugel, auf der wir möglicherweise leben, prinzipiell nicht von einer Hohlkugel, in der wir ebenfalls leben könnten, unterscheiden läßt. Was soll dann die objektiv-reale Erde sein?
Ich stelle mir das damalige Geschehen vielmehr folgendermaßen vor:
Galileo Galilei und seine Kollegen sind bei ihren Naturbeobachtungen auf eine wachsende Zahl von Schwierigkeiten gestoßen, wenn sie sich die Erde als eine Scheibe dachten. Es existierten gewiß mehrere Wege, um die sich ergebenden Probleme zu lösen; einer von ihnen bestand darin, das alte Erd-Modell zu korrigieren und es statt der Scheibe mit einer Kugel zu versuchen.
Bei einem solchen Umdenken kam der Unterschied zwischen Tradition und Postmoderne noch gar nicht vor.
Traditionell
– handelt es sich stets um unwirkliche Modelle
– von der objektiv-realen Erde als einem wirklich Seienden.
– Die Modelle gehören – nicht der objektiven Welt, sondern – nur dem subjektiven Weltbild an,
– sollen sich im Verlaufe der Forschung immer stärker an die wirkkliche Erde annähern und
– werden im asymptotischen Grenzfall als deren adäquate Repräsentation ebenfalls „objektiv“.
Postmodern
– sind unsere Modelle dagegen wirklich, denn
– sie besitzen kein Wovon bzw. keinen Referenten.
– Die Modelle können sich also weder auf etwas beziehen noch an etwas annähern; vielmehr
– bilden sie selbst die subjektive Welt und
– können somit gar nicht objektiv, sondern nur mehr oder weniger und damit partiell intersubjektiv sein.
An der soeben bereits wiederholten Stelle des ersten Teils hatten wir uns Bahnkurven von Himmelskörpern angeschaut und (hoffentlich) eingesehen, daß diese keine Seienden darstellen können.
Verfolgen wir jedoch an einem warmen Abend im Gras liegend die Bahn des Mondes, läßt sich schwerlich leugnen, daß dort ein stabiler Mond seine Kreise zieht. Ich bestreite also nicht ihn, sondern lediglich daß es sich dabei um ein Seiendes handeln soll, denn
– Seiende(b) existieren ohne den Nous gar nicht,
– Seiende(u) sind prinzipiell unerkennbar, und zudem
– weiß niemand, worin ihre Existenz bestehen sollte.
Sämtliche vernünftigen Gründe sprechen also dafür, alle Seienden zu streichen.
Aber nichtsdestotrotz bewegt sich dort auf einer – sogar schon im Voraus unglaublich genau berechenbaren – Bahnkurve der Mond. Er ist kein Seiendes, sondern per definitionem (im Anschluß an Bruno Latour) ein Aktant.
AD: „Vielleicht sollten Sie nochmals ganz allgemein definieren, was wir darunter verstehen.“
Ja, gerne; Aktanten sind Wissungen oder Modelle; diese beiden Begriffe betrachten wir als synonym.
Als solche
– sind die Aktanten das Resultat unseres bisherigen Lebens und somit
– subjektiv bzw. partiell intersubjektiv, so daß sie sich
– (nur) zu einer subjektiven Welt formen können.
AD: „Ich glaube, so einfach geht das nicht.
Wissen bzw. Modelle sind rein geistig; traditionell stehen ihnen die wirklichen Seienden gegenüber. Es mag ja sein, daß zwischen beiden Seite stets etwas gemauschelt und nicht sauber genug unterschieden wurde.
Aber das ändert nichts daran, daß Geistiges
– nicht unmittelbar, sondern
– nur indirekt über uns wirken kann.
Wenn sich beispielsweise Seiende namens ‚Billardkugeln‘ stoßen und Sie machen aus ihnen Aktanten, müssen wir das Stoßen streichen, denn Wissen tut soetwas nicht.“
Ich bin überzeugt, daß es so einfach geht.
Betrachten wir als Beispiel den Alpha Centauri; das ist Wissen, ein Modell oder Aktant. Durch das Teleskop, wird erkenntlich, daß es sich bei ihm um ein Doppelsternsystem handelt. Wir können diesen Alpha Centauri also aus vier einzelnen Aktanten zusammensetzen;
– Sonne(1),
– Sonne(2),
– Wirken von Sonne(1) auf Sonne(2) und
– Wirken von Sonne(2) auf Sonne(1).
Nun wird vielleicht schon deutlich, wo ich hin will:
– Wissen wirkt zwar nicht aufeinander, haben Sie gesagt,
– aber daß das Wirken ein Wissen sein kann, werden Sie doh kaum bestreiten.
AD: „Wenn das Wirken ein Wissen ist,
muß dieses Wissen also im Umkehrschluß ein Wirken sein . . .
Warum war ich mir trotzdem so sicher, daß Wissen nicht wirken kann?“
Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf; der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir beachten, daß sich der Wissens-Begriff beim Übergang von der Tradition zur Postmoderne radikal wandelt:
Das Wissen(t) ist Wissen von Referenten; dann ist klar, daß nicht das Wissen, sondern seine Referenten wirken.
Das Wissen(p) ist dagegen Wissen ohne Referenten; dann ist gar niemand anders mehr da, der wirken könnte, als das jeweilige Wissen selbst.
Ich hätte also deutlicher schreiben müssen:
– Wissen(t) wirkt natürlich nicht aufeinander,
– aber wenn das Wirken kein Wissen(p) wäre, wüßten wir gar nichts davon.
| Seiende | Aktanten | ||
| stabil | stabil | ||
| objektiv | subjektiv | ||
| an sich |
für mich | ||
| sind / existieren | ich weiß | ||
| können gewußt werden | sind Wissen | ||
| Referenten | ————- | ||
| wirken aufeinander | wirken aufeinander | ||
| ∋ | + | ||
| wirken auf mich | wirken auf mich |
Abbildung 3.1.-1
AD: „Jetzt verstehe ich auch, was Sie oben zu Wittgensteins Sprachspielen sagten:
‚Wer nicht glaubt, daß der Eiffeltum in Paris steht,
– leugnet also keine objektive Realität, sondern
– verläßt unsere Sprachspiel-Gemeinschaft.‘
Bestimmte zusammengehörige (Gruppen von) Aktanten entsprechen der Intersubjektivität, auf die sich eine Sprachspiel-Gemeinschaft geeinigt hat.
Die Tradition begeht seltsamerweise immer wieder den Fehler, solche relativen, weil mentalitäts-, zeit- und ortsbedingten kontingenten Übereinstimmungen zu objektiven An-sich-‚Wahrheiten‘ zu verabsolutieren.“
AD: „Jetzt steht der Eiffelturm eben in Paris, aber theoretisch hätte sich die Sprachspiel-Gemeinschaft auch auf Rom verständigen können.“
Nein, das wäre ein grobes Mißverständnis! Absprachen im Sinne von bewußten Übereinkünften oder Beschlußfassungen sind, wenn überhaupt, bestenfalls als extreme Grenzfälle denkbar. Die Sprachspiele stehen der Wirklichkeit nicht als das andere gegenüber – wie dies traditionell die Sprache tut –, sondern bilden einen integralen Teil der einen und einzigen Wirklichkeit, die sich einheitlich entwickelt.
Genau deswegen hat Wittgenstein die Sprachspiele eingeführt; er wollte damit die angebliche Unwirklichkeit der traditionellen Sprache korrigieren. Sprachspiele können nicht als deren Anwendungen verstanden, weil sie der Wirklichkeit angehören und ihr nicht gegenüberstehen.
AD: „Ich glaube, Sie zu verstehen, erkenne aber noch nicht, wieso dieser prinzipielle Unterschied zwischen Aktanten und Seienden daraus resultieren soll, daß letztere als objektiv vorgegeben betrachtet werden, während die Aktanten nur subjektives Wissen sind.“
Stellen wir uns vor, Sie frühstücken im Garten und sehen, wie der böse Hund des Nachbarn Ihre liebe Katze jagt.
H → K
Im Sinne der Tradition mit ihrem Glauben an Seiende ist diese Symbolik jedoch falsch.
Wir Menschen verfügen über ganz bestimmte, artspezifische Sinnesorgane und nur mit ihnen können wir wahrnehmen. Im Vergleich zu Fledermäusen, Bienen oder Maulwürfen wird sehr deutlich, daß all unsere Wahrnehmungen den Stempel „menschlich“ tragen. Wir sehen also niemals – neutrale Abbilder der – Urbilder, sondern immer nur „menschlich“ verfremdete und hätten deshalb besser schreiben sollen:
H(M) → K(M)
H(M) und K(M) bedeuten die Abbilder, die wir Menschen von Hunden H bzw. Katzen K sehen. Damit berücksichtigen wir den möglichen eigenen Beitrag zu all unseren Wahrnehmungen, von dem im ersten Teil bereits die Rede war.
AD: „Das ist irre! Wir identifizieren die menschliche Wahrnehmung H(M) eines Hundes H mit dem Hund H und erklären jene damit zu einem Seienden. Warum eigentlich gerade die menschliche Wahrnehmung?“
Ja; wir schauen in den Spiegel und betrachten diese Wahrnehmung als ein adäquates Abild von uns. Das hatten wir bereits unter naivem Realismus eingeordnet.
Die rechte Seite ist immer noch falsch, denn unsere Hundewahrnehmung H(M) rennt nicht unserer, sondern ihrer Katzenwahrnehmung nach, das heißt, demjenigen, was der Hund dort sieht, wo sich unsere Katzenwahrnehmung befindet.
H(M) → [K(M)](H)
Rechts geht es schwerlich weiter; Hundewahrnehmungen sind uns nicht zugänglich.
Aber um die linke Seite ist es kaum besser bestellt:
Dort steht, wie Hunde von Menschen wahrgenommen werden; das ist kein Problem und zeigt sich beim Spazierengehen.
Aber an die beiden Protagonisten dieser Wahrnehmungen – M und H – kommen wir nicht heran; selbst jedes M müßten wir doch durch M(M) {bzw. besser M(M) ?} ersetzen, weil wir auch uns selbst nur „menschlich“ wahrnehmen können.
Was ist ein Mensch M? Wo kommt überhaupt vor?
Wir könnten diese Tiergeschichte weitertreiben; es wird immer komplizierter, je genauer wir nachdenken.
Wie kann es zu diesem Chaos kommen?
Wir haben nur drei traditionelle Voraussetzungen ernstgenommen:
1. Es gibt Seiende, die sich aus Objekten und uns Subjekten zusammensetzen.
2. Wir erkennen die Seienden teilweise in den Wahrnehmungen.
3. Diese bilden jedoch nicht neutral ab, sondern sind nachweisbar artspezifisch.
Ich vermag beim besten Willen nicht zu sehen, welche dieser drei Prämissen aufgegeben werden könnte,
– um das angedeutete Chaos zu vermeiden und
– trotzdem noch innerhalb des traditionellen Denkmodells zu verbleiben.
Wir sind deshalb radikal und korrigieren postmodern:
1. Es gibt keine Seienden.
2. Dann muß und kann auch nichts erkannt werden.
3. Die Wahrnehmungen sind subjektiv und eröffnen jedem von uns seine eigene Welt.
AD: „Allmählich komme ich dahinter. Dann war Ihre obige Erklärung der Aktanten aber ein bißchen umständlich; wahrscheinlich, weil Sie uns wieder beim bisherigen Denken abholen wollten . . . Versuchen Sie es bitte noch einmal ohne diese Rücksichtnahme.“
Dann würde ich vielleicht mit dem gleichen Satz beginnen:
Verfolgen wir an einem warmen Abend im Gras liegend die Bahn des Mondes, so läßt sich schwerlich leugnen, daß dort ein stabiler Mond seine Kreise zieht.
Damit sind meines Erachtens recht zwingend zwei Einsichten verbunden:
1. Der Mond ist ein Aktant.
Aktanten sind – wie Seiende – stabil und das bedeutet, daß sie unabhängig davon bestehen, ob wir aktual oder jetzt gerade an sie denken, sie wahrnehmen oder uns vorstellen.
Die letzte Zeile klingt vielleicht kompliziert ist es aber gar nicht.
Es gibt zwei Arten des Wissens; Wissungen und Begriffe. Das war natürlich ein weiterer Grund für unsere Einführung der Wissungen.
An ihnen können wir unter anderem Vorstellungen, Denkungen und Verstehungen unterscheiden. Was sie vereint oder gemeinsam zu Wissungen macht, ist ihre Eigenschaft, nur aktual oder im Jetzt möglich zu sein; wir wissen – im emgeren Sinne – Wissungen jetzt oder gar nicht.
Aber daß Madrid die Hauptstadt Spaniens ist, wissen wir – im weiteren Sinne – auch, ohne aktuell daran zu denken und damit über das Jetzt hinaus.
Diese Form des Wissens entspricht den unbewußten Begriffen; sie
– können in den Wissungen realisiert, aktualisiert oder bewußt werden,
– fungieren somit als potentielle Wissungen,
– sind für eine bestimmte Dauer über das Jetzt hinaus näherungsweise konstant,
– bilden einen Pool der Wissungen, der sich stets unbewußt im Hintergrund befindet und
– in dieser Form während der gesamten Dauer – bei unserem Beispiel in einem Alter von 8 bis 80 Jahren – gewußt wird.
| Vermögen | ||||
| Praktiken | Präreflexionen | Wissen | ||
| Wissungen | Begriffe | |||
| – Vorstellungen | – Aktanten | |||
| – Denkungen | – Nicht-Aktanten | |||
| – Verstehungen | ||||
| jetzt | dauernd | |||
Abbildung 3.1.-2
2. Die Mond-Wahrnehmung ist keine (verdoppelnde) Abbildung des Mond-Aktanten – auch beim Sehen nicht –, sondern dessen (einspurige) aktuale Bestätigung.
Wegen ihrer Stabilität müssen die Aktanten Begriffe sein; aber das ist keine Gleichsetzung:
Es gibt Begriffe, die wir glauben, und solche, bei denen dies nicht der Fall ist; Krokodile und Drachen beispielsweise. Wenn Sie mich fragen, ob ich an den Klapperstorch glaube, aktualisieren Sie diesen Begriff bei mir; auch nicht-glauben kann ich also nur, was ich weiß.
Begriffe zu glauben, bedeutet, daß wir
– nicht nur „ja“ zu ihnen sagen, sondern daß wir
– sie an der von uns vorgesehenen Stelle unserer subjektiven Welt einordnen.
Die Aktanten-Wahrnehmung ist damit – im Gegensatz zur Aktanten-Wissung – der nachweisbar aktualisierte Aktant.
Der Aktant namens „Sonne“ beipielsweise
– entspricht einem geglaubten Modell oder Begriff,
– besteht aus Materie – vorwiegend Wasserstoff und Helium –,
– ist sehr heiß, zieht die Erde an und kann zu Hautkrebs führen.
AD: „Also befinden sich die Aktanten auch nicht wie die traditionellen Wissungen in der Psyche?“
Natürlich nicht; ohne die Seienden gibt es kein Abbilden mehr und damit entfällt die Psyche ebenfalls, die ja als das zugehörige Organ erfunden worden war.
Die traditionelle Wissung namens „Sonne“
– wird nicht gewußt, sondern
– weiß die oder von der Sonne und
– kann nicht heiß sein.
Die postmoderne Wissung namens „Sonne“
– wird gewußt, denn sie
– weiß weder die noch von der Sonne und
– ist heiß.
AD: „Es wird allmählich besser . . .; aber eine Frage hätte ich doch noch:
Sie sagten oben, daß wir nur aktual oder jetzt wissen – im Sinne von vorstellen, denken oder verstehen – könnten. Aber ich erinnere mich auch sehr genau daran, was ich gedacht hatte, als ich meine Frau zum ersten Mal sah; und das liegt schon lange zurück.“
Das ist wieder die gleiche Problematik, die wir soeben schon hatten.
Auch Wissungen von Früher kann es nicht geben, da die Wissungen keinerlei Referenten besitzen.
Sie erinnern sich also nicht – im „jetzigen Jetzt“ – an ein „früheres Jetzt“, sondern verwirklichen jetzt eine Wissung als (ein Teil des) Früher, innerhalb dessen es natürlich kein Jetzt geben kann.
3.2. Naiver Realismus der Moderne
„Naiver Realist“ ist keine Beleidigung; dieser Schublade gehören wahrscheinlich die allermeisten unserer Zeitgenossen an. Sie
– glauben eine objektive Wirklichkeit,
– beschränken diese zumeist auf die materielle Realität oder den Kosmos der Physik und
– ignorieren, daß wir Subjekte vielleicht einen Beitrag zur Wahrnehmung der Seienden leisten:
„Dort ist die – an sich – seiende objektiv-reale Sonne; schau einfach hin, dann siehst Du sie.“
Dieser Satz klingt wie selbst-, ist aber absolut unverständlich und voller Widersprüche.
Damit läßt sich unsere Gegenwart als Übergang nicht nur von der Tradition, sondern auch von der Moderne mit ihrem Naiven Realismus zur Postmoderne verstehen. Das ist ein Paradigmenwechsel sowohl im Alltag als auch in Philosophie und Theologie, dessen Konsequenzen wir wohl noch nicht einmal erahnen können.
AD: „Haben Sie bewußt nur von Philosophie und Theologie gesprochen oder lediglich die anderen Wissenschaften nicht erwähnt?“
Das war Absicht!
Philosophie und Theologie sind die beiden einzigen Wissenschaften, deren Gegenstand in der Wirklichkeit besteht – bzw. zumindest bestehen sollte.
Da kein Wissen Referenten besitzt, kann es jedoch insbesondere auch keine Wissenschaft von der Wirklichkeit geben.
AD: „Hatten Sie nicht gerade das Gegenteil behauptet?“
Nein; zumindest wollte ich das nicht. Beim Zusammenhang zwischen Wissen und Wirklichkeit geht es um Nuancen, so daß wir sehr genau achtgeben müssen.
Die Tradition beansprucht, über Wissen von der Wirklichkeit zu verfügen, und sieht darin (überraschenderweise) auch kein ernstliches Problem:
Sie bildet die Wirklichkeit angeblich ab, so daß das richtige Wissen eine Wiederspiegelung oder Repräsentation der Wirklichkeit darstellt, bei der diese als Referent fungiert.
Postmodern gibt es keine Referenten und damit natürlich auch kein Wissen von der Wirklichkeit.
Wir bilden die Wirklichkeit nicht ab, so daß kein richtiges Wissen existieren kann. Das Wissen ist vielmehr eine Darstellung oder Präsentation der Wirklichkeit in dem Sinne, daß es die Wirklichkeit expliziert, sichtbar macht oder zur Erscheinung bringt.
Das Wissen erzeugt die Wirklichkeit natürlich nicht (wie vielleicht im Konstruktivismus); aber sie wird durch das Wissen bewußt, verständlich und sagbar.
Wer nichts weiß, könnten wir vereinfacht formulieren, nimmt auch nichts wahr.
Das ist unsere Interpretaion eines Zitats von Hans-Georg Gadamer:
„Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“
Aus dem Sein wird die Wirklichkeit, und wir übersetzen:
„Wirklichkeit, die verstanden werden kann, ist Wissen.“
Den anderen oder Einzelwissenschaften geht es nicht um die Wirklichkeit.
Sie arbeiten an ihren Modellen, wollen diese ständig verbessern und damit zu immer neuen Modellen bzw. Wissungen gelangen; das meint Forschung. Wie weit sie von der Wirklichkeit separiert ist, zeigt sich zum Beispiel daran, daß die Einzelwissenscaften selbst die größten Umwälzungen im Wirklichkeitsverständnis, das heißt, in Philosophie oder Theologie „verschlafen“ bzw. unversehrt überstehen können.
„Philosophische“ oder „theologische Forschung“ sind Unbegriffe, denn Forschung
– zielt auf Verfügbarkeit,
– ist damit an bloße Modelle oder Wissungen gebunden und
– schert sich nicht um die Wirklichkeit.
Auch das komplizierteste oder schönste Modell besitzt keinen Wirklichkeitsbezug. Der Apfel fällt nicht vom Baum, weil die Erde ihn anzieht, wie es uns wahrscheinlich allen in der Schule gelehrt wurde. Vielmehr haben wir mit Newtons Gravitationskraft ein physikalisches Modell erfunden, mit dessen Hilfe sich die Bewegung des Apfels phantastisch genau darstellen und damit auch vorhersagen läßt; mehr kann und soll die Physik nicht.
Die Frage, ob Einsteins Raum-Zeit-Krümmung die Wirklichkeit besser beschreibt als Newtons Gravitationskraft, ist völlig unverständlich.
Wir erreichen mit unseren Modellen
– eine partielle Verfügbarkeit innerhalb
– der prinzipiell unverfügbaren Wirklichkeit.
Weder kommen Modelle letzterer nahe, noch sind sie von ihr entfernt. Die beiden gehören zwei unterschiedlichen Sphären an, die wir uns jedoch nicht als räumlich getrennt voneinander vorstellen dürfen; es geht doch um eine partielle Verfügbarkeit innerhalb des prinzipiell Unverfügbaren.
Deswegen war unsere diffizile Unterscheidung soeben ganz wichtig:
Das Wissen
– greift nicht im Sinne der Tradition auf die Wirklichkeit zu und macht sie durch die Forschung immer verfügbarer, sondern es
– lockt in Abhängigkeit vom Wissen die unterschiedlichsten Facetten der Wirklichkeit hervor.
Wir zwingen die Natur nicht, „wie vor dem Richterstuhl“ (Kant) zu antworten; vielmehr respektieren wir postmodern ihre Unverfügbarkeit und pressen die Natur nicht in ein von uns vorgefertigtes Prokrustesbett.
In der Philosophie wurde der Naive Realismus bereits von Kant sowie dessen unmittelbaren Nachfolgern – Fichte, Schelling, Hegel – kritisch infragegestellt; viele Sachkundige würden wahrscheinlich konkretisieren: „widerlegt“. Später betrachteten nicht zuletzt Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein oder Alfred North Whitehead ein solches Denken immer skeptischer. Diese Diskussion, der sich insbesondere zahlreiche Künstler angeschlossen haben, ist wohl noch lange nicht beendet.
Außerhalb von Philosophie und Kunst – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften, der Theologie sowie im Glaubensleben und Alltagsdenken – ist das freilich ganz anders. Dort wird der physikalische Kosmos als – scheinbar – offen-sichtliche und selbst-verständliche objektive Realität kaum hinterfragt, da man ja angeblich nur hinschauen muß, um die Seienden sehen zu können:
Dort befindet sich zum Beispiel das Urbild namens „Sonne“; es ist abbildbar, und durch das Hinschauen erhalten wir ein Abbild von ihm in unserer Psyche.
Wer so, naiv-realistisch denkt, braucht natürlich keine Philosophie und staunt nur, wie man sich mit deren „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen kann, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist“:
„Was wollen diese Philosophen eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt. Wirkliche Schwierigkeiten bereiten die ‚harten Fakten‘ des Alltags sowie der Wissenschaft und Technik. Wozu überhaupt noch Geisteswissenschaften? Die lösen keine Probleme, sondern erzeugen sie nur unnötig.“
Es ist schon ein wenig grotesk, daß sich die meisten Naiven Realisten selbst zur Avantgarde der Aufklärung zählen, obwohl beispielsweise Kant zu einem großen Aufklärer wurde, indem er gerade die Schwächen des Naiven Realismus aufgezeigt hat.
Der soeben angedeuteten Stammtisch-Philosophie würde ich im Sinne Wittgensteins etwa Folgendes entgegenhalten:
1. Die Philosophen konstruieren keine Schein-Probleme, sondern versuchen, wirkliche Probleme auf-scheinen zu lassen, indem sie angebliche Selbstverständlichkeiten der Wissenschaft, des Alltags oder Glaubens infrage stellen.
2. Daß die Philosophen keine Probleme lösen, sieht der Naive Realist freilig richtig; darin besteht die Aufgabe der Wissenschaft.
3. Die Philosophie ist keine Wissenschaft, sondern eine Therapie, die „die Probleme wie eine Krankheit behandeln“, das heißt, nicht lösen, sodern zum Verschwinden bringen soll.
„Die ‚Lösung‘ der Probleme des Lebens merkt man am Verschwinden dieser Probleme.“
„Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat.“
4. Das setzt allerdings ein möglichst offenes und sauberes Denken voraus, aber „die Wissenschaft denkt nicht“ (Martin Heidegger).
5. Diese „Verleumdung“ läßt sich recht gut verstehen:
Um die Probleme oder „Rätsel der normalen Wissenschaft“ (Thomas S. Kuhn) zu lösen, stehen Denkwerkzeuge – Begriffe, Paradigmen, Theorien, Modelle und Techniken – zur Verfügung, die nur angewandt werden müssen. Das erfordert mehr Routine durch Üben oder Lernen als Denken und ist ein geistiges Handwerk.
Das pflegen die „normalen“ Wissenschaftler, die mit den bereits bestehenden Denkwerkzeugen operieren.
6. Zur „wissenschaftlichen Revolution“ als einem „Paradigmenwechsel“ (Kuhn) gehört dagegen grund-legendes Denken.
7. Das ist aber auch schon der Bereich der Philosophie, weil dadurch die Probleme des alten Paradigmas – nicht wissenschaftlich gelöst werden, sondern – durch das Erfinden oder Schaffen neuer Denkwerkzeuge therapeutisch verschwinden.
8. Diese Probleme bestanden also nicht an sich, sondern wurden lediglich durch unser unzureichendes Denkwerkzeug – das alte Paradigma mit seinen unfruchtbar gewordenen Begriffen – hervorgerufen.
9. Als Therapie kann und soll die Philosophie uns helfen zu leben, aber sie hat nicht – wie die Tradition häufig meint – die Aufgabe, ewig wahre Antworten auf die letzten, größten oder allgemeinsten Fragen der Menschheit zu finden und endlich zu klären, worin Sein oder Sinn, das Eine, Wahre, Gute und Schöne bzw. Gott nun wirklich bestehen.
10. Das sind für die Postmoderne keine besonders tiefen, sondern überholte, weil heute falsch gestellte Fragen.
11. Die philosophische Tradition sucht ewig-wahre Antworten; die Postmoderne erkennt, daß nicht einmal unsere Fragen diese Eigenschaft besitzen.
12. Ihr geht es um „das Andere der Vernunft“ – das Irrationale, Irreale, Unschickliche oder Alogische; den Leib, das Begehren, die Phantasie, Triebe und Gefühle –, das die Tradition unter den Tisch fallen läßt, weil sie es nicht denken kann.
13. Wir versuchen es trotzdem und verstehen das Andere der Vernunft als unser eigenes Lebens.
14. Es spielt jenseits der Logik und ist damit alogisch, kann aber niemals unlogisch im Sinne von widersprüchlich oder inhaltsleer sein.
3.3. Physikalischer Kosmos – objektive Welt – mein subjektives Leben
Möglicherweise wundern Sie sich die ganze Zeit schon, weshalb ich zumeist zwischen der objektiven Welt und dem physikalischen Kosmos unterscheide. An Ihrem Erstaunen würde sich gegebenenfalls zeigen, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten drei Jahrhunderte an das Denken der exakten Wissenschaften angepaßt haben.
In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos als einem Universum leben, sondern in einem Multiversum – in Kosmen gewissermaßen. Das geschieht teilweise auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau, etwa im Zusammenhang mit Hugh Everetts „Quantentheorie der vielen Welten“.
Ich meine jedoch etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil, denn alles wilde Spekulieren liegt mir fern.
Der physikalische Kosmos stellt nur einen winzigen Teil der (irdischen) Welt dar.
Überlegen Sie bitte einmal, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach nur gutes Essen und Trinken.
All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren Welt, dem Kosmos, auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.
Im physikalischen Kosmos existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich vollständig mittels der Physik beschreiben läßt. Das ist bereits bei Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen Zweck besitzen, dieser aber keine physikalische Kategorie darstellt, das heißt, daß der Physiker als Physiker nicht verstehen kann, was ein Zweck – und damit auch eine Reißzwecke – sein soll.
Es verbleiben ihm somit nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.
AD: „Wieso sollen Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im Kosmos enthalten sein?“
Entschuldigung; mein „nicht“ war falsch; sie befinden sich auch, aber nicht nur im Kosmos.
Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die die Physik zuständig zeichnet, und hierdurch gehören diese Gegenstände natürlich dem Kosmos an – pardon.
Das wollte ich keineswegs bestreiten; aber damit handelt es sich noch nicht um Reißzwecken, Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweils noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den Kosmos und reichen in andere Dimensionen der Welt hinein.
Ich korrigiere mich also; sämtliche Dinge, die physikalische Aspekte besitzen, gehören auch dem Kosmos an, gehen aber zumeist weit über ihn hinaus; er ist – anschaulich gesprochen – zu eng für sie.
Unbestreitbar bedeutet das Rendezvous auch eine Ortsveränderung, aber daß es nur das sein soll, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.
Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn – und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihre Welt auf die physikalischen Komponenten reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er ebenfalls keine physikalische Kategorie darstellt. Auch Physiker finden keinen Sinn im Kosmos; hoffentlich bei ihrer Arbeit, aber die erfolgt nicht im Kosmos, sondern handelt nur von ihm.
Wir können nicht unsere Wohnung schwarz überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es; wir tun es ja weitestgehend, indem wir die (moralisch-)praktische Wahrheit unseres Lebens durch die (erkenntnis-)theoretische Richtigkeit des Weltbilds ersetzen.
AD: „Die nicht-physikalischen Partial-Welten, die Sie andeuten, spielen aber doch wirklich nur eine untergeordnete Rolle . . .“
Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir uns in der Moderne einreden lassen haben, allein die physikalische Partial-Welt sei entscheidend. Überlegen Sie bitte einmal, was wir alles über unseren Kosmos erzählen könnten, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-Welten beispielsweise des Schönen, Guten, Religiösen und der Gabe oder Stille entwickelt sind.
Bei dem Wort „Krieg“ beispielsweise assoziieren die meisten Menschen heute physikalisch-elektronische Waffen(-Systeme) und deren Abwehr. Aber müßte uns nicht als erstes das Leid der Betroffenen – Menschen, Tiere und vielleicht sogar Pflanzen – in den Sinn kommen?
Nun sollte verständlich sein:
Die Welt besitzt nicht nur die vier Dimensionen der physikalischen Raum-Zeit, sondern potentiell unendlich viele und ist unabsehbar reichhaltig oder mannigfaltig. Der Kosmos mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er räumlich sowie zeitlich praktisch keine Grenzen besitzt, bleibt der Kosmos gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination der Welt, die ihn umgreift, nahezu vernachlässigbar.
Allein das traditionelle Denken im modernen Abendland glaubt, mit der Physik den Nabel oder die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß die physikalische Weltformel als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft wird.
Wir setzen diese Horizonterweiterung vom Kosmos zur Welt fort und gehen mit der Postmoderne zum eigenen Leben über:
objektiver Kosmos → objektive Welt → mein subjektives Leben
AD: „Wieso ist es eine Horizonterweiterung, wenn Sie von der ‚großen‘ Welt zu Ihrem ‚kleinen‘ Leben wechseln?“
Für die Tradition wäre es
– das natürlich nicht und
– zudem auch noch widersprüchlich, weil wir ihr zufolge in der objektiven Welt leben.
Aber postmodern
– gibt es „nur“ eine subjektive Welt, und
– die besteht aus meinen Aktanten oder geglaubten Wissungen bzw. Modellen.
Und um eine Horizonterweiterung handelt es sich tatsächlich, weil
– in der objektiven Welt der Tradition möglicherweise viel vom „Leben“ die Rede ist,
– dieses aber als so objektiv gilt wie die gesamte restliche Welt und
– folglich mit der Wirklichkeit meines subjektiven Lebens aber auch gar nichts zu tun hat.
Die gesamte Biologie und 99% der Medizin bestehen aus Modellen des „Lebens“; Darstellungen oder Präsentationen meines subjektiven Lebens können in einer eo ipso intersubjektiven Wissenschaft natürlich nicht vorkommen.
AD: „Und die sich massiv aufdrängende Frage, wo wir als Subjektivitäten dann leben, hatten Sie oben bereits als falsch gestellt abgewiesen:
Nicht alles muß sich irgendwo befinden; und da der Raum erst durch unser Sehen entsteht, können wir ihm natürlich nicht angehören. Ich vemag nichts dagegen zu sagen; das scheint mir logisch zwingend zu sein, befriedigt mich aber trotzdem nicht sonderlich . . .“
Ich gebe Ihrem Bauchgefühl Recht; es gibt aber keine bessere Antwort, weil wir uns selbst die Fragestellung noch von der Tradition diktieren lassen:
Wir leben nicht irgendwo, sondern irgendwann; wir leben im Jetzt der Zeit (und versuchen im vierten Teil möglichst gut zu verstehen, wie das möglich ist und was es bedeutet.)
3.4. Schwierigkeiten mit den Seienden
Dieses Kapitels brauchte es eigentlich gar nicht, denn wir können keine Schwierigkeiten mit etwas haben, was unseres Erachtens gar nicht existiert.
Die meisten Menschen sehen das jedoch ganz anders, und wissen komischerweise nicht nur, daß es Seiende gibt, sondern auch noch recht genau, worin diese angeblich bestehen (müssen); allein daraus resultieren unsere uneigentlichen Schwierigkeiten mit den Seienden.
Ich biete Ihnen darin noch ein paar Argumente an, die Sie in der Einsicht bestärken sollen, daß unser Übergang von der Tradition zur Postmoderne
– recht zwingend und
– vielleicht für unsere Zukuftsfähigkeit,
– mit Sicherheit aber für ein aufgeklärtes Denken
notwendig ist.
Aus Ihrer Perspektive entspricht dieses Kapitel „Wittgensteins Leiter“ in seinem „Tractatus“:
„Natürlich muß es Seiende geben; sonst wäre ja gar nichts. Wie ist es nur denkbar, daß JS deren Existenz ernsthaft bestreitet?“
Sie benutzen eine Leiter – dieses Kapitel 3.4. –, um die Seienden auf deren Ebene und damit aus nächster Nähe betrachten zu können. Dadurch erkennen Sie (hoffentlich), daß es tatsächlich keine Seienden gibt. Ohne die Leiter wäre das nicht deutlich geworden; aber nun dürfen wir sie wegwerfen;
– nicht weil Sie den Höhenunterschied überwunden haben und nun oben sind, sondern
– weil es gar keinen gibt, so daß Sie ebenerdig weitergehen können.
Die Leiter wird überflüssig, wenn Sie verinnerlicht haben, daß Materie Wissen ist; denn wäre es anders, könnten wir sie nicht wissen.
Sie bildet ein Modell des physikalischen Kosmos oder den Stoff, aus dem dieser besteht.
Wir könnten sogar sagen, es sei Wissen vom Kosmos, daß er aus Materie bestehe; müssen dabei jedoch beachten,
– daß der Kosmos keinen Referenten darstellt, weil
– auch er „nur“ eine Wissung – und kein Seiendes – ist.
3.4.1. Seiende statt Wissen so far und Wissen from now on
Ein Schulanfänger kann nach fünf Wochen sagen, er wüßte jetzt, daß 2 x 3 gleich 6 ist.
Josef Mitterer nennt dies „Wissen so far“ und meint damit ganz allgemein das Wissen, das wir als Resultat unseres bisherigen Lebens bereits besitzen. Wir freuen uns mit dem Erstklässler über seine Fortschritte, haben aber zugleich im Hinterkopf, daß es in diesem Zusammenhang noch sehr viel mehr zu wissen gibt, was dem Knirps wahrscheinlich nicht so klar ist.
Er wird weiter lernen, und damit kommt zu seinem Wissen so far das Wissen from now on hinzu. Diese Entwicklung ist nahezu selbstverständlich und setzt sich im allgemeinen in den ersten Jahrzehnten unseres Lebens kontinuierlich fort.
Wahrscheinlich käme kein Mathematiker auf die absurde Idee, das Wissen from now on durch einen Referenten zu ersetzen, auf den sich das Wissen so far angeblich bezieht.
Dieser Gedanke ist absurd, weil widersprüchlich:
Das Wissen from now on wissen wir noch nicht; es wird einmal zum Wissen so far werden, aber noch weiß niemand, worin es bestehen könnte.
Ein solches Nicht-Wissen ersetzt die Tradition durch Seiende, von denen wir – so far – wissen, und auf die sich auch weiteres Wissen – from now on – beziehen kann.
Nochmals in anderen Worten, weil der Gedanke vielleicht schwierig ist:
Die Unterscheidung zwischen Wissen so far und Wissen from now on bildet eine vollständige Alternative, so daß das Seiende, welches die Tradition einführt, einer der beiden Seiten angehören muß, um verständlich sein zu können.
Würde es zum Wissen so far zählen, ließe es sich nicht einführen, denn dann wäre es notwendigerweise bereits vorhanden.
Läge das Seiende im Wissen from now on, wüßten wir nicht, worin es besteht, denn das Wissen from now on ist ja noch nicht.
Seiende
– werden also erfunden und lediglich
– als etwas Bestimmtes behauptet.
Damit wird der Forschung eine bestimmte Richtung vorgegeben; hätten wir uns differente Seiende ausgedacht, würden sich ganz andere Fragen ergeben, die wir beantworten „müßten“.
Corona beispielsweise ist uns seit 2019 bekannt; postmodern wurde es zu dieser Zeit er- und traditionell gefunden. Letzteres meint natürlich, daß schon vor 2019 Menschen an Corona erkrankt gewesen sein könnten, was lediglich niemand wußte.
Für uns gibt es dagegen keine – „schon immer“ existierenden – Seienden, sondern an deren Stelle treten Aktanten, die irgendwann einmal erfunden wurden. Das ist ganz sauber gedacht, denn die „Seienden“ bzw. Aktanten gehören für uns dem postmodernen Kosmos an, und der ist kein Referent von Wissungen, sondern besteht aus ihnen.
Dann war natürlich vor 2019 niemand an Corona erkrankt. Wir erfinden diese Viren ebenso wie Fake-News, Higgs-Teilchen oder das Internet mit dem dazu passenden Laptop.
Daß 2 x 3 gleich 6 ist, gehört zur Arithmetik, stellt aber kein Wissen von ihr – oder von wem auch immer – dar.
Lichtstrahlen oder die Bahnkurven der Himmelskörper sind mitunter gekrümmt; es müssen also Kräfte auf sie einwirken, auch wenn wir deren Ursache nicht finden. Anders als die Mathematiker fällt den Physikern in solchen Situationen stets etwas ein:
Hier müssen Seiende existieren; in diesem speziellen Fall nennen wir sie „Schwarze Löcher“.
Die gekrümmten Bahnen mutieren damit vom Wissen so far zu Eigenschaften oder Wirkungen der Schwarzen Löcher, und beim Wissen from now on müssen wir einmal schauen, was sich davon gutwillig als Wissen von ihnen bzw. einer anderen Erfindung verstehen läßt.
Die Tradition erfindet Schwarze Löcher, um die gekrümmten Bahnen verschiedener kosmischer Objekte zu erklären.
Und nicht selten werden drei Seiten später diese gekrümmten Bahnen als „Beweis“ für die (Existenz der) Schwarzen Löcher benutzt. „Wir müssen also alles daransetzen, um sie immer besser zu verstehen.“
3.4.2. Das Konzept der philosophischen Seienden widerspricht unserem Leben
Der physikalische Kosmos besteht aus diskreten Seienden; sie sind also getrennt oder unabhängig voneinander. (Felder und ähnliches vernachlässigen wir der Einfachheit halber, damit das entscheidende Ergebnis möglichst deutlich hervortritt.)
Als Subjekte gehören wir selbst diesen Seienden an, was Probleme mit sich bringt, die jedoch – für mich unverständlicherweise – weitestgehend übersehen werden.
Um sie zu verstehen, führen wir den Begriff der Relation oder Beziehung ein und unterscheiden zwischen realen sowie konstruierten Relationen.
Das „real“ soll anzeigen, daß die ersteren Beziehungen tatsächlich existieren; zum Beispiel die wechselseitige Anziehung von Erde und Mond.
Ihr Größenverhältnis gilt dagegen als nur konstruiert, denn es kommt den beiden Körpern nicht wirklich zu und berührt sie gar nicht, sondern wird lediglich von außen an sie herangetragen.
Daß Seiende diskret oder unabhängig voneinander sind, bedeutet, daß zwischen ihnen beliebig viele konstruierte Relationen bestehen können, aber keine realen; dann wären sie ja nicht mehr getrennt voneinander.
Nach diesen begrifflichen Klarstellungen kommen wir endlich zur Sache:
Erde und Mond sind
– physikalische Seiende, aber
– keine philosophischen.
Die Massenanziehung verhindert, daß die beiden unabhängig voneinander und damit philosophische Seiende sind.
Wegen der Wechselwirkung zwischen Erde und Mond haben wir philosophisch nicht zwei oder drei Seiende vorliegen, sondern genau ein Seiendes, nämlich die Einheit von allem – { Erde + Wechselwirkung + Mond }.
Das hat sehr viel mit uns als den traditionellen Subjekten zu tun, weil es – physikalisch – keine Sinneswahrnehmung ohne Wechselwirkung gibt; wir müssen uns also entscheiden:
Die Tradition versteht uns als philosophische Seiende; dann muß sie alle Wechselwirkungen und damit auch Wahrnehmungen streichen, und wir wären blind, taub, gehör- sowie tastlos.
Insbesondere hätten wir also auch keinen Zugang zu unseren Mit-Subjekten – und würden ganz allein oder perfekt isoliert leben. „Leben“ ist gut; wir könnten weder essen noch trinken oder uns setzen . . .
Zwischen
– dieser Isolation von meinen Mit-Subjekten und
– deren Nicht-Existenz
besteht natürlich kein Unterschied, der einen Unterschied macht.
Theoretisch macht die Tradition uns also zu Solipsisten, was sie jedoch praktisch dann gleich wieder vergißt.
„Solipsismus“ kommt von „solus“, „allein“ und bezeichnet eine philosophische Richtung, in der ich mich als einziges Subjekt überhaupt verstehe; wäre ich Solipsist, würde ich also auch Ihre Existenz bestreiten. Nein; ich könnte sie nicht einmal bestreiten; was es logischerweise gar nicht geben kann, läßt sich auch nicht bestreiten.
Das erscheint Ihnen gewiß als absurd; soweit ich weiß, gibt es jedoch bisher innerhalb des traditionellen Denkens kein überzeugendes Argument gegen den Solipsismus.
Die großen traditionellen Denker in Antike und Mittelalter haben dieses Problem ihrer Philosophie natürlich ebenfalls erkannt. Um es zu lösen, erfanden sie den Nous. Er ist kein Seiendes und folglich auch nicht wie wir mit Blindheit geschlagen; da der Nous also nicht zur Welt gehört, kann er sie von außen schauen, so daß alles rund und stimmig wird.
Wir haben in diesem Abschnitt zwei Arten von Seienden unterschieden; die philosophischen und die physikalischen.
Analog dazu hatten wir im ersten Teil bereits von bestimmten bzw. unbestimmten Seienden gesprochen.
Versuchen Sie sich bitte zu verdeutlichen, daß diese beiden Einteilungen übereinstimmen; die philosophischen sind die bestimmten, und die physikalischen die unbestimmten Seienden.
3.4.3. Es gibt kein Abbilden
Die Überschrift dieses Abschnitts ist für uns evident; ohne Seiende wird natürlich auch deren Abbilden hinfällig.
Aber für traditionell Denkende ist eine solche Kritik irrelevant, weil sie von außen kommt und damit an Voraussetzungen – eines anderen Weltbilds – gebunden ist, die sie nicht teilen. Wir können jedoch auch innerhalb des traditionellen Modells zeigen, daß es kein Abbilden gibt.
Damit bestreiten wir natürlich nicht unsere Wahrnehmungen, sondern lediglich, daß sie als Abbilder verstanden werden können.
Für jene bestehen theoretisch zwei Möglichkeiten; sie könnten sowohl den Urbildern als auch deren Abbildern entsprechen.
Wären uns die Urbilder selbst in Form der Wahrnehmungen gegeben, bestände diese ganze Thematik überhaupt nicht, denn wir benötigten weder ein Abbilden noch Abbilder oder eine Psyche dafür.
Beständen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, so läge das Abbilden bereits hinter ihnen und uns. Weder wissen wir etwas davon, noch haben wir abgebildet, denn die Wahrnehmungen sind das Erste, das uns begegnet, oder das Ursprüngliche.
Dann war mein Satz „Beständen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, . . .“ natürlich etwas vorlaut: Woran erkennen wir das? Was unterscheidet urbildliche von abbildlichen Wahrnehmungen? Daß die Wahrnehmungen den Abbildern entsprechen, kann natürlich stets gesagt werden, aber immer ist es eine pure Behauptung.
Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal entfällt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal gemeinsam mit den Urbildern.
Das paßt genau; eine Bild-Sorte fehlt immer, denn wir sehen nie doppelt.
AD: „Ich habe Ihnen nichts entgegenzusetzen; Ihre Argumentation erscheint auch mir als sehr stringent. Aber trotzdem kann ich nicht einfach ‚ja‘ sagen, weil meine Begründung ähnlich stark sein dürfte:
Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe und sie ganz schnell öffne, um ihn auszutricksen, gelingt mir das einfach nicht; ich sehe ihn immer. Da der Eiffelturm gewiß nicht durch mein Öffnen der Augen entsteht, scheint nur eine Erklärung möglich zu sein:
1. Ich stehe mit meinem Körper vor dem Eiffelturm und schaue aus meiner Psyche heraus auf ihn.
2. Ob meine Augen offen oder geschlossen sind, merkt er nicht.
3. Damit ergibt sich wohl zwingend, daß meine Sehungen ein Abbild des Eiffelturms sein müssen.
Ich vermag beim besten Willen nicht zu sehen, was hieran falsch sein soll.“
Stellen Sie sich bitte vor, der Eiffelturm sei ein riesiger Harzer Käse. Sie stehen davor und halten sich die Nase zu. Beim Entfernen der Hand kommt Ihnen ein starker Geruch entgegen; würden Sie dann folgendermaßen argumentieren?
1. Ich stehe mit meinem Körper vor dem Käse-Eiffelturm und rieche aus meiner Psyche heraus auf ihn.
2. Ob meine Nase offen oder verschlossen ist, merkt er nicht.
3. Damit ergibt sich wohl zwingend, daß meine Riechungen ein Abbild des Käse-Eiffelturms sein müssen.
Ich glaube das nicht; Riechungen lasen sich kaum als Abbilder verstehen; diese kommen nur bei Sehungen vor und stören sonst eher, wie wir oben bereits fstgestellt hatten.
Ihr Denkfehler besteht meines Erachtens darin, daß Sie innerhalb des traditionellen Modells argumentieren; „Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe . . .“ Natürlich müssen Sie dann auch abbilden; aber das sollte uns nicht sonderlich überraschen.
Postmodern können Sie nicht vor dem Eiffelturm stehen, weil es in diesem Modell weder ihn gibt noch Sie Ihr Körper sind.
AD: „Einverstanden; wenn ich von den Voraussetzungen der Tradition ausgehe, stellen sich natürlich auch deren Konsequenzen ein, unsere Vorfahren waren ja nicht dümmer als wir.
Jetzt müßten Sie mir nur noch verraten, was ich korrigieren soll. Postmodern steht nicht mein Körper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?“
Die Tradition unterscheidet den Eiffelturm von seinen Sehungen; allgemein zwischen Seienden und Sehungen.
Postmodern tritt an die Stelle dieser Differenz die Unterscheidung zwischen potentiellen und aktualen Sehungen; damit wird alles anders:
Die potentielle Sehung namens „Eiffelturm“ liegt immer vor und wird durch das Öffnen der Augen aktualisiert oder realisiert.
Bei geschlossenen Lidern verfehlen wir also nicht den Eiffelturm, den es postmodern ja gar nicht gibt, sondern die potentiellen Eiffelturm-Sehungen. Damit ist das Öffnen der Augen weder ein Abbilden noch ein Erzeugen, sondern lediglich ein Verwirklichen des immer schon Möglichen.
Bei uns existiert demzufolge . . .
. . . kein Regenbogen, ohne daß wir ihn sehen.
. . . keine Festigkeit, ohne daß wir sie fühlen.
. . . keine Anzahl, ohne daß wir sie zählen oder berechnen.
. . . keine Materie, ohne daß wir sie messen.
. . . keine Seele, ohne daß wir sie fühlen.
. . . kein Geist, ohne daß wir ihn erfahren.
. . . keine Offenbarung, ohne daß wir sie glauben.
Es gibt nichts ohne uns, denn das wäre ein Seiendes.
Nun konkret zu Ihrer Frage; postmodern steht nicht mein Körper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?
Aus dem Eiffelturm werden potentielle Wahrnehmungen; aber es gibt noch viele weitere; das gesamte Marsfeld beispielsweise, die Wolken und der Himmel. Ich bin also umgeben von einem Meer potentieller Wahrnehmungen.
Das dürfte unproblematisch sein; aber wer ist „Ich“?
Begnügen wir uns vorerst mit einer provisorischen Antwort:
Ich bin die Schaltstelle an der entschieden wird, welche der potentiellen Wahrnehmungen realisiert werden sollen. Ich kann die Augen schließen oder bestimmen, in welche Richtung ich schaue bzw, worauf mein Blick gerichtet ist.
3.4.4. Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel
Die Tradition erfindet einen unsichtbaren Ur-Mond Y im Außerhalb der Psyche, um Ihre Mond-Sehung X innerhalb von ihr erklären zu können. Ich bezweifle jedoch sehr stark, daß es sich hierbei um eine Erklärung, das heißt, um etwas Akzeptables handelt:
1. Gegeben ist die Mond-Sehung X.
2. Deren Zustandekommen will die Tradition erklären.
3. Dazu erfindet sie einen unsichtbaren Ur-Mond Y.
4. Der einzige Hiinweis auf ihn, besteht in unserer Mond-Sehung X.
5. Die Tradition interpretiert letztere als Abbild des erfundenen Ur-Monds Y.
Damit
– leitet sie aus der Mond-Sehung X den Ur-Mond Y – als eine mögliche Erklärung – ab und
– schließt zugleich aus der Existenz der Mond-Sehung X auf die Richtigkeit dieser Erklärung.
Kann ein logischer Zirkel perfekter sein?
Die Mond-Sehung X wird mittels des Ur-Monds Y erklärt, von dem wir nur durch die Mond-Sehung X wissen:
Von den Urbildern wissen wir allein durch ihre Abbilder.
Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.
→ Es gibt Urbilder.
Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:
Von Donar wissen wir allein durch den Donner.
Donar macht uns den Donner verständlich.
→ Es gibt Donar.
Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:
Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.
Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.
Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meiner tiefsten Überzeugung zufolge pure Erfindungen, mit denen wir uns selbst belügen, solange wir glauben, etwas erklärt zu haben.
Es handelt sich bei diesen zwei Beispielen um einen (relativ weit verbreiteten) logischen Fehlschluß, den wir rein formal folgendermaßen darstellen können:
| Prämisse 1 | p → q | Regnet es, wird die Straße naß. | Das Urbild erklärt das Abbild. |
| Pränisse 2 | q | Die Straße ist naß. | Das Abbild liegt vor. |
| falsche Konklusion | → p | Also hat es geregnet. | Also existiert das Urbild. |
Die erste Schlußfolgerung – „Also hat es geregnet“ – ist offensichtlich nicht zwingend, weil zum Beispiel auch Schnee geschmolzen, ein Wasserrohr geplatzt oder der Sprengwagen gefahren sein könnte. Die Prämisse lautete nicht „Wenn es regnet, aber auch nur dann, wird die Straße naß“.
Da die Logik nicht vom Inhalt abhängt, kann die zweite Konklusion – „Also existiert das Urbild“ – ebenfalls nicht zwingend sein. Natürlich wäre das eine mögliche Lösung dieses traditionellen Problems; aber daß wir uns gegenwärtig gar keine andere vorstellen können, beweist nicht ihre Richtigkeit.
Sowohl Donar als auch die Urbilder stellen Versuche dar, etwas zu erklären; sie mögen vielleicht ihre Zeit und ihr Recht gehabt haben; das muß uns nicht interessieren. Aber wenn wir ihre Schwachstellen kennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten.
AD: „Also hatte Feuerbach mit seinen Projektionen doch Recht?“
Natürlich; man kann zwar alles Widerspruchsfreie – als „Urbild“ – aus der Psyche in ihr Außen projizieren, aber nichts von dort in ihr Innen abbilden; die „Abbilder“ können folglich keine Abbilder, sondern müssen das Zu-Projizierende sein.
Da es Feuerbach jedoch im wesentlichen um seine Religionskritik ging, war er allein auf Gott fixiert, obwohl seine logisch saubere Argumentation auch nicht das Geringste speziell mit Gott zu tun hat und sich damit wortwörtlich auf sämtliche Seienden überträgt.
Wieso soll die Materie keine Projektion sein, wenn Gott eine sein muß?
Wer davon ausgeht, ein Seiendes namens „Gott“ zu wissen, glaubt lediglich seine diesbezüglichen Projektionen.
Wer davon ausgeht, ein Seiendes namens „Materie“ zu wissen, glaubt lediglich seine diesbezüglichen Projektionen.
Feuerbach wollte mit seinen Überlegungen plausibel machen, wie die Traditionell-Gläubigen auf einen Gott kommen, der zwar als „transzendent“ bezeichnet, aber völlig immanent gedacht wird. Diese naiv-realistische Position in Bezug auf Gott nennt man „Theismus“; sie entspricht „einem Gott, den es gibt“, und von dem Dietrich Bonhoeffer sagte, daß „es ihn nicht gibt“; er wäre lediglich ein Gott nach unserem Bilde.
Mir geht es, anders als Feuerbach, nicht um eine Kritik der Religion, sondern um eine solche des traditionell-philosophischen Aberglaubens, und deswegen wende ich mich zwangsläufig auch gegen den Theismus; das ist traditionell-philosophischer Aberglaube bezüglich der Transzendenz.
Überzeugte Christen können nicht nur „a-theistisch“ oder „nicht-theistisch glauben“ (Hartmut von Sass), sondern müßten es sogar, um intellektuell redlich zu sein und nicht schon von Feuerbach mit Recht belächelt zu werden.
3.5. Die objektive Wirklichkeit als Hinterwelt
Die objektive Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, weil traditionell Denkende mit ihr etwas zu wissen behaupten, was – da außerhalb der Psyche befindlich – prinzipiell niemand wissen kann und sich damit in einen Widerspruch verwickeln.
AD: „Wenn wir nichts außerhalb unserer Psyche wissen können, entfällt postmodern auch das Unbewußte.“
Ihr Anfang war richtig; wir können tatsächlich nichts wissen, was sich außerhalb der Psyche befindet; aber das bedeutet doch keineswegs, daß es nicht existiert. Das Unbewußte beispielsweise wirkt auf uns und das spüren wir natürlich innerhalb unserer Psyche. Der Umgang mit ihm kann sich jedoch als sehr schwierig erweisen, weil wir nicht wissen, was hier wirkt.
Es ist sogar zwingend, daß ein Unbewußtes existiert, denn anderfalls könnte und immer nur das beeinflussen, was wir gerade wissen. Das wäre absurd; psychische Verletzungen wirken auch, wenn wir nicht daran denken.
Das „Unbewußte“ ist lediglich ein leeres Wort; wäre das Unbewußte mehr – nämlich eine Wissung –, würde es ebenfalls der Hinterwelt angehören.
AD: „Die Vertreter der Postmoderne setzen sich überall für Toleranz, Vielfalt, Harmonie, Pluralismus, Gesprächsbereitschaft und dergleichen ein. Das geht soweit, daß ihnen von traditionell-konservativer Seite ein ‚Abschied von der Wahrheit‘ oder eine ‚Diktatur des Relativismus‘ vorgeworfen werden.
Da überrascht mich Ihre Überschrift trotz der Klärung soeben doch ein bißchen: Wenn Sie die objektive Wirklichkeit als Hinterwelt betrachten, bedeutet dies doch, daß der postmoderne Spaß spätestens hier endet. Wer daran glaubt, darf nicht länger mitspielen.“
Nein; das wäre ein völliges Mißverständnis:
Die Toleranz der Postmoderne allen – (natürlich) menschlichen, freiheitlichen, demokratischen, friedlichen . . . – Wirklichkeitsbildern gegenüber, ist nur möglich, wenn wir auf sämtliche – Behauptungen von – Hinterwelten verzichten. Was Sie als leidige Grenze der postmodernen Offenheit geschildert haben, bildet also in Wirklichkeit ihre notwendige Voraussetzung und ermöglicht erst die Freiheit als Verantwortung, die nach meinem Dafürhalten im Zentrum der Postmoderne steht.
Meine Begründung erweist sich als denkbar einfach:
Wenn es eine objektive Wirklichkeit gäbe, sollten sich unsere Wirklichkeitsbilder auf diese beziehen, so daß letztere mehr oder weniger richtig und sogar völlig falsch sein könnten. Wer sich im Besitz eines adäquaten Abbilds wähnt, wird kaum sonderlich tolerant sein und die ihm vielleicht unverständliche Selbstbestimmung seiner anders – und somit eo ipso falsch – abbildenden Mitmenschen achten (können). Die Andersgläubigen müssen ja entweder naiv bzw. dumm oder böse sein.
Toleranz bedeutet dann nicht, sie mit ihren Überzeugungen als gleichwertige Subjekte anzuerkennen, sondern ihnen auf Teufel komm raus zur richtgen Einsicht zu verhelfen.
Das Fehlen einer objektiven Wirklichkeit beendet also nicht den postmodernen Spaß, um Ihre Formulierung aufzugreifen, sondern ermöglicht ihn erst.
Er endet dort, wo irgendwelche Menschen der postmodernen Offenheit widersprechen und hinterwäldlerisch beanspruchen, über richtiges Wissen von einer angeblichen objektiven Wirklichkeit zu verfügen, dem sich alle anderen unterzuordnen haben.
Beweist die Geschichte nicht hinreichend deutlich, daß ein solcher angemaßter Besitz der „Wahrheit“ immer wieder die schlimmsten Verbrechen – in der Politik, Wirtschaft, Religion, im Alltag oder wo auch immer – zu rechtfertigen scheint?
Die objektive Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, und das völlig unabhängig von ihrer konkreten Gestaltung.
In Antike und Mittelalter bestand sie in der Einheit von Immanenz und Transzendenz.
Während der Moderne setzte sich immer stärker der Gedanke durch, daß letztere eine bloße Hinterwelt sei und wir uns auf die naturwissenschaftliche Seite der Immanenz konzentrieren sollten, die (dadurch) immer mehr zum physikalischen Kosmos degenerierte.
Das nannte sich wohl „Aufklärung“, brachte aber sehr viel Polemik ins Spiel. Der antik-mittelalterliche Absolutheitsanspruch der Religion wurde – zu Recht – beseitigt, aber – zu Unrecht – durch den der exakten Wissenschaften ersetzt.
In der Postmoderne entsteht möglicherweise wieder eine fruchtbare Balance, weil nun die gesamte objektive Wirklichkeit als Hinterwelt durchschaut wird; die diesseitige ebenso wie die jenseitige.
Ich erhoffe mir hiervon eine wirkliche Aufklärung, das heißt, eine Aufklärung über die „Aufklärung“, die durch die Einsicht, daß wir uns keinerlei – weder religiöser noch wissenschaftlicher – Fremdbestimmung zu unterwerfen haben, zur eigenen Selbstbestimmung befreit.
Hinterwäldlerisch sind also niemals die jeweiligen konkreten Vorstellungen oder Überzeugungen, sondern hinterwäldlerisch ist allein die Annahme, von einer objektiven Wirklichkeit zu wissen; von welcher auch immer. Wer deren Materie im Auge hat, ist folglich keinen Deut aufgeklärter als derjenige, der vom objektiv-wirklichen Teufel spricht.
AD: „Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entität fest überzeugt sein, denn ich würde auf diese Weise hinterwäldlerisch und mich damit von jedem vernünftigen Diskurs verabschieden?“
Nein; das wäre ja furchtbar, würde ich dergleichen – Absurditäten – behaupten!
Ob wir etwas und gegebenenfalls was wir subjektiv mit 100%-iger Sicherheit glauben, spielt überhaupt keine Rolle. Wir könnten uns beispielsweise todsicher sein, daß es sowohl Materie als auch eine Evolution gibt oder Gott mit seinem Hofstaat von Engeln und der Teufel nebst Unterteufeln existieren. Es wird kaum etwas Widerspruchsfreies geben, das wir nicht für selbstverständlich halten dürften.
Die Begründung für unseren möglicherweise tiefen Glauben müßte dabei jedoch sinngemäß stets etwa folgendermaßen lauten:
„Aufgrund meines bisherigen Lebens ergibt sich für mich zwingend, daß es sich so verhalten muß; ich kann gar nicht anders denken, will ich mir nicht selbst widersprechen, unvernünftig sein, mich absichtlich dumm stellen oder selbst belügen.
Aber hier geht es nur um meine subjektiven Überzeugungen. Ich will wahrhaftig sein – und sage deswegen ganz ehrlich, wie ich es sehe; mehr ist gar nicht möglich und vermag niemand. Wir können uns gegenseitig um Wahrhaftigkeit bitten, aber von niemandem die Wahrheit erwarten.
Ich beanspruche für meine Überzeugung also weder Richtigkeit noch Wahrheit und erwarte somit auch nicht, daß Ihr Euch mir anschließt.
Das Lutherische ‚Hier stehe ich und kann nicht anders‘ trifft meine Situation recht gut.“
Ohne den Glauben an eine objektive Wirklichkeit können wir völlig problemlos die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger mit ihren jeweiligen subjektiven Wirklichkeiten leben, zwischen denen wohl häufig keinerlei Berührungspunkte bestehen.
Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“; damit natürlich auch jede unwahre. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der subjektiven Welten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und sämtliche „Bastionen einer objektiven Wirklichkeit oder Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.
Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern oder den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, spielt dabei keine Rolle, weil die Geschichte irreversibel ist, so daß ohne Katastrophen wie Kriege, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktaturen usw. die eindimensionale – Naivität der – Tradition (zum Glück) nicht wiederkehren wird.
Ein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück kann sich ohnehin niemand wünschen, dem die (subjektive) Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde sowie ein erfülltes Leben wichtig sind.
Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.
Krass ausgedrückt bedeutet „Ich sage die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen am Ende“.
Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben. Denn wer die Wahrheit sucht, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . .
Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer eigenen Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.
Christen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – lobhudelnde – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig und grauselig langweilig.
Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und hoffe, daß das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotz aller Suche noch umwerfen wird.
Es würde mich furchtbar enttäuschen, wäre Gott nicht unendlich viel mehr und absolut Besseres eingefallen als mir.
Daß wußte schon Lessing vor bald 300 Jahren, und weil er mir aus der Seele spricht, zitiere ich ihn ausnahmsweise einmal recht ausführlich:
„Wenn mir in der einen Hand die Wahrheit, in der anderen das Streben nach ihr geboten würde und ich wählen müßte, ich würde das letztere wählen, und des Apostels Aufforderung lautet: Prüfet alles! Ohne Prüfung kann man nicht erfahren, ob der Geist, der in uns spricht, und die Geister, die zu uns reden, aus Gott sind oder nicht. Nur durch redliche von reiner Liebe zur Wahrheit ausgehende Prüfung wird sie allmählich unser Eigentum.
Darum fühlen wir uns zu dem hingezogen, der uns zur Prüfung seiner angeblichen Wahrheit auffordert, und wenden uns von dem ab, der uns seine Wahrheit aufdrängen will. Ein solcher erweckt mit Recht in uns das Vorurteil, daß er selbst nicht an die Wahrheit seiner Lehren glaube.
Denn die Wahrheit kann durch Prüfung nur gewinnen; die Wahrheit besteht in der bestandenen Prüfung, die Lüge und der Wahn aber verschwinden durch sie. Wer daher die Prüfung vorgeblicher Wahrheiten scheut und verhindern will, ist kein Freund der Wahrheit, sondern ihr Feind.
Kein Mensch auf Erden hat daher Ansprüche auf sogenannte Untrüglichkeit. Wer als unbedingte Autorität gelten will, wird daher verworfen.“
Sie sagten zu Beginn dieses Kapitels: „Wer an eine objektive Wirklichkeit glaubt, darf nicht länger mitspielen.“ Das ist zu einschränkend; Sie dürfen sogar an eine objektive Wirklichkeit glauben.
Nehmen wir als Beispiel das heute herrschende evolutive Weltbild mit Urknall und reinem Physikalismus. Es könnte Ihnen so überzeugend erscheinen, daß Sie sagen: „Das ist es! Ich glaube ganz fest, daß dieses Weltbild die objektive Realität adäquat wiedergibt, und danke den Physikern für ihre großartige Umsicht. Daß JS die Existenz dieser objektiven Realität bestreitet, ist mir doch gleichgültig; dann täuscht er sich eben.“
Denken Sie so, kann ich 100%-ig mitgehen: Sie stellen sich eine bestimmte Art von objektiver Wirklichkeit vor und glauben daran. Das ist völlig unproblematisch, denn wir können uns (nahezu) alles Widerspruchsfreie vorstellen und natürlich auch die eigenen Vorstellungen glauben.
Das gilt selbstverständlich auch für die objektive Wirklichkeit; bei ihr kommt sogar noch hinzu, daß wir den Zusammenhang in diesem Fall auch umkehren können:
Sie ist das, was sich nur vorstellen und glauben läßt.
Und damit sind wir wieder bei dem einzigen „Verbot“, dessen Übertretung uns in die Hinterwelt führt:
Sie dürfen nicht behaupten, die objektive Wirklichkeit erkannt bzw. abgebildet zu haben und dadurch von ihr zu wissen; erst durch diese widersprüchliche Zusatzannahme würde sie zu einer Hinterwelt.
Nun also endgültig:
Der postmoderne Spaß endet nicht, wenn Sie (an) eine objektive Wirklichkeit glauben, sondern erst, falls Sie
– diese als adäquat abgebildet,
– somit als erkennbar und
– folglich auch intersubjektiv verbindlich
behaupten.
Damit muß ich auch meine bisherige Ausdrucksweise nachträglich ein wenig relativieren, behalte sie aber der Deutlichkeit halber bei:
Wenn wir keinerlei Zugang zum Außerhalb unserer Psyche besitzen, kann ich natürlich auch nicht erkennen, daß keine objektive Wirklichkeit existiert.
AD: „Also steht es zwischen Ihnen und den modernen Traditionalisten 1 : 1; letztere glauben (an) die objektive Wirklichkeit und Sie nicht.“
Möglicherweise „ja“; das ging aber jetzt etwas zu schnell, denn wir müssen zwei Fälle unterscheiden.
Wenn die modernen Traditionalisten nur sagen, es gäbe eine objektive Wirklichkeit ohne deren Form zu konkretisieren, haben Sie mit Ihrem 1 : 1 vielleicht theoretisch Recht.
Praktisch erhebt sich in diesem Fall jedoch die Frage, worin der Unterschied zwischen der Existenz bzw. Nicht-Existenz einer vollkommen unbekannten objektiven Wirklichkeit bestehen soll. Ist das tatsächlich ein Unterschied, der einen Unterschied macht?
Legen sich die traditionell Denkenden jedoch auf eine spezielle Realität fest, stimmt das 1 : 1 nicht mehr, weil ihr Glaube möglicherweise zu spezifischen Konsequenzen für unser Leben führt. Beispielsweise könnten Kühe heilig, der Koran wörtlich inspiriert und unser Leben durch die Naturgesetze oder den Willen Gottes determiniert sein.
Wer etwas Spezielles oder Konkretes behauptet, steht in der Beweispflicht; nicht der staunende Gesprächspartner.
Daß gerade Kühe heilig sein sollen, müßte von den Gläubigen begründet und braucht nicht von uns Ungläubigen widerlegt zu werden. Es beweist (meines Erachtens) auch niemand, weshalb Flöhe – angeblich – nicht heilig sind.
Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven genießbar zu machen; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, sagen die Mythen, verdanken wir der Göttin Athene, die uns Menschen gelehrt hat, die Oliven entsprechend aufzubereiten.
Wer diese dem traditionellen Denken entsprechende Erklärung für richtig hält, dem kommt eine Begründungspflicht zu.
Mit dem bloßen Ablehnen dieses Mythos vertreten wir jedoch keine ebenso konkrete gegenteilige Meinung, sondern distanzieren uns lediglich von dem Mythos. Weder bedarf das einer Rechtfertigung, noch bedeutet es, sich um eine andere Erklärung bemühen zu müssen; die Athene-Geschichte interessiert uns doch vielleicht gar nicht.
Solange es, anders formuliert, um unsere subjektive Wahrhaftigkeit und nicht um eine angebliche objektive Richtigkeit geht, sind wir absolut nicht hinterwäldlerisch, wie „hinterwäldlerisch“ auch immer unsere Überzeugungen sein mögen.
Dann sagen wir jedoch auch nicht „so ist es“; diese traditionelle Anmaßung entspricht dem Hinterwäldlerischen.
AD: „Und sie entspricht dem Sein-Wollen-wie-Gott?“
Ich glaube „ja“. Ohne das traditionelle Denken ist ein objektiver Wahrheits- oder Richtigkeitsanspruch gar nicht möglich; es bildet eine notwendige Voraussetzung dafür, muß aber nicht zu ihm führen. Menschen können traditionell denken und sich dennoch ganz bescheiden weit entfernt von jeder Richtigkeit wähnen.
Wer jedoch den Anspruch erhebt, die objektive Wirklichkeit zu kennen,
– will sein wie Gott,
– ist aber hinterwäldlerisch.
3.5.1. Wissenschaft und Hinterwelt
AD: „Warum ver(sch)wenden Sie so viel Zeit und Mühe darauf, uns die objektive Wirklichkeit oder Hinterwelt wegzunehmen, die wir ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden?“
Weil dieser traditionelle Glaube zu weitreichenden Konsequenzen führt.
Das gilt nicht zuletzt für die empirischen Wissenschaften. Obwohl in ihnen nur Wissungen auftreten (können) und noch niemandem Seiende begegnet sind, glauben sehr viele ihrer Vertreter, von deren objektiver Realität zu sprechen.
Warum eigentlich?
Können Wissenschaftler plausibel machen, das Ziel ihrer Forschung bestehe in der neutralen Abbildung der objektiven Wirklichkeit – unabhängig davon, ob sie das nun selbst glauben oder nicht –, läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos sowie wertfrei sein muß und Wissen stets besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer oder Scharlatane müssen Angst vor der Wirklichkeit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt und immer gut.
Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich die objektive Wirklichkeit wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es ganz neutral ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns bitte dankbar“.
Nun können wir wieder den ersten rot hervorgehobenen Absatz anschließen.
Eine objektive Realität zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:
„Würden wir die Seienden nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem richtigen Wege, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Seienden – gewiß zu Wort melden.“
Deswegen sehe ich im traditionellen Denken einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme.
Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken kaum an – weil gar nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder berechnend, aber gewiß verantwortungslos.
Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – „es hat nicht geknallt“ – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – „die Seienden werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen“.
So geht unser „Fortschritt“ immer weiter; aber ohne angebbares Ziel können wir nicht sinnvoll von Fortschritt sprechen, denn er wird zu einem bloßen Nur-schnell-weg von diesem Hier und Jetzt.
Natürlich bliebe es ein lohnenswertes praktisches Ziel, allen Menschen ein Leben in Freiheit und Würde zu ermöglichen; aber ich bezweifle ernsthaft, daß diese Intention in der abendländischen Moderne sonderlich stark ausgeprägt war.
Ihr Ziel ist eher ein theoretisches und bestand ursprünglich darin, die objektive Welt zu erkennen. Wenn sich in der Postmoderne der Gedanke durchsetzt, daß es diese gar nicht gibt und wir jahrhundertelang ein Pseudoziel verfolgt haben, besteht vielleicht wieder die Chance, uns den wirklich brennenden Problemen zuzuwenden.
AD: „Wenn die Realität nicht objektiv ist, können die rxakten Wissenschaften es auch nicht sein.“
Stimmt; der Glaube an eine erkenntnis-theoretische Objektivität ist hinterwäldlerisch; davon können wir uns schnell überzeugen:
Es gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft – ganz einfach, weil aus nichts auch nichts folgt. Setzen wir keine – mehr oder weniger willkürlichen – Prämissen, fehlen also auch sämtliche Konklusionen; das voraussetzungsfreie Fachbuch bleibt völig leer.
Mit anderen Worten heißt dies, daß die exakten oder Modell-Wissenschaften als Resultate nur die Konseqenzen ihrer eigenen Voraussetzungen enthalten können. Weder die Logik noch das Experiment sind kreativ; sie steuern nichts bei, sondern die Ergebnisse dieser Wissenschaften bestehen lediglich in den – freilich explizierten, ausgefalteten oder entwickelten und dadurch möglicherweise auch sehr überraschenden – Konsequenzen ihrer eigenen Modelle.
Es kann nur das herauskommen, was wir selbst hineingesteckt haben.
Ist die Wissenschaft – durch die Notwendigkeit von Prämissen – jedoch nicht voraussetzungslos, kann sie auch nicht wertfrei sein, denn mit den unabdingbaren Voraussetzungen, ohne die es gar keine Wissenschaft gibt, setzen wir zugleich ganz spezielle Werte.
Das daraus resultierende Ergebnis besteht also nicht in der, sondern in einer Wissenschaft.
So wie es beliebig viele Mathematiken gibt, wären auch die verschiedensten Physiken möglich. Wir haben uns für eine entschieden, mit deren Hilfe sich „phantastisch(e)“ Waffen bauen lassen, und können uns eine andere Physik gar nicht vorstellen. Es bleibt also insbesondere offen, ob die negativen Möglichkeiten unserer Physik zwangsläufig auch jeder anderen angehören würden.
Es gibt natürlich auch eine ethisch-praktische Objektivität der Wissenschaften. Ihr zufolge sollen alle Ergebnisse ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein. Subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; „schade“!
Eine solche Objektivität wird hoffentlich stets das Ziel der Forschung bleiben, hängt jedoch mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.
AD: „Wenn die objektive Wirklichkeit eine Hinterwelt darstellt, können unsere diesbezüglichen Vorstellungen weder richtig noch falsch sein. Warum – und worum – streiten wir dann im Alltag, vor Gericht, in der Industrie oder Wissenschaft eigentlich häufig so erbittert?“
Das ist ganz einfach: Weil es dort niemals um die hinterwäldlerischen Seienden geht – andenfalls dauerte der Streit doch endlos an. Der Meteorologe sagt im Wetterbericht beispielsweise nicht voraus, daß die Ur-Sonne morgen Abend 20:16 Uhr untergeht, sondern welche „Sonnen“-Wahrnehmungen wir um diese Zeit erleben können.
Alltag, Gericht, Industrie und Wissenschaft haben absolut nichts mit einer objektiven Wirklichkeit zu tun, sondern hier werden Vorstellungen mit Wahrnehmungen verglichen und damit auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie besteht gegebebenfalls darin, daß jene mit diesen übereinstimmen.
3.5.2. Das moderne Weltbild als Mythos
Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer objektiv-wirklichen Realität zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder i. e. S. verfügen. Das sind Vorstellungen, die höchstens irrtümlich als Abbilder geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern partout nicht die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitestgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls seine Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ kategorisiert werden.
Diese heute weit verbreitete Einstellung halte ich jedoch selbst für einen Mythos; es ist derjenige vom Fortschritt als der großen modernen „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die natürlich – wie könnte es auch anders sein – direkt zu uns als der Krone der Schöpfung Evolution führt und deshalb nur allzugerne geglaubt wird.
Ich bin – gegen den Zeitgeist – fest überzeugt, daß wir keine Ausnahmekultur sind und lediglich über (inter-)subjektive Wirklichkeits-Bilder i. e. S. verfügen, wie alle anderen Kulturen auch. Sämtliche Varianten haben ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie nahezu gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befinden sich richtige Wirklichkeits.Bilder darunter.
Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.
Das stellt fast eine Tautologie dar; alle gehen so vor und müssen so vorgehen. Das ist alternativlos; und ob es tatsächlich richtig war, wird bestenfalls die Zukunft zeigen.
Das gilt also auch für die traditionell Denkenden; sie erzählen ebenfalls nur, was zu glauben sie für richtig halten, und sind dabei überzeugt, uns die objektive Wirklichkeit zu schildern.
Das traditionell verstandene Wirklichkeits-Bild verstellt den Blick auf die Wirklichkeit des Lebens, indem es uns eine objektive Realität vorgaukelt,
– die ursprünglich oder primär sein soll und
– der wir unser Leben als sekundär unterzuordnen haben,
– weil wir angeblich in und von dieser Realität leben.
Mit einem solchen Denken belügen wir uns selbst; wir könnten es wissen, wollen das aber gar nicht, und dafür bestehen mindestens fünf Gründe:
1. Zunächst interessiert uns sehr, „wie es wirklich ist“; postmodern läßt sich diese Sehnsucht jedoch nicht erfüllen.
2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und die scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet zu sein, daß wir auf die uns als wichtig erscheinenden Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.
Es gibt sogar eine „Faszination des Primitiven“, die wir nicht nur bei politischen oder sportlichen Großveranstaltungen, sondern auch im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien mitunter ungeschminkt erleben können.
3. Wir suchen nach wärmender Gemeinschaft und möchten gerne in ihrem Strom mitschwimmen.
Die Mehrheit denkt aber nicht, und zahlreiche Umfragen zeigen, daß sie das auch gar nicht möchte. Selbst in Freiheit zu denken, vermag nur der Einzelne – wenn er denn will und den dafür notwendigen Mut aufbringt.
4. Viele Vorstellungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit hätte etwas mit Richtigkeit zu tun, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.
Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.
Zum anderen ist alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser Wirklichkeits-Bild gebunden; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht zumindest implizit zum Wirklichkeitsbild gehört und somit aus ihm hergeleitet werden kann, ist uns zugänglich.
Sämtliche Schlüsse, Begründungen oder Widerlegungen, derer wir fähig sind, tragen also den heimlichen Vermerk „im Rahmen meines Wirklichkeits-Blds“, denn sie setzen dieses als unhintergehbares Nonplusultra voraus. Das eigene Wirklichkeits-Bild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was – für uns – 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist.
„A kann nicht und B muß sein – in meinem Wirklichkeitsbild.“
Letzteres und keine angebliche objektive Wirklichkeit, liefert die einzige Begründung; eine Hinterwelt kann weder etwas rechtfertigen noch anfechten.
5. In unserer Technik werden die exakten Wissenschaften angewandt, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die objektive Realität adäquat wiedergeben.
Dem würde ich entgegenhalten, daß andere Kulturen mit ihren – dann natürlich – „falschen“ Wirklichkeits-Bildern teilweise sehr lange bestanden; das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ modernes Wirklichkeits-Bild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.
AD: „Das mag theoretisch stimmen, praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“
Vielleicht wollte es auch keiner!
Nicht nur, was man tun, sondern auch was man denken und wollen kann, hängt doch vom Wirklichkeits-Bild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht. Wir können ihn nicht einmal wollen, weil das unserem Wirklichkeits-Bild zufolge Nonsens wäre.
Wenn die Ägypter beispielsweise unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, mußte ihnen der Gedanke hinzufliegen, einfach als absurd erschienen sein – sofern er überhaupt möglich war. Kennen Sie einen Gläubigen, der ernstlich in die Transzendenz fliegen möchte? Wo müßte er dann eigentlich starten und in welche Richtung?
Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:
Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.
Vielleicht ließe sich auch so denken:
Keiner wollte das, was wir können; aber was unsere Vorfahren wollten und vielleicht auch konnten, können wir nicht einmal mehr wollen.
Damit verlängern wir die Liste der allgemein bekannten Kränkungen des Menschen duch die moderne Wissenschaft über Galilei, Darwin, Freud, Turing, Gödel usw. hinaus:
1. Die angebliche objektive Wirklichkeit ist nur eine Hinterwelt.
2. Sämtliche Wissungen sind durch das eigene subektive Wirklichkeits-Bild begrenzt, so daß sie mit diesem auch völlig danebenliegen könnten.
3. Was „danebenliegen“ bedeutet, verstehen wir jedoch bereits nicht mehr, weil es sich eo ipso nur „neben“ unserem Wirklichkeits-Bild befinden und ihm nicht mehr angehören kann.
4. Dort spielt auch die Wirklichkeit des Lebens, so daß die Helle des Verstandes sie nicht erreicht.
3.5.3. Die Postmodernen sind nicht überheblich
AD: „Auf der einen Seite kann ich Ihre Position, daß die objektive Wirklichkeit wegen ihrer prinzipiellen Unerreichbarkeit lediglich eine willkürlich behauptete Hinterwelt bildet, sehr gut verstehen und finde sie nahezu zwingend.
Auf der anderen Seite will ich aber nicht glauben, daß die überwiegende Mehrzahl der Menschen in Antike, Mittelalter und Moderne das nicht gesehen haben soll und wir letztlich auf die Postmoderne warten mußten, um es zu erkennen. Dann wären die Postmodernen die Krone der Menschheit, und das würde – so wie ich Sie verstehe – Ihren eigenen Intentionen diametral zuwiderlaufen.“
Da gehen wir völlig d’accord, und mir ist es wichtig, jeglichen Verdacht, ich könnte unsere Vorfahren als nicht sonderlich intelligent einschätzen, weit von mir zu weisen. Hiermit gewinnt Ihr Einwand jedoch nochmals an Gewicht:
Wie ist es möglich, daß kritische Geister durch viele Jahrhunderte hindurch die offensichtliche Hinterwelt nicht als eine solche durchschauten und ablehnten, sondern als objektive Wirklichkeit glaubten?
Das hat zum einen nichts mit Intelligenz zu tun, sondern damit, daß Seiende vor der Aufklärung nicht nur die Urbilder waren – von denen auch bei uns allein die Rede war –, sondern zugleich auch als universales Paradigma fungierten. Man mußte in Seienden denken, weil es gar keine Alternative dazu gab, und konnte sie also nicht
– von außen bedenken,
– nicht hinterfragen, woher die Seienden kommen oder wie sie entstanden sind bzw.
– mit uns Subjekten zusammenhängen.
Wir sind nicht schlauer als unsere Vorfahren, aber uns stehen Denk-Werkzeuge zur Verfügung, von denen sie nicht einmal träumen konnten.
Einstein war auch nicht intelligenter als Newton; aber zum einen konnte er eine Mathematik für gekrümmte Räume nutzen, die Newton vielleicht für Teufelszeug gehalten hätte, weil er (an) einen absoluten Raum gaubte. Zu anderen setzt ein solcher Vergleich Kriterien voraus, und wer verfügt über dergleichen?
Zum anderen waren Antike und Mittelalter zutiefst christlich geprägt und verstanden von daher den Menschen als Ebenbild Gottes. Diese Beziehung führte bei vielen der damaligen Philosophen oder Theologen zu der Annahme, daß wir Menschen am unendlichen Geist Gottes teilhaben (können).
Einzelne Denker warnten vor problematischen Vereinfachungen; Blaise Pascal zum Beispiel legte Wert auf die Feststellung, daß es den Nous wohl geben mag, er aber nicht automatisch mit dem Gott des christlichen Glaubens gleichgesetzt werden dürfe.
Unsere Vorfahren wußten
– nicht nur von der objektiven Wirklichkeit, sondern
– zugleich auch, daß sie diese Erkenntnis ihrem Gott verdankten und
– niemals aus eigener Kraft hätten erlangen können.
Dann
– konnte die objektive Wirklichkeit freilich auch guten Gewissens geglaubt werden,
– denn ihre Erkenntnis bedeutete keinen Widerspruch,
– so daß es sich bei ihr auch nicht um eine Hinterwelt handelte.
Die Aufklärung hat uns aus diesem Wissens-Paradies verstoßen.
Konservative Traditionalisten
– halten unsere Probleme durch ein vor-aufklärerisches Denken für lösbar und
– sehen den Weg zu ihm in einer Wiedererstarkung des Glaubens.
Ich glaube das nicht, denn das antik-mittelalterliche Denken hätte heute nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun, sondern wäre ganz simpel Naivität.
Wenn Gläubige mit Atheisten diskutieren, sollte letzteren vor Staunen der Mund offenstehen; aber nicht wegen der verschrobenen überholten Ansichten ihrer Gesprächspartner, sondern wegen derer starken Überlegungen, in denen ein Mehr-Wissen und keine Ignoranz zum Ausdruck kommt.
Hierfür ist es freilich wichtig, zwei Bedeutungen von „Aufklärung“ zu unterscheiden:
Die eine ist ein historisches Ereignis, das ins 18. Jahrhundert gehört und nicht unwesentlich mit Kant verbunden ist. Das kann man persönlich ignorieren, für negativ halten, aber nicht ernstlich bestreiten – ohne unsere Sprachspiel-Gemeinschaft zu verlassen.
Die zweite Bedeutung besteht in der subjektiven Aufklärung, die sich nur als Praktik, Vollzug oder Ereignis im jeweiligen Jetzt verstehen läßt und somit auch nicht datierbar ist. Diese Aufklärung kann man nicht hinter sich haben; sie geschieht jetzt, oder eben auch nicht. Sie hat mit der Kirche gemein, daß sie nur als „semper reformanda“ möglich ist.
Wir können also nach der historischen Auflärung völlig unaufgeklärt leben; so wie es auch vor dem 18. Jahrhunter aufgeklärte Menschen wie Jesus oder Lessing gab, sofern wir die Aufklärung nicht auf ihren ratonalistischen oder Wissens-Aspekt verengen, sondern auf unser Leben beziehen.
3.6. Philosophisches und alltägliches "Abbilden"
AD: „Ich fürchte, die meisten Menschen lehnen Ihre Überlegungen ab, wei sie – vielleicht recht stringent, aber dadurch auch – sehr kompliziert sind und wir mit dem traditionellen Abbilden ein herrlich einfaches Erklärungsmodell besitzen, so daß sich die notwendige Anstrengung nicht zu lohnen scheint. Das Abbilden ist etwas Alltägliches; denken wir nur an das Photographieren, Malen und Beschreiben, an Landkarten, technische Zeichnungen oder Veranschaulichungen.“
Das stimmt; aber wer so denkt, übersieht, daß wir es hier mit zwei völlig verschiedenen Formen des „Abbildens“ zu tun haben. Das philosophische Abbilden(p), um das es uns geht, hat mit dem von Ihnen gemeinten alltäglichen Abbilden(a) (nahezu) gar nichts gemein.
Wir stehen – traditionell gedacht – vor dem objektiv-realen Eiffelturm, bilden ihn in unserer Psyche ab und schießen ein Erinnerungsphoto, so daß sich zwei verschiedene Arten von „Abbildern“ ergeben.
Die Anführungsstriche soeben sind wichtig, denn es wäre mehr als verwegen, hierbei Abbilder als gemeinssamen Oberbegriff zu benutzen:
Natürlich ist ein Photo vom Eiffelturm nicht der Eiffelturm, sondern lediglich ein Abbild(a) von ihm. Aber das Photo, das wir in der Hand halten oder auf dem Handy sehen, ist traditionell ebenso real, wie der Eiffelturm selbst. Wenn er ein Urbild sein soll, muß dies für sein Photo also ebenfalls gelten.
In Paris befinden sich folglich an der frischen Luft zwei Urbilder – der Eiffelturm sowie sein Photo – und in unserer Psyche die beiden zugehörigen Abbilder(p).
Wir könnten noch ein Photo vom Photo vom Photo vom . . . machen, aber an deren Abbilder(p) kommen wir natürlich nicht heran.
| Seiende oder Urbilder | Eiffelturm | Photo vom Eiffelturm | Photo vom Photo vom . . . |
| ——— Abbilden(a) ——→ |
|||
| | | | | | | |
| Abbilden(p) | Abbilden(p) | Abbilden(p) | |
| ↓ | ↓ | ↓ | |
| Abbilder(p) vom . . . |
Eiffelturm | Photo vom Eiffelturm | Photo vom Photo vom . . . |
| in der eigenen Psyche |
|||
Abbildung 3.6.-1
Beim Abbilden(a) sind uns sowohl Ur- als auch Abbild(a) gegeben; beim Photographieren können wir beispielsweise die aufgenommene Landschaft unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt; das Original und sein Photo. Dem Künstler steht ein Mensch gegenüber, von dem er ein Porträt malt; wir orientieren uns in der Natur mittels einer Wanderkarte usw.
Mit Ur- bzw. Abbild(p) im traditionell-philosophischen Sinne haben diese Beispiele nicht viel zu tun, denn beim Abbilden(p) ist uns immer nur ein Exemplar gegeben.
Die Tradition behauptet es als Abbild(p) eines zugehörigen Urbilds.
Wir halten diesen „Schluß“ für einen Zirkel und glauben die Urbilder nicht, so daß die traditionellen „Abbilder(p)“ nun auch keine Abbilder(p) mehr sind, sondern ganz simpel unsere Wahrnehmungen, wodurch sich die Darstellung von soeben aus unserer Sicht massiv vereinfacht.
| ————– | ————– | ————– | ————– |
| ————– | |||
| ————– | ————– | ————– | |
| ————– | ————– | ————– | |
| ————– | ————– | ————– | |
| „Abbilder(p)“ oder | Eiffelturm | Photo vom Eiffelturm | Photo vom Photo vom . . . |
| Wahrnehmungen |
——— Abbilden(a) ——→ |
||
| in der eigenen Psyche |
|
||
Abbildung 3.6.-2
AD: „Wir sehen nicht doppelt; einverstanden. Das Urbild Mond ist natürlich unsichtbar, weil es sich außerhalb der Psyche befindet; aber unsere Vernunft verlangt seine Existenz:
Wir könnten keinen Mond sehen, wenn er sich nicht dort befände.“
Ihr letzter Satz ist zumindest zweideutig.
Er könnte eine Tautologie darstellen: Gäbe es dort nicht den Mond als Sehung, würden wir auch keinen sehen; dem vermag niemand zu widersprechen.
Aber zur Verteidigung der Tradition müßten wir Ihren Satz so verstehen, daß zwei Monde zu unterscheiden sind:
Die Mond-Sehung X in unserer Psyche wäre unmöglich, wenn sich der Ur-Mond Y nicht dort im Weltraum befände.
Ich fürchte, wir haben tatsächlich nur die Wahl zwischen Tautologie und Zirkelschluß.
AD: „Ja; aber ich bin noch nicht bereit aufzugeben und versuche es einmal etwas konkreter.
Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes von der Sraße entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.
Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral oder sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv. Es werden also, einfacher formuliert, nicht hier Bildchen und da Tönchen übertragen, sondern stets einheitliche Weder-Bildchen-noch-Tönchen.
Wir verstehen bisher kaum, wie ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – oder auch Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden können. Hier besteht zwar noch eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht tangiert.“
Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:
Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.
Das war wohl Ihre Intention. Aber dabei übersehen Sie, daß Abbild nicht gleich Abbild ist. Was Sie im Physikunterricht gelernt haben,
– war völlig in Ordnung,
– bezieht sich aber nur auf das alltägliche Abbild(a) und
– hat demzufolge mit dem angeblichen philosophischen Abbild(p) gar nichts zu tun.
Um dem widersprechen zu können, müßten Sie glauben, daß der Optiker uns nicht in die Augen, sondern in die Psyche schaut; bestenfalls hier wäre das Abbild(p) zu finden.
Ich korrigiere also in unserem postmodernen Sinne:
Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut abgebildet(a) wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihr Abbild(a), eine weitere Sehung – wie oben das Foto vom Eiffelturm –, nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.
Damit sollte deutlich werden, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbildproblem nicht nur weder löst noch beseitigt, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern und deren Abbildern(p) ist in der Physik gar nicht die Rede; sie kennt lediglich zwei Arten von Sehungen; die jeweils ursprünglichen – Eiffelturm oder Baum am Straßenrand zum Beispiel – und deren Photo bzw. Abbild(a).
Genau dadurch, daß Ihre Beschreibung eine rein physikalische ist und mit unserem philosophischen Abbild-Scheinproblem nichts zu tun hat, wird diese Beschreibung nicht nur sinnvoll und verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.
Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder abgebildet(p) werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie – bereits bestehende – Sehungen durch den Raum tranportiert und damit in andere Sehungen transformiert(a) werden können.
AD: „Jein; es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie zum Sehen sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); folgt daraus nicht, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“
Nein; in keiner Weise!
Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.
Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Seh-Voraussetzungs-Theorie –, sehen wir nichts; das ist die Bedeutung von „notwendig“.
Wir sehen natürlich nicht, wenn unsere Augen geschlossen sind; aber daraus folgt doch absolut nicht, daß wir sehen, weil sie offen sind. Eine Puppe kann ihre Augen noch so weit aufreißen; sie bleibt blind.
Offene Augen sind für das Sehen notwendig; aber das Hinreichende besteht nicht in ihnen, sondern in unserem Leben.
AD: „Aber einen Joker habe ich doch noch, nämlich die vielen Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.
Wir sehen beispielsweise den urbildlichen geraden Stab, wenn er schräg ins Wasser taucht, als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“
Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern ebenfalls bereits eine Sehung – wie der obige Baum am Straßenrand. Wir sehen ihn doch schon, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in unserer Psyche befinden. Für die Physiker gibt es nur Abbilder(a); ob sie traditionell oder postmodern denken, spielt überhaupt keine Rolle.
Der „Widerspruch“ gebrochener contra gerader Stab besteht also zwischen zwei Sehungen – Stab im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit wieder ein rein physikalisches Problem dar; das ist kein falsches Abbild(p), sondern ein vielleicht unerwartetes Abbild(a).
Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern (angeblich) außerhalb der Psyche; deswegen sind sie unerreichbar – und damit verzichtbar.
3.7. Exkurs: Markus Gabriel als Naiver Realist
Dieses Kapitel enthält einen (leicht abgeänderten) Artikel, den ich spontan-verärgert für die „Neue Züricher Zeitung“ geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinschätzung von Bruno Latours Denken durch Markus Gabriel entgegenzutreten. Sollte ich mich darin möglicherweise beleidigend ausdrücken, bitte ich um Entschuldigung; auch Gabriels Mißgriff würde dies nicht rechtfertigen.
Ich drucke die Rezension hier ab; zum einen in der Hoffnung, daß sie Ihrem Verständnis dient, und zum anderen um diesen dritten Teil mit einem gegenwärtig vielzitierten Naiven Realisten abzurunden.
Gabriel schrieb in der NZZ vom 26. 3. 2020 unter anderem:
„. . . Doch auch progressive Intellektuelle, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen schreiben, haben sich in den letzten Jahren einem heillosen Relativismus verschrieben. Zu ihren prominentesten Vertretern zählt der französische Soziologe Bruno Latour. Er hat sich sogar zu der absurden These verstiegen, Ramses II. könne nicht an der Tuberkulose verstorben sein, weil der Erreger erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden sei. Das ist metaphysische Absurdität, wie der analoge Fall der Corona-Krise zeigt:
Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte. . .“
An dieser Argumentation stimmt absolut nichts; Latour hat 100%-ig Recht, und die „metaphysische Absurdität“ liegt allein bei Gabriel, der den fundamentalen Unterschied zwschen zwei Arten von Wirklichkeit – nämlich „ewigen“ Seienden und erfundenen Aktanten – nicht sehen kann oder will.
Ich werde versuchen, meine Argumentation und Verteidigung Latours – obwohl sie nur rein philosophisch ausfallen kann – ohne Fach-Chinesisch hinzubekommen.
Wir haben alle irgendein spezielles subjektives Weltbild. Rein assoziativ beziehen wir das zumeist allein auf die Immanenz; um diese unnötige Vernachlässigung der Transzendenz zu vermeiden, sprechen wir im weiteren besser von unserem Wirklichkeits-Bild.
Die meisten Menschen sind überzeugt, daß das ihrige wahr oder zumindest richtig ist. Das postmoderne Denken geht hingegen davon aus, daß diese Annahme
– nicht nur nicht überprüfbar, sondern
– völlig sinnleer ist, wei es keine objektive Wirklichkeit und damit auch
– weder ein wahres bzw. unwahres noch ein richtiges resp. falsches Bild von ihr geben kann.
Aber selbst diese Aussage, die Sie gewiß als eine ziemliche Zumutung erfahren, können wir vollkommen auf sich beruhen lassen. Als Prämisse für unsere Überlegungen genügt,
– daß wir subjektiv über ein bestimmtes Wirklichkeits-Bild verfügen,
– uns an ihm orientieren und
– orientieren müssen, weil die Alternative dazu nur in einem anderen Wirklichkeits-Bild bestände.
Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.
Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen, die meines Erachtens ebenso weitreichend wie zwingend sind:
Zum einen können wir alles wollen – tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben beispielsweise –, was uns im Rahmen des eigenen Wirklichkeits-Bilds möglich ist. Hexen oder Schamanen etwa, die dem ihrigen zufolge fliegen können, werden das wahrscheinlich auch versuchen.
Die Wirklichkeit selbst bestimmt dann darüber, ob das Wollen zum Erfolg führt – aber das muß uns, wie bereits gesagt, schon nicht mehr interessieren.
Zum anderen können wir nichts wollen – tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben –, was in unserem Wirklichkeits-Bild gar nicht enthalten ist; tolen zum Beispiel.
„Ich weiß doch gar nicht, was das sein soll“, möchten Sie vielleicht einwenden. Aber genau das meine ich ja: Das Wort „Tolen“
– besitzt keine Bedeutung, und
– deswegen wissen wir alle nicht, was das sein soll,
weil es in unserem Wirklichkeits-Bild nicht vorkommt.
Bei dieser zweiten Konsequenz spielt die Wirklichkeit gar keine Rolle. Was wir nicht wissen, können wir auch nicht wollen.
Nach dieser Theorie zurück zum Thema.
Wir betrachten einen Patienten aus dem Jahre 2018, der sich miserabel fühlt, zum Arzt geht, von diesem untersucht wird und möglichst geholfen bekommen möchte. Noch kommt in keinem Wirklichkeits-Bild Covid vor, so daß eine entsprechende Diagnose unmöglich ist.
Der Patient könnte jedoch trotzdem Covid haben, denken Sie möglicherweise gemeinsam mit Gabriel; Latour und ich bezeifeln das.
Um dies nachvollziehen zu können, unterscheiden wir zwei prinzipiell verschiedene Arten von Wirklichkeit.
Die eine hängt mit unserem Leben zusammen, kann also auch bei Babys oder Tieren vorkommen und hat nichts mit irgendwelchen Theorien zu tun; nennen wir sie deswegen „Leibhaftigkeit des Lebens“.
Damit meine ich, daß es unserem Patienten schlecht geht, Freude und Leid unser Leben prägen, Geburt und Tod fundamental sind, Menschen einander lieben oder hassen und an Götter glauben können – aber all das nicht so, wie es unsere Theorien repräsentieren, sondern so, wie wir es erfahren und insbesondere die Kunst darstellt oder beschreibt.
Die Leibhaftigkeit des Lebens ist ungeschichtlich und war schon zu Zeiten von Ramses II die gleiche wie heute.
Die zweite Wirklichkeit oder Reflexion des Lebens wird von – wissenschaftlichen oder unwisenschaftlichen – Theorien konstruiert, existiert somit erst nach deren Erfindung, und wir projizieren sie aus unserem Bewußtsein heraus in die – oder besser: als – Welt.
Hierzu gehört Latour zufolge insbesondere die gesamte Naturwissenschaft mit dem Mycobacterium und Covid 19.
Ohne die Leibhaftigkeit des Lebens wäre seine Reflexion nicht möglich; aber diese bildet weder eine Beschreibung noch Wissen von jener, wie die uns fremden Kulturen mit ihren anderen Reflexionen beweisen.
Schmerzen und Orgasmen existieren seit Menschengedenken, denn sie gehören zur Leibhaftigkeit unseres Lebens; zehndimensionale Spinor-Räume müssen dagegen erst von Menschen erdacht werden, um vorhanden sein zu können.
Das waren eindeutige Beispiele; zumeist ist die Zuordnung schwieriger:
Die Gallenkolik gehört zum Medizin-Studium und damit zur Reflexion.
Interessieren wir uns nicht für diese Theorie und haben nur die leibhaftigen Schmerzen vor uns, gibt es „Gallenkoliken“ schon immer, aber es waren natürlich keine Gallenkoliken.
Die weibliche Eizelle wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckt; zuvor ging der Embryo vollständig aus dem Vater hervor, und die Mutter stellte lediglich den geschützten Raum für seine Entwicklung zur Verfügung. Deswegen stand auch Jesus‘ natürliche Geburt seiner Gottessohnschaft absolut nicht im Wege.
Die Reflexionen ändern sich; die Leibhaftigkeit ist immer die gleiche – läßt sich aber ohne Reflexion nicht greifen. Hans-Georg Gadamer abwandelnd könnten wir sagen:
„Wirklichkeit, die verstanden wird, ist Reflexion.“
Im Mittelalter hätte ein Priester angesichts unseres sich miserabel fühlenden Patienten – im Rahmen seines eigenen Wirklichkeits-Bilds – vielleicht von dämonischer Besessenheit gesprochen. Die meisten von uns sind sich mit Recht völlig sicher, daß diese Diagnose natürlich nichts mit einer objektiven Wirklichkeit zu tun hat.
Das war im Mittelalter eben noch ganz anders. Damals erwies sich die Erklärung des Priesters wahrscheinlich für viele Menschen als hinreichend einleuchtend, stimmig und widerspruchsfrei. Deswegen glaubten fast alle die dämonische Besessenheit, so daß sie doch „objektiv richtig“ war.
Daraus wurden in der Zwischenzeit zumeist psychische Erkrankungen.
Was es wirklich ist – die Gabriel-Frage nach der objektiven Wirklichkeit –, stellt ein Scheinproblem dar, weil die Leibhaftigkeit als solche nicht verstanden, gedacht oder gesagt werden kann.
Dazu benötigen wir erst eine Reflexion, und die ist stets auf 1000 Arten möglich.
Aufgrund unseres historischen Wissens wäre Besessenheit heute zwar möglich, aber für die meisten Menschen sehr unglaubwürdig.
Im Mittelalter war Corona noch nicht einmal möglich, weil es – im Gegensatz zur Besessenheit – noch keiner erfunden hatte.
Das Argument, es gäbe doch offensichtlich einen Fortschritt vom Mittelalter zu uns, denn wir können die Viren unter dem Mikroskop sehen, sticht aus mindestens zwei Gründen nicht:
Zum einen hat man die dämonische Besessenheit im Mittelalter bei geschultem Blick ebenfalls gesehen. Daß andere Menschen anders denken muß gar nichts mit ihrer Intelligenz zu tun haben. Besteht überhaupt ein Zusammenhang, ist völlig offen, welche Form er besitzt.
Zum anderen hätte man die Viren damals – auch mit Mikroskop – keinesfalls sehen können, weil sie dem Wirklichkeits-Bild nicht angehörten.
AD: „Aber wir können doch auch etwas sehen, was wir noch nicht wußten; einen neuen Planeten unseres Sonnensystems beispielsweise.“
Dann kannten wir diesen speziellen Planeten noch nicht, aber „Planeten“ war bereits ein alter Begriff; das ist dann eine Entdeckung.
Sie wurde jedoch nur dadurch möglich, das der Begriff des Planeten zuvor bereits erfunden worden war; keine Entdeckung ohne Erfindung.